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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Aus Trotzkopf’s Ehe + +Author: Else Wildhagen + +Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350] + +Language: German + +Character set encoding: UTF‐8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + [Illustration] + + + + + + [Illustration: Titelseite] + +AUS TROTZKOPF’s +EHE + VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH + VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“ +DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“ +VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK + +Vierzigste Auflage + +STUTTGART +GUSTAV WEISE VERLAG + + + + + + Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. + + + + + + + [Illustration: Ornament] + +„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“ schallte es von hellen Kinderstimmen +durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen +Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die +Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet hatte und hineinschaute. +Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte +ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam +nicht los. + +„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“ rief er endlich; „wartet, +ihr Kröten, ich werde euch kommen!“ + +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der +Junge aber und das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit +blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein +Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten. + +„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“ gebot Ilse, welche in +diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte +dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth +aber, Gontraus wilde Älteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten +sich hinter seinen Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei +zurück. Das war ein Hauptspaß. + +„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“ legte sich Nellie jetzt ins +Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten +wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe. + +„Ja, nun hört endlich auf,“ gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten +die Übermütigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den +Worten: + +„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?“ + +„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts,“ gab +er zur Antwort. + +„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“ rief es nun schon wieder, und da +stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er beide auf einen Stuhl +neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, und +bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis über die +Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. +Natürlich ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, +bis Ilse der Sache ein Ende machte. + +„Nun ist’s genug,“ sagte sie; „kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in +mein Zimmer.“ + +„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“ rief es von allen +Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an +seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er +nicht von der Stelle konnte. + +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu +warfen sich die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war +ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch +Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der +wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde +von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die +Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern +leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel. + +„Ihr seid eine Gesellschaft,“ sagte Ilse kopfschüttelnd, aber solche +Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche +erschien. + +„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“ meinte Nellie, als sie den +Professor ansah. + +„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“ rief er ihnen mit scheinbar bösem +Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine +lustig zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn +er ernstlich böse war. + +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände +gerutscht waren, rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein +kurzgeschorenes Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie +vor gerade in die Höhe, tadellos in Reih und Glied. + +„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?“ fragte Ruth, und +die andern bettelten ebenfalls. + +„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“ quälte sie, als die Mutter +keine Miene machte, ihre Bitte zu erfüllen. + +„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“ legte er sich nun auch ins +Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling +Ruth etwas abgeschlagen wurde. + +„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen +damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß +sie in der Kinderstube bleiben sollten. + +Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges +Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen +zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen +sollte. + +Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem +großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. +Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig +verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, +waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas +voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten +gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie +hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre +reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige +Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die +Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu +sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie +früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu +sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“ +stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie +auch recht. + +Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig +schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin +Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und +gesiegt. + +An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte +Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, +die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. + +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, +und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine +würdige Frau Superintendentin geworden war. + +Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und +konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider +machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und +da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die +lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch +nicht im mindesten zusammen. + +„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das +nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die +sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie +mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das +lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit +den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe +an ihr. + +In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und +meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde +dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen, +ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse +zum Bleiben. + +„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und +öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen +konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein +Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen, +ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung +senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur, +und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel. + +Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu +Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie +kannte ihn, er ließ sich gerne zureden. + +„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie +wußte, daß er schließlich doch bleiben würde. + +„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem +Nachdruck, „das ist auch recht gut.“ + +„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen +Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die +Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter +Bücherkram.“ + +„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und +„Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen +Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, +Ilse kannte es genau. + +„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort. + +„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das +nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch +mal ausruhen.“ + +„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade +freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte +seine Art. + +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als +Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in +B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. +Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte +mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in +die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach +seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte +mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein +Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen +Umständlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine +eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz +aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse +mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht +ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne +einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische +und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, +nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur +wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der +Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der +Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in +Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe +zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er +ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, +Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. +Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber +auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. – + +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred +selbst zu holen. + +„Ich kann ja das Mädchen schicken,“ meinte Ilse, aber Nellie ließ das +nicht zu. + +„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will +deshalb lieber selbst gehen,“ antwortete sie ausweichend. Doch in +Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, +nach Gontraus zu kommen. + +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen +an. + +„Sie bleiben auf jeden Fall,“ sagte Ilse, ihn zurückhaltend, und wies +jeden Einwand, den er machen wollte, zurück. + +„Wissen Sie was,“ rief sie plötzlich, „ich habe heute morgen Waldmeister +gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem +Jahre, Onkel Heinz – können Sie da widerstehen?“ + +Er lachte. + +Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die +ihnen entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und +der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja +unliebenswürdig, und ließen ihn bald als „komischen Kauz“ ganz links +liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe, +ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft versammelt war. + +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne +langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben. + +„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als dazubleiben,“ sagte er +vergnügt, „aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht, +er macht sie regelmäßig zu süß.“ + +„Natürlich, natürlich,“ sagte Ilse, „doch dann müssen Sie mit in die Küche +kommen, Onkel Heinz.“ + +Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen. +Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen +erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte +ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf +einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher +schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte +natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel +Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er nocheinmal ein +Glas an den Mund – sie war gut geraten. + +„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“ fragte er. + +„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“ riefen sie durcheinander, und zugleich +wollten alle nach dem frisch gefüllten Glase greifen, das er hoch in der +Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreißen konnten. + +„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar +nichts!“ Damit drängte er die verlangenden Kinderhände zurück, und der +Reihe nach bekam jedes zu kosten. + +Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch +einige Male nach. + +„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“ sagte er schmunzelnd und freute +sich über den guten Zug des Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen +berechtigte. + +„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so viel Bowle zu +trinken geben,“ rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kräftigen +Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. + +„Das schadet ihnen doch nichts,“ entgegnete Onkel Heinz. + +„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen +schädlich!“ + +„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich sein, wer sagt +das?“ + +„Nun unser Arzt behauptet es,“ gab Ilse zur Antwort. + +„Na ja, die Ärzte!“ fiel Onkel Heinz mit höhnischem Lachen ein; „wenn die +so etwas behaupten, können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist +es nur Unsinn.“ + +Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, +ihre Laune war an diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie +sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über +diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Mißstimmung zurück. + +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu +Bett. Dem Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig +aufbleiben könnte, setzte sie ein unerschütterliches „Nein“ entgegen. + +Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und +Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen +derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es +noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner +Weise den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und +blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete +jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich +hellglänzend vom Himmel ab. + +„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“ fragte Leo und sah seine Ilse +überglücklich an. Die Freude über das gemütliche Zusammensein blickte ihm +so recht lebhaft aus den Augen. „Althoff, Sie trinken ja gar nicht, +trinken Sie doch mal aus,“ mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit +Argusaugen darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm +leise zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke +Kopfschmerzen bekäme. + +Ilse hatte die leise Warnung gehört. + +„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar +nicht erlaubt,“ rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals +eigenhändig ein. + +„O,“ sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick auf das frischgefüllte +Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. +Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den +Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, wo er säße, ein kühler +Luftzug herein. + +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der +Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen +Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja! + +„Nein, nein, kein Licht, Marie,“ rief Ilse, als das Mädchen jetzt die +Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche Mondesschimmer mit dem +gelblichen Scheine unschön vermischte. + +Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die +frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, +immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, +unbelauscht zu sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne! +So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens +verfolgte sie fortwährend. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff +von der neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte +die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über +Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie +empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu +unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flügel +zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In solcher +Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, daß sie +gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor +und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein +abenteuerlicher Plan. + +„Kinder,“ rief sie plötzlich laut und erregt, „ich habe eine Idee!“ + +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit +auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer +werden müsse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse +sich ihr zuwandte. + +„Darling, was hast du für eine Idee?“ fragte Nellie. + +„Famos, famos!“ jubelte Ilse. „Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr +nicht nein sagt, wollt ihr das?“ + +„Da könnten wir ja schön reinfallen,“ sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: +„Ja, Schatz, für so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“ + +„Also hört,“ fuhr Ilse fort, „in vier Tagen haben wir Vollmond –“ + +„In fünf Tagen,“ verbesserte der Professor ruhig. + +„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; überhaupt, +Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir +Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie +poetisch, wie romantisch!“ + +Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser +plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der +Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar +zu sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen +in den glühendsten Farben aus, wie schön es sein würde, bis sie +schließlich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte. + +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau +außerordentlich verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als +sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus +seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der +Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der +nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde +ihm ja auch sehr gut sein. + +So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten +der Partie über, die am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, +als Onkel Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde, +er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein +wahrer Sturm über sein Haupt los! + +„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,“ +sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es schließlich doch +tat. + +„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“ erwiderte Onkel Heinz mit +einigem Nachdruck, „was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben +zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob +ich mitgehe oder nicht!“ + +„Natürlich haben wir etwas davon,“ sagte Ilse lustig herausfordernd, „ich +hätte ja sonst niemand, den ich ärgern könnte.“ + +„Ja, da haben Sie recht,“ gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das +sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung. + +„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“ lachte Ilse und erhob ihr Glas, +um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei +empfindlich berührte. „Und nicht wahr, Sie gehen mit?“ Dem liebenswürdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen. + +„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“ sagte er befriedigt. + +Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die +bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen. +Zum Schluß kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. + +„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die +Pastorin war nicht seine beste Freundin. + +„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst +erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige +Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es +auch! + + * * * + +In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi +auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit +Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig +flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und +Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als +Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles +trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein +Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit +den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es +jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben +auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, +machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den +Freundinnen wäre. + +In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten +Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier +Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen +Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der +Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende +Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und feinfühlende Seelen würden in +diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen +standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der +Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese +Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten +Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, +gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der +Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, +gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war +natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, +wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen +aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten +für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie +selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte +vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen +mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die +Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen +Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur +aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie +führte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem +Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den +Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die +neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, +und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig +aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins +Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum. + +„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie +oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“ + +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, +legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, +die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. + +„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“ + +„Ja, Mutter, alles.“ + +„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“ + +Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“ + +Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn +an. + +„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt +und nicht an das Arbeiten denkt.“ + +„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein. + +„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn +die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das +Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!“ + +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte +darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen +Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu +sitzen. + +„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken +gleich Kaffee.“ + +Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht +Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, +vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling. + +„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, +als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein +Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die +Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich +ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die +sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte. + +„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie +viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“ + +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel +sie heute daran gearbeitet hatte. + +„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick +glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“ + +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den +Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem +öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. + +„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, +als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte. + +„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“ +fragte sie freundlich. + +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen +großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln +an zu klappern. + +„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das +faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung +bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie +als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im +Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische +keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein +allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war +noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm +geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen +Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte +sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn. + +„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie +den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den +Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“ + +Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse. + +„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“ +fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“ + +„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat +wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch +einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen +Stoß, damit er etwas sagen solle. + +„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies +immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn +das?“ + +„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete +der Junge offen. + +„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie +etwas werden.“ + +„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten +das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich +ihm beruhigend über das blonde Haar. + +Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß +Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß +aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves +Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl +im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen +verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen. +Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken. +Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, +schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten; +blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die +Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem +Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit +sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das +Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell +hinaus. + +„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder, +unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer +Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der +Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. + +„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der +Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. +Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir +geworden.“ + +„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn +wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt. + +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie +hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber +das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden +um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war +dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern +aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das +Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu. + +„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit +deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. + +„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das +Geschirr stehen ließ. + +„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem +Tone nach. + +„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als +Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll. + +„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das +gehört sich nicht.“ + +„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so +etwas mit anhören.“ + +„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf. + +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem +Blicke. + +„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich, +wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“ + +„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen +schwach.“ + +„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz. + +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über +ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die +kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den +Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das +Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und +hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle +Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel. + +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben +verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich: + +„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ, +weil mich die dumme Sonne blendete.“ + +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante +Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und +sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, +wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären. + +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, +packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie +gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr +wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei. + +Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden +eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre +Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, +wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin +bewahrte stets eine gewisse Steifheit. + +„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies, +die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war. + +„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen +Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen +sein.“ + +„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von +Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie +viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. + +„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es +wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein. + +„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat +zu tun.“ + +„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt +denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich, +daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so +wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das +ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu +habe.“ + +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese +Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv +ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich +Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für +ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und +schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber +Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie +herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun +wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu +steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging, +und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben. + +„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst +überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“ + +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich +will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer. + +„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie, +und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder +aus ihren Grübchen. + +„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja +mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“ + +„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung. + +„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“ +rief Ilse begeistert. + +Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie +eben nicht. + +„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis +Einwände gar nicht gehört. + +„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu +Ende, und sie kochte innerlich. + +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich +in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten +nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins +Schloß. + +„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun +willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“ + +„Ja, aber wie so denn, Rosi?“ + +„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie +denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist +und am besten gefällt.“ + +„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts +Freies.“ + +„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen +unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“ + +„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig. + +„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi +fort. + +„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann +laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“ + +„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“ + +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese +Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, +gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden. + +„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die +Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine +Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“ + +Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre +Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen +Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem +Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte +seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies +war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren +Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er +blieb stumm. + +„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal +anzufangen. + +Keine Antwort! + +„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“ +das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“ + +Wiederum Schweigen! + +Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange +nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der +Tischdecke. + +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. + +„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger +gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit +Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von +dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den +Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung +doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“ + +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und +erregt wandte sie sich zum Gehen. + +„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du +keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“ + +Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, +stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an. + +Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für +alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung +über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über +die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie +Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches +gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi +träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen +ebenso dachten, wie sie. + + * * * + + [Illustration] + +Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer +Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl +hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es +bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes +Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu +bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer +gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika +gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe +verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze +Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er +und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen +gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse +dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe +noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie +merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die +Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden. + +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem +Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für +eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet +sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, +den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich +seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen +nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort +schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, +das untrüglichste Zeichen seines Unmutes. + +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz +geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem +Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre +Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten. + +„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß +Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen +entnahm, die sie in den ihrigen steckte. + +„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell +die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der +Hand. + +„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast +gar nichts zu tragen hat?“ + +„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in +letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das +Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen. + +„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du +lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die +Modekrankheit.“ + +Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte +nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser. + +„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus +dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die +Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in +neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen. + +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus +der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester +Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune +und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr +dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden +Blick zuwarf und vergnügt mitlachte. + +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, +nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, +jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach +belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt +daran sehen. + +„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit +seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche +Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls +stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, +schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und +stehen blieb, um auf die übrigen zu warten. + +Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. +Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die +Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen +wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den +Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben +prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige +Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel +genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der +Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik +anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein +Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und +wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als +die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe +hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrünen +Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen +tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings. + +„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele +und hing sich an seinen Arm. + +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein +wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur +sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe. + +Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen +Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer +und natürlich auch den von Onkel Heinz. + +„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick +verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und +Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. + +„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und +Gelb!“ rief Ilse. + +„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend. + +Ilse wandte sich ab. + +„Na, denn nicht,“ meinte sie. + +„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz +nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“ + +„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig +nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo +seiner Schritte. + +„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche +Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen +Lächeln. + +„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol +habe ich den Ortler bestiegen.“ + +„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel +Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen +in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen +einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine +interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam +zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge +war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war +durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. +Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm +nicht zugetraut hätte. + +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende +Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den +Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich +in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen +Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, +als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und +die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die +durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand. + +Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die +Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, +verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf +den Zweigen. + +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare +im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz +voran. + +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als +draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. +Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie +glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald +spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte +wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden +Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr +vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden +wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. +Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit +angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken +großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. +Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die +schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie +sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – +ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung +zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse +atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr +zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren +auch die andern meistens still. + +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem +frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite +rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch +seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe +gehenden Natur ein Schlummerlied. + +„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe. + +„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von +den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der +liebenswürdigsten Weise. + +„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und +diesmal antwortete er liebevoller. + +„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“ + +„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“ +fragte Nellie eifrig. + +„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel +Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“ + +„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie. + +„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit +Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als +Gegengift.“ + +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas +einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit +Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen +Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte, +schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich. + +Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und +rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf +einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes +erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen +mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten +majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe +Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters das den Wald abschloß, fiel mit +dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem +Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie +Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß +waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die +Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine +Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das +Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller +Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit +durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken +von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den +freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen +und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine +Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden +tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und +betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die +Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und +nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er +hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen +wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. +Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig +vor ihm standen. + +„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da +oben wohl noch geben.“ + +„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und +warf ihren Rucksack auf den Stuhl. + +„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich +in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn +ächzten. + +„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu +genießen,“ rief er hinaus. + +Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese +blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch +Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand +lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, +krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden +Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen +Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an. + +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie +hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben +wollte, eingehend den Weg besprochen. + +Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den +dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silberglänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt +verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese +vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der +steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen. + +Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals +krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend +etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für +furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo +nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war +es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie +doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht +unterdrücken. + +„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben. + +„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“ + +Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen +und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem +Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die +spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das +Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die +Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt +gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte. + +„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und +sehen Sie es sich an!“ rief er laut. + +Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie +ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller +Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. + +„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte +Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie +entschuldigen wollte. + +„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an +Gespenster zu glauben?“ + +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht. + +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, +Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. +Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben +konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie +wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. + + [Illustration] + +Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg +und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete +tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war +der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man +allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, +ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem +steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter +Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als +hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die +Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn +unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird +nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle +Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele. + +Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im +Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame +Stille herrschte ringsumher. + +„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie. + +„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred. + +„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“ +erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, +goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht +schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem +Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen +sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“ + +Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte +man nicht nach dem Äußeren beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu +lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft +Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. +Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets +absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es +sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das +härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der +sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel. + +Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses +auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf +welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus +immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer +Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den +Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im +tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine +Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im +Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten +Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, +bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl sein im +hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, +dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn +Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie +sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, +lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen. + +Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut +zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, +durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten +Kognak. + +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die +Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die +Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die +Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall +aufgenommen wurde. + +„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel +Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um +ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch. + +„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt. + +„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch +sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten +nur über alles spotten und höhnen.“ + +Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja nicht, daß dieser Hieb +die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft +ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung +war es nun geschehen. + +Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem +Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den +Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte +und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm. + +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf +dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er +auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der +hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse +heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und +er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, +vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen +Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß +am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender +Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder +verschwand. + +Lange noch blieb der Professor draußen. + +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es +sollte früh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten +Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. +Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig +gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das +helle Mondlicht hätte ihn gestört. + +„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch, +wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen +Frühlingsmorgen. + +„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht +geschlafen,“ erwiderte er mißmutig. + +„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“ +fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte. + +„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“ + +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen +Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft +bedauert wurde. + +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es +überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder +dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas +behauptete. + +Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, +hatte ihm innerlich schon die schönsten Beinamen gegeben, wie „alter +Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen +neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen. + +Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der +Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind +trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte +hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel +flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb +Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an. + +„Schneeluft,“ sagte Althoff. + +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont +bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber +wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht +legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, +aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja +jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm +ihn wieder mit fort. + +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und +darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die +Füße bis über die Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand +diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut +genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich +höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, +wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von +Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt. + +„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“ +rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, +umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. + +„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd +und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht. + +„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und +wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken. + +„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und +schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher +gegangen,“ sagte er dann zu Leo. + +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner +Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die +drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß +er unrecht hatte. + +„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er. + +„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig, +Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der +Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“ + +„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“ +entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht. + +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle +Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie +jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede +Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette +Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen +in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies +schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie +keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie +ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie +lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. +Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts +dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die +Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. + +„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen +es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu +scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in +sich versunken ging er weiter. + +Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue +Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien +die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube +hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden +erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als +eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten +zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen +zu lächeln. + +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße +einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin +und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. +Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein +Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den +Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in +letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz +nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem +zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch +hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war +fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem +regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden +können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und +Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie +großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und +prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein +Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, +war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die +Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört +sahen die Männer aus. + +Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes +Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie +die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. +Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten +Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein +Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, +im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder +in hellster Aufregung gewesen war. + +Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, +erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte +kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden +Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder +entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt, +der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem +Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und +sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich +verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn +lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja +herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine +Rede. + +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und +Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und +Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, +die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten +alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, +denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder +bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war +die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die +Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand +Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem +Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der +Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel +Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war +schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz +aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt +hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem +neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb +keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei +dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch +keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine +Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf +Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff. + +„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die +übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches +Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war +Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das +mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater +gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die +Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich +auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach, +denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten +noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu +überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der +andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie +zum Schluß kamen. + +„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen +könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die +Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen +hinaus. + +Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der +Professor nie viel übrig gehabt. + +„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu +tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte +Antwort. + +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit +davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte +darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. – + +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der +schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des +milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis. +Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der +heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die +über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt +lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen +Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen +Schimmer. + +Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, +die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die +stille Nacht. + + * * * + +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der +Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste +besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. +Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das +Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu +wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu +verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die +Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater +wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige +Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor +Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts +anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder +mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den +Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und +begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine +Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie +horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern +sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine +Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das +stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem +Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften +Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren +großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre +Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth +dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und +wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie +in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank +im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen +Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein +Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß. + +Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: +„die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und +„die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch +jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: +die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur +derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung +zustandegebracht hat. + +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie +erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige +Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für +einen so guten Zweck herzugeben. + +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas +viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen +zusammen zu holen. + +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und +Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, +engherzigen Ansichten der Menschen ergangen. + +„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen +Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob +von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses +Blut in Wallung. + +„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von +meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“ + +„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen +herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der +öffentlichen Kritik ausgesetzt?“ + +„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“ + +Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz +einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die +beiden gaben jeden weiteren Versuch auf. + +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, +daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre +Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber +schön gespielt!“ + +„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie +stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie +brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“ + +„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile +solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will +mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“ + +„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch +keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über +solche Anschauungen. + +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun +einmal anders. + +Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden. + +„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der +Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte +die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln +und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den +Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten +sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing +sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die +viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf. + +„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“ +tröstete sie. + +Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die +Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas +für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet +hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder +Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in +den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu +werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und +ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das +Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie +dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, +selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon +oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen. + +„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte +Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, +bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. + +„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte +Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit +der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr +gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu. + +Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit +keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze +zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“ +nahte. + +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und +Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts +dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer +Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, +ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde. + + [Illustration] + +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich +besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging +es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache +war abgemacht. + +Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen +ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses +Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren +Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, +gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch +mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön +und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer +wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. + +Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich? + +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube +Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born +zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als +ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde. + +„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste +Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die +Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht +und wäre doch zu kurz. + +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich +bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache +etwas in Gang. + +„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle +fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. +Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht +blamieren.“ + +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es +wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten +Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden +Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv +mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer +Kritiker sein. + +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete +sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, +der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den +nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde. + +„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung. + +„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht +spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche +nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie +später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, +könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja +nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“ +jammerte sie. + +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, +Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt +der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal +bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen. + +Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus +Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen. + +„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born +als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“ + +„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie. + +„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das +übernehmen?“ fragte Leo. + +„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“ +sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel +hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“ + +„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie. +„Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem +Akzent paßt doch wohl nicht?“ + +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das +Dienstmädchen. + +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen +Kräfte wieder einzufangen. + +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem +Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften +Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei. + +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! + +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen +wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der +Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen +die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete +einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen +beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer +solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie +diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge +derselben auseinandersetzte. + +Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube +Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen. + +„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen +schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen +sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“ + +„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging +es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, +weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem +griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie! + +Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor +dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, +die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete +sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle +einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen. + +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder +aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt. + +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen +versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend +beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere +Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die +Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte +eine große Angst, ob alles gut gehen würde. + +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte +nun die erste auf der Bühne stattfinden. + +„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse +wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo +so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur +Generalprobe vertröstet. + +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser +leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. – + +Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der +Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. +Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen +im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und +tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige +Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen +überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. +Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere +Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst +war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich +nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie +bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich +untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen +sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu +erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, +einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt +bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, +öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die +meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über +Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die +Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, +ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, +stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. +Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch +die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen +Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im +Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen +sah sie in das leere Haus! + +Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst +befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten +und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch +leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit. + +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises +Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. +Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an. + +„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im +gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den +hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen: + +„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“ + +Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß +noch einmal von vorn anfangen. + +Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und +der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und +nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der +Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung +herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen +nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen. + +Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half +nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war. + +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche +schluchzend in ihrer Garderobe saß. + +„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie +denn?“ redete ihr Ilse zu. + +„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das +Kind außer sich zur Antwort. + +„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete +Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen. + +„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht +mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine +Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“ + +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen +wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, +als zuvor. + +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine +Notiz genommen hatte. + +„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös +zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht +mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“ + +„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab +er eilig zur Antwort. + +„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“ + +„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte +jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur +„Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen. + +Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von +Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“ +auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer +erzürnten Göttin. + +Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte +schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht +mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem +Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft +tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in +einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie +„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die +Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten +sie nicht aufrütteln. + +„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief +Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an, +die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von +dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in +Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren. + +Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden +ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der +Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das +reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt +gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den +ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal +geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte +immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf +seinem Sitze unruhig hin und her rückte. + +„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser +Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde. + +Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel +glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der +Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen +Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das +„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die +Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine +Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, +scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt. + +„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich +schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“ + +Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung +– Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; +wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter +die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie +in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer +zwei an diesem Abend. + +Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt +und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand +sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr +die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich. + +Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, +sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging. + +„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben +doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser +machen.“ + +„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit +spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine +besondere Rücksicht.“ + +„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“ +meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“ + +„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie +eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber +aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“ + +„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein +Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung +doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht +deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu +glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“ + +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen +mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein +Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich +sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht +mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem +Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für +zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder +an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden +Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein +Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem +Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter, +sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden +einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll +zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie +sogar schon gelächelt. + +Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich +Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen +werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die +Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer +Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln +an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen +überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, +glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie +stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur +andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. +Dann erst wurde die Türe geöffnet. + +„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, +aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes +Gesicht sah. + +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel +Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden. + +Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es +herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete +und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im +„ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher +zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch +keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen +Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge +Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle +werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei +Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen +die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch +ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft +gelacht. + +Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen +den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals +nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht +in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am +liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, +aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war +und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte. + +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und +Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken. + +Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als +unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs +Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der +Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die +sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt +hatten. + +Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne +es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen. + +Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös +von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen. + +„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte +Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!“ + +Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht +gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte +ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite +auffaßte. + +„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse, +„und was machen wir dann?“ + +Leo lachte sie aus. + +„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und +sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für +alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog +sie in seine Arme. + +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt +sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den +andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und +Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, +erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts +noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein +entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die +Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von +ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in +diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle +Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich +erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, +Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten +geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der +Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit +Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen +Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt +umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und +Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen +– sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in +der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles +vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da. + +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, +aber seine Türe war verschlossen gewesen. + +Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen +Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich +nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie +nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen. + +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten +Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis +zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi. + +„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen +Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, +konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in +welcher Rosi danach fragte. + +„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr +sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“ + +Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie +bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“ + +„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“ + +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu +groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater. + +Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien +wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die +Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und +nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch +die Lust und Begeisterung wieder ein. + +Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und +trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben +teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. + +Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe +Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen. + +Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung +ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde +gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute +Kritiken nicht mehr übel. + +Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet +und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei +der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als +das erste Mal. + +So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich +nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung +stattfinden. + +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch +konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur +verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort +sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie +fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange. + +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl +von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge +daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. + +Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst +einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle +möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie +daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch +– welcher Zauber lag in dem Gedanken! + +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. +Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten +wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine +Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte +über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit +aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm +bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem +Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten +löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem +Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom +Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in +den Händen und memorierte fortwährend. + +„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als +Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch +wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“ + + [Illustration] + +„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe +ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen. + +Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas +fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie +sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst +die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß, +wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht, +diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche +der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet. + +In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. +Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so +vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören; +besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur +hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur +heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das +blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den +Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife +zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das +sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des +Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein +Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen. + +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung +würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken +bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus +zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, +zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! + +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei +Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter +die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch +verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber. + +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort +förmlich umringt. + +„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“ + +„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst +frisieren!“ + +„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so +richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“ + +Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und +Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; +endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste. + +„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben +waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter, +etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler +versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die +Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das +reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher +Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen. + +In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born +stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“ +zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken +noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. + +„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als +die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen +Dienstmädchenkleid erschien. + +„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, +sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte +dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“ + +Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von +den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem +Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten +fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die +weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und +keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben. + +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor +sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand +hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das +sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte +Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. + +„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön +von Ihnen abstechen!“ + +Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“, +das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war +eigentlich zu ärgerlich. + +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, +deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, +jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender +Blick in den Spiegel. + +„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel – +schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber +fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“ + +Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten +Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt +der Muse das volle Weinglas an die Lippen. + +„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, – +dann rauschte es hinaus. + +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne +versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins +Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in +dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch +strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden +Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den +bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen +mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die +Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen! + +Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den +Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders +laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten +einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine +Instrumente stimmte. + +Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen +zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte. + +Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die +allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum +ersten Male hebt, nachfühlen! + +Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde +im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll +Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände +und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige +Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des +Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder +weniger ergriffen hatte. + +Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte +Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein +Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe. + +Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war +demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den +Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das +vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten +Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern +über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme +wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber. + +„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den +Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, +und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des +„Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder +heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines +solchen Augenblicks beschreiben! + +Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die +tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit +hielt. + +„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich +wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden +helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln. +Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare +wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und +unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz. + +„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“ +sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn. + +„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte +der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen +kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend. + +„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller +Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen +widerlichen, unverschämten Menschen. + +Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika +entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und +auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt +und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube +Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit +lachte. + +Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende +war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, +ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant +überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke +konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete. + +„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den +Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen +steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“, +so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er +wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen +bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber +beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben +mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören. +Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es +nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. + +Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen +eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich +und würde es sicher nicht tun. + +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, +sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt +die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja +darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie. + +„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch +ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und +die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“ + +Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien, +erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. +Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und +sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel +zupfte und zur Ruhe verwies. + +Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der +wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar +einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse +Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, +wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch +auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik +getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die +Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die +guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben. + +„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“ +sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, +aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war. + +„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie +ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“ + +Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte. + +„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld +ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem +vollen Hause um. + +Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige +Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner +Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt +hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die +Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der +Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz. + +Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die +„Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke +gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie +diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und +zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; +unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte +dankten sogar mit lauten Bravorufen. – + +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden +Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren +Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen +übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife +und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und +wieder in das alltägliche verwandelt. + +Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches +Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie +schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das +bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig +versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei. + +Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit +ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – +vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“ + +Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der +Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 +Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes +Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die +Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes +Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so +viel Jammer und Elend zu lindern. + +In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur +dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten +klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in +Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, +daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur +wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache +eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches +anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte +trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr +würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen +triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft +haben. – + +Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und +hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im +Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, +die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes +mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll +etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn +Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand +nehmen.“ + +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet +und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung +zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in +der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber +für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum +ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz +und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten +nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse +fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen +und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit +Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte +stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den +beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, +Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch. + +Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. +Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte +sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst +Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, +welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. +Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn +vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter. + +Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen +„Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl +gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er +noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können, +aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich +vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen +übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. +Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte +wohl mal wieder!“ + +„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse +später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung +äußerte, daß der Professor zürne. + +„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit +abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen +er seine Frau ansah, straften ihn Lügen. + +„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am +meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine +Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders +geworden, nicht wahr?“ + +Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß +sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil +sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran +erinnern ließ. + +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief +sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie +erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch +immer so reizen!“ + +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung +verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer +Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige +Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf. + +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und +mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend +heimkehrte. + +Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz +von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des +einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er +auch nicht zu ihnen geschickt! + +„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und +doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“ +rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, +als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer +leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz +nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen. + +Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen +und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe. + +Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor +durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche +wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, +deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie +mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle. + +„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse +hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt +empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der +sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn +nächst ihren Eltern am meisten liebten. + +Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, +einen Brief hoch in der Luft schwenkend. + +„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen – +heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig +abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller +Freude. + +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb +er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit +Mutter und Schwester erwarten würde. + +Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, +ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz +geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. + +„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben. +Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft. + +Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer +wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr +geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben. + +„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine +Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen. + +„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung. +Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen +mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie +allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und +Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie +alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen +die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte. + +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der +Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete: + + + + + + + „Lieber Onkel Heinz! + +„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest +du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern +aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick +besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber +gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen +ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig +gegeben für den weg. + + Es grüst Dich + Deine libe Ruth.“ + + + + + + +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein +erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs +Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie +war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel +Heinz. + +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief +sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie +einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd +brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine +leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er +sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern. + +„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber +auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig +gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat! + +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren +beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in +einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da +viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr +Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie +schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe +standen und die Glocke gezogen hatten. + +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen +öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte. + +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich +hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem +milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere +Anmeldung die Treppe hinauf. + +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll +still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an +Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend +nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der +gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche +Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen +blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen +etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen. + +Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach +einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr +Professor bitten ließe einzutreten. + +Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand +haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen +musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie +zaghaft und scheu. + +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem +Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von +jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten +Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu +jedem Spaße bereit war. + +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, +besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen +Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu +machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann +wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn +betrachtete. + +„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich. + +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm +hin und warf sich stürmisch in seine Arme. + +„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie +zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich +noch enger an ihn. + +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von +ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm +den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schön es im Theater gewesen sei. + +„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz. + +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit +den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer. + +„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner +Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse +Verlegenheit nicht verbergen. + +„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber. + +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging +nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, +denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten. + +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit +poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war +nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht +die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so +verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu +wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation +geschickt zu benehmen. + +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich +leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie +ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder +täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte +sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts +brauche, als seine Arbeit, seine Bücher. + +Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, +das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen +ein, wie es niemand besser verstand. + +„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die +letzte?“ fragte er in diesem Augenblick. + +„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte +gewesen!“ + +„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die +Dümmste in der ganzen Klasse ..“ + +„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“ + +„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“ + +„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“ + +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, +daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine +solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat +Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch +noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen +Kampf einlassen zu können. + +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein +ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte +ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. + +„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in +ihrem sanftesten Tone. + +„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“ + +„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort. + +„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann +sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte. + +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien +ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? +Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und +mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so +verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, +er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte +bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie +schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem +Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden. + +Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres +Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf +Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. + +„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor. + +„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß +die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel +besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“ + +Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er +unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo +seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. + +„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“ +fragte Ilse wieder. + +„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“ +antwortete er nicht gerade liebenswürdig. + +Dann schwiegen wieder beide. + +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß +deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. + +„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an. + +Er antwortete nicht. + +„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort. + +„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer +merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig. + +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize +und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese +Bemerkung. + +„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts +dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort. + +„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein. + +„Ja, aber wieso denn?“ + +„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder +Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich +würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten +mehr!“ + +„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“ + +Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft +zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft +zumute. + +„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den +Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief +sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme. + +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. +Nach einer Weile fuhr er fort: + +„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn +offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort. + +„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie +doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts +daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“ + +„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male +voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken +mußte. + +„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“ +fing er wieder an. + +„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“ +erwiderte Ilse etwas verlegen. + +„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit +über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas +natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß +Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann, +und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“ + +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. + +„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn +für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“ +fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“ + +„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel +Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie +hätten ganz anders erzogen werden müssen.“ + +„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf +ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das +‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“ + +„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir +dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem +Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. + +Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite +statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er +ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fühlte er oft! + +„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum +nicht?“ + +Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. +Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie +instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie. + +„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer +Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“ + +„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach, +„sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, +nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es +auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das +nicht?“ + +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe +er mit seinen Gefühlen. + +„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu +absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie +seine Wissenschaft manchmal herunter!“ + +Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. + +„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“ + +„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind, +dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur +sagen.“ + +„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun +wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. +Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja +doch Ausnahmen unter den Juristen!“ + +„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell. + +„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck +zur Antwort. + +Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich +hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine +wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit +denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde +mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die +Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War +es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu +retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, +sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu +verlieren? + +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar +erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht +ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, +jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es +gegen seine Überzeugung ging. + +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, +in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in +solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen +hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, +hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle? + +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber +erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter +seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. + +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe? + +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder +aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und +das war gut. + +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen +gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als +mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem +wahren Galgenhumor. + +Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, +sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob. + +Laut rief er sie bei Namen. + +„Ruth, Marianne, kommt herein!“ + +Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins +Zimmer. + +„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“ + +Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, +als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend! + +„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang +– weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie +schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du +erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit +herunter?“ + +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm +verlangten. + +„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen +Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, +die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“ + +„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man +denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik +schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“ + +„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, +Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“ + +„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“ + +Streiten mußte er nun einmal immer. + +„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell +erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal +wiederkommen?“ + +Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, +daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; +so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, +ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste +Freundlichkeit. + +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. + +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: + +„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“ + +Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen +zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm +ihre Worte. + +„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand. + +Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth, +die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. + +Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still +und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. +Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den +Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie +er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und +sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, +sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf +der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, +möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben +sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend. + +So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die +undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem +Blicke verbarg. + +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, +und brachte seine Abendmahlzeit. + +„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst +erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich. + +Er erwachte wie aus einem Traume! + +„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet +nichts, will mich nicht verpimpeln.“ + +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken +gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie +schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. – + +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, +um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte +sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, +und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu +behandeln als bisher. + +Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen +machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann +einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf +einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein, +dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, +Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten +Vertrauens würdig war. + +Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen +Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und +nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu +sein. – + +Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, +hielt zum Glück nicht lange an. + +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes +mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben +an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu +bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit +den Tatsachen abzufinden. + +So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte +Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich +Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die +ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören. + + * * * + +Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische +Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer +war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt. + +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie +kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai. + +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit +vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte +von sich hören lassen. + +Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine +Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu +sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine +Feder an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht +spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das +Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften +Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr +eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den +Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun +Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte +sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr +an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, +wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und +Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und +Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen. + +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem +Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein +Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie +oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese +sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur +selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei +kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillingspärchen, schrieb sie +glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu +können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die +Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien +nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in +der schweren Zeit beigestanden hatten. + +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen +hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie +herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. + +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem +Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, +daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern +eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und +auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut +tun. + +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst +als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte +Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das +Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund +heraus. + +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den +Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm +dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau +erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er +plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie +meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so +abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, +er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und +arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn +er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für +ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu +erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, +nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn +denken. + +Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich +heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen +erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen +Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau +besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu +sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts +auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht wisse und +beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die +Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme. + +„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort +soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine +Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“ + +Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen +gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred +hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und +durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös +und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein +Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen +für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine +Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück +und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß +der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte. + +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo +begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige +Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; +aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Düte heraus, die von den Kindern +mit Jubel begrüßt wurde. + +„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich +amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen +Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur +Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen. + +„Siehst du wohl,“ lachte Ilse. + +Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in +vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig +vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu +viel getan hätte. + +„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem +Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“ + +„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen +Worten gut herausfühlte. – + +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die +Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße +zu. + +Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der +beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu +zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, +kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um +sie zufrieden zu stellen. + +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der +letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete. + +Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an +Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer +wieder. + +Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen +untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht +verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel +wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden +ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger +Trennung wiedersieht. + +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die +Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch +paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der +Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der +Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den +Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder +den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob +sie von dort etwas Besonderes erwarte. + +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. +Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur +war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in dem eine +Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte. + +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen +Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die +staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. + +Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren +blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, +während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen +herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu +fühlen. + +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, +und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen. + +„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen, +daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte +sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem +Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in +diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“ + +Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen +Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen +stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren +nun in den Gutshof ein. + +„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza. + +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten +führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das +sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung +gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen +Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne +jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür +ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren. + +„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die +Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam +betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein +schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen +Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine +Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das +verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, +Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die +Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er +ihnen geschenkt hatte. + +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben +keine Antwort. + +„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie +sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte. + +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, +sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“ +und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar. + +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in +diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen +standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, +aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch +unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und +Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen +hätten. + +„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an +Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt +gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die +Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen +in Locken verwandeln. + +„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und +fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“ + +„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete +Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach. + +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft +nicht verbergen. + +„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie +gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick +hochinteressant war. + +„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig. + +Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die +Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die +weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle +Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine +Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen +soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn +ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten +die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder +an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, +mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die +Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine +weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer +Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. + +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten +Städtern eine Wohltat, und mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche +Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte. + +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es +euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles. + +„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den +Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte +dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht +weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, +erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“ + +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen +Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen +Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel +mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie +meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und +sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +wären. + +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches +Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu +Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe. + +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, +einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und +den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +höchst neugierig waren. + +Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an +den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet +haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die +ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – +einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten +Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen +kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und +seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken +Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde +der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an? + +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob +ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie +strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl +sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? + +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von +Nellie vermuten. + +„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte +sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen +niedersetzte. + + [Illustration] + +„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die +hellen Perlen von der Stirn. „War wohl auch ’ne nette Temperatur in den +Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen. + +„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es +ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns +deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“ + +„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die +Umgegend ist so schön,“ sagte Flora. + +„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste +Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, +alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs +Vieh mehr haben.“ + +„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch +keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar +peinlich, daß er so sprach. + +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: + +„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er +nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es +bedeutet: kein Regen!“ + +„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll +Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an. + +„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und +Frau Althoff erzählt.“ + +„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so +vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“ + +„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. + +„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft +so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind +seine Nerven auch sehr herunter.“ + +Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen +vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, +da er ihrer Pflege so sehr bedürfe. + +Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand. + +Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere +Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig +zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde +ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen +Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu +derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das +Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin +seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, +die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte ihm +unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit +Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben +eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle +Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr +interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner +Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen +landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein +Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden +würde. + +Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie +die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine +Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, +daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da +beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger +Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen +gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber +auszufragen. + +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr +so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. +Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war +niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der +Kaffee unter der großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. + +Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum +schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die +kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, +auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen +niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den +Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein +Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der +Reseda, womit die Beete eingefaßt waren. + +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen +Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, +die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn +und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im +Zimmer taten. + +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße +Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder +eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes +ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen. + +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum +auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun +doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt +waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja +fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren +und das Leben auf dem Lande recht gut kannten. + +Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, +alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers +erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein +strenges, aber gerechtes Regiment führte. + +„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora +scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der +Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude +verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang +über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die +Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller +Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen +die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend +roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran +vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen +tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken +war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter +Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im +Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete +sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der +Kastanie stellte. + +Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte +heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch +unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig +umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr +wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett +geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die +offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken +um die Wette durch die abendliche Stille. + +Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, +worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie +schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es +ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. + +„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn +Werner. + +„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora. +„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends +natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?“ wandte sie sich an die beiden. + +„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort. + +„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den +jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie +geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine +Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! +Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht, +morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die +mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter +nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch +etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“ + +„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht +errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein. + +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies +verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit +dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. + +„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; +das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren +Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in +diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher +Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze +eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne. + +„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte +dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, +vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. + +„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer +Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und +fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah +ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle +Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das +weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den +Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und +Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten +Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann +und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe +versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig +abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe +ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die +Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem +praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“ + +„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals +sprechen hören. + +„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie. + +„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes +Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie +über alles.“ + +„Wie schön für dich,“ sagte Nellie. + +„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, +sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen +nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“ + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem +Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem +überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war. + +„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis +in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas +hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich +nach etwas Höherem.“ + +Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, +diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln +verständig war und blieb. + +„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die +Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod +eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes +Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges +Leben führen.“ + +„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe +ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“ + +„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, +das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla +nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche +Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich +fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem +geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, +kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie +eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“ + +„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt +in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der +Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als +Nihilistin eine Rolle?“ + +„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte +sie dazu.“ + +„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf +hier Nellie ein. + +„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht. +Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt +würde.“ + +„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. +Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen +anfangen!“ + +„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit +erfahre ich ja gar nichts.“ + +„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage +ich dir,“ antwortete Ilse. + +„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr +Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“ + +„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu +neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas +Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher +kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß +diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der +ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige +Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! – + +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch +immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, +die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte +auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich +in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der +bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den +herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen +Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in +ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise +malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das +anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die +Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und +die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. +Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! – + +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach +langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten +Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal +geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau +Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes +wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz +gerühmt. + +Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen +noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch +gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein, +daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde +beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren +Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. – + +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie +das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen +heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. – + +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem +Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte +er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, +und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich +liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in +ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. + +„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: +„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht +haben!“ + +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens +mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim +Heuaufladen zugegen zu sein. + +„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer +Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche +Lektüre bei der ehemaligen Dichterin! + +„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die +aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und +Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“ + +„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse. + +„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher +Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die +Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung +einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz +merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, +über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“ + +Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch +nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter +„erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm. + +„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten +umsehend. + +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen, +mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, +eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben +in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der +Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn +Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken +setzte. + +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel +vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge +auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war +der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue +Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen! + +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den +gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem +Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, +während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß +man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen +konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine große Zukunft. – + +Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und +umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich +überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und +als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten +gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum +Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz +ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug +glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“ + +„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn +der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen. + +„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte +Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den +Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne +Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis +zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot +lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr +unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, +und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon +August den Kiesweg heraufgegangen. + +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug +schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff +und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige +Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das +Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war. + +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel +beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts +Fremdes. + +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu +bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und +Ilse. + +„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir +vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“ + +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend: + +„O, haben Sie Ärger gehabt?“ + +„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die +dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei +davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte +seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend +zusammenschlug. + +„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm +besänftigend über die Stirn. + +„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte +der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch +geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß +tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die +Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen +worden in der letzten Nacht.“ + +„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole +dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit +eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus +schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. + +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die +Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß +aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau +werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich +eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel +ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine +innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der +Grundzug von Floras Charakter. – + +Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen +und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, +Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in +die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu +vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, +denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten +ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten +sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem +Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen. + +„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder +die Rede darauf kam. + +Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man +merken. + +„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne +und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin +und Mutter doch nicht zu versäumen.“ + +„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen +können, das ist die Hauptsache.“ + +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden +sie sich ja doch nicht einigen. + +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie +blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie +in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so +vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um +ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin +mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es +dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht +zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut +reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden +Fred nicht verglichen werden. + +Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls +ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und +neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er +erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und +wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann +kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der +wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner +berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. +Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, +und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding +den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern +ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und +Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt +hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr +zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der +Fall war. – + +Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe +bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie +begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten. + +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch +und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen. + +„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen +genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch +die Dorfstraße schritt. + +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, +der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; +begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte +sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in +den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg +schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die +Höhe nahmen. + +Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald +hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von +jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre +Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen +leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete +sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden +Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und +Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief +innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie +sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte. + +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben +eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten +Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der +Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der +stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich +Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder +Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen +einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im +zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da +aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr +die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm +gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten. + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die +junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war +und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem +Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser +armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine +warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Türe zu +dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und +in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen +erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und +versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon +zurück. + +„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier +wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“ +sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen +schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes +Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen. + +„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; +aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht +wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie +sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete. + +Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige +Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch +gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so +gut, die war ihr keine Fremde. + +„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“ + +„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie +nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora +sanft und liebevoll. + +Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei +die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die +Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut +gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem +zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen +geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten +Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief +über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen +Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen +Füßchen streichelte. + +„O, wie süß ist das _baby_,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie +das Kind. + +„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester. + +„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter. + +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen +Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den +Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. + +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe +genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. + +Müde und apathisch dankte die Frau. + +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu +holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die +Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen. + +„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend. + +„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge +Witwe. + +„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in +Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“ + +„Die Kinder sind ja da.“ + +„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu +achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora. +„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle +Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“ + +„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen +diese Worte. + +„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem +Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich +komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten +Abend und recht, recht gute Besserung.“ + +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie +entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte +menschlichen Elends. + +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft +empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse +konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen +Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in +einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die +Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle +drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. + +„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor +sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte +Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“ + +Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! – + +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige +Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche +Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, +und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche +Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde +liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so +empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück. + +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die +Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen +für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. – + +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie +mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich +auf dem Platze unter der Kastanie. + +„O, die armen Kinder, das süße _baby_, was wird daraus?“ rief Nellie mit +Tränen in den Augen. + +„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er +seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“ + +„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen +Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus +übergeben – es ist zu traurig!“ + +„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann. +„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben +Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke +ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich +mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s +zufrieden.“ + +„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu +wonniges _baby_!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger +Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras +Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. + +Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, +und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die +letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier +erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie +ihre Betrachtungen. + +„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so +nehmt ihr es doch zu euch.“ + +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn +auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es +schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; +doch heftig schüttelte sie den Kopf. + +„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus. + +„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“ + +„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“ + +„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest _du_ es +denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend. + +„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die _babys_ so +sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr +sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred +nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und +das ginge doch nicht.“ + +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen +wurde, Nellie blieb dabei, „es ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich +die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. + +Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht +abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie +gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen. + +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner +merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine +Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog +sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen. + +Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte +einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während +Ilse diktierte. + +„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann +wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel +geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es +fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es +diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich +und pünktlich zu besorgen. + +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die +beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit +Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen. + +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den +Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, +aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. + +„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus +ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die +Episteln von ihrem Fred studierte. + +Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der +Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein +kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte. + +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der +Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora +klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen +Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre +Lippen. + +„O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du für +mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer +Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte +sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, +freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred +und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: daß er nichts +dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es +wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie +einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung +hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr +stilles Haus bringen würde. + +Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm +geschrieben hatte. + +„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als +diese zu Ende gelesen hatte. + +„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb +Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, +fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und +wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus +mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“ + +„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was +du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder +vergelten.“ + +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. + +Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen +Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen +den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit +Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine +Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. – + +Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter +über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, +sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut +wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und +wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen. + +So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte +eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie +ihrem bisherigen Elend zu entreißen. + +Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß +gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal +ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die +vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, +daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte. + + * * * + +Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre +Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was +sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause +kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, +was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und +darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine +nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug +rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“ +hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel +Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über +Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu +wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche +Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber +sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber +trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, +es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und +fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein +junges Leben hierher verpflanzt worden war. + + * * * + +So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und +Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach +Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre +mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern +später und manchem nie. + +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und +trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem +andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart +war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, +schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen. + +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu +müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein +stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch +immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu +großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An +seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den +letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie +nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit +geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. +Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die +Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er +fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. +Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr +Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen +Blicken. – + +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals +fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die +angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war +und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: +„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe +machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem +Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz +niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte +sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie +ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie +sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe +so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen +kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle +herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten +sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. – + +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, +jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und +Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie +herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden +Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, +zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden +Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth +dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den +Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo +necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die +Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es +einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel +schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz +und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem +jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine +beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den +rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor +geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren +frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und +innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten +sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles +drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, +wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter +und Freundin zugleich. + +So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als +Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf +den ersten Ball führen konnte. + +Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne +und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum +Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz +unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die +Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in +ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas +ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen +Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen. + +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein +großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu +tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine +Kleinigkeit. + +„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die +Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette +zu beginnen. + +„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch +früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch +lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch +ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen +sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne +nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte. + +„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt, +als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, +daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber +würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, +Marianne?“ + +„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber +als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder +aufgebraust. + +„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur +Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche +Geschmacklosigkeit!“ + +„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone +erwidert. + +„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das +ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein +Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke +dir eine solche Farbenzusammenstellung!“ + +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie +nun auf alle Weise zu trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde +Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde +immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie +wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem +Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie +habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, +Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche +Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber +hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt +werden können. + +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, +wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt +in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne +standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. +Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der +Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon +erzählten. + +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus +dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme. + +„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar +nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am +Flügel. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse, +aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die +vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, +fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie +von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In +ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, +ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares. + +Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu +einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, +die andre zu Blumen im Haar. + +Ruth lehnte alles ab. + +„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie. + +In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, +das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie +mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. +„Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße +Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß. + +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor +einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein +bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus +einführt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern, +wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Töchter eingeladen worden. + +Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den +Händen. + +„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne +zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien +in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der +Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald +hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören. + +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der +Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung +dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie +angewurzelt in derselben stehen. + +„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut. + +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, +wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen +Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem +alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl +darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein +schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt +ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern. + +„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir +wohl gut?“ + +„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es +von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen +umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte +schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren +zu. + +„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte +wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu +werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los. + +„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ – +„Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von +neuem durcheinander. + +„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen +hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht +widerstehen konnte. + +„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage +mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr +Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In +euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem +bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“ + +Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht. + +„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda. + +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; +er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben. + +„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle. + +„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher +gefunden?“ fragte Marianne. + +„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß +ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“ + +„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne. + +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach. + +„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag +keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“ + +„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn +bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht +darüber urteilen.“ + +„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern. + +„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“ + +„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“ + +„Mich darfst du zu Tische führen.“ + +„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“ + +Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der +Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor. + +„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“ +rief er, sie zurückdrängend. + +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die +Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der +Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden +Mädchenkranze. + +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten +auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber +stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des +Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu +fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme +entgegen. + +„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut. + +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer +Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe. + +„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl +nicht mehr bekommen.“ + +„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt +habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth. + +„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens +mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun +doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“ + +„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten +Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, +und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das +wäre reizend!“ + +„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen. + +„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und +schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir +und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“ + +Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und +seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte: + +„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als +mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, +dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze +Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. +Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei +berichten. Alte, gute Kröte du!“ + +Er klopfte sie zärtlich auf die Backe. + +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was +für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese +Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine +große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die +geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief +es: + +„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“ + +„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“ + +„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“ + +„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn +fortgenommen?“ + +Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse +schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf +Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den +Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer +gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende +gefunden. + +„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem +Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel +Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte +er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch +tiefer in die Stirn. + +Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch +oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die +beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief: + +„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“ + +„Wir kommen, wir kommen!