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+The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf’s Ehe by Else Wildhagen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus Trotzkopf’s Ehe
+
+Author: Else Wildhagen
+
+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+
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+
+ [Illustration: Einband]
+
+ [Illustration]
+
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+
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+
+ [Illustration: Titelseite]
+
+AUS TROTZKOPF’s
+EHE
+ VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
+ VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“
+DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“
+VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
+
+Vierzigste Auflage
+
+STUTTGART
+GUSTAV WEISE VERLAG
+
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+
+ Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
+
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+
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“ schallte es von hellen Kinderstimmen
+durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
+Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
+Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet hatte und hineinschaute.
+Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
+ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
+nicht los.
+
+„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“ rief er endlich; „wartet,
+ihr Kröten, ich werde euch kommen!“
+
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
+Junge aber und das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit
+blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
+Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten.
+
+„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“ gebot Ilse, welche in
+diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
+dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
+aber, Gontraus wilde Älteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
+sich hinter seinen Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
+zurück. Das war ein Hauptspaß.
+
+„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“ legte sich Nellie jetzt ins
+Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
+wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.
+
+„Ja, nun hört endlich auf,“ gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
+die Übermütigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
+Worten:
+
+„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?“
+
+„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts,“ gab
+er zur Antwort.
+
+„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“ rief es nun schon wieder, und da
+stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er beide auf einen Stuhl
+neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, und
+bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis über die
+Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Großen nicht ernst bleiben.
+Natürlich ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
+bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+
+„Nun ist’s genug,“ sagte sie; „kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
+mein Zimmer.“
+
+„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“ rief es von allen
+Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
+seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er
+nicht von der Stelle konnte.
+
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
+warfen sich die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
+ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch
+Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die
+Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern
+leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel.
+
+„Ihr seid eine Gesellschaft,“ sagte Ilse kopfschüttelnd, aber solche
+Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche
+erschien.
+
+„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“ meinte Nellie, als sie den
+Professor ansah.
+
+„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“ rief er ihnen mit scheinbar bösem
+Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
+lustig zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn
+er ernstlich böse war.
+
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände
+gerutscht waren, rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein
+kurzgeschorenes Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie
+vor gerade in die Höhe, tadellos in Reih und Glied.
+
+„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?“ fragte Ruth, und
+die andern bettelten ebenfalls.
+
+„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“ quälte sie, als die Mutter
+keine Miene machte, ihre Bitte zu erfüllen.
+
+„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“ legte er sich nun auch ins
+Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling
+Ruth etwas abgeschlagen wurde.
+
+„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen
+damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß
+sie in der Kinderstube bleiben sollten.
+
+Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
+Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
+zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen
+sollte.
+
+Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
+großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche.
+Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig
+verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
+waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
+voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
+gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
+hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre
+reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige
+Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die
+Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie
+früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu
+sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“
+stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
+auch recht.
+
+Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig
+schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
+Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
+gesiegt.
+
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte
+Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt,
+die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
+und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
+würdige Frau Superintendentin geworden war.
+
+Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und
+konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
+machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
+da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die
+lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch
+nicht im mindesten zusammen.
+
+„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
+nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die
+sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie
+mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
+lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit
+den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe
+an ihr.
+
+In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und
+meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
+dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen,
+ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse
+zum Bleiben.
+
+„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und
+öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen
+konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein
+Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen,
+ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung
+senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur,
+und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.
+
+Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu
+Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie
+kannte ihn, er ließ sich gerne zureden.
+
+„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie
+wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.
+
+„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem
+Nachdruck, „das ist auch recht gut.“
+
+„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen
+Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die
+Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter
+Bücherkram.“
+
+„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und
+„Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen
+Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
+Ilse kannte es genau.
+
+„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort.
+
+„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
+nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch
+mal ausruhen.“
+
+„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade
+freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte
+seine Art.
+
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
+Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
+B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus.
+Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in
+die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach
+seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte
+mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein
+Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen
+Umständlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine
+eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz
+aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
+mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht
+ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
+einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
+und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
+nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur
+wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
+Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
+Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe
+zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er
+ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
+Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
+Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber
+auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –
+
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
+selbst zu holen.
+
+„Ich kann ja das Mädchen schicken,“ meinte Ilse, aber Nellie ließ das
+nicht zu.
+
+„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
+deshalb lieber selbst gehen,“ antwortete sie ausweichend. Doch in
+Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+nach Gontraus zu kommen.
+
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
+an.
+
+„Sie bleiben auf jeden Fall,“ sagte Ilse, ihn zurückhaltend, und wies
+jeden Einwand, den er machen wollte, zurück.
+
+„Wissen Sie was,“ rief sie plötzlich, „ich habe heute morgen Waldmeister
+gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
+Jahre, Onkel Heinz – können Sie da widerstehen?“
+
+Er lachte.
+
+Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die
+ihnen entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und
+der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja
+unliebenswürdig, und ließen ihn bald als „komischen Kauz“ ganz links
+liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe,
+ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft versammelt war.
+
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
+langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.
+
+„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als dazubleiben,“ sagte er
+vergnügt, „aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
+er macht sie regelmäßig zu süß.“
+
+„Natürlich, natürlich,“ sagte Ilse, „doch dann müssen Sie mit in die Küche
+kommen, Onkel Heinz.“
+
+Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen.
+Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen
+erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf
+einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher
+schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte
+natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er nocheinmal ein
+Glas an den Mund – sie war gut geraten.
+
+„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“ fragte er.
+
+„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“ riefen sie durcheinander, und zugleich
+wollten alle nach dem frisch gefüllten Glase greifen, das er hoch in der
+Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreißen konnten.
+
+„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
+nichts!“ Damit drängte er die verlangenden Kinderhände zurück, und der
+Reihe nach bekam jedes zu kosten.
+
+Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch
+einige Male nach.
+
+„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“ sagte er schmunzelnd und freute
+sich über den guten Zug des Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen
+berechtigte.
+
+„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
+trinken geben,“ rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kräftigen
+Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+
+„Das schadet ihnen doch nichts,“ entgegnete Onkel Heinz.
+
+„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
+schädlich!“
+
+„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich sein, wer sagt
+das?“
+
+„Nun unser Arzt behauptet es,“ gab Ilse zur Antwort.
+
+„Na ja, die Ärzte!“ fiel Onkel Heinz mit höhnischem Lachen ein; „wenn die
+so etwas behaupten, können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
+es nur Unsinn.“
+
+Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
+ihre Laune war an diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie
+sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über
+diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Mißstimmung zurück.
+
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
+Bett. Dem Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
+aufbleiben könnte, setzte sie ein unerschütterliches „Nein“ entgegen.
+
+Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und
+Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen
+derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es
+noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner
+Weise den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und
+blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete
+jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+hellglänzend vom Himmel ab.
+
+„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“ fragte Leo und sah seine Ilse
+überglücklich an. Die Freude über das gemütliche Zusammensein blickte ihm
+so recht lebhaft aus den Augen. „Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
+trinken Sie doch mal aus,“ mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
+Argusaugen darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm
+leise zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke
+Kopfschmerzen bekäme.
+
+Ilse hatte die leise Warnung gehört.
+
+„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
+nicht erlaubt,“ rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
+eigenhändig ein.
+
+„O,“ sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick auf das frischgefüllte
+Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
+Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
+Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, wo er säße, ein kühler
+Luftzug herein.
+
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der
+Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen
+Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+
+„Nein, nein, kein Licht, Marie,“ rief Ilse, als das Mädchen jetzt die
+Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche Mondesschimmer mit dem
+gelblichen Scheine unschön vermischte.
+
+Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die
+frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
+immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
+unbelauscht zu sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne!
+So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
+verfolgte sie fortwährend. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
+von der neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte
+die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über
+Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flügel
+zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In solcher
+Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, daß sie
+gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
+und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
+abenteuerlicher Plan.
+
+„Kinder,“ rief sie plötzlich laut und erregt, „ich habe eine Idee!“
+
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
+auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer
+werden müsse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
+sich ihr zuwandte.
+
+„Darling, was hast du für eine Idee?“ fragte Nellie.
+
+„Famos, famos!“ jubelte Ilse. „Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr
+nicht nein sagt, wollt ihr das?“
+
+„Da könnten wir ja schön reinfallen,“ sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
+„Ja, Schatz, für so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“
+
+„Also hört,“ fuhr Ilse fort, „in vier Tagen haben wir Vollmond –“
+
+„In fünf Tagen,“ verbesserte der Professor ruhig.
+
+„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; überhaupt,
+Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie
+poetisch, wie romantisch!“
+
+Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser
+plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der
+Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar
+zu sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
+in den glühendsten Farben aus, wie schön es sein würde, bis sie
+schließlich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.
+
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
+außerordentlich verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als
+sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
+seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
+Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde
+ihm ja auch sehr gut sein.
+
+So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
+der Partie über, die am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
+als Onkel Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde,
+er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
+wahrer Sturm über sein Haupt los!
+
+„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,“
+sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es schließlich doch
+tat.
+
+„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“ erwiderte Onkel Heinz mit
+einigem Nachdruck, „was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben
+zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob
+ich mitgehe oder nicht!“
+
+„Natürlich haben wir etwas davon,“ sagte Ilse lustig herausfordernd, „ich
+hätte ja sonst niemand, den ich ärgern könnte.“
+
+„Ja, da haben Sie recht,“ gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
+sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung.
+
+„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“ lachte Ilse und erhob ihr Glas,
+um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei
+empfindlich berührte. „Und nicht wahr, Sie gehen mit?“ Dem liebenswürdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.
+
+„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“ sagte er befriedigt.
+
+Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die
+bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen.
+Zum Schluß kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+
+„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die
+Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+
+„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst
+erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige
+Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es
+auch!
+
+ * * *
+
+In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi
+auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit
+Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig
+flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
+Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
+Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles
+trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
+Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit
+den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es
+jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben
+auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
+machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
+Freundinnen wäre.
+
+In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
+Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier
+Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
+Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
+Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende
+Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und feinfühlende Seelen würden in
+diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
+standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
+Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese
+Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten
+Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden,
+gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der
+Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde,
+gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war
+natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall,
+wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen
+aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
+für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie
+selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte
+vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
+mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
+Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen
+Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
+aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
+führte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die
+neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte,
+und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig
+aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins
+Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
+
+„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie
+oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“
+
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
+legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
+die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+
+„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“
+
+„Ja, Mutter, alles.“
+
+„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“
+
+Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“
+
+Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn
+an.
+
+„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
+und nicht an das Arbeiten denkt.“
+
+„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein.
+
+„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn
+die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das
+Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!“
+
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte
+darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
+Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu
+sitzen.
+
+„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
+gleich Kaffee.“
+
+Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht
+Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
+vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.
+
+„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
+als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein
+Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die
+Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich
+ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
+sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.
+
+„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie
+viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“
+
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
+sie heute daran gearbeitet hatte.
+
+„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
+glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“
+
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
+Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem
+öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+
+„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
+als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte.
+
+„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“
+fragte sie freundlich.
+
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
+großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
+an zu klappern.
+
+„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das
+faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung
+bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
+als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im
+Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
+keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
+allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war
+noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
+geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
+Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
+sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn.
+
+„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie
+den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den
+Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“
+
+Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.
+
+„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“
+fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“
+
+„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat
+wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch
+einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
+Stoß, damit er etwas sagen solle.
+
+„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies
+immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn
+das?“
+
+„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete
+der Junge offen.
+
+„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie
+etwas werden.“
+
+„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
+das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich
+ihm beruhigend über das blonde Haar.
+
+Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß
+Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß
+aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
+Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl
+im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen
+verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen.
+Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken.
+Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
+schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten;
+blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
+Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem
+Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
+sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
+Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell
+hinaus.
+
+„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder,
+unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer
+Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der
+Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+
+„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der
+Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl.
+Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
+geworden.“
+
+„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn
+wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.
+
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie
+hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber
+das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
+um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war
+dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
+aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.
+
+„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
+deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+
+„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
+Geschirr stehen ließ.
+
+„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem
+Tone nach.
+
+„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
+Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll.
+
+„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
+gehört sich nicht.“
+
+„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so
+etwas mit anhören.“
+
+„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.
+
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem
+Blicke.
+
+„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich,
+wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“
+
+„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen
+schwach.“
+
+„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.
+
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über
+ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die
+kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den
+Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das
+Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
+hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
+Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.
+
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
+verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:
+
+„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ,
+weil mich die dumme Sonne blendete.“
+
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
+Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
+sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
+wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.
+
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
+packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
+gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
+wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.
+
+Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
+eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
+Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche,
+wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
+bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+
+„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies,
+die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.
+
+„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
+Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen
+sein.“
+
+„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von
+Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie
+viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+
+„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es
+wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein.
+
+„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat
+zu tun.“
+
+„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
+denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich,
+daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
+wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
+habe.“
+
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese
+Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
+ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich
+Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für
+ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
+schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
+Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
+herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
+wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
+steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging,
+und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben.
+
+„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst
+überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“
+
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
+will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.
+
+„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie,
+und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
+aus ihren Grübchen.
+
+„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja
+mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“
+
+„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung.
+
+„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“
+rief Ilse begeistert.
+
+Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
+eben nicht.
+
+„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis
+Einwände gar nicht gehört.
+
+„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
+Ende, und sie kochte innerlich.
+
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
+in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten
+nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins
+Schloß.
+
+„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun
+willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“
+
+„Ja, aber wie so denn, Rosi?“
+
+„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
+denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist
+und am besten gefällt.“
+
+„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
+Freies.“
+
+„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
+unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“
+
+„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig.
+
+„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi
+fort.
+
+„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
+laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“
+
+„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“
+
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
+Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
+gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.
+
+„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die
+Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine
+Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“
+
+Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
+Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
+Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
+Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
+seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
+war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren
+Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
+blieb stumm.
+
+„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal
+anzufangen.
+
+Keine Antwort!
+
+„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“
+das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“
+
+Wiederum Schweigen!
+
+Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange
+nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der
+Tischdecke.
+
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+
+„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger
+gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
+Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von
+dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
+Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung
+doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“
+
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
+erregt wandte sie sich zum Gehen.
+
+„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
+keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“
+
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel,
+stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
+
+Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für
+alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
+über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über
+die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie
+Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches
+gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
+träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen
+ebenso dachten, wie sie.
+
+ * * *
+
+ [Illustration]
+
+Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
+Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
+hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es
+bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
+Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
+bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika
+gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
+verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze
+Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er
+und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen
+gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse
+dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe
+noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie
+merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.
+
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
+Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für
+eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet
+sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
+den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
+seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
+nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
+schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann,
+das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.
+
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz
+geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem
+Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
+Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.
+
+„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß
+Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen
+entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
+
+„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell
+die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
+Hand.
+
+„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast
+gar nichts zu tragen hat?“
+
+„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
+letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
+Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
+
+„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du
+lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
+Modekrankheit.“
+
+Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
+nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser.
+
+„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus
+dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
+Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
+neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
+
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus
+der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
+Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
+und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
+Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.
+
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
+nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer,
+jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach
+belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
+daran sehen.
+
+„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit
+seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche
+Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
+stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
+schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und
+stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.
+
+Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
+Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die
+Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen
+wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
+Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
+prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige
+Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
+genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
+Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
+anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
+Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und
+wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als
+die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe
+hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrünen
+Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen
+tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.
+
+„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele
+und hing sich an seinen Arm.
+
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein
+wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.
+
+Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen
+Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer
+und natürlich auch den von Onkel Heinz.
+
+„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
+verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und
+Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+
+„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und
+Gelb!“ rief Ilse.
+
+„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend.
+
+Ilse wandte sich ab.
+
+„Na, denn nicht,“ meinte sie.
+
+„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz
+nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“
+
+„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
+nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo
+seiner Schritte.
+
+„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
+Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen
+Lächeln.
+
+„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
+habe ich den Ortler bestiegen.“
+
+„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel
+Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
+in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
+einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
+interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam
+zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge
+war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
+durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
+Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm
+nicht zugetraut hätte.
+
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
+Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
+Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
+in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
+Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur,
+als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und
+die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
+durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+
+Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
+Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über,
+verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf
+den Zweigen.
+
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
+im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
+voran.
+
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
+draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
+Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie
+glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald
+spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte
+wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden
+Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden
+wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
+Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
+angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken
+großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
+Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie
+sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam –
+ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung
+zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse
+atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
+zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
+auch die andern meistens still.
+
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem
+frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
+rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch
+seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe
+gehenden Natur ein Schlummerlied.
+
+„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.
+
+„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von
+den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
+liebenswürdigsten Weise.
+
+„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und
+diesmal antwortete er liebevoller.
+
+„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“
+
+„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“
+fragte Nellie eifrig.
+
+„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel
+Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“
+
+„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie.
+
+„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit
+Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
+Gegengift.“
+
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
+einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
+Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
+Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte,
+schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.
+
+Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
+rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf
+einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes
+erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
+mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
+majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
+Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters das den Wald abschloß, fiel mit
+dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem
+Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß
+waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die
+Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine
+Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
+Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller
+Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit
+durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
+von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den
+freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
+und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
+Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden
+tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und
+betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
+Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und
+nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
+hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
+wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
+vor ihm standen.
+
+„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da
+oben wohl noch geben.“
+
+„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und
+warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
+
+„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich
+in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn
+ächzten.
+
+„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu
+genießen,“ rief er hinaus.
+
+Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese
+blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
+Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
+lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen,
+krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden
+Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
+Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.
+
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie
+hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
+wollte, eingehend den Weg besprochen.
+
+Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
+dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silberglänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
+verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese
+vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
+steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.
+
+Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals
+krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend
+etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für
+furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo
+nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
+es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
+doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
+unterdrücken.
+
+„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+
+„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“
+
+Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen
+und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem
+Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die
+spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die
+Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt
+gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
+
+„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
+sehen Sie es sich an!“ rief er laut.
+
+Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie
+ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller
+Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+
+„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte
+Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie
+entschuldigen wollte.
+
+„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an
+Gespenster zu glauben?“
+
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
+
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja,
+Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
+Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben
+konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie
+wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+
+ [Illustration]
+
+Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg
+und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
+der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man
+allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß,
+ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem
+steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter
+Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als
+hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
+Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
+unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
+nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
+
+Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
+Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
+Stille herrschte ringsumher.
+
+„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie.
+
+„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred.
+
+„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“
+erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel,
+goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
+schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
+Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
+sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“
+
+Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
+man nicht nach dem Äußeren beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu
+lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
+Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
+Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets
+absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es
+sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das
+härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
+sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
+
+Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses
+auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
+welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus
+immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer
+Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den
+Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im
+tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine
+Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im
+Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten
+Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
+bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl sein im
+hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
+dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn
+Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie
+sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd,
+lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.
+
+Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut
+zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
+durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
+Kognak.
+
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
+Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
+Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
+Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall
+aufgenommen wurde.
+
+„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel
+Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
+ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.
+
+„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt.
+
+„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch
+sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten
+nur über alles spotten und höhnen.“
+
+Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja nicht, daß dieser Hieb
+die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
+ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
+war es nun geschehen.
+
+Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
+Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
+Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte
+und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf
+dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
+auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
+hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
+er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken,
+vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
+Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß
+am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender
+Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder
+verschwand.
+
+Lange noch blieb der Professor draußen.
+
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es
+sollte früh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
+Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
+Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig
+gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das
+helle Mondlicht hätte ihn gestört.
+
+„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch,
+wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen
+Frühlingsmorgen.
+
+„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
+geschlafen,“ erwiderte er mißmutig.
+
+„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“
+fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
+
+„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“
+
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
+Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft
+bedauert wurde.
+
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es
+überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder
+dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+behauptete.
+
+Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe,
+hatte ihm innerlich schon die schönsten Beinamen gegeben, wie „alter
+Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
+neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
+
+Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der
+Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind
+trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
+hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel
+flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
+Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
+
+„Schneeluft,“ sagte Althoff.
+
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
+bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber
+wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
+legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur,
+aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm
+ihn wieder mit fort.
+
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und
+darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
+Füße bis über die Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand
+diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut
+genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
+höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von
+Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
+
+„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“
+rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter,
+umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+
+„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd
+und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
+
+„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
+wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.
+
+„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
+schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher
+gegangen,“ sagte er dann zu Leo.
+
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
+Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
+drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß
+er unrecht hatte.
+
+„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.
+
+„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig,
+Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
+Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“
+
+„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“
+entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.
+
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle
+Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
+jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede
+Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
+Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen
+in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies
+schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie
+keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie
+ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie
+lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
+Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
+dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die
+Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+
+„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
+es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu
+scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
+sich versunken ging er weiter.
+
+Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
+Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
+die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube
+hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
+erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als
+eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen
+zu lächeln.
+
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße
+einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
+und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog.
+Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein
+Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
+Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in
+letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
+nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem
+zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch
+hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
+fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und
+Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
+großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
+prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein
+Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine,
+war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
+Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört
+sahen die Männer aus.
+
+Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes
+Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie
+die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste.
+Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten
+Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus,
+im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
+in hellster Aufregung gewesen war.
+
+Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
+erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte
+kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden
+Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder
+entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt,
+der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
+Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und
+sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich
+verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
+lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja
+herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine
+Rede.
+
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
+Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und
+Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen,
+die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
+alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
+denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder
+bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
+die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
+Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
+Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
+Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
+Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
+Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war
+schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
+aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
+keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei
+dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
+keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine
+Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf
+Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
+
+„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die
+übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches
+Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war
+Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
+mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
+gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
+Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich
+auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach,
+denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten
+noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
+überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der
+andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie
+zum Schluß kamen.
+
+„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen
+könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
+Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
+hinaus.
+
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der
+Professor nie viel übrig gehabt.
+
+„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
+tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte
+Antwort.
+
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
+davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte
+darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
+
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
+schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
+milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis.
+Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der
+heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
+über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt
+lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen
+Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+Schimmer.
+
+Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße,
+die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
+stille Nacht.
+
+ * * *
+
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste
+besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden.
+Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das
+Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
+wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu
+verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die
+Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
+wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige
+Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
+Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts
+anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder
+mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
+Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
+begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
+Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie
+horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
+sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
+Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
+stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem
+Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
+Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
+großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre
+Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
+dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und
+wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
+in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
+im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
+Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein
+Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.
+
+Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:
+„die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und
+„die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch
+jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich:
+die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur
+derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
+zustandegebracht hat.
+
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
+erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige
+Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für
+einen so guten Zweck herzugeben.
+
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas
+viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen
+zusammen zu holen.
+
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
+Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen,
+engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
+
+„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen
+Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob
+von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+
+„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von
+meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“
+
+„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen
+herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der
+öffentlichen Kritik ausgesetzt?“
+
+„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“
+
+Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
+einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die
+beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
+
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
+daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber
+schön gespielt!“
+
+„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie
+stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie
+brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“
+
+„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile
+solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will
+mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“
+
+„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
+keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über
+solche Anschauungen.
+
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun
+einmal anders.
+
+Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
+
+„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
+Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte
+die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln
+und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
+Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
+sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing
+sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
+viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
+
+„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“
+tröstete sie.
+
+Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die
+Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
+für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet
+hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
+Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
+den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu
+werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und
+ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das
+Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie
+dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater,
+selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon
+oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
+
+„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte
+Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
+bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+
+„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte
+Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit
+der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr
+gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.
+
+Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
+keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“
+nahte.
+
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
+Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer
+Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
+ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.
+
+ [Illustration]
+
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
+besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
+es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache
+war abgemacht.
+
+Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
+ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
+Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren
+Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten,
+gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch
+mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön
+und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer
+wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+
+Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
+
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube
+Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born
+zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
+ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde.
+
+„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste
+Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
+Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht
+und wäre doch zu kurz.
+
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
+bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
+etwas in Gang.
+
+„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle
+fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
+Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+blamieren.“
+
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
+wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten
+Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden
+Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
+mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
+Kritiker sein.
+
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete
+sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
+der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den
+nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
+
+„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung.
+
+„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht
+spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche
+nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie
+später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe,
+könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
+nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“
+jammerte sie.
+
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
+Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt
+der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal
+bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
+
+Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
+Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
+
+„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born
+als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“
+
+„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie.
+
+„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das
+übernehmen?“ fragte Leo.
+
+„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“
+sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel
+hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“
+
+„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie.
+„Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem
+Akzent paßt doch wohl nicht?“
+
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das
+Dienstmädchen.
+
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
+Kräfte wieder einzufangen.
+
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
+Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften
+Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.
+
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen
+wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der
+Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen
+die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
+einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen
+beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer
+solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie
+diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge
+derselben auseinandersetzte.
+
+Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube
+Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+
+„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen
+schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen
+sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“
+
+„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging
+es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
+weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem
+griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!
+
+Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor
+dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
+die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete
+sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
+einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.
+
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
+aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.
+
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen
+versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
+beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere
+Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die
+Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
+eine große Angst, ob alles gut gehen würde.
+
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
+nun die erste auf der Bühne stattfinden.
+
+„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse
+wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
+so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
+Generalprobe vertröstet.
+
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
+leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –
+
+Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der
+Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
+Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
+im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
+tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige
+Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen
+überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte.
+Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
+Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
+war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
+nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie
+bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
+untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
+sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu
+erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
+einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt
+bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern,
+öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
+meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über
+Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
+Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
+ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden,
+stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
+Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch
+die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
+Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen
+sah sie in das leere Haus!
+
+Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst
+befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
+und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
+leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.
+
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises
+Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte.
+Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
+
+„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im
+gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
+hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:
+
+„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“
+
+Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß
+noch einmal von vorn anfangen.
+
+Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
+der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und
+nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen
+nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen.
+
+Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
+nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.
+
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche
+schluchzend in ihrer Garderobe saß.
+
+„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie
+denn?“ redete ihr Ilse zu.
+
+„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das
+Kind außer sich zur Antwort.
+
+„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete
+Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.
+
+„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
+mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine
+Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“
+
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
+wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher,
+als zuvor.
+
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
+Notiz genommen hatte.
+
+„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös
+zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“
+
+„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab
+er eilig zur Antwort.
+
+„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“
+
+„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte
+jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
+„Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.
+
+Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von
+Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“
+auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer
+erzürnten Göttin.
+
+Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
+schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht
+mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
+Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
+tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in
+einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
+„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die
+Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
+sie nicht aufrütteln.
+
+„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief
+Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an,
+die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
+dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in
+Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.
+
+Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden
+ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
+Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
+reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
+geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte
+immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf
+seinem Sitze unruhig hin und her rückte.
+
+„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
+Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.
+
+Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel
+glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der
+Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen
+Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das
+„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die
+Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine
+Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
+scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.
+
+„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich
+schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“
+
+Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
+– Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
+wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
+die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie
+in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer
+zwei an diesem Abend.
+
+Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
+und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand
+sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
+die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.
+
+Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen,
+sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.
+
+„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben
+doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser
+machen.“
+
+„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit
+spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
+besondere Rücksicht.“
+
+„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“
+meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“
+
+„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie
+eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber
+aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“
+
+„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein
+Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
+doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
+deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
+glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“
+
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
+mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein
+Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich
+sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht
+mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem
+Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für
+zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
+an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
+Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein
+Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
+Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter,
+sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden
+einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
+zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
+sogar schon gelächelt.
+
+Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich
+Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen
+werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
+Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer
+Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln
+an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll,
+glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie
+stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur
+andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen.
+Dann erst wurde die Türe geöffnet.
+
+„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich,
+aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
+Gesicht sah.
+
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
+Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
+
+Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es
+herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
+und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im
+„ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher
+zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
+keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen
+Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge
+Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
+werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
+Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen
+die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch
+ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
+gelacht.
+
+Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen
+den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht
+in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
+liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt,
+aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
+und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
+
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
+Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.
+
+Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
+unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
+Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der
+Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
+sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
+hatten.
+
+Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne
+es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
+
+Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös
+von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
+
+„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte
+Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!“
+
+Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht
+gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte
+ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite
+auffaßte.
+
+„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse,
+„und was machen wir dann?“
+
+Leo lachte sie aus.
+
+„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
+sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für
+alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog
+sie in seine Arme.
+
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
+sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den
+andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
+Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete,
+erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts
+noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein
+entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die
+Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
+ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
+diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle
+Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
+erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
+Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten
+geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
+Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen
+Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und
+Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen
+– sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
+der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles
+vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.
+
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
+aber seine Türe war verschlossen gewesen.
+
+Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
+Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich
+nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie
+nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
+
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
+Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
+zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.
+
+„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen
+Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde,
+konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in
+welcher Rosi danach fragte.
+
+„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr
+sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“
+
+Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“
+
+„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“
+
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
+groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.
+
+Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien
+wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
+Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
+nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch
+die Lust und Begeisterung wieder ein.
+
+Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
+trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
+teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+
+Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
+Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.
+
+Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung
+ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
+gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
+Kritiken nicht mehr übel.
+
+Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet
+und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei
+der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als
+das erste Mal.
+
+So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich
+nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung
+stattfinden.
+
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
+konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
+verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort
+sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
+fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
+
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl
+von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge
+daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+
+Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst
+einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle
+möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
+daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
+– welcher Zauber lag in dem Gedanken!
+
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
+Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine
+Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte
+über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm
+bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem
+Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten
+löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
+Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom
+Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
+den Händen und memorierte fortwährend.
+
+„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als
+Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch
+wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“
+
+ [Illustration]
+
+„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
+ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.
+
+Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
+fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie
+sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst
+die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß,
+wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht,
+diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche
+der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
+
+In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
+Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören;
+besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
+hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur
+heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das
+blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den
+Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
+zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
+sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des
+Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein
+Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.
+
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung
+würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken
+bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
+zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein,
+zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei
+Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter
+die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch
+verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.
+
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort
+förmlich umringt.
+
+„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“
+
+„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst
+frisieren!“
+
+„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
+richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“
+
+Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und
+Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
+endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
+
+„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben
+waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter,
+etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler
+versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die
+Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das
+reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
+Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.
+
+In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born
+stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“
+zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken
+noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
+
+„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als
+die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
+Dienstmädchenkleid erschien.
+
+„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
+sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
+dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“
+
+Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
+den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem
+Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
+fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die
+weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.
+
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
+sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand
+hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
+sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte
+Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+
+„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön
+von Ihnen abstechen!“
+
+Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“,
+das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
+eigentlich zu ärgerlich.
+
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
+deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender
+Blick in den Spiegel.
+
+„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel –
+schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
+fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“
+
+Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten
+Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt
+der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
+
+„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, –
+dann rauschte es hinaus.
+
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne
+versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins
+Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
+dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden
+Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den
+bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
+mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
+Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!
+
+Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
+laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten
+einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
+Instrumente stimmte.
+
+Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
+zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+
+Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die
+allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
+ersten Male hebt, nachfühlen!
+
+Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
+im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll
+Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände
+und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige
+Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
+Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
+weniger ergriffen hatte.
+
+Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
+Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
+Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.
+
+Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war
+demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
+Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das
+vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
+Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern
+über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
+wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.
+
+„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den
+Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
+und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des
+„Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder
+heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines
+solchen Augenblicks beschreiben!
+
+Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
+tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit
+hielt.
+
+„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
+wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
+helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln.
+Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
+wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und
+unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.
+
+„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“
+sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
+
+„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte
+der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen
+kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
+
+„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller
+Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen
+widerlichen, unverschämten Menschen.
+
+Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
+entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
+auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt
+und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube
+Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit
+lachte.
+
+Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
+war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß,
+ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant
+überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
+konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.
+
+„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
+Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
+steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“,
+so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er
+wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
+bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber
+beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
+mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören.
+Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es
+nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+
+Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen
+eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich
+und würde es sicher nicht tun.
+
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
+sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
+die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja
+darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.
+
+„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch
+ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und
+die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“
+
+Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien,
+erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
+Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
+sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel
+zupfte und zur Ruhe verwies.
+
+Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
+wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
+einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse
+Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
+wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch
+auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik
+getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
+Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die
+guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
+
+„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“
+sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte,
+aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.
+
+„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie
+ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“
+
+Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
+
+„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld
+ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem
+vollen Hause um.
+
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige
+Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner
+Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt
+hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die
+Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
+Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz.
+
+Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die
+„Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke
+gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
+diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und
+zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen;
+unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
+dankten sogar mit lauten Bravorufen. –
+
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
+Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
+und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
+wieder in das alltägliche verwandelt.
+
+Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches
+Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie
+schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
+bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
+versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
+
+Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit
+ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war –
+vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“
+
+Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der
+Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
+Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes
+Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes
+Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
+viel Jammer und Elend zu lindern.
+
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur
+dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
+klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in
+Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos,
+daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur
+wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches
+anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte
+trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr
+würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
+triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft
+haben. –
+
+Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und
+hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im
+Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge,
+die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
+mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll
+etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn
+Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
+nehmen.“
+
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet
+und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung
+zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in
+der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber
+für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
+ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
+und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
+nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse
+fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen
+und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
+Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte
+stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den
+beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind,
+Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
+
+Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an.
+Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte
+sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst
+Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie,
+welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten.
+Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
+
+Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen
+„Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl
+gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er
+noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können,
+aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich
+vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
+übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
+Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte
+wohl mal wieder!“
+
+„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse
+später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung
+äußerte, daß der Professor zürne.
+
+„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit
+abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen
+er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.
+
+„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am
+meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine
+Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders
+geworden, nicht wahr?“
+
+Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß
+sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
+sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran
+erinnern ließ.
+
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
+sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie
+erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch
+immer so reizen!“
+
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer
+Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige
+Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.
+
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
+mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
+heimkehrte.
+
+Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
+von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des
+einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er
+auch nicht zu ihnen geschickt!
+
+„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
+doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“
+rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
+als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
+leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
+nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
+
+Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
+und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.
+
+Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor
+durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche
+wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
+deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie
+mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.
+
+„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse
+hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt
+empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der
+sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
+nächst ihren Eltern am meisten liebten.
+
+Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
+einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
+
+„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen –
+heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig
+abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
+Freude.
+
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
+er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit
+Mutter und Schwester erwarten würde.
+
+Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
+ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
+geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+
+„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben.
+Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.
+
+Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer
+wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr
+geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.
+
+„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine
+Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
+
+„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung.
+Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
+mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
+allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
+Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie
+alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
+die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
+
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der
+Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
+
+
+
+
+
+
+ „Lieber Onkel Heinz!
+
+„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest
+du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
+aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick
+besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
+gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen
+ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
+gegeben für den weg.
+
+ Es grüst Dich
+ Deine libe Ruth.“
+
+
+
+
+
+
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein
+erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs
+Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie
+war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+Heinz.
+
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
+sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie
+einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd
+brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine
+leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er
+sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
+
+„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
+auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig
+gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
+
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
+beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in
+einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da
+viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr
+Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie
+schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe
+standen und die Glocke gezogen hatten.
+
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
+öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.
+
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich
+hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem
+milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere
+Anmeldung die Treppe hinauf.
+
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll
+still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
+Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend
+nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche
+Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen
+blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen
+etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
+
+Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach
+einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr
+Professor bitten ließe einzutreten.
+
+Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
+haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen
+musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie
+zaghaft und scheu.
+
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
+Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von
+jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten
+Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
+jedem Spaße bereit war.
+
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
+besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen
+Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
+machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
+wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn
+betrachtete.
+
+„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich.
+
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
+hin und warf sich stürmisch in seine Arme.
+
+„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
+zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
+noch enger an ihn.
+
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von
+ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
+den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.
+
+„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz.
+
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
+den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.
+
+„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
+Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse
+Verlegenheit nicht verbergen.
+
+„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.
+
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging
+nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
+denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
+
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
+poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war
+nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht
+die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+geschickt zu benehmen.
+
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
+leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie
+ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
+täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
+sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts
+brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.
+
+Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz,
+das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen
+ein, wie es niemand besser verstand.
+
+„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
+letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.
+
+„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte
+gewesen!“
+
+„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die
+Dümmste in der ganzen Klasse ..“
+
+„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“
+
+„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“
+
+„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“
+
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau,
+daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
+solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
+Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+Kampf einlassen zu können.
+
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein
+ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte
+ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+
+„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in
+ihrem sanftesten Tone.
+
+„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“
+
+„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort.
+
+„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann
+sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.
+
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
+ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
+Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und
+mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
+verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte,
+er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte
+bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.
+
+Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres
+Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf
+Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+
+„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor.
+
+„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß
+die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
+besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“
+
+Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er
+unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo
+seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+
+„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“
+fragte Ilse wieder.
+
+„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“
+antwortete er nicht gerade liebenswürdig.
+
+Dann schwiegen wieder beide.
+
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß
+deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+
+„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an.
+
+Er antwortete nicht.
+
+„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort.
+
+„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
+merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig.
+
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize
+und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese
+Bemerkung.
+
+„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
+dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
+
+„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein.
+
+„Ja, aber wieso denn?“
+
+„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
+Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich
+würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten
+mehr!“
+
+„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“
+
+Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
+zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft
+zumute.
+
+„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den
+Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
+sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
+Nach einer Weile fuhr er fort:
+
+„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn
+offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort.
+
+„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie
+doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts
+daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“
+
+„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
+voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
+mußte.
+
+„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“
+fing er wieder an.
+
+„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“
+erwiderte Ilse etwas verlegen.
+
+„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
+über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas
+natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß
+Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann,
+und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“
+
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+
+„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
+für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“
+fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“
+
+„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel
+Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie
+hätten ganz anders erzogen werden müssen.“
+
+„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
+ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das
+‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“
+
+„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir
+dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem
+Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+
+Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite
+statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
+ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fühlte er oft!
+
+„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum
+nicht?“
+
+Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
+Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie
+instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.
+
+„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer
+Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“
+
+„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach,
+„sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
+nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
+auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+nicht?“
+
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe
+er mit seinen Gefühlen.
+
+„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu
+absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
+seine Wissenschaft manchmal herunter!“
+
+Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+
+„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“
+
+„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind,
+dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+sagen.“
+
+„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun
+wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
+Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja
+doch Ausnahmen unter den Juristen!“
+
+„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell.
+
+„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
+zur Antwort.
+
+Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich
+hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine
+wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
+denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde
+mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die
+Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War
+es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
+retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
+sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
+verlieren?
+
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
+erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht
+ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
+jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
+gegen seine Überzeugung ging.
+
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute,
+in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in
+solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
+hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
+
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber
+erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter
+seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?
+
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
+aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
+das war gut.
+
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen
+gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
+mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem
+wahren Galgenhumor.
+
+Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
+sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.
+
+Laut rief er sie bei Namen.
+
+„Ruth, Marianne, kommt herein!“
+
+Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins
+Zimmer.
+
+„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“
+
+Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
+als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!
+
+„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang
+– weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie
+schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
+erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
+herunter?“
+
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+verlangten.
+
+„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen
+Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen,
+die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“
+
+„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man
+denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik
+schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“
+
+„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
+Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“
+
+„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“
+
+Streiten mußte er nun einmal immer.
+
+„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell
+erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal
+wiederkommen?“
+
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl,
+daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe;
+so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte,
+ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste
+Freundlichkeit.
+
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+
+„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“
+
+Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen
+zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
+ihre Worte.
+
+„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
+
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth,
+die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+
+Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
+und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen.
+Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den
+Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
+er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und
+sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab,
+sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf
+der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen,
+möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
+sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.
+
+So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
+undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
+Blicke verbarg.
+
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
+und brachte seine Abendmahlzeit.
+
+„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst
+erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.
+
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+
+„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet
+nichts, will mich nicht verpimpeln.“
+
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken
+gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie
+schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
+
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
+um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte
+sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
+und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu
+behandeln als bisher.
+
+Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen
+machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
+einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
+einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein,
+dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit,
+Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten
+Vertrauens würdig war.
+
+Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen
+Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und
+nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+sein. –
+
+Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
+hielt zum Glück nicht lange an.
+
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes
+mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben
+an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu
+bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit
+den Tatsachen abzufinden.
+
+So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
+Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
+Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die
+ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.
+
+ * * *
+
+Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische
+Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer
+war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.
+
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie
+kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.
+
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
+vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
+von sich hören lassen.
+
+Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine
+Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
+sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine
+Feder an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht
+spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das
+Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
+Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr
+eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den
+Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
+sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr
+an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben,
+wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und
+Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und
+Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
+
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
+Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
+Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie
+oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese
+sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur
+selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei
+kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillingspärchen, schrieb sie
+glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
+können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
+Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
+nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
+der schweren Zeit beigestanden hatten.
+
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
+hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
+herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
+Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
+daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern
+eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und
+auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
+tun.
+
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst
+als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
+Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
+Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund
+heraus.
+
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
+Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
+dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau
+erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
+plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie
+meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
+abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
+er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und
+arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn
+er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für
+ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
+erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
+nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn
+denken.
+
+Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich
+heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen
+erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen
+Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau
+besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu
+sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts
+auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht wisse und
+beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die
+Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
+
+„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort
+soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine
+Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“
+
+Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen
+gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred
+hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und
+durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös
+und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein
+Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
+für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
+Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück
+und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß
+der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
+
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
+begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige
+Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
+aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Düte heraus, die von den Kindern
+mit Jubel begrüßt wurde.
+
+„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
+amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
+Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur
+Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.
+
+„Siehst du wohl,“ lachte Ilse.
+
+Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
+vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig
+vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu
+viel getan hätte.
+
+„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
+Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“
+
+„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
+Worten gut herausfühlte. –
+
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
+Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße
+zu.
+
+Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
+beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu
+zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
+kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
+sie zufrieden zu stellen.
+
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
+letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
+
+Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
+Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer
+wieder.
+
+Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen
+untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht
+verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel
+wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden
+ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
+Trennung wiedersieht.
+
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die
+Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
+paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
+Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
+Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder
+den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
+sie von dort etwas Besonderes erwarte.
+
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
+Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
+war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in dem eine
+Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
+
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen
+Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die
+staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+
+Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren
+blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
+während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
+herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu
+fühlen.
+
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
+und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
+
+„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen,
+daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte
+sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem
+Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in
+diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“
+
+Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
+Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen
+stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren
+nun in den Gutshof ein.
+
+„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza.
+
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
+führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das
+sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung
+gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen
+Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
+jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür
+ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.
+
+„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die
+Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
+betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein
+schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
+Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
+Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das
+verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt,
+Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die
+Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
+ihnen geschenkt hatte.
+
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
+keine Antwort.
+
+„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie
+sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.
+
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
+sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“
+und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
+
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
+diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen
+standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
+aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
+unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und
+Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
+hätten.
+
+„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an
+Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt
+gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die
+Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen
+in Locken verwandeln.
+
+„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und
+fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“
+
+„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete
+Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
+
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
+nicht verbergen.
+
+„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie
+gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick
+hochinteressant war.
+
+„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig.
+
+Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die
+Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die
+weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle
+Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn
+ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
+die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder
+an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel,
+mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die
+Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine
+weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer
+Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten
+Städtern eine Wohltat, und mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche
+Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.
+
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es
+euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.
+
+„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den
+Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte
+dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht
+weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“
+
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
+Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen
+Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel
+mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
+meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und
+sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+wären.
+
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
+Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu
+Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.
+
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer,
+einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und
+den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+höchst neugierig waren.
+
+Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an
+den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet
+haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die
+ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, –
+einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
+Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
+seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
+Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde
+der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
+
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
+ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
+strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl
+sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von
+Nellie vermuten.
+
+„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte
+sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen
+niedersetzte.
+
+ [Illustration]
+
+„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die
+hellen Perlen von der Stirn. „War wohl auch ’ne nette Temperatur in den
+Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+
+„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es
+ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns
+deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“
+
+„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die
+Umgegend ist so schön,“ sagte Flora.
+
+„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste
+Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
+alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs
+Vieh mehr haben.“
+
+„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch
+keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
+peinlich, daß er so sprach.
+
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+
+„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er
+nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es
+bedeutet: kein Regen!“
+
+„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll
+Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
+
+„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
+Frau Althoff erzählt.“
+
+„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
+vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“
+
+„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
+
+„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft
+so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
+seine Nerven auch sehr herunter.“
+
+Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
+vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen,
+da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.
+
+Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.
+
+Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere
+Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig
+zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde
+ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
+Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu
+derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das
+Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
+seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
+die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte ihm
+unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit
+Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben
+eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle
+Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
+interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
+Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen
+landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein
+Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden
+würde.
+
+Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
+die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine
+Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte,
+daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
+beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
+Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
+gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber
+auszufragen.
+
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr
+so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
+Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der
+Kaffee unter der großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+
+Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum
+schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
+kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke,
+auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen
+niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.
+
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen
+Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung,
+die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn
+und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im
+Zimmer taten.
+
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße
+Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder
+eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
+ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.
+
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
+auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
+doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
+waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja
+fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren
+und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+
+Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof,
+alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers
+erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein
+strenges, aber gerechtes Regiment führte.
+
+„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora
+scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
+Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude
+verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
+über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
+Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
+Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen
+die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
+roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
+vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen
+tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken
+war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter
+Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
+Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete
+sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
+Kastanie stellte.
+
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
+heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch
+unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig
+umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr
+wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett
+geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die
+offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
+um die Wette durch die abendliche Stille.
+
+Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
+worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
+schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
+ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+
+„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
+Werner.
+
+„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora.
+„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
+natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?“ wandte sie sich an die beiden.
+
+„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.
+
+„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den
+jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie
+geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine
+Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume!
+Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht,
+morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die
+mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter
+nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
+etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“
+
+„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht
+errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
+
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
+verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
+dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+
+„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
+das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren
+Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
+diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
+Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze
+eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.
+
+„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
+dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
+vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+
+„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer
+Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und
+fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah
+ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
+Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das
+weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den
+Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten
+Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
+und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
+versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig
+abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe
+ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
+Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
+praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“
+
+„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals
+sprechen hören.
+
+„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.
+
+„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
+Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie
+über alles.“
+
+„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.
+
+„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch,
+sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen
+nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
+Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem
+überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
+
+„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis
+in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas
+hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
+nach etwas Höherem.“
+
+Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
+diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
+verständig war und blieb.
+
+„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die
+Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
+eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
+Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges
+Leben führen.“
+
+„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe
+ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“
+
+„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja,
+das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche
+Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich
+fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem
+geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
+kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie
+eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“
+
+„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt
+in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der
+Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als
+Nihilistin eine Rolle?“
+
+„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte
+sie dazu.“
+
+„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf
+hier Nellie ein.
+
+„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht.
+Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
+würde.“
+
+„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
+Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+anfangen!“
+
+„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit
+erfahre ich ja gar nichts.“
+
+„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
+ich dir,“ antwortete Ilse.
+
+„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr
+Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“
+
+„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu
+neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas
+Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher
+kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß
+diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der
+ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
+Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
+
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch
+immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
+die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte
+auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich
+in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der
+bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den
+herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen
+Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
+ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
+malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das
+anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
+Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und
+die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
+Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –
+
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach
+langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
+Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
+geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau
+Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
+wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
+gerühmt.
+
+Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
+noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch
+gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein,
+daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde
+beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
+Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –
+
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
+das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen
+heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
+
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
+Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte
+er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen,
+und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+
+„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
+„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht
+haben!“
+
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens
+mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
+Heuaufladen zugegen zu sein.
+
+„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer
+Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
+Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!
+
+„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die
+aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und
+Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“
+
+„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.
+
+„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher
+Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die
+Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung
+einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
+merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht,
+über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“
+
+Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
+nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
+„erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
+
+„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten
+umsehend.
+
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen,
+mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen,
+eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben
+in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der
+Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken
+setzte.
+
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel
+vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
+auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
+der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!
+
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den
+gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
+Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden,
+während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß
+man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen
+konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine große Zukunft. –
+
+Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
+umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich
+überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und
+als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten
+gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
+Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz
+ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug
+glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“
+
+„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn
+der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
+
+„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte
+Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
+Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
+Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis
+zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
+lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr
+unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
+und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon
+August den Kiesweg heraufgegangen.
+
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
+schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
+und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige
+Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
+Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war.
+
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
+beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts
+Fremdes.
+
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
+bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und
+Ilse.
+
+„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir
+vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“
+
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
+
+„O, haben Sie Ärger gehabt?“
+
+„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die
+dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei
+davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte
+seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend
+zusammenschlug.
+
+„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm
+besänftigend über die Stirn.
+
+„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte
+der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch
+geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß
+tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die
+Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
+worden in der letzten Nacht.“
+
+„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole
+dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
+eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus
+schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
+Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß
+aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau
+werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich
+eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel
+ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine
+innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der
+Grundzug von Floras Charakter. –
+
+Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen
+und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft,
+Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
+die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
+denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten
+ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
+sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
+Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
+
+„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder
+die Rede darauf kam.
+
+Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man
+merken.
+
+„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne
+und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
+und Mutter doch nicht zu versäumen.“
+
+„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen
+können, das ist die Hauptsache.“
+
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden
+sie sich ja doch nicht einigen.
+
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie
+blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie
+in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
+ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin
+mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
+dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
+zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
+reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden
+Fred nicht verglichen werden.
+
+Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
+ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und
+neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und
+wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann
+kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
+wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner
+berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse.
+Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
+und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding
+den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern
+ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und
+Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
+hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
+zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
+Fall war. –
+
+Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
+bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie
+begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
+
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
+und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
+
+„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen
+genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
+die Dorfstraße schritt.
+
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
+der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war;
+begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
+sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in
+den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg
+schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die
+Höhe nahmen.
+
+Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald
+hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
+jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre
+Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
+leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
+sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und
+Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief
+innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie
+sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.
+
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben
+eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten
+Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
+Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
+stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich
+Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder
+Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im
+zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da
+aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
+die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
+gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die
+junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war
+und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
+Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser
+armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine
+warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Türe zu
+dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
+in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
+erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+zurück.
+
+„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
+wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“
+sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen
+schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes
+Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.
+
+„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe;
+aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
+wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie
+sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
+
+Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige
+Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch
+gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so
+gut, die war ihr keine Fremde.
+
+„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“
+
+„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
+nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora
+sanft und liebevoll.
+
+Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
+die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die
+Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
+gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem
+zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
+geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten
+Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief
+über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen
+Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
+Füßchen streichelte.
+
+„O, wie süß ist das _baby_,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie
+das Kind.
+
+„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester.
+
+„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter.
+
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen
+Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den
+Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe
+genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+
+Müde und apathisch dankte die Frau.
+
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
+holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die
+Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.
+
+„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend.
+
+„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge
+Witwe.
+
+„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in
+Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“
+
+„Die Kinder sind ja da.“
+
+„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu
+achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora.
+„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
+Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
+
+„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen
+diese Worte.
+
+„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem
+Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
+komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
+Abend und recht, recht gute Besserung.“
+
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
+entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte
+menschlichen Elends.
+
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft
+empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
+konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen
+Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
+einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die
+Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle
+drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+
+„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor
+sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte
+Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“
+
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
+
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
+Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche
+Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen,
+und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde
+liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so
+empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.
+
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
+Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen
+für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
+
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
+mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich
+auf dem Platze unter der Kastanie.
+
+„O, die armen Kinder, das süße _baby_, was wird daraus?“ rief Nellie mit
+Tränen in den Augen.
+
+„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er
+seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“
+
+„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen
+Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
+übergeben – es ist zu traurig!“
+
+„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann.
+„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
+Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke
+ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich
+mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s
+zufrieden.“
+
+„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu
+wonniges _baby_!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger
+Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
+Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+
+Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich,
+und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
+letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier
+erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie
+ihre Betrachtungen.
+
+„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so
+nehmt ihr es doch zu euch.“
+
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
+auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+doch heftig schüttelte sie den Kopf.
+
+„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus.
+
+„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“
+
+„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“
+
+„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest _du_ es
+denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
+
+„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die _babys_ so
+sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr
+sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred
+nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und
+das ginge doch nicht.“
+
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
+wurde, Nellie blieb dabei, „es ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich
+die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
+
+Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht
+abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
+gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.
+
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
+merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
+Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
+sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.
+
+Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
+einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während
+Ilse diktierte.
+
+„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann
+wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel
+geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
+fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es
+diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
+und pünktlich zu besorgen.
+
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
+beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit
+Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
+
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den
+Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts,
+aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+
+„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus
+ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
+Episteln von ihrem Fred studierte.
+
+Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der
+Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
+kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der
+Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
+klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
+Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre
+Lippen.
+
+„O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du für
+mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer
+Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte
+sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
+freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
+und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: daß er nichts
+dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
+wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr
+stilles Haus bringen würde.
+
+Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm
+geschrieben hatte.
+
+„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als
+diese zu Ende gelesen hatte.
+
+„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
+Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte,
+fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
+wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus
+mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“
+
+„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was
+du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+vergelten.“
+
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+
+Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
+Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen
+den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
+Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine
+Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –
+
+Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter
+über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen,
+sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
+wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
+wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.
+
+So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte
+eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
+ihrem bisherigen Elend zu entreißen.
+
+Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß
+gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal
+ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
+
+ * * *
+
+Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
+Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was
+sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
+kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
+was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und
+darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
+nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug
+rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“
+hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
+Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über
+Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber
+sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
+trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
+es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
+fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
+junges Leben hierher verpflanzt worden war.
+
+ * * *
+
+So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
+Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
+Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
+mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern
+später und manchem nie.
+
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und
+trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem
+andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
+war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
+schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.
+
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
+müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein
+stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
+immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
+seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
+letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie
+nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit
+geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
+Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
+Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er
+fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen.
+Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
+Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen
+Blicken. –
+
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals
+fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die
+angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war
+und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
+„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe
+machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem
+Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz
+niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte
+sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie
+ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie
+sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
+so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
+kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle
+herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten
+sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
+
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
+jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
+Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie
+herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
+Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig,
+zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
+Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
+dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den
+Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo
+necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die
+Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
+einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
+und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem
+jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine
+beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
+rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
+geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren
+frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und
+innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
+sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
+drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie,
+wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter
+und Freundin zugleich.
+
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
+Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf
+den ersten Ball führen konnte.
+
+Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne
+und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
+Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in
+ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
+ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen
+Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.
+
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein
+großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
+tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+Kleinigkeit.
+
+„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die
+Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
+zu beginnen.
+
+„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch
+früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch
+lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch
+ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen
+sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
+nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.
+
+„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt,
+als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau,
+daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber
+würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen,
+Marianne?“
+
+„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber
+als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
+aufgebraust.
+
+„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur
+Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
+Geschmacklosigkeit!“
+
+„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone
+erwidert.
+
+„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
+ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
+Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
+dir eine solche Farbenzusammenstellung!“
+
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie
+nun auf alle Weise zu trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
+Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde
+immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie
+wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem
+Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
+Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche
+Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber
+hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
+werden können.
+
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden,
+wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
+in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen.
+Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
+Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon
+erzählten.
+
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus
+dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.
+
+„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
+nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am
+Flügel. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse,
+aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
+vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin,
+fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
+von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
+ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
+ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
+
+Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu
+einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
+die andre zu Blumen im Haar.
+
+Ruth lehnte alles ab.
+
+„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie.
+
+In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets,
+das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie
+mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+„Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße
+Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.
+
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
+einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
+bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
+einführt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
+wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Töchter eingeladen worden.
+
+Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den
+Händen.
+
+„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne
+zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
+in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der
+Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald
+hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.
+
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der
+Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
+dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie
+angewurzelt in derselben stehen.
+
+„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut.
+
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
+wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
+Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
+ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.
+
+„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir
+wohl gut?“
+
+„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es
+von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen
+umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte
+schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren
+zu.
+
+„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte
+wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu
+werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
+
+„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ –
+„Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von
+neuem durcheinander.
+
+„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen
+hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht
+widerstehen konnte.
+
+„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage
+mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr
+Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In
+euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“
+
+Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.
+
+„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda.
+
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
+er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
+
+„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle.
+
+„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher
+gefunden?“ fragte Marianne.
+
+„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß
+ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“
+
+„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne.
+
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.
+
+„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag
+keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“
+
+„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn
+bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
+darüber urteilen.“
+
+„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern.
+
+„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“
+
+„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“
+
+„Mich darfst du zu Tische führen.“
+
+„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“
+
+Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
+Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
+
+„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“
+rief er, sie zurückdrängend.
+
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die
+Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der
+Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden
+Mädchenkranze.
+
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber
+stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des
+Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu
+fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme
+entgegen.
+
+„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut.
+
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer
+Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.
+
+„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl
+nicht mehr bekommen.“
+
+„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
+habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth.
+
+„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
+mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun
+doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“
+
+„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten
+Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
+und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das
+wäre reizend!“
+
+„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen.
+
+„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und
+schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
+und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“
+
+Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und
+seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
+
+„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als
+mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
+dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze
+Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
+Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
+berichten. Alte, gute Kröte du!“
+
+Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
+
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
+für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese
+Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine
+große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die
+geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
+es:
+
+„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“
+
+„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“
+
+„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“
+
+„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
+fortgenommen?“
+
+Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse
+schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf
+Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den
+Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer
+gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+gefunden.
+
+„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
+Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
+Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte
+er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch
+tiefer in die Stirn.
+
+Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch
+oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die
+beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
+
+„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“
+
+„Wir kommen, wir kommen!“
+
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
+Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen
+der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –
+
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die
+Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
+die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
+zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er
+legte sie aber beiseite und schaute – die eine Hand am Henkel seines
+Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den
+Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
+der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
+an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend,
+verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
+ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
+glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
+der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen
+und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
+knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
+Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel
+Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte,
+und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es
+erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen
+Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
+Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
+Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
+Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
+Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
+entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie
+gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt.
+Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
+versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich
+vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
+„Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
+doch einschlief.
+
+Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin
+geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich
+darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
+Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu
+klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte
+er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der
+Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt
+werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+gewesen.
+
+Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine
+Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
+
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
+betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden
+Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald überhoben,
+denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
+dicht besetzten Ballkarten.
+
+„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in
+den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+
+„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie;
+aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen,
+sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus
+beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und
+verschönte sie merkwürdig.
+
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
+sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier
+gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
+bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
+
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
+suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden
+hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
+auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie
+alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
+er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
+tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf
+ihre Schwester zu bringen.
+
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen
+möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
+
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
+Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen
+eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr
+und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!
+
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
+neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
+
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
+erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
+tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach
+deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem
+hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie
+nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
+hatte, mit Behagen verzehrte.
+
+„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens
+herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an
+ihrer Seite niedergelassen hatte.
+
+„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“
+erwiderte er.
+
+„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es
+wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich.
+
+„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der
+schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck.
+
+„So, und warum denn?“
+
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
+gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
+Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins
+Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
+Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
+daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr
+noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten
+Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+„Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben
+Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“
+
+Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
+und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.
+
+„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige
+Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“
+
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
+rasch voraus.
+
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
+Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester
+und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen
+Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
+tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an
+ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
+Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn
+ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
+ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
+mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
+Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig
+harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung
+ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen
+Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. Mit
+diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
+vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine
+freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
+
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu
+schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr
+Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
+Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr
+eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät
+gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem
+holden Mädchenantlitz.
+
+So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
+lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
+Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche
+Gefühle hegen möchte. –
+
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt
+wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie
+fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
+einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand
+hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und
+bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
+legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
+er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte.
+Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts
+anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
+Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend.
+Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe,
+und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also
+eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
+bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften,
+daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den
+Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war,
+in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und
+betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er
+wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische
+nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
+gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern
+verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
+hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
+deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
+nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
+
+ [Illustration]
+
+Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte
+er sich getäuscht.
+
+Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging
+vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen
+führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+
+„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“
+
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
+geschehen sei.
+
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
+
+„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen
+geschlossen hatte.
+
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
+Professor.
+
+„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
+eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und
+fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß
+nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern
+hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
+Onkel Heinz?“
+
+„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“
+unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
+begann.
+
+„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er
+las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt
+im Zimmer auf und ab wandelte.
+
+„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über
+seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
+
+„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie
+angstvoll.
+
+„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur
+Antwort.
+
+„Was soll ich denn aber tun?“
+
+„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
+indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer
+etwas zu sagen.“
+
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+
+„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch
+immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
+
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er
+besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte
+aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von
+einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
+werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings
+nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
+die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er
+einige Male im Zimmer auf und ab.
+
+„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich.
+
+„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort.
+
+„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“
+
+„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch
+leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder –
+meinst du doch?“
+
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
+einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
+Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb –
+überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem
+Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
+auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.
+
+„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie
+ihre Frage noch einmal dringlich.
+
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
+nichtssagenden Worte heraus:
+
+„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötzlich fort, als wäre ihm
+auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt
+dazu, dich heiraten zu wollen?“
+
+„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle
+fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es
+ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
+mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn
+nun wohl heiraten?“
+
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
+schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch
+so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus,
+und Ruth wurde immer dringender.
+
+„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich.
+
+„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich
+den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er
+aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen,
+lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am
+wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
+
+„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser
+Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+einläßt.“
+
+Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
+wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
+denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.
+
+„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
+Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
+Arm.
+
+„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und
+empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges
+gesagt habe.
+
+„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
+gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt
+will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
+tun muß.“
+
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.
+
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
+Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß
+dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt
+herein.
+
+„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz.
+
+„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut.
+
+„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er.
+
+„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
+als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
+ich nun tun, was soll ich anfangen?“
+
+Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
+unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr
+vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
+richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
+Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen
+begleitete.
+
+„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an.
+
+„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch
+Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte
+er.
+
+„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und
+unglücklich machen,“ fuhr sie fort.
+
+Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen
+Seele.
+
+„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
+schlechteste,“ sagte er.
+
+„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht
+verheiratet, Onkel Heinz!“
+
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank
+nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder
+die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames
+Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+Verhältnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
+von manchem Silberfaden durchzogen war.
+
+„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen,
+braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest
+nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“
+
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
+ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –
+
+Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder
+nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
+heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser
+neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
+hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen
+blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen
+Arm um ihre Taille.
+
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
+solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
+ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich
+fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mußte. Daß Ruth
+ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung
+doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
+ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
+richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den
+Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß
+man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.
+„Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte
+Ruth.
+
+Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl
+solche Kröten so etwas!
+
+„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht
+heiraten könnte,“ drängte Ruth.
+
+„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
+erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große
+Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse.
+
+„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte
+Ruth.
+
+„Bewahre.“
+
+„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“
+
+„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
+wollte,“ setzte Ilse auseinander.
+
+„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm,“ sagte Onkel Heinz,
+„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“
+
+In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
+indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
+atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
+
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
+zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
+einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
+Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
+machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem
+Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
+
+Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
+in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
+Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jäckchen auszog.
+
+Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an
+Ilse und Ruth.
+
+„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte
+sie die Schwester dabei an.
+
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten Brief hin, den Marianne
+ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
+sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
+an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
+durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die
+Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den
+Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar
+umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und
+hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –
+
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer
+stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
+befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
+er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
+Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte.
+Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die
+Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich
+Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
+
+„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“
+
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+
+Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das
+Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.
+
+„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
+sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
+hatte.
+
+„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt.
+
+„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor.
+
+„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth
+voller Angst.
+
+„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An
+allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng
+geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
+gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
+dergleichen, das ist kein Wunder.“
+
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
+welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
+der Ohnmächtigen zu.
+
+„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er
+wieder an.
+
+„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse
+ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
+
+„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt
+und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
+Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es
+doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
+Heulkonzert aufführten.
+
+„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer
+augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
+jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.
+
+„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“
+erwiderte er ruhig.
+
+Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
+nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich
+auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst
+du aber auch für Geschichten!“
+
+Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie
+erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
+
+„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme,
+– einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der
+Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie
+schweigen möchten, zurück.
+
+Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen,
+Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von
+Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde
+bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
+einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich
+zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges
+Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –
+
+Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
+betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte.
+Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
+Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch
+vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche
+antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz
+abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden
+waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
+wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
+Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
+
+Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der
+schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
+lustig knackte und knisterte.
+
+Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit
+sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
+Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
+zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus
+seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
+sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die
+eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
+verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
+Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte
+nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er
+dasselbe erwidere.
+
+Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt
+und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein
+Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
+diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
+
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
+konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
+Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen
+erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt
+habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte
+Ruhe anempfohlen habe.
+
+„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut
+jammernd aus.
+
+„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber
+im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz.
+
+„Sie ist aber so elend.“
+
+„Wird sich schon wieder erholen.“
+
+„Glaubst du wirklich?“
+
+„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu.
+
+„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen
+nicht Marianne statt mich?“
+
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.
+
+„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte
+das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
+
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
+
+„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder.
+
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
+
+„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff.
+
+„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und als er nicht
+antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
+überhaupt nicht lieben.“
+
+„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der
+Professor bei sich.
+
+„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen
+Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es
+wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich
+möchte – eine Künstlerin werden.“
+
+Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte
+ausgerufen.
+
+„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“
+fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten
+Weise betonend.
+
+Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.
+
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+
+„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft
+so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas
+heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und
+unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
+wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der
+Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich
+edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht
+beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
+Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“
+
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
+Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche
+Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er
+empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
+Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es
+eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, –
+ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
+das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer
+schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
+So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
+nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
+kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
+eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
+plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.
+
+„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd.
+
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+
+„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel
+heißen, als: es ist nun einmal so.
+
+„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte sich in zärtlicher
+Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich,
+aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“
+
+„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch.
+Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
+Frauenzimmer fertig bringen.
+
+„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er
+aber dennoch.
+
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht
+widerstehen konnte.
+
+„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du
+doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme
+nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
+siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas
+Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe
+geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“
+
+„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
+ihn ernsthaft.
+
+„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
+spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
+Scherzen aufgelegt.“
+
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in
+die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.
+
+„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch immer gleich flennen müßt,“
+sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
+wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön
+geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber
+das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das
+geht nicht, das geht auf keinen Fall.“
+
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+
+„Aber Onkel Heinz!“
+
+„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa
+Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter
+dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen
+wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du
+nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht,
+daraus wird nichts!“
+
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth
+vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer
+Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er
+wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte
+Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
+Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“
+
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
+versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt
+sie ihn am Arme fest.
+
+„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch
+nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen
+Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie
+es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich
+fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“
+
+„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel,
+das ist wahr,“ sagte er einlenkend.