“ + +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der +Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen +der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. – + +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die +Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er +die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig +zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten +Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten +einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den +Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er +legte sie aber beiseite und schaute – die eine Hand am Henkel seines +Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den +Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, +der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt +an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, +verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem +ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und +glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, +der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen +und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen +knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle +Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel +Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, +und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es +erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen +Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. +Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel +Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen +Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. +Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr +entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie +gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. +Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl +versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich +vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. +„Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich +doch einschlief. + +Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin +geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich +darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt +Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu +klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte +er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der +Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt +werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas +bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht +gewesen. + +Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine +Freunde Lust und Lebensfreude umgeben. + +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal +betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden +Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald überhoben, +denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen +dicht besetzten Ballkarten. + +„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in +den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. + +„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie; +aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, +sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus +beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen +vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und +verschönte sie merkwürdig. + +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen +sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier +gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang +bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter. + +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke +suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden +hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth +auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie +alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen +er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder +tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf +ihre Schwester zu bringen. + +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen +möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind. + +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz +Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen +eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr +und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, +seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh +und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne! + +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, +neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt. + +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und +erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und +tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach +deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem +hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie +nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen +hatte, mit Behagen verzehrte. + +„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens +herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an +ihrer Seite niedergelassen hatte. + +„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“ +erwiderte er. + +„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es +wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich. + +„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der +schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck. + +„So, und warum denn?“ + +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich +gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. +Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins +Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem +Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber +daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr +noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten +Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: +„Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben +Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“ + +Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf +und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden. + +„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige +Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“ + +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten +rasch voraus. + +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre +Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester +und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen +Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund +tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an +ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber +schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? +Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn +ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, +ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich +mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher +Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig +harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung +ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen +Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. Mit +diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald +vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine +freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe. + +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu +schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr +Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner +Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr +eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät +gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem +holden Mädchenantlitz. + +So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht +lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre +Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche +Gefühle hegen möchte. – + +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt +wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie +fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er +einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand +hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und +bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und +legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf +er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. +Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts +anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne +Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. +Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, +und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also +eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male +bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, +daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den +Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, +in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und +betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er +wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen +Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische +nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht +gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern +verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er +hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich +deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz +nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin. + + [Illustration] + +Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte +er sich getäuscht. + +Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging +vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen +führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. + +„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“ + +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn +geschehen sei. + +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein. + +„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen +geschlossen hatte. + +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem +Professor. + +„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der +eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und +fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß +nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern +hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, +Onkel Heinz?“ + +„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“ +unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen +begann. + +„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er +las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt +im Zimmer auf und ab wandelte. + +„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über +seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze. + +„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie +angstvoll. + +„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur +Antwort. + +„Was soll ich denn aber tun?“ + +„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, +indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer +etwas zu sagen.“ + +Ruth hing sich an seinen Arm. + +„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch +immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend. + +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er +besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte +aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von +einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu +werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings +nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war +die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er +einige Male im Zimmer auf und ab. + +„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich. + +„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort. + +„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“ + +„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch +leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – +meinst du doch?“ + +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf +einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine +Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – +überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei +den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem +Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte +auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos. + +„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie +ihre Frage noch einmal dringlich. + +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die +nichtssagenden Worte heraus: + +„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötzlich fort, als wäre ihm +auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt +dazu, dich heiraten zu wollen?“ + +„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle +fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es +ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es +mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn +nun wohl heiraten?“ + +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel +schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch +so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, +und Ruth wurde immer dringender. + +„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich. + +„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich +den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er +aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, +lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am +wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte. + +„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser +Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf +einläßt.“ + +Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch +wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, +denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel. + +„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel +Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen +Arm. + +„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und +empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges +gesagt habe. + +„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr +gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt +will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich +tun muß.“ + +Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus. + +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des +Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß +dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt +herein. + +„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz. + +„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut. + +„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er. + +„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, +als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll +ich nun tun, was soll ich anfangen?“ + +Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz +unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr +vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie +richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem +Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen +begleitete. + +„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an. + +„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch +Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte +er. + +„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und +unglücklich machen,“ fuhr sie fort. + +Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen +Seele. + +„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die +schlechteste,“ sagte er. + +„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht +verheiratet, Onkel Heinz!“ + +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank +nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein +Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand +wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder +die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames +Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im +Verhältnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon +von manchem Silberfaden durchzogen war. + +„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, +braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest +nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“ + +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und +ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. – + +Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder +nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch +heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser +neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und +hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen +blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen +Arm um ihre Taille. + +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In +solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und +ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch +noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem +forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich +fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mußte. Daß Ruth +ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung +doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie +ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der +richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und +Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den +Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß +man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte. +„Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte +Ruth. + +Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl +solche Kröten so etwas! + +„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht +heiraten könnte,“ drängte Ruth. + +„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht +erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große +Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse. + +„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte +Ruth. + +„Bewahre.“ + +„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“ + +„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen +wollte,“ setzte Ilse auseinander. + +„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm,“ sagte Onkel Heinz, +„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“ + +In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, +indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert +atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele +gelastet hatte, von ihr genommen wurde. + +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte +zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen +einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. + +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder +Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht +machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem +Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken. + +Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung +in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr +Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jäckchen auszog. + +Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an +Ilse und Ruth. + +„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte +sie die Schwester dabei an. + +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten Brief hin, den Marianne +ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es +sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise +an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben +durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die +Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den +Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar +umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und +hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. – + +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer +stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide +befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; +er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der +Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. +Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die +Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich +Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie: + +„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“ + +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. + +Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das +Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte. + +„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu +sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen +hatte. + +„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt. + +„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor. + +„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth +voller Angst. + +„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An +allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng +geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten +gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und +dergleichen, das ist kein Wunder.“ + +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, +welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder +der Ohnmächtigen zu. + +„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er +wieder an. + +„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse +ungeduldig und gereizt durch seinen Ton. + +„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt +und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben +Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es +doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres +Heulkonzert aufführten. + +„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer +augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war +jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte. + +„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“ +erwiderte er ruhig. + +Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn +nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich +auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst +du aber auch für Geschichten!“ + +Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie +erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen. + +„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme, +– einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der +Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie +schweigen möchten, zurück. + +Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, +Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von +Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde +bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er +Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf +einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich +zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges +Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. – + +Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, +betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. +Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen +Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben +stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch +vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche +antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz +abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden +waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es +wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den +Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer +Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten. + +Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der +schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen +lustig knackte und knisterte. + +Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit +sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach +Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm +zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus +seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was +sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die +eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den +verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste +Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte +nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er +dasselbe erwidere. + +Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt +und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein +Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an +diesem Tage – zwei unglückliche Lieben! + +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz +konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der +Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen +erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt +habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte +Ruhe anempfohlen habe. + +„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut +jammernd aus. + +„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber +im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz. + +„Sie ist aber so elend.“ + +„Wird sich schon wieder erholen.“ + +„Glaubst du wirklich?“ + +„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu. + +„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen +nicht Marianne statt mich?“ + +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht. + +„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte +das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone. + +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. + +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin. + +„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder. + +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen. + +„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff. + +„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und als er nicht +antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann +überhaupt nicht lieben.“ + +„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der +Professor bei sich. + +„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen +Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es +wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich +möchte – eine Künstlerin werden.“ + +Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte +ausgerufen. + +„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“ +fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten +Weise betonend. + +Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene. + +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: + +„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft +so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas +heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und +unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann +wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der +Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich +edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht +beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche +Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“ + +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem +Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche +Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er +empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden +Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es +eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – +ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich +das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer +schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. +So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch +nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das +kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern +eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das +plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen. + +„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd. + +Da erwachte er aus seinen Gedanken. + +„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel +heißen, als: es ist nun einmal so. + +„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte sich in zärtlicher +Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich, +aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“ + +„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch. +Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein +Frauenzimmer fertig bringen. + +„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er +aber dennoch. + +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht +widerstehen konnte. + +„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du +doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme +nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und +siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas +Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe +geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“ + +„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach +ihn ernsthaft. + +„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so +spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum +Scherzen aufgelegt.“ + +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in +die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen. + +„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch immer gleich flennen müßt,“ +sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die +wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön +geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber +das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das +geht nicht, das geht auf keinen Fall.“ + +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. + +„Aber Onkel Heinz!“ + +„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa +Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter +dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen +wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du +nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, +daraus wird nichts!“ + +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth +vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer +Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er +wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte +Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, +Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“ + +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal +versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt +sie ihn am Arme fest. + +„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch +nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen +Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie +es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich +fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“ + +„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, +das ist wahr,“ sagte er einlenkend. + +Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und +zuversichtlich: + +„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“ + +„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er +abwehrend. + +„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm. +Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer +Geschwindigkeit. + +„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie. + +„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin. + +„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte +dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit +den Eltern sprechen?“ + +„Gar nicht,“ erwiderte er kurz. + +Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter: + +„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es +ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“ + +„Nein!“ + +„Bitte, bitte, sage ja.“ + +„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig. + +„Onkel Heinz!“ + +Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! +Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch +abwandte. + +„Lieber Onkel Heinz.“ + +Er antwortete nicht. + +„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“ + +Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er +schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen. + +„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut. + +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich +sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. – + +Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag +krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder +erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der +unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und +nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß +die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über +diesen Punkt so weit auseinander gingen, so überzeugte sie sich jetzt von +dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie +sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie +früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der +Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, +zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was +der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie +niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten +gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein +Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. + +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und +Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, +wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien +zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, +weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches +Gefühl hervorgerufen haben würde. + +Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein +Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. +Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre +Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend +erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit +Fleiß und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des +Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium. + +Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz +hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu +entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten +Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren +Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr +so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das +Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, +aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war +glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr +verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den +Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den +Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach +Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und +beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den +Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden +Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke +der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen +Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden +hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf +seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse +voller Stolz. + +Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen +eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an +schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer +Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber +hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die +Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer +Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. + +So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis +es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz +vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen +Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen +strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen +Frühlingstage nach dem langen, langen Winter. + +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit +seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten +Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, +roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über +ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und +wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und +leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und +Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des +Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose +geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, +locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter +dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten +sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem +Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter +Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran +rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. +Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien +abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. +Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden +Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft. + +„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor. + +Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete: + +„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja +was.“ + +„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung +und Fleiß allein kann das nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. +Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer +wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der +Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn +guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige +Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten +Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es +lange.“ + +„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß +ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht +mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe. + +„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief +Atem. + +„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie +es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte +einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm. + +Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar +an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, +destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige +Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen +großen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft +erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre +Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie +lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich +hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in +sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war +und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht +zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man +einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte +Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den +Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an +seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit +beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute +abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb +beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu +bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche +Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke +Seite. + +„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei +Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da +ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei +mir.“ + +„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank, +daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke +auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran +gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“ + +„Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein. + +„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte +Ilse. + +„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der +Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, +entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die +amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher +sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft +interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die +denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die +Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute +eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem +Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“ + +„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er +hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, +und bloß, weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des +Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“ + +„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach +Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine +Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte +Zeiten muß der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehört +dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“ + +„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine +brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse. + +„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders +geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, +unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur +Antwort. + +„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre +hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein. + +„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er +wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese +Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte +ganz anders behandelt werden müssen.“ + +„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für +die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse. + +„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn +gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie +überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel +vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit +einem pfiffigen Seitenblick auf sie. + +„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse +lachend. + +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie +er darüber dachte. + +„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während +sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen +Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz +genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen +Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes +Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“ + +„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war +ja Bromkali –“ + +„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs +alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder +Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nützen.“ + +„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“ sagte Ilse; „bei der ist es +nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“ fragte +sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause +angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann +später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch +nicht sprechen, die müsse Ruhe haben. + + [Illustration] + +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, +bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig +war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, +vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß +es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er +für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung +sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den „wunderlichen +alten Herrn“ amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet +werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so +und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen +anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb +angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus +Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz +genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln +und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner +Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem +alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge +Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht, +das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam +war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten +Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber +auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig +und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie +jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand +vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren +mußte. + +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen +Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das +Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste +Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war +doch keine Kleinigkeit und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon +erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, +schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die +große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und +trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige +Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter +warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der +Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und +betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf +seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, +Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst +Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, +bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir +erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner +Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden +Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der +Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. +Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er +sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu +verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die +Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung +hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man +die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her +bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, +so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte +er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang +konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre +gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine +Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine +Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der +Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die +Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in +reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den +Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, +ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die +herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit +besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich +die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der +seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und +flüsterte ihr zu: „Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben brauchten, +hatte ich nun nicht recht?“ Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, +denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne +Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach +manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre +Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe +Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber +trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest +vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten +streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer +und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende +erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der +Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten +heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der +Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, +um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von +den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen +dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm +vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner +Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser +übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die +Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel +Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade +in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, +nur die Worte: „Alte, gute Kröte,“ wiederholte er immer wieder, und eine +rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der +grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann +machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte +es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den +Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle +die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder +wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war +ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche +ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. +Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. +Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und +der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz +ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand. + +„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“ sagte Nellie zu ihrem Manne, als +die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff +war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am +Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und +gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren +Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders +gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo +wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche +lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie +sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, +wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn +sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die +Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das +absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit +harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter +auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, +heimzugehen. + +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche +ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an +einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. +Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, +die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher. + +„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“ sagte Ilse zu dem Professor, indem sie +auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem +Blick auf Ruth und Marianne: „Wie lange wird’s dauern, und eines Tages +fliegen beide aus dem Neste.“ + +„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“ erwiderte Onkel +Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes +Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu +müssen. + +„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“ +fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. + +„Ja, was fangen wir an?“ wiederholte er und sah sie forschend an. Auf +einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: „Dann +schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“ + +Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung +hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte +er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. + +„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“ rief sie; „vielleicht tue ich das +wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie +haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit +vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin +spielen, Onkel Heinz.“ + +„Na, das wird was Schönes werden,“ gab der Professor zur Antwort, „eine +schreibende Frau? Brr!“ + +„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für +Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war +– eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. +Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt +wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz.“ + +„Durch mich?“ fragte er, sie ungläubig ansehend. + +„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“ gab sie mit +ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies +ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte. + + + + +Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem +Titel „Trotzkopf als Großmutter“ in gleichem Verlag erschienen ist. + + + + + + +BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter. + +Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht +vereinheitlicht. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“ + Seite 15: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“ + Seite 76: „Schmids“ geändert in „Schmidts“ + Seite 90: „langezogene“ geändert in „langgezogene“ + Seite 113: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“ + Seite 149: „Arger“ geändert in „Ärger“ + Seite 162: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“ + Seite 201: „Profossor“ geändert in „Professor“ + Seite 208: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter + „abschlagen.“ + Seite 223: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“ + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE*** + + + +CREDITS + + +April 2, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39350‐0.txt or 39350‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Aus Trotzkopf's Ehe + +Author: Else Wildhagen + +Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + [Illustration] + + + + + + [Illustration: Titelseite] + +AUS TROTZKOPF's +EHE + VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH + VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT" +DRITTER BAND zum "TROTZKOPF" +VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK + +Vierzigste Auflage + +STUTTGART +GUSTAV WEISE VERLAG + + + + + + Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. + + + + + + + [Illustration: Ornament] + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen +durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen +Mdchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die +Tr zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geffnet hatte und hineinschaute. +Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte +ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestmen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam +nicht los. + +"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet, +ihr Krten, ich werde euch kommen!" + +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der +Junge aber und das lteste der beiden Mdchen, ein dunkellockiges Kind mit +blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein +Raufen und Balgen, da sie wie ein Knuel umherkollerten. + +"Aber Ruth, schme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in +diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte +dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre rmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth +aber, Gontraus wilde lteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten +sich hinter seinen Rcken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei +zurck. Das war ein Hauptspa. + +"Kinder, so seid doch endlich vernnftig," legte sich Nellie jetzt ins +Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten +wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe. + +"Ja, nun hrt endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten +die bermtigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den +Worten: + +"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?" + +"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab +er zur Antwort. + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da +stand Ruth in seinem Hut und berzieher, die er beide auf einen Stuhl +neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fr die Kinder, und +bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ber die +Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Groen nicht ernst bleiben. +Natrlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, +bis Ilse der Sache ein Ende machte. + +"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in +mein Zimmer." + +"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen +Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an +seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, da er +nicht von der Stelle konnte. + +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu +warfen sich die Kinder ber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war +ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schlielich doch +Gewalt gebrauchen mute, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der +wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde +von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den brigen hingen die +Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprhenden Kindergesichtern +leuchtete die helle Freude ber den gut gelungenen Spektakel. + +"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschttelnd, aber solche +Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflche +erschien. + +"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den +Professor ansah. + +"Ja, ja, Prgel mssen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar bsem +Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine +lustig zwinkernden Augen und wuten genau, so schaute er nicht aus, wenn +er ernstlich bse war. + +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hnde +gerutscht waren, rckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ber sein +kurzgeschorenes Haar, als wollte er fhlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wren, aber sie standen nach wie +vor gerade in die Hhe, tadellos in Reih und Glied. + +"Mutter, drfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und +die andern bettelten ebenfalls. + +"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," qulte sie, als die Mutter +keine Miene machte, ihre Bitte zu erfllen. + +"Da lassen Sie man die Krten mitkommen," legte er sich nun auch ins +Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, da seinem Patenkinde und Liebling +Ruth etwas abgeschlagen wurde. + +"Kinder, da mt ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen +damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, da +sie in der Kinderstube bleiben sollten. + +Ohne weiteres fgten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges +Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen +zuflsterte, da sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schnes holen +sollte. + +Einige Minuten spter saen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem +groen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gesprche. +Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verlieen, hatte Ilse sich wenig +verndert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, +waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas +voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten +gebndigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie +hervor, kruselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ber ihre +reizenden kleinen Ohren, zum rger Leos, von dem es eine gewohnheitsmige +Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehre auch das Ohr, ebensogut wie die +Nase, und es verlre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu +sehen wre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschn wie +frher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, da ihr Ausdruck ein geradezu +sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm" +stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie +auch recht. + +Nur bei einem einzigen Wesen lie sie "sanft" ohne den wenig +schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin +Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und +gesiegt. + +An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorbergegangen wie an Ilse. Der alte +Schelm in den Grbchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprgt, +die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. + +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, +und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine +wrdige Frau Superintendentin geworden war. + +Althoff hatte als Direktor am stdtischen Gymnasium Karriere gemacht und +konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider +machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und +da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stie, sondern immer die +lebhafteste Teilnahme fr die geringfgigste Klage fand, nahm er sich auch +nicht im mindesten zusammen. + +"Du verwhnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das +nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fr ihn tun? Kinder, fr die +sie htte sorgen knnen, besa sie zu ihrem grten Kummer nicht, sie +mute aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das +lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast tglich, spielte mit +den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der grten Liebe +an ihr. + +In der Dmmerstunde erschien auch hufig der Professor bei Gontraus, und +meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde +dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mute ja erst sehen, +ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute ntigte Ilse +zum Bleiben. + +"Es ist ein so kstlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und +ffnete weit die Fenster, damit die milde Frhlingsluft hereinstrmen +konnte. Auf der uersten Spitze des Birnbaumes drauen wiegte sich ein +Starmtzchen und sang aus voller Kehle in klaren und fltenden Tnen, +hnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dmmerung +senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frhlingslichte Natur, +und am Horizonte erschien mattglnzend die silberne Mondsichel. + +Der Professor hatte wie immer viele Ausflchte, er habe keine Zeit, und zu +Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse lie nicht locker, sie +kannte ihn, er lie sich gerne zureden. + +"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie +wute, da er schlielich doch bleiben wrde. + +"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem +Nachdruck, "das ist auch recht gut." + +"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Bchern sitzen! Sehen +Sie doch nur hier diesen wonnigen Frhlingsabend, wie das duftet, wie die +Vgel zwitschern, das ist ja alles viel schner, als Ihr alter +Bcherkram." + +"Bcherkram? Wieso alter Bcherkram?" fragte er, die Worte "alter" und +"Kram" besonders betonend, whrend er anfing die Spitze seines dunklen +Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, +Ilse kannte es genau. + +"Mit Bcherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort. + +"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das +nicht gemeint. Aber Sie drfen nicht immer arbeiten, Sie mssen doch auch +mal ausruhen." + +"Ich wei am besten, was ich tun mu," erwiderte er nicht gerade +freundlich, doch Ilse lie sich dadurch nicht einschchtern, sie kannte +seine Art. + +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als +Dozent an der Universitt niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in +B. als Assessor ttig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als hufigster Gast zu ihnen ins Haus. +Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte +mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mhsam in +die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nmlich nach +seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst mte +mit dem Steinmeiel ein Loch geschlagen werden, da hinein kme ein +Holzpflckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer groen +Umstndlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, da seine +eingeschlagenen Ngel sich noch nicht von der Stelle gerhrt hatten. Trotz +aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse +mit Rat und Tat zur Hand, so da sie schlielich bei vielen Dingen nicht +ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne +einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische +und spttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, +nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur +wenige Jahre lter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der +Universitt her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der +Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in +Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rhrende Liebe +zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er +ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, +Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. +Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafr besa er aber +auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. - + +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred +selbst zu holen. + +"Ich kann ja das Mdchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie lie das +nicht zu. + +"Ich wei nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will +deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in +Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, +nach Gontraus zu kommen. + +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen +an. + +"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurckhaltend, und wies +jeden Einwand, den er machen wollte, zurck. + +"Wissen Sie was," rief sie pltzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister +gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem +Jahre, Onkel Heinz - knnen Sie da widerstehen?" + +Er lachte. + +Die gemtlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genge. Die Geister, die +ihnen entstiegen, waren nicht trbselig, es waren die des Frohsinns und +der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugnglich, ja +unliebenswrdig, und lieen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links +liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kmpfe, +ihn heranzuziehen, wenn eine grere Gesellschaft versammelt war. + +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne +langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben. + +"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres brig als dazubleiben," sagte er +vergngt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht, +er macht sie regelmig zu s." + +"Natrlich, natrlich," sagte Ilse, "doch dann mssen Sie mit in die Kche +kommen, Onkel Heinz." + +Er folgte ihr und traf nun in umstndlichster Weise seine Vorbereitungen. +Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, da Onkel Heinz drauen +erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte +ihm eine groe, weie Kchenschrze umgebunden, Marianne kletterte auf +einen Stuhl und beugte das Kpfchen tief ber die Terrine, aus welcher +schon der aromatische Duft der Maikruter emporstieg, und Fritz fehlte +natrlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel +Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fhrte er nocheinmal ein +Glas an den Mund - sie war gut geraten. + +"Na, nun wollt ihr Krten wohl auch schmecken?" fragte er. + +"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich +wollten alle nach dem frisch gefllten Glase greifen, das er hoch in der +Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreien konnten. + +"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar +nichts!" Damit drngte er die verlangenden Kinderhnde zurck, und der +Reihe nach bekam jedes zu kosten. + +Bei dem einen Glase blieb es natrlich nicht, Onkel Heinz fllte noch +einige Male nach. + +"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute +sich ber den guten Zug des Jungen, der zu den schnsten Hoffnungen +berechtigte. + +"Aber, bester Professor, wie knnen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu +trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den krftigen +Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. + +"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz. + +"Ach natrlich, Kinder drfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen +schdlich!" + +"Schdlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schdlich sein, wer sagt +das?" + +"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort. + +"Na ja, die rzte!" fiel Onkel Heinz mit hhnischem Lachen ein; "wenn die +so etwas behaupten, knnen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist +es nur Unsinn." + +Ilse rgerte sich ber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, +ihre Laune war an diesem schnen Abend eine zu gute, und die wollte sie +sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ber +diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Mistimmung zurck. + +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu +Bett. Dem Qulen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig +aufbleiben knnte, setzte sie ein unerschtterliches "Nein" entgegen. + +Einige Zeit spter saen die Freunde bei der Bowle vergngt zusammen, und +Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ber das gute Gelingen +derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dmmerig, aber drauen war es +noch hell und licht, ein wonniger Frhlingsabend. Jeder empfand in seiner +Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sa manchmal stumm und +blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor fltete +jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich +hellglnzend vom Himmel ab. + +"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse +berglcklich an. Die Freude ber das gemtliche Zusammensein blickte ihm +so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht, +trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit +Argusaugen darber wachte, da Fred ja nicht zu viel trank, flsterte ihm +leise zu, da er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getrnke +Kopfschmerzen bekme. + +Ilse hatte die leise Warnung gehrt. + +"Nellie, Nellie, immer mut du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar +nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals +eigenhndig ein. + +"O," sagte seine Frau mit einem ngstlichen Blick auf das frischgefllte +Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. +Er sa so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie fr Frsteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den +Platz mit ihr wechseln wolle, es kme gerade, wo er se, ein khler +Luftzug herein. + +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schlieen, Althoff und der +Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spttischen +Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja! + +"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Mdchen jetzt die +Lampe hereinbrachte und sich der bluliche Mondesschimmer mit dem +gelblichen Scheine unschn vermischte. + +Jetzt so in der duftigen Helle da drauen hinzuwandern, in die +frhlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, +immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, +unbelauscht zu sein, ganz in der gttlichen Natur, o das wre eine Wonne! +So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens +verfolgte sie fortwhrend. Sie hrte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff +von der neuesten Unerhrtheit eines Primaners erzhlte, ber dessen Haupte +die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ber +Pdagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie +empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu +unternehmen, wie man ihn fhlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flgel +zu verleihen scheint, sich ber das alltgliche zu erheben. In solcher +Stimmung war Frau Ilse, und whrend Leo und Nellie glaubten, da sie +gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor +und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein +abenteuerlicher Plan. + +"Kinder," rief sie pltzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!" + +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit +auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fr die Kinder ein andrer +werden msse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse +sich ihr zuwandte. + +"Darling, was hast du fr eine Idee?" fragte Nellie. + +"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr mt mir versprechen, da ihr +nicht nein sagt, wollt ihr das?" + +"Da knnten wir ja schn reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: +"Ja, Schatz, fr so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten." + +"Also hrt," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -" + +"In fnf Tagen," verbesserte der Professor ruhig. + +"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; berhaupt, +Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir +Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie +poetisch, wie romantisch!" + +Man war solche Einflle von Ilse gewhnt, aber doch erregte dieser +pltzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwnde, der +Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfhrbar +zu sein, aber Ilse wute auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen +in den glhendsten Farben aus, wie schn es sein wrde, bis sie +schlielich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte. + +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau +auerordentlich verstndig und lie deshalb die andern soviel reden, als +sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus +seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der +Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der +nchtliche Weg gut bekommen wrde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, da er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wrde +ihm ja auch sehr gut sein. + +So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten +der Partie ber, die am nchsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, +als Onkel Heinz pltzlich damit herausrckte, da er nicht mitgehen wrde, +er habe zu arbeiten, er knne sich nicht losmachen. Da brach aber ein +wahrer Sturm ber sein Haupt los! + +"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit," +sagte Leo kategorisch, denn er wute genau, da er es schlielich doch +tat. + +"Was mache ich denn fr Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit +einigem Nachdruck, "was soll das heien, Geschichten machen? Ich habe eben +zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn berhaupt davon, ob +ich mitgehe oder nicht!" + +"Natrlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich +htte ja sonst niemand, den ich rgern knnte." + +"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das +sagte, hatte fast eine wehmtige Frbung. + +"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas, +um mit ihm anzustoen, denn sie hatte gemerkt, da ihn ihre Neckerei +empfindlich berhrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswrdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen. + +"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt. + +Es war spt geworden, als sich die Freunde trennten, denn ber die +bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu berlegen. +Zum Schlu kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. + +"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die +Pastorin war nicht seine beste Freundin. + +"Aber glaubst du denn, da die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte lngst +erkannt, da Ilse nur hren wollte, was Rosi, die ehrwrdige +Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wrde. Und so war es +auch! + + * * * + +In dem hbschen Pfarrhause, das der Kirche gegenber lag, sa Frau Rosi +auf ihrem erhhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein groer Korb mit +Strmpfen; einen davon hatte sie gerade ber die Hand gezogen, und eifrig +flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und +Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als +Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wrden. Alles +trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein +Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fr sndhaft und wies ihn mit +den Worten zurck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, da wir es +jetzt auch entbehren knnen." Wenn es nach ihr ging, hrte alles Streben +auf. Jetzt, wie sie so da sa, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, +machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den +Freundinnen wre. + +In dem Zimmer waren die Mbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten +Plschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plschdecke, und vier +Plschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkrlich, ob nicht irgend etwas den individuellen +Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der +Ausschmckung der Rume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drckende +Atmosphre lag es ber dem Ganzen, und feinfhlende Seelen wrden in +diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen +standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der +Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fr diese +Lebewesen noch sorgen zu knnen. Aber an gestickten und gehkelten +Gegenstnden war das Zimmer reich, gestickte Sprche an den Wnden, +gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Sthlen und an der Erde. Der +Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfrulein auf grnem Grunde, +gehkelte Decken lagen berall, wo es nur irgend mglich war, gestickt war +natrlich auch die ber die Kanne gezogene Kaffeemtze, kurz berall, +wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +hkelnder Hnde, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistrsen +aufgedrckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten +fr die Pastorin ttig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet mute es sein, darauf legte Rosi den grten Wert. Sie +selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleie, sie nhte +vom Morgen bis zum Abende fr jeden etwas und wre es auch noch so unntz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen +mute, sie sorgte auch fr andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die +Kranken und brachte ihnen Strkendes; sie war auch in allen wohlttigen +Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur +aus Pflichtgefhl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie +fhrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem +Pflichtgefhle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den +Kopf und hatte keinen Blick fr die warme Frhlingssonne drauen, die +neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fuboden spielte, +und sich sogar an die Plschsessel wagte, so da deren stumpfes Rot feurig +aufleuchtete. Jetzt wurde die Tr aufgerissen und Fritz strmte ins +Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum. + +"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie rgerlich; "wie +oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!" + +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, +legte jetzt seine Mappe und Mtze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, +die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. + +"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?" + +"Ja, Mutter, alles." + +"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?" + +Kleinlaut flsterte er: "Sieben." + +Jetzt lie sie die Hand mit dem Strumpf in den Scho fallen und sah ihn +an. + +"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt +und nicht an das Arbeiten denkt." + +"Es war so schn bei Tante Ilse," warf Fritz ein. + +"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewhnlich," unterbrach ihn +die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das +Vergngen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, da du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!" + +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrbt vor sich nieder und dachte +darber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen +Frhlingsluft drauen zu spielen, als ber den langweiligen Bchern zu +sitzen. + +"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken +gleich Kaffee." + +Fritz gehorchte. In der Tre begegnete ihm ein kleines Mdchen von acht +Jahren, seine Schwester. Ihre hnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, +vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling. + +"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, +als wren auch Liebkosungen eine Pflicht, als htte ihr Rosi gesagt, ein +Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehrt. Aber dennoch war die +Begrung mit der Tochter eine weit wrmere, als mit Fritz. Rosi strich +ihr ber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die +sich an einem der kurzen Zpfchen gelockert hatte. + +"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zrtlich; "zeige mal, wie +viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?" + +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel +sie heute daran gearbeitet hatte. + +"Du bist ja ganz fleiig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick +glitt ber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee." + +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den +Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wrmenden Hlle befreite. Whrenddem +ffnete sich die Tr lautlos, und lautlos nherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. + +"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, +als sie dicht neben sich pltzlich den dunklen Schatten bemerkte. + +"Nun, bist du schon zurck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?" +fragte sie freundlich. + +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen +groen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln +an zu klappern. + +"Du bist aber auch immer fleiig, Tante," sagte Rosi, und ber das +faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lcheln der Befriedigung +bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie +als Muster galt, denn bei vielen wohlttigen Vereinen sa sie mit im +Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische +keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein +allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verndert, es war +noch dasselbe gutmtige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm +geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewuter in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen +Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte +sie gar nicht begreifen, da der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, drauen warteten ja schon die Freunde auf ihn. + +"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie +den Kaffee einschenkte. "Adolf, du mut wirklich mal streng gegen den +Jungen sein. Und wie it er nun wieder! So i doch nur langsam." + +Sie schttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse. + +"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?" +fragte der Pastor; "es ist so herrlich drauen." + +"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz mu arbeiten, er hat +wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch +einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, da ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen +Sto, damit er etwas sagen solle. + +"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich rusperte, - er tat dies +immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn +das?" + +"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergngen," antwortete +der Junge offen. + +"Siehst du, da hrst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie +etwas werden." + +"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten +das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich +ihm beruhigend ber das blonde Haar. + +Rosi schttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, da +Fritz streng behandelt werden mute? In ihren Gedanken stand es fest, da +aus ihm nichts wrde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves +Kind, kaum da sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefhl +im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sa und ihr Brtchen +verzehrte; Fritz dagegen konnte berhaupt keinen Augenblick still sitzen. +Doch es war auch keine Kleinigkeit fr ihn, hier in der Stube zu hocken. +Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, +schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn rgern wollten; +blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die +Kaffeezeit durfte nicht abgekrzt werden. Was empfand sie von einem +Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit +sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das +Prsentierbrett und rumte die Tassen zusammen, Fritz schlpfte schnell +hinaus. + +"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder, +unbekmmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefhl ihrer +Tadellosigkeit sonnte; sie wute genau, da sie viel besser war als der +Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. + +"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der +Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergrbst du sein Ehrgefhl. +Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir +geworden." + +"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwrdig; tadle ich ihn +wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt. + +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie +hervorbrachte, klang so dumpf, als kme es unter dem Tische hervor. Aber +das Gesprch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden +um den Finger legte und dabei etwas lnger zgerte wie gewhnlich, so war +dies ein Beweis, da ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern +aufs hchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das +Geschirr abzurumen begann, inne und hrte andchtig zu. + +"Elisabeth, mache, da du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit +deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. + +"Ich mu arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das +Geschirr stehen lie. + +"Sage Minna, da sie den Tisch abrumt," rief ihr die Mutter in sanftem +Tone nach. + +"Warum fhrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als +Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll. + +"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das +gehrt sich nicht." + +"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das wei ich; sie kann dreist so +etwas mit anhren." + +"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf. + +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der groen Brille mit gespanntem +Blicke. + +"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets rgerlich, +wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen." + +"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mdchen +schwach." + +"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz. + +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ber +ihr Gesicht. rgerlich stand sie auf, lie das Rouleau herab, und die +kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervs rckte sie an den +Tassen, suchte die Krmchen von der Decke, whrend der Pastor an das +Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und +hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle +Lichtschein so pltzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Hnden fiel. + +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben +verbannten Strahlen wieder hereinlie, und rief rgerlich: + +"So la doch das Rouleau zu; du sahst doch, da ich es eben herunterlie, +weil mich die dumme Sonne blendete." + +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante +Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und +sicherlich wrde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, +wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wren. + +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, +packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie +gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr +wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei. + +Die Rte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden +eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre +Begrung war ja nie eine strmische oder auch nur besonders herzliche, +wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin +bewahrte stets eine gewisse Steifheit. + +"Bitte, nehmt Platz," ntigte sie, indem sie auf die Plschgarnitur wies, +die in dem gedmpften Lichte wieder stumpf und farblos war. + +"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen +Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schn, man mchte den ganzen Tag drauen +sein." + +"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Aussprchen von +Ilse immer einen Dmpfer auf, auch lie sie gar zu gern einflieen, wie +viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. + +"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es +wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwhrend ein. + +"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat +zu tun." + +"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt +denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse bermtig. "Manchmal meine ich, +da ich berhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so +wenig Spa macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das +ewige Motto. Leo mu oft den Kchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu +habe." + +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ber diese +uerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv +ahnte sie, da derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fhlte sich +Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fr +ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und +schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber +Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie +herausrckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun +wieder fr eine berspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu +steigen! Das fehlte noch, da sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch emprt ber ihren Mann, da er berhaupt darauf einging, +und er schien wahrhaftig die grte Lust zum Mitgehen zu haben. + +"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gesprch, "wir wollen es doch erst +berlegen; du kannst gewi nicht fort." + +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich +will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer. + +"Aber dein Mann sagte doch eben, da er sehr gut knnte," meinte Nellie, +und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder +aus ihren Grbchen. + +"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja +mitgehen, wenn es ihm Spa macht." + +"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ber eine solche Zumutung. + +"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!" +rief Ilse begeistert. + +Rosi sah sie an und schttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie +eben nicht. + +"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte lchelnd Nellie, als htte sie Rosis +Einwnde gar nicht gehrt. + +"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu +Ende, und sie kochte innerlich. + +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich +in sein Zimmer zurck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kndeten +nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drckte die Tre hinter sich ins +Schlo. + +"Ich begreife dich nicht, Adolf, da du immer und immer wieder etwas tun +willst, was deiner Stellung nur schaden kann." + +"Ja, aber wie so denn, Rosi?" + +"Ach, tue nur nicht so, du weit recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie +denken eben leider sehr frei, was euch Mnnern natrlich das liebste ist +und am besten gefllt." + +"Darin, da man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts +Freies." + +"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen +unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf." + +"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig. + +"Eine solche Albernheit fr erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi +fort. + +"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann +la uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen." + +"Das liebste wre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht." + +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese +Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, +gab es sobald kein Aufhren; er lie sie deshalb ruhig weiterreden. + +"Du solltest mir lieber dankbar sein, da ich stets daran denke, wie die +Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fr meine +Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen." + +Wenn Rosi ihr "Pflichtgefhl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre +Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen +Schlueffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem +Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte +seine Bcher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies +war fr seine Frau das Zeichen, da er sich auf keine weiteren +Errterungen mehr einlassen wrde; sie konnte sagen, was sie wollte, er +blieb stumm. + +"Da du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal +anzufangen. + +Keine Antwort! + +"brigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich," +das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her." + +Wiederum Schweigen! + +Adolf schien vertieft in seine Bcher, aber Rosi war heute noch lange +nicht fertig; mit nervsen Fingern zupfte sie an den Fransen der +Tischdecke. + +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. + +"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, da du etwas strenger +gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit +Gontraus hat entschieden einen schlechten Einflu auf den Jungen, und von +dem eigentmlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den +Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fr einen Mann in solcher Stellung +doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes." + +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und +erregt wandte sie sich zum Gehen. + +"Natrlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du +keine Lust dazu, nicht mal ber die Kinder kann man sich aussprechen." + +Der Pastor zuckte zusammen, als die Tre jetzt unsanft ins Schlo fiel, +stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an. + +Rosi schttete nun Tante Emilie ihr bervolles Herz aus und fand dort fr +alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung +ber den Leichtsinn von Fritz, ber die groe Schwche seines Vaters, ber +die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ber das freie +Benehmen der beiden Freundinnen. Darber hatte die Tante schon manches +gehrt, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi +trufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, da andre Menschen +ebenso dachten, wie sie. + + * * * + + [Illustration] + +Ilse betrachtete in den nchsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer +Spannung; das kleinste Wlkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl +hundertmal sah sie sich tagsber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, da das gar nicht ntig wre, denn wenn er sage, "es +bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes +Interesse fr die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu +bringen, zu prfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer +grndlichen Prfung unterworfen, und dabei lie er eine lngere Philippika +gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe +verbrochen hatte, insbesondere los. "berhaupt welcher Unsinn, so spitze +Schuhe zu tragen, da mssen ja alle Fe Krppel werden," behauptete er +und zeichnete einen normalen Fu auf und einen, der in spitzen Schuhen +gesteckt hatte. Beinahe wren sie wieder in Streit geraten, als Ilse +dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpnten spitzen Schuhe +noch einen normalen Fu zu haben. Doch es ging diesmal noch gndig ab. Sie +merkte, da er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die +Vorbereitungen mit der gewohnten Umstndlichkeit getroffen wurden. + +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem +Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrcken. Fr +eine Expedition auf den Groglockner konnte er nicht besser ausgerstet +sein, die dichtbeschlagenen Ngelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, +den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich +seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen +nicht vergessen htte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort +schnell wieder ein, als sie bemerkte, da er seinen Bart zu drehen begann, +das untrglichste Zeichen seines Unmutes. + +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmig aus mit ihren kurz +geschrzten Kleidern, den derben Schuhen und den Ruckscken auf dem +Rcken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre +Sachen ins Coup gelegt, whrend sie drauen noch auf und ab spazierten. + +"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, da +Nellie ihres Mannes Rucksack geffnet hatte und demselben eiligst Sachen +entnahm, die sie in den ihrigen steckte. + +"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell +die beiden Scke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der +Hand. + +"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, whrend dein Mann fast +gar nichts zu tragen hat?" + +"La nur, _darling_, la nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in +letzter Zeit so nervs," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das +Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Trnen in die Augen. + +"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bichen nervs, du +lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die +Modekrankheit." + +Nellie schttelte wehmtig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte +nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wute es aber besser. + +"Du verwhnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wute ja aus +dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, da Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im brigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die +Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in +neckischem Tone von der bertriebenen ngstlichkeit abzubringen. + +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstdtchen, einem Badeorte, von wo aus +der nchtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester +Stimmung zurckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune +und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr +dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden +Blick zuwarf und vergngt mitlachte. + +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, +nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch grer, +jedenfalls sahen groe und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Ruckscken auf dem Rcken vielfach +belchelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt +daran sehen. + +"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Krten!" wehrte Onkel Heinz sie mit +seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mgliche +Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein bses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls +strzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, +schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz auer Atem kam und +stehen blieb, um auf die brigen zu warten. + +Die Strae, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. +Villenartige Huser zu beiden Seiten rsteten sich schon fr die +Sommergste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tren +wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den +Grten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben +prangten bereits groe Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige +Wochen, und alles war fr die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel +genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der +Sammelplatz fr die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik +anhrend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein +Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tre des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schrzen und +wuschen Tische und Bnke ab. Sie hielten in ihrer Beschftigung inne, als +die fnf einsamen Gestalten vorberkamen. Nun wanderten diese die Hhe +hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrnen +Schleier ber ihnen woben, und aus dessen Zweigen frhliche Vogelstimmen +tnten, wie eine Verkndigung des nahenden Frhlings. + +"O, wie schn! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele +und hing sich an seinen Arm. + +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stmmen ein +wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur +sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzckender Farbe. + +Die beiden Frauen strzten darauf los, und im Nu hatten sie einen groen +Strau gepflckt. Sie schmckten damit sich selbst, die Hte ihrer Mnner +und natrlich auch den von Onkel Heinz. + +"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick +verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Struchen von Primeln und +Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd lie er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. + +"Sehen Sie doch nur diese entzckende Farbenzusammenstellung von Blau und +Gelb!" rief Ilse. + +"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend. + +Ilse wandte sich ab. + +"Na, denn nicht," meinte sie. + +"Um Gottes willen, Gontrau, du lufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz +nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen." + +"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig +nicht schnell," sagte Gontrau liebenswrdig und nderte sofort das Tempo +seiner Schritte. + +"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche +Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spttischen +Lcheln. + +"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol +habe ich den Ortler bestiegen." + +"Ach, du lieber Gott, diese Hgel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel +Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen +in andern Weltteilen zu erzhlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen +einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine +interessante Erzhlung so gefesselt, da sie schwieg und aufmerksam +zuhrte. Onkel Heinz war ein guter Erzhler, und wenn er so recht im Zuge +war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war +durchaus keine verkncherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. +Feine Beobachtungen und Stimmungen lie er durchschimmern, die man ihm +nicht zugetraut htte. + +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende +Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den +Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich +in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen +Firmaments anschlo. Wie ein leichtes Frsteln ging es durch die Natur, +als der farbenprchtige Himmel allmhlich verblate, die goldig warmen und +die blulich khlen Tne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die +durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand. + +Schnell huschte die Dmmerung wie ein leichter Schatten herbei, die +Gegenstnde verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ber, +verschwommen wurden die fernen Linien, alles lste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Snger des Waldes auf +den Zweigen. + +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare +im traulichen Flstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz +voran. + +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als +drauen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. +Ilse wurde es etwas bnglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bumen, sie +glaubte es berall knistern zu hren; bald sah sie sich ngstlich um, bald +sphte sie nach beiden Seiten in den dmmernden Wald. Mit jedem Schritte +wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stmme und herabhngenden +Zweige nahmen alle mglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr +vorberzogen. Das Knacken und Knistern in den drren sten auf dem Boden +wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. +Unwillkrlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit +angstvollen Augen dorthin, woher das Gerusch kam. Wie es in Augenblicken +groer Furcht gewhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. +Wenn sie berfallen wrden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die +schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflstern, wie sehr sie +sich frchte, als pltzlich zwischen den hohen Stmmen etwas hervorkam - +ein groer Hirsch, der quer ber den Weg setzte und nach einer Lichtung +zulief, wo er send stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklrt, Ilse +atmete auf, aber ein Gefhl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr +zurck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren +auch die andern meistens still. + +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft khl geworden, und dem +frhlingsjungen Waldboden entstrmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite +rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlfernd durch +seine eintnige Melodie, die sich anhrte, als snge es der zur Ruhe +gehenden Natur ein Schlummerlied. + +"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hhe. + +"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie ngstlich und nahm ihr Tuch von +den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der +liebenswrdigsten Weise. + +"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und +diesmal antwortete er liebevoller. + +"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewhnlich." + +"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!" +fragte Nellie eifrig. + +"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel +Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit." + +"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie. + +"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit +Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als +Gegengift." + +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas +einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit +Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen +Ratschlgen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die rzte, +schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lcherlich. + +Leo, der mit Ilse ein Stck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und +rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf +einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebudes +erkennen, das wohl das Frsterhaus war, an welchem sie vorbeikommen +muten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten +majesttisch darber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe +Silhouetten ab. Die Tre des Wildgatters das den Wald abschlo, fiel mit +dumpfem Tone zurck, und nun standen die nchtlichen Wanderer in einem +Garten, der zum Frsterhaus gehrte. Ilses feine Nase witterte etwas wie +Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgescho +waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mhe hineinsehen. Die +Frsterfamilie sa um einen runden Tisch versammelt, ber dem eine +Hngelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das +Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weie fiel ein heller +Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemtlichkeit +durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken +von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wnden, sie lachte aus den +freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen +und umgab auch die krftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine +Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Drauenstehenden +tat es leid, dieses harmonische Bild zu stren, sie rhrten sich kaum und +betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die +Hunde im Zimmer unruhig, der Frster erhob sich, kam zur Tre heraus und +nahm die spten Gste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er +hrte, da die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen +wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. +Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig +vor ihm standen. + +"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bichen Schnee wird's da +oben wohl noch geben." + +"Wir frchten uns nicht davor, Herr Frster," erwiderte Ilse lustig und +warf ihren Rucksack auf den Stuhl. + +"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und lie sich +in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, da die lahm gewordenen Federn +chzten. + +"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wnschen etwas zu +genieen," rief er hinaus. + +Die Frsterin kam herein, ihre Blondkpfe hinter ihr her, aber diese +blieben neugierig an der Tre stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch +Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand +lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschftigte sich mit den kleinen, +krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hhnerhund mit den herabhngenden +Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedrngt und lie sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen +Augenblick innehielt, stie er sie mit der Schnauze an. + +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drngten zum Aufbruche. Sie +hatten mit dem Frster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben +wollte, eingehend den Weg besprochen. + +Auffallend khl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den +dunklen Tannenwipfeln ber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silberglnzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt +verlieen sie die Landstrae, die sich als heller Streifen durch die Wiese +vor ihnen herschlngelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der +steinig und mhsam zu erklettern war. Hier schied der Frster von ihnen. + +Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hnde sich oftmals +krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Gerusch zu hren war oder sie irgend +etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevlkert den Wald fr +furchtsame Geister ja mit allen mglichen Spukgestalten, sie hren, wo +nichts zu hren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war +es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie wrde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie +doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht +unterdrcken. + +"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben. + +"Seht ihr nicht die weie Gestalt?" + +Eine weie Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien nher zu kommen +und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wre es bei diesem +Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst berhrte sie ganz die +spttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das +Gespenst losschritt. Pltzlich tnte ein schallendes Gelchter durch die +Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weie Geistergestalt +gestellt hatte und sich vor Lachen ausschtten wollte. + +"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und +sehen Sie es sich an!" rief er laut. + +Ilse rgerte sich im stillen und schmte sich zu gleicher Zeit, da sie +ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weie Gestalt war ein heller +Stein, ein groer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. + +"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fr eine Gestalt halten," meinte +Leo, welcher bemerkt hatte, da Ilse dem Weinen nahe war und sie +entschuldigen wollte. + +"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun fngst du wohl auch noch an, an +Gespenster zu glauben?" + +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht. + +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemtsverfassung fast teuflisch! Ja, +Blen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. +Aber Rache ist s! Der Augenblick wrde schon kommen, wo Ilse sie ausben +konnte, jetzt war ihre Erregung zu gro, um etwas sagen zu knnen; sie +wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. + + [Illustration] + +Bei dem Geistersteine verlieen sie den Wald, berschritten den Fahrweg +und waren nun auf der Hhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete +tief, der frische Hhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war +der Blick frei, keine beengenden Bume mehr, zwischen deren Stmmen man +allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengro, +ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rndern und lag breit auf dem +steinigen Wege und auf den niedrigen Fhren, zu deren Fen unter +Steingerll ein flinkes Wsserchen gurgelte, hastend und strzend, als +htte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die +Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn +unwillkrlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird +nicht fortwhrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle +Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele. + +Die frische Luft khlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im +Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame +Stille herrschte ringsumher. + +"O, wenn uns Rosi jetzt sehen knnte!" sagte Nellie. + +"Sie wrde uns fr verrckt halten," meinte Fred. + +"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fr verrckt," +erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkmmliche ist, blauer Himmel, +goldner Sonnenschein, grner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht +schn, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem +uerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen +sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders." + +Onkel Heinz hatte darin wohl trbe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte +man nicht nach dem ueren beurteilen; um ihn kennen und schtzen zu +lernen, mute man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft +Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. +Doch heute fhlte sie sich sehr geschmeichelt, da der sonst stets +absprechende Professor Gefallen an der nchtlichen Partie fand, wie es +sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mute aber auch das +hrteste Gemt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der +sie ganz erfllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel. + +Gegen zwlf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrcken den Giebel eines Hauses +auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf +welchen das Mondlicht blulich schimmernd lag. Allmhlich wuchs das Haus +immer hher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein groer +Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rttelte an den +Holzlden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Fhren, durch die hohen Grser. Drinnen lag schon alles im +tiefsten Schlummer. Die Tre war verschlossen, und erst, als man eine +Weile mchtig dagegen gehmmert harte, wurde ein schlrfender Schritt im +Hausflur hrbar, und die Tre tat sich auf. Die frhen und doch so spten +Gste muten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, +bevor es gemtlich wurde, aber dann lieen sie es sich auch wohl sein im +hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, +dem eine wohlige Mdigkeit folgte. Doch diese whrte nicht lange, denn +Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den brigen. Sie +sprach viel Vernnftiges und Unvernnftiges durcheinander, war sprudelnd, +lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureien. + +Nellies Blicke hingen wie verklrt an ihrem Manne, dem die Partie so gut +zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, +durch das Pulver, whrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten +Kognak. + +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die +Scherze der brigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die +Krone auf, als er schlielich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die +Urheberin dieser schnen Partie, hielt, welche mit groem Beifall +aufgenommen wurde. + +"Ich htte gar nicht geglaubt, da Sie so poetisch sein knnen, Onkel +Heinz," sagte Ilse, als sie sich fr diese Aufmerksamkeit bedankte, und um +ihre Mundwinkel zuckte es spttisch. + +"Wieso?" fragte der Professor erstaunt. + +"Nun, einem so eingefleischten, nchternen Junggesellen, wie Sie es doch +sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie knnten +nur ber alles spotten und hhnen." + +Onkel Heinz sah sie ganz bestrzt an, er ahnte ja nicht, da dieser Hieb +die Rache dafr war, da er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft +ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, da man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung +war es nun geschehen. + +Erst spt erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem +Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den +Fensterscheiben, bis er im fahlen Dmmer des aufzeigenden Tages verblate +und die glnzende Morgensonne seinen Platz einnahm. + +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustre, den Kopf +dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er +auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der +hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse +heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und +er konnte deshalb keine Ruhe finden. ber seinem Haupte jagten die Wolken, +vom Sturme getrieben, am Mond vorber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen +Blick fr solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, da +am stlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwhrender +Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmhlich wieder +verschwand. + +Lange noch blieb der Professor drauen. + +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saen. Es +sollte frh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten +Laune, er sagte, da er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. +Die Betten wren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Lden dumpfig +gewesen, und als er sie geffnet habe, htten sie geklappert, und das +helle Mondlicht htte ihn gestrt. + +"O, Herr Professor, seien Sie nicht bse," sagte Nellie; "sehen Sie doch, +wie schn es drauen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen +Frhlingsmorgen. + +"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht +geschlafen," erwiderte er mimutig. + +"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fue zuerst aufgestanden?" +fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte. + +"Dummheit, solches altes Weibergeschwtz auch nur zu wiederholen." + +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen +Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Strungen willen lebhaft +bedauert wurde. + +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, da es +berhaupt ganz gleichgltig sei, wie dieser oder jener Berg heie, oder +dieses oder jenes Dorf, es kme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas +behauptete. + +Ilse, welche ahnte, da sie wohl die Schuld an seiner blen Laune habe, +hatte ihm innerlich schon die schnsten Beinamen gegeben, wie "alter +Junggeselle", "Brummbr" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen +neckischen Ton ihm gegenber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen. + +Lustig verlie die kleine Gesellschaft etwas spter den Schneekopf. Der +Himmel hatte sich inzwischen bewlkt, der auf der Hhe nie rastende Wind +trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, rttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte +hinter den Gestalten der Wanderer her, da ihre Kleider und Mntel +flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb +Trnen in die Augen und blies die Backen feuerrot an. + +"Schneeluft," sagte Althoff. + +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont +bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weie Flocken hernieder, dann aber +wurde es ein lustiges Gestber, wie mitten im Winter. Locker und leicht +legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frhlingsflur, +aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja +jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nchste warme Sonnenstrahl nahm +ihn wieder mit fort. + +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fuhoch, und +darber muten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die +Fe bis ber die Knchel ein, was ein Hauptspa fr Ilse war. Sie fand +diesen "Winter im Frhling" herrlich und konnte ihr Entzcken nicht laut +genug uern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich +hchst rgerlich bis ber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so da nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, +wenn er eine Schneeflche durchwaten mute. Auch Althoff war diese Art von +Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt. + +"Liebster, ich mu dir einen Ku geben, so himmlisch finde ich es hier," +rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kssend, und stampfte mutig weiter, +umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. + +"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schn?" rief sie herausfordernd +und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht. + +"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und +wischte die Glser, die na angelaufen waren, wieder trocken. + +"Ein Unsinn, Gontrau, da wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und +schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wren wir weit nher +gegangen," sagte er dann zu Leo. + +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner +Behauptung. Schlielich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die +drei Mnnerkpfe beugten sich darber, bis Onkel Heinz zugeben mute, da +er unrecht hatte. + +"Die Juristen mssen ja immer alles besser wissen," sagte er. + +"Und die Zoologen sind immer streitschtig," entgegnete Ilse schlagfertig, +Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der +Karte berzeugen mssen, da dieser Weg der krzere ist." + +"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht magebend," +entgegnete der Professor in unerschtterlicher Streitsucht. + +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Ma war voll und lief ber. Alle +Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie +jetzt laut. Er mute anhren, da er ein alter Brummbr sei, der jede +Gemtlichkeit stre, und da er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette +Ehepaare, wie sie und Althoffs wren, ihn alten wunderlichen Junggesellen +in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liee, sie htte sich dies +schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, da Sie +keine Frau haben, Onkel Heinz, die rmste wrde ich bedauern," schlo sie +ihre Strafpredigt, die den andern hchst komisch erschien, denn sie +lachten laut darber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. +Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts +dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ber die Ohren, die +Mtze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. + +"Seien Sie froh, Professor, da Sie nicht verheiratet sind, denn so machen +es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu +scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in +sich versunken ging er weiter. + +Gegen Mittag hrte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue +Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien +die Sonne hell auf die blhende Frhlingslandschaft. In dem zarten Laube +hingen noch unzhlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden +erglnzte unter dem schimmernden Na, und auf den Wiesen, die sich als +eine weite, grne Flche bis zum nchsten Dorfe hinzogen, glitzerten +zwischen Halmen und Grsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Trnen +zu lcheln. + +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verlieen, der in die Dorfstrae +einmndete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin +und her bewegen, ber die hinweg ein blulicher Rauch in die Hhe zog. +Unter den Trnen, die hier noch in den Augen erglnzten, gab es kein +Lcheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den +Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rtliche Schein am Himmel in +letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz +nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des groen Feuers gewesen, dem +zwanzig Huser zu Opfer fielen. Ein wster Trmmerhaufen, aus dem es noch +hier und da schwlte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war +fast alles, was den rmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem +regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden +knnen, ein paar Sthle, Tische und Schrnke, ein Bndel Betten und +Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie +groem Werte fr ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und +prften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glcklicherweise war kein +Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Khe, Ziegen, Schweine, +war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die +Weiber umher, ngstlich an sie gedrckt die Kinder, bleich und verstrt +sahen die Mnner aus. + +Das war ein trauriger Abschlu der schnen Partie und ein beschmendes +Gefhl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, da sie +die Nacht in Lust und Frhlichkeit zugebracht hatten, whrend nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglck in so verheerender Weise hauste. +Das trbe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrcke der letzten +Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein +Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und bernchtig aus, +im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder +in hellster Aufregung gewesen war. + +Eintnig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, +erzhlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wute +kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, da ein altes Weib mit dem brennenden +Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, da es durch Kinder +entstanden wre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, da es "angesteckt" sein msse. So meinte auch der Wirt, +der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem +Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoen und +sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber pltzlich +verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn +lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wrde es ja +herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schlo der Wirt seine +Rede. + +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und +Gontrau besichtigten die Brandsttte mit dem Pastor zusammen, Nellie und +Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen trstende Worte zu ihnen, +die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten +alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, +denn auch die besten Trostesworte wrden ihnen das Verlorene nicht wieder +bringen. Hilfe mu auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war +die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die +Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand +Vorschlge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem +Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der +Waisenkinder stattgefunden, da wrde jetzt wohl ein zweiter nicht viel +Anklang finden. Althoff wollte ein Schlerkonzert veranstalten, das war +schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz +aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt +hartnckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem +neuesten Ereignisse beschftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb +keine Beachtung. Die Vorschlge wurden nochmals berlegt und geprft, bei +dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch +keiner zu gefallen, als Leo pltzlich auf den Einfall kam: eine +Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zndend, besonders auf +Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff. + +"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ber das andre Mal, und auch die +brigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spttisches +Zucken um die Mundwinkel Ilse glcklicherweise nicht bemerkte. Sie war +Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das +mute ziehen. Sicher wrde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater +gern berlassen, meinte Leo, und Ilse drngte, da er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die +Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natrlich +auch sofort errtert wurde, "welches Stck?" Das war gar nicht so einfach, +denn was fr Schauspieler gut und passend war, brauchte fr Dilettanten +noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu +berlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stck vorschlug, hatte wieder der +andre alles mgliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne da sie +zum Schlu kamen. + +"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stck, das Dilettanten spielen +knnten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die +Telegraphenstangen zu zhlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen +hinaus. + +Da kam der Direktor aber an den Rechten; fr Komdienspiel hatte der +Professor nie viel brig gehabt. + +"Mit Theaterstcken wei ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu +tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte +Antwort. + +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit +davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort bel zu nehmen. Er lachte +darber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. - + +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der +schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des +milden Lichtes hoch ber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurck und verdrngte fr einige Zeit das letzte Erlebnis. +Es war doch herrlich gewesen, drauen zu wandern im Mondenscheine, der +heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die +ber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen lie. Matt +lag er auf den Schieferdchern, auf den hellen Hauswnden und den grauen +Straen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen +Schimmer. + +Onkel Heinz verlie die brigen nach kurzem Gutenachtgrue an der Strae, +die nach seinem Hause fhrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die +stille Nacht. + + * * * + +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der +Wohlttigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Ntigste +besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern berlassen worden. +Tglich wanderten Ste von Bchern aus der Leihbibliothek in das +Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu +whlen. Nachmittags kam regelmig Nellie, und der Abend wurde dazu +verwandt, bei ihr oder Gontraus groen Kriegsrat zu halten. Und wen die +Sache noch aufs hchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater +wollten Theater spielen, darin lag fr sie ein groer Zauber! Schon einige +Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor +Aufregung nicht einschlafen knnen, und die nchsten Tage wurde nichts +anderes gespielt als Theater. Leo hatte schlielich verboten, sie wieder +mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den +Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und +begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine +Zeitlang, bis andre Eindrcke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafr pltzlich wieder aufs lebhafteste, sie +horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern +sprachen. Das glnzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine +Mrchenwelt eingefhrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das +stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfllt von dem +Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften +Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren +groen, blauen Augen verstndnislos an, sie hatte mehr Sinn dafr, ihre +Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth +dagegen fhrte allerhand Komdien mit denen, die ihr gehrten, auf, und +wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie +in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank +im Bette liegen muten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen +Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Trnen, Streit und ein +Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schlu. + +Nach langem Whlen hatte man sich endlich fr drei Einakter entschieden: +"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Grlitz und +"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stcke hatte man nun glcklich, doch +jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fr das zu sorgen war, nmlich: +die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kmpfen ist, kann nur +derjenige nachfhlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung +zustandegebracht hat. + +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie +erstere glaubte, brauchte man nur an die Tren zu klopfen, um gefllige +Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wrde jeder einwilligen, sich fr +einen so guten Zweck herzugeben. + +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas +viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Knstlerinnen +zusammen zu holen. + +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und +Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ber die kleinlichen, +engherzigen Ansichten der Menschen ergangen. + +"Theaterspielen auf einer ffentlichen Bhne!" Das war fast in allen +Husern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrmpfen dabei, als ob +von den hheren Tchtern etwas Unerhrtes verlangt wrde, brachte Ilses +Blut in Wallung. + +"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das knnen Sie nicht von +meinen Tchtern verlangen, sich der ffentlichen Kritik auszusetzen." + +"Ja, aber Ihre Tchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brtchen +herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der +ffentlichen Kritik ausgesetzt?" + +"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres." + +Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz +einer lngeren Erklrung der Dame, die es wohl selbst nicht wute. Die +beiden gaben jeden weiteren Versuch auf. + +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, +da sie sich auf einer ffentlichen Bhne zeigte, denn ihr Schuster, ihre +Schneiderin knnten ja nachher sagen: "Gndige Frau, was haben Sie aber +schn gespielt!" + +"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswrdigsten Schelmengesicht, das sie +stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie +brauchten sich doch darber nur zu rgern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin fnden, da Sie schlecht gespielt htten." + +"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, da mir berhaupt an dem Urteile +solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will +mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen." + +"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch +keine Schande, ihr Urteil anzuhren," sagte Ilse, innerlich emprt ber +solche Anschauungen. + +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darber dchte sie nun +einmal anders. + +Mit khlem Gru verabschiedeten sich die beiden. + +"O, was ist sie verrckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der +Strae standen, aber Ilse war schon ganz kleinmtig geworden und wollte +die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tren betteln +und wrde berall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den +Gedanken an eine Auffhrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten +sie das Werk begonnen. Ilse war im hchsten Grade aufgeregt; beinahe fing +sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die +viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf. + +"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_," +trstete sie. + +Bei der nchsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glck; ja die +Idee wurde sogar mit groer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas +fr die armen Leute, von deren Unglck die Zeitungen schon viel berichtet +hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder +Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in +den Jahren, wo ein junges Mdchen anfngt, "ein lteres junges Mdchen" zu +werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch lteren Schwestern und +ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jngste und wurde "das +Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schngeistig angelegte Natur, sie +dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fr das Theater, +selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon +oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu bernehmen. + +"Vielen, vielen Dank fr Ihre liebenswrdige Zusage, Frulein Born," sagte +Ilse mit einem herzlichen Hndedruck beim Fortgehen und versprach ihr, +bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. + +"Das alte Frulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte +Ilse drauen zu Nellie, whrend das "alte Frulein" drinnen bereits mit +der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe knnte sie auch noch sehr +gut spielen, sie htte sogar das richtige Temperament dazu. + +Ilse war hoch erfreut ber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit +keinem Gedanken daran, da dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze +zappeln wrde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante" +nahte. + +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und +Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts +dagegen, und die beiden Tchter nahmen das Anerbieten mit groer +Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, +ein frisches Mdchen, die gewi gern eine Rolle bernehmen wrde. + + [Illustration] + +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich +besetzt waren. Fr die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging +es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache +war abgemacht. + +Ilse und Nellie erzhlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen +ihren Mnnern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses +Begeisterung, die vorher den hchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wrde die Idee mit ihren +Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen knnten, +gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber berzeugte sie sich noch +mehr, da eine Dilettantenauffhrung zustande zu bringen nicht so schn +und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mute ihr immer +wieder Mut einsprechen. Er bernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. + +Endlich fand die Leseprobe glcklich statt. Glcklich? + +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube +Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entrstung von Frulein Born +zurckgewiesen, und die beiden Frulein Schmidt zogen lange Gesichter, als +ihrer Freundin, die sie doch erst eingefhrt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde. + +"Ach, das Dienstmdchen soll ich spielen?" sagte Erna, die lteste +Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die +Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht +und wre doch zu kurz. + +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich +bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache +etwas in Gang. + +"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle +fgen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. +Wir mssen vor einem groen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht +blamieren." + +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es +wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten +Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden +Ehemnner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv +mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer +Kritiker sein. + +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos ffnete +sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, +der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, da ihm in den +nchsten Tagen wenig Zeit brig bleiben wrde. + +"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er rgerlich ber die Strung. + +"Da, hier lies," rief Ilse. "Frulein Born will die taube Tante nicht +spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wnsche +nicht, da sie als Dienstmdchen in die ffentlichkeit trete. Wenn sie +spter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bllen zusammentrfe, +knnte das zu Miverstndnissen fhren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja +nichts, es wird sicher nichts, Leo! La uns die Sache aufstecken," +jammerte sie. + +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, +Ilse zu trsten und zu beruhigen, bis sie schlielich auf dem Standpunkt +der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ber alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch hchst amsant, die Menschen auch mal +bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen. + +Nellie berbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus +Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen. + +"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie wre es, wenn wir Frulein Born +als Kder den Prolog gben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?" + +"O, das tut sie, das tut sie gewi!" meinte Nellie. + +"Ja, und das Dienstmdchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das +bernehmen?" fragte Leo. + +"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stck," +sagte Ilse pltzlich. "Die Rolle des Dienstmdchens ist ja eigentlich viel +hbscher; da ich daran nicht gleich gedacht habe!" + +"O, wie schade, du wrdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie. +"Kann ich nicht das Mdchen spielen? Aber ein Dienstmdchen mit englischem +Akzent pat doch wohl nicht?" + +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie bernahm das +Dienstmdchen. + +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen +Krfte wieder einzufangen. + +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem +Zureden gelang es auch, Mietze zu berzeugen, da die Rolle der sanften +Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr hbsch sei. + +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! + +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Frulein Born. Die jungen Frauen +wurden von den beiden lteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der +Singstunde, mute aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saen +die beiden Frulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete +einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen +beiden Parteien hin und her. Die ltlichen Schwestern meinten, zu einer +solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie +diese Rolle spielen sollte, whrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzge +derselben auseinandersetzte. + +Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube +Tante" von sich, indem sie erklrte, berhaupt nicht mitspielen zu wollen. + +"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen +schnen Prolog gedichtet und hoffte, da Sie ihn als Muse sprechen +sollten; o, wie schade, da Sie nicht mitwirken wollen." + +"Einen Prolog?" fragte Frulein Born einlenkend, und ber ihr Gesicht ging +es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, +weies Gewand, klassischer Faltenwurf, grner Epheukranz auf dem +griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fr sie! + +Ohne langes Zgern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor +dem Altare war - und erklrte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, +die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schlielich, damit trstete +sie sich, war es doch nur eine groe Selbstverleugnung von ihr, die Rolle +einer Alten zu spielen, und das wrde man auch gewi allgemein anerkennen. + +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder +aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders groe Angst gehabt. + +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemt durch solche Vorbereitungen +versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend +beschftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie fters lngere +Selbstgesprche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Da sie die +Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte +eine groe Angst, ob alles gut gehen wrde. + +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte +nun die erste auf der Bhne stattfinden. + +"Mutter, la mich mitgehen," bettelte Ruth mit glnzenden Augen, aber Ilse +wies ihre Bitte zurck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo +so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur +Generalprobe vertrstet. + +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser +leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. - + +Das Theater, von der Bhne aus gesehen, kannte fast keiner der +Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. +Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen +im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und +tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkpfige +Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hllen +berzogenen Samtsitzen sa und ber die goldverzierten Brstungen lehnte. +Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere +Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst +war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich +nach dem Platze, wo ein blhendes junges Mdchenantlitz zu sehen war. Wie +bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich +untereinander die Pltze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen +sollten, um vor den neugierigen Blicken der groen Menge drauen zu +erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, +einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Bhne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt +bedeuten! Neugierig wurde die Bhne von allen Seiten betrachtet; nchtern, +de, geschftsmig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die +meisten doch anders gedacht! Man mute sich in acht nehmen, nicht ber +Gerte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die +Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +tuschend nachahmten. Ein bhnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, +lie es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklrte den Schnrboden, +stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wibegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. +Aber trotz mancher Enttuschung ber das "hinter den Kulissen" blieb doch +die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen +Zgen ein; Frulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im +Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwrmerischen Augen +sah sie in das leere Haus! + +Leo lie eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mute erst +befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten +und Direktor Althoff saen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch +leuchteten die weien Gesichter in der Dunkelheit. + +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" berkam ein leises +Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertnte und sie nun sprechen mute. +Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an. + +"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertnte im +gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den +hintersten Reihen des Parketts lie sich eine Stimme vernehmen: + +"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hren!" + +Frulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mute auf Leos Gehei +noch einmal von vorn anfangen. + +Sie war emprt darber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und +der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzckt gewesen und +nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der +Betonung, die sie ber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung +herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Trnen +nicht zurckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen. + +Siedendhei berlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half +nichts, der Kelch mute geleert werden, wenn er auch noch so bitter war. + +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Frulein Born auf, welche +schluchzend in ihrer Garderobe sa. + +"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Frulein, warum weinen Sie +denn?" redete ihr Ilse zu. + +"Soll ich da nicht weinen, wenn ich ffentlich blamiert werde?" gab das +Kind auer sich zur Antwort. + +"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," trstete +Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen. + +"Es wre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht +mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerhmt, und meine +Schwestern fanden, da ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck sprche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hrt, verliert man alle Lust." + +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen +wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Trnen eher noch reichlicher, +als zuvor. + +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine +Notiz genommen hatte. + +"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen uerungen," sagte sie nervs +zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht +mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt." + +"Ach, dann la die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch grlich," gab +er eilig zur Antwort. + +"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!" + +"Sie wird sich schon wieder trsten, Schatz," sagte Leo flchtig; er hatte +jetzt keine Zeit zu lngeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur +"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen. + +Der Inspizient, Direktor Althoff, mute verschiedene Male an die Tre von +Frulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich ffnete und das "Kind" +auf der Schwelle erschien, mit gerteten Augen und mit den Blicken einer +erzrnten Gttin. + +Ilse war froh, als die gekrnkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte +schon geglaubt, da dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfhren und nicht +mitspielen wrde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem +Vorhergegangenen nahm, wies Frulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft +tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in +einem Tone herunter, der gengend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie +"muckte", wie ein strrisches Droschkenpferd, und selbst die +Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten +sie nicht aufrtteln. + +"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit mu besser zur Geltung kommen," rief +Althoff ein ber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an, +die "taube Tante" sehr natrlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von +dem zu hren, was ihr gesagt wurde. Leo lie sie denn fr heute auch in +Ruhe, als er merkte, da alle seine Bemhungen vergeblich waren. + +Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden +ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der +Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das +reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +muten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt +gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den +ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal +geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswrdige Geduld, er zeigte +immer wieder, lie immer wiederholen, whrend Althoff schon lngst auf +seinem Sitze unruhig hin und her rckte. + +"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser +Probe auch etwas bnglich zu Mute wurde. + +Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel +glnzend ins Wasser, bei jeder Annherung des Liebhabers zuckte der +Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schchternen +Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und lie das +"Schreckliche", ohne ein Glied zu rhren, ber sich ergehen. Fr die +Zuschauer ein hchst spahafter Anblick, fr Leo aber auf die Dauer eine +Qual. Er hatte es unzhlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, +scherzend, liebenswrdig, ernst, aber nun ri endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewhlt. + +"So geht das nicht, liebes Frulein, wenn Sie -", er verbesserte sich +schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns." + +Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung +- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; +wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter +die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spter sa auch sie +in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer +zwei an diesem Abend. + +Diesmal bernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt +und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefhlen. Einesteils fand +sie, da Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr +die groe Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lcherlich. + +Das "Kind" war auch hereingeschlpft, mit ihr die andern jungen Mdchen, +sie muten doch ebenfalls alles sehen und hren, was da vorging. + +"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben +doch alle unser Teil bekommen, das nchste Mal werden wir es schon besser +machen." + +"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Frulein Born mit +spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine +besondere Rcksicht." + +"Na, ich frchte mich schon vor dem nchsten Stck, wenn ich dran komme," +meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden." + +"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie +eben keinen Tadel vertragen knnen, wollen wir die Geschichte lieber +aufgeben, die so viel Mhe und bis jetzt so wenig Freude macht." + +"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Frulein +Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung +doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht +deshalb Theater, um mich nur zu rgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu +glauben, da er dumme Schulkinder vor sich hat." + +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen +mit der Heftigkeit, wie ungefhr eine Lwin ihr Junges verteidigt. Ein +Wort gab das andre, die brigen mischten sich mit hinein, schlielich +sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht +mitspielen", "rcksichtslos" usw., tauchten wie Froschkpfe in einem +Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fr +zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder +an den weigetnchten Wnden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden +Seiten des Spiegels und das dicht verhngte Fenster, durch welches kein +Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem +Raum, und da war es denn kein Wunder, da sich nicht nur die Gemter, +sondern auch die Kpfe erhitzten. Erika Blum sa auf dem einen der beiden +einzigen Sthle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll +zu. Die Trnen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie +sogar schon gelchelt. + +Das Verschwinden der smtlichen weiblichen Mitspielenden war schlielich +Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stcke begonnen +werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die +Damengarderoben mndeten, hrten sie durch die Tre ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von drauen wie das Summen von vielen, in einer +Schachtel eingesperrten Maikfern anhrte. Alles Rufen, Klopfen, Rtteln +an der verschlossenen Tre wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen +berhrt; erst als das Klopfen zu einem donnerhnlichen Drhnen anschwoll, +gltteten sich die aufgeregten Wogen. Frulein Borns Flacon, das sie +stets, mit klnischem Wasser gefllt bei sich trug, wanderte von einer zur +andern, die Taschentcher wurden getrnkt und muten die Wangen khlen. +Dann erst wurde die Tre geffnet. + +"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas rgerlich, +aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes +Gesicht sah. + +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel +Zeit mehr, es mute deshalb schnell zu Ende geprobt werden. + +Auch die beiden andern Stcke wurden nicht viel besser gespielt; es +herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete +und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmdchen im +"ersten Mittagessen" so tragisch, da man ber diese komische Rolle eher +zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch +keineswegs lustig zumute; bei den fortwhrenden unangenehmen +Zwischenfllen konnte man unmglich seine gute Laune behalten. Die junge +Frau, Erna Schmidt, mute ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle +werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, da es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei +Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" lieen +die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffhrung durch +ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft +gelacht. + +Ilse lachte nicht mit, sie war im hchsten Grade aufgeregt. Da - zwischen +den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals +nach Leo hinberflogen, konnte man schlieen, da von ihm, und zwar nicht +in der liebenswrdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am +liebsten wre sie hingegangen und htte die zischelnde Gruppe gesprengt, +aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war +und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte. + +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und +Nellie muten manche Rge, manchen Tadel einstecken. + +Immer hher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als +unberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs +Tagen schon sollte die Auffhrung sein - das war ja ein Ding der +Unmglichkeit! Und sie erzhlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die +sich hinter den Kulissen, nmlich in der weiblichen Garderobe abgespielt +hatten. + +Leo brach in ein lautes Gelchter aus, und Althoff meinte, ohne Zank knne +es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen. + +Ilse jedoch lie ihren Trnen freien Lauf, sie war abgespannt und nervs +von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen. + +"O, _darling_, du mut dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte +Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!" + +Aber der Freundin Kummer mute sich austoben. Der einzige, der ihr recht +gab und dergleichen auch hchst rgerlich fand, war Althoff; er stimmte +ihr vollstndig bei, whrend Leo die Sache von der komischen Seite +auffate. + +"Pat auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse, +"und was machen wir dann?" + +Leo lachte sie aus. + +"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und +sich die Sache berlegen; das Theaterspielen hat doch zu groen Reiz fr +alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog +sie in seine Arme. + +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt +sie an Alpdrcken. Sie trumte, da sie in der engen Garderobe mit den +andern zusammen, wie in einer Sardinenbchse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und +Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, da sie frchtete, +erdrckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rckwrts +noch vorwrts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein +entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bhne, die +Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von +ihrer Rolle, die Klingel ertnte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in +diesem Augenblicke der hchsten Qual erwachte sie. Die helle +Frhlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich +erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, +Ruth mit einem Veilchenstraue in der Hand, den sie eben aus dem Garten +geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bsartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der +Theaterangelegenheit hren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit +Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frhlingsmorgen. Seit einigen +Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt +umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken knnen, wie weit das Grnen und +Blhen drauen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzhlen +- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in +der letzten Zeit etwas hatte vernachlssigen mssen. Aber bald wrde alles +vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fr sie allein da. + +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, +aber seine Tre war verschlossen gewesen. + +Onkel Heinz! Selbst fr den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen +Gedanken brig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, da er sich +nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hren, htte sie +nicht ertragen, und an Spott wrde er es sicher nicht haben fehlen lassen. + +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten +Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis +zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rckweg begegnete ihnen Rosi. + +"Nun, ich hre, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen +Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darber urteilen wrde, +konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch rgerte sie die Art, in +welcher Rosi danach fragte. + +"Es ist nur gut, da ihr es wenigstens fr einen guten Zweck tut," fuhr +sie fort; "mein Mann hat auch schon fr die armen Leute sammeln lassen." + +Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie +bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?" + +"Ich wei noch nicht, ob Adolf Zeit hat." + +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu +gro und siegte ber die sonstige Abneigung gegen das Theater. + +Vor der nchsten Probe hatte Ilse eine frmliche Angst. Doch es schien +wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die +Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und +nachdem die grten Schwierigkeiten berwunden waren, stellte sich auch +die Lust und Begeisterung wieder ein. + +Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und +trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben +teilzunehmen, mute man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. + +Wie zwei gestrenge Wchterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe +Platz und blieben dort den ganzen Abend ber sitzen. + +Tglich wurde jetzt geprobt, und allmhlich trat die richtige Stimmung +ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde +gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute +Kritiken nicht mehr bel. + +Sogar Frulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet +und behandelte sie nicht mehr so gleichgltig; auch der Backfisch war bei +der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefhlvoller als +das erste Mal. + +So war man glcklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewhnlich +nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffhrung +stattfinden. + +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch +konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur +verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 6 Uhr sollte man dort +sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie +fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange. + +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Rume; wo ja ein lichter Strahl +von drauen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhnge +daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. + +Von der Bhne her tnte Sprechen und Hmmern. Ilse lief schnell erst +einmal dorthin, um Leo zu begren, der mit Althoff zusammen noch alle +mglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie +daran dachte, da sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch +- welcher Zauber lag in dem Gedanken! + +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. +Die Tren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten +wurden nochmals einer genauen Prfung unterworfen, diese und jene kleine +nderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfmduft lagerte +ber dem Ganzen. Das "Kind" sa im Frisiermantel in seiner Garderobe mit +aufgelstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Brste und Kamm +bearbeitete, whrend die andre geruschvoll ein Ei mit Zucker in einem +Glase zusammenquirlte. Das war gut fr die Stimme und wurde der Erregten +lffelweise eingegeben; auerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem +Tische und ein Teller mit belegten Brtchen, um die Krfte der vom +Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in +den Hnden und memorierte fortwhrend. + +"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das lteste Frulein Born, als +Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch +wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!" + + [Illustration] + +"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe +ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen. + +Und in der Tat, was das "Knnen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas +fhlten nach ihrer Meinung nur gewhnliche Sterbliche, Knstlerseelen, wie +sie, waren ber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, da selbst +die grten Knstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und da, +wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewut auftreten sieht, +diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Knstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ber welche +der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet. + +In den Garderoben der jungen Mdchen herrschte ein lustiges Durcheinander. +Auch hier erwiesen sich Mtter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so +vielerlei zu tun. Erika Blum lie sich noch einmal ihre Rolle berhren; +besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur +hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen mssen. Wenn es nur +heute abend gut ging! Sie sah brigens reizend aus, die hbsche Erika. Das +blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ber den +Rcken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife +zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das +sorgfltig ausgebreitet ber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschft des +Ankleidens mute nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Frulein +Borns Tre verschwunden und wrde gleich zu den andern kommen. + +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffhrung +wrden einem objektiven Beobachter eine Flle von komischen Eindrcken +bieten. Da lst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Nchstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus +zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder mchte zuerst fertig sein, +zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! + +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mdchen fhrten zwei +Mtter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, da ihre Tochter +die schnste sei, und trotz des Eifers und der groen Eile flogen doch +verstohlene, prfende Blicke hinber und herber. + +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbchse; er wurde sofort +frmlich umringt. + +"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran." + +"Meine Haarfrisur hlt aber solange auf, Sie mssen mich zuerst +frisieren!" + +"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so +richtig, oder mu der schwarze Strich unter den Augen strker sein?" + +Der parfmierte Jngling konnte sich vor so vielen Fragen und +Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; +endlich scho Erika den Vogel ab; sie wurde die erste. + +"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewhnlichen Leben +waren ihre frischen Farben ihr grter Kummer, sie fand es interessanter, +etwas bla auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarknstler +versicherte immer wieder, da sie ausgezeichnet "wirken" wrde, und die +Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, s, entzckend!" Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ber das +reizende Tchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher +Liebenswrdigkeit, da Erna und Mietze doch noch viel hbscher ausshen. + +In demselben Augenblick flog die Tre auf, das zweite Frulein Born +strzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde" +zurckgeholt, denn die blonde klassische Percke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; auerdem war das Schminken +noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. + +"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Frulein Born ngstlich, als +die jungen Mdchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen +Dienstmdchenkleid erschien. + +"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, +sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte +dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht grlich aus?" + +Da diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von +den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lchelte ihrem +Spiegelbilde wohlgefllig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten +fortwhrend, wie reizend sie ausshe. Dabei legten sie immer wieder die +weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und +keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trgerin verschoben. + +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor +sich gegangen. Die blonde Percke, die Schminke und das griechische Gewand +hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das +sie sonst im Leben nicht mehr besa. Fr die brigen hatte die aufgeregte +Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. + +"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schn +von Ihnen abstechen!" + +Und mimutig glitten ihre Blicke ber das graue Kleid der "tauben Tante", +das schlaff und dunkel an der weien Wand hing. Dahinein mute sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war +eigentlich zu rgerlich. + +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, +deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, +jetzt muten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prfender +Blick in den Spiegel. + +"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel - +schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber +fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?" + +Annas Hnde flogen, whrend die andre Schwester mit dem roten +Strkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," drngte sie und hielt +der Muse das volle Weinglas an die Lippen. + +"Vorsichtig, vorsichtig, da die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, - +dann rauschte es hinaus. + +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bhne +versammelt. Man drngte sich an die kleinen Lcher im Vorhang, um ins +Publikum sehen zu knnen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in +dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch +strmte es noch fortwhrend herein. In der ersten Reihe saen die beiden +Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gro und erwartungsvoll auf den +bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen +mochte; denn whrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die +Kulissen tun drfen - o, das war eine Wonne gewesen! + +Wie fernes Meeresrauschen tnte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den +Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders +laute Stimme heraushren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tnten +einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine +Instrumente stimmte. + +Alle diese Gerusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen +zum Beginn ertnte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte. + +Nur wer einmal eine solche Auffhrung mit durchgemacht hat, kann die +allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum +ersten Male hebt, nachfhlen! + +Die Bhne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde +im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertnte; voll +Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hnde +und Fe, hmmerndes Herzklopfen, momentane vollstndige +Gedchtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des +Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder +weniger ergriffen hatte. + +Die Ouvertre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte +Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein +Flgelschlag, - der Vorhang ging in die Hhe. + +Das Gefhl, welches Frulein Born beim Beschreiten der Bhne hatte, war +demjenigen sehr hnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den +Marterstuhl eines Zahnarztes niederlt. Vor ihren Augen tanzte das +vielkpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten +Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flstern +ber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme +wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorber. + +"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den +Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, +und wie Sphrenmusik klang das laute Hndeklatschen an das Ohr des +"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal mute er sich wieder +heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines +solchen Augenblicks beschreiben! + +Mit geffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die +tief Bewegte, whrend die andre schon wieder den bewuten Labetrank bereit +hielt. + +"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich +wirklich wie eine groe Knstlerin vor, als an allen Ecken und Enden +helfende Hnde bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln. +Hinein mute sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare +wurde ein Spitzenhubchen gesteckt. Der Friseur tnzelte um sie herum, und +unter seinen flinken Hnden entstand ein wrdiges Matronenantlitz. + +"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus," +sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn. + +"Nein, nein, keine knstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte +der gelockte Jngling und besah prfend sein Werk, hier und da noch einen +kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend. + +"Lassen Sie nur, Sie knnen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller +Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er drauen war, einen +widerlichen, unverschmten Menschen. + +Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika +entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und +auch die Umarmungsszene geriet weit natrlicher als bisher. Mietze Schmidt +und ihr komischer Liebhaber paten vortrefflich zusammen, und die "taube +Tante" hrte es mit Genugtuung an, wie man ber ihre Schwerhrigkeit +lachte. + +Der Beifall war geradezu strmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende +war, und als Erika auf der Bhne erschien, flog ein wundervoller Strau, +ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fen nieder. Galant +berreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke +konnte man doch bemerken, wie tief sie errtete. + +"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den +Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen +steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid", +so eilig hatten es die brigen, den Strau zu sehen und zu bewundern. Er +wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen +bereits an, ihre Glckchen zu senken, als sich so viele Nasen darber +beugten. Dieser Strau war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben +mochte, darber zerbrach man sich die Kpfe. Erika mute viel mit anhren. +Sie wute ja natrlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es +nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. + +Frulein Born aber meinte, anonyme Geschenke drfe ein junges Mdchen +eigentlich gar nicht annehmen, sie fnde es wenigstens nicht schicklich +und wrde es sicher nicht tun. + +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, +sie wnschte schon, sie htte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt +die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie mge sich nur ja +darber freuen, die andern wren alle nur neidisch auf sie. + +"Wahrscheinlich wieder so eine Anbndelei von der Erika; sie hat eben doch +ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spter zu den Schwestern, und +die hbsche Erika wurde von den dreien tchtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das hbsche Mdchen!" + +Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmdchenrolle erschien, +erklang pltzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. +Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und +sich gar nicht darber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am rmel +zupfte und zur Ruhe verwies. + +brigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der +wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar +einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse +Dreistigkeit ber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, +wenn der Vorhang in die Hhe ging, sondern fhlte sich schon ganz heimisch +auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bhne nach der Musik +getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die +Darsteller, berbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natrlich nur die +guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben. + +"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent," +sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelchelt hatte, +aber zu einem wahren Genu nicht gekommen war. + +"Passend finde ich es nicht, da eine Frau noch Theater spielt," warf sie +ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ber so etwas anders!" + +Die Betonung dieser Worte lie erraten, welchen Sinn sie hineinlegte. + +"Aber bedenke doch den guten Zweck, Rschen; sie nehmen eine Menge Geld +ein fr die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem +vollen Hause um. + +Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohlttige +Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggrnde eines jeden auf seiner +Stirn zu lesen gewesen wren, die ihn heute abend ins Theater gefhrt +hatten, so wrde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ber die +Wohlttigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der +ffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen groen Reiz. + +Zum dritten und letzten Male ertnte jetzt die Klingel. Die +"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stcke +gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie +diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermdchen, vorzglich besetzt. Der Beifall war ein groer, und +zum Schlusse muten die Spielenden vier- bis fnfmal erscheinen; +unermdlich rhrten sich die Hnde der Zuschauer, und einzelne Begeisterte +dankten sogar mit lauten Bravorufen. - + +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden +Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren +Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen +bergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife +und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und +wieder in das alltgliche verwandelt. + +Mit wehmtig zrtlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches +Gewand, das die Schwestern soeben sorgfltig in den Korb einpackten. Wie +schade, da der schne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das +bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig +versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei. + +Ilse schien aber doch ganz froh darber zu sein, da die aufgeregte Zeit +ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war - +vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen wrde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt." + +Und wie war es gelungen! Fr allen rger im Anfang, fr alle Mhe, war der +Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 +Mark bermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rhrendes +Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die +Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schnes +Gefhl, fr ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so +viel Jammer und Elend zu lindern. + +In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffhrung gab es natrlich nur +dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten +klang die Kritik berraschend hnlich, da sie sich eben nur in +Gemeinpltzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstndnislos, +da man genau wute, hinter dem Rcken sprachen sie ganz anders. Nur +wenige uerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, da sie in die Sache +eingedrungen waren; auch da sie dies oder jenes tadelten, sich manches +anders gewnscht htten, war ein Beweis, da man der Wahrheit ihrer Worte +trauen konnte. Den grten Spa bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hrten; wie sehr +wrde darber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen +triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase germpft +haben. - + +Fritz war am Tage nach der Auffhrung heimlich in aller Eile gekommen und +hatte sich von Ruth erzhlen lassen, denn er selbst war natrlich nicht im +Theater gewesen. Rosi behandelte ihn berhaupt jetzt unerbittlich strenge, +die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes +mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es mu und soll +etwas Tchtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn +Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand +nehmen." + +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beiflligem Kopfnicken begleitet +und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ber Kindererziehung +zum besten, die in der Theorie nichts zu wnschen brig lieen, jedoch in +der Praxis wohl zu einem klglichen Resultat gefhrt haben wrden. Aber +fr Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum +ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz +und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten +nicht eingehst," htte man ihr zur Antwort geben mssen. Bei Tante Ilse +fhlte er sich so wohl, sie hatte Verstndnis fr den aufgeweckten Jungen +und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit +Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mdchen erregte +stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +besitzen, hatte sie deren schwache Seiten lngst erkannt, und zwischen den +beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschschtiges Kind, +Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch. + +Fritz hrte mit offenem Munde Ruths Erzhlung ber das Theaterspielen an. +Ach, das mute doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch htte +sehen knnen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, da selbst +Ilse, die eben dazu kam, darber lachen mute, und dann berichtete sie, +welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt htten. +Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn +vergeblich auf allen Pltzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter. + +Ilse lchelte zu dieser Frage. Da sich Onkel Heinz solchen +"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wrde, hatte sie wohl +gewut, aber auffallend war es, da er sich gar nicht sehen lie. War er +noch bse? Sie hatte darber in den letzten Tagen wenig nachdenken knnen, +aber jetzt kam ihr der Gedanke pltzlich, und alles stand wieder deutlich +vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen +brigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. +Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne da er kam - natrlich: "er brummte +wohl mal wieder!" + +"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse +spter zu Leo, als sie mit ihm darber sprach und auch er die Meinung +uerte, da der Professor zrne. + +"Ja natrlich, Ehemnner mssen sich das belnehmen mit der Zeit +abgewhnen," erwiderte er seufzend, aber die glcklichen Augen, mit denen +er seine Frau ansah, straften ihn Lgen. + +"Die Ehemnner, welche sich am glcklichsten fhlen, beklagen sich am +meisten," gab Ilse zurck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine +Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wre dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frher doch ganz anders +geworden, nicht wahr?" + +Er zgerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, da +sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil +sie sich des einstigen Trotzkopfes schmte und sich nicht gern daran +erinnern lie. + +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief +sich alles wieder ins Gedchtnis zurck, was er gesagt und was sie +erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum mute er sie auch +immer so reizen!" + +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung +verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, da er schon seit lngerer +Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die ntige +Pflege htte finden knnen. Leo suchte ihn dort sofort auf. + +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und +mute sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend +heimkehrte. + +Das Mitleid verdrngte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz +von freundschaftlichster Teilnahme erfllt und malte sich das Bild des +einsamen, kranken Junggesellen in den trbsten Farben aus. Warum hatte er +auch nicht zu ihnen geschickt! + +"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und +doch knnte einer sterben und verderben, ohne da man etwas davon merkt!" +rief sie mit Trnen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, +als sie erfuhren, da ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer +leidenschaftlichen Art fragte fortwhrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz +nicht am Ende sterben wrde, und lie sich kaum beruhigen. + +Am andern Tage mute Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen +und fragen, ob sie den Professor besuchen drfe. + +Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurck und erzhlte, da sich der Professor +durch Ilse tief gekrnkt fhle und durchaus nichts von ihrem Besuche +wissen wolle. Darber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, +deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie +mit der Antwort auswich, da er sich noch zu krank dazu fhle. + +"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse +hatte Not, die betrbten Kleinen wieder zu trsten und zu erheitern. Jetzt +empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein msse, der +sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn +nchst ihren Eltern am meisten liebten. + +Am Morgen des bernchsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, +einen Brief hoch in der Luft schwenkend. + +"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen - +heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig +abgebrochenen Stzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller +Freude. + +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb +er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, da er sie am Nachmittage mit +Mutter und Schwester erwarten wrde. + +Fragend sah Ilse ihr Tchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, +ihre Heldentat zu erzhlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz +geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. + +"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbchse gegeben. +Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft. + +Das Kind war voller Stolz ber diese eigenmchtige Tat und erzhlte immer +wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand htte ihr +geholfen, sie wre ganz allein an die Straenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer stnden, und htte einem davon den Brief gegeben. + +"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann pltzlich, und ohne eine +Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen. + +"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Rhrung. +Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen +mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie +allerdings im nchsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und +Hassen war sie gleich stark. Fr Onkel Heinz, den sie liebte, wrde sie +alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen +die sie sich geradezu unliebenswrdig zeigte. + +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurck, auf welcher der +Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaen lautete: + + + + + + + "Lieber Onkel Heinz! + +"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wrdest +du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern +aufs Knie gefallen und Mutter und ich mchten Dich so gern in der Klinick +besuchen und heute mute eine in unser Schule nach bleiben die hat aber +gebrlt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grse ich brle aber nicht wen +ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig +gegeben fr den weg. + + Es grst Dich + Deine libe Ruth." + + + + + + +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen knnen; Ruth war nun einmal sein +erklrter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren frs +Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spteren jungen Mdchens, sie +war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel +Heinz. + +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief +sie durch alle Zimmer, singend und trllernd, oder in den Garten, wo sie +einen groen Maiblumenstrau fr den geliebten Onkel pflckte. Jubelnd +brachte sie Ilse den ersten Maikfer, den sie eben gefangen und in eine +leere Streichholzschachtel auf zarte, grne Bltter gebettet hatte - er +sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern. + +"Da wird er sich drber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber +auch fr ein Kind, den ersten Maikfer zu verschenken, den es so eifrig +gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat! + +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren +beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte lteste hatte unterwegs in +einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik ausshe, ob da +viele kranke Menschen wren und wer wei, was noch alles; ihr +Plappermulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mute sie +schlielich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tre +standen und die Glocke gezogen hatten. + +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen +ffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wnschen fragte. + +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, da Ilse gleich +hinaufgefhrt werden solle, wenn sie kme, und die Schwester mit dem +milden Gesicht unter dem weien Hubchen fhrte sie deshalb ohne weitere +Anmeldung die Treppe hinauf. + +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Lufern. Geheimnisvoll +still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an +Zimmer, und wattierte grne Tren davor hielten jeden Ton, der strend +nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der +gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorber. Eine peinliche +Sauberkeit herrschte berall, und in den groen, hellen Fenstern standen +blhende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen +etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen. + +Hinter einer der vielen Tren verschwand nun die Schwester, und nach +einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurck, da der Herr +Professor bitten liee einzutreten. + +Zgernd berschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand +haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit groen Augen +musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wnsche angelangt war, wurde sie +zaghaft und scheu. + +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem +Krankenstuhle sa, eingehllt in warme Decken, mit dem Aussehen von +jemand, der schwere Krankheit berstanden hat, glich auch wenig dem alten +Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu +jedem Spae bereit war. + +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, +besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flchtigen +Hndedruck begrt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu +machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann +wandte er sich wieder an Ruth, welche zgernd stehen geblieben war und ihn +betrachtete. + +"Na, nun komm doch nher, alte Krte!" rief er endlich herzlich. + +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm +hin und warf sich strmisch in seine Arme. + +"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie +zurckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich +noch enger an ihn. + +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzhlte von +ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm +den ersten Maikfer in seinem engen Gefngnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schn es im Theater gewesen sei. + +"Habe von der Mimerei gehrt," sagte Onkel Heinz kurz. + +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit +den duftenden Blten kam ein Stckchen Frhling in das nchterne Zimmer. + +"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner +Mutter einen Stuhl; fix, Mdel!" rief er und konnte eine gewisse +Verlegenheit nicht verbergen. + +"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenber. + +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gesprch anzufangen, aber er ging +nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, +denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten. + +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit +poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmckt, und war +nun enttuscht, da der Professor jede Annherung abwehrte und auch nicht +die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so +verwegene Gedanken! Sie htte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu +wissen, da er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation +geschickt zu benehmen. + +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich +leugnete er immer sehr bestimmt ab, da er irgend etwas vermisse, wenn sie +ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder +tuschte er sich selbst? Darber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte +sie sich mehr der Ansicht zu, da er, um glcklich zu sein, weiter nichts +brauche, als seine Arbeit, seine Bcher. + +Und doch - ein eingefleischter Bchermensch hatte nicht das warme Herz, +das Verstndnis fr die Kinder, wie er es besa! Er ging auf ihre Ideen +ein, wie es niemand besser verstand. + +"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die +letzte?" fragte er in diesem Augenblick. + +"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entrstet, "ich bin niemals die letzte +gewesen!" + +"Natrlich, du Faulpelz, du kannst und weit ja nie etwas, du bist die +Dmmste in der ganzen Klasse .." + +"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!" + +"Schweig, du Krte, ich wei es besser!" + +"Ach, du weit gar nichts, Onkel Heinz." + +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wuten sie genau, +da sie sich alles mgliche herausnehmen durften, und meistens endete eine +solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat +Ruth alles mgliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch +noch zu hinfllig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen +Kampf einlassen zu knnen. + +Wiederholt versuchte Ilse ein Gesprch anzuknpfen doch er wandte sein +ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie mute +ihn tief, tief gekrnkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. + +"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in +ihrem sanftesten Tone. + +"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!" + +"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort. + +"So nannten es die rzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann +sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikfer in den Bart gesetzt hatte. + +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien +ihm sehr angenehm zu sein - frchtete er etwa eine Auseinandersetzung? +Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekrnkt und +mute ihn wieder vershnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so +verlassen vor, so trostlos traurig, da sie nur der eine Wunsch beseelte, +er mchte ihr verzeihen. Aber die Kinder muten erst fort sein, er htte +bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie +schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem +Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wrden. + +Ruth wollte sich wie gewhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nhe ihres +Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal gengte ein Blick auf +Ilse, um ihr zu zeigen, da mit der Mutter jetzt nicht zu spaen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. + +"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor. + +"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewi +die grte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel +besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus." + +Onkel Heinz brummte etwas Unverstndliches in den Bart, wobei er +unverwandt durch das Glasfenster in der Tre auf den Balkon blickte, wo +seine kleinen Freundinnen den Maikfer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. + +"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, da Sie krank waren?" +fragte Ilse wieder. + +"Das htte mir auch nichts ntzen knnen, wenn Sie das gewut htten," +antwortete er nicht gerade liebenswrdig. + +Dann schwiegen wieder beide. + +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschlo +deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. + +"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr bse, Onkel Heinz?" fing sie an. + +Er antwortete nicht. + +"Ich wollte Sie ja nicht krnken," fuhr sie fort. + +"O - Sie krnken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer +merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig. + +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, da er sie durch sein Benehmen oft reize +und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrckte doch lieber diese +Bemerkung. + +"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts +dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort. + +"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein. + +"Ja, aber wieso denn?" + +"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder +Sie sagen, ich sollte froh sein, da ich nicht verheiratet wre, denn ich +wrde eine Frau nur unglcklich machen, na - und hnliche Redensarten +mehr!" + +"Aber, das ist doch alles nur Scherz!" + +Ilse mute beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft +zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gesprch doch zu ernsthaft +zumute. + +"Sie trauen mir wenig feines Gefhl zu, wenn Sie glauben, da ich den +Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief +sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme. + +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. +Nach einer Weile fuhr er fort: + +"Sie sind glcklich, Frau Gontrau, Sie sind verwhnt, zu verwhnt, - denn +offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort. + +"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glck knnten Sie +doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es lge Ihnen nichts +daran und Sie htten nur Interesse fr Ihre Bcher." + +"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male +voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken +mute. + +"Halten Sie mich solcher Gefhle nicht fr wrdig oder nicht fr fhig?" +fing er wieder an. + +"Da Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern," +erwiderte Ilse etwas verlegen. + +"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit +ber das Gefhl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas +natrlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, da +Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann, +und hinter meinem Rcken werden Sie gewi darber spotten und lachen." + +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. + +"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn +fr so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins," +fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?" + +"Nun, wie ich schon sagte, er verwhnt Sie zu sehr, er lt Ihnen zuviel +Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie +htten ganz anders erzogen werden mssen." + +"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf +ein Haar dem Trotzkopf von frher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das +'Erziehen' wrde ich mir von meinem Manne recht hbsch verbitten." + +"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben knnen, Frau Gontrau, dann wollen wir +dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem +Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. + +Aber sie bezwang sich heute, es wre sonst wieder zu einem neuen Streite +statt zur Vershnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er +ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fhlte er oft! + +"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie pltzlich, "warum +nicht?" + +Er gab keine Antwort, aber eigentmlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. +Sie konnte sich denselben nicht recht erklren, dennoch fhlte sie +instinktiv, was er ausdrckte - es beunruhigte - es verwirrte sie. + +"Sie halten mich wohl fr recht schlecht?" platzte sie in ihrer +Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen." + +"Ich halte Sie fr gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach, +"sonst wrde ich berhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, +nicht wahr? Schne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es +auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das +nicht?" + +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kmpfe +er mit seinen Gefhlen. + +"Gewi, gewi, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu +absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie +seine Wissenschaft manchmal herunter!" + +Ironisch lchelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. + +"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres." + +"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind, +dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur +sagen." + +"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer miverstehen, Frau Gontrau. Nun +wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. +Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persnlich, es gibt ja +doch Ausnahmen unter den Juristen!" + +"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell. + +"Sonst wre er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck +zur Antwort. + +Ilse amsierte sich innerlich ber die gute Meinung, die er von sich +hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentmlichkeiten gegen seine +wahre Freundschaft fr sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit +denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wrde +mit der Welt ganz abschlieen und ein Einsiedler werden, wenn die +Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstrt werden sollte. War +es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu +retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, +sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu +verlieren? + +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar +erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhltnis doch nicht +ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, +jedoch hinter dem Rcken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es +gegen seine berzeugung ging. + +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fhlte, da sie ihm heute, +in diesem Augenblicke viel, viel nher gerckt war als je zuvor, denn in +solchem Mae hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen +hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, +hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle? + +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und htte gern mehr darber +erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefhl, das sie vorhin unter +seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstndig gewichen, sonst htte sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. + +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglckliche Liebe? + +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder +aufnehmen, aber sein vernderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und +das war gut. + +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefhle zu offen +gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als +mache er sich ber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem +wahren Galgenhumor. + +Unaufhrlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, +sonnige Luft, welche die beiden Kinderkpfe auf dem Balkon duftig umwob. + +Laut rief er sie bei Namen. + +"Ruth, Marianne, kommt herein!" + +Die beiden lieen sich das nicht zweimal sagen, ungestm strmten sie ins +Zimmer. + +"Lat die Tre offen, Krten, es ist eine dumpfe Luft hier!" + +Ilse ffnete Fenster und Tre weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, +als der frische Zug von drauen hereinwehte - belebend, ermutigend! + +"Onkel Heinz," rief Ruth frhlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang +- weit du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie +schade, da du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du +erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit +herunter?" + +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm +verlangten. + +"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer pltzlichen +Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den rzten vertragen, +die Sie ja doch so sehr verabscheuen?" + +"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man +denn machen, wenn sie einen in vllig wehrlosem Zustande in die Klinik +schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!" + +"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, +Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!" + +"Haben die rzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!" + +Streiten mute er nun einmal immer. + +"Wenn Sie erst wieder ausgehen knnen, werden Sie sich gewi schnell +erholen in der himmlischen Frhlingsluft. Drfen wir bald mal +wiederkommen?" + +Ilse fragte mit bestechender Liebenswrdigkeit; in dem unklaren Gefhl, +da sie trotz allem einen nicht geringen Einflu auf Onkel Heinz ausbe; +so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenber zeigte, +ebenso empfnglich war er andrerseits auch fr die geringste +Freundlichkeit. + +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. + +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: + +"Seien Sie nicht mehr bse, wir wollen stets gute Freundschaft halten." + +Onkel Heinz wute, was es sie kostete, eine solche Bitte ber ihre Lippen +zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm +ihre Worte. + +"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand. + +Der Abschied von den Kindern war ein sehr zrtlicher, namentlich von Ruth, +die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. + +Als sich die Tre hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still +und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurck und schlo die Augen. +Worber er nachdachte? Wir wissen ja, da er sein Inneres gut verbarg. Den +Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie +er denjenigen manchmal begnstigt, der auf hohem Berge steht und +sehnschtig in die von grauem Nebel verhllte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreien sieht. Neugierig spht er hinab, +sieht unter sich ein blhendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schlo auf +der Hhe. Was liegt nun noch dort drben? Was dort? Das mchte er wissen, +mchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben +sich die Wolken davor, alles verbergend und verhllend. + +So hatte sich auch ber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die +undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem +Blicke verbarg. + +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, +und brachte seine Abendmahlzeit. + +"Soll ich das Fenster schlieen? Es wird zu khl, Sie knnten sich sonst +erklten, Herr Professor," sagte sie freundlich. + +Er erwachte wie aus einem Traume! + +"Lassen Sie nur offen! Erklten - erklten - ist ja Unsinn - Luft schadet +nichts, will mich nicht verpimpeln." + +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrche der Kranken +gewhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fr ihre Pflicht hielt; sie +schlo die Tre und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und khl. - + +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, +um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genieen, und dabei erzhlte +sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, +und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rcksicht zu +behandeln als bisher. + +Die Frhlingsstimmung ringsumher, der schwermtige Gesang der Nachtigallen +machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann +einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf +einmal in einem ganz andern Lichte; seine uere Rauheit war nur Schein, +dahinter verbargen sich schmerzliche Gefhle von Einsamkeit, +Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +knftig zarter anfassen und ihm zeigen, da sie des ihr geschenkten +Vertrauens wrdig war. + +Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurck zu dem kleinen +Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrbt und +nachdenklich, und fate den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu +sein. - + +Die gerhrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, +hielt zum Glck nicht lange an. + +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergngt, ganz der Alte, und jedes +mitleidige Wort, das Ilse ber seine Krankheit, ber sein einsames Leben +an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, da dabei gar nichts zu +bedauern sei, denn er wre nicht sentimental angelegt und wte sich mit +den Tatsachen abzufinden. + +So geriet allmhlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte +Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich +Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbr" usw., die +ihn so tief gekrnkt hatten, bekam er nicht mehr zu hren. + + * * * + +Die Rosen standen schon in voller Blte, die Tage waren hei, das frische +Grn der Grten wurde durch eine graue Staubdecke gedmpft - der Sommer +war eingezogen und hatte den Frhling verdrngt. + +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schnste gepriesen, wie +kurz vorher sein Vorgnger, der wonnige Mai. + +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit +vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte +von sich hren lassen. + +Seitdem wir Flora als schwergeprfte junge Witwe verlieen, war eine +Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu +sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rhrte keine +Feder an, sie verfate keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +berschwenglichen Worten. Der erste groe Schicksalsschlag ging nicht +spurlos an ihr vorber, er rttelte sie aus ihren trichten Ideen auf, das +Leben nahm fr sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften +Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne da es ihr +eigentlich zum Bewutsein gekommen wre, eine andre geworden, als sie den +Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun +Kthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte +sie von der Gromama zurck. Nach und nach gewhnte sich die Kleine mehr +an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Kthchen schien es nicht vergessen zu haben, +wie sie frher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mhe und +Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhltnis zwischen Mutter und +Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen. + +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem +Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein +Landwirt! Was das fr ein Kontrast sein mute, malten sich Ilse und Nellie +oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, da diese +sich gendert haben mute, denn sie klangen ganz vernnftig, und nur +selten noch erging sie sich in berspannten Schwrmereien. ber ihre zwei +kleinen Mdchen von sechs Jahren, ein Zwillingsprchen, schrieb sie +glcklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu +knnen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die +Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien +nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in +der schweren Zeit beigestanden hatten. + +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen +hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie +herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, da sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. + +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem +Hin- und Herberlegen entschlo sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, +da sie kommen und, wenn es ihr pate, um die und die Zeit mit den Kindern +eintreffen wrde. Ruths Ferien sollten in den nchsten Tagen beginnen, und +auch ihr und Marianne wrde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut +tun. + +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunchst +als eine Unmglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte +Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das +Dienstmdchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklrte sie rund +heraus. + +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den +Direktor, sagte ihm, sie fnde Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm +dies so beharrlich vor, bis er schlielich selbst fand, da seine Frau +erholungsbedrftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er +pltzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge fr ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewhnliches und, wie sie +meinte, Unntiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so +abqulen mute, der mute gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, +er wollte in der staubigen, heien Stadt allein zurckbleiben und +arbeiten, immer arbeiten; niemand wrde da sein, der fr ihn sorgte, wenn +er mde und abgespannt nach Hause kme, niemand, der an eine Erholung fr +ihn dchte und seine Wnsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu +erfllen suchte. O, sie wrde keine ruhige Minute auf der Reise haben, +nicht die Spur von Vergngen, sie wrde fortwhrend voller Sorge an ihn +denken. + +Das alles klagte sie Ilse unter Trnen und ahnte nicht, da diese sich +heimlich ins Fustchen lachte, als sie sah, da ihre Bemhungen +erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fr den nervsen +Direktor, da er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewut, was er an dieser Frau +besa, die ganz und gar in ihm aufging und nur fr ihn auf der Welt zu +sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlgen war bei Nellie nichts +auszurichten; sie gab stets zur Antwort, da Ilse gar nicht wisse und +beurteilen knne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fr die +Freundin fand sie dennoch, da diese solche Dinge zu leicht nehme. + +"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, da ich fort +soll, sage ihm, da du mich frisch und gesund fndest, und da ich keine +Erholungsreise ntig htte, denn er gibt so viel auf dich." + +Ilse wrde sich wohl hten, so etwas zu tun, das erklrte sie ganz offen +gegen Nellie. So mute sich diese denn ins Unvermeidliche fgen. Fred +hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehrt, aber bei den immer neuen und +durch Trnen verstrkten Auflagen derselben war er schlielich so nervs +und ungeduldig geworden, da sie endlich hatte nachgeben mssen. Wie ein +Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen +fr das Dienstmdchen whrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine +Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, auerdem sollten zum Frhstck +und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so da +der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte. + +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo +begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mute noch unzhlige +Ermahnungen ber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; +aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Dte heraus, die von den Kindern +mit Jubel begrt wurde. + +"Ich bin berzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich +amsieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen +Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, da er ihren Mann jeden Abend zur +Kneipe abholen wrde, denn sie mten doch ihre Freiheit genieen. + +"Siehst du wohl," lachte Ilse. + +Aber spahaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in +vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfhren, er knne so wenig +vertragen und msse es nachher immer ben, wenn er je einmal des Guten zu +viel getan htte. + +"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem +Lcheln, "ich werde auf die beiden Mnner achten." + +"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen +Worten gut herausfhlte. - + +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die +Taschentcher aus dem Coupfenster den Zurckbleibenden zum Abschiedsgrue +zu. + +Nellies gedrckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der +beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwhrend zu fragen und zu +zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, +kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um +sie zufrieden zu stellen. + +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der +letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete. + +Ihre Freude ber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an +Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kte sie immer +wieder. + +Und dann, als sie behaglich im Wagen saen, musterten sich die Freundinnen +untereinander mit groem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht +verndert," hie es. "Etwas strker bist du geworden." "Und du siehst viel +wohler aus, als frher," und hnliche Redensarten mehr wurden +ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger +Trennung wiedersieht. + +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verndert. Durch die +Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch +pate der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der +Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der +Wagen durch blhende Wiesen und ppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den +Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehrte, hatte sie wieder +den alten schwrmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob +sie von dort etwas Besonderes erwarte. + +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. +Zwar brannte noch heier Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur +war derselbe weit ertrglicher, als vorhin im Coup, in dem eine +Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte. + +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwldchen, das unter den warmen +Strahlen einen kstlichen Duft ausstrmte, dann bogen sie wieder in die +staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Huser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. + +Als sie die sauberen Huschen erreicht hatten, hinter deren +blumengeschmckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, +whrend barfige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen +herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Knigin in ihrem Reiche zu +fhlen. + +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, +und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen. + +"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen, +da ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte +sie im Vorbeifahren ein halbwchsiges Mdchen, deren Antwort in dem +Gerusche der Rder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in +diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein." + +Die Dorfstrae war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen +Feldweg, kamen dann an einigen groen Scheunen vorbei, hinter denen +stattliche Misthaufen den tchtigen Landwirt erraten lieen, und fuhren +nun in den Gutshof ein. + +"Vor das Schlo fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza. + +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten +fhrte, und hielt vor einem groen kastenartigen Gebude - es war das +sogenannte "Schlo". - Nur gut, da ihm Flora selbst diese Bezeichnung +gegeben hatte, denn Nellie und Ilse htten es sicher nicht mit dem stolzen +Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne +jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeieltes Wappen ber der Eingangstr +lie erraten, da die frheren Bewohner Adelige gewesen waren. + +"Es gehrte einem Baron v. H.," erklrte Flora, als sie bemerkte, da die +Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam +betrachteten. In demselben Augenblick ffnete sich die Tre, ein +schlankes, junges Mdchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen +Blondkopf fhrend - Kthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine +Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kthe! Das +verschchterte Kind hatte sich zu einem hbschen Mdchen entwickelt, +Nellie und Ilse muten sie immer wieder betrachten. Und dann die +Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzhlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er +ihnen geschenkt hatte. + +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben +keine Antwort. + +"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Hndchen," rief Flora, als sie +sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmhte. + +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, +sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen ltten Druwppeln "Lining" +und "Mining"; lndlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und strhnig blondem Haar. + +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in +diesem Moment ber die vier Kinder gleiten lie, als sie so beisammen +standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hbschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, +aber da Ilses Mdchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch +unwillkrlich aufzufallen, denn sie fand pltzlich, Thusnelda und +Hildegard mten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen +htten. + +"Sonst haben sie nmlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an +Ilse und Nellie, und dann schalt sie, da Kthe ihnen die Haare so glatt +gekmmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ber die +Blondkpfe, als knnten sich unter dieser Berhrung die glatten Strhnen +in Locken verwandeln. + +"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begrung vorber war, und +fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?" + +"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete +Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach. + +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft +nicht verbergen. + +"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich mchte sie +gerne sehen," bettelte nun Ruth, fr die ein solcher Anblick +hochinteressant war. + +"Spter, spter," antwortete Flora flchtig. + +Sie hatte ihre Gste mittlerweile die Treppe hinaufgefhrt und in die +Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem ueren. Die +wei getnchten Wnde sahen sauber, aber nchtern und kahl aus, der helle +Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine +Abwechslung in die Eintnigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen +soeben erst aus den reinigenden Wasserstrzen hervorgegangen zu sein, denn +ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten +die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen ldruckbilder +an den Wnden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Mbel, +mit buntem Kattun berzogen, bildeten die Einrichtung; ber die +Tischdecke, schwarz mit groen roten Blumen, war als Schutz noch eine +weie Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein groer +Feldblumenstrau - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. + +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwhnten +Stdtern eine Wohltat, und mit noch grerer Wonne sogen sie die herrliche +Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strmte. + +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefllt es +euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmtigkeit alles. + +"Nicht wahr, es ist recht gemtlich hier? Die Mbel stammen noch von den +Groeltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte +dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht +weiter stren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, +erwarte ich euch im Ezimmer - im unteren Flur die Tre rechts." + +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen +Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, whrend Ruth die kleinen +Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlufig noch viel +mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie +meinte, die htte sie noch gar nicht gern, sie sprchen ja nichts und +shen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +wren. + +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches +Urteil, indem sie ihr klar machte, da sie dergleichen ja nicht etwa zu +Tante Flora, berhaupt nicht zu andern sagen drfe. + +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spter ins Ezimmer, +einen groen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kthe und +den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +hchst neugierig waren. + +Nur flchtig glitten deshalb Ilses Blicke ber die prchtigen Geweihe an +den Wnden, die sie sich als Kennerin sonst gewi eingehend betrachtet +haben wrde, und blieben an der mchtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmchtige Frau vollstndig verschwand. Die +sthetische Flora und dieser Kolo, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, - +einen greren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten +Schultern sa ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen +kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und +seine krftigen Hnde; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken +Falte ber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkrperten Bilde +der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklrende Brille der Poesie an? + +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob +ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie +strich ber seine Stirn und fand, da er sehr erhitzt wre. Hatte er wohl +sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? + +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lcheln von +Nellie vermuten. + +"Der rmste hat in der groen Hitze auf den Feldern sein mssen," wandte +sich Flora an die Freundinnen, whrend man sich um den Tisch zum Essen +niedersetzte. + + [Illustration] + +"Ja, ja, es ist zum Braten drauen," erwiderte er und wischte sich die +hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den +Coups, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen. + +"O ja," lachte Ilse, "aber dafr haben wir's auch jetzt gut, hier ist es +ja herrlich khl. In der Stadt fanden wir es unertrglich und freuten uns +deshalb sehr, als Ihre liebenswrdige Einladung ankam." + +"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflge machen knnen! Die +Umgegend ist so schn," sagte Flora. + +"Was? Wetter schn bleiben! Regen mssen wir haben, es ist die hchste +Zeit. Der ist so ntig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, +alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter frs +Vieh mehr haben." + +"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gste haben, drfen wir uns doch +keinen Regen wnschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar +peinlich, da er so sprach. + +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: + +"Ich bitte dich, Flora, dein Mann mte kein guter Landwirt sein, wenn er +nicht so dchte. Als einstiges Landkind wei ich ganz genau, was es +bedeutet: kein Regen!" + +"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll +Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an. + +"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und +Frau Althoff erzhlt." + +"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so +vieles durch den Kopf, da ich fr so etwas kein Gedchtnis habe." + +"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. + +"O, das kenne ich von Fred genau," trstete Nellie. "Der arme Mann ist oft +so vergelich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind +seine Nerven auch sehr herunter." + +Hieran anknpfend erzhlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen +vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wre, ihn zu verlassen, +da er ihrer Pflege so sehr bedrfe. + +Flora hrte geduldig zu und trstete so gut sie es verstand. + +Whrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine lngere +Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tchtig +zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die groen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. brigens wurde +ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen +Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafr war er zu +derb, dabei aber natrlich, offen und in seiner Art liebenswrdig, das +Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin +seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, +die fr alles was dazu gehrt, viel Verstndnis hatte. Sie erzhlte ihm +unter anderm, da ihr Vater jetzt einen groen Teil seiner Lndereien mit +Zuckerrben bebaut habe, und da er zur bequemen Befrderung der Rben +eine kleine Bahn ber die Felder legen liee; sie konnte ihm ber alle +Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr +interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner +Felder zur Rbenkultur vorzubereiten. Sie sprach ber die neuen +landwirtschaftlichen Maschinen, ber die besten Dngemittel wie ein +Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfhrungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintrglich werden +wrde. + +Flora hrte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie +die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, da August seine +Nachbarin nicht ber andre Gegenstnde unterhielt. Als sie aber merkte, +da Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da +beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger +Aufregung darber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen +gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darber +auszufragen. + +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saen nicht mehr +so schchtern und still auf ihren Sthlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. +Ruth besonders rckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war +niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkndete, da der +Kaffee unter der groen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. + +Dort war es kstlich! Die breiten herabhngenden ste wlbten sich zum +schtzenden Dach ber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die +kleinen Ritzen und Lcher in dem grnen Blttergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartensthle und Bnke, +auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gsten +niederlieen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den +Haaren und Kleidern. Von dem groen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein +Rosenbeet seine sen Dfte herber, vermischt mit dem Wohlgeruch der +Reseda, womit die Beete eingefat waren. + +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ber den wonnigen +Platz, und letztere dachte im stillen, da diese grne farbige Umgebung, +die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fr den rosigen Hausherrn +und seine ebenso rosigen Tchter abgeben, als es die gedmpften Tne im +Zimmer taten. + +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroe +Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fr die Kinder +eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes +ein Stck davon auf dem Teller hatte, lieen sie ihn nicht aus den Augen. + +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum +auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun +doch endlich zu dem hei ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +berhaupt was gab es da alles fr die Kinder zu sehen! Aber unbekannt +waren ihnen diese Dinge nicht, sie wuten ganz gut Bescheid, da sie ja +fast alle Jahre zum Besuche bei den Groeltern in Moosdorf gewesen waren +und das Leben auf dem Lande recht gut kannten. + +Es wurden die Scheunen besehen, die Stlle, man ging ber den Geflgelhof, +alles war in bester Ordnung, und wenn die groe Gestalt des Besitzers +erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, da er ein +strenges, aber gerechtes Regiment fhrte. + +"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora +scherzend, als das Blken der Khe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der +Schweine ihnen noch nachtnte, whrend sie die Wirtschaftsgebude +verlieen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang +ber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die +Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller +Frhe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ppig standen +die Felder, die hren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend +roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran +vorber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Kpfchen +tauchten bald hier, bald dort zwischen den hren auf. Das Blumenpflcken +war fr die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Hnden voll bunter +Blumen kamen sie zurck, und Kthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im +Hause beschftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Brde ab, und ordnete +sie zu einem groen Straue, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der +Kastanie stellte. + +Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte +heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gesprch +unterhielten sich die Erwachsenen, whrend die Kinder geradezu bermtig +umhertollten und Kthe ihre liebe Not hatte, sie zu bndigen. Um neun Uhr +wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Qulen zu Bett +geschickt, ihr Sprechen und Lachen hrte man aber noch lange durch die +offenen Fenster; es tnte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken +um die Wette durch die abendliche Stille. + +Pnktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, +worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie +schade, sie htten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es +ja khler hier drauen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. + +"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn +Werner. + +"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora. +"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends +natrlich mde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?" wandte sie sich an die beiden. + +"Selbstverstndlich," gaben sie zur Antwort. + +"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den +jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzhlen Sie mir morgen frh, was Sie +getrumt haben; das geht ja wohl in Erfllung, wenigstens sagt es meine +Frau, die wei ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Trume! +Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergi nicht, +morgen frh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzhlen, ob's stimmt, die +mogelt gern ein bichen; und dann sorge dafr, da Hesse mit der Butter +nicht zu spt fortfhrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch +etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht." + +"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht +errtend - die Auftrge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein. + +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies +verhallt waren, hrte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit +dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. + +"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; +das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne ueren +Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in +diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher +Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glcklich sie im Besitze +eines so prchtigen Mannes und so lieber Kinder sein knne. + +"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte +dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, +vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. + +"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer +Weile pltzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hnde drckend, und +fuhr dann fort: "Ich glaube, da wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als frher. Ich habe mich in manchen Dingen gendert, denn ich sah +ein, da ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle +Welt pate. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das +wei ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefhlen. Durch den +Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und +Vorwrfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glck zum zweiten +Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann +und hat auch nur Interesse fr seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe +versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufhren, und habe ihm hufig +abends vorgelesen, doch er war zu mde und schlief dabei ein. Aber da habe +ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die +Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem +praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen." + +"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernnftig hatte sie Flora noch niemals +sprechen hren. + +"Und wie ist es mit Kthe?" fragte Nellie. + +"O, wir verstehen uns prchtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes +Mdchen, aber fr die Zwillinge sorgt sie rhrend, denn Kinder liebt sie +ber alles." + +"Wie schn fr dich," sagte Nellie. + +"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kthe, sie war so strrisch, +sie wollte nichts von mir wissen, doch das wit ihr ja alles. Wir wollen +nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen." + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem +Leben mochten wohl viele heie Kmpfe gefolgt sein, bis aus dem +berspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war. + +"Nun, und Orla?" fragte sie pltzlich. "Was habt ihr von der gehrt? Bis +in meine lndliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. brigens, etwas +hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich +nach etwas Hherem." + +Also fr hnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, +diesen Spa konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln +verstndig war und blieb. + +"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die +Vermittlung ihrer einflureichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit groen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod +eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes +Vermgen zugefallen; da kannst du dir denken, da sie ein groartiges +Leben fhren." + +"Ein Leben im groen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe +ich auch oft getrumt! Natrlich Dienerschaft in Menge?" + +"Jedenfalls," lachte Ilse; "darber schreibt sie aber nichts. Du weit ja, +das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla +nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfhrliche +Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, da sie sich glcklich +fhlt! Glcklich in ihrer Ehe, glcklich, da sie wieder in ihrem +geliebten Ruland leben kann. Knstler und Gelehrte verkehren bei ihr, +kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, da sie +eine gefeierte Frau ist, - klug, schn, reich." + +"Ja, ihr ist es geglckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt +in der groen Welt, wird bewundert, gilt etwas, whrend andre in der +Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womglich auch als +Nihilistin eine Rolle?" + +"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen wre es ihr schon, das Zeug htte +sie dazu." + +"O, mein Gott, was redet ihr da fr Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf +hier Nellie ein. + +"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmglich ist es doch nicht. +Schrecklich wre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt +wrde." + +"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. +Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen +anfangen!" + +"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit +erfahre ich ja gar nichts." + +"Vier Stck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage +ich dir," antwortete Ilse. + +"O, s!" schwrmte auch Nellie, und ein wehmtiger Schatten berflog ihr +Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen." + +"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu +neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfllte sie doch mit etwas +Neid, den sie nicht ganz unterdrcken konnte. Aber schneller als frher +kam sie darber hinweg in dem Bewutsein, da sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, da +diese als Schauplatz die groe geruschvolle Welt hatte, whrend der +ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige +Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! - + +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saen noch +immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, +die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhrte. Aber sie wollte +auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Bltterwerk mischte sich +in den Klang der Stimmen; es lie das Licht im Windleuchter, der auf der +bunten Tischdecke stand, hher aufflackern, so da die Flamme nach den +herabhngenden Zweigen leckte, deren Grn in dieser knstlichen +Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in +ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise +malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, da niemand das +anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die +Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlscht, und +die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. +Droben aber, da glnzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! - + +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzhlen! Wenn man sich nach +langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten +Gesprche meist sehr gleichgltiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal +geffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wrdigen Frau +Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes +wurde nicht ber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz +gerhmt. + +Schlielich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen +noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen groen Korb voll frisch +gepflckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen ghnen sah, fiel es ihr pltzlich ein, +da ihre Gste gewi von der Reise mde sein wrden, und es wurde +beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren +Gsten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlferinnen. - + +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie +das Nest leer, aber aus dem Garten hrten sie helle Kinderstimmen +heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen ber den taufrischen Rasen laufen. - + +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem +Erscheinen der beiden schttelte er leise das ehrwrdige Haupt, als wollte +er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fhrend, herbeigelaufen, +und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich +liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in +ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. + +"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: +"Dein Mann wird sich schn ber die faulen Stdterinnen lustig gemacht +haben!" + +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August trnke fast nie des Morgens +mit ihnen Kaffee, er wre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim +Heuaufladen zugegen zu sein. + +"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie lchelnd mit einer +Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche +Lektre bei der ehemaligen Dichterin! + +"Ja, ja, Kinder, so etwas mu eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die +aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhren glaubte. "Poesie und +Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande." + +"O, nicht nur auf dem Lande, berall im Leben," antwortete Ilse. + +"Ich bin brigens recht froh, da die Kinder in freier, natrlicher +Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fr die +Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung +einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz +merkwrdige Auffassung, ihr solltet nur hren, wie sie ber alles spricht, +ber den Gesang der Vgel, ber den Sonnenschein, ber den grnen Wald." + +Danach sah der ltte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch +nur wnschen, da er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter +"erblich belastet" sein mchte. uerlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm. + +"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse pltzlich, sich nach allen Seiten +umsehend. + +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem groen, +mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mchtigen Pferden gezogen, +eben in den Hof einfuhr. Und wer sa mit Bauernkindern zusammen hoch oben +in dem weichen duftenden Neste, frhlich singend, wie eine Lerche in der +Morgenfrhe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn +Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferdercken +setzte. + +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wrde ihr ein Spiegel +vorgehalten und sie she sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge +auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war +der verhngnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue +Wendung nahm, - kleine Ursachen, groe Wirkungen! + +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den +gnzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem +Lande, war aus ihr das unbndige, jungenhafte, trotzige Mdchen geworden, +whrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so da +man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" bersetzen +konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine groe Zukunft. - + +Bestaubt, erhitzt, mit glhenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und +umarmte ihre Mutter unter strmischen Kssen. Sprudelnd und sich +berhastend erzhlte sie, da sie schon ganz frh wach gewesen sei, und +als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wre Herr Werner unten im Garten +gewesen und htte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum +Heumachen. Da htte sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz +ordentlich," versetzte sie, als Ilses prfender Blick ber ihren Anzug +glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!" + +"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn +der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen. + +"Er wird erst Toilette machen, um wrdig vor euch zu erscheinen," erklrte +Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den +Stllen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne +Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkpfe", drangen bis +zu der Kastanie herber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot +lachen wollten. Flora waren diese Ausbrche ihres erzrnten Gatten sehr +unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, +und wollte selbst nachsehen, was es denn gbe. Aber da kam auch schon +August den Kiesweg heraufgegangen. + +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug +schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff +und schlappig hing die Joppe ber seine breiten Schultern, und das farbige +Sporthemd lie seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das +Gesicht, vor rger und Hitze blaurot war. + +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel +beschftigten Landmannes, und hatte fr Ilse daher durchaus nichts +Fremdes. + +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu +bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrte Nellie und +Ilse. + +"Ein ganz famoses Mdel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir +vielen Spa gemacht heute frh. Das wird mal eine gute Landwirtin!" + +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend: + +"O, haben Sie rger gehabt?" + +"Ach ja, es gibt immer rger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die +dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natrlich hat sie drei +davon tot gebissen. Schafskpfe sind's," setzte er noch hinzu und legte +seine Hand so krftig auf den Tisch, da das Geschirr klirrend +zusammenschlug. + +"rgere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm +besnftigend ber die Stirn. + +"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Hlfte +der Butter wieder mit, die bei der Hitze natrlich schon zu einem Matsch +geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell mu +tchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann mssen auch die +Sauerkirschen gepflckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen +worden in der letzten Nacht." + +"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun strke und erhole +dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit +eigener Hand appetitlich belegte Brtchen bereitete und Kthe ins Haus +schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. + +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die +Freundinnen immer von neuem. Sie htten es kaum fr mglich gehalten, da +aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernnftige Frau +werden knnte, denn soweit es Floras Beanlagung zulie, war sie wirklich +eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige berbleibsel +ihrer einstigen berspanntheit zum Vorschein, aber wer knnte auch seine +innerste Natur ganz verleugnen? berschwenglichkeit war nun einmal der +Grundzug von Floras Charakter. - + +Die nchsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den groen +und kleinen Gsten herrlich. Den ganzen Tag drauen in der guten Luft, +Abendspaziergnge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in +die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu +vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, +denen der Hausherr auch fter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fhlen, und auch diese hatten +ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten +sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem +Rahmen des Gewhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen. + +"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder +die Rede darauf kam. + +Flora waren derartige Gesprche immer sehr unangenehm, das konnte man +merken. + +"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fr alles Schne +und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin +und Mutter doch nicht zu versumen." + +"Ach was, Firlefanzereien! Strmpfe soll sie stricken und gut kochen +knnen, das ist die Hauptsache." + +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. ber diesen Punkt wrden +sie sich ja doch nicht einigen. + +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewhnt, sie +blhte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, da sie +in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so +vergngt und zufrieden, da sich nach und nach auch die Angst und Sorge um +ihn etwas verringerte. Sie verfate natrlich tglich lange Briefe, worin +mit allen mglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es +dir? Fhlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht +zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stundenlang ber einem Briefe sa, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut +reden, ihr Mann war gesund und krftig, und konnte mit dem armen leidenden +Fred nicht verglichen werden. + +brigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls +ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrcke und +neckte ihn damit, da sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er +erzhlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fhle, und +wie angenehm es sei, einmal nicht am Gngelbande gefhrt zu werden. Dann +kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der +wahre Schauergeschichten ber das Leben und Treiben ihrer Ehemnner +berichtete. Darauf erhielt er natrlich eine passende Antwort von Ilse. +Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fr sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, +und sie natrlich auch von ihm. brigens erschien das kleine lebhafte Ding +den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hherer Art, und wie gern +lie sie sich anstaunen! Sie erzhlte ihnen Geschichten, da sie Mund und +Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt +hatte, mit so reizender Stimme vor, da auch die Groen gern zuhrten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr +zrtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der +Fall war. - + +Eines Tages sagte Flora, da sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe +bei ihren Kranken machen msse, und fragte, ob die Freundinnen sie +begleiten wollten, was sie natrlich von Herzen gern taten. + +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch +und andre strkende Sachen wurden, in Krben verpackt, mitgenommen. + +"Ihr glaubt nicht, wie mildttig August ist, niemals kann ich den Armen +genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch +die Dorfstrae schritt. + +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, +der wie ein erfrischendes Bad fr die erschlaffte Natur gewesen war; +begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte +sich der Himmel wieder aufgeklrt, und die Abendsonne spiegelte sich in +den vielen groen und kleinen Pftzen, ber welche die drei Frauen hinweg +schreiten und springen muten, indem sie die Kleider sorgfltig in die +Hhe nahmen. + +Wirklich schien man Flora Werner berall gern zu sehen, sie blieb bald +hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von +jedem einzelnen die Verhltnisse genau. Aber merkwrdig! Ihre +Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen +leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete +sie vllig verstndnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden +Ausdrcke bediente. Doch, das waren nur uerlichkeiten, wie sich Ilse und +Nellie bald berzeugen konnten. Floras Wohlttigkeitssinn war ein tief +innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Ttigkeit, das sie +sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Frchte. + +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelfteten Bauernstuben +eintraten, flog es wie ein heller Schein ber die Gesichter der alten +Weiblein und Mnnlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der +Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der +stets etwas Gutes fr ihn enthielt. Bei den jungen Mttern erkundigte sich +Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlge und war mit jeder +Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen +einfhren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehrtet werden, im +zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und hnliches mehr. Da +aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr +die Bauernfrauen verstndnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm +gutmtig anlachten, und alles blieb beim alten. + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines bauflliges Haus, in welchem die +junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglckt war +und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem +Jahre, in grter Not krank und elend zurckgelassen hatte. Hier in dieser +armseligen Htte traten jetzt die drei Freundinnen ber die Schwelle. Eine +warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tre zu +dem Raume ffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und +in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen +erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und +versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon +zurck. + +"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier +wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten," +sagte Flora freundlich und rumte selbst drei Sthle ab, auf denen +schmutzige Wsche, in allen Farben gestopfte Strmpfe, zerbrochenes +Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und hnliche Dinge umherlagen. + +"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gste habe; +aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht +wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie +sich neben dieselbe setzte und sie prfend betrachtete. + +ber das bleiche, abgezehrte und abgehrmte Gesicht war eine flchtige +Rte gegangen, die es merkwrdig verschnte, als sie den fremden Besuch +gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schmen, die kam ja so oft und kannte sie so +gut, die war ihr keine Fremde. + +"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter." + +"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie +nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," trstete Flora +sanft und liebevoll. + +Ein Kopfschtteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei +die Kinder, die sich in die Ecken gedrckt hatten und neugierig die +Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut +gekleidet wren es gewi hbsche Kinder gewesen. Nur bei dem +zweitjngsten, einem kleinen Mdchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen +geradezu malerisch zu der Schnheit des Kindes. Es sa der ltesten +Schwester auf dem Scho; wirre, ungepflegte blonde Lckchen fielen tief +ber ihr Gesichtchen, das unter den zurckgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen groen braunen +Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen +Fchen streichelte. + +"O, wie s ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heit du?" fragte sie +das Kind. + +"nnchen," antwortete die ltere Schwester. + +"Willst du der Tante nicht ein Hndchen geben?" fragte sie weiter. + +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zgernd in die Hand der jungen +Frau, aber ohne Widerstreben lie sich die Kleine dann von ihr auf den +Scho nehmen. Zrtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. + +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fr die Kranke aus dem Korbe +genommen und versprach fr die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. + +Mde und apathisch dankte die Frau. + +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu +holen wagte, wollte das Fenster ffnen, aber frstelnd schauerte die +Kranke zusammen und sie lie es geschlossen. + +"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend. + +"Ach, die holt ein bichen Futter fr die Ziege," entgegnete die junge +Witwe. + +"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie knnen doch in +Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben." + +"Die Kinder sind ja da." + +"Die knnen Ihnen doch nichts helfen, auf die mssen Sie ja noch dazu +achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht lnger," sagte Flora. +"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle +Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf." + +"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen +diese Worte. + +"Das mssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tchtig von dem +Wein, der krftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich +komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten +Abend und recht, recht gute Besserung." + +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie +entgegenstreckte, und dann verlie sie mit den Freundinnen diese Sttte +menschlichen Elends. + +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie drauen die frische Abendluft +empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse +konnte sich ber die Armseligkeit in dem Huschen, die einen tiefen +Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in +einem fort von dem armen, sen nnchen, und Flora erzhlte die +Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfhrlich. Alle +drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. + +"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen knnen; der Doktor +sagt, es wre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte +Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erlst wrde, die rmste." + +Dieser Wunsch sollte bald in Erfllung gehen! - + +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige +Fall eingehend errtert, und in den folgenden Tagen fr die unglckliche +Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mute tglich nach der Kranken sehen, +und eine tchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche +Frsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprften; sie wurde +liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Ntigen versehen, und so +empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glck. + +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die +Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfllte, schlossen sich ihre Augen +fr immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. - + +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie +mit ihren Gsten frhlich plaudernd zusammensa, und zwar wie gewhnlich +auf dem Platze unter der Kastanie. + +"O, die armen Kinder, das se _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit +Trnen in den Augen. + +"Ja, ja, wir mssen helfen," sagte Herr Werner berlegend. Dann fragte er +seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?" + +"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bldsinnigen +Gromutter knnen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus +bergeben - es ist zu traurig!" + +"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann. +"Deichmanns auf der Domne knnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben +Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke +ich, wir knnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natrlich +mut du dir's reiflich berlegen, aber wenn du willst - ich bin's +zufrieden." + +"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine nnchen; o, es ist ein zu +wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, whrend Ilse mit aufrichtiger +Bewunderung den groen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras +Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. + +Den ganzen Tag nach diesem Gesprche blieb Nellie still und nachdenklich, +und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die +letztere, da die Direktorin fortwhrend an klein nnchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschpf wohl aufblhen wrde, wenn es hier +erst mit den Zwillingen zusammen wre. Mit einem tiefen Seufzer schlo sie +ihre Betrachtungen. + +"Hre, Nellie," rief Ilse pltzlich, "wenn dir das Kind so gut gefllt, so +nehmt ihr es doch zu euch." + +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn +auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es +schien beinahe, als htte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; +doch heftig schttelte sie den Kopf. + +"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus. + +"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen." + +"O, Fred wrde es nicht wollen; nein, das geht nicht." + +"Ob dein Mann das nicht will, weit du ja gar nicht, aber mchtest _du_ es +denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend. + +"O, ich mchte sehr gern, gewi mchte ich, ich liebe die _babys_ so +sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr +sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fr solch kleines Ding; Fred +nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich mte ihn vernachlssigen, o, und +das ginge doch nicht." + +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen +wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich +die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschftigt. + +Aber Ilse lie sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht +abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie +gebeten hatte, darber fr immer zu schweigen. + +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner +merkwrdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine +Ahnung hatte, worber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog +sich dann jedesmal mit den Kindern zurck, um mit ihnen zu spielen. + +Nach Tische saen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte +einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, whrend +Ilse diktierte. + +"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann +wieder lie Flora ihre Bedenken einflieen. Auf diese Manier wurde viel +geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl fr ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es +fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftrger kam, wurde es +diesem bergeben mit der ausdrcklichen Weisung, den Brief ja ordentlich +und pnktlich zu besorgen. + +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die +beiden Geheimnisvollen in den nchsten Tagen unzhlige Male aus, und mit +Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftrger entgegen. + +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewhnlich den +Kaffee unter dem grnen Bltterdach einnahmen. Fr Ilse hatte er nichts, +aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. + +"Von Fred," sagte sie leicht errtend, worauf sie sich erhob und ins Haus +ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die +Episteln von ihrem Fred studierte. + +Voller Erwartung blieben die beiden zurck. Nun sie so unmittelbar vor der +Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein +khnes Wagestck gewesen, das Ilse unternommen hatte. + +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustr mit dem Briefe in der +Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora +klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen +Trnen standen, aber zugleich umspielte ein glckliches Lcheln ihre +Lippen. + +"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fr +mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kte. In ihrer +Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frher mihandelte +sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, +freudig und gerhrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred +und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: da er nichts +dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es +wre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie +einsam und allein zubringen mte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung +htte, und er hoffe auch, da das kleine Geschpf einiges Leben in ihr +stilles Haus bringen wrde. + +Ilse sah Flora lchelnd an. Fast wrtlich wiederholte er, was sie ihm +geschrieben hatte. + +"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als +diese zu Ende gelesen hatte. + +"O, o, was fr ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb +Ilschen," antwortete sie berglcklich und als ob sie ein Gelbde ablegte, +fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und +wie will ich den lieben Gott recht bitten, da er eine gute Mutter aus +mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?" + +"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was +du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder +vergelten." + +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. + +Das erste war dann, da sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen +Fred schrieb. Bis die ueren Formalitten erledigt waren, flog zwischen +den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit +Arbeit berhuft, wie er schrieb, sonst wre er selbst gekommen, um seine +Frau und das Pflegetchterchen zu holen. - + +Klein nnchen aber siedelte schon am nchsten Tage zu ihrer neuen Mutter +ber, und frisch gewaschen, sorgfltig gekmmt, in einem neuen Kleidchen, +sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut +wie mglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und +wollten ihn etwas Tchtiges lernen lassen. + +So war mit dem dsteren Tod zugleich das Glck in die arme Htte +eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie +ihrem bisherigen Elend zu entreien. + +Die schne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschlu +gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knpfte, war diesmal +ein unauflsliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die +vielen Trnen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, +da die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefat hatte. + + * * * + +Klein nnchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre +Wunderdinge zustande. Nellie mute ihre Pflege von nun an teilen und, was +sie nie geglaubt htte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause +kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, +was ihn empfing - zunchst war da klein nnchen die Hauptsache, und +darber verga Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine +nicht alles verstand und wute! Beide konnten ihre Vorzge nicht genug +rhmen, es gab kein aufgeweckteres und hbscheres Kind, und das "Erziehen" +htte leicht ein "Verziehen" werden knnen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel +Heinz auch noch dagewesen wren. Die Vortrge des letzteren ber +Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu +wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche +Nellie vorwarf, da sie viel zu gutmtig und schwach dem Kinde gegenber +sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber +trotzdem hatte es helles Glck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, +es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und +frhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein +junges Leben hierher verpflanzt worden war. + + * * * + +So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und +Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach +Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre +mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glck frher, dem andern +spter und manchem nie. + +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorber, frohe und +trbe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem +andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart +war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, +schwere Wolke lagerte es jahrelang ber ihnen. + +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu +mssen, und so wurde aus dem frhlichen, frischen Kinde schlielich ein +stiller, verschlossener Junge. An den Vergngungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch +immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu +groen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An +seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den +letzten Jahren mit Arbeit sehr berbrdet und konnte sich seiner Familie +nicht so widmen, wie er wohl wnschte. Rosi war wie mit Blindheit +geschlagen! Durch fortwhrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu knnen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. +Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die +Lebenslust mchtig in ihm; er htte hinauslaufen mgen, weit weg; er +fhlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreien. +Und immer hufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr +Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfhrerisch lockend vor seinen +Blicken. - + +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals +fnfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne da die +angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt htten - er war +und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: +"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwrfe +machte, oder das Unglck nur als eine Fgung des Himmels ansah? Von ihrem +Manne hrte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prfung ganz +niederdrckte, suchte doch immer nach einem Troste fr Rosi und klagte +sich selbst wegen seiner Schwche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein berlassen zu haben. Tante Emilie +ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, da sie +sagte, Fritz wre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe +so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen +kurzen Wiederhall in dem betrbten Mutterherzen. Eine drckende Schwle +herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglck. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Mdchen herangewachsen war, konnten +sich Rosi und ihr Mann nicht entschlieen, sie in die Welt einzufhren. - + +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, +jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und +Frhlichkeit ins Haus. Zu blhenden, lieblichen Geschpfen waren sie +herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden +Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jngere blond, rosig, +zierlich, die ltere gro, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden +Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schner, wozu auch wohl ihr liebenswrdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth +dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fr den +Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu dmmen. Wie oft mute sie sich von Leo +necken lassen, wenn sie ber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die +Mutter." Aber da aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es +einst gewesen war, dafr hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel +schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz +und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mute +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstndnis er in dem +jungen Mdchenherzen zu lesen wute. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine +beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm lie sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den +rcksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor +geworden, aber auch unter dieser neuen Wrde hatte sie sich ihren +frischen, natrlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl uere und +innere Vernderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten +sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles +drehte, ihr Mann vergtterte sie noch immer, und ihre Tchter liebten sie, +wie nur Kinder eine Mutter zrtlich lieben knnen; sie war ihnen Mutter +und Freundin zugleich. + +So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als +Ruth und Marianne noch kleine Mdchen waren, der Tag, an dem er sie auf +den ersten Ball fhren konnte. + +Der erste Ball! Welches Zauberwort fr ein junges Mdchenherz! Marianne +und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum +Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz +unberhrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die +Toiletten der Kinder auch in Ordnung wren, brachen die jungen Mdchen in +ein unsinniges Gelchter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas +ganz Ungewhnliches. Nur Ruth fand es lcherlich, sich um einen "lumpigen +Ball", wie sie sagte, so aufzuregen. + +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit nnchen, das inzwischen ein +groes Mdchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu +tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine +Kleinigkeit. + +"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die +Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette +zu beginnen. + +"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhat, ich werde noch +frh genug fertig," rief das junge Mdchen und sah etwas spttisch +lchelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glhten. Sie war doch +ganz anders geartet, als sonst die Mdchen ihres Alters, deren Interessen +sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne +nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wnschte. + +"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt, +als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich wei genau, +da wir in der Auswahl der Farben nicht bereinstimmen wrden, fgen aber +wrde ich mich nicht. Was wrdest du z. B. fr eine Farbe whlen, +Marianne?" + +"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschschtig," hatte Ilse gemahnt; aber +als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder +aufgebraust. + +"Natrlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wrde ich dir ja hbsch zur +Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche +Geschmacklosigkeit!" + +"Einem jungen Mdchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone +erwidert. + +"Na ja, natrlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das +ist einfach dumm. Natrlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein +Pfingstrschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke +dir eine solche Farbenzusammenstellung!" + +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Trnen ausbrach und Ruth sie +nun auf alle Weise zu trsten versuchte, denn sie liebte ihre blonde +Schwester trotzdem zrtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wrde +immer gleich alles belgenommen, niemand verstnde sie. Warum gerade sie +wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, whrend Marianne natrlich einem +Engel gleichen wrde. Htte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie +habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, +Ruths Redeflu ein Ende gemacht, so wren deren leidenschaftliche +Ansprche und Mariannes Trnen gewi noch lange nicht versiegt. So aber +hatten beide lachen mssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt +werden knnen. + +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbckige Mdchen geworden, +wie sie zwei frische, rotbckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt +in ihren blauen Ballgewndern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne +standen, mute man sich ber diese drei anmutigen Mdchenblten freuen. +Und was war natrlicher, als da in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der +Pension geschmckt hatten, und da sie nun zum Ergtzen der Kinder davon +erzhlten. + +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertnten pltzlich aus +dem Nebenzimmer die Klnge eines Flgels und Ruths Stimme. + +"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar +nicht an den Ball; am liebsten se sie berhaupt den ganzen Tag am +Flgel. Es ist ja die hchste Zeit, da sie sich anzieht," sagte Ilse, +aber unwillkrlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die +vollen herrlichen Tne, und als sie endlich eindrangen zu der Sngerin, +fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie +von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In +ihrem einfachen, weien Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, +ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares. + +Die andern drei Balldamen rmpften allerdings die Nase ber den gar zu +einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, +die andre zu Blumen im Haar. + +Ruth lehnte alles ab. + +"Kinder, lat mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie. + +In diesem Augenblick erschien das Mdchen mit zwei wundervollen Bouquets, +das eine ganz aus rosa, das andre aus weien Blten. Marianne wurde wie +mit Purpur bergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. +"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weie +Blttchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strau. + +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor +einiger Zeit aus den Tropen zurckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein +bedeutendes Vermgen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus +einfhrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern, +wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Tchter eingeladen worden. + +Die beiden jungen Mdchen hielten noch immer die duftende Spende in den +Hnden. + +"Sieh nur, Mama, der entzckende weie Flieder," rief Ruth, und Marianne +zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien +in ihrem Straue wren. Dazwischen tnten die krftigen Stimmen der +Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, s," und nnchen lief bald +hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hren. + +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mdchengesichtern war in der +Tat ein entzckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung +dafr zu haben, denn als er jetzt die Tre ffnete, blieb er wie +angewurzelt in derselben stehen. + +"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut. + +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, +wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen +Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem +alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl +darber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein +schmunzelndes Gesicht pate nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt +ab, wie ein schwarzer Kfer auf bunten Bltenblttern. + +"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir +wohl gut?" + +"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es +von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mdchen +umschlossen, immer eindringlicher bestrmten sie ihn mit Fragen; er wute +schlielich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Hnden die Ohren +zu. + +"Scheulich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte +wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Qulgeistern befreit zu +werden; aber darin hatte er sich getuscht, nun ging es erst recht los. + +"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheulich aus?" - +"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von +neuem durcheinander. + +"Findest du, da mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen +hatten dabei einen so s bittenden Ausdruck, da der Professor nicht +widerstehen konnte. + +"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage +mal, du mut etwas um den Hals binden, du erkltest dich ja sonst. Herr +Gott, was ist das berhaupt fr eine Verrcktheit, sich so anzuziehen! In +euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem +bloen Hals und den nackten Armen einen schnen Schnupfen holen." + +Da gab es wieder zu lachen ber eine solche Ansicht. + +"Wen findest du denn am hbschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda. + +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; +er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben. + +"Natrlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle. + +"Onkel Heinz, httest du fr mich vielleicht ein weies Kleid hbscher +gefunden?" fragte Marianne. + +"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein mssen, wei +ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht." + +"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne. + +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelchter ausbrach. + +"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unntzen Geschichten habe ich mein Lebtag +keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun." + +"Weit du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn +bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht +darber urteilen." + +"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern. + +"Ich tanze so viel Tnze mit dir, wie du willst." + +"Und ich bringe dir den schnsten Kotillonorden." + +"Mich darfst du zu Tische fhren." + +"Wir wollen berhaupt tun, was du willst." + +Sie berboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der +Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor. + +"Krten, so lat mich endlich in Ruhe, ihr seid ja auer Rand und Band!" +rief er, sie zurckdrngend. + +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz berhrt, da die +Tre geffnet wurde, bis Ilse pltzlich Herrn Jansen andchtig auf der +Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blhenden +Mdchenkranze. + +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten +auseinander, als die hohe Gestalt nher kam. In Mariannes Antlitz aber +stieg eine heie Blutwelle bei seiner herzlichen Begrung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth hngen, deren Hand noch in des +Professors Arm lag. Die schlanke, weie Gestalt schien ihn ungemein zu +fesseln, und er nahm ihre zum Grue dargebotene Rechte mit groer Wrme +entgegen. + +"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut. + +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weier +Krawatte, und drngte zur Eile, die Wagen stnden bereits vor der Tre. + +"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Tnzer werdet ihr wohl +nicht mehr bekommen." + +"Onkel, da du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt +habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth. + +"Na, da du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens +mal ein vernnftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun +doch nicht anders, du mut mit, du armes Opferlamm." + +"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als htte sie pltzlich einen guten +Einfall bekommen, "weit du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, +und wir beide verleben einen recht gemtlichen Abend zusammen. Ach, das +wre reizend!" + +"Und was wrde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen. + +"O, da knnte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und +schmiegte sich zrtlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir +und singe dir alle deine Lieblingslieder vor." + +Etwas wie Rhrung flog nun doch ber das Gesicht von Onkel Heinz, und +seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte: + +"Alte Krte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amsieren, als +mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, +dieser Unsinn gehrt nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unntze +Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. +Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei +berichten. Alte, gute Krte du!" + +Er klopfte sie zrtlich auf die Backe. + +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was +fr sie wieder eine Sache von grter Wichtigkeit gewesen war. Diese +Angst, da die Kleider und Blumen zerdrckt werden mchten - es war eine +groe Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, whrend die +geschftigen Hnde in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief +es: + +"Wo habt ihr denn meinen Strau hingelegt?" + +"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?" + +"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fcher in der Hand!" + +"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn +fortgenommen?" + +Dazwischen drngte Leo, es sei die hchste Zeit, da sie fortkmen; Ilse +schalt ber die Unordnung, nnchen suchte berall herum, trat dabei auf +Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strau gestellt hatte, so da sich das Wasser ber den Tisch auf den +Fuboden ergo und alle flchten muten - kurz und gut, richtete mit ihrer +gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende +gefunden. + +"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem +Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel +Vergngen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Krte?" fragte +er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weiseidene Kopftuch noch +tiefer in die Stirn. + +Die brigen waren bereits die Treppe hinabgestrmt, nur Nellie stand noch +oben und verabschiedete sich von nnchen. Immer wieder kten sich die +beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief: + +"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?" + +"Wir kommen, wir kommen!" + +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der +Strae her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hrte man das Zuklappen +der Wagentren, das schnelle Rollen der Rder, und nun war alles still. - + +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ber die Ohren gezogen und die +Hnde tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er +die Strae hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig +zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten +Straen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten +einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den +Abend ber da. Der Kellner brachte ihm wie gewhnlich die Zeitungen, er +legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines +Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schttelte er den +Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, +der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt +an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemtlichen Rumen ordnend, +verschnend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem +ein Mann sa und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und +glnzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, +der davon wie magisch angezogen wurde; er lie Bcher und Schriften liegen +und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen +knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle +Hnde bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkrlich machte Onkel +Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewutsein dieser Trume gelangte, +und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblate, und es +erschien wieder sein dsteres Studierzimmer mit den strengen, langen +Bcherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. +Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel +Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen +Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. +Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr +entschlieen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie +gewhnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewhnlich - gequalmt. +Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl +versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwhrend luftige Gestalten an sich +vorbergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. +"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich +doch einschlief. + +Am andern Morgen, als es noch dmmerte, wurde er von seiner Aufwrterin +geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er rgerlich +darber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt +Anla, ihrer Busenfreundin, der Mllern, ihr Herz auszuschtten und ihr zu +klagen, wie bse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht htte +er sie noch niemals behandelt. ber den Kaffee habe er geschimpft, der +Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe msse besser geputzt +werden. Und sogar ber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas +bemerkt habe, htte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht +gewesen. + +Whrend Onkel Heinz einen so ungemtlichen Abend verbrachte, hatte seine +Freunde Lust und Lebensfreude umgeben. + +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal +betreten, und selbst Ruths Herz schlug hher, als sie in dem glnzenden +Raume stand. Der Sorge um Tnzer waren die jungen Mdchen bald berhoben, +denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen +dicht besetzten Ballkarten. + +"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmtter," sagte Ilse lachend, als sie in +den Reihen, welche fr die lteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. + +"Macht nichts, wenn wir alte Mtter werden, ist auch fein," sagte Nellie; +aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaen, +sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Mtter". Das Glck, das aus +beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen +vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjngte und +verschnte sie merkwrdig. + +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen +sich dann aber ins Nebenzimmer zurck, wo sie bei einem Glase Bier +gemtlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang +bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter. + +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke +suchten sie, wenn sie im bunten Gewhle verschwand, bis er sie gefunden +hatte, und so oft es ging, nherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth +auf dieses oder jenes hbsche Mdchen aufmerksam machte, so fand er sie +alle hlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen +er einzig und allein schn fnde. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder +tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als mglich das Gesprch auf +ihre Schwester zu bringen. + +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen ffnen +mchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind. + +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz +Herrn Jansen bei ihren Eltern einfhrte, eine stille Neigung fr diesen +eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflnzchen mehr +und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, +seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh +und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fate. Arme Marianne! + +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, +neue Nahrung fr ihre Neigung und sie merkte nicht, da es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt. + +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und +erschpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und +tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glckstrahlendes Gesicht sprach +deutlich genug von den Gefhlen, welche ihr Inneres erfllten. Whrenddem +hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glschen Eis holen lassen, das sie +nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen +hatte, mit Behagen verzehrte. + +"Es ist doch sehr, sehr hbsch heute abend; ich amsiere mich wenigstens +herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergngt den jungen Mann, der sich an +ihrer Seite niedergelassen hatte. + +"Fr mich war es der schnste Abend meines Lebens, Frulein Ruth," +erwiderte er. + +"Da haben Sie wohl noch nicht viel Blle mitgemacht? In Indien gibt es +wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich. + +"Und wenn ich hundert Blle mitgemacht htte, so wrde dieser doch der +schnste fr mich sein," antwortete er mit Nachdruck. + +"So, und warum denn?" + +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich +gnzlich ohne Arg ber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. +Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fr sie sehr ins +Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem +Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber +da er etwas andres in ihr erblicken knnte als eine Freundin, war ihr +noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hchsten +Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: +"Weil Sie hier sind!" und die verhngnisvolle Frage daran knpfte: "Haben +Sie mich denn nicht gern, Frulein Ruth?" + +Da wurde es ihr auf einmal ganz ngstlich zu Mute, verlegen stand sie auf +und wnschte zu den Ihrigen gefhrt zu werden. + +"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige +Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natrlich." + +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten +rasch voraus. + +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre +Hand und drckte sie zrtlich an seine Lippen. Whrend aber die Schwester +und die Zwillinge unterwegs lebhaft ber ihre Erlebnisse vom heutigen +Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund +tnte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschftigte, oftmals an +ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber +schlielich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? +Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn +ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, +ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich +mit ihm prchtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher +Zuneigung fr ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewi vllig +harmlos gemeint, so viel wute sie doch auch, da eine Liebeserklrung +ganz anders lautete, - wie sollte er berhaupt dazu kommen, ihr einen +Antrag zu machen? Nein, nein, es wrde schon so sein, wie sie dachte. Mit +diesen trstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald +vollstndig beruhigt ein in dem festen Glauben, da Herr Jansen nur eine +freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe. + +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehrt hatten zu +schwatzen, noch lange wach. Selige, beglckende Gedanken verursachten ihr +Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner +Blicke ins Gedchtnis zurck. Und weiter spann sie ihre Trume, die ihr +eine unbeschreiblich schne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spt +gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklrender Schein auf dem +holden Mdchenantlitz. + +So beschftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht +lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre +Hoffnung auf ihn. Whrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wnschte die andre sehnlichst, da er fr sie nur freundschaftliche +Gefhle hegen mchte. - + +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzhlt +wurde, schalt er seine Aufwrterin ein ber das andre Mal aus, und als sie +fort war, ging er prfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er +einen Stuhl anders, dann rckte er die Bilder, die schief an der Wand +hingen, zurecht, sortierte die unzhligen Papiere, die zerstreut und +bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und +legte das brige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf +er einer grndlichen Besichtigung, deren er wahrlich ntig genug bedurfte. +Seiner Aufwrterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fr allemal nichts +anrhren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne +Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Mnner hinreichend. +Deshalb lie sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fr immer in Ruhe, +und da er mit einer dicken Staubschicht berzogen war, konnte ihn also +eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male +bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ber die Bcher und Schriften, +da die kleinen Staubteilchen lustig in die Hhe flogen, schttelte den +Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefllt war, +in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und +betrachtete sie eingehend. Die Glser waren fast undurchsichtig, er +wischte sie mit seinem rmel ab und stellte sie dann wieder an seinen +Platz zurck. Schlielich lie er sich an dem gesuberten Schreibtische +nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht +gehen. berdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstbern +verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er +hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich +deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz +nicht gerade in die gnstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin. + + [Illustration] + +Aber wenn er hier eitel Lust und Frhlichkeit zu finden hoffte, so hatte +er sich getuscht. + +Als ihm auf sein Klingeln geffnet wurde und er in den Flur trat, ging +vorsichtig die Tre auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mdchen +fhrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. + +"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein." + +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn +geschehen sei. + +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein. + +"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tr hinter ihnen +geschlossen hatte. + +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem +Professor. + +"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der +eben fr mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und +fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewi +nichts dafr, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, da ich ihn gern +htte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, +Onkel Heinz?" + +"Na, nun man sachte, man sachte, ich wei ja noch von gar nichts," +unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen +begann. + +"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, whrend er +las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, whrend sie erregt +im Zimmer auf und ab wandelte. + +"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ber +seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze. + +"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie +angstvoll. + +"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er lchelnd zur +Antwort. + +"Was soll ich denn aber tun?" + +"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, +indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer +etwas zu sagen." + +Ruth hing sich an seinen Arm. + +"Du mut doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weit ja doch +immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend. + +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "da er +besseres zu tun htte, als ber solche Dummheiten nachzudenken," hatte +aber doch wohl das Gefhl, als ob es eine groe Ehre fr ihn wre, von +einem jungen Mdchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu +werden. Auch konnte er den ngstlich fragenden Augen seines Lieblings +nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war +die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? berlegend ging er +einige Male im Zimmer auf und ab. + +"Ja, sage mal, Krte, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich. + +"Ja natrlich, gewi, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort. + +"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch." + +"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch +leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder - +meinst du doch?" + +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf +einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine +Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb - +berglcklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei +den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendhei berlief es sie bei diesem +Gedanken; sie wute gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte +auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war vllig ratlos. + +"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie +ihre Frage noch einmal dringlich. + +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die +nichtssagenden Worte heraus: + +"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann pltzlich fort, als wre ihm +auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen berhaupt +dazu, dich heiraten zu wollen?" + +"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle +fragte er mich, ob ich ihn gern htte, und da habe ich ja gesagt, denn es +ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es +mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Mu ich ihn denn +nun wohl heiraten?" + +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel +schwerer, hier eine richtige Lsung zu finden, als bei irgend einer noch +so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wute nicht ein noch aus, +und Ruth wurde immer dringender. + +"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich. + +"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun mu man sich +den Kopf ber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er +aber sah, da Ruth in ihrer Herzensangst die Trnen in die Augen stiegen, +lenkte er sofort wieder ein. Weibertrnen konnte er nicht sehen, am +wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte. + +"Na - wir wollen mal sehen, Krte," sagte er zrtlich, "was in dieser +Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf +einlt." + +Onkel Heinz selbst fhlte, da seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch +wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, +denn in diesem Augenblicke ertnte drauen die Klingel. + +"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel +Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen +Arm. + +"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und +empfand dabei die Beruhigung, da er diesmal etwas ganz Vernnftiges +gesagt habe. + +"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr +gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hren. Jetzt +will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich +tun mu." + +Und mit diesen Worten eilte sie zur Tre hinaus. + +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des +Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich hei +dabei geworden - da flog die Tre wieder auf, und Ruth strzte aufgeregt +herein. + +"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz. + +"Nun ist es zu spt, nun ist es zu spt!" jammerte sie laut. + +"Ja, was ist denn zu spt?" fragte er. + +"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, +als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll +ich nun tun, was soll ich anfangen?" + +Onkel Heinz schwieg. Er wute keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz +unglcklich schien; im nchsten Moment schon wrde man ja von ihr +vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie +richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem +Selbstgesprch, das Onkel Heinz mit fortwhrenden Randbemerkungen +begleitete. + +"Ich werde berhaupt nicht heiraten," fing sie an. + +"Das wre das Vernnftigste, was du tun knntest, aber bei euch +Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte +er. + +"Ich passe ja gar nicht fr die Ehe, ich wrde einen Mann nur qulen und +unglcklich machen," fuhr sie fort. + +Der Professor lchelte ironisch ber dieses Selbstbekenntnis einer edlen +Seele. + +"Na - das mte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die +schlechteste," sagte er. + +"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht +verheiratet, Onkel Heinz!" + +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank +nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein +Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand +wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder +die freundlichen hellen Rume und als Gegensatz sein einsames +Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im +Verhltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon +von manchem Silberfaden durchzogen war. + +"Weit du, Onkel Heinz," rief Ruth pltzlich und sah ihn mit ihren groen, +braunen Augen an, "wenn ich berhaupt je einen Mann nehmen wrde, knntest +nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten." + +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und +lie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. - + +Nun wute der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklrung sein oder +nicht? Nein, in was fr Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch +heute morgen diese Krte! Er wute gar nicht, wie er sich nun in dieser +neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und +hielt ganz still unter dieser zrtlichen Umarmung; aber seine Augen +blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schchterner Liebhaber, legte er seinen +Arm um ihre Taille. + +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In +solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und +ihr Gesicht drckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch +noch das Unglaubliche, da Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem +forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errtete und sich +fast wie ein ertappter alter Snder vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafr konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mute. Da Ruth +ihn umarmte und kte, war nichts Seltenes, aber heute mute ihre Umarmung +doch wohl einen ungewhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie +ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der +richtige Platz, um ihr bedrngtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und +Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mute den +Brief lesen, und Ruth lie sich von ihr unzhlige Male wiederholen, da +man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern htte. +"Gernhaben" und "Liebhaben" wre doch ein groer Unterschied, erklrte +Ruth. + +Bei diesen Worten lchelte Onkel Heinz spttisch; woher wuten nun wohl +solche Krten so etwas! + +"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, da ich ihn nicht +heiraten knnte," drngte Ruth. + +"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht +erst kommen, denn das wrde dem jungen Manne doch sonst eine groe +Verlegenheit bereiten," sagte Ilse. + +"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drben bei Vater im Zimmer?" fragte +Ruth. + +"Bewahre." + +"Ihr spracht doch mit einem Herrn." + +"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen +wollte," setzte Ilse auseinander. + +"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz, +"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen." + +In liebevollster Weise trstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, +indem sie ihr zrtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert +atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele +gelastet hatte, von ihr genommen wurde. + +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte +zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen +einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ber den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. + +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder +Onkel Heinz an, der unaufhrlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht +machte, das ein Mittelding zwischen Rhrsamkeit und mephistophelischem +Lcheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken. + +Mit dem jungen Mdchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung +in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr +Gesichtchen unter der dunklen Pelzmtze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jckchen auszog. + +Onkel Heinz wurde heute nur flchtig begrt, fragend wandte sie sich an +Ilse und Ruth. + +"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte +sie die Schwester dabei an. + +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewuten Brief hin, den Marianne +ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es +sich wie ein Schleier ber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise +an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben +durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die +Gegenstnde wurden verschwommen - ein bengstigendes Gefhl hemmte den +Herzschlag und schnrte ihr die Kehle zusammen - und sie wre unfehlbar +umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwche bemerkt htten und +hinzugesprungen wren. Marianne war ohnmchtig geworden. - + +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlfen mit einer +strkenden Essenz, whrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide +befanden sich in hchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; +er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der +Ohnmchtigen, in das noch kein Schimmer von Rte zurckkehren wollte. +Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her strmten die +Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewutlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, whrend sich +Thusnelda ber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie: + +"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!" + +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. + +Inzwischen war Ilse fortwhrend ngstlich um Marianne bemht, bei der das +Bewutsein immer noch nicht zurckkehren wollte. + +"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu +sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen +hatte. + +"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt. + +"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor. + +"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth +voller Angst. + +"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An +allem ist der verrckte Ball schuld! Natrlich habt ihr euch zu eng +geschnrt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Klte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten +gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und +dergleichen, das ist kein Wunder." + +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, +welches dieser verrckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder +der Ohnmchtigen zu. + +"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er +wieder an. + +"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse +ungeduldig und gereizt durch seinen Ton. + +"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, da dieser tiefer liegt +und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben +Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es +doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres +Heulkonzert auffhrten. + +"Die Kinder haben eben mehr Gefhl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer +augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war +jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ber ihn rgerte. + +"Wenn man nicht sentimental ist, heit es gleich man hat kein Gefhl," +erwiderte er ruhig. + +Ilse wre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn +nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch genommen htte; es vershnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt nher trat, Marianne zrtlich +auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Krte, wie geht's denn? Was machst +du aber auch fr Geschichten!" + +Als das junge Mdchen wieder zum Bewutsein gekommen war, blickte sie +erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen. + +"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme, +- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der +Professor drngte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, da sie +schweigen mchten, zurck. + +Ilse rief Marianne trnenden Auges mit den zrtlichsten Schmeichelnamen, +Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tnte das Schluchzen von +Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde +bei alledem pltzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er +Weibertrnen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf +einmal sehr berflssig fhlte, hielt er es fr das beste, sich +zurckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flchtiges +Abschiedsnicken fr ihn, aber Ruth drckte ihm innig die Hand. - + +Als er einige Zeit spter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, +betrat er sie mit einem angenehmeren Gefhl, als er sie verlassen hatte. +Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen +Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben +stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wrde auch +vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgesprche +antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz +abgezogen und hielt die kalten Hnde an den Ofen; als sie warm geworden +waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es +wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den +Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer +Gesellschaft fhlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten. + +Still und ruhig war's im Zimmer, man hrte nur das Gerusch der +schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen +lustig knackte und knisterte. + +Der Professor blieb den ganzen Tag ber angestrengt bei seiner Arbeit +sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach +Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm +zuvor. Als es dmmerte, erschien sie bei ihm und rttelte ihn wieder aus +seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was +sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Trnen, da sie die +eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den +verhngnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste +Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wrde. Marianne htte +nmlich ein tiefes Interesse fr Jansen und sei berzeugt gewesen, da er +dasselbe erwidere. + +Onkel Heinz hatte whrend dieser Erzhlung mehrmals den Kopf geschttelt +und seine Bartspitze so zusammengedreht, da man sie htte durch ein +Nadelhr einfdeln knnen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an +diesem Tage - zwei unglckliche Lieben! + +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz +konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der +Schwester und voll ngstlicher Sorge ber deren Zustand. In Abstzen +erfuhr der Professor, da Marianne krank im Bett liege, da man einen Arzt +habe holen mssen, der eine Nervenerschtterung konstatiert und grte +Ruhe anempfohlen habe. + +"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglcklichen Liebe!" rief Ruth laut +jammernd aus. + +"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrckten Romanen vor, aber +im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz. + +"Sie ist aber so elend." + +"Wird sich schon wieder erholen." + +"Glaubst du wirklich?" + +"Natrlich! Beruhige dich nur, alte Krte," redete er ihr liebevoll zu. + +"Warum mute es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen +nicht Marianne statt mich?" + +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wute es doch auch nicht. + +"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglcklich liebte?" fragte +das junge Mdchen den alten Hagestolz in ernstem Tone. + +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. + +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin. + +"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder. + +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen. + +"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff. + +"Hltst du die Liebe wirklich nur fr Unsinn?" Und als er nicht +antwortete, fuhr sie fort: "Weit du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann +berhaupt nicht lieben." + +"Was die Krte da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der +Professor bei sich. + +"Willst du wissen, was ich wohl mchte?" fragte Ruth nach einer kleinen +Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es +wissen? Ich mchte singen knnen, singen wie eine richtige Sngerin, ich +mchte - eine Knstlerin werden." + +Der Professor prallte ordentlich zurck, so erregt hatte sie diese Worte +ausgerufen. + +"Weit du denn berhaupt, du Kickindiewelt, was eine Knstlerin ist?" +fragte er, das Wort 'Knstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten +Weise betonend. + +Dann kam er wieder nher und sah sie scharf an mit hchst wichtiger Miene. + +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: + +"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft +so komisch, so - ich wei nicht wie! Ich habe das Gefhl, als mte etwas +heraus, als mte ich jauchzen oder weinen, ich fhle mich glcklich und +unglcklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann +wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als wre ich gar nicht auf der +Erde, als trgen mich Flgel empor - dann bin ich gut - dann denke ich +edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht +beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche +Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig." + +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem +Worte erstaunter an. Was sprach da diese Krte! Dieses Kind! Solche +Redensarten konnte es machen, da hrte ja einfach alles auf. Aber er +empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden +Augen seines Lieblings sah, da dieses Kind kein Kind mehr war, da es +eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, - +ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich +das junge Mdchen, seinen Sonnenschein, seine alte Krte noch immer +schweigend und so prfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. +So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch +nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das +kleine Mdchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern +eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das +pltzlich ber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreien. + +"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie lchelnd. + +Da erwachte er aus seinen Gedanken. + +"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ber seine Stoppeln, das sollte so viel +heien, als: es ist nun einmal so. + +"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zrtlicher +Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine groe Bitte an dich, +aber - du mut mir versprechen, da du sie erfllen willst." + +"Da werde ich mich schn hten," warf er ein und lchelte spttisch. +Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein +Frauenzimmer fertig bringen. + +"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er +aber dennoch. + +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, da er wie gewhnlich nicht +widerstehen konnte. + +"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zgernd von ihren Lippen, "wenn du +doch nur mal mit den Eltern sprechen mchtest, ob - ob sie meine Stimme +nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und +siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich mchte so gern etwas +Ordentliches lernen, ich will so fleiig sein, will mir so viele Mhe +geben, will ganz und gar nur der Kunst leben." + +"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach +ihn ernsthaft. + +"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so +spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum +Scherzen aufgelegt." + +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Trnen stiegen ihr in +die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen. + +"Weine doch nicht, Krte; da ihr Weiber doch immer gleich flennen mt," +sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die +wellig gescheitelt bis tief in die Schlfen fielen und das feine, schn +geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen lieen. "Aber +das mit der Knstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das +geht nicht, das geht auf keinen Fall." + +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. + +"Aber Onkel Heinz!" + +"Was willst du denn berhaupt fr eine Knstlerin werden? Willst du etwa +Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschtzig, denn unter +dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Bhne gehen +wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Krte, da gehrst du +nicht hin, das geben die Eltern berhaupt nicht zu und ich auch nicht, +daraus wird nichts!" + +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn da Ruth +vielleicht eine solche Absicht haben knnte, war ihm ein furchtbarer +Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so wre, wie es sein sollte," setzte er +wie im Selbstgesprche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte +Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, +Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen berhaupt einen Begriff!" + +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal +versucht, ihn zu unterbrechen, ohne da es ihr gelungen wre. Jetzt hielt +sie ihn am Arme fest. + +"Onkel Heinz, das alles wei ich ja noch nicht, darber habe ich noch +nicht nachgedacht. Vorlufig mchte ich nur lernen, mich meinen +Gesangsstudien ganz hingeben knnen, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fr den Hausgebrauch, wie +es heit, das macht mir wenig Spa, das befriedigt mich nicht, weil ich +fhle, da es nur oberflchlich und nicht das Richtige ist." + +"Das ist ja ganz vernnftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht bel, +das ist wahr," sagte er einlenkend. + +Diese Worte nahm sie schon fr eine Zusage und fragte nun freudig und +zuversichtlich: + +"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?" + +"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er +abwehrend. + +"Einziger, ser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm. +Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit groer +Geschwindigkeit. + +"Du bekommst auch schon vorher einen schnen Ku zum Lohn," versprach sie. + +"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin. + +"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie lchelnd und fragte +dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wre: "Wann willst du denn mit +den Eltern sprechen?" + +"Gar nicht," erwiderte er kurz. + +Ruth schien diese Antwort zu berhren und sagte weiter: + +"Jetzt geht es natrlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es +ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?" + +"Nein!" + +"Bitte, bitte, sage ja." + +"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig. + +"Onkel Heinz!" + +Wer htte wohl diesem Blick der schnen dunklen Augen widerstehen knnen! +Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch +abwandte. + +"Lieber Onkel Heinz." + +Er antwortete nicht. + +"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!" + +Und sie qulte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er +schlielich nachgab - er konnte der Krte nun einmal nichts abschlagen. + +"Meinetwegen denn ja! Qulgeist du!" rief er laut. + +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich +strubte, heimste er doch den Ku - den versprochenen Lohn - gern ein. - + +Die nchste Zeit verlief fr Gontraus still und traurig. Marianne lag +krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder +erheben, geistig und krperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der +unermdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und +nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, da +die Freundin keine rechte Pflegerin sein knne, weil ihre Ansichten ber +diesen Punkt so weit auseinander gingen, so berzeugte sie sich jetzt von +dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie +sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie +frher manchmal herrschschtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der +Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, +zuverlssiger Freund. Er kam tglich, widersprach natrlich bei allem, was +der Arzt verordnete, wute alles besser, trstete aber Ilse, wenn sie +niedergedrckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten +gewohnten Weise, soda es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein +Lcheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. + +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und +Leo erzhlte, hatte er krzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, +wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien +zurckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, +weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches +Gefhl hervorgerufen haben wrde. + +Als letztere einigermaen wieder hergestellt war, mute Onkel Heinz sein +Versprechen, das ja durch den Ku von Ruth besiegelt worden war, einlsen. +Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, da sie ihre +Stimme prfen lieen, und da dieselbe bei der Prfung fr sehr bedeutend +erklrt wurde, sollte sie eine knstlerische Ausbildung erhalten. Mit +Flei und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des +Knstlerberufs begann Ruth ihr Studium. + +Whrenddem erholte sich Marianne langsam. Krperlich war sie ganz +hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu +entfalten, allmhlich, ganz allmhlich gesundete er. Den zarten +Bltenhauch aber der ersten, unberhrten Jugend hatte diese getuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren +Augen war gewichen, und ihr helles, glckliches Lachen ertnte nicht mehr +so oft wie frher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das +Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, +aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war +glcklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frhjahr +verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den +Sommer bei den Groeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den +Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach +Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Sden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und +beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den +Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden +Krten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke +der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen +Malerei, ber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden +hbschen Mdchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf +seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzhlte es spter Ilse +voller Stolz. + +Erst spt im Herbst, der im Norden schon mit grauen trben Tagen +eingezogen war und die Bume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an +schnen Eindrcken und Erlebnissen. Mit noch grerer +Begeisterungsfhigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber +hatte frische Krfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so da ihr die +Zukunft nicht mehr als eine trostlose de erschien, wie es noch vor kurzer +Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. + +So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis +es wiederum Herbst war. - Ein lachender, trgerischer Herbst, der es ganz +vergessen lie, da er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen +Sonnenscheine wurde das Herz von Frhlingsgedanken erfat und die Menschen +strmten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schnen +Frhlingstage nach dem langen, langen Winter. + +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit +seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten +Wald. Die klare Luft war von weien Fden durchzogen, und die gelben, +roten und braunen Bltter wlbten sich zum farbenprchtigen Zelte ber +ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und +wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflckt, ein Blatt luftig und +leicht vor ihre Fe. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und +Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begnne erst jetzt die Zeit des +Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Tuschung. Lose +geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknpfte, +locker hingen alle die buntgemalten Bltter an den Zweigen, und nur unter +dem warmen Ku der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten +sich im Garten die Rosensptlinge aus ihrer schtzenden Knospenhlle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wrde mit einem +Schlage vorbei sein, wenn das allmchtige Himmelslicht droben hinter +Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darber hinfuhr und daran +rttelte - dann begann mit einem Schlage das groe gewaltige Sterben. +Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien +abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. +Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fr den herzerquickenden +Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschftige sie etwas lebhaft. + +"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor. + +Er lchelte mit berlegener Miene und entgegnete: + +"Ich habe gar keine Angst, die Krte hat ja tchtig gelernt, die kann ja +was." + +"Was gehrt aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung +und Flei allein kann das nicht geschehen, das Glck mu auch mit helfen. +Nun, was in meinen Krften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer +wieder davon zu berzeugen, mit wieviel Kmpfen und Schwierigkeiten der +Beruf einer Knstlerin erkauft werden mu. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttuschungen gefat zu machen, als auf Erfolge, denn +guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fr eine tchtige +Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber mu sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten +Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sngerin fertig ist, dauert es +lange." + +"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tchtigem, das wei +ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als knne daran nicht +mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe. + +"Wre das Konzert nur erst glcklich vorber," meinte Ilse und holte tief +Atem. + +"Wenn ich Ihnen sage, da Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie +es auch nicht ntig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte +einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm. + +Sie fhlte, da er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar +an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je lter sie wurde, +destomehr befestigte sich in ihr die berzeugung, da wahre, aufrichtige +Freundschaft ein kstliches, seltenes Gut ist, das man hten mu wie einen +groen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft +erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre +Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie +lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich +hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar hufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, da sie oft genug in +sich ging, ber sich nachdachte, fortwhrend selbsterzieherisch ttig war +und sich immer mehr daran gewhnte, auf die Eigenschaften andrer Rcksicht +zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man +einst mit ihr hatte haben mssen, als sie noch das ungebndigte +Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den +Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an +seiner Seite schreiten sah, glaubte, da sie sich noch immer damit +beschftige, wie wohl das Konzert ausfallen wrde, in welchem Ruth heute +abend zum ersten Male ffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb +beschlo er, ein neues Gesprch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu +bringen. Seine Bartspitze drehend, grbelte er darber nach, auf welche +Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke +Seite. + +"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann pltzlich an, "bei +Superintendents ist man wohl berglcklich, da der Ausreier wieder da +ist? Ist brigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei +mir." + +"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank, +da er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke +auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe brigens nie daran +gezweifelt, da ein tchtiger Kern in ihm stecke." + +"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein. + +"Er hat Ihnen wohl erzhlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte +Ilse. + +"Ja wohl, alles ganz ausfhrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der +Junge hat brigens viel Glck gehabt, denn da drben gibt's nur zweierlei, +entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Da die +amerikanische Familie sich bei der berfahrt auf der Germania, auf welcher +sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fr ihn so lebhaft +interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die +denken freier als wir; ich bin ja lange drben gewesen und kenne die +Verhltnisse genau. Da der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute +eben gar nicht, als praktischer Geschftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, da er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem +Geschft gebrauchen knne, na, und da war die Sache bald abgemacht." + +"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er +hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fr ihn wie eine Mutter, +und blo, weil ihn die andern im Geschfte wegen seiner Aussprache des +Englischen hnselten, ging er fort, - das htte er nicht tun sollen." + +"Das mute er wohl tun, das war ganz verstndig von ihm," widersprach +Onkel Heinz, "so wird das da drben gemacht, da kennt man keine +Sentimentalitten. Er handelte ganz richtig, da er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte +Zeiten mu der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehrt +dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone." + +"Er mu jetzt als Prokurist in dem groen Bankhause in San Franzisko eine +brillante Stellung haben. Rosi erzhlte mir strahlend davon," meinte Ilse. + +"Natrlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders +geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wre, +unter den spiebrgerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur +Antwort. + +"Aber da er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre +hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein. + +"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er +wollte erst was ordentliches werden. Und fr Ihre Freundin Rosi war diese +Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrckt erzogen, der htte +ganz anders behandelt werden mssen." + +"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafr ben mssen; fr +die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse. + +"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn +gern leiden, nur mte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie +berhaupt alle verheirateten Mnner. Gott sei Dank, da mich der Himmel +vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit +einem pfiffigen Seitenblick auf sie. + +"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse +lachend. + +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie +er darber dachte. + +"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, whrend +sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen +Sie wohl, wie gut es war, da ich Sie abholte, ich wei doch auch ganz +genau, was fr Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen +Herbstluft ist fr erregte Gemter jedenfalls viel besser als Ihr altes +Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte." + +"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war +ja Bromkali -" + +"Wei schon, wei schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs +alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder +Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als ntzen." + +"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es +nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte +sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause +angelangt. Er gab zur Antwort, da er lieber heim gehen und sie dann +spter in der Kirche treffen wolle, seine Krte knne er ja jetzt doch +nicht sprechen, die msse Ruhe haben. + + [Illustration] + +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, +bemerkte er, da bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit brig +war, und er berlegte sich deshalb, da es sich gar nicht lohnen wrde, +vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, da +es wohl besser wre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er +fr Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrge, ob alles in Ordnung +sei. Die Verkuferin hatte sich schon am Morgen ber den "wunderlichen +alten Herrn" amsiert, der in umstndlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet +werden sollten. Alle Vorschlge, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so +und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tpfelchen +anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb +angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus +Trkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Krte zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz +genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mkeln +und zog hier noch eine Blte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner +Meinung in die Farbenharmonie nicht paten. Wer wohl diese Gabe, die dem +alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das htte das junge +Mdchen in dem Laden gar zu gern gewut, denn eine Frau besa er nicht, +das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fr einen Brutigam +war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten +Male an diesem Tage - da mute sie unwillkrlich lachen; sie gab ihm aber +auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig +und pnktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie +jedoch, da so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand +vorgekommen wre, trotzdem sie mit allen mglichen Menschen verkehren +mute. + +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen +Schrittes die Strae ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das +Konzert stattfinden sollte, fhrte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste +Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war +doch keine Kleinigkeit und wichtig fr ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon +erleuchtet, und ber die breite Treppe, die nach dem Eingang fhrte, +schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die +groe Tr verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und +trat endlich gleichfalls durch das weit geffnete Portal. Der mchtige +Raum war mit Menschen bereits dicht gefllt. Die flackernden Lichter +warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Sulen und die dunkle Holzvertfelung der +Kirchensthle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und +betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf +seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, +Althoffs mit nnchen, Flora mit den krftigen Zwillingen, Rosi nebst +Familie - und wer sa da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, +bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir +erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner +Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden +Mdchengestalt neben ihm, whrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der +Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. +Der Professor fand, da Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er +sich jetzt an ihrer Seite niederlie, trotzdem sie ihre Aufregung zu +verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die +Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ber ihre Stimmung +hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man +die Kpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her +bewegen, whrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, +so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schpfung von Haydn, wute +er nicht zu wrdigen, denn er war gnzlich unmusikalisch, und nur Gesang +konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hrte er schon zu, als die Chre +gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine +Bartspitze zu drehen, und whrend er gespannt hinhorchte, waren seine +Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der +Stimme die Befangenheit der jungen Sngerin, zaghaft und scheu glitten die +Tne ber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in +reinen, mchtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den +Herzen der Zuhrer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, +ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ber die +herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit +besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, da sich +die Hnde zu begeistertem Beifall rhrten. Leo hielt Ilses Hand in der +seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und +flsterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, da Sie keine Angst zu haben brauchten, +hatte ich nun nicht recht?" Sie lchelte wie verklrt, sagte aber nichts, +denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schne +Arie: 'Nun beut die Flur.' Andchtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrcktes Hsteln unterbrach +manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sa jetzt Ilse da. Ihre +Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe +Zuversicht, da ihr Kind etwas Bedeutendes leisten knne und wrde. Aber +trotzdem verga sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest +vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten +streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer +und immer wieder vorhielt und einprgte. Als das Konzert sein Ende +erreicht hatte, entstand eine frmliche Aufregung im Publikum, und der +Andrang zu Gontraus war gro: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten +heran, um zu dem ersten groen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der +Professor war dem Gewhl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflchtet, +um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen htte, welche die Treppe von +den Emporen herunterkam. Neugierig sphte er, ob er nicht Ruths Kpfchen +dazwischen entdecken knne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm +vorbei. Nach und nach hrte das Gedrnge etwas auf, er kroch aus seiner +Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser +bersehen zu knnen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die +Mitwirkenden, unter ihnen die sehnschtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glnzenden Augen. Leichtfig hpfte sie herunter, und als sie Onkel +Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade +in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwhrend; sprechen konnte er nicht viel, +nur die Worte: "Alte, gute Krte," wiederholte er immer wieder, und eine +rhrende vterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der +graukpfige Hagestolz das junge, blhende Mdchen umschlossen. Aber dann +machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte +es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den +Armen. Auch Leo kte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle +die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debtantin, jeder +wollte sie zuerst beglckwnschen, ihr zuerst die Hand drcken. Nellie war +ganz gerhrt, und Flora erinnerte daran, da sie es gewesen war, welche +ihr einst eine groe Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. +Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Knstlerin viel lobende Worte. +Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorbergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurckgelassen, und +der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz +ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkrlich ergriff sie seine Hand. + +"O, was ein schnes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als +die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff +war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am +Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und +gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmtige Zug, der ihr in frheren +Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben fr die beiden Ehegatten doch anders +gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo +wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche +lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie +sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, +wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schnes mute es wohl sein, denn +sie sahen froh und glcklich aus. Whrend diese Stimmungen noch die +Gemter in der verschiedensten Weise beherrschten, hrte man pltzlich das +absichtlich laute und auffllige Klappern eines Schlsselbundes, und mit +harten Schritten ging der Kastellan ber die Steinfliesen, um die Lichter +auszudrehen, und gab damit zu verstehen, da es jetzt an der Zeit sei, +heimzugehen. + +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche +ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straen war wie an +einem schnen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. +Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, +die Gefeierte; bedchtig gingen die Alten hinterher. + +"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie +auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmtig fgte sie hinzu mit einem +Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages +fliegen beide aus dem Neste." + +"ber so etwas mu man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel +Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes +Gefhl, wenn er daran dachte, seine beiden Krten einmal hergeben zu +mssen. + +"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?" +fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. + +"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf +einmal flog ein spttisches Lcheln ber sein Gesicht, und er sagte: "Dann +schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau." + +Es war natrlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ber die Stimmung +hinwegbringen wollte, die etwas rhrselig zu werden drohte, und das liebte +er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. + +"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das +wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie +haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit +vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin +spielen, Onkel Heinz." + +"Na, das wird was Schnes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine +schreibende Frau? Brr!" + +"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fr +Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war +- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbndig, ein rechter bser Trotzkopf. +Und was ich dann alles leiden und ertragen mute, und wie ich geheilt +wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz." + +"Durch mich?" fragte er, sie unglubig ansehend. + +"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit +ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies +ihm, da sie die volle Wahrheit gesprochen hatte. + + + + +Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzhlung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, da die Fortsetzung dieses Bandes unter dem +Titel "Trotzkopf als Gromutter" in gleichem Verlag erschienen ist. + + + + + + +BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wrter. + +Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht +vereinheitlicht. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Anfhrungszeichen ergnzt hinter "Unsinn." + Seite 15: "herhaupt" gendert in "berhaupt" + Seite 76: "Schmids" gendert in "Schmidts" + Seite 90: "langezogene" gendert in "langgezogene" + Seite 113: Punkt ergnzt hinter "Gefhlen" + Seite 149: "Arger" gendert in "rger" + Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las" + Seite 201: "Profossor" gendert in "Professor" + Seite 208: berflssiges Anfhrungszeichen entfernt hinter + "abschlagen." + Seite 223: Komma ergnzt hinter "Zwillinge" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE*** + + + +CREDITS + + +April 2, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39350-8.txt or 39350-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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They may be modified and printed and given away +-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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\ No newline at end of file diff --git a/39350-8.zip b/39350-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..276a600 --- /dev/null +++ b/39350-8.zip diff --git a/39350-h.zip b/39350-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..81972a7 --- /dev/null +++ b/39350-h.zip diff --git a/39350-h/39350-h.html b/39350-h/39350-h.html new file mode 100644 index 0000000..dd56e25 --- /dev/null +++ b/39350-h/39350-h.html @@ -0,0 +1,9252 @@ +<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?> +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> + <meta name="generator" content= + "HTML Tidy for Linux/x86 (vers 25 March 2009), see www.w3.org" /> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/" /> + <meta name="DC.Creator" content="Else Wildhagen" /> + <meta name="DC.Title" content="Aus Trotzkopf’s Ehe" /> + <meta name="DC.Date" content="April 2, 2012" /> + <meta name="DC.Language" content="German" /> + <meta name="DC.Publisher" content="Project Gutenberg" /> + <meta name="DC.Identifier" content= + "http://www.gutenberg.org/etext/39350" /> + <meta name="DC.Rights" content="This text is in the public domain." /> + + <title>The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf’s Ehe by Else + Wildhagen</title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[*/ + /* + The Gnutenberg Press - default CSS2 stylesheet + + Any generated element will have a class "tei" and a class "tei-elem" + where elem is the element name in TEI. + The order of statements is important !!! 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You may copy it, give it away or re-use + it under the terms of the Project Gutenberg License <a href= + "#pglicense" class="tei tei-ref">included with this eBook</a> or + online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p> + </div> + <pre class="pre tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> +Title: Aus Trotzkopf’s Ehe + +Author: Else Wildhagen + +Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE*** +</pre> + </div> + </div> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"></div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/cover.jpg" alt="Illustration: Einband" /></div> + + <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga0001" id="Pga0001" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_frontispiece.png" alt="Illustration" /></div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center"> + <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name= + "Pga0002" id="Pga0002" class="tei tei-anchor" style= + "text-align: center"></a> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/title.png" alt="Illustration: Titelseite" /></div><br /> + <span class="tei tei-docTitle" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-titlePart" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 173%">AUS + TROTZKOPF’s</span><br /> + <span style="font-size: 173%">EHE</span></span></span><br /> + + <div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> + <span style="font-size: 120%">VON</span> <span class= + "tei tei-docAuthor" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 120%">ELSE WILDHAGEN geb. + FRIEDRICH-FRIEDRICH</span></span> + </div> + + <div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> + VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“ + </div><span class="tei tei-titlePart" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 120%">DRITTER BAND zum + „TROTZKOPF“</span></span><br /> + VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)<br /> + JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK</span><br /> + <br /> + <span class="tei tei-docEdition" style= + "text-align: center">Vierzigste Auflage</span><br /> + <br /> + <span class="tei tei-docImprint" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-pubPlace" style= + "text-align: center">STUTTGART</span><br /> + <span class="tei tei-publisher" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style= + "text-align: center"><span style="font-variant: small-caps">Gustav + Weise Verlag</span></span></span></span> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga0003" id="Pga0003" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style= + "text-align: center; margin-bottom: 0.90em; margin-top: 2.70em"> + <span style="font-size: 90%">Druck der Stuttgarter + Vereins-Buchdruckerei.</span></p> + </div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-body" style= + "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page1">[pg 1]</span><a name="Pgp0001" id= + "Pgp0001" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_on_p0001.png" alt="Illustration: Ornament" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“</span> schallte es von hellen + Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, + nebst zwei kleinen Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem + Herrn entgegen, der die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet + hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien mit hellem + Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin, der andre dorthin; lachend + versuchte er die Ungestümen abzuwehren, aber da klammerten sie sich + noch fester an ihn, und er kam nicht los.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“</span> rief + er endlich; <span class="tei tei-q">„wartet, ihr Kröten, ich werde euch + kommen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und er griff nach + seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der Junge aber und + das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden, + braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein Raufen und + Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page2">[pg 2]</span><a name="Pgp0002" id="Pgp0002" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“</span> + gebot Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls + hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz die Hand, der + inzwischen die kleine, blonde Marianne emporgehoben hatte, welche ihre + Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste + und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen Rücken + geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn er sich umdrehte und sie + fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei zurück. Das war ein + Hauptspaß.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“</span> legte + sich Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden + Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, nun hört endlich auf,“</span> gebot auch Ilse + ernstlich, und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte sie sich + wieder an Onkel Heinz mit den Worten:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr + Professor?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja + zu nichts,“</span> gab er zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“</span> rief es nun + schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er + beide auf einen Stuhl neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum + Totlachen für die Kinder, und bei dem komischen Anblick der kleinen + Person in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke konnten auch + die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich <span class="tei tei-pb" id= + "page3">[pg 3]</span><a name="Pgp0003" id="Pgp0003" class= + "tei tei-anchor"></a>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der + Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun ist’s genug,“</span> sagte sie; <span class= + "tei tei-q">„kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in mein + Zimmer.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“</span> + rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen + an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten + ihn daran fest, daß er nicht von der Stelle konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth war die + Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu warfen sich + die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein + Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte + vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch + Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der + wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde + von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die + Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern + leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr seid eine Gesellschaft,“</span> sagte Ilse + kopfschüttelnd, aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn + Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“</span> meinte + Nellie, als sie den Professor ansah.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“</span> rief er ihnen mit + scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es <span class= + "tei tei-pb" id="page4">[pg 4]</span><a name="Pgp0004" id="Pgp0004" + class="tei tei-anchor"></a>gemeint war, sie sahen ja seine lustig + zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er + ernstlich böse war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und nun zog er sich + seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände gerutscht waren, + rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes + Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem Kampfe nicht auch + in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie vor gerade in die + Höhe, tadellos in Reih und Glied.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, + bitte?“</span> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“</span> + quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte zu + erfüllen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“</span> legte er + sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem + Patenkinde und Liebling Ruth etwas abgeschlagen wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig + sein,“</span> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend, + doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der Kinderstube bleiben + sollten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne weiteres fügten + sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich + erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß + sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen + sollte.</p><span class="tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name= + "Pgp0005" id="Pgp0005" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Minuten + später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem großen Wohnzimmer + in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie an + ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. Als sie + jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, waren es noch ganz + ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas voller geworden, und + die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. Doch ganz + waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie hervor, kräuselten + sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre reizenden kleinen + Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung + war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu sehen, und + behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die Nase, + und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu + sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie + früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien + etwas weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein + geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn + <span class="tei tei-q">„sanft“</span> und <span class= + "tei tei-q">„dumm“</span> stellte sie in eine Reihe. <span class= + "tei tei-q">„Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und werde es + auch nie,“</span> meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte + sie auch recht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur bei einem + einzigen Wesen ließ sie <span class="tei tei-q">„sanft“</span> ohne den + wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer + Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch + Sanftmut geherrscht und gesiegt.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page6">[pg 6]</span><a name="Pgp0006" id="Pgp0006" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An ihr waren die + Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte Schelm in den + Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, dagegen hatten + sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, die ihr leicht + einen leidenden Zug gaben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seit einigen Jahren + lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, und vor nicht + langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau + Superintendentin geworden war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Althoff hatte als + Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und konnte sich sein + Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider machten ihm + seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und da er bei + seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die lebhafteste + Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch nicht im + mindesten zusammen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“</span> bemerkte Ilse + oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles + für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen können, besaß sie zu + ihrem größten Kummer nicht, sie mußte aber jemand haben, dessen Pflege + sie sich ganz und gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu + Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder holte sie zu + sich, denn sie hingen mit der größten Liebe an ihr.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der Dämmerstunde + erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und meistens forderte + Ilse sie <span class="tei tei-pb" id="page7">[pg 7]</span><a name= + "Pgp0007" id="Pgp0007" class="tei tei-anchor"></a>beide auf, zum Tee + dazubleiben. Althoff wurde dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, + denn sie mußte ja erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder + nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“</span> + entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde + Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten Spitze des + Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen und sang aus voller + Kehle in klaren und flötenden Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur + weniger melancholisch. Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter + Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte erschien + mattglänzend die silberne Mondsichel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte + wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu Hause warte ein + Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er + ließ sich gerne zureden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“</span> rief sie + ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“</span> + wiederholte er mit einigem Nachdruck, <span class="tei tei-q">„das ist + auch recht gut.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen + Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, + wie das duftet, wie die Vögel zwitschern, das ist ja alles viel + schöner, als Ihr alter Bücherkram.“</span></p><span class="tei tei-pb" + id="page8">[pg 8]</span><a name="Pgp0008" id="Pgp0008" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“</span> fragte er, die + Worte <span class="tei tei-q">„alter“</span> und <span class= + "tei tei-q">„Kram“</span> besonders betonend, während er anfing die + Spitze seines dunklen Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste + Zeichen seines Unwillens, Ilse kannte es genau.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“</span> fuhr er + fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so + habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie + müssen doch auch mal ausruhen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“</span> erwiderte er + nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht + einschüchtern, sie kannte seine Art.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den sechs Jahren, + so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als Dozent an der + Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in B. als + Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel Heinz, + wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. Er + hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte + mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam + in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das + nämlich nach seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, + zuerst müßte mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein + käme ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit + einer großen Umständlichkeit geschah, so <span class="tei tei-pb" id= + "page9">[pg 9]</span><a name="Pgp0009" id="Pgp0009" class= + "tei tei-anchor"></a>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine + eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. + Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und + ging Ilse mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen + Dingen nicht ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals + zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine + rechthaberische und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu + sprechen war, nannte sie ihn einen <span class= + "tei tei-q">„wunderlichen alten Junggesellen“</span>, obgleich er nur + wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der + Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz + der Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was + ihm in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine + rührende Liebe zu den Kindern. <span class="tei tei-q">„Sie sind meine + beste Erholung,“</span> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen + spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken, + Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. Ruth, + sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber auch + die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie hatte sich + inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred selbst zu + holen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich kann ja das Mädchen schicken,“</span> meinte Ilse, + aber Nellie ließ das nicht zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute + abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,“</span> <span class= + "tei tei-pb" id="page10">[pg 10]</span><a name="Pgp0010" id="Pgp0010" + class="tei tei-anchor"></a>antwortete sie ausweichend. Doch in + Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, + nach Gontraus zu kommen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich Nellie + verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie bleiben auf jeden Fall,“</span> sagte Ilse, ihn + zurückhaltend, und wies jeden Einwand, den er machen wollte, + zurück.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wissen Sie was,“</span> rief sie plötzlich, <span class= + "tei tei-q">„ich habe heute morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns + eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz – + können Sie da widerstehen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er lachte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die gemütlichen + Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die ihnen + entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und der + Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, doch + nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja + unliebenswürdig, und ließen ihn bald als <span class= + "tei tei-q">„komischen Kauz“</span> ganz links liegen. Deshalb mied er + auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn + eine größere Gesellschaft versammelt war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte nicht + umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne langes Zaudern + willigte der Professor nun ein, zu bleiben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als + dazubleiben,“</span> sagte er vergnügt, <span class="tei tei-q">„aber + die Bowle will ich <span class="tei tei-pb" id="page11">[pg + 11]</span><a name="Pgp0011" id="Pgp0011" class= + "tei tei-anchor"></a>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht + sie regelmäßig zu süß.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich, natürlich,“</span> sagte Ilse, <span class= + "tei tei-q">„doch dann müssen Sie mit in die Küche kommen, Onkel + Heinz.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er folgte ihr und + traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen. Die Kinder + hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen + erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte + ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf + einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher + schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte + natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel + Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er <span class= + "tei tei-sic">nocheinmal</span> ein Glas an den Mund – sie war gut + geraten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“</span> + fragte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“</span> riefen sie + durcheinander, und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten + Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit sie es ihm nicht + entreißen konnten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst + kriegt ihr gar nichts!“</span> Damit drängte er die verlangenden + Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam jedes zu kosten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem einen Glase + blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch einige Male + nach.</p><span class="tei tei-pb" id="page12">[pg 12]</span><a name= + "Pgp0012" id="Pgp0012" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“</span> sagte er + schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des Jungen, der zu den + schönsten Hoffnungen berechtigte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so + viel Bowle zu trinken geben,“</span> rief Ilse, als sie jetzt hinzukam + und den kräftigen Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, + bemerkte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das schadet ihnen doch nichts,“</span> entgegnete Onkel + Heinz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der + ist ihnen schädlich!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich + sein, wer sagt das?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun unser Arzt behauptet es,“</span> gab Ilse zur + Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na ja, die Ärzte!“</span> fiel Onkel Heinz mit höhnischem + Lachen ein; <span class="tei tei-q">„wenn die so etwas behaupten, + können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur <a name= + "corr012" id="corr012" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">Unsinn.</span>“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ärgerte sich + über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, ihre Laune war an + diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie sich nicht + verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen + Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden Seiten + eine kleine Mißstimmung zurück.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und deshalb sagte + sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu Bett. Dem + Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben + könnte, setzte sie ein unerschütterliches <span class= + "tei tei-q">„Nein“</span> entgegen.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page13">[pg 13]</span><a name="Pgp0013" id="Pgp0013" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Zeit später + saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und Onkel Heinz + heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein. + Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es noch hell + und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner Weise + den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und + blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete + jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich + hellglänzend vom Himmel ab.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“</span> fragte + Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude über das gemütliche + Zusammensein blickte ihm so recht lebhaft aus den Augen. <span class= + "tei tei-q">„Althoff, Sie trinken ja gar nicht, trinken Sie doch mal + aus,“</span> mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit Argusaugen + darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise + zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke + Kopfschmerzen bekäme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte die leise + Warnung gehört.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, + das ist gar nicht erlaubt,“</span> rief sie mahnend und schenkte dem + Direktor nochmals eigenhändig ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O,“</span> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick + auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre + Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes + Zusammenziehen seiner Schultern hielt sie für Frösteln, und besorgt + fragte sie, ob er nicht <span class="tei tei-pb" id="page14">[pg + 14]</span><a name="Pgp0014" id="Pgp0014" class= + "tei tei-anchor"></a>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme + gerade, wo er säße, ein kühler Luftzug herein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo sprang + dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der Professor + waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen + Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, kein Licht, Marie,“</span> rief Ilse, als das + Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche + Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön vermischte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt so in der + duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die frühlingsfrische Nacht + hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter, + dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu sein, ganz in + der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne! So dachte Ilse in diesem + Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. + Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der neuesten + Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte die + Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über + Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie + empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu + unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen + Flügel zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In + solcher Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, + daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit <span class= + "tei tei-pb" id="page15">[pg 15]</span><a name="Pgp0015" id="Pgp0015" + class="tei tei-anchor"></a>zwischen dem Direktor und dem Professor + verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kinder,“</span> rief sie plötzlich laut und erregt, + <span class="tei tei-q">„ich habe eine Idee!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz war + gerade dabei, dem Direktor lang und breit auseinanderzusetzen, + inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer werden müsse, als + Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr + zuwandte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„<span class="tei tei-sic">Darling</span>, was hast du für + eine Idee?“</span> fragte Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Famos, famos!“</span> jubelte Ilse. <span class= + "tei tei-q">„Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, + wollt ihr das?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da könnten wir ja schön reinfallen,“</span> sagte Onkel + Heinz, und Leo lachte: <span class="tei tei-q">„Ja, Schatz, für so + unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Also hört,“</span> fuhr Ilse fort, <span class= + "tei tei-q">„in vier Tagen haben wir Vollmond –“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„In fünf Tagen,“</span> verbesserte der Professor + ruhig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender + nachgesehen; <a name="corr015" id="corr015" class= + "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">überhaupt</span>, Onkel + Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir + Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf + machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie + poetisch, wie romantisch!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Man war solche + Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser plötzliche + Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei + zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu + sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, <span class= + "tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pgp0016" id="Pgp0016" + class="tei tei-anchor"></a>sie malte ihnen in den glühendsten Farben + aus, wie schön es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer + Begeisterung ansteckend wirkte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo war innerlich + schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau außerordentlich + verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten. + Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus seinem Zimmer, + und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der Plan + entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der + nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, + als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde + ihm ja auch sehr gut sein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war man denn bald + im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten der Partie über, die + am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel Heinz + plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde, er habe zu + arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein wahrer Sturm + über sein Haupt los!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden + Fall mit,“</span> sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es + schließlich doch tat.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“</span> + erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <span class= + "tei tei-q">„was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu + tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob + ich mitgehe oder nicht!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich haben wir etwas davon,“</span> sagte Ilse lustig + <span class="tei tei-pb" id="page17">[pg 17]</span><a name="Pgp0017" + id="Pgp0017" class="tei tei-anchor"></a>herausfordernd, <span class= + "tei tei-q">„ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern + könnte.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, da haben Sie recht,“</span> gab er zur Antwort und der + Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“</span> lachte + Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, + daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte. <span class= + "tei tei-q">„Und nicht wahr, Sie gehen mit?“</span> Dem liebenswürdigen + Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht + widerstehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“</span> sagte er + befriedigt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war spät + geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die bevorstehende + Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß + kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch aufzufordern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“</span> sagte Onkel + Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“</span> lachte + Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die + ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. + Und so war es auch!</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div><span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name= + "Pgp0018" id="Pgp0018" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem hübschen + Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi auf ihrem + erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit + Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und + eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! + Moden und Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war + eins von den Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen + man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein + würden. Alles trug bei der Superintendentin einen konservativen + Anstrich; sie war kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für + sündhaft und wies ihn mit den Worten zurück: <span class= + "tei tei-q">„Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es + jetzt auch entbehren können.“</span> Wenn es nach ihr ging, hörte alles + Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie + kennen, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin + von den Freundinnen wäre.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem Zimmer waren + die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand + der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel + umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, aber man + suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen Geschmack + der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung + der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung in den + Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende Atmosphäre + lag es über dem Ganzen, und <span class="tei tei-pb" id="page19">[pg + 19]</span><a name="Pgp0019" id="Pgp0019" class= + "tei tei-anchor"></a>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine + Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen nicht am + Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der Pflege ihrer + Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese Lebewesen noch + sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war + das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte Kissen auf + dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der Ofenschirm zeigte ein + gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen + überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die + über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin das Auge + blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, häkelnder Hände, + wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie + viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin + tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur selbstgearbeitet + mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie selbst war in + der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen + bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. Nach + dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen mußte, + sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken + und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen + Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder + nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von + Pflicht, sie führte das Wort immer im <span class="tei tei-pb" id= + "page20">[pg 20]</span><a name="Pgp0020" id="Pgp0020" class= + "tei tei-anchor"></a>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem + Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde + vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den + Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die + neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden + spielte, und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren + stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und + Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“</span> sagte + sie ärgerlich; <span class="tei tei-q">„wie oft habe ich dir das schon + gesagt, Fritz!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz, aus dessen + blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, legte jetzt + seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm + ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, Mutter, alles.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Kleinlaut flüsterte + er: <span class="tei tei-q">„Sieben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt ließ sie die + Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende + Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten denkt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es war so schön bei Tante Ilse,“</span> warf Fritz + ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und da konntest du dich nicht trennen, wie + gewöhn<span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name= + "Pgp0021" id="Pgp0021" class="tei tei-anchor"></a>lich,“</span> + unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. <span class= + "tei tei-q">„Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,“</span> + fuhr sie fort; <span class="tei tei-q">„es ist schrecklich, daß du so + leichtsinnig bist, immer diese vielen Fehler!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz sah bei dieser + Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte darüber nach, ob es + denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft + draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den + Tisch, wir trinken gleich Kaffee.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz gehorchte. In + der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht Jahren, seine + Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht + war sie auch deshalb deren Liebling.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Guten Tag, Mama,“</span> sagte sie und umarmte diese so + steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als + hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so + gehört. Aber dennoch war die Begrüßung mit der Tochter eine weit + wärmere, als mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden + Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem der kurzen + Zöpfchen gelockert hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bist du auch schon da, Elisabeth?“</span> fragte sie + zärtlich; <span class="tei tei-q">„zeige mal, wie viel hast du denn in + der Handarbeitsstunde gestrickt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Kleine zog einen + langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran + gearbeitet hatte.</p><span class="tei tei-pb" id="page22">[pg + 22]</span><a name="Pgp0022" id="Pgp0022" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“</span> sagte Frau Rosi, + und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <span class= + "tei tei-q">„Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun legte auch die + Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den Kaffeetisch, wo + sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich + die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine hagere, alte + Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, du bist es, Tante Emilie,“</span> sagte Rosi und + schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich den + dunklen Schatten bemerkte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom + Frauenverein vorbei?“</span> fragte sie freundlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilie bejahte + und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen großen, grauen + Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu + klappern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“</span> sagte + Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein + Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von + Rosis verstorbener Mutter und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer + Nichte, in deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen + Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor war der stumme, + strickende Gast an seinem Tische keine angenehme Zugabe, und auch + heute, als er eintrat, traf sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis + Mann hatte sich wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht + <span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pgp0023" + id="Pgp0023" class="tei tei-anchor"></a>mit den blauen Augen, die Fritz + von ihm geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und + selbstbewußter in die Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten + daraus hervor, zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn + dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, daß der + Junge ungeduldig auf dem Stuhle herumrutschte; ach, draußen warteten ja + schon die Freunde auf ihn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“</span> + bemerkte Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <span class= + "tei tei-q">„Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein. + Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie schüttelte + unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen + Spaziergang machen?“</span> fragte der Pastor; <span class= + "tei tei-q">„es ist so herrlich draußen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, das geht nicht,“</span> erwiderte sie. + <span class="tei tei-q">„Fritz muß arbeiten, er hat wieder sieben + Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“</span> wiederholte sie noch + einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht + nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen + kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, Fritz,“</span> begann der Pastor, indem er sich + räusperte, – er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten Rede den + Anlauf nahm, – <span class="tei tei-q">„wie kommt denn das?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein + Vergnügen,“</span> antwortete der Junge offen.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pgp0024" id="Pgp0024" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“</span> fuhr Rosi auf, + <span class="tei tei-q">„aus Fritz wird nie etwas werden.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, nun,“</span> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem + Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, <span class= + "tei tei-q">„das wollen wir nicht hoffen.“</span> Und er strich ihm + beruhigend über das blonde Haar.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi schüttelte den + Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß Fritz streng + behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm + nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves Kind, + kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl im + Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen + verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still + sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube + zu hocken. Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen + an ihm herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie + ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber + unerbittlich streng, die Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was + empfand sie von einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in + die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum + Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett und räumte die Tassen + zusammen, Fritz schlüpfte schnell hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“</span> begann Rosi + das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths Gegen<span class= + "tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name="Pgp0025" id="Pgp0025" + class="tei tei-anchor"></a>wart, die sich im Vollgefühl ihrer + Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der + Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“</span> + beschwichtigte der Superintendent; <span class="tei tei-q">„wenn du so + viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in + der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; + tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?“</span> fragte Rosi diese + erregt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilies rote + Nasenspitze hob sich ein wenig und das <span class= + "tei tei-q">„Nein“</span>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, als + käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch fing an, sie zu + interessieren, denn wenn sie den grauen Faden um den Finger legte und + dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, daß + ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch genommen war. + Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern aufs + höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das + Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und + spiele mit deinem Bruder,“</span> sagte der Vater der ihre lauernden + Blicke bemerkt hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich muß arbeiten,“</span> erwiderte sie trotzig und ging + hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“</span> rief ihr + die Mutter in sanftem Tone nach.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page26">[pg 26]</span><a name="Pgp0026" id="Pgp0026" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es + viel weniger als Fritz,“</span> sagte Rosi vorwurfsvoll.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge + besprechen, das gehört sich nicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie + kann dreist so etwas mit anhören.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich will es aber nicht,“</span> sagte der Pastor heftig + und stand erregt auf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilies Augen + folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem Blicke.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja + stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer + etwas auszusetzen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen + das Mädchen schwach.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“</span> erwiderte + Rosi spitz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die vorwitzigen + Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über ihr Gesicht. + Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken + Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, + suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das Fenster + trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und hinausblickte. + Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so + plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Rosi witterte + eine Absicht ihres Mannes da<span class="tei tei-pb" id="page27">[pg + 27]</span><a name="Pgp0027" id="Pgp0027" class= + "tei tei-anchor"></a>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder + hereinließ, und rief ärgerlich:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben + herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Stimmung der + beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante Emilie + bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und sicherlich + würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn in + diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei der Nennung + dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, packte ihr + Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen + war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr wenig + sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Röte der + Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden eintraten, aber + sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war + ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie sonst + meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin bewahrte + stets eine gewisse Steifheit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bitte, nehmt Platz,“</span> nötigte sie, indem sie auf die + Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und + farblos war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem + herrlichen Wetter,“</span> sagte Ilse; <span class="tei tei-q">„es ist + zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen + sein.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page28">[pg + 28]</span><a name="Pgp0028" id="Pgp0028" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“</span> Rosi setzte + solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar + zu gern einfließen, wie viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in + Anspruch genommen sei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“</span> sagte nun auch der + Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja + fortwährend ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wir sind auch keine Faulpelze,“</span> erwiderte + Nellie, <span class="tei tei-q">„jede Hausfrau hat zu tun.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an + den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,“</span> rief Ilse + übermütig. <span class="tei tei-q">„Manchmal meine ich, daß ich + überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so wenig + Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das + ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust + dazu habe.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosis + Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese Äußerungen + dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, + daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie + und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für + ihre <span class="tei tei-q">„Pflicht“</span>, eine Jugendfreundschaft + nicht einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was ihr an + den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur + Teilnahme an der geplanten Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut + dazu schweigen. Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im + <span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pgp0029" + id="Pgp0029" class="tei tei-anchor"></a>Mondschein auf den Schneekopf + zu steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! + Innerlich war sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt + darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen + zu haben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lieber Adolf,“</span> unterbrach sie das Gespräch, + <span class="tei tei-q">„wir wollen es doch erst überlegen; du kannst + gewiß nicht fort.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Superintendent + sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich will es nicht. + Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut + könnte,“</span> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi innerlich + Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren Grübchen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich gehe keinesfalls mit,“</span> entschied die Pastorin. + <span class="tei tei-q">„Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß + macht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber Rosi!“</span> rief Adolf ganz erschrocken über eine + solche Zumutung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, + wie poetisch!“</span> rief Ilse begeistert.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi sah sie an und + schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie eben nicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, ihr kommt doch noch mit,“</span> sagte lächelnd + Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein!“</span> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer + Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die beiden + Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich in sein + Zimmer zurück, denn <span class="tei tei-pb" id="page30">[pg + 30]</span><a name="Pgp0030" id="Pgp0030" class="tei tei-anchor"></a>die + Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts Gutes. Sie ging ihm + aber nach und drückte die Türe hinter sich ins Schloß.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer + wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur schaden + kann.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber wie so denn, Rosi?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. + Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, was euch Männern + natürlich das liebste ist und am besten gefällt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe + ich nichts Freies.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie + es Menschen unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie + hinauf.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Im Mondenschein,“</span> verbesserte er ruhig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete + Menschen!“</span> fuhr Rosi fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum + aushalten. Dann laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen + abbrechen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute + wegen nicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Adolf antwortete mit + einem resignierten Achselzucken; er kannte diese Litanei nun schon + auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald + kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page31">[pg 31]</span><a name="Pgp0031" id="Pgp0031" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran + denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es + sogar für meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn Rosi ihr + <span class="tei tei-q">„Pflichtgefühl“</span> als letzten Trumpf + ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor + kannte auch diesen Schlußeffekt genau, und es war am besten zu + schweigen, wenn sie bei diesem Punkte angelangt war; er setzte sich + daher an seinen Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf + und schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau das Zeichen, + daß er sich auf keine weiteren Erörterungen mehr einlassen würde; sie + konnte sagen, was sie wollte, er blieb stumm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Daß du gleich so empfindlich bist,“</span> versuchte sie + doch noch einmal anzufangen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Keine Antwort!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran + liegt. Ich,“</span> das Wort betonte sie besonders, <span class= + "tei tei-q">„gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wiederum + Schweigen!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Adolf schien + vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange nicht fertig; + mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der Tischdecke.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt versuchte sie + es mit einem andern Thema.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du + etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. + Der Umgang mit Gontraus hat <span class="tei tei-pb" id="page32">[pg + 32]</span><a name="Pgp0032" id="Pgp0032" class= + "tei tei-anchor"></a>entschieden einen schlechten Einfluß auf den + Jungen, und von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort + ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann + in solcher Stellung doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch + nichts Gutes.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch selbst hiermit + konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und erregt wandte sie + sich zum Gehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, + dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich + aussprechen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Pastor zuckte + zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, stand dann aber + auf und steckte sich seine Pfeife an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi schüttete nun + Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für alles einen + lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den + Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über die + Tadellosigkeit von Elisabeth und <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">last not least</span></span>, über das freie + Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches + gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von + Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre + Menschen ebenso dachten, wie sie.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p032.png" alt="Illustration" /></div><span class= + "tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pgp0034" id="Pgp0034" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse betrachtete in + den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das + kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal + sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt + hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, <span class= + "tei tei-q">„es bliebe gut,“</span> so <span class="tei tei-q">„bliebe + es auch gut“</span>. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für + die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu + prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer + gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere + Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher + diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los. <span class= + "tei tei-q">„Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da + müssen ja alle Füße Krüppel werden,“</span> behauptete er und zeichnete + einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt + hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen + protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch + einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie + merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die + Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Onkel Heinz zur + verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, + konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition + auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die + dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten <span class="tei tei-pb" id= + "page34">[pg 34]</span><a name="Pgp0035" id="Pgp0035" class= + "tei tei-anchor"></a>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem + asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren + Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen + hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell + wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das + untrüglichste Zeichen seines Unmutes.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie und Ilse + sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, + den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und + Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé + gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was machst du denn da?“</span> fragte Ilse, als sie jetzt + einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und + demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Fred hat zu schwer zu tragen,“</span> sagte sie etwas + verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres + Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick + aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während + dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Laß nur, <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">darling</span></span>, laß nur! Fred darf sich + nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“</span> erwiderte + Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr + sofort die Tränen in die Augen.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page35">[pg 35]</span><a name="Pgp0036" id="Pgp0036" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“</span> sagte Ilse; + <span class="tei tei-q">„ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind + fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie schüttelte + wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm + die Sache viel zu leicht, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">sie</span></span> wußte es aber besser.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“</span> fuhr Ilse + fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß + Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund + sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie + bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen + Ängstlichkeit abzubringen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die kleine Reise bis + zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche + Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung + zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und + steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr + dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und + bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Um diese Zeit waren + die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der + langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, + jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und + besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach + belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht + satt daran sehen.</p><span class="tei tei-pb" id="page36">[pg + 36]</span><a name="Pgp0037" id="Pgp0037" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“</span> wehrte + Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer + Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. + Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den + Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf + ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm + her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu + warten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Straße, die sie + durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu + beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach + frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch + schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und + gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große + Plakate: <span class="tei tei-q">„Logis zu vermieten“</span>. Nur noch + wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer + Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im + Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die + Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und + schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen + vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in + blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer + Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun + wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte + Knospen <span class="tei tei-pb" id="page37">[pg 37]</span><a name= + "Pgp0038" id="Pgp0038" class="tei tei-anchor"></a>einen lichtgrünen + Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche + Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“</span> sagte Nellie so + recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bald kamen sie an + eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer + Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur + sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden Frauen + stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß + gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und + natürlich auch den von Onkel Heinz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im + Augenblick verwelkt,“</span> sagte er trocken, als Ilse ihm ein + Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber + schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen + Filzes gefallen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sehen Sie doch nur diese entzückende + Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“</span> rief Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“</span> sagte er + wieder ablehnend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse wandte sich + ab.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, denn nicht,“</span> meinte sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein + Wilder,“</span> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <span class= + "tei tei-q">„man kann ja gar nicht mitkommen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber + <span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pgp0039" + id="Pgp0039" class="tei tei-anchor"></a>ich gehe doch wahrhaftig nicht + schnell,“</span> sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das + Tempo seiner Schritte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine + ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“</span> fragte Onkel Heinz mit + einem spöttischen Lächeln.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem + Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine + Kleinigkeit!“</span> rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von + den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen, + allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch + ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben + getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so + gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein + guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch + mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte + Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und + Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut + hätte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine gute Strecke + waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete + noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen + Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem + Kontrast das duftige Blau und <span class="tei tei-pb" id="page39">[pg + 39]</span><a name="Pgp0040" id="Pgp0040" class= + "tei tei-anchor"></a>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie + ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige + Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen + Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige + Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schnell huschte die + Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände + verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, + verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine + traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger + des Waldes auf den Zweigen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Stumm schritten die + Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen + Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt kamen sie in + einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die + Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas + bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es + überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte + sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde + ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige + nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr + vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem + Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas + bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an <span class= + "tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pgp0041" id="Pgp0041" + class="tei tei-anchor"></a>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen + dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht + gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie + überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die + schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr + sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas + hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach + einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der + Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und + Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die + sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abend war nun + ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen + Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte + jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine + eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden + Natur ein Schlummerlied.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es wird feucht,“</span> sagte Althoff und zog seinen + Rockkragen in die Höhe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, du frierst doch nicht?“</span> fragte Nellie ängstlich + und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, + nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es geht dir doch gut, Fred?“</span> fragte sie wieder nach + einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page41">[pg 41]</span><a name="Pgp0042" id="Pgp0042" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie + gewöhnlich.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches + mitgenommen!“</span> fragte Nellie eifrig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches + Zeugs,“</span> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <span class= + "tei tei-q">„Sie vergiften sich ja nur damit.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, es hilft Fred aber so gut,“</span> meinte Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“</span> erwiderte Onkel + Heinz mit Achselzucken, <span class="tei tei-q">„aber hier, trinken Sie + wenigstens einen Kognak als Gegengift.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er reichte ihm seine + Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn + die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im + Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen + zu folgen, und wenn er auf die <span class="tei tei-q">„dummen + Kerle“</span>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und + Mittelchen lächerlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo, der mit Ilse + ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern + zu: <span class="tei tei-q">„Menschliche Wohnung in Sicht!“</span> + indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung + durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse + eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie + vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen + ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel + wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters <span class= + "tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pgp0043" id="Pgp0043" + class="tei tei-anchor"></a>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone + zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der + zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie + Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im + Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe + hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, + über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu + haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße + fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt + deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen + Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den + Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau + den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des + Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor + sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische + Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit + Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer + unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die + späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, + daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; + so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. + Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und + unternehmungslustig vor ihm standen.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page43">[pg 43]</span><a name="Pgp0044" id="Pgp0044" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das nenne ich aber Mut,“</span> sagte er zu ihnen. + <span class="tei tei-q">„Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch + geben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“</span> + erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kann man hier einen guten Kognak haben?“</span> fragte + Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß + die lahm gewordenen Federn ächzten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen + etwas zu genießen,“</span> rief er hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Försterin kam + herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an + der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob + sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an + die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen + Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den + treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ + sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, + stieß er sie mit der Schnauze an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Rast war keine + lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem + Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, + eingehend den Weg besprochen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auffallend kühl war + es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen + Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, + silber<span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name= + "Pgp0045" id="Pgp0045" class="tei tei-anchor"></a>glänzend der Mond, + tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die + Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen + herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und + mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun ging’s flott + weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft + zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas + Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für + furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo + nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders + war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich + verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal + zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens + nicht unterdrücken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da, da!“</span> rief sie und zeigte entsetzt nach + oben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine weiße Gestalt + war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; + selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick + unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die + spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das + Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch + die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt + gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page45">[pg 45]</span><a name="Pgp0046" id="Pgp0046" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur + getrost und sehen Sie es sich an!“</span> rief er laut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ärgerte sich im + stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt + hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer + Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt + halten,“</span> meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen + nahe war und sie entschuldigen wollte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, Gontrau,“</span> rief Onkel Heinz, <span class= + "tei tei-q">„nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu + glauben?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wieder + erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse erschien es in + ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte + man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache + ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, + jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich + nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0045.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem + Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und + waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete + tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten + war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen + man allerlei vermuten konnte. <span class="tei tei-pb" id="page46">[pg + 46]</span><a name="Pgp0048" id="Pgp0048" class="tei tei-anchor"></a>Die + Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die + Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege + und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein + flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, + ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer + stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht + man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht + fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle + Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die frische Luft + kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten + hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille + herrschte ringsumher.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“</span> sagte + Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie würde uns für verrückt halten,“</span> meinte + Fred.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für + verrückt,“</span> erwiderte Onkel Heinz. <span class="tei tei-q">„Wenn + es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, + grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das + kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich + in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. + Das ist nun einmal nicht anders.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte + darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach + dem Äußeren <span class="tei tei-pb" id="page47">[pg 47]</span><a name= + "Pgp0049" id="Pgp0049" class="tei tei-anchor"></a>beurteilen; um ihn + kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und + selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon + konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr + geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an + der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach + ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in + poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd + und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es + gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen zwölf Uhr + sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, + einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das + Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer + höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer + Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den + Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die + krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles + im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man + eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender + Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und + doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst + Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es + sich auch wohl <span class="tei tei-pb" id="page48">[pg + 48]</span><a name="Pgp0050" id="Pgp0050" class= + "tei tei-anchor"></a>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer + im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. + Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das + gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und + Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und + verstand es, die andern mit sich fortzureißen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellies Blicke + hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen + schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das + Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch der Professor + war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen + mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als + er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin + dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen + wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein + können, Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse, als sie sich für diese + Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es + spöttisch.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wieso?“</span> fragte der Professor erstaunt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, + wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich + dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz sah sie + ganz bestürzt an, er ahnte ja <span class="tei tei-pb" id="page49">[pg + 49]</span><a name="Pgp0051" id="Pgp0051" class= + "tei tei-anchor"></a>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er + seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein + kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man + sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun + geschehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erst spät erloschen + die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der + sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er + im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende + Morgensonne seinen Platz einnahm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur einmal noch in + der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den + Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und + ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen + Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse + heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, + und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die + Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte + jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb + auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der + in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und + allmählich wieder verschwand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Lange noch blieb der + Professor draußen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Des Morgens erschien + er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh + aufgebrochen werden. <span class="tei tei-pb" id="page50">[pg + 50]</span><a name="Pgp0052" id="Pgp0052" class= + "tei tei-anchor"></a>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er + sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die + Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig + gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das + helle Mondlicht hätte ihn gestört.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“</span> sagte + Nellie; <span class="tei tei-q">„sehen Sie doch, wie schön es draußen + ist.“</span> Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch + schlecht geschlafen,“</span> erwiderte er mißmutig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst + aufgestanden?“</span> fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter + klopfte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu + wiederholen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war nichts mit + ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der + schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert + wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Brummend stieg er + mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz + gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder + jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er + doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas + behauptete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse, welche ahnte, + daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich + schon die <span class="tei tei-pb" id="page51">[pg 51]</span><a name= + "Pgp0053" id="Pgp0053" class="tei tei-anchor"></a>schönsten Beinamen + gegeben, wie <span class="tei tei-q">„alter Junggeselle“</span>, + <span class="tei tei-q">„Brummbär“</span> und dergleichen mehr, aber + sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, + ihn dadurch umzustimmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Lustig verließ die + kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich + inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den + Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein + auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter + den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. + Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser + wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen + in die Augen und blies die Backen feuerrot an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schneeluft,“</span> sagte Althoff.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er hatte recht, + nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt. + Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es + ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte + sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber + die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja + jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl + nahm ihn wieder mit fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An verschiedenen + Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie + hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die + <span class="tei tei-pb" id="page52">[pg 52]</span><a name="Pgp0054" + id="Pgp0054" class="tei tei-anchor"></a>Knöchel ein, was ein Hauptspaß + für Ilse war. Sie fand diesen <span class="tei tei-q">„Winter im + Frühling“</span> herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug + äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst + ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so + daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, + wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art + von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit + besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut + bekommt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde + ich es hier,“</span> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und + stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre + krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“</span> + rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins + Gesicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kann ich nicht finden,“</span> versetzte er unwirsch, nahm + seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, + wieder trocken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist + viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir + weit näher gegangen,“</span> sagte er dann zu Leo.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Althoff und Leo + stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. + Schließlich wurde die <span class="tei tei-pb" id="page53">[pg + 53]</span><a name="Pgp0055" id="Pgp0055" class= + "tei tei-anchor"></a>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei + Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er + unrecht hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“</span> + sagte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“</span> + entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: <span class= + "tei tei-q">„Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen + müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar + nicht maßgebend,“</span> entgegnete der Professor in unerschütterlicher + Streitsucht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun wurde es aber + Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie + ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er + mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit + störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, + wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in + ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er + sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich + dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. <span class= + "tei tei-q">„Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die + Ärmste würde ich bedauern,“</span> schloß sie ihre Strafpredigt, die + den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von + dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz + verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern + <span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pgp0056" + id="Pgp0056" class="tei tei-anchor"></a>zog sich seinen Rockkragen noch + fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt + weiter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, + denn so machen es die Frauen, sie halten immer + Gardinenpredigten,“</span> versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel + Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging + er weiter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Mittag hörte + das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum + Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf + die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch + unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte + unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine + weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten + zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter + Tränen zu lächeln.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als unsre Freunde + den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, + sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her + bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter + den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, + mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern + Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter + Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht + bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem + zwanzig Häuser <span class="tei tei-pb" id="page55">[pg + 55]</span><a name="Pgp0057" id="Pgp0057" class="tei tei-anchor"></a>zu + Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da + schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast + alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem + regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden + können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und + Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von + wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem + betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. + Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste + Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der + Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut + einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie + gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war ein + trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl + schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die + Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige + Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. + Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten + Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war + mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein + Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig + aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, + wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.</p><span class="tei tei-pb" + id="page56">[pg 56]</span><a name="Pgp0058" id="Pgp0058" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eintönig verlief das + Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen + Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch + hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der + eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den + Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, + und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, + daß es <span class="tei tei-q">„angesteckt“</span> sein müsse. So + meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein + Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, + Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben + hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend + gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der + Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, + so schloß der Wirt seine Rede.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach dem Essen wurde + der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten + die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den + Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse + trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles + genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn + auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder + bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das + war die Frage, <span class="tei tei-pb" id="page57">[pg + 57]</span><a name="Pgp0059" id="Pgp0059" class="tei tei-anchor"></a>die + sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf + brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge + wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber + vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder + stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang + finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon + eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber + sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt + hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem + neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit + deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und + geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so + recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall + kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, + besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ein famoser Gedanke!“</span> rief sie ein über das andre + Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, + dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht + bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war + etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem + guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, + daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum + mehr er<span class="tei tei-pb" id="page58">[pg 58]</span><a name= + "Pgp0060" id="Pgp0060" class="tei tei-anchor"></a>warten, bis die + Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich + auch sofort erörtert wurde, <span class="tei tei-q">„welches + Stück?“</span> Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler + gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet + zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der + eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles + mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum + Schluß kamen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das + Dilettanten spielen könnten?“</span> fragte Althoff endlich den + schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, + so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da kam der Direktor + aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel + übrig gehabt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein + Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“</span> + war die scharf betonte Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hu, wie grob! Aber + Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm + seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die + andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick + zusandte, der sehr beredt war. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Mond strahlte + wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame + Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden + Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend + lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das <span class= + "tei tei-pb" id="page59">[pg 59]</span><a name="Pgp0061" id="Pgp0061" + class="tei tei-anchor"></a>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich + gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner + gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der + Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er + auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen + Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen + Schimmer.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz verließ + die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem + Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille + Nacht.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem wahren + Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der + Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das + Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern + überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der + Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick + benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig + Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen + Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, + das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für + sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen + gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, + und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater. + <span class="tei tei-pb" id="page60">[pg 60]</span><a name="Pgp0062" + id="Pgp0062" class="tei tei-anchor"></a>Leo hatte schließlich verboten, + sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne + weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie + sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang + laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb + sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele + verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs + lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was + die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der + geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie + in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und + Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz + erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von + dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne + sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte + mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen + und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die + ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht + ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens + gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie + aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk + hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist + den Schluß.</p><span class="tei tei-pb" id="page61">[pg + 61]</span><a name="Pgp0063" id="Pgp0063" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach langem Wählen + hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: <span class= + "tei tei-q">„die Jugendliebe“</span> von Wilbrandt, <span class= + "tei tei-q">„das erste Mittagessen“</span> von Görlitz und <span class= + "tei tei-q">„die Hochzeitsreise“</span> von Benedix. Die Stücke hatte + man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das + zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da + zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine + Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Im Geiste hatten + Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, + brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu + bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so + guten Zweck herzugeben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Deshalb wanderten + auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – + eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu + holen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihr Mut sank schon + nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich + bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen + Ansichten der Menschen ergangen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“</span> Das + war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses + Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes + verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, meine Liebe,“</span> sagte z. B. Frau So und + So, <span class="tei tei-q">„das können Sie nicht von meinen Töchtern + verlangen, sich der öffentlichen Kritik + auszusetzen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page62">[pg + 62]</span><a name="Pgp0064" id="Pgp0064" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und + belegte Brötchen herum,“</span> gab Ilse zur Antwort. <span class= + "tei tei-q">„Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik + ausgesetzt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist + etwas ganz andres.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Inwiefern das + <span class="tei tei-q">„etwas andres“</span> war, konnte Ilse nicht + herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl + selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine junge Frau, + welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich + auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre + Schneiderin könnten ja nachher sagen: <span class="tei tei-q">„Gnädige + Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O,“</span> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten + Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders + guten Trumpf ausspielte, <span class="tei tei-q">„Sie brauchten sich + doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin + fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an + dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“</span> erwiderte die junge Frau + pikiert. <span class="tei tei-q">„Ich will mich nur ihrer Kritik nicht + aussetzen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und + es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“</span> sagte Ilse, + innerlich empört über solche Anschauungen.</p><span class="tei tei-pb" + id="page63">[pg 63]</span><a name="Pgp0065" id="Pgp0065" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die junge Frau + zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal + anders.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit kühlem Gruß + verabschiedeten sich die beiden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, was ist sie verrückt,“</span> sagte Nellie laut + lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz + kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, + als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der + gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung + eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse + war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und + wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie + gab die Sache noch lange nicht auf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur + Mut, <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">darling</span></span>,“</span> tröstete sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei der nächsten + Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde + sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die + armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet + hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein + lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war + allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, + <span class="tei tei-q">„ein älteres junges Mädchen“</span> zu werden, + aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer + betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde <span class= + "tei tei-q">„das Kind“</span> genannt. <span class="tei tei-q">„Das + Kind“</span> hatte eine schöngeistig angelegte <span class="tei tei-pb" + id="page64">[pg 64]</span><a name="Pgp0066" id="Pgp0066" class= + "tei tei-anchor"></a>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, + hatte reges Interesse für das Theater, selbst – <span class= + "tei tei-q">„mit vielem Talent“</span>, wie die Schwestern + einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu + übernehmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, + Fräulein Born,“</span> sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim + Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die + Leseprobe stattfinden sollte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe + geben,“</span> sagte Ilse draußen zu Nellie, während das <span class= + "tei tei-q">„alte Fräulein“</span> drinnen bereits mit der jungen Frau + in der <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> liebäugelte und + die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte + sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige + Temperament dazu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse war hoch + erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem + Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze + zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <span class= + "tei tei-q">„tauben Tante“</span> nahte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem Doktor + Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, + klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts + dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer + Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin + mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle + übernehmen würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0064.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Rundgang konnte + nun als beendigt gelten, da <span class="tei tei-pb" id="page65">[pg + 65]</span><a name="Pgp0068" id="Pgp0068" class="tei tei-anchor"></a>die + Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und + Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein + <span class="tei tei-q">„Ja“</span> oder <span class= + "tei tei-q">„Nein“</span>, und die Sache war abgemacht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse und Nellie + erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern + die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, + die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon + herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren + Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen + könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte + sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen + nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo + mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff + war Inspizient und Requisitenmeister.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Endlich fand die + Leseprobe glücklich statt. Glücklich?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nein, das ist zuviel + gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die <span class= + "tei tei-q">„taube Tante“</span> in der <span class= + "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> wurde mit Entrüstung von Fräulein Born + zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, + als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende + Backfischrolle der Adelheid in der <span class= + "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> gegeben wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“</span> sagte + Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester + Mietze meinte, die Rolle der sanften <span class="tei tei-pb" id= + "page66">[pg 66]</span><a name="Pgp0069" id="Pgp0069" class= + "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„Betty“</span> in der + <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> passe ihr auch nicht recht + und wäre doch zu kurz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da stiegen schon + wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte + als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, meine Damen,“</span> hatte er gesagt, <span class= + "tei tei-q">„wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich + Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor + einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht + blamieren.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war ziemlich + deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit + verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <span class= + "tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> geben, Nellie die in der + <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span>; die beiden Ehemänner + wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, + aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker + sein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am Tage nach der + Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie + dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der + gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den + nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was gibt’s denn schon wieder?“</span> fragte er ärgerlich + über die Störung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da, hier lies,“</span> rief Ilse. <span class= + "tei tei-q">„Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann + schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als + Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später <span class= + "tei tei-pb" id="page67">[pg 67]</span><a name="Pgp0070" id="Pgp0070" + class="tei tei-anchor"></a>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den + Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was + sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß + uns die Sache aufstecken,“</span> jammerte sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zur rechten Zeit + erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten + und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden + anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im + Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei + solcher Gelegenheit kennen zu lernen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie überbrachte + einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, + einen Prolog zu verfassen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Herrlich, herrlich,“</span> rief Leo, <span class= + "tei tei-q">„und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den + Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“</span> meinte + Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer + wird das übernehmen?“</span> fragte Leo.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in + demselben Stück,“</span> sagte Ilse plötzlich. <span class= + "tei tei-q">„Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel + hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett + sein,“</span> sagte Nellie. <span class="tei tei-q">„Kann ich nicht das + Mädchen spielen? <span class="tei tei-pb" id="page68">[pg + 68]</span><a name="Pgp0071" id="Pgp0071" class= + "tei tei-anchor"></a>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt + doch wohl nicht?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nein, nein, wie Ilse + sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Beide Freundinnen + machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder + einzufangen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erna wollte mit + Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang + es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der + <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> zwar klein, aber doch sehr + hübsch sei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gott sei Dank, das + war in Ordnung gebracht!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Etwas schwieriger + wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den + beiden älteren Schwestern empfangen, das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> war in der Singstunde, mußte aber jeden + Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born + da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die + <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> flog wie ein Fangball + zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, + zu einer solchen Rolle sei denn das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> doch noch zu jung, warum gerade sie diese + Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge + derselben auseinandersetzte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> erschien, und mit aller Entschiedenheit wies + sie die <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> von sich, indem + sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O,“</span> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, + <span class="tei tei-q">„mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet + und <span class="tei tei-pb" id="page69">[pg 69]</span><a name= + "Pgp0072" id="Pgp0072" class="tei tei-anchor"></a>hoffte, daß Sie ihn + als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken + wollen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Einen Prolog?“</span> fragte Fräulein Born einlenkend, und + über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon + als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner + Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war + das Richtige für sie!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne langes Zögern + gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war + – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die + <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> mit in den Kauf zu nehmen. + Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große + Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das + würde man auch gewiß allgemein anerkennen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem Seufzer + der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; + vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Aufregungen, in + welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, + blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie + sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere + Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die + Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie + hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Proben waren + bereits bei Gontraus im Hause <span class="tei tei-pb" id="page70">[pg + 70]</span><a name="Pgp0073" id="Pgp0073" class= + "tei tei-anchor"></a>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne + stattfinden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mutter, laß mich mitgehen,“</span> bettelte Ruth mit + glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man + nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt + herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Laut weinend ging + Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich + ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Theater, von der + Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit + neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein + andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen + Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot + lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige + Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen + überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen + lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man + heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die + Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas + richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz + zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! + Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und + erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun + diesmal <span class="tei tei-pb" id="page71">[pg 71]</span><a name= + "Pgp0074" id="Pgp0074" class="tei tei-anchor"></a>selbst stehen + sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu + erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken + bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man + das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, + welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten + betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen + aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in + acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie + grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so + wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein + bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den + Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die + Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen + Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz + mancher Enttäuschung über das <span class="tei tei-q">„hinter den + Kulissen“</span> blieb doch die Wirkung des gewissen <span class= + "tei tei-q">„Etwas“</span>, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die + der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen + Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte + im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen + Augen sah sie in das leere Haus!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo ließ eine Weile + dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann + aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff + <span class="tei tei-pb" id="page72">[pg 72]</span><a name="Pgp0075" + id="Pgp0075" class="tei tei-anchor"></a>saßen verteilt in den + Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der + Dunkelheit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zuerst sollte der + Prolog gesprochen werden. Das <span class="tei tei-q">„Kind“</span> + überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und + sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lauter, lauter,“</span> rief Leo aus den Kulissen hervor; + als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, + und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme + vernehmen:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu + hören!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fräulein Born wurde + verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von + vorn anfangen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie war empört + darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter + verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun + diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der + Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung + herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden + Tränen nicht zurückhalten, das <span class="tei tei-q">„Kind“</span> + fing an, wie ein Kind zu weinen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Siedendheiß überlief + es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch + mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So lief sie denn + hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in + ihrer Garderobe saß.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes <span class= + "tei tei-pb" id="page73">[pg 73]</span><a name="Pgp0076" id="Pgp0076" + class="tei tei-anchor"></a>Fräulein, warum weinen Sie denn?“</span> + redete ihr Ilse zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert + werde?“</span> gab das Kind außer sich zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch + gut,“</span> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den + Wind gesprochen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es + doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders + gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel + Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert + man alle Lust.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse konnte gegen + diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht + aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als + zuvor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In ihrer + Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz + genommen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen + Äußerungen,“</span> sagte sie nervös zu ihm. <span class= + "tei tei-q">„Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht + mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch + gräßlich,“</span> gab er eilig zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine + andre!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“</span> sagte + Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus<span class= + "tei tei-pb" id="page74">[pg 74]</span><a name="Pgp0077" id="Pgp0077" + class="tei tei-anchor"></a>einandersetzungen, denn die Probe zur + <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> sollte im Augenblick + beginnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Inspizient, + Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein + Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> auf der Schwelle erschien, mit geröteten + Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse war froh, als + die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß + dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. + Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen + nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, + was er sagte, und leierte die Rolle der <span class="tei tei-q">„tauben + Tante“</span> in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern + Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, + oder besser gesagt, sie <span class="tei tei-q">„muckte“</span>, wie + ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren + Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht + aufrütteln.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung + kommen,“</span> rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing + das <span class="tei tei-q">„Kind“</span> auf einmal an, die + <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> sehr natürlich zu spielen, + d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. + Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine + Bemühungen vergeblich waren.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob nun der + Stumpfsinn der <span class="tei tei-q">„tauben Tante“</span> die andern + Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas <span class= + "tei tei-pb" id="page75">[pg 75]</span><a name="Pgp0078" id="Pgp0078" + class="tei tei-anchor"></a>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. + Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende + Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten + immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt + gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den + ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute + abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte + manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, + er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon + längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wie soll das werden!“</span> sagte Ilse seufzend zu + Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Liebesszene + zwischen <span class="tei tei-q">„Adelheid“</span> und <span class= + "tei tei-q">„Ferdinand von Bruck“</span> fiel glänzend ins Wasser, bei + jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer + Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er + die Miene eines Opferlammes auf und ließ das <span class= + "tei tei-q">„Schreckliche“</span>, ohne ein Glied zu rühren, über sich + ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber + auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, + er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß + endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine + Worte wurden weniger gewählt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“</span>, + <span class="tei tei-pb" id="page76">[pg 76]</span><a name="Pgp0079" + id="Pgp0079" class="tei tei-anchor"></a>er verbesserte sich schnell und + sagte: <span class="tei tei-q">„wir so spielen, blamieren wir + uns.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class= + "tei tei-q">„taube Tante“</span> zeigte eine schadenfrohe Miene bei + dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so + angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch + aber, der reizenden Freundin der beiden <a name="corr076" id="corr076" + class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">Schmidts</span>, + Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei + Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie + vorhin das <span class="tei tei-q">„Kind“</span>, weinend und + schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diesmal übernahm es + Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt + auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo + wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große + Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern + jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da + vorging.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, weine doch nicht, Erika,“</span> redete Mietze + Schmidt ihr zu, <span class="tei tei-q">„wir haben doch alle unser Teil + bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser + machen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“</span> + sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. <span class= + "tei tei-q">„Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere + Rücksicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, + <span class="tei tei-pb" id="page77">[pg 77]</span><a name="Pgp0080" + id="Pgp0080" class="tei tei-anchor"></a>wenn ich dran komme,“</span> + meinte Erna Schmidt. <span class="tei tei-q">„Das kann heute noch gut + werden.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“</span> fuhr Ilse erregt + dazwischen; <span class="tei tei-q">„wenn Sie eben keinen Tadel + vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so + viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen + sein,“</span> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog + dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte. + <span class="tei tei-q">„Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb + Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß + er dumme Schulkinder vor sich hat.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hierauf gab Ilse + eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der + Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab + das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen + alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie <span class= + "tei tei-q">„nicht mitspielen“</span>, <span class= + "tei tei-q">„rücksichtslos“</span> usw., tauchten wie Froschköpfe in + einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und + klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte + Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als + groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die + hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte + Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine + wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, + <span class="tei tei-pb" id="page78">[pg 78]</span><a name="Pgp0081" + id="Pgp0081" class="tei tei-anchor"></a>daß sich nicht nur die Gemüter, + sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der + beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr + liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male + hatte sie sogar schon gelächelt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Verschwinden der + sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff + aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als + sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben + mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das + sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel + eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der + verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen + überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen + anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, + das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte + von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die + Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“</span> fragte Leo seine + Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und + zugleich aufgeregtes Gesicht sah.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die jungen Herren + waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es + mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page79">[pg 79]</span><a name="Pgp0082" id="Pgp0082" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch die beiden + andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg + keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es + ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im <span class= + "tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> so tragisch, daß man über diese + komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der + Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den + fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine + gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch + viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so + starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. + Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in + der <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> ließen die unter + Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel + wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse lachte nicht + mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen + stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und + gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals + nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar + nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte + Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe + gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe + jetzt <span class="tei tei-pb" id="page80">[pg 80]</span><a name= + "Pgp0083" id="Pgp0083" class="tei tei-anchor"></a>zu Ende war und sie + mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Direktor hatte + unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten + manche Rüge, manchen Tadel einstecken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Immer höher schien + der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches + Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon + sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und + sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den + Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo brach in ein + lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den + Weibern nun einmal nicht abgehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse jedoch ließ + ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte + der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">darling</span></span>, du mußt dir die Sache nicht + so zu Herzen nehmen,“</span> beruhigte Nellie; <span class= + "tei tei-q">„an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig + in der Garderobe!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber der Freundin + Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und + dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr + vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite + auffaßte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige <span class= + "tei tei-pb" id="page81">[pg 81]</span><a name="Pgp0084" id="Pgp0084" + class="tei tei-anchor"></a>Absagebriefchen,“</span> sagte Ilse, + <span class="tei tei-q">„und was machen wir dann?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo lachte sie + aus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in + sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu + großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“</span> + sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dennoch begab sich + Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an + Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern + zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. + Die Born, <span class="tei tei-q">„das Kind“</span>, hatte eine + Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie + ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie + keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht + schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder + standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das + Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand + war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel + ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der + höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und + durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor + ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der + Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. <span class= + "tei tei-pb" id="page82">[pg 82]</span><a name="Pgp0085" id="Pgp0085" + class="tei tei-anchor"></a>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so + bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der + Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie + mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit + einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt + umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen + und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu + erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie + die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. + Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz + ungeteilt für sie allein da.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch von Onkel Heinz + war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war + verschlossen gewesen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz! Selbst + für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig + gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der + Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh + darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht + ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen + lassen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Spaziergang tat + ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte + auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich + behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page83">[pg 83]</span><a name="Pgp0086" id="Pgp0086" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“</span> fragte + sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin + darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch + ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten + Zweck tut,“</span> fuhr sie fort; <span class="tei tei-q">„mein Mann + hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class= + "tei tei-q">„nur gut“</span> und <span class= + "tei tei-q">„wenigstens“</span> brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie + bezwang sich und fragte: <span class="tei tei-q">„Ihr kommt doch + auch?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Innerlich war sie + fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte + über die sonstige Abneigung gegen das Theater.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vor der nächsten + Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als + sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen + waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die + größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust + und Begeisterung wieder ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern + mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, + an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht + hinausweisen konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie zwei gestrenge + Wächterinnen nahmen sie in der <span class="tei tei-pb" id="page84">[pg + 84]</span><a name="Pgp0087" id="Pgp0087" class= + "tei tei-anchor"></a>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den + ganzen Abend über sitzen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Täglich wurde jetzt + geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst + in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt + und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr + übel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sogar Fräulein Born + hatte sich mit der <span class="tei tei-q">„tauben Tante“</span> etwas + angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der + Backfisch war bei der <span class="tei tei-q">„schrecklichen + Umarmung“</span>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste + Mal.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war man glücklich + bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten + verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es herrschte keine + geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die + Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde + ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber + Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon + versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das helle Tageslicht + drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich + herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran + verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die + Gasflammen.</p><span class="tei tei-pb" id="page85">[pg + 85]</span><a name="Pgp0088" id="Pgp0088" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Von der Bühne her + tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um + Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen + Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran + dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – + welcher Zauber lag in dem Gedanken!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den + Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die + Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten + wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene + kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und + Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit + aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und + Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in + einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der + Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche + Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte + der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie + krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Unsre arme Schwester ist so erregt,“</span> sagte das + älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. + <span class="tei tei-q">„Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst + zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0085.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber + <span class="tei tei-pb" id="page86">[pg 86]</span><a name="Pgp0090" + id="Pgp0090" class="tei tei-anchor"></a>Gott, wie oft habe ich schon + Theater gespielt,“</span> fuhr das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> dazwischen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und in der Tat, was + das <span class="tei tei-q">„Können“</span> betrifft, hatte sie keine + Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, + Künstlerseelen, wie sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte + keine Ahnung, daß selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals + ganz verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so sicher und + selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren + Künstler bleibt die Kunst stets ein Ringen, ein Kampf, denn nur er + kennt die Schwierigkeiten, über welche der Dilettant in sorgloser + Unwissenheit hinwegschreitet.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den Garderoben + der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. Auch hier + erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so + vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle + überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; + der Souffleur hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen + müssen. Wenn es nur heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, + die hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker + blonder Zopf über den Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen + Schleife zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, + das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft + des Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter + Fräulein Borns <span class="tei tei-pb" id="page87">[pg + 87]</span><a name="Pgp0091" id="Pgp0091" class= + "tei tei-anchor"></a>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern + kommen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die letzten Stunden + in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung würden einem + objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da + löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher Nächstenliebe + ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus zu Tage, + jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst + den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, Fragen, + Schwatzen ohne Ende!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der Garderobe von + Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei Mütter einen + heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste + sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch verstohlene, + prüfende Blicke hinüber und herüber.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt erschien der + Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort förmlich + umringt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich + zuerst frisieren!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst + geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze Strich unter den + Augen stärker sein?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der parfümierte + Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und Anforderungen kaum + retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; endlich schoß Erika + den Vogel ab; sie wurde die erste.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page88">[pg 88]</span><a name="Pgp0092" id="Pgp0092" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nur nicht so rote Backen,“</span> sagte sie, denn schon im + gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie + fand es interessanter, etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig + und kam sich mit dem angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber + der duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie + ausgezeichnet <span class="tei tei-q">„wirken“</span> würde, und die + Freundinnen fanden den Backfisch Erika <span class= + "tei tei-q">„reizend, süß, entzückend!“</span> Auch Frau Dr. Schmidt + sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das reizende + Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, + daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In demselben + Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born stürzte + aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum <span class= + "tei tei-q">„Kinde“</span> zurückgeholt, denn die blonde klassische + Perücke hatte sich verschoben, als sie den Epheukranz darin befestigen + wollte; außerdem war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit + ausgefallen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gott, Sie sind schon alle fertig?“</span> fragte Fräulein + Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse + in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid erschien.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, + liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!“</span> bemerkte + sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit + wieder sich selbst zu. <span class="tei tei-q">„Bitte, nun sagt mir mal + ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“</span></p><span class= + "tei tei-pb" id="page89">[pg 89]</span><a name="Pgp0093" id="Pgp0093" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß diese Frage + nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von den Gefragten, + sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde + wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, + wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die weichen + Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und + keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wirklich war denn + auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor sich gegangen. Die + blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten Wunder + vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das sie sonst im + Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur + wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die + Wange.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als + alte Tante schön von Ihnen abstechen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mißmutig glitten + ihre Blicke über das graue Kleid der <span class="tei tei-q">„tauben + Tante“</span>, das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein + mußte sie nachher und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen + vertauschen, es war eigentlich zu ärgerlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aus ihren + Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, deren + schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, + jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein + prüfender Blick in den Spiegel.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page90">[pg 90]</span><a name="Pgp0094" id="Pgp0094" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine + Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, + stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles + ordentlich?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Annas Hände flogen, + während die andre Schwester mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. + <span class="tei tei-q">„Nur einen Schluck,“</span> drängte sie und + hielt der Muse das volle Weinglas an die Lippen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht + abgeht,“</span> gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die andern waren + schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne versammelt. Man + drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen zu + können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in dem + lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch + strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die + beiden Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und + erwartungsvoll auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl + jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der Generalprobe hatte sie + einen Blick in die Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne + gewesen!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie fernes + Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den + Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine + besonders laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, + dazwischen tönten einzelne <a name="corr090" id="corr090" class= + "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">langgezogene</span> + Geigenstriche aus dem Orchester, das seine Instrumente + stimmte.</p><span class="tei tei-pb" id="page91">[pg 91]</span><a name= + "Pgp0095" id="Pgp0095" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle diese Geräusche + verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen zum Beginn ertönte + und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur wer einmal eine + solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die allgemeine bange + Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male + hebt, nachfühlen!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Bühne, auf der + noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde im schnellsten + Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll Spannung standen + nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und Füße, + hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige Gedächtnislosigkeit, + Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des Lampenfiebers, + welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger + ergriffen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Ouvertüre neigte + sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte Ton, noch ein + Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der + Vorhang ging in die Höhe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Gefühl, welches + Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war demjenigen sehr + ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines + Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige Publikum + wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten Worte blieben ihr + fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern über die Lippen. + Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde + <span class="tei tei-pb" id="page92">[pg 92]</span><a name="Pgp0096" + id="Pgp0096" class="tei tei-anchor"></a>lauter, und ohne besonderen + Zwischenfall ging alles vorüber.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“</span> + kritisierte Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die + herzlichen Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik klang das + laute Händeklatschen an das Ohr des <span class= + "tei tei-q">„Kindes“</span>, als der Vorhang gefallen war. Zweimal + mußte er sich wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – + wer kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit geöffneten Armen + und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die tief Bewegte, während + die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schnell, schnell umkleiden,“</span> rief Leo ihr zu, und + nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen + Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, die Muse in die + <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> umzuwandeln. Hinein mußte + sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare wurde ein + Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und unter + seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel + zu jung aus,“</span> sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren + Stirn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu + viel,“</span> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend sein + Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend oder mit dem + Puderquast tupfend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“</span> sagte das + <span class="tei tei-pb" id="page93">[pg 93]</span><a name="Pgp0097" + id="Pgp0097" class="tei tei-anchor"></a>Kind, mit hoheitsvoller Miene + sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen widerlichen, + unverschämten Menschen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class= + "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> wurde gut und flott gespielt, die + blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der + Proben, und auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. + Mietze Schmidt und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich + zusammen, und die <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> hörte es + mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit lachte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Beifall war + geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende war, und als + Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus + Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant + überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der + Schminke konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Von wem, von wem?“</span> rief und fragte es + durcheinander, als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte kaum + die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf welcher nur die + Worte standen: <span class="tei tei-q">„Der reizenden Adelheid“</span>, + so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. + Er wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen + fingen bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen + darüber beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl + geschickt haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika + mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von <span class= + "tei tei-pb" id="page94">[pg 94]</span><a name="Pgp0098" id="Pgp0098" + class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„wem“</span> diese + Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht sagen, und was dergleichen + Reden mehr waren.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fräulein Born aber + meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen eigentlich gar nicht + annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher + nicht tun.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erika wurde es bei + dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte + schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die + Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten ganz + traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja + darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; + sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,“</span> sagte das Kind + später zu den Schwestern, und die hübsche Erika wurde von den dreien + tüchtig durchgenommen und zerlegt. Der Refrain lautete immer: + <span class="tei tei-q">„Es ist schade um das hübsche + Mädchen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Ilse im + <span class="tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> in ihrer + Dienstmädchenrolle erschien, erklang plötzlich das helle Lachen einer + Kinderstimme laut durch das Haus. Es war Marianne, welche ihre Mama in + diesem Anzuge zu komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen + konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe + verwies.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übrigens kam auch + das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die + Ilse in ihrem <span class="tei tei-pb" id="page95">[pg + 95]</span><a name="Pgp0099" id="Pgp0099" class= + "tei tei-anchor"></a>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei + offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit + über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, wenn der + Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch auf + den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik + getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten + die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich + nur die guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat + viel Talent,“</span> sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die + einige Male gelächelt hatte, aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen + war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater + spielt,“</span> warf sie ein, <span class="tei tei-q">„aber freilich, + Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Betonung dieser + Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen + eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,“</span> meinte ihr Mann + und sah sich in dem vollen Hause um.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war bis auf den + letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit + einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen + gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt hatten, so würde + wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die Wohltätigkeit den Sieg + davon getragen haben. <span class="tei tei-pb" id="page96">[pg + 96]</span><a name="Pgp0100" id="Pgp0100" class= + "tei tei-anchor"></a>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu + sehen, hat ja immer einen großen Reiz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zum dritten und + letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die <span class= + "tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> von Benedix wurde fast noch flotter + als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten das + Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die andern Rollen, + sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, als das Kammermädchen, + vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und zum Schlusse mußten + die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich + die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten sogar mit + lauten Bravorufen. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun war alles + vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden Welten wieder + voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren + Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen + übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, + Seife und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht + bearbeitet und wieder in das alltägliche verwandelt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit wehmütig + zärtlichen Blicken betrachtete das <span class= + "tei tei-q">„Kind“</span> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern + soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß der schöne + Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das bedauerten auch alle + andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig versicherten, wie + herrlich das Theaterspielen gewesen sei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse schien aber + doch ganz froh darüber zu sein, daß <span class="tei tei-pb" id= + "page97">[pg 97]</span><a name="Pgp0101" id="Pgp0101" class= + "tei tei-anchor"></a>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie + auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, denn + bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer gezweifelt, ob es + gelingen würde und geseufzt: <span class="tei tei-q">„Ach, wenn es nur + gelingt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wie war es + gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der Lohn + wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark + übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes + Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die + Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein + schönes Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu + haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den ersten Tagen + nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur dies eine Thema, + wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die + Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen + bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, daß man genau + wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten + ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache eingedrungen + waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches anders + gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte + trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie + die oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie + sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher <span class= + "tei tei-pb" id="page98">[pg 98]</span><a name="Pgp0102" id="Pgp0102" + class="tei tei-anchor"></a>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund + abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz war am Tage + nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und hatte sich von + Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater + gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, die + Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes mangelhafte + Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. <span class= + "tei tei-q">„Es muß und soll etwas Tüchtiges aus dem Jungen + werden,“</span> sagte Rosi zu Tante Emilie; <span class= + "tei tei-q">„wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung + allein in die Hand nehmen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilie hatte + diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet und gab dann mit + vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die + in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der Praxis + wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber für Rosi + war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum ihre + Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und + gar nicht? <span class="tei tei-q">„Weil du ihn nicht verstehst, weil + du auf seine Eigenheiten nicht eingehst,“</span> hätte man ihr zur + Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich so wohl, sie hatte + Verständnis für den aufgeweckten Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie + ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht + anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren + Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder <span class= + "tei tei-pb" id="page99">[pg 99]</span><a name="Pgp0103" id="Pgp0103" + class="tei tei-anchor"></a>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten + längst erkannt, und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi + nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen fand Elisabeth + unsympathisch.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz hörte mit + offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. Ach, das + mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen + können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst Ilse, + die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, + welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. + Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn + vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die + Mutter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse lächelte zu + dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen <span class= + "tei tei-q">„Mummenschanz“</span>, wie er es nannte, nicht ansehen + würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar + nicht sehen ließ. War er noch böse? Sie hatte darüber in den letzten + Tagen wenig nachdenken können, aber jetzt kam ihr der Gedanke + plötzlich, und alles stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit + mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer + Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst vergingen kaum + einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: <span class="tei tei-q">„er + brummte wohl mal wieder!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich + sind,“</span> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach + und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor + zürne.</p><span class="tei tei-pb" id="page100">[pg 100]</span><a name= + "Pgp0104" id="Pgp0104" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der + Zeit abgewöhnen,“</span> erwiderte er seufzend, aber die glücklichen + Augen, mit denen er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, + beklagen sich am meisten,“</span> gab Ilse zurück, die selten um eine + Antwort verlegen war. <span class="tei tei-q">„Eine Frau, die zu allem + Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit langweilig gewesen, + Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders geworden, nicht + wahr?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er zögerte mit der + Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß sie Ernst + machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich + des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran erinnern + ließ.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Sache mit Onkel + Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief sich alles + wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, + und ihre Endbetrachtung war: <span class="tei tei-q">„Warum mußte er + sie auch immer so reizen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Leo am + Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung + verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer + Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige + Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz war + bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und mußte sich noch + sehr schonen, <span class="tei tei-pb" id="page101">[pg + 101]</span><a name="Pgp0105" id="Pgp0105" class="tei tei-anchor"></a>so + lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Mitleid + verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz von + freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des + einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte + er auch nicht zu ihnen geschickt!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim + befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man + etwas davon merkt!“</span> rief sie mit Tränen in den Augen, und auch + die Kinder fingen an zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter + Onkel krank sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte + fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am Ende sterben + würde, und ließ sich kaum beruhigen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Tage mußte + Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie + den Professor besuchen dürfe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem + <span class="tei tei-q">„Nein“</span> kam ihr Mann zurück und erzählte, + daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus + nichts von ihrem Besuche wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr + traurig und mit ihr Ruth, deren lebhaften Fragen, <span class= + "tei tei-q">„warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“</span> sie + mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“</span> sagte + auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu + trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, <span class= + "tei tei-pb" id="page102">[pg 102]</span><a name="Pgp0106" id="Pgp0106" + class="tei tei-anchor"></a>wie gut und treu doch der Freund sein müsse, + der sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, + welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am Morgen des + übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief + hoch in der Luft schwenkend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn + besuchen – heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“</span> kam + es in hastig abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen + lachten in heller Freude.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse nahm ihr den + Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem + alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter und + Schwester erwarten würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fragend sah Ilse ihr + Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu + erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den + Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner + Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?“</span> fragte sie + lebhaft.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Kind war voller + Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer wieder von neuem, + wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie wäre + ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die Dienstleute immer + ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page103">[pg 103]</span><a name="Pgp0107" id="Pgp0107" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Willst du ihn mal lesen?“</span> fragte sie dann + plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu + holen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“</span> + dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer + bereitet, wenn sie beim Spielen mit der kleinen Schwester so egoistisch + und auffahrend war, was sie allerdings im nächsten Augenblicke schon + wieder bereute. Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel + Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab es Leute, die + sie nicht leiden konnte, und gegen die sie sich geradezu + unliebenswürdig zeigte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth kam nach + wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der Entwurf zu dem + Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-text" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <div class="tei tei-body" style= + "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em"> + <div class="tei tei-salute" style="margin-left: 4.00em"> + „Lieber Onkel Heinz! + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt + schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und + Marichane ist gestern aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten + Dich so gern in der Klinick besuchen und heute mußte eine in unser + Schule nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke + Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben mus das + ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh Mutter weis nicht das + ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig gegeben für den + weg.</span></p> + + <div class="tei tei-salute" style="text-align: center"> + Es grüst Dich + </div> + + <div class="tei tei-signed" style="text-align: right"> + Deine libe Ruth.“ + </div> + </div> + </div><span class="tei tei-pb" id="page104">[pg 104]</span><a name= + "Pgp0108" id="Pgp0108" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diesem Briefe hatte + er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein erklärter + Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben + verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie war + der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel + Heinz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth konnte kaum den + Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle + Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen großen + Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd brachte sie + Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine leere + Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er + sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da wird er sich drüber freuen,“</span> meinte sie + strahlend. Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu + verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den es sich so lange gefreut + hat!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen drei Uhr, die + Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren beiden Kleinen + auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu + fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele kranke + Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr Plappermäulchen stand + keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie schließlich ganz energisch + zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe standen und die Glocke gezogen + hatten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Neugierig sahen die + beiden Kinder auf die barm<span class="tei tei-pb" id="page105">[pg + 105]</span><a name="Pgp0109" id="Pgp0109" class= + "tei tei-anchor"></a>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit + sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte + schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich hinaufgeführt werden + solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem milden Gesicht unter + dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung die + Treppe hinauf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Schritte + verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll still war es + im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, + und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend nach + innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der + gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine + peinliche Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen + Fenstern standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der + Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter des Strengen und + Ernsten benahmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hinter einer der + vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach einigen + Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor + bitten ließe einzutreten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zögernd überschritt + Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand haltend, welche beide + schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie hatte + Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz wiederzusehen, und + nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie zaghaft und + scheu.</p><span class="tei tei-pb" id="page106">[pg 106]</span><a name= + "Pgp0110" id="Pgp0110" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Gestalt, die + dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem Krankenstuhle + saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der + schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten Onkel + Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu jedem + Spaße bereit war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber sein Gesicht + hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, besonders beim + Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt + und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne aber + zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann wandte er sich + wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn + betrachtete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“</span> rief er + endlich herzlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem vertrauten + Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf + sich stürmisch in seine Arme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Halt, sachte, sachte,“</span> wehrte er den Wildfang ab, + aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, + und sie schmiegte sich noch enger an ihn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt hatte er + wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von ihrer + Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den + ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug + berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Habe von der Mimerei gehört,“</span> sagte Onkel Heinz + kurz.</p><span class="tei tei-pb" id="page107">[pg 107]</span><a name= + "Pgp0111" id="Pgp0111" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte + inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit den + duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne + Zimmer.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, + hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“</span> rief er und konnte + eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich danke,“</span> sagte Ilse und setzte sich ihm + gegenüber.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie hatte schon + einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging nicht so + recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn + nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich eifrig + mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte sich + eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit poetischer + vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war nun + enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht + die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so + verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu + wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation + geschickt zu benehmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit aufrichtiger + Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich leugnete er immer + sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, + weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder täuschte er + sich selbst? Darüber war sie oft im <span class="tei tei-pb" id= + "page108">[pg 108]</span><a name="Pgp0112" id="Pgp0112" class= + "tei tei-anchor"></a>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der + Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als + seine Arbeit, seine Bücher.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und doch – ein + eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, das + Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen + ein, wie es niemand besser verstand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du + immer noch die letzte?“</span> fragte er in diesem Augenblick.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz,“</span> rief Ruth entrüstet, + <span class="tei tei-q">„ich bin niemals die letzte + gewesen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, + du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn der Professor + diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, daß sie sich + alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine solche + Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat Ruth + alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch + noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen + Kampf einlassen zu können.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wiederholt versuchte + Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein ganzes Interesse den + Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief + gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page109">[pg 109]</span><a name="Pgp0113" id="Pgp0113" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie waren recht krank, lieber Professor?“</span> fragte + sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben + davongekommen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“</span> fuhr + Ilse fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du + Strick,“</span> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die ihm den + Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Unterbrechung + der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien ihm sehr angenehm + zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau Ilse + wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und mußte ihn wieder + versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so verlassen + vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er + möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte + bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie + schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem + Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen + würden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth wollte sich wie + gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz + verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr + zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; daher ging sie + ganz still mit Marianne hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“</span> + fragte der Professor.</p><span class="tei tei-pb" id="page110">[pg + 110]</span><a name="Pgp0114" id="Pgp0114" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer + Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen + doch schon viel besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz brummte + etwas Unverständliches in den Bart, wobei er unverwandt durch das + Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen + Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung + unterwarfen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie + krank waren?“</span> fragte Ilse wieder.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das + gewußt hätten,“</span> antwortete er nicht gerade liebenswürdig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann schwiegen + wieder beide.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auf diese Weise + kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß deshalb, direkt + auf ihr Ziel loszusteuern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel + Heinz?“</span> fing sie an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er antwortete + nicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“</span> fuhr sie + fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch + nicht immer merken lasse,“</span> unterbrach er sie nun fast + heftig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hierauf wollte Ilse + ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize und auch + letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese + Bemerkung.</p><span class="tei tei-pb" id="page111">[pg + 111]</span><a name="Pgp0115" id="Pgp0115" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter + ist doch nichts dabei,“</span> gab sie statt dessen freundlich zur + Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren + Beigeschmack,“</span> warf er ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber wieso denn?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten + Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht + verheiratet wäre, denn ich würde eine Frau nur unglücklich machen, na – + und ähnliche Redensarten mehr!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse mußte beinahe + lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft zu ihm gesagt + hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft + zumute.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, + daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft + recht, recht tief sitzt,“</span> erwiderte Onkel Heinz mit bewegter + Stimme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es entstand abermals + eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile + fuhr er fort:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu + verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner + Meinung oft gar nicht richtig – Sie sind verheiratet, haben + Kinder,“</span> fuhr er fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, bester Professor,“</span> unterbrach ihn Ilse, + <span class="tei tei-q">„dieses Glück könnten Sie doch auch haben, wenn + Sie wollten! <span class="tei tei-pb" id="page112">[pg + 112]</span><a name="Pgp0116" id="Pgp0116" class= + "tei tei-anchor"></a>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und + Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Meinen Sie?“</span> fragte er langsam und gedehnt und sah + ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem + sie die ihrigen senken mußte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder + nicht für fähig?“</span> fing er wieder an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu + den Kindern,“</span> erwiderte Ilse etwas verlegen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, + keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen + so etwas natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht + begreifen, daß Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche + Empfindungen haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß + darüber spotten und lachen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein leichter Seufzer + begleitete seine Worte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten + Sie mich denn für so falsch?“</span> fragte Ilse mit trauriger Stimme. + <span class="tei tei-q">„Und dann noch eins,“</span> fuhr sie nach + einer kleinen Weile fort, <span class="tei tei-q">„Sie sagten vorhin, + mein Mann behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt + Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch + egoistisch – Sie hätten ganz anders erzogen werden müssen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Erzogen, erzogen!“</span> brauste Ilse auf und glich in + diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, <span class= + "tei tei-pb" id="page113">[pg 113]</span><a name="Pgp0117" id="Pgp0117" + class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„Ich bin doch kein + Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch + verbitten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, + dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,“</span> sagte Onkel + Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung + gebracht hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber sie bezwang + sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite statt zur + Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr + vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so dachte + und fühlte er oft!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“</span> fragte sie + plötzlich, <span class="tei tei-q">„warum nicht?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er gab keine + Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. Sie + konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie + instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“</span> platzte + sie in ihrer Verlegenheit heraus. <span class="tei tei-q">„Sagen Sie + mir nur meine Fehler immer offen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“</span> erwiderte der + Professor einfach, <span class="tei tei-q">„sonst würde ich überhaupt + Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? Schöne + Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es auch nicht, aber + ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das + nicht?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Abwechselnd klang + seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe er mit seinen + <a name="corr113" id="corr113" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">Gefühlen.</span></p><span class="tei tei-pb" id= + "page114">[pg 114]</span><a name="Pgp0118" id="Pgp0118" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse schnell; + <span class="tei tei-q">„aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht + allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft + manchmal herunter!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ironisch lächelnd + drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen + nicht viel andres.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So?“</span> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <span class= + "tei tei-q">„wenn also die Juristen einseitig sind, dann sind die + Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur + sagen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau + Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten + wir uns wieder. Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht + persönlich, es gibt ja doch Ausnahmen unter den Juristen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“</span> fragte Ilse + schnell.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sonst wäre er mein Freund nicht,“</span> gab Onkel Heinz + wieder mit Nachdruck zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse amüsierte sich + innerlich über die gute Meinung, die er von sich hatte, aber + gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine wahre + Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen + er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde mit + der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die + Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. + War es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben + zu retten, das <span class="tei tei-pb" id="page115">[pg + 115]</span><a name="Pgp0119" id="Pgp0119" class= + "tei tei-anchor"></a>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in + Gefahr war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in + der Welt zu verlieren?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte + nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar erleichtert, aber + zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. + Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch hinter + dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es gegen seine + Überzeugung ging.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dies alles fuhr + jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, in diesem + Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in solchem + Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte + er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, + hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach Frauenart war + Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber erfahren. Das + beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke + beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie wohl keine + Lust zu weiteren Fragen empfunden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Handelte es sich bei + Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihn sich + daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder aufnehmen, aber sein + veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und das war gut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz sah aus + wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein + ironischer Zug <span class="tei tei-pb" id="page116">[pg + 116]</span><a name="Pgp0120" id="Pgp0120" class= + "tei tei-anchor"></a>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich + über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren + Galgenhumor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unaufhörlich drehte + er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, sonnige Luft, welche + die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Laut rief er sie bei + Namen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ruth, Marianne, kommt herein!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden ließen + sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins Zimmer.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft + hier!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse öffnete Fenster + und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, als der frische + Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief Ruth fröhlich, <span class= + "tei tei-q">„gestern haben wir uns den Rasenabhang – weißt du den, wo + die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du nicht + dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du erst wieder gesund + bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit herunter?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz + versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm + verlangten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse auf einmal lachend und + einer plötzlichen Eingebung folgend, <span class="tei tei-q">„wie haben + Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so sehr + verabscheuen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja,“</span> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut + <span class="tei tei-pb" id="page117">[pg 117]</span><a name="Pgp0121" + id="Pgp0121" class="tei tei-anchor"></a>gelaunt, <span class= + "tei tei-q">„was soll man denn machen, wenn sie einen in völlig + wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren Klauen entgeht man + nun einmal nicht!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder + gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute + Natur!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Streiten mußte er + nun einmal immer.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich + gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald + mal wiederkommen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse fragte mit + bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, daß sie trotz + allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so + empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, + ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste + Freundlichkeit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So schieden die + beiden denn im besten Einvernehmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Beim Fortgehen sagte + Ilse leise:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute + Freundschaft halten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz wußte, + was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen zu bringen, + kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre + Worte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Auf gute Freundschaft!“</span> erwiderte er herzlich und + reichte ihr seine Hand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abschied von den + Kindern war ein sehr zärt<span class="tei tei-pb" id="page118">[pg + 118]</span><a name="Pgp0122" id="Pgp0122" class= + "tei tei-anchor"></a>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht + trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich die Türe + hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still und ruhig im + Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er + nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den + Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, + wie er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und + sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf + einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, + sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß + auf der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er + wissen, möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem + schieben sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So hatte sich auch + über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die undurchdringliche Wand wieder + vorgeschoben, welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach einiger Zeit + trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, und brachte + seine Abendmahlzeit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie + könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,“</span> sagte sie + freundlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er erwachte wie aus + einem Traume!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn + – Luft schadet nichts, will mich nicht + verpimpeln.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page119">[pg + 119]</span><a name="Pgp0123" id="Pgp0123" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Schwester, an + alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken gewöhnt, tat trotz + dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe + und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im Scheiden, und noch + waren die Abende frisch und kühl. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ging an + demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, um den + Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie + ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. + Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie + gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr + Rücksicht zu behandeln als bisher.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die + Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen + machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie + spann einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien + ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war + nur Schein, dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von + Einsamkeit, Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie + wollte ihn künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr + geschenkten Vertrauens würdig war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unwillkürlich + schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen + Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und + nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu + sein. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die gerührte + Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, hielt zum + Glück nicht lange an.</p><span class="tei tei-pb" id="page120">[pg + 120]</span><a name="Pgp0124" id="Pgp0124" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er war nun wieder + wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes mitleidige Wort, das + Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, + schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern sei, + denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit den + Tatsachen abzufinden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So geriet allmählich + der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte Geleise, sie neckten + und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, + und Worte wie: <span class="tei tei-q">„alter Junggeselle, + Brummbär“</span> usw., die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht + mehr zu hören.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Rosen standen + schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten + wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen + und hatte den Frühling verdrängt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber der Rosenmonat + wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein + Vorgänger, der wonnige Mai.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Morgens fand + Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen + engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von + sich hören lassen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seitdem wir Flora + als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr + vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr + Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder + <span class="tei tei-pb" id="page121">[pg 121]</span><a name="Pgp0125" + id="Pgp0125" class="tei tei-anchor"></a>an, sie verfaßte keine + Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der + erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er + rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie + seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen + davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum + Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den + Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun + Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und + holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die + Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen + und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht + vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich + wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis + zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu + einem sehr herzlichen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So vergingen einige + Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens + Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für + ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie + hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert + haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch + erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen + Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings<span class="tei tei-pb" id= + "page122">[pg 122]</span><a name="Pgp0126" id="Pgp0126" class= + "tei tei-anchor"></a>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und + brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer + Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich + seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu + haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit + beigestanden hatten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch heute bat sie + wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren + und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt + das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, + mitzukommen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo riet seiner Frau + dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und + Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß + sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern + eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, + und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft + sehr gut tun.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun galt es aber, + auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine + Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne + ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen + angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Ilse gab sich + damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, + sie fände Nellie schlecht <span class="tei tei-pb" id="page123">[pg + 123]</span><a name="Pgp0127" id="Pgp0127" class= + "tei tei-anchor"></a>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, + bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. + Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf + bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre + Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, + Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen + mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen + Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er + wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und + arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, + wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine + Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen + wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der + Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller + Sorge an ihn denken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das alles klagte sie + Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins + Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen + waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er + einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er + sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz + und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit + Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie + gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht <span class="tei tei-pb" id= + "page124">[pg 124]</span><a name="Pgp0128" id="Pgp0128" class= + "tei tei-anchor"></a>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft + sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese + solche Dinge zu leicht nehme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, ich bitte dich,“</span> flehte sie Ilse an, + <span class="tei tei-q">„rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, + daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise + nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse würde sich wohl + hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So + mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten + zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen + verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und + ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein + Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und + schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden + Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. + Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten + zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch + kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben + brauchte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Endlich war die + Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre + Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über + sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm + Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus + jeder seiner Rocktaschen guckte eine <span class="tei tei-pb" id= + "page125">[pg 125]</span><a name="Pgp0129" id="Pgp0129" class= + "tei tei-anchor"></a>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt + wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich + herrlich amüsieren,“</span> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, + und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren + Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre + Freiheit genießen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Siehst du wohl,“</span> lachte Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber spaßhaft war es + Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, + ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und + müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan + hätte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“</span> sagte + Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <span class="tei tei-q">„ich werde + auf die beiden Männer achten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Sie sind mir der Rechte,“</span> erwiderte Nellie, die + den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich der Zug in + Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem + Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellies gedrückte + Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte + ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten + bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, + es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie + zufrieden zu stellen.</p><span class="tei tei-pb" id="page126">[pg + 126]</span><a name="Pgp0130" id="Pgp0130" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So verflog denn die + Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station + an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Freude über das + Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne + gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und dann, als sie + behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander + mit großem Interesse. <span class="tei tei-q">„Du hast dich aber gar + nicht verändert,“</span> hieß es. <span class="tei tei-q">„Etwas + stärker bist du geworden.“</span> <span class="tei tei-q">„Und du + siehst viel wohler aus, als früher,“</span> und ähnliche Redensarten + mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich + nach jahrelanger Trennung wiedersieht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hatte sich in + der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie + frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der + Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck + ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen + durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den + Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie + wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne + gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Fahrt in der + frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte + noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war + derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in <span class= + "tei tei-pb" id="page127">[pg 127]</span><a name="Pgp0131" id="Pgp0131" + class="tei tei-anchor"></a>dem eine Temperatur wie in einem Backofen + geherrscht hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt fuhren sie + durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen + köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige + Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes + erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie die sauberen + Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern + neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige + Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien + sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie nickte den + Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte + drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie kennen mich alle,“</span> sagte sie stolz, + <span class="tei tei-q">„und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen + eine brave Gutsherrin bin.“</span> <span class="tei tei-q">„Wie geht’s + dem Vater?“</span> fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges + Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora + rief ihr noch zu: <span class="tei tei-q">„Ich komme in diesen Tagen + und bringe ihm wieder Wein.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Dorfstraße war + bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen + dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche + Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den + Gutshof ein.</p><span class="tei tei-pb" id="page128">[pg + 128]</span><a name="Pgp0132" id="Pgp0132" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Vor das Schloß fahren,“</span> befahl Flora mit komischer + Grandezza.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kutscher lenkte + in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt + vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte + <span class="tei tei-q">„Schloß“</span>. – Nur gut, daß ihm Flora + selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es + sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front + mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein + gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren + Bewohner Adelige gewesen waren.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es gehörte einem Baron v. H.,“</span> erklärte Flora, als + sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf + darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete + sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand + einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab + es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also + das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen + Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. + Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu + ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und + den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber die beiden + Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine + Antwort.</p><span class="tei tei-pb" id="page129">[pg + 129]</span><a name="Pgp0133" id="Pgp0133" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“</span> + rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach diesen + hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie + glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln <span class= + "tei tei-q">„Lining“</span> und <span class= + "tei tei-q">„Mining“</span>; ländlich gesund erschienen sie, mit + prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem + Haar.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ertappte Flora + auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über + die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede + Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl + auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses + Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich + aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten + wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte + Farben,“</span> wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt + sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit + einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich + unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber nun kommt herein,“</span> sagte sie, als die + Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder: <span class= + "tei tei-q">„Wo ist denn der Papa?“</span></p><span class="tei tei-pb" + id="page130">[pg 130]</span><a name="Pgp0134" id="Pgp0134" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen + Ferkelchen,“</span> berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das + erste Wort, welches sie sprach.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora konnte eine + kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht + verbergen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, + ich möchte sie gerne sehen,“</span> bettelte nun Ruth, für die ein + solcher Anblick hochinteressant war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Später, später,“</span> antwortete Flora flüchtig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie hatte ihre Gäste + mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer + geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß + getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle + Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine + Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen + soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, + denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich + wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen + Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, + steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die + Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war + als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand + ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser + Umgebung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber gleichviel! + Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine + Wohltat, und <span class="tei tei-pb" id="page131">[pg + 131]</span><a name="Pgp0135" id="Pgp0135" class= + "tei tei-anchor"></a>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche + Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie las auf + Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und + deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen + noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“</span> + erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen + Steifbeine. <span class="tei tei-q">„Aber nun will ich nicht weiter + stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, + erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe + rechts.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mit freundlichem + Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in + ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach + denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu + interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die + hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau + so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit aller + Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, + indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante + Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die beiden + Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen + hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den + Zwillingen <span class="tei tei-pb" id="page132">[pg + 132]</span><a name="Pgp0136" id="Pgp0136" class= + "tei tei-anchor"></a>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie + begreiflicherweise höchst neugierig waren.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur flüchtig glitten + deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie + sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und + blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher + seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora + und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren + Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern + saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen + kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht + und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer + dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem + verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende + Brille der Poesie an?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob sie nun die + forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst + die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über + seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst + auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Frage konnte + man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie + vermuten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein + müssen,“</span> wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich + um den Tisch zum Essen niedersetzte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0132.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“</span> erwiderte er + und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <span class= + "tei tei-q">„War <span class="tei tei-pb" id="page133">[pg + 133]</span><a name="Pgp0138" id="Pgp0138" class= + "tei tei-anchor"></a>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, + was?“</span> wandte er sich an seine Nachbarinnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O ja,“</span> lachte Ilse, <span class="tei tei-q">„aber + dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der + Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre + liebenswürdige Einladung ankam.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen + können! Die Umgegend ist so schön,“</span> sagte Flora.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist + die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie + ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein + Futter fürs Vieh mehr haben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen + wir uns doch keinen Regen wünschen,“</span> erwiderte Flora + vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch Ilse enthob sie + ihrer Verlegenheit und sagte:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt + sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz + genau, was es bedeutet: kein Regen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“</span> fragte der + Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal + genauer an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, August,“</span> rief Flora, <span class= + "tei tei-q">„ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff + erzählt.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page134">[pg + 134]</span><a name="Pgp0139" id="Pgp0139" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. + Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis + habe.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„August!“</span> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick + zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, das kenne ich von Fred genau,“</span> tröstete Nellie. + <span class="tei tei-q">„Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt + von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr + herunter.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hieran anknüpfend + erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred, + und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer + Pflege so sehr bedürfe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hörte geduldig + zu und tröstete so gut sie es verstand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Währenddem entspann + sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die + ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. + Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden; + trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras + Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen + eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei + aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der + Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner + Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die + für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte + <span class="tei tei-pb" id="page135">[pg 135]</span><a name="Pgp0140" + id="Pgp0140" class="tei tei-anchor"></a>ihm unter anderm, daß ihr Vater + jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, + und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die + Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen + er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er + gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur + vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen + Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte + aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht + berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hörte nur noch + mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern + und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht + über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz + zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich + wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber, + welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und + sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Kinder hatten + sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern + und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders + rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht + abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war + niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß + der Kaffee unter der <span class="tei tei-pb" id="page136">[pg + 136]</span><a name="Pgp0141" id="Pgp0141" class= + "tei tei-anchor"></a>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken + werden sollte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dort war es + köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden + Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen + Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke + auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf + die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen + niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den + Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein + Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der + Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse und Nellie + konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und + letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie + Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und + seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im + Zimmer taten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In lustiger Stimmung + wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der + mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft + magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück + davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Abend forderte + Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders + von Ruth <span class="tei tei-pb" id="page137">[pg 137]</span><a name= + "Pgp0142" id="Pgp0142" class="tei tei-anchor"></a>jauchzend aufgenommen + wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der + Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu + sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz + gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern + in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut + kannten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es wurden die + Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war + in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, + konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges, + aber gerechtes Regiment führte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“</span> + sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde + und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die + Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch + einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker + Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit + der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren + werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren + waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch + Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder + ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths + dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, + bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war <span class= + "tei tei-pb" id="page138">[pg 138]</span><a name="Pgp0143" id="Pgp0143" + class="tei tei-anchor"></a>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit + ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht + mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die + duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf + die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der etwas befangene + und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend + einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten + sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig + umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun + Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu + Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch + die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem + Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Pünktlich um 10 Uhr + erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie + und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten + den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier + draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie + nicht noch aufbleiben wollten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gerne, gerne,“</span> riefen sie beide mit einem fragenden + Blick auf Herrn Werner.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu + gehen,“</span> erwiderte Flora. <span class="tei tei-q">„August steht + des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich + müde. <span class="tei tei-pb" id="page139">[pg 139]</span><a name= + "Pgp0144" id="Pgp0144" class="tei tei-anchor"></a>Die Damen + entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“</span> wandte sie + sich an die beiden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Selbstverständlich,“</span> gaben sie zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, dann schlafen Sie recht gut,“</span> sagte der + Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. <span class= + "tei tei-q">„Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; + das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß + ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, + Frau,“</span> sagte er dann freundlich zu Flora. <span class= + "tei tei-q">„Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld + abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge + dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht + in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute + Nacht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“</span> + entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht + gerade angenehm zu sein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die schweren + Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte + man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter + sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas + barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“</span> fing Flora auf + einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang + errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide + versicherten sie <span class="tei tei-pb" id="page140">[pg + 140]</span><a name="Pgp0145" id="Pgp0145" class= + "tei tei-anchor"></a>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr + Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen + Mannes und so lieber Kinder sein könne.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, das bin ich auch,“</span> erwiderte Flora in + aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung + an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr + in dieser Minute durch den Sinn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“</span> + sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich + die Hände drückend, und fuhr dann fort: <span class="tei tei-q">„Ich + glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als + früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß + ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt + paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß + ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod + meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und + Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum + zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter + Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer + Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm + häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. + Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch + veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann + man auch dem praktischen Leben ideale Seiten + abgewinnen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page141">[pg + 141]</span><a name="Pgp0146" id="Pgp0146" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bravo, bravo!“</span> rief Ilse; so vernünftig hatte sie + Flora noch niemals sprechen hören.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und wie ist es mit Käthe?“</span> fragte Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein + verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn + Kinder liebt sie über alles.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wie schön für dich,“</span> sagte Nellie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war + so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja + alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit + sprechen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sagte das mit + einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl + viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine + normal denkende Frau geworden war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, und Orla?“</span> fragte sie plötzlich. <span class= + "tei tei-q">„Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche + Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war + sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele + gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas + Höherem.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Also für ähnlich + veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß + konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und + blieb.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“</span> rief Ilse. + <span class="tei tei-q">„Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer + einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung + bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden <span class="tei tei-pb" + id="page142">[pg 142]</span><a name="Pgp0147" id="Pgp0147" class= + "tei tei-anchor"></a>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist + ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst + du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ein Leben im großen Stile!“</span> sagte Flora, wie zu + sich selbst. <span class="tei tei-q">„Davon habe ich auch oft geträumt! + Natürlich Dienerschaft in Menge?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Jedenfalls,“</span> lachte Ilse; <span class= + "tei tei-q">„darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das + Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla + nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange + ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich + glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in + ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei + ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, + daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ihr ist es geglückt,“</span> sagte die + Gutsbesitzersfrau seufzend. <span class="tei tei-q">„Sie lebt in der + großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der + Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als + Nihilistin eine Rolle?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum nicht?“</span> meinte Ilse, <span class= + "tei tei-q">„zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie + dazu.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine + Nihilistin!“</span> warf hier Nellie ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber ich bitte dich,“</span> sagte Flora, <span class= + "tei tei-q">„unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn + sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“</span></p><span class= + "tei tei-pb" id="page143">[pg 143]</span><a name="Pgp0148" id="Pgp0148" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, o!“</span> rief Nellie entsetzt, <span class= + "tei tei-q">„deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch + nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen + anfangen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“</span> fragte Flora; + <span class="tei tei-q">„in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar + nichts.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter + Prachtkerls, sage ich dir,“</span> antwortete Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, süß!“</span> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger + Schatten überflog ihr Gesicht. <span class="tei tei-q">„Ich habe das + Bild mit und will es dir morgen zeigen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“</span> + bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal + erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken + konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem + Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; + der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große + geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen + Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der + Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl + ohne sie anfangen! –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Nacht war schon + weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der + traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen + den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch + mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in + den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der + bunten <span class="tei tei-pb" id="page144">[pg 144]</span><a name= + "Pgp0149" id="Pgp0149" class="tei tei-anchor"></a>Tischdecke stand, + höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen + leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem + Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen + Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der + Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, + aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, + auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine + einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben + aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vieles, vieles + hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer + Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche + meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier + gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet + waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau + Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen + haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel + Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und + Fritz gerühmt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schließlich jedoch + bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer + Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch + gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann + aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es + <span class="tei tei-pb" id="page145">[pg 145]</span><a name="Pgp0150" + id="Pgp0150" class="tei tei-anchor"></a>ihr plötzlich ein, daß ihre + Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, + die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen + noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Morgen + waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie ins + Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest + leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen + heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke + Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kaffeetisch war + wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der + beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: + wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen + Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora + erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich + liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in + ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, was magst du von uns denken,“</span> entschuldigte + Nellie, und Ilse meinte: <span class="tei tei-q">„Dein Mann wird sich + schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Flora beruhigte + sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, + er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen + zugegen zu sein.</p><span class="tei tei-pb" id="page146">[pg + 146]</span><a name="Pgp0151" id="Pgp0151" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, stimmt die Milchrechnung?“</span> fragte Nellie + lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem + Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch + tun,“</span> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott + herauszuhören glaubte. <span class="tei tei-q">„Poesie und Prosa gehen + Hand in Hand auf dem Lande.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“</span> + antwortete Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, + natürlicher Umgebung aufwachsen,“</span> fuhr Flora fort; <span class= + "tei tei-q">„es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. + Thusnelda“</span> – sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer + Klara Ziegler aus – <span class="tei tei-q">„ist poetisch veranlagt, + das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, + wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den + Sonnenschein, über den grünen Wald.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Danach sah der lütte + Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß + er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <span class= + "tei tei-q">„erblich belastet“</span> sein möchte. Äußerlich glichen + die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten + waren sie ihm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber wo ist denn Ruth?“</span> fragte Ilse plötzlich, + sich nach allen Seiten umsehend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In derselben Minute + liefen die Kinder jubelnd und <span class="tei tei-pb" id="page147">[pg + 147]</span><a name="Pgp0152" id="Pgp0152" class= + "tei tei-anchor"></a>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen + entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof + einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem + weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der + Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie + herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn + Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken + setzte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse kam es in + diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie + sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor + dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der + verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue + Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und Ruth glich ihr + fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel + an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus + ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei + Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in + <span class="tei tei-q">„temperamentvoll, eigenartig und + willensstark“</span> übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas + Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bestaubt, erhitzt, + mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre + Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend + erzählte <span class="tei tei-pb" id="page148">[pg 148]</span><a name= + "Pgp0153" id="Pgp0153" class="tei tei-anchor"></a>sie, daß sie schon + ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, + wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob + sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell + angezogen, ganz allein. <span class="tei tei-q">„O, ganz + ordentlich,“</span> versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren + Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: + <span class="tei tei-q">„Himmlisch war’s!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wo ist dein Mann geblieben?“</span> fragte Nellie und sah + suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu + erscheinen,“</span> erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde + erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den + Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie <span class= + "tei tei-q">„Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“</span>, + drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die + sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres + erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder + aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. + Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seine hohen + Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar + sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und + schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige + Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, <span class="tei tei-pb" + id="page149">[pg 149]</span><a name="Pgp0154" id="Pgp0154" class= + "tei tei-anchor"></a>der ebenso, wie das Gesicht, vor <a name="corr149" + id="corr149" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">Ärger</span> und Hitze blaurot war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sein Anblick war + keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten + Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Floras deutlich + sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, + denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und + Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“</span> + sagte er; <span class="tei tei-q">„sie hat mir vielen Spaß gemacht + heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als er der + Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, haben Sie Ärger gehabt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum + Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, + natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“</span> + setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß + das Geschirr klirrend zusammenschlug.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“</span> sagte + Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hesse ist auch ein Esel,“</span> fing er wieder an; + <span class="tei tei-q">„bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder + mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. + Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die + Finger gesehen werden! Und dann müssen <span class="tei tei-pb" id= + "page150">[pg 150]</span><a name="Pgp0155" id="Pgp0155" class= + "tei tei-anchor"></a>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind + schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten + Nacht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun + stärke und erhole dich erst,“</span> versuchte ihn seine Frau zu + beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen + bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum + Trinken zu holen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">O, welche Wandlung + war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen + immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der + oft verlachten und verspotteten <span class= + "tei tei-q">„Dichterin“</span> eine vernünftige Frau werden könnte, + denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche + geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer + einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine + innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der + Grundzug von Floras Charakter. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die nächsten Tage + vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen + Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, + Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten + in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu + vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem + Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich + in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch + diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren <span class= + "tei tei-pb" id="page151">[pg 151]</span><a name="Pgp0156" id="Pgp0156" + class="tei tei-anchor"></a>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich + Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen + Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus + dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts + wissen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“</span> sagte er, + als eines Tages wieder die Rede darauf kam.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora waren + derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, August,“</span> widersprach sie ihm, <span class= + "tei tei-q">„eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene + interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter + doch nicht zu versäumen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und + gut kochen können, das ist die Hauptsache.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem leichten + Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch + nicht einigen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie hatte sich + nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier + ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der + Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so + vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge + um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, + worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie + geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest + du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn + sie so stunden<span class="tei tei-pb" id="page152">[pg + 152]</span><a name="Pgp0157" id="Pgp0157" class= + "tei tei-anchor"></a>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. + Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte + mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übrigens war der + Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. + Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte + ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er + erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und + wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. + Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden + Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer + Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort + von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, + für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von + ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das + kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen + höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen + Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, + welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, + daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge + Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese + verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages sagte + Flora, daß sie heute unbedingt <span class="tei tei-pb" id= + "page153">[pg 153]</span><a name="Pgp0158" id="Pgp0158" class= + "tei tei-anchor"></a>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen + müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie + natürlich von Herzen gern taten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So machten sie sich + denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre + stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann + ich den Armen genug geben,“</span> sagte die Gutsbesitzerin, als sie + mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein starkes Gewitter + hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein + erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte + der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der + Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den + vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg + schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die + Höhe nahmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wirklich schien man + Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort + stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem + einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, + ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, + theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie + völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden + Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse + und Nellie <span class="tei tei-pb" id="page154">[pg + 154]</span><a name="Pgp0159" id="Pgp0159" class= + "tei tei-anchor"></a>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn + war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der + Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und + trug viel gute Früchte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Meistens, wenn sie + in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie + ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, + die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten + sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas + Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora + nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe + bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen + einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, + im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. + Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben + ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei + dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ganz am Ende des + Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe + eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine + Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, + in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser + armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. + Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige + <span class="tei tei-pb" id="page155">[pg 155]</span><a name="Pgp0160" + id="Pgp0160" class="tei tei-anchor"></a>Türe zu dem Raume öffneten, + welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein + grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob + sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und + versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon + zurück.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die + Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich + aufhalten,“</span> sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle + ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, + zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge + umherlagen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich + Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch + bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau + Tolle?“</span> fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und + sie prüfend betrachtete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Über das bleiche, + abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die + es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der + heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie + sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die + war ihr keine Fremde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Schlecht, schlecht,“</span> antwortete sie leise, + <span class="tei tei-q">„es geht immer schlechter.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, + verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe <span class="tei tei-pb" id= + "page156">[pg 156]</span><a name="Pgp0161" id="Pgp0161" class= + "tei tei-anchor"></a>Gott wird Ihnen schon helfen,“</span> tröstete + Flora sanft und liebevoll.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein Kopfschütteln + war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die + sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. + Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es + gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen + Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der + Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; + wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, + das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig + schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an, + welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen + streichelte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, wie süß ist das <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">baby</span></span>,“</span> sagte sie zu Ilse. + <span class="tei tei-q">„Wie heißt du?“</span> fragte sie das Kind.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ännchen,“</span> antwortete die ältere Schwester.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“</span> + fragte sie weiter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das weiche + Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber + ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß + nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der + Stirn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hatte + inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und + versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Müde und apathisch + dankte die Frau.</p><span class="tei tei-pb" id="page157">[pg + 157]</span><a name="Pgp0162" id="Pgp0162" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Luft in dem + kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, + wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen + und sie ließ es geschlossen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wo ist denn die Mutter?“</span> fragte Flora sich + umblickend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“</span> + entgegnete die junge Witwe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kommt sie denn bald wieder?“</span> forschte Flora weiter. + <span class="tei tei-q">„Sie können doch in Ihrem elenden Zustande + nicht allein bleiben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Die Kinder sind ja da.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja + noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht + länger,“</span> sagte Flora. <span class="tei tei-q">„Und den Arzt + schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, + der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“</span> Unendlich + schmerzlich klangen diese Worte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur + tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe + ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf + Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora ergriff die + magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, + und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen + Elends.</p><span class="tei tei-pb" id="page158">[pg + 158]</span><a name="Pgp0163" id="Pgp0163" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle drei atmeten + erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie + nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über + die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr + hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von + dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und + Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von + dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen + können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu + heilen,“</span> berichte Flora. <span class="tei tei-q">„Ach, wenn sie + dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dieser Wunsch sollte + bald in Erfüllung gehen! –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem abendlichen + Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend + erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie + ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und + eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche + Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde + liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und + so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Abends, als + die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit + ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – + ruhig und sanft schlummerte sie ein. –</p><span class="tei tei-pb" id= + "page159">[pg 159]</span><a name="Pgp0164" id="Pgp0164" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Nachricht von + ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren + Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem + Platze unter der Kastanie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, die armen Kinder, das süße <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">baby</span></span>, was + wird daraus?“</span> rief Nellie mit Tränen in den Augen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, wir müssen helfen,“</span> sagte Herr Werner + überlegend. Dann fragte er seine Frau: <span class="tei tei-q">„Wie + viel Kinder sind da?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sechs,“</span> antwortete sie. <span class="tei tei-q">„Es + ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht + bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu + traurig!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen + kann,“</span> sagte ihr Mann. <span class="tei tei-q">„Deichmanns auf + der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und + keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir + könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du + dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s + zufrieden.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es + ist ein zu wonniges <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">baby</span></span>!“</span> rief Nellie + begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann + mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig + stolzen Ausdruck zeigte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den ganzen Tag nach + diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie + abends mit Ilse allein <span class="tei tei-pb" id="page160">[pg + 160]</span><a name="Pgp0165" id="Pgp0165" class="tei tei-anchor"></a>in + ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin + fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das + liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den + Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre + Betrachtungen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Höre, Nellie,“</span> rief Ilse plötzlich, <span class= + "tei tei-q">„wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu + euch.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So schnell wie ihr + der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch + ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es + schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; + doch heftig schüttelte sie den Kopf.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“</span> rief sie + aus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht + nicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber + möchtest <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">du</span></span> es denn?“</span> fragte Ilse, + die Freundin scharf beobachtend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die + <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">babys</span></span> so sehr,“</span> erwiderte + Nellie leise. <span class="tei tei-q">„Aber es geht nicht, es geht + nicht!“</span> fuhr sie lauter fort. <span class="tei tei-q">„Ich habe + auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in + Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch + nicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wieviel auch + Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie + blieb dabei, <span class="tei tei-q">„es <span class="tei tei-pb" id= + "page161">[pg 161]</span><a name="Pgp0166" id="Pgp0166" class= + "tei tei-anchor"></a>ginge nicht.“</span> Ganz aufgeregt begaben sich + die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken + beschäftigt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Ilse ließ sich + von ihrem <span class="tei tei-q">„guten Gedanken“</span>, wie sie ihn + nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem + Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Tage da + hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen + zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber + sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal + mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach Tische saßen + Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen + vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse + diktierte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, so doch nicht, lieber so,“</span> unterbrach sie + sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. + Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen + und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges + Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es + abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben + mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich + zu besorgen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was er wohl dazu + sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden + Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit + Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger + entgegen.</p><span class="tei tei-pb" id="page162">[pg + 162]</span><a name="Pgp0167" id="Pgp0167" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages erschien + er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem + grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab + er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Von Fred,“</span> sagte sie leicht errötend, worauf sie + sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war + gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Voller Erwartung + blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung + standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes + Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach kurzer Zeit + erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam + eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, + und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. + Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, + aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O Ilse, was bist du eine <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">darling</span></span>, o + was bist du gut, was hast du für mir getan!“</span> rief sie, indem sie + die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der + deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, + auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der + komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und + gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und + <a name="corr162" id="corr162" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">las</span> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand + darin: <span class="tei tei-pb" id="page163">[pg 163]</span><a name= + "Pgp0168" id="Pgp0168" class="tei tei-anchor"></a>daß er nichts dagegen + habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre + ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie + einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung + hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr + stilles Haus bringen würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse sah Flora + lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben + hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut + gemacht?“</span> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich + dich danken, lieb Ilschen,“</span> antwortete sie überglücklich und als + ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort: <span class= + "tei tei-q">„O, wie will ich die kleine <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">baby</span></span> lieb + haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute + Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut + machen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“</span> + wehrte diese ab. <span class="tei tei-q">„Was du an dem einstigen + Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder + vergelten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Innig umarmten sich + die beiden Freundinnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das erste war dann, + daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis + die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten + noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit + überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau + und das Pflegetöchterchen zu holen. –</p><span class="tei tei-pb" id= + "page164">[pg 164]</span><a name="Pgp0169" id="Pgp0169" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Klein Ännchen aber + siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch + gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind + wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich + untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn + etwas Tüchtiges lernen lassen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war mit dem + düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte + sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen + Elend zu entreißen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die schöne Zeit bei + Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das + Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein + unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die + vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, + daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Klein Ännchens + Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. + Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt + hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten + sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, + waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was + ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und + <span class="tei tei-pb" id="page165">[pg 165]</span><a name="Pgp0170" + id="Pgp0170" class="tei tei-anchor"></a>darüber vergaß Fred seine + Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und + wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein + aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <span class= + "tei tei-q">„Erziehen“</span> hätte leicht ein <span class= + "tei tei-q">„Verziehen“</span> werden können, wenn nicht Frau Ilse und + Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über + Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu + wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche + Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde + gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu + tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner + Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles + drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher + trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden + war.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So vergingen die + Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem + Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald + ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom + Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später + und manchem nie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch an unsern + Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage + waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem + <span class="tei tei-pb" id="page166">[pg 166]</span><a name="Pgp0171" + id="Pgp0171" class="tei tei-anchor"></a>andern. Ganz verschont hatte + das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie + des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es + jahrelang über ihnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie wir wissen, + glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so + wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, + verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte + er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer + nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu + großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. + An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in + den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner + Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit + Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie + etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen + Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch + regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, + weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen + Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, + und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand + verführerisch lockend vor seinen Blicken. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages kam er + aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre + alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten + <span class="tei tei-pb" id="page167">[pg 167]</span><a name="Pgp0172" + id="Pgp0172" class="tei tei-anchor"></a>Nachforschungen irgend einen + Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt + wiederholte Rosi immer die Worte: <span class="tei tei-q">„Gottes Hand + ruht schwer auf uns.“</span> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe + machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von + ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung + ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und + klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren + die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie + ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie + sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie + habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch + nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine + drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch + jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen + herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, + sie in die Welt einzuführen. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Freundlicher sah es + bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten + und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. + Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas + Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich + nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, + schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem + <span class="tei tei-pb" id="page168">[pg 168]</span><a name="Pgp0173" + id="Pgp0173" class="tei tei-anchor"></a>ewig wechselnden Mienenspiel. + Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, + sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war + nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe + Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. + Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte + und er antwortete: <span class="tei tei-q">„Ganz die Mutter.“</span> + Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst + gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel + schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel + Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und + man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis + er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: + <span class="tei tei-q">„Wer ist deine beste Freundin?“</span> + antwortete sie: <span class="tei tei-q">„Onkel Heinz!“</span> Von ihm + ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht + gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau + Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich + ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl + äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres + Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im + Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, + und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich + lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin + zugleich.</p><span class="tei tei-pb" id="page169">[pg + 169]</span><a name="Pgp0174" id="Pgp0174" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war denn der Tag + herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne + noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball + führen konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der erste Ball! + Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras + Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche + waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien + von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz + unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die + Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen + in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war + etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen + <span class="tei tei-q">„lumpigen Ball“</span>, wie sie sagte, so + aufzuregen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Abend kam + Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen + geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu + helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine + Kleinigkeit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht + fertig,“</span> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine + Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, + ich werde noch früh genug fertig,“</span> rief das junge Mädchen und + sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die + schon eifrig dabei <span class="tei tei-pb" id="page170">[pg + 170]</span><a name="Pgp0175" id="Pgp0175" class= + "tei tei-anchor"></a>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer + glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres + Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch + darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu + gehen, was diese sehnlich wünschte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei + Inseparables,“</span> hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war, + <span class="tei tei-q">„wir sind so grundverschieden, und ich weiß + genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, + fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe + wählen, Marianne?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“</span> + hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so + sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir + ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! + Eine solche Geschmacklosigkeit!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Einem jungen Mädchen steht alles,“</span> hatte Marianne + in weisem Tone erwidert.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase + wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut + wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die + Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und so war es + fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle + Weise zu <span class="tei tei-pb" id="page171">[pg 171]</span><a name= + "Pgp0176" id="Pgp0176" class="tei tei-anchor"></a>trösten versuchte, + denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch + dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles + übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine + Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel + gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie + habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide + gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren + leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht + versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage + hatte in Ruhe erledigt werden können.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Floras Zwillinge + waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei + frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren + blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne + standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. + Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch + diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten + Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen + der Kinder davon erzählten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mitten in das + lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem + Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und + denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen + Tag am Flügel. Es ist ja <span class="tei tei-pb" id="page172">[pg + 172]</span><a name="Pgp0177" id="Pgp0177" class= + "tei tei-anchor"></a>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“</span> + sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine + Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu + der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. + Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, + besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie + reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, + Unnahbares.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die andern drei + Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; + die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu + Blumen im Haar.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth lehnte alles + ab.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich + will!“</span> rief sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In diesem Augenblick + erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus + rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur + übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. + <span class="tei tei-q">„Von Herrn Jansen,“</span> sagte sie strahlend + und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den + kostbaren Strauß.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen, der + Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus + den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes + Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt + worden. Er verkehrte in dieser <span class="tei tei-pb" id= + "page173">[pg 173]</span><a name="Pgp0178" id="Pgp0178" class= + "tei tei-anchor"></a>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel + Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter + eingeladen worden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden jungen + Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“</span> + rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie + herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten + die kräftigen Stimmen der Zwillinge: <span class="tei tei-q">„O, wie + reizend, himmlisch, süß,“</span> und Ännchen lief bald hierhin, bald + dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kranz von + strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein + entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu + haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in + derselben stehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Alle Wetter, ist das ein Staat!“</span> rief er endlich + laut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle drehten sich + um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als + Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. + Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem + alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl + darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein + schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden + Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn <span class= + "tei tei-pb" id="page174">[pg 174]</span><a name="Pgp0179" id="Pgp0179" + class="tei tei-anchor"></a>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein + schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“</span> – <span class= + "tei tei-q">„Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl + gut?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“</span> + So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von + den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn + mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit + beiden Händen die Ohren zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Scheußlich seht ihr alle aus,“</span> platzte er endlich + hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den + Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun + ging es erst recht los.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich + scheußlich aus?“</span> – <span class="tei tei-q">„Ist das dein + Ernst?“</span> – <span class="tei tei-q">„Gefallen wir dir + nicht?“</span> so schwirrte es von neuem durcheinander.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“</span> fragte + Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, + daß der Professor nicht widerstehen konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, es geht!“</span> antwortete er und betrachtete sie + eingehend. <span class="tei tei-q">„Aber sage mal, du mußt etwas um den + Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das + überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren + Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem + bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen + holen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page175">[pg + 175]</span><a name="Pgp0180" id="Pgp0180" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da gab es wieder zu + lachen über eine solche Ansicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“</span> + fragte Thusnelda.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seine Blicke + schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er + brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“</span> + riefen sie alle.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes + Kleid hübscher gefunden?“</span> fragte Marianne.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen + sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich + nicht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“</span> fragte + Marianne.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun war es Onkel + Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe + ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu + tun.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Weißt du was, Onkel Heinz,“</span> schlug Ruth vor, + <span class="tei tei-q">„komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal + einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber + urteilen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, komm mit!“</span> riefen nun auch die andern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du + willst.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und ich bringe dir den schönsten + Kotillonorden.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page176">[pg + 176]</span><a name="Pgp0181" id="Pgp0181" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mich darfst du zu Tische führen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie überboten sich + in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als + schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer + Rand und Band!“</span> rief er, sie zurückdrängend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem lebhaften + Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet + wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle + stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und + mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden + Mädchenkranze.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ging ihm + entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten + auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber + stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch + bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des + Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu + fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme + entgegen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du bist zu beneiden, Onkel,“</span> sagte er halblaut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt kam auch Leo + ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und + drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, nun macht nur,“</span> mahnte sogar Onkel Heinz, + <span class="tei tei-q">„Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr + bekommen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page177">[pg + 177]</span><a name="Pgp0182" id="Pgp0182" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch + jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“</span> + meinte Ruth.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, + ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“</span> erwiderte der + Professor. <span class="tei tei-q">„Aber es geht nun doch nicht anders, + du mußt mit, du armes Opferlamm.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief Ruth freudig, als hätte sie + plötzlich einen guten Einfall bekommen, <span class="tei tei-q">„weißt + du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben + einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre + reizend!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“</span> + fragte Herr Jansen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“</span> gab sie + zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor. <span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine + Lieblingslieder vor.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Etwas wie Rührung + flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang + seltsam weich, als er sagte:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser + amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, + nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so + viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist + mir doch das liebste. Morgen vormittag <span class="tei tei-pb" id= + "page178">[pg 178]</span><a name="Pgp0183" id="Pgp0183" class= + "tei tei-anchor"></a>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer + Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er klopfte sie + zärtlich auf die Backe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Marianne und die + Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder + eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die + Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not. + Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände + in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht + gesehen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der + Hand!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer + hat es denn fortgenommen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dazwischen drängte + Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die + Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards + Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß + gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden + ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer + gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, + sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende + gefunden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich + <span class="tei tei-pb" id="page179">[pg 179]</span><a name="Pgp0184" + id="Pgp0184" class="tei tei-anchor"></a>mache mich aus dem + Staube,“</span> sagte Onkel Heinz. <span class="tei tei-q">„Adieu, Frau + Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du + denn auch warm genug, Kröte?“</span> fragte er seinen Liebling Ruth und + zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die übrigen waren + bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und + verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden + und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr + denn?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir kommen, wir kommen!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eiligst liefen beide + hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her + schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der + Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. + –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte + seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in + die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße + hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu + haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten + Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten + einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den + Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er + legte sie aber beiseite und schaute – die eine <span class="tei tei-pb" + id="page180">[pg 180]</span><a name="Pgp0185" id="Pgp0185" class= + "tei tei-anchor"></a>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich + vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise: + Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in + dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem + Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und + diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, + verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in + welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles + freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des + einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher + und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum + kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter + Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu + pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er + zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und + Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein + düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der + ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild + sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier + ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm + der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum + Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; + auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie <span class= + "tei tei-pb" id="page181">[pg 181]</span><a name="Pgp0186" id="Pgp0186" + class="tei tei-anchor"></a>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe + hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber + der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine + wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah + fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum + von vorhin wiederholte sich noch einmal. <span class= + "tei tei-q">„Unsinn, Unsinn,“</span> murmelte er und warf sich im Bett + umher, bis er endlich doch einschlief.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Morgen, + als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an + jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit + nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer + Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen, + wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie + noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen + sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt + werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas + bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht + gewesen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Während Onkel Heinz + einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und + Lebensfreude umgeben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit Zittern und + Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und + selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. + Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald <span class= + "tei tei-pb" id="page182">[pg 182]</span><a name="Pgp0187" id="Pgp0187" + class="tei tei-anchor"></a>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit + zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten + Ballkarten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“</span> sagte + Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen + bestimmt waren, Platz nahmen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch + fein,“</span> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen + Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus + wie <span class="tei tei-q">„alte Mütter“</span>. Das Glück, das aus + beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen + vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte + und verschönte sie merkwürdig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo und Althoff + hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber + ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre + Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende + geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen schien + an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn + sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft + es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen + und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder + jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich + oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig + und allein schön fände. Konnte er nicht <span class="tei tei-pb" id= + "page183">[pg 183]</span><a name="Pgp0188" id="Pgp0188" class= + "tei tei-anchor"></a>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er + Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu + bringen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Arme, kleine + Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist + nur zu wahr, die Liebe macht blind.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem Herzen von + Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen + bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen + eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr + und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, + seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh + und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So waren auch heute + abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für + ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche + sein Herz ganz und gar gefangen hielt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Ball nahte sich + seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit + hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten + gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante + Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach + deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. + Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen + lassen, das sie nun, <span class="tei tei-pb" id="page184">[pg + 184]</span><a name="Pgp0189" id="Pgp0189" class= + "tei tei-anchor"></a>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen + Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere + mich wenigstens herrlich, Sie auch?“</span> fragte Ruth vergnügt den + jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein + Ruth,“</span> erwiderte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In + Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“</span> erkundigte sie + sich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde + dieser doch der schönste für mich sein,“</span> antwortete er mit + Nachdruck.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„So, und warum denn?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Frage klang + durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne + Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein + Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht + fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde + war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß + er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch + nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, + als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: + <span class="tei tei-q">„Weil Sie hier sind!“</span> und die + verhängnisvolle Frage daran knüpfte: <span class="tei tei-q">„Haben Sie + mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“</span></p><span class= + "tei tei-pb" id="page185">[pg 185]</span><a name="Pgp0190" id="Pgp0190" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da wurde es ihr auf + einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu + den Ihrigen geführt zu werden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Haben Sie mich denn nicht gern?“</span> wiederholte er + eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: + <span class="tei tei-q">„O ja, doch, natürlich.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne seinen Arm, den + er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie kurze Zeit + darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte + sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die + Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend + plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte + der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr + Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber + schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern + habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem <span class= + "tei tei-q">„Ja“</span> antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr + gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die + meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig + unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und + er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel + wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – + wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, + nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. <span class="tei tei-pb" + id="page186">[pg 186]</span><a name="Pgp0191" id="Pgp0191" class= + "tei tei-anchor"></a>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur + Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, + daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet + habe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Marianne dagegen + lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch + lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen + und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, + das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins + Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine + unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät + gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf + dem holden Mädchenantlitz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So beschäftigten + sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem + jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. + Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre + sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. + –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte am + andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er + seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, + ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen + Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, + zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt + auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier<span class= + "tei tei-pb" id="page187">[pg 187]</span><a name="Pgp0192" id="Pgp0192" + class="tei tei-anchor"></a>korb und legte das übrige ordentlich + zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen + Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner + Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort + entgegengedonnert: <span class="tei tei-q">„Auf dem Schreibtische ein + für allemal nichts anrühren!“</span> was diese auch schnell begriff, + hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese + schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den + Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer + dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht + wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, + noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die + kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den + Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt + war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von + Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand + und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er + wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen + Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische + nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht + recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem + Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits + elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. + Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, + <span class="tei tei-pb" id="page188">[pg 188]</span><a name="Pgp0194" + id="Pgp0194" class="tei tei-anchor"></a>die seinen Pelz nicht gerade in + die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0187.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber wenn er hier + eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich + getäuscht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als ihm auf sein + Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die + Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths + blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief sie leise, <span class= + "tei tei-q">„bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erstaunt sah er den + angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen + sei.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie legte ihm die + Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was ist denn nur los?“</span> fragte er nochmals, als sich + die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Statt aller Antwort + holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von + Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“</span> sagte sie + mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort: <span class= + "tei tei-q">„Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und + nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche + ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel + Heinz?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar + nichts,“</span> unterbrach er sie, indem er den Brief + auseinanderfaltete und zu lesen begann.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page189">[pg 189]</span><a name="Pgp0195" id="Pgp0195" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“</span> + klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem + fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja,“</span> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr + mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner + Bartspitze.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht + schrecklich?“</span> fragte sie angstvoll.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade + finden,“</span> gab er lächelnd zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was soll ich denn aber tun?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja –“</span> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und + kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten + legte; <span class="tei tei-q">„da ist nun schwer etwas zu + sagen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth hing sich an + seinen Arm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du + weißt ja doch immer alles,“</span> sagte sie, ihn vertrauensvoll + anblickend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor wollte + gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, <span class= + "tei tei-q">„daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten + nachzudenken,“</span> hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine + große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen + Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich + fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich + deshalb eines andern. Aber <span class="tei tei-pb" id="page190">[pg + 190]</span><a name="Pgp0196" id="Pgp0196" class= + "tei tei-anchor"></a>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn + nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“</span> + fragte er endlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“</span> + lautete die Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn + doch.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz,“</span> unterbrach ihn Ruth hastig, + <span class="tei tei-q">„wenn man jemand auch leiden kann, braucht man + ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du + doch?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Antwort auf + Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder + zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage + genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – + überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei + den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei + diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel + Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig + ratlos.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du + dazu?“</span> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er machte wieder ein + nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte + heraus:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, das ist nicht so leicht,“</span> und fuhr dann + plötz<span class="tei tei-pb" id="page191">[pg 191]</span><a name= + "Pgp0197" id="Pgp0197" class="tei tei-anchor"></a>lich fort, als wäre + ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: <span class= + "tei tei-q">„Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu + wollen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das war so, Onkel Heinz,“</span> begann Ruth; <span class= + "tei tei-q">„gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn + gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als + ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar + geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl + heiraten?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor geriet + in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine + richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, + wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde + immer dringender.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, gib mir doch eine Antwort,“</span> bat sie + flehentlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun + muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“</span> fuhr er + barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die + Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen + konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur + selten weinte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“</span> sagte er + zärtlich, <span class="tei tei-q">„was in dieser Sache noch zu machen + ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf + einläßt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz selbst + fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst + nicht ganz die richtige <span class="tei tei-pb" id="page192">[pg + 192]</span><a name="Pgp0198" id="Pgp0198" class= + "tei tei-anchor"></a>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in + diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur + tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“</span> rief sie und klammerte + sich angstvoll an seinen Arm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, + Ruth?“</span> fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er + diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem + Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine + Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird + wohl wissen, was ich tun muß.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mit diesen + Worten eilte sie zur Türe hinaus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor atmete + erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in + Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei + geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt + herein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, was ist denn schon wieder los?“</span> fragte Onkel + Heinz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“</span> jammerte + sie laut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, was ist denn zu spät?“</span> fragte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging + gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr + sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich + anfangen?“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page193">[pg + 193]</span><a name="Pgp0199" id="Pgp0199" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz schwieg. + Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im + nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige + Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch + keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das + Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“</span> fing sie + an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei + euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das + Heiraten,“</span> sagte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann + nur quälen und unglücklich machen,“</span> fuhr sie fort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor + lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch + lange nicht die schlechteste,“</span> sagte er.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du + bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er machte eine + abwehrende Bewegung, aber das <span class="tei tei-q">„Nein, nein, Gott + sei Dank nicht,“</span> kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein + Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand + wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte + wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames + Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im + Verhältnis zu <span class="tei tei-pb" id="page194">[pg + 194]</span><a name="Pgp0200" id="Pgp0200" class= + "tei tei-anchor"></a>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch + auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Weißt du, Onkel Heinz,“</span> rief Ruth plötzlich und sah + ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <span class="tei tei-q">„wenn + ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber + Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und weinend flog sie + an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf + seiner Schulter ruhen. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun wußte der + Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, + in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen + diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage + wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt + ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten + mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft + und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um + ihre Taille.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dieser Stellung + fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose + hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr + Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch + noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem + forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich + fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das + geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen <span class= + "tei tei-pb" id="page195">[pg 195]</span><a name="Pgp0201" id="Pgp0201" + class="tei tei-anchor"></a>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war + nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen + ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt + freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige + Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und + Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den + Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß + man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern + hätte. <span class="tei tei-q">„Gernhaben“</span> und <span class= + "tei tei-q">„Liebhaben“</span> wäre doch ein großer Unterschied, + erklärte Ruth.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei diesen Worten + lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so + etwas!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich + ihn nicht heiraten könnte,“</span> drängte Ruth.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er + soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst + eine große Verlegenheit bereiten,“</span> sagte Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im + Zimmer?“</span> fragte Ruth.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bewahre.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen + Besuch machen wollte,“</span> setzte Ilse auseinander.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so <span class= + "tei tei-pb" id="page196">[pg 196]</span><a name="Pgp0202" id="Pgp0202" + class="tei tei-anchor"></a>schlimm,“</span> sagte Onkel Heinz, + <span class="tei tei-q">„und ich werde auch noch mit Jansen + sprechen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In liebevollster + Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr + zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete + dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele + gelastet hatte, von ihr genommen wurde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber die Spuren der + heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als + jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige + Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst + allen seinen Einzelheiten zu plaudern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Verwundert sah + Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz + an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das + ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. + Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit dem jungen + Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme + Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen + unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie + auch das Jäckchen auszog.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz wurde + heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und + Ruth.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“</span> + Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Statt aller Antwort + reichte ihr diese den bewußten <span class="tei tei-pb" id= + "page197">[pg 197]</span><a name="Pgp0203" id="Pgp0203" class= + "tei tei-anchor"></a>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und + las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier + über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber + mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu + tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände + wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag + und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar + umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und + hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie wurde auf das + Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz, + während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in + höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei + und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das + noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem + Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit + vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin + fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie + beugte und ihr laut ins Ohr schrie:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth zog sie weg und + gebot ihr zu schweigen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Inzwischen war Ilse + fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer + noch nicht zurückkehren wollte.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page198">[pg 198]</span><a name="Pgp0204" id="Pgp0204" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht + wieder zu sich,“</span> sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine + Weile zugesehen hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“</span> meinte + Ilse besorgt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach was, der kann auch nichts helfen,“</span> erwiderte + der Professor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es + nur?“</span> fragte Ruth voller Angst.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Woher das kommt?“</span> wiederholte er bedeutungsvoll. + <span class="tei tei-q">„Woher das kommt? An allem ist der verrückte + Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig + getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet + wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon + kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein + Wunder.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor sah + ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser + verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der + Ohnmächtigen zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft + nichts,“</span> fing er wieder an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie + doch,“</span> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser + tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. <span class="tei tei-pb" + id="page199">[pg 199]</span><a name="Pgp0205" id="Pgp0205" class= + "tei tei-anchor"></a>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl + aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch + nichts zu jammern,“</span> rief er dann den Zwillingen zu, die ein + wahres Heulkonzert aufführten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“</span> konnte + Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu + sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich + über ihn ärgerte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat + kein Gefühl,“</span> erwiderte er ruhig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse wäre ihm sicher + auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt + Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in + Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem + alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe + klopfte und sagte: <span class="tei tei-q">„Na, Kröte, wie geht’s denn? + Was machst du aber auch für Geschichten!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als das junge + Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um + sich und fing bitterlich an zu schluchzen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“</span> rief + Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit + der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer + bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse rief Marianne + tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise + weinend vor <span class="tei tei-pb" id="page200">[pg + 200]</span><a name="Pgp0206" id="Pgp0206" class= + "tei tei-anchor"></a>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, + das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei + alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er + Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen + auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich + zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges + Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als er einige Zeit + später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit + einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer + brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, + die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem + empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben + stattgefundenen Szene bei Gontraus. <span class="tei tei-q">„Ja, ja, so + etwas würde auch vorkommen,“</span> schien es ihm leise ins Ohr zu + raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf: <span class= + "tei tei-q">„es ist schon besser so.“</span> Er hatte seinen Pelz + abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden + waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging + es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor + den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer + Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Still und ruhig + war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und + wie das Papier <span class="tei tei-pb" id="page201">[pg + 201]</span><a name="Pgp0207" id="Pgp0207" class= + "tei tei-anchor"></a>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte + und knisterte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor blieb + den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, + so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich + nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, + erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer + erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles + zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache + von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen + Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, + welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein + tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe + erwidere.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte + während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine + Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr + einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem + Tage – zwei unglückliche Lieben!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth weinte + leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie + nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester + und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr der + <a name="corr201" id="corr201" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">Professor</span>, daß Marianne krank im Bett liege, daß + man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung + konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.</p><span class= + "tei tei-pb" id="page202">[pg 202]</span><a name="Pgp0208" id="Pgp0208" + class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen + Liebe!“</span> rief Ruth laut jammernd aus.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten + Romanen vor, aber im Leben nicht,“</span> entgegnete Onkel Heinz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie ist aber so elend.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wird sich schon wieder erholen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Glaubst du wirklich?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“</span> redete + er ihr liebevoll zu.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Warum mußte es auch so kommen?“</span> klagte Ruth. + <span class="tei tei-q">„Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt + mich?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz zuckte + die Achseln, er wußte es doch auch nicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich + liebte?“</span> fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem + Tone.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor wandte + sich ab und gab keine Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth bemerkte es + nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“</span> fragte sie + dann wieder.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war eine + Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Dummes Zeug! Unsinn!“</span> sagte er dann ziemlich + schroff.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“</span> Und + <span class="tei tei-pb" id="page203">[pg 203]</span><a name="Pgp0209" + id="Pgp0209" class="tei tei-anchor"></a>als er nicht antwortete, fuhr + sie fort: <span class="tei tei-q">„Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, + ich kann überhaupt nicht lieben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe + schwatzt,“</span> dachte der Professor bei sich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“</span> fragte Ruth + nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten + auf. <span class="tei tei-q">„Willst du es wissen? Ich möchte singen + können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin + werden.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor + prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte + ausgerufen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine + Künstlerin ist?“</span> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade + in der schmeichelhaftesten Weise betonend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann kam er wieder + näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie entgegnete + nichts darauf, sondern fuhr fort:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“</span> sie zeigte auf + ihr Herz, <span class="tei tei-q">„da ist es oft so komisch, so – ich + weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte + ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich + zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir + leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, + als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – + dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht + beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich + solche Freude <span class="tei tei-pb" id="page204">[pg + 204]</span><a name="Pgp0210" id="Pgp0210" class="tei tei-anchor"></a>an + meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte + sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. + Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es + machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem + Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings + sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, + eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam + die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge + Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend + und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er + sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es + war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine + Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine + Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich + über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“</span> + bemerkte sie lächelnd.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da erwachte er aus + seinen Gedanken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Hm!“</span> brummte er nur und fuhr sich über seine + Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> fing sie wieder an und schmiegte + <span class="tei tei-pb" id="page205">[pg 205]</span><a name="Pgp0211" + id="Pgp0211" class="tei tei-anchor"></a>sich in zärtlicher + Vertraulichkeit an ihren alten Freund. <span class="tei tei-q">„Ich + habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du + sie erfüllen willst.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da werde ich mich schön hüten,“</span> warf er ein und + lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte + auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn + tun?“</span> fragte er aber dennoch.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihm ja so + schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen + konnte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> kam es etwas zaghaft und zögernd von + ihren Lippen, <span class="tei tei-q">„wenn du doch nur mal mit den + Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden + lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst + du,“</span> fuhr sie leidenschaftlich fort, <span class= + "tei tei-q">„ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so + fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der + Kunst leben.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das ist ja Unsinn,“</span> sagte der Professor + ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, + wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt + wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dabei fiel ihr + wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, + und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch <span class= + "tei tei-pb" id="page206">[pg 206]</span><a name="Pgp0212" id="Pgp0212" + class="tei tei-anchor"></a>immer gleich flennen müßt,“</span> sagte er + etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig + gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön + geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. + <span class="tei tei-q">„Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur + aus dem Sinn,“</span> fuhr er fort, <span class="tei tei-q">„das geht + nicht, das geht auf keinen Fall.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihn bittend, + fast flehend an.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber Onkel Heinz!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? + Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“</span> Er sagte das sehr + geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob + sie vielleicht zur Bühne gehen wolle. <span class="tei tei-q">„Da bist + du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, + das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird + nichts!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er hatte sich + ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine + solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke. + <span class="tei tei-q">„Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein + sollte,“</span> setzte er wie im Selbstgespräche fort, <span class= + "tei tei-q">„aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist + die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben + ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erregt schritt er + auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn + zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am + Arme fest.</p><span class="tei tei-pb" id="page207">[pg + 207]</span><a name="Pgp0213" id="Pgp0213" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber + habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich + meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken + brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den + Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt + mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das + Richtige ist.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme + ist nicht übel, das ist wahr,“</span> sagte er einlenkend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Worte nahm sie + schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange + nicht,“</span> sagte er abwehrend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“</span> bat sie und + hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine + Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum + Lohn,“</span> versprach sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Will ich gar nicht,“</span> brummte er vor sich hin.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“</span> rief sie + lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: + <span class="tei tei-q">„Wann willst du denn mit den Eltern + sprechen?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Gar nicht,“</span> erwiderte er kurz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth schien diese + Antwort zu überhören und sagte weiter:</p><span class="tei tei-pb" id= + "page208">[pg 208]</span><a name="Pgp0214" id="Pgp0214" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, + aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? + dann tust du es?“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Bitte, bitte, sage ja.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Nein, nein, nein!“</span> widersprach er heftig.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wer hätte wohl + diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der + Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch + abwandte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lieber Onkel Heinz.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er antwortete + nicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch + ja!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und sie quälte + solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich + nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts <a name="corr208" id= + "corr208" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">abschlagen.</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“</span> rief er + laut.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie jubelte auf, als + sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er + doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die nächste Zeit + verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, + ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig + und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen + Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach + wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß + die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten + über diesen Punkt so weit auseinander <span class="tei tei-pb" id= + "page209">[pg 209]</span><a name="Pgp0215" id="Pgp0215" class= + "tei tei-anchor"></a>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem + Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am + Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie + sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als + sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein + konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als + treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei + allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, + wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in + seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal + gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu + zaubern.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen war bald + nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte + er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige + Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren + wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe + bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl + hervorgerufen haben würde.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als letztere + einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein + Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, + einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, + daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für + sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung + erhalten. Mit Fleiß und Liebe, <span class="tei tei-pb" id= + "page210">[pg 210]</span><a name="Pgp0216" id="Pgp0216" class= + "tei tei-anchor"></a>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem + Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Währenddem erholte + sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch + ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, + allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber + der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit + fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war + gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft + wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild + des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, + aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war + glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das + Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem + Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte + sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach + Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein + vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen + auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, + konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und + wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, + um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein + geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und + oftmals stritt – und den beiden <span class="tei tei-pb" id= + "page211">[pg 211]</span><a name="Pgp0217" id="Pgp0217" class= + "tei tei-anchor"></a>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, + dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er + erzählte es später Ilse voller Stolz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erst spät im Herbst, + der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die + Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und + Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr + Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und + neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine + trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen + war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen + fernen lieben Freund.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So verging der + Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum + Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen + ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen + Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die + Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten + schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An einem dieser + sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin + Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die + klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und + braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; + noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann + flatterte, durch einen <span class="tei tei-pb" id="page212">[pg + 212]</span><a name="Pgp0218" id="Pgp0218" class= + "tei tei-anchor"></a>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht + vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur + vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des + Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose + geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben + verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, + und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften + Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden + Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit + würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht + droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber + hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große + gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, + bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die + durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den + herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige + sie etwas lebhaft.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn nur alles gut geht,“</span> sagte sie seufzend zu dem + Professor.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er lächelte mit + überlegener Miene und entgegnete:</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig + gelernt, die kann ja was.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu + erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das <span class= + "tei tei-pb" id="page213">[pg 213]</span><a name="Pgp0219" id="Pgp0219" + class="tei tei-anchor"></a>nicht geschehen, das Glück muß auch mit + helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer + und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und + Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe + sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, + als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel + Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im + Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um + ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine + Sängerin fertig ist, dauert es lange.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas + Tüchtigem, das weiß ich,“</span> versicherte Onkel Heinz mit wichtiger + Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal + gesagt habe.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“</span> + meinte Ilse und holte tief Atem.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben + brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“</span> + sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren + Arm.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie fühlte, daß er + sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch + ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr + befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige + Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie + einen großen Schatz. Sie hatte in <span class="tei tei-pb" id= + "page214">[pg 214]</span><a name="Pgp0220" id="Pgp0220" class= + "tei tei-anchor"></a>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren + und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des + Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte + sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte + durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren + Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in + sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig + war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer + Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel + Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das + ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse + jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so + nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch + immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in + welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche + singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, + um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, + grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, + denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“</span> fing er dann + plötzlich an, <span class="tei tei-q">„bei Superintendents ist man wohl + überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein + famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei + mir.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page215">[pg + 215]</span><a name="Pgp0221" id="Pgp0221" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja,“</span> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem + Herzensgrunde, <span class="tei tei-q">„Gott sei Dank, daß er wieder da + ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, + und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, + daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, die <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">selfmade men</span></span>, das sind die + besten,“</span> warf Onkel Heinz ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht + wahr?“</span> fragte Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr + interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben + gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu + Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der + Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, + gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall + zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die + kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja + lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel + ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer + Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den + aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, + und da war die Sache bald abgemacht.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“</span> + warf Ilse ein. <span class="tei tei-q">„Er hatte es so gut bei den + Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, <span class= + "tei tei-pb" id="page216">[pg 216]</span><a name="Pgp0222" id="Pgp0222" + class="tei tei-anchor"></a>weil ihn die andern im Geschäfte wegen + seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte + er nicht tun sollen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von + ihm,“</span> widersprach Onkel Heinz, <span class="tei tei-q">„so wird + das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er + handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch + leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß der + <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">selfmade + man</span></span> auch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist + ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet + man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San + Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend + davon,“</span> meinte Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist + er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter + herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner + Mutter,“</span> gab Onkel Heinz zur Antwort.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all + die Jahre hindurch,“</span> wandte Ilse vorwurfsvoll ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Da hatte er ganz recht,“</span> unterbrach sie der + Professor von neuem; <span class="tei tei-q">„er wollte erst was + ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr + heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz + anders behandelt werden müssen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id= + "page217">[pg 217]</span><a name="Pgp0223" id="Pgp0223" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür + büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche + Jahre,“</span> erwiderte Ilse.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid + getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, + denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei + Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“</span> neckte + Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf + sie.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel + Heinz?“</span> rief Ilse lachend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er erwiderte nichts, + aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber + dachte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Sind Sie denn nun ruhiger?“</span> fragte er nach einer + kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, + fuhr er fort: <span class="tei tei-q">„Na, sehen Sie wohl, wie gut es + war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie + das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für + erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das + Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, + noch verhindern konnte.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“</span> berichtigte + sie lachend, <span class="tei tei-q">„das war ja Bromkali –“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Weiß schon, weiß schon,“</span> unterbrach er sie schnell. + <span class="tei tei-q">„Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft + auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver<span class= + "tei tei-pb" id="page218">[pg 218]</span><a name="Pgp0224" id="Pgp0224" + class="tei tei-anchor"></a>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen + Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“</span> sagte + Ilse; <span class="tei tei-q">„bei der ist es nur die Freude, welche + sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“</span> fragte sie dann den + Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause + angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann + später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch + nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/illu_opp_p0218.png" alt="Illustration" /></div> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz ging + aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß + bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er + überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, vorher noch + seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl + besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er für + Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung + sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den <span class= + "tei tei-q">„wunderlichen alten Herrn“</span> amüsiert, der in + umständlichster Weise seine Bestellung gemacht und ganz genau angegeben + hatte, in welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle + Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen und geschmacklos + gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so und so sollte + die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen anders. Am + Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den <span class="tei tei-pb" + id="page219">[pg 219]</span><a name="Pgp0226" id="Pgp0226" class= + "tei tei-anchor"></a>fertigen Korb angesehen, und ein Etui + hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und + Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen wichtigen Tage + schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz genau nach + seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und zog + hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner + Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die + dem alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das + junge Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er + nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen + Bräutigam war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – + zum dritten Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; + sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die + Bestellung auch richtig und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In + ihrem Innern meinte sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr + noch selten jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen + Menschen verkehren mußte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nachdem der + Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen Schrittes die + Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert + stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb und + sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste + Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war + doch keine Kleinigkeit <span class="tei tei-pb" id="page220">[pg + 220]</span><a name="Pgp0227" id="Pgp0227" class= + "tei tei-anchor"></a>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen + gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon + erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, + schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die + große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab + und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der + mächtige Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden + Lichter warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften + mit ihren Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle + Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten + seinen Hut abgenommen und betrachtete sich mit Wohlgefallen das + malerische Bild des Ganzen, worauf seine Augen suchend umherblickten. + Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, Flora mit + den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – und wer saß da neben + Marianne? Ein junger, blonder Mann, bartlos, mit energisch + geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder + – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, + und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden Mädchengestalt + neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der Seite + anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der + Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er sich + jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu + verbergen suchte. Auch Leo war still und <span class="tei tei-pb" id= + "page221">[pg 221]</span><a name="Pgp0228" id="Pgp0228" class= + "tei tei-anchor"></a>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen + Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg zu helfen + hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man die Köpfe der + Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her bewegen, während + die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange nur + die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes Interesse vor + sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte er nicht + zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang konnte + ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen + wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine Bartspitze + zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine Augen + unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der + Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten + die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in + reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in + den Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet + hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob + über die herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und + Weichheit besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort + verhinderte, daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo + hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll + triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu: <span class= + "tei tei-q">„Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben <span class= + "tei tei-pb" id="page222">[pg 222]</span><a name="Pgp0229" id="Pgp0229" + class="tei tei-anchor"></a>brauchten, hatte ich nun nicht + recht?“</span> Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, denn in + diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: + ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise + Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln + unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt + Ilse da. Ihre Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle + trat die frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne + und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie + sich fest vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem + Vollkommensten streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, + was sie Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das + Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im + Publikum, und der Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, + selbst Fremde traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer + Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl entflohen und + hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu warten, bis sich die Menge + verlaufen hätte, welche die Treppe von den Emporen herunterkam. + Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken + könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach und nach + hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner Ecke hervor und wagte + sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser übersehen zu können + und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter + <span class="tei tei-pb" id="page223">[pg 223]</span><a name="Pgp0230" + id="Pgp0230" class="tei tei-anchor"></a>ihnen die sehnsüchtig + Erwartete, mit erhitzen Wangen und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte + sie herunter, und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende + die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. Sie jubelte, lachte + und weinte in einem Atem, und er klopfte und streichelte sie + fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, nur die Worte: <span class= + "tei tei-q">„Alte, gute Kröte,“</span> wiederholte er immer wieder, und + eine rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der + grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber + dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses + schimmerte es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind + lange in den Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die + <a name="corr223" id="corr223" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr">Zwillinge,</span> alle die guten Freunde, sie bildeten + einen Kreis um die Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, + ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und Flora + erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche ihr einst eine große + Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr + Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre + waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; Kummer und + Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und der + glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz + ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch + freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“</span> sagte + <span class="tei tei-pb" id="page224">[pg 224]</span><a name="Pgp0231" + id="Pgp0231" class="tei tei-anchor"></a>Nellie zu ihrem Manne, als die + beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff war + aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am Arme + hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und gesund + aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren + Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz + geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch + anders gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und + Leo wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der + Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und + sie sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen + hatten, wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl + sein, denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen + noch die Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man + plötzlich das absichtlich laute und auffällige Klappern eines + Schlüsselbundes, und mit harten Schritten ging der Kastellan über die + Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit zu verstehen, + daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abend war mild + und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche ins Freie + traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an einem + schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. + Plaudernd und lachend schritt das <span class="tei tei-pb" id= + "page225">[pg 225]</span><a name="Pgp0232" id="Pgp0232" class= + "tei tei-anchor"></a>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die + Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“</span> sagte Ilse zu + dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig + fügte sie hinzu mit einem Blick auf Ruth und Marianne: <span class= + "tei tei-q">„Wie lange wird’s dauern, und eines Tages fliegen beide aus + dem Neste.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Über so etwas muß man eben nicht sentimental + denken,“</span> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern hatte doch + auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn er daran dachte, seine + beiden Kröten einmal hergeben zu müssen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein + sein werden?“</span> fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt + von diesen Gedanken.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, was fangen wir an?“</span> wiederholte er und sah sie + forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein + Gesicht, und er sagte: <span class="tei tei-q">„Dann schreiben Sie doch + Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war natürlich nur + ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung hinwegbringen + wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. + Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen Vorschlag + ein.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“</span> rief sie; + <span class="tei tei-q">„vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, + ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da auf + einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen <span class="tei tei-pb" + id="page226">[pg 226]</span><a name="Pgp0233" id="Pgp0233" class= + "tei tei-anchor"></a>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie + sollen sogar eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Na, das wird was Schönes werden,“</span> gab der Professor + zur Antwort, <span class="tei tei-q">„eine schreibende Frau? + Brr!“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie + interessant es für Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit + erfahren, wie ich einst war – eigensinnig, unbeugsam, wild und + unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden + und ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle meine Lieben + und Freunde, durch Leo, durch Nellie und auch durch Sie, Onkel + Heinz.“</span></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Durch mich?“</span> fragte er, sie ungläubig ansehend.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-q">„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir + nur,“</span> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare + Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen + hatte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-hi"><span style="font-size: 90%">Die jungen + Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, + werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem + Titel</span> <span class="tei tei-q"><span style= + "font-size: 90%">„</span><span style="font-size: 90%">Trotzkopf als + Großmutter</span><span style="font-size: 90%">“</span></span> + <span style="font-size: 90%">in gleichem Verlag erschienen + ist.</span></span></p> + </div> + + <div class="tei tei-back" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em"> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="boxed tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <a name="toc1" id="toc1"></a><a name="pdf2" id="pdf2"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die + Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in + ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv + wiedergegeben).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Varianten bei + Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Korrektur von + offensichtlichen Druckfehlern:</p> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style= + "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr012" class= + "tei tei-ref">Seite 12</a>: Anführungszeichen ergänzt hinter + „Unsinn.“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr015" class= + "tei tei-ref">Seite 15</a>: „üherhaupt“ geändert in + „überhaupt“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr076" class= + "tei tei-ref">Seite 76</a>: „Schmids“ geändert in + „Schmidts“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr090" class= + "tei tei-ref">Seite 90</a>: „langezogene“ geändert in + „langgezogene“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr113" class= + "tei tei-ref">Seite 113</a>: Punkt ergänzt hinter + „Gefühlen“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr149" class= + "tei tei-ref">Seite 149</a>: „Arger“ geändert in „Ärger“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr162" class= + "tei tei-ref">Seite 162</a>: auf dem Kopf stehendes „a“ + korrigiert in „las“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr201" class= + "tei tei-ref">Seite 201</a>: „Profossor“ geändert in + „Professor“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr208" class= + "tei tei-ref">Seite 208</a>: überflüssiges Anführungszeichen + entfernt hinter „abschlagen.“</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr223" class= + "tei tei-ref">Seite 223</a>: Komma ergänzt hinter + „Zwillinge“</td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <pre class="pre tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE*** +</pre> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader3" id="rightpageheader3"></a><a name= + "pgtoc4" id="pgtoc4"></a><a name="pdf5" id="pdf5"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Credits</span></h1> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style= + "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr> + <th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 2, + 2012 </th> + </tr> + + <tr> + <td class="tei tei-item tei-item-gloss"> + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" + style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI + edition 1</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><span class= + "tei tei-respStmt"><span class= + "tei tei-resp">Produced by <span class= + "tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the + Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net</span></span></td> + </tr> + </tbody> + </table> + </td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader6" id="rightpageheader6"></a><a name= + "pgtoc7" id="pgtoc7"></a><a name="pdf8" id="pdf8"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">A Word from Project + Gutenberg</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file + should be named 39350-h.html or 39350-h.zip.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all + associated files of various formats will be found in: <a href= + "http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/" class= + "block tei tei-xref" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span style= + "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style= + "font-size: 90%">/dirs/3/9/3/5/39350/</span></a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated + editions will replace the previous one — the old editions will be + renamed.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the + works from public domain print editions means that no one owns a + United States copyright in these works, so the Foundation (and + you!) can copy and distribute it in the United States without + permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is subject to the trademark license, + especially commercial redistribution.</p> + </div> + <hr class="page" /> + + <div id="pglicense" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader9" id="rightpageheader9"></a><a name= + "pgtoc10" id="pgtoc10"></a><a name="pdf11" id="pdf11"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg + License</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class= + "tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this + before you distribute or use this work.</span></em></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the + Project Gutenberg™ mission of promoting the free distribution of + electronic works, by using or distributing this work (or any + other work associated in any way with the phrase <span class= + "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with + all the terms of the Full Project Gutenberg™ License (<a href= + "#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or + online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p> + + <div id="pglicense1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">General Terms of Use & + Redistributing Project Gutenberg™ electronic works</span></h2> + + <div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading + or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, + you indicate that you have read, understand, agree to and + accept all the terms of this license and intellectual + property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree + to abide by all the terms of this agreement, you must cease + using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™ + electronic works in your possession. If you paid a fee for + obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ + electronic work and you do not agree to be bound by the terms + of this agreement, you may obtain a refund from the person or + entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph + <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p> + </div> + + <div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a + registered trademark. It may only be used on or associated in + any way with an electronic work by people who agree to be + bound by the terms of this agreement. There are a few things + that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works + even without complying with the full terms of this agreement. + See paragraph <a href="#pglicense1C" class= + "tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you + can do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow + the terms of this agreement and help preserve free future + access to Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph + <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p> + </div> + + <div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class= + "tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a + compilation copyright in the collection of Project Gutenberg™ + electronic works. Nearly all the individual works in the + collection are in the public domain in the United States. If + an individual work is in the public domain in the United + States and you are located in the United States, we do not + claim a right to prevent you from copying, distributing, + performing, displaying or creating derivative works based on + the work as long as all references to Project Gutenberg are + removed. Of course, we hope that you will support the Project + Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic + works by freely sharing Project Gutenberg™ works in + compliance with the terms of this agreement for keeping the + Project Gutenberg™ name associated with the work. You can + easily comply with the terms of this agreement by keeping + this work in the same format with its attached full Project + Gutenberg™ License when you share it without charge with + others.</p> + </div> + + <div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + copyright laws of the place where you are located also govern + what you can do with this work. Copyright laws in most + countries are in a constant state of change. If you are + outside the United States, check the laws of your country in + addition to the terms of this agreement before downloading, + copying, displaying, performing, distributing or creating + derivative works based on this work or any other Project + Gutenberg™ work. The Foundation makes no representations + concerning the copyright status of any work in any country + outside the United States.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you + have removed all references to Project Gutenberg:</p> + + <div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.1.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + following sentence, with active links to, or other + immediate access to, the full Project Gutenberg™ License + must appear prominently whenever any copy of a Project + Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class= + "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> appears, or with + which the phrase <span class="tei tei-q">„Project + Gutenberg“</span> is associated) is accessed, displayed, + performed, viewed, copied or distributed:</p> + + <div class="block tei tei-q" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em"> + <span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of + anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions + whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included + with this eBook or online at</span> <a href= + "http://www.gutenberg.org" class= + "tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p> + </div> + </div> + + <div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.2.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an + individual Project Gutenberg™ electronic work is derived + from the public domain (does not contain a notice + indicating that it is posted with permission of the + copyright holder), the work can be copied and distributed + to anyone in the United States without paying any fees or + charges. If you are redistributing or providing access to a + work with the phrase <span class="tei tei-q">„Project + Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work, + you must comply either with the requirements of paragraphs + <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> + through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work + and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in + paragraphs <a href="#pglicense1E8" class= + "tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.3.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an + individual Project Gutenberg™ electronic work is posted + with the permission of the copyright holder, your use and + distribution must comply with both paragraphs <a href= + "#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 + and any additional terms imposed by the copyright holder. + Additional terms will be linked to the Project Gutenberg™ + License for all works posted with the permission of the + copyright holder found at the beginning of this work.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.4.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ + License terms from this work, or any files containing a + part of this work or any other work associated with Project + Gutenberg™.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.5.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + copy, display, perform, distribute or redistribute this + electronic work, or any part of this electronic work, + without prominently displaying the sentence set forth in + paragraph <a href="#pglicense1E1" class= + "tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate + access to the full terms of the Project Gutenberg™ + License.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.6.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may + convert to and distribute this work in any binary, + compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, + including any word processing or hypertext form. However, + if you provide access to or distribute copies of a Project + Gutenberg™ work in a format other than <span class= + "tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format + used in the official version posted on the official Project + Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must, + at no additional cost, fee or expense to the user, provide + a copy, a means of exporting a copy, or a means of + obtaining a copy upon request, of the work in its original + <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or + other form. Any alternate format must include the full + Project Gutenberg™ License as specified in paragraph + <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p> + </div> + + <div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.7.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + charge a fee for access to, viewing, displaying, + performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ + works unless you comply with paragraph <a href= + "#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.8.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may + charge a reasonable fee for copies of or providing access + to or distributing Project Gutenberg™ electronic works + provided that</p> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" + style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You pay a royalty fee of 20% of the gross profits + you derive from the use of Project Gutenberg™ works + calculated using the method you already use to + calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but + he has agreed to donate royalties under this + paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or + are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked + as such and sent to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation at the address specified in + <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section + 4, <span class="tei tei-q">„Information about + donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation.“</span></a></p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You provide a full refund of any money paid by a + user who notifies you in writing (or by e-mail) + within 30 days of receipt that s/he does not agree + to the terms of the full Project Gutenberg™ + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a + physical medium and discontinue all use of and all + access to other copies of Project Gutenberg™ + works.</p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You provide, in accordance with paragraph <a href= + "#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a + full refund of any money paid for a work or a + replacement copy, if a defect in the electronic + work is discovered and reported to you within 90 + days of receipt of the work.</p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You comply with all other terms of this agreement + for free distribution of Project Gutenberg™ + works.</p> + </td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + + <div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.9.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you + wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ + electronic work or group of works on different terms than + are set forth in this agreement, you must obtain permission + in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation and Michael Hart, the owner of the Project + Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth + in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a> + below.</p> + </div> + </div> + + <div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3> + + <div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.1.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg volunteers and employees expend considerable + effort to identify, do copyright research on, transcribe + and proofread public domain works in creating the Project + Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project + Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they + may be stored, may contain <span class= + "tei tei-q">„Defects,“</span> such as, but not limited to, + incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription + errors, a copyright or other intellectual property + infringement, a defective or damaged disk or other medium, + a computer virus, or computer codes that damage or cannot + be read by your equipment.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.2.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED + WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the + <span class="tei tei-q">„Right of Replacement or + Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class= + "tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation, the owner of the Project + Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a + Project Gutenberg™ electronic work under this agreement, + disclaim all liability to you for damages, costs and + expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO + REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF + WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN + PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK + OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE + LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, + PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF + THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.3.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED + RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect + in this electronic work within 90 days of receiving it, you + can receive a refund of the money (if any) you paid for it + by sending a written explanation to the person you received + the work from. If you received the work on a physical + medium, you must return the medium with your written + explanation. The person or entity that provided you with + the defective work may elect to provide a replacement copy + in lieu of a refund. If you received the work + electronically, the person or entity providing it to you + may choose to give you a second opportunity to receive the + work electronically in lieu of a refund. If the second copy + is also defective, you may demand a refund in writing + without further opportunities to fix the problem.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.4.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Except + for the limited right of replacement or refund set forth in + <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph + 1.F.3</a>, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO + OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING + BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS + FOR ANY PURPOSE.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.5.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Some + states do not allow disclaimers of certain implied + warranties or the exclusion or limitation of certain types + of damages. If any disclaimer or limitation set forth in + this agreement violates the law of the state applicable to + this agreement, the agreement shall be interpreted to make + the maximum disclaimer or limitation permitted by the + applicable state law. The invalidity or unenforceability of + any provision of this agreement shall not void the + remaining provisions.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F6" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.6.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, + the trademark owner, any agent or employee of the + Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™ + electronic works in accordance with this agreement, and any + volunteers associated with the production, promotion and + distribution of Project Gutenberg™ electronic works, + harmless from all liability, costs and expenses, including + legal fees, that arise directly or indirectly from any of + the following which you do or cause to occur: (a) + distribution of this or any Project Gutenberg™ work, (b) + alteration, modification, or additions or deletions to any + Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect you cause.</p> + </div> + </div> + </div> + + <div id="pglicense2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 2.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about the Mission of + Project Gutenberg™</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of + electronic works in formats readable by the widest variety of + computers including obsolete, old, middle-aged and new + computers. It exists because of the efforts of hundreds of + volunteers and donations from people in all walks of life.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers + and financial support to provide volunteers with the assistance + they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals + and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain + freely available for generations to come. In 2001, the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a + secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future + generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation and how your efforts and donations can help, + see Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a> + and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the + Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class= + "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p> + </div> + + <div id="pglicense3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project + Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) + educational corporation organized under the laws of the state + of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal + Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax + identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is + posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf" + class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>. + Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation are tax deductible to the full extent permitted by + U.S. federal laws and your state's laws.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. + S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees + are scattered throughout numerous locations. Its business + office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT + 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact + links and up to date contact information can be found at the + Foundation's web site and official page at <a href= + "http://www.pglaf.org" class= + "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For + additional contact information:</p> + + <div class="block tei tei-address" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">Dr. Gregory + B. Newby</span></span><br /> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">Chief Executive and + Director</span></span><br /> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br /> + </div> + </div> + + <div id="pglicense4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about Donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread + public support and donations to carry out its mission of + increasing the number of public domain and licensed works that + can be freely distributed in machine readable form accessible + by the widest array of equipment including outdated equipment. + Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important + to maintaining tax exempt status with the IRS.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Foundation is committed to complying with the laws regulating + charities and charitable donations in all 50 states of the + United States. 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Donations are accepted in a number of other ways + including checks, online payments and credit card donations. To + donate, please visit: <a href= + "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p> + </div> + + <div id="pglicense5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">General Information About Project + Gutenberg™ electronic works.</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the + originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of + electronic works that could be freely shared with anyone. For + thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ + eBooks with only a loose network of volunteer support.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ eBooks are often created from several printed + editions, all of which are confirmed as Public Domain in the + U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not + necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper + edition.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook + is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook + number, often in several formats including plain vanilla ASCII, + compressed (zipped), HTML and others.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected + <em class="tei tei-emph"><span style= + "font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace + the old file and take over the old filename and etext number. + The replaced older file is renamed. <em class= + "tei tei-emph"><span style= + "font-style: italic">Versions</span></em> based on separate + sources are treated as new eBooks receiving new filenames and + etext numbers.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people + start at our Web site which has the main PG search facility: + <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref" + style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span style= + "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web + site includes information about Project Gutenberg™, including + how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to + subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> + </div> + </div> + </div> + </div> + </div> + </div> +</body> +</html> diff --git a/39350-h/images/cover.jpg b/39350-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8cddf8c --- /dev/null +++ b/39350-h/images/cover.jpg diff --git a/39350-h/images/illu_frontispiece.png b/39350-h/images/illu_frontispiece.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6411162 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_frontispiece.png diff --git a/39350-h/images/illu_on_p0001.png b/39350-h/images/illu_on_p0001.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f5aca64 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_on_p0001.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0045.png b/39350-h/images/illu_opp_p0045.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6225d4a --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0045.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0064.png b/39350-h/images/illu_opp_p0064.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0270a07 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0064.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0085.png b/39350-h/images/illu_opp_p0085.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ef99379 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0085.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0132.png b/39350-h/images/illu_opp_p0132.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2960a26 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0132.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0187.png b/39350-h/images/illu_opp_p0187.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..428cff0 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0187.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p0218.png b/39350-h/images/illu_opp_p0218.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..29c1a04 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p0218.png diff --git a/39350-h/images/illu_opp_p032.png b/39350-h/images/illu_opp_p032.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5a83d4f --- /dev/null +++ b/39350-h/images/illu_opp_p032.png diff --git a/39350-h/images/title.png b/39350-h/images/title.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0c823d1 --- /dev/null +++ b/39350-h/images/title.png diff --git a/39350-pdf.pdf b/39350-pdf.pdf Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0e8badf --- /dev/null +++ b/39350-pdf.pdf diff --git a/39350-pdf.zip b/39350-pdf.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..53b7d4b --- /dev/null +++ b/39350-pdf.zip diff --git a/39350-tei.zip b/39350-tei.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..02056bc --- /dev/null +++ b/39350-tei.zip diff --git a/39350-tei/39350-tei.tei b/39350-tei/39350-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..59941ed --- /dev/null +++ b/39350-tei/39350-tei.tei @@ -0,0 +1,10006 @@ +<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?> +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Aus Trotzkopf’s Ehe</title> + <author><name reg="Wildhagen, Else">Else Wildhagen</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date value="2012-04-02">April 2, 2012</date> + <idno type='etext-no'>39350</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <bibl> + <title>Aus Trotzkopf’s Ehe</title> + <author><name reg="Wildhagen, Else">Else Wildhagen</name></author> + <edition>40. 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Langkau</name> and the Online Distributed Proofreading Team + at http://www.pgdp.net</resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .antiqua { font-style: italic } + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em } + .smallcaps { font-variant: small-caps } + figure { text-align: center } + .w80 { } + @media pdf { + .w80 { width: 80%; page-float: 'htp' } + } + </pgStyleSheet> + </pgExtensions> + +<text lang="de"> +<front> + <div> + <divGen type="pgheader"/> + </div> + <div> + <divGen type="encodingDesc" /> + </div> +<div rend="page-break-before: always"> + <figure url="images/cover.jpg" rend="w80"><figDesc>Illustration: Einband</figDesc></figure> + <pb/><anchor id='Pga0001'/> + <p> + <figure url="images/illu_frontispiece.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> + </p> + </div> +<titlePage rend="page-break-before: always; text-align: center"> +<pb/><anchor id='Pga0002'/> + <figure url="images/title.png" rend="w80"> + <figDesc>Illustration: Titelseite</figDesc> + </figure> + <lb/> + <docTitle> + <titlePart rend="font-size: xx-large">AUS TROTZKOPF’s<lb/> + EHE</titlePart> + </docTitle><lb/> + <byline rend="font-size: large">VON <docAuthor>ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH</docAuthor></byline> +<byline>VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“</byline> + <titlePart><hi rend="font-size: large">DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“</hi> +<lb/>VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +<lb/>JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK</titlePart> + <lb/><lb/> + <docEdition>Vierzigste Auflage</docEdition> + <lb/><lb/> + <docImprint><pubPlace>STUTTGART</pubPlace><lb/> + <publisher><hi rend='smallcaps'>Gustav Weise Verlag</hi></publisher></docImprint> +</titlePage> + +<div rend="page-break-before: always"> +<pb/><anchor id='Pga0003'/> +<p rend="margin-top: 3; font-size: small; text-align: center">Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.</p> +</div> +</front> +<body rend="page-break-before: always"> +<pb n='1'/><anchor id='Pgp0001'/> +<p> +<figure url="images/illu_on_p0001.png" rend="w80"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure> +</p> +<p> +<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz,</q> schallte es von hellen +Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im +Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen Mädchen von +acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der +die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet +hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien +mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin, +der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an +ihn, und er kam nicht los. +</p> + +<p> +<q>Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,</q> +rief er endlich; <q>wartet, ihr Kröten, ich werde euch +kommen!</q> +</p> + +<p> +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie +kreischend auseinander; der Junge aber und das älteste +der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden, +braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun +begann ein Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel +umherkollerten. +</p> + +<pb n='2'/><anchor id='Pgp0002'/> + +<p> +<q>Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!</q> gebot +Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls +hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz +die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen +Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste und +ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen +Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit +lautem Geschrei zurück. Das war ein Hauptspaß. +</p> + +<p> +<q>Kinder, so seid doch endlich vernünftig,</q> legte sich +Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit +den beiden Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick +Ruhe. +</p> + +<p> +<q>Ja, nun hört endlich auf,</q> gebot auch Ilse ernstlich, +und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte +sie sich wieder an Onkel Heinz mit den Worten: +</p> + +<p> +<q>Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei +uns, Herr Professor?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man +kommt ja zu nichts,</q> gab er zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!</q> rief es nun +schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und +Überzieher, die er beide auf einen Stuhl neben sich gelegt +hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, +und bei dem komischen Anblick der kleinen Person +in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke +konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich +<pb n='3'/><anchor id='Pgp0003'/>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der +Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte. +</p> + +<p> +<q>Nun ist’s genug,</q> sagte sie; <q>kommen Sie, lieber +Professor, wir gehen in mein Zimmer.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!</q> +rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich +die Kleinen an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten +seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er +nicht von der Stelle konnte. +</p> + +<p> +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er +am Boden lag. Im Nu warfen sich die Kinder über ihn +her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein Schreien, +sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er +schließlich doch Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort +von Frau Ilse ihn von der wilden Horde befreite. +Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde von der +Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen +die Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden +Kindergesichtern leuchtete die helle Freude über den gut +gelungenen Spektakel. +</p> + +<p> +<q>Ihr seid eine Gesellschaft,</q> sagte Ilse kopfschüttelnd, +aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, +wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien. +</p> + +<p> +<q>O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,</q> meinte +Nellie, als sie den Professor ansah. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Prügel müssen sie haben,</q> rief er ihnen +mit scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es + <pb n='4'/><anchor id='Pgp0004'/>gemeint war, sie sahen ja seine lustig zwinkernden Augen +und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er +ernstlich böse war. +</p> + +<p> +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die +ihm bis auf die Hände gerutscht waren, rückte an seiner +Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes +Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber +sie standen nach wie vor gerade in die Höhe, tadellos in +Reih und Glied. +</p> + +<p> +<q>Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, +bitte?</q> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls. +</p> + +<p> +<q>Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,</q> +quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte +zu erfüllen. +</p> + +<p> +<q>Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,</q> legte +er sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut +sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling Ruth etwas +abgeschlagen wurde. +</p> + +<p> +<q>Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig +sein,</q> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend, +doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der +Kinderstube bleiben sollten. +</p> + +<p> +Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber +Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, +als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß +sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes +holen sollte. +</p> + +<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/> + +<p> +Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit +dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen +Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie +an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. +Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer +schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur +ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden +Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. +Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, +kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn +und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger +Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung +war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, +ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem +Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen +Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber +die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck +ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr +nicht sagen, denn <q>sanft</q> und <q>dumm</q> stellte sie in eine +Reihe. <q>Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie,</q> meinte sie, wenn die Rede darauf +kam, und da hatte sie auch recht. +</p> + +<p> +Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie <q>sanft</q> ohne +den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war +bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen +Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt. +</p> + +<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/> + +<p> +An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen +wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen +kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe +Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. +</p> + +<p> +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder +an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war +auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau +Superintendentin geworden war. +</p> + +<p> +Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium +Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung +angenehm gestalten. Aber leider machten ihm +seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, +und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, +sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste +Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten +zusammen. +</p> + +<p> +<q>Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,</q> bemerkte Ilse +oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn +nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen +können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie +mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und +gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu +Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder +holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe +an ihr. +</p> + +<p> +In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor +bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie +<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann +geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja +erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder +nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben. +</p> + +<p> +<q>Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,</q> +entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde +Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten +Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen +und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden +Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. +Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter +Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte +erschien mattglänzend die silberne Mondsichel. +</p> + +<p> +Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er +habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit +auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er +ließ sich gerne zureden. +</p> + +<p> +<q>Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,</q> rief +sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch +bleiben würde. +</p> + +<p> +<q>Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,</q> +wiederholte er mit einigem Nachdruck, <q>das ist auch recht +gut.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen +Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen +wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel +zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter +Bücherkram.</q> +</p> + +<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/> + +<p> +<q>Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?</q> fragte er, +die Worte <q>alter</q> und <q>Kram</q> besonders betonend, +während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes +zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines +Unwillens, Ilse kannte es genau. +</p> + +<p> +<q>Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,</q> fuhr +er fort. +</p> + +<p> +<q>Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, +so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen +nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich weiß am besten, was ich tun muß,</q> erwiderte +er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht +einschüchtern, sie kannte seine Art. +</p> + +<p> +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, +wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen +hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor +tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast +zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am +Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die +Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam +in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, +weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht +verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem +Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme +ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das +nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so +<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen +Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt +hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere +Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur +Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne +ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals +zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. +Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn +Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn +einen <q>wunderlichen alten Junggesellen</q>, obgleich er nur +wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten +sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause +zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der +Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm +in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war +seine rührende Liebe zu den Kindern. <q>Sie sind meine +beste Erholung,</q> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen +spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken, +Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester +Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, +dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung +ihres Kinderherzens. – +</p> + +<p> +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause +zu gehen und Fred selbst zu holen. +</p> + +<p> +<q>Ich kann ja das Mädchen schicken,</q> meinte Ilse, +aber Nellie ließ das nicht zu. +</p> + +<p> +<q>Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun +hat heute abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,</q> +<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>antwortete sie ausweichend. Doch in Wirklichkeit arbeitete +Althoff selten abends und war immer gern bereit, nach +Gontraus zu kommen. +</p> + +<p> +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der +Professor zum Gehen an. +</p> + +<p> +<q>Sie bleiben auf jeden Fall,</q> sagte Ilse, ihn zurückhaltend, +und wies jeden Einwand, den er machen +wollte, zurück. +</p> + +<p> +<q>Wissen Sie was,</q> rief sie plötzlich, <q>ich habe heute +morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns eine kleine +Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz +– können Sie da widerstehen?</q> +</p> + +<p> +Er lachte. +</p> + +<p> +Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur +Genüge. Die Geister, die ihnen entstiegen, waren nicht +trübselig, es waren die des Frohsinns und der Heiterkeit, +und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen +nannten ihn unzugänglich, ja unliebenswürdig, und ließen +ihn bald als <q>komischen Kauz</q> ganz links liegen. Deshalb +mied er auch die Menschen, und es kostete stets +Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft +versammelt war. +</p> + +<p> +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel +gebraucht, denn ohne langes Zaudern willigte der Professor +nun ein, zu bleiben. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als +dazubleiben,</q> sagte er vergnügt, <q>aber die Bowle will ich +<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht sie regelmäßig +zu süß.</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich, natürlich,</q> sagte Ilse, <q>doch dann müssen +Sie mit in die Küche kommen, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise +seine Vorbereitungen. Die Kinder hatten nur auf den +Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen erschien, +und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth +hatte ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, +Marianne kletterte auf einen Stuhl und beugte das +Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher schon der +aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz +fehlte natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem +Probieren von Onkel Heinz, war die Bowle fertig und +mit Kennermiene führte er <sic>nocheinmal</sic> ein Glas an den +Mund – sie war gut geraten. +</p> + +<p> +<q>Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?</q> +fragte er. +</p> + +<p> +<q>Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!</q> riefen sie durcheinander, +und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten +Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit +sie es ihm nicht entreißen konnten. +</p> + +<p> +<q>Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, +sonst kriegt ihr gar nichts!</q> Damit drängte er die verlangenden +Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam +jedes zu kosten. +</p> + +<p> +Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel +Heinz füllte noch einige Male nach. +</p> + +<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/> + +<p> +<q>Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,</q> sagte er +schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des +Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. +</p> + +<p> +<q>Aber, bester Professor, wie können Sie nur den +Kindern so viel Bowle zu trinken geben,</q> rief Ilse, als +sie jetzt hinzukam und den kräftigen Schluck, den Fritz +soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. +</p> + +<p> +<q>Das schadet ihnen doch nichts,</q> entgegnete Onkel +Heinz. +</p> + +<p> +<q>Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, +der ist ihnen schädlich!</q> +</p> + +<p> +<q>Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei +schädlich sein, wer sagt das?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun unser Arzt behauptet es,</q> gab Ilse zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na ja, die Ärzte!</q> fiel Onkel Heinz mit höhnischem +Lachen ein; <q>wenn die so etwas behaupten, können +Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur +<anchor id="corr012"/><corr sic="Unsinn.">Unsinn.</corr></q> +</p> + +<p> +Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber +sie schwieg dazu, ihre Laune war an diesem schönen Abend +eine zu gute, und die wollte sie sich nicht verderben lassen; +denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen Punkt +in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Mißstimmung zurück. +</p> + +<p> +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause +und die Kinder zu Bett. Dem Quälen und Betteln von +Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben könnte, +setzte sie ein unerschütterliches <q>Nein</q> entgegen. +</p> + +<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/> + +<p> +Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle +vergnügt zusammen, und Onkel Heinz heimste von allen +Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein. +Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen +war es noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. +Jeder empfand in seiner Weise den Zauber desselben, +einer oder der andre saß manchmal stumm und blickte +durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume +davor flötete jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied +und der Mond hob sich hellglänzend vom Himmel ab. +</p> + +<p> +<q>Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?</q> fragte +Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude +über das gemütliche Zusammensein blickte ihm so recht +lebhaft aus den Augen. <q>Althoff, Sie trinken ja gar +nicht, trinken Sie doch mal aus,</q> mahnte er den Direktor, +aber Nellie, die mit Argusaugen darüber wachte, daß +Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise zu, daß er +daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke +Kopfschmerzen bekäme. +</p> + +<p> +Ilse hatte die leise Warnung gehört. +</p> + +<p> +<q>Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne +tuscheln, das ist gar nicht erlaubt,</q> rief sie mahnend und +schenkte dem Direktor nochmals eigenhändig ein. +</p> + +<p> +<q>O,</q> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick +auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder +eine andre Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe +am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht +<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, +wo er säße, ein kühler Luftzug herein. +</p> + +<p> +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, +Althoff und der Professor waren aber entschieden dagegen, +letzterer mit einer spöttischen Bemerkung, gegen die niemand +etwas sagte. Man kannte ihn ja! +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, kein Licht, Marie,</q> rief Ilse, als das +Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche +Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön +vermischte. +</p> + +<p> +Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, +in die frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg +hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter, +dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu +sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine +Wonne! So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der +Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. Sie +hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der +neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen +Haupte die Entlassung aus der Schule schwebte, und +Onkel Heinz seine Ansicht über Pädagogik, die von der +des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie empfand +eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes +zu unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die +Begeisterung dem Menschen Flügel zu verleihen scheint, +sich über das alltägliche zu erheben. In solcher Stimmung +war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, +daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit +<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>zwischen dem Direktor und dem Professor verfolgte, entspann +sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan. +</p> + +<p> +<q>Kinder,</q> rief sie plötzlich laut und erregt, <q>ich +habe eine Idee!</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang +und breit auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für +die Kinder ein andrer werden müsse, als Ilse mit ihrem +Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr zuwandte. +</p> + +<p> +<q><sic>Darling</sic>, was hast du für eine Idee?</q> fragte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Famos, famos!</q> jubelte Ilse. <q>Aber ihr müßt +mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, wollt ihr das?</q> +</p> + +<p> +<q>Da könnten wir ja schön reinfallen,</q> sagte Onkel +Heinz, und Leo lachte: <q>Ja, Schatz, für so unvorsichtig +wirst du uns doch nicht halten.</q> +</p> + +<p> +<q>Also hört,</q> fuhr Ilse fort, <q>in vier Tagen haben +wir Vollmond –</q> +</p> + +<p> +<q>In fünf Tagen,</q> verbesserte der Professor ruhig. +</p> + +<p> +<q>Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender +nachgesehen; <anchor id="corr015"/><corr sic="üherhaupt">überhaupt</corr>, Onkel Heinz, unterbrechen Sie +mich nicht. Also in vier Tagen haben wir Vollmond, +was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur +– im Mondenscheine, wie poetisch, wie romantisch!</q> +</p> + +<p> +Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber +doch erregte dieser plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. +Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei zu weit, zu +beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu +sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, +<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön +es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer Begeisterung +ansteckend wirkte. +</p> + +<p> +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die +Idee seiner kleinen Frau außerordentlich verständig und +ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten. +Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch +aus seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden +abzuwarten, wurde der Plan entworfen. Nellie hegte +doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der nächtliche Weg +gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine +Ausspannung würde ihm ja auch sehr gut sein. +</p> + +<p> +So war man denn bald im besten Zuge und ging +schon auf die Einzelheiten der Partie über, die am nächsten +Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel +Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen +würde, er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. +Da brach aber ein wahrer Sturm über sein Haupt los! +</p> + +<p> +<q>Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst +auf jeden Fall mit,</q> sagte Leo kategorisch, denn er wußte +genau, daß er es schließlich doch tat. +</p> + +<p> +<q>Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,</q> +erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <q>was soll +das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu tun +und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt +davon, ob ich mitgehe oder nicht!</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich haben wir etwas davon,</q> sagte Ilse lustig +<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>herausfordernd, <q>ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern +könnte.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, da haben Sie recht,</q> gab er zur Antwort und +der Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige +Färbung. +</p> + +<p> +<q>Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,</q> lachte +Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn +sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte. +<q>Und nicht wahr, Sie gehen mit?</q> Dem liebenswürdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte +er nicht widerstehen. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann kann ich wohl nicht anders,</q> sagte er +befriedigt. +</p> + +<p> +Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, +denn über die bevorstehende Partie gab es noch eine +Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß kam +Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. +</p> + +<p> +<q>Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,</q> sagte Onkel +Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin. +</p> + +<p> +<q>Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?</q> lachte +Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, +was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem +phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch! +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> + +<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/> + +<p> +In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber +lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am +Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen; +einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und +eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch +immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen +an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei +denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie +sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der +Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war +kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft +und wies ihn mit den Worten zurück: <q>Wir sind so +lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch +entbehren können.</q> Wenn es nach ihr ging, hörte alles +Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, +wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck, +als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre. +</p> + +<p> +In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und +Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch +mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel +umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend +etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete, +etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der +Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie +eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und +<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art +Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen +nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel +mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu +tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können. +Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das +Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte +Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. +Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf +grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es +nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die +über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin +das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel +des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten +und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin +tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten +Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem +unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum +Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was +ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit +vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen +Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen. +Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, +oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie +sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im +<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle +beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. +Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die +warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr +hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, +und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren +stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür +aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte +sich unwirsch herum. +</p> + +<p> +<q>Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,</q> sagte +sie ärgerlich; <q>wie oft habe ich dir das schon gesagt, +Fritz!</q> +</p> + +<p> +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle +Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze +still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre +Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. +</p> + +<p> +<q>Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, Mutter, alles.</q> +</p> + +<p> +<q>Wie viele Fehler hast du im Extemporale?</q> +</p> + +<p> +Kleinlaut flüsterte er: <q>Sieben.</q> +</p> + +<p> +Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den +Schoß fallen und sah ihn an. +</p> + +<p> +<q>Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in +die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten +denkt.</q> +</p> + +<p> +<q>Es war so schön bei Tante Ilse,</q> warf Fritz ein. +</p> + +<p> +<q>Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhn<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>lich,</q> unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. +<q>Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,</q> +fuhr sie fort; <q>es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!</q> +</p> + +<p> +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich +nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so +schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen +zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen. +</p> + +<p> +<q>Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich +an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.</q> +</p> + +<p> +Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein +kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre +Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht +war sie auch deshalb deren Liebling. +</p> + +<p> +<q>Guten Tag, Mama,</q> sagte sie und umarmte diese +so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen +eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt +seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war +die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als +mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden +Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem +der kurzen Zöpfchen gelockert hatte. +</p> + +<p> +<q>Bist du auch schon da, Elisabeth?</q> fragte sie zärtlich; +<q>zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde +gestrickt?</q> +</p> + +<p> +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und +zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet +hatte. +</p> + +<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/> + +<p> +<q>Du bist ja ganz fleißig gewesen,</q> sagte Frau Rosi, +und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <q>Jetzt geh und +rufe den Vater zum Kaffee.</q> +</p> + +<p> +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite +und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von +der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich +die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. +</p> + +<p> +<q>Ach, du bist es, Tante Emilie,</q> sagte Rosi und +schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich +den dunklen Schatten bemerkte. +</p> + +<p> +<q>Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom +Frauenverein vorbei?</q> fragte sie freundlich. +</p> + +<p> +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend +zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der +Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu +klappern. +</p> + +<p> +<q>Du bist aber auch immer fleißig, Tante,</q> sagte +Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten +glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. +Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in +deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen +Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor +war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine +angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf +sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich +wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht +<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte. +Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, +zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn +dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, +daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde +auf ihn. +</p> + +<p> +<q>Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?</q> bemerkte +Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <q>Adolf, +du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein. +Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.</q> +</p> + +<p> +Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem +Manne die Tasse. +</p> + +<p> +<q>Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern +einen Spaziergang machen?</q> fragte der Pastor; <q>es ist +so herrlich draußen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, das geht nicht,</q> erwiderte sie. <q>Fritz +muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale. +Sieben Fehler,</q> wiederholte sie noch einmal eindringlich +ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter +dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle. +</p> + +<p> +<q>Ja, Fritz,</q> begann der Pastor, indem er sich räusperte, +– er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten +Rede den Anlauf nahm, – <q>wie kommt denn das?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein +Vergnügen,</q> antwortete der Junge offen. +</p> + +<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/> + +<p> +<q>Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,</q> fuhr Rosi +auf, <q>aus Fritz wird nie etwas werden.</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, nun,</q> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie +dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, +<q>das wollen wir nicht hoffen.</q> Und er strich ihm beruhigend +über das blonde Haar. +</p> + +<p> +Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann +gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden +mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm +nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das +war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden +brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie +manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr +Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen +Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit +für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen +wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm +herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als +ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. +Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit +durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von +einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in +die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das +Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett +und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte +schnell hinaus. +</p> + +<p> +<q>Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,</q> begann Rosi +das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths +Gegen<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte; +sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder, +die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. +</p> + +<p> +<q>Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,</q> beschwichtigte +der Superintendent; <q>wenn du so viel tadelst, untergräbst +du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in +der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.</q> +</p> + +<p> +<q>Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; +tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?</q> +fragte Rosi diese erregt. +</p> + +<p> +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig +und das <q>Nein</q>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, +als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch +fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den +grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas +länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, +daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die +Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt +in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen +begann, inne und hörte andächtig zu. +</p> + +<p> +<q>Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann +hinaus und spiele mit deinem Bruder,</q> sagte der Vater der +ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. +</p> + +<p> +<q>Ich muß arbeiten,</q> erwiderte sie trotzig und ging +hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ. +</p> + +<p> +<q>Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,</q> rief ihr +die Mutter in sanftem Tone nach. +</p> + +<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/> + +<p> +<q>Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie +verdient es viel weniger als Fritz,</q> sagte Rosi vorwurfsvoll. +</p> + +<p> +<q>Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche +Dinge besprechen, das gehört sich nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; +sie kann dreist so etwas mit anhören.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich will es aber nicht,</q> sagte der Pastor heftig und +stand erregt auf. +</p> + +<p> +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen +Brille mit gespanntem Blicke. +</p> + +<p> +<q>Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist +ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth +hast du immer etwas auszusetzen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und +gegen das Mädchen schwach.</q> +</p> + +<p> +<q>Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,</q> erwiderte +Rosi spitz. +</p> + +<p> +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu +ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie +auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge +waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, +suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor +an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau +wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak +ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich +wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel. +</p> + +<p> +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes +da<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ, +und rief ärgerlich: +</p> + +<p> +<q>So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich +es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.</q> +</p> + +<p> +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine +sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von +einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch +zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn +in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet +worden wären. +</p> + +<p> +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante +Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen +und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war, +denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren +ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck +und frei. +</p> + +<p> +Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, +als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging +ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie +eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie +sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die +Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit. +</p> + +<p> +<q>Bitte, nehmt Platz,</q> nötigte sie, indem sie auf die +Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder +stumpf und farblos war. +</p> + +<p> +<q>Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen +bei dem herrlichen Wetter,</q> sagte Ilse; <q>es ist zu schön, +man möchte den ganzen Tag draußen sein.</q> +</p> + +<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/> + +<p> +<q>Dazu habe ich nun leider keine Zeit.</q> Rosi setzte +solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, +auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun +habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. +</p> + +<p> +<q>Ja, meine Frau hat viel zu tun,</q> sagte nun auch +der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete +es ihm ja fortwährend ein. +</p> + +<p> +<q>O, wir sind auch keine Faulpelze,</q> erwiderte Nellie, +<q>jede Hausfrau hat zu tun.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; +immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,</q> +rief Ilse übermütig. <q>Manchmal meine ich, daß ich überhaupt +zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte +so wenig Spaß macht. Was essen wir heute, +was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo +muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust +dazu habe.</q> +</p> + +<p> +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie +sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber +nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur +gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie +und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es +wiederum für ihre <q>Pflicht</q>, eine Jugendfreundschaft nicht +einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was +ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit +ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten +Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. +Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im +<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte +noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt +darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte +Lust zum Mitgehen zu haben. +</p> + +<p> +<q>Lieber Adolf,</q> unterbrach sie das Gespräch, <q>wir +wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.</q> +</p> + +<p> +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken +las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit +einem leichten Seufzer. +</p> + +<p> +<q>Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut +könnte,</q> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi +innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren +Grübchen. +</p> + +<p> +<q>Ich gehe keinesfalls mit,</q> entschied die Pastorin. +<q>Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber Rosi!</q> rief Adolf ganz erschrocken über eine +solche Zumutung. +</p> + +<p> +<q>Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, +wie poetisch!</q> rief Ilse begeistert. +</p> + +<p> +Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem +Kopfe; sie begriff sie eben nicht. +</p> + +<p> +<q>Ach, ihr kommt doch noch mit,</q> sagte lächelnd +Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört. +</p> + +<p> +<q>Nein!</q> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer +Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich. +</p> + +<p> +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der +Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn +<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts +Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe +hinter sich ins Schloß. +</p> + +<p> +<q>Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und +immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur +schaden kann.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wie so denn, Rosi?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich +meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, +was euch Männern natürlich das liebste ist und am +besten gefällt.</q> +</p> + +<p> +<q>Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf +macht, sehe ich nichts Freies.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie +wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei +Nacht und Nebel wollen sie hinauf.</q> +</p> + +<p> +<q>Im Mondenschein,</q> verbesserte er ruhig. +</p> + +<p> +<q>Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete +Menschen!</q> fuhr Rosi fort. +</p> + +<p> +<q>Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft +nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den +Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.</q> +</p> + +<p> +<q>Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der +Leute wegen nicht.</q> +</p> + +<p> +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; +er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn +Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein +Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden. +</p> + +<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/> + +<p> +<q>Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets +daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben +auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich +darauf aufmerksam zu machen.</q> +</p> + +<p> +Wenn Rosi ihr <q>Pflichtgefühl</q> als letzten Trumpf +ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade +strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau, +und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei +diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen +Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und +schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau +das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen +mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, +er blieb stumm. +</p> + +<p> +<q>Daß du gleich so empfindlich bist,</q> versuchte sie +doch noch einmal anzufangen. +</p> + +<p> +Keine Antwort! +</p> + +<p> +<q>Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir +soviel daran liegt. Ich,</q> das Wort betonte sie besonders, +<q>gebe mich zu solchen Dingen nicht her.</q> +</p> + +<p> +Wiederum Schweigen! +</p> + +<p> +Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war +heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte +sie an den Fransen der Tischdecke. +</p> + +<p> +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. +</p> + +<p> +<q>Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, +daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst +mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat +<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und +von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer +dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was +sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig +nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.</q> +</p> + +<p> +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine +Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen. +</p> + +<p> +<q>Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen +will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die +Kinder kann man sich aussprechen.</q> +</p> + +<p> +Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft +ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte +sich seine Pfeife an. +</p> + +<p> +Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz +aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall. +Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den +Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines +Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und <hi rend='antiqua'>last +not least</hi>, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen. +Darüber hatte die Tante schon manches gehört, +was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele +von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein +Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie. +</p> +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p032.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<pb n='33'/><anchor id='Pgp0034'/> +<p> +Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel +mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen +versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah +sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn +wenn er sage, <q>es bliebe gut,</q> so <q>bliebe es auch gut</q>. +Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie +und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, +zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von +ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei +ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen +und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen +hatte, insbesondere los. <q>Überhaupt welcher Unsinn, so +spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel +werden,</q> behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß +auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe +wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen +protestierte und behauptete, trotz der verpönten +spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch +es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er +sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen +mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen +wurden. +</p> + +<p> +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend +Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die +andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition +auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet +sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten +<pb n='34'/><anchor id='Pgp0035'/>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten +Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren +Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht +vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte +auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er +seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen +seines Unmutes. +</p> + +<p> +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus +mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen +und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau +hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen +ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und +ab spazierten. +</p> + +<p> +<q>Was machst du denn da?</q> fragte Ilse, als sie +jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack +geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, +die sie in den ihrigen steckte. +</p> + +<p> +<q>Fred hat zu schwer zu tragen,</q> sagte sie etwas +verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. +Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog +sie beide in der Hand. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, +während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?</q> +</p> + +<p> +<q>Laß nur, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, laß nur! Fred darf sich nicht +anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,</q> erwiderte +Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred +stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen. +</p> + +<pb n='35'/><anchor id='Pgp0036'/> + +<p> +<q>Aber dein Mann ist doch ganz gesund,</q> sagte +Ilse; <q>ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast +alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.</q> +</p> + +<p> +Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand +sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu +leicht, <hi rend='gesperrt'>sie</hi> wußte es aber besser. +</p> + +<p> +<q>Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,</q> fuhr +Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen +Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand +wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, +sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der +übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen. +</p> + +<p> +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem +Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen +werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. +Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten +Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, +auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der +Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick +zuwarf und vergnügt mitlachte. +</p> + +<p> +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten +Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit +die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen +große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf +dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar +hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen. +</p> + +<pb n='36'/><anchor id='Pgp0037'/> + +<p> +<q>Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!</q> wehrte +Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber +ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu +behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, +jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn +los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder +hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen +blieb, um auf die übrigen zu warten. +</p> + +<p> +Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast +endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten +sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem +Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, +auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten +ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken +Scheiben prangten bereits große Plakate: <q>Logis zu vermieten</q>. +Nur noch wenige Wochen, und alles war für +die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. +Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer +der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, +die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, +lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander +summend. Jetzt standen vor der Türe des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in +blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. +Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen +Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die +Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen +<pb n='37'/><anchor id='Pgp0038'/>einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus +dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine +Verkündigung des nahenden Frühlings. +</p> + +<p> +<q>O, wie schön! Sieh nur, Fred,</q> sagte Nellie so +recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm. +</p> + +<p> +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den +abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. +Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte +Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe. +</p> + +<p> +Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu +hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten +damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich +auch den von Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? +Die sind ja im Augenblick verwelkt,</q> sagte er trocken, als +Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an +den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. +</p> + +<p> +<q>Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung +von Blau und Gelb!</q> rief Ilse. +</p> + +<p> +<q>Kann ich nicht finden, viel zu grell,</q> sagte er +wieder ablehnend. +</p> + +<p> +Ilse wandte sich ab. +</p> + +<p> +<q>Na, denn nicht,</q> meinte sie. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein +Wilder,</q> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <q>man kann +ja gar nicht mitkommen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber +<pb n='38'/><anchor id='Pgp0039'/>ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,</q> sagte Gontrau +liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner +Schritte. +</p> + +<p> +<q>Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon +mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?</q> fragte +Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln. +</p> + +<p> +<q>Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich +auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler +bestiegen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!