+
+Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und
+zuversichtlich:
+
+„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“
+
+„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er
+abwehrend.
+
+„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm.
+Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer
+Geschwindigkeit.
+
+„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie.
+
+„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin.
+
+„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte
+dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit
+den Eltern sprechen?“
+
+„Gar nicht,“ erwiderte er kurz.
+
+Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:
+
+„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
+ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“
+
+„Nein!“
+
+„Bitte, bitte, sage ja.“
+
+„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig.
+
+„Onkel Heinz!“
+
+Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können!
+Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+abwandte.
+
+„Lieber Onkel Heinz.“
+
+Er antwortete nicht.
+
+„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“
+
+Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
+schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen.
+
+„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut.
+
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
+sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –
+
+Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag
+krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
+erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
+unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
+nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß
+die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über
+diesen Punkt so weit auseinander gingen, so überzeugte sie sich jetzt von
+dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
+früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
+Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
+zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was
+der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie
+niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
+gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
+Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
+Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
+wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
+zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
+weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
+Gefühl hervorgerufen haben würde.
+
+Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein
+Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen.
+Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre
+Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend
+erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit
+Fleiß und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
+Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+
+Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz
+hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
+entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten
+Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
+Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr
+so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
+Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr
+verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
+Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
+Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
+Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
+beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
+Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
+Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
+der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen
+Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden
+hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
+seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse
+voller Stolz.
+
+Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen
+eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
+schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer
+Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
+hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die
+Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer
+Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+
+So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
+es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz
+vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen
+strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen
+Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.
+
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
+seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
+Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben,
+roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über
+ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
+wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und
+leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
+Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des
+Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose
+geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte,
+locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter
+dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
+sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem
+Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter
+Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran
+rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben.
+Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
+abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
+Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden
+Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.
+
+„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor.
+
+Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:
+
+„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja
+was.“
+
+„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
+und Fleiß allein kann das nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen.
+Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
+wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der
+Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn
+guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige
+Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
+Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es
+lange.“
+
+„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß
+ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht
+mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+
+„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief
+Atem.
+
+„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
+es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte
+einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+
+Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
+an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde,
+destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen
+großen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
+erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
+Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
+lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
+hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in
+sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war
+und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht
+zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
+einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte
+Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
+Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
+seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit
+beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute
+abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
+beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche
+Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
+Seite.
+
+„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei
+Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da
+ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+mir.“
+
+„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank,
+daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
+auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran
+gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“
+
+„Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein.
+
+„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte
+Ilse.
+
+„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
+Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei,
+entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die
+amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher
+sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft
+interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
+denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die
+Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
+eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
+Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“
+
+„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er
+hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter,
+und bloß, weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des
+Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“
+
+„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach
+Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine
+Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
+Zeiten muß der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehört
+dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“
+
+„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine
+brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse.
+
+„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
+geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre,
+unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur
+Antwort.
+
+„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
+hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+
+„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er
+wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese
+Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte
+ganz anders behandelt werden müssen.“
+
+„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für
+die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse.
+
+„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
+gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie
+überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel
+vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
+einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
+
+„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse
+lachend.
+
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
+er darüber dachte.
+
+„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während
+sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen
+Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz
+genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
+Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes
+Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“
+
+„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war
+ja Bromkali –“
+
+„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs
+alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
+Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nützen.“
+
+„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“ sagte Ilse; „bei der ist es
+nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“ fragte
+sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann
+später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch
+nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.
+
+ [Illustration]
+
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
+bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig
+war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde,
+vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß
+es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
+für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung
+sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den „wunderlichen
+alten Herrn“ amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
+werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
+und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen
+anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
+angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
+Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
+genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln
+und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem
+alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge
+Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht,
+das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam
+war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten
+Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber
+auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
+und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
+jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
+vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren
+mußte.
+
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
+Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
+Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+doch keine Kleinigkeit und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte,
+schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
+trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige
+Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter
+warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der
+Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
+betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
+seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
+Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst
+Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
+bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
+erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
+Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
+Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der
+Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
+Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
+sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
+Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung
+hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
+die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
+bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
+so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte
+er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang
+konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre
+gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
+Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine
+Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die
+Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
+Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
+ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die
+herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
+besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich
+die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der
+seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
+flüsterte ihr zu: „Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben brauchten,
+hatte ich nun nicht recht?“ Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts,
+denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne
+Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach
+manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre
+Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
+Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber
+trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
+vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
+streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
+und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende
+erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der
+Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
+heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
+Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet,
+um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von
+den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen
+dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
+vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner
+Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
+übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
+Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel
+Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
+in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel,
+nur die Worte: „Alte, gute Kröte,“ wiederholte er immer wieder, und eine
+rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann
+machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
+es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
+Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
+die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder
+wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war
+ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
+Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte.
+Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und
+der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.
+
+„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“ sagte Nellie zu ihrem Manne, als
+die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
+war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
+Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
+gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren
+Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders
+gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
+wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
+lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
+sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
+wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn
+sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die
+Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das
+absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit
+harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter
+auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei,
+heimzugehen.
+
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
+ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an
+einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
+die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.
+
+„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“ sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
+auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem
+Blick auf Ruth und Marianne: „Wie lange wird’s dauern, und eines Tages
+fliegen beide aus dem Neste.“
+
+„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“ erwiderte Onkel
+Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
+Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu
+müssen.
+
+„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“
+fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+
+„Ja, was fangen wir an?“ wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
+einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: „Dann
+schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“
+
+Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung
+hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte
+er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+
+„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“ rief sie; „vielleicht tue ich das
+wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
+haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
+vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
+spielen, Onkel Heinz.“
+
+„Na, das wird was Schönes werden,“ gab der Professor zur Antwort, „eine
+schreibende Frau? Brr!“
+
+„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für
+Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
+– eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf.
+Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt
+wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz.“
+
+„Durch mich?“ fragte er, sie ungläubig ansehend.
+
+„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“ gab sie mit
+ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
+ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+Titel „Trotzkopf als Großmutter“ in gleichem Verlag erschienen ist.
+
+
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.
+
+Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht
+vereinheitlicht.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“
+ Seite 15: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“
+ Seite 76: „Schmids“ geändert in „Schmidts“
+ Seite 90: „langezogene“ geändert in „langgezogene“
+ Seite 113: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“
+ Seite 149: „Arger“ geändert in „Ärger“
+ Seite 162: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“
+ Seite 201: „Profossor“ geändert in „Professor“
+ Seite 208: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter
+ „abschlagen.“
+ Seite 223: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+April 2, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39350‐0.txt or 39350‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
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+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
+1.E.5.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+1.E.6.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
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+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
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+Section 3.
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+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
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+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
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+can be found at the Foundation’s web site and official page at
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+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
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+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file
diff --git a/39350-0.zip b/39350-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..6053210
--- /dev/null
+++ b/39350-0.zip
Binary files differ
diff --git a/39350-8.txt b/39350-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..f4d7e11
--- /dev/null
+++ b/39350-8.txt
@@ -0,0 +1,6628 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus Trotzkopf's Ehe
+
+Author: Else Wildhagen
+
+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Einband]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Titelseite]
+
+AUS TROTZKOPF's
+EHE
+ VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
+ VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT"
+DRITTER BAND zum "TROTZKOPF"
+VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
+
+Vierzigste Auflage
+
+STUTTGART
+GUSTAV WEISE VERLAG
+
+
+
+
+
+ Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen
+durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
+Mdchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
+Tr zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geffnet hatte und hineinschaute.
+Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
+ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestmen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
+nicht los.
+
+"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet,
+ihr Krten, ich werde euch kommen!"
+
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
+Junge aber und das lteste der beiden Mdchen, ein dunkellockiges Kind mit
+blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
+Raufen und Balgen, da sie wie ein Knuel umherkollerten.
+
+"Aber Ruth, schme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in
+diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
+dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre rmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
+aber, Gontraus wilde lteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
+sich hinter seinen Rcken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
+zurck. Das war ein Hauptspa.
+
+"Kinder, so seid doch endlich vernnftig," legte sich Nellie jetzt ins
+Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
+wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.
+
+"Ja, nun hrt endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
+die bermtigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
+Worten:
+
+"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?"
+
+"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab
+er zur Antwort.
+
+"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da
+stand Ruth in seinem Hut und berzieher, die er beide auf einen Stuhl
+neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fr die Kinder, und
+bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ber die
+Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Groen nicht ernst bleiben.
+Natrlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
+bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+
+"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
+mein Zimmer."
+
+"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen
+Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
+seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, da er
+nicht von der Stelle konnte.
+
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
+warfen sich die Kinder ber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
+ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schlielich doch
+Gewalt gebrauchen mute, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den brigen hingen die
+Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprhenden Kindergesichtern
+leuchtete die helle Freude ber den gut gelungenen Spektakel.
+
+"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschttelnd, aber solche
+Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflche
+erschien.
+
+"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den
+Professor ansah.
+
+"Ja, ja, Prgel mssen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar bsem
+Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
+lustig zwinkernden Augen und wuten genau, so schaute er nicht aus, wenn
+er ernstlich bse war.
+
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hnde
+gerutscht waren, rckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ber sein
+kurzgeschorenes Haar, als wollte er fhlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wren, aber sie standen nach wie
+vor gerade in die Hhe, tadellos in Reih und Glied.
+
+"Mutter, drfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und
+die andern bettelten ebenfalls.
+
+"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," qulte sie, als die Mutter
+keine Miene machte, ihre Bitte zu erfllen.
+
+"Da lassen Sie man die Krten mitkommen," legte er sich nun auch ins
+Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, da seinem Patenkinde und Liebling
+Ruth etwas abgeschlagen wurde.
+
+"Kinder, da mt ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen
+damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, da
+sie in der Kinderstube bleiben sollten.
+
+Ohne weiteres fgten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
+Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
+zuflsterte, da sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schnes holen
+sollte.
+
+Einige Minuten spter saen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
+groen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gesprche.
+Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verlieen, hatte Ilse sich wenig
+verndert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
+waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
+voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
+gebndigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
+hervor, kruselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ber ihre
+reizenden kleinen Ohren, zum rger Leos, von dem es eine gewohnheitsmige
+Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehre auch das Ohr, ebensogut wie die
+Nase, und es verlre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+sehen wre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschn wie
+frher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, da ihr Ausdruck ein geradezu
+sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm"
+stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
+auch recht.
+
+Nur bei einem einzigen Wesen lie sie "sanft" ohne den wenig
+schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
+Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
+gesiegt.
+
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorbergegangen wie an Ilse. Der alte
+Schelm in den Grbchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprgt,
+die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
+und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
+wrdige Frau Superintendentin geworden war.
+
+Althoff hatte als Direktor am stdtischen Gymnasium Karriere gemacht und
+konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
+machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
+da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stie, sondern immer die
+lebhafteste Teilnahme fr die geringfgigste Klage fand, nahm er sich auch
+nicht im mindesten zusammen.
+
+"Du verwhnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
+nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fr ihn tun? Kinder, fr die
+sie htte sorgen knnen, besa sie zu ihrem grten Kummer nicht, sie
+mute aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
+lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast tglich, spielte mit
+den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der grten Liebe
+an ihr.
+
+In der Dmmerstunde erschien auch hufig der Professor bei Gontraus, und
+meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
+dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mute ja erst sehen,
+ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute ntigte Ilse
+zum Bleiben.
+
+"Es ist ein so kstlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und
+ffnete weit die Fenster, damit die milde Frhlingsluft hereinstrmen
+konnte. Auf der uersten Spitze des Birnbaumes drauen wiegte sich ein
+Starmtzchen und sang aus voller Kehle in klaren und fltenden Tnen,
+hnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dmmerung
+senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frhlingslichte Natur,
+und am Horizonte erschien mattglnzend die silberne Mondsichel.
+
+Der Professor hatte wie immer viele Ausflchte, er habe keine Zeit, und zu
+Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse lie nicht locker, sie
+kannte ihn, er lie sich gerne zureden.
+
+"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie
+wute, da er schlielich doch bleiben wrde.
+
+"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem
+Nachdruck, "das ist auch recht gut."
+
+"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Bchern sitzen! Sehen
+Sie doch nur hier diesen wonnigen Frhlingsabend, wie das duftet, wie die
+Vgel zwitschern, das ist ja alles viel schner, als Ihr alter
+Bcherkram."
+
+"Bcherkram? Wieso alter Bcherkram?" fragte er, die Worte "alter" und
+"Kram" besonders betonend, whrend er anfing die Spitze seines dunklen
+Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
+Ilse kannte es genau.
+
+"Mit Bcherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort.
+
+"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
+nicht gemeint. Aber Sie drfen nicht immer arbeiten, Sie mssen doch auch
+mal ausruhen."
+
+"Ich wei am besten, was ich tun mu," erwiderte er nicht gerade
+freundlich, doch Ilse lie sich dadurch nicht einschchtern, sie kannte
+seine Art.
+
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
+Dozent an der Universitt niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
+B. als Assessor ttig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als hufigster Gast zu ihnen ins Haus.
+Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mhsam in
+die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nmlich nach
+seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst mte
+mit dem Steinmeiel ein Loch geschlagen werden, da hinein kme ein
+Holzpflckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer groen
+Umstndlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, da seine
+eingeschlagenen Ngel sich noch nicht von der Stelle gerhrt hatten. Trotz
+aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
+mit Rat und Tat zur Hand, so da sie schlielich bei vielen Dingen nicht
+ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
+einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
+und spttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
+nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur
+wenige Jahre lter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+Universitt her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
+Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
+Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rhrende Liebe
+zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er
+ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
+Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
+Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafr besa er aber
+auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. -
+
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
+selbst zu holen.
+
+"Ich kann ja das Mdchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie lie das
+nicht zu.
+
+"Ich wei nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
+deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in
+Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+nach Gontraus zu kommen.
+
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
+an.
+
+"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurckhaltend, und wies
+jeden Einwand, den er machen wollte, zurck.
+
+"Wissen Sie was," rief sie pltzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister
+gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
+Jahre, Onkel Heinz - knnen Sie da widerstehen?"
+
+Er lachte.
+
+Die gemtlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genge. Die Geister, die
+ihnen entstiegen, waren nicht trbselig, es waren die des Frohsinns und
+der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugnglich, ja
+unliebenswrdig, und lieen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links
+liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kmpfe,
+ihn heranzuziehen, wenn eine grere Gesellschaft versammelt war.
+
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
+langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.
+
+"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres brig als dazubleiben," sagte er
+vergngt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
+er macht sie regelmig zu s."
+
+"Natrlich, natrlich," sagte Ilse, "doch dann mssen Sie mit in die Kche
+kommen, Onkel Heinz."
+
+Er folgte ihr und traf nun in umstndlichster Weise seine Vorbereitungen.
+Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, da Onkel Heinz drauen
+erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ihm eine groe, weie Kchenschrze umgebunden, Marianne kletterte auf
+einen Stuhl und beugte das Kpfchen tief ber die Terrine, aus welcher
+schon der aromatische Duft der Maikruter emporstieg, und Fritz fehlte
+natrlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fhrte er nocheinmal ein
+Glas an den Mund - sie war gut geraten.
+
+"Na, nun wollt ihr Krten wohl auch schmecken?" fragte er.
+
+"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich
+wollten alle nach dem frisch gefllten Glase greifen, das er hoch in der
+Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreien konnten.
+
+"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
+nichts!" Damit drngte er die verlangenden Kinderhnde zurck, und der
+Reihe nach bekam jedes zu kosten.
+
+Bei dem einen Glase blieb es natrlich nicht, Onkel Heinz fllte noch
+einige Male nach.
+
+"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute
+sich ber den guten Zug des Jungen, der zu den schnsten Hoffnungen
+berechtigte.
+
+"Aber, bester Professor, wie knnen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
+trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den krftigen
+Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+
+"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Ach natrlich, Kinder drfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
+schdlich!"
+
+"Schdlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schdlich sein, wer sagt
+das?"
+
+"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort.
+
+"Na ja, die rzte!" fiel Onkel Heinz mit hhnischem Lachen ein; "wenn die
+so etwas behaupten, knnen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
+es nur Unsinn."
+
+Ilse rgerte sich ber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
+ihre Laune war an diesem schnen Abend eine zu gute, und die wollte sie
+sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ber
+diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Mistimmung zurck.
+
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
+Bett. Dem Qulen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
+aufbleiben knnte, setzte sie ein unerschtterliches "Nein" entgegen.
+
+Einige Zeit spter saen die Freunde bei der Bowle vergngt zusammen, und
+Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ber das gute Gelingen
+derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dmmerig, aber drauen war es
+noch hell und licht, ein wonniger Frhlingsabend. Jeder empfand in seiner
+Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sa manchmal stumm und
+blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor fltete
+jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+hellglnzend vom Himmel ab.
+
+"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse
+berglcklich an. Die Freude ber das gemtliche Zusammensein blickte ihm
+so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
+trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
+Argusaugen darber wachte, da Fred ja nicht zu viel trank, flsterte ihm
+leise zu, da er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getrnke
+Kopfschmerzen bekme.
+
+Ilse hatte die leise Warnung gehrt.
+
+"Nellie, Nellie, immer mut du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
+nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
+eigenhndig ein.
+
+"O," sagte seine Frau mit einem ngstlichen Blick auf das frischgefllte
+Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
+Er sa so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie fr Frsteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
+Platz mit ihr wechseln wolle, es kme gerade, wo er se, ein khler
+Luftzug herein.
+
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schlieen, Althoff und der
+Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spttischen
+Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+
+"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Mdchen jetzt die
+Lampe hereinbrachte und sich der bluliche Mondesschimmer mit dem
+gelblichen Scheine unschn vermischte.
+
+Jetzt so in der duftigen Helle da drauen hinzuwandern, in die
+frhlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
+immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
+unbelauscht zu sein, ganz in der gttlichen Natur, o das wre eine Wonne!
+So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
+verfolgte sie fortwhrend. Sie hrte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
+von der neuesten Unerhrtheit eines Primaners erzhlte, ber dessen Haupte
+die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ber
+Pdagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+unternehmen, wie man ihn fhlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flgel
+zu verleihen scheint, sich ber das alltgliche zu erheben. In solcher
+Stimmung war Frau Ilse, und whrend Leo und Nellie glaubten, da sie
+gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
+und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
+abenteuerlicher Plan.
+
+"Kinder," rief sie pltzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!"
+
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
+auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fr die Kinder ein andrer
+werden msse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
+sich ihr zuwandte.
+
+"Darling, was hast du fr eine Idee?" fragte Nellie.
+
+"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr mt mir versprechen, da ihr
+nicht nein sagt, wollt ihr das?"
+
+"Da knnten wir ja schn reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
+"Ja, Schatz, fr so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten."
+
+"Also hrt," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -"
+
+"In fnf Tagen," verbesserte der Professor ruhig.
+
+"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; berhaupt,
+Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie
+poetisch, wie romantisch!"
+
+Man war solche Einflle von Ilse gewhnt, aber doch erregte dieser
+pltzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwnde, der
+Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfhrbar
+zu sein, aber Ilse wute auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
+in den glhendsten Farben aus, wie schn es sein wrde, bis sie
+schlielich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.
+
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
+auerordentlich verstndig und lie deshalb die andern soviel reden, als
+sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
+seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
+Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+nchtliche Weg gut bekommen wrde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, da er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wrde
+ihm ja auch sehr gut sein.
+
+So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
+der Partie ber, die am nchsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
+als Onkel Heinz pltzlich damit herausrckte, da er nicht mitgehen wrde,
+er habe zu arbeiten, er knne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
+wahrer Sturm ber sein Haupt los!
+
+"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,"
+sagte Leo kategorisch, denn er wute genau, da er es schlielich doch
+tat.
+
+"Was mache ich denn fr Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit
+einigem Nachdruck, "was soll das heien, Geschichten machen? Ich habe eben
+zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn berhaupt davon, ob
+ich mitgehe oder nicht!"
+
+"Natrlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich
+htte ja sonst niemand, den ich rgern knnte."
+
+"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
+sagte, hatte fast eine wehmtige Frbung.
+
+"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas,
+um mit ihm anzustoen, denn sie hatte gemerkt, da ihn ihre Neckerei
+empfindlich berhrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswrdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.
+
+"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt.
+
+Es war spt geworden, als sich die Freunde trennten, denn ber die
+bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu berlegen.
+Zum Schlu kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+
+"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die
+Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+
+"Aber glaubst du denn, da die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte lngst
+erkannt, da Ilse nur hren wollte, was Rosi, die ehrwrdige
+Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wrde. Und so war es
+auch!
+
+ * * *
+
+In dem hbschen Pfarrhause, das der Kirche gegenber lag, sa Frau Rosi
+auf ihrem erhhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein groer Korb mit
+Strmpfen; einen davon hatte sie gerade ber die Hand gezogen, und eifrig
+flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
+Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
+Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wrden. Alles
+trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
+Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fr sndhaft und wies ihn mit
+den Worten zurck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, da wir es
+jetzt auch entbehren knnen." Wenn es nach ihr ging, hrte alles Streben
+auf. Jetzt, wie sie so da sa, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
+machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
+Freundinnen wre.
+
+In dem Zimmer waren die Mbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
+Plschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plschdecke, und vier
+Plschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkrlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
+Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
+Ausschmckung der Rume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drckende
+Atmosphre lag es ber dem Ganzen, und feinfhlende Seelen wrden in
+diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
+standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
+Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fr diese
+Lebewesen noch sorgen zu knnen. Aber an gestickten und gehkelten
+Gegenstnden war das Zimmer reich, gestickte Sprche an den Wnden,
+gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Sthlen und an der Erde. Der
+Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfrulein auf grnem Grunde,
+gehkelte Decken lagen berall, wo es nur irgend mglich war, gestickt war
+natrlich auch die ber die Kanne gezogene Kaffeemtze, kurz berall,
+wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+hkelnder Hnde, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistrsen
+aufgedrckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
+fr die Pastorin ttig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet mute es sein, darauf legte Rosi den grten Wert. Sie
+selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleie, sie nhte
+vom Morgen bis zum Abende fr jeden etwas und wre es auch noch so unntz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
+mute, sie sorgte auch fr andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
+Kranken und brachte ihnen Strkendes; sie war auch in allen wohlttigen
+Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
+aus Pflichtgefhl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
+fhrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+Pflichtgefhle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+Kopf und hatte keinen Blick fr die warme Frhlingssonne drauen, die
+neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fuboden spielte,
+und sich sogar an die Plschsessel wagte, so da deren stumpfes Rot feurig
+aufleuchtete. Jetzt wurde die Tr aufgerissen und Fritz strmte ins
+Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
+
+"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie rgerlich; "wie
+oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!"
+
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
+legte jetzt seine Mappe und Mtze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
+die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+
+"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?"
+
+"Ja, Mutter, alles."
+
+"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?"
+
+Kleinlaut flsterte er: "Sieben."
+
+Jetzt lie sie die Hand mit dem Strumpf in den Scho fallen und sah ihn
+an.
+
+"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
+und nicht an das Arbeiten denkt."
+
+"Es war so schn bei Tante Ilse," warf Fritz ein.
+
+"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewhnlich," unterbrach ihn
+die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das
+Vergngen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, da du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!"
+
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrbt vor sich nieder und dachte
+darber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
+Frhlingsluft drauen zu spielen, als ber den langweiligen Bchern zu
+sitzen.
+
+"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
+gleich Kaffee."
+
+Fritz gehorchte. In der Tre begegnete ihm ein kleines Mdchen von acht
+Jahren, seine Schwester. Ihre hnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
+vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.
+
+"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
+als wren auch Liebkosungen eine Pflicht, als htte ihr Rosi gesagt, ein
+Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehrt. Aber dennoch war die
+Begrung mit der Tochter eine weit wrmere, als mit Fritz. Rosi strich
+ihr ber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
+sich an einem der kurzen Zpfchen gelockert hatte.
+
+"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zrtlich; "zeige mal, wie
+viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?"
+
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
+sie heute daran gearbeitet hatte.
+
+"Du bist ja ganz fleiig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
+glitt ber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee."
+
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
+Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wrmenden Hlle befreite. Whrenddem
+ffnete sich die Tr lautlos, und lautlos nherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+
+"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
+als sie dicht neben sich pltzlich den dunklen Schatten bemerkte.
+
+"Nun, bist du schon zurck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?"
+fragte sie freundlich.
+
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
+groen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
+an zu klappern.
+
+"Du bist aber auch immer fleiig, Tante," sagte Rosi, und ber das
+faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lcheln der Befriedigung
+bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
+als Muster galt, denn bei vielen wohlttigen Vereinen sa sie mit im
+Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
+keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
+allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verndert, es war
+noch dasselbe gutmtige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
+geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewuter in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
+Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
+sie gar nicht begreifen, da der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, drauen warteten ja schon die Freunde auf ihn.
+
+"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie
+den Kaffee einschenkte. "Adolf, du mut wirklich mal streng gegen den
+Jungen sein. Und wie it er nun wieder! So i doch nur langsam."
+
+Sie schttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.
+
+"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?"
+fragte der Pastor; "es ist so herrlich drauen."
+
+"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz mu arbeiten, er hat
+wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch
+einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, da ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
+Sto, damit er etwas sagen solle.
+
+"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich rusperte, - er tat dies
+immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn
+das?"
+
+"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergngen," antwortete
+der Junge offen.
+
+"Siehst du, da hrst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie
+etwas werden."
+
+"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
+das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich
+ihm beruhigend ber das blonde Haar.
+
+Rosi schttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, da
+Fritz streng behandelt werden mute? In ihren Gedanken stand es fest, da
+aus ihm nichts wrde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
+Kind, kaum da sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefhl
+im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sa und ihr Brtchen
+verzehrte; Fritz dagegen konnte berhaupt keinen Augenblick still sitzen.
+Doch es war auch keine Kleinigkeit fr ihn, hier in der Stube zu hocken.
+Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
+schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn rgern wollten;
+blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
+Kaffeezeit durfte nicht abgekrzt werden. Was empfand sie von einem
+Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
+sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
+Prsentierbrett und rumte die Tassen zusammen, Fritz schlpfte schnell
+hinaus.
+
+"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder,
+unbekmmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefhl ihrer
+Tadellosigkeit sonnte; sie wute genau, da sie viel besser war als der
+Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+
+"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der
+Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergrbst du sein Ehrgefhl.
+Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
+geworden."
+
+"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwrdig; tadle ich ihn
+wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt.
+
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie
+hervorbrachte, klang so dumpf, als kme es unter dem Tische hervor. Aber
+das Gesprch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
+um den Finger legte und dabei etwas lnger zgerte wie gewhnlich, so war
+dies ein Beweis, da ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
+aufs hchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+Geschirr abzurumen begann, inne und hrte andchtig zu.
+
+"Elisabeth, mache, da du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
+deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+
+"Ich mu arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
+Geschirr stehen lie.
+
+"Sage Minna, da sie den Tisch abrumt," rief ihr die Mutter in sanftem
+Tone nach.
+
+"Warum fhrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
+Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll.
+
+"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
+gehrt sich nicht."
+
+"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das wei ich; sie kann dreist so
+etwas mit anhren."
+
+"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.
+
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der groen Brille mit gespanntem
+Blicke.
+
+"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets rgerlich,
+wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen."
+
+"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mdchen
+schwach."
+
+"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz.
+
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ber
+ihr Gesicht. rgerlich stand sie auf, lie das Rouleau herab, und die
+kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervs rckte sie an den
+Tassen, suchte die Krmchen von der Decke, whrend der Pastor an das
+Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
+hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
+Lichtschein so pltzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Hnden fiel.
+
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
+verbannten Strahlen wieder hereinlie, und rief rgerlich:
+
+"So la doch das Rouleau zu; du sahst doch, da ich es eben herunterlie,
+weil mich die dumme Sonne blendete."
+
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
+Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
+sicherlich wrde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
+wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wren.
+
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
+packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
+gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
+wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.
+
+Die Rte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
+eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
+Begrung war ja nie eine strmische oder auch nur besonders herzliche,
+wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
+bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+
+"Bitte, nehmt Platz," ntigte sie, indem sie auf die Plschgarnitur wies,
+die in dem gedmpften Lichte wieder stumpf und farblos war.
+
+"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
+Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schn, man mchte den ganzen Tag drauen
+sein."
+
+"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Aussprchen von
+Ilse immer einen Dmpfer auf, auch lie sie gar zu gern einflieen, wie
+viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+
+"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es
+wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwhrend ein.
+
+"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat
+zu tun."
+
+"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
+denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse bermtig. "Manchmal meine ich,
+da ich berhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
+wenig Spa macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ewige Motto. Leo mu oft den Kchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
+habe."
+
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ber diese
+uerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
+ahnte sie, da derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fhlte sich
+Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fr
+ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
+schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
+Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
+herausrckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
+wieder fr eine berspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
+steigen! Das fehlte noch, da sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch emprt ber ihren Mann, da er berhaupt darauf einging,
+und er schien wahrhaftig die grte Lust zum Mitgehen zu haben.
+
+"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gesprch, "wir wollen es doch erst
+berlegen; du kannst gewi nicht fort."
+
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
+will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.
+
+"Aber dein Mann sagte doch eben, da er sehr gut knnte," meinte Nellie,
+und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
+aus ihren Grbchen.
+
+"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja
+mitgehen, wenn es ihm Spa macht."
+
+"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ber eine solche Zumutung.
+
+"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!"
+rief Ilse begeistert.
+
+Rosi sah sie an und schttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
+eben nicht.
+
+"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte lchelnd Nellie, als htte sie Rosis
+Einwnde gar nicht gehrt.
+
+"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
+Ende, und sie kochte innerlich.
+
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
+in sein Zimmer zurck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kndeten
+nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drckte die Tre hinter sich ins
+Schlo.
+
+"Ich begreife dich nicht, Adolf, da du immer und immer wieder etwas tun
+willst, was deiner Stellung nur schaden kann."
+
+"Ja, aber wie so denn, Rosi?"
+
+"Ach, tue nur nicht so, du weit recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
+denken eben leider sehr frei, was euch Mnnern natrlich das liebste ist
+und am besten gefllt."
+
+"Darin, da man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
+Freies."
+
+"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
+unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf."
+
+"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig.
+
+"Eine solche Albernheit fr erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi
+fort.
+
+"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
+la uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen."
+
+"Das liebste wre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht."
+
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
+Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
+gab es sobald kein Aufhren; er lie sie deshalb ruhig weiterreden.
+
+"Du solltest mir lieber dankbar sein, da ich stets daran denke, wie die
+Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fr meine
+Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen."
+
+Wenn Rosi ihr "Pflichtgefhl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
+Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
+Schlueffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
+Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
+seine Bcher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
+war fr seine Frau das Zeichen, da er sich auf keine weiteren
+Errterungen mehr einlassen wrde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
+blieb stumm.
+
+"Da du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal
+anzufangen.
+
+Keine Antwort!
+
+"brigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,"
+das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her."
+
+Wiederum Schweigen!
+
+Adolf schien vertieft in seine Bcher, aber Rosi war heute noch lange
+nicht fertig; mit nervsen Fingern zupfte sie an den Fransen der
+Tischdecke.
+
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+
+"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, da du etwas strenger
+gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
+Gontraus hat entschieden einen schlechten Einflu auf den Jungen, und von
+dem eigentmlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
+Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fr einen Mann in solcher Stellung
+doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes."
+
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
+erregt wandte sie sich zum Gehen.
+
+"Natrlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
+keine Lust dazu, nicht mal ber die Kinder kann man sich aussprechen."
+
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Tre jetzt unsanft ins Schlo fiel,
+stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
+
+Rosi schttete nun Tante Emilie ihr bervolles Herz aus und fand dort fr
+alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
+ber den Leichtsinn von Fritz, ber die groe Schwche seines Vaters, ber
+die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ber das freie
+Benehmen der beiden Freundinnen. Darber hatte die Tante schon manches
+gehrt, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
+trufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, da andre Menschen
+ebenso dachten, wie sie.
+
+ * * *
+
+ [Illustration]
+
+Ilse betrachtete in den nchsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
+Spannung; das kleinste Wlkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
+hundertmal sah sie sich tagsber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, da das gar nicht ntig wre, denn wenn er sage, "es
+bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
+Interesse fr die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
+bringen, zu prfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+grndlichen Prfung unterworfen, und dabei lie er eine lngere Philippika
+gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
+verbrochen hatte, insbesondere los. "berhaupt welcher Unsinn, so spitze
+Schuhe zu tragen, da mssen ja alle Fe Krppel werden," behauptete er
+und zeichnete einen normalen Fu auf und einen, der in spitzen Schuhen
+gesteckt hatte. Beinahe wren sie wieder in Streit geraten, als Ilse
+dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpnten spitzen Schuhe
+noch einen normalen Fu zu haben. Doch es ging diesmal noch gndig ab. Sie
+merkte, da er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+Vorbereitungen mit der gewohnten Umstndlichkeit getroffen wurden.
+
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
+Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrcken. Fr
+eine Expedition auf den Groglockner konnte er nicht besser ausgerstet
+sein, die dichtbeschlagenen Ngelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
+den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
+seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
+nicht vergessen htte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
+schnell wieder ein, als sie bemerkte, da er seinen Bart zu drehen begann,
+das untrglichste Zeichen seines Unmutes.
+
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmig aus mit ihren kurz
+geschrzten Kleidern, den derben Schuhen und den Ruckscken auf dem
+Rcken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
+Sachen ins Coup gelegt, whrend sie drauen noch auf und ab spazierten.
+
+"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, da
+Nellie ihres Mannes Rucksack geffnet hatte und demselben eiligst Sachen
+entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
+
+"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell
+die beiden Scke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
+Hand.
+
+"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, whrend dein Mann fast
+gar nichts zu tragen hat?"
+
+"La nur, _darling_, la nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
+letzter Zeit so nervs," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
+Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Trnen in die Augen.
+
+"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bichen nervs, du
+lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
+Modekrankheit."
+
+Nellie schttelte wehmtig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
+nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wute es aber besser.
+
+"Du verwhnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wute ja aus
+dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, da Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im brigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
+Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
+neckischem Tone von der bertriebenen ngstlichkeit abzubringen.
+
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstdtchen, einem Badeorte, von wo aus
+der nchtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
+Stimmung zurckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
+und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
+Blick zuwarf und vergngt mitlachte.
+
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
+nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch grer,
+jedenfalls sahen groe und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Ruckscken auf dem Rcken vielfach
+belchelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
+daran sehen.
+
+"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Krten!" wehrte Onkel Heinz sie mit
+seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mgliche
+Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein bses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
+strzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
+schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz auer Atem kam und
+stehen blieb, um auf die brigen zu warten.
+
+Die Strae, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
+Villenartige Huser zu beiden Seiten rsteten sich schon fr die
+Sommergste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tren
+wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
+Grten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
+prangten bereits groe Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige
+Wochen, und alles war fr die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
+genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
+Sammelplatz fr die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
+anhrend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
+Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tre des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schrzen und
+wuschen Tische und Bnke ab. Sie hielten in ihrer Beschftigung inne, als
+die fnf einsamen Gestalten vorberkamen. Nun wanderten diese die Hhe
+hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrnen
+Schleier ber ihnen woben, und aus dessen Zweigen frhliche Vogelstimmen
+tnten, wie eine Verkndigung des nahenden Frhlings.
+
+"O, wie schn! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele
+und hing sich an seinen Arm.
+
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stmmen ein
+wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzckender Farbe.
+
+Die beiden Frauen strzten darauf los, und im Nu hatten sie einen groen
+Strau gepflckt. Sie schmckten damit sich selbst, die Hte ihrer Mnner
+und natrlich auch den von Onkel Heinz.
+
+"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
+verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Struchen von Primeln und
+Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd lie er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+
+"Sehen Sie doch nur diese entzckende Farbenzusammenstellung von Blau und
+Gelb!" rief Ilse.
+
+"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend.
+
+Ilse wandte sich ab.
+
+"Na, denn nicht," meinte sie.
+
+"Um Gottes willen, Gontrau, du lufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz
+nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen."
+
+"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
+nicht schnell," sagte Gontrau liebenswrdig und nderte sofort das Tempo
+seiner Schritte.
+
+"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
+Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spttischen
+Lcheln.
+
+"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
+habe ich den Ortler bestiegen."
+
+"Ach, du lieber Gott, diese Hgel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel
+Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
+in andern Weltteilen zu erzhlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
+einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
+interessante Erzhlung so gefesselt, da sie schwieg und aufmerksam
+zuhrte. Onkel Heinz war ein guter Erzhler, und wenn er so recht im Zuge
+war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
+durchaus keine verkncherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
+Feine Beobachtungen und Stimmungen lie er durchschimmern, die man ihm
+nicht zugetraut htte.
+
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
+Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
+Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
+in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
+Firmaments anschlo. Wie ein leichtes Frsteln ging es durch die Natur,
+als der farbenprchtige Himmel allmhlich verblate, die goldig warmen und
+die blulich khlen Tne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
+durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+
+Schnell huschte die Dmmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
+Gegenstnde verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ber,
+verschwommen wurden die fernen Linien, alles lste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Snger des Waldes auf
+den Zweigen.
+
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
+im traulichen Flstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
+voran.
+
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
+drauen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
+Ilse wurde es etwas bnglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bumen, sie
+glaubte es berall knistern zu hren; bald sah sie sich ngstlich um, bald
+sphte sie nach beiden Seiten in den dmmernden Wald. Mit jedem Schritte
+wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stmme und herabhngenden
+Zweige nahmen alle mglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+vorberzogen. Das Knacken und Knistern in den drren sten auf dem Boden
+wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
+Unwillkrlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
+angstvollen Augen dorthin, woher das Gerusch kam. Wie es in Augenblicken
+groer Furcht gewhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
+Wenn sie berfallen wrden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflstern, wie sehr sie
+sich frchte, als pltzlich zwischen den hohen Stmmen etwas hervorkam -
+ein groer Hirsch, der quer ber den Weg setzte und nach einer Lichtung
+zulief, wo er send stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklrt, Ilse
+atmete auf, aber ein Gefhl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
+zurck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
+auch die andern meistens still.
+
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft khl geworden, und dem
+frhlingsjungen Waldboden entstrmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
+rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlfernd durch
+seine eintnige Melodie, die sich anhrte, als snge es der zur Ruhe
+gehenden Natur ein Schlummerlied.
+
+"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hhe.
+
+"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie ngstlich und nahm ihr Tuch von
+den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
+liebenswrdigsten Weise.
+
+"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und
+diesmal antwortete er liebevoller.
+
+"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewhnlich."
+
+"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!"
+fragte Nellie eifrig.
+
+"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel
+Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit."
+
+"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie.
+
+"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit
+Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
+Gegengift."
+
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
+einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
+Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
+Ratschlgen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die rzte,
+schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lcherlich.
+
+Leo, der mit Ilse ein Stck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
+rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf
+einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebudes
+erkennen, das wohl das Frsterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
+muten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
+majesttisch darber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
+Silhouetten ab. Die Tre des Wildgatters das den Wald abschlo, fiel mit
+dumpfem Tone zurck, und nun standen die nchtlichen Wanderer in einem
+Garten, der zum Frsterhaus gehrte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgescho
+waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mhe hineinsehen. Die
+Frsterfamilie sa um einen runden Tisch versammelt, ber dem eine
+Hngelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
+Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weie fiel ein heller
+Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemtlichkeit
+durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
+von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wnden, sie lachte aus den
+freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
+und umgab auch die krftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
+Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Drauenstehenden
+tat es leid, dieses harmonische Bild zu stren, sie rhrten sich kaum und
+betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
+Hunde im Zimmer unruhig, der Frster erhob sich, kam zur Tre heraus und
+nahm die spten Gste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
+hrte, da die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
+wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
+vor ihm standen.
+
+"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bichen Schnee wird's da
+oben wohl noch geben."
+
+"Wir frchten uns nicht davor, Herr Frster," erwiderte Ilse lustig und
+warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
+
+"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und lie sich
+in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, da die lahm gewordenen Federn
+chzten.
+
+"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wnschen etwas zu
+genieen," rief er hinaus.
+
+Die Frsterin kam herein, ihre Blondkpfe hinter ihr her, aber diese
+blieben neugierig an der Tre stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
+Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
+lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschftigte sich mit den kleinen,
+krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hhnerhund mit den herabhngenden
+Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedrngt und lie sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
+Augenblick innehielt, stie er sie mit der Schnauze an.
+
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drngten zum Aufbruche. Sie
+hatten mit dem Frster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
+wollte, eingehend den Weg besprochen.
+
+Auffallend khl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
+dunklen Tannenwipfeln ber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silberglnzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
+verlieen sie die Landstrae, die sich als heller Streifen durch die Wiese
+vor ihnen herschlngelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
+steinig und mhsam zu erklettern war. Hier schied der Frster von ihnen.
+
+Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hnde sich oftmals
+krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Gerusch zu hren war oder sie irgend
+etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevlkert den Wald fr
+furchtsame Geister ja mit allen mglichen Spukgestalten, sie hren, wo
+nichts zu hren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
+es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie wrde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
+doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
+unterdrcken.
+
+"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+
+"Seht ihr nicht die weie Gestalt?"
+
+Eine weie Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien nher zu kommen
+und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wre es bei diesem
+Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst berhrte sie ganz die
+spttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+Gespenst losschritt. Pltzlich tnte ein schallendes Gelchter durch die
+Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weie Geistergestalt
+gestellt hatte und sich vor Lachen ausschtten wollte.
+
+"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
+sehen Sie es sich an!" rief er laut.
+
+Ilse rgerte sich im stillen und schmte sich zu gleicher Zeit, da sie
+ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weie Gestalt war ein heller
+Stein, ein groer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+
+"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fr eine Gestalt halten," meinte
+Leo, welcher bemerkt hatte, da Ilse dem Weinen nahe war und sie
+entschuldigen wollte.
+
+"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun fngst du wohl auch noch an, an
+Gespenster zu glauben?"
+
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
+
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemtsverfassung fast teuflisch! Ja,
+Blen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
+Aber Rache ist s! Der Augenblick wrde schon kommen, wo Ilse sie ausben
+konnte, jetzt war ihre Erregung zu gro, um etwas sagen zu knnen; sie
+wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+
+ [Illustration]
+
+Bei dem Geistersteine verlieen sie den Wald, berschritten den Fahrweg
+und waren nun auf der Hhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+tief, der frische Hhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
+der Blick frei, keine beengenden Bume mehr, zwischen deren Stmmen man
+allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengro,
+ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rndern und lag breit auf dem
+steinigen Wege und auf den niedrigen Fhren, zu deren Fen unter
+Steingerll ein flinkes Wsserchen gurgelte, hastend und strzend, als
+htte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
+Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
+unwillkrlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
+nicht fortwhrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
+
+Die frische Luft khlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
+Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
+Stille herrschte ringsumher.
+
+"O, wenn uns Rosi jetzt sehen knnte!" sagte Nellie.
+
+"Sie wrde uns fr verrckt halten," meinte Fred.
+
+"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fr verrckt,"
+erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkmmliche ist, blauer Himmel,
+goldner Sonnenschein, grner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
+schn, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
+uerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
+sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders."
+
+Onkel Heinz hatte darin wohl trbe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
+man nicht nach dem ueren beurteilen; um ihn kennen und schtzen zu
+lernen, mute man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
+Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
+Doch heute fhlte sie sich sehr geschmeichelt, da der sonst stets
+absprechende Professor Gefallen an der nchtlichen Partie fand, wie es
+sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mute aber auch das
+hrteste Gemt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
+sie ganz erfllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
+
+Gegen zwlf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrcken den Giebel eines Hauses
+auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
+welchen das Mondlicht blulich schimmernd lag. Allmhlich wuchs das Haus
+immer hher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein groer
+Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rttelte an den
+Holzlden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Fhren, durch die hohen Grser. Drinnen lag schon alles im
+tiefsten Schlummer. Die Tre war verschlossen, und erst, als man eine
+Weile mchtig dagegen gehmmert harte, wurde ein schlrfender Schritt im
+Hausflur hrbar, und die Tre tat sich auf. Die frhen und doch so spten
+Gste muten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
+bevor es gemtlich wurde, aber dann lieen sie es sich auch wohl sein im
+hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
+dem eine wohlige Mdigkeit folgte. Doch diese whrte nicht lange, denn
+Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den brigen. Sie
+sprach viel Vernnftiges und Unvernnftiges durcheinander, war sprudelnd,
+lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureien.
+
+Nellies Blicke hingen wie verklrt an ihrem Manne, dem die Partie so gut
+zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
+durch das Pulver, whrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
+Kognak.
+
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
+Scherze der brigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
+Krone auf, als er schlielich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
+Urheberin dieser schnen Partie, hielt, welche mit groem Beifall
+aufgenommen wurde.
+
+"Ich htte gar nicht geglaubt, da Sie so poetisch sein knnen, Onkel
+Heinz," sagte Ilse, als sie sich fr diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
+ihre Mundwinkel zuckte es spttisch.
+
+"Wieso?" fragte der Professor erstaunt.
+
+"Nun, einem so eingefleischten, nchternen Junggesellen, wie Sie es doch
+sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie knnten
+nur ber alles spotten und hhnen."
+
+Onkel Heinz sah sie ganz bestrzt an, er ahnte ja nicht, da dieser Hieb
+die Rache dafr war, da er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
+ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, da man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
+war es nun geschehen.
+
+Erst spt erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
+Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
+Fensterscheiben, bis er im fahlen Dmmer des aufzeigenden Tages verblate
+und die glnzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustre, den Kopf
+dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
+auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
+hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
+er konnte deshalb keine Ruhe finden. ber seinem Haupte jagten die Wolken,
+vom Sturme getrieben, am Mond vorber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
+Blick fr solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, da
+am stlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwhrender
+Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmhlich wieder
+verschwand.
+
+Lange noch blieb der Professor drauen.
+
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saen. Es
+sollte frh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
+Laune, er sagte, da er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
+Die Betten wren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Lden dumpfig
+gewesen, und als er sie geffnet habe, htten sie geklappert, und das
+helle Mondlicht htte ihn gestrt.
+
+"O, Herr Professor, seien Sie nicht bse," sagte Nellie; "sehen Sie doch,
+wie schn es drauen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen
+Frhlingsmorgen.
+
+"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
+geschlafen," erwiderte er mimutig.
+
+"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fue zuerst aufgestanden?"
+fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
+
+"Dummheit, solches altes Weibergeschwtz auch nur zu wiederholen."
+
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
+Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Strungen willen lebhaft
+bedauert wurde.
+
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, da es
+berhaupt ganz gleichgltig sei, wie dieser oder jener Berg heie, oder
+dieses oder jenes Dorf, es kme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+behauptete.
+
+Ilse, welche ahnte, da sie wohl die Schuld an seiner blen Laune habe,
+hatte ihm innerlich schon die schnsten Beinamen gegeben, wie "alter
+Junggeselle", "Brummbr" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
+neckischen Ton ihm gegenber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
+
+Lustig verlie die kleine Gesellschaft etwas spter den Schneekopf. Der
+Himmel hatte sich inzwischen bewlkt, der auf der Hhe nie rastende Wind
+trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, rttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
+hinter den Gestalten der Wanderer her, da ihre Kleider und Mntel
+flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
+Trnen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
+
+"Schneeluft," sagte Althoff.
+
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
+bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weie Flocken hernieder, dann aber
+wurde es ein lustiges Gestber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
+legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frhlingsflur,
+aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nchste warme Sonnenstrahl nahm
+ihn wieder mit fort.
+
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fuhoch, und
+darber muten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
+Fe bis ber die Knchel ein, was ein Hauptspa fr Ilse war. Sie fand
+diesen "Winter im Frhling" herrlich und konnte ihr Entzcken nicht laut
+genug uern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
+hchst rgerlich bis ber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so da nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+wenn er eine Schneeflche durchwaten mute. Auch Althoff war diese Art von
+Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
+
+"Liebster, ich mu dir einen Ku geben, so himmlisch finde ich es hier,"
+rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kssend, und stampfte mutig weiter,
+umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+
+"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schn?" rief sie herausfordernd
+und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
+
+"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
+wischte die Glser, die na angelaufen waren, wieder trocken.
+
+"Ein Unsinn, Gontrau, da wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
+schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wren wir weit nher
+gegangen," sagte er dann zu Leo.
+
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
+Behauptung. Schlielich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
+drei Mnnerkpfe beugten sich darber, bis Onkel Heinz zugeben mute, da
+er unrecht hatte.
+
+"Die Juristen mssen ja immer alles besser wissen," sagte er.
+
+"Und die Zoologen sind immer streitschtig," entgegnete Ilse schlagfertig,
+Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
+Karte berzeugen mssen, da dieser Weg der krzere ist."
+
+"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht magebend,"
+entgegnete der Professor in unerschtterlicher Streitsucht.
+
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Ma war voll und lief ber. Alle
+Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
+jetzt laut. Er mute anhren, da er ein alter Brummbr sei, der jede
+Gemtlichkeit stre, und da er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
+Ehepaare, wie sie und Althoffs wren, ihn alten wunderlichen Junggesellen
+in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liee, sie htte sich dies
+schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, da Sie
+keine Frau haben, Onkel Heinz, die rmste wrde ich bedauern," schlo sie
+ihre Strafpredigt, die den andern hchst komisch erschien, denn sie
+lachten laut darber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
+Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
+dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ber die Ohren, die
+Mtze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+
+"Seien Sie froh, Professor, da Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
+es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu
+scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
+sich versunken ging er weiter.
+
+Gegen Mittag hrte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
+Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
+die Sonne hell auf die blhende Frhlingslandschaft. In dem zarten Laube
+hingen noch unzhlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
+erglnzte unter dem schimmernden Na, und auf den Wiesen, die sich als
+eine weite, grne Flche bis zum nchsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+zwischen Halmen und Grsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Trnen
+zu lcheln.
+
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verlieen, der in die Dorfstrae
+einmndete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
+und her bewegen, ber die hinweg ein blulicher Rauch in die Hhe zog.
+Unter den Trnen, die hier noch in den Augen erglnzten, gab es kein
+Lcheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
+Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rtliche Schein am Himmel in
+letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
+nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des groen Feuers gewesen, dem
+zwanzig Huser zu Opfer fielen. Ein wster Trmmerhaufen, aus dem es noch
+hier und da schwlte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
+fast alles, was den rmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+knnen, ein paar Sthle, Tische und Schrnke, ein Bndel Betten und
+Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
+groem Werte fr ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
+prften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glcklicherweise war kein
+Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Khe, Ziegen, Schweine,
+war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
+Weiber umher, ngstlich an sie gedrckt die Kinder, bleich und verstrt
+sahen die Mnner aus.
+
+Das war ein trauriger Abschlu der schnen Partie und ein beschmendes
+Gefhl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, da sie
+die Nacht in Lust und Frhlichkeit zugebracht hatten, whrend nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglck in so verheerender Weise hauste.
+Das trbe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrcke der letzten
+Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und bernchtig aus,
+im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
+in hellster Aufregung gewesen war.
+
+Eintnig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
+erzhlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wute
+kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, da ein altes Weib mit dem brennenden
+Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, da es durch Kinder
+entstanden wre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, da es "angesteckt" sein msse. So meinte auch der Wirt,
+der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
+Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoen und
+sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber pltzlich
+verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
+lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wrde es ja
+herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schlo der Wirt seine
+Rede.
+
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
+Gontrau besichtigten die Brandsttte mit dem Pastor zusammen, Nellie und
+Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen trstende Worte zu ihnen,
+die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
+alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
+denn auch die besten Trostesworte wrden ihnen das Verlorene nicht wieder
+bringen. Hilfe mu auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
+die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
+Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
+Vorschlge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
+Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
+Waisenkinder stattgefunden, da wrde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
+Anklang finden. Althoff wollte ein Schlerkonzert veranstalten, das war
+schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
+aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+hartnckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+neuesten Ereignisse beschftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
+keine Beachtung. Die Vorschlge wurden nochmals berlegt und geprft, bei
+dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
+keiner zu gefallen, als Leo pltzlich auf den Einfall kam: eine
+Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zndend, besonders auf
+Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
+
+"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ber das andre Mal, und auch die
+brigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spttisches
+Zucken um die Mundwinkel Ilse glcklicherweise nicht bemerkte. Sie war
+Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
+mute ziehen. Sicher wrde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
+gern berlassen, meinte Leo, und Ilse drngte, da er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
+Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natrlich
+auch sofort errtert wurde, "welches Stck?" Das war gar nicht so einfach,
+denn was fr Schauspieler gut und passend war, brauchte fr Dilettanten
+noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
+berlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stck vorschlug, hatte wieder der
+andre alles mgliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne da sie
+zum Schlu kamen.
+
+"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stck, das Dilettanten spielen
+knnten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
+Telegraphenstangen zu zhlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
+hinaus.
+
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; fr Komdienspiel hatte der
+Professor nie viel brig gehabt.
+
+"Mit Theaterstcken wei ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
+tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte
+Antwort.
+
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
+davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort bel zu nehmen. Er lachte
+darber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. -
+
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
+schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
+milden Lichtes hoch ber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurck und verdrngte fr einige Zeit das letzte Erlebnis.
+Es war doch herrlich gewesen, drauen zu wandern im Mondenscheine, der
+heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
+ber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen lie. Matt
+lag er auf den Schieferdchern, auf den hellen Hauswnden und den grauen
+Straen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+Schimmer.
+
+Onkel Heinz verlie die brigen nach kurzem Gutenachtgrue an der Strae,
+die nach seinem Hause fhrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
+stille Nacht.
+
+ * * *
+
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+Wohlttigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Ntigste
+besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern berlassen worden.
+Tglich wanderten Ste von Bchern aus der Leihbibliothek in das
+Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
+whlen. Nachmittags kam regelmig Nellie, und der Abend wurde dazu
+verwandt, bei ihr oder Gontraus groen Kriegsrat zu halten. Und wen die
+Sache noch aufs hchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
+wollten Theater spielen, darin lag fr sie ein groer Zauber! Schon einige
+Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
+Aufregung nicht einschlafen knnen, und die nchsten Tage wurde nichts
+anderes gespielt als Theater. Leo hatte schlielich verboten, sie wieder
+mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
+Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
+begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
+Zeitlang, bis andre Eindrcke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafr pltzlich wieder aufs lebhafteste, sie
+horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
+sprachen. Das glnzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
+Mrchenwelt eingefhrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
+stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfllt von dem
+Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
+Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
+groen, blauen Augen verstndnislos an, sie hatte mehr Sinn dafr, ihre
+Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
+dagegen fhrte allerhand Komdien mit denen, die ihr gehrten, auf, und
+wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
+in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
+im Bette liegen muten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
+Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Trnen, Streit und ein
+Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schlu.
+
+Nach langem Whlen hatte man sich endlich fr drei Einakter entschieden:
+"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Grlitz und
+"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stcke hatte man nun glcklich, doch
+jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fr das zu sorgen war, nmlich:
+die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kmpfen ist, kann nur
+derjenige nachfhlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
+zustandegebracht hat.
+
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
+erstere glaubte, brauchte man nur an die Tren zu klopfen, um gefllige
+Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wrde jeder einwilligen, sich fr
+einen so guten Zweck herzugeben.
+
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas
+viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Knstlerinnen
+zusammen zu holen.
+
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
+Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ber die kleinlichen,
+engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
+
+"Theaterspielen auf einer ffentlichen Bhne!" Das war fast in allen
+Husern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrmpfen dabei, als ob
+von den hheren Tchtern etwas Unerhrtes verlangt wrde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+
+"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das knnen Sie nicht von
+meinen Tchtern verlangen, sich der ffentlichen Kritik auszusetzen."
+
+"Ja, aber Ihre Tchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brtchen
+herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der
+ffentlichen Kritik ausgesetzt?"
+
+"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres."
+
+Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
+einer lngeren Erklrung der Dame, die es wohl selbst nicht wute. Die
+beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
+
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
+da sie sich auf einer ffentlichen Bhne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+Schneiderin knnten ja nachher sagen: "Gndige Frau, was haben Sie aber
+schn gespielt!"
+
+"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswrdigsten Schelmengesicht, das sie
+stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie
+brauchten sich doch darber nur zu rgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin fnden, da Sie schlecht gespielt htten."
+
+"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, da mir berhaupt an dem Urteile
+solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will
+mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen."
+
+"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
+keine Schande, ihr Urteil anzuhren," sagte Ilse, innerlich emprt ber
+solche Anschauungen.
+
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darber dchte sie nun
+einmal anders.
+
+Mit khlem Gru verabschiedeten sich die beiden.
+
+"O, was ist sie verrckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
+Strae standen, aber Ilse war schon ganz kleinmtig geworden und wollte
+die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tren betteln
+und wrde berall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
+Gedanken an eine Auffhrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
+sie das Werk begonnen. Ilse war im hchsten Grade aufgeregt; beinahe fing
+sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
+viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
+
+"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,"
+trstete sie.
+
+Bei der nchsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glck; ja die
+Idee wurde sogar mit groer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
+fr die armen Leute, von deren Unglck die Zeitungen schon viel berichtet
+hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
+Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
+den Jahren, wo ein junges Mdchen anfngt, "ein lteres junges Mdchen" zu
+werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch lteren Schwestern und
+ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jngste und wurde "das
+Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schngeistig angelegte Natur, sie
+dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fr das Theater,
+selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon
+oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu bernehmen.
+
+"Vielen, vielen Dank fr Ihre liebenswrdige Zusage, Frulein Born," sagte
+Ilse mit einem herzlichen Hndedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
+bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+
+"Das alte Frulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte
+Ilse drauen zu Nellie, whrend das "alte Frulein" drinnen bereits mit
+der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe knnte sie auch noch sehr
+gut spielen, sie htte sogar das richtige Temperament dazu.
+
+Ilse war hoch erfreut ber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
+keinem Gedanken daran, da dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+zappeln wrde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante"
+nahte.
+
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
+Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+dagegen, und die beiden Tchter nahmen das Anerbieten mit groer
+Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
+ein frisches Mdchen, die gewi gern eine Rolle bernehmen wrde.
+
+ [Illustration]
+
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
+besetzt waren. Fr die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
+es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache
+war abgemacht.
+
+Ilse und Nellie erzhlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
+ihren Mnnern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
+Begeisterung, die vorher den hchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wrde die Idee mit ihren
+Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen knnten,
+gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber berzeugte sie sich noch
+mehr, da eine Dilettantenauffhrung zustande zu bringen nicht so schn
+und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mute ihr immer
+wieder Mut einsprechen. Er bernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+
+Endlich fand die Leseprobe glcklich statt. Glcklich?
+
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube
+Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entrstung von Frulein Born
+zurckgewiesen, und die beiden Frulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
+ihrer Freundin, die sie doch erst eingefhrt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde.
+
+"Ach, das Dienstmdchen soll ich spielen?" sagte Erna, die lteste
+Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
+Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht
+und wre doch zu kurz.
+
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
+bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
+etwas in Gang.
+
+"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle
+fgen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
+Wir mssen vor einem groen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+blamieren."
+
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
+wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten
+Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden
+Ehemnner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
+mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
+Kritiker sein.
+
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos ffnete
+sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
+der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, da ihm in den
+nchsten Tagen wenig Zeit brig bleiben wrde.
+
+"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er rgerlich ber die Strung.
+
+"Da, hier lies," rief Ilse. "Frulein Born will die taube Tante nicht
+spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wnsche
+nicht, da sie als Dienstmdchen in die ffentlichkeit trete. Wenn sie
+spter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bllen zusammentrfe,
+knnte das zu Miverstndnissen fhren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
+nichts, es wird sicher nichts, Leo! La uns die Sache aufstecken,"
+jammerte sie.
+
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
+Ilse zu trsten und zu beruhigen, bis sie schlielich auf dem Standpunkt
+der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ber alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch hchst amsant, die Menschen auch mal
+bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
+
+Nellie berbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
+Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
+
+"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie wre es, wenn wir Frulein Born
+als Kder den Prolog gben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?"
+
+"O, das tut sie, das tut sie gewi!" meinte Nellie.
+
+"Ja, und das Dienstmdchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das
+bernehmen?" fragte Leo.
+
+"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stck,"
+sagte Ilse pltzlich. "Die Rolle des Dienstmdchens ist ja eigentlich viel
+hbscher; da ich daran nicht gleich gedacht habe!"
+
+"O, wie schade, du wrdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie.
+"Kann ich nicht das Mdchen spielen? Aber ein Dienstmdchen mit englischem
+Akzent pat doch wohl nicht?"
+
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie bernahm das
+Dienstmdchen.
+
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
+Krfte wieder einzufangen.
+
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
+Zureden gelang es auch, Mietze zu berzeugen, da die Rolle der sanften
+Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr hbsch sei.
+
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Frulein Born. Die jungen Frauen
+wurden von den beiden lteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der
+Singstunde, mute aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saen
+die beiden Frulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
+einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen
+beiden Parteien hin und her. Die ltlichen Schwestern meinten, zu einer
+solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie
+diese Rolle spielen sollte, whrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzge
+derselben auseinandersetzte.
+
+Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube
+Tante" von sich, indem sie erklrte, berhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+
+"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen
+schnen Prolog gedichtet und hoffte, da Sie ihn als Muse sprechen
+sollten; o, wie schade, da Sie nicht mitwirken wollen."
+
+"Einen Prolog?" fragte Frulein Born einlenkend, und ber ihr Gesicht ging
+es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
+weies Gewand, klassischer Faltenwurf, grner Epheukranz auf dem
+griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fr sie!
+
+Ohne langes Zgern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor
+dem Altare war - und erklrte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
+die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schlielich, damit trstete
+sie sich, war es doch nur eine groe Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
+einer Alten zu spielen, und das wrde man auch gewi allgemein anerkennen.
+
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
+aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders groe Angst gehabt.
+
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemt durch solche Vorbereitungen
+versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
+beschftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie fters lngere
+Selbstgesprche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Da sie die
+Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
+eine groe Angst, ob alles gut gehen wrde.
+
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
+nun die erste auf der Bhne stattfinden.
+
+"Mutter, la mich mitgehen," bettelte Ruth mit glnzenden Augen, aber Ilse
+wies ihre Bitte zurck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
+so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
+Generalprobe vertrstet.
+
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
+leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. -
+
+Das Theater, von der Bhne aus gesehen, kannte fast keiner der
+Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
+Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
+im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
+tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkpfige
+Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hllen
+berzogenen Samtsitzen sa und ber die goldverzierten Brstungen lehnte.
+Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
+Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
+war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
+nach dem Platze, wo ein blhendes junges Mdchenantlitz zu sehen war. Wie
+bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
+untereinander die Pltze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
+sollten, um vor den neugierigen Blicken der groen Menge drauen zu
+erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
+einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Bhne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt
+bedeuten! Neugierig wurde die Bhne von allen Seiten betrachtet; nchtern,
+de, geschftsmig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
+meisten doch anders gedacht! Man mute sich in acht nehmen, nicht ber
+Gerte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
+Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+tuschend nachahmten. Ein bhnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
+lie es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklrte den Schnrboden,
+stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wibegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
+Aber trotz mancher Enttuschung ber das "hinter den Kulissen" blieb doch
+die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+Zgen ein; Frulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
+Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwrmerischen Augen
+sah sie in das leere Haus!
+
+Leo lie eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mute erst
+befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
+und Direktor Althoff saen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
+leuchteten die weien Gesichter in der Dunkelheit.
+
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" berkam ein leises
+Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertnte und sie nun sprechen mute.
+Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
+
+"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertnte im
+gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
+hintersten Reihen des Parketts lie sich eine Stimme vernehmen:
+
+"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hren!"
+
+Frulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mute auf Leos Gehei
+noch einmal von vorn anfangen.
+
+Sie war emprt darber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
+der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzckt gewesen und
+nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+Betonung, die sie ber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Trnen
+nicht zurckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen.
+
+Siedendhei berlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
+nichts, der Kelch mute geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.
+
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Frulein Born auf, welche
+schluchzend in ihrer Garderobe sa.
+
+"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Frulein, warum weinen Sie
+denn?" redete ihr Ilse zu.
+
+"Soll ich da nicht weinen, wenn ich ffentlich blamiert werde?" gab das
+Kind auer sich zur Antwort.
+
+"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," trstete
+Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.
+
+"Es wre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
+mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerhmt, und meine
+Schwestern fanden, da ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck sprche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hrt, verliert man alle Lust."
+
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
+wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Trnen eher noch reichlicher,
+als zuvor.
+
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
+Notiz genommen hatte.
+
+"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen uerungen," sagte sie nervs
+zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt."
+
+"Ach, dann la die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch grlich," gab
+er eilig zur Antwort.
+
+"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!"
+
+"Sie wird sich schon wieder trsten, Schatz," sagte Leo flchtig; er hatte
+jetzt keine Zeit zu lngeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
+"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen.
+
+Der Inspizient, Direktor Althoff, mute verschiedene Male an die Tre von
+Frulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich ffnete und das "Kind"
+auf der Schwelle erschien, mit gerteten Augen und mit den Blicken einer
+erzrnten Gttin.
+
+Ilse war froh, als die gekrnkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
+schon geglaubt, da dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfhren und nicht
+mitspielen wrde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
+Vorhergegangenen nahm, wies Frulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
+tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in
+einem Tone herunter, der gengend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
+"muckte", wie ein strrisches Droschkenpferd, und selbst die
+Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
+sie nicht aufrtteln.
+
+"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit mu besser zur Geltung kommen," rief
+Althoff ein ber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an,
+die "taube Tante" sehr natrlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
+dem zu hren, was ihr gesagt wurde. Leo lie sie denn fr heute auch in
+Ruhe, als er merkte, da alle seine Bemhungen vergeblich waren.
+
+Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden
+ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
+Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
+reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+muten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
+geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswrdige Geduld, er zeigte
+immer wieder, lie immer wiederholen, whrend Althoff schon lngst auf
+seinem Sitze unruhig hin und her rckte.
+
+"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
+Probe auch etwas bnglich zu Mute wurde.
+
+Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel
+glnzend ins Wasser, bei jeder Annherung des Liebhabers zuckte der
+Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schchternen
+Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und lie das
+"Schreckliche", ohne ein Glied zu rhren, ber sich ergehen. Fr die
+Zuschauer ein hchst spahafter Anblick, fr Leo aber auf die Dauer eine
+Qual. Er hatte es unzhlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
+scherzend, liebenswrdig, ernst, aber nun ri endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewhlt.