</q> +rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von +den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen +zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte +Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, +aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, +daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel +Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im +Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein +Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte +Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen +und Stimmungen ließ er durchschimmern, +die man ihm nicht zugetraut hätte. +</p> + +<p> +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. +Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen +Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom +feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an +das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und +<pb n='39'/><anchor id='Pgp0040'/>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein +leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige +Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen +und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau +verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes +als Alleinherrscherin am Himmel stand. +</p> + +<p> +Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter +Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die +scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen +wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen +Sänger des Waldes auf den Zweigen. +</p> + +<p> +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal +sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu +einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran. +</p> + +<p> +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es +schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte +noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas +bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie +glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich +ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den +dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre +Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden +Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die +schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und +Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde +immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas +bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an +<pb n='40'/><anchor id='Pgp0041'/>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, +woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer +Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum +zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte +Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, +und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich +fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas +hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg +setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen +blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete +auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb +doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst +den Ton angab, schwieg, waren auch die andern +meistens still. +</p> + +<p> +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft +kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte +ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte +jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd +durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge +es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied. +</p> + +<p> +<q>Es wird feucht,</q> sagte Althoff und zog seinen +Rockkragen in die Höhe. +</p> + +<p> +<q>O, du frierst doch nicht?</q> fragte Nellie ängstlich +und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. +Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten +Weise. +</p> + +<p> +<q>Es geht dir doch gut, Fred?</q> fragte sie wieder +nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller. +</p> + +<pb n='41'/><anchor id='Pgp0042'/> + +<p> +<q>Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, +wie gewöhnlich.</q> +</p> + +<p> +<q>Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe +welches mitgenommen!</q> fragte Nellie eifrig. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches +Zeugs,</q> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <q>Sie vergiften +sich ja nur damit.</q> +</p> + +<p> +<q>O, es hilft Fred aber so gut,</q> meinte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,</q> erwiderte +Onkel Heinz mit Achselzucken, <q>aber hier, trinken Sie +wenigstens einen Kognak als Gegengift.</q> +</p> + +<p> +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin +hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen +Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im +Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt +seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die <q>dummen +Kerle</q>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln +und Mittelchen lächerlich. +</p> + +<p> +Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, +drehte sich jetzt um und rief den andern zu: <q>Menschliche +Wohnung in Sicht!</q> indem er dabei auf einige helle +Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse +eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, +an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es +am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch +darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel +wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters +<pb n='42'/><anchor id='Pgp0043'/>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, +und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, +der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte +etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. +Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, +man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie +saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine +Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen +zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner +blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen +Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte +das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und +den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an +den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der +rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und +umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich +gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen +hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische +Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten +es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke +aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster +erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten +Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als +er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den +Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer +vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich +die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor +ihm standen. +</p> + +<pb n='43'/><anchor id='Pgp0044'/> + +<p> +<q>Das nenne ich aber Mut,</q> sagte er zu ihnen. +<q>Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.</q> +</p> + +<p> +<q>Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,</q> erwiderte +Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den +Stuhl. +</p> + +<p> +<q>Kann man hier einen guten Kognak haben?</q> fragte +Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am +Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten. +</p> + +<p> +<q>Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften +wünschen etwas zu genießen,</q> rief er hinaus. +</p> + +<p> +Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr +her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. +Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich +von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige +Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit +den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen +Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den +treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und +wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der +Schnauze an. +</p> + +<p> +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo +drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, +der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, +eingehend den Weg besprochen. +</p> + +<p> +Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem +Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über +ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silber<pb n='44'/><anchor id='Pgp0045'/>glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne +funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als +heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, +und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und +mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von +ihnen. +</p> + +<p> +Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, +deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, +wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas +Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den +Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, +sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo +nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich +zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! +Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen +lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken. +</p> + +<p> +<q>Da, da!</q> rief sie und zeigte entsetzt nach oben. +</p> + +<p> +<q>Seht ihr nicht die weiße Gestalt?</q> +</p> + +<p> +Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie +schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger +Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich +geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie +ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft +weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich +tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel +Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt +hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte. +</p> + +<pb n='45'/><anchor id='Pgp0046'/> + +<p> +<q>Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen +Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!</q> rief er laut. +</p> + +<p> +Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu +gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche +weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer +Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. +</p> + +<p> +<q>Von weitem konnte man den Stein ganz gut für +eine Gestalt halten,</q> meinte Leo, welcher bemerkt hatte, +daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen +wollte. +</p> + +<p> +<q>Na, Gontrau,</q> rief Onkel Heinz, <q>nun fängst du +wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?</q> +</p> + +<p> +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille +Nacht. +</p> + +<p> +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung +fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor +Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber +Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo +Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, +um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm +und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0045.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten +den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; +nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der +frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen +Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, +zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte. +<pb n='46'/><anchor id='Pgp0048'/>Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz +umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag +breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen +Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes +Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es +Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick +blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren +warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht +schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend +abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit +der Nacht schneller zum Ziele. +</p> + +<p> +Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. +Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, +sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher. +</p> + +<p> +<q>O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!</q> sagte +Nellie. +</p> + +<p> +<q>Sie würde uns für verrückt halten,</q> meinte Fred. +</p> + +<p> +<q>Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal +für verrückt,</q> erwiderte Onkel Heinz. <q>Wenn es +nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner +Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur +nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen +eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, +ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist +nun einmal nicht anders.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen +gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren +<pb n='47'/><anchor id='Pgp0049'/>beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte +man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch +oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte +Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr +geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor +Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein +Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte +aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in +poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. +Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas +gefiel. +</p> + +<p> +Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken +den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter +und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht +bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus +immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor +standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl +und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den +Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen +lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war +verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen +gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur +hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen +und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange +warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich +wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl +<pb n='48'/><anchor id='Pgp0050'/>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im +Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit +folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau +Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei +den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges +durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig +und verstand es, die andern mit sich fortzureißen. +</p> + +<p> +Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, +dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen +waren ganz fort, wie sie meinte, durch das +Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen +guten Kognak. +</p> + +<p> +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, +er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst +der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er +schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin +dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem +Beifall aufgenommen wurde. +</p> + +<p> +<q>Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch +sein können, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse, als sie sich für +diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel +zuckte es spöttisch. +</p> + +<p> +<q>Wieso?</q> fragte der Professor erstaunt. +</p> + +<p> +<q>Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, +wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, +als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über +alles spotten und höhnen.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja +<pb n='49'/><anchor id='Pgp0051'/>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine +Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. +Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um +seine lustige Stimmung war es nun geschehen. +</p> + +<p> +Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen +Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte +Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, +bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte +und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm. +</p> + +<p> +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch +die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben +– es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf +und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann +auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. +Die harten Worte von Ilse heute abend hallten +noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er +konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte +jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond +vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für +solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch +nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen +war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald +blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand. +</p> + +<p> +Lange noch blieb der Professor draußen. +</p> + +<p> +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon +beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden. +<pb n='50'/><anchor id='Pgp0052'/>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß +er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die +Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen +Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, +hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn +gestört. +</p> + +<p> +<q>O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,</q> sagte +Nellie; <q>sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.</q> Und +sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen. +</p> + +<p> +<q>Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe +ich doch schlecht geschlafen,</q> erwiderte er mißmutig. +</p> + +<p> +<q>Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße +zuerst aufgestanden?</q> fragte Leo, indem er ihm auf die +Schulter klopfte. +</p> + +<p> +<q>Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur +zu wiederholen.</q> +</p> + +<p> +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, +trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht +und der andern Störungen willen lebhaft bedauert +wurde. +</p> + +<p> +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und +obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, +wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes +Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders +wenn Gontrau etwas behauptete. +</p> + +<p> +Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an +seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die +<pb n='51'/><anchor id='Pgp0053'/>schönsten Beinamen gegeben, wie <q>alter Junggeselle</q>, +<q>Brummbär</q> und dergleichen mehr, aber sie schlug doch +einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, +ihn dadurch umzustimmen. +</p> + +<p> +Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später +den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, +der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit +den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des +Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer +her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem +Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende +Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen +feuerrot an. +</p> + +<p> +<q>Schneeluft,</q> sagte Althoff. +</p> + +<p> +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken +hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur +einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein +lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und +leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke +auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten +sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst +mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl +nahm ihn wieder mit fort. +</p> + +<p> +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee +fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. +Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die +<pb n='52'/><anchor id='Pgp0054'/>Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie +fand diesen <q>Winter im Frühling</q> herrlich und konnte +ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, +weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich +bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich +hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. +Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, +Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut +bekommt. +</p> + +<p> +<q>Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch +finde ich es hier,</q> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft +küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den +Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?</q> +rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll +Schnee ins Gesicht. +</p> + +<p> +<q>Kann ich nicht finden,</q> versetzte er unwirsch, nahm +seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen +waren, wieder trocken. +</p> + +<p> +<q>Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, +er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den +Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,</q> sagte er +dann zu Leo. +</p> + +<p> +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz +blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die +<pb n='53'/><anchor id='Pgp0055'/>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe +beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, +daß er unrecht hatte. +</p> + +<p> +<q>Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,</q> +sagte er. +</p> + +<p> +<q>Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,</q> entgegnete +Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: +<q>Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen +müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.</q> +</p> + +<p> +<q>Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb +gar nicht maßgebend,</q> entgegnete der Professor in unerschütterlicher +Streitsucht. +</p> + +<p> +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war +voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am +Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. +Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der +jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, +wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, +ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, +und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie +hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten +lassen. <q>Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel +Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,</q> schloß sie ihre +Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn +sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr +ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, +als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern +<pb n='54'/><anchor id='Pgp0056'/>zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die +Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. +</p> + +<p> +<q>Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet +sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer +Gardinenpredigten,</q> versuchte Althoff zu scherzen, aber +Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und +in sich versunken ging er weiter. +</p> + +<p> +Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken +zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, +und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne +hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten +Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der +samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden +Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne +Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen +Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien +unter Tränen zu lächeln. +</p> + +<p> +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, +der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon +von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her +bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die +Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den +Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand +hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern +Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am +Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, +und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein +des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser +<pb n='55'/><anchor id='Pgp0057'/>zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem +es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch +weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von +ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten +Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, +ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten +und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und +doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer +von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts +geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu +beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war +ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, +laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt +die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus. +</p> + +<p> +Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie +und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen +der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust +und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender +Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn +auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte +an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen +in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles +verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in +dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in +hellster Aufregung gewesen war. +</p> + +<pb n='56'/><anchor id='Pgp0058'/> + +<p> +Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich +zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des +Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, +doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib +mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, +ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und +wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, daß es <q>angesteckt</q> sein müsse. So meinte +auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. +Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen +Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen +und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, +dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen +Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. +Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, +wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der +Wirt seine Rede. +</p> + +<p> +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal +aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte +mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben +den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte +zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem +Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da +konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn +auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene +nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen +werden! Ja, aber wie? Das war die Frage, +<pb n='57'/><anchor id='Pgp0059'/>die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege +die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts +auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und +wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor +nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder +stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht +viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert +veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man +sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; +er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig +aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu +sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte +seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge +wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem +einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht +schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den +Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das +Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die +Idee mit Begeisterung ergriff. +</p> + +<p> +<q>Ein famoser Gedanke!</q> rief sie ein über das andre +Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen +Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel +Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer +und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas +ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen +zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, +meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr +er<pb n='58'/><anchor id='Pgp0060'/>warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war +die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde, +<q>welches Stück?</q> Das war gar nicht so einfach, denn +was für Schauspieler gut und passend war, brauchte +für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da +gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn +der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der +andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es +fort, ohne daß sie zum Schluß kamen. +</p> + +<p> +<q>Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das +Dilettanten spielen könnten?</q> fragte Althoff endlich den +schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu +zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus. +</p> + +<p> +Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel +hatte der Professor nie viel übrig gehabt. +</p> + +<p> +<q>Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe +mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten +zu treiben,</q> war die scharf betonte Antwort. +</p> + +<p> +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz +hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche +Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, +und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. – +</p> + +<p> +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die +beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof +nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes +hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das +<pb n='59'/><anchor id='Pgp0061'/>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen +zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt +hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über +der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung +kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf +den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den +erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer. +</p> + +<p> +Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße +an der Straße, die nach seinem Hause führte. +Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> + +<p> +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen +zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte +am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das +Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. +Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek +in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte +Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags +kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, +bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. +Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das +war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, +darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male +war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie +aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die +nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater. +<pb n='60'/><anchor id='Pgp0062'/>Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, +aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte +sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, +sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang +mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, +bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich +wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen +und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das +glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und +sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem +bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich +vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. +Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem +zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! +Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos +an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen +wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. +Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die +ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen +nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer +Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder +krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem +behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk +hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse +bildeten meist den Schluß. +</p> + +<pb n='61'/><anchor id='Pgp0063'/> + +<p> +Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei +Einakter entschieden: <q>die Jugendliebe</q> von Wilbrandt, +<q>das erste Mittagessen</q> von Görlitz und <q>die Hochzeitsreise</q> +von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, +doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu +sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten +da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der +einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat. +</p> + +<p> +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen +besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die +Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, +und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen +so guten Zweck herzugeben. +</p> + +<p> +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – +zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut +los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen. +</p> + +<p> +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um +etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male +sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten +der Menschen ergangen. +</p> + +<p> +<q>Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!</q> Das +war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein +gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren +Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses +Blut in Wallung. +</p> + +<p> +<q>Nein, meine Liebe,</q> sagte z. B. Frau So und So, +<q>das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, +sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.</q> +</p> + +<pb n='62'/><anchor id='Pgp0064'/> + +<p> +<q>Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier +und belegte Brötchen herum,</q> gab Ilse zur Antwort. +<q>Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik +ausgesetzt?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, +das ist etwas ganz andres.</q> +</p> + +<p> +Inwiefern das <q>etwas andres</q> war, konnte Ilse +nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung +der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden +gaben jeden weiteren Versuch auf. +</p> + +<p> +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, +das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen +Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten +ja nachher sagen: <q>Gnädige Frau, was haben Sie aber +schön gespielt!</q> +</p> + +<p> +<q>O,</q> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten +Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders +guten Trumpf ausspielte, <q>Sie brauchten sich doch +darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir +überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?</q> +erwiderte die junge Frau pikiert. <q>Ich will mich nur +ihrer Kritik nicht aussetzen.</q> +</p> + +<p> +<q>Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, +und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,</q> +sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen. +</p> + +<pb n='63'/><anchor id='Pgp0065'/> + +<p> +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, +darüber dächte sie nun einmal anders. +</p> + +<p> +Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden. +</p> + +<p> +<q>O, was ist sie verrückt,</q> sagte Nellie laut lachend, +als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz +kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie +kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und +würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte +ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, +und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. +Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie +an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn +werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch +lange nicht auf. +</p> + +<p> +<q>O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. +Nur Mut, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,</q> tröstete sie. +</p> + +<p> +Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich +mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung +aufgenommen. Man tat gern etwas für die +armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel +berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung +gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche +Erregung legte, war allerdings schon in den +Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, <q>ein älteres +junges Mädchen</q> zu werden, aber im Vergleich zu ihren +beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter +blieb sie doch immer die jüngste und wurde <q>das Kind</q> +genannt. <q>Das Kind</q> hatte eine schöngeistig angelegte +<pb n='64'/><anchor id='Pgp0066'/>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges +Interesse für das Theater, selbst – <q>mit vielem Talent</q>, +wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, +und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen. +</p> + +<p> +<q>Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, +Fräulein Born,</q> sagte Ilse mit einem herzlichen +Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht +zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. +</p> + +<p> +<q>Das alte Fräulein kann die taube Tante in der +Jugendliebe geben,</q> sagte Ilse draußen zu Nellie, während +das <q>alte Fräulein</q> drinnen bereits mit der jungen +Frau in der <q>Hochzeitsreise</q> liebäugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe +könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das +richtige Temperament dazu. +</p> + +<p> +Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem +Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß +dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln +würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <q>tauben +Tante</q> nahte. +</p> + +<p> +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen +Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch +nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, +und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit +großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine +Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß +gern eine Rolle übernehmen würde. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0064.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da +<pb n='65'/><anchor id='Pgp0068'/>die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren +sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, +als bei den Damen. Ein <q>Ja</q> oder <q>Nein</q>, +und die Sache war abgemacht. +</p> + +<p> +Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen +waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse +des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, +die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die +Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, +die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal +gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch +mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen +nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt +hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. +Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. +</p> + +<p> +Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich? +</p> + +<p> +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. +Die <q>taube Tante</q> in der <q>Jugendliebe</q> wurde mit Entrüstung +von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden +Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, +die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der <q>Jugendliebe</q> gegeben +wurde. +</p> + +<p> +<q>Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?</q> sagte +Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und +ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften +<pb n='66'/><anchor id='Pgp0069'/><q>Betty</q> in der <q>Jugendliebe</q> passe ihr auch nicht recht +und wäre doch zu kurz. +</p> + +<p> +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem +Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend +gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang. +</p> + +<p> +<q>Ja, meine Damen,</q> hatte er gesagt, <q>wenn Sie +sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, +dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen +vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns +doch nicht blamieren.</q> +</p> + +<p> +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen +etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen +gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <q>ersten Mittagessen</q> +geben, Nellie die in der <q>Hochzeitsreise</q>; die beiden +Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, +aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben +zugegen und ein scharfer Kritiker sein. +</p> + +<p> +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. +Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien +sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der +tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den +nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde. +</p> + +<p> +<q>Was gibt’s denn schon wieder?</q> fragte er ärgerlich +über die Störung. +</p> + +<p> +<q>Da, hier lies,</q> rief Ilse. <q>Fräulein Born will +die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch +Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als +Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später +<pb n='67'/><anchor id='Pgp0070'/>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, +könnte das zu Mißverständnissen führen. +Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird +sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,</q> jammerte +sie. +</p> + +<p> +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr +im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, +bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte +und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, +die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen +zu lernen. +</p> + +<p> +Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der +mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu +verfassen. +</p> + +<p> +<q>Herrlich, herrlich,</q> rief Leo, <q>und wie wäre es, +wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, +damit sie uns dann die taube Tante spielt?</q> +</p> + +<p> +<q>O, das tut sie, das tut sie gewiß!</q> meinte +Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, +wer wird das übernehmen?</q> fragte Leo. +</p> + +<p> +<q>Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge +Frau in demselben Stück,</q> sagte Ilse plötzlich. <q>Die +Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; +daß ich daran nicht gleich gedacht habe!</q> +</p> + +<p> +<q>O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett +sein,</q> sagte Nellie. <q>Kann ich nicht das Mädchen spielen? +<pb n='68'/><anchor id='Pgp0071'/>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch +wohl nicht?</q> +</p> + +<p> +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm +das Dienstmädchen. +</p> + +<p> +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf +den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen. +</p> + +<p> +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau +geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze +zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der +<q>Jugendliebe</q> zwar klein, aber doch sehr hübsch sei. +</p> + +<p> +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! +</p> + +<p> +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein +Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden +älteren Schwestern empfangen, das <q>Kind</q> war in der +Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif +und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und +die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. +Die <q>taube Tante</q> flog wie ein Fangball zwischen beiden +Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, +zu einer solchen Rolle sei denn das <q>Kind</q> doch noch zu +jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während +Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> erschien, und mit aller Entschiedenheit +wies sie die <q>taube Tante</q> von sich, indem sie erklärte, +überhaupt nicht mitspielen zu wollen. +</p> + +<p> +<q>O,</q> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, +<q>mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und +<pb n='69'/><anchor id='Pgp0072'/>hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie +schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.</q> +</p> + +<p> +<q>Einen Prolog?</q> fragte Fräulein Born einlenkend, +und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah +sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, +klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen +Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das +Richtige für sie! +</p> + +<p> +Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es +auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte +sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die <q>taube +Tante</q> mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit +tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung +von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, +und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen. +</p> + +<p> +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die +beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem +Gange hatten sie besonders große Angst gehabt. +</p> + +<p> +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt +durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei +Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich +nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere +Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. +Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte +man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles +gut gehen würde. +</p> + +<p> +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause +<pb n='70'/><anchor id='Pgp0073'/>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden. +</p> + +<p> +<q>Mutter, laß mich mitgehen,</q> bettelte Ruth mit +glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. +Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so +wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde +deshalb bis zur Generalprobe vertröstet. +</p> + +<p> +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu +Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die +so etwas nicht begreifen konnte. – +</p> + +<p> +Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte +fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken +wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres +Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im +hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, +dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, +welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, +das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen +Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen +lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da +sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und +traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke +ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach +dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu +sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch +wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die +Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal +<pb n='71'/><anchor id='Pgp0074'/>selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der +großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen +machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich +schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Bühne zulenkte – das waren nun also die +Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die +Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig +sah es hinter den Kulissen aus, das hatten +sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in +acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, +und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends +beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte +die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich +heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die +Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum +alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über +das <q>hinter den Kulissen</q> blieb doch die Wirkung des gewissen +<q>Etwas</q>, was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse +atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber +war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste +ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen +Augen sah sie in das leere Haus! +</p> + +<p> +Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die +Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er +mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff +<pb n='72'/><anchor id='Pgp0075'/>saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten +die weißen Gesichter in der Dunkelheit. +</p> + +<p> +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das +<q>Kind</q> überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen +ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit +unsicherer Stimme fing sie an. +</p> + +<p> +<q>Lauter, lauter,</q> rief Leo aus den Kulissen hervor; +als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung +von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des +Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen: +</p> + +<p> +<q>Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!</q> +</p> + +<p> +Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern +und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen. +</p> + +<p> +Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den +Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male +vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese +Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an +der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, +ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; +sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, +das <q>Kind</q> fing an, wie ein Kind zu weinen. +</p> + +<p> +Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja +wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert +werden, wenn er auch noch so bitter war. +</p> + +<p> +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein +Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß. +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes +<pb n='73'/><anchor id='Pgp0076'/>Fräulein, warum weinen Sie denn?</q> redete ihr +Ilse zu. +</p> + +<p> +<q>Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert +werde?</q> gab das Kind außer sich zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann +meint es doch gut,</q> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre +Worte waren in den Wind gesprochen. +</p> + +<p> +<q>Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich +es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde +immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, +daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man +alle Lust.</q> +</p> + +<p> +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige +Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen +die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor. +</p> + +<p> +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der +Unterbrechung keine Notiz genommen hatte. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,</q> +sagte sie nervös zu ihm. <q>Die Born sitzt in +der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du +hast sie furchtbar beleidigt.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja +auch gräßlich,</q> gab er eilig zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch +keine andre!</q> +</p> + +<p> +<q>Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,</q> sagte +Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren +Aus<pb n='74'/><anchor id='Pgp0077'/>einandersetzungen, denn die Probe zur <q>Jugendliebe</q> sollte +im Augenblick beginnen. +</p> + +<p> +Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene +Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, +bevor diese sich öffnete und das <q>Kind</q> auf der Schwelle +erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer +erzürnten Göttin. +</p> + +<p> +Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar +wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst +ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. +Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen +nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. +Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte +die Rolle der <q>tauben Tante</q> in einem Tone herunter, +der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder +besser gesagt, sie <q>muckte</q>, wie ein störrisches Droschkenpferd, +und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem +Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln. +</p> + +<p> +<q>Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur +Geltung kommen,</q> rief Althoff ein über das andremal, +und wirklich fing das <q>Kind</q> auf einmal an, die <q>taube +Tante</q> sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts +von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie +denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle +seine Bemühungen vergeblich waren. +</p> + +<p> +Ob nun der Stumpfsinn der <q>tauben Tante</q> die +andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas +<pb n='75'/><anchor id='Pgp0078'/>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und +unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende +Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem +wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher +Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu +den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte +manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige +Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer +wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem +Sitze unruhig hin und her rückte. +</p> + +<p> +<q>O, wie soll das werden!</q> sagte Ilse seufzend zu +Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu +Mute wurde. +</p> + +<p> +Die Liebesszene zwischen <q>Adelheid</q> und <q>Ferdinand +von Bruck</q> fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung +des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper +gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung +steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das +<q>Schreckliche</q>, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. +Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, +für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige +Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, +liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte +wurden weniger gewählt. +</p> + +<p> +<q>So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –</q>, +<pb n='76'/><anchor id='Pgp0079'/>er verbesserte sich schnell und sagte: <q>wir so spielen, +blamieren wir uns.</q> +</p> + +<p> +Die <q>taube Tante</q> zeigte eine schadenfrohe Miene +bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht +die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein +schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden <anchor id="corr076"/><corr sic="Schmids">Schmidts</corr>, Erika Blum, stieg +das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos +Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, +wie vorhin das <q>Kind</q>, weinend und schluchzend. +Nummer zwei an diesem Abend. +</p> + +<p> +Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber +Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, +mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo +wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien +ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu +lächerlich. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die +andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles +sehen und hören, was da vorging. +</p> + +<p> +<q>Ach, weine doch nicht, Erika,</q> redete Mietze Schmidt +ihr zu, <q>wir haben doch alle unser Teil bekommen, das +nächste Mal werden wir es schon besser machen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,</q> +sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. +<q>Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere +Rücksicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, +<pb n='77'/><anchor id='Pgp0080'/>wenn ich dran komme,</q> meinte Erna Schmidt. <q>Das +kann heute noch gut werden.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte Sie, meine Damen,</q> fuhr Ilse erregt +dazwischen; <q>wenn Sie eben keinen Tadel vertragen +können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die +so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen +sein,</q> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den +Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet +gesprochen hatte. <q>Und ich spiele doch wahrhaftig +nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; +Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme +Schulkinder vor sich hat.</q> +</p> + +<p> +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte +den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine +Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, +die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen +alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie +<q>nicht mitspielen</q>, <q>rücksichtslos</q> usw., tauchten wie +Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. +Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen +berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske +Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. +Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels +und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug +dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische +Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, +<pb n='78'/><anchor id='Pgp0081'/>daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe +erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden +einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und +sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch +wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon +gelächelt. +</p> + +<p> +Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden +war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; +auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als +sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben +mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draußen wie das +Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern +anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der +verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen +vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem +donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten +Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, +mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von +einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und +mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe +geöffnet. +</p> + +<p> +<q>Mein Gott, wo bleibt ihr denn?</q> fragte Leo seine +Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr +bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah. +</p> + +<p> +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden +und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell +zu Ende geprobt werden. +</p> + +<pb n='79'/><anchor id='Pgp0082'/> + +<p> +Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel +besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere +Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, +es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen +im <q>ersten Mittagessen</q> so tragisch, daß man +über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen +versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs +lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen +Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune +behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls +noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und +Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als +Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer +in der <q>Hochzeitsreise</q> ließen die unter Null gesunkene +Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung +durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar +einige Male herzhaft gelacht. +</p> + +<p> +Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade +aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die +Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den +Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte +man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der +liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles +bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und +hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt +doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt +<pb n='80'/><anchor id='Pgp0083'/>zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen +konnte. +</p> + +<p> +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, +auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, +manchen Tadel einstecken. +</p> + +<p> +Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich +heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor +Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen +schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding +der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie +von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich +in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten. +</p> + +<p> +Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff +meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal +nicht abgehen. +</p> + +<p> +Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war +abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten +Tage; es kam so vieles zusammen. +</p> + +<p> +<q>O, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, du mußt dir die Sache nicht so zu +Herzen nehmen,</q> beruhigte Nellie; <q>an allem ist die +dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!</q> +</p> + +<p> +Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. +Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst +ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig +bei, während Leo die Sache von der komischen Seite +auffaßte. +</p> + +<p> +<q>Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige +<pb n='81'/><anchor id='Pgp0084'/>Absagebriefchen,</q> sagte Ilse, <q>und was machen wir +dann?</q> +</p> + +<p> +Leo lachte sie aus. +</p> + +<p> +<q>Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen +in sich gehen und sich die Sache überlegen; +das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. +Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,</q> sagte er liebevoll +und zog sie in seine Arme. +</p> + +<p> +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur +Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, +daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, +wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, <q>das Kind</q>, hatte eine Teufelsmaske +vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; +dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu +werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts +noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder +rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder +standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, +das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse +konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, +der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke +der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne +schien herein, und durch die offenen Fenster +strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette +standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in +der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. +<pb n='82'/><anchor id='Pgp0085'/>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen +Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem +sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und +Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. +Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder +in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht +bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen +draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so +viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte +Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas +hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei +sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie +allein da. +</p> + +<p> +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte +ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen +gewesen. +</p> + +<p> +Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse +in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war +ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie +noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu +hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er +es sicher nicht haben fehlen lassen. +</p> + +<p> +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte +ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, +die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei +sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi. +</p> + +<pb n='83'/><anchor id='Pgp0086'/> + +<p> +<q>Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?</q> fragte +sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. +Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse +ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher +Rosi danach fragte. +</p> + +<p> +<q>Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen +guten Zweck tut,</q> fuhr sie fort; <q>mein Mann hat auch +schon für die armen Leute sammeln lassen.</q> +</p> + +<p> +Das <q>nur gut</q> und <q>wenigstens</q> brachte Ilses +Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte: +<q>Ihr kommt doch auch?</q> +</p> + +<p> +<q>Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.</q> +</p> + +<p> +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die +Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige +Abneigung gegen das Theater. +</p> + +<p> +Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche +Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht +behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen +waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, +und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden +waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung +wieder ein. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern +mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern +untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte +man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. +</p> + +<p> +Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der +<pb n='84'/><anchor id='Pgp0087'/>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen +Abend über sitzen. +</p> + +<p> +Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die +richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben +zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn +getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken +nicht mehr übel. +</p> + +<p> +Sogar Fräulein Born hatte sich mit der <q>tauben +Tante</q> etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr +so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der <q>schrecklichen +Umarmung</q>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller +als das erste Mal. +</p> + +<p> +So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, +die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am +Tage danach sollte die Aufführung stattfinden. +</p> + +<p> +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, +und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, +bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde +ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man +dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr +eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein +reges Leben und Treiben war im Gange. +</p> + +<p> +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; +wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren +konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. +In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. +</p> + +<pb n='85'/><anchor id='Pgp0088'/> + +<p> +Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. +Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, +der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen +zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn +sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier +stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem +Gedanken! +</p> + +<p> +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander +von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man +ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals +einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene +kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von +Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. +Das <q>Kind</q> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe +mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern +mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre +geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. +Das war gut für die Stimme und wurde der +Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine +Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten +Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen +zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den +Händen und memorierte fortwährend. +</p> + +<p> +<q>Unsre arme Schwester ist so erregt,</q> sagte das +älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend +zu sagen. <q>Aber sie braucht doch wahrhaftig keine +Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!</q> +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0085.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +<q>O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber +<pb n='86'/><anchor id='Pgp0090'/>Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,</q> fuhr das +<q>Kind</q> dazwischen. +</p> + +<p> +Und in der Tat, was das <q>Können</q> betrifft, hatte +sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung +nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren +über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß +selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz +verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so +sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer +erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, +über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit +hinwegschreitet. +</p> + +<p> +In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte +ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter +und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei +zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle +überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer +stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken +Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute +abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die +hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier +als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter +und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten. +Von derselben Farbe war das duftige Kleid, +das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das +wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen, +denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns +<pb n='87'/><anchor id='Pgp0091'/>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern +kommen. +</p> + +<p> +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor +einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter +eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da +löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen +kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich +selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur +haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! +</p> + +<p> +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen +Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf +auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste +sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch +verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber. +</p> + +<p> +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; +er wurde sofort förmlich umringt. +</p> + +<p> +<q>Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.</q> +</p> + +<p> +<q>Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen +mich zuerst frisieren!</q> +</p> + +<p> +<q>Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst +geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze +Strich unter den Augen stärker sein?</q> +</p> + +<p> +Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen +Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah +er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel +ab; sie wurde die erste. +</p> + +<pb n='88'/><anchor id='Pgp0092'/> + +<p> +<q>Nur nicht so rote Backen,</q> sagte sie, denn schon +im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr +größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß +auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der +duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie +ausgezeichnet <q>wirken</q> würde, und die Freundinnen fanden +den Backfisch Erika <q>reizend, süß, entzückend!</q> Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes +über das reizende Töchterchen, und Frau Blum +behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und +Mietze doch noch viel hübscher aussähen. +</p> + +<p> +In demselben Augenblick flog die Türe auf, das +zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der +Friseur wurde noch einmal zum <q>Kinde</q> zurückgeholt, +denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem +war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit +ausgefallen. +</p> + +<p> +<q>Gott, Sie sind schon alle fertig?</q> fragte Fräulein +Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr +kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid +erschien. +</p> + +<p> +<q>Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, +liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!</q> +bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort +ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. <q>Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?</q> +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pgp0093'/> + +<p> +Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran +zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am +wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig +zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, +wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder +die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich +bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen +seiner Trägerin verschoben. +</p> + +<p> +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte +Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde +Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten +Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, +das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für +die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit +und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. +</p> + +<p> +<q>Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde +ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!</q> +</p> + +<p> +Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue +Kleid der <q>tauben Tante</q>, das schlaff und dunkel an +der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, +es war eigentlich zu ärgerlich. +</p> + +<p> +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische +Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen +wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle +Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein +prüfender Blick in den Spiegel. +</p> + +<pb n='90'/><anchor id='Pgp0094'/> + +<p> +<q>Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – +noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht +sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt +denn wohl alles ordentlich?</q> +</p> + +<p> +Annas Hände flogen, während die andre Schwester +mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. <q>Nur einen +Schluck,</q> drängte sie und hielt der Muse das volle +Weinglas an die Lippen. +</p> + +<p> +<q>Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,</q> +gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus. +</p> + +<p> +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten +verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an +die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen +zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte +in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon +ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend +herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen +Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll +auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es +wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der +Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun +dürfen – o, das war eine Wonne gewesen! +</p> + +<p> +Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr +im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang. +Dann und wann konnte man eine besonders laute +Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen +tönten einzelne <anchor id="corr090"/><corr sic="langezogene">langgezogene</corr> Geigenstriche aus +dem Orchester, das seine Instrumente stimmte. +</p> + +<pb n='91'/><anchor id='Pgp0095'/> + +<p> +Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als +das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem +harmonischen Akkord die Musik einsetzte. +</p> + +<p> +Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht +hat, kann die allgemeine bange Stimmung der +letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male +hebt, nachfühlen! +</p> + +<p> +Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen +umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen, +als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle +hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und +Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige +Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren +die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller +Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen +hatte. +</p> + +<p> +Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt +verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann +ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang +ging in die Höhe. +</p> + +<p> +Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten +der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches +man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines +Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige +Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. +Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und +kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und +mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde +<pb n='92'/><anchor id='Pgp0096'/>lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles +vorüber. +</p> + +<p> +<q>Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,</q> kritisierte +Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen +Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik +klang das laute Händeklatschen an das Ohr des <q>Kindes</q>, +als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich +wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer +kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben! +</p> + +<p> +Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing +Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre +schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt. +</p> + +<p> +<q>Schnell, schnell umkleiden,</q> rief Leo ihr zu, und +nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, +als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, +die Muse in die <q>taube Tante</q> umzuwandeln. Hinein +mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten +Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur +tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen +entstand ein würdiges Matronenantlitz. +</p> + +<p> +<q>Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch +viel zu jung aus,</q> sagte Anna und zeigte mit dem Finger +auf deren Stirn. +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst +zu viel,</q> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend +sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend +oder mit dem Puderquast tupfend. +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur, Sie können gehen,</q> sagte das +<pb n='93'/><anchor id='Pgp0097'/>Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte +ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten +Menschen. +</p> + +<p> +Die <q>Jugendliebe</q> wurde gut und flott gespielt, die +blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in +irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene +geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und +ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und +die <q>taube Tante</q> hörte es mit Genugtuung an, wie +man über ihre Schwerhörigkeit lachte. +</p> + +<p> +Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende +Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne +erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen +und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant +überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und +trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief +sie errötete. +</p> + +<p> +<q>Von wem, von wem?</q> rief und fragte es durcheinander, +als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte +kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf +welcher nur die Worte standen: <q>Der reizenden Adelheid</q>, +so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und +zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre, +und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen +zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser +Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt +haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika +mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von +<pb n='94'/><anchor id='Pgp0098'/><q>wem</q> diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht +sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. +</p> + +<p> +Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe +ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie +fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher +nicht tun. +</p> + +<p> +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden +ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte +die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache +so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie +möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle +nur neidisch auf sie. +</p> + +<p> +<q>Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der +Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,</q> sagte +das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika +wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: <q>Es ist schade um das +hübsche Mädchen!</q> +</p> + +<p> +Als Ilse im <q>ersten Mittagessen</q> in ihrer Dienstmädchenrolle +erschien, erklang plötzlich das helle Lachen +einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war +Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu +komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte, +bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe +verwies. +</p> + +<p> +Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem +Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem +<pb n='95'/><anchor id='Pgp0099'/>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener +Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit +über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht +mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte +sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den +Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt. +Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, +lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem +Publikum – natürlich nur die guten – und besahen +neugierig sich das bunte Treiben. +</p> + +<p> +<q>Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin +Ilse hat viel Talent,</q> sagte auch der Pastor im Parkett +zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem +wahren Genuß nicht gekommen war. +</p> + +<p> +<q>Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch +Theater spielt,</q> warf sie ein, <q>aber freilich, Ilse und +Nellie denken über so etwas anders!</q> +</p> + +<p> +Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen +Sinn sie hineinlegte. +</p> + +<p> +<q>Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie +nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,</q> +meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um. +</p> + +<p> +Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter +mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage +die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen +gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt +hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde +über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. +<pb n='96'/><anchor id='Pgp0100'/>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat +ja immer einen großen Reiz. +</p> + +<p> +Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. +Die <q>Hochzeitsreise</q> von Benedix wurde fast noch flotter +als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten +das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die +andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall +war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden +vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die +Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten +sogar mit lauten Bravorufen. – +</p> + +<p> +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte +herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend. +Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und +den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen. +In den Garderoben hantierte man eifrig mit +Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das +blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das +alltägliche verwandelt. +</p> + +<p> +Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das +<q>Kind</q> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben +sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß +der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! +Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare +Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das +Theaterspielen gewesen sei. +</p> + +<p> +Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß +<pb n='97'/><anchor id='Pgp0101'/>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit +Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, +denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: <q>Ach, +wenn es nur gelingt.</q> +</p> + +<p> +Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im +Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht +ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark +übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein +rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort +danach ein, welches die Runde unter denen machte, die +mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für +ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu +haben, so viel Jammer und Elend zu lindern. +</p> + +<p> +In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung +gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus +Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die +Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen +bewegten. Einige schmeichelten dagegen so +verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken +sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil, +dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache +eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, +sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis, +daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den +größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; +wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher +<pb n='98'/><anchor id='Pgp0102'/>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben +hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. – +</p> + +<p> +Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich +in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen +lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen. +Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich +strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen +und auf jedes mangelhafte Extemporale eine +empfindliche Strafe gesetzt. <q>Es muß und soll etwas +Tüchtiges aus dem Jungen werden,</q> sagte Rosi zu Tante +Emilie; <q>wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die +Erziehung allein in die Hand nehmen.</q> +</p> + +<p> +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem +Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit +ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der +Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der +Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben +würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. +Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei +Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und +gar nicht? <q>Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf +seine Eigenheiten nicht eingehst,</q> hätte man ihr zur +Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich +so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten +Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth +liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden +wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren +Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +<pb n='99'/><anchor id='Pgp0103'/>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, +und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi +nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen +fand Elisabeth unsympathisch. +</p> + +<p> +Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung +über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich +gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen +können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, +daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, +und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer +gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum +mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie +hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das +fragte sie jetzt die Mutter. +</p> + +<p> +Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz +solchen <q>Mummenschanz</q>, wie er es nannte, nicht ansehen +würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war +es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse? +Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken +können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles +stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, +seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer +Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst +vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: +<q>er brummte wohl mal wieder!</q> +</p> + +<p> +<q>Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich +sind,</q> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach +und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne. +</p> + +<pb n='100'/><anchor id='Pgp0104'/> + +<p> +<q>Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen +mit der Zeit abgewöhnen,</q> erwiderte er seufzend, +aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau +ansah, straften ihn Lügen. +</p> + +<p> +<q>Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, +beklagen sich am meisten,</q> gab Ilse zurück, die selten um +eine Antwort verlegen war. <q>Eine Frau, die zu allem +Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher +doch ganz anders geworden, nicht wahr?</q> +</p> + +<p> +Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine +Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war +in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des +einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran +erinnern ließ. +</p> + +<p> +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig +im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis +zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und +ihre Endbetrachtung war: <q>Warum mußte er sie auch +immer so reizen!</q> +</p> + +<p> +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen +wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr +von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit +schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht +die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn +dort sofort auf. +</p> + +<p> +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, +sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen, +<pb n='101'/><anchor id='Pgp0105'/>so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte. +</p> + +<p> +Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern +Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme +erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken +Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte +er auch nicht zu ihnen geschickt! +</p> + +<p> +<q>Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, +ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, +ohne daß man etwas davon merkt!</q> rief sie mit +Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an +zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank +sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend +unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am +Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen. +</p> + +<p> +Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch +einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor +besuchen dürfe. +</p> + +<p> +Mit einem <q>Nein</q> kam ihr Mann zurück und erzählte, +daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt +fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle. +Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr +Ruth, deren lebhaften Fragen, <q>warum sie der Onkel denn +nicht sehen wolle,</q> sie mit der Antwort auswich, daß er +sich noch zu krank dazu fühle. +</p> + +<p> +<q>Ich will den lieben kranken Onkel sehen,</q> sagte +auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen +wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, +<pb n='102'/><anchor id='Pgp0106'/>wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich +in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, +welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten. +</p> + +<p> +Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth +strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der +Luft schwenkend. +</p> + +<p> +<q>Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – +wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik – +an mich ist der Brief,</q> kam es in hastig abgebrochenen +Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in +heller Freude. +</p> + +<p> +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las +ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen +Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter +und Schwester erwarten würde. +</p> + +<p> +Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch +kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie +hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den +Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. +</p> + +<p> +<q>Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus +meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?</q> +fragte sie lebhaft. +</p> + +<p> +Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige +Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das +alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie +wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den +Brief gegeben. +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pgp0107'/> + +<p> +<q>Willst du ihn mal lesen?</q> fragte sie dann plötzlich, +und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, +um ihn zu holen. +</p> + +<p> +<q>Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,</q> +dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja +schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der +kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was +sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. +Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel +Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab +es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie +sich geradezu unliebenswürdig zeigte. +</p> + +<p> +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel +zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel +Heinz stand, der folgendermaßen lautete: +</p> + +<p> +<text> +<body> +<salute rend="margin-left: 4">„Lieber Onkel Heinz!</salute> + +<p> +<q rend="post: none">Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber +Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch +schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie +gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der +Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule +nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke +Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben +mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann +20 Pfennig gegeben für den weg.</q> +</p> + +<salute rend="text-align: center">Es grüst Dich</salute> + +<signed rend="text-align: right">Deine libe Ruth.“</signed> +</body> +</text> +</p> + +<pb n='104'/><anchor id='Pgp0108'/> + +<p> +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; +Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese +beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben +verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen +Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem +einsamen Lebenswege von Onkel Heinz. +</p> + +<p> +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und +war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer, +singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen +großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. +Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie +eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf +zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit +zu Onkel Heinz wandern. +</p> + +<p> +<q>Da wird er sich drüber freuen,</q> meinte sie strahlend. +Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer +zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den +es sich so lange gefreut hat! +</p> + +<p> +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte +sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre +aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen; +sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele +kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; +ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und +Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, +als sie vor der Türe standen und die Glocke +gezogen hatten. +</p> + +<p> +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die +barm<pb n='105'/><anchor id='Pgp0109'/>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter +Stimme nach ihren Wünschen fragte. +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß +Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und +die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen +Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung +die Treppe hinauf. +</p> + +<p> +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken +Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause. +In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, +und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, +der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten +die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf +ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit +herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern +standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der +Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter +des Strengen und Ernsten benahmen. +</p> + +<p> +Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die +Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit +dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten +ließe einzutreten. +</p> + +<p> +Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und +Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam +die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie +hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt +war, wurde sie zaghaft und scheu. +</p> + +<pb n='106'/><anchor id='Pgp0110'/> + +<p> +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer +am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in +warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der +schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem +alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde +herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war. +</p> + +<p> +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die +Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse +hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei +versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne +aber zog er neben sich und nahm sie in seine +Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche +zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete. +</p> + +<p> +<q>Na, nun komm doch näher, alte Kröte!</q> rief er +endlich herzlich. +</p> + +<p> +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand +ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch +in seine Arme. +</p> + +<p> +<q>Halt, sachte, sachte,</q> wehrte er den Wildfang ab, +aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch +wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn. +</p> + +<p> +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! +Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so +sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer +in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schön es im Theater gewesen sei. +</p> + +<p> +<q>Habe von der Mimerei gehört,</q> sagte Onkel +Heinz kurz. +</p> + +<pb n='107'/><anchor id='Pgp0111'/> + +<p> +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser +und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam +ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer. +</p> + +<p> +<q>Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz +nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, +Mädel!</q> rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit +nicht verbergen. +</p> + +<p> +<q>Ich danke,</q> sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber. +</p> + +<p> +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch +anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es +schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur +scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und +schwatzten. +</p> + +<p> +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer +Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft +ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der +Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die +Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie +auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch +hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht +der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt +zu benehmen. +</p> + +<p> +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. +Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab, +daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, +weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit +oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im +<pb n='108'/><anchor id='Pgp0112'/>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu, +daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als +seine Arbeit, seine Bücher. +</p> + +<p> +Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte +nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder, +wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es +niemand besser verstand. +</p> + +<p> +<q>Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist +du immer noch die letzte?</q> fragte er in diesem Augenblick. +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz,</q> rief Ruth entrüstet, <q>ich bin +niemals die letzte gewesen!</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja +nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!</q> +</p> + +<p> +<q>Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern +anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche +herausnehmen durften, und meistens endete eine solche +Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch +heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, +aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein, +um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen +zu können. +</p> + +<p> +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen +doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und +antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt +haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. +</p> + +<pb n='109'/><anchor id='Pgp0113'/> + +<p> +<q>Sie waren recht krank, lieber Professor?</q> fragte +sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone. +</p> + +<p> +<q>Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!</q> +</p> + +<p> +<q>Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?</q> fuhr +Ilse fort. +</p> + +<p> +<q>So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du +Strick,</q> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die +ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte. +</p> + +<p> +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen +Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein +– fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau +Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt +und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er +in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos +traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte +ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er +hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht +und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen +Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig +und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden. +</p> + +<p> +Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn +sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden +sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr +zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. +</p> + +<p> +<q>Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?</q> +fragte der Professor. +</p> + +<pb n='110'/><anchor id='Pgp0114'/> + +<p> +<q>Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch +seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. +Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser? +Wenigstens sehen Sie recht gut aus.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den +Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der +Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen +den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. +</p> + +<p> +<q>Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, +daß Sie krank waren?</q> fragte Ilse wieder. +</p> + +<p> +<q>Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn +Sie das gewußt hätten,</q> antwortete er nicht gerade +liebenswürdig. +</p> + +<p> +Dann schwiegen wieder beide. +</p> + +<p> +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah +Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel +Heinz?</q> fing sie an. +</p> + +<p> +Er antwortete nicht. +</p> + +<p> +<q>Ich wollte Sie ja nicht kränken,</q> fuhr sie fort. +</p> + +<p> +<q>O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es +mir auch nicht immer merken lasse,</q> unterbrach er sie +nun fast heftig. +</p> + +<p> +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch +sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe, +aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung. +</p> + +<pb n='111'/><anchor id='Pgp0115'/> + +<p> +<q>Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, +weiter ist doch nichts dabei,</q> gab sie statt dessen freundlich +zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,</q> +warf er ein. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wieso denn?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten +Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh +sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine +Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten +mehr!</q> +</p> + +<p> +<q>Aber, das ist doch alles nur Scherz!</q> +</p> + +<p> +Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, +was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr +bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute. +</p> + +<p> +<q>Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie +glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen +nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,</q> erwiderte +Onkel Heinz mit bewegter Stimme. +</p> + +<p> +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich +vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort: +</p> + +<p> +<q>Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, +zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt +Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,</q> fuhr +er fort. +</p> + +<p> +<q>Aber, bester Professor,</q> unterbrach ihn Ilse, <q>dieses +Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten! +<pb n='112'/><anchor id='Pgp0116'/>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie +hätten nur Interesse für Ihre Bücher.</q> +</p> + +<p> +<q>Meinen Sie?</q> fragte er langsam und gedehnt und +sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem +Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte. +</p> + +<p> +<q>Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig +oder nicht für fähig?</q> fing er wieder an. +</p> + +<p> +<q>Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre +Liebe zu den Kindern,</q> erwiderte Ilse etwas verlegen. +</p> + +<p> +<q>Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir +kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit +hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie +werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr +alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen +haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß +darüber spotten und lachen.</q> +</p> + +<p> +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles +zu, halten Sie mich denn für so falsch?</q> fragte Ilse mit +trauriger Stimme. <q>Und dann noch eins,</q> fuhr sie nach +einer kleinen Weile fort, <q>Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, +er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. +Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders +erzogen werden müssen.</q> +</p> + +<p> +<q>Erzogen, erzogen!</q> brauste Ilse auf und glich in +diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, +<pb n='113'/><anchor id='Pgp0117'/><q>Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich +mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau +Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,</q> +sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse +schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. +</p> + +<p> +Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu +einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen. +Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin +sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fühlte er oft! +</p> + +<p> +<q>Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?</q> fragte +sie plötzlich, <q>warum nicht?</q> +</p> + +<p> +Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der +Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht +recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte +– es beunruhigte – es verwirrte sie. +</p> + +<p> +<q>Sie halten mich wohl für recht schlecht?</q> platzte +sie in ihrer Verlegenheit heraus. <q>Sagen Sie mir nur +meine Fehler immer offen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,</q> erwiderte +der Professor einfach, <q>sonst würde ich überhaupt Ihr +Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? +Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, +will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit +Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?</q> +</p> + +<p> +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann +wieder schroff, als kämpfe er mit seinen <anchor id="corr113"/><corr sic="Gefühlen">Gefühlen.</corr> +</p> + +<pb n='114'/><anchor id='Pgp0118'/> + +<p> +<q>Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse schnell; +<q>aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen +mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft +manchmal herunter!</q> +</p> + +<p> +Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. +</p> + +<p> +<q>Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen +nicht viel andres.</q> +</p> + +<p> +<q>So?</q> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <q>wenn also die +Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet, +Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.</q> +</p> + +<p> +<q>Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, +Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen +lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas +sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch +Ausnahmen unter den Juristen!</q> +</p> + +<p> +<q>Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?</q> fragte Ilse +schnell. +</p> + +<p> +<q>Sonst wäre er mein Freund nicht,</q> gab Onkel +Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort. +</p> + +<p> +Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, +die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine +Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie +und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er +verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, +er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler +werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend +etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch +eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das +<pb n='115'/><anchor id='Pgp0119'/>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr +war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit +in der Welt zu verlieren? +</p> + +<p> +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, +das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen +Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte +offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch +hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst +wenn es gegen seine Überzeugung ging. +</p> + +<p> +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, +daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher +gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er +ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte +er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine +Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte +Stelle? +</p> + +<p> +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und +hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende, +verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke +beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. +</p> + +<p> +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine +unglückliche Liebe? +</p> + +<p> +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den +Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck +belehrte sie eines Besseren, und das war gut. +</p> + +<p> +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine +Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug +<pb n='116'/><anchor id='Pgp0120'/>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich +selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren +Galgenhumor. +</p> + +<p> +Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus +in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe +auf dem Balkon duftig umwob. +</p> + +<p> +Laut rief er sie bei Namen. +</p> + +<p> +<q>Ruth, Marianne, kommt herein!</q> +</p> + +<p> +Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm +stürmten sie ins Zimmer. +</p> + +<p> +<q>Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe +Luft hier!</q> +</p> + +<p> +Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel +Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen +hereinwehte – belebend, ermutigend! +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth fröhlich, <q>gestern haben wir +uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen +Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du +nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn +du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du +dich auch mit herunter?</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, +was die Kinder von ihm verlangten. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> sagte Ilse auf einmal lachend und +einer plötzlichen Eingebung folgend, <q>wie haben Sie sich +denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so +sehr verabscheuen?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja,</q> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut +<pb n='117'/><anchor id='Pgp0121'/>gelaunt, <q>was soll man denn machen, wenn sie einen in +völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren +Klauen entgeht man nun einmal nicht!</q> +</p> + +<p> +<q>Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank +wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die +Hauptsache!</q> +</p> + +<p> +<q>Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine +gute Natur!</q> +</p> + +<p> +Streiten mußte er nun einmal immer. +</p> + +<p> +<q>Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden +Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. +Dürfen wir bald mal wiederkommen?</q> +</p> + +<p> +Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem +unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen +Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe +sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso +empfänglich war er andrerseits auch für die geringste +Freundlichkeit. +</p> + +<p> +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. +</p> + +<p> +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: +</p> + +<p> +<q>Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute +Freundschaft halten.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche +Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch +ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte. +</p> + +<p> +<q>Auf gute Freundschaft!</q> erwiderte er herzlich und +reichte ihr seine Hand. +</p> + +<p> +Der Abschied von den Kindern war ein sehr +zärt<pb n='118'/><anchor id='Pgp0122'/>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen +konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. +</p> + +<p> +Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war +es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz +lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte? +Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. +Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte +sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt, +der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in +die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig +späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier +ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt +nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, +möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von +neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend +und verhüllend. +</p> + +<p> +So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel +Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, +welche sein Inneres jedem Blicke verbarg. +</p> + +<p> +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester +ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit. +</p> + +<p> +<q>Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, +Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,</q> sagte +sie freundlich. +</p> + +<p> +Er erwachte wie aus einem Traume! +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja +Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.</q> +</p> + +<pb n='119'/><anchor id='Pgp0123'/> + +<p> +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche +der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, +was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und +zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. – +</p> + +<p> +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus +in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem +Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem +Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen +Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von +jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher. +</p> + +<p> +Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige +Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher, +als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen +ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er +erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; +seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen +sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit, +ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr +geschenkten Vertrauens würdig war. +</p> + +<p> +Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder +zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie +sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den +festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. – +</p> + +<p> +Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau +Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an. +</p> + +<pb n='120'/><anchor id='Pgp0124'/> + +<p> +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz +der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine +Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt +er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern +sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und +wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden. +</p> + +<p> +So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden +wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich +wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, +und Worte wie: <q>alter Junggeselle, Brummbär</q> usw., +die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr +zu hören. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage +waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch +eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war +eingezogen und hatte den Frühling verdrängt. +</p> + +<p> +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der +schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der +wonnige Mai. +</p> + +<p> +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen +Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, +nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen. +</p> + +<p> +Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe +verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie +schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer +war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder +<pb n='121'/><anchor id='Pgp0125'/>an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag +ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie +aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie +seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale +zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß +es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine +andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. +Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens +Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend +und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach +gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie +manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen +zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. +Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch +Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter +und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu +einem sehr herzlichen. +</p> + +<p> +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum +zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, +verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! +Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse +und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras +Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, +denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging +sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre +zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein +Zwillings<pb n='122'/><anchor id='Pgp0126'/>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, +sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer +Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen +hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und +Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise +Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden +hatten. +</p> + +<p> +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse +soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder +Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das +Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. +</p> + +<p> +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, +und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß +sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie +kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit +mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten +in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und +Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft +sehr gut tun. +</p> + +<p> +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu +bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, +ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre +stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen +angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte +sie rund heraus. +</p> + +<p> +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte +sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht +<pb n='123'/><anchor id='Pgp0127'/>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er +schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. +Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich +darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches +und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, +aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, +der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte +sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt +allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand +würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde +und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine +Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur +ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde +keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur +von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an +ihn denken. +</p> + +<p> +Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte +nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie +sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. +Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß +er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was +er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging +und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit +Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; +sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht +<pb n='124'/><anchor id='Pgp0128'/>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei +und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, +daß diese solche Dinge zu leicht nehme. +</p> + +<p> +<q>O, ich bitte dich,</q> flehte sie Ilse an, <q>rede es +Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch +und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise +nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.</q> +</p> + +<p> +Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das +erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese +denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten +zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und +durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er +schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie +endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich +sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden +Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit +standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten +gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und +Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch +kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens +nicht zu darben brauchte. +</p> + +<p> +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und +der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. +Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über +sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im +letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine +<pb n='125'/><anchor id='Pgp0129'/>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt +wurde. +</p> + +<p> +<q>Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden +sich herrlich amüsieren,</q> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, +und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr +neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe +abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit +genießen. +</p> + +<p> +<q>Siehst du wohl,</q> lachte Ilse. +</p> + +<p> +Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, +im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred +doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen +und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal +des Guten zu viel getan hätte. +</p> + +<p> +<q>Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,</q> sagte +Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <q>ich werde auf die +beiden Männer achten.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Sie sind mir der Rechte,</q> erwiderte Nellie, die +den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. – +</p> + +<p> +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch +lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden +zum Abschiedsgruße zu. +</p> + +<p> +Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, +denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie +hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald +dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und +gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider +Frauen, um sie zufrieden zu stellen. +</p> + +<pb n='126'/><anchor id='Pgp0130'/> + +<p> +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon +hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie +mit dem Wagen erwartete. +</p> + +<p> +Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; +sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht +satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder. +</p> + +<p> +Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, +musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem +Interesse. <q>Du hast dich aber gar nicht verändert,</q> hieß +es. <q>Etwas stärker bist du geworden.</q> <q>Und du siehst +viel wohler aus, als früher,</q> und ähnliche Redensarten +mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, +wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht. +</p> + +<p> +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile +verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere +Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte +der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. +Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe +geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen +und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen +zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie +wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue +Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes +erwarte. +</p> + +<p> +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen +Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer +Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war +derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in +<pb n='127'/><anchor id='Pgp0131'/>dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht +hatte. +</p> + +<p> +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, +das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft +ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee +ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. +</p> + +<p> +Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter +deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter +zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder +lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien +sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu +fühlen. +</p> + +<p> +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller +Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die +zu nahe an den Wagen herankamen. +</p> + +<p> +<q>Sie kennen mich alle,</q> sagte sie stolz, <q>und ich +darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin +bin.</q> <q>Wie geht’s dem Vater?</q> fragte sie im +Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort +in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief +ihr noch zu: <q>Ich komme in diesen Tagen und bringe +ihm wieder Wein.</q> +</p> + +<p> +Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten +sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen +großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen +den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun +in den Gutshof ein. +</p> + +<pb n='128'/><anchor id='Pgp0132'/> + +<p> +<q>Vor das Schloß fahren,</q> befahl Flora mit komischer +Grandezza. +</p> + +<p> +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der +mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen +kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte <q>Schloß</q>. +– Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben +hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht +mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange +Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur +ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür +ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen +waren. +</p> + +<p> +<q>Es gehörte einem Baron v. H.,</q> erklärte Flora, +als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, +welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. +In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein +schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand +einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras +Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, +die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! +Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen +Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer +wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie +wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den +Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte. +</p> + +<p> +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne +nur scheu an und gaben keine Antwort. +</p> + +<pb n='129'/><anchor id='Pgp0133'/> + +<p> +<q>Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,</q> +rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst +mit ihnen abmühte. +</p> + +<p> +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder +allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden +Reuterschen lütten Druwäppeln <q>Lining</q> und <q>Mining</q>; +ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar. +</p> + +<p> +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden +Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier +Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast +jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten +ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen +feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich +aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und +Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie +so hochrote Wangen hätten. +</p> + +<p> +<q>Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,</q> +wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, +daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und +fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, +als könnten sich unter dieser Berührung die glatten +Strähnen in Locken verwandeln. +</p> + +<p> +<q>Aber nun kommt herein,</q> sagte sie, als die Begrüßung +vorüber war, und fragte ihre Kinder: <q>Wo ist +denn der Papa?</q> +</p> + +<pb n='130'/><anchor id='Pgp0134'/> + +<p> +<q>Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,</q> +berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war +das erste Wort, welches sie sprach. +</p> + +<p> +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen +Auskunft nicht verbergen. +</p> + +<p> +<q>Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, +ich möchte sie gerne sehen,</q> bettelte nun Ruth, +für die ein solcher Anblick hochinteressant war. +</p> + +<p> +<q>Später, später,</q> antwortete Flora flüchtig. +</p> + +<p> +Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt +und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere +des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten +Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl +aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen +brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit +der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus +den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, +denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. +Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster +selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden +um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige +Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; +über die Tischdecke, schwarz mit großen roten +Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, +und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß +– das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. +</p> + +<p> +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war +darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und +<pb n='131'/><anchor id='Pgp0135'/>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft +ein, welche durch die offenen Fenster strömte. +</p> + +<p> +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: +Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in +ihrer Gutmütigkeit alles. +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel +stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also +ganz antik,</q> erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf +die kattunbezogenen Steifbeine. <q>Aber nun will ich nicht +weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn +ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im +unteren Flur die Türe rechts.</q> +</p> + +<p> +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. +Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines +Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach +denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch +viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, +denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht +gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, +wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +wären. +</p> + +<p> +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten +Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß +sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt +nicht zu andern sagen dürfe. +</p> + +<p> +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit +später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, +fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen +<pb n='132'/><anchor id='Pgp0136'/>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +höchst neugierig waren. +</p> + +<p> +Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die +prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin +sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und +blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. +Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 +Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man +sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein +kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen +Haare schimmerte; rot war auch sein joviales +Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der +Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. +Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! +Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an? +</p> + +<p> +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und +Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit +ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn +und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst +auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? +</p> + +<p> +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem +schelmischen Lächeln von Nellie vermuten. +</p> + +<p> +<q>Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern +sein müssen,</q> wandte sich Flora an die Freundinnen, +während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0132.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +<q>Ja, ja, es ist zum Braten draußen,</q> erwiderte er +und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <q>War +<pb n='133'/><anchor id='Pgp0138'/>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?</q> +wandte er sich an seine Nachbarinnen. +</p> + +<p> +<q>O ja,</q> lachte Ilse, <q>aber dafür haben wir’s auch +jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden +wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre +liebenswürdige Einladung ankam.</q> +</p> + +<p> +<q>Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge +machen können! Die Umgegend ist so schön,</q> sagte +Flora. +</p> + +<p> +<q>Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir +haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s +liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; +wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter +fürs Vieh mehr haben.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, +dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,</q> erwiderte +Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß +er so sprach. +</p> + +<p> +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: +</p> + +<p> +<q>Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter +Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges +Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein +Regen!</q> +</p> + +<p> +<q>So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?</q> fragte +der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin +noch einmal genauer an. +</p> + +<p> +<q>Aber, August,</q> rief Flora, <q>ich habe dir doch alles +von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.</q> +</p> + +<pb n='134'/><anchor id='Pgp0139'/> + +<p> +<q>Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. +Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für +so etwas kein Gedächtnis habe.</q> +</p> + +<p> +<q>August!</q> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen +Blick zu. +</p> + +<p> +<q>O, das kenne ich von Fred genau,</q> tröstete Nellie. +<q>Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von +seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven +auch sehr herunter.</q> +</p> + +<p> +Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte +des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer +es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege +so sehr bedürfe. +</p> + +<p> +Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es +verstand. +</p> + +<p> +Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und +Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber +nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. +Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. +Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte +sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen +fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, +dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, +das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien +sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin +und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles +was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte +<pb n='135'/><anchor id='Pgp0140'/>ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil +seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß +er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn +über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, +nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn +sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, +einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. +Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, +über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte +aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich +werden würde. +</p> + +<p> +Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, +verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst +nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über +andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß +Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, +da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer +noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr +August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie +nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen. +</p> + +<p> +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet +und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren +Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders +rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen +durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora +jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der +<pb n='136'/><anchor id='Pgp0141'/>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. +</p> + +<p> +Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden +Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, +aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen +und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle +und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und +als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten +und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren +und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause +sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt +mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt +waren. +</p> + +<p> +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden +über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, +daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen +weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und +seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften +Töne im Zimmer taten. +</p> + +<p> +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken +und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf +dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft +magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis +jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn +nicht aus den Augen. +</p> + +<p> +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange +durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth +<pb n='137'/><anchor id='Pgp0142'/>jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich +zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! +Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten +ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche +bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das +Leben auf dem Lande recht gut kannten. +</p> + +<p> +Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man +ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, +und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte +man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er +ein strenges, aber gerechtes Regiment führte. +</p> + +<p> +<q>Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,</q> +sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das +Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen +noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen +und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen +kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein +starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren +gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen +in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie +prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren +straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, +auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und +Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf +und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald +dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war +<pb n='138'/><anchor id='Pgp0143'/>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen +Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, +die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt +gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete +sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte +Abendtafel unter der Kastanie stellte. +</p> + +<p> +Der etwas befangene und fremde Ton, der am +Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz +andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten +sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu +übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, +sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft +trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, +ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch +die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille +und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche +Stille. +</p> + +<p> +Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, +um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls +pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den +Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler +hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. +</p> + +<p> +<q>Gerne, gerne,</q> riefen sie beide mit einem fragenden +Blick auf Herrn Werner. +</p> + +<p> +<q>O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu +gehen,</q> erwiderte Flora. <q>August steht des Morgens jetzt +schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde. +<pb n='139'/><anchor id='Pgp0144'/>Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?</q> wandte sie sich an die beiden. +</p> + +<p> +<q>Selbstverständlich,</q> gaben sie zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na, dann schlafen Sie recht gut,</q> sagte der Hausherr +und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. +<q>Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt +haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt +es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. +Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,</q> +sagte er dann freundlich zu Flora. <q>Vergiß nicht, +morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, +ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge +dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, +damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas +bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,</q> entgegnete +Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr +nicht gerade angenehm zu sein. +</p> + +<p> +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem +knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine +Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter +sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. +</p> + +<p> +<q>Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal +etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,</q> +fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an +aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen +in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie +<pb n='140'/><anchor id='Pgp0145'/>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, +und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen +Mannes und so lieber Kinder sein könne. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das bin ich auch,</q> erwiderte Flora in aufrichtigem +Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in +Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. +Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. +</p> + +<p> +<q>Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,</q> +sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, +ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort: +<q>Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen +geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen +Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr +habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das +weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen +Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin +ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe +haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück +zum zweiten Male mit der Hand meines guten August +darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur +Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte +ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und +habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde +und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es +sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte +lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man +auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.</q> +</p> + +<pb n='141'/><anchor id='Pgp0146'/> + +<p> +<q>Bravo, bravo!</q> rief Ilse; so vernünftig hatte sie +Flora noch niemals sprechen hören. +</p> + +<p> +<q>Und wie ist es mit Käthe?</q> fragte Nellie. +</p> + +<p> +<q>O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt +ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge +sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.</q> +</p> + +<p> +<q>Wie schön für dich,</q> sagte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, +sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, +doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr +von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.</q> +</p> + +<p> +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen +Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße +Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen +eine normal denkende Frau geworden war. +</p> + +<p> +<q>Nun, und Orla?</q> fragte sie plötzlich. <q>Was habt +ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit +dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend +war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja +ebenso wie ich nach etwas Höherem.</q> +</p> + +<p> +Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora +immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, +wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb. +</p> + +<p> +<q>O, Orla, der geht es ausgezeichnet!</q> rief Ilse. +<q>Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen +Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden +<pb n='142'/><anchor id='Pgp0147'/>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen +auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da +kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ein Leben im großen Stile!</q> sagte Flora, wie zu +sich selbst. <q>Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich +Dienerschaft in Menge?</q> +</p> + +<p> +<q>Jedenfalls,</q> lachte Ilse; <q>darüber schreibt sie aber +nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je +mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. +Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, +und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich +fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder +in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und +Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem +Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte +Frau ist, – klug, schön, reich.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ihr ist es geglückt,</q> sagte die Gutsbesitzersfrau +seufzend. <q>Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, +gilt etwas, während andre in der Einsamkeit +verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich +auch als Nihilistin eine Rolle?</q> +</p> + +<p> +<q>Warum nicht?</q> meinte Ilse, <q>zuzutrauen wäre es +ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.</q> +</p> + +<p> +<q>O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – +Orla eine Nihilistin!</q> warf hier Nellie ein. +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte dich,</q> sagte Flora, <q>unmöglich ist es +doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines +Tages nach Sibirien verbannt würde.</q> +</p> + +<pb n='143'/><anchor id='Pgp0148'/> + +<p> +<q>O, o!</q> rief Nellie entsetzt, <q>deine Phantasie geht +mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, +was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!</q> +</p> + +<p> +<q>Wie viel Kinder hat sie eigentlich?</q> fragte Flora; +<q>in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.</q> +</p> + +<p> +<q>Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter +Prachtkerls, sage ich dir,</q> antwortete Ilse. +</p> + +<p> +<q>O, süß!</q> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger +Schatten überflog ihr Gesicht. <q>Ich habe das +Bild mit und will es dir morgen zeigen.</q> +</p> + +<p> +<q>Heute abend noch, bitte, heute abend noch,</q> bettelte +Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal +erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz +unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie +darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied +war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle +Welt hatte, während der ihrige hier in der +stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, +die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! – +</p> + +<p> +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die +Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen +Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen +den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie +wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem +Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es +ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten +<pb n='144'/><anchor id='Pgp0149'/>Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme +nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in +dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater +wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern +hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch +von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand +das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon +im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem +Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die +kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt +in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer +am klaren Nachthimmel! – +</p> + +<p> +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! +Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, +dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche +meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer +Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein +Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin +Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als +das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, +desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt. +</p> + +<p> +Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken +gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte +deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen +heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es +<pb n='145'/><anchor id='Pgp0150'/>ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise +müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung +bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen +noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur +Ruhe. +</p> + +<p> +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte +Langschläferinnen. – +</p> + +<p> +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und +Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus +dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, +und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. – +</p> + +<p> +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume +hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte +er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie +lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, +herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am +Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem +sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem +hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. +</p> + +<p> +<q>O, was magst du von uns denken,</q> entschuldigte +Nellie, und Ilse meinte: <q>Dein Mann wird sich schön +über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!</q> +</p> + +<p> +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August +tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre +schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen +zugegen zu sein. +</p> + +<pb n='146'/><anchor id='Pgp0151'/> + +<p> +<q>Nun, stimmt die Milchrechnung?</q> fragte Nellie +lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das +vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei +der ehemaligen Dichterin! +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch +tun,</q> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten +Spott herauszuhören glaubte. <q>Poesie und Prosa gehen +Hand in Hand auf dem Lande.</q> +</p> + +<p> +<q>O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,</q> +antwortete Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in +freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,</q> fuhr Flora +fort; <q>es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. +Thusnelda</q> – sie sprach den Namen immer mit der +Betonung einer Klara Ziegler aus – <q>ist poetisch veranlagt, +das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, +ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den +Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den +grünen Wald.</q> +</p> + +<p> +Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht +aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in +dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <q>erblich +belastet</q> sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten +waren sie ihm. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wo ist denn Ruth?</q> fragte Ilse plötzlich, +sich nach allen Seiten umsehend. +</p> + +<p> +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und +<pb n='147'/><anchor id='Pgp0152'/>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, +der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben +in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern +zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, +fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? +Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen +Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und +auf einen der breiten Pferderücken setzte. +</p> + +<p> +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde +ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde +Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor +dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das +war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von +dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine +Ursachen, große Wirkungen! +</p> + +<p> +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch +wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, +durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war +aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen +geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich +verfeinert hatten, so daß man sie in <q>temperamentvoll, +eigenartig und willensstark</q> übersetzen konnte. Flora +witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine große Zukunft. – +</p> + +<p> +Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth +jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen +Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte +<pb n='148'/><anchor id='Pgp0153'/>sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als +sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner +unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob +sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte +sie sich schnell angezogen, ganz allein. <q>O, ganz ordentlich,</q> +versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren +Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf +aus: <q>Himmlisch war’s!</q> +</p> + +<p> +<q>Wo ist dein Mann geblieben?</q> fragte Nellie und +sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr +zu sehen. +</p> + +<p> +<q>Er wird erst Toilette machen, um würdig vor +euch zu erscheinen,</q> erklärte Flora, aber in der gleichen +Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen +her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn +einzelne Kraftworte, wie <q>Donnerwetter, infame Wirtschaft, +Dummköpfe</q>, drangen bis zu der Kastanie herüber, +zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen +wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten +Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die +Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, +was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August +den Kiesweg heraufgegangen. +</p> + +<p> +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und +der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, +elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig +hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das +farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, +<pb n='149'/><anchor id='Pgp0154'/>der ebenso, wie das Gesicht, vor + <anchor id="corr149"/><corr sic="Arger">Ärger</corr> und Hitze blaurot +war. +</p> + +<p> +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, +aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und +hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes. +</p> + +<p> +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, +schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging +er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,</q> +sagte er; <q>sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. +Das wird mal eine gute Landwirtin!</q> +</p> + +<p> +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese +teilnehmend: +</p> + +<p> +<q>O, haben Sie Ärger gehabt?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum +Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit +ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon +tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,</q> setzte er noch hinzu +und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das +Geschirr klirrend zusammenschlug. +</p> + +<p> +<q>Ärgere dich doch nicht so, lieber August,</q> sagte +Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn. +</p> + +<p> +<q>Hesse ist auch ein Esel,</q> fing er wieder an; <q>bringt +beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der +Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie +ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß +tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen +<pb n='150'/><anchor id='Pgp0155'/>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine +Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber +nun stärke und erhole dich erst,</q> versuchte ihn seine Frau +zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich +belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, +um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. +</p> + +<p> +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! +Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von +neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß +aus der oft verlachten und verspotteten <q>Dichterin</q> eine +vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras +Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. +Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel +ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer +könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit +war nun einmal der Grundzug von Floras +Charakter. – +</p> + +<p> +Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben +behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. +Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge +durch das Dorf, die Felder und Wiesen, +Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und +dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen +Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen +der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und +auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren +<pb n='151'/><anchor id='Pgp0156'/>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und +Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn +von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen +heraustritt, wollte August nichts wissen. +</p> + +<p> +<q>Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,</q> sagte er, +als eines Tages wieder die Rede darauf kam. +</p> + +<p> +Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, +das konnte man merken. +</p> + +<p> +<q>Aber, August,</q> widersprach sie ihm, <q>eine Frau +kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, +und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter +doch nicht zu versäumen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken +und gut kochen können, das ist die Hauptsache.</q> +</p> + +<p> +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. +Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen. +</p> + +<p> +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von +ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und +daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat +einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft +und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach +auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. +Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit +allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: +Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst +du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du +auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stunden<pb n='152'/><anchor id='Pgp0157'/>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, +sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, +und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen +werden. +</p> + +<p> +Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen +Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem +Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, +daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. +Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume +fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht +am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch +eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden +Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und +Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er +natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang +Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von +ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens +erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den +Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern +ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, +daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die +Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so +reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne +weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden +sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. – +</p> + +<p> +Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt +<pb n='153'/><anchor id='Pgp0158'/>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, +und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, +was sie natürlich von Herzen gern taten. +</p> + +<p> +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; +eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen +wurden, in Körben verpackt, mitgenommen. +</p> + +<p> +<q>Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals +kann ich den Armen genug geben,</q> sagte die Gutsbesitzerin, +als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße +schritt. +</p> + +<p> +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten +Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad +für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte +der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt +hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne +spiegelte sich in den vielen großen und kleinen +Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten +und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig +in die Höhe nahmen. +</p> + +<p> +Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu +sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach +diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen +die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, +ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten +doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, +und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, +wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, +das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie +<pb n='154'/><anchor id='Pgp0159'/>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war +ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld +der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches +und trug viel gute Früchte. +</p> + +<p> +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten +Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über +die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im +Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, +hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den +Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den +jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen +Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe +bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung +Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten +mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles +zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand +sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt +gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, +indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles +blieb beim alten. +</p> + +<p> +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges +Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts +wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine +Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter +zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen +hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt +die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, +schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige +<pb n='155'/><anchor id='Pgp0160'/>Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum +Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses +Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob +sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche +Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, +aber Flora hielt sie davon zurück. +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig +sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer +Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,</q> sagte Flora +freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen +schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, +zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche +Dinge umherlagen. +</p> + +<p> +<q>Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil +ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, +haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie +geht’s denn heute, Frau Tolle?</q> fragte Flora, indem +sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete. +</p> + +<p> +Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht +war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig +verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der +heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft +und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde. +</p> + +<p> +<q>Schlecht, schlecht,</q> antwortete sie leise, <q>es geht +immer schlechter.</q> +</p> + +<p> +<q>I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel +wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe +<pb n='156'/><anchor id='Pgp0161'/>Gott wird Ihnen schon helfen,</q> tröstete Flora sanft und +liebevoll. +</p> + +<p> +Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger +Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken +gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie +sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet +wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei +dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, +wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit +des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; +wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, +das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen +großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach +und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte. +</p> + +<p> +<q>O, wie süß ist das <hi rend='antiqua'>baby</hi>,</q> sagte sie zu Ilse. +<q>Wie heißt du?</q> fragte sie das Kind. +</p> + +<p> +<q>Ännchen,</q> antwortete die ältere Schwester. +</p> + +<p> +<q>Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?</q> +fragte sie weiter. +</p> + +<p> +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die +Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich +die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich +strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. +</p> + +<p> +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die +Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die +Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. +</p> + +<p> +Müde und apathisch dankte die Frau. +</p> + +<pb n='157'/><anchor id='Pgp0162'/> + +<p> +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; +Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster +öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen +und sie ließ es geschlossen. +</p> + +<p> +<q>Wo ist denn die Mutter?</q> fragte Flora sich umblickend. +</p> + +<p> +<q>Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,</q> +entgegnete die junge Witwe. +</p> + +<p> +<q>Kommt sie denn bald wieder?</q> forschte Flora +weiter. <q>Sie können doch in Ihrem elenden Zustande +nicht allein bleiben.</q> +</p> + +<p> +<q>Die Kinder sind ja da.</q> +</p> + +<p> +<q>Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die +müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, +nein, so geht das nicht länger,</q> sagte Flora. <q>Und den +Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt +alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, +passen Sie nur auf.</q> +</p> + +<p> +<q>Der kann mir auch nicht mehr helfen ...</q> Unendlich +schmerzlich klangen diese Worte. +</p> + +<p> +<q>Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken +Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und +wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald +wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. +Guten Abend und recht, recht gute Besserung.</q> +</p> + +<p> +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch +Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie +mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends. +</p> + +<pb n='158'/><anchor id='Pgp0163'/> + +<p> +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die +frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle +Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die +Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck +bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach +in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora +erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen +Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was +sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. +</p> + +<p> +<q>Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen +können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres +Herzleiden und nicht zu heilen,</q> berichte Flora. <q>Ach, +wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.</q> +</p> + +<p> +Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! – +</p> + +<p> +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der +Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und +in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie +ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der +Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte +Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die +letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich +gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, +und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer +von Glück. +</p> + +<p> +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch +den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem +lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für +immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. – +</p> + +<pb n='159'/><anchor id='Pgp0164'/> + +<p> +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft +gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich +plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf +dem Platze unter der Kastanie. +</p> + +<p> +<q>O, die armen Kinder, das süße <hi rend='antiqua'>baby</hi>, was wird +daraus?</q> rief Nellie mit Tränen in den Augen. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, wir müssen helfen,</q> sagte Herr Werner +überlegend. Dann fragte er seine Frau: <q>Wie viel +Kinder sind da?</q> +</p> + +<p> +<q>Sechs,</q> antwortete sie. <q>Es ist ein Jammer! Bei +der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, +und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es +ist zu traurig!</q> +</p> + +<p> +<q>Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen +kann,</q> sagte ihr Mann. <q>Deichmanns auf der Domäne +könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld +und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, +und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, +was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s +reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine +Ännchen; o, es ist ein zu wonniges <hi rend='antiqua'>baby</hi>!</q> rief Nellie +begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung +den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und +auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. +</p> + +<p> +Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie +still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein +<pb n='160'/><anchor id='Pgp0165'/>in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die +Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, +wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. +Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen. +</p> + +<p> +<q>Höre, Nellie,</q> rief Ilse plötzlich, <q>wenn dir das +Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.</q> +</p> + +<p> +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf +gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber +Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien +beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken +ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf. +</p> + +<p> +<q>Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!</q> rief +sie aus. +</p> + +<p> +<q>Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht +nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar +nicht, aber möchtest <hi rend='gesperrt'>du</hi> es denn?</q> fragte Ilse, die +Freundin scharf beobachtend. +</p> + +<p> +<q>O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe +die <hi rend='antiqua'>babys</hi> so sehr,</q> erwiderte Nellie leise. <q>Aber es +geht nicht, es geht nicht!</q> fuhr sie lauter fort. <q>Ich +habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt +meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, +o, und das ginge doch nicht.</q> +</p> + +<p> +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch +hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei, <q>es +<pb n='161'/><anchor id='Pgp0166'/>ginge nicht.</q> Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur +Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. +</p> + +<p> +Aber Ilse ließ sich von ihrem <q>guten Gedanken</q>, +wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem +Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, +darüber für immer zu schweigen. +</p> + +<p> +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau +und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu +tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, +worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, +zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit +ihnen zu spielen. +</p> + +<p> +Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der +letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, +auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte. +</p> + +<p> +<q>Nein, so doch nicht, lieber so,</q> unterbrach sie sich +dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken +einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, +beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl für ein wichtiges +Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte +es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde +es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den +Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen. +</p> + +<p> +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese +Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den +nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung +sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen. +</p> + +<pb n='162'/><anchor id='Pgp0167'/> + +<p> +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder +wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach +einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie +gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. +</p> + +<p> +<q>Von Fred,</q> sagte sie leicht errötend, worauf sie +sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu +lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln +von ihrem Fred studierte. +</p> + +<p> +Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun +sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten +sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes +Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte. +</p> + +<p> +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür +mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg +daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, +und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen +noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte +ein glückliches Lächeln ihre Lippen. +</p> + +<p> +<q>O Ilse, was bist du eine <hi rend='antiqua'>darling</hi>, o was bist du +gut, was hast du für mir getan!</q> rief sie, indem sie +die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag +sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie +früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, +als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. +Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und +<anchor id="corr162"/><corr sic="(a auf dem Kopf stehend)">las</corr> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: +<pb n='163'/><anchor id='Pgp0168'/>daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste +Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, +wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam +und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und +Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf +einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde. +</p> + +<p> +Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte +er, was sie ihm geschrieben hatte. +</p> + +<p> +<q>Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut +gemacht?</q> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte. +</p> + +<p> +<q>O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie +soll ich dich danken, lieb Ilschen,</q> antwortete sie überglücklich +und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie +leise fort: <q>O, wie will ich die kleine <hi rend='antiqua'>baby</hi> lieb haben, +und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er +eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich +dich das wieder gut machen?</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,</q> +wehrte diese ab. <q>Was du an dem einstigen Trotzkopf +getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.</q> +</p> + +<p> +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. +</p> + +<p> +Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte +und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren +Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten +noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr +mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst +gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu +holen. – +</p> + +<pb n='164'/><anchor id='Pgp0169'/> + +<p> +Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage +zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig +gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind +wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so +gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen +Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen +lassen. +</p> + +<p> +So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück +in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den +Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen +Elend zu entreißen. +</p> + +<p> +Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen +ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das +die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein +unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr +schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen +wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft +von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar +Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte +ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt +hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt +nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten +Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing +– zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und +<pb n='165'/><anchor id='Pgp0170'/>darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. +Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide +konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein +aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <q>Erziehen</q> +hätte leicht ein <q>Verziehen</q> werden können, wenn nicht +Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. +Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren +allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber +desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, +welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und +schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal +versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem +hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern +gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles +drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, +aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben +hierher verpflanzt worden war. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! +Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit +sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald +ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der +andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das +Glück früher, dem andern später und manchem nie. +</p> + +<p> +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem +Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das +Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem +<pb n='166'/><anchor id='Pgp0171'/>andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber +unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten +aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte +es jahrelang über ihnen. +</p> + +<p> +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter +Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, +frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener +Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule +mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, +denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm +jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem +Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe +in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet +und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er +wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! +Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu können und ahnte nicht, was sie damit in der +jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem +schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig +in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte +oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu +zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken +wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die +weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. – +</p> + +<p> +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach +Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, +Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten +<pb n='167'/><anchor id='Pgp0172'/>Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – +er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte +Rosi immer die Worte: <q>Gottes Hand ruht schwer auf +uns.</q> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder +das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? +Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, +den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch +immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst +wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. +Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel +dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun +einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so +etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte +fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten +Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem +Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen +war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht +entschließen, sie in die Welt einzuführen. – +</p> + +<p> +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort +brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und +siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit +ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren +sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als +diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. +Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, +eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem +<pb n='168'/><anchor id='Pgp0173'/>ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes +Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament +war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse +hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft +mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth +klagte und er antwortete: <q>Ganz die Mutter.