+
+"So geht das nicht, liebes Frulein, wenn Sie -", er verbesserte sich
+schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns."
+
+Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
+- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
+wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
+die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spter sa auch sie
+in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer
+zwei an diesem Abend.
+
+Diesmal bernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
+und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefhlen. Einesteils fand
+sie, da Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
+die groe Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lcherlich.
+
+Das "Kind" war auch hereingeschlpft, mit ihr die andern jungen Mdchen,
+sie muten doch ebenfalls alles sehen und hren, was da vorging.
+
+"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben
+doch alle unser Teil bekommen, das nchste Mal werden wir es schon besser
+machen."
+
+"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Frulein Born mit
+spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
+besondere Rcksicht."
+
+"Na, ich frchte mich schon vor dem nchsten Stck, wenn ich dran komme,"
+meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden."
+
+"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie
+eben keinen Tadel vertragen knnen, wollen wir die Geschichte lieber
+aufgeben, die so viel Mhe und bis jetzt so wenig Freude macht."
+
+"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Frulein
+Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
+doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
+deshalb Theater, um mich nur zu rgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
+glauben, da er dumme Schulkinder vor sich hat."
+
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
+mit der Heftigkeit, wie ungefhr eine Lwin ihr Junges verteidigt. Ein
+Wort gab das andre, die brigen mischten sich mit hinein, schlielich
+sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht
+mitspielen", "rcksichtslos" usw., tauchten wie Froschkpfe in einem
+Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fr
+zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
+an den weigetnchten Wnden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
+Seiten des Spiegels und das dicht verhngte Fenster, durch welches kein
+Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
+Raum, und da war es denn kein Wunder, da sich nicht nur die Gemter,
+sondern auch die Kpfe erhitzten. Erika Blum sa auf dem einen der beiden
+einzigen Sthle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
+zu. Die Trnen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
+sogar schon gelchelt.
+
+Das Verschwinden der smtlichen weiblichen Mitspielenden war schlielich
+Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stcke begonnen
+werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
+Damengarderoben mndeten, hrten sie durch die Tre ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von drauen wie das Summen von vielen, in einer
+Schachtel eingesperrten Maikfern anhrte. Alles Rufen, Klopfen, Rtteln
+an der verschlossenen Tre wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+berhrt; erst als das Klopfen zu einem donnerhnlichen Drhnen anschwoll,
+gltteten sich die aufgeregten Wogen. Frulein Borns Flacon, das sie
+stets, mit klnischem Wasser gefllt bei sich trug, wanderte von einer zur
+andern, die Taschentcher wurden getrnkt und muten die Wangen khlen.
+Dann erst wurde die Tre geffnet.
+
+"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas rgerlich,
+aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
+Gesicht sah.
+
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
+Zeit mehr, es mute deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
+
+Auch die beiden andern Stcke wurden nicht viel besser gespielt; es
+herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
+und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmdchen im
+"ersten Mittagessen" so tragisch, da man ber diese komische Rolle eher
+zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
+keineswegs lustig zumute; bei den fortwhrenden unangenehmen
+Zwischenfllen konnte man unmglich seine gute Laune behalten. Die junge
+Frau, Erna Schmidt, mute ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
+werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, da es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
+Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" lieen
+die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffhrung durch
+ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
+gelacht.
+
+Ilse lachte nicht mit, sie war im hchsten Grade aufgeregt. Da - zwischen
+den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+nach Leo hinberflogen, konnte man schlieen, da von ihm, und zwar nicht
+in der liebenswrdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
+liebsten wre sie hingegangen und htte die zischelnde Gruppe gesprengt,
+aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
+und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
+
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
+Nellie muten manche Rge, manchen Tadel einstecken.
+
+Immer hher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
+unberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
+Tagen schon sollte die Auffhrung sein - das war ja ein Ding der
+Unmglichkeit! Und sie erzhlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
+sich hinter den Kulissen, nmlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
+hatten.
+
+Leo brach in ein lautes Gelchter aus, und Althoff meinte, ohne Zank knne
+es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
+
+Ilse jedoch lie ihren Trnen freien Lauf, sie war abgespannt und nervs
+von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
+
+"O, _darling_, du mut dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte
+Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!"
+
+Aber der Freundin Kummer mute sich austoben. Der einzige, der ihr recht
+gab und dergleichen auch hchst rgerlich fand, war Althoff; er stimmte
+ihr vollstndig bei, whrend Leo die Sache von der komischen Seite
+auffate.
+
+"Pat auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse,
+"und was machen wir dann?"
+
+Leo lachte sie aus.
+
+"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
+sich die Sache berlegen; das Theaterspielen hat doch zu groen Reiz fr
+alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog
+sie in seine Arme.
+
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
+sie an Alpdrcken. Sie trumte, da sie in der engen Garderobe mit den
+andern zusammen, wie in einer Sardinenbchse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
+Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, da sie frchtete,
+erdrckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rckwrts
+noch vorwrts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein
+entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bhne, die
+Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
+ihrer Rolle, die Klingel ertnte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
+diesem Augenblicke der hchsten Qual erwachte sie. Die helle
+Frhlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
+erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
+Ruth mit einem Veilchenstraue in der Hand, den sie eben aus dem Garten
+geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bsartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+Theaterangelegenheit hren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
+Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frhlingsmorgen. Seit einigen
+Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken knnen, wie weit das Grnen und
+Blhen drauen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzhlen
+- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
+der letzten Zeit etwas hatte vernachlssigen mssen. Aber bald wrde alles
+vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fr sie allein da.
+
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
+aber seine Tre war verschlossen gewesen.
+
+Onkel Heinz! Selbst fr den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
+Gedanken brig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, da er sich
+nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hren, htte sie
+nicht ertragen, und an Spott wrde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
+
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
+Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
+zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rckweg begegnete ihnen Rosi.
+
+"Nun, ich hre, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen
+Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darber urteilen wrde,
+konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch rgerte sie die Art, in
+welcher Rosi danach fragte.
+
+"Es ist nur gut, da ihr es wenigstens fr einen guten Zweck tut," fuhr
+sie fort; "mein Mann hat auch schon fr die armen Leute sammeln lassen."
+
+Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?"
+
+"Ich wei noch nicht, ob Adolf Zeit hat."
+
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
+gro und siegte ber die sonstige Abneigung gegen das Theater.
+
+Vor der nchsten Probe hatte Ilse eine frmliche Angst. Doch es schien
+wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
+Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
+nachdem die grten Schwierigkeiten berwunden waren, stellte sich auch
+die Lust und Begeisterung wieder ein.
+
+Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
+trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
+teilzunehmen, mute man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+
+Wie zwei gestrenge Wchterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
+Platz und blieben dort den ganzen Abend ber sitzen.
+
+Tglich wurde jetzt geprobt, und allmhlich trat die richtige Stimmung
+ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
+gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
+Kritiken nicht mehr bel.
+
+Sogar Frulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet
+und behandelte sie nicht mehr so gleichgltig; auch der Backfisch war bei
+der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefhlvoller als
+das erste Mal.
+
+So war man glcklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewhnlich
+nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffhrung
+stattfinden.
+
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
+konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
+verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 6 Uhr sollte man dort
+sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
+fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
+
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Rume; wo ja ein lichter Strahl
+von drauen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhnge
+daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+
+Von der Bhne her tnte Sprechen und Hmmern. Ilse lief schnell erst
+einmal dorthin, um Leo zu begren, der mit Althoff zusammen noch alle
+mglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
+daran dachte, da sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
+- welcher Zauber lag in dem Gedanken!
+
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
+Die Tren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+wurden nochmals einer genauen Prfung unterworfen, diese und jene kleine
+nderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfmduft lagerte
+ber dem Ganzen. Das "Kind" sa im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+aufgelstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Brste und Kamm
+bearbeitete, whrend die andre geruschvoll ein Ei mit Zucker in einem
+Glase zusammenquirlte. Das war gut fr die Stimme und wurde der Erregten
+lffelweise eingegeben; auerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
+Tische und ein Teller mit belegten Brtchen, um die Krfte der vom
+Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
+den Hnden und memorierte fortwhrend.
+
+"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das lteste Frulein Born, als
+Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch
+wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!"
+
+ [Illustration]
+
+"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
+ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen.
+
+Und in der Tat, was das "Knnen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
+fhlten nach ihrer Meinung nur gewhnliche Sterbliche, Knstlerseelen, wie
+sie, waren ber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, da selbst
+die grten Knstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und da,
+wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewut auftreten sieht,
+diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Knstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ber welche
+der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
+
+In den Garderoben der jungen Mdchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
+Auch hier erwiesen sich Mtter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+vielerlei zu tun. Erika Blum lie sich noch einmal ihre Rolle berhren;
+besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
+hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen mssen. Wenn es nur
+heute abend gut ging! Sie sah brigens reizend aus, die hbsche Erika. Das
+blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ber den
+Rcken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
+zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
+sorgfltig ausgebreitet ber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschft des
+Ankleidens mute nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Frulein
+Borns Tre verschwunden und wrde gleich zu den andern kommen.
+
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffhrung
+wrden einem objektiven Beobachter eine Flle von komischen Eindrcken
+bieten. Da lst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Nchstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
+zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder mchte zuerst fertig sein,
+zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mdchen fhrten zwei
+Mtter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, da ihre Tochter
+die schnste sei, und trotz des Eifers und der groen Eile flogen doch
+verstohlene, prfende Blicke hinber und herber.
+
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbchse; er wurde sofort
+frmlich umringt.
+
+"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran."
+
+"Meine Haarfrisur hlt aber solange auf, Sie mssen mich zuerst
+frisieren!"
+
+"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
+richtig, oder mu der schwarze Strich unter den Augen strker sein?"
+
+Der parfmierte Jngling konnte sich vor so vielen Fragen und
+Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
+endlich scho Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
+
+"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewhnlichen Leben
+waren ihre frischen Farben ihr grter Kummer, sie fand es interessanter,
+etwas bla auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarknstler
+versicherte immer wieder, da sie ausgezeichnet "wirken" wrde, und die
+Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, s, entzckend!" Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ber das
+reizende Tchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
+Liebenswrdigkeit, da Erna und Mietze doch noch viel hbscher ausshen.
+
+In demselben Augenblick flog die Tre auf, das zweite Frulein Born
+strzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde"
+zurckgeholt, denn die blonde klassische Percke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; auerdem war das Schminken
+noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
+
+"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Frulein Born ngstlich, als
+die jungen Mdchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
+Dienstmdchenkleid erschien.
+
+"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
+sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
+dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht grlich aus?"
+
+Da diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
+den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lchelte ihrem
+Spiegelbilde wohlgefllig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
+fortwhrend, wie reizend sie ausshe. Dabei legten sie immer wieder die
+weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trgerin verschoben.
+
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
+sich gegangen. Die blonde Percke, die Schminke und das griechische Gewand
+hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
+sie sonst im Leben nicht mehr besa. Fr die brigen hatte die aufgeregte
+Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+
+"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schn
+von Ihnen abstechen!"
+
+Und mimutig glitten ihre Blicke ber das graue Kleid der "tauben Tante",
+das schlaff und dunkel an der weien Wand hing. Dahinein mute sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
+eigentlich zu rgerlich.
+
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
+deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+jetzt muten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prfender
+Blick in den Spiegel.
+
+"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel -
+schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
+fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?"
+
+Annas Hnde flogen, whrend die andre Schwester mit dem roten
+Strkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," drngte sie und hielt
+der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
+
+"Vorsichtig, vorsichtig, da die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, -
+dann rauschte es hinaus.
+
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bhne
+versammelt. Man drngte sich an die kleinen Lcher im Vorhang, um ins
+Publikum sehen zu knnen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
+dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+strmte es noch fortwhrend herein. In der ersten Reihe saen die beiden
+Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gro und erwartungsvoll auf den
+bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
+mochte; denn whrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
+Kulissen tun drfen - o, das war eine Wonne gewesen!
+
+Wie fernes Meeresrauschen tnte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
+laute Stimme heraushren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tnten
+einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
+Instrumente stimmte.
+
+Alle diese Gerusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
+zum Beginn ertnte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+
+Nur wer einmal eine solche Auffhrung mit durchgemacht hat, kann die
+allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
+ersten Male hebt, nachfhlen!
+
+Die Bhne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
+im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertnte; voll
+Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hnde
+und Fe, hmmerndes Herzklopfen, momentane vollstndige
+Gedchtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
+Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
+weniger ergriffen hatte.
+
+Die Ouvertre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
+Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
+Flgelschlag, - der Vorhang ging in die Hhe.
+
+Das Gefhl, welches Frulein Born beim Beschreiten der Bhne hatte, war
+demjenigen sehr hnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
+Marterstuhl eines Zahnarztes niederlt. Vor ihren Augen tanzte das
+vielkpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
+Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flstern
+ber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
+wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorber.
+
+"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den
+Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
+und wie Sphrenmusik klang das laute Hndeklatschen an das Ohr des
+"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal mute er sich wieder
+heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines
+solchen Augenblicks beschreiben!
+
+Mit geffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
+tief Bewegte, whrend die andre schon wieder den bewuten Labetrank bereit
+hielt.
+
+"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
+wirklich wie eine groe Knstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
+helfende Hnde bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln.
+Hinein mute sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
+wurde ein Spitzenhubchen gesteckt. Der Friseur tnzelte um sie herum, und
+unter seinen flinken Hnden entstand ein wrdiges Matronenantlitz.
+
+"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,"
+sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
+
+"Nein, nein, keine knstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte
+der gelockte Jngling und besah prfend sein Werk, hier und da noch einen
+kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
+
+"Lassen Sie nur, Sie knnen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller
+Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er drauen war, einen
+widerlichen, unverschmten Menschen.
+
+Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
+entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
+auch die Umarmungsszene geriet weit natrlicher als bisher. Mietze Schmidt
+und ihr komischer Liebhaber paten vortrefflich zusammen, und die "taube
+Tante" hrte es mit Genugtuung an, wie man ber ihre Schwerhrigkeit
+lachte.
+
+Der Beifall war geradezu strmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
+war, und als Erika auf der Bhne erschien, flog ein wundervoller Strau,
+ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fen nieder. Galant
+berreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
+konnte man doch bemerken, wie tief sie errtete.
+
+"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
+Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
+steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid",
+so eilig hatten es die brigen, den Strau zu sehen und zu bewundern. Er
+wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
+bereits an, ihre Glckchen zu senken, als sich so viele Nasen darber
+beugten. Dieser Strau war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
+mochte, darber zerbrach man sich die Kpfe. Erika mute viel mit anhren.
+Sie wute ja natrlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es
+nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+
+Frulein Born aber meinte, anonyme Geschenke drfe ein junges Mdchen
+eigentlich gar nicht annehmen, sie fnde es wenigstens nicht schicklich
+und wrde es sicher nicht tun.
+
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
+sie wnschte schon, sie htte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
+die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie mge sich nur ja
+darber freuen, die andern wren alle nur neidisch auf sie.
+
+"Wahrscheinlich wieder so eine Anbndelei von der Erika; sie hat eben doch
+ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spter zu den Schwestern, und
+die hbsche Erika wurde von den dreien tchtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das hbsche Mdchen!"
+
+Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmdchenrolle erschien,
+erklang pltzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
+Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
+sich gar nicht darber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am rmel
+zupfte und zur Ruhe verwies.
+
+brigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
+wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
+einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse
+Dreistigkeit ber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
+wenn der Vorhang in die Hhe ging, sondern fhlte sich schon ganz heimisch
+auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bhne nach der Musik
+getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
+Darsteller, berbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natrlich nur die
+guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
+
+"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,"
+sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelchelt hatte,
+aber zu einem wahren Genu nicht gekommen war.
+
+"Passend finde ich es nicht, da eine Frau noch Theater spielt," warf sie
+ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ber so etwas anders!"
+
+Die Betonung dieser Worte lie erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
+
+"Aber bedenke doch den guten Zweck, Rschen; sie nehmen eine Menge Geld
+ein fr die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem
+vollen Hause um.
+
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohlttige
+Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggrnde eines jeden auf seiner
+Stirn zu lesen gewesen wren, die ihn heute abend ins Theater gefhrt
+hatten, so wrde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ber die
+Wohlttigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
+ffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen groen Reiz.
+
+Zum dritten und letzten Male ertnte jetzt die Klingel. Die
+"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stcke
+gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
+diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermdchen, vorzglich besetzt. Der Beifall war ein groer, und
+zum Schlusse muten die Spielenden vier- bis fnfmal erscheinen;
+unermdlich rhrten sich die Hnde der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
+dankten sogar mit lauten Bravorufen. -
+
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
+Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+bergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
+und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
+wieder in das alltgliche verwandelt.
+
+Mit wehmtig zrtlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches
+Gewand, das die Schwestern soeben sorgfltig in den Korb einpackten. Wie
+schade, da der schne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
+bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
+versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
+
+Ilse schien aber doch ganz froh darber zu sein, da die aufgeregte Zeit
+ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war -
+vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen wrde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt."
+
+Und wie war es gelungen! Fr allen rger im Anfang, fr alle Mhe, war der
+Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
+Mark bermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rhrendes
+Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schnes
+Gefhl, fr ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
+viel Jammer und Elend zu lindern.
+
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffhrung gab es natrlich nur
+dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
+klang die Kritik berraschend hnlich, da sie sich eben nur in
+Gemeinpltzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstndnislos,
+da man genau wute, hinter dem Rcken sprachen sie ganz anders. Nur
+wenige uerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, da sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch da sie dies oder jenes tadelten, sich manches
+anders gewnscht htten, war ein Beweis, da man der Wahrheit ihrer Worte
+trauen konnte. Den grten Spa bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hrten; wie sehr
+wrde darber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
+triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase germpft
+haben. -
+
+Fritz war am Tage nach der Auffhrung heimlich in aller Eile gekommen und
+hatte sich von Ruth erzhlen lassen, denn er selbst war natrlich nicht im
+Theater gewesen. Rosi behandelte ihn berhaupt jetzt unerbittlich strenge,
+die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
+mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es mu und soll
+etwas Tchtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn
+Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
+nehmen."
+
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beiflligem Kopfnicken begleitet
+und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ber Kindererziehung
+zum besten, die in der Theorie nichts zu wnschen brig lieen, jedoch in
+der Praxis wohl zu einem klglichen Resultat gefhrt haben wrden. Aber
+fr Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
+ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
+und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
+nicht eingehst," htte man ihr zur Antwort geben mssen. Bei Tante Ilse
+fhlte er sich so wohl, sie hatte Verstndnis fr den aufgeweckten Jungen
+und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
+Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mdchen erregte
+stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+besitzen, hatte sie deren schwache Seiten lngst erkannt, und zwischen den
+beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschschtiges Kind,
+Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
+
+Fritz hrte mit offenem Munde Ruths Erzhlung ber das Theaterspielen an.
+Ach, das mute doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch htte
+sehen knnen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, da selbst
+Ilse, die eben dazu kam, darber lachen mute, und dann berichtete sie,
+welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt htten.
+Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+vergeblich auf allen Pltzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
+
+Ilse lchelte zu dieser Frage. Da sich Onkel Heinz solchen
+"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wrde, hatte sie wohl
+gewut, aber auffallend war es, da er sich gar nicht sehen lie. War er
+noch bse? Sie hatte darber in den letzten Tagen wenig nachdenken knnen,
+aber jetzt kam ihr der Gedanke pltzlich, und alles stand wieder deutlich
+vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
+brigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
+Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne da er kam - natrlich: "er brummte
+wohl mal wieder!"
+
+"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse
+spter zu Leo, als sie mit ihm darber sprach und auch er die Meinung
+uerte, da der Professor zrne.
+
+"Ja natrlich, Ehemnner mssen sich das belnehmen mit der Zeit
+abgewhnen," erwiderte er seufzend, aber die glcklichen Augen, mit denen
+er seine Frau ansah, straften ihn Lgen.
+
+"Die Ehemnner, welche sich am glcklichsten fhlen, beklagen sich am
+meisten," gab Ilse zurck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine
+Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wre dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frher doch ganz anders
+geworden, nicht wahr?"
+
+Er zgerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, da
+sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
+sie sich des einstigen Trotzkopfes schmte und sich nicht gern daran
+erinnern lie.
+
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
+sich alles wieder ins Gedchtnis zurck, was er gesagt und was sie
+erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum mute er sie auch
+immer so reizen!"
+
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, da er schon seit lngerer
+Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die ntige
+Pflege htte finden knnen. Leo suchte ihn dort sofort auf.
+
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
+mute sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
+heimkehrte.
+
+Das Mitleid verdrngte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
+von freundschaftlichster Teilnahme erfllt und malte sich das Bild des
+einsamen, kranken Junggesellen in den trbsten Farben aus. Warum hatte er
+auch nicht zu ihnen geschickt!
+
+"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
+doch knnte einer sterben und verderben, ohne da man etwas davon merkt!"
+rief sie mit Trnen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
+als sie erfuhren, da ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
+leidenschaftlichen Art fragte fortwhrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
+nicht am Ende sterben wrde, und lie sich kaum beruhigen.
+
+Am andern Tage mute Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
+und fragen, ob sie den Professor besuchen drfe.
+
+Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurck und erzhlte, da sich der Professor
+durch Ilse tief gekrnkt fhle und durchaus nichts von ihrem Besuche
+wissen wolle. Darber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
+deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie
+mit der Antwort auswich, da er sich noch zu krank dazu fhle.
+
+"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse
+hatte Not, die betrbten Kleinen wieder zu trsten und zu erheitern. Jetzt
+empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein msse, der
+sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
+nchst ihren Eltern am meisten liebten.
+
+Am Morgen des bernchsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
+einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
+
+"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen -
+heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig
+abgebrochenen Stzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
+Freude.
+
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
+er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, da er sie am Nachmittage mit
+Mutter und Schwester erwarten wrde.
+
+Fragend sah Ilse ihr Tchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
+ihre Heldentat zu erzhlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
+geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+
+"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbchse gegeben.
+Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft.
+
+Das Kind war voller Stolz ber diese eigenmchtige Tat und erzhlte immer
+wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand htte ihr
+geholfen, sie wre ganz allein an die Straenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer stnden, und htte einem davon den Brief gegeben.
+
+"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann pltzlich, und ohne eine
+Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
+
+"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Rhrung.
+Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
+mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
+allerdings im nchsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
+Hassen war sie gleich stark. Fr Onkel Heinz, den sie liebte, wrde sie
+alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
+die sie sich geradezu unliebenswrdig zeigte.
+
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurck, auf welcher der
+Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaen lautete:
+
+
+
+
+
+
+ "Lieber Onkel Heinz!
+
+"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wrdest
+du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
+aufs Knie gefallen und Mutter und ich mchten Dich so gern in der Klinick
+besuchen und heute mute eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
+gebrlt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grse ich brle aber nicht wen
+ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
+gegeben fr den weg.
+
+ Es grst Dich
+ Deine libe Ruth."
+
+
+
+
+
+
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen knnen; Ruth war nun einmal sein
+erklrter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren frs
+Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spteren jungen Mdchens, sie
+war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+Heinz.
+
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
+sie durch alle Zimmer, singend und trllernd, oder in den Garten, wo sie
+einen groen Maiblumenstrau fr den geliebten Onkel pflckte. Jubelnd
+brachte sie Ilse den ersten Maikfer, den sie eben gefangen und in eine
+leere Streichholzschachtel auf zarte, grne Bltter gebettet hatte - er
+sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
+
+"Da wird er sich drber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
+auch fr ein Kind, den ersten Maikfer zu verschenken, den es so eifrig
+gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
+
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
+beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte lteste hatte unterwegs in
+einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik ausshe, ob da
+viele kranke Menschen wren und wer wei, was noch alles; ihr
+Plappermulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mute sie
+schlielich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tre
+standen und die Glocke gezogen hatten.
+
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
+ffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wnschen fragte.
+
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, da Ilse gleich
+hinaufgefhrt werden solle, wenn sie kme, und die Schwester mit dem
+milden Gesicht unter dem weien Hubchen fhrte sie deshalb ohne weitere
+Anmeldung die Treppe hinauf.
+
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Lufern. Geheimnisvoll
+still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
+Zimmer, und wattierte grne Tren davor hielten jeden Ton, der strend
+nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorber. Eine peinliche
+Sauberkeit herrschte berall, und in den groen, hellen Fenstern standen
+blhende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen
+etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
+
+Hinter einer der vielen Tren verschwand nun die Schwester, und nach
+einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurck, da der Herr
+Professor bitten liee einzutreten.
+
+Zgernd berschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
+haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit groen Augen
+musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wnsche angelangt war, wurde sie
+zaghaft und scheu.
+
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
+Krankenstuhle sa, eingehllt in warme Decken, mit dem Aussehen von
+jemand, der schwere Krankheit berstanden hat, glich auch wenig dem alten
+Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
+jedem Spae bereit war.
+
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
+besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flchtigen
+Hndedruck begrt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
+machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
+wandte er sich wieder an Ruth, welche zgernd stehen geblieben war und ihn
+betrachtete.
+
+"Na, nun komm doch nher, alte Krte!" rief er endlich herzlich.
+
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
+hin und warf sich strmisch in seine Arme.
+
+"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
+zurckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
+noch enger an ihn.
+
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzhlte von
+ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
+den ersten Maikfer in seinem engen Gefngnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schn es im Theater gewesen sei.
+
+"Habe von der Mimerei gehrt," sagte Onkel Heinz kurz.
+
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
+den duftenden Blten kam ein Stckchen Frhling in das nchterne Zimmer.
+
+"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
+Mutter einen Stuhl; fix, Mdel!" rief er und konnte eine gewisse
+Verlegenheit nicht verbergen.
+
+"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenber.
+
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gesprch anzufangen, aber er ging
+nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
+denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
+
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
+poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmckt, und war
+nun enttuscht, da der Professor jede Annherung abwehrte und auch nicht
+die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+verwegene Gedanken! Sie htte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+wissen, da er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+geschickt zu benehmen.
+
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
+leugnete er immer sehr bestimmt ab, da er irgend etwas vermisse, wenn sie
+ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
+tuschte er sich selbst? Darber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
+sie sich mehr der Ansicht zu, da er, um glcklich zu sein, weiter nichts
+brauche, als seine Arbeit, seine Bcher.
+
+Und doch - ein eingefleischter Bchermensch hatte nicht das warme Herz,
+das Verstndnis fr die Kinder, wie er es besa! Er ging auf ihre Ideen
+ein, wie es niemand besser verstand.
+
+"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
+letzte?" fragte er in diesem Augenblick.
+
+"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entrstet, "ich bin niemals die letzte
+gewesen!"
+
+"Natrlich, du Faulpelz, du kannst und weit ja nie etwas, du bist die
+Dmmste in der ganzen Klasse .."
+
+"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!"
+
+"Schweig, du Krte, ich wei es besser!"
+
+"Ach, du weit gar nichts, Onkel Heinz."
+
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wuten sie genau,
+da sie sich alles mgliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
+solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
+Ruth alles mgliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+noch zu hinfllig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+Kampf einlassen zu knnen.
+
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gesprch anzuknpfen doch er wandte sein
+ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie mute
+ihn tief, tief gekrnkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+
+"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in
+ihrem sanftesten Tone.
+
+"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!"
+
+"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort.
+
+"So nannten es die rzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann
+sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikfer in den Bart gesetzt hatte.
+
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
+ihm sehr angenehm zu sein - frchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
+Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekrnkt und
+mute ihn wieder vershnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
+verlassen vor, so trostlos traurig, da sie nur der eine Wunsch beseelte,
+er mchte ihr verzeihen. Aber die Kinder muten erst fort sein, er htte
+bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wrden.
+
+Ruth wollte sich wie gewhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nhe ihres
+Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal gengte ein Blick auf
+Ilse, um ihr zu zeigen, da mit der Mutter jetzt nicht zu spaen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+
+"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor.
+
+"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewi
+die grte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
+besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus."
+
+Onkel Heinz brummte etwas Unverstndliches in den Bart, wobei er
+unverwandt durch das Glasfenster in der Tre auf den Balkon blickte, wo
+seine kleinen Freundinnen den Maikfer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+
+"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, da Sie krank waren?"
+fragte Ilse wieder.
+
+"Das htte mir auch nichts ntzen knnen, wenn Sie das gewut htten,"
+antwortete er nicht gerade liebenswrdig.
+
+Dann schwiegen wieder beide.
+
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschlo
+deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+
+"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr bse, Onkel Heinz?" fing sie an.
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Ich wollte Sie ja nicht krnken," fuhr sie fort.
+
+"O - Sie krnken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
+merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig.
+
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, da er sie durch sein Benehmen oft reize
+und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrckte doch lieber diese
+Bemerkung.
+
+"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
+dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
+
+"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein.
+
+"Ja, aber wieso denn?"
+
+"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
+Sie sagen, ich sollte froh sein, da ich nicht verheiratet wre, denn ich
+wrde eine Frau nur unglcklich machen, na - und hnliche Redensarten
+mehr!"
+
+"Aber, das ist doch alles nur Scherz!"
+
+Ilse mute beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
+zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gesprch doch zu ernsthaft
+zumute.
+
+"Sie trauen mir wenig feines Gefhl zu, wenn Sie glauben, da ich den
+Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
+sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
+Nach einer Weile fuhr er fort:
+
+"Sie sind glcklich, Frau Gontrau, Sie sind verwhnt, zu verwhnt, - denn
+offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort.
+
+"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glck knnten Sie
+doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es lge Ihnen nichts
+daran und Sie htten nur Interesse fr Ihre Bcher."
+
+"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
+voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
+mute.
+
+"Halten Sie mich solcher Gefhle nicht fr wrdig oder nicht fr fhig?"
+fing er wieder an.
+
+"Da Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,"
+erwiderte Ilse etwas verlegen.
+
+"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
+ber das Gefhl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas
+natrlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, da
+Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann,
+und hinter meinem Rcken werden Sie gewi darber spotten und lachen."
+
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+
+"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
+fr so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins,"
+fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?"
+
+"Nun, wie ich schon sagte, er verwhnt Sie zu sehr, er lt Ihnen zuviel
+Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie
+htten ganz anders erzogen werden mssen."
+
+"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
+ein Haar dem Trotzkopf von frher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das
+'Erziehen' wrde ich mir von meinem Manne recht hbsch verbitten."
+
+"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben knnen, Frau Gontrau, dann wollen wir
+dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem
+Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+
+Aber sie bezwang sich heute, es wre sonst wieder zu einem neuen Streite
+statt zur Vershnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
+ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fhlte er oft!
+
+"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie pltzlich, "warum
+nicht?"
+
+Er gab keine Antwort, aber eigentmlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
+Sie konnte sich denselben nicht recht erklren, dennoch fhlte sie
+instinktiv, was er ausdrckte - es beunruhigte - es verwirrte sie.
+
+"Sie halten mich wohl fr recht schlecht?" platzte sie in ihrer
+Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen."
+
+"Ich halte Sie fr gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach,
+"sonst wrde ich berhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
+nicht wahr? Schne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
+auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+nicht?"
+
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kmpfe
+er mit seinen Gefhlen.
+
+"Gewi, gewi, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu
+absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
+seine Wissenschaft manchmal herunter!"
+
+Ironisch lchelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+
+"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres."
+
+"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind,
+dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+sagen."
+
+"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer miverstehen, Frau Gontrau. Nun
+wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
+Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persnlich, es gibt ja
+doch Ausnahmen unter den Juristen!"
+
+"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell.
+
+"Sonst wre er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
+zur Antwort.
+
+Ilse amsierte sich innerlich ber die gute Meinung, die er von sich
+hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentmlichkeiten gegen seine
+wahre Freundschaft fr sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
+denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wrde
+mit der Welt ganz abschlieen und ein Einsiedler werden, wenn die
+Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstrt werden sollte. War
+es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
+retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
+sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
+verlieren?
+
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
+erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhltnis doch nicht
+ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
+jedoch hinter dem Rcken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
+gegen seine berzeugung ging.
+
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fhlte, da sie ihm heute,
+in diesem Augenblicke viel, viel nher gerckt war als je zuvor, denn in
+solchem Mae hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
+hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
+
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und htte gern mehr darber
+erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefhl, das sie vorhin unter
+seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstndig gewichen, sonst htte sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglckliche Liebe?
+
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
+aufnehmen, aber sein vernderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
+das war gut.
+
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefhle zu offen
+gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
+mache er sich ber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem
+wahren Galgenhumor.
+
+Unaufhrlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
+sonnige Luft, welche die beiden Kinderkpfe auf dem Balkon duftig umwob.
+
+Laut rief er sie bei Namen.
+
+"Ruth, Marianne, kommt herein!"
+
+Die beiden lieen sich das nicht zweimal sagen, ungestm strmten sie ins
+Zimmer.
+
+"Lat die Tre offen, Krten, es ist eine dumpfe Luft hier!"
+
+Ilse ffnete Fenster und Tre weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
+als der frische Zug von drauen hereinwehte - belebend, ermutigend!
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth frhlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang
+- weit du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie
+schade, da du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
+erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
+herunter?"
+
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+verlangten.
+
+"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer pltzlichen
+Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den rzten vertragen,
+die Sie ja doch so sehr verabscheuen?"
+
+"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man
+denn machen, wenn sie einen in vllig wehrlosem Zustande in die Klinik
+schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!"
+
+"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
+Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!"
+
+"Haben die rzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!"
+
+Streiten mute er nun einmal immer.
+
+"Wenn Sie erst wieder ausgehen knnen, werden Sie sich gewi schnell
+erholen in der himmlischen Frhlingsluft. Drfen wir bald mal
+wiederkommen?"
+
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswrdigkeit; in dem unklaren Gefhl,
+da sie trotz allem einen nicht geringen Einflu auf Onkel Heinz ausbe;
+so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenber zeigte,
+ebenso empfnglich war er andrerseits auch fr die geringste
+Freundlichkeit.
+
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+
+"Seien Sie nicht mehr bse, wir wollen stets gute Freundschaft halten."
+
+Onkel Heinz wute, was es sie kostete, eine solche Bitte ber ihre Lippen
+zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
+ihre Worte.
+
+"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
+
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr zrtlicher, namentlich von Ruth,
+die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+
+Als sich die Tre hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
+und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurck und schlo die Augen.
+Worber er nachdachte? Wir wissen ja, da er sein Inneres gut verbarg. Den
+Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
+er denjenigen manchmal begnstigt, der auf hohem Berge steht und
+sehnschtig in die von grauem Nebel verhllte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreien sieht. Neugierig spht er hinab,
+sieht unter sich ein blhendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schlo auf
+der Hhe. Was liegt nun noch dort drben? Was dort? Das mchte er wissen,
+mchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
+sich die Wolken davor, alles verbergend und verhllend.
+
+So hatte sich auch ber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
+undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
+Blicke verbarg.
+
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
+und brachte seine Abendmahlzeit.
+
+"Soll ich das Fenster schlieen? Es wird zu khl, Sie knnten sich sonst
+erklten, Herr Professor," sagte sie freundlich.
+
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+
+"Lassen Sie nur offen! Erklten - erklten - ist ja Unsinn - Luft schadet
+nichts, will mich nicht verpimpeln."
+
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrche der Kranken
+gewhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fr ihre Pflicht hielt; sie
+schlo die Tre und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und khl. -
+
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
+um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genieen, und dabei erzhlte
+sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
+und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rcksicht zu
+behandeln als bisher.
+
+Die Frhlingsstimmung ringsumher, der schwermtige Gesang der Nachtigallen
+machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
+einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
+einmal in einem ganz andern Lichte; seine uere Rauheit war nur Schein,
+dahinter verbargen sich schmerzliche Gefhle von Einsamkeit,
+Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+knftig zarter anfassen und ihm zeigen, da sie des ihr geschenkten
+Vertrauens wrdig war.
+
+Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurck zu dem kleinen
+Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrbt und
+nachdenklich, und fate den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+sein. -
+
+Die gerhrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
+hielt zum Glck nicht lange an.
+
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergngt, ganz der Alte, und jedes
+mitleidige Wort, das Ilse ber seine Krankheit, ber sein einsames Leben
+an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, da dabei gar nichts zu
+bedauern sei, denn er wre nicht sentimental angelegt und wte sich mit
+den Tatsachen abzufinden.
+
+So geriet allmhlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
+Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
+Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbr" usw., die
+ihn so tief gekrnkt hatten, bekam er nicht mehr zu hren.
+
+ * * *
+
+Die Rosen standen schon in voller Blte, die Tage waren hei, das frische
+Grn der Grten wurde durch eine graue Staubdecke gedmpft - der Sommer
+war eingezogen und hatte den Frhling verdrngt.
+
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schnste gepriesen, wie
+kurz vorher sein Vorgnger, der wonnige Mai.
+
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
+vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
+von sich hren lassen.
+
+Seitdem wir Flora als schwergeprfte junge Witwe verlieen, war eine
+Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
+sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rhrte keine
+Feder an, sie verfate keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+berschwenglichen Worten. Der erste groe Schicksalsschlag ging nicht
+spurlos an ihr vorber, er rttelte sie aus ihren trichten Ideen auf, das
+Leben nahm fr sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
+Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne da es ihr
+eigentlich zum Bewutsein gekommen wre, eine andre geworden, als sie den
+Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+Kthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
+sie von der Gromama zurck. Nach und nach gewhnte sich die Kleine mehr
+an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Kthchen schien es nicht vergessen zu haben,
+wie sie frher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mhe und
+Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhltnis zwischen Mutter und
+Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
+
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
+Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
+Landwirt! Was das fr ein Kontrast sein mute, malten sich Ilse und Nellie
+oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, da diese
+sich gendert haben mute, denn sie klangen ganz vernnftig, und nur
+selten noch erging sie sich in berspannten Schwrmereien. ber ihre zwei
+kleinen Mdchen von sechs Jahren, ein Zwillingsprchen, schrieb sie
+glcklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
+knnen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
+Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
+nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
+der schweren Zeit beigestanden hatten.
+
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
+hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
+herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, da sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
+Hin- und Herberlegen entschlo sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
+da sie kommen und, wenn es ihr pate, um die und die Zeit mit den Kindern
+eintreffen wrde. Ruths Ferien sollten in den nchsten Tagen beginnen, und
+auch ihr und Marianne wrde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
+tun.
+
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunchst
+als eine Unmglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
+Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
+Dienstmdchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklrte sie rund
+heraus.
+
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
+Direktor, sagte ihm, sie fnde Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
+dies so beharrlich vor, bis er schlielich selbst fand, da seine Frau
+erholungsbedrftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
+pltzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge fr ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewhnliches und, wie sie
+meinte, Unntiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
+abqulen mute, der mute gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
+er wollte in der staubigen, heien Stadt allein zurckbleiben und
+arbeiten, immer arbeiten; niemand wrde da sein, der fr ihn sorgte, wenn
+er mde und abgespannt nach Hause kme, niemand, der an eine Erholung fr
+ihn dchte und seine Wnsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
+erfllen suchte. O, sie wrde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
+nicht die Spur von Vergngen, sie wrde fortwhrend voller Sorge an ihn
+denken.
+
+Das alles klagte sie Ilse unter Trnen und ahnte nicht, da diese sich
+heimlich ins Fustchen lachte, als sie sah, da ihre Bemhungen
+erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fr den nervsen
+Direktor, da er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewut, was er an dieser Frau
+besa, die ganz und gar in ihm aufging und nur fr ihn auf der Welt zu
+sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlgen war bei Nellie nichts
+auszurichten; sie gab stets zur Antwort, da Ilse gar nicht wisse und
+beurteilen knne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fr die
+Freundin fand sie dennoch, da diese solche Dinge zu leicht nehme.
+
+"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, da ich fort
+soll, sage ihm, da du mich frisch und gesund fndest, und da ich keine
+Erholungsreise ntig htte, denn er gibt so viel auf dich."
+
+Ilse wrde sich wohl hten, so etwas zu tun, das erklrte sie ganz offen
+gegen Nellie. So mute sich diese denn ins Unvermeidliche fgen. Fred
+hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehrt, aber bei den immer neuen und
+durch Trnen verstrkten Auflagen derselben war er schlielich so nervs
+und ungeduldig geworden, da sie endlich hatte nachgeben mssen. Wie ein
+Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
+fr das Dienstmdchen whrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
+Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, auerdem sollten zum Frhstck
+und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so da
+der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
+
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
+begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mute noch unzhlige
+Ermahnungen ber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
+aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Dte heraus, die von den Kindern
+mit Jubel begrt wurde.
+
+"Ich bin berzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
+amsieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
+Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, da er ihren Mann jeden Abend zur
+Kneipe abholen wrde, denn sie mten doch ihre Freiheit genieen.
+
+"Siehst du wohl," lachte Ilse.
+
+Aber spahaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
+vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfhren, er knne so wenig
+vertragen und msse es nachher immer ben, wenn er je einmal des Guten zu
+viel getan htte.
+
+"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
+Lcheln, "ich werde auf die beiden Mnner achten."
+
+"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
+Worten gut herausfhlte. -
+
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
+Taschentcher aus dem Coupfenster den Zurckbleibenden zum Abschiedsgrue
+zu.
+
+Nellies gedrckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
+beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwhrend zu fragen und zu
+zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
+kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
+sie zufrieden zu stellen.
+
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
+letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
+
+Ihre Freude ber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
+Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kte sie immer
+wieder.
+
+Und dann, als sie behaglich im Wagen saen, musterten sich die Freundinnen
+untereinander mit groem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht
+verndert," hie es. "Etwas strker bist du geworden." "Und du siehst viel
+wohler aus, als frher," und hnliche Redensarten mehr wurden
+ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
+Trennung wiedersieht.
+
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verndert. Durch die
+Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
+pate der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
+Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
+Wagen durch blhende Wiesen und ppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehrte, hatte sie wieder
+den alten schwrmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
+sie von dort etwas Besonderes erwarte.
+
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
+Zwar brannte noch heier Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
+war derselbe weit ertrglicher, als vorhin im Coup, in dem eine
+Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
+
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwldchen, das unter den warmen
+Strahlen einen kstlichen Duft ausstrmte, dann bogen sie wieder in die
+staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Huser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+
+Als sie die sauberen Huschen erreicht hatten, hinter deren
+blumengeschmckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
+whrend barfige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
+herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Knigin in ihrem Reiche zu
+fhlen.
+
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
+und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
+
+"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen,
+da ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte
+sie im Vorbeifahren ein halbwchsiges Mdchen, deren Antwort in dem
+Gerusche der Rder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in
+diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein."
+
+Die Dorfstrae war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
+Feldweg, kamen dann an einigen groen Scheunen vorbei, hinter denen
+stattliche Misthaufen den tchtigen Landwirt erraten lieen, und fuhren
+nun in den Gutshof ein.
+
+"Vor das Schlo fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza.
+
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
+fhrte, und hielt vor einem groen kastenartigen Gebude - es war das
+sogenannte "Schlo". - Nur gut, da ihm Flora selbst diese Bezeichnung
+gegeben hatte, denn Nellie und Ilse htten es sicher nicht mit dem stolzen
+Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
+jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeieltes Wappen ber der Eingangstr
+lie erraten, da die frheren Bewohner Adelige gewesen waren.
+
+"Es gehrte einem Baron v. H.," erklrte Flora, als sie bemerkte, da die
+Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
+betrachteten. In demselben Augenblick ffnete sich die Tre, ein
+schlankes, junges Mdchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
+Blondkopf fhrend - Kthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
+Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kthe! Das
+verschchterte Kind hatte sich zu einem hbschen Mdchen entwickelt,
+Nellie und Ilse muten sie immer wieder betrachten. Und dann die
+Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzhlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
+ihnen geschenkt hatte.
+
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
+keine Antwort.
+
+"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Hndchen," rief Flora, als sie
+sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmhte.
+
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
+sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen ltten Druwppeln "Lining"
+und "Mining"; lndlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und strhnig blondem Haar.
+
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
+diesem Moment ber die vier Kinder gleiten lie, als sie so beisammen
+standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hbschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
+aber da Ilses Mdchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
+unwillkrlich aufzufallen, denn sie fand pltzlich, Thusnelda und
+Hildegard mten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
+htten.
+
+"Sonst haben sie nmlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an
+Ilse und Nellie, und dann schalt sie, da Kthe ihnen die Haare so glatt
+gekmmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ber die
+Blondkpfe, als knnten sich unter dieser Berhrung die glatten Strhnen
+in Locken verwandeln.
+
+"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begrung vorber war, und
+fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?"
+
+"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete
+Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
+
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
+nicht verbergen.
+
+"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich mchte sie
+gerne sehen," bettelte nun Ruth, fr die ein solcher Anblick
+hochinteressant war.
+
+"Spter, spter," antwortete Flora flchtig.
+
+Sie hatte ihre Gste mittlerweile die Treppe hinaufgefhrt und in die
+Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem ueren. Die
+wei getnchten Wnde sahen sauber, aber nchtern und kahl aus, der helle
+Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+Abwechslung in die Eintnigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+soeben erst aus den reinigenden Wasserstrzen hervorgegangen zu sein, denn
+ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
+die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen ldruckbilder
+an den Wnden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Mbel,
+mit buntem Kattun berzogen, bildeten die Einrichtung; ber die
+Tischdecke, schwarz mit groen roten Blumen, war als Schutz noch eine
+weie Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein groer
+Feldblumenstrau - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwhnten
+Stdtern eine Wohltat, und mit noch grerer Wonne sogen sie die herrliche
+Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strmte.
+
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefllt es
+euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmtigkeit alles.
+
+"Nicht wahr, es ist recht gemtlich hier? Die Mbel stammen noch von den
+Groeltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte
+dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht
+weiter stren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+erwarte ich euch im Ezimmer - im unteren Flur die Tre rechts."
+
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
+Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, whrend Ruth die kleinen
+Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlufig noch viel
+mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
+meinte, die htte sie noch gar nicht gern, sie sprchen ja nichts und
+shen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+wren.
+
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
+Urteil, indem sie ihr klar machte, da sie dergleichen ja nicht etwa zu
+Tante Flora, berhaupt nicht zu andern sagen drfe.
+
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spter ins Ezimmer,
+einen groen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kthe und
+den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+hchst neugierig waren.
+
+Nur flchtig glitten deshalb Ilses Blicke ber die prchtigen Geweihe an
+den Wnden, die sie sich als Kennerin sonst gewi eingehend betrachtet
+haben wrde, und blieben an der mchtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmchtige Frau vollstndig verschwand. Die
+sthetische Flora und dieser Kolo, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, -
+einen greren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
+Schultern sa ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
+seine krftigen Hnde; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
+Falte ber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkrperten Bilde
+der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklrende Brille der Poesie an?
+
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
+ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
+strich ber seine Stirn und fand, da er sehr erhitzt wre. Hatte er wohl
+sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lcheln von
+Nellie vermuten.
+
+"Der rmste hat in der groen Hitze auf den Feldern sein mssen," wandte
+sich Flora an die Freundinnen, whrend man sich um den Tisch zum Essen
+niedersetzte.
+
+ [Illustration]
+
+"Ja, ja, es ist zum Braten drauen," erwiderte er und wischte sich die
+hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den
+Coups, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+
+"O ja," lachte Ilse, "aber dafr haben wir's auch jetzt gut, hier ist es
+ja herrlich khl. In der Stadt fanden wir es unertrglich und freuten uns
+deshalb sehr, als Ihre liebenswrdige Einladung ankam."
+
+"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflge machen knnen! Die
+Umgegend ist so schn," sagte Flora.
+
+"Was? Wetter schn bleiben! Regen mssen wir haben, es ist die hchste
+Zeit. Der ist so ntig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
+alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter frs
+Vieh mehr haben."
+
+"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gste haben, drfen wir uns doch
+keinen Regen wnschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
+peinlich, da er so sprach.
+
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+
+"Ich bitte dich, Flora, dein Mann mte kein guter Landwirt sein, wenn er
+nicht so dchte. Als einstiges Landkind wei ich ganz genau, was es
+bedeutet: kein Regen!"
+
+"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll
+Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
+
+"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
+Frau Althoff erzhlt."
+
+"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
+vieles durch den Kopf, da ich fr so etwas kein Gedchtnis habe."
+
+"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
+
+"O, das kenne ich von Fred genau," trstete Nellie. "Der arme Mann ist oft
+so vergelich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
+seine Nerven auch sehr herunter."
+
+Hieran anknpfend erzhlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
+vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wre, ihn zu verlassen,
+da er ihrer Pflege so sehr bedrfe.
+
+Flora hrte geduldig zu und trstete so gut sie es verstand.
+
+Whrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine lngere
+Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tchtig
+zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die groen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. brigens wurde
+ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
+Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafr war er zu
+derb, dabei aber natrlich, offen und in seiner Art liebenswrdig, das
+Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
+seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
+die fr alles was dazu gehrt, viel Verstndnis hatte. Sie erzhlte ihm
+unter anderm, da ihr Vater jetzt einen groen Teil seiner Lndereien mit
+Zuckerrben bebaut habe, und da er zur bequemen Befrderung der Rben
+eine kleine Bahn ber die Felder legen liee; sie konnte ihm ber alle
+Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
+interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
+Felder zur Rbenkultur vorzubereiten. Sie sprach ber die neuen
+landwirtschaftlichen Maschinen, ber die besten Dngemittel wie ein
+Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfhrungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintrglich werden
+wrde.
+
+Flora hrte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
+die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, da August seine
+Nachbarin nicht ber andre Gegenstnde unterhielt. Als sie aber merkte,
+da Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
+beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
+Aufregung darber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
+gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darber
+auszufragen.
+
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saen nicht mehr
+so schchtern und still auf ihren Sthlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
+Ruth besonders rckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkndete, da der
+Kaffee unter der groen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+
+Dort war es kstlich! Die breiten herabhngenden ste wlbten sich zum
+schtzenden Dach ber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
+kleinen Ritzen und Lcher in dem grnen Blttergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartensthle und Bnke,
+auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gsten
+niederlieen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+Haaren und Kleidern. Von dem groen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+Rosenbeet seine sen Dfte herber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+Reseda, womit die Beete eingefat waren.
+
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ber den wonnigen
+Platz, und letztere dachte im stillen, da diese grne farbige Umgebung,
+die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fr den rosigen Hausherrn
+und seine ebenso rosigen Tchter abgeben, als es die gedmpften Tne im
+Zimmer taten.
+
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroe
+Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fr die Kinder
+eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
+ein Stck davon auf dem Teller hatte, lieen sie ihn nicht aus den Augen.
+
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
+auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
+doch endlich zu dem hei ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+berhaupt was gab es da alles fr die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
+waren ihnen diese Dinge nicht, sie wuten ganz gut Bescheid, da sie ja
+fast alle Jahre zum Besuche bei den Groeltern in Moosdorf gewesen waren
+und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+
+Es wurden die Scheunen besehen, die Stlle, man ging ber den Geflgelhof,
+alles war in bester Ordnung, und wenn die groe Gestalt des Besitzers
+erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, da er ein
+strenges, aber gerechtes Regiment fhrte.
+
+"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora
+scherzend, als das Blken der Khe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
+Schweine ihnen noch nachtnte, whrend sie die Wirtschaftsgebude
+verlieen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
+ber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
+Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
+Frhe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ppig standen
+die Felder, die hren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
+roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
+vorber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Kpfchen
+tauchten bald hier, bald dort zwischen den hren auf. Das Blumenpflcken
+war fr die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Hnden voll bunter
+Blumen kamen sie zurck, und Kthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
+Hause beschftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Brde ab, und ordnete
+sie zu einem groen Straue, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
+Kastanie stellte.
+
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
+heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gesprch
+unterhielten sich die Erwachsenen, whrend die Kinder geradezu bermtig
+umhertollten und Kthe ihre liebe Not hatte, sie zu bndigen. Um neun Uhr
+wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Qulen zu Bett
+geschickt, ihr Sprechen und Lachen hrte man aber noch lange durch die
+offenen Fenster; es tnte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
+um die Wette durch die abendliche Stille.
+
+Pnktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
+worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
+schade, sie htten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
+ja khler hier drauen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+
+"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
+Werner.
+
+"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora.
+"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
+natrlich mde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?" wandte sie sich an die beiden.
+
+"Selbstverstndlich," gaben sie zur Antwort.
+
+"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den
+jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzhlen Sie mir morgen frh, was Sie
+getrumt haben; das geht ja wohl in Erfllung, wenigstens sagt es meine
+Frau, die wei ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Trume!
+Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergi nicht,
+morgen frh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzhlen, ob's stimmt, die
+mogelt gern ein bichen; und dann sorge dafr, da Hesse mit der Butter
+nicht zu spt fortfhrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
+etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht."
+
+"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht
+errtend - die Auftrge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
+
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
+verhallt waren, hrte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
+dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+
+"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
+das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne ueren
+Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
+diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
+Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glcklich sie im Besitze
+eines so prchtigen Mannes und so lieber Kinder sein knne.
+
+"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
+dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
+vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+
+"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer
+Weile pltzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hnde drckend, und
+fuhr dann fort: "Ich glaube, da wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als frher. Ich habe mich in manchen Dingen gendert, denn ich sah
+ein, da ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
+Welt pate. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das
+wei ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefhlen. Durch den
+Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+Vorwrfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glck zum zweiten
+Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
+und hat auch nur Interesse fr seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
+versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufhren, und habe ihm hufig
+abends vorgelesen, doch er war zu mde und schlief dabei ein. Aber da habe
+ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
+Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
+praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen."
+
+"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernnftig hatte sie Flora noch niemals
+sprechen hren.
+
+"Und wie ist es mit Kthe?" fragte Nellie.
+
+"O, wir verstehen uns prchtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
+Mdchen, aber fr die Zwillinge sorgt sie rhrend, denn Kinder liebt sie
+ber alles."
+
+"Wie schn fr dich," sagte Nellie.
+
+"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kthe, sie war so strrisch,
+sie wollte nichts von mir wissen, doch das wit ihr ja alles. Wir wollen
+nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen."
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
+Leben mochten wohl viele heie Kmpfe gefolgt sein, bis aus dem
+berspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
+
+"Nun, und Orla?" fragte sie pltzlich. "Was habt ihr von der gehrt? Bis
+in meine lndliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. brigens, etwas
+hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
+nach etwas Hherem."
+
+Also fr hnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
+diesen Spa konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
+verstndig war und blieb.
+
+"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die
+Vermittlung ihrer einflureichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit groen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
+eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
+Vermgen zugefallen; da kannst du dir denken, da sie ein groartiges
+Leben fhren."
+
+"Ein Leben im groen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe
+ich auch oft getrumt! Natrlich Dienerschaft in Menge?"
+
+"Jedenfalls," lachte Ilse; "darber schreibt sie aber nichts. Du weit ja,
+das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfhrliche
+Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, da sie sich glcklich
+fhlt! Glcklich in ihrer Ehe, glcklich, da sie wieder in ihrem
+geliebten Ruland leben kann. Knstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
+kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, da sie
+eine gefeierte Frau ist, - klug, schn, reich."
+
+"Ja, ihr ist es geglckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt
+in der groen Welt, wird bewundert, gilt etwas, whrend andre in der
+Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womglich auch als
+Nihilistin eine Rolle?"
+
+"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen wre es ihr schon, das Zeug htte
+sie dazu."
+
+"O, mein Gott, was redet ihr da fr Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf
+hier Nellie ein.
+
+"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmglich ist es doch nicht.
+Schrecklich wre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
+wrde."
+
+"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
+Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+anfangen!"
+
+"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit
+erfahre ich ja gar nichts."
+
+"Vier Stck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
+ich dir," antwortete Ilse.
+
+"O, s!" schwrmte auch Nellie, und ein wehmtiger Schatten berflog ihr
+Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen."
+
+"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu
+neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfllte sie doch mit etwas
+Neid, den sie nicht ganz unterdrcken konnte. Aber schneller als frher
+kam sie darber hinweg in dem Bewutsein, da sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, da
+diese als Schauplatz die groe geruschvolle Welt hatte, whrend der
+ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
+Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! -
+
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saen noch
+immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
+die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhrte. Aber sie wollte
+auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Bltterwerk mischte sich
+in den Klang der Stimmen; es lie das Licht im Windleuchter, der auf der
+bunten Tischdecke stand, hher aufflackern, so da die Flamme nach den
+herabhngenden Zweigen leckte, deren Grn in dieser knstlichen
+Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
+ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
+malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, da niemand das
+anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
+Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlscht, und
+die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
+Droben aber, da glnzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! -
+
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzhlen! Wenn man sich nach
+langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
+Gesprche meist sehr gleichgltiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
+geffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wrdigen Frau
+Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
+wurde nicht ber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
+gerhmt.
+
+Schlielich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
+noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen groen Korb voll frisch
+gepflckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen ghnen sah, fiel es ihr pltzlich ein,
+da ihre Gste gewi von der Reise mde sein wrden, und es wurde
+beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
+Gsten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlferinnen. -
+
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
+das Nest leer, aber aus dem Garten hrten sie helle Kinderstimmen
+heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen ber den taufrischen Rasen laufen. -
+
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
+Erscheinen der beiden schttelte er leise das ehrwrdige Haupt, als wollte
+er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fhrend, herbeigelaufen,
+und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+
+"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
+"Dein Mann wird sich schn ber die faulen Stdterinnen lustig gemacht
+haben!"
+
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August trnke fast nie des Morgens
+mit ihnen Kaffee, er wre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
+Heuaufladen zugegen zu sein.
+
+"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie lchelnd mit einer
+Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
+Lektre bei der ehemaligen Dichterin!
+
+"Ja, ja, Kinder, so etwas mu eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die
+aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhren glaubte. "Poesie und
+Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande."
+
+"O, nicht nur auf dem Lande, berall im Leben," antwortete Ilse.
+
+"Ich bin brigens recht froh, da die Kinder in freier, natrlicher
+Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fr die
+Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung
+einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
+merkwrdige Auffassung, ihr solltet nur hren, wie sie ber alles spricht,
+ber den Gesang der Vgel, ber den Sonnenschein, ber den grnen Wald."
+
+Danach sah der ltte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
+nur wnschen, da er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
+"erblich belastet" sein mchte. uerlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
+
+"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse pltzlich, sich nach allen Seiten
+umsehend.
+
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem groen,
+mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mchtigen Pferden gezogen,
+eben in den Hof einfuhr. Und wer sa mit Bauernkindern zusammen hoch oben
+in dem weichen duftenden Neste, frhlich singend, wie eine Lerche in der
+Morgenfrhe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferdercken
+setzte.
+
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wrde ihr ein Spiegel
+vorgehalten und sie she sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
+auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
+der verhngnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+Wendung nahm, - kleine Ursachen, groe Wirkungen!
+
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den
+gnzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
+Lande, war aus ihr das unbndige, jungenhafte, trotzige Mdchen geworden,
+whrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so da
+man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" bersetzen
+konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine groe Zukunft. -
+
+Bestaubt, erhitzt, mit glhenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
+umarmte ihre Mutter unter strmischen Kssen. Sprudelnd und sich
+berhastend erzhlte sie, da sie schon ganz frh wach gewesen sei, und
+als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wre Herr Werner unten im Garten
+gewesen und htte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
+Heumachen. Da htte sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz
+ordentlich," versetzte sie, als Ilses prfender Blick ber ihren Anzug
+glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!"
+
+"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn
+der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
+
+"Er wird erst Toilette machen, um wrdig vor euch zu erscheinen," erklrte
+Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
+Stllen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
+Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkpfe", drangen bis
+zu der Kastanie herber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
+lachen wollten. Flora waren diese Ausbrche ihres erzrnten Gatten sehr
+unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
+und wollte selbst nachsehen, was es denn gbe. Aber da kam auch schon
+August den Kiesweg heraufgegangen.
+
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
+schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
+und schlappig hing die Joppe ber seine breiten Schultern, und das farbige
+Sporthemd lie seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
+Gesicht, vor rger und Hitze blaurot war.
+
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
+beschftigten Landmannes, und hatte fr Ilse daher durchaus nichts
+Fremdes.
+
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
+bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrte Nellie und
+Ilse.
+
+"Ein ganz famoses Mdel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir
+vielen Spa gemacht heute frh. Das wird mal eine gute Landwirtin!"
+
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
+
+"O, haben Sie rger gehabt?"
+
+"Ach ja, es gibt immer rger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die
+dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natrlich hat sie drei
+davon tot gebissen. Schafskpfe sind's," setzte er noch hinzu und legte
+seine Hand so krftig auf den Tisch, da das Geschirr klirrend
+zusammenschlug.
+
+"rgere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm
+besnftigend ber die Stirn.
+
+"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Hlfte
+der Butter wieder mit, die bei der Hitze natrlich schon zu einem Matsch
+geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell mu
+tchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann mssen auch die
+Sauerkirschen gepflckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
+worden in der letzten Nacht."
+
+"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun strke und erhole
+dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
+eigener Hand appetitlich belegte Brtchen bereitete und Kthe ins Haus
+schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
+Freundinnen immer von neuem. Sie htten es kaum fr mglich gehalten, da
+aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernnftige Frau
+werden knnte, denn soweit es Floras Beanlagung zulie, war sie wirklich
+eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige berbleibsel
+ihrer einstigen berspanntheit zum Vorschein, aber wer knnte auch seine
+innerste Natur ganz verleugnen? berschwenglichkeit war nun einmal der
+Grundzug von Floras Charakter. -
+
+Die nchsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den groen
+und kleinen Gsten herrlich. Den ganzen Tag drauen in der guten Luft,
+Abendspaziergnge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
+die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
+denen der Hausherr auch fter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fhlen, und auch diese hatten
+ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
+sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
+Rahmen des Gewhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
+
+"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder
+die Rede darauf kam.
+
+Flora waren derartige Gesprche immer sehr unangenehm, das konnte man
+merken.
+
+"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fr alles Schne
+und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
+und Mutter doch nicht zu versumen."
+
+"Ach was, Firlefanzereien! Strmpfe soll sie stricken und gut kochen
+knnen, das ist die Hauptsache."
+
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. ber diesen Punkt wrden
+sie sich ja doch nicht einigen.
+
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewhnt, sie
+blhte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, da sie
+in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+vergngt und zufrieden, da sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
+ihn etwas verringerte. Sie verfate natrlich tglich lange Briefe, worin
+mit allen mglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
+dir? Fhlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
+zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stundenlang ber einem Briefe sa, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
+reden, ihr Mann war gesund und krftig, und konnte mit dem armen leidenden
+Fred nicht verglichen werden.
+
+brigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
+ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrcke und
+neckte ihn damit, da sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+erzhlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fhle, und
+wie angenehm es sei, einmal nicht am Gngelbande gefhrt zu werden. Dann
+kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
+wahre Schauergeschichten ber das Leben und Treiben ihrer Ehemnner
+berichtete. Darauf erhielt er natrlich eine passende Antwort von Ilse.
+Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fr sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
+und sie natrlich auch von ihm. brigens erschien das kleine lebhafte Ding
+den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hherer Art, und wie gern
+lie sie sich anstaunen! Sie erzhlte ihnen Geschichten, da sie Mund und
+Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
+hatte, mit so reizender Stimme vor, da auch die Groen gern zuhrten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
+zrtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
+Fall war. -
+
+Eines Tages sagte Flora, da sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
+bei ihren Kranken machen msse, und fragte, ob die Freundinnen sie
+begleiten wollten, was sie natrlich von Herzen gern taten.
+
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
+und andre strkende Sachen wurden, in Krben verpackt, mitgenommen.
+
+"Ihr glaubt nicht, wie mildttig August ist, niemals kann ich den Armen
+genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
+die Dorfstrae schritt.
+
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
+der wie ein erfrischendes Bad fr die erschlaffte Natur gewesen war;
+begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
+sich der Himmel wieder aufgeklrt, und die Abendsonne spiegelte sich in
+den vielen groen und kleinen Pftzen, ber welche die drei Frauen hinweg
+schreiten und springen muten, indem sie die Kleider sorgfltig in die
+Hhe nahmen.
+
+Wirklich schien man Flora Werner berall gern zu sehen, sie blieb bald
+hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
+jedem einzelnen die Verhltnisse genau. Aber merkwrdig! Ihre
+Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
+leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
+sie vllig verstndnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+Ausdrcke bediente. Doch, das waren nur uerlichkeiten, wie sich Ilse und
+Nellie bald berzeugen konnten. Floras Wohlttigkeitssinn war ein tief
+innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Ttigkeit, das sie
+sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Frchte.
+
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelfteten Bauernstuben
+eintraten, flog es wie ein heller Schein ber die Gesichter der alten
+Weiblein und Mnnlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
+Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
+stets etwas Gutes fr ihn enthielt. Bei den jungen Mttern erkundigte sich
+Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlge und war mit jeder
+Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+einfhren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehrtet werden, im
+zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und hnliches mehr. Da
+aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
+die Bauernfrauen verstndnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
+gutmtig anlachten, und alles blieb beim alten.
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines bauflliges Haus, in welchem die
+junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglckt war
+und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
+Jahre, in grter Not krank und elend zurckgelassen hatte. Hier in dieser
+armseligen Htte traten jetzt die drei Freundinnen ber die Schwelle. Eine
+warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tre zu
+dem Raume ffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
+in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
+erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+zurck.
+
+"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
+wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,"
+sagte Flora freundlich und rumte selbst drei Sthle ab, auf denen
+schmutzige Wsche, in allen Farben gestopfte Strmpfe, zerbrochenes
+Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und hnliche Dinge umherlagen.
+
+"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gste habe;
+aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
+wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie
+sich neben dieselbe setzte und sie prfend betrachtete.
+
+ber das bleiche, abgezehrte und abgehrmte Gesicht war eine flchtige
+Rte gegangen, die es merkwrdig verschnte, als sie den fremden Besuch
+gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schmen, die kam ja so oft und kannte sie so
+gut, die war ihr keine Fremde.
+
+"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter."
+
+"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
+nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," trstete Flora
+sanft und liebevoll.
+
+Ein Kopfschtteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
+die Kinder, die sich in die Ecken gedrckt hatten und neugierig die
+Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
+gekleidet wren es gewi hbsche Kinder gewesen. Nur bei dem
+zweitjngsten, einem kleinen Mdchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
+geradezu malerisch zu der Schnheit des Kindes. Es sa der ltesten
+Schwester auf dem Scho; wirre, ungepflegte blonde Lckchen fielen tief
+ber ihr Gesichtchen, das unter den zurckgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen groen braunen
+Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
+Fchen streichelte.
+
+"O, wie s ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heit du?" fragte sie
+das Kind.
+
+"nnchen," antwortete die ltere Schwester.
+
+"Willst du der Tante nicht ein Hndchen geben?" fragte sie weiter.
+
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zgernd in die Hand der jungen
+Frau, aber ohne Widerstreben lie sich die Kleine dann von ihr auf den
+Scho nehmen. Zrtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fr die Kranke aus dem Korbe
+genommen und versprach fr die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+
+Mde und apathisch dankte die Frau.
+
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
+holen wagte, wollte das Fenster ffnen, aber frstelnd schauerte die
+Kranke zusammen und sie lie es geschlossen.
+
+"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend.
+
+"Ach, die holt ein bichen Futter fr die Ziege," entgegnete die junge
+Witwe.
+
+"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie knnen doch in
+Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben."
+
+"Die Kinder sind ja da."
+
+"Die knnen Ihnen doch nichts helfen, auf die mssen Sie ja noch dazu
+achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht lnger," sagte Flora.
+"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
+Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf."
+
+"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen
+diese Worte.
+
+"Das mssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tchtig von dem
+Wein, der krftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
+komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
+Abend und recht, recht gute Besserung."
+
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
+entgegenstreckte, und dann verlie sie mit den Freundinnen diese Sttte
+menschlichen Elends.
+
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie drauen die frische Abendluft
+empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
+konnte sich ber die Armseligkeit in dem Huschen, die einen tiefen
+Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
+einem fort von dem armen, sen nnchen, und Flora erzhlte die
+Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfhrlich. Alle
+drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+
+"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen knnen; der Doktor
+sagt, es wre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte
+Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erlst wrde, die rmste."
+
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfllung gehen! -
+
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
+Fall eingehend errtert, und in den folgenden Tagen fr die unglckliche
+Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mute tglich nach der Kranken sehen,
+und eine tchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+Frsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprften; sie wurde
+liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Ntigen versehen, und so
+empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glck.
+
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
+Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfllte, schlossen sich ihre Augen
+fr immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. -
+
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
+mit ihren Gsten frhlich plaudernd zusammensa, und zwar wie gewhnlich
+auf dem Platze unter der Kastanie.
+
+"O, die armen Kinder, das se _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit
+Trnen in den Augen.
+
+"Ja, ja, wir mssen helfen," sagte Herr Werner berlegend. Dann fragte er
+seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?"
+
+"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bldsinnigen
+Gromutter knnen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
+bergeben - es ist zu traurig!"
+
+"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann.
+"Deichmanns auf der Domne knnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
+Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke
+ich, wir knnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natrlich
+mut du dir's reiflich berlegen, aber wenn du willst - ich bin's
+zufrieden."
+
+"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine nnchen; o, es ist ein zu
+wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, whrend Ilse mit aufrichtiger
+Bewunderung den groen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
+Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+
+Den ganzen Tag nach diesem Gesprche blieb Nellie still und nachdenklich,
+und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
+letztere, da die Direktorin fortwhrend an klein nnchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschpf wohl aufblhen wrde, wenn es hier
+erst mit den Zwillingen zusammen wre. Mit einem tiefen Seufzer schlo sie
+ihre Betrachtungen.
+
+"Hre, Nellie," rief Ilse pltzlich, "wenn dir das Kind so gut gefllt, so
+nehmt ihr es doch zu euch."
+
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
+auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+schien beinahe, als htte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+doch heftig schttelte sie den Kopf.
+
+"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus.
+
+"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen."
+
+"O, Fred wrde es nicht wollen; nein, das geht nicht."
+
+"Ob dein Mann das nicht will, weit du ja gar nicht, aber mchtest _du_ es
+denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
+
+"O, ich mchte sehr gern, gewi mchte ich, ich liebe die _babys_ so
+sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr
+sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fr solch kleines Ding; Fred
+nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich mte ihn vernachlssigen, o, und
+das ginge doch nicht."
+
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
+wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich
+die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschftigt.
+
+Aber Ilse lie sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht
+abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
+gebeten hatte, darber fr immer zu schweigen.
+
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
+merkwrdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
+Ahnung hatte, worber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
+sich dann jedesmal mit den Kindern zurck, um mit ihnen zu spielen.
+
+Nach Tische saen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
+einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, whrend
+Ilse diktierte.
+
+"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann
+wieder lie Flora ihre Bedenken einflieen. Auf diese Manier wurde viel
+geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl fr ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
+fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftrger kam, wurde es
+diesem bergeben mit der ausdrcklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
+und pnktlich zu besorgen.
+
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
+beiden Geheimnisvollen in den nchsten Tagen unzhlige Male aus, und mit
+Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftrger entgegen.
+
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewhnlich den
+Kaffee unter dem grnen Bltterdach einnahmen. Fr Ilse hatte er nichts,
+aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+
+"Von Fred," sagte sie leicht errtend, worauf sie sich erhob und ins Haus
+ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
+Episteln von ihrem Fred studierte.
+
+Voller Erwartung blieben die beiden zurck. Nun sie so unmittelbar vor der
+Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
+khnes Wagestck gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustr mit dem Briefe in der
+Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
+klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
+Trnen standen, aber zugleich umspielte ein glckliches Lcheln ihre
+Lippen.
+
+"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fr
+mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kte. In ihrer
+Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frher mihandelte
+sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
+freudig und gerhrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
+und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: da er nichts
+dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
+wre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+einsam und allein zubringen mte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+htte, und er hoffe auch, da das kleine Geschpf einiges Leben in ihr
+stilles Haus bringen wrde.
+
+Ilse sah Flora lchelnd an. Fast wrtlich wiederholte er, was sie ihm
+geschrieben hatte.
+
+"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als
+diese zu Ende gelesen hatte.
+
+"O, o, was fr ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
+Ilschen," antwortete sie berglcklich und als ob sie ein Gelbde ablegte,
+fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
+wie will ich den lieben Gott recht bitten, da er eine gute Mutter aus
+mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?"
+
+"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was
+du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+vergelten."
+
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+
+Das erste war dann, da sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
+Fred schrieb. Bis die ueren Formalitten erledigt waren, flog zwischen
+den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
+Arbeit berhuft, wie er schrieb, sonst wre er selbst gekommen, um seine
+Frau und das Pflegetchterchen zu holen. -
+
+Klein nnchen aber siedelte schon am nchsten Tage zu ihrer neuen Mutter
+ber, und frisch gewaschen, sorgfltig gekmmt, in einem neuen Kleidchen,
+sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
+wie mglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
+wollten ihn etwas Tchtiges lernen lassen.
+
+So war mit dem dsteren Tod zugleich das Glck in die arme Htte
+eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
+ihrem bisherigen Elend zu entreien.
+
+Die schne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschlu
+gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knpfte, war diesmal
+ein unauflsliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+vielen Trnen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+da die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefat hatte.
+
+ * * *
+
+Klein nnchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
+Wunderdinge zustande. Nellie mute ihre Pflege von nun an teilen und, was
+sie nie geglaubt htte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
+kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
+was ihn empfing - zunchst war da klein nnchen die Hauptsache, und
+darber verga Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
+nicht alles verstand und wute! Beide konnten ihre Vorzge nicht genug
+rhmen, es gab kein aufgeweckteres und hbscheres Kind, und das "Erziehen"
+htte leicht ein "Verziehen" werden knnen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
+Heinz auch noch dagewesen wren. Die Vortrge des letzteren ber
+Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+Nellie vorwarf, da sie viel zu gutmtig und schwach dem Kinde gegenber
+sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
+trotzdem hatte es helles Glck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
+es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
+frhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
+junges Leben hierher verpflanzt worden war.
+
+ * * *
+
+So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
+Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
+Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
+mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glck frher, dem andern
+spter und manchem nie.
+
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorber, frohe und
+trbe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem
+andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
+war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
+schwere Wolke lagerte es jahrelang ber ihnen.
+
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
+mssen, und so wurde aus dem frhlichen, frischen Kinde schlielich ein
+stiller, verschlossener Junge. An den Vergngungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
+immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+groen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
+seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
+letzten Jahren mit Arbeit sehr berbrdet und konnte sich seiner Familie
+nicht so widmen, wie er wohl wnschte. Rosi war wie mit Blindheit
+geschlagen! Durch fortwhrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu knnen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
+Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
+Lebenslust mchtig in ihm; er htte hinauslaufen mgen, weit weg; er
+fhlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreien.
+Und immer hufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
+Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfhrerisch lockend vor seinen
+Blicken. -
+
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals
+fnfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne da die
+angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt htten - er war
+und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
+"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwrfe
+machte, oder das Unglck nur als eine Fgung des Himmels ansah? Von ihrem
+Manne hrte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prfung ganz
+niederdrckte, suchte doch immer nach einem Troste fr Rosi und klagte
+sich selbst wegen seiner Schwche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein berlassen zu haben. Tante Emilie
+ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, da sie
+sagte, Fritz wre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
+so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
+kurzen Wiederhall in dem betrbten Mutterherzen. Eine drckende Schwle
+herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglck. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Mdchen herangewachsen war, konnten
+sich Rosi und ihr Mann nicht entschlieen, sie in die Welt einzufhren. -
+
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
+jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
+Frhlichkeit ins Haus. Zu blhenden, lieblichen Geschpfen waren sie
+herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
+Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jngere blond, rosig,
+zierlich, die ltere gro, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
+Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schner, wozu auch wohl ihr liebenswrdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
+dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fr den
+Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu dmmen. Wie oft mute sie sich von Leo
+necken lassen, wenn sie ber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die
+Mutter." Aber da aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
+einst gewesen war, dafr hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
+und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mute
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstndnis er in dem
+jungen Mdchenherzen zu lesen wute. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine
+beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm lie sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
+rcksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
+geworden, aber auch unter dieser neuen Wrde hatte sie sich ihren
+frischen, natrlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl uere und
+innere Vernderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
+sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
+drehte, ihr Mann vergtterte sie noch immer, und ihre Tchter liebten sie,
+wie nur Kinder eine Mutter zrtlich lieben knnen; sie war ihnen Mutter
+und Freundin zugleich.
+
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
+Ruth und Marianne noch kleine Mdchen waren, der Tag, an dem er sie auf
+den ersten Ball fhren konnte.
+
+Der erste Ball! Welches Zauberwort fr ein junges Mdchenherz! Marianne
+und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
+Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+unberhrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+Toiletten der Kinder auch in Ordnung wren, brachen die jungen Mdchen in
+ein unsinniges Gelchter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
+ganz Ungewhnliches. Nur Ruth fand es lcherlich, sich um einen "lumpigen
+Ball", wie sie sagte, so aufzuregen.
+
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit nnchen, das inzwischen ein
+groes Mdchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
+tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+Kleinigkeit.
+
+"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die
+Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
+zu beginnen.
+
+"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhat, ich werde noch
+frh genug fertig," rief das junge Mdchen und sah etwas spttisch
+lchelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glhten. Sie war doch
+ganz anders geartet, als sonst die Mdchen ihres Alters, deren Interessen
+sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
+nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wnschte.
+
+"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt,
+als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich wei genau,
+da wir in der Auswahl der Farben nicht bereinstimmen wrden, fgen aber
+wrde ich mich nicht. Was wrdest du z. B. fr eine Farbe whlen,
+Marianne?"
+
+"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschschtig," hatte Ilse gemahnt; aber
+als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
+aufgebraust.
+
+"Natrlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wrde ich dir ja hbsch zur
+Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
+Geschmacklosigkeit!"
+
+"Einem jungen Mdchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone
+erwidert.
+
+"Na ja, natrlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
+ist einfach dumm. Natrlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
+Pfingstrschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
+dir eine solche Farbenzusammenstellung!"
+
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Trnen ausbrach und Ruth sie
+nun auf alle Weise zu trsten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
+Schwester trotzdem zrtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wrde
+immer gleich alles belgenommen, niemand verstnde sie. Warum gerade sie
+wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, whrend Marianne natrlich einem
+Engel gleichen wrde. Htte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
+Ruths Redeflu ein Ende gemacht, so wren deren leidenschaftliche
+Ansprche und Mariannes Trnen gewi noch lange nicht versiegt. So aber
+hatten beide lachen mssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
+werden knnen.
+
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbckige Mdchen geworden,
+wie sie zwei frische, rotbckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
+in ihren blauen Ballgewndern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+standen, mute man sich ber diese drei anmutigen Mdchenblten freuen.
+Und was war natrlicher, als da in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
+Pension geschmckt hatten, und da sie nun zum Ergtzen der Kinder davon
+erzhlten.
+
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertnten pltzlich aus
+dem Nebenzimmer die Klnge eines Flgels und Ruths Stimme.
+
+"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
+nicht an den Ball; am liebsten se sie berhaupt den ganzen Tag am
+Flgel. Es ist ja die hchste Zeit, da sie sich anzieht," sagte Ilse,
+aber unwillkrlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
+vollen herrlichen Tne, und als sie endlich eindrangen zu der Sngerin,
+fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
+von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
+ihrem einfachen, weien Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
+ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
+
+Die andern drei Balldamen rmpften allerdings die Nase ber den gar zu
+einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
+die andre zu Blumen im Haar.
+
+Ruth lehnte alles ab.
+
+"Kinder, lat mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie.
+
+In diesem Augenblick erschien das Mdchen mit zwei wundervollen Bouquets,
+das eine ganz aus rosa, das andre aus weien Blten. Marianne wurde wie
+mit Purpur bergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weie
+Blttchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strau.
+
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
+einiger Zeit aus den Tropen zurckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
+bedeutendes Vermgen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
+einfhrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
+wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Tchter eingeladen worden.
+
+Die beiden jungen Mdchen hielten noch immer die duftende Spende in den
+Hnden.
+
+"Sieh nur, Mama, der entzckende weie Flieder," rief Ruth, und Marianne
+zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
+in ihrem Straue wren. Dazwischen tnten die krftigen Stimmen der
+Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, s," und nnchen lief bald
+hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hren.
+
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mdchengesichtern war in der
+Tat ein entzckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
+dafr zu haben, denn als er jetzt die Tre ffnete, blieb er wie
+angewurzelt in derselben stehen.
+
+"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut.
+
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
+wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
+Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+darber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+schmunzelndes Gesicht pate nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
+ab, wie ein schwarzer Kfer auf bunten Bltenblttern.
+
+"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir
+wohl gut?"
+
+"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es
+von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mdchen
+umschlossen, immer eindringlicher bestrmten sie ihn mit Fragen; er wute
+schlielich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Hnden die Ohren
+zu.
+
+"Scheulich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte
+wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Qulgeistern befreit zu
+werden; aber darin hatte er sich getuscht, nun ging es erst recht los.
+
+"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheulich aus?" -
+"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von
+neuem durcheinander.
+
+"Findest du, da mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen
+hatten dabei einen so s bittenden Ausdruck, da der Professor nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage
+mal, du mut etwas um den Hals binden, du erkltest dich ja sonst. Herr
+Gott, was ist das berhaupt fr eine Verrcktheit, sich so anzuziehen! In
+euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+bloen Hals und den nackten Armen einen schnen Schnupfen holen."
+
+Da gab es wieder zu lachen ber eine solche Ansicht.
+
+"Wen findest du denn am hbschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda.
+
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
+er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
+
+"Natrlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle.
+
+"Onkel Heinz, httest du fr mich vielleicht ein weies Kleid hbscher
+gefunden?" fragte Marianne.
+
+"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein mssen, wei
+ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht."
+
+"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne.
+
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelchter ausbrach.
+
+"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unntzen Geschichten habe ich mein Lebtag
+keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun."
+
+"Weit du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn
+bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
+darber urteilen."
+
+"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern.
+
+"Ich tanze so viel Tnze mit dir, wie du willst."
+
+"Und ich bringe dir den schnsten Kotillonorden."
+
+"Mich darfst du zu Tische fhren."
+
+"Wir wollen berhaupt tun, was du willst."
+
+Sie berboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
+Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
+
+"Krten, so lat mich endlich in Ruhe, ihr seid ja auer Rand und Band!"
+rief er, sie zurckdrngend.
+
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz berhrt, da die
+Tre geffnet wurde, bis Ilse pltzlich Herrn Jansen andchtig auf der
+Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blhenden
+Mdchenkranze.
+
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+auseinander, als die hohe Gestalt nher kam. In Mariannes Antlitz aber
+stieg eine heie Blutwelle bei seiner herzlichen Begrung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth hngen, deren Hand noch in des
+Professors Arm lag. Die schlanke, weie Gestalt schien ihn ungemein zu
+fesseln, und er nahm ihre zum Grue dargebotene Rechte mit groer Wrme
+entgegen.
+
+"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut.
+
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weier
+Krawatte, und drngte zur Eile, die Wagen stnden bereits vor der Tre.
+
+"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Tnzer werdet ihr wohl
+nicht mehr bekommen."
+
+"Onkel, da du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
+habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth.
+
+"Na, da du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
+mal ein vernnftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun
+doch nicht anders, du mut mit, du armes Opferlamm."
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als htte sie pltzlich einen guten
+Einfall bekommen, "weit du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
+und wir beide verleben einen recht gemtlichen Abend zusammen. Ach, das
+wre reizend!"
+
+"Und was wrde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen.
+
+"O, da knnte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und
+schmiegte sich zrtlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
+und singe dir alle deine Lieblingslieder vor."
+
+Etwas wie Rhrung flog nun doch ber das Gesicht von Onkel Heinz, und
+seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
+
+"Alte Krte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amsieren, als
+mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
+dieser Unsinn gehrt nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unntze
+Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
+Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
+berichten. Alte, gute Krte du!"
+
+Er klopfte sie zrtlich auf die Backe.
+
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
+fr sie wieder eine Sache von grter Wichtigkeit gewesen war. Diese
+Angst, da die Kleider und Blumen zerdrckt werden mchten - es war eine
+groe Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, whrend die
+geschftigen Hnde in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
+es:
+
+"Wo habt ihr denn meinen Strau hingelegt?"
+
+"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?"
+
+"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fcher in der Hand!"
+
+"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
+fortgenommen?"
+
+Dazwischen drngte Leo, es sei die hchste Zeit, da sie fortkmen; Ilse
+schalt ber die Unordnung, nnchen suchte berall herum, trat dabei auf
+Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strau gestellt hatte, so da sich das Wasser ber den Tisch auf den
+Fuboden ergo und alle flchten muten - kurz und gut, richtete mit ihrer
+gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+gefunden.
+
+"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
+Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
+Vergngen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Krte?" fragte
+er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weiseidene Kopftuch noch
+tiefer in die Stirn.
+
+Die brigen waren bereits die Treppe hinabgestrmt, nur Nellie stand noch
+oben und verabschiedete sich von nnchen. Immer wieder kten sich die
+beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
+
+"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?"
+
+"Wir kommen, wir kommen!"
+
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
+Strae her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hrte man das Zuklappen
+der Wagentren, das schnelle Rollen der Rder, und nun war alles still. -
+
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ber die Ohren gezogen und die
+Hnde tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
+die Strae hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
+zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+Straen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+Abend ber da. Der Kellner brachte ihm wie gewhnlich die Zeitungen, er
+legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines
+Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schttelte er den
+Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
+der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
+an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemtlichen Rumen ordnend,
+verschnend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
+ein Mann sa und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
+glnzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
+der davon wie magisch angezogen wurde; er lie Bcher und Schriften liegen
+und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
+knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
+Hnde bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkrlich machte Onkel
+Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewutsein dieser Trume gelangte,
+und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblate, und es
+erschien wieder sein dsteres Studierzimmer mit den strengen, langen
+Bcherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
+Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
+Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
+Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
+Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
+entschlieen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie
+gewhnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewhnlich - gequalmt.
+Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
+versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwhrend luftige Gestalten an sich
+vorbergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
+"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
+doch einschlief.
+
+Am andern Morgen, als es noch dmmerte, wurde er von seiner Aufwrterin
+geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er rgerlich
+darber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
+Anla, ihrer Busenfreundin, der Mllern, ihr Herz auszuschtten und ihr zu
+klagen, wie bse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht htte
+er sie noch niemals behandelt. ber den Kaffee habe er geschimpft, der
+Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe msse besser geputzt
+werden. Und sogar ber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+bemerkt habe, htte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+gewesen.
+
+Whrend Onkel Heinz einen so ungemtlichen Abend verbrachte, hatte seine
+Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
+
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
+betreten, und selbst Ruths Herz schlug hher, als sie in dem glnzenden
+Raume stand. Der Sorge um Tnzer waren die jungen Mdchen bald berhoben,
+denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
+dicht besetzten Ballkarten.
+
+"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmtter," sagte Ilse lachend, als sie in
+den Reihen, welche fr die lteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+
+"Macht nichts, wenn wir alte Mtter werden, ist auch fein," sagte Nellie;
+aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaen,
+sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Mtter". Das Glck, das aus
+beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjngte und
+verschnte sie merkwrdig.
+
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
+sich dann aber ins Nebenzimmer zurck, wo sie bei einem Glase Bier
+gemtlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
+bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
+
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
+suchten sie, wenn sie im bunten Gewhle verschwand, bis er sie gefunden
+hatte, und so oft es ging, nherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
+auf dieses oder jenes hbsche Mdchen aufmerksam machte, so fand er sie
+alle hlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
+er einzig und allein schn fnde. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
+tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als mglich das Gesprch auf
+ihre Schwester zu bringen.
+
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen ffnen
+mchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
+
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
+Herrn Jansen bei ihren Eltern einfhrte, eine stille Neigung fr diesen
+eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflnzchen mehr
+und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fate. Arme Marianne!
+
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
+neue Nahrung fr ihre Neigung und sie merkte nicht, da es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
+
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
+erschpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
+tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glckstrahlendes Gesicht sprach
+deutlich genug von den Gefhlen, welche ihr Inneres erfllten. Whrenddem
+hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glschen Eis holen lassen, das sie
+nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
+hatte, mit Behagen verzehrte.
+
+"Es ist doch sehr, sehr hbsch heute abend; ich amsiere mich wenigstens
+herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergngt den jungen Mann, der sich an
+ihrer Seite niedergelassen hatte.
+
+"Fr mich war es der schnste Abend meines Lebens, Frulein Ruth,"
+erwiderte er.
+
+"Da haben Sie wohl noch nicht viel Blle mitgemacht? In Indien gibt es
+wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich.
+
+"Und wenn ich hundert Blle mitgemacht htte, so wrde dieser doch der
+schnste fr mich sein," antwortete er mit Nachdruck.
+
+"So, und warum denn?"
+
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
+gnzlich ohne Arg ber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
+Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fr sie sehr ins
+Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
+Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
+da er etwas andres in ihr erblicken knnte als eine Freundin, war ihr
+noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hchsten
+Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+"Weil Sie hier sind!" und die verhngnisvolle Frage daran knpfte: "Haben
+Sie mich denn nicht gern, Frulein Ruth?"
+
+Da wurde es ihr auf einmal ganz ngstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
+und wnschte zu den Ihrigen gefhrt zu werden.
+
+"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige
+Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natrlich."
+
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
+rasch voraus.
+
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
+Hand und drckte sie zrtlich an seine Lippen. Whrend aber die Schwester
+und die Zwillinge unterwegs lebhaft ber ihre Erlebnisse vom heutigen
+Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
+tnte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschftigte, oftmals an
+ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+schlielich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
+Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn
+ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
+ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
+mit ihm prchtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
+Zuneigung fr ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewi vllig
+harmlos gemeint, so viel wute sie doch auch, da eine Liebeserklrung
+ganz anders lautete, - wie sollte er berhaupt dazu kommen, ihr einen
+Antrag zu machen? Nein, nein, es wrde schon so sein, wie sie dachte. Mit
+diesen trstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
+vollstndig beruhigt ein in dem festen Glauben, da Herr Jansen nur eine
+freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
+
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehrt hatten zu
+schwatzen, noch lange wach. Selige, beglckende Gedanken verursachten ihr
+Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
+Blicke ins Gedchtnis zurck. Und weiter spann sie ihre Trume, die ihr
+eine unbeschreiblich schne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spt
+gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklrender Schein auf dem
+holden Mdchenantlitz.
+
+So beschftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
+lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
+Hoffnung auf ihn. Whrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wnschte die andre sehnlichst, da er fr sie nur freundschaftliche
+Gefhle hegen mchte. -
+
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzhlt
+wurde, schalt er seine Aufwrterin ein ber das andre Mal aus, und als sie
+fort war, ging er prfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
+einen Stuhl anders, dann rckte er die Bilder, die schief an der Wand
+hingen, zurecht, sortierte die unzhligen Papiere, die zerstreut und
+bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
+legte das brige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
+er einer grndlichen Besichtigung, deren er wahrlich ntig genug bedurfte.
+Seiner Aufwrterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fr allemal nichts
+anrhren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
+Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Mnner hinreichend.
+Deshalb lie sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fr immer in Ruhe,
+und da er mit einer dicken Staubschicht berzogen war, konnte ihn also
+eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
+bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ber die Bcher und Schriften,
+da die kleinen Staubteilchen lustig in die Hhe flogen, schttelte den
+Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefllt war,
+in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und
+betrachtete sie eingehend. Die Glser waren fast undurchsichtig, er
+wischte sie mit seinem rmel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+Platz zurck. Schlielich lie er sich an dem gesuberten Schreibtische
+nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
+gehen. berdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstbern
+verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
+hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
+deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
+nicht gerade in die gnstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
+
+ [Illustration]
+
+Aber wenn er hier eitel Lust und Frhlichkeit zu finden hoffte, so hatte
+er sich getuscht.
+
+Als ihm auf sein Klingeln geffnet wurde und er in den Flur trat, ging
+vorsichtig die Tre auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mdchen
+fhrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+
+"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein."
+
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
+geschehen sei.
+
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
+
+"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tr hinter ihnen
+geschlossen hatte.
+
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
+Professor.
+
+"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
+eben fr mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und
+fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewi
+nichts dafr, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, da ich ihn gern
+htte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
+Onkel Heinz?"
+
+"Na, nun man sachte, man sachte, ich wei ja noch von gar nichts,"
+unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
+begann.
+
+"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, whrend er
+las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, whrend sie erregt
+im Zimmer auf und ab wandelte.
+
+"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ber
+seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
+
+"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie
+angstvoll.
+
+"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er lchelnd zur
+Antwort.
+
+"Was soll ich denn aber tun?"
+
+"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
+indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer
+etwas zu sagen."
+
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+
+"Du mut doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weit ja doch
+immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
+
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "da er
+besseres zu tun htte, als ber solche Dummheiten nachzudenken," hatte
+aber doch wohl das Gefhl, als ob es eine groe Ehre fr ihn wre, von
+einem jungen Mdchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
+werden. Auch konnte er den ngstlich fragenden Augen seines Lieblings
+nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
+die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? berlegend ging er
+einige Male im Zimmer auf und ab.
+
+"Ja, sage mal, Krte, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich.
+
+"Ja natrlich, gewi, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort.
+
+"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch."
+
+"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch
+leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder -
+meinst du doch?"
+
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
+einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
+Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb -
+berglcklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendhei berlief es sie bei diesem
+Gedanken; sie wute gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
+auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war vllig ratlos.
+
+"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie
+ihre Frage noch einmal dringlich.
+
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
+nichtssagenden Worte heraus:
+
+"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann pltzlich fort, als wre ihm
+auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen berhaupt
+dazu, dich heiraten zu wollen?"
+
+"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle
+fragte er mich, ob ich ihn gern htte, und da habe ich ja gesagt, denn es
+ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
+mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Mu ich ihn denn
+nun wohl heiraten?"
+
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
+schwerer, hier eine richtige Lsung zu finden, als bei irgend einer noch
+so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wute nicht ein noch aus,
+und Ruth wurde immer dringender.
+
+"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich.
+
+"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun mu man sich
+den Kopf ber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er
+aber sah, da Ruth in ihrer Herzensangst die Trnen in die Augen stiegen,
+lenkte er sofort wieder ein. Weibertrnen konnte er nicht sehen, am
+wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
+
+"Na - wir wollen mal sehen, Krte," sagte er zrtlich, "was in dieser
+Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+einlt."
+
+Onkel Heinz selbst fhlte, da seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
+wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
+denn in diesem Augenblicke ertnte drauen die Klingel.
+
+"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
+Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
+Arm.
+
+"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und
+empfand dabei die Beruhigung, da er diesmal etwas ganz Vernnftiges
+gesagt habe.
+
+"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
+gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hren. Jetzt
+will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
+tun mu."
+
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Tre hinaus.
+
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
+Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich hei
+dabei geworden - da flog die Tre wieder auf, und Ruth strzte aufgeregt
+herein.
+
+"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz.
+
+"Nun ist es zu spt, nun ist es zu spt!" jammerte sie laut.
+
+"Ja, was ist denn zu spt?" fragte er.
+
+"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
+als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
+ich nun tun, was soll ich anfangen?"
+
+Onkel Heinz schwieg. Er wute keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
+unglcklich schien; im nchsten Moment schon wrde man ja von ihr
+vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
+richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
+Selbstgesprch, das Onkel Heinz mit fortwhrenden Randbemerkungen
+begleitete.
+
+"Ich werde berhaupt nicht heiraten," fing sie an.
+
+"Das wre das Vernnftigste, was du tun knntest, aber bei euch
+Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte
+er.
+
+"Ich passe ja gar nicht fr die Ehe, ich wrde einen Mann nur qulen und
+unglcklich machen," fuhr sie fort.
+
+Der Professor lchelte ironisch ber dieses Selbstbekenntnis einer edlen
+Seele.
+
+"Na - das mte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
+schlechteste," sagte er.
+
+"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht
+verheiratet, Onkel Heinz!"
+
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank
+nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder
+die freundlichen hellen Rume und als Gegensatz sein einsames
+Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+Verhltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
+von manchem Silberfaden durchzogen war.
+
+"Weit du, Onkel Heinz," rief Ruth pltzlich und sah ihn mit ihren groen,
+braunen Augen an, "wenn ich berhaupt je einen Mann nehmen wrde, knntest
+nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten."
+
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
+lie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. -
+
+Nun wute der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklrung sein oder
+nicht? Nein, in was fr Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
+heute morgen diese Krte! Er wute gar nicht, wie er sich nun in dieser
+neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
+hielt ganz still unter dieser zrtlichen Umarmung; aber seine Augen
+blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schchterner Liebhaber, legte er seinen
+Arm um ihre Taille.
+
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
+solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
+ihr Gesicht drckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+noch das Unglaubliche, da Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errtete und sich
+fast wie ein ertappter alter Snder vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafr konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mute. Da Ruth
+ihn umarmte und kte, war nichts Seltenes, aber heute mute ihre Umarmung
+doch wohl einen ungewhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
+ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
+richtige Platz, um ihr bedrngtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mute den
+Brief lesen, und Ruth lie sich von ihr unzhlige Male wiederholen, da
+man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern htte.
+"Gernhaben" und "Liebhaben" wre doch ein groer Unterschied, erklrte
+Ruth.
+
+Bei diesen Worten lchelte Onkel Heinz spttisch; woher wuten nun wohl
+solche Krten so etwas!
+
+"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, da ich ihn nicht
+heiraten knnte," drngte Ruth.
+
+"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
+erst kommen, denn das wrde dem jungen Manne doch sonst eine groe
+Verlegenheit bereiten," sagte Ilse.
+
+"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drben bei Vater im Zimmer?" fragte
+Ruth.
+
+"Bewahre."
+
+"Ihr spracht doch mit einem Herrn."
+
+"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
+wollte," setzte Ilse auseinander.
+
+"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz,
+"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen."
+
+In liebevollster Weise trstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
+indem sie ihr zrtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
+atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
+
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
+zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
+einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ber den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
+Onkel Heinz an, der unaufhrlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
+machte, das ein Mittelding zwischen Rhrsamkeit und mephistophelischem
+Lcheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
+
+Mit dem jungen Mdchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
+in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
+Gesichtchen unter der dunklen Pelzmtze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jckchen auszog.
+
+Onkel Heinz wurde heute nur flchtig begrt, fragend wandte sie sich an
+Ilse und Ruth.
+
+"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte
+sie die Schwester dabei an.
+
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewuten Brief hin, den Marianne
+ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
+sich wie ein Schleier ber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
+an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
+durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die
+Gegenstnde wurden verschwommen - ein bengstigendes Gefhl hemmte den
+Herzschlag und schnrte ihr die Kehle zusammen - und sie wre unfehlbar
+umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwche bemerkt htten und
+hinzugesprungen wren. Marianne war ohnmchtig geworden. -
+
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlfen mit einer
+strkenden Essenz, whrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
+befanden sich in hchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
+er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
+Ohnmchtigen, in das noch kein Schimmer von Rte zurckkehren wollte.
+Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her strmten die
+Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewutlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, whrend sich
+Thusnelda ber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
+
+"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!"
+
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+
+Inzwischen war Ilse fortwhrend ngstlich um Marianne bemht, bei der das
+Bewutsein immer noch nicht zurckkehren wollte.
+
+"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
+sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
+hatte.
+
+"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt.
+
+"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor.
+
+"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth
+voller Angst.
+
+"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An
+allem ist der verrckte Ball schuld! Natrlich habt ihr euch zu eng
+geschnrt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Klte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
+gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
+dergleichen, das ist kein Wunder."
+
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
+welches dieser verrckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
+der Ohnmchtigen zu.
+
+"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er
+wieder an.
+
+"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse
+ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
+
+"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, da dieser tiefer liegt
+und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
+Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es
+doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
+Heulkonzert auffhrten.
+
+"Die Kinder haben eben mehr Gefhl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer
+augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
+jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ber ihn rgerte.
+
+"Wenn man nicht sentimental ist, heit es gleich man hat kein Gefhl,"
+erwiderte er ruhig.
+
+Ilse wre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
+nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch genommen htte; es vershnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt nher trat, Marianne zrtlich
+auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Krte, wie geht's denn? Was machst
+du aber auch fr Geschichten!"
+
+Als das junge Mdchen wieder zum Bewutsein gekommen war, blickte sie
+erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
+
+"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme,
+- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der
+Professor drngte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, da sie
+schweigen mchten, zurck.
+
+Ilse rief Marianne trnenden Auges mit den zrtlichsten Schmeichelnamen,
+Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tnte das Schluchzen von
+Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde
+bei alledem pltzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+Weibertrnen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
+einmal sehr berflssig fhlte, hielt er es fr das beste, sich
+zurckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flchtiges
+Abschiedsnicken fr ihn, aber Ruth drckte ihm innig die Hand. -
+
+Als er einige Zeit spter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
+betrat er sie mit einem angenehmeren Gefhl, als er sie verlassen hatte.
+Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
+Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wrde auch
+vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgesprche
+antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz
+abgezogen und hielt die kalten Hnde an den Ofen; als sie warm geworden
+waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
+wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
+Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+Gesellschaft fhlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
+
+Still und ruhig war's im Zimmer, man hrte nur das Gerusch der
+schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
+lustig knackte und knisterte.
+
+Der Professor blieb den ganzen Tag ber angestrengt bei seiner Arbeit
+sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
+Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
+zuvor. Als es dmmerte, erschien sie bei ihm und rttelte ihn wieder aus
+seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
+sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Trnen, da sie die
+eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
+verhngnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
+Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wrde. Marianne htte
+nmlich ein tiefes Interesse fr Jansen und sei berzeugt gewesen, da er
+dasselbe erwidere.
+
+Onkel Heinz hatte whrend dieser Erzhlung mehrmals den Kopf geschttelt
+und seine Bartspitze so zusammengedreht, da man sie htte durch ein
+Nadelhr einfdeln knnen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
+diesem Tage - zwei unglckliche Lieben!
+
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
+konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
+Schwester und voll ngstlicher Sorge ber deren Zustand. In Abstzen
+erfuhr der Professor, da Marianne krank im Bett liege, da man einen Arzt
+habe holen mssen, der eine Nervenerschtterung konstatiert und grte
+Ruhe anempfohlen habe.
+
+"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglcklichen Liebe!" rief Ruth laut
+jammernd aus.
+
+"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrckten Romanen vor, aber
+im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Sie ist aber so elend."
+
+"Wird sich schon wieder erholen."
+
+"Glaubst du wirklich?"
+
+"Natrlich! Beruhige dich nur, alte Krte," redete er ihr liebevoll zu.
+
+"Warum mute es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen
+nicht Marianne statt mich?"
+
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wute es doch auch nicht.
+
+"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglcklich liebte?" fragte
+das junge Mdchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
+
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
+
+"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder.
+
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
+
+"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff.
+
+"Hltst du die Liebe wirklich nur fr Unsinn?" Und als er nicht
+antwortete, fuhr sie fort: "Weit du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
+berhaupt nicht lieben."
+
+"Was die Krte da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der
+Professor bei sich.
+
+"Willst du wissen, was ich wohl mchte?" fragte Ruth nach einer kleinen
+Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es
+wissen? Ich mchte singen knnen, singen wie eine richtige Sngerin, ich
+mchte - eine Knstlerin werden."
+
+Der Professor prallte ordentlich zurck, so erregt hatte sie diese Worte
+ausgerufen.
+
+"Weit du denn berhaupt, du Kickindiewelt, was eine Knstlerin ist?"
+fragte er, das Wort 'Knstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten
+Weise betonend.
+
+Dann kam er wieder nher und sah sie scharf an mit hchst wichtiger Miene.
+
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+
+"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft
+so komisch, so - ich wei nicht wie! Ich habe das Gefhl, als mte etwas
+heraus, als mte ich jauchzen oder weinen, ich fhle mich glcklich und
+unglcklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
+wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als wre ich gar nicht auf der
+Erde, als trgen mich Flgel empor - dann bin ich gut - dann denke ich
+edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht
+beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
+Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig."
+
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
+Worte erstaunter an. Was sprach da diese Krte! Dieses Kind! Solche
+Redensarten konnte es machen, da hrte ja einfach alles auf. Aber er
+empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
+Augen seines Lieblings sah, da dieses Kind kein Kind mehr war, da es
+eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, -
+ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
+das junge Mdchen, seinen Sonnenschein, seine alte Krte noch immer
+schweigend und so prfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
+So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
+nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
+kleine Mdchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
+eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
+pltzlich ber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreien.
+
+"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie lchelnd.
+
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+
+"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ber seine Stoppeln, das sollte so viel
+heien, als: es ist nun einmal so.
+
+"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zrtlicher
+Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine groe Bitte an dich,
+aber - du mut mir versprechen, da du sie erfllen willst."
+
+"Da werde ich mich schn hten," warf er ein und lchelte spttisch.
+Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
+Frauenzimmer fertig bringen.
+
+"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er
+aber dennoch.
+
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, da er wie gewhnlich nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zgernd von ihren Lippen, "wenn du
+doch nur mal mit den Eltern sprechen mchtest, ob - ob sie meine Stimme
+nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
+siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich mchte so gern etwas
+Ordentliches lernen, ich will so fleiig sein, will mir so viele Mhe
+geben, will ganz und gar nur der Kunst leben."
+
+"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
+ihn ernsthaft.
+
+"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
+spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
+Scherzen aufgelegt."
+
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Trnen stiegen ihr in
+die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen.
+
+"Weine doch nicht, Krte; da ihr Weiber doch immer gleich flennen mt,"
+sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
+wellig gescheitelt bis tief in die Schlfen fielen und das feine, schn
+geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen lieen. "Aber
+das mit der Knstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das
+geht nicht, das geht auf keinen Fall."
+
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+
+"Aber Onkel Heinz!"
+
+"Was willst du denn berhaupt fr eine Knstlerin werden? Willst du etwa
+Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschtzig, denn unter
+dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Bhne gehen
+wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Krte, da gehrst du
+nicht hin, das geben die Eltern berhaupt nicht zu und ich auch nicht,
+daraus wird nichts!"
+
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn da Ruth
+vielleicht eine solche Absicht haben knnte, war ihm ein furchtbarer
+Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so wre, wie es sein sollte," setzte er
+wie im Selbstgesprche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte
+Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
+Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen berhaupt einen Begriff!"
+
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
+versucht, ihn zu unterbrechen, ohne da es ihr gelungen wre. Jetzt hielt
+sie ihn am Arme fest.
+
+"Onkel Heinz, das alles wei ich ja noch nicht, darber habe ich noch
+nicht nachgedacht. Vorlufig mchte ich nur lernen, mich meinen
+Gesangsstudien ganz hingeben knnen, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fr den Hausgebrauch, wie
+es heit, das macht mir wenig Spa, das befriedigt mich nicht, weil ich
+fhle, da es nur oberflchlich und nicht das Richtige ist."
+
+"Das ist ja ganz vernnftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht bel,
+das ist wahr," sagte er einlenkend.
+
+Diese Worte nahm sie schon fr eine Zusage und fragte nun freudig und
+zuversichtlich:
+
+"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?"
+
+"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er
+abwehrend.
+
+"Einziger, ser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm.
+Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit groer
+Geschwindigkeit.
+
+"Du bekommst auch schon vorher einen schnen Ku zum Lohn," versprach sie.
+
+"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin.
+
+"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie lchelnd und fragte
+dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wre: "Wann willst du denn mit
+den Eltern sprechen?"
+
+"Gar nicht," erwiderte er kurz.
+
+Ruth schien diese Antwort zu berhren und sagte weiter:
+
+"Jetzt geht es natrlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
+ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?"
+
+"Nein!"
+
+"Bitte, bitte, sage ja."
+
+"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig.
+
+"Onkel Heinz!"
+
+Wer htte wohl diesem Blick der schnen dunklen Augen widerstehen knnen!
+Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+abwandte.
+
+"Lieber Onkel Heinz."
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!"
+
+Und sie qulte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
+schlielich nachgab - er konnte der Krte nun einmal nichts abschlagen.
+
+"Meinetwegen denn ja! Qulgeist du!" rief er laut.
+
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
+strubte, heimste er doch den Ku - den versprochenen Lohn - gern ein. -
+
+Die nchste Zeit verlief fr Gontraus still und traurig. Marianne lag
+krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
+erheben, geistig und krperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
+unermdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
+nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, da
+die Freundin keine rechte Pflegerin sein knne, weil ihre Ansichten ber
+diesen Punkt so weit auseinander gingen, so berzeugte sie sich jetzt von
+dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
+frher manchmal herrschschtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
+Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
+zuverlssiger Freund. Er kam tglich, widersprach natrlich bei allem, was
+der Arzt verordnete, wute alles besser, trstete aber Ilse, wenn sie
+niedergedrckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
+gewohnten Weise, soda es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
+Lcheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
+Leo erzhlte, hatte er krzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
+wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
+zurckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
+weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
+Gefhl hervorgerufen haben wrde.
+
+Als letztere einigermaen wieder hergestellt war, mute Onkel Heinz sein
+Versprechen, das ja durch den Ku von Ruth besiegelt worden war, einlsen.
+Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, da sie ihre
+Stimme prfen lieen, und da dieselbe bei der Prfung fr sehr bedeutend
+erklrt wurde, sollte sie eine knstlerische Ausbildung erhalten. Mit
+Flei und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
+Knstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+
+Whrenddem erholte sich Marianne langsam. Krperlich war sie ganz
+hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
+entfalten, allmhlich, ganz allmhlich gesundete er. Den zarten
+Bltenhauch aber der ersten, unberhrten Jugend hatte diese getuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
+Augen war gewichen, und ihr helles, glckliches Lachen ertnte nicht mehr
+so oft wie frher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
+Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+glcklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frhjahr
+verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
+Sommer bei den Groeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
+Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
+Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Sden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
+beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
+Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
+Krten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
+der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen
+Malerei, ber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden
+hbschen Mdchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
+seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzhlte es spter Ilse
+voller Stolz.
+
+Erst spt im Herbst, der im Norden schon mit grauen trben Tagen
+eingezogen war und die Bume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
+schnen Eindrcken und Erlebnissen. Mit noch grerer
+Begeisterungsfhigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
+hatte frische Krfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so da ihr die
+Zukunft nicht mehr als eine trostlose de erschien, wie es noch vor kurzer
+Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+
+So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
+es wiederum Herbst war. - Ein lachender, trgerischer Herbst, der es ganz
+vergessen lie, da er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+Sonnenscheine wurde das Herz von Frhlingsgedanken erfat und die Menschen
+strmten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schnen
+Frhlingstage nach dem langen, langen Winter.
+
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
+seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
+Wald. Die klare Luft war von weien Fden durchzogen, und die gelben,
+roten und braunen Bltter wlbten sich zum farbenprchtigen Zelte ber
+ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
+wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflckt, ein Blatt luftig und
+leicht vor ihre Fe. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
+Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begnne erst jetzt die Zeit des
+Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Tuschung. Lose
+geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknpfte,
+locker hingen alle die buntgemalten Bltter an den Zweigen, und nur unter
+dem warmen Ku der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
+sich im Garten die Rosensptlinge aus ihrer schtzenden Knospenhlle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wrde mit einem
+Schlage vorbei sein, wenn das allmchtige Himmelslicht droben hinter
+Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darber hinfuhr und daran
+rttelte - dann begann mit einem Schlage das groe gewaltige Sterben.
+Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
+abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
+Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fr den herzerquickenden
+Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschftige sie etwas lebhaft.
+
+"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor.
+
+Er lchelte mit berlegener Miene und entgegnete:
+
+"Ich habe gar keine Angst, die Krte hat ja tchtig gelernt, die kann ja
+was."
+
+"Was gehrt aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
+und Flei allein kann das nicht geschehen, das Glck mu auch mit helfen.
+Nun, was in meinen Krften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
+wieder davon zu berzeugen, mit wieviel Kmpfen und Schwierigkeiten der
+Beruf einer Knstlerin erkauft werden mu. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttuschungen gefat zu machen, als auf Erfolge, denn
+guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fr eine tchtige
+Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber mu sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
+Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sngerin fertig ist, dauert es
+lange."
+
+"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tchtigem, das wei
+ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als knne daran nicht
+mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+
+"Wre das Konzert nur erst glcklich vorber," meinte Ilse und holte tief
+Atem.
+
+"Wenn ich Ihnen sage, da Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
+es auch nicht ntig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte
+einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+
+Sie fhlte, da er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
+an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je lter sie wurde,
+destomehr befestigte sich in ihr die berzeugung, da wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein kstliches, seltenes Gut ist, das man hten mu wie einen
+groen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
+erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
+Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
+lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
+hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar hufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, da sie oft genug in
+sich ging, ber sich nachdachte, fortwhrend selbsterzieherisch ttig war
+und sich immer mehr daran gewhnte, auf die Eigenschaften andrer Rcksicht
+zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
+einst mit ihr hatte haben mssen, als sie noch das ungebndigte
+Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
+Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
+seiner Seite schreiten sah, glaubte, da sie sich noch immer damit
+beschftige, wie wohl das Konzert ausfallen wrde, in welchem Ruth heute
+abend zum ersten Male ffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
+beschlo er, ein neues Gesprch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Seine Bartspitze drehend, grbelte er darber nach, auf welche
+Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
+Seite.
+
+"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann pltzlich an, "bei
+Superintendents ist man wohl berglcklich, da der Ausreier wieder da
+ist? Ist brigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+mir."
+
+"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank,
+da er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
+auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe brigens nie daran
+gezweifelt, da ein tchtiger Kern in ihm stecke."
+
+"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein.
+
+"Er hat Ihnen wohl erzhlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte
+Ilse.
+
+"Ja wohl, alles ganz ausfhrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
+Junge hat brigens viel Glck gehabt, denn da drben gibt's nur zweierlei,
+entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Da die
+amerikanische Familie sich bei der berfahrt auf der Germania, auf welcher
+sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fr ihn so lebhaft
+interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
+denken freier als wir; ich bin ja lange drben gewesen und kenne die
+Verhltnisse genau. Da der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
+eben gar nicht, als praktischer Geschftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, da er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
+Geschft gebrauchen knne, na, und da war die Sache bald abgemacht."
+
+"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er
+hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fr ihn wie eine Mutter,
+und blo, weil ihn die andern im Geschfte wegen seiner Aussprache des
+Englischen hnselten, ging er fort, - das htte er nicht tun sollen."
+
+"Das mute er wohl tun, das war ganz verstndig von ihm," widersprach
+Onkel Heinz, "so wird das da drben gemacht, da kennt man keine
+Sentimentalitten. Er handelte ganz richtig, da er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
+Zeiten mu der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehrt
+dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone."
+
+"Er mu jetzt als Prokurist in dem groen Bankhause in San Franzisko eine
+brillante Stellung haben. Rosi erzhlte mir strahlend davon," meinte Ilse.
+
+"Natrlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
+geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wre,
+unter den spiebrgerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur
+Antwort.
+
+"Aber da er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
+hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+
+"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er
+wollte erst was ordentliches werden. Und fr Ihre Freundin Rosi war diese
+Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrckt erzogen, der htte
+ganz anders behandelt werden mssen."
+
+"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafr ben mssen; fr
+die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse.
+
+"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
+gern leiden, nur mte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie
+berhaupt alle verheirateten Mnner. Gott sei Dank, da mich der Himmel
+vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
+einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
+
+"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse
+lachend.
+
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
+er darber dachte.
+
+"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, whrend
+sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen
+Sie wohl, wie gut es war, da ich Sie abholte, ich wei doch auch ganz
+genau, was fr Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
+Herbstluft ist fr erregte Gemter jedenfalls viel besser als Ihr altes
+Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte."
+
+"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war
+ja Bromkali -"
+
+"Wei schon, wei schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs
+alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
+Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als ntzen."
+
+"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es
+nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte
+sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+angelangt. Er gab zur Antwort, da er lieber heim gehen und sie dann
+spter in der Kirche treffen wolle, seine Krte knne er ja jetzt doch
+nicht sprechen, die msse Ruhe haben.
+
+ [Illustration]
+
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
+bemerkte er, da bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit brig
+war, und er berlegte sich deshalb, da es sich gar nicht lohnen wrde,
+vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, da
+es wohl besser wre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
+fr Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrge, ob alles in Ordnung
+sei. Die Verkuferin hatte sich schon am Morgen ber den "wunderlichen
+alten Herrn" amsiert, der in umstndlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
+werden sollten. Alle Vorschlge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
+und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tpfelchen
+anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
+angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
+Trkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Krte zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
+genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mkeln
+und zog hier noch eine Blte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+Meinung in die Farbenharmonie nicht paten. Wer wohl diese Gabe, die dem
+alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das htte das junge
+Mdchen in dem Laden gar zu gern gewut, denn eine Frau besa er nicht,
+das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fr einen Brutigam
+war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten
+Male an diesem Tage - da mute sie unwillkrlich lachen; sie gab ihm aber
+auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
+und pnktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
+jedoch, da so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
+vorgekommen wre, trotzdem sie mit allen mglichen Menschen verkehren
+mute.
+
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
+Schrittes die Strae ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
+Konzert stattfinden sollte, fhrte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+doch keine Kleinigkeit und wichtig fr ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+erleuchtet, und ber die breite Treppe, die nach dem Eingang fhrte,
+schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+groe Tr verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
+trat endlich gleichfalls durch das weit geffnete Portal. Der mchtige
+Raum war mit Menschen bereits dicht gefllt. Die flackernden Lichter
+warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Sulen und die dunkle Holzvertfelung der
+Kirchensthle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
+betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
+seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
+Althoffs mit nnchen, Flora mit den krftigen Zwillingen, Rosi nebst
+Familie - und wer sa da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
+bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
+erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
+Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
+Mdchengestalt neben ihm, whrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der
+Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
+Der Professor fand, da Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
+sich jetzt an ihrer Seite niederlie, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
+Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ber ihre Stimmung
+hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
+die Kpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
+bewegen, whrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
+so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schpfung von Haydn, wute
+er nicht zu wrdigen, denn er war gnzlich unmusikalisch, und nur Gesang
+konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hrte er schon zu, als die Chre
+gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
+Bartspitze zu drehen, und whrend er gespannt hinhorchte, waren seine
+Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+Stimme die Befangenheit der jungen Sngerin, zaghaft und scheu glitten die
+Tne ber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+reinen, mchtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
+Herzen der Zuhrer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
+ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ber die
+herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
+besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, da sich
+die Hnde zu begeistertem Beifall rhrten. Leo hielt Ilses Hand in der
+seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
+flsterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, da Sie keine Angst zu haben brauchten,
+hatte ich nun nicht recht?" Sie lchelte wie verklrt, sagte aber nichts,
+denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schne
+Arie: 'Nun beut die Flur.' Andchtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrcktes Hsteln unterbrach
+manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sa jetzt Ilse da. Ihre
+Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
+Zuversicht, da ihr Kind etwas Bedeutendes leisten knne und wrde. Aber
+trotzdem verga sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
+vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
+streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
+und immer wieder vorhielt und einprgte. Als das Konzert sein Ende
+erreicht hatte, entstand eine frmliche Aufregung im Publikum, und der
+Andrang zu Gontraus war gro: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
+heran, um zu dem ersten groen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
+Professor war dem Gewhl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflchtet,
+um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen htte, welche die Treppe von
+den Emporen herunterkam. Neugierig sphte er, ob er nicht Ruths Kpfchen
+dazwischen entdecken knne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
+vorbei. Nach und nach hrte das Gedrnge etwas auf, er kroch aus seiner
+Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
+bersehen zu knnen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
+Mitwirkenden, unter ihnen die sehnschtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glnzenden Augen. Leichtfig hpfte sie herunter, und als sie Onkel
+Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
+in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwhrend; sprechen konnte er nicht viel,
+nur die Worte: "Alte, gute Krte," wiederholte er immer wieder, und eine
+rhrende vterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+graukpfige Hagestolz das junge, blhende Mdchen umschlossen. Aber dann
+machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
+es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
+Armen. Auch Leo kte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
+die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debtantin, jeder
+wollte sie zuerst beglckwnschen, ihr zuerst die Hand drcken. Nellie war
+ganz gerhrt, und Flora erinnerte daran, da sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine groe Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
+Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Knstlerin viel lobende Worte.
+Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorbergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurckgelassen, und
+der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkrlich ergriff sie seine Hand.
+
+"O, was ein schnes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als
+die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
+war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
+Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
+gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmtige Zug, der ihr in frheren
+Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben fr die beiden Ehegatten doch anders
+gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
+wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
+lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
+sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
+wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schnes mute es wohl sein, denn
+sie sahen froh und glcklich aus. Whrend diese Stimmungen noch die
+Gemter in der verschiedensten Weise beherrschten, hrte man pltzlich das
+absichtlich laute und auffllige Klappern eines Schlsselbundes, und mit
+harten Schritten ging der Kastellan ber die Steinfliesen, um die Lichter
+auszudrehen, und gab damit zu verstehen, da es jetzt an der Zeit sei,
+heimzugehen.
+
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
+ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straen war wie an
+einem schnen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
+die Gefeierte; bedchtig gingen die Alten hinterher.
+
+"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
+auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmtig fgte sie hinzu mit einem
+Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages
+fliegen beide aus dem Neste."
+
+"ber so etwas mu man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel
+Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
+Gefhl, wenn er daran dachte, seine beiden Krten einmal hergeben zu
+mssen.
+
+"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?"
+fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+
+"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
+einmal flog ein spttisches Lcheln ber sein Gesicht, und er sagte: "Dann
+schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau."
+
+Es war natrlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ber die Stimmung
+hinwegbringen wollte, die etwas rhrselig zu werden drohte, und das liebte
+er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+
+"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das
+wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
+haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
+vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
+spielen, Onkel Heinz."
+
+"Na, das wird was Schnes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine
+schreibende Frau? Brr!"
+
+"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fr
+Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
+- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbndig, ein rechter bser Trotzkopf.
+Und was ich dann alles leiden und ertragen mute, und wie ich geheilt
+wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz."
+
+"Durch mich?" fragte er, sie unglubig ansehend.
+
+"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit
+ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
+ihm, da sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzhlung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, da die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+Titel "Trotzkopf als Gromutter" in gleichem Verlag erschienen ist.
+
+
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wrter.
+
+Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht
+vereinheitlicht.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Anfhrungszeichen ergnzt hinter "Unsinn."
+ Seite 15: "herhaupt" gendert in "berhaupt"
+ Seite 76: "Schmids" gendert in "Schmidts"
+ Seite 90: "langezogene" gendert in "langgezogene"
+ Seite 113: Punkt ergnzt hinter "Gefhlen"
+ Seite 149: "Arger" gendert in "rger"
+ Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las"
+ Seite 201: "Profossor" gendert in "Professor"
+ Seite 208: berflssiges Anfhrungszeichen entfernt hinter
+ "abschlagen."
+ Seite 223: Komma ergnzt hinter "Zwillinge"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
+
+
+
+CREDITS
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+April 2, 2012
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+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
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+This file should be named 39350-8.txt or 39350-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
+
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+1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file
diff --git a/39350-8.zip b/39350-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..276a600
--- /dev/null
+++ b/39350-8.zip
Binary files differ
diff --git a/39350-h.zip b/39350-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..81972a7
--- /dev/null
+++ b/39350-h.zip
Binary files differ
diff --git a/39350-h/39350-h.html b/39350-h/39350-h.html
new file mode 100644
index 0000000..dd56e25
--- /dev/null
+++ b/39350-h/39350-h.html
@@ -0,0 +1,9252 @@
+<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
+<head>
+ <meta name="generator" content=
+ "HTML Tidy for Linux/x86 (vers 25 March 2009), see www.w3.org" />
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8" />
+ <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
+ <link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/" />
+ <meta name="DC.Creator" content="Else Wildhagen" />
+ <meta name="DC.Title" content="Aus Trotzkopf’s Ehe" />
+ <meta name="DC.Date" content="April 2, 2012" />
+ <meta name="DC.Language" content="German" />
+ <meta name="DC.Publisher" content="Project Gutenberg" />
+ <meta name="DC.Identifier" content=
+ "http://www.gutenberg.org/etext/39350" />
+ <meta name="DC.Rights" content="This text is in the public domain." />
+
+ <title>The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf’s Ehe by Else
+ Wildhagen</title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[*/
+ /*
+ The Gnutenberg Press - default CSS2 stylesheet
+
+ Any generated element will have a class "tei" and a class "tei-elem"
+ where elem is the element name in TEI.
+ The order of statements is important !!!
+ */
+
+ .tei { margin: 0; padding: 0;
+ font-size: 100%; font-weight: normal; font-style: normal }
+
+ .block { display: block; }
+ .inline { display: inline; }
+ .floatleft { float: left; margin: 1em 2em 1em 0; }
+ .floatright { float: right; margin: 1em 0 1em 2em; }
+ .shaded { margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;
+ padding: 1em; background-color: #eee; }
+ .boxed { margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;
+ padding: 1em; border: 1px solid black; }
+
+ body.tei { margin: 4ex 10%; text-align: justify }
+ div.tei { margin: 2em 0em }
+ p.tei { margin: 0em 0em 1em 0em; text-indent: 0em; }
+ blockquote.tei { margin: 2em 4em }
+
+ div.tei-lg { margin: 1em 0em; }
+ div.tei-l { margin: 0em; text-align: left; }
+ div.tei-tb { text-align: center; }
+ div.tei-epigraph { margin: 0em 0em 1em 10em; }
+ div.tei-dateline { margin: 1ex 0em; text-align: right }
+ div.tei-salute { margin: 1ex 0em; }
+ div.tei-signed { margin: 1ex 0em; text-align: right }
+ div.tei-byline { margin: 1ex 0em; }
+
+ /* calculate from size of body = 80% */
+ div.tei-marginnote { margin: 0em 0em 0em -12%; width: 11%; float: left; }
+
+ div.tei-sp { margin: 1em 0em 1em 2em }
+ div.tei-speaker { margin: 0em 0em 1em -2em;
+ font-weight: bold; text-indent: 0em }
+ div.tei-stage { margin: 1em 0em; font-weight: normal; font-style: italic }
+ span.tei-stage { font-weight: normal; font-style: italic }
+
+ div.tei-eg { padding: 1em;
+ color: black; background-color: #eee }
+
+ hr.doublepage { margin: 4em 0em; height: 5px; }
+ hr.page { margin: 4em 0em; height: 2px; }
+
+ ul.tei-index { list-style-type: none }
+
+ dl.tei { margin: 1em 0em }
+
+ dt.tei-notelabel { font-weight: normal; text-align: right;
+ float: left; width: 3em }
+ dd.tei-notetext { margin: 0em 0em 1ex 4em }
+
+ span.tei-pb { position: absolute; left: 1%; width: 8%;
+ font-style: normal; }
+
+ span.code { font-family: monospace; font-size: 110%; }
+
+ ul.tei-castlist { margin: 0em; list-style-type: none }
+ li.tei-castitem { margin: 0em; }
+ table.tei-castgroup { margin: 0em; }
+ ul.tei-castgroup { margin: 0em; list-style-type: none;
+ padding-right: 2em; border-right: solid black 2px; }
+ caption.tei-castgroup-head { caption-side: right; width: 50%; text-align: left;
+ vertical-align: middle; padding-left: 2em; }
+ *.tei-roledesc { font-style: italic }
+ *.tei-set { font-style: italic }
+
+ table.rules { border-collapse: collapse; }
+ table.rules caption,
+ table.rules th,
+ table.rules td { border: 1px solid black; }
+
+ table.tei { border-collapse: collapse; }
+ table.tei-list { width: 100% }
+
+ th.tei-head-table { padding: 0.5ex 1em }
+
+ th.tei-cell { padding: 0em 1em }
+ td.tei-cell { padding: 0em 1em }
+
+ td.tei-item { padding: 0; font-weight: normal;
+ vertical-align: top; text-align: left; }
+ th.tei-label,
+ td.tei-label { width: 3em; padding: 0; font-weight: normal;
+ vertical-align: top; text-align: right; }
+
+ th.tei-label-gloss,
+ td.tei-label-gloss { text-align: left }
+
+ td.tei-item-gloss,
+ th.tei-headItem-gloss { padding-left: 4em; }
+
+ img.tei-formula { vertical-align: middle; }
+
+ /*]]>*/
+ </style>
+</head>
+
+<body class="tei">
+ <div lang="de" class="tei tei-text" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em" xml:lang="de">
+ <div class="tei tei-front" style=
+ "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 2.00em">
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
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+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 2.00em">The Project
+ Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf’s Ehe by Else Wildhagen</p>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This eBook is
+ for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use
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+ </div>
+ <pre class="pre tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+Title: Aus Trotzkopf’s Ehe
+
+Author: Else Wildhagen
+
+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+</pre>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"></div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/cover.jpg" alt="Illustration: Einband" /></div>
+
+ <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga0001" id="Pga0001" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_frontispiece.png" alt="Illustration" /></div>
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+
+ <div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center">
+ <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name=
+ "Pga0002" id="Pga0002" class="tei tei-anchor" style=
+ "text-align: center"></a>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/title.png" alt="Illustration: Titelseite" /></div><br />
+ <span class="tei tei-docTitle" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-titlePart" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 173%">AUS
+ TROTZKOPF’s</span><br />
+ <span style="font-size: 173%">EHE</span></span></span><br />
+
+ <div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+ <span style="font-size: 120%">VON</span> <span class=
+ "tei tei-docAuthor" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 120%">ELSE WILDHAGEN geb.