</q> Aber daß +aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst +gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde +dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft +zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch +immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis +er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. +Wenn man sie fragte: <q>Wer ist deine beste Freundin?</q> +antwortete sie: <q>Onkel Heinz!</q> Von ihm ließ sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade +den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine +Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen +Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. +Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere +Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres +Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der +Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr +Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter +liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben +können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich. +</p> + +<pb n='169'/><anchor id='Pgp0174'/> + +<p> +So war denn der Tag herangekommen, den Leo +schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch +kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den +ersten Ball führen konnte. +</p> + +<p> +Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges +Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon +seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, +befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar +Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er +aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder +auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in +ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage +von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth +fand es lächerlich, sich um einen <q>lumpigen Ball</q>, wie +sie sagte, so aufzuregen. +</p> + +<p> +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit +Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden +war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun +gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, +war keine Kleinigkeit. +</p> + +<p> +<q>Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht +fertig,</q> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer +keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir +verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,</q> rief das +junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die +Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +<pb n='170'/><anchor id='Pgp0175'/>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer +glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst +die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist +nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit +Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, +was diese sehnlich wünschte. +</p> + +<p> +<q>Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,</q> +hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war, +<q>wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß +wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen +würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest +du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?</q> +</p> + +<p> +<q>Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,</q> +hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie +liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust. +</p> + +<p> +<q>Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da +würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein +rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!</q> +</p> + +<p> +<q>Einem jungen Mädchen steht alles,</q> hatte Marianne +in weisem Tone erwidert. +</p> + +<p> +<q>Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche +Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du +mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen +aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf +und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!</q> +</p> + +<p> +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in +Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu +<pb n='171'/><anchor id='Pgp0176'/>trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester +trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr +würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände +sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen +sollte, während Marianne natürlich einem Engel +gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen +Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem +rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende +gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und +Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So +aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage +hatte in Ruhe erledigt werden können. +</p> + +<p> +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige +Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige +Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren +blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten +Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen +Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, +als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum +ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß +sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten. +</p> + +<p> +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein +ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines +Flügels und Ruths Stimme. +</p> + +<p> +<q>Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und +singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße +sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja +<pb n='172'/><anchor id='Pgp0177'/>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,</q> sagte Ilse, aber +unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile +auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen +zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix +und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der +Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und +bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie +reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte +sie etwas Keusches, Unnahbares. +</p> + +<p> +Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die +Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet +noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu +Blumen im Haar. +</p> + +<p> +Ruth lehnte alles ab. +</p> + +<p> +<q>Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was +ich will!</q> rief sie. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit +zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, +das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit +Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den +Blumen steckte. <q>Von Herrn Jansen,</q> sagte sie strahlend +und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, +als den kostbaren Strauß. +</p> + +<p> +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes +von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen +zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes +Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei +Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser +<pb n='173'/><anchor id='Pgp0178'/>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und +auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Töchter eingeladen worden. +</p> + +<p> +Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die +duftende Spende in den Händen. +</p> + +<p> +<q>Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,</q> +rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten +Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem +Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen +der Zwillinge: <q>O, wie reizend, himmlisch, süß,</q> und +Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs +Genaueste zu sehen und zu hören. +</p> + +<p> +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern +war in der Tat ein entzückender Anblick, und +selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, +denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt +in derselben stehen. +</p> + +<p> +<q>Alle Wetter, ist das ein Staat!</q> rief er endlich +laut. +</p> + +<p> +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. +Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, +umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. +Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal +wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, +und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde +genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes +Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn +<pb n='174'/><anchor id='Pgp0179'/>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer +Käfer auf bunten Blütenblättern. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, gefalle ich dir?</q> – <q>Wie findest du +mein Kleid, steht es mir wohl gut?</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?</q> +So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger +wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer +eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte +schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden +Händen die Ohren zu. +</p> + +<p> +<q>Scheußlich seht ihr alle aus,</q> platzte er endlich +hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik +von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte +er sich getäuscht, nun ging es erst recht los. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich +scheußlich aus?</q> – <q>Ist das dein Ernst?</q> – <q>Gefallen +wir dir nicht?</q> so schwirrte es von neuem durcheinander. +</p> + +<p> +<q>Findest du, daß mir Rosa gut steht?</q> fragte +Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß +bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen +konnte. +</p> + +<p> +<q>Na, es geht!</q> antwortete er und betrachtete sie +eingehend. <q>Aber sage mal, du mußt etwas um den +Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was +ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! +In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr +werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen +einen schönen Schnupfen holen.</q> +</p> + +<pb n='175'/><anchor id='Pgp0180'/> + +<p> +Da gab es wieder zu lachen über eine solche +Ansicht. +</p> + +<p> +<q>Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?</q> +fragte Thusnelda. +</p> + +<p> +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem +Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine +Antwort zu geben. +</p> + +<p> +<q>Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!</q> +riefen sie alle. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein +weißes Kleid hübscher gefunden?</q> fragte Marianne. +</p> + +<p> +<q>Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle +angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das +verstehe ich nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?</q> fragte +Marianne. +</p> + +<p> +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches +Gelächter ausbrach. +</p> + +<p> +<q>Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten +habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich +hatte Besseres zu tun.</q> +</p> + +<p> +<q>Weißt du was, Onkel Heinz,</q> schlug Ruth vor, +<q>komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen +kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber +urteilen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, komm mit!</q> riefen nun auch die andern. +</p> + +<p> +<q>Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.</q> +</p> + +<p> +<q>Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.</q> +</p> + +<pb n='176'/><anchor id='Pgp0181'/> + +<p> +<q>Mich darfst du zu Tische führen.</q> +</p> + +<p> +<q>Wir wollen überhaupt tun, was du willst.</q> +</p> + +<p> +Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und +wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer +hellen, duftigen Mitte hervor. +</p> + +<p> +<q>Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja +außer Rand und Band!</q> rief er, sie zurückdrängend. +</p> + +<p> +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man +ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse +plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen +sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel +Heinz in dem blühenden Mädchenkranze. +</p> + +<p> +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen +stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt +näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine +heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren +Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, +weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er +nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer +Wärme entgegen. +</p> + +<p> +<q>Du bist zu beneiden, Onkel,</q> sagte er halblaut. +</p> + +<p> +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen +Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die +Wagen ständen bereits vor der Türe. +</p> + +<p> +<q>Ja, nun macht nur,</q> mahnte sogar Onkel Heinz, +<q>Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.</q> +</p> + +<pb n='177'/><anchor id='Pgp0182'/> + +<p> +<q>Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber +doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu +dem Balle,</q> meinte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn +keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges +Wort,</q> erwiderte der Professor. <q>Aber es geht nun +doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth freudig, als hätte sie +plötzlich einen guten Einfall bekommen, <q>weißt du was? +Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide +verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, +das wäre reizend!</q> +</p> + +<p> +<q>Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?</q> +fragte Herr Jansen. +</p> + +<p> +<q>O, da könnte mich ja Marianne vertreten,</q> gab +sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor. +<q>Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir +alle deine Lieblingslieder vor.</q> +</p> + +<p> +Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht +von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam +weich, als er sagte: +</p> + +<p> +<q>Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch +wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen +Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser +Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele +andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und +lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag +<pb n='178'/><anchor id='Pgp0183'/>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer +Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!</q> +</p> + +<p> +Er klopfte sie zärtlich auf die Backe. +</p> + +<p> +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm +eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von +größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die +Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es +war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der +Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter +Unruhe flogen, und durcheinander rief es: +</p> + +<p> +<q>Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?</q> +</p> + +<p> +<q>Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe +nicht gesehen?</q> +</p> + +<p> +<q>Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer +in der Hand!</q> +</p> + +<p> +<q>Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch +gelegt, wer hat es denn fortgenommen?</q> +</p> + +<p> +Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß +sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen +suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid +und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den +Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten +– kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe +nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles +Fehlende gefunden. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich +<pb n='179'/><anchor id='Pgp0184'/>mache mich aus dem Staube,</q> sagte Onkel Heinz. <q>Adieu, +Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu +der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?</q> +fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das +weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn. +</p> + +<p> +Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, +nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von +Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und +konnten sich nicht von einander trennen, bis es von +unten rief: +</p> + +<p> +<q>Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr +denn?</q> +</p> + +<p> +<q>Wir kommen, wir kommen!</q> +</p> + +<p> +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen +Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte +Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, +das schnelle Rollen der Räder, und nun war +alles still. – +</p> + +<p> +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die +Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen +vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße +hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr +eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in +den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das +Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam +verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über +da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, +er legte sie aber beiseite und schaute – die eine +<pb n='180'/><anchor id='Pgp0185'/>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor +sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte +leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie +ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und +dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt +schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend +umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, +in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und +auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der +Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der +davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und +Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten +Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen +dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände +bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich +machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum +Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die +Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es +erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, +langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die +schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald +zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein +Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in +seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, +und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen +konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch +war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie +<pb n='181'/><anchor id='Pgp0186'/>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie +gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, +aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, +sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten +an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte +sich noch einmal. <q>Unsinn, Unsinn,</q> murmelte er +und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief. +</p> + +<p> +Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde +er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern +Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und +mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage +wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr +Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr +Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch +niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, +der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe +müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub +im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, +hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen. +</p> + +<p> +Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend +verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude +umgeben. +</p> + +<p> +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und +Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz +schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. +Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald +<pb n='182'/><anchor id='Pgp0187'/>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich +untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,</q> sagte +Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die +älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. +</p> + +<p> +<q>Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist +auch fein,</q> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen +Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie +durchaus noch nicht aus wie <q>alte Mütter</q>. Das Glück, +das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne +im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, +mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte +sie merkwürdig. +</p> + +<p> +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten +Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer +zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre +Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von +Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht +eben nur eine Mutter. +</p> + +<p> +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert +von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten +Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so +oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. +Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche +Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich +oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, +wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht +<pb n='183'/><anchor id='Pgp0188'/>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne +auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre +Schwester zu bringen. +</p> + +<p> +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist +dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die +Liebe macht blind. +</p> + +<p> +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten +Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern +einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, +die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen +mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie +Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren +der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer +festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme +Marianne! +</p> + +<p> +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche +Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre +Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen +hielt. +</p> + +<p> +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge +hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf +einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig +ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes +Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche +ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von +Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun, +<pb n='184'/><anchor id='Pgp0189'/>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz +genommen hatte, mit Behagen verzehrte. +</p> + +<p> +<q>Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich +amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?</q> fragte Ruth +vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite +niedergelassen hatte. +</p> + +<p> +<q>Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, +Fräulein Ruth,</q> erwiderte er. +</p> + +<p> +<q>Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? +In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas +nicht?</q> erkundigte sie sich. +</p> + +<p> +<q>Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so +würde dieser doch der schönste für mich sein,</q> antwortete +er mit Nachdruck. +</p> + +<p> +<q>So, und warum denn?</q> +</p> + +<p> +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, +denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, +welche seine Worte enthalten hatten. Er war +ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie +sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von +Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend +und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er +etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, +war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak +sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit +vor Erregung zitternder Stimme antwortete: <q>Weil Sie +hier sind!</q> und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: +<q>Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?</q> +</p> + +<pb n='185'/><anchor id='Pgp0190'/> + +<p> +Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, +verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt +zu werden. +</p> + +<p> +<q>Haben Sie mich denn nicht gern?</q> wiederholte er +eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete +sie hastig: <q>O ja, doch, natürlich.</q> +</p> + +<p> +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte +sie nach diesen Worten rasch voraus. +</p> + +<p> +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den +Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich +an seine Lippen. Während aber die Schwester und die +Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom +heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. +Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, +mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. +Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; +aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, +ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch +nur mit einem <q>Ja</q> antworten; sie hatte ihn ja wirklich +gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter +Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer +Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten +und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. +Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig +harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine +Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er +überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? +Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. +<pb n='186'/><anchor id='Pgp0191'/>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe +und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen +Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche +Frage an sie gerichtet habe. +</p> + +<p> +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich +aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, +beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und +raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief +sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter +spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne +Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen +Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender +Schein auf dem holden Mädchenantlitz. +</p> + +<p> +So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern +in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von +Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. +Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche +Gefühle hegen möchte. – +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte +Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin +ein über das andre Mal aus, und als sie fort +war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier +und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die +Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte +die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf +dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den +Papier<pb n='187'/><anchor id='Pgp0192'/>korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch +seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, +deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner +Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: <q>Auf dem Schreibtische ein für allemal +nichts anrühren!</q> was diese auch schnell begriff, +hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte +diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb +ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer +in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen +war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war +ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, +noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und +Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe +flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit +Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, +nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in +die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren +fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab +und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich +ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, +um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen +nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit +mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der +Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, +gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb +fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, +<pb n='188'/><anchor id='Pgp0194'/>die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung +setzte, nach den Freunden hin. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0187.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu +finden hoffte, so hatte er sich getäuscht. +</p> + +<p> +Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er +in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu +dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und +Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief sie leise, <q>bitte, bitte, komm erst +zu mir herein.</q> +</p> + +<p> +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer +Augen und fragte, was denn geschehen sei. +</p> + +<p> +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog +ihn zu sich ins Zimmer herein. +</p> + +<p> +<q>Was ist denn nur los?</q> fragte er nochmals, als +sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. +</p> + +<p> +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus +der Tasche und gab ihn dem Professor. +</p> + +<p> +<q>Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief +von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden +ist,</q> sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich +fort: <q>Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts +dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß +ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht +zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?</q> +</p> + +<p> +<q>Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch +von gar nichts,</q> unterbrach er sie, indem er den Brief +auseinanderfaltete und zu lesen begann. +</p> + +<pb n='189'/><anchor id='Pgp0195'/> + +<p> +<q>Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!</q> klagte +sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie +in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und +ab wandelte. +</p> + +<p> +<q>Ja,</q> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, +fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und +drehte an seiner Bartspitze. +</p> + +<p> +<q>Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht +schrecklich?</q> fragte sie angstvoll. +</p> + +<p> +<q>Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,</q> +gab er lächelnd zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Was soll ich denn aber tun?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja –</q> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und +kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche +Falten legte; <q>da ist nun schwer etwas zu +sagen.</q> +</p> + +<p> +Ruth hing sich an seinen Arm. +</p> + +<p> +<q>Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster +Onkel, du weißt ja doch immer alles,</q> sagte sie, ihn +vertrauensvoll anblickend. +</p> + +<p> +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten +Manier losplatzen, <q>daß er besseres zu tun hätte, als +über solche Dummheiten nachzudenken,</q> hatte aber doch +wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn +wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen +Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte +er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht +widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber +<pb n='190'/><anchor id='Pgp0196'/>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur +anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer +auf und ab. +</p> + +<p> +<q>Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?</q> +fragte er endlich. +</p> + +<p> +<q>Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,</q> lautete +die Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann +heirate ihn doch.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz,</q> unterbrach ihn Ruth hastig, +<q>wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn +deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du +doch?</q> +</p> + +<p> +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen +Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs +Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, +wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb +– überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen +Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. +Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; +sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz +sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig +ratlos. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du +dazu?</q> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich. +</p> + +<p> +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte +aber nur die nichtssagenden Worte heraus: +</p> + +<p> +<q>Ja, das ist nicht so leicht,</q> und fuhr dann +plötz<pb n='191'/><anchor id='Pgp0197'/>lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: +<q>Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich +heiraten zu wollen?</q> +</p> + +<p> +<q>Das war so, Onkel Heinz,</q> begann Ruth; <q>gestern +abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern +hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch +wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da +ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint +hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?</q> +</p> + +<p> +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es +war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung +zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen +Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und +Ruth wurde immer dringender. +</p> + +<p> +<q>Ach, gib mir doch eine Antwort,</q> bat sie +flehentlich. +</p> + +<p> +<q>Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein +Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes +Zeug zerbrechen,</q> fuhr er barsch heraus; als er aber sah, +daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen +stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte +er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei +Dank nur selten weinte. +</p> + +<p> +<q>Na – wir wollen mal sehen, Kröte,</q> sagte er zärtlich, +<q>was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will +mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas +dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige +<pb n='192'/><anchor id='Pgp0198'/>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem +Augenblicke ertönte draußen die Klingel. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn +nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,</q> rief sie +und klammerte sich angstvoll an seinen Arm. +</p> + +<p> +<q>Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, +Ruth?</q> fragte er und empfand dabei die Beruhigung, +daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe. +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade +mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte +ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr +aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was +ich tun muß.</q> +</p> + +<p> +Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus. +</p> + +<p> +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm +ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten +abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei +geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth +stürzte aufgeregt herein. +</p> + +<p> +<q>Na, was ist denn schon wieder los?</q> fragte +Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!</q> jammerte +sie laut. +</p> + +<p> +<q>Ja, was ist denn zu spät?</q> fragte er. +</p> + +<p> +<q>Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und +Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat +– ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun +tun, was soll ich anfangen?</q> +</p> + +<pb n='193'/><anchor id='Pgp0199'/> + +<p> +Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, +trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment +schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung +fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und +das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in +lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden +Randbemerkungen begleitete. +</p> + +<p> +<q>Ich werde überhaupt nicht heiraten,</q> fing sie an. +</p> + +<p> +<q>Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, +aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal +die Hauptsache, das Heiraten,</q> sagte er. +</p> + +<p> +<q>Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde +einen Mann nur quälen und unglücklich machen,</q> fuhr +sie fort. +</p> + +<p> +Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis +einer edlen Seele. +</p> + +<p> +<q>Na – das müßte man doch erst mal abwarten, +du bist noch lange nicht die schlechteste,</q> sagte er. +</p> + +<p> +<q>Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, +– du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das +<q>Nein, nein, Gott sei Dank nicht,</q> kam doch in einem +Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb +wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der +Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte +wieder die freundlichen hellen Räume und als +Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er +an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu +<pb n='194'/><anchor id='Pgp0200'/>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch +schon von manchem Silberfaden durchzogen war. +</p> + +<p> +<q>Weißt du, Onkel Heinz,</q> rief Ruth plötzlich und +sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <q>wenn ich +überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du +es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.</q> +</p> + +<p> +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang +ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner +Schulter ruhen. – +</p> + +<p> +Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine +Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen +und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen +diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in +dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb +zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser +zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem +Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, +legte er seinen Arm um ihre Taille. +</p> + +<p> +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie +bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den +alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr +Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun +geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz +auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner +besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein +ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen +<pb n='195'/><anchor id='Pgp0201'/>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts +Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl +einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, +als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme +sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes +Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen +erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte +den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige +Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten +brauche, wenn man ihn auch gern hätte. <q>Gernhaben</q> +und <q>Liebhaben</q> wäre doch ein großer Unterschied, +erklärte Ruth. +</p> + +<p> +Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; +woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas! +</p> + +<p> +<q>Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, +daß ich ihn nicht heiraten könnte,</q> drängte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm +schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde +dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit +bereiten,</q> sagte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei +Vater im Zimmer?</q> fragte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Bewahre.</q> +</p> + +<p> +<q>Ihr spracht doch mit einem Herrn.</q> +</p> + +<p> +<q>Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater +und mir seinen Besuch machen wollte,</q> setzte Ilse auseinander. +</p> + +<p> +<q>Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so +<pb n='196'/><anchor id='Pgp0202'/>schlimm,</q> sagte Onkel Heinz, <q>und ich werde auch noch +mit Jansen sprechen.</q> +</p> + +<p> +In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse +ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten +Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, +als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet +hatte, von ihr genommen wurde. +</p> + +<p> +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch +noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, +die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen +besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. +</p> + +<p> +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und +Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich +an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, +das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem +Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht +in kritischen Augenblicken. +</p> + +<p> +Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft +gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. +Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen +unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jäckchen auszog. +</p> + +<p> +Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, +fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth. +</p> + +<p> +<q>Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?</q> +Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an. +</p> + +<p> +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten +<pb n='197'/><anchor id='Pgp0203'/>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. +Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein +Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand +leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem +die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es +begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände +wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl +hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen +– und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht +Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen +wären. Marianne war ohnmächtig geworden. – +</p> + +<p> +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die +Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, +um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster +Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er +stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht +der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von +Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser +herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, +mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, +während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut +ins Ohr schrie: +</p> + +<p> +<q>O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!</q> +</p> + +<p> +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. +</p> + +<p> +Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um +Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch +nicht zurückkehren wollte. +</p> + +<pb n='198'/><anchor id='Pgp0204'/> + +<p> +<q>Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt +sie nicht wieder zu sich,</q> sagte Onkel Heinz auf einmal, +nachdem er eine Weile zugesehen hatte. +</p> + +<p> +<q>Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,</q> meinte +Ilse besorgt. +</p> + +<p> +<q>Ach was, der kann auch nichts helfen,</q> erwiderte +der Professor. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? +Woher kommt es nur?</q> fragte Ruth voller Angst. +</p> + +<p> +<q>Woher das kommt?</q> wiederholte er bedeutungsvoll. +<q>Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball +schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt +unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr +unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann +am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist +kein Wunder.</q> +</p> + +<p> +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er +von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball +angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen +zu. +</p> + +<p> +<q>Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, +hilft nichts,</q> fing er wieder an. +</p> + +<p> +<q>Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen +Sie doch,</q> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch +seinen Ton. +</p> + +<p> +<q>Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, +daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. +<pb n='199'/><anchor id='Pgp0205'/>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, +nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da +gibt es doch nichts zu jammern,</q> rief er dann den +Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten. +</p> + +<p> +<q>Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,</q> +konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht +unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder +einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte. +</p> + +<p> +<q>Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich +man hat kein Gefühl,</q> erwiderte er ruhig. +</p> + +<p> +Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort +schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die +Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in +Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, +Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: <q>Na, +Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für +Geschichten!</q> +</p> + +<p> +Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein +gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich +an zu schluchzen. +</p> + +<p> +<q>Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?</q> rief Thusnelda +mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters +– und trat mit der Schwester herzu. Der Professor +drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie +schweigen möchten, zurück. +</p> + +<p> +Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten +Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor +<pb n='200'/><anchor id='Pgp0206'/>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das +herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor +wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. +Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich +unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal +sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich +zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein +flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm +innig die Hand. – +</p> + +<p> +Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung +anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren +Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer +brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen +einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die +Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen +Szene bei Gontraus. <q>Ja, ja, so etwas würde auch +vorkommen,</q> schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und +im Selbstgespräche antwortete er darauf: <q>es ist schon +besser so.</q> Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die +kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, +setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun +ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die +gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, +erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich +Onkel Heinz doch am wohlsten. +</p> + +<p> +Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur +das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier +<pb n='201'/><anchor id='Pgp0207'/>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und +knisterte. +</p> + +<p> +Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt +bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich +vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich +nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. +Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte +ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das +war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! +Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche +Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie +ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben +habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches +Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich +ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt +gewesen, daß er dasselbe erwidere. +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals +den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, +daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln +können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte +an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben! +</p> + +<p> +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte +von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so +sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester +und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen +erfuhr der <anchor id="corr201"/><corr sic="Profossor">Professor</corr>, daß Marianne krank im Bett liege, daß +man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung +konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe. +</p> + +<pb n='202'/><anchor id='Pgp0208'/> + +<p> +<q>Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen +Liebe!</q> rief Ruth laut jammernd aus. +</p> + +<p> +<q>Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in +verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,</q> entgegnete +Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Sie ist aber so elend.</q> +</p> + +<p> +<q>Wird sich schon wieder erholen.</q> +</p> + +<p> +<q>Glaubst du wirklich?</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,</q> redete +er ihr liebevoll zu. +</p> + +<p> +<q>Warum mußte es auch so kommen?</q> klagte Ruth. +<q>Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch +auch nicht. +</p> + +<p> +<q>Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich +liebte?</q> fragte das junge Mädchen den alten +Hagestolz in ernstem Tone. +</p> + +<p> +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. +</p> + +<p> +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor +sich hin. +</p> + +<p> +<q>Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?</q> fragte sie +dann wieder. +</p> + +<p> +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich +zusammen. +</p> + +<p> +<q>Dummes Zeug! Unsinn!</q> sagte er dann ziemlich +schroff. +</p> + +<p> +<q>Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?</q> Und +<pb n='203'/><anchor id='Pgp0209'/>als er nicht antwortete, fuhr sie fort: <q>Weißt du, Onkel +Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.</q> +</p> + +<p> +<q>Was die Kröte da heute doch immer von Liebe +schwatzt,</q> dachte der Professor bei sich. +</p> + +<p> +<q>Willst du wissen, was ich wohl möchte?</q> fragte +Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch +feuchten Augen blitzten auf. <q>Willst du es wissen? Ich +möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, +ich möchte – eine Künstlerin werden.</q> +</p> + +<p> +Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt +hatte sie diese Worte ausgerufen. +</p> + +<p> +<q>Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was +eine Künstlerin ist?</q> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ +nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend. +</p> + +<p> +Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an +mit höchst wichtiger Miene. +</p> + +<p> +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: +</p> + +<p> +<q>Siehst du, Onkel, hier – hier –,</q> sie zeigte auf +ihr Herz, <q>da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht +wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, +als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich +und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann +hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt +es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als +trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann +denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder +wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! +Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude +<pb n='204'/><anchor id='Pgp0210'/>an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir +traurig.</q> +</p> + +<p> +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte +sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese +Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es +machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand +doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung +funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind +kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene +Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt +kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz +sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine +alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, +als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er +sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie +noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine +andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch +immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die +da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich +über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr +losreißen. +</p> + +<p> +<q>Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?</q> +bemerkte sie lächelnd. +</p> + +<p> +Da erwachte er aus seinen Gedanken. +</p> + +<p> +<q>Hm!</q> brummte er nur und fuhr sich über seine +Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal +so. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> fing sie wieder an und schmiegte +<pb n='205'/><anchor id='Pgp0211'/>sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund. +<q>Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt +mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.</q> +</p> + +<p> +<q>Da werde ich mich schön hüten,</q> warf er ein und +lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu +verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig +bringen. +</p> + +<p> +<q>Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll +ich denn tun?</q> fragte er aber dennoch. +</p> + +<p> +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß +er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> kam es etwas zaghaft und zögernd +von ihren Lippen, <q>wenn du doch nur mal mit den Eltern +sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden +lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, +und siehst du,</q> fuhr sie leidenschaftlich fort, <q>ich möchte +so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, +will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur +der Kunst leben.</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist ja Unsinn,</q> sagte der Professor ausweichend, +aber sie unterbrach ihn ernsthaft. +</p> + +<p> +<q>Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein +Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. +Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.</q> +</p> + +<p> +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, +Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte +er nun einmal nicht sehen. +</p> + +<p> +<q>Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch +<pb n='206'/><anchor id='Pgp0212'/>immer gleich flennen müßt,</q> sagte er etwas unmutig, +streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt +bis tief in die Schläfen fielen und das feine, +schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen +ließen. <q>Aber das mit der Künstlerin schlage +dir nur aus dem Sinn,</q> fuhr er fort, <q>das geht nicht, +das geht auf keinen Fall.</q> +</p> + +<p> +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. +</p> + +<p> +<q>Aber Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +<q>Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin +werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?</q> +Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ +verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne +gehen wolle. <q>Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut +dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die +Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus +wird nichts!</q> +</p> + +<p> +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, +denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, +war ihm ein furchtbarer Gedanke. <q>Ja, ja, wenn das +alles so wäre, wie es sein sollte,</q> setzte er wie im Selbstgespräche +fort, <q>aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, +das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. +Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten +Menschen überhaupt einen Begriff!</q> +</p> + +<p> +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte +schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß +es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest. +</p> + +<pb n='207'/><anchor id='Pgp0213'/> + +<p> +<q>Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, +darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte +ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben +können, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den +Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, +das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur +oberflächlich und nicht das Richtige ist.</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine +Stimme ist nicht übel, das ist wahr,</q> sagte er einlenkend. +</p> + +<p> +Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und +fragte nun freudig und zuversichtlich: +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?</q> +</p> + +<p> +<q>Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch +lange nicht,</q> sagte er abwehrend. +</p> + +<p> +<q>Einziger, süßer Onkel, tue es doch!</q> bat sie und +hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte +aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit. +</p> + +<p> +<q>Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß +zum Lohn,</q> versprach sie. +</p> + +<p> +<q>Will ich gar nicht,</q> brummte er vor sich hin. +</p> + +<p> +<q>Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,</q> rief sie +lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt +abgemacht wäre: <q>Wann willst du denn mit den Eltern +sprechen?</q> +</p> + +<p> +<q>Gar nicht,</q> erwiderte er kurz. +</p> + +<p> +Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte +weiter: +</p> + +<pb n='208'/><anchor id='Pgp0214'/> + +<p> +<q>Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne +krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht +wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?</q> +</p> + +<p> +<q>Nein!</q> +</p> + +<p> +<q>Bitte, bitte, sage ja.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, nein!</q> widersprach er heftig. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen +Augen widerstehen können! Der Professor konnte es +wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte. +</p> + +<p> +<q>Lieber Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Er antwortete nicht. +</p> + +<p> +<q>Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!</q> +</p> + +<p> +Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und +liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der +Kröte nun einmal nichts <anchor id="corr208"/><corr sic="abschlagen.«">abschlagen.</corr> +</p> + +<p> +<q>Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!</q> rief er laut. +</p> + +<p> +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und +trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – +den versprochenen Lohn – gern ein. – +</p> + +<p> +Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. +Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele +wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich +schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, +der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach +wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht +hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, +weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander +<pb n='209'/><anchor id='Pgp0215'/>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als +sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man +kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll +gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig +und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor +aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als +treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach +natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles +besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos +war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten +Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, +sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. +</p> + +<p> +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. +Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich +von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich +einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach +Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst +bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein +peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl +hervorgerufen haben würde. +</p> + +<p> +Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte +Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von +Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit +dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie +ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der +Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine +künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe, +<pb n='210'/><anchor id='Pgp0216'/>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst +des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium. +</p> + +<p> +Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich +war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing +wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, +ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch +aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck +in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches +Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz +tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild +des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie +noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte +wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, +wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie +bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, +den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst +aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz +eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. +Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste +und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, +konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. +Na, und wenn er mit den beiden Kröten am +Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die +Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein +geschworener Feind der modernen Malerei, über die er +mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden +<pb n='211'/><anchor id='Pgp0217'/>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann +zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, +und er erzählte es später Ilse voller Stolz. +</p> + +<p> +Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen +trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt +hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und +Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit +nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte +frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so +daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde +erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen +war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. +</p> + +<p> +So verging der Winter und der Sommer und noch +ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. +– Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen +ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn +in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von +Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten +hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten +schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter. +</p> + +<p> +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte +Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang +hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft +war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten +und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen +Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein +welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen +<pb n='212'/><anchor id='Pgp0218'/>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre +Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald +und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne +erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese +Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen +war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben +verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an +den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, +umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im +Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende +Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn +das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand +und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr +und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage +das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die +Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und +gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige +Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für +den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt +aus, als beschäftige sie etwas lebhaft. +</p> + +<p> +<q>Wenn nur alles gut geht,</q> sagte sie seufzend zu +dem Professor. +</p> + +<p> +Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete: +</p> + +<p> +<q>Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig +gelernt, die kann ja was.</q> +</p> + +<p> +<q>Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas +zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das +<pb n='213'/><anchor id='Pgp0219'/>nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, +was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth +immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel +Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin +erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als +auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, +und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir +doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen +den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine +Sängerin fertig ist, dauert es lange.</q> +</p> + +<p> +<q>Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu +etwas Tüchtigem, das weiß ich,</q> versicherte Onkel Heinz +mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt +werden, wenn er es einmal gesagt habe. +</p> + +<p> +<q>Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,</q> +meinte Ilse und holte tief Atem. +</p> + +<p> +<q>Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu +haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe +Frau Gontrau,</q> sagte Onkel Heinz und legte einen +Augenblick seine Hand auf ihren Arm. +</p> + +<p> +Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen +wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, +ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte +sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige +Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das +man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in +<pb n='214'/><anchor id='Pgp0220'/>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und +ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die +wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel +ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung +und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine +unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie +oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend +selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran +gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; +sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht +man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das +ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles +dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. +Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite +schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, +wie wohl das Konzert ausfallen würde, in +welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in +der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein +neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken +zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber +nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn +Diplomatie war nicht seine starke Seite. +</p> + +<p> +<q>Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,</q> fing er dann +plötzlich an, <q>bei Superintendents ist man wohl überglücklich, +daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens +ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern +bei mir.</q> +</p> + +<pb n='215'/><anchor id='Pgp0221'/> + +<p> +<q>Ja,</q> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, +<q>Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie +hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und +was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran +gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, die <hi rend='antiqua'>selfmade men</hi>, das sind die besten,</q> +warf Onkel Heinz ein. +</p> + +<p> +<q>Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt +hat, nicht wahr?</q> fragte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich +sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, +denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man +wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die +amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der +Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen +hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist +doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an +Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange +drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß +der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar +nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen +Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und +da war die Sache bald abgemacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,</q> +warf Ilse ein. <q>Er hatte es so gut bei den Leuten, +die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, +<pb n='216'/><anchor id='Pgp0222'/>weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache +des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er +nicht tun sollen.</q> +</p> + +<p> +<q>Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig +von ihm,</q> widersprach Onkel Heinz, <q>so wird das da +drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. +Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du +lieber Gott, schlechte Zeiten muß der <hi rend='antiqua'>selfmade man</hi> auch +mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja +nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen +und Barone.</q> +</p> + +<p> +<q>Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause +in San Franzisko eine brillante Stellung haben. +Rosi erzählte mir strahlend davon,</q> meinte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls +ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem +Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den +spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,</q> gab Onkel +Heinz zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab +all die Jahre hindurch,</q> wandte Ilse vorwurfsvoll ein. +</p> + +<p> +<q>Da hatte er ganz recht,</q> unterbrach sie der Professor +von neuem; <q>er wollte erst was ordentliches werden. +Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, +sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der +hätte ganz anders behandelt werden müssen.</q> +</p> + +<pb n='217'/><anchor id='Pgp0223'/> + +<p> +<q>Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer +dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es +schreckliche Jahre,</q> erwiderte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr +leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine +andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt +alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß +mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,</q> neckte +Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen +Seitenblick auf sie. +</p> + +<p> +<q>Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, +Onkel Heinz?</q> rief Ilse lachend. +</p> + +<p> +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um +seinen Mund bewies, wie er darüber dachte. +</p> + +<p> +<q>Sind Sie denn nun ruhiger?</q> fragte er nach einer +kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und +als Ilse nickte, fuhr er fort: <q>Na, sehen Sie wohl, wie +gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz +genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang +in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls +viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin +zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber das war doch kein Zuckerwasser,</q> berichtigte +sie lachend, <q>das war ja Bromkali –</q> +</p> + +<p> +<q>Weiß schon, weiß schon,</q> unterbrach er sie schnell. +<q>Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch +nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. +Ver<pb n='218'/><anchor id='Pgp0224'/>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nützen.</q> +</p> + +<p> +<q>O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,</q> sagte +Ilse; <q>bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig +macht. Gehen Sie mit herein?</q> fragte sie dann den +Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem +Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber +heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen +wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen, +die müsse Ruhe haben. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0218.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als +er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange +des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er +überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen +würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und +da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre, +wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo +er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, +ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte +sich schon am Morgen über den <q>wunderlichen alten +Herrn</q> amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in +welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle +Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen +aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung +sein und nicht ein Tüpfelchen anders. +Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den +<pb n='219'/><anchor id='Pgp0226'/>fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt, +das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten +enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das +Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht +worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und +zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, +die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht +paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel +Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge +Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine +Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich +erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu +alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten +Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich +lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden +Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich +besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte +sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten +jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen +Menschen verkehren mußte. +</p> + +<p> +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, +schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach +der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden +sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte +Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm +sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit +<pb n='220'/><anchor id='Pgp0227'/>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster +schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die +nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf; +er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden +waren, ging dann noch ein Weilchen auf und +ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete +Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits +dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten +Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle +Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte +beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete +sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, +worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im +Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, +Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – +und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder +Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und +kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es +war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, +und bewundernd hingen seine Blicke oft an der +reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn +manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel +ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor +fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, +als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre +Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und +<pb n='221'/><anchor id='Pgp0228'/>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel +Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg +zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem +Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten +sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente +gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange +nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung +von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich +unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen. +Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen +wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, +seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, +waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. +Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die +Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu +glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze +Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen +durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der +Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet +hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast +einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme, +deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders +hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, +daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo +hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte +sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu: +<q>Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben +<pb n='222'/><anchor id='Pgp0229'/>brauchten, hatte ich nun nicht recht?</q> Sie lächelte wie +verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat +Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut +die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes +Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. +Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand +mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die +frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten +könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf +aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur +keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben, +niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie +Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. +Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine +förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu +Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde +traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer +Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl +entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu +warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die +Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte +er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne, +aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach +und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus +seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe +heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja +nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter +<pb n='223'/><anchor id='Pgp0230'/>ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, +und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende +die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. +Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er +nicht viel, nur die Worte: <q>Alte, gute Kröte,</q> wiederholte +er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe +klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige +Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber +dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In +den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude +hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch +Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die <anchor id="corr223"/><corr sic="Zwillinge">Zwillinge,</corr> +alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die +Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr +zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und +Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche +ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war +sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der +jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre +waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte +zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war +grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben +Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand. +</p> + +<p> +<q>O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,</q> sagte +<pb n='224'/><anchor id='Pgp0231'/>Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten +so nebeneinander standen. Direktor Althoff war +aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, +die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. +Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch +Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren +leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden +Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge +Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den +langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der +Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre +Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was +sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht, +aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, +denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese +Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten +Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich +laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, +und mit harten Schritten ging der Kastellan über die +Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit +zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen. +</p> + +<p> +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit +den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und +das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an +einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause +bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das +<pb n='225'/><anchor id='Pgp0232'/>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte; +bedächtig gingen die Alten hinterher. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, aus Kindern werden Leute,</q> sagte Ilse +zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen +zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick +auf Ruth und Marianne: <q>Wie lange wird’s dauern, +und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.</q> +</p> + +<p> +<q>Über so etwas muß man eben nicht sentimental +denken,</q> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern +hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn +er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu +müssen. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir +mal allein sein werden?</q> fragte Ilse den alten Freund +schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. +</p> + +<p> +<q>Ja, was fangen wir an?</q> wiederholte er und sah +sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln +über sein Gesicht, und er sagte: <q>Dann schreiben Sie +doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.</q> +</p> + +<p> +Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und +sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas +rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse +ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. +</p> + +<p> +<q>Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,</q> rief sie; +<q>vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen +Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da +auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen +<pb n='226'/><anchor id='Pgp0233'/>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar +eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +<q>Na, das wird was Schönes werden,</q> gab der +Professor zur Antwort, <q>eine schreibende Frau? Brr!</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie +doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie +bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war – +eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter +böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und +ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle +meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +<q>Durch mich?</q> fragte er, sie ungläubig ansehend. +</p> + +<p> +<q>Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es +mir nur,</q> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und +der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie +die volle Wahrheit gesprochen hatte. +</p> +<p rend="margin-top: 4"> +<hi rend="font-size: small">Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses +Bandes unter dem Titel <q>Trotzkopf als Großmutter</q> in gleichem +Verlag erschienen ist.</hi> +</p> + </body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr + einzelne Wörter aus + fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, + ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.</p> + </then> + <else> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr + einzelne Wörter aus + fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p> + </else> + </pgIf> + <p>Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht.</p> + <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p> + <list> +<item><ref target="corr012">Seite 12</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“</item> +<item><ref target="corr015">Seite 15</ref>: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“</item> +<item><ref target="corr076">Seite 76</ref>: „Schmids“ geändert in „Schmidts“</item> +<item><ref target="corr090">Seite 90</ref>: „langezogene“ geändert in „langgezogene“</item> +<item><ref target="corr113">Seite 113</ref>: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“</item> +<item><ref target="corr149">Seite 149</ref>: „Arger“ geändert in „Ärger“</item> +<item><ref target="corr162">Seite 162</ref>: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“</item> +<item><ref target="corr201">Seite 201</ref>: „Profossor“ geändert in „Professor“</item> +<item><ref target="corr208">Seite 208</ref>: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter „abschlagen.“</item> +<item><ref target="corr223">Seite 223</ref>: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“</item> + + </list> + + </div> + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> diff --git a/39350-tei/images/cover.jpg b/39350-tei/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8cddf8c --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/cover.jpg diff --git a/39350-tei/images/illu_frontispiece.png b/39350-tei/images/illu_frontispiece.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6411162 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_frontispiece.png diff --git a/39350-tei/images/illu_on_p0001.png b/39350-tei/images/illu_on_p0001.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f5aca64 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_on_p0001.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6225d4a --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0270a07 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ef99379 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2960a26 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..428cff0 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..29c1a04 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p032.png b/39350-tei/images/illu_opp_p032.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5a83d4f --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/illu_opp_p032.png diff --git a/39350-tei/images/title.png b/39350-tei/images/title.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0c823d1 --- /dev/null +++ b/39350-tei/images/title.png diff --git a/39350.txt b/39350.txt new file mode 100644 index 0000000..d764e82 --- /dev/null +++ b/39350.txt @@ -0,0 +1,6628 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Aus Trotzkopf's Ehe + +Author: Else Wildhagen + +Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + [Illustration] + + + + + + [Illustration: Titelseite] + +AUS TROTZKOPF's +EHE + VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH + VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT" +DRITTER BAND zum "TROTZKOPF" +VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK + +Vierzigste Auflage + +STUTTGART +GUSTAV WEISE VERLAG + + + + + + Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. + + + + + + + [Illustration: Ornament] + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen +durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen +Maedchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die +Tuer zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geoeffnet hatte und hineinschaute. +Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte +ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestuemen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam +nicht los. + +"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet, +ihr Kroeten, ich werde euch kommen!" + +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der +Junge aber und das aelteste der beiden Maedchen, ein dunkellockiges Kind mit +blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein +Raufen und Balgen, dass sie wie ein Knaeuel umherkollerten. + +"Aber Ruth, schaeme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in +diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte +dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Aermchen fest um seinen Hals schlang. Ruth +aber, Gontraus wilde Aelteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten +sich hinter seinen Ruecken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei +zurueck. Das war ein Hauptspass. + +"Kinder, so seid doch endlich vernuenftig," legte sich Nellie jetzt ins +Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten +wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe. + +"Ja, nun hoert endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten +die Uebermuetigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den +Worten: + +"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?" + +"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab +er zur Antwort. + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da +stand Ruth in seinem Hut und Ueberzieher, die er beide auf einen Stuhl +neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fuer die Kinder, und +bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ueber die +Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Grossen nicht ernst bleiben. +Natuerlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, +bis Ilse der Sache ein Ende machte. + +"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in +mein Zimmer." + +"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen +Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an +seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, dass er +nicht von der Stelle konnte. + +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu +warfen sich die Kinder ueber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war +ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schliesslich doch +Gewalt gebrauchen musste, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der +wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde +von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den uebrigen hingen die +Haare wirr um den Kopf, und aus den lebenspruehenden Kindergesichtern +leuchtete die helle Freude ueber den gut gelungenen Spektakel. + +"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschuettelnd, aber solche +Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflaeche +erschien. + +"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den +Professor ansah. + +"Ja, ja, Pruegel muessen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar boesem +Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine +lustig zwinkernden Augen und wussten genau, so schaute er nicht aus, wenn +er ernstlich boese war. + +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Haende +gerutscht waren, rueckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ueber sein +kurzgeschorenes Haar, als wollte er fuehlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten waeren, aber sie standen nach wie +vor gerade in die Hoehe, tadellos in Reih und Glied. + +"Mutter, duerfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und +die andern bettelten ebenfalls. + +"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," quaelte sie, als die Mutter +keine Miene machte, ihre Bitte zu erfuellen. + +"Da lassen Sie man die Kroeten mitkommen," legte er sich nun auch ins +Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, dass seinem Patenkinde und Liebling +Ruth etwas abgeschlagen wurde. + +"Kinder, da muesst ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen +damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, dass +sie in der Kinderstube bleiben sollten. + +Ohne weiteres fuegten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges +Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen +zufluesterte, dass sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schoenes holen +sollte. + +Einige Minuten spaeter sassen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem +grossen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespraeche. +Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verliessen, hatte Ilse sich wenig +veraendert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, +waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas +voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten +gebaendigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie +hervor, kraeuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ueber ihre +reizenden kleinen Ohren, zum Aerger Leos, von dem es eine gewohnheitsmaessige +Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehoere auch das Ohr, ebensogut wie die +Nase, und es verloere an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu +sehen waere. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschoen wie +frueher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, dass ihr Ausdruck ein geradezu +sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm" +stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie +auch recht. + +Nur bei einem einzigen Wesen liess sie "sanft" ohne den wenig +schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin +Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und +gesiegt. + +An ihr waren die Jahre nicht spurlos voruebergegangen wie an Ilse. Der alte +Schelm in den Gruebchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frueher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingepraegt, +die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. + +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, +und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine +wuerdige Frau Superintendentin geworden war. + +Althoff hatte als Direktor am staedtischen Gymnasium Karriere gemacht und +konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider +machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und +da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stiess, sondern immer die +lebhafteste Teilnahme fuer die geringfuegigste Klage fand, nahm er sich auch +nicht im mindesten zusammen. + +"Du verwoehnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das +nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fuer ihn tun? Kinder, fuer die +sie haette sorgen koennen, besass sie zu ihrem groessten Kummer nicht, sie +musste aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das +lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast taeglich, spielte mit +den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der groessten Liebe +an ihr. + +In der Daemmerstunde erschien auch haeufig der Professor bei Gontraus, und +meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde +dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie musste ja erst sehen, +ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute noetigte Ilse +zum Bleiben. + +"Es ist ein so koestlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und +oeffnete weit die Fenster, damit die milde Fruehlingsluft hereinstroemen +konnte. Auf der aeussersten Spitze des Birnbaumes draussen wiegte sich ein +Starmaetzchen und sang aus voller Kehle in klaren und floetenden Toenen, +aehnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Daemmerung +senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die fruehlingslichte Natur, +und am Horizonte erschien mattglaenzend die silberne Mondsichel. + +Der Professor hatte wie immer viele Ausfluechte, er habe keine Zeit, und zu +Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse liess nicht locker, sie +kannte ihn, er liess sich gerne zureden. + +"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie +wusste, dass er schliesslich doch bleiben wuerde. + +"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem +Nachdruck, "das ist auch recht gut." + +"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Buechern sitzen! Sehen +Sie doch nur hier diesen wonnigen Fruehlingsabend, wie das duftet, wie die +Voegel zwitschern, das ist ja alles viel schoener, als Ihr alter +Buecherkram." + +"Buecherkram? Wieso alter Buecherkram?" fragte er, die Worte "alter" und +"Kram" besonders betonend, waehrend er anfing die Spitze seines dunklen +Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, +Ilse kannte es genau. + +"Mit Buecherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort. + +"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das +nicht gemeint. Aber Sie duerfen nicht immer arbeiten, Sie muessen doch auch +mal ausruhen." + +"Ich weiss am besten, was ich tun muss," erwiderte er nicht gerade +freundlich, doch Ilse liess sich dadurch nicht einschuechtern, sie kannte +seine Art. + +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als +Dozent an der Universitaet niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in +B. als Assessor taetig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als haeufigster Gast zu ihnen ins Haus. +Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte +mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo muehsam in +die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das naemlich nach +seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst muesste +mit dem Steinmeissel ein Loch geschlagen werden, da hinein kaeme ein +Holzpfloeckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer grossen +Umstaendlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass seine +eingeschlagenen Naegel sich noch nicht von der Stelle geruehrt hatten. Trotz +aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse +mit Rat und Tat zur Hand, so dass sie schliesslich bei vielen Dingen nicht +ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne +einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische +und spoettische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, +nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur +wenige Jahre aelter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der +Universitaet her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der +Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in +Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine ruehrende Liebe +zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er +ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, +Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. +Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafuer besass er aber +auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. - + +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred +selbst zu holen. + +"Ich kann ja das Maedchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie liess das +nicht zu. + +"Ich weiss nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will +deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in +Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, +nach Gontraus zu kommen. + +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen +an. + +"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurueckhaltend, und wies +jeden Einwand, den er machen wollte, zurueck. + +"Wissen Sie was," rief sie ploetzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister +gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem +Jahre, Onkel Heinz - koennen Sie da widerstehen?" + +Er lachte. + +Die gemuetlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genuege. Die Geister, die +ihnen entstiegen, waren nicht truebselig, es waren die des Frohsinns und +der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugaenglich, ja +unliebenswuerdig, und liessen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links +liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kaempfe, +ihn heranzuziehen, wenn eine groessere Gesellschaft versammelt war. + +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne +langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben. + +"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres uebrig als dazubleiben," sagte er +vergnuegt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht, +er macht sie regelmaessig zu suess." + +"Natuerlich, natuerlich," sagte Ilse, "doch dann muessen Sie mit in die Kueche +kommen, Onkel Heinz." + +Er folgte ihr und traf nun in umstaendlichster Weise seine Vorbereitungen. +Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, dass Onkel Heinz draussen +erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte +ihm eine grosse, weisse Kuechenschuerze umgebunden, Marianne kletterte auf +einen Stuhl und beugte das Koepfchen tief ueber die Terrine, aus welcher +schon der aromatische Duft der Maikraeuter emporstieg, und Fritz fehlte +natuerlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel +Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fuehrte er nocheinmal ein +Glas an den Mund - sie war gut geraten. + +"Na, nun wollt ihr Kroeten wohl auch schmecken?" fragte er. + +"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich +wollten alle nach dem frisch gefuellten Glase greifen, das er hoch in der +Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreissen konnten. + +"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar +nichts!" Damit draengte er die verlangenden Kinderhaende zurueck, und der +Reihe nach bekam jedes zu kosten. + +Bei dem einen Glase blieb es natuerlich nicht, Onkel Heinz fuellte noch +einige Male nach. + +"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute +sich ueber den guten Zug des Jungen, der zu den schoensten Hoffnungen +berechtigte. + +"Aber, bester Professor, wie koennen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu +trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kraeftigen +Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. + +"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz. + +"Ach natuerlich, Kinder duerfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen +schaedlich!" + +"Schaedlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schaedlich sein, wer sagt +das?" + +"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort. + +"Na ja, die Aerzte!" fiel Onkel Heinz mit hoehnischem Lachen ein; "wenn die +so etwas behaupten, koennen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist +es nur Unsinn." + +Ilse aergerte sich ueber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, +ihre Laune war an diesem schoenen Abend eine zu gute, und die wollte sie +sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ueber +diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Missstimmung zurueck. + +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu +Bett. Dem Quaelen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig +aufbleiben koennte, setzte sie ein unerschuetterliches "Nein" entgegen. + +Einige Zeit spaeter sassen die Freunde bei der Bowle vergnuegt zusammen, und +Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ueber das gute Gelingen +derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz daemmerig, aber draussen war es +noch hell und licht, ein wonniger Fruehlingsabend. Jeder empfand in seiner +Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sass manchmal stumm und +blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor floetete +jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich +hellglaenzend vom Himmel ab. + +"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse +uebergluecklich an. Die Freude ueber das gemuetliche Zusammensein blickte ihm +so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht, +trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit +Argusaugen darueber wachte, dass Fred ja nicht zu viel trank, fluesterte ihm +leise zu, dass er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getraenke +Kopfschmerzen bekaeme. + +Ilse hatte die leise Warnung gehoert. + +"Nellie, Nellie, immer musst du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar +nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals +eigenhaendig ein. + +"O," sagte seine Frau mit einem aengstlichen Blick auf das frischgefuellte +Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. +Er sass so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie fuer Froesteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den +Platz mit ihr wechseln wolle, es kaeme gerade, wo er saesse, ein kuehler +Luftzug herein. + +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schliessen, Althoff und der +Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spoettischen +Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja! + +"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Maedchen jetzt die +Lampe hereinbrachte und sich der blaeuliche Mondesschimmer mit dem +gelblichen Scheine unschoen vermischte. + +Jetzt so in der duftigen Helle da draussen hinzuwandern, in die +fruehlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, +immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, +unbelauscht zu sein, ganz in der goettlichen Natur, o das waere eine Wonne! +So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens +verfolgte sie fortwaehrend. Sie hoerte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff +von der neuesten Unerhoertheit eines Primaners erzaehlte, ueber dessen Haupte +die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ueber +Paedagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie +empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu +unternehmen, wie man ihn fuehlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Fluegel +zu verleihen scheint, sich ueber das alltaegliche zu erheben. In solcher +Stimmung war Frau Ilse, und waehrend Leo und Nellie glaubten, dass sie +gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor +und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein +abenteuerlicher Plan. + +"Kinder," rief sie ploetzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!" + +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit +auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fuer die Kinder ein andrer +werden muesse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse +sich ihr zuwandte. + +"Darling, was hast du fuer eine Idee?" fragte Nellie. + +"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr muesst mir versprechen, dass ihr +nicht nein sagt, wollt ihr das?" + +"Da koennten wir ja schoen reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: +"Ja, Schatz, fuer so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten." + +"Also hoert," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -" + +"In fuenf Tagen," verbesserte der Professor ruhig. + +"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; ueberhaupt, +Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir +Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie +poetisch, wie romantisch!" + +Man war solche Einfaelle von Ilse gewoehnt, aber doch erregte dieser +ploetzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwaende, der +Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfuehrbar +zu sein, aber Ilse wusste auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen +in den gluehendsten Farben aus, wie schoen es sein wuerde, bis sie +schliesslich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte. + +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau +ausserordentlich verstaendig und liess deshalb die andern soviel reden, als +sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus +seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der +Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der +naechtliche Weg gut bekommen wuerde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, dass er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wuerde +ihm ja auch sehr gut sein. + +So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten +der Partie ueber, die am naechsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, +als Onkel Heinz ploetzlich damit herausrueckte, dass er nicht mitgehen wuerde, +er habe zu arbeiten, er koenne sich nicht losmachen. Da brach aber ein +wahrer Sturm ueber sein Haupt los! + +"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit," +sagte Leo kategorisch, denn er wusste genau, dass er es schliesslich doch +tat. + +"Was mache ich denn fuer Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit +einigem Nachdruck, "was soll das heissen, Geschichten machen? Ich habe eben +zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn ueberhaupt davon, ob +ich mitgehe oder nicht!" + +"Natuerlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich +haette ja sonst niemand, den ich aergern koennte." + +"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das +sagte, hatte fast eine wehmuetige Faerbung. + +"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas, +um mit ihm anzustossen, denn sie hatte gemerkt, dass ihn ihre Neckerei +empfindlich beruehrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswuerdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen. + +"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt. + +Es war spaet geworden, als sich die Freunde trennten, denn ueber die +bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu ueberlegen. +Zum Schluss kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. + +"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die +Pastorin war nicht seine beste Freundin. + +"Aber glaubst du denn, dass die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte laengst +erkannt, dass Ilse nur hoeren wollte, was Rosi, die ehrwuerdige +Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wuerde. Und so war es +auch! + + * * * + +In dem huebschen Pfarrhause, das der Kirche gegenueber lag, sass Frau Rosi +auf ihrem erhoehten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein grosser Korb mit +Struempfen; einen davon hatte sie gerade ueber die Hand gezogen, und eifrig +flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und +Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorueber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als +Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wuerden. Alles +trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein +Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fuer suendhaft und wies ihn mit +den Worten zurueck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, dass wir es +jetzt auch entbehren koennen." Wenn es nach ihr ging, hoerte alles Streben +auf. Jetzt, wie sie so da sass, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, +machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den +Freundinnen waere. + +In dem Zimmer waren die Moebel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten +Plueschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plueschdecke, und vier +Plueschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkuerlich, ob nicht irgend etwas den individuellen +Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der +Ausschmueckung der Raeume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drueckende +Atmosphaere lag es ueber dem Ganzen, und feinfuehlende Seelen wuerden in +diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen +standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der +Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fuer diese +Lebewesen noch sorgen zu koennen. Aber an gestickten und gehaekelten +Gegenstaenden war das Zimmer reich, gestickte Sprueche an den Waenden, +gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stuehlen und an der Erde. Der +Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfraeulein auf gruenem Grunde, +gehaekelte Decken lagen ueberall, wo es nur irgend moeglich war, gestickt war +natuerlich auch die ueber die Kanne gezogene Kaffeemuetze, kurz ueberall, +wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +haekelnder Haende, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistroesen +aufgedrueckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten +fuer die Pastorin taetig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet musste es sein, darauf legte Rosi den groessten Wert. Sie +selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleisse, sie naehte +vom Morgen bis zum Abende fuer jeden etwas und waere es auch noch so unnuetz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen +musste, sie sorgte auch fuer andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die +Kranken und brachte ihnen Staerkendes; sie war auch in allen wohltaetigen +Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur +aus Pflichtgefuehl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie +fuehrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem +Pflichtgefuehle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den +Kopf und hatte keinen Blick fuer die warme Fruehlingssonne draussen, die +neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fussboden spielte, +und sich sogar an die Plueschsessel wagte, so dass deren stumpfes Rot feurig +aufleuchtete. Jetzt wurde die Tuer aufgerissen und Fritz stuermte ins +Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum. + +"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie aergerlich; "wie +oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!" + +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, +legte jetzt seine Mappe und Muetze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, +die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. + +"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?" + +"Ja, Mutter, alles." + +"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?" + +Kleinlaut fluesterte er: "Sieben." + +Jetzt liess sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoss fallen und sah ihn +an. + +"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt +und nicht an das Arbeiten denkt." + +"Es war so schoen bei Tante Ilse," warf Fritz ein. + +"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewoehnlich," unterbrach ihn +die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das +Vergnuegen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, dass du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!" + +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betruebt vor sich nieder und dachte +darueber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen +Fruehlingsluft draussen zu spielen, als ueber den langweiligen Buechern zu +sitzen. + +"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken +gleich Kaffee." + +Fritz gehorchte. In der Tuere begegnete ihm ein kleines Maedchen von acht +Jahren, seine Schwester. Ihre Aehnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, +vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling. + +"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, +als waeren auch Liebkosungen eine Pflicht, als haette ihr Rosi gesagt, ein +Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehoert. Aber dennoch war die +Begruessung mit der Tochter eine weit waermere, als mit Fritz. Rosi strich +ihr ueber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die +sich an einem der kurzen Zoepfchen gelockert hatte. + +"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zaertlich; "zeige mal, wie +viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?" + +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel +sie heute daran gearbeitet hatte. + +"Du bist ja ganz fleissig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick +glitt ueber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee." + +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den +Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der waermenden Huelle befreite. Waehrenddem +oeffnete sich die Tuer lautlos, und lautlos naeherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. + +"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, +als sie dicht neben sich ploetzlich den dunklen Schatten bemerkte. + +"Nun, bist du schon zurueck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?" +fragte sie freundlich. + +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen +grossen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln +an zu klappern. + +"Du bist aber auch immer fleissig, Tante," sagte Rosi, und ueber das +faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Laecheln der Befriedigung +bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie +als Muster galt, denn bei vielen wohltaetigen Vereinen sass sie mit im +Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische +keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein +allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig veraendert, es war +noch dasselbe gutmuetige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm +geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewusster in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen +Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte +sie gar nicht begreifen, dass der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draussen warteten ja schon die Freunde auf ihn. + +"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie +den Kaffee einschenkte. "Adolf, du musst wirklich mal streng gegen den +Jungen sein. Und wie isst er nun wieder! So iss doch nur langsam." + +Sie schuettelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse. + +"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?" +fragte der Pastor; "es ist so herrlich draussen." + +"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz muss arbeiten, er hat +wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch +einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, dass ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen +Stoss, damit er etwas sagen solle. + +"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich raeusperte, - er tat dies +immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn +das?" + +"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnuegen," antwortete +der Junge offen. + +"Siehst du, da hoerst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie +etwas werden." + +"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten +das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich +ihm beruhigend ueber das blonde Haar. + +Rosi schuettelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, dass +Fritz streng behandelt werden musste? In ihren Gedanken stand es fest, dass +aus ihm nichts wuerde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves +Kind, kaum dass sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefuehl +im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sass und ihr Broetchen +verzehrte; Fritz dagegen konnte ueberhaupt keinen Augenblick still sitzen. +Doch es war auch keine Kleinigkeit fuer ihn, hier in der Stube zu hocken. +Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, +schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn aergern wollten; +blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die +Kaffeezeit durfte nicht abgekuerzt werden. Was empfand sie von einem +Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit +sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das +Praesentierbrett und raeumte die Tassen zusammen, Fritz schluepfte schnell +hinaus. + +"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder, +unbekuemmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefuehl ihrer +Tadellosigkeit sonnte; sie wusste genau, dass sie viel besser war als der +Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. + +"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der +Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergraebst du sein Ehrgefuehl. +Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir +geworden." + +"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwuerdig; tadle ich ihn +wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt. + +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie +hervorbrachte, klang so dumpf, als kaeme es unter dem Tische hervor. Aber +das Gespraech fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden +um den Finger legte und dabei etwas laenger zoegerte wie gewoehnlich, so war +dies ein Beweis, dass ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern +aufs hoechste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das +Geschirr abzuraeumen begann, inne und hoerte andaechtig zu. + +"Elisabeth, mache, dass du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit +deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. + +"Ich muss arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das +Geschirr stehen liess. + +"Sage Minna, dass sie den Tisch abraeumt," rief ihr die Mutter in sanftem +Tone nach. + +"Warum faehrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als +Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll. + +"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das +gehoert sich nicht." + +"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiss ich; sie kann dreist so +etwas mit anhoeren." + +"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf. + +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der grossen Brille mit gespanntem +Blicke. + +"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets aergerlich, +wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen." + +"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Maedchen +schwach." + +"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz. + +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ueber +ihr Gesicht. Aergerlich stand sie auf, liess das Rouleau herab, und die +kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervoes rueckte sie an den +Tassen, suchte die Kruemchen von der Decke, waehrend der Pastor an das +Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und +hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle +Lichtschein so ploetzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Haenden fiel. + +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben +verbannten Strahlen wieder hereinliess, und rief aergerlich: + +"So lass doch das Rouleau zu; du sahst doch, dass ich es eben herunterliess, +weil mich die dumme Sonne blendete." + +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante +Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und +sicherlich wuerde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, +wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden waeren. + +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, +packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie +gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr +wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei. + +Die Roete der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden +eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre +Begruessung war ja nie eine stuermische oder auch nur besonders herzliche, +wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin +bewahrte stets eine gewisse Steifheit. + +"Bitte, nehmt Platz," noetigte sie, indem sie auf die Plueschgarnitur wies, +die in dem gedaempften Lichte wieder stumpf und farblos war. + +"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen +Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schoen, man moechte den ganzen Tag draussen +sein." + +"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Ausspruechen von +Ilse immer einen Daempfer auf, auch liess sie gar zu gern einfliessen, wie +viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. + +"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es +wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwaehrend ein. + +"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat +zu tun." + +"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt +denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse uebermuetig. "Manchmal meine ich, +dass ich ueberhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so +wenig Spass macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das +ewige Motto. Leo muss oft den Kuechenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu +habe." + +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ueber diese +Aeusserungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv +ahnte sie, dass derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fuehlte sich +Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fuer +ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und +schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber +Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie +herausrueckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun +wieder fuer eine ueberspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu +steigen! Das fehlte noch, dass sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empoert ueber ihren Mann, dass er ueberhaupt darauf einging, +und er schien wahrhaftig die groesste Lust zum Mitgehen zu haben. + +"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gespraech, "wir wollen es doch erst +ueberlegen; du kannst gewiss nicht fort." + +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich +will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer. + +"Aber dein Mann sagte doch eben, dass er sehr gut koennte," meinte Nellie, +und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder +aus ihren Gruebchen. + +"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja +mitgehen, wenn es ihm Spass macht." + +"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ueber eine solche Zumutung. + +"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!" +rief Ilse begeistert. + +Rosi sah sie an und schuettelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie +eben nicht. + +"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte laechelnd Nellie, als haette sie Rosis +Einwaende gar nicht gehoert. + +"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu +Ende, und sie kochte innerlich. + +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich +in sein Zimmer zurueck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kuendeten +nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drueckte die Tuere hinter sich ins +Schloss. + +"Ich begreife dich nicht, Adolf, dass du immer und immer wieder etwas tun +willst, was deiner Stellung nur schaden kann." + +"Ja, aber wie so denn, Rosi?" + +"Ach, tue nur nicht so, du weisst recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie +denken eben leider sehr frei, was euch Maennern natuerlich das liebste ist +und am besten gefaellt." + +"Darin, dass man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts +Freies." + +"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen +unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf." + +"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig. + +"Eine solche Albernheit fuer erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi +fort. + +"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann +lass uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen." + +"Das liebste waere es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht." + +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese +Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, +gab es sobald kein Aufhoeren; er liess sie deshalb ruhig weiterreden. + +"Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich stets daran denke, wie die +Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fuer meine +Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen." + +Wenn Rosi ihr "Pflichtgefuehl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre +Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen +Schlusseffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem +Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte +seine Buecher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies +war fuer seine Frau das Zeichen, dass er sich auf keine weiteren +Eroerterungen mehr einlassen wuerde; sie konnte sagen, was sie wollte, er +blieb stumm. + +"Dass du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal +anzufangen. + +Keine Antwort! + +"Uebrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich," +das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her." + +Wiederum Schweigen! + +Adolf schien vertieft in seine Buecher, aber Rosi war heute noch lange +nicht fertig; mit nervoesen Fingern zupfte sie an den Fransen der +Tischdecke. + +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. + +"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, dass du etwas strenger +gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit +Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluss auf den Jungen, und von +dem eigentuemlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den +Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fuer einen Mann in solcher Stellung +doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes." + +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und +erregt wandte sie sich zum Gehen. + +"Natuerlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du +keine Lust dazu, nicht mal ueber die Kinder kann man sich aussprechen." + +Der Pastor zuckte zusammen, als die Tuere jetzt unsanft ins Schloss fiel, +stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an. + +Rosi schuettete nun Tante Emilie ihr uebervolles Herz aus und fand dort fuer +alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung +ueber den Leichtsinn von Fritz, ueber die grosse Schwaeche seines Vaters, ueber +die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ueber das freie +Benehmen der beiden Freundinnen. Darueber hatte die Tante schon manches +gehoert, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi +traeufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, dass andre Menschen +ebenso dachten, wie sie. + + * * * + + [Illustration] + +Ilse betrachtete in den naechsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer +Spannung; das kleinste Woelkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl +hundertmal sah sie sich tagsueber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, dass das gar nicht noetig waere, denn wenn er sage, "es +bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes +Interesse fuer die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu +bringen, zu pruefen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer +gruendlichen Pruefung unterworfen, und dabei liess er eine laengere Philippika +gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe +verbrochen hatte, insbesondere los. "Ueberhaupt welcher Unsinn, so spitze +Schuhe zu tragen, da muessen ja alle Fuesse Krueppel werden," behauptete er +und zeichnete einen normalen Fuss auf und einen, der in spitzen Schuhen +gesteckt hatte. Beinahe waeren sie wieder in Streit geraten, als Ilse +dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpoenten spitzen Schuhe +noch einen normalen Fuss zu haben. Doch es ging diesmal noch gnaedig ab. Sie +merkte, dass er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die +Vorbereitungen mit der gewohnten Umstaendlichkeit getroffen wurden. + +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem +Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdruecken. Fuer +eine Expedition auf den Grossglockner konnte er nicht besser ausgeruestet +sein, die dichtbeschlagenen Naegelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, +den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich +seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen +nicht vergessen haette. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort +schnell wieder ein, als sie bemerkte, dass er seinen Bart zu drehen begann, +das untrueglichste Zeichen seines Unmutes. + +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmaessig aus mit ihren kurz +geschuerzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksaecken auf dem +Ruecken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre +Sachen ins Coupe gelegt, waehrend sie draussen noch auf und ab spazierten. + +"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, dass +Nellie ihres Mannes Rucksack geoeffnet hatte und demselben eiligst Sachen +entnahm, die sie in den ihrigen steckte. + +"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell +die beiden Saecke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der +Hand. + +"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, waehrend dein Mann fast +gar nichts zu tragen hat?" + +"Lass nur, _darling_, lass nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in +letzter Zeit so nervoes," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das +Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Traenen in die Augen. + +"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bisschen nervoes, du +lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die +Modekrankheit." + +Nellie schuettelte wehmuetig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte +nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wusste es aber besser. + +"Du verwoehnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wusste ja aus +dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, dass Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im uebrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die +Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in +neckischem Tone von der uebertriebenen Aengstlichkeit abzubringen. + +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstaedtchen, einem Badeorte, von wo aus +der naechtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester +Stimmung zurueckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune +und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr +dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden +Blick zuwarf und vergnuegt mitlachte. + +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, +nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch groesser, +jedenfalls sahen grosse und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksaecken auf dem Ruecken vielfach +belaechelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt +daran sehen. + +"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kroeten!" wehrte Onkel Heinz sie mit +seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle moegliche +Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein boeses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls +stuerzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, +schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz ausser Atem kam und +stehen blieb, um auf die uebrigen zu warten. + +Die Strasse, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. +Villenartige Haeuser zu beiden Seiten ruesteten sich schon fuer die +Sommergaeste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tueren +wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den +Gaerten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben +prangten bereits grosse Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige +Wochen, und alles war fuer die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel +genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der +Sammelplatz fuer die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik +anhoerend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein +Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tuere des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schuerzen und +wuschen Tische und Baenke ab. Sie hielten in ihrer Beschaeftigung inne, als +die fuenf einsamen Gestalten vorueberkamen. Nun wanderten diese die Hoehe +hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgruenen +Schleier ueber ihnen woben, und aus dessen Zweigen froehliche Vogelstimmen +toenten, wie eine Verkuendigung des nahenden Fruehlings. + +"O, wie schoen! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele +und hing sich an seinen Arm. + +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Staemmen ein +wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur +sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzueckender Farbe. + +Die beiden Frauen stuerzten darauf los, und im Nu hatten sie einen grossen +Strauss gepflueckt. Sie schmueckten damit sich selbst, die Huete ihrer Maenner +und natuerlich auch den von Onkel Heinz. + +"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick +verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Straeusschen von Primeln und +Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd liess er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. + +"Sehen Sie doch nur diese entzueckende Farbenzusammenstellung von Blau und +Gelb!" rief Ilse. + +"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend. + +Ilse wandte sich ab. + +"Na, denn nicht," meinte sie. + +"Um Gottes willen, Gontrau, du laeufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz +nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen." + +"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig +nicht schnell," sagte Gontrau liebenswuerdig und aenderte sofort das Tempo +seiner Schritte. + +"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche +Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spoettischen +Laecheln. + +"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol +habe ich den Ortler bestiegen." + +"Ach, du lieber Gott, diese Huegel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel +Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen +in andern Weltteilen zu erzaehlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen +einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine +interessante Erzaehlung so gefesselt, dass sie schwieg und aufmerksam +zuhoerte. Onkel Heinz war ein guter Erzaehler, und wenn er so recht im Zuge +war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war +durchaus keine verknoecherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. +Feine Beobachtungen und Stimmungen liess er durchschimmern, die man ihm +nicht zugetraut haette. + +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende +Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den +Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich +in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen +Firmaments anschloss. Wie ein leichtes Froesteln ging es durch die Natur, +als der farbenpraechtige Himmel allmaehlich verblasste, die goldig warmen und +die blaeulich kuehlen Toene in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die +durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand. + +Schnell huschte die Daemmerung wie ein leichter Schatten herbei, die +Gegenstaende verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ueber, +verschwommen wurden die fernen Linien, alles loeste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Saenger des Waldes auf +den Zweigen. + +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare +im traulichen Fluestertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz +voran. + +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als +draussen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. +Ilse wurde es etwas baenglich zu Sinne hier zwischen den hohen Baeumen, sie +glaubte es ueberall knistern zu hoeren; bald sah sie sich aengstlich um, bald +spaehte sie nach beiden Seiten in den daemmernden Wald. Mit jedem Schritte +wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Staemme und herabhaengenden +Zweige nahmen alle moeglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr +vorueberzogen. Das Knacken und Knistern in den duerren Aesten auf dem Boden +wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. +Unwillkuerlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit +angstvollen Augen dorthin, woher das Geraeusch kam. Wie es in Augenblicken +grosser Furcht gewoehnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. +Wenn sie ueberfallen wuerden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die +schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zufluestern, wie sehr sie +sich fuerchte, als ploetzlich zwischen den hohen Staemmen etwas hervorkam - +ein grosser Hirsch, der quer ueber den Weg setzte und nach einer Lichtung +zulief, wo er aesend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklaert, Ilse +atmete auf, aber ein Gefuehl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr +zurueck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren +auch die andern meistens still. + +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kuehl geworden, und dem +fruehlingsjungen Waldboden entstroemte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite +rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlaefernd durch +seine eintoenige Melodie, die sich anhoerte, als saenge es der zur Ruhe +gehenden Natur ein Schlummerlied. + +"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hoehe. + +"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie aengstlich und nahm ihr Tuch von +den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der +liebenswuerdigsten Weise. + +"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und +diesmal antwortete er liebevoller. + +"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewoehnlich." + +"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!" +fragte Nellie eifrig. + +"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel +Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit." + +"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie. + +"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit +Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als +Gegengift." + +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas +einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit +Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen +Ratschlaegen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die Aerzte, +schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen laecherlich. + +Leo, der mit Ilse ein Stueck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und +rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf +einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Baeume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebaeudes +erkennen, das wohl das Foersterhaus war, an welchem sie vorbeikommen +mussten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten +majestaetisch darueber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe +Silhouetten ab. Die Tuere des Wildgatters das den Wald abschloss, fiel mit +dumpfem Tone zurueck, und nun standen die naechtlichen Wanderer in einem +Garten, der zum Foersterhaus gehoerte. Ilses feine Nase witterte etwas wie +Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoss +waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Muehe hineinsehen. Die +Foersterfamilie sass um einen runden Tisch versammelt, ueber dem eine +Haengelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das +Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weisse fiel ein heller +Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemuetlichkeit +durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken +von dem Kaiser und der Kaiserin an den Waenden, sie lachte aus den +freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen +und umgab auch die kraeftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine +Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draussenstehenden +tat es leid, dieses harmonische Bild zu stoeren, sie ruehrten sich kaum und +betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die +Hunde im Zimmer unruhig, der Foerster erhob sich, kam zur Tuere heraus und +nahm die spaeten Gaeste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er +hoerte, dass die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen +wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. +Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig +vor ihm standen. + +"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bisschen Schnee wird's da +oben wohl noch geben." + +"Wir fuerchten uns nicht davor, Herr Foerster," erwiderte Ilse lustig und +warf ihren Rucksack auf den Stuhl. + +"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und liess sich +in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, dass die lahm gewordenen Federn +aechzten. + +"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wuenschen etwas zu +geniessen," rief er hinaus. + +Die Foersterin kam herein, ihre Blondkoepfe hinter ihr her, aber diese +blieben neugierig an der Tuere stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch +Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand +lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschaeftigte sich mit den kleinen, +krummbeinigen Dackeln und dem braunen Huehnerhund mit den herabhaengenden +Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedraengt und liess sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen +Augenblick innehielt, stiess er sie mit der Schnauze an. + +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo draengten zum Aufbruche. Sie +hatten mit dem Foerster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben +wollte, eingehend den Weg besprochen. + +Auffallend kuehl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den +dunklen Tannenwipfeln ueber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silberglaenzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt +verliessen sie die Landstrasse, die sich als heller Streifen durch die Wiese +vor ihnen herschlaengelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der +steinig und muehsam zu erklettern war. Hier schied der Foerster von ihnen. + +Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Haende sich oftmals +krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geraeusch zu hoeren war oder sie irgend +etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevoelkert den Wald fuer +furchtsame Geister ja mit allen moeglichen Spukgestalten, sie hoeren, wo +nichts zu hoeren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war +es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie wuerde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie +doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht +unterdruecken. + +"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben. + +"Seht ihr nicht die weisse Gestalt?" + +Eine weisse Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien naeher zu kommen +und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse waere es bei diesem +Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst ueberhoerte sie ganz die +spoettische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das +Gespenst losschritt. Ploetzlich toente ein schallendes Gelaechter durch die +Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weisse Geistergestalt +gestellt hatte und sich vor Lachen ausschuetten wollte. + +"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und +sehen Sie es sich an!" rief er laut. + +Ilse aergerte sich im stillen und schaemte sich zu gleicher Zeit, dass sie +ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weisse Gestalt war ein heller +Stein, ein grosser Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. + +"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fuer eine Gestalt halten," meinte +Leo, welcher bemerkt hatte, dass Ilse dem Weinen nahe war und sie +entschuldigen wollte. + +"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun faengst du wohl auch noch an, an +Gespenster zu glauben?" + +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht. + +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemuetsverfassung fast teuflisch! Ja, +Bloessen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. +Aber Rache ist suess! Der Augenblick wuerde schon kommen, wo Ilse sie ausueben +konnte, jetzt war ihre Erregung zu gross, um etwas sagen zu koennen; sie +wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. + + [Illustration] + +Bei dem Geistersteine verliessen sie den Wald, ueberschritten den Fahrweg +und waren nun auf der Hoehe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete +tief, der frische Hoehenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war +der Blick frei, keine beengenden Baeume mehr, zwischen deren Staemmen man +allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengross, +ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Raendern und lag breit auf dem +steinigen Wege und auf den niedrigen Foehren, zu deren Fuessen unter +Steingeroell ein flinkes Waesserchen gurgelte, hastend und stuerzend, als +haette es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die +Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn +unwillkuerlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird +nicht fortwaehrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle +Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele. + +Die frische Luft kuehlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im +Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame +Stille herrschte ringsumher. + +"O, wenn uns Rosi jetzt sehen koennte!" sagte Nellie. + +"Sie wuerde uns fuer verrueckt halten," meinte Fred. + +"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fuer verrueckt," +erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkoemmliche ist, blauer Himmel, +goldner Sonnenschein, gruener Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht +schoen, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem +Aeusserlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen +sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders." + +Onkel Heinz hatte darin wohl truebe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte +man nicht nach dem Aeusseren beurteilen; um ihn kennen und schaetzen zu +lernen, musste man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft +Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. +Doch heute fuehlte sie sich sehr geschmeichelt, dass der sonst stets +absprechende Professor Gefallen an der naechtlichen Partie fand, wie es +sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung musste aber auch das +haerteste Gemuet bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der +sie ganz erfuellt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drueckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel. + +Gegen zwoelf Uhr sahen sie oben auf dem Bergruecken den Giebel eines Hauses +auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf +welchen das Mondlicht blaeulich schimmernd lag. Allmaehlich wuchs das Haus +immer hoeher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein grosser +Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind ruettelte an den +Holzlaeden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Foehren, durch die hohen Graeser. Drinnen lag schon alles im +tiefsten Schlummer. Die Tuere war verschlossen, und erst, als man eine +Weile maechtig dagegen gehaemmert harte, wurde ein schluerfender Schritt im +Hausflur hoerbar, und die Tuere tat sich auf. Die fruehen und doch so spaeten +Gaeste mussten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, +bevor es gemuetlich wurde, aber dann liessen sie es sich auch wohl sein im +hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, +dem eine wohlige Muedigkeit folgte. Doch diese waehrte nicht lange, denn +Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den uebrigen. Sie +sprach viel Vernuenftiges und Unvernuenftiges durcheinander, war sprudelnd, +lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureissen. + +Nellies Blicke hingen wie verklaert an ihrem Manne, dem die Partie so gut +zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, +durch das Pulver, waehrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten +Kognak. + +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die +Scherze der uebrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die +Krone auf, als er schliesslich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die +Urheberin dieser schoenen Partie, hielt, welche mit grossem Beifall +aufgenommen wurde. + +"Ich haette gar nicht geglaubt, dass Sie so poetisch sein koennen, Onkel +Heinz," sagte Ilse, als sie sich fuer diese Aufmerksamkeit bedankte, und um +ihre Mundwinkel zuckte es spoettisch. + +"Wieso?" fragte der Professor erstaunt. + +"Nun, einem so eingefleischten, nuechternen Junggesellen, wie Sie es doch +sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie koennten +nur ueber alles spotten und hoehnen." + +Onkel Heinz sah sie ganz bestuerzt an, er ahnte ja nicht, dass dieser Hieb +die Rache dafuer war, dass er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft +ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, dass man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung +war es nun geschehen. + +Erst spaet erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem +Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den +Fensterscheiben, bis er im fahlen Daemmer des aufzeigenden Tages verblasste +und die glaenzende Morgensonne seinen Platz einnahm. + +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustuere, den Kopf +dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er +auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der +hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse +heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und +er konnte deshalb keine Ruhe finden. Ueber seinem Haupte jagten die Wolken, +vom Sturme getrieben, am Mond vorueber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen +Blick fuer solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, dass +am oestlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwaehrender +Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmaehlich wieder +verschwand. + +Lange noch blieb der Professor draussen. + +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee sassen. Es +sollte frueh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten +Laune, er sagte, dass er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. +Die Betten waeren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Laeden dumpfig +gewesen, und als er sie geoeffnet habe, haetten sie geklappert, und das +helle Mondlicht haette ihn gestoert. + +"O, Herr Professor, seien Sie nicht boese," sagte Nellie; "sehen Sie doch, +wie schoen es draussen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen +Fruehlingsmorgen. + +"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht +geschlafen," erwiderte er missmutig. + +"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fusse zuerst aufgestanden?" +fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte. + +"Dummheit, solches altes Weibergeschwaetz auch nur zu wiederholen." + +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen +Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Stoerungen willen lebhaft +bedauert wurde. + +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, dass es +ueberhaupt ganz gleichgueltig sei, wie dieser oder jener Berg heisse, oder +dieses oder jenes Dorf, es kaeme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas +behauptete. + +Ilse, welche ahnte, dass sie wohl die Schuld an seiner ueblen Laune habe, +hatte ihm innerlich schon die schoensten Beinamen gegeben, wie "alter +Junggeselle", "Brummbaer" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen +neckischen Ton ihm gegenueber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen. + +Lustig verliess die kleine Gesellschaft etwas spaeter den Schneekopf. Der +Himmel hatte sich inzwischen bewoelkt, der auf der Hoehe nie rastende Wind +trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, ruettelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte +hinter den Gestalten der Wanderer her, dass ihre Kleider und Maentel +flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb +Traenen in die Augen und blies die Backen feuerrot an. + +"Schneeluft," sagte Althoff. + +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont +bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weisse Flocken hernieder, dann aber +wurde es ein lustiges Gestoeber, wie mitten im Winter. Locker und leicht +legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Fruehlingsflur, +aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja +jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der naechste warme Sonnenstrahl nahm +ihn wieder mit fort. + +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fusshoch, und +darueber mussten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die +Fuesse bis ueber die Knoechel ein, was ein Hauptspass fuer Ilse war. Sie fand +diesen "Winter im Fruehling" herrlich und konnte ihr Entzuecken nicht laut +genug aeussern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich +hoechst aergerlich bis ueber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so dass nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, +wenn er eine Schneeflaeche durchwaten musste. Auch Althoff war diese Art von +Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt. + +"Liebster, ich muss dir einen Kuss geben, so himmlisch finde ich es hier," +rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kuessend, und stampfte mutig weiter, +umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. + +"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schoen?" rief sie herausfordernd +und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht. + +"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und +wischte die Glaeser, die nass angelaufen waren, wieder trocken. + +"Ein Unsinn, Gontrau, dass wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und +schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten waeren wir weit naeher +gegangen," sagte er dann zu Leo. + +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner +Behauptung. Schliesslich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die +drei Maennerkoepfe beugten sich darueber, bis Onkel Heinz zugeben musste, dass +er unrecht hatte. + +"Die Juristen muessen ja immer alles besser wissen," sagte er. + +"Und die Zoologen sind immer streitsuechtig," entgegnete Ilse schlagfertig, +Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der +Karte ueberzeugen muessen, dass dieser Weg der kuerzere ist." + +"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht massgebend," +entgegnete der Professor in unerschuetterlicher Streitsucht. + +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Mass war voll und lief ueber. Alle +Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie +jetzt laut. Er musste anhoeren, dass er ein alter Brummbaer sei, der jede +Gemuetlichkeit stoere, und dass er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette +Ehepaare, wie sie und Althoffs waeren, ihn alten wunderlichen Junggesellen +in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liesse, sie haette sich dies +schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, dass Sie +keine Frau haben, Onkel Heinz, die Aermste wuerde ich bedauern," schloss sie +ihre Strafpredigt, die den andern hoechst komisch erschien, denn sie +lachten laut darueber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. +Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts +dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ueber die Ohren, die +Muetze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. + +"Seien Sie froh, Professor, dass Sie nicht verheiratet sind, denn so machen +es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu +scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in +sich versunken ging er weiter. + +Gegen Mittag hoerte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue +Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien +die Sonne hell auf die bluehende Fruehlingslandschaft. In dem zarten Laube +hingen noch unzaehlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden +erglaenzte unter dem schimmernden Nass, und auf den Wiesen, die sich als +eine weite, gruene Flaeche bis zum naechsten Dorfe hinzogen, glitzerten +zwischen Halmen und Graesern feuchte Perlen; die Natur schien unter Traenen +zu laecheln. + +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verliessen, der in die Dorfstrasse +einmuendete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin +und her bewegen, ueber die hinweg ein blaeulicher Rauch in die Hoehe zog. +Unter den Traenen, die hier noch in den Augen erglaenzten, gab es kein +Laecheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den +Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der roetliche Schein am Himmel in +letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz +nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des grossen Feuers gewesen, dem +zwanzig Haeuser zu Opfer fielen. Ein wuester Truemmerhaufen, aus dem es noch +hier und da schwaelte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war +fast alles, was den Aermsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem +regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden +koennen, ein paar Stuehle, Tische und Schraenke, ein Buendel Betten und +Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie +grossem Werte fuer ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und +prueften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Gluecklicherweise war kein +Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kuehe, Ziegen, Schweine, +war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die +Weiber umher, aengstlich an sie gedrueckt die Kinder, bleich und verstoert +sahen die Maenner aus. + +Das war ein trauriger Abschluss der schoenen Partie und ein beschaemendes +Gefuehl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, dass sie +die Nacht in Lust und Froehlichkeit zugebracht hatten, waehrend nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglueck in so verheerender Weise hauste. +Das truebe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindruecke der letzten +Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein +Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und uebernaechtig aus, +im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder +in hellster Aufregung gewesen war. + +Eintoenig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, +erzaehlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wusste +kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darueber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, dass ein altes Weib mit dem brennenden +Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, dass es durch Kinder +entstanden waere, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, dass es "angesteckt" sein muesse. So meinte auch der Wirt, +der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem +Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestossen und +sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber ploetzlich +verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn +lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wuerde es ja +herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloss der Wirt seine +Rede. + +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und +Gontrau besichtigten die Brandstaette mit dem Pastor zusammen, Nellie und +Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen troestende Worte zu ihnen, +die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten +alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, +denn auch die besten Trostesworte wuerden ihnen das Verlorene nicht wieder +bringen. Hilfe muss auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war +die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die +Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand +Vorschlaege wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem +Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der +Waisenkinder stattgefunden, da wuerde jetzt wohl ein zweiter nicht viel +Anklang finden. Althoff wollte ein Schuelerkonzert veranstalten, das war +schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz +aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt +hartnaeckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem +neuesten Ereignisse beschaeftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb +keine Beachtung. Die Vorschlaege wurden nochmals ueberlegt und geprueft, bei +dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch +keiner zu gefallen, als Leo ploetzlich auf den Einfall kam: eine +Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zuendend, besonders auf +Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff. + +"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ueber das andre Mal, und auch die +uebrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spoettisches +Zucken um die Mundwinkel Ilse gluecklicherweise nicht bemerkte. Sie war +Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das +musste ziehen. Sicher wuerde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater +gern ueberlassen, meinte Leo, und Ilse draengte, dass er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die +Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natuerlich +auch sofort eroertert wurde, "welches Stueck?" Das war gar nicht so einfach, +denn was fuer Schauspieler gut und passend war, brauchte fuer Dilettanten +noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu +ueberlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stueck vorschlug, hatte wieder der +andre alles moegliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne dass sie +zum Schluss kamen. + +"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stueck, das Dilettanten spielen +koennten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die +Telegraphenstangen zu zaehlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen +hinaus. + +Da kam der Direktor aber an den Rechten; fuer Komoedienspiel hatte der +Professor nie viel uebrig gehabt. + +"Mit Theaterstuecken weiss ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu +tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte +Antwort. + +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit +davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort uebel zu nehmen. Er lachte +darueber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. - + +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der +schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des +milden Lichtes hoch ueber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurueck und verdraengte fuer einige Zeit das letzte Erlebnis. +Es war doch herrlich gewesen, draussen zu wandern im Mondenscheine, der +heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die +ueber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen liess. Matt +lag er auf den Schieferdaechern, auf den hellen Hauswaenden und den grauen +Strassen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen +Schimmer. + +Onkel Heinz verliess die uebrigen nach kurzem Gutenachtgrusse an der Strasse, +die nach seinem Hause fuehrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die +stille Nacht. + + * * * + +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der +Wohltaetigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Noetigste +besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern ueberlassen worden. +Taeglich wanderten Stoesse von Buechern aus der Leihbibliothek in das +Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu +waehlen. Nachmittags kam regelmaessig Nellie, und der Abend wurde dazu +verwandt, bei ihr oder Gontraus grossen Kriegsrat zu halten. Und wen die +Sache noch aufs hoechste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater +wollten Theater spielen, darin lag fuer sie ein grosser Zauber! Schon einige +Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor +Aufregung nicht einschlafen koennen, und die naechsten Tage wurde nichts +anderes gespielt als Theater. Leo hatte schliesslich verboten, sie wieder +mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den +Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und +begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine +Zeitlang, bis andre Eindruecke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafuer ploetzlich wieder aufs lebhafteste, sie +horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern +sprachen. Das glaenzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine +Maerchenwelt eingefuehrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das +stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfuellt von dem +Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften +Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren +grossen, blauen Augen verstaendnislos an, sie hatte mehr Sinn dafuer, ihre +Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth +dagegen fuehrte allerhand Komoedien mit denen, die ihr gehoerten, auf, und +wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie +in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank +im Bette liegen mussten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen +Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Traenen, Streit und ein +Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluss. + +Nach langem Waehlen hatte man sich endlich fuer drei Einakter entschieden: +"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Goerlitz und +"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stuecke hatte man nun gluecklich, doch +jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fuer das zu sorgen war, naemlich: +die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kaempfen ist, kann nur +derjenige nachfuehlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung +zustandegebracht hat. + +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie +erstere glaubte, brauchte man nur an die Tueren zu klopfen, um gefaellige +Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wuerde jeder einwilligen, sich fuer +einen so guten Zweck herzugeben. + +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas +viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Kuenstlerinnen +zusammen zu holen. + +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und +Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ueber die kleinlichen, +engherzigen Ansichten der Menschen ergangen. + +"Theaterspielen auf einer oeffentlichen Buehne!" Das war fast in allen +Haeusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenruempfen dabei, als ob +von den hoeheren Toechtern etwas Unerhoertes verlangt wuerde, brachte Ilses +Blut in Wallung. + +"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das koennen Sie nicht von +meinen Toechtern verlangen, sich der oeffentlichen Kritik auszusetzen." + +"Ja, aber Ihre Toechter reichten doch im Bazar Bier und belegte Broetchen +herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der +oeffentlichen Kritik ausgesetzt?" + +"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres." + +Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz +einer laengeren Erklaerung der Dame, die es wohl selbst nicht wusste. Die +beiden gaben jeden weiteren Versuch auf. + +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, +dass sie sich auf einer oeffentlichen Buehne zeigte, denn ihr Schuster, ihre +Schneiderin koennten ja nachher sagen: "Gnaedige Frau, was haben Sie aber +schoen gespielt!" + +"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswuerdigsten Schelmengesicht, das sie +stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie +brauchten sich doch darueber nur zu aergern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin faenden, dass Sie schlecht gespielt haetten." + +"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, dass mir ueberhaupt an dem Urteile +solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will +mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen." + +"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch +keine Schande, ihr Urteil anzuhoeren," sagte Ilse, innerlich empoert ueber +solche Anschauungen. + +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darueber daechte sie nun +einmal anders. + +Mit kuehlem Gruss verabschiedeten sich die beiden. + +"O, was ist sie verrueckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der +Strasse standen, aber Ilse war schon ganz kleinmuetig geworden und wollte +die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tueren betteln +und wuerde ueberall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den +Gedanken an eine Auffuehrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten +sie das Werk begonnen. Ilse war im hoechsten Grade aufgeregt; beinahe fing +sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die +viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf. + +"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_," +troestete sie. + +Bei der naechsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glueck; ja die +Idee wurde sogar mit grosser Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas +fuer die armen Leute, von deren Unglueck die Zeitungen schon viel berichtet +hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder +Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in +den Jahren, wo ein junges Maedchen anfaengt, "ein aelteres junges Maedchen" zu +werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch aelteren Schwestern und +ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die juengste und wurde "das +Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schoengeistig angelegte Natur, sie +dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fuer das Theater, +selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon +oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu uebernehmen. + +"Vielen, vielen Dank fuer Ihre liebenswuerdige Zusage, Fraeulein Born," sagte +Ilse mit einem herzlichen Haendedruck beim Fortgehen und versprach ihr, +bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. + +"Das alte Fraeulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte +Ilse draussen zu Nellie, waehrend das "alte Fraeulein" drinnen bereits mit +der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebaeugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe koennte sie auch noch sehr +gut spielen, sie haette sogar das richtige Temperament dazu. + +Ilse war hoch erfreut ueber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit +keinem Gedanken daran, dass dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze +zappeln wuerde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante" +nahte. + +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und +Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts +dagegen, und die beiden Toechter nahmen das Anerbieten mit grosser +Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, +ein frisches Maedchen, die gewiss gern eine Rolle uebernehmen wuerde. + + [Illustration] + +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich +besetzt waren. Fuer die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging +es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache +war abgemacht. + +Ilse und Nellie erzaehlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen +ihren Maennern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses +Begeisterung, die vorher den hoechsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wuerde die Idee mit ihren +Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen koennten, +gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber ueberzeugte sie sich noch +mehr, dass eine Dilettantenauffuehrung zustande zu bringen nicht so schoen +und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo musste ihr immer +wieder Mut einsprechen. Er uebernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. + +Endlich fand die Leseprobe gluecklich statt. Gluecklich? + +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube +Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entruestung von Fraeulein Born +zurueckgewiesen, und die beiden Fraeulein Schmidt zogen lange Gesichter, als +ihrer Freundin, die sie doch erst eingefuehrt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde. + +"Ach, das Dienstmaedchen soll ich spielen?" sagte Erna, die aelteste +Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die +Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht +und waere doch zu kurz. + +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich +bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache +etwas in Gang. + +"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle +fuegen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. +Wir muessen vor einem grossen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht +blamieren." + +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es +wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten +Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden +Ehemaenner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv +mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer +Kritiker sein. + +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos oeffnete +sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, +der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, dass ihm in den +naechsten Tagen wenig Zeit uebrig bleiben wuerde. + +"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er aergerlich ueber die Stoerung. + +"Da, hier lies," rief Ilse. "Fraeulein Born will die taube Tante nicht +spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wuensche +nicht, dass sie als Dienstmaedchen in die Oeffentlichkeit trete. Wenn sie +spaeter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Baellen zusammentraefe, +koennte das zu Missverstaendnissen fuehren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja +nichts, es wird sicher nichts, Leo! Lass uns die Sache aufstecken," +jammerte sie. + +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, +Ilse zu troesten und zu beruhigen, bis sie schliesslich auf dem Standpunkt +der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ueber alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch hoechst amuesant, die Menschen auch mal +bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen. + +Nellie ueberbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus +Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen. + +"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie waere es, wenn wir Fraeulein Born +als Koeder den Prolog gaeben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?" + +"O, das tut sie, das tut sie gewiss!" meinte Nellie. + +"Ja, und das Dienstmaedchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das +uebernehmen?" fragte Leo. + +"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stueck," +sagte Ilse ploetzlich. "Die Rolle des Dienstmaedchens ist ja eigentlich viel +huebscher; dass ich daran nicht gleich gedacht habe!" + +"O, wie schade, du wuerdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie. +"Kann ich nicht das Maedchen spielen? Aber ein Dienstmaedchen mit englischem +Akzent passt doch wohl nicht?" + +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie uebernahm das +Dienstmaedchen. + +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen +Kraefte wieder einzufangen. + +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem +Zureden gelang es auch, Mietze zu ueberzeugen, dass die Rolle der sanften +Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr huebsch sei. + +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! + +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fraeulein Born. Die jungen Frauen +wurden von den beiden aelteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der +Singstunde, musste aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar sassen +die beiden Fraeulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete +einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen +beiden Parteien hin und her. Die aeltlichen Schwestern meinten, zu einer +solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie +diese Rolle spielen sollte, waehrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzuege +derselben auseinandersetzte. + +Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube +Tante" von sich, indem sie erklaerte, ueberhaupt nicht mitspielen zu wollen. + +"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen +schoenen Prolog gedichtet und hoffte, dass Sie ihn als Muse sprechen +sollten; o, wie schade, dass Sie nicht mitwirken wollen." + +"Einen Prolog?" fragte Fraeulein Born einlenkend, und ueber ihr Gesicht ging +es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, +weisses Gewand, klassischer Faltenwurf, gruener Epheukranz auf dem +griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fuer sie! + +Ohne langes Zoegern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor +dem Altare war - und erklaerte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, +die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schliesslich, damit troestete +sie sich, war es doch nur eine grosse Selbstverleugnung von ihr, die Rolle +einer Alten zu spielen, und das wuerde man auch gewiss allgemein anerkennen. + +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder +aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders grosse Angst gehabt. + +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemuet durch solche Vorbereitungen +versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend +beschaeftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie oefters laengere +Selbstgespraeche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Dass sie die +Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte +eine grosse Angst, ob alles gut gehen wuerde. + +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte +nun die erste auf der Buehne stattfinden. + +"Mutter, lass mich mitgehen," bettelte Ruth mit glaenzenden Augen, aber Ilse +wies ihre Bitte zurueck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo +so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur +Generalprobe vertroestet. + +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser +leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. - + +Das Theater, von der Buehne aus gesehen, kannte fast keiner der +Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. +Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen +im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und +tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkoepfige +Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Huellen +ueberzogenen Samtsitzen sass und ueber die goldverzierten Bruestungen lehnte. +Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere +Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst +war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich +nach dem Platze, wo ein bluehendes junges Maedchenantlitz zu sehen war. Wie +bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich +untereinander die Plaetze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen +sollten, um vor den neugierigen Blicken der grossen Menge draussen zu +erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, +einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Buehne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt +bedeuten! Neugierig wurde die Buehne von allen Seiten betrachtet; nuechtern, +oede, geschaeftsmaessig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die +meisten doch anders gedacht! Man musste sich in acht nehmen, nicht ueber +Geraete und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die +Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +taeuschend nachahmten. Ein buehnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, +liess es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklaerte den Schnuerboden, +stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wissbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. +Aber trotz mancher Enttaeuschung ueber das "hinter den Kulissen" blieb doch +die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen +Zuegen ein; Fraeulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im +Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwaermerischen Augen +sah sie in das leere Haus! + +Leo liess eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde musste erst +befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten +und Direktor Althoff sassen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch +leuchteten die weissen Gesichter in der Dunkelheit. + +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" ueberkam ein leises +Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertoente und sie nun sprechen musste. +Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an. + +"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertoente im +gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den +hintersten Reihen des Parketts liess sich eine Stimme vernehmen: + +"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hoeren!" + +Fraeulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und musste auf Leos Geheiss +noch einmal von vorn anfangen. + +Sie war empoert darueber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und +der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzueckt gewesen und +nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der +Betonung, die sie ueber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung +herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Traenen +nicht zurueckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen. + +Siedendheiss ueberlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half +nichts, der Kelch musste geleert werden, wenn er auch noch so bitter war. + +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fraeulein Born auf, welche +schluchzend in ihrer Garderobe sass. + +"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fraeulein, warum weinen Sie +denn?" redete ihr Ilse zu. + +"Soll ich da nicht weinen, wenn ich oeffentlich blamiert werde?" gab das +Kind ausser sich zur Antwort. + +"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," troestete +Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen. + +"Es waere besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht +mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders geruehmt, und meine +Schwestern fanden, dass ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spraeche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hoert, verliert man alle Lust." + +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen +wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Traenen eher noch reichlicher, +als zuvor. + +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine +Notiz genommen hatte. + +"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Aeusserungen," sagte sie nervoes +zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht +mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt." + +"Ach, dann lass die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch graesslich," gab +er eilig zur Antwort. + +"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!" + +"Sie wird sich schon wieder troesten, Schatz," sagte Leo fluechtig; er hatte +jetzt keine Zeit zu laengeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur +"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen. + +Der Inspizient, Direktor Althoff, musste verschiedene Male an die Tuere von +Fraeulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich oeffnete und das "Kind" +auf der Schwelle erschien, mit geroeteten Augen und mit den Blicken einer +erzuernten Goettin. + +Ilse war froh, als die gekraenkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte +schon geglaubt, dass dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfuehren und nicht +mitspielen wuerde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem +Vorhergegangenen nahm, wies Fraeulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft +tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in +einem Tone herunter, der genuegend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie +"muckte", wie ein stoerrisches Droschkenpferd, und selbst die +Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten +sie nicht aufruetteln. + +"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muss besser zur Geltung kommen," rief +Althoff ein ueber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an, +die "taube Tante" sehr natuerlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von +dem zu hoeren, was ihr gesagt wurde. Leo liess sie denn fuer heute auch in +Ruhe, als er merkte, dass alle seine Bemuehungen vergeblich waren. + +Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden +ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der +Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das +reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mussten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt +gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den +ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal +geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswuerdige Geduld, er zeigte +immer wieder, liess immer wiederholen, waehrend Althoff schon laengst auf +seinem Sitze unruhig hin und her rueckte. + +"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser +Probe auch etwas baenglich zu Mute wurde. + +Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel +glaenzend ins Wasser, bei jeder Annaeherung des Liebhabers zuckte der +Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schuechternen +Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und liess das +"Schreckliche", ohne ein Glied zu ruehren, ueber sich ergehen. Fuer die +Zuschauer ein hoechst spasshafter Anblick, fuer Leo aber auf die Dauer eine +Qual. Er hatte es unzaehlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, +scherzend, liebenswuerdig, ernst, aber nun riss endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewaehlt. + +"So geht das nicht, liebes Fraeulein, wenn Sie -", er verbesserte sich +schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns." + +Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung +- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; +wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter +die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spaeter sass auch sie +in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer +zwei an diesem Abend. + +Diesmal uebernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt +und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefuehlen. Einesteils fand +sie, dass Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr +die grosse Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu laecherlich. + +Das "Kind" war auch hereingeschluepft, mit ihr die andern jungen Maedchen, +sie mussten doch ebenfalls alles sehen und hoeren, was da vorging. + +"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben +doch alle unser Teil bekommen, das naechste Mal werden wir es schon besser +machen." + +"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Fraeulein Born mit +spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine +besondere Ruecksicht." + +"Na, ich fuerchte mich schon vor dem naechsten Stueck, wenn ich dran komme," +meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden." + +"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie +eben keinen Tadel vertragen koennen, wollen wir die Geschichte lieber +aufgeben, die so viel Muehe und bis jetzt so wenig Freude macht." + +"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Fraeulein +Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung +doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht +deshalb Theater, um mich nur zu aergern; Ihr Herr Gemahl scheint zu +glauben, dass er dumme Schulkinder vor sich hat." + +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen +mit der Heftigkeit, wie ungefaehr eine Loewin ihr Junges verteidigt. Ein +Wort gab das andre, die uebrigen mischten sich mit hinein, schliesslich +sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht +mitspielen", "ruecksichtslos" usw., tauchten wie Froschkoepfe in einem +Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fuer +zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder +an den weissgetuenchten Waenden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden +Seiten des Spiegels und das dicht verhaengte Fenster, durch welches kein +Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem +Raum, und da war es denn kein Wunder, dass sich nicht nur die Gemueter, +sondern auch die Koepfe erhitzten. Erika Blum sass auf dem einen der beiden +einzigen Stuehle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll +zu. Die Traenen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie +sogar schon gelaechelt. + +Das Verschwinden der saemtlichen weiblichen Mitspielenden war schliesslich +Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stuecke begonnen +werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die +Damengarderoben muendeten, hoerten sie durch die Tuere ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draussen wie das Summen von vielen, in einer +Schachtel eingesperrten Maikaefern anhoerte. Alles Rufen, Klopfen, Ruetteln +an der verschlossenen Tuere wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen +ueberhoert; erst als das Klopfen zu einem donneraehnlichen Droehnen anschwoll, +glaetteten sich die aufgeregten Wogen. Fraeulein Borns Flacon, das sie +stets, mit koelnischem Wasser gefuellt bei sich trug, wanderte von einer zur +andern, die Taschentuecher wurden getraenkt und mussten die Wangen kuehlen. +Dann erst wurde die Tuere geoeffnet. + +"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas aergerlich, +aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes +Gesicht sah. + +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel +Zeit mehr, es musste deshalb schnell zu Ende geprobt werden. + +Auch die beiden andern Stuecke wurden nicht viel besser gespielt; es +herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete +und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmaedchen im +"ersten Mittagessen" so tragisch, dass man ueber diese komische Rolle eher +zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch +keineswegs lustig zumute; bei den fortwaehrenden unangenehmen +Zwischenfaellen konnte man unmoeglich seine gute Laune behalten. Die junge +Frau, Erna Schmidt, musste ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle +werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, dass es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei +Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" liessen +die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffuehrung durch +ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft +gelacht. + +Ilse lachte nicht mit, sie war im hoechsten Grade aufgeregt. Da - zwischen +den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals +nach Leo hinueberflogen, konnte man schliessen, dass von ihm, und zwar nicht +in der liebenswuerdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am +liebsten waere sie hingegangen und haette die zischelnde Gruppe gesprengt, +aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war +und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte. + +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und +Nellie mussten manche Ruege, manchen Tadel einstecken. + +Immer hoeher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als +unueberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs +Tagen schon sollte die Auffuehrung sein - das war ja ein Ding der +Unmoeglichkeit! Und sie erzaehlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die +sich hinter den Kulissen, naemlich in der weiblichen Garderobe abgespielt +hatten. + +Leo brach in ein lautes Gelaechter aus, und Althoff meinte, ohne Zank koenne +es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen. + +Ilse jedoch liess ihren Traenen freien Lauf, sie war abgespannt und nervoes +von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen. + +"O, _darling_, du musst dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte +Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!" + +Aber der Freundin Kummer musste sich austoben. Der einzige, der ihr recht +gab und dergleichen auch hoechst aergerlich fand, war Althoff; er stimmte +ihr vollstaendig bei, waehrend Leo die Sache von der komischen Seite +auffasste. + +"Passt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse, +"und was machen wir dann?" + +Leo lachte sie aus. + +"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und +sich die Sache ueberlegen; das Theaterspielen hat doch zu grossen Reiz fuer +alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog +sie in seine Arme. + +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt +sie an Alpdruecken. Sie traeumte, dass sie in der engen Garderobe mit den +andern zusammen, wie in einer Sardinenbuechse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und +Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, dass sie fuerchtete, +erdrueckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rueckwaerts +noch vorwaerts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein +entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Buehne, die +Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von +ihrer Rolle, die Klingel ertoente, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in +diesem Augenblicke der hoechsten Qual erwachte sie. Die helle +Fruehlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich +erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, +Ruth mit einem Veilchenstrausse in der Hand, den sie eben aus dem Garten +geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so boesartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der +Theaterangelegenheit hoeren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit +Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Fruehlingsmorgen. Seit einigen +Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt +umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken koennen, wie weit das Gruenen und +Bluehen draussen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzaehlen +- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in +der letzten Zeit etwas hatte vernachlaessigen muessen. Aber bald wuerde alles +vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fuer sie allein da. + +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, +aber seine Tuere war verschlossen gewesen. + +Onkel Heinz! Selbst fuer den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen +Gedanken uebrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, dass er sich +nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darueber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hoeren, haette sie +nicht ertragen, und an Spott wuerde er es sicher nicht haben fehlen lassen. + +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten +Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis +zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rueckweg begegnete ihnen Rosi. + +"Nun, ich hoere, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen +Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darueber urteilen wuerde, +konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch aergerte sie die Art, in +welcher Rosi danach fragte. + +"Es ist nur gut, dass ihr es wenigstens fuer einen guten Zweck tut," fuhr +sie fort; "mein Mann hat auch schon fuer die armen Leute sammeln lassen." + +Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie +bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?" + +"Ich weiss noch nicht, ob Adolf Zeit hat." + +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu +gross und siegte ueber die sonstige Abneigung gegen das Theater. + +Vor der naechsten Probe hatte Ilse eine foermliche Angst. Doch es schien +wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die +Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und +nachdem die groessten Schwierigkeiten ueberwunden waren, stellte sich auch +die Lust und Begeisterung wieder ein. + +Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und +trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben +teilzunehmen, musste man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. + +Wie zwei gestrenge Waechterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe +Platz und blieben dort den ganzen Abend ueber sitzen. + +Taeglich wurde jetzt geprobt, und allmaehlich trat die richtige Stimmung +ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde +gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute +Kritiken nicht mehr uebel. + +Sogar Fraeulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet +und behandelte sie nicht mehr so gleichgueltig; auch der Backfisch war bei +der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefuehlvoller als +das erste Mal. + +So war man gluecklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewoehnlich +nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffuehrung +stattfinden. + +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch +konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur +verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 1/26 Uhr sollte man dort +sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie +fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange. + +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Raeume; wo ja ein lichter Strahl +von draussen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhaenge +daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. + +Von der Buehne her toente Sprechen und Haemmern. Ilse lief schnell erst +einmal dorthin, um Leo zu begruessen, der mit Althoff zusammen noch alle +moeglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie +daran dachte, dass sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch +- welcher Zauber lag in dem Gedanken! + +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. +Die Tueren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten +wurden nochmals einer genauen Pruefung unterworfen, diese und jene kleine +Aenderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfuemduft lagerte +ueber dem Ganzen. Das "Kind" sass im Frisiermantel in seiner Garderobe mit +aufgeloestem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Buerste und Kamm +bearbeitete, waehrend die andre geraeuschvoll ein Ei mit Zucker in einem +Glase zusammenquirlte. Das war gut fuer die Stimme und wurde der Erregten +loeffelweise eingegeben; ausserdem standen noch eine Flasche Wein auf dem +Tische und ein Teller mit belegten Broetchen, um die Kraefte der vom +Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in +den Haenden und memorierte fortwaehrend. + +"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das aelteste Fraeulein Born, als +Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch +wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!" + + [Illustration] + +"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe +ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen. + +Und in der Tat, was das "Koennen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas +fuehlten nach ihrer Meinung nur gewoehnliche Sterbliche, Kuenstlerseelen, wie +sie, waren ueber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, dass selbst +die groessten Kuenstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und dass, +wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewusst auftreten sieht, +diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Kuenstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ueber welche +der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet. + +In den Garderoben der jungen Maedchen herrschte ein lustiges Durcheinander. +Auch hier erwiesen sich Muetter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so +vielerlei zu tun. Erika Blum liess sich noch einmal ihre Rolle ueberhoeren; +besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur +hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen muessen. Wenn es nur +heute abend gut ging! Sie sah uebrigens reizend aus, die huebsche Erika. Das +blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ueber den +Ruecken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife +zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das +sorgfaeltig ausgebreitet ueber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschaeft des +Ankleidens musste nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fraeulein +Borns Tuere verschwunden und wuerde gleich zu den andern kommen. + +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffuehrung +wuerden einem objektiven Beobachter eine Fuelle von komischen Eindruecken +bieten. Da loest sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Naechstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus +zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder moechte zuerst fertig sein, +zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! + +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Maedchen fuehrten zwei +Muetter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, dass ihre Tochter +die schoenste sei, und trotz des Eifers und der grossen Eile flogen doch +verstohlene, pruefende Blicke hinueber und herueber. + +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbuechse; er wurde sofort +foermlich umringt. + +"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran." + +"Meine Haarfrisur haelt aber solange auf, Sie muessen mich zuerst +frisieren!" + +"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so +richtig, oder muss der schwarze Strich unter den Augen staerker sein?" + +Der parfuemierte Juengling konnte sich vor so vielen Fragen und +Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; +endlich schoss Erika den Vogel ab; sie wurde die erste. + +"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewoehnlichen Leben +waren ihre frischen Farben ihr groesster Kummer, sie fand es interessanter, +etwas blass auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkuenstler +versicherte immer wieder, dass sie ausgezeichnet "wirken" wuerde, und die +Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, suess, entzueckend!" Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ueber das +reizende Toechterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher +Liebenswuerdigkeit, dass Erna und Mietze doch noch viel huebscher aussaehen. + +In demselben Augenblick flog die Tuere auf, das zweite Fraeulein Born +stuerzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde" +zurueckgeholt, denn die blonde klassische Peruecke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; ausserdem war das Schminken +noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. + +"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Fraeulein Born aengstlich, als +die jungen Maedchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen +Dienstmaedchenkleid erschien. + +"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, +sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte +dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht graesslich aus?" + +Dass diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von +den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie laechelte ihrem +Spiegelbilde wohlgefaellig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten +fortwaehrend, wie reizend sie aussaehe. Dabei legten sie immer wieder die +weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und +keineswegs klassischen Bewegungen seiner Traegerin verschoben. + +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor +sich gegangen. Die blonde Peruecke, die Schminke und das griechische Gewand +hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das +sie sonst im Leben nicht mehr besass. Fuer die uebrigen hatte die aufgeregte +Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. + +"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schoen +von Ihnen abstechen!" + +Und missmutig glitten ihre Blicke ueber das graue Kleid der "tauben Tante", +das schlaff und dunkel an der weissen Wand hing. Dahinein musste sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war +eigentlich zu aergerlich. + +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, +deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, +jetzt mussten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein pruefender +Blick in den Spiegel. + +"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel - +schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber +fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?" + +Annas Haende flogen, waehrend die andre Schwester mit dem roten +Staerkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," draengte sie und hielt +der Muse das volle Weinglas an die Lippen. + +"Vorsichtig, vorsichtig, dass die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, - +dann rauschte es hinaus. + +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Buehne +versammelt. Man draengte sich an die kleinen Loecher im Vorhang, um ins +Publikum sehen zu koennen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in +dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch +stroemte es noch fortwaehrend herein. In der ersten Reihe sassen die beiden +Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gross und erwartungsvoll auf den +bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen +mochte; denn waehrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die +Kulissen tun duerfen - o, das war eine Wonne gewesen! + +Wie fernes Meeresrauschen toente das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den +Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders +laute Stimme heraushoeren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen toenten +einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine +Instrumente stimmte. + +Alle diese Geraeusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen +zum Beginn ertoente und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte. + +Nur wer einmal eine solche Auffuehrung mit durchgemacht hat, kann die +allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum +ersten Male hebt, nachfuehlen! + +Die Buehne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde +im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertoente; voll +Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Haende +und Fuesse, haemmerndes Herzklopfen, momentane vollstaendige +Gedaechtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des +Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder +weniger ergriffen hatte. + +Die Ouvertuere neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte +Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein +Fluegelschlag, - der Vorhang ging in die Hoehe. + +Das Gefuehl, welches Fraeulein Born beim Beschreiten der Buehne hatte, war +demjenigen sehr aehnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den +Marterstuhl eines Zahnarztes niederlaesst. Vor ihren Augen tanzte das +vielkoepfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten +Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Fluestern +ueber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme +wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorueber. + +"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den +Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, +und wie Sphaerenmusik klang das laute Haendeklatschen an das Ohr des +"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal musste er sich wieder +heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines +solchen Augenblicks beschreiben! + +Mit geoeffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die +tief Bewegte, waehrend die andre schon wieder den bewussten Labetrank bereit +hielt. + +"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich +wirklich wie eine grosse Kuenstlerin vor, als an allen Ecken und Enden +helfende Haende bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln. +Hinein musste sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare +wurde ein Spitzenhaeubchen gesteckt. Der Friseur taenzelte um sie herum, und +unter seinen flinken Haenden entstand ein wuerdiges Matronenantlitz. + +"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus," +sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn. + +"Nein, nein, keine kuenstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte +der gelockte Juengling und besah pruefend sein Werk, hier und da noch einen +kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend. + +"Lassen Sie nur, Sie koennen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller +Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draussen war, einen +widerlichen, unverschaemten Menschen. + +Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika +entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und +auch die Umarmungsszene geriet weit natuerlicher als bisher. Mietze Schmidt +und ihr komischer Liebhaber passten vortrefflich zusammen, und die "taube +Tante" hoerte es mit Genugtuung an, wie man ueber ihre Schwerhoerigkeit +lachte. + +Der Beifall war geradezu stuermisch, als das reizende Lustspiel zu Ende +war, und als Erika auf der Buehne erschien, flog ein wundervoller Strauss, +ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fuessen nieder. Galant +ueberreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke +konnte man doch bemerken, wie tief sie erroetete. + +"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den +Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen +steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid", +so eilig hatten es die uebrigen, den Strauss zu sehen und zu bewundern. Er +wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen +bereits an, ihre Gloeckchen zu senken, als sich so viele Nasen darueber +beugten. Dieser Strauss war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben +mochte, darueber zerbrach man sich die Koepfe. Erika musste viel mit anhoeren. +Sie wusste ja natuerlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es +nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. + +Fraeulein Born aber meinte, anonyme Geschenke duerfe ein junges Maedchen +eigentlich gar nicht annehmen, sie faende es wenigstens nicht schicklich +und wuerde es sicher nicht tun. + +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, +sie wuenschte schon, sie haette die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt +die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blueten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie moege sich nur ja +darueber freuen, die andern waeren alle nur neidisch auf sie. + +"Wahrscheinlich wieder so eine Anbaendelei von der Erika; sie hat eben doch +ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spaeter zu den Schwestern, und +die huebsche Erika wurde von den dreien tuechtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das huebsche Maedchen!" + +Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmaedchenrolle erschien, +erklang ploetzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. +Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und +sich gar nicht darueber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Aermel +zupfte und zur Ruhe verwies. + +Uebrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der +wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar +einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse +Dreistigkeit ueber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, +wenn der Vorhang in die Hoehe ging, sondern fuehlte sich schon ganz heimisch +auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Buehne nach der Musik +getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die +Darsteller, ueberbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natuerlich nur die +guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben. + +"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent," +sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelaechelt hatte, +aber zu einem wahren Genuss nicht gekommen war. + +"Passend finde ich es nicht, dass eine Frau noch Theater spielt," warf sie +ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ueber so etwas anders!" + +Die Betonung dieser Worte liess erraten, welchen Sinn sie hineinlegte. + +"Aber bedenke doch den guten Zweck, Roeschen; sie nehmen eine Menge Geld +ein fuer die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem +vollen Hause um. + +Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohltaetige +Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggruende eines jeden auf seiner +Stirn zu lesen gewesen waeren, die ihn heute abend ins Theater gefuehrt +hatten, so wuerde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ueber die +Wohltaetigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der +Oeffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen grossen Reiz. + +Zum dritten und letzten Male ertoente jetzt die Klingel. Die +"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stuecke +gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie +diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermaedchen, vorzueglich besetzt. Der Beifall war ein grosser, und +zum Schlusse mussten die Spielenden vier- bis fuenfmal erscheinen; +unermuedlich ruehrten sich die Haende der Zuschauer, und einzelne Begeisterte +dankten sogar mit lauten Bravorufen. - + +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden +Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren +Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen +uebergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife +und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und +wieder in das alltaegliche verwandelt. + +Mit wehmuetig zaertlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches +Gewand, das die Schwestern soeben sorgfaeltig in den Korb einpackten. Wie +schade, dass der schoene Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das +bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig +versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei. + +Ilse schien aber doch ganz froh darueber zu sein, dass die aufgeregte Zeit +ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war - +vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen wuerde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt." + +Und wie war es gelungen! Fuer allen Aerger im Anfang, fuer alle Muehe, war der +Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 +Mark uebermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein ruehrendes +Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die +Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schoenes +Gefuehl, fuer ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so +viel Jammer und Elend zu lindern. + +In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffuehrung gab es natuerlich nur +dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten +klang die Kritik ueberraschend aehnlich, da sie sich eben nur in +Gemeinplaetzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstaendnislos, +dass man genau wusste, hinter dem Ruecken sprachen sie ganz anders. Nur +wenige aeusserten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, dass sie in die Sache +eingedrungen waren; auch dass sie dies oder jenes tadelten, sich manches +anders gewuenscht haetten, war ein Beweis, dass man der Wahrheit ihrer Worte +trauen konnte. Den groessten Spass bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hoerten; wie sehr +wuerde darueber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen +triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase geruempft +haben. - + +Fritz war am Tage nach der Auffuehrung heimlich in aller Eile gekommen und +hatte sich von Ruth erzaehlen lassen, denn er selbst war natuerlich nicht im +Theater gewesen. Rosi behandelte ihn ueberhaupt jetzt unerbittlich strenge, +die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes +mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es muss und soll +etwas Tuechtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn +Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand +nehmen." + +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifaelligem Kopfnicken begleitet +und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ueber Kindererziehung +zum besten, die in der Theorie nichts zu wuenschen uebrig liessen, jedoch in +der Praxis wohl zu einem klaeglichen Resultat gefuehrt haben wuerden. Aber +fuer Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum +ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz +und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten +nicht eingehst," haette man ihr zur Antwort geben muessen. Bei Tante Ilse +fuehlte er sich so wohl, sie hatte Verstaendnis fuer den aufgeweckten Jungen +und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit +Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Maedchen erregte +stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +besitzen, hatte sie deren schwache Seiten laengst erkannt, und zwischen den +beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsuechtiges Kind, +Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch. + +Fritz hoerte mit offenem Munde Ruths Erzaehlung ueber das Theaterspielen an. +Ach, das musste doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch haette +sehen koennen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, dass selbst +Ilse, die eben dazu kam, darueber lachen musste, und dann berichtete sie, +welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt haetten. +Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn +vergeblich auf allen Plaetzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter. + +Ilse laechelte zu dieser Frage. Dass sich Onkel Heinz solchen +"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wuerde, hatte sie wohl +gewusst, aber auffallend war es, dass er sich gar nicht sehen liess. War er +noch boese? Sie hatte darueber in den letzten Tagen wenig nachdenken koennen, +aber jetzt kam ihr der Gedanke ploetzlich, und alles stand wieder deutlich +vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen +uebrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. +Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne dass er kam - natuerlich: "er brummte +wohl mal wieder!" + +"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse +spaeter zu Leo, als sie mit ihm darueber sprach und auch er die Meinung +aeusserte, dass der Professor zuerne. + +"Ja natuerlich, Ehemaenner muessen sich das Uebelnehmen mit der Zeit +abgewoehnen," erwiderte er seufzend, aber die gluecklichen Augen, mit denen +er seine Frau ansah, straften ihn Luegen. + +"Die Ehemaenner, welche sich am gluecklichsten fuehlen, beklagen sich am +meisten," gab Ilse zurueck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine +Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, waere dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frueher doch ganz anders +geworden, nicht wahr?" + +Er zoegerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, dass +sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil +sie sich des einstigen Trotzkopfes schaemte und sich nicht gern daran +erinnern liess. + +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief +sich alles wieder ins Gedaechtnis zurueck, was er gesagt und was sie +erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum musste er sie auch +immer so reizen!" + +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung +verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, dass er schon seit laengerer +Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die noetige +Pflege haette finden koennen. Leo suchte ihn dort sofort auf. + +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und +musste sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend +heimkehrte. + +Das Mitleid verdraengte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz +von freundschaftlichster Teilnahme erfuellt und malte sich das Bild des +einsamen, kranken Junggesellen in den truebsten Farben aus. Warum hatte er +auch nicht zu ihnen geschickt! + +"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und +doch koennte einer sterben und verderben, ohne dass man etwas davon merkt!" +rief sie mit Traenen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, +als sie erfuhren, dass ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer +leidenschaftlichen Art fragte fortwaehrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz +nicht am Ende sterben wuerde, und liess sich kaum beruhigen. + +Am andern Tage musste Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen +und fragen, ob sie den Professor besuchen duerfe. + +Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurueck und erzaehlte, dass sich der Professor +durch Ilse tief gekraenkt fuehle und durchaus nichts von ihrem Besuche +wissen wolle. Darueber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, +deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie +mit der Antwort auswich, dass er sich noch zu krank dazu fuehle. + +"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse +hatte Not, die betruebten Kleinen wieder zu troesten und zu erheitern. Jetzt +empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein muesse, der +sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn +naechst ihren Eltern am meisten liebten. + +Am Morgen des uebernaechsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, +einen Brief hoch in der Luft schwenkend. + +"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen - +heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig +abgebrochenen Saetzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller +Freude. + +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb +er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, dass er sie am Nachmittage mit +Mutter und Schwester erwarten wuerde. + +Fragend sah Ilse ihr Toechterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, +ihre Heldentat zu erzaehlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz +geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. + +"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbuechse gegeben. +Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft. + +Das Kind war voller Stolz ueber diese eigenmaechtige Tat und erzaehlte immer +wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand haette ihr +geholfen, sie waere ganz allein an die Strassenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer staenden, und haette einem davon den Brief gegeben. + +"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann ploetzlich, und ohne eine +Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen. + +"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Ruehrung. +Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen +mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie +allerdings im naechsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und +Hassen war sie gleich stark. Fuer Onkel Heinz, den sie liebte, wuerde sie +alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen +die sie sich geradezu unliebenswuerdig zeigte. + +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurueck, auf welcher der +Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermassen lautete: + + + + + + + "Lieber Onkel Heinz! + +"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben woerdest +du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern +aufs Knie gefallen und Mutter und ich moechten Dich so gern in der Klinick +besuchen und heute musste eine in unser Schule nach bleiben die hat aber +gebruelt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele gruese ich bruele aber nicht wen +ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig +gegeben fuer den weg. + + Es gruest Dich + Deine libe Ruth." + + + + + + +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen koennen; Ruth war nun einmal sein +erklaerter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fuers +Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spaeteren jungen Maedchens, sie +war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel +Heinz. + +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief +sie durch alle Zimmer, singend und traellernd, oder in den Garten, wo sie +einen grossen Maiblumenstrauss fuer den geliebten Onkel pflueckte. Jubelnd +brachte sie Ilse den ersten Maikaefer, den sie eben gefangen und in eine +leere Streichholzschachtel auf zarte, gruene Blaetter gebettet hatte - er +sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern. + +"Da wird er sich drueber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber +auch fuer ein Kind, den ersten Maikaefer zu verschenken, den es so eifrig +gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat! + +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren +beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Aelteste hatte unterwegs in +einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussaehe, ob da +viele kranke Menschen waeren und wer weiss, was noch alles; ihr +Plappermaeulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse musste sie +schliesslich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tuere +standen und die Glocke gezogen hatten. + +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen +oeffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wuenschen fragte. + +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, dass Ilse gleich +hinaufgefuehrt werden solle, wenn sie kaeme, und die Schwester mit dem +milden Gesicht unter dem weissen Haeubchen fuehrte sie deshalb ohne weitere +Anmeldung die Treppe hinauf. + +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Laeufern. Geheimnisvoll +still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an +Zimmer, und wattierte gruene Tueren davor hielten jeden Ton, der stoerend +nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der +gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorueber. Eine peinliche +Sauberkeit herrschte ueberall, und in den grossen, hellen Fenstern standen +bluehende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen +etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen. + +Hinter einer der vielen Tueren verschwand nun die Schwester, und nach +einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurueck, dass der Herr +Professor bitten liesse einzutreten. + +Zoegernd ueberschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand +haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit grossen Augen +musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wuensche angelangt war, wurde sie +zaghaft und scheu. + +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem +Krankenstuhle sass, eingehuellt in warme Decken, mit dem Aussehen von +jemand, der schwere Krankheit ueberstanden hat, glich auch wenig dem alten +Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu +jedem Spasse bereit war. + +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, +besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem fluechtigen +Haendedruck begruesst und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu +machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann +wandte er sich wieder an Ruth, welche zoegernd stehen geblieben war und ihn +betrachtete. + +"Na, nun komm doch naeher, alte Kroete!" rief er endlich herzlich. + +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm +hin und warf sich stuermisch in seine Arme. + +"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie +zurueckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich +noch enger an ihn. + +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzaehlte von +ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm +den ersten Maikaefer in seinem engen Gefaengnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schoen es im Theater gewesen sei. + +"Habe von der Mimerei gehoert," sagte Onkel Heinz kurz. + +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit +den duftenden Blueten kam ein Stueckchen Fruehling in das nuechterne Zimmer. + +"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner +Mutter einen Stuhl; fix, Maedel!" rief er und konnte eine gewisse +Verlegenheit nicht verbergen. + +"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenueber. + +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespraech anzufangen, aber er ging +nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, +denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschaeftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten. + +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit +poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmueckt, und war +nun enttaeuscht, dass der Professor jede Annaeherung abwehrte und auch nicht +die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so +verwegene Gedanken! Sie haette ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu +wissen, dass er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation +geschickt zu benehmen. + +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich +leugnete er immer sehr bestimmt ab, dass er irgend etwas vermisse, wenn sie +ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder +taeuschte er sich selbst? Darueber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte +sie sich mehr der Ansicht zu, dass er, um gluecklich zu sein, weiter nichts +brauche, als seine Arbeit, seine Buecher. + +Und doch - ein eingefleischter Buechermensch hatte nicht das warme Herz, +das Verstaendnis fuer die Kinder, wie er es besass! Er ging auf ihre Ideen +ein, wie es niemand besser verstand. + +"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die +letzte?" fragte er in diesem Augenblick. + +"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entruestet, "ich bin niemals die letzte +gewesen!" + +"Natuerlich, du Faulpelz, du kannst und weisst ja nie etwas, du bist die +Duemmste in der ganzen Klasse .." + +"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!" + +"Schweig, du Kroete, ich weiss es besser!" + +"Ach, du weisst gar nichts, Onkel Heinz." + +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wussten sie genau, +dass sie sich alles moegliche herausnehmen durften, und meistens endete eine +solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat +Ruth alles moegliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch +noch zu hinfaellig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen +Kampf einlassen zu koennen. + +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespraech anzuknuepfen doch er wandte sein +ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie musste +ihn tief, tief gekraenkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. + +"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in +ihrem sanftesten Tone. + +"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!" + +"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort. + +"So nannten es die Aerzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann +sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikaefer in den Bart gesetzt hatte. + +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien +ihm sehr angenehm zu sein - fuerchtete er etwa eine Auseinandersetzung? +Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekraenkt und +musste ihn wieder versoehnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so +verlassen vor, so trostlos traurig, dass sie nur der eine Wunsch beseelte, +er moechte ihr verzeihen. Aber die Kinder mussten erst fort sein, er haette +bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie +schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem +Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wuerden. + +Ruth wollte sich wie gewoehnlich widersetzen, wenn sie aus der Naehe ihres +Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genuegte ein Blick auf +Ilse, um ihr zu zeigen, dass mit der Mutter jetzt nicht zu spassen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. + +"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor. + +"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiss +die groesste Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel +besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus." + +Onkel Heinz brummte etwas Unverstaendliches in den Bart, wobei er +unverwandt durch das Glasfenster in der Tuere auf den Balkon blickte, wo +seine kleinen Freundinnen den Maikaefer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. + +"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, dass Sie krank waren?" +fragte Ilse wieder. + +"Das haette mir auch nichts nuetzen koennen, wenn Sie das gewusst haetten," +antwortete er nicht gerade liebenswuerdig. + +Dann schwiegen wieder beide. + +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloss +deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. + +"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr boese, Onkel Heinz?" fing sie an. + +Er antwortete nicht. + +"Ich wollte Sie ja nicht kraenken," fuhr sie fort. + +"O - Sie kraenken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer +merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig. + +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, dass er sie durch sein Benehmen oft reize +und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrueckte doch lieber diese +Bemerkung. + +"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts +dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort. + +"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein. + +"Ja, aber wieso denn?" + +"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder +Sie sagen, ich sollte froh sein, dass ich nicht verheiratet waere, denn ich +wuerde eine Frau nur ungluecklich machen, na - und aehnliche Redensarten +mehr!" + +"Aber, das ist doch alles nur Scherz!" + +Ilse musste beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft +zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespraech doch zu ernsthaft +zumute. + +"Sie trauen mir wenig feines Gefuehl zu, wenn Sie glauben, dass ich den +Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief +sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme. + +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. +Nach einer Weile fuhr er fort: + +"Sie sind gluecklich, Frau Gontrau, Sie sind verwoehnt, zu verwoehnt, - denn +offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort. + +"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glueck koennten Sie +doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es laege Ihnen nichts +daran und Sie haetten nur Interesse fuer Ihre Buecher." + +"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male +voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken +musste. + +"Halten Sie mich solcher Gefuehle nicht fuer wuerdig oder nicht fuer faehig?" +fing er wieder an. + +"Dass Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern," +erwiderte Ilse etwas verlegen. + +"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit +ueber das Gefuehl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas +natuerlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, dass +Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann, +und hinter meinem Ruecken werden Sie gewiss darueber spotten und lachen." + +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. + +"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn +fuer so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins," +fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?" + +"Nun, wie ich schon sagte, er verwoehnt Sie zu sehr, er laesst Ihnen zuviel +Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie +haetten ganz anders erzogen werden muessen." + +"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf +ein Haar dem Trotzkopf von frueher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das +'Erziehen' wuerde ich mir von meinem Manne recht huebsch verbitten." + +"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben koennen, Frau Gontrau, dann wollen wir +dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem +Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. + +Aber sie bezwang sich heute, es waere sonst wieder zu einem neuen Streite +statt zur Versoehnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er +ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fuehlte er oft! + +"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie ploetzlich, "warum +nicht?" + +Er gab keine Antwort, aber eigentuemlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. +Sie konnte sich denselben nicht recht erklaeren, dennoch fuehlte sie +instinktiv, was er ausdrueckte - es beunruhigte - es verwirrte sie. + +"Sie halten mich wohl fuer recht schlecht?" platzte sie in ihrer +Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen." + +"Ich halte Sie fuer gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach, +"sonst wuerde ich ueberhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, +nicht wahr? Schoene Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es +auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das +nicht?" + +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kaempfe +er mit seinen Gefuehlen. + +"Gewiss, gewiss, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu +absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie +seine Wissenschaft manchmal herunter!" + +Ironisch laechelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. + +"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres." + +"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind, +dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur +sagen." + +"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer missverstehen, Frau Gontrau. Nun +wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. +Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persoenlich, es gibt ja +doch Ausnahmen unter den Juristen!" + +"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell. + +"Sonst waere er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck +zur Antwort. + +Ilse amuesierte sich innerlich ueber die gute Meinung, die er von sich +hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentuemlichkeiten gegen seine +wahre Freundschaft fuer sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit +denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wuerde +mit der Welt ganz abschliessen und ein Einsiedler werden, wenn die +Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstoert werden sollte. War +es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu +retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, +sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu +verlieren? + +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar +erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhaeltnis doch nicht +ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, +jedoch hinter dem Ruecken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es +gegen seine Ueberzeugung ging. + +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fuehlte, dass sie ihm heute, +in diesem Augenblicke viel, viel naeher gerueckt war als je zuvor, denn in +solchem Masse hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen +hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, +hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle? + +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und haette gern mehr darueber +erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefuehl, das sie vorhin unter +seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstaendig gewichen, sonst haette sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. + +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglueckliche Liebe? + +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder +aufnehmen, aber sein veraenderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und +das war gut. + +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefuehle zu offen +gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als +mache er sich ueber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem +wahren Galgenhumor. + +Unaufhoerlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, +sonnige Luft, welche die beiden Kinderkoepfe auf dem Balkon duftig umwob. + +Laut rief er sie bei Namen. + +"Ruth, Marianne, kommt herein!" + +Die beiden liessen sich das nicht zweimal sagen, ungestuem stuermten sie ins +Zimmer. + +"Lasst die Tuere offen, Kroeten, es ist eine dumpfe Luft hier!" + +Ilse oeffnete Fenster und Tuere weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, +als der frische Zug von draussen hereinwehte - belebend, ermutigend! + +"Onkel Heinz," rief Ruth froehlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang +- weisst du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie +schade, dass du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du +erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit +herunter?" + +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm +verlangten. + +"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer ploetzlichen +Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den Aerzten vertragen, +die Sie ja doch so sehr verabscheuen?" + +"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man +denn machen, wenn sie einen in voellig wehrlosem Zustande in die Klinik +schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!" + +"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, +Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!" + +"Haben die Aerzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!" + +Streiten musste er nun einmal immer. + +"Wenn Sie erst wieder ausgehen koennen, werden Sie sich gewiss schnell +erholen in der himmlischen Fruehlingsluft. Duerfen wir bald mal +wiederkommen?" + +Ilse fragte mit bestechender Liebenswuerdigkeit; in dem unklaren Gefuehl, +dass sie trotz allem einen nicht geringen Einfluss auf Onkel Heinz ausuebe; +so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenueber zeigte, +ebenso empfaenglich war er andrerseits auch fuer die geringste +Freundlichkeit. + +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. + +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: + +"Seien Sie nicht mehr boese, wir wollen stets gute Freundschaft halten." + +Onkel Heinz wusste, was es sie kostete, eine solche Bitte ueber ihre Lippen +zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm +ihre Worte. + +"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand. + +Der Abschied von den Kindern war ein sehr zaertlicher, namentlich von Ruth, +die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. + +Als sich die Tuere hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still +und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurueck und schloss die Augen. +Worueber er nachdachte? Wir wissen ja, dass er sein Inneres gut verbarg. Den +Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie +er denjenigen manchmal beguenstigt, der auf hohem Berge steht und +sehnsuechtig in die von grauem Nebel verhuellte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreissen sieht. Neugierig spaeht er hinab, +sieht unter sich ein bluehendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schloss auf +der Hoehe. Was liegt nun noch dort drueben? Was dort? Das moechte er wissen, +moechte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben +sich die Wolken davor, alles verbergend und verhuellend. + +So hatte sich auch ueber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die +undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem +Blicke verbarg. + +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, +und brachte seine Abendmahlzeit. + +"Soll ich das Fenster schliessen? Es wird zu kuehl, Sie koennten sich sonst +erkaelten, Herr Professor," sagte sie freundlich. + +Er erwachte wie aus einem Traume! + +"Lassen Sie nur offen! Erkaelten - erkaelten - ist ja Unsinn - Luft schadet +nichts, will mich nicht verpimpeln." + +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrueche der Kranken +gewoehnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fuer ihre Pflicht hielt; sie +schloss die Tuere und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kuehl. - + +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, +um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu geniessen, und dabei erzaehlte +sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, +und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Ruecksicht zu +behandeln als bisher. + +Die Fruehlingsstimmung ringsumher, der schwermuetige Gesang der Nachtigallen +machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann +einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf +einmal in einem ganz andern Lichte; seine aeussere Rauheit war nur Schein, +dahinter verbargen sich schmerzliche Gefuehle von Einsamkeit, +Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +kuenftig zarter anfassen und ihm zeigen, dass sie des ihr geschenkten +Vertrauens wuerdig war. + +Unwillkuerlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurueck zu dem kleinen +Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betruebt und +nachdenklich, und fasste den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu +sein. - + +Die geruehrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, +hielt zum Glueck nicht lange an. + +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnuegt, ganz der Alte, und jedes +mitleidige Wort, das Ilse ueber seine Krankheit, ueber sein einsames Leben +an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, dass dabei gar nichts zu +bedauern sei, denn er waere nicht sentimental angelegt und wuesste sich mit +den Tatsachen abzufinden. + +So geriet allmaehlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte +Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich +Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbaer" usw., die +ihn so tief gekraenkt hatten, bekam er nicht mehr zu hoeren. + + * * * + +Die Rosen standen schon in voller Bluete, die Tage waren heiss, das frische +Gruen der Gaerten wurde durch eine graue Staubdecke gedaempft - der Sommer +war eingezogen und hatte den Fruehling verdraengt. + +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schoenste gepriesen, wie +kurz vorher sein Vorgaenger, der wonnige Mai. + +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit +vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte +von sich hoeren lassen. + +Seitdem wir Flora als schwergepruefte junge Witwe verliessen, war eine +Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu +sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie ruehrte keine +Feder an, sie verfasste keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +ueberschwenglichen Worten. Der erste grosse Schicksalsschlag ging nicht +spurlos an ihr vorueber, er ruettelte sie aus ihren toerichten Ideen auf, das +Leben nahm fuer sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften +Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne dass es ihr +eigentlich zum Bewusstsein gekommen waere, eine andre geworden, als sie den +Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun +Kaethchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte +sie von der Grossmama zurueck. Nach und nach gewoehnte sich die Kleine mehr +an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Kaethchen schien es nicht vergessen zu haben, +wie sie frueher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Muehe und +Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhaeltnis zwischen Mutter und +Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen. + +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem +Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein +Landwirt! Was das fuer ein Kontrast sein musste, malten sich Ilse und Nellie +oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, dass diese +sich geaendert haben musste, denn sie klangen ganz vernuenftig, und nur +selten noch erging sie sich in ueberspannten Schwaermereien. Ueber ihre zwei +kleinen Maedchen von sechs Jahren, ein Zwillingspaerchen, schrieb sie +gluecklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu +koennen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die +Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien +nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in +der schweren Zeit beigestanden hatten. + +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen +hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie +herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, dass sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. + +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem +Hin- und Herueberlegen entschloss sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, +dass sie kommen und, wenn es ihr passte, um die und die Zeit mit den Kindern +eintreffen wuerde. Ruths Ferien sollten in den naechsten Tagen beginnen, und +auch ihr und Marianne wuerde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut +tun. + +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunaechst +als eine Unmoeglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte +Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das +Dienstmaedchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklaerte sie rund +heraus. + +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den +Direktor, sagte ihm, sie faende Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm +dies so beharrlich vor, bis er schliesslich selbst fand, dass seine Frau +erholungsbeduerftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er +ploetzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge fuer ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewoehnliches und, wie sie +meinte, Unnoetiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so +abquaelen musste, der musste gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, +er wollte in der staubigen, heissen Stadt allein zurueckbleiben und +arbeiten, immer arbeiten; niemand wuerde da sein, der fuer ihn sorgte, wenn +er muede und abgespannt nach Hause kaeme, niemand, der an eine Erholung fuer +ihn daechte und seine Wuensche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu +erfuellen suchte. O, sie wuerde keine ruhige Minute auf der Reise haben, +nicht die Spur von Vergnuegen, sie wuerde fortwaehrend voller Sorge an ihn +denken. + +Das alles klagte sie Ilse unter Traenen und ahnte nicht, dass diese sich +heimlich ins Faeustchen lachte, als sie sah, dass ihre Bemuehungen +erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fuer den nervoesen +Direktor, dass er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewusst, was er an dieser Frau +besass, die ganz und gar in ihm aufging und nur fuer ihn auf der Welt zu +sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlaegen war bei Nellie nichts +auszurichten; sie gab stets zur Antwort, dass Ilse gar nicht wisse und +beurteilen koenne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fuer die +Freundin fand sie dennoch, dass diese solche Dinge zu leicht nehme. + +"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, dass ich fort +soll, sage ihm, dass du mich frisch und gesund faendest, und dass ich keine +Erholungsreise noetig haette, denn er gibt so viel auf dich." + +Ilse wuerde sich wohl hueten, so etwas zu tun, das erklaerte sie ganz offen +gegen Nellie. So musste sich diese denn ins Unvermeidliche fuegen. Fred +hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehoert, aber bei den immer neuen und +durch Traenen verstaerkten Auflagen derselben war er schliesslich so nervoes +und ungeduldig geworden, dass sie endlich hatte nachgeben muessen. Wie ein +Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen +fuer das Dienstmaedchen waehrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine +Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, ausserdem sollten zum Fruehstueck +und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so dass +der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte. + +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo +begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer musste noch unzaehlige +Ermahnungen ueber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; +aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Duete heraus, die von den Kindern +mit Jubel begruesst wurde. + +"Ich bin ueberzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich +amuesieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen +Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, dass er ihren Mann jeden Abend zur +Kneipe abholen wuerde, denn sie muessten doch ihre Freiheit geniessen. + +"Siehst du wohl," lachte Ilse. + +Aber spasshaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in +vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfuehren, er koenne so wenig +vertragen und muesse es nachher immer buessen, wenn er je einmal des Guten zu +viel getan haette. + +"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem +Laecheln, "ich werde auf die beiden Maenner achten." + +"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen +Worten gut herausfuehlte. - + +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die +Taschentuecher aus dem Coupefenster den Zurueckbleibenden zum Abschiedsgrusse +zu. + +Nellies gedrueckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der +beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwaehrend zu fragen und zu +zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, +kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um +sie zufrieden zu stellen. + +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der +letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete. + +Ihre Freude ueber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an +Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kuesste sie immer +wieder. + +Und dann, als sie behaglich im Wagen sassen, musterten sich die Freundinnen +untereinander mit grossem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht +veraendert," hiess es. "Etwas staerker bist du geworden." "Und du siehst viel +wohler aus, als frueher," und aehnliche Redensarten mehr wurden +ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger +Trennung wiedersieht. + +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile veraendert. Durch die +Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch +passte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der +Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der +Wagen durch bluehende Wiesen und ueppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den +Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehoerte, hatte sie wieder +den alten schwaermerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob +sie von dort etwas Besonderes erwarte. + +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. +Zwar brannte noch heisser Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur +war derselbe weit ertraeglicher, als vorhin im Coupe, in dem eine +Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte. + +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwaeldchen, das unter den warmen +Strahlen einen koestlichen Duft ausstroemte, dann bogen sie wieder in die +staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Haeuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. + +Als sie die sauberen Haeuschen erreicht hatten, hinter deren +blumengeschmueckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, +waehrend barfuessige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen +herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Koenigin in ihrem Reiche zu +fuehlen. + +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, +und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen. + +"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen, +dass ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte +sie im Vorbeifahren ein halbwuechsiges Maedchen, deren Antwort in dem +Geraeusche der Raeder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in +diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein." + +Die Dorfstrasse war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen +Feldweg, kamen dann an einigen grossen Scheunen vorbei, hinter denen +stattliche Misthaufen den tuechtigen Landwirt erraten liessen, und fuhren +nun in den Gutshof ein. + +"Vor das Schloss fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza. + +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten +fuehrte, und hielt vor einem grossen kastenartigen Gebaeude - es war das +sogenannte "Schloss". - Nur gut, dass ihm Flora selbst diese Bezeichnung +gegeben hatte, denn Nellie und Ilse haetten es sicher nicht mit dem stolzen +Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne +jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeisseltes Wappen ueber der Eingangstuer +liess erraten, dass die frueheren Bewohner Adelige gewesen waren. + +"Es gehoerte einem Baron v. H.," erklaerte Flora, als sie bemerkte, dass die +Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam +betrachteten. In demselben Augenblick oeffnete sich die Tuere, ein +schlankes, junges Maedchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen +Blondkopf fuehrend - Kaethe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine +Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kaethe! Das +verschuechterte Kind hatte sich zu einem huebschen Maedchen entwickelt, +Nellie und Ilse mussten sie immer wieder betrachten. Und dann die +Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzaehlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er +ihnen geschenkt hatte. + +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben +keine Antwort. + +"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Haendchen," rief Flora, als sie +sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmuehte. + +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, +sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen luetten Druwaeppeln "Lining" +und "Mining"; laendlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und straehnig blondem Haar. + +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in +diesem Moment ueber die vier Kinder gleiten liess, als sie so beisammen +standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am huebschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, +aber dass Ilses Maedchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch +unwillkuerlich aufzufallen, denn sie fand ploetzlich, Thusnelda und +Hildegard muessten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen +haetten. + +"Sonst haben sie naemlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an +Ilse und Nellie, und dann schalt sie, dass Kaethe ihnen die Haare so glatt +gekaemmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ueber die +Blondkoepfe, als koennten sich unter dieser Beruehrung die glatten Straehnen +in Locken verwandeln. + +"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begruessung vorueber war, und +fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?" + +"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete +Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach. + +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft +nicht verbergen. + +"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich moechte sie +gerne sehen," bettelte nun Ruth, fuer die ein solcher Anblick +hochinteressant war. + +"Spaeter, spaeter," antwortete Flora fluechtig. + +Sie hatte ihre Gaeste mittlerweile die Treppe hinaufgefuehrt und in die +Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Aeusseren. Die +weiss getuenchten Waende sahen sauber, aber nuechtern und kahl aus, der helle +Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine +Abwechslung in die Eintoenigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen +soeben erst aus den reinigenden Wasserstuerzen hervorgegangen zu sein, denn +ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten +die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Oeldruckbilder +an den Waenden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Moebel, +mit buntem Kattun ueberzogen, bildeten die Einrichtung; ueber die +Tischdecke, schwarz mit grossen roten Blumen, war als Schutz noch eine +weisse Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein grosser +Feldblumenstrauss - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. + +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwoehnten +Staedtern eine Wohltat, und mit noch groesserer Wonne sogen sie die herrliche +Landluft ein, welche durch die offenen Fenster stroemte. + +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefaellt es +euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmuetigkeit alles. + +"Nicht wahr, es ist recht gemuetlich hier? Die Moebel stammen noch von den +Grosseltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte +dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht +weiter stoeren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, +erwarte ich euch im Esszimmer - im unteren Flur die Tuere rechts." + +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen +Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, waehrend Ruth die kleinen +Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlaeufig noch viel +mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie +meinte, die haette sie noch gar nicht gern, sie spraechen ja nichts und +saehen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +waeren. + +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches +Urteil, indem sie ihr klar machte, dass sie dergleichen ja nicht etwa zu +Tante Flora, ueberhaupt nicht zu andern sagen duerfe. + +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spaeter ins Esszimmer, +einen grossen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kaethe und +den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +hoechst neugierig waren. + +Nur fluechtig glitten deshalb Ilses Blicke ueber die praechtigen Geweihe an +den Waenden, die sie sich als Kennerin sonst gewiss eingehend betrachtet +haben wuerde, und blieben an der maechtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmaechtige Frau vollstaendig verschwand. Die +aesthetische Flora und dieser Koloss, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, - +einen groesseren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten +Schultern sass ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen +kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und +seine kraeftigen Haende; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken +Falte ueber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkoerperten Bilde +der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklaerende Brille der Poesie an? + +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob +ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie +strich ueber seine Stirn und fand, dass er sehr erhitzt waere. Hatte er wohl +sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? + +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Laecheln von +Nellie vermuten. + +"Der Aermste hat in der grossen Hitze auf den Feldern sein muessen," wandte +sich Flora an die Freundinnen, waehrend man sich um den Tisch zum Essen +niedersetzte. + + [Illustration] + +"Ja, ja, es ist zum Braten draussen," erwiderte er und wischte sich die +hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den +Coupes, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen. + +"O ja," lachte Ilse, "aber dafuer haben wir's auch jetzt gut, hier ist es +ja herrlich kuehl. In der Stadt fanden wir es unertraeglich und freuten uns +deshalb sehr, als Ihre liebenswuerdige Einladung ankam." + +"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausfluege machen koennen! Die +Umgegend ist so schoen," sagte Flora. + +"Was? Wetter schoen bleiben! Regen muessen wir haben, es ist die hoechste +Zeit. Der ist so noetig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, +alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter fuers +Vieh mehr haben." + +"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gaeste haben, duerfen wir uns doch +keinen Regen wuenschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar +peinlich, dass er so sprach. + +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: + +"Ich bitte dich, Flora, dein Mann muesste kein guter Landwirt sein, wenn er +nicht so daechte. Als einstiges Landkind weiss ich ganz genau, was es +bedeutet: kein Regen!" + +"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll +Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an. + +"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und +Frau Althoff erzaehlt." + +"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so +vieles durch den Kopf, dass ich fuer so etwas kein Gedaechtnis habe." + +"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. + +"O, das kenne ich von Fred genau," troestete Nellie. "Der arme Mann ist oft +so vergesslich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind +seine Nerven auch sehr herunter." + +Hieran anknuepfend erzaehlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen +vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden waere, ihn zu verlassen, +da er ihrer Pflege so sehr beduerfe. + +Flora hoerte geduldig zu und troestete so gut sie es verstand. + +Waehrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine laengere +Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tuechtig +zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die grossen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Uebrigens wurde +ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen +Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafuer war er zu +derb, dabei aber natuerlich, offen und in seiner Art liebenswuerdig, das +Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin +seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, +die fuer alles was dazu gehoert, viel Verstaendnis hatte. Sie erzaehlte ihm +unter anderm, dass ihr Vater jetzt einen grossen Teil seiner Laendereien mit +Zuckerrueben bebaut habe, und dass er zur bequemen Befoerderung der Rueben +eine kleine Bahn ueber die Felder legen liesse; sie konnte ihm ueber alle +Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr +interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner +Felder zur Ruebenkultur vorzubereiten. Sie sprach ueber die neuen +landwirtschaftlichen Maschinen, ueber die besten Duengemittel wie ein +Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfuehrungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintraeglich werden +wuerde. + +Flora hoerte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie +die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, dass August seine +Nachbarin nicht ueber andre Gegenstaende unterhielt. Als sie aber merkte, +dass Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da +beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger +Aufregung darueber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen +gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darueber +auszufragen. + +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und sassen nicht mehr +so schuechtern und still auf ihren Stuehlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. +Ruth besonders rueckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war +niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkuendete, dass der +Kaffee unter der grossen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. + +Dort war es koestlich! Die breiten herabhaengenden Aeste woelbten sich zum +schuetzenden Dach ueber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die +kleinen Ritzen und Loecher in dem gruenen Blaettergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstuehle und Baenke, +auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gaesten +niederliessen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den +Haaren und Kleidern. Von dem grossen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein +Rosenbeet seine suessen Duefte herueber, vermischt mit dem Wohlgeruch der +Reseda, womit die Beete eingefasst waren. + +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ueber den wonnigen +Platz, und letztere dachte im stillen, dass diese gruene farbige Umgebung, +die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fuer den rosigen Hausherrn +und seine ebenso rosigen Toechter abgeben, als es die gedaempften Toene im +Zimmer taten. + +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengrosse +Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fuer die Kinder +eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes +ein Stueck davon auf dem Teller hatte, liessen sie ihn nicht aus den Augen. + +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum +auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun +doch endlich zu dem heiss ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Ueberhaupt was gab es da alles fuer die Kinder zu sehen! Aber unbekannt +waren ihnen diese Dinge nicht, sie wussten ganz gut Bescheid, da sie ja +fast alle Jahre zum Besuche bei den Grosseltern in Moosdorf gewesen waren +und das Leben auf dem Lande recht gut kannten. + +Es wurden die Scheunen besehen, die Staelle, man ging ueber den Gefluegelhof, +alles war in bester Ordnung, und wenn die grosse Gestalt des Besitzers +erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, dass er ein +strenges, aber gerechtes Regiment fuehrte. + +"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora +scherzend, als das Bloeken der Kuehe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der +Schweine ihnen noch nachtoente, waehrend sie die Wirtschaftsgebaeude +verliessen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang +ueber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die +Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller +Fruehe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ueppig standen +die Felder, die Aehren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend +roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden fassten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran +vorueber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Koepfchen +tauchten bald hier, bald dort zwischen den Aehren auf. Das Blumenpfluecken +war fuer die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Haenden voll bunter +Blumen kamen sie zurueck, und Kaethe, die nicht mitgegangen war, weil sie im +Hause beschaeftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Buerde ab, und ordnete +sie zu einem grossen Strausse, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der +Kastanie stellte. + +Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte +heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespraech +unterhielten sich die Erwachsenen, waehrend die Kinder geradezu uebermuetig +umhertollten und Kaethe ihre liebe Not hatte, sie zu baendigen. Um neun Uhr +wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quaelen zu Bett +geschickt, ihr Sprechen und Lachen hoerte man aber noch lange durch die +offenen Fenster; es toente mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken +um die Wette durch die abendliche Stille. + +Puenktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, +worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie +schade, sie haetten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es +ja kuehler hier draussen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. + +"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn +Werner. + +"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora. +"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends +natuerlich muede. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?" wandte sie sich an die beiden. + +"Selbstverstaendlich," gaben sie zur Antwort. + +"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den +jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzaehlen Sie mir morgen frueh, was Sie +getraeumt haben; das geht ja wohl in Erfuellung, wenigstens sagt es meine +Frau, die weiss ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Traeume! +Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergiss nicht, +morgen frueh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzaehlen, ob's stimmt, die +mogelt gern ein bisschen; und dann sorge dafuer, dass Hesse mit der Butter +nicht zu spaet fortfaehrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch +etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht." + +"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht +erroetend - die Auftraege schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein. + +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies +verhallt waren, hoerte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit +dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. + +"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; +das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne aeusseren +Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in +diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher +Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie gluecklich sie im Besitze +eines so praechtigen Mannes und so lieber Kinder sein koenne. + +"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte +dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, +vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. + +"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer +Weile ploetzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Haende drueckend, und +fuhr dann fort: "Ich glaube, dass wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als frueher. Ich habe mich in manchen Dingen geaendert, denn ich sah +ein, dass ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle +Welt passte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das +weiss ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefuehlen. Durch den +Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und +Vorwuerfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glueck zum zweiten +Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann +und hat auch nur Interesse fuer seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe +versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufuehren, und habe ihm haeufig +abends vorgelesen, doch er war zu muede und schlief dabei ein. Aber da habe +ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die +Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem +praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen." + +"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernuenftig hatte sie Flora noch niemals +sprechen hoeren. + +"Und wie ist es mit Kaethe?" fragte Nellie. + +"O, wir verstehen uns praechtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes +Maedchen, aber fuer die Zwillinge sorgt sie ruehrend, denn Kinder liebt sie +ueber alles." + +"Wie schoen fuer dich," sagte Nellie. + +"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kaethe, sie war so stoerrisch, +sie wollte nichts von mir wissen, doch das wisst ihr ja alles. Wir wollen +nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen." + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem +Leben mochten wohl viele heisse Kaempfe gefolgt sein, bis aus dem +ueberspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war. + +"Nun, und Orla?" fragte sie ploetzlich. "Was habt ihr von der gehoert? Bis +in meine laendliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Uebrigens, etwas +hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich +nach etwas Hoeherem." + +Also fuer aehnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, +diesen Spass konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln +verstaendig war und blieb. + +"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die +Vermittlung ihrer einflussreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit grossen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod +eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes +Vermoegen zugefallen; da kannst du dir denken, dass sie ein grossartiges +Leben fuehren." + +"Ein Leben im grossen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe +ich auch oft getraeumt! Natuerlich Dienerschaft in Menge?" + +"Jedenfalls," lachte Ilse; "darueber schreibt sie aber nichts. Du weisst ja, +das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla +nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfuehrliche +Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, dass sie sich gluecklich +fuehlt! Gluecklich in ihrer Ehe, gluecklich, dass sie wieder in ihrem +geliebten Russland leben kann. Kuenstler und Gelehrte verkehren bei ihr, +kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, dass sie +eine gefeierte Frau ist, - klug, schoen, reich." + +"Ja, ihr ist es geglueckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt +in der grossen Welt, wird bewundert, gilt etwas, waehrend andre in der +Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womoeglich auch als +Nihilistin eine Rolle?" + +"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen waere es ihr schon, das Zeug haette +sie dazu." + +"O, mein Gott, was redet ihr da fuer Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf +hier Nellie ein. + +"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmoeglich ist es doch nicht. +Schrecklich waere es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt +wuerde." + +"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. +Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen +anfangen!" + +"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit +erfahre ich ja gar nichts." + +"Vier Stueck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage +ich dir," antwortete Ilse. + +"O, suess!" schwaermte auch Nellie, und ein wehmuetiger Schatten ueberflog ihr +Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen." + +"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu +neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfuellte sie doch mit etwas +Neid, den sie nicht ganz unterdruecken konnte. Aber schneller als frueher +kam sie darueber hinweg in dem Bewusstsein, dass sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, dass +diese als Schauplatz die grosse geraeuschvolle Welt hatte, waehrend der +ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige +Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! - + +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen sassen noch +immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, +die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhoerte. Aber sie wollte +auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blaetterwerk mischte sich +in den Klang der Stimmen; es liess das Licht im Windleuchter, der auf der +bunten Tischdecke stand, hoeher aufflackern, so dass die Flamme nach den +herabhaengenden Zweigen leckte, deren Gruen in dieser kuenstlichen +Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in +ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise +malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, dass niemand das +anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die +Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verloescht, und +die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. +Droben aber, da glaenzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! - + +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzaehlen! Wenn man sich nach +langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten +Gespraeche meist sehr gleichgueltiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal +geoeffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wuerdigen Frau +Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes +wurde nicht ueber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz +geruehmt. + +Schliesslich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen +noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen grossen Korb voll frisch +gepflueckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gaehnen sah, fiel es ihr ploetzlich ein, +dass ihre Gaeste gewiss von der Reise muede sein wuerden, und es wurde +beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren +Gaesten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlaeferinnen. - + +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie +das Nest leer, aber aus dem Garten hoerten sie helle Kinderstimmen +heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen ueber den taufrischen Rasen laufen. - + +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem +Erscheinen der beiden schuettelte er leise das ehrwuerdige Haupt, als wollte +er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fuehrend, herbeigelaufen, +und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich +liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in +ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. + +"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: +"Dein Mann wird sich schoen ueber die faulen Staedterinnen lustig gemacht +haben!" + +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August traenke fast nie des Morgens +mit ihnen Kaffee, er waere schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim +Heuaufladen zugegen zu sein. + +"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie laechelnd mit einer +Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche +Lektuere bei der ehemaligen Dichterin! + +"Ja, ja, Kinder, so etwas muss eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die +aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhoeren glaubte. "Poesie und +Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande." + +"O, nicht nur auf dem Lande, ueberall im Leben," antwortete Ilse. + +"Ich bin uebrigens recht froh, dass die Kinder in freier, natuerlicher +Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fuer die +Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung +einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz +merkwuerdige Auffassung, ihr solltet nur hoeren, wie sie ueber alles spricht, +ueber den Gesang der Voegel, ueber den Sonnenschein, ueber den gruenen Wald." + +Danach sah der luette Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch +nur wuenschen, dass er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter +"erblich belastet" sein moechte. Aeusserlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm. + +"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse ploetzlich, sich nach allen Seiten +umsehend. + +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem grossen, +mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei maechtigen Pferden gezogen, +eben in den Hof einfuhr. Und wer sass mit Bauernkindern zusammen hoch oben +in dem weichen duftenden Neste, froehlich singend, wie eine Lerche in der +Morgenfruehe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestuem in die bereit gehaltenen Arme von Herrn +Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderuecken +setzte. + +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wuerde ihr ein Spiegel +vorgehalten und sie saehe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge +auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war +der verhaengnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue +Wendung nahm, - kleine Ursachen, grosse Wirkungen! + +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den +gaenzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem +Lande, war aus ihr das unbaendige, jungenhafte, trotzige Maedchen geworden, +waehrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so dass +man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" uebersetzen +konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine grosse Zukunft. - + +Bestaubt, erhitzt, mit gluehenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und +umarmte ihre Mutter unter stuermischen Kuessen. Sprudelnd und sich +ueberhastend erzaehlte sie, dass sie schon ganz frueh wach gewesen sei, und +als sie zum Fenster hinausgesehen habe, waere Herr Werner unten im Garten +gewesen und haette ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum +Heumachen. Da haette sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz +ordentlich," versetzte sie, als Ilses pruefender Blick ueber ihren Anzug +glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!" + +"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn +der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen. + +"Er wird erst Toilette machen, um wuerdig vor euch zu erscheinen," erklaerte +Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den +Staellen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne +Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkoepfe", drangen bis +zu der Kastanie herueber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot +lachen wollten. Flora waren diese Ausbrueche ihres erzuernten Gatten sehr +unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, +und wollte selbst nachsehen, was es denn gaebe. Aber da kam auch schon +August den Kiesweg heraufgegangen. + +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug +schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff +und schlappig hing die Joppe ueber seine breiten Schultern, und das farbige +Sporthemd liess seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das +Gesicht, vor Aerger und Hitze blaurot war. + +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel +beschaeftigten Landmannes, und hatte fuer Ilse daher durchaus nichts +Fremdes. + +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu +bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begruesste Nellie und +Ilse. + +"Ein ganz famoses Maedel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir +vielen Spass gemacht heute frueh. Das wird mal eine gute Landwirtin!" + +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend: + +"O, haben Sie Aerger gehabt?" + +"Ach ja, es gibt immer Aerger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die +dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natuerlich hat sie drei +davon tot gebissen. Schafskoepfe sind's," setzte er noch hinzu und legte +seine Hand so kraeftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend +zusammenschlug. + +"Aergere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm +besaenftigend ueber die Stirn. + +"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Haelfte +der Butter wieder mit, die bei der Hitze natuerlich schon zu einem Matsch +geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell muss +tuechtig auf die Finger gesehen werden! Und dann muessen auch die +Sauerkirschen gepflueckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen +worden in der letzten Nacht." + +"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun staerke und erhole +dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit +eigener Hand appetitlich belegte Broetchen bereitete und Kaethe ins Haus +schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. + +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die +Freundinnen immer von neuem. Sie haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass +aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernuenftige Frau +werden koennte, denn soweit es Floras Beanlagung zuliess, war sie wirklich +eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Ueberbleibsel +ihrer einstigen Ueberspanntheit zum Vorschein, aber wer koennte auch seine +innerste Natur ganz verleugnen? Ueberschwenglichkeit war nun einmal der +Grundzug von Floras Charakter. - + +Die naechsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den grossen +und kleinen Gaesten herrlich. Den ganzen Tag draussen in der guten Luft, +Abendspaziergaenge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in +die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu +vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, +denen der Hausherr auch oefter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fuehlen, und auch diese hatten +ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten +sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem +Rahmen des Gewoehnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen. + +"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder +die Rede darauf kam. + +Flora waren derartige Gespraeche immer sehr unangenehm, das konnte man +merken. + +"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fuer alles Schoene +und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin +und Mutter doch nicht zu versaeumen." + +"Ach was, Firlefanzereien! Struempfe soll sie stricken und gut kochen +koennen, das ist die Hauptsache." + +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Ueber diesen Punkt wuerden +sie sich ja doch nicht einigen. + +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewoehnt, sie +bluehte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, dass sie +in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so +vergnuegt und zufrieden, dass sich nach und nach auch die Angst und Sorge um +ihn etwas verringerte. Sie verfasste natuerlich taeglich lange Briefe, worin +mit allen moeglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es +dir? Fuehlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht +zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stundenlang ueber einem Briefe sass, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut +reden, ihr Mann war gesund und kraeftig, und konnte mit dem armen leidenden +Fred nicht verglichen werden. + +Uebrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls +ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindruecke und +neckte ihn damit, dass sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er +erzaehlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fuehle, und +wie angenehm es sei, einmal nicht am Gaengelbande gefuehrt zu werden. Dann +kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der +wahre Schauergeschichten ueber das Leben und Treiben ihrer Ehemaenner +berichtete. Darauf erhielt er natuerlich eine passende Antwort von Ilse. +Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fuer sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, +und sie natuerlich auch von ihm. Uebrigens erschien das kleine lebhafte Ding +den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hoeherer Art, und wie gern +liess sie sich anstaunen! Sie erzaehlte ihnen Geschichten, dass sie Mund und +Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt +hatte, mit so reizender Stimme vor, dass auch die Grossen gern zuhoerten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr +zaertlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der +Fall war. - + +Eines Tages sagte Flora, dass sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe +bei ihren Kranken machen muesse, und fragte, ob die Freundinnen sie +begleiten wollten, was sie natuerlich von Herzen gern taten. + +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch +und andre staerkende Sachen wurden, in Koerben verpackt, mitgenommen. + +"Ihr glaubt nicht, wie mildtaetig August ist, niemals kann ich den Armen +genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch +die Dorfstrasse schritt. + +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, +der wie ein erfrischendes Bad fuer die erschlaffte Natur gewesen war; +begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte +sich der Himmel wieder aufgeklaert, und die Abendsonne spiegelte sich in +den vielen grossen und kleinen Pfuetzen, ueber welche die drei Frauen hinweg +schreiten und springen mussten, indem sie die Kleider sorgfaeltig in die +Hoehe nahmen. + +Wirklich schien man Flora Werner ueberall gern zu sehen, sie blieb bald +hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von +jedem einzelnen die Verhaeltnisse genau. Aber merkwuerdig! Ihre +Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen +leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete +sie voellig verstaendnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden +Ausdruecke bediente. Doch, das waren nur Aeusserlichkeiten, wie sich Ilse und +Nellie bald ueberzeugen konnten. Floras Wohltaetigkeitssinn war ein tief +innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Taetigkeit, das sie +sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Fruechte. + +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht geluefteten Bauernstuben +eintraten, flog es wie ein heller Schein ueber die Gesichter der alten +Weiblein und Maennlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der +Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der +stets etwas Gutes fuer ihn enthielt. Bei den jungen Muettern erkundigte sich +Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlaege und war mit jeder +Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen +einfuehren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehaertet werden, im +zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und aehnliches mehr. Da +aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr +die Bauernfrauen verstaendnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm +gutmuetig anlachten, und alles blieb beim alten. + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufaelliges Haus, in welchem die +junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglueckt war +und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem +Jahre, in groesster Not krank und elend zurueckgelassen hatte. Hier in dieser +armseligen Huette traten jetzt die drei Freundinnen ueber die Schwelle. Eine +warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tuere zu +dem Raume oeffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und +in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen +erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und +versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon +zurueck. + +"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier +wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten," +sagte Flora freundlich und raeumte selbst drei Stuehle ab, auf denen +schmutzige Waesche, in allen Farben gestopfte Struempfe, zerbrochenes +Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und aehnliche Dinge umherlagen. + +"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gaeste habe; +aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht +wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie +sich neben dieselbe setzte und sie pruefend betrachtete. + +Ueber das bleiche, abgezehrte und abgehaermte Gesicht war eine fluechtige +Roete gegangen, die es merkwuerdig verschoente, als sie den fremden Besuch +gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schaemen, die kam ja so oft und kannte sie so +gut, die war ihr keine Fremde. + +"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter." + +"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie +nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," troestete Flora +sanft und liebevoll. + +Ein Kopfschuetteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei +die Kinder, die sich in die Ecken gedrueckt hatten und neugierig die +Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut +gekleidet waeren es gewiss huebsche Kinder gewesen. Nur bei dem +zweitjuengsten, einem kleinen Maedchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen +geradezu malerisch zu der Schoenheit des Kindes. Es sass der aeltesten +Schwester auf dem Schoss; wirre, ungepflegte blonde Loeckchen fielen tief +ueber ihr Gesichtchen, das unter den zurueckgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen grossen braunen +Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen +Fuesschen streichelte. + +"O, wie suess ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heisst du?" fragte sie +das Kind. + +"Aennchen," antwortete die aeltere Schwester. + +"Willst du der Tante nicht ein Haendchen geben?" fragte sie weiter. + +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zoegernd in die Hand der jungen +Frau, aber ohne Widerstreben liess sich die Kleine dann von ihr auf den +Schoss nehmen. Zaertlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. + +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fuer die Kranke aus dem Korbe +genommen und versprach fuer die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. + +Muede und apathisch dankte die Frau. + +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu +holen wagte, wollte das Fenster oeffnen, aber froestelnd schauerte die +Kranke zusammen und sie liess es geschlossen. + +"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend. + +"Ach, die holt ein bisschen Futter fuer die Ziege," entgegnete die junge +Witwe. + +"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie koennen doch in +Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben." + +"Die Kinder sind ja da." + +"Die koennen Ihnen doch nichts helfen, auf die muessen Sie ja noch dazu +achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht laenger," sagte Flora. +"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle +Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf." + +"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen +diese Worte. + +"Das muessen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tuechtig von dem +Wein, der kraeftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich +komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten +Abend und recht, recht gute Besserung." + +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie +entgegenstreckte, und dann verliess sie mit den Freundinnen diese Staette +menschlichen Elends. + +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draussen die frische Abendluft +empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse +konnte sich ueber die Armseligkeit in dem Haeuschen, die einen tiefen +Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in +einem fort von dem armen, suessen Aennchen, und Flora erzaehlte die +Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfuehrlich. Alle +drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. + +"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen koennen; der Doktor +sagt, es waere ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte +Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erloest wuerde, die Aermste." + +Dieser Wunsch sollte bald in Erfuellung gehen! - + +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige +Fall eingehend eroertert, und in den folgenden Tagen fuer die unglueckliche +Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt musste taeglich nach der Kranken sehen, +und eine tuechtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche +Fuersorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprueften; sie wurde +liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Noetigen versehen, und so +empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glueck. + +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die +Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfuellte, schlossen sich ihre Augen +fuer immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. - + +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie +mit ihren Gaesten froehlich plaudernd zusammensass, und zwar wie gewoehnlich +auf dem Platze unter der Kastanie. + +"O, die armen Kinder, das suesse _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit +Traenen in den Augen. + +"Ja, ja, wir muessen helfen," sagte Herr Werner ueberlegend. Dann fragte er +seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?" + +"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bloedsinnigen +Grossmutter koennen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus +uebergeben - es ist zu traurig!" + +"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann. +"Deichmanns auf der Domaene koennten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben +Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke +ich, wir koennten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natuerlich +musst du dir's reiflich ueberlegen, aber wenn du willst - ich bin's +zufrieden." + +"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Aennchen; o, es ist ein zu +wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, waehrend Ilse mit aufrichtiger +Bewunderung den grossen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras +Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. + +Den ganzen Tag nach diesem Gespraeche blieb Nellie still und nachdenklich, +und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die +letztere, dass die Direktorin fortwaehrend an klein Aennchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschoepf wohl aufbluehen wuerde, wenn es hier +erst mit den Zwillingen zusammen waere. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie +ihre Betrachtungen. + +"Hoere, Nellie," rief Ilse ploetzlich, "wenn dir das Kind so gut gefaellt, so +nehmt ihr es doch zu euch." + +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn +auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es +schien beinahe, als haette Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; +doch heftig schuettelte sie den Kopf. + +"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus. + +"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen." + +"O, Fred wuerde es nicht wollen; nein, das geht nicht." + +"Ob dein Mann das nicht will, weisst du ja gar nicht, aber moechtest _du_ es +denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend. + +"O, ich moechte sehr gern, gewiss moechte ich, ich liebe die _babys_ so +sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr +sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fuer solch kleines Ding; Fred +nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich muesste ihn vernachlaessigen, o, und +das ginge doch nicht." + +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen +wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich +die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt. + +Aber Ilse liess sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht +abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie +gebeten hatte, darueber fuer immer zu schweigen. + +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner +merkwuerdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine +Ahnung hatte, worueber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog +sich dann jedesmal mit den Kindern zurueck, um mit ihnen zu spielen. + +Nach Tische sassen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte +einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, waehrend +Ilse diktierte. + +"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann +wieder liess Flora ihre Bedenken einfliessen. Auf diese Manier wurde viel +geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl fuer ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es +fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftraeger kam, wurde es +diesem uebergeben mit der ausdruecklichen Weisung, den Brief ja ordentlich +und puenktlich zu besorgen. + +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die +beiden Geheimnisvollen in den naechsten Tagen unzaehlige Male aus, und mit +Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftraeger entgegen. + +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewoehnlich den +Kaffee unter dem gruenen Blaetterdach einnahmen. Fuer Ilse hatte er nichts, +aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. + +"Von Fred," sagte sie leicht erroetend, worauf sie sich erhob und ins Haus +ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die +Episteln von ihrem Fred studierte. + +Voller Erwartung blieben die beiden zurueck. Nun sie so unmittelbar vor der +Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein +kuehnes Wagestueck gewesen, das Ilse unternommen hatte. + +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustuer mit dem Briefe in der +Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora +klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen +Traenen standen, aber zugleich umspielte ein glueckliches Laecheln ihre +Lippen. + +"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fuer +mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kuesste. In ihrer +Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frueher misshandelte +sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, +freudig und geruehrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred +und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: dass er nichts +dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es +waere ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie +einsam und allein zubringen muesste, etwas Unterhaltung und Zerstreuung +haette, und er hoffe auch, dass das kleine Geschoepf einiges Leben in ihr +stilles Haus bringen wuerde. + +Ilse sah Flora laechelnd an. Fast woertlich wiederholte er, was sie ihm +geschrieben hatte. + +"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als +diese zu Ende gelesen hatte. + +"O, o, was fuer ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb +Ilschen," antwortete sie uebergluecklich und als ob sie ein Geluebde ablegte, +fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und +wie will ich den lieben Gott recht bitten, dass er eine gute Mutter aus +mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?" + +"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was +du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder +vergelten." + +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. + +Das erste war dann, dass sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen +Fred schrieb. Bis die aeusseren Formalitaeten erledigt waren, flog zwischen +den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit +Arbeit ueberhaeuft, wie er schrieb, sonst waere er selbst gekommen, um seine +Frau und das Pflegetoechterchen zu holen. - + +Klein Aennchen aber siedelte schon am naechsten Tage zu ihrer neuen Mutter +ueber, und frisch gewaschen, sorgfaeltig gekaemmt, in einem neuen Kleidchen, +sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut +wie moeglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und +wollten ihn etwas Tuechtiges lernen lassen. + +So war mit dem duesteren Tod zugleich das Glueck in die arme Huette +eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie +ihrem bisherigen Elend zu entreissen. + +Die schoene Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluss +gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knuepfte, war diesmal +ein unaufloesliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die +vielen Traenen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, +dass die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefasst hatte. + + * * * + +Klein Aennchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre +Wunderdinge zustande. Nellie musste ihre Pflege von nun an teilen und, was +sie nie geglaubt haette, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause +kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, +was ihn empfing - zunaechst war da klein Aennchen die Hauptsache, und +darueber vergass Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine +nicht alles verstand und wusste! Beide konnten ihre Vorzuege nicht genug +ruehmen, es gab kein aufgeweckteres und huebscheres Kind, und das "Erziehen" +haette leicht ein "Verziehen" werden koennen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel +Heinz auch noch dagewesen waeren. Die Vortraege des letzteren ueber +Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu +wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche +Nellie vorwarf, dass sie viel zu gutmuetig und schwach dem Kinde gegenueber +sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber +trotzdem hatte es helles Glueck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, +es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und +froehlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein +junges Leben hierher verpflanzt worden war. + + * * * + +So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und +Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach +Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre +mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glueck frueher, dem andern +spaeter und manchem nie. + +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorueber, frohe und +truebe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem +andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart +war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, +schwere Wolke lagerte es jahrelang ueber ihnen. + +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu +muessen, und so wurde aus dem froehlichen, frischen Kinde schliesslich ein +stiller, verschlossener Junge. An den Vergnuegungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch +immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu +grossen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An +seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den +letzten Jahren mit Arbeit sehr ueberbuerdet und konnte sich seiner Familie +nicht so widmen, wie er wohl wuenschte. Rosi war wie mit Blindheit +geschlagen! Durch fortwaehrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu koennen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. +Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die +Lebenslust maechtig in ihm; er haette hinauslaufen moegen, weit weg; er +fuehlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreissen. +Und immer haeufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr +Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfuehrerisch lockend vor seinen +Blicken. - + +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals +fuenfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne dass die +angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt haetten - er war +und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: +"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwuerfe +machte, oder das Unglueck nur als eine Fuegung des Himmels ansah? Von ihrem +Manne hoerte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Pruefung ganz +niederdrueckte, suchte doch immer nach einem Troste fuer Rosi und klagte +sich selbst wegen seiner Schwaeche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein ueberlassen zu haben. Tante Emilie +ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, dass sie +sagte, Fritz waere nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe +so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen +kurzen Wiederhall in dem betruebten Mutterherzen. Eine drueckende Schwuele +herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglueck. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Maedchen herangewachsen war, konnten +sich Rosi und ihr Mann nicht entschliessen, sie in die Welt einzufuehren. - + +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, +jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und +Froehlichkeit ins Haus. Zu bluehenden, lieblichen Geschoepfen waren sie +herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden +Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die juengere blond, rosig, +zierlich, die aeltere gross, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden +Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schoener, wozu auch wohl ihr liebenswuerdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth +dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fuer den +Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu daemmen. Wie oft musste sie sich von Leo +necken lassen, wenn sie ueber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die +Mutter." Aber dass aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es +einst gewesen war, dafuer hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel +schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz +und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man musste +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstaendnis er in dem +jungen Maedchenherzen zu lesen wusste. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine +beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm liess sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den +ruecksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor +geworden, aber auch unter dieser neuen Wuerde hatte sie sich ihren +frischen, natuerlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl aeussere und +innere Veraenderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten +sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles +drehte, ihr Mann vergoetterte sie noch immer, und ihre Toechter liebten sie, +wie nur Kinder eine Mutter zaertlich lieben koennen; sie war ihnen Mutter +und Freundin zugleich. + +So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als +Ruth und Marianne noch kleine Maedchen waren, der Tag, an dem er sie auf +den ersten Ball fuehren konnte. + +Der erste Ball! Welches Zauberwort fuer ein junges Maedchenherz! Marianne +und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum +Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz +unberuehrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die +Toiletten der Kinder auch in Ordnung waeren, brachen die jungen Maedchen in +ein unsinniges Gelaechter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas +ganz Ungewoehnliches. Nur Ruth fand es laecherlich, sich um einen "lumpigen +Ball", wie sie sagte, so aufzuregen. + +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Aennchen, das inzwischen ein +grosses Maedchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu +tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine +Kleinigkeit. + +"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die +Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette +zu beginnen. + +"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhasst, ich werde noch +frueh genug fertig," rief das junge Maedchen und sah etwas spoettisch +laechelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer gluehten. Sie war doch +ganz anders geartet, als sonst die Maedchen ihres Alters, deren Interessen +sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne +nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wuenschte. + +"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt, +als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich weiss genau, +dass wir in der Auswahl der Farben nicht uebereinstimmen wuerden, fuegen aber +wuerde ich mich nicht. Was wuerdest du z. B. fuer eine Farbe waehlen, +Marianne?" + +"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsuechtig," hatte Ilse gemahnt; aber +als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder +aufgebraust. + +"Natuerlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wuerde ich dir ja huebsch zur +Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche +Geschmacklosigkeit!" + +"Einem jungen Maedchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone +erwidert. + +"Na ja, natuerlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das +ist einfach dumm. Natuerlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein +Pfingstroeschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke +dir eine solche Farbenzusammenstellung!" + +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Traenen ausbrach und Ruth sie +nun auf alle Weise zu troesten versuchte, denn sie liebte ihre blonde +Schwester trotzdem zaertlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wuerde +immer gleich alles uebelgenommen, niemand verstaende sie. Warum gerade sie +wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, waehrend Marianne natuerlich einem +Engel gleichen wuerde. Haette nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie +habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, +Ruths Redefluss ein Ende gemacht, so waeren deren leidenschaftliche +Ansprueche und Mariannes Traenen gewiss noch lange nicht versiegt. So aber +hatten beide lachen muessen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt +werden koennen. + +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbaeckige Maedchen geworden, +wie sie zwei frische, rotbaeckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt +in ihren blauen Ballgewaendern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne +standen, musste man sich ueber diese drei anmutigen Maedchenblueten freuen. +Und was war natuerlicher, als dass in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der +Pension geschmueckt hatten, und dass sie nun zum Ergoetzen der Kinder davon +erzaehlten. + +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertoenten ploetzlich aus +dem Nebenzimmer die Klaenge eines Fluegels und Ruths Stimme. + +"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar +nicht an den Ball; am liebsten saesse sie ueberhaupt den ganzen Tag am +Fluegel. Es ist ja die hoechste Zeit, dass sie sich anzieht," sagte Ilse, +aber unwillkuerlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die +vollen herrlichen Toene, und als sie endlich eindrangen zu der Saengerin, +fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie +von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In +ihrem einfachen, weissen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, +ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares. + +Die andern drei Balldamen ruempften allerdings die Nase ueber den gar zu +einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, +die andre zu Blumen im Haar. + +Ruth lehnte alles ab. + +"Kinder, lasst mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie. + +In diesem Augenblick erschien das Maedchen mit zwei wundervollen Bouquets, +das eine ganz aus rosa, das andre aus weissen Blueten. Marianne wurde wie +mit Purpur uebergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. +"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weisse +Blaettchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauss. + +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor +einiger Zeit aus den Tropen zurueckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein +bedeutendes Vermoegen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus +einfuehrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern, +wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Toechter eingeladen worden. + +Die beiden jungen Maedchen hielten noch immer die duftende Spende in den +Haenden. + +"Sieh nur, Mama, der entzueckende weisse Flieder," rief Ruth, und Marianne +zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien +in ihrem Strausse waeren. Dazwischen toenten die kraeftigen Stimmen der +Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, suess," und Aennchen lief bald +hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hoeren. + +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Maedchengesichtern war in der +Tat ein entzueckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung +dafuer zu haben, denn als er jetzt die Tuere oeffnete, blieb er wie +angewurzelt in derselben stehen. + +"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut. + +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, +wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen +Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem +alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl +darueber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein +schmunzelndes Gesicht passte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt +ab, wie ein schwarzer Kaefer auf bunten Bluetenblaettern. + +"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir +wohl gut?" + +"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es +von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Maedchen +umschlossen, immer eindringlicher bestuermten sie ihn mit Fragen; er wusste +schliesslich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren +zu. + +"Scheusslich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte +wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quaelgeistern befreit zu +werden; aber darin hatte er sich getaeuscht, nun ging es erst recht los. + +"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheusslich aus?" - +"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von +neuem durcheinander. + +"Findest du, dass mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen +hatten dabei einen so suess bittenden Ausdruck, dass der Professor nicht +widerstehen konnte. + +"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage +mal, du musst etwas um den Hals binden, du erkaeltest dich ja sonst. Herr +Gott, was ist das ueberhaupt fuer eine Verruecktheit, sich so anzuziehen! In +euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem +blossen Hals und den nackten Armen einen schoenen Schnupfen holen." + +Da gab es wieder zu lachen ueber eine solche Ansicht. + +"Wen findest du denn am huebschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda. + +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; +er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben. + +"Natuerlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle. + +"Onkel Heinz, haettest du fuer mich vielleicht ein weisses Kleid huebscher +gefunden?" fragte Marianne. + +"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein muessen, weiss +ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht." + +"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne. + +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelaechter ausbrach. + +"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnuetzen Geschichten habe ich mein Lebtag +keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun." + +"Weisst du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn +bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht +darueber urteilen." + +"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern. + +"Ich tanze so viel Taenze mit dir, wie du willst." + +"Und ich bringe dir den schoensten Kotillonorden." + +"Mich darfst du zu Tische fuehren." + +"Wir wollen ueberhaupt tun, was du willst." + +Sie ueberboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der +Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor. + +"Kroeten, so lasst mich endlich in Ruhe, ihr seid ja ausser Rand und Band!" +rief er, sie zurueckdraengend. + +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz ueberhoert, dass die +Tuere geoeffnet wurde, bis Ilse ploetzlich Herrn Jansen andaechtig auf der +Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem bluehenden +Maedchenkranze. + +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten +auseinander, als die hohe Gestalt naeher kam. In Mariannes Antlitz aber +stieg eine heisse Blutwelle bei seiner herzlichen Begruessung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth haengen, deren Hand noch in des +Professors Arm lag. Die schlanke, weisse Gestalt schien ihn ungemein zu +fesseln, und er nahm ihre zum Grusse dargebotene Rechte mit grosser Waerme +entgegen. + +"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut. + +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weisser +Krawatte, und draengte zur Eile, die Wagen staenden bereits vor der Tuere. + +"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Taenzer werdet ihr wohl +nicht mehr bekommen." + +"Onkel, dass du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt +habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth. + +"Na, dass du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens +mal ein vernuenftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun +doch nicht anders, du musst mit, du armes Opferlamm." + +"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als haette sie ploetzlich einen guten +Einfall bekommen, "weisst du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, +und wir beide verleben einen recht gemuetlichen Abend zusammen. Ach, das +waere reizend!" + +"Und was wuerde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen. + +"O, da koennte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und +schmiegte sich zaertlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir +und singe dir alle deine Lieblingslieder vor." + +Etwas wie Ruehrung flog nun doch ueber das Gesicht von Onkel Heinz, und +seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte: + +"Alte Kroete du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amuesieren, als +mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, +dieser Unsinn gehoert nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnuetze +Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. +Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei +berichten. Alte, gute Kroete du!" + +Er klopfte sie zaertlich auf die Backe. + +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was +fuer sie wieder eine Sache von groesster Wichtigkeit gewesen war. Diese +Angst, dass die Kleider und Blumen zerdrueckt werden moechten - es war eine +grosse Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, waehrend die +geschaeftigen Haende in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief +es: + +"Wo habt ihr denn meinen Strauss hingelegt?" + +"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?" + +"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Faecher in der Hand!" + +"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn +fortgenommen?" + +Dazwischen draengte Leo, es sei die hoechste Zeit, dass sie fortkaemen; Ilse +schalt ueber die Unordnung, Aennchen suchte ueberall herum, trat dabei auf +Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauss gestellt hatte, so dass sich das Wasser ueber den Tisch auf den +Fussboden ergoss und alle fluechten mussten - kurz und gut, richtete mit ihrer +gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende +gefunden. + +"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem +Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel +Vergnuegen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kroete?" fragte +er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weissseidene Kopftuch noch +tiefer in die Stirn. + +Die uebrigen waren bereits die Treppe hinabgestuermt, nur Nellie stand noch +oben und verabschiedete sich von Aennchen. Immer wieder kuessten sich die +beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief: + +"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?" + +"Wir kommen, wir kommen!" + +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der +Strasse her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hoerte man das Zuklappen +der Wagentueren, das schnelle Rollen der Raeder, und nun war alles still. - + +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ueber die Ohren gezogen und die +Haende tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er +die Strasse hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig +zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten +Strassen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten +einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den +Abend ueber da. Der Kellner brachte ihm wie gewoehnlich die Zeitungen, er +legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines +Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schuettelte er den +Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, +der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt +an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemuetlichen Raeumen ordnend, +verschoenend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem +ein Mann sass und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und +glaenzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, +der davon wie magisch angezogen wurde; er liess Buecher und Schriften liegen +und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen +knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle +Haende bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkuerlich machte Onkel +Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewusstsein dieser Traeume gelangte, +und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblasste, und es +erschien wieder sein duesteres Studierzimmer mit den strengen, langen +Buecherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. +Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel +Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen +Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. +Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr +entschliessen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie +gewoehnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewoehnlich - gequalmt. +Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl +versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwaehrend luftige Gestalten an sich +voruebergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. +"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich +doch einschlief. + +Am andern Morgen, als es noch daemmerte, wurde er von seiner Aufwaerterin +geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er aergerlich +darueber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt +Anlass, ihrer Busenfreundin, der Muellern, ihr Herz auszuschuetten und ihr zu +klagen, wie boese der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht haette +er sie noch niemals behandelt. Ueber den Kaffee habe er geschimpft, der +Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe muesse besser geputzt +werden. Und sogar ueber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas +bemerkt habe, haette er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht +gewesen. + +Waehrend Onkel Heinz einen so ungemuetlichen Abend verbrachte, hatte seine +Freunde Lust und Lebensfreude umgeben. + +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal +betreten, und selbst Ruths Herz schlug hoeher, als sie in dem glaenzenden +Raume stand. Der Sorge um Taenzer waren die jungen Maedchen bald ueberhoben, +denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen +dicht besetzten Ballkarten. + +"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmuetter," sagte Ilse lachend, als sie in +den Reihen, welche fuer die aelteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. + +"Macht nichts, wenn wir alte Muetter werden, ist auch fein," sagte Nellie; +aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensassen, +sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Muetter". Das Glueck, das aus +beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen +vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjuengte und +verschoente sie merkwuerdig. + +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen +sich dann aber ins Nebenzimmer zurueck, wo sie bei einem Glase Bier +gemuetlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang +bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter. + +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke +suchten sie, wenn sie im bunten Gewuehle verschwand, bis er sie gefunden +hatte, und so oft es ging, naeherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth +auf dieses oder jenes huebsche Maedchen aufmerksam machte, so fand er sie +alle haesslich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen +er einzig und allein schoen faende. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder +tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als moeglich das Gespraech auf +ihre Schwester zu bringen. + +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen oeffnen +moechte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind. + +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz +Herrn Jansen bei ihren Eltern einfuehrte, eine stille Neigung fuer diesen +eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflaenzchen mehr +und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, +seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh +und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fasste. Arme Marianne! + +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, +neue Nahrung fuer ihre Neigung und sie merkte nicht, dass es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt. + +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und +erschoepft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und +tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glueckstrahlendes Gesicht sprach +deutlich genug von den Gefuehlen, welche ihr Inneres erfuellten. Waehrenddem +hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glaeschen Eis holen lassen, das sie +nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen +hatte, mit Behagen verzehrte. + +"Es ist doch sehr, sehr huebsch heute abend; ich amuesiere mich wenigstens +herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergnuegt den jungen Mann, der sich an +ihrer Seite niedergelassen hatte. + +"Fuer mich war es der schoenste Abend meines Lebens, Fraeulein Ruth," +erwiderte er. + +"Da haben Sie wohl noch nicht viel Baelle mitgemacht? In Indien gibt es +wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich. + +"Und wenn ich hundert Baelle mitgemacht haette, so wuerde dieser doch der +schoenste fuer mich sein," antwortete er mit Nachdruck. + +"So, und warum denn?" + +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich +gaenzlich ohne Arg ueber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. +Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fuer sie sehr ins +Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem +Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber +dass er etwas andres in ihr erblicken koennte als eine Freundin, war ihr +noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hoechsten +Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: +"Weil Sie hier sind!" und die verhaengnisvolle Frage daran knuepfte: "Haben +Sie mich denn nicht gern, Fraeulein Ruth?" + +Da wurde es ihr auf einmal ganz aengstlich zu Mute, verlegen stand sie auf +und wuenschte zu den Ihrigen gefuehrt zu werden. + +"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige +Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natuerlich." + +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten +rasch voraus. + +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre +Hand und drueckte sie zaertlich an seine Lippen. Waehrend aber die Schwester +und die Zwillinge unterwegs lebhaft ueber ihre Erlebnisse vom heutigen +Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund +toente der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschaeftigte, oftmals an +ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber +schliesslich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? +Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn +ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, +ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich +mit ihm praechtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher +Zuneigung fuer ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiss voellig +harmlos gemeint, so viel wusste sie doch auch, dass eine Liebeserklaerung +ganz anders lautete, - wie sollte er ueberhaupt dazu kommen, ihr einen +Antrag zu machen? Nein, nein, es wuerde schon so sein, wie sie dachte. Mit +diesen troestlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald +vollstaendig beruhigt ein in dem festen Glauben, dass Herr Jansen nur eine +freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe. + +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehoert hatten zu +schwatzen, noch lange wach. Selige, beglueckende Gedanken verursachten ihr +Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner +Blicke ins Gedaechtnis zurueck. Und weiter spann sie ihre Traeume, die ihr +eine unbeschreiblich schoene Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spaet +gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklaerender Schein auf dem +holden Maedchenantlitz. + +So beschaeftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht +lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre +Hoffnung auf ihn. Waehrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wuenschte die andre sehnlichst, dass er fuer sie nur freundschaftliche +Gefuehle hegen moechte. - + +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzaehlt +wurde, schalt er seine Aufwaerterin ein ueber das andre Mal aus, und als sie +fort war, ging er pruefend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er +einen Stuhl anders, dann rueckte er die Bilder, die schief an der Wand +hingen, zurecht, sortierte die unzaehligen Papiere, die zerstreut und +bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und +legte das uebrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf +er einer gruendlichen Besichtigung, deren er wahrlich noetig genug bedurfte. +Seiner Aufwaerterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fuer allemal nichts +anruehren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne +Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Maenner hinreichend. +Deshalb liess sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fuer immer in Ruhe, +und dass er mit einer dicken Staubschicht ueberzogen war, konnte ihn also +eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male +bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ueber die Buecher und Schriften, +dass die kleinen Staubteilchen lustig in die Hoehe flogen, schuettelte den +Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefuellt war, +in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und +betrachtete sie eingehend. Die Glaeser waren fast undurchsichtig, er +wischte sie mit seinem Aermel ab und stellte sie dann wieder an seinen +Platz zurueck. Schliesslich liess er sich an dem gesaeuberten Schreibtische +nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht +gehen. Ueberdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstoebern +verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er +hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich +deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz +nicht gerade in die guenstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin. + + [Illustration] + +Aber wenn er hier eitel Lust und Froehlichkeit zu finden hoffte, so hatte +er sich getaeuscht. + +Als ihm auf sein Klingeln geoeffnet wurde und er in den Flur trat, ging +vorsichtig die Tuere auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Maedchen +fuehrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. + +"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein." + +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn +geschehen sei. + +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein. + +"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tuer hinter ihnen +geschlossen hatte. + +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem +Professor. + +"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der +eben fuer mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und +fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewiss +nichts dafuer, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, dass ich ihn gern +haette, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, +Onkel Heinz?" + +"Na, nun man sachte, man sachte, ich weiss ja noch von gar nichts," +unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen +begann. + +"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, waehrend er +las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, waehrend sie erregt +im Zimmer auf und ab wandelte. + +"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ueber +seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze. + +"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie +angstvoll. + +"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er laechelnd zur +Antwort. + +"Was soll ich denn aber tun?" + +"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, +indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer +etwas zu sagen." + +Ruth hing sich an seinen Arm. + +"Du musst doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weisst ja doch +immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend. + +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "dass er +besseres zu tun haette, als ueber solche Dummheiten nachzudenken," hatte +aber doch wohl das Gefuehl, als ob es eine grosse Ehre fuer ihn waere, von +einem jungen Maedchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu +werden. Auch konnte er den aengstlich fragenden Augen seines Lieblings +nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war +die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? Ueberlegend ging er +einige Male im Zimmer auf und ab. + +"Ja, sage mal, Kroete, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich. + +"Ja natuerlich, gewiss, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort. + +"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch." + +"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch +leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder - +meinst du doch?" + +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf +einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine +Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb - +uebergluecklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei +den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiss ueberlief es sie bei diesem +Gedanken; sie wusste gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte +auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war voellig ratlos. + +"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie +ihre Frage noch einmal dringlich. + +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die +nichtssagenden Worte heraus: + +"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann ploetzlich fort, als waere ihm +auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen ueberhaupt +dazu, dich heiraten zu wollen?" + +"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle +fragte er mich, ob ich ihn gern haette, und da habe ich ja gesagt, denn es +ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es +mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muss ich ihn denn +nun wohl heiraten?" + +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel +schwerer, hier eine richtige Loesung zu finden, als bei irgend einer noch +so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wusste nicht ein noch aus, +und Ruth wurde immer dringender. + +"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich. + +"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muss man sich +den Kopf ueber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er +aber sah, dass Ruth in ihrer Herzensangst die Traenen in die Augen stiegen, +lenkte er sofort wieder ein. Weibertraenen konnte er nicht sehen, am +wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte. + +"Na - wir wollen mal sehen, Kroete," sagte er zaertlich, "was in dieser +Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf +einlaesst." + +Onkel Heinz selbst fuehlte, dass seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch +wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, +denn in diesem Augenblicke ertoente draussen die Klingel. + +"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel +Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen +Arm. + +"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und +empfand dabei die Beruhigung, dass er diesmal etwas ganz Vernuenftiges +gesagt habe. + +"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr +gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hoeren. Jetzt +will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich +tun muss." + +Und mit diesen Worten eilte sie zur Tuere hinaus. + +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des +Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiss +dabei geworden - da flog die Tuere wieder auf, und Ruth stuerzte aufgeregt +herein. + +"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz. + +"Nun ist es zu spaet, nun ist es zu spaet!" jammerte sie laut. + +"Ja, was ist denn zu spaet?" fragte er. + +"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, +als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll +ich nun tun, was soll ich anfangen?" + +Onkel Heinz schwieg. Er wusste keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz +ungluecklich schien; im naechsten Moment schon wuerde man ja von ihr +vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie +richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem +Selbstgespraech, das Onkel Heinz mit fortwaehrenden Randbemerkungen +begleitete. + +"Ich werde ueberhaupt nicht heiraten," fing sie an. + +"Das waere das Vernuenftigste, was du tun koenntest, aber bei euch +Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte +er. + +"Ich passe ja gar nicht fuer die Ehe, ich wuerde einen Mann nur quaelen und +ungluecklich machen," fuhr sie fort. + +Der Professor laechelte ironisch ueber dieses Selbstbekenntnis einer edlen +Seele. + +"Na - das muesste man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die +schlechteste," sagte er. + +"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht +verheiratet, Onkel Heinz!" + +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank +nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein +Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand +wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder +die freundlichen hellen Raeume und als Gegensatz sein einsames +Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im +Verhaeltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon +von manchem Silberfaden durchzogen war. + +"Weisst du, Onkel Heinz," rief Ruth ploetzlich und sah ihn mit ihren grossen, +braunen Augen an, "wenn ich ueberhaupt je einen Mann nehmen wuerde, koenntest +nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten." + +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und +liess ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. - + +Nun wusste der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklaerung sein oder +nicht? Nein, in was fuer Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch +heute morgen diese Kroete! Er wusste gar nicht, wie er sich nun in dieser +neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und +hielt ganz still unter dieser zaertlichen Umarmung; aber seine Augen +blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schuechterner Liebhaber, legte er seinen +Arm um ihre Taille. + +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In +solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und +ihr Gesicht drueckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch +noch das Unglaubliche, dass Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem +forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, erroetete und sich +fast wie ein ertappter alter Suender vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafuer konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen musste. Dass Ruth +ihn umarmte und kuesste, war nichts Seltenes, aber heute musste ihre Umarmung +doch wohl einen ungewoehnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie +ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der +richtige Platz, um ihr bedraengtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und +Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie musste den +Brief lesen, und Ruth liess sich von ihr unzaehlige Male wiederholen, dass +man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern haette. +"Gernhaben" und "Liebhaben" waere doch ein grosser Unterschied, erklaerte +Ruth. + +Bei diesen Worten laechelte Onkel Heinz spoettisch; woher wussten nun wohl +solche Kroeten so etwas! + +"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, dass ich ihn nicht +heiraten koennte," draengte Ruth. + +"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht +erst kommen, denn das wuerde dem jungen Manne doch sonst eine grosse +Verlegenheit bereiten," sagte Ilse. + +"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drueben bei Vater im Zimmer?" fragte +Ruth. + +"Bewahre." + +"Ihr spracht doch mit einem Herrn." + +"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen +wollte," setzte Ilse auseinander. + +"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz, +"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen." + +In liebevollster Weise troestete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, +indem sie ihr zaertlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert +atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele +gelastet hatte, von ihr genommen wurde. + +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte +zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen +einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ueber den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. + +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder +Onkel Heinz an, der unaufhoerlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht +machte, das ein Mittelding zwischen Ruehrsamkeit und mephistophelischem +Laecheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken. + +Mit dem jungen Maedchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung +in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr +Gesichtchen unter der dunklen Pelzmuetze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jaeckchen auszog. + +Onkel Heinz wurde heute nur fluechtig begruesst, fragend wandte sie sich an +Ilse und Ruth. + +"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte +sie die Schwester dabei an. + +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewussten Brief hin, den Marianne +ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es +sich wie ein Schleier ueber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise +an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben +durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die +Gegenstaende wurden verschwommen - ein beaengstigendes Gefuehl hemmte den +Herzschlag und schnuerte ihr die Kehle zusammen - und sie waere unfehlbar +umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwaeche bemerkt haetten und +hinzugesprungen waeren. Marianne war ohnmaechtig geworden. - + +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlaefen mit einer +staerkenden Essenz, waehrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide +befanden sich in hoechster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; +er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der +Ohnmaechtigen, in das noch kein Schimmer von Roete zurueckkehren wollte. +Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stuermten die +Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewusstlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, waehrend sich +Thusnelda ueber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie: + +"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!" + +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. + +Inzwischen war Ilse fortwaehrend aengstlich um Marianne bemueht, bei der das +Bewusstsein immer noch nicht zurueckkehren wollte. + +"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu +sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen +hatte. + +"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt. + +"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor. + +"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth +voller Angst. + +"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An +allem ist der verrueckte Ball schuld! Natuerlich habt ihr euch zu eng +geschnuert, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kaelte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten +gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und +dergleichen, das ist kein Wunder." + +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, +welches dieser verrueckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder +der Ohnmaechtigen zu. + +"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er +wieder an. + +"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse +ungeduldig und gereizt durch seinen Ton. + +"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, dass dieser tiefer liegt +und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben +Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es +doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres +Heulkonzert auffuehrten. + +"Die Kinder haben eben mehr Gefuehl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer +augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war +jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ueber ihn aergerte. + +"Wenn man nicht sentimental ist, heisst es gleich man hat kein Gefuehl," +erwiderte er ruhig. + +Ilse waere ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn +nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haette; es versoehnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt naeher trat, Marianne zaertlich +auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Kroete, wie geht's denn? Was machst +du aber auch fuer Geschichten!" + +Als das junge Maedchen wieder zum Bewusstsein gekommen war, blickte sie +erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen. + +"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme, +- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der +Professor draengte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, dass sie +schweigen moechten, zurueck. + +Ilse rief Marianne traenenden Auges mit den zaertlichsten Schmeichelnamen, +Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen toente das Schluchzen von +Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde +bei alledem ploetzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er +Weibertraenen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf +einmal sehr ueberfluessig fuehlte, hielt er es fuer das beste, sich +zurueckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein fluechtiges +Abschiedsnicken fuer ihn, aber Ruth drueckte ihm innig die Hand. - + +Als er einige Zeit spaeter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, +betrat er sie mit einem angenehmeren Gefuehl, als er sie verlassen hatte. +Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen +Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben +stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wuerde auch +vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespraeche +antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz +abgezogen und hielt die kalten Haende an den Ofen; als sie warm geworden +waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es +wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den +Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer +Gesellschaft fuehlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten. + +Still und ruhig war's im Zimmer, man hoerte nur das Geraeusch der +schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen +lustig knackte und knisterte. + +Der Professor blieb den ganzen Tag ueber angestrengt bei seiner Arbeit +sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach +Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm +zuvor. Als es daemmerte, erschien sie bei ihm und ruettelte ihn wieder aus +seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was +sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Traenen, dass sie die +eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den +verhaengnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste +Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wuerde. Marianne haette +naemlich ein tiefes Interesse fuer Jansen und sei ueberzeugt gewesen, dass er +dasselbe erwidere. + +Onkel Heinz hatte waehrend dieser Erzaehlung mehrmals den Kopf geschuettelt +und seine Bartspitze so zusammengedreht, dass man sie haette durch ein +Nadeloehr einfaedeln koennen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an +diesem Tage - zwei unglueckliche Lieben! + +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz +konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der +Schwester und voll aengstlicher Sorge ueber deren Zustand. In Absaetzen +erfuhr der Professor, dass Marianne krank im Bett liege, dass man einen Arzt +habe holen muessen, der eine Nervenerschuetterung konstatiert und groesste +Ruhe anempfohlen habe. + +"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer ungluecklichen Liebe!" rief Ruth laut +jammernd aus. + +"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrueckten Romanen vor, aber +im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz. + +"Sie ist aber so elend." + +"Wird sich schon wieder erholen." + +"Glaubst du wirklich?" + +"Natuerlich! Beruhige dich nur, alte Kroete," redete er ihr liebevoll zu. + +"Warum musste es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen +nicht Marianne statt mich?" + +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wusste es doch auch nicht. + +"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der ungluecklich liebte?" fragte +das junge Maedchen den alten Hagestolz in ernstem Tone. + +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. + +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin. + +"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder. + +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen. + +"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff. + +"Haeltst du die Liebe wirklich nur fuer Unsinn?" Und als er nicht +antwortete, fuhr sie fort: "Weisst du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann +ueberhaupt nicht lieben." + +"Was die Kroete da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der +Professor bei sich. + +"Willst du wissen, was ich wohl moechte?" fragte Ruth nach einer kleinen +Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es +wissen? Ich moechte singen koennen, singen wie eine richtige Saengerin, ich +moechte - eine Kuenstlerin werden." + +Der Professor prallte ordentlich zurueck, so erregt hatte sie diese Worte +ausgerufen. + +"Weisst du denn ueberhaupt, du Kickindiewelt, was eine Kuenstlerin ist?" +fragte er, das Wort 'Kuenstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten +Weise betonend. + +Dann kam er wieder naeher und sah sie scharf an mit hoechst wichtiger Miene. + +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: + +"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft +so komisch, so - ich weiss nicht wie! Ich habe das Gefuehl, als muesste etwas +heraus, als muesste ich jauchzen oder weinen, ich fuehle mich gluecklich und +ungluecklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann +wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als waere ich gar nicht auf der +Erde, als truegen mich Fluegel empor - dann bin ich gut - dann denke ich +edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht +beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche +Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig." + +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem +Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kroete! Dieses Kind! Solche +Redensarten konnte es machen, da hoerte ja einfach alles auf. Aber er +empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden +Augen seines Lieblings sah, dass dieses Kind kein Kind mehr war, dass es +eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, - +ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich +das junge Maedchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kroete noch immer +schweigend und so pruefend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. +So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch +nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das +kleine Maedchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern +eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das +ploetzlich ueber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreissen. + +"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie laechelnd. + +Da erwachte er aus seinen Gedanken. + +"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ueber seine Stoppeln, das sollte so viel +heissen, als: es ist nun einmal so. + +"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zaertlicher +Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine grosse Bitte an dich, +aber - du musst mir versprechen, dass du sie erfuellen willst." + +"Da werde ich mich schoen hueten," warf er ein und laechelte spoettisch. +Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein +Frauenzimmer fertig bringen. + +"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er +aber dennoch. + +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, dass er wie gewoehnlich nicht +widerstehen konnte. + +"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zoegernd von ihren Lippen, "wenn du +doch nur mal mit den Eltern sprechen moechtest, ob - ob sie meine Stimme +nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und +siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich moechte so gern etwas +Ordentliches lernen, ich will so fleissig sein, will mir so viele Muehe +geben, will ganz und gar nur der Kunst leben." + +"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach +ihn ernsthaft. + +"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so +spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum +Scherzen aufgelegt." + +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Traenen stiegen ihr in +die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen. + +"Weine doch nicht, Kroete; dass ihr Weiber doch immer gleich flennen muesst," +sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die +wellig gescheitelt bis tief in die Schlaefen fielen und das feine, schoen +geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen liessen. "Aber +das mit der Kuenstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das +geht nicht, das geht auf keinen Fall." + +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. + +"Aber Onkel Heinz!" + +"Was willst du denn ueberhaupt fuer eine Kuenstlerin werden? Willst du etwa +Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschaetzig, denn unter +dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Buehne gehen +wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kroete, da gehoerst du +nicht hin, das geben die Eltern ueberhaupt nicht zu und ich auch nicht, +daraus wird nichts!" + +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn dass Ruth +vielleicht eine solche Absicht haben koennte, war ihm ein furchtbarer +Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so waere, wie es sein sollte," setzte er +wie im Selbstgespraeche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte +Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, +Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen ueberhaupt einen Begriff!" + +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal +versucht, ihn zu unterbrechen, ohne dass es ihr gelungen waere. Jetzt hielt +sie ihn am Arme fest. + +"Onkel Heinz, das alles weiss ich ja noch nicht, darueber habe ich noch +nicht nachgedacht. Vorlaeufig moechte ich nur lernen, mich meinen +Gesangsstudien ganz hingeben koennen, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fuer den Hausgebrauch, wie +es heisst, das macht mir wenig Spass, das befriedigt mich nicht, weil ich +fuehle, dass es nur oberflaechlich und nicht das Richtige ist." + +"Das ist ja ganz vernuenftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht uebel, +das ist wahr," sagte er einlenkend. + +Diese Worte nahm sie schon fuer eine Zusage und fragte nun freudig und +zuversichtlich: + +"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?" + +"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er +abwehrend. + +"Einziger, suesser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm. +Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit grosser +Geschwindigkeit. + +"Du bekommst auch schon vorher einen schoenen Kuss zum Lohn," versprach sie. + +"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin. + +"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie laechelnd und fragte +dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht waere: "Wann willst du denn mit +den Eltern sprechen?" + +"Gar nicht," erwiderte er kurz. + +Ruth schien diese Antwort zu ueberhoeren und sagte weiter: + +"Jetzt geht es natuerlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es +ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?" + +"Nein!" + +"Bitte, bitte, sage ja." + +"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig. + +"Onkel Heinz!" + +Wer haette wohl diesem Blick der schoenen dunklen Augen widerstehen koennen! +Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch +abwandte. + +"Lieber Onkel Heinz." + +Er antwortete nicht. + +"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!" + +Und sie quaelte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er +schliesslich nachgab - er konnte der Kroete nun einmal nichts abschlagen. + +"Meinetwegen denn ja! Quaelgeist du!" rief er laut. + +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich +straeubte, heimste er doch den Kuss - den versprochenen Lohn - gern ein. - + +Die naechste Zeit verlief fuer Gontraus still und traurig. Marianne lag +krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder +erheben, geistig und koerperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der +unermuedlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und +nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, dass +die Freundin keine rechte Pflegerin sein koenne, weil ihre Ansichten ueber +diesen Punkt so weit auseinander gingen, so ueberzeugte sie sich jetzt von +dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie +sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie +frueher manchmal herrschsuechtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der +Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, +zuverlaessiger Freund. Er kam taeglich, widersprach natuerlich bei allem, was +der Arzt verordnete, wusste alles besser, troestete aber Ilse, wenn sie +niedergedrueckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten +gewohnten Weise, sodass es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein +Laecheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. + +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und +Leo erzaehlte, hatte er kuerzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, +wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien +zurueckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, +weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches +Gefuehl hervorgerufen haben wuerde. + +Als letztere einigermassen wieder hergestellt war, musste Onkel Heinz sein +Versprechen, das ja durch den Kuss von Ruth besiegelt worden war, einloesen. +Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, dass sie ihre +Stimme pruefen liessen, und da dieselbe bei der Pruefung fuer sehr bedeutend +erklaert wurde, sollte sie eine kuenstlerische Ausbildung erhalten. Mit +Fleiss und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des +Kuenstlerberufs begann Ruth ihr Studium. + +Waehrenddem erholte sich Marianne langsam. Koerperlich war sie ganz +hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu +entfalten, allmaehlich, ganz allmaehlich gesundete er. Den zarten +Bluetenhauch aber der ersten, unberuehrten Jugend hatte diese getaeuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren +Augen war gewichen, und ihr helles, glueckliches Lachen ertoente nicht mehr +so oft wie frueher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das +Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, +aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war +gluecklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Fruehjahr +verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den +Sommer bei den Grosseltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den +Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach +Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Sueden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und +beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den +Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden +Kroeten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke +der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen +Malerei, ueber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden +huebschen Maedchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf +seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzaehlte es spaeter Ilse +voller Stolz. + +Erst spaet im Herbst, der im Norden schon mit grauen trueben Tagen +eingezogen war und die Baeume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an +schoenen Eindruecken und Erlebnissen. Mit noch groesserer +Begeisterungsfaehigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber +hatte frische Kraefte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so dass ihr die +Zukunft nicht mehr als eine trostlose Oede erschien, wie es noch vor kurzer +Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. + +So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis +es wiederum Herbst war. - Ein lachender, truegerischer Herbst, der es ganz +vergessen liess, dass er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen +Sonnenscheine wurde das Herz von Fruehlingsgedanken erfasst und die Menschen +stroemten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schoenen +Fruehlingstage nach dem langen, langen Winter. + +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit +seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten +Wald. Die klare Luft war von weissen Faeden durchzogen, und die gelben, +roten und braunen Blaetter woelbten sich zum farbenpraechtigen Zelte ueber +ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und +wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflueckt, ein Blatt luftig und +leicht vor ihre Fuesse. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und +Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begaenne erst jetzt die Zeit des +Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Taeuschung. Lose +geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknuepfte, +locker hingen alle die buntgemalten Blaetter an den Zweigen, und nur unter +dem warmen Kuss der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten +sich im Garten die Rosenspaetlinge aus ihrer schuetzenden Knospenhuelle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wuerde mit einem +Schlage vorbei sein, wenn das allmaechtige Himmelslicht droben hinter +Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darueber hinfuhr und daran +ruettelte - dann begann mit einem Schlage das grosse gewaltige Sterben. +Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien +abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. +Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fuer den herzerquickenden +Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschaeftige sie etwas lebhaft. + +"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor. + +Er laechelte mit ueberlegener Miene und entgegnete: + +"Ich habe gar keine Angst, die Kroete hat ja tuechtig gelernt, die kann ja +was." + +"Was gehoert aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung +und Fleiss allein kann das nicht geschehen, das Glueck muss auch mit helfen. +Nun, was in meinen Kraeften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer +wieder davon zu ueberzeugen, mit wieviel Kaempfen und Schwierigkeiten der +Beruf einer Kuenstlerin erkauft werden muss. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttaeuschungen gefasst zu machen, als auf Erfolge, denn +guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fuer eine tuechtige +Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muss sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten +Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Saengerin fertig ist, dauert es +lange." + +"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tuechtigem, das weiss +ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als koenne daran nicht +mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe. + +"Waere das Konzert nur erst gluecklich vorueber," meinte Ilse und holte tief +Atem. + +"Wenn ich Ihnen sage, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie +es auch nicht noetig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte +einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm. + +Sie fuehlte, dass er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar +an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je aelter sie wurde, +destomehr befestigte sich in ihr die Ueberzeugung, dass wahre, aufrichtige +Freundschaft ein koestliches, seltenes Gut ist, das man hueten muss wie einen +grossen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft +erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre +Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie +lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich +hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar haeufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, dass sie oft genug in +sich ging, ueber sich nachdachte, fortwaehrend selbsterzieherisch taetig war +und sich immer mehr daran gewoehnte, auf die Eigenschaften andrer Ruecksicht +zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man +einst mit ihr hatte haben muessen, als sie noch das ungebaendigte +Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den +Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an +seiner Seite schreiten sah, glaubte, dass sie sich noch immer damit +beschaeftige, wie wohl das Konzert ausfallen wuerde, in welchem Ruth heute +abend zum ersten Male oeffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb +beschloss er, ein neues Gespraech anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu +bringen. Seine Bartspitze drehend, gruebelte er darueber nach, auf welche +Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke +Seite. + +"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann ploetzlich an, "bei +Superintendents ist man wohl uebergluecklich, dass der Ausreisser wieder da +ist? Ist uebrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei +mir." + +"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank, +dass er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke +auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe uebrigens nie daran +gezweifelt, dass ein tuechtiger Kern in ihm stecke." + +"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein. + +"Er hat Ihnen wohl erzaehlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte +Ilse. + +"Ja wohl, alles ganz ausfuehrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der +Junge hat uebrigens viel Glueck gehabt, denn da drueben gibt's nur zweierlei, +entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Dass die +amerikanische Familie sich bei der Ueberfahrt auf der Germania, auf welcher +sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fuer ihn so lebhaft +interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die +denken freier als wir; ich bin ja lange drueben gewesen und kenne die +Verhaeltnisse genau. Dass der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute +eben gar nicht, als praktischer Geschaeftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, dass er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem +Geschaeft gebrauchen koenne, na, und da war die Sache bald abgemacht." + +"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er +hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fuer ihn wie eine Mutter, +und bloss, weil ihn die andern im Geschaefte wegen seiner Aussprache des +Englischen haenselten, ging er fort, - das haette er nicht tun sollen." + +"Das musste er wohl tun, das war ganz verstaendig von ihm," widersprach +Onkel Heinz, "so wird das da drueben gemacht, da kennt man keine +Sentimentalitaeten. Er handelte ganz richtig, dass er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte +Zeiten muss der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehoert +dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone." + +"Er muss jetzt als Prokurist in dem grossen Bankhause in San Franzisko eine +brillante Stellung haben. Rosi erzaehlte mir strahlend davon," meinte Ilse. + +"Natuerlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders +geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen waere, +unter den spiessbuergerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur +Antwort. + +"Aber dass er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre +hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein. + +"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er +wollte erst was ordentliches werden. Und fuer Ihre Freundin Rosi war diese +Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrueckt erzogen, der haette +ganz anders behandelt werden muessen." + +"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafuer buessen muessen; fuer +die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse. + +"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn +gern leiden, nur muesste er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie +ueberhaupt alle verheirateten Maenner. Gott sei Dank, dass mich der Himmel +vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit +einem pfiffigen Seitenblick auf sie. + +"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse +lachend. + +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie +er darueber dachte. + +"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, waehrend +sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen +Sie wohl, wie gut es war, dass ich Sie abholte, ich weiss doch auch ganz +genau, was fuer Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen +Herbstluft ist fuer erregte Gemueter jedenfalls viel besser als Ihr altes +Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte." + +"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war +ja Bromkali -" + +"Weiss schon, weiss schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs +alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder +Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nuetzen." + +"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es +nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte +sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause +angelangt. Er gab zur Antwort, dass er lieber heim gehen und sie dann +spaeter in der Kirche treffen wolle, seine Kroete koenne er ja jetzt doch +nicht sprechen, die muesse Ruhe haben. + + [Illustration] + +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, +bemerkte er, dass bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit uebrig +war, und er ueberlegte sich deshalb, dass es sich gar nicht lohnen wuerde, +vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, dass +es wohl besser waere, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er +fuer Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfruege, ob alles in Ordnung +sei. Die Verkaeuferin hatte sich schon am Morgen ueber den "wunderlichen +alten Herrn" amuesiert, der in umstaendlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet +werden sollten. Alle Vorschlaege, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so +und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tuepfelchen +anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb +angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus +Tuerkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kroete zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz +genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu maekeln +und zog hier noch eine Bluete, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner +Meinung in die Farbenharmonie nicht passten. Wer wohl diese Gabe, die dem +alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das haette das junge +Maedchen in dem Laden gar zu gern gewusst, denn eine Frau besass er nicht, +das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fuer einen Braeutigam +war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten +Male an diesem Tage - da musste sie unwillkuerlich lachen; sie gab ihm aber +auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig +und puenktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie +jedoch, dass so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand +vorgekommen waere, trotzdem sie mit allen moeglichen Menschen verkehren +musste. + +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen +Schrittes die Strasse ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das +Konzert stattfinden sollte, fuehrte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste +Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war +doch keine Kleinigkeit und wichtig fuer ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon +erleuchtet, und ueber die breite Treppe, die nach dem Eingang fuehrte, +schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die +grosse Tuer verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und +trat endlich gleichfalls durch das weit geoeffnete Portal. Der maechtige +Raum war mit Menschen bereits dicht gefuellt. Die flackernden Lichter +warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Saeulen und die dunkle Holzvertaefelung der +Kirchenstuehle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und +betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf +seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, +Althoffs mit Aennchen, Flora mit den kraeftigen Zwillingen, Rosi nebst +Familie - und wer sass da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, +bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir +erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner +Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden +Maedchengestalt neben ihm, waehrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der +Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. +Der Professor fand, dass Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er +sich jetzt an ihrer Seite niederliess, trotzdem sie ihre Aufregung zu +verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die +Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ueber ihre Stimmung +hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man +die Koepfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her +bewegen, waehrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, +so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schoepfung von Haydn, wusste +er nicht zu wuerdigen, denn er war gaenzlich unmusikalisch, und nur Gesang +konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hoerte er schon zu, als die Choere +gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine +Bartspitze zu drehen, und waehrend er gespannt hinhorchte, waren seine +Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der +Stimme die Befangenheit der jungen Saengerin, zaghaft und scheu glitten die +Toene ueber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in +reinen, maechtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den +Herzen der Zuhoerer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, +ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ueber die +herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit +besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, dass sich +die Haende zu begeistertem Beifall ruehrten. Leo hielt Ilses Hand in der +seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und +fluesterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, dass Sie keine Angst zu haben brauchten, +hatte ich nun nicht recht?" Sie laechelte wie verklaert, sagte aber nichts, +denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schoene +Arie: 'Nun beut die Flur.' Andaechtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdruecktes Huesteln unterbrach +manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sass jetzt Ilse da. Ihre +Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe +Zuversicht, dass ihr Kind etwas Bedeutendes leisten koenne und wuerde. Aber +trotzdem vergass sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest +vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten +streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer +und immer wieder vorhielt und einpraegte. Als das Konzert sein Ende +erreicht hatte, entstand eine foermliche Aufregung im Publikum, und der +Andrang zu Gontraus war gross: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten +heran, um zu dem ersten grossen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der +Professor war dem Gewuehl entflohen und hatte sich in eine Ecke gefluechtet, +um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen haette, welche die Treppe von +den Emporen herunterkam. Neugierig spaehte er, ob er nicht Ruths Koepfchen +dazwischen entdecken koenne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm +vorbei. Nach und nach hoerte das Gedraenge etwas auf, er kroch aus seiner +Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser +uebersehen zu koennen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die +Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsuechtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glaenzenden Augen. Leichtfuessig huepfte sie herunter, und als sie Onkel +Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade +in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwaehrend; sprechen konnte er nicht viel, +nur die Worte: "Alte, gute Kroete," wiederholte er immer wieder, und eine +ruehrende vaeterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der +graukoepfige Hagestolz das junge, bluehende Maedchen umschlossen. Aber dann +machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte +es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den +Armen. Auch Leo kuesste sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle +die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debuetantin, jeder +wollte sie zuerst beglueckwuenschen, ihr zuerst die Hand druecken. Nellie war +ganz geruehrt, und Flora erinnerte daran, dass sie es gewesen war, welche +ihr einst eine grosse Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. +Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Kuenstlerin viel lobende Worte. +Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos voruebergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurueckgelassen, und +der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz +ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkuerlich ergriff sie seine Hand. + +"O, was ein schoenes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als +die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff +war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am +Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und +gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmuetige Zug, der ihr in frueheren +Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben fuer die beiden Ehegatten doch anders +gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo +wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche +lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie +sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, +wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schoenes musste es wohl sein, denn +sie sahen froh und gluecklich aus. Waehrend diese Stimmungen noch die +Gemueter in der verschiedensten Weise beherrschten, hoerte man ploetzlich das +absichtlich laute und auffaellige Klappern eines Schluesselbundes, und mit +harten Schritten ging der Kastellan ueber die Steinfliesen, um die Lichter +auszudrehen, und gab damit zu verstehen, dass es jetzt an der Zeit sei, +heimzugehen. + +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche +ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Strassen war wie an +einem schoenen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. +Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, +die Gefeierte; bedaechtig gingen die Alten hinterher. + +"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie +auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmuetig fuegte sie hinzu mit einem +Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages +fliegen beide aus dem Neste." + +"Ueber so etwas muss man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel +Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes +Gefuehl, wenn er daran dachte, seine beiden Kroeten einmal hergeben zu +muessen. + +"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?" +fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. + +"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf +einmal flog ein spoettisches Laecheln ueber sein Gesicht, und er sagte: "Dann +schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau." + +Es war natuerlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ueber die Stimmung +hinwegbringen wollte, die etwas ruehrselig zu werden drohte, und das liebte +er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. + +"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das +wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie +haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit +vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin +spielen, Onkel Heinz." + +"Na, das wird was Schoenes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine +schreibende Frau? Brr!" + +"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fuer +Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war +- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbaendig, ein rechter boeser Trotzkopf. +Und was ich dann alles leiden und ertragen musste, und wie ich geheilt +wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz." + +"Durch mich?" fragte er, sie unglaeubig ansehend. + +"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit +ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies +ihm, dass sie die volle Wahrheit gesprochen hatte. + + + + +Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzaehlung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, dass die Fortsetzung dieses Bandes unter dem +Titel "Trotzkopf als Grossmutter" in gleichem Verlag erschienen ist. + + + + + + +BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. 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Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39350.txt or 39350.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. 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Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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