+ FRIEDRICH-FRIEDRICH</span></span>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+ VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“
+ </div><span class="tei tei-titlePart" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 120%">DRITTER BAND zum
+ „TROTZKOPF“</span></span><br />
+ VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)<br />
+ JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK</span><br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-docEdition" style=
+ "text-align: center">Vierzigste Auflage</span><br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-docImprint" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-pubPlace" style=
+ "text-align: center">STUTTGART</span><br />
+ <span class="tei tei-publisher" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style=
+ "text-align: center"><span style="font-variant: small-caps">Gustav
+ Weise Verlag</span></span></span></span>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga0003" id="Pga0003" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 0.90em; margin-top: 2.70em">
+ <span style="font-size: 90%">Druck der Stuttgarter
+ Vereins-Buchdruckerei.</span></p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-body" style=
+ "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page1">[pg 1]</span><a name="Pgp0001" id=
+ "Pgp0001" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_on_p0001.png" alt="Illustration: Ornament" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“</span> schallte es von hellen
+ Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren,
+ nebst zwei kleinen Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem
+ Herrn entgegen, der die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet
+ hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien mit hellem
+ Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin, der andre dorthin; lachend
+ versuchte er die Ungestümen abzuwehren, aber da klammerten sie sich
+ noch fester an ihn, und er kam nicht los.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“</span> rief
+ er endlich; <span class="tei tei-q">„wartet, ihr Kröten, ich werde euch
+ kommen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und er griff nach
+ seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der Junge aber und
+ das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden,
+ braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein Raufen und
+ Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page2">[pg 2]</span><a name="Pgp0002" id="Pgp0002"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“</span>
+ gebot Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls
+ hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz die Hand, der
+ inzwischen die kleine, blonde Marianne emporgehoben hatte, welche ihre
+ Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste
+ und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen Rücken
+ geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn er sich umdrehte und sie
+ fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei zurück. Das war ein
+ Hauptspaß.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“</span> legte
+ sich Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden
+ Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, nun hört endlich auf,“</span> gebot auch Ilse
+ ernstlich, und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte sie sich
+ wieder an Onkel Heinz mit den Worten:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr
+ Professor?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja
+ zu nichts,“</span> gab er zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“</span> rief es nun
+ schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er
+ beide auf einen Stuhl neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum
+ Totlachen für die Kinder, und bei dem komischen Anblick der kleinen
+ Person in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke konnten auch
+ die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich <span class="tei tei-pb" id=
+ "page3">[pg 3]</span><a name="Pgp0003" id="Pgp0003" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der
+ Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun ist’s genug,“</span> sagte sie; <span class=
+ "tei tei-q">„kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in mein
+ Zimmer.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“</span>
+ rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen
+ an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten
+ ihn daran fest, daß er nicht von der Stelle konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth war die
+ Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu warfen sich
+ die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein
+ Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+ vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch
+ Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+ wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+ von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die
+ Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern
+ leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr seid eine Gesellschaft,“</span> sagte Ilse
+ kopfschüttelnd, aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn
+ Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“</span> meinte
+ Nellie, als sie den Professor ansah.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“</span> rief er ihnen mit
+ scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es <span class=
+ "tei tei-pb" id="page4">[pg 4]</span><a name="Pgp0004" id="Pgp0004"
+ class="tei tei-anchor"></a>gemeint war, sie sahen ja seine lustig
+ zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er
+ ernstlich böse war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und nun zog er sich
+ seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände gerutscht waren,
+ rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes
+ Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem Kampfe nicht auch
+ in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie vor gerade in die
+ Höhe, tadellos in Reih und Glied.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte,
+ bitte?“</span> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“</span>
+ quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte zu
+ erfüllen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“</span> legte er
+ sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem
+ Patenkinde und Liebling Ruth etwas abgeschlagen wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig
+ sein,“</span> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend,
+ doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der Kinderstube bleiben
+ sollten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne weiteres fügten
+ sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich
+ erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß
+ sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen
+ sollte.</p><span class="tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name=
+ "Pgp0005" id="Pgp0005" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Minuten
+ später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem großen Wohnzimmer
+ in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie an
+ ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. Als sie
+ jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, waren es noch ganz
+ ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas voller geworden, und
+ die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. Doch ganz
+ waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie hervor, kräuselten
+ sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre reizenden kleinen
+ Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung
+ war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu sehen, und
+ behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die Nase,
+ und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+ sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie
+ früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien
+ etwas weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein
+ geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn
+ <span class="tei tei-q">„sanft“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„dumm“</span> stellte sie in eine Reihe. <span class=
+ "tei tei-q">„Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und werde es
+ auch nie,“</span> meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte
+ sie auch recht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur bei einem
+ einzigen Wesen ließ sie <span class="tei tei-q">„sanft“</span> ohne den
+ wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer
+ Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch
+ Sanftmut geherrscht und gesiegt.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page6">[pg 6]</span><a name="Pgp0006" id="Pgp0006" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An ihr waren die
+ Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte Schelm in den
+ Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, dagegen hatten
+ sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, die ihr leicht
+ einen leidenden Zug gaben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seit einigen Jahren
+ lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, und vor nicht
+ langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau
+ Superintendentin geworden war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Althoff hatte als
+ Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und konnte sich sein
+ Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider machten ihm
+ seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und da er bei
+ seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die lebhafteste
+ Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch nicht im
+ mindesten zusammen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“</span> bemerkte Ilse
+ oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles
+ für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen können, besaß sie zu
+ ihrem größten Kummer nicht, sie mußte aber jemand haben, dessen Pflege
+ sie sich ganz und gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu
+ Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder holte sie zu
+ sich, denn sie hingen mit der größten Liebe an ihr.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der Dämmerstunde
+ erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und meistens forderte
+ Ilse sie <span class="tei tei-pb" id="page7">[pg 7]</span><a name=
+ "Pgp0007" id="Pgp0007" class="tei tei-anchor"></a>beide auf, zum Tee
+ dazubleiben. Althoff wurde dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst,
+ denn sie mußte ja erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder
+ nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“</span>
+ entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde
+ Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten Spitze des
+ Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen und sang aus voller
+ Kehle in klaren und flötenden Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur
+ weniger melancholisch. Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter
+ Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte erschien
+ mattglänzend die silberne Mondsichel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte
+ wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu Hause warte ein
+ Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er
+ ließ sich gerne zureden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“</span> rief sie
+ ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“</span>
+ wiederholte er mit einigem Nachdruck, <span class="tei tei-q">„das ist
+ auch recht gut.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen
+ Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend,
+ wie das duftet, wie die Vögel zwitschern, das ist ja alles viel
+ schöner, als Ihr alter Bücherkram.“</span></p><span class="tei tei-pb"
+ id="page8">[pg 8]</span><a name="Pgp0008" id="Pgp0008" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“</span> fragte er, die
+ Worte <span class="tei tei-q">„alter“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„Kram“</span> besonders betonend, während er anfing die
+ Spitze seines dunklen Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste
+ Zeichen seines Unwillens, Ilse kannte es genau.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“</span> fuhr er
+ fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so
+ habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie
+ müssen doch auch mal ausruhen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“</span> erwiderte er
+ nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht
+ einschüchtern, sie kannte seine Art.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den sechs Jahren,
+ so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als Dozent an der
+ Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in B. als
+ Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel Heinz,
+ wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. Er
+ hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+ mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam
+ in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das
+ nämlich nach seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete,
+ zuerst müßte mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein
+ käme ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit
+ einer großen Umständlichkeit geschah, so <span class="tei tei-pb" id=
+ "page9">[pg 9]</span><a name="Pgp0009" id="Pgp0009" class=
+ "tei tei-anchor"></a>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine
+ eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten.
+ Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und
+ ging Ilse mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen
+ Dingen nicht ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals
+ zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine
+ rechthaberische und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu
+ sprechen war, nannte sie ihn einen <span class=
+ "tei tei-q">„wunderlichen alten Junggesellen“</span>, obgleich er nur
+ wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+ Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz
+ der Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was
+ ihm in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine
+ rührende Liebe zu den Kindern. <span class="tei tei-q">„Sie sind meine
+ beste Erholung,“</span> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen
+ spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken,
+ Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. Ruth,
+ sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber auch
+ die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie hatte sich
+ inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred selbst zu
+ holen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich kann ja das Mädchen schicken,“</span> meinte Ilse,
+ aber Nellie ließ das nicht zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute
+ abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,“</span> <span class=
+ "tei tei-pb" id="page10">[pg 10]</span><a name="Pgp0010" id="Pgp0010"
+ class="tei tei-anchor"></a>antwortete sie ausweichend. Doch in
+ Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+ nach Gontraus zu kommen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich Nellie
+ verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie bleiben auf jeden Fall,“</span> sagte Ilse, ihn
+ zurückhaltend, und wies jeden Einwand, den er machen wollte,
+ zurück.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wissen Sie was,“</span> rief sie plötzlich, <span class=
+ "tei tei-q">„ich habe heute morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns
+ eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz –
+ können Sie da widerstehen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er lachte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die gemütlichen
+ Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die ihnen
+ entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und der
+ Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, doch
+ nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja
+ unliebenswürdig, und ließen ihn bald als <span class=
+ "tei tei-q">„komischen Kauz“</span> ganz links liegen. Deshalb mied er
+ auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn
+ eine größere Gesellschaft versammelt war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte nicht
+ umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne langes Zaudern
+ willigte der Professor nun ein, zu bleiben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als
+ dazubleiben,“</span> sagte er vergnügt, <span class="tei tei-q">„aber
+ die Bowle will ich <span class="tei tei-pb" id="page11">[pg
+ 11]</span><a name="Pgp0011" id="Pgp0011" class=
+ "tei tei-anchor"></a>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht
+ sie regelmäßig zu süß.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich, natürlich,“</span> sagte Ilse, <span class=
+ "tei tei-q">„doch dann müssen Sie mit in die Küche kommen, Onkel
+ Heinz.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er folgte ihr und
+ traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen. Die Kinder
+ hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen
+ erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf
+ einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher
+ schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte
+ natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+ Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er <span class=
+ "tei tei-sic">nocheinmal</span> ein Glas an den Mund – sie war gut
+ geraten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“</span>
+ fragte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“</span> riefen sie
+ durcheinander, und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten
+ Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit sie es ihm nicht
+ entreißen konnten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst
+ kriegt ihr gar nichts!“</span> Damit drängte er die verlangenden
+ Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam jedes zu kosten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem einen Glase
+ blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch einige Male
+ nach.</p><span class="tei tei-pb" id="page12">[pg 12]</span><a name=
+ "Pgp0012" id="Pgp0012" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“</span> sagte er
+ schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des Jungen, der zu den
+ schönsten Hoffnungen berechtigte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so
+ viel Bowle zu trinken geben,“</span> rief Ilse, als sie jetzt hinzukam
+ und den kräftigen Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat,
+ bemerkte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das schadet ihnen doch nichts,“</span> entgegnete Onkel
+ Heinz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der
+ ist ihnen schädlich!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich
+ sein, wer sagt das?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun unser Arzt behauptet es,“</span> gab Ilse zur
+ Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na ja, die Ärzte!“</span> fiel Onkel Heinz mit höhnischem
+ Lachen ein; <span class="tei tei-q">„wenn die so etwas behaupten,
+ können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur <a name=
+ "corr012" id="corr012" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">Unsinn.</span>“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ärgerte sich
+ über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, ihre Laune war an
+ diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie sich nicht
+ verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen
+ Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden Seiten
+ eine kleine Mißstimmung zurück.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und deshalb sagte
+ sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu Bett. Dem
+ Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben
+ könnte, setzte sie ein unerschütterliches <span class=
+ "tei tei-q">„Nein“</span> entgegen.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page13">[pg 13]</span><a name="Pgp0013" id="Pgp0013" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Zeit später
+ saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und Onkel Heinz
+ heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein.
+ Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es noch hell
+ und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner Weise
+ den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und
+ blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete
+ jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+ hellglänzend vom Himmel ab.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“</span> fragte
+ Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude über das gemütliche
+ Zusammensein blickte ihm so recht lebhaft aus den Augen. <span class=
+ "tei tei-q">„Althoff, Sie trinken ja gar nicht, trinken Sie doch mal
+ aus,“</span> mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit Argusaugen
+ darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise
+ zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke
+ Kopfschmerzen bekäme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte die leise
+ Warnung gehört.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln,
+ das ist gar nicht erlaubt,“</span> rief sie mahnend und schenkte dem
+ Direktor nochmals eigenhändig ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O,“</span> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick
+ auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre
+ Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes
+ Zusammenziehen seiner Schultern hielt sie für Frösteln, und besorgt
+ fragte sie, ob er nicht <span class="tei tei-pb" id="page14">[pg
+ 14]</span><a name="Pgp0014" id="Pgp0014" class=
+ "tei tei-anchor"></a>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme
+ gerade, wo er säße, ein kühler Luftzug herein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo sprang
+ dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der Professor
+ waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen
+ Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, kein Licht, Marie,“</span> rief Ilse, als das
+ Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche
+ Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön vermischte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt so in der
+ duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die frühlingsfrische Nacht
+ hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter,
+ dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu sein, ganz in
+ der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne! So dachte Ilse in diesem
+ Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend.
+ Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der neuesten
+ Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte die
+ Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über
+ Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+ empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+ unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen
+ Flügel zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In
+ solcher Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten,
+ daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit <span class=
+ "tei tei-pb" id="page15">[pg 15]</span><a name="Pgp0015" id="Pgp0015"
+ class="tei tei-anchor"></a>zwischen dem Direktor und dem Professor
+ verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kinder,“</span> rief sie plötzlich laut und erregt,
+ <span class="tei tei-q">„ich habe eine Idee!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz war
+ gerade dabei, dem Direktor lang und breit auseinanderzusetzen,
+ inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer werden müsse, als
+ Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr
+ zuwandte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„<span class="tei tei-sic">Darling</span>, was hast du für
+ eine Idee?“</span> fragte Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Famos, famos!“</span> jubelte Ilse. <span class=
+ "tei tei-q">„Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt,
+ wollt ihr das?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da könnten wir ja schön reinfallen,“</span> sagte Onkel
+ Heinz, und Leo lachte: <span class="tei tei-q">„Ja, Schatz, für so
+ unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Also hört,“</span> fuhr Ilse fort, <span class=
+ "tei tei-q">„in vier Tagen haben wir Vollmond –“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„In fünf Tagen,“</span> verbesserte der Professor
+ ruhig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender
+ nachgesehen; <a name="corr015" id="corr015" class=
+ "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">überhaupt</span>, Onkel
+ Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+ Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+ machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie
+ poetisch, wie romantisch!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Man war solche
+ Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser plötzliche
+ Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei
+ zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu
+ sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, <span class=
+ "tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pgp0016" id="Pgp0016"
+ class="tei tei-anchor"></a>sie malte ihnen in den glühendsten Farben
+ aus, wie schön es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer
+ Begeisterung ansteckend wirkte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo war innerlich
+ schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau außerordentlich
+ verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten.
+ Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus seinem Zimmer,
+ und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der Plan
+ entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+ nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+ als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde
+ ihm ja auch sehr gut sein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war man denn bald
+ im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten der Partie über, die
+ am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel Heinz
+ plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde, er habe zu
+ arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein wahrer Sturm
+ über sein Haupt los!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden
+ Fall mit,“</span> sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es
+ schließlich doch tat.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“</span>
+ erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <span class=
+ "tei tei-q">„was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu
+ tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob
+ ich mitgehe oder nicht!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich haben wir etwas davon,“</span> sagte Ilse lustig
+ <span class="tei tei-pb" id="page17">[pg 17]</span><a name="Pgp0017"
+ id="Pgp0017" class="tei tei-anchor"></a>herausfordernd, <span class=
+ "tei tei-q">„ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern
+ könnte.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, da haben Sie recht,“</span> gab er zur Antwort und der
+ Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“</span> lachte
+ Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt,
+ daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte. <span class=
+ "tei tei-q">„Und nicht wahr, Sie gehen mit?“</span> Dem liebenswürdigen
+ Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht
+ widerstehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“</span> sagte er
+ befriedigt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war spät
+ geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die bevorstehende
+ Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß
+ kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch aufzufordern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“</span> sagte Onkel
+ Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“</span> lachte
+ Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die
+ ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde.
+ Und so war es auch!</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div><span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name=
+ "Pgp0018" id="Pgp0018" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem hübschen
+ Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi auf ihrem
+ erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit
+ Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und
+ eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi!
+ Moden und Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war
+ eins von den Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen
+ man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein
+ würden. Alles trug bei der Superintendentin einen konservativen
+ Anstrich; sie war kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für
+ sündhaft und wies ihn mit den Worten zurück: <span class=
+ "tei tei-q">„Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es
+ jetzt auch entbehren können.“</span> Wenn es nach ihr ging, hörte alles
+ Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie
+ kennen, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin
+ von den Freundinnen wäre.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem Zimmer waren
+ die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand
+ der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel
+ umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, aber man
+ suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen Geschmack
+ der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung
+ der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung in den
+ Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende Atmosphäre
+ lag es über dem Ganzen, und <span class="tei tei-pb" id="page19">[pg
+ 19]</span><a name="Pgp0019" id="Pgp0019" class=
+ "tei tei-anchor"></a>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine
+ Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen nicht am
+ Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der Pflege ihrer
+ Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese Lebewesen noch
+ sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war
+ das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte Kissen auf
+ dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der Ofenschirm zeigte ein
+ gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen
+ überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die
+ über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin das Auge
+ blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, häkelnder Hände,
+ wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie
+ viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin
+ tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur selbstgearbeitet
+ mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie selbst war in
+ der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen
+ bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. Nach
+ dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen mußte,
+ sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken
+ und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen
+ Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder
+ nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von
+ Pflicht, sie führte das Wort immer im <span class="tei tei-pb" id=
+ "page20">[pg 20]</span><a name="Pgp0020" id="Pgp0020" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+ Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+ vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+ Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die
+ neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden
+ spielte, und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren
+ stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und
+ Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“</span> sagte
+ sie ärgerlich; <span class="tei tei-q">„wie oft habe ich dir das schon
+ gesagt, Fritz!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz, aus dessen
+ blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, legte jetzt
+ seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm
+ ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, Mutter, alles.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Kleinlaut flüsterte
+ er: <span class="tei tei-q">„Sieben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt ließ sie die
+ Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende
+ Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten denkt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es war so schön bei Tante Ilse,“</span> warf Fritz
+ ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und da konntest du dich nicht trennen, wie
+ gewöhn<span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name=
+ "Pgp0021" id="Pgp0021" class="tei tei-anchor"></a>lich,“</span>
+ unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. <span class=
+ "tei tei-q">„Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,“</span>
+ fuhr sie fort; <span class="tei tei-q">„es ist schrecklich, daß du so
+ leichtsinnig bist, immer diese vielen Fehler!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz sah bei dieser
+ Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte darüber nach, ob es
+ denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft
+ draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den
+ Tisch, wir trinken gleich Kaffee.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz gehorchte. In
+ der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht Jahren, seine
+ Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht
+ war sie auch deshalb deren Liebling.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Guten Tag, Mama,“</span> sagte sie und umarmte diese so
+ steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als
+ hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so
+ gehört. Aber dennoch war die Begrüßung mit der Tochter eine weit
+ wärmere, als mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden
+ Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem der kurzen
+ Zöpfchen gelockert hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bist du auch schon da, Elisabeth?“</span> fragte sie
+ zärtlich; <span class="tei tei-q">„zeige mal, wie viel hast du denn in
+ der Handarbeitsstunde gestrickt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Kleine zog einen
+ langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran
+ gearbeitet hatte.</p><span class="tei tei-pb" id="page22">[pg
+ 22]</span><a name="Pgp0022" id="Pgp0022" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“</span> sagte Frau Rosi,
+ und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <span class=
+ "tei tei-q">„Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun legte auch die
+ Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den Kaffeetisch, wo
+ sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich
+ die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine hagere, alte
+ Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, du bist es, Tante Emilie,“</span> sagte Rosi und
+ schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich den
+ dunklen Schatten bemerkte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom
+ Frauenverein vorbei?“</span> fragte sie freundlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilie bejahte
+ und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen großen, grauen
+ Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu
+ klappern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“</span> sagte
+ Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein
+ Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von
+ Rosis verstorbener Mutter und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer
+ Nichte, in deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen
+ Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor war der stumme,
+ strickende Gast an seinem Tische keine angenehme Zugabe, und auch
+ heute, als er eintrat, traf sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis
+ Mann hatte sich wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht
+ <span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pgp0023"
+ id="Pgp0023" class="tei tei-anchor"></a>mit den blauen Augen, die Fritz
+ von ihm geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und
+ selbstbewußter in die Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten
+ daraus hervor, zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn
+ dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, daß der
+ Junge ungeduldig auf dem Stuhle herumrutschte; ach, draußen warteten ja
+ schon die Freunde auf ihn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“</span>
+ bemerkte Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <span class=
+ "tei tei-q">„Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein.
+ Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie schüttelte
+ unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen
+ Spaziergang machen?“</span> fragte der Pastor; <span class=
+ "tei tei-q">„es ist so herrlich draußen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, das geht nicht,“</span> erwiderte sie.
+ <span class="tei tei-q">„Fritz muß arbeiten, er hat wieder sieben
+ Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“</span> wiederholte sie noch
+ einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht
+ nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen
+ kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, Fritz,“</span> begann der Pastor, indem er sich
+ räusperte, – er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten Rede den
+ Anlauf nahm, – <span class="tei tei-q">„wie kommt denn das?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein
+ Vergnügen,“</span> antwortete der Junge offen.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pgp0024" id="Pgp0024"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“</span> fuhr Rosi auf,
+ <span class="tei tei-q">„aus Fritz wird nie etwas werden.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, nun,“</span> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem
+ Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, <span class=
+ "tei tei-q">„das wollen wir nicht hoffen.“</span> Und er strich ihm
+ beruhigend über das blonde Haar.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi schüttelte den
+ Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß Fritz streng
+ behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm
+ nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves Kind,
+ kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl im
+ Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen
+ verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still
+ sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube
+ zu hocken. Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen
+ an ihm herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie
+ ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber
+ unerbittlich streng, die Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was
+ empfand sie von einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in
+ die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum
+ Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett und räumte die Tassen
+ zusammen, Fritz schlüpfte schnell hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“</span> begann Rosi
+ das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths Gegen<span class=
+ "tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name="Pgp0025" id="Pgp0025"
+ class="tei tei-anchor"></a>wart, die sich im Vollgefühl ihrer
+ Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der
+ Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“</span>
+ beschwichtigte der Superintendent; <span class="tei tei-q">„wenn du so
+ viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in
+ der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig;
+ tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?“</span> fragte Rosi diese
+ erregt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilies rote
+ Nasenspitze hob sich ein wenig und das <span class=
+ "tei tei-q">„Nein“</span>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, als
+ käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch fing an, sie zu
+ interessieren, denn wenn sie den grauen Faden um den Finger legte und
+ dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, daß
+ ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch genommen war.
+ Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern aufs
+ höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+ Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und
+ spiele mit deinem Bruder,“</span> sagte der Vater der ihre lauernden
+ Blicke bemerkt hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich muß arbeiten,“</span> erwiderte sie trotzig und ging
+ hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“</span> rief ihr
+ die Mutter in sanftem Tone nach.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page26">[pg 26]</span><a name="Pgp0026" id="Pgp0026" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es
+ viel weniger als Fritz,“</span> sagte Rosi vorwurfsvoll.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge
+ besprechen, das gehört sich nicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie
+ kann dreist so etwas mit anhören.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich will es aber nicht,“</span> sagte der Pastor heftig
+ und stand erregt auf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilies Augen
+ folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem Blicke.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja
+ stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer
+ etwas auszusetzen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen
+ das Mädchen schwach.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“</span> erwiderte
+ Rosi spitz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die vorwitzigen
+ Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über ihr Gesicht.
+ Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken
+ Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen,
+ suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das Fenster
+ trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und hinausblickte.
+ Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so
+ plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Rosi witterte
+ eine Absicht ihres Mannes da<span class="tei tei-pb" id="page27">[pg
+ 27]</span><a name="Pgp0027" id="Pgp0027" class=
+ "tei tei-anchor"></a>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder
+ hereinließ, und rief ärgerlich:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben
+ herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Stimmung der
+ beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante Emilie
+ bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und sicherlich
+ würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn in
+ diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei der Nennung
+ dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, packte ihr
+ Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen
+ war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr wenig
+ sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Röte der
+ Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden eintraten, aber
+ sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war
+ ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie sonst
+ meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin bewahrte
+ stets eine gewisse Steifheit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bitte, nehmt Platz,“</span> nötigte sie, indem sie auf die
+ Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und
+ farblos war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem
+ herrlichen Wetter,“</span> sagte Ilse; <span class="tei tei-q">„es ist
+ zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen
+ sein.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page28">[pg
+ 28]</span><a name="Pgp0028" id="Pgp0028" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“</span> Rosi setzte
+ solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar
+ zu gern einfließen, wie viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in
+ Anspruch genommen sei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“</span> sagte nun auch der
+ Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja
+ fortwährend ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wir sind auch keine Faulpelze,“</span> erwiderte
+ Nellie, <span class="tei tei-q">„jede Hausfrau hat zu tun.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an
+ den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,“</span> rief Ilse
+ übermütig. <span class="tei tei-q">„Manchmal meine ich, daß ich
+ überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so wenig
+ Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust
+ dazu habe.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosis
+ Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese Äußerungen
+ dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie,
+ daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie
+ und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für
+ ihre <span class="tei tei-q">„Pflicht“</span>, eine Jugendfreundschaft
+ nicht einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was ihr an
+ den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur
+ Teilnahme an der geplanten Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut
+ dazu schweigen. Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im
+ <span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pgp0029"
+ id="Pgp0029" class="tei tei-anchor"></a>Mondschein auf den Schneekopf
+ zu steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten!
+ Innerlich war sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt
+ darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen
+ zu haben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lieber Adolf,“</span> unterbrach sie das Gespräch,
+ <span class="tei tei-q">„wir wollen es doch erst überlegen; du kannst
+ gewiß nicht fort.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Superintendent
+ sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich will es nicht.
+ Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut
+ könnte,“</span> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi innerlich
+ Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren Grübchen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich gehe keinesfalls mit,“</span> entschied die Pastorin.
+ <span class="tei tei-q">„Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß
+ macht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber Rosi!“</span> rief Adolf ganz erschrocken über eine
+ solche Zumutung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein,
+ wie poetisch!“</span> rief Ilse begeistert.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi sah sie an und
+ schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie eben nicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, ihr kommt doch noch mit,“</span> sagte lächelnd
+ Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein!“</span> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer
+ Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die beiden
+ Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich in sein
+ Zimmer zurück, denn <span class="tei tei-pb" id="page30">[pg
+ 30]</span><a name="Pgp0030" id="Pgp0030" class="tei tei-anchor"></a>die
+ Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts Gutes. Sie ging ihm
+ aber nach und drückte die Türe hinter sich ins Schloß.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer
+ wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur schaden
+ kann.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber wie so denn, Rosi?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine.
+ Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, was euch Männern
+ natürlich das liebste ist und am besten gefällt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe
+ ich nichts Freies.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie
+ es Menschen unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie
+ hinauf.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Im Mondenschein,“</span> verbesserte er ruhig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete
+ Menschen!“</span> fuhr Rosi fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum
+ aushalten. Dann laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen
+ abbrechen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute
+ wegen nicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Adolf antwortete mit
+ einem resignierten Achselzucken; er kannte diese Litanei nun schon
+ auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald
+ kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page31">[pg 31]</span><a name="Pgp0031" id="Pgp0031"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran
+ denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es
+ sogar für meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn Rosi ihr
+ <span class="tei tei-q">„Pflichtgefühl“</span> als letzten Trumpf
+ ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor
+ kannte auch diesen Schlußeffekt genau, und es war am besten zu
+ schweigen, wenn sie bei diesem Punkte angelangt war; er setzte sich
+ daher an seinen Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf
+ und schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau das Zeichen,
+ daß er sich auf keine weiteren Erörterungen mehr einlassen würde; sie
+ konnte sagen, was sie wollte, er blieb stumm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Daß du gleich so empfindlich bist,“</span> versuchte sie
+ doch noch einmal anzufangen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Keine Antwort!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran
+ liegt. Ich,“</span> das Wort betonte sie besonders, <span class=
+ "tei tei-q">„gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wiederum
+ Schweigen!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Adolf schien
+ vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange nicht fertig;
+ mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der Tischdecke.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt versuchte sie
+ es mit einem andern Thema.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du
+ etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas.
+ Der Umgang mit Gontraus hat <span class="tei tei-pb" id="page32">[pg
+ 32]</span><a name="Pgp0032" id="Pgp0032" class=
+ "tei tei-anchor"></a>entschieden einen schlechten Einfluß auf den
+ Jungen, und von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort
+ ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann
+ in solcher Stellung doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch
+ nichts Gutes.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch selbst hiermit
+ konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und erregt wandte sie
+ sich zum Gehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will,
+ dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich
+ aussprechen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Pastor zuckte
+ zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, stand dann aber
+ auf und steckte sich seine Pfeife an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rosi schüttete nun
+ Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für alles einen
+ lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den
+ Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über die
+ Tadellosigkeit von Elisabeth und <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">last not least</span></span>, über das freie
+ Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches
+ gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von
+ Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre
+ Menschen ebenso dachten, wie sie.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p032.png" alt="Illustration" /></div><span class=
+ "tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pgp0034" id="Pgp0034"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse betrachtete in
+ den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das
+ kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal
+ sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt
+ hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, <span class=
+ "tei tei-q">„es bliebe gut,“</span> so <span class="tei tei-q">„bliebe
+ es auch gut“</span>. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für
+ die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu
+ prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+ gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere
+ Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher
+ diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los. <span class=
+ "tei tei-q">„Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da
+ müssen ja alle Füße Krüppel werden,“</span> behauptete er und zeichnete
+ einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt
+ hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen
+ protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch
+ einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie
+ merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+ Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Onkel Heinz zur
+ verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien,
+ konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition
+ auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die
+ dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten <span class="tei tei-pb" id=
+ "page34">[pg 34]</span><a name="Pgp0035" id="Pgp0035" class=
+ "tei tei-anchor"></a>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem
+ asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren
+ Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen
+ hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell
+ wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das
+ untrüglichste Zeichen seines Unmutes.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie und Ilse
+ sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern,
+ den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und
+ Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé
+ gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was machst du denn da?“</span> fragte Ilse, als sie jetzt
+ einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und
+ demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Fred hat zu schwer zu tragen,“</span> sagte sie etwas
+ verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres
+ Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick
+ aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während
+ dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Laß nur, <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">darling</span></span>, laß nur! Fred darf sich
+ nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“</span> erwiderte
+ Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr
+ sofort die Tränen in die Augen.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page35">[pg 35]</span><a name="Pgp0036" id="Pgp0036" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“</span> sagte Ilse;
+ <span class="tei tei-q">„ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind
+ fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie schüttelte
+ wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm
+ die Sache viel zu leicht, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">sie</span></span> wußte es aber besser.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“</span> fuhr Ilse
+ fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß
+ Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund
+ sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie
+ bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen
+ Ängstlichkeit abzubringen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die kleine Reise bis
+ zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche
+ Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung
+ zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und
+ steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+ dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und
+ bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Um diese Zeit waren
+ die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der
+ langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer,
+ jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+ besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach
+ belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht
+ satt daran sehen.</p><span class="tei tei-pb" id="page36">[pg
+ 36]</span><a name="Pgp0037" id="Pgp0037" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“</span> wehrte
+ Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer
+ Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten.
+ Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den
+ Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf
+ ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm
+ her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu
+ warten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Straße, die sie
+ durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu
+ beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach
+ frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch
+ schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und
+ gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große
+ Plakate: <span class="tei tei-q">„Logis zu vermieten“</span>. Nur noch
+ wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer
+ Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im
+ Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die
+ Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und
+ schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen
+ vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in
+ blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer
+ Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun
+ wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte
+ Knospen <span class="tei tei-pb" id="page37">[pg 37]</span><a name=
+ "Pgp0038" id="Pgp0038" class="tei tei-anchor"></a>einen lichtgrünen
+ Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche
+ Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“</span> sagte Nellie so
+ recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bald kamen sie an
+ eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer
+ Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+ sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden Frauen
+ stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß
+ gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und
+ natürlich auch den von Onkel Heinz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im
+ Augenblick verwelkt,“</span> sagte er trocken, als Ilse ihm ein
+ Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber
+ schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen
+ Filzes gefallen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sehen Sie doch nur diese entzückende
+ Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“</span> rief Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“</span> sagte er
+ wieder ablehnend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse wandte sich
+ ab.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, denn nicht,“</span> meinte sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein
+ Wilder,“</span> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <span class=
+ "tei tei-q">„man kann ja gar nicht mitkommen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber
+ <span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pgp0039"
+ id="Pgp0039" class="tei tei-anchor"></a>ich gehe doch wahrhaftig nicht
+ schnell,“</span> sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das
+ Tempo seiner Schritte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine
+ ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“</span> fragte Onkel Heinz mit
+ einem spöttischen Lächeln.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem
+ Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine
+ Kleinigkeit!“</span> rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von
+ den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen,
+ allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch
+ ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben
+ getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so
+ gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein
+ guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch
+ mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte
+ Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und
+ Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut
+ hätte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine gute Strecke
+ waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete
+ noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen
+ Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem
+ Kontrast das duftige Blau und <span class="tei tei-pb" id="page39">[pg
+ 39]</span><a name="Pgp0040" id="Pgp0040" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie
+ ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige
+ Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen
+ Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige
+ Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schnell huschte die
+ Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände
+ verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über,
+ verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine
+ traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger
+ des Waldes auf den Zweigen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Stumm schritten die
+ Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen
+ Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt kamen sie in
+ einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die
+ Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas
+ bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es
+ überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte
+ sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde
+ ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige
+ nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+ vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem
+ Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas
+ bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an <span class=
+ "tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pgp0041" id="Pgp0041"
+ class="tei tei-anchor"></a>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen
+ dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht
+ gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie
+ überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+ schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr
+ sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas
+ hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach
+ einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der
+ Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und
+ Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die
+ sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abend war nun
+ ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen
+ Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte
+ jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine
+ eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden
+ Natur ein Schlummerlied.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es wird feucht,“</span> sagte Althoff und zog seinen
+ Rockkragen in die Höhe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, du frierst doch nicht?“</span> fragte Nellie ängstlich
+ und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab,
+ nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es geht dir doch gut, Fred?“</span> fragte sie wieder nach
+ einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page41">[pg 41]</span><a name="Pgp0042" id="Pgp0042"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie
+ gewöhnlich.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches
+ mitgenommen!“</span> fragte Nellie eifrig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches
+ Zeugs,“</span> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <span class=
+ "tei tei-q">„Sie vergiften sich ja nur damit.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, es hilft Fred aber so gut,“</span> meinte Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“</span> erwiderte Onkel
+ Heinz mit Achselzucken, <span class="tei tei-q">„aber hier, trinken Sie
+ wenigstens einen Kognak als Gegengift.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er reichte ihm seine
+ Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn
+ die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im
+ Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen
+ zu folgen, und wenn er auf die <span class="tei tei-q">„dummen
+ Kerle“</span>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und
+ Mittelchen lächerlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo, der mit Ilse
+ ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern
+ zu: <span class="tei tei-q">„Menschliche Wohnung in Sicht!“</span>
+ indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung
+ durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse
+ eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie
+ vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen
+ ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel
+ wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters <span class=
+ "tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pgp0043" id="Pgp0043"
+ class="tei tei-anchor"></a>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone
+ zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der
+ zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+ Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im
+ Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe
+ hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt,
+ über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu
+ haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße
+ fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt
+ deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen
+ Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den
+ Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau
+ den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des
+ Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor
+ sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische
+ Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit
+ Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer
+ unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die
+ späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte,
+ daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte;
+ so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+ Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und
+ unternehmungslustig vor ihm standen.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page43">[pg 43]</span><a name="Pgp0044" id="Pgp0044" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das nenne ich aber Mut,“</span> sagte er zu ihnen.
+ <span class="tei tei-q">„Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch
+ geben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“</span>
+ erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kann man hier einen guten Kognak haben?“</span> fragte
+ Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß
+ die lahm gewordenen Federn ächzten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen
+ etwas zu genießen,“</span> rief er hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Försterin kam
+ herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an
+ der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob
+ sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an
+ die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen
+ Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den
+ treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ
+ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt,
+ stieß er sie mit der Schnauze an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Rast war keine
+ lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem
+ Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte,
+ eingehend den Weg besprochen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auffallend kühl war
+ es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen
+ Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+ silber<span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name=
+ "Pgp0045" id="Pgp0045" class="tei tei-anchor"></a>glänzend der Mond,
+ tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die
+ Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen
+ herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und
+ mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun ging’s flott
+ weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft
+ zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas
+ Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für
+ furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo
+ nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders
+ war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich
+ verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal
+ zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens
+ nicht unterdrücken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da, da!“</span> rief sie und zeigte entsetzt nach
+ oben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine weiße Gestalt
+ war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen;
+ selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick
+ unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die
+ spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+ Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch
+ die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt
+ gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page45">[pg 45]</span><a name="Pgp0046" id="Pgp0046"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur
+ getrost und sehen Sie es sich an!“</span> rief er laut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ärgerte sich im
+ stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt
+ hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer
+ Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt
+ halten,“</span> meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen
+ nahe war und sie entschuldigen wollte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, Gontrau,“</span> rief Onkel Heinz, <span class=
+ "tei tei-q">„nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu
+ glauben?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wieder
+ erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse erschien es in
+ ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte
+ man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache
+ ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte,
+ jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich
+ nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0045.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem
+ Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und
+ waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+ tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten
+ war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen
+ man allerlei vermuten konnte. <span class="tei tei-pb" id="page46">[pg
+ 46]</span><a name="Pgp0048" id="Pgp0048" class="tei tei-anchor"></a>Die
+ Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die
+ Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege
+ und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein
+ flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile,
+ ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer
+ stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht
+ man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht
+ fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+ Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die frische Luft
+ kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten
+ hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille
+ herrschte ringsumher.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“</span> sagte
+ Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie würde uns für verrückt halten,“</span> meinte
+ Fred.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für
+ verrückt,“</span> erwiderte Onkel Heinz. <span class="tei tei-q">„Wenn
+ es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein,
+ grüner Wald u.&nbsp;s.&nbsp;w., dann ist die Natur nicht schön, das
+ kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich
+ in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber.
+ Das ist nun einmal nicht anders.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte
+ darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach
+ dem Äußeren <span class="tei tei-pb" id="page47">[pg 47]</span><a name=
+ "Pgp0049" id="Pgp0049" class="tei tei-anchor"></a>beurteilen; um ihn
+ kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und
+ selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon
+ konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr
+ geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an
+ der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach
+ ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in
+ poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd
+ und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es
+ gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen zwölf Uhr
+ sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen,
+ einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das
+ Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer
+ höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer
+ Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den
+ Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+ krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles
+ im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man
+ eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender
+ Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und
+ doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst
+ Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es
+ sich auch wohl <span class="tei tei-pb" id="page48">[pg
+ 48]</span><a name="Pgp0050" id="Pgp0050" class=
+ "tei tei-anchor"></a>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer
+ im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte.
+ Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das
+ gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und
+ Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und
+ verstand es, die andern mit sich fortzureißen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellies Blicke
+ hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen
+ schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das
+ Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch der Professor
+ war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen
+ mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als
+ er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin
+ dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen
+ wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein
+ können, Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse, als sie sich für diese
+ Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es
+ spöttisch.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wieso?“</span> fragte der Professor erstaunt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen,
+ wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich
+ dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz sah sie
+ ganz bestürzt an, er ahnte ja <span class="tei tei-pb" id="page49">[pg
+ 49]</span><a name="Pgp0051" id="Pgp0051" class=
+ "tei tei-anchor"></a>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er
+ seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein
+ kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man
+ sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun
+ geschehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erst spät erloschen
+ die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der
+ sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er
+ im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende
+ Morgensonne seinen Platz einnahm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur einmal noch in
+ der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den
+ Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und
+ ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen
+ Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+ heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt,
+ und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die
+ Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte
+ jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb
+ auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der
+ in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und
+ allmählich wieder verschwand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Lange noch blieb der
+ Professor draußen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Des Morgens erschien
+ er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh
+ aufgebrochen werden. <span class="tei tei-pb" id="page50">[pg
+ 50]</span><a name="Pgp0052" id="Pgp0052" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er
+ sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die
+ Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig
+ gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das
+ helle Mondlicht hätte ihn gestört.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“</span> sagte
+ Nellie; <span class="tei tei-q">„sehen Sie doch, wie schön es draußen
+ ist.“</span> Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch
+ schlecht geschlafen,“</span> erwiderte er mißmutig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst
+ aufgestanden?“</span> fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter
+ klopfte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu
+ wiederholen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war nichts mit
+ ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der
+ schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert
+ wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Brummend stieg er
+ mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz
+ gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder
+ jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er
+ doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+ behauptete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse, welche ahnte,
+ daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich
+ schon die <span class="tei tei-pb" id="page51">[pg 51]</span><a name=
+ "Pgp0053" id="Pgp0053" class="tei tei-anchor"></a>schönsten Beinamen
+ gegeben, wie <span class="tei tei-q">„alter Junggeselle“</span>,
+ <span class="tei tei-q">„Brummbär“</span> und dergleichen mehr, aber
+ sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung,
+ ihn dadurch umzustimmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Lustig verließ die
+ kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich
+ inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den
+ Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein
+ auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter
+ den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten.
+ Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser
+ wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen
+ in die Augen und blies die Backen feuerrot an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schneeluft,“</span> sagte Althoff.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er hatte recht,
+ nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt.
+ Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es
+ ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte
+ sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber
+ die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+ jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl
+ nahm ihn wieder mit fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An verschiedenen
+ Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie
+ hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die
+ <span class="tei tei-pb" id="page52">[pg 52]</span><a name="Pgp0054"
+ id="Pgp0054" class="tei tei-anchor"></a>Knöchel ein, was ein Hauptspaß
+ für Ilse war. Sie fand diesen <span class="tei tei-q">„Winter im
+ Frühling“</span> herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug
+ äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst
+ ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so
+ daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+ wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art
+ von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit
+ besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut
+ bekommt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde
+ ich es hier,“</span> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und
+ stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre
+ krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“</span>
+ rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins
+ Gesicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kann ich nicht finden,“</span> versetzte er unwirsch, nahm
+ seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren,
+ wieder trocken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist
+ viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir
+ weit näher gegangen,“</span> sagte er dann zu Leo.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Althoff und Leo
+ stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung.
+ Schließlich wurde die <span class="tei tei-pb" id="page53">[pg
+ 53]</span><a name="Pgp0055" id="Pgp0055" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei
+ Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er
+ unrecht hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“</span>
+ sagte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“</span>
+ entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: <span class=
+ "tei tei-q">„Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen
+ müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar
+ nicht maßgebend,“</span> entgegnete der Professor in unerschütterlicher
+ Streitsucht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun wurde es aber
+ Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie
+ ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er
+ mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit
+ störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare,
+ wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in
+ ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+ sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich
+ dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. <span class=
+ "tei tei-q">„Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die
+ Ärmste würde ich bedauern,“</span> schloß sie ihre Strafpredigt, die
+ den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von
+ dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz
+ verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern
+ <span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pgp0056"
+ id="Pgp0056" class="tei tei-anchor"></a>zog sich seinen Rockkragen noch
+ fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt
+ weiter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind,
+ denn so machen es die Frauen, sie halten immer
+ Gardinenpredigten,“</span> versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel
+ Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging
+ er weiter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Mittag hörte
+ das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum
+ Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf
+ die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch
+ unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte
+ unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine
+ weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+ zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter
+ Tränen zu lächeln.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als unsre Freunde
+ den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete,
+ sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her
+ bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter
+ den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln,
+ mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern
+ Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter
+ Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht
+ bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem
+ zwanzig Häuser <span class="tei tei-pb" id="page55">[pg
+ 55]</span><a name="Pgp0057" id="Pgp0057" class="tei tei-anchor"></a>zu
+ Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da
+ schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast
+ alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+ regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+ können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und
+ Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von
+ wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem
+ betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei.
+ Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste
+ Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der
+ Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut
+ einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie
+ gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war ein
+ trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl
+ schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die
+ Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige
+ Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste.
+ Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten
+ Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+ mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+ Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig
+ aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen,
+ wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.</p><span class="tei tei-pb"
+ id="page56">[pg 56]</span><a name="Pgp0058" id="Pgp0058" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eintönig verlief das
+ Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen
+ Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch
+ hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der
+ eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den
+ Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre,
+ und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten,
+ daß es <span class="tei tei-q">„angesteckt“</span> sein müsse. So
+ meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein
+ Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war,
+ Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben
+ hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend
+ gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der
+ Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei,
+ so schloß der Wirt seine Rede.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach dem Essen wurde
+ der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten
+ die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den
+ Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse
+ trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles
+ genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn
+ auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder
+ bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das
+ war die Frage, <span class="tei tei-pb" id="page57">[pg
+ 57]</span><a name="Pgp0059" id="Pgp0059" class="tei tei-anchor"></a>die
+ sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf
+ brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge
+ wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber
+ vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder
+ stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang
+ finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon
+ eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber
+ sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+ hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+ neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit
+ deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und
+ geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so
+ recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall
+ kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend,
+ besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ein famoser Gedanke!“</span> rief sie ein über das andre
+ Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz,
+ dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht
+ bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war
+ etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem
+ guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte,
+ daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum
+ mehr er<span class="tei tei-pb" id="page58">[pg 58]</span><a name=
+ "Pgp0060" id="Pgp0060" class="tei tei-anchor"></a>warten, bis die
+ Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich
+ auch sofort erörtert wurde, <span class="tei tei-q">„welches
+ Stück?“</span> Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler
+ gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet
+ zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der
+ eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles
+ mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum
+ Schluß kamen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das
+ Dilettanten spielen könnten?“</span> fragte Althoff endlich den
+ schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien,
+ so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da kam der Direktor
+ aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel
+ übrig gehabt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein
+ Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“</span>
+ war die scharf betonte Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hu, wie grob! Aber
+ Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm
+ seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die
+ andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick
+ zusandte, der sehr beredt war. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Mond strahlte
+ wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame
+ Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden
+ Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend
+ lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das <span class=
+ "tei tei-pb" id="page59">[pg 59]</span><a name="Pgp0061" id="Pgp0061"
+ class="tei tei-anchor"></a>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich
+ gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner
+ gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der
+ Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er
+ auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen
+ Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+ Schimmer.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz verließ
+ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem
+ Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille
+ Nacht.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem wahren
+ Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+ Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das
+ Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern
+ überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der
+ Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick
+ benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig
+ Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen
+ Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte,
+ das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für
+ sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen
+ gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können,
+ und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.
+ <span class="tei tei-pb" id="page60">[pg 60]</span><a name="Pgp0062"
+ id="Pgp0062" class="tei tei-anchor"></a>Leo hatte schließlich verboten,
+ sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne
+ weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie
+ sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang
+ laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb
+ sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele
+ verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs
+ lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was
+ die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der
+ geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie
+ in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und
+ Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz
+ erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von
+ dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne
+ sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte
+ mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen
+ und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die
+ ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht
+ ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens
+ gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie
+ aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk
+ hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist
+ den Schluß.</p><span class="tei tei-pb" id="page61">[pg
+ 61]</span><a name="Pgp0063" id="Pgp0063" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach langem Wählen
+ hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: <span class=
+ "tei tei-q">„die Jugendliebe“</span> von Wilbrandt, <span class=
+ "tei tei-q">„das erste Mittagessen“</span> von Görlitz und <span class=
+ "tei tei-q">„die Hochzeitsreise“</span> von Benedix. Die Stücke hatte
+ man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das
+ zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da
+ zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine
+ Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Im Geiste hatten
+ Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte,
+ brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu
+ bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so
+ guten Zweck herzugeben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Deshalb wanderten
+ auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser –
+ eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu
+ holen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihr Mut sank schon
+ nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich
+ bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen
+ Ansichten der Menschen ergangen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“</span> Das
+ war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses
+ Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes
+ verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, meine Liebe,“</span> sagte z.&nbsp;B. Frau So und
+ So, <span class="tei tei-q">„das können Sie nicht von meinen Töchtern
+ verlangen, sich der öffentlichen Kritik
+ auszusetzen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page62">[pg
+ 62]</span><a name="Pgp0064" id="Pgp0064" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und
+ belegte Brötchen herum,“</span> gab Ilse zur Antwort. <span class=
+ "tei tei-q">„Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik
+ ausgesetzt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist
+ etwas ganz andres.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Inwiefern das
+ <span class="tei tei-q">„etwas andres“</span> war, konnte Ilse nicht
+ herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl
+ selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine junge Frau,
+ welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich
+ auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+ Schneiderin könnten ja nachher sagen: <span class="tei tei-q">„Gnädige
+ Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O,“</span> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten
+ Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders
+ guten Trumpf ausspielte, <span class="tei tei-q">„Sie brauchten sich
+ doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin
+ fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an
+ dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“</span> erwiderte die junge Frau
+ pikiert. <span class="tei tei-q">„Ich will mich nur ihrer Kritik nicht
+ aussetzen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und
+ es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“</span> sagte Ilse,
+ innerlich empört über solche Anschauungen.</p><span class="tei tei-pb"
+ id="page63">[pg 63]</span><a name="Pgp0065" id="Pgp0065" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die junge Frau
+ zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal
+ anders.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit kühlem Gruß
+ verabschiedeten sich die beiden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, was ist sie verrückt,“</span> sagte Nellie laut
+ lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz
+ kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor,
+ als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der
+ gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung
+ eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse
+ war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und
+ wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie
+ gab die Sache noch lange nicht auf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur
+ Mut, <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">darling</span></span>,“</span> tröstete sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei der nächsten
+ Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde
+ sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die
+ armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet
+ hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein
+ lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war
+ allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt,
+ <span class="tei tei-q">„ein älteres junges Mädchen“</span> zu werden,
+ aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer
+ betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde <span class=
+ "tei tei-q">„das Kind“</span> genannt. <span class="tei tei-q">„Das
+ Kind“</span> hatte eine schöngeistig angelegte <span class="tei tei-pb"
+ id="page64">[pg 64]</span><a name="Pgp0066" id="Pgp0066" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden,
+ hatte reges Interesse für das Theater, selbst – <span class=
+ "tei tei-q">„mit vielem Talent“</span>, wie die Schwestern
+ einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu
+ übernehmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage,
+ Fräulein Born,“</span> sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim
+ Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die
+ Leseprobe stattfinden sollte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe
+ geben,“</span> sagte Ilse draußen zu Nellie, während das <span class=
+ "tei tei-q">„alte Fräulein“</span> drinnen bereits mit der jungen Frau
+ in der <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> liebäugelte und
+ die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte
+ sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige
+ Temperament dazu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse war hoch
+ erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem
+ Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+ zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <span class=
+ "tei tei-q">„tauben Tante“</span> nahte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem Doktor
+ Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus,
+ klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+ dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer
+ Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin
+ mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle
+ übernehmen würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0064.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Rundgang konnte
+ nun als beendigt gelten, da <span class="tei tei-pb" id="page65">[pg
+ 65]</span><a name="Pgp0068" id="Pgp0068" class="tei tei-anchor"></a>die
+ Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und
+ Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein
+ <span class="tei tei-q">„Ja“</span> oder <span class=
+ "tei tei-q">„Nein“</span>, und die Sache war abgemacht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse und Nellie
+ erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern
+ die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung,
+ die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+ herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren
+ Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen
+ könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte
+ sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen
+ nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo
+ mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff
+ war Inspizient und Requisitenmeister.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Endlich fand die
+ Leseprobe glücklich statt. Glücklich?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nein, das ist zuviel
+ gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die <span class=
+ "tei tei-q">„taube Tante“</span> in der <span class=
+ "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> wurde mit Entrüstung von Fräulein Born
+ zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter,
+ als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende
+ Backfischrolle der Adelheid in der <span class=
+ "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> gegeben wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“</span> sagte
+ Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester
+ Mietze meinte, die Rolle der sanften <span class="tei tei-pb" id=
+ "page66">[pg 66]</span><a name="Pgp0069" id="Pgp0069" class=
+ "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„Betty“</span> in der
+ <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> passe ihr auch nicht recht
+ und wäre doch zu kurz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da stiegen schon
+ wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte
+ als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, meine Damen,“</span> hatte er gesagt, <span class=
+ "tei tei-q">„wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich
+ Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor
+ einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+ blamieren.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war ziemlich
+ deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit
+ verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <span class=
+ "tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> geben, Nellie die in der
+ <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span>; die beiden Ehemänner
+ wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken,
+ aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker
+ sein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am Tage nach der
+ Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie
+ dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der
+ gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den
+ nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was gibt’s denn schon wieder?“</span> fragte er ärgerlich
+ über die Störung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da, hier lies,“</span> rief Ilse. <span class=
+ "tei tei-q">„Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann
+ schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als
+ Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später <span class=
+ "tei tei-pb" id="page67">[pg 67]</span><a name="Pgp0070" id="Pgp0070"
+ class="tei tei-anchor"></a>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den
+ Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was
+ sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß
+ uns die Sache aufstecken,“</span> jammerte sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zur rechten Zeit
+ erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten
+ und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden
+ anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im
+ Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei
+ solcher Gelegenheit kennen zu lernen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie überbrachte
+ einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war,
+ einen Prolog zu verfassen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Herrlich, herrlich,“</span> rief Leo, <span class=
+ "tei tei-q">„und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den
+ Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“</span> meinte
+ Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer
+ wird das übernehmen?“</span> fragte Leo.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in
+ demselben Stück,“</span> sagte Ilse plötzlich. <span class=
+ "tei tei-q">„Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel
+ hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett
+ sein,“</span> sagte Nellie. <span class="tei tei-q">„Kann ich nicht das
+ Mädchen spielen? <span class="tei tei-pb" id="page68">[pg
+ 68]</span><a name="Pgp0071" id="Pgp0071" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt
+ doch wohl nicht?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nein, nein, wie Ilse
+ sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Beide Freundinnen
+ machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder
+ einzufangen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erna wollte mit
+ Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang
+ es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der
+ <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> zwar klein, aber doch sehr
+ hübsch sei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gott sei Dank, das
+ war in Ordnung gebracht!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Etwas schwieriger
+ wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den
+ beiden älteren Schwestern empfangen, das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> war in der Singstunde, mußte aber jeden
+ Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born
+ da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die
+ <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> flog wie ein Fangball
+ zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten,
+ zu einer solchen Rolle sei denn das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> doch noch zu jung, warum gerade sie diese
+ Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge
+ derselben auseinandersetzte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> erschien, und mit aller Entschiedenheit wies
+ sie die <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> von sich, indem
+ sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O,“</span> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,
+ <span class="tei tei-q">„mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet
+ und <span class="tei tei-pb" id="page69">[pg 69]</span><a name=
+ "Pgp0072" id="Pgp0072" class="tei tei-anchor"></a>hoffte, daß Sie ihn
+ als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken
+ wollen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Einen Prolog?“</span> fragte Fräulein Born einlenkend, und
+ über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon
+ als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner
+ Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war
+ das Richtige für sie!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne langes Zögern
+ gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war
+ – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die
+ <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> mit in den Kauf zu nehmen.
+ Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große
+ Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das
+ würde man auch gewiß allgemein anerkennen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem Seufzer
+ der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause;
+ vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Aufregungen, in
+ welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird,
+ blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie
+ sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere
+ Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die
+ Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie
+ hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Einige Proben waren
+ bereits bei Gontraus im Hause <span class="tei tei-pb" id="page70">[pg
+ 70]</span><a name="Pgp0073" id="Pgp0073" class=
+ "tei tei-anchor"></a>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne
+ stattfinden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mutter, laß mich mitgehen,“</span> bettelte Ruth mit
+ glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man
+ nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt
+ herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Laut weinend ging
+ Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich
+ ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Theater, von der
+ Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit
+ neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein
+ andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen
+ Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot
+ lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige
+ Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen
+ überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen
+ lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man
+ heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die
+ Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas
+ richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz
+ zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd!
+ Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und
+ erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun
+ diesmal <span class="tei tei-pb" id="page71">[pg 71]</span><a name=
+ "Pgp0074" id="Pgp0074" class="tei tei-anchor"></a>selbst stehen
+ sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu
+ erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken
+ bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man
+ das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter,
+ welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten
+ betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen
+ aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in
+ acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie
+ grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so
+ wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein
+ bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den
+ Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die
+ Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen
+ Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz
+ mancher Enttäuschung über das <span class="tei tei-q">„hinter den
+ Kulissen“</span> blieb doch die Wirkung des gewissen <span class=
+ "tei tei-q">„Etwas“</span>, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die
+ der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+ Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte
+ im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen
+ Augen sah sie in das leere Haus!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo ließ eine Weile
+ dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann
+ aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff
+ <span class="tei tei-pb" id="page72">[pg 72]</span><a name="Pgp0075"
+ id="Pgp0075" class="tei tei-anchor"></a>saßen verteilt in den
+ Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der
+ Dunkelheit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zuerst sollte der
+ Prolog gesprochen werden. Das <span class="tei tei-q">„Kind“</span>
+ überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und
+ sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lauter, lauter,“</span> rief Leo aus den Kulissen hervor;
+ als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff,
+ und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme
+ vernehmen:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu
+ hören!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fräulein Born wurde
+ verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von
+ vorn anfangen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie war empört
+ darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter
+ verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun
+ diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+ Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+ herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden
+ Tränen nicht zurückhalten, das <span class="tei tei-q">„Kind“</span>
+ fing an, wie ein Kind zu weinen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Siedendheiß überlief
+ es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch
+ mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So lief sie denn
+ hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in
+ ihrer Garderobe saß.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes <span class=
+ "tei tei-pb" id="page73">[pg 73]</span><a name="Pgp0076" id="Pgp0076"
+ class="tei tei-anchor"></a>Fräulein, warum weinen Sie denn?“</span>
+ redete ihr Ilse zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert
+ werde?“</span> gab das Kind außer sich zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch
+ gut,“</span> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den
+ Wind gesprochen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es
+ doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders
+ gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel
+ Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert
+ man alle Lust.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse konnte gegen
+ diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht
+ aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als
+ zuvor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In ihrer
+ Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz
+ genommen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen
+ Äußerungen,“</span> sagte sie nervös zu ihm. <span class=
+ "tei tei-q">„Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+ mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch
+ gräßlich,“</span> gab er eilig zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine
+ andre!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“</span> sagte
+ Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus<span class=
+ "tei tei-pb" id="page74">[pg 74]</span><a name="Pgp0077" id="Pgp0077"
+ class="tei tei-anchor"></a>einandersetzungen, denn die Probe zur
+ <span class="tei tei-q">„Jugendliebe“</span> sollte im Augenblick
+ beginnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Inspizient,
+ Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein
+ Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> auf der Schwelle erschien, mit geröteten
+ Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse war froh, als
+ die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß
+ dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde.
+ Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen
+ nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles,
+ was er sagte, und leierte die Rolle der <span class="tei tei-q">„tauben
+ Tante“</span> in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern
+ Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben,
+ oder besser gesagt, sie <span class="tei tei-q">„muckte“</span>, wie
+ ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren
+ Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht
+ aufrütteln.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung
+ kommen,“</span> rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing
+ das <span class="tei tei-q">„Kind“</span> auf einmal an, die
+ <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> sehr natürlich zu spielen,
+ d.&nbsp;h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde.
+ Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine
+ Bemühungen vergeblich waren.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob nun der
+ Stumpfsinn der <span class="tei tei-q">„tauben Tante“</span> die andern
+ Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas <span class=
+ "tei tei-pb" id="page75">[pg 75]</span><a name="Pgp0078" id="Pgp0078"
+ class="tei tei-anchor"></a>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte.
+ Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende
+ Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten
+ immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+ gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute
+ abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte
+ manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld,
+ er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon
+ längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wie soll das werden!“</span> sagte Ilse seufzend zu
+ Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Liebesszene
+ zwischen <span class="tei tei-q">„Adelheid“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„Ferdinand von Bruck“</span> fiel glänzend ins Wasser, bei
+ jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer
+ Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er
+ die Miene eines Opferlammes auf und ließ das <span class=
+ "tei tei-q">„Schreckliche“</span>, ohne ein Glied zu rühren, über sich
+ ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber
+ auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht,
+ er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß
+ endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine
+ Worte wurden weniger gewählt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“</span>,
+ <span class="tei tei-pb" id="page76">[pg 76]</span><a name="Pgp0079"
+ id="Pgp0079" class="tei tei-anchor"></a>er verbesserte sich schnell und
+ sagte: <span class="tei tei-q">„wir so spielen, blamieren wir
+ uns.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class=
+ "tei tei-q">„taube Tante“</span> zeigte eine schadenfrohe Miene bei
+ dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so
+ angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch
+ aber, der reizenden Freundin der beiden <a name="corr076" id="corr076"
+ class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">Schmidts</span>,
+ Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei
+ Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie
+ vorhin das <span class="tei tei-q">„Kind“</span>, weinend und
+ schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diesmal übernahm es
+ Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt
+ auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo
+ wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große
+ Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern
+ jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da
+ vorging.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, weine doch nicht, Erika,“</span> redete Mietze
+ Schmidt ihr zu, <span class="tei tei-q">„wir haben doch alle unser Teil
+ bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser
+ machen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“</span>
+ sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. <span class=
+ "tei tei-q">„Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere
+ Rücksicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,
+ <span class="tei tei-pb" id="page77">[pg 77]</span><a name="Pgp0080"
+ id="Pgp0080" class="tei tei-anchor"></a>wenn ich dran komme,“</span>
+ meinte Erna Schmidt. <span class="tei tei-q">„Das kann heute noch gut
+ werden.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“</span> fuhr Ilse erregt
+ dazwischen; <span class="tei tei-q">„wenn Sie eben keinen Tadel
+ vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so
+ viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen
+ sein,“</span> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog
+ dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte.
+ <span class="tei tei-q">„Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb
+ Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß
+ er dumme Schulkinder vor sich hat.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hierauf gab Ilse
+ eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der
+ Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab
+ das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen
+ alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie <span class=
+ "tei tei-q">„nicht mitspielen“</span>, <span class=
+ "tei tei-q">„rücksichtslos“</span> usw., tauchten wie Froschköpfe in
+ einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und
+ klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte
+ Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als
+ groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die
+ hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte
+ Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine
+ wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,
+ <span class="tei tei-pb" id="page78">[pg 78]</span><a name="Pgp0081"
+ id="Pgp0081" class="tei tei-anchor"></a>daß sich nicht nur die Gemüter,
+ sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der
+ beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr
+ liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male
+ hatte sie sogar schon gelächelt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Verschwinden der
+ sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff
+ aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als
+ sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben
+ mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das
+ sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel
+ eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der
+ verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+ überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen
+ anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon,
+ das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte
+ von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die
+ Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“</span> fragte Leo seine
+ Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und
+ zugleich aufgeregtes Gesicht sah.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die jungen Herren
+ waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es
+ mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page79">[pg 79]</span><a name="Pgp0082" id="Pgp0082"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch die beiden
+ andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg
+ keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es
+ ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im <span class=
+ "tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> so tragisch, daß man über diese
+ komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der
+ Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den
+ fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine
+ gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch
+ viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so
+ starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte.
+ Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in
+ der <span class="tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> ließen die unter
+ Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel
+ wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse lachte nicht
+ mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen
+ stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und
+ gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+ nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar
+ nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte
+ Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe
+ gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe
+ jetzt <span class="tei tei-pb" id="page80">[pg 80]</span><a name=
+ "Pgp0083" id="Pgp0083" class="tei tei-anchor"></a>zu Ende war und sie
+ mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Direktor hatte
+ unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten
+ manche Rüge, manchen Tadel einstecken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Immer höher schien
+ der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches
+ Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon
+ sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und
+ sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den
+ Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo brach in ein
+ lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den
+ Weibern nun einmal nicht abgehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse jedoch ließ
+ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte
+ der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">darling</span></span>, du mußt dir die Sache nicht
+ so zu Herzen nehmen,“</span> beruhigte Nellie; <span class=
+ "tei tei-q">„an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig
+ in der Garderobe!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber der Freundin
+ Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und
+ dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr
+ vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite
+ auffaßte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige <span class=
+ "tei tei-pb" id="page81">[pg 81]</span><a name="Pgp0084" id="Pgp0084"
+ class="tei tei-anchor"></a>Absagebriefchen,“</span> sagte Ilse,
+ <span class="tei tei-q">„und was machen wir dann?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo lachte sie
+ aus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in
+ sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu
+ großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“</span>
+ sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dennoch begab sich
+ Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an
+ Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern
+ zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei.
+ Die Born, <span class="tei tei-q">„das Kind“</span>, hatte eine
+ Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie
+ ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie
+ keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht
+ schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder
+ standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das
+ Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand
+ war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel
+ ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der
+ höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und
+ durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor
+ ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der
+ Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. <span class=
+ "tei tei-pb" id="page82">[pg 82]</span><a name="Pgp0085" id="Pgp0085"
+ class="tei tei-anchor"></a>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so
+ bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+ Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie
+ mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit
+ einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+ umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen
+ und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu
+ erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie
+ die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen.
+ Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz
+ ungeteilt für sie allein da.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch von Onkel Heinz
+ war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war
+ verschlossen gewesen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz! Selbst
+ für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig
+ gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der
+ Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh
+ darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht
+ ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen
+ lassen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Spaziergang tat
+ ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte
+ auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich
+ behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page83">[pg 83]</span><a name="Pgp0086" id="Pgp0086"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“</span> fragte
+ sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin
+ darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch
+ ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten
+ Zweck tut,“</span> fuhr sie fort; <span class="tei tei-q">„mein Mann
+ hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class=
+ "tei tei-q">„nur gut“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„wenigstens“</span> brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+ bezwang sich und fragte: <span class="tei tei-q">„Ihr kommt doch
+ auch?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Innerlich war sie
+ fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte
+ über die sonstige Abneigung gegen das Theater.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vor der nächsten
+ Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als
+ sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen
+ waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die
+ größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust
+ und Begeisterung wieder ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern
+ mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war,
+ an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht
+ hinausweisen konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie zwei gestrenge
+ Wächterinnen nahmen sie in der <span class="tei tei-pb" id="page84">[pg
+ 84]</span><a name="Pgp0087" id="Pgp0087" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den
+ ganzen Abend über sitzen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Täglich wurde jetzt
+ geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst
+ in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt
+ und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr
+ übel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sogar Fräulein Born
+ hatte sich mit der <span class="tei tei-q">„tauben Tante“</span> etwas
+ angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der
+ Backfisch war bei der <span class="tei tei-q">„schrecklichen
+ Umarmung“</span>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste
+ Mal.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war man glücklich
+ bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten
+ verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es herrschte keine
+ geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die
+ Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde
+ ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber
+ Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon
+ versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das helle Tageslicht
+ drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich
+ herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran
+ verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die
+ Gasflammen.</p><span class="tei tei-pb" id="page85">[pg
+ 85]</span><a name="Pgp0088" id="Pgp0088" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Von der Bühne her
+ tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um
+ Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen
+ Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran
+ dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch –
+ welcher Zauber lag in dem Gedanken!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den
+ Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die
+ Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+ wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene
+ kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und
+ Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+ aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und
+ Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in
+ einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der
+ Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche
+ Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte
+ der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie
+ krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Unsre arme Schwester ist so erregt,“</span> sagte das
+ älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen.
+ <span class="tei tei-q">„Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst
+ zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0085.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber
+ <span class="tei tei-pb" id="page86">[pg 86]</span><a name="Pgp0090"
+ id="Pgp0090" class="tei tei-anchor"></a>Gott, wie oft habe ich schon
+ Theater gespielt,“</span> fuhr das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> dazwischen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und in der Tat, was
+ das <span class="tei tei-q">„Können“</span> betrifft, hatte sie keine
+ Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche,
+ Künstlerseelen, wie sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte
+ keine Ahnung, daß selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals
+ ganz verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so sicher und
+ selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren
+ Künstler bleibt die Kunst stets ein Ringen, ein Kampf, denn nur er
+ kennt die Schwierigkeiten, über welche der Dilettant in sorgloser
+ Unwissenheit hinwegschreitet.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den Garderoben
+ der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. Auch hier
+ erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+ vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle
+ überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb;
+ der Souffleur hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen
+ müssen. Wenn es nur heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus,
+ die hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker
+ blonder Zopf über den Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen
+ Schleife zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid,
+ das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft
+ des Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter
+ Fräulein Borns <span class="tei tei-pb" id="page87">[pg
+ 87]</span><a name="Pgp0091" id="Pgp0091" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern
+ kommen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die letzten Stunden
+ in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung würden einem
+ objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da
+ löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher Nächstenliebe
+ ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus zu Tage,
+ jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst
+ den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, Fragen,
+ Schwatzen ohne Ende!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der Garderobe von
+ Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei Mütter einen
+ heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste
+ sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch verstohlene,
+ prüfende Blicke hinüber und herüber.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt erschien der
+ Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort förmlich
+ umringt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich
+ zuerst frisieren!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst
+ geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze Strich unter den
+ Augen stärker sein?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der parfümierte
+ Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und Anforderungen kaum
+ retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; endlich schoß Erika
+ den Vogel ab; sie wurde die erste.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page88">[pg 88]</span><a name="Pgp0092" id="Pgp0092" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nur nicht so rote Backen,“</span> sagte sie, denn schon im
+ gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie
+ fand es interessanter, etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig
+ und kam sich mit dem angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber
+ der duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie
+ ausgezeichnet <span class="tei tei-q">„wirken“</span> würde, und die
+ Freundinnen fanden den Backfisch Erika <span class=
+ "tei tei-q">„reizend, süß, entzückend!“</span> Auch Frau Dr. Schmidt
+ sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das reizende
+ Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit,
+ daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In demselben
+ Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born stürzte
+ aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum <span class=
+ "tei tei-q">„Kinde“</span> zurückgeholt, denn die blonde klassische
+ Perücke hatte sich verschoben, als sie den Epheukranz darin befestigen
+ wollte; außerdem war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit
+ ausgefallen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gott, Sie sind schon alle fertig?“</span> fragte Fräulein
+ Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse
+ in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid erschien.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf,
+ liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!“</span> bemerkte
+ sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit
+ wieder sich selbst zu. <span class="tei tei-q">„Bitte, nun sagt mir mal
+ ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“</span></p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page89">[pg 89]</span><a name="Pgp0093" id="Pgp0093"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß diese Frage
+ nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von den Gefragten,
+ sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde
+ wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend,
+ wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die weichen
+ Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+ keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wirklich war denn
+ auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor sich gegangen. Die
+ blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten Wunder
+ vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das sie sonst im
+ Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur
+ wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+ Wange.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als
+ alte Tante schön von Ihnen abstechen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mißmutig glitten
+ ihre Blicke über das graue Kleid der <span class="tei tei-q">„tauben
+ Tante“</span>, das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein
+ mußte sie nachher und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen
+ vertauschen, es war eigentlich zu ärgerlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aus ihren
+ Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, deren
+ schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+ jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein
+ prüfender Blick in den Spiegel.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page90">[pg 90]</span><a name="Pgp0094" id="Pgp0094" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine
+ Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr,
+ stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles
+ ordentlich?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Annas Hände flogen,
+ während die andre Schwester mit dem roten Stärkungstranke bereit stand.
+ <span class="tei tei-q">„Nur einen Schluck,“</span> drängte sie und
+ hielt der Muse das volle Weinglas an die Lippen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht
+ abgeht,“</span> gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die andern waren
+ schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne versammelt. Man
+ drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen zu
+ können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in dem
+ lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+ strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die
+ beiden Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und
+ erwartungsvoll auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl
+ jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der Generalprobe hatte sie
+ einen Blick in die Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne
+ gewesen!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie fernes
+ Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+ Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine
+ besonders laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen,
+ dazwischen tönten einzelne <a name="corr090" id="corr090" class=
+ "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">langgezogene</span>
+ Geigenstriche aus dem Orchester, das seine Instrumente
+ stimmte.</p><span class="tei tei-pb" id="page91">[pg 91]</span><a name=
+ "Pgp0095" id="Pgp0095" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle diese Geräusche
+ verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen zum Beginn ertönte
+ und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur wer einmal eine
+ solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die allgemeine bange
+ Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male
+ hebt, nachfühlen!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Bühne, auf der
+ noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde im schnellsten
+ Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll Spannung standen
+ nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und Füße,
+ hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige Gedächtnislosigkeit,
+ Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des Lampenfiebers,
+ welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger
+ ergriffen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Ouvertüre neigte
+ sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte Ton, noch ein
+ Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der
+ Vorhang ging in die Höhe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Gefühl, welches
+ Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war demjenigen sehr
+ ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines
+ Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige Publikum
+ wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten Worte blieben ihr
+ fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern über die Lippen.
+ Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde
+ <span class="tei tei-pb" id="page92">[pg 92]</span><a name="Pgp0096"
+ id="Pgp0096" class="tei tei-anchor"></a>lauter, und ohne besonderen
+ Zwischenfall ging alles vorüber.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“</span>
+ kritisierte Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die
+ herzlichen Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik klang das
+ laute Händeklatschen an das Ohr des <span class=
+ "tei tei-q">„Kindes“</span>, als der Vorhang gefallen war. Zweimal
+ mußte er sich wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen –
+ wer kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit geöffneten Armen
+ und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die tief Bewegte, während
+ die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schnell, schnell umkleiden,“</span> rief Leo ihr zu, und
+ nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen
+ Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, die Muse in die
+ <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> umzuwandeln. Hinein mußte
+ sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare wurde ein
+ Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und unter
+ seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel
+ zu jung aus,“</span> sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren
+ Stirn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu
+ viel,“</span> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend sein
+ Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend oder mit dem
+ Puderquast tupfend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“</span> sagte das
+ <span class="tei tei-pb" id="page93">[pg 93]</span><a name="Pgp0097"
+ id="Pgp0097" class="tei tei-anchor"></a>Kind, mit hoheitsvoller Miene
+ sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen widerlichen,
+ unverschämten Menschen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class=
+ "tei tei-q">„Jugendliebe“</span> wurde gut und flott gespielt, die
+ blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der
+ Proben, und auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher.
+ Mietze Schmidt und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich
+ zusammen, und die <span class="tei tei-q">„taube Tante“</span> hörte es
+ mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit lachte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Beifall war
+ geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende war, und als
+ Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus
+ Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant
+ überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der
+ Schminke konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Von wem, von wem?“</span> rief und fragte es
+ durcheinander, als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte kaum
+ die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf welcher nur die
+ Worte standen: <span class="tei tei-q">„Der reizenden Adelheid“</span>,
+ so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern.
+ Er wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen
+ fingen bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen
+ darüber beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl
+ geschickt haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika
+ mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von <span class=
+ "tei tei-pb" id="page94">[pg 94]</span><a name="Pgp0098" id="Pgp0098"
+ class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„wem“</span> diese
+ Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht sagen, und was dergleichen
+ Reden mehr waren.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fräulein Born aber
+ meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen eigentlich gar nicht
+ annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher
+ nicht tun.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erika wurde es bei
+ dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte
+ schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die
+ Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten ganz
+ traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja
+ darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika;
+ sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,“</span> sagte das Kind
+ später zu den Schwestern, und die hübsche Erika wurde von den dreien
+ tüchtig durchgenommen und zerlegt. Der Refrain lautete immer:
+ <span class="tei tei-q">„Es ist schade um das hübsche
+ Mädchen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Ilse im
+ <span class="tei tei-q">„ersten Mittagessen“</span> in ihrer
+ Dienstmädchenrolle erschien, erklang plötzlich das helle Lachen einer
+ Kinderstimme laut durch das Haus. Es war Marianne, welche ihre Mama in
+ diesem Anzuge zu komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen
+ konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe
+ verwies.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übrigens kam auch
+ das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die
+ Ilse in ihrem <span class="tei tei-pb" id="page95">[pg
+ 95]</span><a name="Pgp0099" id="Pgp0099" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei
+ offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit
+ über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, wenn der
+ Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch auf
+ den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik
+ getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten
+ die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich
+ nur die guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat
+ viel Talent,“</span> sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die
+ einige Male gelächelt hatte, aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen
+ war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater
+ spielt,“</span> warf sie ein, <span class="tei tei-q">„aber freilich,
+ Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Betonung dieser
+ Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen
+ eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,“</span> meinte ihr Mann
+ und sah sich in dem vollen Hause um.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war bis auf den
+ letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit
+ einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen
+ gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt hatten, so würde
+ wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die Wohltätigkeit den Sieg
+ davon getragen haben. <span class="tei tei-pb" id="page96">[pg
+ 96]</span><a name="Pgp0100" id="Pgp0100" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu
+ sehen, hat ja immer einen großen Reiz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zum dritten und
+ letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die <span class=
+ "tei tei-q">„Hochzeitsreise“</span> von Benedix wurde fast noch flotter
+ als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten das
+ Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die andern Rollen,
+ sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, als das Kammermädchen,
+ vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und zum Schlusse mußten
+ die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich
+ die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten sogar mit
+ lauten Bravorufen. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun war alles
+ vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden Welten wieder
+ voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+ Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+ übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream,
+ Seife und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht
+ bearbeitet und wieder in das alltägliche verwandelt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit wehmütig
+ zärtlichen Blicken betrachtete das <span class=
+ "tei tei-q">„Kind“</span> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern
+ soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß der schöne
+ Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das bedauerten auch alle
+ andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig versicherten, wie
+ herrlich das Theaterspielen gewesen sei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse schien aber
+ doch ganz froh darüber zu sein, daß <span class="tei tei-pb" id=
+ "page97">[pg 97]</span><a name="Pgp0101" id="Pgp0101" class=
+ "tei tei-anchor"></a>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie
+ auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, denn
+ bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer gezweifelt, ob es
+ gelingen würde und geseufzt: <span class="tei tei-q">„Ach, wenn es nur
+ gelingt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wie war es
+ gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der Lohn
+ wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark
+ übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes
+ Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+ Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein
+ schönes Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu
+ haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den ersten Tagen
+ nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur dies eine Thema,
+ wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die
+ Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen
+ bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, daß man genau
+ wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten
+ ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache eingedrungen
+ waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches anders
+ gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte
+ trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie
+ die oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie
+ sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher <span class=
+ "tei tei-pb" id="page98">[pg 98]</span><a name="Pgp0102" id="Pgp0102"
+ class="tei tei-anchor"></a>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund
+ abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz war am Tage
+ nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und hatte sich von
+ Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater
+ gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, die
+ Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes mangelhafte
+ Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. <span class=
+ "tei tei-q">„Es muß und soll etwas Tüchtiges aus dem Jungen
+ werden,“</span> sagte Rosi zu Tante Emilie; <span class=
+ "tei tei-q">„wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung
+ allein in die Hand nehmen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tante Emilie hatte
+ diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet und gab dann mit
+ vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die
+ in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der Praxis
+ wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber für Rosi
+ war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum ihre
+ Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und
+ gar nicht? <span class="tei tei-q">„Weil du ihn nicht verstehst, weil
+ du auf seine Eigenheiten nicht eingehst,“</span> hätte man ihr zur
+ Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich so wohl, sie hatte
+ Verständnis für den aufgeweckten Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie
+ ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht
+ anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren
+ Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder <span class=
+ "tei tei-pb" id="page99">[pg 99]</span><a name="Pgp0103" id="Pgp0103"
+ class="tei tei-anchor"></a>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten
+ längst erkannt, und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi
+ nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen fand Elisabeth
+ unsympathisch.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fritz hörte mit
+ offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. Ach, das
+ mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen
+ können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst Ilse,
+ die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie,
+ welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten.
+ Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+ vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die
+ Mutter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse lächelte zu
+ dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen <span class=
+ "tei tei-q">„Mummenschanz“</span>, wie er es nannte, nicht ansehen
+ würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar
+ nicht sehen ließ. War er noch böse? Sie hatte darüber in den letzten
+ Tagen wenig nachdenken können, aber jetzt kam ihr der Gedanke
+ plötzlich, und alles stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit
+ mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer
+ Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst vergingen kaum
+ einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: <span class="tei tei-q">„er
+ brummte wohl mal wieder!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich
+ sind,“</span> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach
+ und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor
+ zürne.</p><span class="tei tei-pb" id="page100">[pg 100]</span><a name=
+ "Pgp0104" id="Pgp0104" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der
+ Zeit abgewöhnen,“</span> erwiderte er seufzend, aber die glücklichen
+ Augen, mit denen er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen,
+ beklagen sich am meisten,“</span> gab Ilse zurück, die selten um eine
+ Antwort verlegen war. <span class="tei tei-q">„Eine Frau, die zu allem
+ Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit langweilig gewesen,
+ Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders geworden, nicht
+ wahr?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er zögerte mit der
+ Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß sie Ernst
+ machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich
+ des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran erinnern
+ ließ.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Sache mit Onkel
+ Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief sich alles
+ wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte,
+ und ihre Endbetrachtung war: <span class="tei tei-q">„Warum mußte er
+ sie auch immer so reizen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Leo am
+ Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+ verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer
+ Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige
+ Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz war
+ bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und mußte sich noch
+ sehr schonen, <span class="tei tei-pb" id="page101">[pg
+ 101]</span><a name="Pgp0105" id="Pgp0105" class="tei tei-anchor"></a>so
+ lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Mitleid
+ verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz von
+ freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des
+ einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte
+ er auch nicht zu ihnen geschickt!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim
+ befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man
+ etwas davon merkt!“</span> rief sie mit Tränen in den Augen, und auch
+ die Kinder fingen an zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter
+ Onkel krank sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte
+ fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am Ende sterben
+ würde, und ließ sich kaum beruhigen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Tage mußte
+ Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie
+ den Professor besuchen dürfe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem
+ <span class="tei tei-q">„Nein“</span> kam ihr Mann zurück und erzählte,
+ daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus
+ nichts von ihrem Besuche wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr
+ traurig und mit ihr Ruth, deren lebhaften Fragen, <span class=
+ "tei tei-q">„warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“</span> sie
+ mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“</span> sagte
+ auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu
+ trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, <span class=
+ "tei tei-pb" id="page102">[pg 102]</span><a name="Pgp0106" id="Pgp0106"
+ class="tei tei-anchor"></a>wie gut und treu doch der Freund sein müsse,
+ der sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte,
+ welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am Morgen des
+ übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief
+ hoch in der Luft schwenkend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn
+ besuchen – heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“</span> kam
+ es in hastig abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen
+ lachten in heller Freude.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse nahm ihr den
+ Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem
+ alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter und
+ Schwester erwarten würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Fragend sah Ilse ihr
+ Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu
+ erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den
+ Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner
+ Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?“</span> fragte sie
+ lebhaft.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Kind war voller
+ Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer wieder von neuem,
+ wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie wäre
+ ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die Dienstleute immer
+ ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page103">[pg 103]</span><a name="Pgp0107" id="Pgp0107"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Willst du ihn mal lesen?“</span> fragte sie dann
+ plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu
+ holen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“</span>
+ dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer
+ bereitet, wenn sie beim Spielen mit der kleinen Schwester so egoistisch
+ und auffahrend war, was sie allerdings im nächsten Augenblicke schon
+ wieder bereute. Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel
+ Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab es Leute, die
+ sie nicht leiden konnte, und gegen die sie sich geradezu
+ unliebenswürdig zeigte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth kam nach
+ wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der Entwurf zu dem
+ Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-text" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <div class="tei tei-body" style=
+ "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em">
+ <div class="tei tei-salute" style="margin-left: 4.00em">
+ „Lieber Onkel Heinz!
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt
+ schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und
+ Marichane ist gestern aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten
+ Dich so gern in der Klinick besuchen und heute mußte eine in unser
+ Schule nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke
+ Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben mus das
+ ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh Mutter weis nicht das
+ ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig gegeben für den
+ weg.</span></p>
+
+ <div class="tei tei-salute" style="text-align: center">
+ Es grüst Dich
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-signed" style="text-align: right">
+ Deine libe Ruth.“
+ </div>
+ </div>
+ </div><span class="tei tei-pb" id="page104">[pg 104]</span><a name=
+ "Pgp0108" id="Pgp0108" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diesem Briefe hatte
+ er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein erklärter
+ Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben
+ verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie war
+ der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+ Heinz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth konnte kaum den
+ Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle
+ Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen großen
+ Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd brachte sie
+ Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine leere
+ Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er
+ sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da wird er sich drüber freuen,“</span> meinte sie
+ strahlend. Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu
+ verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den es sich so lange gefreut
+ hat!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen drei Uhr, die
+ Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren beiden Kleinen
+ auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu
+ fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele kranke
+ Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr Plappermäulchen stand
+ keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie schließlich ganz energisch
+ zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe standen und die Glocke gezogen
+ hatten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Neugierig sahen die
+ beiden Kinder auf die barm<span class="tei tei-pb" id="page105">[pg
+ 105]</span><a name="Pgp0109" id="Pgp0109" class=
+ "tei tei-anchor"></a>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit
+ sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte
+ schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich hinaufgeführt werden
+ solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem milden Gesicht unter
+ dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung die
+ Treppe hinauf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Schritte
+ verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll still war es
+ im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer,
+ und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend nach
+ innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+ gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine
+ peinliche Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen
+ Fenstern standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der
+ Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter des Strengen und
+ Ernsten benahmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hinter einer der
+ vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach einigen
+ Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor
+ bitten ließe einzutreten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zögernd überschritt
+ Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand haltend, welche beide
+ schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie hatte
+ Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz wiederzusehen, und
+ nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie zaghaft und
+ scheu.</p><span class="tei tei-pb" id="page106">[pg 106]</span><a name=
+ "Pgp0110" id="Pgp0110" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Gestalt, die
+ dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem Krankenstuhle
+ saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der
+ schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten Onkel
+ Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu jedem
+ Spaße bereit war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber sein Gesicht
+ hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, besonders beim
+ Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt
+ und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne aber
+ zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann wandte er sich
+ wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn
+ betrachtete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“</span> rief er
+ endlich herzlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem vertrauten
+ Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf
+ sich stürmisch in seine Arme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Halt, sachte, sachte,“</span> wehrte er den Wildfang ab,
+ aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest,
+ und sie schmiegte sich noch enger an ihn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt hatte er
+ wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von ihrer
+ Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den
+ ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug
+ berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Habe von der Mimerei gehört,“</span> sagte Onkel Heinz
+ kurz.</p><span class="tei tei-pb" id="page107">[pg 107]</span><a name=
+ "Pgp0111" id="Pgp0111" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte
+ inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit den
+ duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne
+ Zimmer.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth,
+ hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“</span> rief er und konnte
+ eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich danke,“</span> sagte Ilse und setzte sich ihm
+ gegenüber.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie hatte schon
+ einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging nicht so
+ recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn
+ nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich eifrig
+ mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse hatte sich
+ eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit poetischer
+ vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war nun
+ enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht
+ die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+ verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+ wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+ geschickt zu benehmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit aufrichtiger
+ Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich leugnete er immer
+ sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte,
+ weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder täuschte er
+ sich selbst? Darüber war sie oft im <span class="tei tei-pb" id=
+ "page108">[pg 108]</span><a name="Pgp0112" id="Pgp0112" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der
+ Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als
+ seine Arbeit, seine Bücher.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und doch – ein
+ eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, das
+ Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen
+ ein, wie es niemand besser verstand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du
+ immer noch die letzte?“</span> fragte er in diesem Augenblick.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz,“</span> rief Ruth entrüstet,
+ <span class="tei tei-q">„ich bin niemals die letzte
+ gewesen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas,
+ du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn der Professor
+ diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, daß sie sich
+ alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine solche
+ Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat Ruth
+ alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+ noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+ Kampf einlassen zu können.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wiederholt versuchte
+ Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein ganzes Interesse den
+ Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief
+ gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page109">[pg 109]</span><a name="Pgp0113" id="Pgp0113"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie waren recht krank, lieber Professor?“</span> fragte
+ sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben
+ davongekommen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“</span> fuhr
+ Ilse fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du
+ Strick,“</span> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die ihm den
+ Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Unterbrechung
+ der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien ihm sehr angenehm
+ zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau Ilse
+ wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und mußte ihn wieder
+ versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so verlassen
+ vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er
+ möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte
+ bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+ schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+ Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen
+ würden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth wollte sich wie
+ gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz
+ verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr
+ zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; daher ging sie
+ ganz still mit Marianne hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“</span>
+ fragte der Professor.</p><span class="tei tei-pb" id="page110">[pg
+ 110]</span><a name="Pgp0114" id="Pgp0114" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer
+ Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen
+ doch schon viel besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz brummte
+ etwas Unverständliches in den Bart, wobei er unverwandt durch das
+ Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen
+ Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung
+ unterwarfen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie
+ krank waren?“</span> fragte Ilse wieder.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das
+ gewußt hätten,“</span> antwortete er nicht gerade liebenswürdig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann schwiegen
+ wieder beide.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auf diese Weise
+ kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß deshalb, direkt
+ auf ihr Ziel loszusteuern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel
+ Heinz?“</span> fing sie an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er antwortete
+ nicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“</span> fuhr sie
+ fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch
+ nicht immer merken lasse,“</span> unterbrach er sie nun fast
+ heftig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hierauf wollte Ilse
+ ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize und auch
+ letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese
+ Bemerkung.</p><span class="tei tei-pb" id="page111">[pg
+ 111]</span><a name="Pgp0115" id="Pgp0115" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter
+ ist doch nichts dabei,“</span> gab sie statt dessen freundlich zur
+ Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren
+ Beigeschmack,“</span> warf er ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber wieso denn?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten
+ Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht
+ verheiratet wäre, denn ich würde eine Frau nur unglücklich machen, na –
+ und ähnliche Redensarten mehr!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse mußte beinahe
+ lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft zu ihm gesagt
+ hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft
+ zumute.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben,
+ daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft
+ recht, recht tief sitzt,“</span> erwiderte Onkel Heinz mit bewegter
+ Stimme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es entstand abermals
+ eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile
+ fuhr er fort:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu
+ verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner
+ Meinung oft gar nicht richtig – Sie sind verheiratet, haben
+ Kinder,“</span> fuhr er fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, bester Professor,“</span> unterbrach ihn Ilse,
+ <span class="tei tei-q">„dieses Glück könnten Sie doch auch haben, wenn
+ Sie wollten! <span class="tei tei-pb" id="page112">[pg
+ 112]</span><a name="Pgp0116" id="Pgp0116" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und
+ Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Meinen Sie?“</span> fragte er langsam und gedehnt und sah
+ ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem
+ sie die ihrigen senken mußte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder
+ nicht für fähig?“</span> fing er wieder an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu
+ den Kindern,“</span> erwiderte Ilse etwas verlegen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch,
+ keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen
+ so etwas natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht
+ begreifen, daß Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche
+ Empfindungen haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß
+ darüber spotten und lachen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein leichter Seufzer
+ begleitete seine Worte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten
+ Sie mich denn für so falsch?“</span> fragte Ilse mit trauriger Stimme.
+ <span class="tei tei-q">„Und dann noch eins,“</span> fuhr sie nach
+ einer kleinen Weile fort, <span class="tei tei-q">„Sie sagten vorhin,
+ mein Mann behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt
+ Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch
+ egoistisch – Sie hätten ganz anders erzogen werden müssen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Erzogen, erzogen!“</span> brauste Ilse auf und glich in
+ diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, <span class=
+ "tei tei-pb" id="page113">[pg 113]</span><a name="Pgp0117" id="Pgp0117"
+ class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-q">„Ich bin doch kein
+ Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch
+ verbitten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau,
+ dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,“</span> sagte Onkel
+ Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung
+ gebracht hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber sie bezwang
+ sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite statt zur
+ Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr
+ vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so dachte
+ und fühlte er oft!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“</span> fragte sie
+ plötzlich, <span class="tei tei-q">„warum nicht?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er gab keine
+ Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. Sie
+ konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie
+ instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“</span> platzte
+ sie in ihrer Verlegenheit heraus. <span class="tei tei-q">„Sagen Sie
+ mir nur meine Fehler immer offen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“</span> erwiderte der
+ Professor einfach, <span class="tei tei-q">„sonst würde ich überhaupt
+ Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? Schöne
+ Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es auch nicht, aber
+ ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+ nicht?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Abwechselnd klang
+ seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe er mit seinen
+ <a name="corr113" id="corr113" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">Gefühlen.</span></p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page114">[pg 114]</span><a name="Pgp0118" id="Pgp0118" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse schnell;
+ <span class="tei tei-q">„aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht
+ allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft
+ manchmal herunter!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ironisch lächelnd
+ drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen
+ nicht viel andres.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So?“</span> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <span class=
+ "tei tei-q">„wenn also die Juristen einseitig sind, dann sind die
+ Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+ sagen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau
+ Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten
+ wir uns wieder. Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht
+ persönlich, es gibt ja doch Ausnahmen unter den Juristen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“</span> fragte Ilse
+ schnell.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sonst wäre er mein Freund nicht,“</span> gab Onkel Heinz
+ wieder mit Nachdruck zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse amüsierte sich
+ innerlich über die gute Meinung, die er von sich hatte, aber
+ gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine wahre
+ Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen
+ er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde mit
+ der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die
+ Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte.
+ War es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben
+ zu retten, das <span class="tei tei-pb" id="page115">[pg
+ 115]</span><a name="Pgp0119" id="Pgp0119" class=
+ "tei tei-anchor"></a>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in
+ Gefahr war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in
+ der Welt zu verlieren?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte
+ nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar erleichtert, aber
+ zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist.
+ Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch hinter
+ dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es gegen seine
+ Überzeugung ging.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dies alles fuhr
+ jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, in diesem
+ Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in solchem
+ Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte
+ er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+ hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach Frauenart war
+ Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber erfahren. Das
+ beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke
+ beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie wohl keine
+ Lust zu weiteren Fragen empfunden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Handelte es sich bei
+ Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihn sich
+ daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder aufnehmen, aber sein
+ veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und das war gut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz sah aus
+ wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein
+ ironischer Zug <span class="tei tei-pb" id="page116">[pg
+ 116]</span><a name="Pgp0120" id="Pgp0120" class=
+ "tei tei-anchor"></a>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich
+ über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren
+ Galgenhumor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unaufhörlich drehte
+ er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, sonnige Luft, welche
+ die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Laut rief er sie bei
+ Namen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ruth, Marianne, kommt herein!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden ließen
+ sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins Zimmer.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft
+ hier!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse öffnete Fenster
+ und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, als der frische
+ Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief Ruth fröhlich, <span class=
+ "tei tei-q">„gestern haben wir uns den Rasenabhang – weißt du den, wo
+ die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du nicht
+ dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du erst wieder gesund
+ bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit herunter?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz
+ versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+ verlangten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> sagte Ilse auf einmal lachend und
+ einer plötzlichen Eingebung folgend, <span class="tei tei-q">„wie haben
+ Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so sehr
+ verabscheuen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja,“</span> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut
+ <span class="tei tei-pb" id="page117">[pg 117]</span><a name="Pgp0121"
+ id="Pgp0121" class="tei tei-anchor"></a>gelaunt, <span class=
+ "tei tei-q">„was soll man denn machen, wenn sie einen in völlig
+ wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren Klauen entgeht man
+ nun einmal nicht!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder
+ gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute
+ Natur!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Streiten mußte er
+ nun einmal immer.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich
+ gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald
+ mal wiederkommen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse fragte mit
+ bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, daß sie trotz
+ allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so
+ empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte,
+ ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste
+ Freundlichkeit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So schieden die
+ beiden denn im besten Einvernehmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Beim Fortgehen sagte
+ Ilse leise:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute
+ Freundschaft halten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz wußte,
+ was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen zu bringen,
+ kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre
+ Worte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Auf gute Freundschaft!“</span> erwiderte er herzlich und
+ reichte ihr seine Hand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abschied von den
+ Kindern war ein sehr zärt<span class="tei tei-pb" id="page118">[pg
+ 118]</span><a name="Pgp0122" id="Pgp0122" class=
+ "tei tei-anchor"></a>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht
+ trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich die Türe
+ hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still und ruhig im
+ Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er
+ nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den
+ Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall,
+ wie er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und
+ sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf
+ einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab,
+ sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß
+ auf der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er
+ wissen, möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem
+ schieben sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So hatte sich auch
+ über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die undurchdringliche Wand wieder
+ vorgeschoben, welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach einiger Zeit
+ trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, und brachte
+ seine Abendmahlzeit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie
+ könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,“</span> sagte sie
+ freundlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er erwachte wie aus
+ einem Traume!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn
+ – Luft schadet nichts, will mich nicht
+ verpimpeln.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page119">[pg
+ 119]</span><a name="Pgp0123" id="Pgp0123" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Schwester, an
+ alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken gewöhnt, tat trotz
+ dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe
+ und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im Scheiden, und noch
+ waren die Abende frisch und kühl. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ging an
+ demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, um den
+ Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie
+ ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+ Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie
+ gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr
+ Rücksicht zu behandeln als bisher.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die
+ Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen
+ machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie
+ spann einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien
+ ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war
+ nur Schein, dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von
+ Einsamkeit, Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie
+ wollte ihn künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr
+ geschenkten Vertrauens würdig war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unwillkürlich
+ schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen
+ Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und
+ nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+ sein. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die gerührte
+ Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, hielt zum
+ Glück nicht lange an.</p><span class="tei tei-pb" id="page120">[pg
+ 120]</span><a name="Pgp0124" id="Pgp0124" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er war nun wieder
+ wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes mitleidige Wort, das
+ Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete,
+ schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern sei,
+ denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit den
+ Tatsachen abzufinden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So geriet allmählich
+ der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte Geleise, sie neckten
+ und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen,
+ und Worte wie: <span class="tei tei-q">„alter Junggeselle,
+ Brummbär“</span> usw., die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht
+ mehr zu hören.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Rosen standen
+ schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten
+ wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen
+ und hatte den Frühling verdrängt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber der Rosenmonat
+ wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein
+ Vorgänger, der wonnige Mai.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Morgens fand
+ Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen
+ engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von
+ sich hören lassen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seitdem wir Flora
+ als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr
+ vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr
+ Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder
+ <span class="tei tei-pb" id="page121">[pg 121]</span><a name="Pgp0125"
+ id="Pgp0125" class="tei tei-anchor"></a>an, sie verfaßte keine
+ Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der
+ erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er
+ rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie
+ seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen
+ davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum
+ Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den
+ Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+ Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und
+ holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die
+ Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen
+ und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht
+ vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich
+ wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis
+ zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu
+ einem sehr herzlichen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So vergingen einige
+ Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens
+ Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für
+ ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie
+ hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert
+ haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch
+ erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen
+ Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings<span class="tei tei-pb" id=
+ "page122">[pg 122]</span><a name="Pgp0126" id="Pgp0126" class=
+ "tei tei-anchor"></a>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und
+ brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer
+ Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich
+ seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu
+ haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit
+ beigestanden hatten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch heute bat sie
+ wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren
+ und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt
+ das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe,
+ mitzukommen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo riet seiner Frau
+ dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und
+ Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß
+ sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern
+ eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen,
+ und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft
+ sehr gut tun.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun galt es aber,
+ auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine
+ Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne
+ ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen
+ angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Ilse gab sich
+ damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm,
+ sie fände Nellie schlecht <span class="tei tei-pb" id="page123">[pg
+ 123]</span><a name="Pgp0127" id="Pgp0127" class=
+ "tei tei-anchor"></a>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor,
+ bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei.
+ Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf
+ bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre
+ Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte,
+ Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen
+ mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen
+ Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er
+ wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und
+ arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte,
+ wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine
+ Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen
+ wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der
+ Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller
+ Sorge an ihn denken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das alles klagte sie
+ Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins
+ Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen
+ waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er
+ einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er
+ sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz
+ und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit
+ Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie
+ gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht <span class="tei tei-pb" id=
+ "page124">[pg 124]</span><a name="Pgp0128" id="Pgp0128" class=
+ "tei tei-anchor"></a>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft
+ sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese
+ solche Dinge zu leicht nehme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, ich bitte dich,“</span> flehte sie Ilse an,
+ <span class="tei tei-q">„rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm,
+ daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise
+ nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse würde sich wohl
+ hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So
+ mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten
+ zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen
+ verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und
+ ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein
+ Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und
+ schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden
+ Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen.
+ Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten
+ zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch
+ kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben
+ brauchte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Endlich war die
+ Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre
+ Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über
+ sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm
+ Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus
+ jeder seiner Rocktaschen guckte eine <span class="tei tei-pb" id=
+ "page125">[pg 125]</span><a name="Pgp0129" id="Pgp0129" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt
+ wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich
+ herrlich amüsieren,“</span> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern,
+ und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren
+ Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre
+ Freiheit genießen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Siehst du wohl,“</span> lachte Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber spaßhaft war es
+ Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst,
+ ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und
+ müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan
+ hätte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“</span> sagte
+ Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <span class="tei tei-q">„ich werde
+ auf die beiden Männer achten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Sie sind mir der Rechte,“</span> erwiderte Nellie, die
+ den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sich der Zug in
+ Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem
+ Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellies gedrückte
+ Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte
+ ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten
+ bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut,
+ es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie
+ zufrieden zu stellen.</p><span class="tei tei-pb" id="page126">[pg
+ 126]</span><a name="Pgp0130" id="Pgp0130" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So verflog denn die
+ Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station
+ an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Freude über das
+ Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne
+ gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und dann, als sie
+ behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander
+ mit großem Interesse. <span class="tei tei-q">„Du hast dich aber gar
+ nicht verändert,“</span> hieß es. <span class="tei tei-q">„Etwas
+ stärker bist du geworden.“</span> <span class="tei tei-q">„Und du
+ siehst viel wohler aus, als früher,“</span> und ähnliche Redensarten
+ mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich
+ nach jahrelanger Trennung wiedersieht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hatte sich in
+ der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie
+ frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der
+ Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck
+ ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen
+ durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+ Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie
+ wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne
+ gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Fahrt in der
+ frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte
+ noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war
+ derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in <span class=
+ "tei tei-pb" id="page127">[pg 127]</span><a name="Pgp0131" id="Pgp0131"
+ class="tei tei-anchor"></a>dem eine Temperatur wie in einem Backofen
+ geherrscht hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt fuhren sie
+ durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen
+ köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige
+ Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes
+ erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie die sauberen
+ Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern
+ neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige
+ Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien
+ sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie nickte den
+ Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte
+ drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie kennen mich alle,“</span> sagte sie stolz,
+ <span class="tei tei-q">„und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen
+ eine brave Gutsherrin bin.“</span> <span class="tei tei-q">„Wie geht’s
+ dem Vater?“</span> fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges
+ Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora
+ rief ihr noch zu: <span class="tei tei-q">„Ich komme in diesen Tagen
+ und bringe ihm wieder Wein.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Dorfstraße war
+ bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen
+ dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche
+ Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den
+ Gutshof ein.</p><span class="tei tei-pb" id="page128">[pg
+ 128]</span><a name="Pgp0132" id="Pgp0132" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Vor das Schloß fahren,“</span> befahl Flora mit komischer
+ Grandezza.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kutscher lenkte
+ in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt
+ vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte
+ <span class="tei tei-q">„Schloß“</span>. – Nur gut, daß ihm Flora
+ selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es
+ sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front
+ mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein
+ gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren
+ Bewohner Adelige gewesen waren.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es gehörte einem Baron v. H.,“</span> erklärte Flora, als
+ sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf
+ darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete
+ sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand
+ einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab
+ es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also
+ das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen
+ Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten.
+ Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu
+ ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und
+ den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber die beiden
+ Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine
+ Antwort.</p><span class="tei tei-pb" id="page129">[pg
+ 129]</span><a name="Pgp0133" id="Pgp0133" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“</span>
+ rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach diesen
+ hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie
+ glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln <span class=
+ "tei tei-q">„Lining“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„Mining“</span>; ländlich gesund erschienen sie, mit
+ prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem
+ Haar.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ertappte Flora
+ auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über
+ die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede
+ Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl
+ auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses
+ Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich
+ aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten
+ wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte
+ Farben,“</span> wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt
+ sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit
+ einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich
+ unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber nun kommt herein,“</span> sagte sie, als die
+ Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder: <span class=
+ "tei tei-q">„Wo ist denn der Papa?“</span></p><span class="tei tei-pb"
+ id="page130">[pg 130]</span><a name="Pgp0134" id="Pgp0134" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen
+ Ferkelchen,“</span> berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das
+ erste Wort, welches sie sprach.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora konnte eine
+ kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht
+ verbergen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen,
+ ich möchte sie gerne sehen,“</span> bettelte nun Ruth, für die ein
+ solcher Anblick hochinteressant war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Später, später,“</span> antwortete Flora flüchtig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie hatte ihre Gäste
+ mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer
+ geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß
+ getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle
+ Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+ Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+ soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein,
+ denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich
+ wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen
+ Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische,
+ steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die
+ Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war
+ als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand
+ ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser
+ Umgebung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber gleichviel!
+ Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine
+ Wohltat, und <span class="tei tei-pb" id="page131">[pg
+ 131]</span><a name="Pgp0135" id="Pgp0135" class=
+ "tei tei-anchor"></a>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche
+ Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie las auf
+ Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und
+ deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen
+ noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“</span>
+ erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen
+ Steifbeine. <span class="tei tei-q">„Aber nun will ich nicht weiter
+ stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+ erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe
+ rechts.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mit freundlichem
+ Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in
+ ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach
+ denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu
+ interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die
+ hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau
+ so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit aller
+ Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil,
+ indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante
+ Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die beiden
+ Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen
+ hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den
+ Zwillingen <span class="tei tei-pb" id="page132">[pg
+ 132]</span><a name="Pgp0136" id="Pgp0136" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie
+ begreiflicherweise höchst neugierig waren.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nur flüchtig glitten
+ deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie
+ sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und
+ blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher
+ seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora
+ und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren
+ Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern
+ saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+ kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht
+ und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer
+ dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem
+ verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende
+ Brille der Poesie an?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob sie nun die
+ forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst
+ die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über
+ seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst
+ auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Frage konnte
+ man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie
+ vermuten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein
+ müssen,“</span> wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich
+ um den Tisch zum Essen niedersetzte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0132.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“</span> erwiderte er
+ und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <span class=
+ "tei tei-q">„War <span class="tei tei-pb" id="page133">[pg
+ 133]</span><a name="Pgp0138" id="Pgp0138" class=
+ "tei tei-anchor"></a>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés,
+ was?“</span> wandte er sich an seine Nachbarinnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O ja,“</span> lachte Ilse, <span class="tei tei-q">„aber
+ dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der
+ Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre
+ liebenswürdige Einladung ankam.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen
+ können! Die Umgegend ist so schön,“</span> sagte Flora.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist
+ die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie
+ ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein
+ Futter fürs Vieh mehr haben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen
+ wir uns doch keinen Regen wünschen,“</span> erwiderte Flora
+ vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch Ilse enthob sie
+ ihrer Verlegenheit und sagte:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt
+ sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz
+ genau, was es bedeutet: kein Regen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“</span> fragte der
+ Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal
+ genauer an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, August,“</span> rief Flora, <span class=
+ "tei tei-q">„ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff
+ erzählt.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page134">[pg
+ 134]</span><a name="Pgp0139" id="Pgp0139" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen.
+ Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis
+ habe.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„August!“</span> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick
+ zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, das kenne ich von Fred genau,“</span> tröstete Nellie.
+ <span class="tei tei-q">„Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt
+ von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr
+ herunter.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hieran anknüpfend
+ erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred,
+ und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer
+ Pflege so sehr bedürfe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hörte geduldig
+ zu und tröstete so gut sie es verstand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Währenddem entspann
+ sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die
+ ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen.
+ Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden;
+ trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras
+ Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen
+ eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei
+ aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der
+ Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner
+ Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die
+ für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte
+ <span class="tei tei-pb" id="page135">[pg 135]</span><a name="Pgp0140"
+ id="Pgp0140" class="tei tei-anchor"></a>ihm unter anderm, daß ihr Vater
+ jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe,
+ und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die
+ Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen
+ er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er
+ gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur
+ vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen
+ Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte
+ aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht
+ berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hörte nur noch
+ mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern
+ und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht
+ über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz
+ zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich
+ wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber,
+ welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und
+ sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Kinder hatten
+ sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern
+ und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders
+ rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht
+ abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+ niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß
+ der Kaffee unter der <span class="tei tei-pb" id="page136">[pg
+ 136]</span><a name="Pgp0141" id="Pgp0141" class=
+ "tei tei-anchor"></a>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken
+ werden sollte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dort war es
+ köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden
+ Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen
+ Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke
+ auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf
+ die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen
+ niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+ Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+ Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+ Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse und Nellie
+ konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und
+ letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie
+ Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und
+ seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im
+ Zimmer taten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In lustiger Stimmung
+ wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der
+ mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft
+ magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück
+ davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Abend forderte
+ Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders
+ von Ruth <span class="tei tei-pb" id="page137">[pg 137]</span><a name=
+ "Pgp0142" id="Pgp0142" class="tei tei-anchor"></a>jauchzend aufgenommen
+ wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der
+ Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu
+ sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz
+ gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern
+ in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut
+ kannten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es wurden die
+ Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war
+ in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien,
+ konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges,
+ aber gerechtes Regiment führte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“</span>
+ sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde
+ und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die
+ Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch
+ einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker
+ Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit
+ der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren
+ werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren
+ waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch
+ Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder
+ ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths
+ dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier,
+ bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war <span class=
+ "tei tei-pb" id="page138">[pg 138]</span><a name="Pgp0143" id="Pgp0143"
+ class="tei tei-anchor"></a>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit
+ ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht
+ mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die
+ duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf
+ die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der etwas befangene
+ und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend
+ einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten
+ sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig
+ umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun
+ Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu
+ Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch
+ die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem
+ Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Pünktlich um 10 Uhr
+ erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie
+ und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten
+ den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier
+ draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie
+ nicht noch aufbleiben wollten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gerne, gerne,“</span> riefen sie beide mit einem fragenden
+ Blick auf Herrn Werner.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu
+ gehen,“</span> erwiderte Flora. <span class="tei tei-q">„August steht
+ des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich
+ müde. <span class="tei tei-pb" id="page139">[pg 139]</span><a name=
+ "Pgp0144" id="Pgp0144" class="tei tei-anchor"></a>Die Damen
+ entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“</span> wandte sie
+ sich an die beiden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Selbstverständlich,“</span> gaben sie zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, dann schlafen Sie recht gut,“</span> sagte der
+ Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. <span class=
+ "tei tei-q">„Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben;
+ das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß
+ ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht,
+ Frau,“</span> sagte er dann freundlich zu Flora. <span class=
+ "tei tei-q">„Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld
+ abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge
+ dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht
+ in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute
+ Nacht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“</span>
+ entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht
+ gerade angenehm zu sein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als die schweren
+ Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte
+ man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter
+ sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas
+ barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“</span> fing Flora auf
+ einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang
+ errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide
+ versicherten sie <span class="tei tei-pb" id="page140">[pg
+ 140]</span><a name="Pgp0145" id="Pgp0145" class=
+ "tei tei-anchor"></a>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr
+ Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen
+ Mannes und so lieber Kinder sein könne.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, das bin ich auch,“</span> erwiderte Flora in
+ aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung
+ an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr
+ in dieser Minute durch den Sinn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“</span>
+ sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich
+ die Hände drückend, und fuhr dann fort: <span class="tei tei-q">„Ich
+ glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als
+ früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß
+ ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt
+ paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß
+ ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod
+ meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+ Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum
+ zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter
+ Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer
+ Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm
+ häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein.
+ Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch
+ veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann
+ man auch dem praktischen Leben ideale Seiten
+ abgewinnen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page141">[pg
+ 141]</span><a name="Pgp0146" id="Pgp0146" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bravo, bravo!“</span> rief Ilse; so vernünftig hatte sie
+ Flora noch niemals sprechen hören.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und wie ist es mit Käthe?“</span> fragte Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein
+ verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn
+ Kinder liebt sie über alles.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wie schön für dich,“</span> sagte Nellie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war
+ so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja
+ alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit
+ sprechen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sagte das mit
+ einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl
+ viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine
+ normal denkende Frau geworden war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, und Orla?“</span> fragte sie plötzlich. <span class=
+ "tei tei-q">„Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche
+ Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war
+ sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele
+ gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas
+ Höherem.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Also für ähnlich
+ veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß
+ konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und
+ blieb.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“</span> rief Ilse.
+ <span class="tei tei-q">„Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer
+ einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung
+ bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden <span class="tei tei-pb"
+ id="page142">[pg 142]</span><a name="Pgp0147" id="Pgp0147" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist
+ ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst
+ du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ein Leben im großen Stile!“</span> sagte Flora, wie zu
+ sich selbst. <span class="tei tei-q">„Davon habe ich auch oft geträumt!
+ Natürlich Dienerschaft in Menge?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Jedenfalls,“</span> lachte Ilse; <span class=
+ "tei tei-q">„darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das
+ Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+ nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange
+ ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich
+ glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in
+ ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei
+ ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen,
+ daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ihr ist es geglückt,“</span> sagte die
+ Gutsbesitzersfrau seufzend. <span class="tei tei-q">„Sie lebt in der
+ großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der
+ Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als
+ Nihilistin eine Rolle?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum nicht?“</span> meinte Ilse, <span class=
+ "tei tei-q">„zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie
+ dazu.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine
+ Nihilistin!“</span> warf hier Nellie ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber ich bitte dich,“</span> sagte Flora, <span class=
+ "tei tei-q">„unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn
+ sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“</span></p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page143">[pg 143]</span><a name="Pgp0148" id="Pgp0148"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, o!“</span> rief Nellie entsetzt, <span class=
+ "tei tei-q">„deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch
+ nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+ anfangen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“</span> fragte Flora;
+ <span class="tei tei-q">„in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar
+ nichts.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter
+ Prachtkerls, sage ich dir,“</span> antwortete Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, süß!“</span> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger
+ Schatten überflog ihr Gesicht. <span class="tei tei-q">„Ich habe das
+ Bild mit und will es dir morgen zeigen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“</span>
+ bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal
+ erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken
+ konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem
+ Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla;
+ der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große
+ geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen
+ Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der
+ Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl
+ ohne sie anfangen! –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Nacht war schon
+ weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der
+ traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen
+ den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch
+ mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in
+ den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der
+ bunten <span class="tei tei-pb" id="page144">[pg 144]</span><a name=
+ "Pgp0149" id="Pgp0149" class="tei tei-anchor"></a>Tischdecke stand,
+ höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen
+ leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem
+ Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen
+ Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der
+ Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah,
+ aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause,
+ auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine
+ einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben
+ aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vieles, vieles
+ hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer
+ Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche
+ meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier
+ gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet
+ waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau
+ Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+ haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel
+ Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und
+ Fritz gerühmt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schließlich jedoch
+ bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer
+ Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch
+ gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann
+ aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es
+ <span class="tei tei-pb" id="page145">[pg 145]</span><a name="Pgp0150"
+ id="Pgp0150" class="tei tei-anchor"></a>ihr plötzlich ein, daß ihre
+ Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen,
+ die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen
+ noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Morgen
+ waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie ins
+ Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest
+ leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen
+ heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+ Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kaffeetisch war
+ wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der
+ beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen:
+ wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen
+ Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora
+ erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+ liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, was magst du von uns denken,“</span> entschuldigte
+ Nellie, und Ilse meinte: <span class="tei tei-q">„Dein Mann wird sich
+ schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Flora beruhigte
+ sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee,
+ er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen
+ zugegen zu sein.</p><span class="tei tei-pb" id="page146">[pg
+ 146]</span><a name="Pgp0151" id="Pgp0151" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, stimmt die Milchrechnung?“</span> fragte Nellie
+ lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem
+ Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch
+ tun,“</span> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott
+ herauszuhören glaubte. <span class="tei tei-q">„Poesie und Prosa gehen
+ Hand in Hand auf dem Lande.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“</span>
+ antwortete Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier,
+ natürlicher Umgebung aufwachsen,“</span> fuhr Flora fort; <span class=
+ "tei tei-q">„es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt.
+ Thusnelda“</span> – sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer
+ Klara Ziegler aus – <span class="tei tei-q">„ist poetisch veranlagt,
+ das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören,
+ wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den
+ Sonnenschein, über den grünen Wald.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Danach sah der lütte
+ Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß
+ er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <span class=
+ "tei tei-q">„erblich belastet“</span> sein möchte. Äußerlich glichen
+ die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten
+ waren sie ihm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber wo ist denn Ruth?“</span> fragte Ilse plötzlich,
+ sich nach allen Seiten umsehend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In derselben Minute
+ liefen die Kinder jubelnd und <span class="tei tei-pb" id="page147">[pg
+ 147]</span><a name="Pgp0152" id="Pgp0152" class=
+ "tei tei-anchor"></a>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen
+ entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof
+ einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem
+ weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der
+ Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+ herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+ Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken
+ setzte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse kam es in
+ diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie
+ sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor
+ dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der
+ verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+ Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und Ruth glich ihr
+ fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel
+ an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus
+ ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei
+ Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in
+ <span class="tei tei-q">„temperamentvoll, eigenartig und
+ willensstark“</span> übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas
+ Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bestaubt, erhitzt,
+ mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre
+ Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend
+ erzählte <span class="tei tei-pb" id="page148">[pg 148]</span><a name=
+ "Pgp0153" id="Pgp0153" class="tei tei-anchor"></a>sie, daß sie schon
+ ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe,
+ wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob
+ sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell
+ angezogen, ganz allein. <span class="tei tei-q">„O, ganz
+ ordentlich,“</span> versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren
+ Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus:
+ <span class="tei tei-q">„Himmlisch war’s!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wo ist dein Mann geblieben?“</span> fragte Nellie und sah
+ suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu
+ erscheinen,“</span> erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde
+ erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den
+ Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie <span class=
+ "tei tei-q">„Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“</span>,
+ drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die
+ sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres
+ erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder
+ aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe.
+ Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seine hohen
+ Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar
+ sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und
+ schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige
+ Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, <span class="tei tei-pb"
+ id="page149">[pg 149]</span><a name="Pgp0154" id="Pgp0154" class=
+ "tei tei-anchor"></a>der ebenso, wie das Gesicht, vor <a name="corr149"
+ id="corr149" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">Ärger</span> und Hitze blaurot war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sein Anblick war
+ keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten
+ Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Floras deutlich
+ sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken,
+ denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und
+ Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“</span>
+ sagte er; <span class="tei tei-q">„sie hat mir vielen Spaß gemacht
+ heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als er der
+ Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, haben Sie Ärger gehabt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum
+ Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen,
+ natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“</span>
+ setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß
+ das Geschirr klirrend zusammenschlug.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“</span> sagte
+ Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hesse ist auch ein Esel,“</span> fing er wieder an;
+ <span class="tei tei-q">„bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder
+ mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist.
+ Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die
+ Finger gesehen werden! Und dann müssen <span class="tei tei-pb" id=
+ "page150">[pg 150]</span><a name="Pgp0155" id="Pgp0155" class=
+ "tei tei-anchor"></a>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind
+ schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten
+ Nacht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun
+ stärke und erhole dich erst,“</span> versuchte ihn seine Frau zu
+ beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen
+ bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum
+ Trinken zu holen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">O, welche Wandlung
+ war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen
+ immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der
+ oft verlachten und verspotteten <span class=
+ "tei tei-q">„Dichterin“</span> eine vernünftige Frau werden könnte,
+ denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche
+ geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer
+ einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine
+ innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der
+ Grundzug von Floras Charakter. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die nächsten Tage
+ vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen
+ Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft,
+ Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten
+ in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+ vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem
+ Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich
+ in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch
+ diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren <span class=
+ "tei tei-pb" id="page151">[pg 151]</span><a name="Pgp0156" id="Pgp0156"
+ class="tei tei-anchor"></a>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich
+ Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+ Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus
+ dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts
+ wissen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“</span> sagte er,
+ als eines Tages wieder die Rede darauf kam.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora waren
+ derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, August,“</span> widersprach sie ihm, <span class=
+ "tei tei-q">„eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene
+ interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter
+ doch nicht zu versäumen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und
+ gut kochen können, das ist die Hauptsache.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit einem leichten
+ Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch
+ nicht einigen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nellie hatte sich
+ nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier
+ ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der
+ Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+ vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge
+ um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe,
+ worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie
+ geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest
+ du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn
+ sie so stunden<span class="tei tei-pb" id="page152">[pg
+ 152]</span><a name="Pgp0157" id="Pgp0157" class=
+ "tei tei-anchor"></a>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig.
+ Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte
+ mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übrigens war der
+ Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger.
+ Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte
+ ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+ erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und
+ wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden.
+ Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden
+ Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer
+ Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort
+ von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser,
+ für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von
+ ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das
+ kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen
+ höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen
+ Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder,
+ welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor,
+ daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge
+ Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese
+ verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages sagte
+ Flora, daß sie heute unbedingt <span class="tei tei-pb" id=
+ "page153">[pg 153]</span><a name="Pgp0158" id="Pgp0158" class=
+ "tei tei-anchor"></a>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen
+ müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie
+ natürlich von Herzen gern taten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So machten sie sich
+ denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre
+ stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann
+ ich den Armen genug geben,“</span> sagte die Gutsbesitzerin, als sie
+ mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein starkes Gewitter
+ hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein
+ erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte
+ der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der
+ Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den
+ vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg
+ schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die
+ Höhe nahmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wirklich schien man
+ Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort
+ stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem
+ einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit,
+ ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen,
+ theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie
+ völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+ Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse
+ und Nellie <span class="tei tei-pb" id="page154">[pg
+ 154]</span><a name="Pgp0159" id="Pgp0159" class=
+ "tei tei-anchor"></a>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn
+ war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der
+ Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und
+ trug viel gute Früchte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Meistens, wenn sie
+ in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie
+ ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein,
+ die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten
+ sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas
+ Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora
+ nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe
+ bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+ einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden,
+ im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr.
+ Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben
+ ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei
+ dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ganz am Ende des
+ Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe
+ eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine
+ Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre,
+ in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser
+ armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle.
+ Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige
+ <span class="tei tei-pb" id="page155">[pg 155]</span><a name="Pgp0160"
+ id="Pgp0160" class="tei tei-anchor"></a>Türe zu dem Raume öffneten,
+ welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein
+ grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob
+ sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+ versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+ zurück.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die
+ Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich
+ aufhalten,“</span> sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle
+ ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe,
+ zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge
+ umherlagen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich
+ Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch
+ bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau
+ Tolle?“</span> fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und
+ sie prüfend betrachtete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Über das bleiche,
+ abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die
+ es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der
+ heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie
+ sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die
+ war ihr keine Fremde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Schlecht, schlecht,“</span> antwortete sie leise,
+ <span class="tei tei-q">„es geht immer schlechter.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus,
+ verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe <span class="tei tei-pb" id=
+ "page156">[pg 156]</span><a name="Pgp0161" id="Pgp0161" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Gott wird Ihnen schon helfen,“</span> tröstete
+ Flora sanft und liebevoll.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein Kopfschütteln
+ war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die
+ sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten.
+ Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es
+ gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen
+ Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der
+ Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß;
+ wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen,
+ das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig
+ schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an,
+ welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen
+ streichelte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, wie süß ist das <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">baby</span></span>,“</span> sagte sie zu Ilse.
+ <span class="tei tei-q">„Wie heißt du?“</span> fragte sie das Kind.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ännchen,“</span> antwortete die ältere Schwester.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“</span>
+ fragte sie weiter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das weiche
+ Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber
+ ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß
+ nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der
+ Stirn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora hatte
+ inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und
+ versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Müde und apathisch
+ dankte die Frau.</p><span class="tei tei-pb" id="page157">[pg
+ 157]</span><a name="Pgp0162" id="Pgp0162" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Luft in dem
+ kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte,
+ wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen
+ und sie ließ es geschlossen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wo ist denn die Mutter?“</span> fragte Flora sich
+ umblickend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“</span>
+ entgegnete die junge Witwe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kommt sie denn bald wieder?“</span> forschte Flora weiter.
+ <span class="tei tei-q">„Sie können doch in Ihrem elenden Zustande
+ nicht allein bleiben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Die Kinder sind ja da.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja
+ noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht
+ länger,“</span> sagte Flora. <span class="tei tei-q">„Und den Arzt
+ schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen,
+ der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“</span> Unendlich
+ schmerzlich klangen diese Worte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur
+ tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe
+ ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf
+ Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Flora ergriff die
+ magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte,
+ und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen
+ Elends.</p><span class="tei tei-pb" id="page158">[pg
+ 158]</span><a name="Pgp0163" id="Pgp0163" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle drei atmeten
+ erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie
+ nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über
+ die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr
+ hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von
+ dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und
+ Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von
+ dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen
+ können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu
+ heilen,“</span> berichte Flora. <span class="tei tei-q">„Ach, wenn sie
+ dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dieser Wunsch sollte
+ bald in Erfüllung gehen! –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem abendlichen
+ Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend
+ erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie
+ ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und
+ eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+ Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde
+ liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und
+ so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Abends, als
+ die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit
+ ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer –
+ ruhig und sanft schlummerte sie ein. –</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page159">[pg 159]</span><a name="Pgp0164" id="Pgp0164" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Nachricht von
+ ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren
+ Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem
+ Platze unter der Kastanie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, die armen Kinder, das süße <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">baby</span></span>, was
+ wird daraus?“</span> rief Nellie mit Tränen in den Augen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, wir müssen helfen,“</span> sagte Herr Werner
+ überlegend. Dann fragte er seine Frau: <span class="tei tei-q">„Wie
+ viel Kinder sind da?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sechs,“</span> antwortete sie. <span class="tei tei-q">„Es
+ ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht
+ bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu
+ traurig!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen
+ kann,“</span> sagte ihr Mann. <span class="tei tei-q">„Deichmanns auf
+ der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und
+ keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir
+ könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du
+ dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s
+ zufrieden.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es
+ ist ein zu wonniges <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">baby</span></span>!“</span> rief Nellie
+ begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann
+ mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig
+ stolzen Ausdruck zeigte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den ganzen Tag nach
+ diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie
+ abends mit Ilse allein <span class="tei tei-pb" id="page160">[pg
+ 160]</span><a name="Pgp0165" id="Pgp0165" class="tei tei-anchor"></a>in
+ ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin
+ fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das
+ liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den
+ Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre
+ Betrachtungen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Höre, Nellie,“</span> rief Ilse plötzlich, <span class=
+ "tei tei-q">„wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu
+ euch.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So schnell wie ihr
+ der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch
+ ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+ schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+ doch heftig schüttelte sie den Kopf.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“</span> rief sie
+ aus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht
+ nicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber
+ möchtest <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">du</span></span> es denn?“</span> fragte Ilse,
+ die Freundin scharf beobachtend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die
+ <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">babys</span></span> so sehr,“</span> erwiderte
+ Nellie leise. <span class="tei tei-q">„Aber es geht nicht, es geht
+ nicht!“</span> fuhr sie lauter fort. <span class="tei tei-q">„Ich habe
+ auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in
+ Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch
+ nicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und wieviel auch
+ Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie
+ blieb dabei, <span class="tei tei-q">„es <span class="tei tei-pb" id=
+ "page161">[pg 161]</span><a name="Pgp0166" id="Pgp0166" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ginge nicht.“</span> Ganz aufgeregt begaben sich
+ die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken
+ beschäftigt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber Ilse ließ sich
+ von ihrem <span class="tei tei-q">„guten Gedanken“</span>, wie sie ihn
+ nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem
+ Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Tage da
+ hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen
+ zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber
+ sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal
+ mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach Tische saßen
+ Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen
+ vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse
+ diktierte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, so doch nicht, lieber so,“</span> unterbrach sie
+ sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen.
+ Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen
+ und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges
+ Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es
+ abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben
+ mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich
+ zu besorgen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was er wohl dazu
+ sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden
+ Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit
+ Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger
+ entgegen.</p><span class="tei tei-pb" id="page162">[pg
+ 162]</span><a name="Pgp0167" id="Pgp0167" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages erschien
+ er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem
+ grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab
+ er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Von Fred,“</span> sagte sie leicht errötend, worauf sie
+ sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war
+ gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Voller Erwartung
+ blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung
+ standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes
+ Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nach kurzer Zeit
+ erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam
+ eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz,
+ und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand.
+ Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen,
+ aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O Ilse, was bist du eine <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">darling</span></span>, o
+ was bist du gut, was hast du für mir getan!“</span> rief sie, indem sie
+ die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der
+ deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte,
+ auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der
+ komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und
+ gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und
+ <a name="corr162" id="corr162" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">las</span> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand
+ darin: <span class="tei tei-pb" id="page163">[pg 163]</span><a name=
+ "Pgp0168" id="Pgp0168" class="tei tei-anchor"></a>daß er nichts dagegen
+ habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre
+ ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+ einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+ hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr
+ stilles Haus bringen würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse sah Flora
+ lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben
+ hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut
+ gemacht?“</span> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich
+ dich danken, lieb Ilschen,“</span> antwortete sie überglücklich und als
+ ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort: <span class=
+ "tei tei-q">„O, wie will ich die kleine <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">baby</span></span> lieb
+ haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute
+ Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut
+ machen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“</span>
+ wehrte diese ab. <span class="tei tei-q">„Was du an dem einstigen
+ Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+ vergelten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Innig umarmten sich
+ die beiden Freundinnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das erste war dann,
+ daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis
+ die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten
+ noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit
+ überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau
+ und das Pflegetöchterchen zu holen. –</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page164">[pg 164]</span><a name="Pgp0169" id="Pgp0169" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Klein Ännchen aber
+ siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch
+ gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind
+ wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich
+ untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn
+ etwas Tüchtiges lernen lassen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war mit dem
+ düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte
+ sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen
+ Elend zu entreißen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die schöne Zeit bei
+ Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das
+ Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein
+ unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+ vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+ daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Klein Ännchens
+ Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande.
+ Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt
+ hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten
+ sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam,
+ waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was
+ ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und
+ <span class="tei tei-pb" id="page165">[pg 165]</span><a name="Pgp0170"
+ id="Pgp0170" class="tei tei-anchor"></a>darüber vergaß Fred seine
+ Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und
+ wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein
+ aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <span class=
+ "tei tei-q">„Erziehen“</span> hätte leicht ein <span class=
+ "tei tei-q">„Verziehen“</span> werden können, wenn nicht Frau Ilse und
+ Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über
+ Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+ wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+ Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde
+ gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu
+ tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner
+ Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles
+ drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher
+ trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden
+ war.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So vergingen die
+ Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem
+ Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald
+ ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom
+ Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später
+ und manchem nie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auch an unsern
+ Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage
+ waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem
+ <span class="tei tei-pb" id="page166">[pg 166]</span><a name="Pgp0171"
+ id="Pgp0171" class="tei tei-anchor"></a>andern. Ganz verschont hatte
+ das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie
+ des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es
+ jahrelang über ihnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wie wir wissen,
+ glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so
+ wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller,
+ verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte
+ er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer
+ nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+ großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen.
+ An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in
+ den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner
+ Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit
+ Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie
+ etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen
+ Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch
+ regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen,
+ weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen
+ Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder,
+ und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand
+ verführerisch lockend vor seinen Blicken. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eines Tages kam er
+ aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre
+ alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten
+ <span class="tei tei-pb" id="page167">[pg 167]</span><a name="Pgp0172"
+ id="Pgp0172" class="tei tei-anchor"></a>Nachforschungen irgend einen
+ Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt
+ wiederholte Rosi immer die Worte: <span class="tei tei-q">„Gottes Hand
+ ruht schwer auf uns.“</span> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe
+ machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von
+ ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung
+ ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und
+ klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren
+ die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie
+ ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie
+ sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie
+ habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch
+ nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine
+ drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch
+ jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen
+ herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen,
+ sie in die Welt einzuführen. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Freundlicher sah es
+ bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten
+ und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus.
+ Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas
+ Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich
+ nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß,
+ schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem
+ <span class="tei tei-pb" id="page168">[pg 168]</span><a name="Pgp0173"
+ id="Pgp0173" class="tei tei-anchor"></a>ewig wechselnden Mienenspiel.
+ Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges,
+ sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war
+ nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe
+ Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen.
+ Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte
+ und er antwortete: <span class="tei tei-q">„Ganz die Mutter.“</span>
+ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst
+ gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+ schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel
+ Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und
+ man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis
+ er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte:
+ <span class="tei tei-q">„Wer ist deine beste Freundin?“</span>
+ antwortete sie: <span class="tei tei-q">„Onkel Heinz!“</span> Von ihm
+ ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht
+ gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau
+ Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich
+ ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl
+ äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres
+ Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im
+ Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer,
+ und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich
+ lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin
+ zugleich.</p><span class="tei tei-pb" id="page169">[pg
+ 169]</span><a name="Pgp0174" id="Pgp0174" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So war denn der Tag
+ herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne
+ noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball
+ führen konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der erste Ball!
+ Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras
+ Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche
+ waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien
+ von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+ unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+ Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen
+ in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war
+ etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen
+ <span class="tei tei-q">„lumpigen Ball“</span>, wie sie sagte, so
+ aufzuregen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gegen Abend kam
+ Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen
+ geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu
+ helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+ Kleinigkeit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht
+ fertig,“</span> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine
+ Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt,
+ ich werde noch früh genug fertig,“</span> rief das junge Mädchen und
+ sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die
+ schon eifrig dabei <span class="tei tei-pb" id="page170">[pg
+ 170]</span><a name="Pgp0175" id="Pgp0175" class=
+ "tei tei-anchor"></a>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer
+ glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres
+ Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch
+ darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu
+ gehen, was diese sehnlich wünschte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei
+ Inseparables,“</span> hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,
+ <span class="tei tei-q">„wir sind so grundverschieden, und ich weiß
+ genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden,
+ fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe
+ wählen, Marianne?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“</span>
+ hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so
+ sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir
+ ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint!
+ Eine solche Geschmacklosigkeit!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Einem jungen Mädchen steht alles,“</span> hatte Marianne
+ in weisem Tone erwidert.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase
+ wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut
+ wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die
+ Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und so war es
+ fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle
+ Weise zu <span class="tei tei-pb" id="page171">[pg 171]</span><a name=
+ "Pgp0176" id="Pgp0176" class="tei tei-anchor"></a>trösten versuchte,
+ denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch
+ dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles
+ übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine
+ Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel
+ gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+ habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide
+ gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren
+ leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht
+ versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage
+ hatte in Ruhe erledigt werden können.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Floras Zwillinge
+ waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei
+ frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren
+ blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+ standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen.
+ Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch
+ diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten
+ Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen
+ der Kinder davon erzählten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mitten in das
+ lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem
+ Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und
+ denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen
+ Tag am Flügel. Es ist ja <span class="tei tei-pb" id="page172">[pg
+ 172]</span><a name="Pgp0177" id="Pgp0177" class=
+ "tei tei-anchor"></a>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“</span>
+ sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine
+ Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu
+ der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen.
+ Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt,
+ besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie
+ reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches,
+ Unnahbares.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die andern drei
+ Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug;
+ die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu
+ Blumen im Haar.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth lehnte alles
+ ab.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich
+ will!“</span> rief sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In diesem Augenblick
+ erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus
+ rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur
+ übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+ <span class="tei tei-q">„Von Herrn Jansen,“</span> sagte sie strahlend
+ und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den
+ kostbaren Strauß.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen, der
+ Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus
+ den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes
+ Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt
+ worden. Er verkehrte in dieser <span class="tei tei-pb" id=
+ "page173">[pg 173]</span><a name="Pgp0178" id="Pgp0178" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel
+ Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter
+ eingeladen worden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die beiden jungen
+ Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“</span>
+ rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie
+ herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten
+ die kräftigen Stimmen der Zwillinge: <span class="tei tei-q">„O, wie
+ reizend, himmlisch, süß,“</span> und Ännchen lief bald hierhin, bald
+ dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Kranz von
+ strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein
+ entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu
+ haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in
+ derselben stehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Alle Wetter, ist das ein Staat!“</span> rief er endlich
+ laut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Alle drehten sich
+ um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als
+ Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger.
+ Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+ alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+ darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+ schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden
+ Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn <span class=
+ "tei tei-pb" id="page174">[pg 174]</span><a name="Pgp0179" id="Pgp0179"
+ class="tei tei-anchor"></a>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein
+ schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“</span> – <span class=
+ "tei tei-q">„Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl
+ gut?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“</span>
+ So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von
+ den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn
+ mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit
+ beiden Händen die Ohren zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Scheußlich seht ihr alle aus,“</span> platzte er endlich
+ hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den
+ Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun
+ ging es erst recht los.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich
+ scheußlich aus?“</span> – <span class="tei tei-q">„Ist das dein
+ Ernst?“</span> – <span class="tei tei-q">„Gefallen wir dir
+ nicht?“</span> so schwirrte es von neuem durcheinander.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“</span> fragte
+ Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck,
+ daß der Professor nicht widerstehen konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, es geht!“</span> antwortete er und betrachtete sie
+ eingehend. <span class="tei tei-q">„Aber sage mal, du mußt etwas um den
+ Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das
+ überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren
+ Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+ bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen
+ holen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page175">[pg
+ 175]</span><a name="Pgp0180" id="Pgp0180" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da gab es wieder zu
+ lachen über eine solche Ansicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“</span>
+ fragte Thusnelda.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Seine Blicke
+ schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er
+ brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“</span>
+ riefen sie alle.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes
+ Kleid hübscher gefunden?“</span> fragte Marianne.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen
+ sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich
+ nicht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“</span> fragte
+ Marianne.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun war es Onkel
+ Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe
+ ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu
+ tun.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Weißt du was, Onkel Heinz,“</span> schlug Ruth vor,
+ <span class="tei tei-q">„komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal
+ einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber
+ urteilen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, komm mit!“</span> riefen nun auch die andern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du
+ willst.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und ich bringe dir den schönsten
+ Kotillonorden.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page176">[pg
+ 176]</span><a name="Pgp0181" id="Pgp0181" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mich darfst du zu Tische führen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie überboten sich
+ in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als
+ schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer
+ Rand und Band!“</span> rief er, sie zurückdrängend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei dem lebhaften
+ Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet
+ wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle
+ stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und
+ mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden
+ Mädchenkranze.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse ging ihm
+ entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+ auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber
+ stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch
+ bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des
+ Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu
+ fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme
+ entgegen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du bist zu beneiden, Onkel,“</span> sagte er halblaut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jetzt kam auch Leo
+ ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und
+ drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, nun macht nur,“</span> mahnte sogar Onkel Heinz,
+ <span class="tei tei-q">„Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr
+ bekommen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page177">[pg
+ 177]</span><a name="Pgp0182" id="Pgp0182" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch
+ jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“</span>
+ meinte Ruth.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust,
+ ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“</span> erwiderte der
+ Professor. <span class="tei tei-q">„Aber es geht nun doch nicht anders,
+ du mußt mit, du armes Opferlamm.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief Ruth freudig, als hätte sie
+ plötzlich einen guten Einfall bekommen, <span class="tei tei-q">„weißt
+ du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben
+ einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre
+ reizend!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“</span>
+ fragte Herr Jansen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“</span> gab sie
+ zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor. <span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine
+ Lieblingslieder vor.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Etwas wie Rührung
+ flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang
+ seltsam weich, als er sagte:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser
+ amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein,
+ nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so
+ viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist
+ mir doch das liebste. Morgen vormittag <span class="tei tei-pb" id=
+ "page178">[pg 178]</span><a name="Pgp0183" id="Pgp0183" class=
+ "tei tei-anchor"></a>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer
+ Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er klopfte sie
+ zärtlich auf die Backe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Marianne und die
+ Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder
+ eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die
+ Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not.
+ Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände
+ in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht
+ gesehen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der
+ Hand!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer
+ hat es denn fortgenommen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dazwischen drängte
+ Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die
+ Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards
+ Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß
+ gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden
+ ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer
+ gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+ sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+ gefunden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich
+ <span class="tei tei-pb" id="page179">[pg 179]</span><a name="Pgp0184"
+ id="Pgp0184" class="tei tei-anchor"></a>mache mich aus dem
+ Staube,“</span> sagte Onkel Heinz. <span class="tei tei-q">„Adieu, Frau
+ Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du
+ denn auch warm genug, Kröte?“</span> fragte er seinen Liebling Ruth und
+ zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die übrigen waren
+ bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und
+ verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden
+ und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr
+ denn?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir kommen, wir kommen!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eiligst liefen beide
+ hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her
+ schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der
+ Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still.
+ –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte
+ seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in
+ die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße
+ hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu
+ haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+ Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+ einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+ Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er
+ legte sie aber beiseite und schaute – die eine <span class="tei tei-pb"
+ id="page180">[pg 180]</span><a name="Pgp0185" id="Pgp0185" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich
+ vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise:
+ Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in
+ dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem
+ Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und
+ diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend,
+ verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in
+ welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles
+ freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des
+ einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher
+ und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum
+ kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter
+ Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu
+ pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er
+ zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und
+ Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein
+ düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der
+ ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild
+ sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier
+ ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm
+ der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum
+ Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen;
+ auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie <span class=
+ "tei tei-pb" id="page181">[pg 181]</span><a name="Pgp0186" id="Pgp0186"
+ class="tei tei-anchor"></a>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe
+ hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber
+ der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine
+ wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah
+ fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum
+ von vorhin wiederholte sich noch einmal. <span class=
+ "tei tei-q">„Unsinn, Unsinn,“</span> murmelte er und warf sich im Bett
+ umher, bis er endlich doch einschlief.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Am andern Morgen,
+ als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an
+ jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit
+ nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer
+ Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen,
+ wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie
+ noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen
+ sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt
+ werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+ bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+ gewesen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Während Onkel Heinz
+ einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und
+ Lebensfreude umgeben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit Zittern und
+ Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und
+ selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand.
+ Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald <span class=
+ "tei tei-pb" id="page182">[pg 182]</span><a name="Pgp0187" id="Pgp0187"
+ class="tei tei-anchor"></a>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit
+ zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten
+ Ballkarten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“</span> sagte
+ Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen
+ bestimmt waren, Platz nahmen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch
+ fein,“</span> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen
+ Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus
+ wie <span class="tei tei-q">„alte Mütter“</span>. Das Glück, das aus
+ beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+ vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte
+ und verschönte sie merkwürdig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Leo und Althoff
+ hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber
+ ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre
+ Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende
+ geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen schien
+ an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn
+ sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft
+ es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen
+ und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder
+ jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich
+ oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig
+ und allein schön fände. Konnte er nicht <span class="tei tei-pb" id=
+ "page183">[pg 183]</span><a name="Pgp0188" id="Pgp0188" class=
+ "tei tei-anchor"></a>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er
+ Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu
+ bringen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Arme, kleine
+ Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist
+ nur zu wahr, die Liebe macht blind.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dem Herzen von
+ Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen
+ bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen
+ eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr
+ und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+ seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+ und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So waren auch heute
+ abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für
+ ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche
+ sein Herz ganz und gar gefangen hielt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Ball nahte sich
+ seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit
+ hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten
+ gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante
+ Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach
+ deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten.
+ Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen
+ lassen, das sie nun, <span class="tei tei-pb" id="page184">[pg
+ 184]</span><a name="Pgp0189" id="Pgp0189" class=
+ "tei tei-anchor"></a>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen
+ Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere
+ mich wenigstens herrlich, Sie auch?“</span> fragte Ruth vergnügt den
+ jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein
+ Ruth,“</span> erwiderte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In
+ Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“</span> erkundigte sie
+ sich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde
+ dieser doch der schönste für mich sein,“</span> antwortete er mit
+ Nachdruck.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„So, und warum denn?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Frage klang
+ durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne
+ Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein
+ Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht
+ fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde
+ war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß
+ er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch
+ nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade,
+ als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+ <span class="tei tei-q">„Weil Sie hier sind!“</span> und die
+ verhängnisvolle Frage daran knüpfte: <span class="tei tei-q">„Haben Sie
+ mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“</span></p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page185">[pg 185]</span><a name="Pgp0190" id="Pgp0190"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da wurde es ihr auf
+ einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu
+ den Ihrigen geführt zu werden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Haben Sie mich denn nicht gern?“</span> wiederholte er
+ eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig:
+ <span class="tei tei-q">„O ja, doch, natürlich.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ohne seinen Arm, den
+ er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als sie kurze Zeit
+ darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte
+ sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die
+ Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend
+ plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte
+ der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr
+ Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+ schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern
+ habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem <span class=
+ "tei tei-q">„Ja“</span> antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr
+ gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die
+ meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig
+ unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und
+ er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel
+ wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, –
+ wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein,
+ nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. <span class="tei tei-pb"
+ id="page186">[pg 186]</span><a name="Pgp0191" id="Pgp0191" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur
+ Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben,
+ daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet
+ habe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Marianne dagegen
+ lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch
+ lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen
+ und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort,
+ das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins
+ Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine
+ unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät
+ gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf
+ dem holden Mädchenantlitz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So beschäftigten
+ sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem
+ jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn.
+ Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre
+ sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte.
+ –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte am
+ andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er
+ seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war,
+ ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen
+ Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen,
+ zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt
+ auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier<span class=
+ "tei tei-pb" id="page187">[pg 187]</span><a name="Pgp0192" id="Pgp0192"
+ class="tei tei-anchor"></a>korb und legte das übrige ordentlich
+ zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen
+ Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner
+ Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+ entgegengedonnert: <span class="tei tei-q">„Auf dem Schreibtische ein
+ für allemal nichts anrühren!“</span> was diese auch schnell begriff,
+ hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese
+ schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den
+ Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer
+ dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht
+ wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte,
+ noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die
+ kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den
+ Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt
+ war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von
+ Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand
+ und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er
+ wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+ Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische
+ nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht
+ recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem
+ Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits
+ elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein.
+ Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,
+ <span class="tei tei-pb" id="page188">[pg 188]</span><a name="Pgp0194"
+ id="Pgp0194" class="tei tei-anchor"></a>die seinen Pelz nicht gerade in
+ die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0187.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber wenn er hier
+ eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich
+ getäuscht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als ihm auf sein
+ Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die
+ Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths
+ blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> rief sie leise, <span class=
+ "tei tei-q">„bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erstaunt sah er den
+ angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen
+ sei.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie legte ihm die
+ Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was ist denn nur los?“</span> fragte er nochmals, als sich
+ die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Statt aller Antwort
+ holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von
+ Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“</span> sagte sie
+ mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort: <span class=
+ "tei tei-q">„Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und
+ nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche
+ ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel
+ Heinz?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar
+ nichts,“</span> unterbrach er sie, indem er den Brief
+ auseinanderfaltete und zu lesen begann.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page189">[pg 189]</span><a name="Pgp0195" id="Pgp0195" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“</span>
+ klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem
+ fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja,“</span> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr
+ mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner
+ Bartspitze.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht
+ schrecklich?“</span> fragte sie angstvoll.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade
+ finden,“</span> gab er lächelnd zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was soll ich denn aber tun?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja –“</span> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und
+ kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten
+ legte; <span class="tei tei-q">„da ist nun schwer etwas zu
+ sagen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth hing sich an
+ seinen Arm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du
+ weißt ja doch immer alles,“</span> sagte sie, ihn vertrauensvoll
+ anblickend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor wollte
+ gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, <span class=
+ "tei tei-q">„daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten
+ nachzudenken,“</span> hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine
+ große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen
+ Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich
+ fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich
+ deshalb eines andern. Aber <span class="tei tei-pb" id="page190">[pg
+ 190]</span><a name="Pgp0196" id="Pgp0196" class=
+ "tei tei-anchor"></a>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn
+ nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“</span>
+ fragte er endlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“</span>
+ lautete die Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn
+ doch.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber, Onkel Heinz,“</span> unterbrach ihn Ruth hastig,
+ <span class="tei tei-q">„wenn man jemand auch leiden kann, braucht man
+ ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du
+ doch?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre Antwort auf
+ Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder
+ zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage
+ genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb –
+ überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+ den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei
+ diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel
+ Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig
+ ratlos.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du
+ dazu?“</span> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er machte wieder ein
+ nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte
+ heraus:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, das ist nicht so leicht,“</span> und fuhr dann
+ plötz<span class="tei tei-pb" id="page191">[pg 191]</span><a name=
+ "Pgp0197" id="Pgp0197" class="tei tei-anchor"></a>lich fort, als wäre
+ ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: <span class=
+ "tei tei-q">„Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu
+ wollen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das war so, Onkel Heinz,“</span> begann Ruth; <span class=
+ "tei tei-q">„gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn
+ gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als
+ ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar
+ geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl
+ heiraten?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor geriet
+ in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine
+ richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten,
+ wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde
+ immer dringender.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, gib mir doch eine Antwort,“</span> bat sie
+ flehentlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun
+ muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“</span> fuhr er
+ barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die
+ Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen
+ konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur
+ selten weinte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“</span> sagte er
+ zärtlich, <span class="tei tei-q">„was in dieser Sache noch zu machen
+ ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+ einläßt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz selbst
+ fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst
+ nicht ganz die richtige <span class="tei tei-pb" id="page192">[pg
+ 192]</span><a name="Pgp0198" id="Pgp0198" class=
+ "tei tei-anchor"></a>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in
+ diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur
+ tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“</span> rief sie und klammerte
+ sich angstvoll an seinen Arm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen,
+ Ruth?“</span> fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er
+ diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem
+ Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine
+ Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird
+ wohl wissen, was ich tun muß.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und mit diesen
+ Worten eilte sie zur Türe hinaus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor atmete
+ erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in
+ Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei
+ geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt
+ herein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, was ist denn schon wieder los?“</span> fragte Onkel
+ Heinz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“</span> jammerte
+ sie laut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, was ist denn zu spät?“</span> fragte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging
+ gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr
+ sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich
+ anfangen?“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page193">[pg
+ 193]</span><a name="Pgp0199" id="Pgp0199" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz schwieg.
+ Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im
+ nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige
+ Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch
+ keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das
+ Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“</span> fing sie
+ an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei
+ euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das
+ Heiraten,“</span> sagte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann
+ nur quälen und unglücklich machen,“</span> fuhr sie fort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor
+ lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch
+ lange nicht die schlechteste,“</span> sagte er.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du
+ bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er machte eine
+ abwehrende Bewegung, aber das <span class="tei tei-q">„Nein, nein, Gott
+ sei Dank nicht,“</span> kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+ Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+ wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte
+ wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames
+ Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+ Verhältnis zu <span class="tei tei-pb" id="page194">[pg
+ 194]</span><a name="Pgp0200" id="Pgp0200" class=
+ "tei tei-anchor"></a>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch
+ auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Weißt du, Onkel Heinz,“</span> rief Ruth plötzlich und sah
+ ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <span class="tei tei-q">„wenn
+ ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber
+ Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und weinend flog sie
+ an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf
+ seiner Schulter ruhen. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun wußte der
+ Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein,
+ in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen
+ diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage
+ wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt
+ ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten
+ mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft
+ und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um
+ ihre Taille.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In dieser Stellung
+ fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose
+ hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr
+ Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+ noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+ forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich
+ fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das
+ geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen <span class=
+ "tei tei-pb" id="page195">[pg 195]</span><a name="Pgp0201" id="Pgp0201"
+ class="tei tei-anchor"></a>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war
+ nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen
+ ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt
+ freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige
+ Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+ Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den
+ Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß
+ man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern
+ hätte. <span class="tei tei-q">„Gernhaben“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„Liebhaben“</span> wäre doch ein großer Unterschied,
+ erklärte Ruth.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Bei diesen Worten
+ lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so
+ etwas!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich
+ ihn nicht heiraten könnte,“</span> drängte Ruth.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er
+ soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst
+ eine große Verlegenheit bereiten,“</span> sagte Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im
+ Zimmer?“</span> fragte Ruth.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bewahre.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen
+ Besuch machen wollte,“</span> setzte Ilse auseinander.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so <span class=
+ "tei tei-pb" id="page196">[pg 196]</span><a name="Pgp0202" id="Pgp0202"
+ class="tei tei-anchor"></a>schlimm,“</span> sagte Onkel Heinz,
+ <span class="tei tei-q">„und ich werde auch noch mit Jansen
+ sprechen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In liebevollster
+ Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr
+ zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete
+ dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+ gelastet hatte, von ihr genommen wurde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Aber die Spuren der
+ heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als
+ jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige
+ Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst
+ allen seinen Einzelheiten zu plaudern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Verwundert sah
+ Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz
+ an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das
+ ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war.
+ Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Mit dem jungen
+ Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme
+ Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen
+ unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie
+ auch das Jäckchen auszog.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz wurde
+ heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und
+ Ruth.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“</span>
+ Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Statt aller Antwort
+ reichte ihr diese den bewußten <span class="tei tei-pb" id=
+ "page197">[pg 197]</span><a name="Pgp0203" id="Pgp0203" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und
+ las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier
+ über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber
+ mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu
+ tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände
+ wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag
+ und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar
+ umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und
+ hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie wurde auf das
+ Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz,
+ während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in
+ höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei
+ und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das
+ noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem
+ Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit
+ vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin
+ fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie
+ beugte und ihr laut ins Ohr schrie:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth zog sie weg und
+ gebot ihr zu schweigen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Inzwischen war Ilse
+ fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer
+ noch nicht zurückkehren wollte.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page198">[pg 198]</span><a name="Pgp0204" id="Pgp0204" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht
+ wieder zu sich,“</span> sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine
+ Weile zugesehen hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“</span> meinte
+ Ilse besorgt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach was, der kann auch nichts helfen,“</span> erwiderte
+ der Professor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es
+ nur?“</span> fragte Ruth voller Angst.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Woher das kommt?“</span> wiederholte er bedeutungsvoll.
+ <span class="tei tei-q">„Woher das kommt? An allem ist der verrückte
+ Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig
+ getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet
+ wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon
+ kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein
+ Wunder.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor sah
+ ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser
+ verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der
+ Ohnmächtigen zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft
+ nichts,“</span> fing er wieder an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie
+ doch,“</span> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser
+ tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. <span class="tei tei-pb"
+ id="page199">[pg 199]</span><a name="Pgp0205" id="Pgp0205" class=
+ "tei tei-anchor"></a>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl
+ aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch
+ nichts zu jammern,“</span> rief er dann den Zwillingen zu, die ein
+ wahres Heulkonzert aufführten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“</span> konnte
+ Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu
+ sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich
+ über ihn ärgerte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat
+ kein Gefühl,“</span> erwiderte er ruhig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse wäre ihm sicher
+ auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt
+ Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in
+ Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem
+ alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe
+ klopfte und sagte: <span class="tei tei-q">„Na, Kröte, wie geht’s denn?
+ Was machst du aber auch für Geschichten!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als das junge
+ Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um
+ sich und fing bitterlich an zu schluchzen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“</span> rief
+ Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit
+ der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer
+ bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ilse rief Marianne
+ tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise
+ weinend vor <span class="tei tei-pb" id="page200">[pg
+ 200]</span><a name="Pgp0206" id="Pgp0206" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne,
+ das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei
+ alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+ Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen
+ auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich
+ zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges
+ Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als er einige Zeit
+ später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit
+ einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer
+ brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen,
+ die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem
+ empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+ stattgefundenen Szene bei Gontraus. <span class="tei tei-q">„Ja, ja, so
+ etwas würde auch vorkommen,“</span> schien es ihm leise ins Ohr zu
+ raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf: <span class=
+ "tei tei-q">„es ist schon besser so.“</span> Er hatte seinen Pelz
+ abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden
+ waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging
+ es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor
+ den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+ Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Still und ruhig
+ war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und
+ wie das Papier <span class="tei tei-pb" id="page201">[pg
+ 201]</span><a name="Pgp0207" id="Pgp0207" class=
+ "tei tei-anchor"></a>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte
+ und knisterte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor blieb
+ den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend,
+ so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich
+ nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte,
+ erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer
+ erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles
+ zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache
+ von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen
+ Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon,
+ welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein
+ tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe
+ erwidere.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz hatte
+ während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine
+ Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr
+ einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem
+ Tage – zwei unglückliche Lieben!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth weinte
+ leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie
+ nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester
+ und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr der
+ <a name="corr201" id="corr201" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">Professor</span>, daß Marianne krank im Bett liege, daß
+ man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung
+ konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.</p><span class=
+ "tei tei-pb" id="page202">[pg 202]</span><a name="Pgp0208" id="Pgp0208"
+ class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen
+ Liebe!“</span> rief Ruth laut jammernd aus.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten
+ Romanen vor, aber im Leben nicht,“</span> entgegnete Onkel Heinz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie ist aber so elend.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wird sich schon wieder erholen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Glaubst du wirklich?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“</span> redete
+ er ihr liebevoll zu.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Warum mußte es auch so kommen?“</span> klagte Ruth.
+ <span class="tei tei-q">„Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt
+ mich?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz zuckte
+ die Achseln, er wußte es doch auch nicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich
+ liebte?“</span> fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem
+ Tone.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor wandte
+ sich ab und gab keine Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth bemerkte es
+ nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“</span> fragte sie
+ dann wieder.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das war eine
+ Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Dummes Zeug! Unsinn!“</span> sagte er dann ziemlich
+ schroff.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“</span> Und
+ <span class="tei tei-pb" id="page203">[pg 203]</span><a name="Pgp0209"
+ id="Pgp0209" class="tei tei-anchor"></a>als er nicht antwortete, fuhr
+ sie fort: <span class="tei tei-q">„Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube,
+ ich kann überhaupt nicht lieben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe
+ schwatzt,“</span> dachte der Professor bei sich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“</span> fragte Ruth
+ nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten
+ auf. <span class="tei tei-q">„Willst du es wissen? Ich möchte singen
+ können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin
+ werden.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor
+ prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte
+ ausgerufen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine
+ Künstlerin ist?“</span> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade
+ in der schmeichelhaftesten Weise betonend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann kam er wieder
+ näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie entgegnete
+ nichts darauf, sondern fuhr fort:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“</span> sie zeigte auf
+ ihr Herz, <span class="tei tei-q">„da ist es oft so komisch, so – ich
+ weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte
+ ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich
+ zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir
+ leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde,
+ als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel –
+ dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht
+ beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich
+ solche Freude <span class="tei tei-pb" id="page204">[pg
+ 204]</span><a name="Pgp0210" id="Pgp0210" class="tei tei-anchor"></a>an
+ meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Professor hatte
+ sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an.
+ Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es
+ machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem
+ Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings
+ sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen,
+ eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam
+ die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge
+ Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend
+ und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er
+ sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es
+ war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine
+ Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine
+ Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich
+ über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“</span>
+ bemerkte sie lächelnd.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Da erwachte er aus
+ seinen Gedanken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Hm!“</span> brummte er nur und fuhr sich über seine
+ Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> fing sie wieder an und schmiegte
+ <span class="tei tei-pb" id="page205">[pg 205]</span><a name="Pgp0211"
+ id="Pgp0211" class="tei tei-anchor"></a>sich in zärtlicher
+ Vertraulichkeit an ihren alten Freund. <span class="tei tei-q">„Ich
+ habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du
+ sie erfüllen willst.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da werde ich mich schön hüten,“</span> warf er ein und
+ lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte
+ auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn
+ tun?“</span> fragte er aber dennoch.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihm ja so
+ schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen
+ konnte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz,“</span> kam es etwas zaghaft und zögernd von
+ ihren Lippen, <span class="tei tei-q">„wenn du doch nur mal mit den
+ Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden
+ lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst
+ du,“</span> fuhr sie leidenschaftlich fort, <span class=
+ "tei tei-q">„ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so
+ fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der
+ Kunst leben.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das ist ja Unsinn,“</span> sagte der Professor
+ ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn,
+ wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt
+ wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dabei fiel ihr
+ wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen,
+ und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch <span class=
+ "tei tei-pb" id="page206">[pg 206]</span><a name="Pgp0212" id="Pgp0212"
+ class="tei tei-anchor"></a>immer gleich flennen müßt,“</span> sagte er
+ etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig
+ gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön
+ geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen.
+ <span class="tei tei-q">„Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur
+ aus dem Sinn,“</span> fuhr er fort, <span class="tei tei-q">„das geht
+ nicht, das geht auf keinen Fall.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie sah ihn bittend,
+ fast flehend an.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber Onkel Heinz!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden?
+ Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“</span> Er sagte das sehr
+ geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob
+ sie vielleicht zur Bühne gehen wolle. <span class="tei tei-q">„Da bist
+ du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin,
+ das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird
+ nichts!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er hatte sich
+ ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine
+ solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke.
+ <span class="tei tei-q">„Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein
+ sollte,“</span> setzte er wie im Selbstgespräche fort, <span class=
+ "tei tei-q">„aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist
+ die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben
+ ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erregt schritt er
+ auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn
+ zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am
+ Arme fest.</p><span class="tei tei-pb" id="page207">[pg
+ 207]</span><a name="Pgp0213" id="Pgp0213" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber
+ habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich
+ meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken
+ brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den
+ Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt
+ mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das
+ Richtige ist.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme
+ ist nicht übel, das ist wahr,“</span> sagte er einlenkend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese Worte nahm sie
+ schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange
+ nicht,“</span> sagte er abwehrend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“</span> bat sie und
+ hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine
+ Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum
+ Lohn,“</span> versprach sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Will ich gar nicht,“</span> brummte er vor sich hin.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“</span> rief sie
+ lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre:
+ <span class="tei tei-q">„Wann willst du denn mit den Eltern
+ sprechen?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Gar nicht,“</span> erwiderte er kurz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ruth schien diese
+ Antwort zu überhören und sagte weiter:</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page208">[pg 208]</span><a name="Pgp0214" id="Pgp0214" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist,
+ aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann?
+ dann tust du es?“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Bitte, bitte, sage ja.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Nein, nein, nein!“</span> widersprach er heftig.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wer hätte wohl
+ diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der
+ Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+ abwandte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lieber Onkel Heinz.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er antwortete
+ nicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch
+ ja!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und sie quälte
+ solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich
+ nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts <a name="corr208" id=
+ "corr208" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">abschlagen.</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“</span> rief er
+ laut.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie jubelte auf, als
+ sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er
+ doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die nächste Zeit
+ verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder,
+ ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig
+ und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen
+ Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach
+ wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß
+ die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten
+ über diesen Punkt so weit auseinander <span class="tei tei-pb" id=
+ "page209">[pg 209]</span><a name="Pgp0215" id="Pgp0215" class=
+ "tei tei-anchor"></a>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem
+ Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+ Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+ sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als
+ sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein
+ konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als
+ treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei
+ allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse,
+ wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in
+ seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal
+ gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu
+ zaubern.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herr Jansen war bald
+ nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte
+ er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige
+ Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren
+ wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe
+ bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl
+ hervorgerufen haben würde.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als letztere
+ einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein
+ Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war,
+ einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen,
+ daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für
+ sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung
+ erhalten. Mit Fleiß und Liebe, <span class="tei tei-pb" id=
+ "page210">[pg 210]</span><a name="Pgp0216" id="Pgp0216" class=
+ "tei tei-anchor"></a>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem
+ Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Währenddem erholte
+ sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch
+ ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten,
+ allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber
+ der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit
+ fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war
+ gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft
+ wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild
+ des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+ aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+ glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das
+ Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem
+ Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte
+ sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach
+ Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein
+ vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen
+ auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache,
+ konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und
+ wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging,
+ um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein
+ geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und
+ oftmals stritt – und den beiden <span class="tei tei-pb" id=
+ "page211">[pg 211]</span><a name="Pgp0217" id="Pgp0217" class=
+ "tei tei-anchor"></a>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen,
+ dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er
+ erzählte es später Ilse voller Stolz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Erst spät im Herbst,
+ der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die
+ Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und
+ Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr
+ Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und
+ neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine
+ trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen
+ war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen
+ fernen lieben Freund.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So verging der
+ Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum
+ Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen
+ ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+ Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die
+ Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten
+ schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An einem dieser
+ sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin
+ Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die
+ klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und
+ braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen;
+ noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann
+ flatterte, durch einen <span class="tei tei-pb" id="page212">[pg
+ 212]</span><a name="Pgp0218" id="Pgp0218" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht
+ vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur
+ vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des
+ Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose
+ geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben
+ verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen,
+ und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften
+ Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden
+ Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit
+ würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht
+ droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber
+ hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große
+ gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen,
+ bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die
+ durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den
+ herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige
+ sie etwas lebhaft.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn nur alles gut geht,“</span> sagte sie seufzend zu dem
+ Professor.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er lächelte mit
+ überlegener Miene und entgegnete:</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig
+ gelernt, die kann ja was.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu
+ erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das <span class=
+ "tei tei-pb" id="page213">[pg 213]</span><a name="Pgp0219" id="Pgp0219"
+ class="tei tei-anchor"></a>nicht geschehen, das Glück muß auch mit
+ helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer
+ und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und
+ Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe
+ sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen,
+ als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel
+ Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im
+ Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um
+ ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine
+ Sängerin fertig ist, dauert es lange.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas
+ Tüchtigem, das weiß ich,“</span> versicherte Onkel Heinz mit wichtiger
+ Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal
+ gesagt habe.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“</span>
+ meinte Ilse und holte tief Atem.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben
+ brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“</span>
+ sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren
+ Arm.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie fühlte, daß er
+ sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch
+ ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr
+ befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige
+ Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie
+ einen großen Schatz. Sie hatte in <span class="tei tei-pb" id=
+ "page214">[pg 214]</span><a name="Pgp0220" id="Pgp0220" class=
+ "tei tei-anchor"></a>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren
+ und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des
+ Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte
+ sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte
+ durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren
+ Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in
+ sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig
+ war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer
+ Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel
+ Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das
+ ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse
+ jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so
+ nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch
+ immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in
+ welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche
+ singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen,
+ um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend,
+ grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe,
+ denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“</span> fing er dann
+ plötzlich an, <span class="tei tei-q">„bei Superintendents ist man wohl
+ überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein
+ famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+ mir.“</span></p><span class="tei tei-pb" id="page215">[pg
+ 215]</span><a name="Pgp0221" id="Pgp0221" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja,“</span> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem
+ Herzensgrunde, <span class="tei tei-q">„Gott sei Dank, daß er wieder da
+ ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient,
+ und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt,
+ daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, die <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">selfmade men</span></span>, das sind die
+ besten,“</span> warf Onkel Heinz ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht
+ wahr?“</span> fragte Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr
+ interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben
+ gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu
+ Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der
+ Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte,
+ gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall
+ zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die
+ kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja
+ lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel
+ ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer
+ Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den
+ aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na,
+ und da war die Sache bald abgemacht.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“</span>
+ warf Ilse ein. <span class="tei tei-q">„Er hatte es so gut bei den
+ Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, <span class=
+ "tei tei-pb" id="page216">[pg 216]</span><a name="Pgp0222" id="Pgp0222"
+ class="tei tei-anchor"></a>weil ihn die andern im Geschäfte wegen
+ seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte
+ er nicht tun sollen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von
+ ihm,“</span> widersprach Onkel Heinz, <span class="tei tei-q">„so wird
+ das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er
+ handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch
+ leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß der
+ <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">selfmade
+ man</span></span> auch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist
+ ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet
+ man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San
+ Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend
+ davon,“</span> meinte Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist
+ er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter
+ herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner
+ Mutter,“</span> gab Onkel Heinz zur Antwort.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all
+ die Jahre hindurch,“</span> wandte Ilse vorwurfsvoll ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Da hatte er ganz recht,“</span> unterbrach sie der
+ Professor von neuem; <span class="tei tei-q">„er wollte erst was
+ ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr
+ heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz
+ anders behandelt werden müssen.“</span></p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page217">[pg 217]</span><a name="Pgp0223" id="Pgp0223" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür
+ büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche
+ Jahre,“</span> erwiderte Ilse.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid
+ getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben,
+ denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei
+ Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“</span> neckte
+ Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf
+ sie.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel
+ Heinz?“</span> rief Ilse lachend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Er erwiderte nichts,
+ aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber
+ dachte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Sind Sie denn nun ruhiger?“</span> fragte er nach einer
+ kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte,
+ fuhr er fort: <span class="tei tei-q">„Na, sehen Sie wohl, wie gut es
+ war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie
+ das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für
+ erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das
+ Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank,
+ noch verhindern konnte.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“</span> berichtigte
+ sie lachend, <span class="tei tei-q">„das war ja Bromkali –“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Weiß schon, weiß schon,“</span> unterbrach er sie schnell.
+ <span class="tei tei-q">„Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft
+ auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver<span class=
+ "tei tei-pb" id="page218">[pg 218]</span><a name="Pgp0224" id="Pgp0224"
+ class="tei tei-anchor"></a>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen
+ Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“</span> sagte
+ Ilse; <span class="tei tei-q">„bei der ist es nur die Freude, welche
+ sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“</span> fragte sie dann den
+ Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+ angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann
+ später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch
+ nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/illu_opp_p0218.png" alt="Illustration" /></div>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Onkel Heinz ging
+ aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß
+ bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er
+ überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, vorher noch
+ seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl
+ besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er für
+ Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung
+ sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den <span class=
+ "tei tei-q">„wunderlichen alten Herrn“</span> amüsiert, der in
+ umständlichster Weise seine Bestellung gemacht und ganz genau angegeben
+ hatte, in welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle
+ Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen und geschmacklos
+ gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so und so sollte
+ die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen anders. Am
+ Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den <span class="tei tei-pb"
+ id="page219">[pg 219]</span><a name="Pgp0226" id="Pgp0226" class=
+ "tei tei-anchor"></a>fertigen Korb angesehen, und ein Etui
+ hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und
+ Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen wichtigen Tage
+ schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz genau nach
+ seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und zog
+ hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+ Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die
+ dem alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das
+ junge Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er
+ nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen
+ Bräutigam war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien –
+ zum dritten Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen;
+ sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die
+ Bestellung auch richtig und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In
+ ihrem Innern meinte sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr
+ noch selten jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen
+ Menschen verkehren mußte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nachdem der
+ Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen Schrittes die
+ Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert
+ stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb und
+ sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+ Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+ doch keine Kleinigkeit <span class="tei tei-pb" id="page220">[pg
+ 220]</span><a name="Pgp0227" id="Pgp0227" class=
+ "tei tei-anchor"></a>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+ gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+ erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte,
+ schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+ große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab
+ und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der
+ mächtige Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden
+ Lichter warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften
+ mit ihren Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle
+ Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten
+ seinen Hut abgenommen und betrachtete sich mit Wohlgefallen das
+ malerische Bild des Ganzen, worauf seine Augen suchend umherblickten.
+ Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, Flora mit
+ den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – und wer saß da neben
+ Marianne? Ein junger, blonder Mann, bartlos, mit energisch
+ geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder
+ – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin,
+ und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden Mädchengestalt
+ neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der Seite
+ anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der
+ Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er sich
+ jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+ verbergen suchte. Auch Leo war still und <span class="tei tei-pb" id=
+ "page221">[pg 221]</span><a name="Pgp0228" id="Pgp0228" class=
+ "tei tei-anchor"></a>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen
+ Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg zu helfen
+ hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man die Köpfe der
+ Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her bewegen, während
+ die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange nur
+ die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes Interesse vor
+ sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte er nicht
+ zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang konnte
+ ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen
+ wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine Bartspitze
+ zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine Augen
+ unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+ Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten
+ die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+ reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in
+ den Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet
+ hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob
+ über die herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und
+ Weichheit besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort
+ verhinderte, daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo
+ hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll
+ triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu: <span class=
+ "tei tei-q">„Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben <span class=
+ "tei tei-pb" id="page222">[pg 222]</span><a name="Pgp0229" id="Pgp0229"
+ class="tei tei-anchor"></a>brauchten, hatte ich nun nicht
+ recht?“</span> Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, denn in
+ diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie:
+ ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise
+ Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln
+ unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt
+ Ilse da. Ihre Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle
+ trat die frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne
+ und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie
+ sich fest vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem
+ Vollkommensten streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es,
+ was sie Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das
+ Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im
+ Publikum, und der Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte,
+ selbst Fremde traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer
+ Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl entflohen und
+ hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu warten, bis sich die Menge
+ verlaufen hätte, welche die Treppe von den Emporen herunterkam.
+ Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken
+ könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach und nach
+ hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner Ecke hervor und wagte
+ sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser übersehen zu können
+ und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter
+ <span class="tei tei-pb" id="page223">[pg 223]</span><a name="Pgp0230"
+ id="Pgp0230" class="tei tei-anchor"></a>ihnen die sehnsüchtig
+ Erwartete, mit erhitzen Wangen und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte
+ sie herunter, und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende
+ die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. Sie jubelte, lachte
+ und weinte in einem Atem, und er klopfte und streichelte sie
+ fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, nur die Worte: <span class=
+ "tei tei-q">„Alte, gute Kröte,“</span> wiederholte er immer wieder, und
+ eine rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+ grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber
+ dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses
+ schimmerte es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind
+ lange in den Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die
+ <a name="corr223" id="corr223" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr">Zwillinge,</span> alle die guten Freunde, sie bildeten
+ einen Kreis um die Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen,
+ ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und Flora
+ erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche ihr einst eine große
+ Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr
+ Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre
+ waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; Kummer und
+ Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und der
+ glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+ freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“</span> sagte
+ <span class="tei tei-pb" id="page224">[pg 224]</span><a name="Pgp0231"
+ id="Pgp0231" class="tei tei-anchor"></a>Nellie zu ihrem Manne, als die
+ beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff war
+ aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am Arme
+ hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und gesund
+ aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren
+ Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+ geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch
+ anders gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und
+ Leo wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der
+ Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und
+ sie sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen
+ hatten, wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl
+ sein, denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen
+ noch die Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man
+ plötzlich das absichtlich laute und auffällige Klappern eines
+ Schlüsselbundes, und mit harten Schritten ging der Kastellan über die
+ Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit zu verstehen,
+ daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Abend war mild
+ und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche ins Freie
+ traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an einem
+ schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+ Plaudernd und lachend schritt das <span class="tei tei-pb" id=
+ "page225">[pg 225]</span><a name="Pgp0232" id="Pgp0232" class=
+ "tei tei-anchor"></a>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die
+ Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“</span> sagte Ilse zu
+ dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig
+ fügte sie hinzu mit einem Blick auf Ruth und Marianne: <span class=
+ "tei tei-q">„Wie lange wird’s dauern, und eines Tages fliegen beide aus
+ dem Neste.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Über so etwas muß man eben nicht sentimental
+ denken,“</span> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern hatte doch
+ auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn er daran dachte, seine
+ beiden Kröten einmal hergeben zu müssen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein
+ sein werden?“</span> fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt
+ von diesen Gedanken.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, was fangen wir an?“</span> wiederholte er und sah sie
+ forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein
+ Gesicht, und er sagte: <span class="tei tei-q">„Dann schreiben Sie doch
+ Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es war natürlich nur
+ ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung hinwegbringen
+ wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht.
+ Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen Vorschlag
+ ein.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“</span> rief sie;
+ <span class="tei tei-q">„vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja,
+ ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da auf
+ einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen <span class="tei tei-pb"
+ id="page226">[pg 226]</span><a name="Pgp0233" id="Pgp0233" class=
+ "tei tei-anchor"></a>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie
+ sollen sogar eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Na, das wird was Schönes werden,“</span> gab der Professor
+ zur Antwort, <span class="tei tei-q">„eine schreibende Frau?
+ Brr!“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie
+ interessant es für Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit
+ erfahren, wie ich einst war – eigensinnig, unbeugsam, wild und
+ unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden
+ und ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle meine Lieben
+ und Freunde, durch Leo, durch Nellie und auch durch Sie, Onkel
+ Heinz.“</span></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Durch mich?“</span> fragte er, sie ungläubig ansehend.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-q">„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir
+ nur,“</span> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare
+ Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen
+ hatte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-hi"><span style="font-size: 90%">Die jungen
+ Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben,
+ werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+ Titel</span> <span class="tei tei-q"><span style=
+ "font-size: 90%">„</span><span style="font-size: 90%">Trotzkopf als
+ Großmutter</span><span style="font-size: 90%">“</span></span>
+ <span style="font-size: 90%">in gleichem Verlag erschienen
+ ist.</span></span></p>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-back" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em">
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="boxed tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <a name="toc1" id="toc1"></a><a name="pdf2" id="pdf2"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die
+ Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in
+ ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv
+ wiedergegeben).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Varianten bei
+ Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Korrektur von
+ offensichtlichen Druckfehlern:</p>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style=
+ "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr012" class=
+ "tei tei-ref">Seite 12</a>: Anführungszeichen ergänzt hinter
+ „Unsinn.“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr015" class=
+ "tei tei-ref">Seite 15</a>: „üherhaupt“ geändert in
+ „überhaupt“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr076" class=
+ "tei tei-ref">Seite 76</a>: „Schmids“ geändert in
+ „Schmidts“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr090" class=
+ "tei tei-ref">Seite 90</a>: „langezogene“ geändert in
+ „langgezogene“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr113" class=
+ "tei tei-ref">Seite 113</a>: Punkt ergänzt hinter
+ „Gefühlen“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr149" class=
+ "tei tei-ref">Seite 149</a>: „Arger“ geändert in „Ärger“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr162" class=
+ "tei tei-ref">Seite 162</a>: auf dem Kopf stehendes „a“
+ korrigiert in „las“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr201" class=
+ "tei tei-ref">Seite 201</a>: „Profossor“ geändert in
+ „Professor“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr208" class=
+ "tei tei-ref">Seite 208</a>: überflüssiges Anführungszeichen
+ entfernt hinter „abschlagen.“</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr223" class=
+ "tei tei-ref">Seite 223</a>: Komma ergänzt hinter
+ „Zwillinge“</td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <pre class="pre tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+</pre>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader3" id="rightpageheader3"></a><a name=
+ "pgtoc4" id="pgtoc4"></a><a name="pdf5" id="pdf5"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Credits</span></h1>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style=
+ "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr>
+ <th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 2,
+ 2012&nbsp;&nbsp;</th>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class="tei tei-item tei-item-gloss">
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list"
+ style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI
+ edition 1</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><span class=
+ "tei tei-respStmt"><span class=
+ "tei tei-resp">Produced by <span class=
+ "tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the
+ Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net</span></span></td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader6" id="rightpageheader6"></a><a name=
+ "pgtoc7" id="pgtoc7"></a><a name="pdf8" id="pdf8"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">A Word from Project
+ Gutenberg</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file
+ should be named 39350-h.html or 39350-h.zip.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all
+ associated files of various formats will be found in: <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/" class=
+ "block tei tei-xref" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span style=
+ "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style=
+ "font-size: 90%">/dirs/3/9/3/5/39350/</span></a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated
+ editions will replace the previous one — the old editions will be
+ renamed.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the
+ works from public domain print editions means that no one owns a
+ United States copyright in these works, so the Foundation (and
+ you!) can copy and distribute it in the United States without
+ permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+ set forth in the General Terms of Use part of this license, apply
+ to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works
+ to protect the Project Gutenberg™ concept and trademark. Project
+ Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+ charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If
+ you do not charge anything for copies of this eBook, complying
+ with the rules is very easy. You may use this eBook for nearly
+ any purpose such as creation of derivative works, reports,
+ performances and research. They may be modified and printed and
+ given away — you may do practically <em class=
+ "tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">anything</span></em> with public domain
+ eBooks. Redistribution is subject to the trademark license,
+ especially commercial redistribution.</p>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div id="pglicense" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader9" id="rightpageheader9"></a><a name=
+ "pgtoc10" id="pgtoc10"></a><a name="pdf11" id="pdf11"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg
+ License</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class=
+ "tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this
+ before you distribute or use this work.</span></em></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the
+ Project Gutenberg™ mission of promoting the free distribution of
+ electronic works, by using or distributing this work (or any
+ other work associated in any way with the phrase <span class=
+ "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with
+ all the terms of the Full Project Gutenberg™ License (<a href=
+ "#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or
+ online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p>
+
+ <div id="pglicense1" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">General Terms of Use &amp;
+ Redistributing Project Gutenberg™ electronic works</span></h2>
+
+ <div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading
+ or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+ you indicate that you have read, understand, agree to and
+ accept all the terms of this license and intellectual
+ property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree
+ to abide by all the terms of this agreement, you must cease
+ using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™
+ electronic works in your possession. If you paid a fee for
+ obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™
+ electronic work and you do not agree to be bound by the terms
+ of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+ entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+ <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a
+ registered trademark. It may only be used on or associated in
+ any way with an electronic work by people who agree to be
+ bound by the terms of this agreement. There are a few things
+ that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works
+ even without complying with the full terms of this agreement.
+ See paragraph <a href="#pglicense1C" class=
+ "tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you
+ can do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow
+ the terms of this agreement and help preserve free future
+ access to Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph
+ <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class=
+ "tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a
+ compilation copyright in the collection of Project Gutenberg™
+ electronic works. Nearly all the individual works in the
+ collection are in the public domain in the United States. If
+ an individual work is in the public domain in the United
+ States and you are located in the United States, we do not
+ claim a right to prevent you from copying, distributing,
+ performing, displaying or creating derivative works based on
+ the work as long as all references to Project Gutenberg are
+ removed. Of course, we hope that you will support the Project
+ Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic
+ works by freely sharing Project Gutenberg™ works in
+ compliance with the terms of this agreement for keeping the
+ Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+ easily comply with the terms of this agreement by keeping
+ this work in the same format with its attached full Project
+ Gutenberg™ License when you share it without charge with
+ others.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ copyright laws of the place where you are located also govern
+ what you can do with this work. Copyright laws in most
+ countries are in a constant state of change. If you are
+ outside the United States, check the laws of your country in
+ addition to the terms of this agreement before downloading,
+ copying, displaying, performing, distributing or creating
+ derivative works based on this work or any other Project
+ Gutenberg™ work. The Foundation makes no representations
+ concerning the copyright status of any work in any country
+ outside the United States.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you
+ have removed all references to Project Gutenberg:</p>
+
+ <div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.1.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ following sentence, with active links to, or other
+ immediate access to, the full Project Gutenberg™ License
+ must appear prominently whenever any copy of a Project
+ Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class=
+ "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> appears, or with
+ which the phrase <span class="tei tei-q">„Project
+ Gutenberg“</span> is associated) is accessed, displayed,
+ performed, viewed, copied or distributed:</p>
+
+ <div class="block tei tei-q" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em">
+ <span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of
+ anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions
+ whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included
+ with this eBook or online at</span> <a href=
+ "http://www.gutenberg.org" class=
+ "tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.2.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an
+ individual Project Gutenberg™ electronic work is derived
+ from the public domain (does not contain a notice
+ indicating that it is posted with permission of the
+ copyright holder), the work can be copied and distributed
+ to anyone in the United States without paying any fees or
+ charges. If you are redistributing or providing access to a
+ work with the phrase <span class="tei tei-q">„Project
+ Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work,
+ you must comply either with the requirements of paragraphs
+ <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a>
+ through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work
+ and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in
+ paragraphs <a href="#pglicense1E8" class=
+ "tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.3.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an
+ individual Project Gutenberg™ electronic work is posted
+ with the permission of the copyright holder, your use and
+ distribution must comply with both paragraphs <a href=
+ "#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7
+ and any additional terms imposed by the copyright holder.
+ Additional terms will be linked to the Project Gutenberg™
+ License for all works posted with the permission of the
+ copyright holder found at the beginning of this work.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.4.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™
+ License terms from this work, or any files containing a
+ part of this work or any other work associated with Project
+ Gutenberg™.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.5.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ copy, display, perform, distribute or redistribute this
+ electronic work, or any part of this electronic work,
+ without prominently displaying the sentence set forth in
+ paragraph <a href="#pglicense1E1" class=
+ "tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate
+ access to the full terms of the Project Gutenberg™
+ License.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.6.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may
+ convert to and distribute this work in any binary,
+ compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form,
+ including any word processing or hypertext form. However,
+ if you provide access to or distribute copies of a Project
+ Gutenberg™ work in a format other than <span class=
+ "tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format
+ used in the official version posted on the official Project
+ Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must,
+ at no additional cost, fee or expense to the user, provide
+ a copy, a means of exporting a copy, or a means of
+ obtaining a copy upon request, of the work in its original
+ <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or
+ other form. Any alternate format must include the full
+ Project Gutenberg™ License as specified in paragraph
+ <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.7.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ charge a fee for access to, viewing, displaying,
+ performing, copying or distributing any Project Gutenberg™
+ works unless you comply with paragraph <a href=
+ "#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.8.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may
+ charge a reasonable fee for copies of or providing access
+ to or distributing Project Gutenberg™ electronic works
+ provided that</p>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list"
+ style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You pay a royalty fee of 20% of the gross profits
+ you derive from the use of Project Gutenberg™ works
+ calculated using the method you already use to
+ calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but
+ he has agreed to donate royalties under this
+ paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or
+ are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked
+ as such and sent to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation at the address specified in
+ <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section
+ 4, <span class="tei tei-q">„Information about
+ donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation.“</span></a></p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You provide a full refund of any money paid by a
+ user who notifies you in writing (or by e-mail)
+ within 30 days of receipt that s/he does not agree
+ to the terms of the full Project Gutenberg™
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a
+ physical medium and discontinue all use of and all
+ access to other copies of Project Gutenberg™
+ works.</p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You provide, in accordance with paragraph <a href=
+ "#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a
+ full refund of any money paid for a work or a
+ replacement copy, if a defect in the electronic
+ work is discovered and reported to you within 90
+ days of receipt of the work.</p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You comply with all other terms of this agreement
+ for free distribution of Project Gutenberg™
+ works.</p>
+ </td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.9.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you
+ wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™
+ electronic work or group of works on different terms than
+ are set forth in this agreement, you must obtain permission
+ in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation and Michael Hart, the owner of the Project
+ Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth
+ in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a>
+ below.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style=
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+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3>
+
+ <div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style=
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+ <h4 class="tei tei-head" style=
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+ 1.F.1.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+ effort to identify, do copyright research on, transcribe
+ and proofread public domain works in creating the Project
+ Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project
+ Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+ may be stored, may contain <span class=
+ "tei tei-q">„Defects,“</span> such as, but not limited to,
+ incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription
+ errors, a copyright or other intellectual property
+ infringement, a defective or damaged disk or other medium,
+ a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+ be read by your equipment.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1F2" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED
+ WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the
+ <span class="tei tei-q">„Right of Replacement or
+ Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class=
+ "tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+ Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a
+ Project Gutenberg™ electronic work under this agreement,
+ disclaim all liability to you for damages, costs and
+ expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO
+ REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF
+ WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN
+ PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK
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+ </div>
+
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED
+ RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect
+ in this electronic work within 90 days of receiving it, you
+ can receive a refund of the money (if any) you paid for it
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+ explanation. The person or entity that provided you with
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+ for the limited right of replacement or refund set forth in
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+ states do not allow disclaimers of certain implied
+ warranties or the exclusion or limitation of certain types
+ of damages. If any disclaimer or limitation set forth in
+ this agreement violates the law of the state applicable to
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation,
+ the trademark owner, any agent or employee of the
+ Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™
+ electronic works in accordance with this agreement, and any
+ volunteers associated with the production, promotion and
+ distribution of Project Gutenberg™ electronic works,
+ harmless from all liability, costs and expenses, including
+ legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+ the following which you do or cause to occur: (a)
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+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
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+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about the Mission of
+ Project Gutenberg™</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
+ electronic works in formats readable by the widest variety of
+ computers including obsolete, old, middle-aged and new
+ computers. It exists because of the efforts of hundreds of
+ volunteers and donations from people in all walks of life.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers
+ and financial support to provide volunteers with the assistance
+ they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals
+ and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain
+ freely available for generations to come. In 2001, the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a
+ secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+ generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation and how your efforts and donations can help,
+ see Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a>
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+ Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class=
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+
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+ <h2 class="tei tei-head" style=
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+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3)
+ educational corporation organized under the laws of the state
+ of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+ Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax
+ identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is
+ posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf"
+ class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>.
+ Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+ U.S. federal laws and your state's laws.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Foundation's principal office is located at 4557 Melan&nbsp;Dr.
+ S.&nbsp;Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees
+ are scattered throughout numerous locations. Its business
+ office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT
+ 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact
+ links and up to date contact information can be found at the
+ Foundation's web site and official page at <a href=
+ "http://www.pglaf.org" class=
+ "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For
+ additional contact information:</p>
+
+ <div class="block tei tei-address" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">Dr.&nbsp;Gregory
+ B.&nbsp;Newby</span></span><br />
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">Chief Executive and
+ Director</span></span><br />
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br />
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense4" class="tei tei-div" style=
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+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about Donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+ public support and donations to carry out its mission of
+ increasing the number of public domain and licensed works that
+ can be freely distributed in machine readable form accessible
+ by the widest array of equipment including outdated equipment.
+ Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important
+ to maintaining tax exempt status with the IRS.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Foundation is committed to complying with the laws regulating
+ charities and charitable donations in all 50 states of the
+ United States. Compliance requirements are not uniform and it
+ takes a considerable effort, much paperwork and many fees to
+ meet and keep up with these requirements. We do not solicit
+ donations in locations where we have not received written
+ confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the
+ status of compliance for any particular state visit <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we
+ cannot and do not solicit contributions from states where we
+ have not met the solicitation requirements, we know of no
+ prohibition against accepting unsolicited donations from donors
+ in such states who approach us with offers to donate.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ International donations are gratefully accepted, but we cannot
+ make any statements concerning tax treatment of donations
+ received from outside the United States. U.S. laws alone swamp
+ our small staff.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check
+ the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+ and addresses. Donations are accepted in a number of other ways
+ including checks, online payments and credit card donations. To
+ donate, please visit: <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense5" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: left; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">General Information About Project
+ Gutenberg™ electronic works.</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the
+ originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of
+ electronic works that could be freely shared with anyone. For
+ thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+ eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+ editions, all of which are confirmed as Public Domain in the
+ U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+ necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+ edition.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook
+ is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+ number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+ compressed (zipped), HTML and others.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected
+ <em class="tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace
+ the old file and take over the old filename and etext number.
+ The replaced older file is renamed. <em class=
+ "tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">Versions</span></em> based on separate
+ sources are treated as new eBooks receiving new filenames and
+ etext numbers.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people
+ start at our Web site which has the main PG search facility:
+ <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref"
+ style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span style=
+ "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web
+ site includes information about Project Gutenberg™, including
+ how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+ subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
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+</html>
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+<pb/><anchor id='Pga0003'/>
+<p rend="margin-top: 3; font-size: small; text-align: center">Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.</p>
+</div>
+</front>
+<body rend="page-break-before: always">
+<pb n='1'/><anchor id='Pgp0001'/>
+<p>
+<figure url="images/illu_on_p0001.png" rend="w80"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz,</q> schallte es von hellen
+Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im
+Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen Mädchen von
+acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der
+die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet
+hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien
+mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin,
+der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an
+ihn, und er kam nicht los.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,</q>
+rief er endlich; <q>wartet, ihr Kröten, ich werde euch
+kommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie
+kreischend auseinander; der Junge aber und das älteste
+der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden,
+braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun
+begann ein Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel
+umherkollerten.
+</p>
+
+<pb n='2'/><anchor id='Pgp0002'/>
+
+<p>
+<q>Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!</q> gebot
+Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls
+hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz
+die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen
+Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste und
+ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen
+Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit
+lautem Geschrei zurück. Das war ein Hauptspaß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, so seid doch endlich vernünftig,</q> legte sich
+Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit
+den beiden Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, nun hört endlich auf,</q> gebot auch Ilse ernstlich,
+und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte
+sie sich wieder an Onkel Heinz mit den Worten:
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei
+uns, Herr Professor?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man
+kommt ja zu nichts,</q> gab er zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!</q> rief es nun
+schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und
+Überzieher, die er beide auf einen Stuhl neben sich gelegt
+hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder,
+und bei dem komischen Anblick der kleinen Person
+in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke
+konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich
+<pb n='3'/><anchor id='Pgp0003'/>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der
+Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun ist’s genug,</q> sagte sie; <q>kommen Sie, lieber
+Professor, wir gehen in mein Zimmer.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!</q>
+rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich
+die Kleinen an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten
+seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er
+nicht von der Stelle konnte.
+</p>
+
+<p>
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er
+am Boden lag. Im Nu warfen sich die Kinder über ihn
+her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein Schreien,
+sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er
+schließlich doch Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort
+von Frau Ilse ihn von der wilden Horde befreite.
+Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde von der
+Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen
+die Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden
+Kindergesichtern leuchtete die helle Freude über den gut
+gelungenen Spektakel.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr seid eine Gesellschaft,</q> sagte Ilse kopfschüttelnd,
+aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes,
+wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,</q> meinte
+Nellie, als sie den Professor ansah.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Prügel müssen sie haben,</q> rief er ihnen
+mit scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es
+ <pb n='4'/><anchor id='Pgp0004'/>gemeint war, sie sahen ja seine lustig zwinkernden Augen
+und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er
+ernstlich böse war.
+</p>
+
+<p>
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die
+ihm bis auf die Hände gerutscht waren, rückte an seiner
+Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes
+Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber
+sie standen nach wie vor gerade in die Höhe, tadellos in
+Reih und Glied.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte,
+bitte?</q> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,</q>
+quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte
+zu erfüllen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,</q> legte
+er sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut
+sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling Ruth etwas
+abgeschlagen wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig
+sein,</q> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend,
+doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der
+Kinderstube bleiben sollten.
+</p>
+
+<p>
+Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber
+Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden,
+als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß
+sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes
+holen sollte.
+</p>
+
+<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/>
+
+<p>
+Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit
+dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen
+Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie
+an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert.
+Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer
+schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur
+ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden
+Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt.
+Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging,
+kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn
+und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger
+Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung
+war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr,
+ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem
+Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen
+Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber
+die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck
+ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr
+nicht sagen, denn <q>sanft</q> und <q>dumm</q> stellte sie in eine
+Reihe. <q>Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie,</q> meinte sie, wenn die Rede darauf
+kam, und da hatte sie auch recht.
+</p>
+
+<p>
+Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie <q>sanft</q> ohne
+den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war
+bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen
+Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt.
+</p>
+
+<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/>
+
+<p>
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen
+wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen
+kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe
+Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+</p>
+
+<p>
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder
+an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war
+auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau
+Superintendentin geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium
+Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung
+angenehm gestalten. Aber leider machten ihm
+seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt,
+und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß,
+sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste
+Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,</q> bemerkte Ilse
+oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn
+nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen
+können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie
+mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und
+gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu
+Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder
+holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe
+an ihr.
+</p>
+
+<p>
+In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor
+bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie
+<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann
+geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja
+erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder
+nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,</q>
+entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde
+Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten
+Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen
+und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden
+Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch.
+Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter
+Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte
+erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er
+habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit
+auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er
+ließ sich gerne zureden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,</q> rief
+sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch
+bleiben würde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,</q>
+wiederholte er mit einigem Nachdruck, <q>das ist auch recht
+gut.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen
+Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen
+wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel
+zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter
+Bücherkram.</q>
+</p>
+
+<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>
+
+<p>
+<q>Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?</q> fragte er,
+die Worte <q>alter</q> und <q>Kram</q> besonders betonend,
+während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes
+zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines
+Unwillens, Ilse kannte es genau.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,</q> fuhr
+er fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich,
+so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen
+nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß am besten, was ich tun muß,</q> erwiderte
+er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht
+einschüchtern, sie kannte seine Art.
+</p>
+
+<p>
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten,
+wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen
+hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor
+tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast
+zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am
+Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die
+Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam
+in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus,
+weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht
+verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem
+Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme
+ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das
+nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so
+<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen
+Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt
+hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere
+Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur
+Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne
+ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals
+zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben.
+Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn
+Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn
+einen <q>wunderlichen alten Junggesellen</q>, obgleich er nur
+wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten
+sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause
+zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der
+Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm
+in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war
+seine rührende Liebe zu den Kindern. <q>Sie sind meine
+beste Erholung,</q> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen
+spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken,
+Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester
+Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen,
+dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung
+ihres Kinderherzens. –
+</p>
+
+<p>
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause
+zu gehen und Fred selbst zu holen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich kann ja das Mädchen schicken,</q> meinte Ilse,
+aber Nellie ließ das nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun
+hat heute abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,</q>
+<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>antwortete sie ausweichend. Doch in Wirklichkeit arbeitete
+Althoff selten abends und war immer gern bereit, nach
+Gontraus zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der
+Professor zum Gehen an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie bleiben auf jeden Fall,</q> sagte Ilse, ihn zurückhaltend,
+und wies jeden Einwand, den er machen
+wollte, zurück.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wissen Sie was,</q> rief sie plötzlich, <q>ich habe heute
+morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns eine kleine
+Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz
+– können Sie da widerstehen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er lachte.
+</p>
+
+<p>
+Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur
+Genüge. Die Geister, die ihnen entstiegen, waren nicht
+trübselig, es waren die des Frohsinns und der Heiterkeit,
+und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen
+nannten ihn unzugänglich, ja unliebenswürdig, und ließen
+ihn bald als <q>komischen Kauz</q> ganz links liegen. Deshalb
+mied er auch die Menschen, und es kostete stets
+Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft
+versammelt war.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel
+gebraucht, denn ohne langes Zaudern willigte der Professor
+nun ein, zu bleiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als
+dazubleiben,</q> sagte er vergnügt, <q>aber die Bowle will ich
+<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht sie regelmäßig
+zu süß.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, natürlich,</q> sagte Ilse, <q>doch dann müssen
+Sie mit in die Küche kommen, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise
+seine Vorbereitungen. Die Kinder hatten nur auf den
+Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen erschien,
+und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth
+hatte ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden,
+Marianne kletterte auf einen Stuhl und beugte das
+Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher schon der
+aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz
+fehlte natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem
+Probieren von Onkel Heinz, war die Bowle fertig und
+mit Kennermiene führte er <sic>nocheinmal</sic> ein Glas an den
+Mund – sie war gut geraten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?</q>
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!</q> riefen sie durcheinander,
+und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten
+Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit
+sie es ihm nicht entreißen konnten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern,
+sonst kriegt ihr gar nichts!</q> Damit drängte er die verlangenden
+Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam
+jedes zu kosten.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel
+Heinz füllte noch einige Male nach.
+</p>
+
+<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>
+
+<p>
+<q>Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,</q> sagte er
+schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des
+Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, bester Professor, wie können Sie nur den
+Kindern so viel Bowle zu trinken geben,</q> rief Ilse, als
+sie jetzt hinzukam und den kräftigen Schluck, den Fritz
+soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das schadet ihnen doch nichts,</q> entgegnete Onkel
+Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen,
+der ist ihnen schädlich!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei
+schädlich sein, wer sagt das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun unser Arzt behauptet es,</q> gab Ilse zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na ja, die Ärzte!</q> fiel Onkel Heinz mit höhnischem
+Lachen ein; <q>wenn die so etwas behaupten, können
+Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur
+<anchor id="corr012"/><corr sic="Unsinn.">Unsinn.</corr></q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber
+sie schwieg dazu, ihre Laune war an diesem schönen Abend
+eine zu gute, und die wollte sie sich nicht verderben lassen;
+denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen Punkt
+in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Mißstimmung zurück.
+</p>
+
+<p>
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause
+und die Kinder zu Bett. Dem Quälen und Betteln von
+Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben könnte,
+setzte sie ein unerschütterliches <q>Nein</q> entgegen.
+</p>
+
+<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>
+
+<p>
+Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle
+vergnügt zusammen, und Onkel Heinz heimste von allen
+Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein.
+Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen
+war es noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend.
+Jeder empfand in seiner Weise den Zauber desselben,
+einer oder der andre saß manchmal stumm und blickte
+durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume
+davor flötete jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied
+und der Mond hob sich hellglänzend vom Himmel ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?</q> fragte
+Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude
+über das gemütliche Zusammensein blickte ihm so recht
+lebhaft aus den Augen. <q>Althoff, Sie trinken ja gar
+nicht, trinken Sie doch mal aus,</q> mahnte er den Direktor,
+aber Nellie, die mit Argusaugen darüber wachte, daß
+Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise zu, daß er
+daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke
+Kopfschmerzen bekäme.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte die leise Warnung gehört.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne
+tuscheln, das ist gar nicht erlaubt,</q> rief sie mahnend und
+schenkte dem Direktor nochmals eigenhändig ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick
+auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder
+eine andre Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe
+am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht
+<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade,
+wo er säße, ein kühler Luftzug herein.
+</p>
+
+<p>
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen,
+Althoff und der Professor waren aber entschieden dagegen,
+letzterer mit einer spöttischen Bemerkung, gegen die niemand
+etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, kein Licht, Marie,</q> rief Ilse, als das
+Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche
+Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön
+vermischte.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern,
+in die frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg
+hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter,
+dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu
+sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine
+Wonne! So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der
+Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. Sie
+hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der
+neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen
+Haupte die Entlassung aus der Schule schwebte, und
+Onkel Heinz seine Ansicht über Pädagogik, die von der
+des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie empfand
+eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes
+zu unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die
+Begeisterung dem Menschen Flügel zu verleihen scheint,
+sich über das alltägliche zu erheben. In solcher Stimmung
+war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten,
+daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit
+<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>zwischen dem Direktor und dem Professor verfolgte, entspann
+sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder,</q> rief sie plötzlich laut und erregt, <q>ich
+habe eine Idee!</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang
+und breit auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für
+die Kinder ein andrer werden müsse, als Ilse mit ihrem
+Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr zuwandte.
+</p>
+
+<p>
+<q><sic>Darling</sic>, was hast du für eine Idee?</q> fragte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Famos, famos!</q> jubelte Ilse. <q>Aber ihr müßt
+mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, wollt ihr das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da könnten wir ja schön reinfallen,</q> sagte Onkel
+Heinz, und Leo lachte: <q>Ja, Schatz, für so unvorsichtig
+wirst du uns doch nicht halten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Also hört,</q> fuhr Ilse fort, <q>in vier Tagen haben
+wir Vollmond –</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>In fünf Tagen,</q> verbesserte der Professor ruhig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender
+nachgesehen; <anchor id="corr015"/><corr sic="üherhaupt">überhaupt</corr>, Onkel Heinz, unterbrechen Sie
+mich nicht. Also in vier Tagen haben wir Vollmond,
+was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur
+– im Mondenscheine, wie poetisch, wie romantisch!</q>
+</p>
+
+<p>
+Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber
+doch erregte dieser plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider.
+Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei zu weit, zu
+beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu
+sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg,
+<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön
+es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer Begeisterung
+ansteckend wirkte.
+</p>
+
+<p>
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die
+Idee seiner kleinen Frau außerordentlich verständig und
+ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten.
+Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch
+aus seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden
+abzuwarten, wurde der Plan entworfen. Nellie hegte
+doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der nächtliche Weg
+gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine
+Ausspannung würde ihm ja auch sehr gut sein.
+</p>
+
+<p>
+So war man denn bald im besten Zuge und ging
+schon auf die Einzelheiten der Partie über, die am nächsten
+Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel
+Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen
+würde, er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen.
+Da brach aber ein wahrer Sturm über sein Haupt los!
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst
+auf jeden Fall mit,</q> sagte Leo kategorisch, denn er wußte
+genau, daß er es schließlich doch tat.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,</q>
+erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <q>was soll
+das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu tun
+und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt
+davon, ob ich mitgehe oder nicht!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich haben wir etwas davon,</q> sagte Ilse lustig
+<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>herausfordernd, <q>ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern
+könnte.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, da haben Sie recht,</q> gab er zur Antwort und
+der Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige
+Färbung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,</q> lachte
+Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn
+sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte.
+<q>Und nicht wahr, Sie gehen mit?</q> Dem liebenswürdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte
+er nicht widerstehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann kann ich wohl nicht anders,</q> sagte er
+befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten,
+denn über die bevorstehende Partie gab es noch eine
+Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß kam
+Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,</q> sagte Onkel
+Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?</q> lachte
+Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte,
+was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem
+phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch!
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>
+
+<p>
+In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber
+lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am
+Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen;
+einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und
+eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch
+immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen
+an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei
+denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie
+sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der
+Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war
+kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft
+und wies ihn mit den Worten zurück: <q>Wir sind so
+lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch
+entbehren können.</q> Wenn es nach ihr ging, hörte alles
+Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade,
+wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck,
+als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre.
+</p>
+
+<p>
+In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und
+Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch
+mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel
+umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend
+etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete,
+etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der
+Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie
+eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und
+<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art
+Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen
+nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel
+mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu
+tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können.
+Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das
+Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte
+Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde.
+Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf
+grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es
+nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die
+über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin
+das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel
+des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten
+und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin
+tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten
+Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem
+unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum
+Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was
+ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit
+vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen
+Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen.
+Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah,
+oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie
+sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im
+<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle
+beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort.
+Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die
+warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr
+hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte,
+und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren
+stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür
+aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte
+sich unwirsch herum.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,</q> sagte
+sie ärgerlich; <q>wie oft habe ich dir das schon gesagt,
+Fritz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle
+Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze
+still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre
+Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Mutter, alles.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie viele Fehler hast du im Extemporale?</q>
+</p>
+
+<p>
+Kleinlaut flüsterte er: <q>Sieben.</q>
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den
+Schoß fallen und sah ihn an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in
+die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten
+denkt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Es war so schön bei Tante Ilse,</q> warf Fritz ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhn<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>lich,</q> unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick.
+<q>Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,</q>
+fuhr sie fort; <q>es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich
+nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so
+schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen
+zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich
+an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein
+kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre
+Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht
+war sie auch deshalb deren Liebling.
+</p>
+
+<p>
+<q>Guten Tag, Mama,</q> sagte sie und umarmte diese
+so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen
+eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt
+seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war
+die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als
+mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden
+Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem
+der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bist du auch schon da, Elisabeth?</q> fragte sie zärtlich;
+<q>zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde
+gestrickt?</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und
+zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet
+hatte.
+</p>
+
+<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>
+
+<p>
+<q>Du bist ja ganz fleißig gewesen,</q> sagte Frau Rosi,
+und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <q>Jetzt geh und
+rufe den Vater zum Kaffee.</q>
+</p>
+
+<p>
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite
+und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von
+der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich
+die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du bist es, Tante Emilie,</q> sagte Rosi und
+schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich
+den dunklen Schatten bemerkte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom
+Frauenverein vorbei?</q> fragte sie freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend
+zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der
+Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu
+klappern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bist aber auch immer fleißig, Tante,</q> sagte
+Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten
+glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten.
+Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in
+deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen
+Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor
+war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine
+angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf
+sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich
+wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht
+<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte.
+Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor,
+zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn
+dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen,
+daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde
+auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?</q> bemerkte
+Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <q>Adolf,
+du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein.
+Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem
+Manne die Tasse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern
+einen Spaziergang machen?</q> fragte der Pastor; <q>es ist
+so herrlich draußen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, das geht nicht,</q> erwiderte sie. <q>Fritz
+muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale.
+Sieben Fehler,</q> wiederholte sie noch einmal eindringlich
+ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter
+dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Fritz,</q> begann der Pastor, indem er sich räusperte,
+– er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten
+Rede den Anlauf nahm, – <q>wie kommt denn das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein
+Vergnügen,</q> antwortete der Junge offen.
+</p>
+
+<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>
+
+<p>
+<q>Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,</q> fuhr Rosi
+auf, <q>aus Fritz wird nie etwas werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, nun,</q> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie
+dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg,
+<q>das wollen wir nicht hoffen.</q> Und er strich ihm beruhigend
+über das blonde Haar.
+</p>
+
+<p>
+Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann
+gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden
+mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm
+nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das
+war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden
+brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie
+manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr
+Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen
+Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit
+für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen
+wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm
+herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als
+ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus.
+Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit
+durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von
+einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in
+die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das
+Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett
+und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte
+schnell hinaus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,</q> begann Rosi
+das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths
+Gegen<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte;
+sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder,
+die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,</q> beschwichtigte
+der Superintendent; <q>wenn du so viel tadelst, untergräbst
+du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in
+der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig;
+tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?</q>
+fragte Rosi diese erregt.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig
+und das <q>Nein</q>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf,
+als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch
+fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den
+grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas
+länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis,
+daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die
+Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt
+in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen
+begann, inne und hörte andächtig zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann
+hinaus und spiele mit deinem Bruder,</q> sagte der Vater der
+ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich muß arbeiten,</q> erwiderte sie trotzig und ging
+hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,</q> rief ihr
+die Mutter in sanftem Tone nach.
+</p>
+
+<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>
+
+<p>
+<q>Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie
+verdient es viel weniger als Fritz,</q> sagte Rosi vorwurfsvoll.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche
+Dinge besprechen, das gehört sich nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich;
+sie kann dreist so etwas mit anhören.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will es aber nicht,</q> sagte der Pastor heftig und
+stand erregt auf.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen
+Brille mit gespanntem Blicke.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist
+ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth
+hast du immer etwas auszusetzen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und
+gegen das Mädchen schwach.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,</q> erwiderte
+Rosi spitz.
+</p>
+
+<p>
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu
+ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie
+auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge
+waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen,
+suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor
+an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau
+wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak
+ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich
+wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.
+</p>
+
+<p>
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes
+da<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ,
+und rief ärgerlich:
+</p>
+
+<p>
+<q>So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich
+es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine
+sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von
+einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch
+zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn
+in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet
+worden wären.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante
+Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen
+und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war,
+denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren
+ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck
+und frei.
+</p>
+
+<p>
+Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen,
+als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging
+ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie
+eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie
+sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die
+Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, nehmt Platz,</q> nötigte sie, indem sie auf die
+Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder
+stumpf und farblos war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen
+bei dem herrlichen Wetter,</q> sagte Ilse; <q>es ist zu schön,
+man möchte den ganzen Tag draußen sein.</q>
+</p>
+
+<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>
+
+<p>
+<q>Dazu habe ich nun leider keine Zeit.</q> Rosi setzte
+solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf,
+auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun
+habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, meine Frau hat viel zu tun,</q> sagte nun auch
+der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete
+es ihm ja fortwährend ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wir sind auch keine Faulpelze,</q> erwiderte Nellie,
+<q>jede Hausfrau hat zu tun.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem;
+immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,</q>
+rief Ilse übermütig. <q>Manchmal meine ich, daß ich überhaupt
+zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte
+so wenig Spaß macht. Was essen wir heute,
+was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo
+muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust
+dazu habe.</q>
+</p>
+
+<p>
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie
+sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber
+nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur
+gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie
+und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es
+wiederum für ihre <q>Pflicht</q>, eine Jugendfreundschaft nicht
+einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was
+ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit
+ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten
+Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen.
+Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im
+<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte
+noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt
+darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte
+Lust zum Mitgehen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber Adolf,</q> unterbrach sie das Gespräch, <q>wir
+wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken
+las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit
+einem leichten Seufzer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut
+könnte,</q> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi
+innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren
+Grübchen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich gehe keinesfalls mit,</q> entschied die Pastorin.
+<q>Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Rosi!</q> rief Adolf ganz erschrocken über eine
+solche Zumutung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein,
+wie poetisch!</q> rief Ilse begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem
+Kopfe; sie begriff sie eben nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, ihr kommt doch noch mit,</q> sagte lächelnd
+Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein!</q> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer
+Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der
+Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn
+<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts
+Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe
+hinter sich ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und
+immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur
+schaden kann.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wie so denn, Rosi?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich
+meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei,
+was euch Männern natürlich das liebste ist und am
+besten gefällt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf
+macht, sehe ich nichts Freies.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie
+wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei
+Nacht und Nebel wollen sie hinauf.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Im Mondenschein,</q> verbesserte er ruhig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete
+Menschen!</q> fuhr Rosi fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft
+nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den
+Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der
+Leute wegen nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken;
+er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn
+Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein
+Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.
+</p>
+
+<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>
+
+<p>
+<q>Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets
+daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben
+auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich
+darauf aufmerksam zu machen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wenn Rosi ihr <q>Pflichtgefühl</q> als letzten Trumpf
+ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade
+strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau,
+und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei
+diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen
+Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und
+schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau
+das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen
+mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte,
+er blieb stumm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Daß du gleich so empfindlich bist,</q> versuchte sie
+doch noch einmal anzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Keine Antwort!
+</p>
+
+<p>
+<q>Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir
+soviel daran liegt. Ich,</q> das Wort betonte sie besonders,
+<q>gebe mich zu solchen Dingen nicht her.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wiederum Schweigen!
+</p>
+
+<p>
+Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war
+heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte
+sie an den Fransen der Tischdecke.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf,
+daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst
+mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat
+<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und
+von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer
+dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was
+sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig
+nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.</q>
+</p>
+
+<p>
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine
+Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen
+will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die
+Kinder kann man sich aussprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft
+ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte
+sich seine Pfeife an.
+</p>
+
+<p>
+Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz
+aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall.
+Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den
+Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines
+Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und <hi rend='antiqua'>last
+not least</hi>, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen.
+Darüber hatte die Tante schon manches gehört,
+was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele
+von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein
+Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie.
+</p>
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p032.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<pb n='33'/><anchor id='Pgp0034'/>
+<p>
+Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel
+mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen
+versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah
+sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn
+wenn er sage, <q>es bliebe gut,</q> so <q>bliebe es auch gut</q>.
+Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie
+und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen,
+zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von
+ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei
+ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen
+und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen
+hatte, insbesondere los. <q>Überhaupt welcher Unsinn, so
+spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel
+werden,</q> behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß
+auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe
+wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen
+protestierte und behauptete, trotz der verpönten
+spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch
+es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er
+sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen
+mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen
+wurden.
+</p>
+
+<p>
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend
+Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die
+andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition
+auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet
+sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten
+<pb n='34'/><anchor id='Pgp0035'/>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten
+Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren
+Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht
+vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte
+auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er
+seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen
+seines Unmutes.
+</p>
+
+<p>
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus
+mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen
+und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau
+hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen
+ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und
+ab spazierten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was machst du denn da?</q> fragte Ilse, als sie
+jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack
+geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm,
+die sie in den ihrigen steckte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Fred hat zu schwer zu tragen,</q> sagte sie etwas
+verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu.
+Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog
+sie beide in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen,
+während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Laß nur, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, laß nur! Fred darf sich nicht
+anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,</q> erwiderte
+Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred
+stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
+</p>
+
+<pb n='35'/><anchor id='Pgp0036'/>
+
+<p>
+<q>Aber dein Mann ist doch ganz gesund,</q> sagte
+Ilse; <q>ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast
+alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.</q>
+</p>
+
+<p>
+Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand
+sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu
+leicht, <hi rend='gesperrt'>sie</hi> wußte es aber besser.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,</q> fuhr
+Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen
+Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand
+wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte,
+sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der
+übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem
+Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen
+werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt.
+Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten
+Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an,
+auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der
+Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick
+zuwarf und vergnügt mitlachte.
+</p>
+
+<p>
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten
+Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit
+die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen
+große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf
+dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar
+hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.
+</p>
+
+<pb n='36'/><anchor id='Pgp0037'/>
+
+<p>
+<q>Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!</q> wehrte
+Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber
+ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu
+behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten,
+jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn
+los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder
+hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen
+blieb, um auf die übrigen zu warten.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast
+endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten
+sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem
+Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen,
+auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten
+ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken
+Scheiben prangten bereits große Plakate: <q>Logis zu vermieten</q>.
+Nur noch wenige Wochen, und alles war für
+die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen.
+Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer
+der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge,
+die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend,
+lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander
+summend. Jetzt standen vor der Türe des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in
+blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab.
+Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen
+Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die
+Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen
+<pb n='37'/><anchor id='Pgp0038'/>einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus
+dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine
+Verkündigung des nahenden Frühlings.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie schön! Sieh nur, Fred,</q> sagte Nellie so
+recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den
+abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte.
+Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte
+Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu
+hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten
+damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich
+auch den von Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was soll ich denn mit den Dingern anfangen?
+Die sind ja im Augenblick verwelkt,</q> sagte er trocken, als
+Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an
+den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung
+von Blau und Gelb!</q> rief Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann ich nicht finden, viel zu grell,</q> sagte er
+wieder ablehnend.
+</p>
+
+<p>
+Ilse wandte sich ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, denn nicht,</q> meinte sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein
+Wilder,</q> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <q>man kann
+ja gar nicht mitkommen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber
+<pb n='38'/><anchor id='Pgp0039'/>ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,</q> sagte Gontrau
+liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner
+Schritte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon
+mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?</q> fragte
+Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich
+auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler
+bestiegen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!</q>
+rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von
+den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen
+zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte
+Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte,
+aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt,
+daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel
+Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im
+Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein
+Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte
+Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen
+und Stimmungen ließ er durchschimmern,
+die man ihm nicht zugetraut hätte.
+</p>
+
+<p>
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen.
+Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen
+Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom
+feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an
+das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und
+<pb n='39'/><anchor id='Pgp0040'/>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein
+leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige
+Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen
+und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau
+verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes
+als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+</p>
+
+<p>
+Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter
+Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die
+scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen
+wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen
+Sänger des Waldes auf den Zweigen.
+</p>
+
+<p>
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal
+sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu
+einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es
+schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte
+noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas
+bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie
+glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich
+ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den
+dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre
+Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden
+Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die
+schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und
+Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde
+immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas
+bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an
+<pb n='40'/><anchor id='Pgp0041'/>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin,
+woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer
+Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum
+zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte
+Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus,
+und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich
+fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas
+hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg
+setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen
+blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete
+auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb
+doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst
+den Ton angab, schwieg, waren auch die andern
+meistens still.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft
+kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte
+ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte
+jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd
+durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge
+es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es wird feucht,</q> sagte Althoff und zog seinen
+Rockkragen in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, du frierst doch nicht?</q> fragte Nellie ängstlich
+und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen.
+Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten
+Weise.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es geht dir doch gut, Fred?</q> fragte sie wieder
+nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.
+</p>
+
+<pb n='41'/><anchor id='Pgp0042'/>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen,
+wie gewöhnlich.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe
+welches mitgenommen!</q> fragte Nellie eifrig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches
+Zeugs,</q> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <q>Sie vergiften
+sich ja nur damit.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, es hilft Fred aber so gut,</q> meinte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,</q> erwiderte
+Onkel Heinz mit Achselzucken, <q>aber hier, trinken Sie
+wenigstens einen Kognak als Gegengift.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin
+hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen
+Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im
+Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt
+seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die <q>dummen
+Kerle</q>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln
+und Mittelchen lächerlich.
+</p>
+
+<p>
+Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war,
+drehte sich jetzt um und rief den andern zu: <q>Menschliche
+Wohnung in Sicht!</q> indem er dabei auf einige helle
+Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse
+eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war,
+an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es
+am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch
+darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel
+wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters
+<pb n='42'/><anchor id='Pgp0043'/>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück,
+und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten,
+der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte
+etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen.
+Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet,
+man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie
+saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine
+Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen
+zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner
+blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen
+Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte
+das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und
+den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an
+den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der
+rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und
+umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich
+gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen
+hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische
+Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten
+es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke
+aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster
+erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten
+Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als
+er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den
+Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer
+vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich
+die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor
+ihm standen.
+</p>
+
+<pb n='43'/><anchor id='Pgp0044'/>
+
+<p>
+<q>Das nenne ich aber Mut,</q> sagte er zu ihnen.
+<q>Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,</q> erwiderte
+Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den
+Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann man hier einen guten Kognak haben?</q> fragte
+Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am
+Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften
+wünschen etwas zu genießen,</q> rief er hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr
+her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen.
+Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich
+von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige
+Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit
+den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen
+Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den
+treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und
+wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der
+Schnauze an.
+</p>
+
+<p>
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo
+drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster,
+der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte,
+eingehend den Weg besprochen.
+</p>
+
+<p>
+Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem
+Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über
+ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silber<pb n='44'/><anchor id='Pgp0045'/>glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne
+funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als
+heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte,
+und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und
+mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen,
+deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden,
+wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas
+Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den
+Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten,
+sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo
+nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich
+zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten!
+Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen
+lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da, da!</q> rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seht ihr nicht die weiße Gestalt?</q>
+</p>
+
+<p>
+Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie
+schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger
+Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich
+geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie
+ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft
+weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich
+tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel
+Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt
+hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
+</p>
+
+<pb n='45'/><anchor id='Pgp0046'/>
+
+<p>
+<q>Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen
+Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!</q> rief er laut.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu
+gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche
+weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer
+Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von weitem konnte man den Stein ganz gut für
+eine Gestalt halten,</q> meinte Leo, welcher bemerkt hatte,
+daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen
+wollte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, Gontrau,</q> rief Onkel Heinz, <q>nun fängst du
+wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille
+Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung
+fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor
+Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber
+Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo
+Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß,
+um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm
+und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0045.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten
+den Fahrweg und waren nun auf der Höhe;
+nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der
+frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen
+Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr,
+zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte.
+<pb n='46'/><anchor id='Pgp0048'/>Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz
+umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag
+breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen
+Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes
+Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es
+Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick
+blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren
+warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht
+schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend
+abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit
+der Nacht schneller zum Ziele.
+</p>
+
+<p>
+Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen.
+Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf,
+sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!</q> sagte
+Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie würde uns für verrückt halten,</q> meinte Fred.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal
+für verrückt,</q> erwiderte Onkel Heinz. <q>Wenn es
+nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner
+Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur
+nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen
+eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen,
+ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist
+nun einmal nicht anders.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen
+gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren
+<pb n='47'/><anchor id='Pgp0049'/>beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte
+man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch
+oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte
+Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr
+geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor
+Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein
+Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte
+aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in
+poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war.
+Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas
+gefiel.
+</p>
+
+<p>
+Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken
+den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter
+und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht
+bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus
+immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor
+standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl
+und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den
+Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen
+lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war
+verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen
+gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur
+hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen
+und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange
+warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich
+wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl
+<pb n='48'/><anchor id='Pgp0050'/>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im
+Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit
+folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau
+Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei
+den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges
+durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig
+und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.
+</p>
+
+<p>
+Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne,
+dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen
+waren ganz fort, wie sie meinte, durch das
+Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen
+guten Kognak.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune,
+er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst
+der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er
+schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin
+dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem
+Beifall aufgenommen wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch
+sein können, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse, als sie sich für
+diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel
+zuckte es spöttisch.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wieso?</q> fragte der Professor erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen,
+wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu,
+als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über
+alles spotten und höhnen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja
+<pb n='49'/><anchor id='Pgp0051'/>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine
+Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte.
+Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um
+seine lustige Stimmung war es nun geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen
+Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte
+Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben,
+bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte
+und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch
+die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben
+– es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf
+und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann
+auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd.
+Die harten Worte von Ilse heute abend hallten
+noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er
+konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte
+jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond
+vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für
+solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch
+nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen
+war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald
+blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Lange noch blieb der Professor draußen.
+</p>
+
+<p>
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon
+beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden.
+<pb n='50'/><anchor id='Pgp0052'/>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß
+er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die
+Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen
+Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe,
+hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn
+gestört.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,</q> sagte
+Nellie; <q>sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.</q> Und
+sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe
+ich doch schlecht geschlafen,</q> erwiderte er mißmutig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße
+zuerst aufgestanden?</q> fragte Leo, indem er ihm auf die
+Schulter klopfte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur
+zu wiederholen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen,
+trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht
+und der andern Störungen willen lebhaft bedauert
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und
+obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei,
+wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes
+Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders
+wenn Gontrau etwas behauptete.
+</p>
+
+<p>
+Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an
+seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die
+<pb n='51'/><anchor id='Pgp0053'/>schönsten Beinamen gegeben, wie <q>alter Junggeselle</q>,
+<q>Brummbär</q> und dergleichen mehr, aber sie schlug doch
+einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung,
+ihn dadurch umzustimmen.
+</p>
+
+<p>
+Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später
+den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt,
+der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit
+den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des
+Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer
+her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem
+Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende
+Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen
+feuerrot an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schneeluft,</q> sagte Althoff.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken
+hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur
+einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein
+lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und
+leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke
+auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten
+sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst
+mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl
+nahm ihn wieder mit fort.
+</p>
+
+<p>
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee
+fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten.
+Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die
+<pb n='52'/><anchor id='Pgp0054'/>Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie
+fand diesen <q>Winter im Frühling</q> herrlich und konnte
+ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb,
+weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich
+bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich
+hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte.
+Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm,
+Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut
+bekommt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch
+finde ich es hier,</q> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft
+küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den
+Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?</q>
+rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll
+Schnee ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann ich nicht finden,</q> versetzte er unwirsch, nahm
+seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen
+waren, wieder trocken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen,
+er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den
+Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,</q> sagte er
+dann zu Leo.
+</p>
+
+<p>
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz
+blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die
+<pb n='53'/><anchor id='Pgp0055'/>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe
+beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte,
+daß er unrecht hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,</q>
+sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,</q> entgegnete
+Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend:
+<q>Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen
+müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb
+gar nicht maßgebend,</q> entgegnete der Professor in unerschütterlicher
+Streitsucht.
+</p>
+
+<p>
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war
+voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am
+Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut.
+Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der
+jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte,
+wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären,
+ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten,
+und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie
+hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten
+lassen. <q>Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel
+Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,</q> schloß sie ihre
+Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn
+sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr
+ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an,
+als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern
+<pb n='54'/><anchor id='Pgp0056'/>zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die
+Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet
+sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer
+Gardinenpredigten,</q> versuchte Althoff zu scherzen, aber
+Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und
+in sich versunken ging er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken
+zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein,
+und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne
+hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten
+Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der
+samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden
+Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne
+Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen
+Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien
+unter Tränen zu lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen,
+der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon
+von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her
+bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die
+Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den
+Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand
+hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern
+Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am
+Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet,
+und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein
+des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser
+<pb n='55'/><anchor id='Pgp0057'/>zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem
+es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch
+weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von
+ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten
+Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können,
+ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten
+und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und
+doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer
+von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts
+geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu
+beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war
+ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen,
+laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt
+die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie
+und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen
+der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust
+und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender
+Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn
+auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte
+an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen
+in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles
+verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in
+dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in
+hellster Aufregung gewesen war.
+</p>
+
+<pb n='56'/><anchor id='Pgp0058'/>
+
+<p>
+Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich
+zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des
+Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch,
+doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib
+mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei,
+ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und
+wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, daß es <q>angesteckt</q> sein müsse. So meinte
+auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete.
+Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen
+Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen
+und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte,
+dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen
+Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht.
+Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen,
+wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der
+Wirt seine Rede.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal
+aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte
+mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben
+den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte
+zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem
+Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da
+konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn
+auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene
+nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen
+werden! Ja, aber wie? Das war die Frage,
+<pb n='57'/><anchor id='Pgp0059'/>die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege
+die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts
+auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und
+wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor
+nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder
+stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht
+viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert
+veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man
+sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts;
+er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig
+aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu
+sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte
+seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge
+wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem
+einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht
+schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den
+Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das
+Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die
+Idee mit Begeisterung ergriff.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein famoser Gedanke!</q> rief sie ein über das andre
+Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen
+Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel
+Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer
+und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas
+ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen
+zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen,
+meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr
+er<pb n='58'/><anchor id='Pgp0060'/>warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war
+die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde,
+<q>welches Stück?</q> Das war gar nicht so einfach, denn
+was für Schauspieler gut und passend war, brauchte
+für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da
+gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn
+der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der
+andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es
+fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das
+Dilettanten spielen könnten?</q> fragte Althoff endlich den
+schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu
+zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel
+hatte der Professor nie viel übrig gehabt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe
+mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten
+zu treiben,</q> war die scharf betonte Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz
+hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche
+Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber,
+und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
+</p>
+
+<p>
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die
+beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof
+nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes
+hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das
+<pb n='59'/><anchor id='Pgp0061'/>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen
+zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt
+hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über
+der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung
+kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf
+den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den
+erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße
+an der Straße, die nach seinem Hause führte.
+Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<p>
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen
+zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte
+am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das
+Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden.
+Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek
+in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte
+Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags
+kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt,
+bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten.
+Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das
+war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen,
+darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male
+war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie
+aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die
+nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.
+<pb n='60'/><anchor id='Pgp0062'/>Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen,
+aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte
+sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch,
+sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang
+mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang,
+bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich
+wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen
+und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das
+glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und
+sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem
+bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich
+vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden.
+Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem
+zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens!
+Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos
+an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen
+wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen.
+Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die
+ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen
+nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer
+Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder
+krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem
+behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk
+hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse
+bildeten meist den Schluß.
+</p>
+
+<pb n='61'/><anchor id='Pgp0063'/>
+
+<p>
+Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei
+Einakter entschieden: <q>die Jugendliebe</q> von Wilbrandt,
+<q>das erste Mittagessen</q> von Görlitz und <q>die Hochzeitsreise</q>
+von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich,
+doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu
+sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten
+da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der
+einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.
+</p>
+
+<p>
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen
+besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die
+Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten,
+und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen
+so guten Zweck herzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen –
+zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut
+los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um
+etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male
+sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten
+der Menschen ergangen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!</q> Das
+war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein
+gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren
+Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, meine Liebe,</q> sagte z. B. Frau So und So,
+<q>das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen,
+sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.</q>
+</p>
+
+<pb n='62'/><anchor id='Pgp0064'/>
+
+<p>
+<q>Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier
+und belegte Brötchen herum,</q> gab Ilse zur Antwort.
+<q>Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik
+ausgesetzt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater,
+das ist etwas ganz andres.</q>
+</p>
+
+<p>
+Inwiefern das <q>etwas andres</q> war, konnte Ilse
+nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung
+der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden
+gaben jeden weiteren Versuch auf.
+</p>
+
+<p>
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte,
+das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen
+Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten
+ja nachher sagen: <q>Gnädige Frau, was haben Sie aber
+schön gespielt!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten
+Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders
+guten Trumpf ausspielte, <q>Sie brauchten sich doch
+darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir
+überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?</q>
+erwiderte die junge Frau pikiert. <q>Ich will mich nur
+ihrer Kritik nicht aussetzen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen,
+und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,</q>
+sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.
+</p>
+
+<pb n='63'/><anchor id='Pgp0065'/>
+
+<p>
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte,
+darüber dächte sie nun einmal anders.
+</p>
+
+<p>
+Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was ist sie verrückt,</q> sagte Nellie laut lachend,
+als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz
+kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie
+kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und
+würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte
+ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben,
+und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen.
+Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie
+an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn
+werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch
+lange nicht auf.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich.
+Nur Mut, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,</q> tröstete sie.
+</p>
+
+<p>
+Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich
+mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung
+aufgenommen. Man tat gern etwas für die
+armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel
+berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung
+gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche
+Erregung legte, war allerdings schon in den
+Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, <q>ein älteres
+junges Mädchen</q> zu werden, aber im Vergleich zu ihren
+beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter
+blieb sie doch immer die jüngste und wurde <q>das Kind</q>
+genannt. <q>Das Kind</q> hatte eine schöngeistig angelegte
+<pb n='64'/><anchor id='Pgp0066'/>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges
+Interesse für das Theater, selbst – <q>mit vielem Talent</q>,
+wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt,
+und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage,
+Fräulein Born,</q> sagte Ilse mit einem herzlichen
+Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht
+zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das alte Fräulein kann die taube Tante in der
+Jugendliebe geben,</q> sagte Ilse draußen zu Nellie, während
+das <q>alte Fräulein</q> drinnen bereits mit der jungen
+Frau in der <q>Hochzeitsreise</q> liebäugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe
+könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das
+richtige Temperament dazu.
+</p>
+
+<p>
+Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem
+Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß
+dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln
+würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <q>tauben
+Tante</q> nahte.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen
+Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch
+nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen,
+und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit
+großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine
+Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß
+gern eine Rolle übernehmen würde.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0064.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da
+<pb n='65'/><anchor id='Pgp0068'/>die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren
+sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher,
+als bei den Damen. Ein <q>Ja</q> oder <q>Nein</q>,
+und die Sache war abgemacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen
+waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse
+des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung,
+die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die
+Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse,
+die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal
+gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch
+mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen
+nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt
+hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen.
+Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
+</p>
+
+<p>
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab.
+Die <q>taube Tante</q> in der <q>Jugendliebe</q> wurde mit Entrüstung
+von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden
+Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin,
+die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der <q>Jugendliebe</q> gegeben
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?</q> sagte
+Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und
+ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften
+<pb n='66'/><anchor id='Pgp0069'/><q>Betty</q> in der <q>Jugendliebe</q> passe ihr auch nicht recht
+und wäre doch zu kurz.
+</p>
+
+<p>
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem
+Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend
+gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, meine Damen,</q> hatte er gesagt, <q>wenn Sie
+sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme,
+dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen
+vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns
+doch nicht blamieren.</q>
+</p>
+
+<p>
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen
+etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen
+gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <q>ersten Mittagessen</q>
+geben, Nellie die in der <q>Hochzeitsreise</q>; die beiden
+Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt,
+aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben
+zugegen und ein scharfer Kritiker sein.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen.
+Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien
+sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der
+tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den
+nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was gibt’s denn schon wieder?</q> fragte er ärgerlich
+über die Störung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da, hier lies,</q> rief Ilse. <q>Fräulein Born will
+die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch
+Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als
+Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später
+<pb n='67'/><anchor id='Pgp0070'/>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe,
+könnte das zu Mißverständnissen führen.
+Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird
+sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,</q> jammerte
+sie.
+</p>
+
+<p>
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr
+im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen,
+bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte
+und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant,
+die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen
+zu lernen.
+</p>
+
+<p>
+Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der
+mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu
+verfassen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrlich, herrlich,</q> rief Leo, <q>und wie wäre es,
+wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben,
+damit sie uns dann die taube Tante spielt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, das tut sie, das tut sie gewiß!</q> meinte
+Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘,
+wer wird das übernehmen?</q> fragte Leo.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge
+Frau in demselben Stück,</q> sagte Ilse plötzlich. <q>Die
+Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher;
+daß ich daran nicht gleich gedacht habe!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett
+sein,</q> sagte Nellie. <q>Kann ich nicht das Mädchen spielen?
+<pb n='68'/><anchor id='Pgp0071'/>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch
+wohl nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm
+das Dienstmädchen.
+</p>
+
+<p>
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf
+den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau
+geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze
+zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der
+<q>Jugendliebe</q> zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.
+</p>
+
+<p>
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+</p>
+
+<p>
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein
+Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden
+älteren Schwestern empfangen, das <q>Kind</q> war in der
+Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif
+und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und
+die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit.
+Die <q>taube Tante</q> flog wie ein Fangball zwischen beiden
+Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten,
+zu einer solchen Rolle sei denn das <q>Kind</q> doch noch zu
+jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während
+Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> erschien, und mit aller Entschiedenheit
+wies sie die <q>taube Tante</q> von sich, indem sie erklärte,
+überhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,
+<q>mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und
+<pb n='69'/><anchor id='Pgp0072'/>hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie
+schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Einen Prolog?</q> fragte Fräulein Born einlenkend,
+und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah
+sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand,
+klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen
+Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das
+Richtige für sie!
+</p>
+
+<p>
+Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es
+auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte
+sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die <q>taube
+Tante</q> mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit
+tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung
+von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen,
+und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die
+beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem
+Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.
+</p>
+
+<p>
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt
+durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei
+Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich
+nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere
+Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art.
+Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte
+man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles
+gut gehen würde.
+</p>
+
+<p>
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause
+<pb n='70'/><anchor id='Pgp0073'/>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutter, laß mich mitgehen,</q> bettelte Ruth mit
+glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück.
+Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so
+wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde
+deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.
+</p>
+
+<p>
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu
+Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die
+so etwas nicht begreifen konnte. –
+</p>
+
+<p>
+Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte
+fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken
+wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres
+Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im
+hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen,
+dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen,
+welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte,
+das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen
+Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen
+lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da
+sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und
+traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke
+ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach
+dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu
+sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch
+wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die
+Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal
+<pb n='71'/><anchor id='Pgp0074'/>selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der
+großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen
+machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich
+schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Bühne zulenkte – das waren nun also die
+Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die
+Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig
+sah es hinter den Kulissen aus, das hatten
+sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in
+acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern,
+und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends
+beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte
+die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich
+heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die
+Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum
+alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über
+das <q>hinter den Kulissen</q> blieb doch die Wirkung des gewissen
+<q>Etwas</q>, was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse
+atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber
+war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste
+ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen
+Augen sah sie in das leere Haus!
+</p>
+
+<p>
+Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die
+Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er
+mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff
+<pb n='72'/><anchor id='Pgp0075'/>saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten
+die weißen Gesichter in der Dunkelheit.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das
+<q>Kind</q> überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen
+ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit
+unsicherer Stimme fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lauter, lauter,</q> rief Leo aus den Kulissen hervor;
+als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung
+von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des
+Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:
+</p>
+
+<p>
+<q>Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern
+und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.
+</p>
+
+<p>
+Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den
+Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male
+vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese
+Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an
+der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte,
+ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los;
+sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten,
+das <q>Kind</q> fing an, wie ein Kind zu weinen.
+</p>
+
+<p>
+Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja
+wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert
+werden, wenn er auch noch so bitter war.
+</p>
+
+<p>
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein
+Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes
+<pb n='73'/><anchor id='Pgp0076'/>Fräulein, warum weinen Sie denn?</q> redete ihr
+Ilse zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert
+werde?</q> gab das Kind außer sich zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann
+meint es doch gut,</q> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre
+Worte waren in den Wind gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich
+es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde
+immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden,
+daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man
+alle Lust.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige
+Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen
+die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.
+</p>
+
+<p>
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der
+Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,</q>
+sagte sie nervös zu ihm. <q>Die Born sitzt in
+der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du
+hast sie furchtbar beleidigt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja
+auch gräßlich,</q> gab er eilig zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch
+keine andre!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,</q> sagte
+Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren
+Aus<pb n='74'/><anchor id='Pgp0077'/>einandersetzungen, denn die Probe zur <q>Jugendliebe</q> sollte
+im Augenblick beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene
+Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen,
+bevor diese sich öffnete und das <q>Kind</q> auf der Schwelle
+erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer
+erzürnten Göttin.
+</p>
+
+<p>
+Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar
+wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst
+ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde.
+Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen
+nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an.
+Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte
+die Rolle der <q>tauben Tante</q> in einem Tone herunter,
+der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder
+besser gesagt, sie <q>muckte</q>, wie ein störrisches Droschkenpferd,
+und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem
+Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur
+Geltung kommen,</q> rief Althoff ein über das andremal,
+und wirklich fing das <q>Kind</q> auf einmal an, die <q>taube
+Tante</q> sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts
+von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie
+denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle
+seine Bemühungen vergeblich waren.
+</p>
+
+<p>
+Ob nun der Stumpfsinn der <q>tauben Tante</q> die
+andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas
+<pb n='75'/><anchor id='Pgp0078'/>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und
+unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende
+Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem
+wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher
+Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu
+den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte
+manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige
+Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer
+wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem
+Sitze unruhig hin und her rückte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie soll das werden!</q> sagte Ilse seufzend zu
+Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu
+Mute wurde.
+</p>
+
+<p>
+Die Liebesszene zwischen <q>Adelheid</q> und <q>Ferdinand
+von Bruck</q> fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung
+des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper
+gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung
+steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das
+<q>Schreckliche</q>, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen.
+Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick,
+für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige
+Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend,
+liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte
+wurden weniger gewählt.
+</p>
+
+<p>
+<q>So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –</q>,
+<pb n='76'/><anchor id='Pgp0079'/>er verbesserte sich schnell und sagte: <q>wir so spielen,
+blamieren wir uns.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die <q>taube Tante</q> zeigte eine schadenfrohe Miene
+bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht
+die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein
+schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden <anchor id="corr076"/><corr sic="Schmids">Schmidts</corr>, Erika Blum, stieg
+das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos
+Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe,
+wie vorhin das <q>Kind</q>, weinend und schluchzend.
+Nummer zwei an diesem Abend.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber
+Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab,
+mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo
+wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien
+ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu
+lächerlich.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die
+andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles
+sehen und hören, was da vorging.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, weine doch nicht, Erika,</q> redete Mietze Schmidt
+ihr zu, <q>wir haben doch alle unser Teil bekommen, das
+nächste Mal werden wir es schon besser machen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,</q>
+sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung.
+<q>Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere
+Rücksicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,
+<pb n='77'/><anchor id='Pgp0080'/>wenn ich dran komme,</q> meinte Erna Schmidt. <q>Das
+kann heute noch gut werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte Sie, meine Damen,</q> fuhr Ilse erregt
+dazwischen; <q>wenn Sie eben keinen Tadel vertragen
+können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die
+so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen
+sein,</q> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den
+Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet
+gesprochen hatte. <q>Und ich spiele doch wahrhaftig
+nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern;
+Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme
+Schulkinder vor sich hat.</q>
+</p>
+
+<p>
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte
+den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine
+Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre,
+die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen
+alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie
+<q>nicht mitspielen</q>, <q>rücksichtslos</q> usw., tauchten wie
+Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf.
+Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen
+berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske
+Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen.
+Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels
+und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug
+dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische
+Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,
+<pb n='78'/><anchor id='Pgp0081'/>daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe
+erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden
+einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und
+sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch
+wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon
+gelächelt.
+</p>
+
+<p>
+Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden
+war schließlich Leo und Althoff aufgefallen;
+auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als
+sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben
+mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draußen wie das
+Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern
+anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der
+verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen
+vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem
+donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten
+Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets,
+mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von
+einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und
+mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe
+geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mein Gott, wo bleibt ihr denn?</q> fragte Leo seine
+Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr
+bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.
+</p>
+
+<p>
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden
+und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell
+zu Ende geprobt werden.
+</p>
+
+<pb n='79'/><anchor id='Pgp0082'/>
+
+<p>
+Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel
+besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere
+Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte,
+es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen
+im <q>ersten Mittagessen</q> so tragisch, daß man
+über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen
+versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs
+lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen
+Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune
+behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls
+noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und
+Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als
+Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer
+in der <q>Hochzeitsreise</q> ließen die unter Null gesunkene
+Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung
+durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar
+einige Male herzhaft gelacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade
+aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die
+Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den
+Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte
+man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der
+liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles
+bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und
+hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt
+doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt
+<pb n='80'/><anchor id='Pgp0083'/>zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen,
+auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge,
+manchen Tadel einstecken.
+</p>
+
+<p>
+Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich
+heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor
+Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen
+schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding
+der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie
+von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich
+in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff
+meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal
+nicht abgehen.
+</p>
+
+<p>
+Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war
+abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten
+Tage; es kam so vieles zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, du mußt dir die Sache nicht so zu
+Herzen nehmen,</q> beruhigte Nellie; <q>an allem ist die
+dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!</q>
+</p>
+
+<p>
+Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben.
+Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst
+ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig
+bei, während Leo die Sache von der komischen Seite
+auffaßte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige
+<pb n='81'/><anchor id='Pgp0084'/>Absagebriefchen,</q> sagte Ilse, <q>und was machen wir
+dann?</q>
+</p>
+
+<p>
+Leo lachte sie aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen
+in sich gehen und sich die Sache überlegen;
+das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle.
+Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,</q> sagte er liebevoll
+und zog sie in seine Arme.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur
+Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte,
+daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen,
+wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, <q>das Kind</q>, hatte eine Teufelsmaske
+vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern;
+dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu
+werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts
+noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder
+rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder
+standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen,
+das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse
+konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte,
+der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke
+der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne
+schien herein, und durch die offenen Fenster
+strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette
+standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in
+der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte.
+<pb n='82'/><anchor id='Pgp0085'/>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen
+Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem
+sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und
+Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen.
+Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder
+in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht
+bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen
+draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so
+viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte
+Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas
+hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei
+sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie
+allein da.
+</p>
+
+<p>
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte
+ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen
+gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse
+in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war
+ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie
+noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu
+hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er
+es sicher nicht haben fehlen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte
+ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie,
+die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei
+sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.
+</p>
+
+<pb n='83'/><anchor id='Pgp0086'/>
+
+<p>
+<q>Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?</q> fragte
+sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme.
+Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse
+ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher
+Rosi danach fragte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen
+guten Zweck tut,</q> fuhr sie fort; <q>mein Mann hat auch
+schon für die armen Leute sammeln lassen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Das <q>nur gut</q> und <q>wenigstens</q> brachte Ilses
+Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte:
+<q>Ihr kommt doch auch?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.</q>
+</p>
+
+<p>
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die
+Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige
+Abneigung gegen das Theater.
+</p>
+
+<p>
+Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche
+Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht
+behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen
+waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter,
+und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden
+waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung
+wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern
+mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern
+untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte
+man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der
+<pb n='84'/><anchor id='Pgp0087'/>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen
+Abend über sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die
+richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben
+zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn
+getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken
+nicht mehr übel.
+</p>
+
+<p>
+Sogar Fräulein Born hatte sich mit der <q>tauben
+Tante</q> etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr
+so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der <q>schrecklichen
+Umarmung</q>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller
+als das erste Mal.
+</p>
+
+<p>
+So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt,
+die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am
+Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.
+</p>
+
+<p>
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden,
+und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten,
+bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde
+ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man
+dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr
+eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein
+reges Leben und Treiben war im Gange.
+</p>
+
+<p>
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume;
+wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren
+konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert.
+In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+</p>
+
+<pb n='85'/><anchor id='Pgp0088'/>
+
+<p>
+Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern.
+Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen,
+der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen
+zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn
+sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier
+stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem
+Gedanken!
+</p>
+
+<p>
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander
+von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man
+ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals
+einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene
+kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von
+Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen.
+Das <q>Kind</q> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe
+mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern
+mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre
+geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte.
+Das war gut für die Stimme und wurde der
+Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine
+Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten
+Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen
+zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den
+Händen und memorierte fortwährend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Unsre arme Schwester ist so erregt,</q> sagte das
+älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend
+zu sagen. <q>Aber sie braucht doch wahrhaftig keine
+Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!</q>
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0085.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber
+<pb n='86'/><anchor id='Pgp0090'/>Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,</q> fuhr das
+<q>Kind</q> dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, was das <q>Können</q> betrifft, hatte
+sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung
+nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren
+über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß
+selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz
+verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so
+sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer
+erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten,
+über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit
+hinwegschreitet.
+</p>
+
+<p>
+In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte
+ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter
+und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei
+zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle
+überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer
+stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken
+Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute
+abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die
+hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier
+als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter
+und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten.
+Von derselben Farbe war das duftige Kleid,
+das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das
+wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen,
+denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns
+<pb n='87'/><anchor id='Pgp0091'/>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern
+kommen.
+</p>
+
+<p>
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor
+einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter
+eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da
+löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen
+kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich
+selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur
+haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+</p>
+
+<p>
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen
+Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf
+auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste
+sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch
+verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse;
+er wurde sofort förmlich umringt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen
+mich zuerst frisieren!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst
+geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze
+Strich unter den Augen stärker sein?</q>
+</p>
+
+<p>
+Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen
+Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah
+er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel
+ab; sie wurde die erste.
+</p>
+
+<pb n='88'/><anchor id='Pgp0092'/>
+
+<p>
+<q>Nur nicht so rote Backen,</q> sagte sie, denn schon
+im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr
+größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß
+auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der
+duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie
+ausgezeichnet <q>wirken</q> würde, und die Freundinnen fanden
+den Backfisch Erika <q>reizend, süß, entzückend!</q> Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes
+über das reizende Töchterchen, und Frau Blum
+behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und
+Mietze doch noch viel hübscher aussähen.
+</p>
+
+<p>
+In demselben Augenblick flog die Türe auf, das
+zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der
+Friseur wurde noch einmal zum <q>Kinde</q> zurückgeholt,
+denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem
+war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit
+ausgefallen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gott, Sie sind schon alle fertig?</q> fragte Fräulein
+Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr
+kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf,
+liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!</q>
+bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort
+ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. <q>Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?</q>
+</p>
+
+<pb n='89'/><anchor id='Pgp0093'/>
+
+<p>
+Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran
+zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am
+wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig
+zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend,
+wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder
+die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich
+bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen
+seiner Trägerin verschoben.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte
+Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde
+Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten
+Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen,
+das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für
+die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit
+und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde
+ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue
+Kleid der <q>tauben Tante</q>, das schlaff und dunkel an
+der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen,
+es war eigentlich zu ärgerlich.
+</p>
+
+<p>
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische
+Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen
+wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle
+Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein
+prüfender Blick in den Spiegel.
+</p>
+
+<pb n='90'/><anchor id='Pgp0094'/>
+
+<p>
+<q>Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals –
+noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht
+sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt
+denn wohl alles ordentlich?</q>
+</p>
+
+<p>
+Annas Hände flogen, während die andre Schwester
+mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. <q>Nur einen
+Schluck,</q> drängte sie und hielt der Muse das volle
+Weinglas an die Lippen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,</q>
+gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten
+verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an
+die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen
+zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte
+in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon
+ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend
+herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen
+Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll
+auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es
+wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der
+Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun
+dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!
+</p>
+
+<p>
+Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr
+im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang.
+Dann und wann konnte man eine besonders laute
+Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen
+tönten einzelne <anchor id="corr090"/><corr sic="langezogene">langgezogene</corr> Geigenstriche aus
+dem Orchester, das seine Instrumente stimmte.
+</p>
+
+<pb n='91'/><anchor id='Pgp0095'/>
+
+<p>
+Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als
+das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem
+harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht
+hat, kann die allgemeine bange Stimmung der
+letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male
+hebt, nachfühlen!
+</p>
+
+<p>
+Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen
+umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen,
+als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle
+hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und
+Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige
+Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren
+die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller
+Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt
+verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann
+ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang
+ging in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten
+der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches
+man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines
+Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige
+Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander.
+Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und
+kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und
+mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde
+<pb n='92'/><anchor id='Pgp0096'/>lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+<q>Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,</q> kritisierte
+Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen
+Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik
+klang das laute Händeklatschen an das Ohr des <q>Kindes</q>,
+als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich
+wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer
+kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!
+</p>
+
+<p>
+Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing
+Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre
+schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schnell, schnell umkleiden,</q> rief Leo ihr zu, und
+nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor,
+als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren,
+die Muse in die <q>taube Tante</q> umzuwandeln. Hinein
+mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten
+Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur
+tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen
+entstand ein würdiges Matronenantlitz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch
+viel zu jung aus,</q> sagte Anna und zeigte mit dem Finger
+auf deren Stirn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst
+zu viel,</q> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend
+sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend
+oder mit dem Puderquast tupfend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur, Sie können gehen,</q> sagte das
+<pb n='93'/><anchor id='Pgp0097'/>Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte
+ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten
+Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Die <q>Jugendliebe</q> wurde gut und flott gespielt, die
+blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in
+irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene
+geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und
+ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und
+die <q>taube Tante</q> hörte es mit Genugtuung an, wie
+man über ihre Schwerhörigkeit lachte.
+</p>
+
+<p>
+Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende
+Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne
+erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen
+und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant
+überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und
+trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief
+sie errötete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von wem, von wem?</q> rief und fragte es durcheinander,
+als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte
+kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf
+welcher nur die Worte standen: <q>Der reizenden Adelheid</q>,
+so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und
+zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre,
+und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen
+zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser
+Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt
+haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika
+mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von
+<pb n='94'/><anchor id='Pgp0098'/><q>wem</q> diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht
+sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe
+ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie
+fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher
+nicht tun.
+</p>
+
+<p>
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden
+ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte
+die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache
+so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie
+möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle
+nur neidisch auf sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der
+Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,</q> sagte
+das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika
+wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: <q>Es ist schade um das
+hübsche Mädchen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als Ilse im <q>ersten Mittagessen</q> in ihrer Dienstmädchenrolle
+erschien, erklang plötzlich das helle Lachen
+einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war
+Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu
+komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte,
+bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe
+verwies.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem
+Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem
+<pb n='95'/><anchor id='Pgp0099'/>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener
+Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit
+über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht
+mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte
+sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den
+Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt.
+Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen,
+lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem
+Publikum – natürlich nur die guten – und besahen
+neugierig sich das bunte Treiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin
+Ilse hat viel Talent,</q> sagte auch der Pastor im Parkett
+zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem
+wahren Genuß nicht gekommen war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch
+Theater spielt,</q> warf sie ein, <q>aber freilich, Ilse und
+Nellie denken über so etwas anders!</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen
+Sinn sie hineinlegte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie
+nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,</q>
+meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um.
+</p>
+
+<p>
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter
+mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage
+die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen
+gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt
+hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde
+über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben.
+<pb n='96'/><anchor id='Pgp0100'/>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat
+ja immer einen großen Reiz.
+</p>
+
+<p>
+Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel.
+Die <q>Hochzeitsreise</q> von Benedix wurde fast noch flotter
+als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten
+das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die
+andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall
+war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden
+vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die
+Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten
+sogar mit lauten Bravorufen. –
+</p>
+
+<p>
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte
+herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend.
+Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und
+den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen.
+In den Garderoben hantierte man eifrig mit
+Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das
+blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das
+alltägliche verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das
+<q>Kind</q> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben
+sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß
+der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war!
+Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare
+Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das
+Theaterspielen gewesen sei.
+</p>
+
+<p>
+Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß
+<pb n='97'/><anchor id='Pgp0101'/>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit
+Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr,
+denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: <q>Ach,
+wenn es nur gelingt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im
+Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht
+ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark
+übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein
+rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort
+danach ein, welches die Runde unter denen machte, die
+mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für
+ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu
+haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.
+</p>
+
+<p>
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung
+gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus
+Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die
+Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen
+bewegten. Einige schmeichelten dagegen so
+verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken
+sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil,
+dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten,
+sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis,
+daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den
+größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten;
+wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher
+<pb n='98'/><anchor id='Pgp0102'/>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben
+hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –
+</p>
+
+<p>
+Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich
+in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen
+lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen.
+Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich
+strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen
+und auf jedes mangelhafte Extemporale eine
+empfindliche Strafe gesetzt. <q>Es muß und soll etwas
+Tüchtiges aus dem Jungen werden,</q> sagte Rosi zu Tante
+Emilie; <q>wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die
+Erziehung allein in die Hand nehmen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem
+Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit
+ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der
+Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der
+Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben
+würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium.
+Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei
+Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und
+gar nicht? <q>Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf
+seine Eigenheiten nicht eingehst,</q> hätte man ihr zur
+Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich
+so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten
+Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth
+liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden
+wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren
+Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+<pb n='99'/><anchor id='Pgp0103'/>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt,
+und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi
+nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen
+fand Elisabeth unsympathisch.
+</p>
+
+<p>
+Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung
+über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich
+gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen
+können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach,
+daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte,
+und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer
+gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum
+mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie
+hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das
+fragte sie jetzt die Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz
+solchen <q>Mummenschanz</q>, wie er es nannte, nicht ansehen
+würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war
+es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse?
+Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken
+können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles
+stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm,
+seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer
+Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst
+vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich:
+<q>er brummte wohl mal wieder!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich
+sind,</q> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach
+und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne.
+</p>
+
+<pb n='100'/><anchor id='Pgp0104'/>
+
+<p>
+<q>Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen
+mit der Zeit abgewöhnen,</q> erwiderte er seufzend,
+aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau
+ansah, straften ihn Lügen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen,
+beklagen sich am meisten,</q> gab Ilse zurück, die selten um
+eine Antwort verlegen war. <q>Eine Frau, die zu allem
+Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher
+doch ganz anders geworden, nicht wahr?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine
+Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war
+in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des
+einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran
+erinnern ließ.
+</p>
+
+<p>
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig
+im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis
+zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und
+ihre Endbetrachtung war: <q>Warum mußte er sie auch
+immer so reizen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen
+wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr
+von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit
+schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht
+die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn
+dort sofort auf.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden,
+sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen,
+<pb n='101'/><anchor id='Pgp0105'/>so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.
+</p>
+
+<p>
+Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern
+Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme
+erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken
+Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte
+er auch nicht zu ihnen geschickt!
+</p>
+
+<p>
+<q>Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt,
+ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben,
+ohne daß man etwas davon merkt!</q> rief sie mit
+Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an
+zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank
+sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend
+unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am
+Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch
+einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor
+besuchen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem <q>Nein</q> kam ihr Mann zurück und erzählte,
+daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt
+fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle.
+Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr
+Ruth, deren lebhaften Fragen, <q>warum sie der Onkel denn
+nicht sehen wolle,</q> sie mit der Antwort auswich, daß er
+sich noch zu krank dazu fühle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will den lieben kranken Onkel sehen,</q> sagte
+auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen
+wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht,
+<pb n='102'/><anchor id='Pgp0106'/>wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich
+in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte,
+welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth
+strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der
+Luft schwenkend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz –
+wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik –
+an mich ist der Brief,</q> kam es in hastig abgebrochenen
+Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in
+heller Freude.
+</p>
+
+<p>
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las
+ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen
+Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter
+und Schwester erwarten würde.
+</p>
+
+<p>
+Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch
+kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie
+hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den
+Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus
+meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?</q>
+fragte sie lebhaft.
+</p>
+
+<p>
+Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige
+Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das
+alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie
+wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den
+Brief gegeben.
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pgp0107'/>
+
+<p>
+<q>Willst du ihn mal lesen?</q> fragte sie dann plötzlich,
+und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus,
+um ihn zu holen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,</q>
+dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja
+schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der
+kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was
+sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute.
+Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel
+Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab
+es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie
+sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
+</p>
+
+<p>
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel
+zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel
+Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
+</p>
+
+<p>
+<text>
+<body>
+<salute rend="margin-left: 4">„Lieber Onkel Heinz!</salute>
+
+<p>
+<q rend="post: none">Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber
+Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch
+schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie
+gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der
+Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule
+nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke
+Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben
+mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann
+20 Pfennig gegeben für den weg.</q>
+</p>
+
+<salute rend="text-align: center">Es grüst Dich</salute>
+
+<signed rend="text-align: right">Deine libe Ruth.“</signed>
+</body>
+</text>
+</p>
+
+<pb n='104'/><anchor id='Pgp0108'/>
+
+<p>
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können;
+Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese
+beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben
+verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen
+Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem
+einsamen Lebenswege von Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und
+war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer,
+singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen
+großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte.
+Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie
+eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf
+zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit
+zu Onkel Heinz wandern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da wird er sich drüber freuen,</q> meinte sie strahlend.
+Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer
+zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den
+es sich so lange gefreut hat!
+</p>
+
+<p>
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte
+sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre
+aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen;
+sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele
+kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles;
+ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und
+Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen,
+als sie vor der Türe standen und die Glocke
+gezogen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die
+barm<pb n='105'/><anchor id='Pgp0109'/>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter
+Stimme nach ihren Wünschen fragte.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß
+Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und
+die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen
+Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung
+die Treppe hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken
+Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause.
+In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer,
+und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton,
+der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten
+die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf
+ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit
+herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern
+standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der
+Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter
+des Strengen und Ernsten benahmen.
+</p>
+
+<p>
+Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die
+Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit
+dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten
+ließe einzutreten.
+</p>
+
+<p>
+Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und
+Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam
+die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie
+hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt
+war, wurde sie zaghaft und scheu.
+</p>
+
+<pb n='106'/><anchor id='Pgp0110'/>
+
+<p>
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer
+am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in
+warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der
+schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem
+alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde
+herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war.
+</p>
+
+<p>
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die
+Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse
+hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei
+versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne
+aber zog er neben sich und nahm sie in seine
+Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche
+zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun komm doch näher, alte Kröte!</q> rief er
+endlich herzlich.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand
+ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch
+in seine Arme.
+</p>
+
+<p>
+<q>Halt, sachte, sachte,</q> wehrte er den Wildfang ab,
+aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch
+wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht!
+Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so
+sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer
+in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.
+</p>
+
+<p>
+<q>Habe von der Mimerei gehört,</q> sagte Onkel
+Heinz kurz.
+</p>
+
+<pb n='107'/><anchor id='Pgp0111'/>
+
+<p>
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser
+und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam
+ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz
+nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix,
+Mädel!</q> rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit
+nicht verbergen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich danke,</q> sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch
+anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es
+schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur
+scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und
+schwatzten.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer
+Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft
+ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der
+Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die
+Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie
+auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch
+hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht
+der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt
+zu benehmen.
+</p>
+
+<p>
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen.
+Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab,
+daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte,
+weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit
+oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im
+<pb n='108'/><anchor id='Pgp0112'/>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu,
+daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als
+seine Arbeit, seine Bücher.
+</p>
+
+<p>
+Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte
+nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder,
+wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es
+niemand besser verstand.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist
+du immer noch die letzte?</q> fragte er in diesem Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz,</q> rief Ruth entrüstet, <q>ich bin
+niemals die letzte gewesen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja
+nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern
+anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche
+herausnehmen durften, und meistens endete eine solche
+Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch
+heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern,
+aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein,
+um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen
+zu können.
+</p>
+
+<p>
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen
+doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und
+antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt
+haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+</p>
+
+<pb n='109'/><anchor id='Pgp0113'/>
+
+<p>
+<q>Sie waren recht krank, lieber Professor?</q> fragte
+sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?</q> fuhr
+Ilse fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du
+Strick,</q> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die
+ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen
+Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein
+– fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau
+Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt
+und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er
+in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos
+traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte
+ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er
+hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht
+und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen
+Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig
+und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.
+</p>
+
+<p>
+Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn
+sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden
+sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr
+zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?</q>
+fragte der Professor.
+</p>
+
+<pb n='110'/><anchor id='Pgp0114'/>
+
+<p>
+<q>Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch
+seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt.
+Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser?
+Wenigstens sehen Sie recht gut aus.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den
+Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der
+Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen
+den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen,
+daß Sie krank waren?</q> fragte Ilse wieder.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn
+Sie das gewußt hätten,</q> antwortete er nicht gerade
+liebenswürdig.
+</p>
+
+<p>
+Dann schwiegen wieder beide.
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah
+Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel
+Heinz?</q> fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich wollte Sie ja nicht kränken,</q> fuhr sie fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es
+mir auch nicht immer merken lasse,</q> unterbrach er sie
+nun fast heftig.
+</p>
+
+<p>
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch
+sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe,
+aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung.
+</p>
+
+<pb n='111'/><anchor id='Pgp0115'/>
+
+<p>
+<q>Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder,
+weiter ist doch nichts dabei,</q> gab sie statt dessen freundlich
+zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,</q>
+warf er ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wieso denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten
+Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh
+sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine
+Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten
+mehr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, das ist doch alles nur Scherz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte,
+was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr
+bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie
+glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen
+nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,</q> erwiderte
+Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich
+vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort:
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt,
+zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt
+Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,</q> fuhr
+er fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, bester Professor,</q> unterbrach ihn Ilse, <q>dieses
+Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten!
+<pb n='112'/><anchor id='Pgp0116'/>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie
+hätten nur Interesse für Ihre Bücher.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meinen Sie?</q> fragte er langsam und gedehnt und
+sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem
+Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig
+oder nicht für fähig?</q> fing er wieder an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre
+Liebe zu den Kindern,</q> erwiderte Ilse etwas verlegen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir
+kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit
+hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie
+werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr
+alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen
+haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß
+darüber spotten und lachen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles
+zu, halten Sie mich denn für so falsch?</q> fragte Ilse mit
+trauriger Stimme. <q>Und dann noch eins,</q> fuhr sie nach
+einer kleinen Weile fort, <q>Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr,
+er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach.
+Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders
+erzogen werden müssen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Erzogen, erzogen!</q> brauste Ilse auf und glich in
+diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher,
+<pb n='113'/><anchor id='Pgp0117'/><q>Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich
+mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau
+Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,</q>
+sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse
+schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu
+einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen.
+Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin
+sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fühlte er oft!
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?</q> fragte
+sie plötzlich, <q>warum nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der
+Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht
+recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte
+– es beunruhigte – es verwirrte sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie halten mich wohl für recht schlecht?</q> platzte
+sie in ihrer Verlegenheit heraus. <q>Sagen Sie mir nur
+meine Fehler immer offen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,</q> erwiderte
+der Professor einfach, <q>sonst würde ich überhaupt Ihr
+Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr?
+Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen,
+will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit
+Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann
+wieder schroff, als kämpfe er mit seinen <anchor id="corr113"/><corr sic="Gefühlen">Gefühlen.</corr>
+</p>
+
+<pb n='114'/><anchor id='Pgp0118'/>
+
+<p>
+<q>Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse schnell;
+<q>aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen
+mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft
+manchmal herunter!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen
+nicht viel andres.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>So?</q> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <q>wenn also die
+Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet,
+Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen,
+Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen
+lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas
+sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch
+Ausnahmen unter den Juristen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?</q> fragte Ilse
+schnell.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sonst wäre er mein Freund nicht,</q> gab Onkel
+Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung,
+die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine
+Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie
+und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er
+verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte,
+er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler
+werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend
+etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch
+eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das
+<pb n='115'/><anchor id='Pgp0119'/>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr
+war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit
+in der Welt zu verlieren?
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen,
+das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen
+Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte
+offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch
+hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst
+wenn es gegen seine Überzeugung ging.
+</p>
+
+<p>
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte,
+daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher
+gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er
+ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte
+er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine
+Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte
+Stelle?
+</p>
+
+<p>
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und
+hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende,
+verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke
+beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+</p>
+
+<p>
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine
+unglückliche Liebe?
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den
+Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck
+belehrte sie eines Besseren, und das war gut.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine
+Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug
+<pb n='116'/><anchor id='Pgp0120'/>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich
+selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren
+Galgenhumor.
+</p>
+
+<p>
+Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus
+in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe
+auf dem Balkon duftig umwob.
+</p>
+
+<p>
+Laut rief er sie bei Namen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth, Marianne, kommt herein!</q>
+</p>
+
+<p>
+Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm
+stürmten sie ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe
+Luft hier!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel
+Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen
+hereinwehte – belebend, ermutigend!
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth fröhlich, <q>gestern haben wir
+uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen
+Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du
+nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn
+du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du
+dich auch mit herunter?</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles,
+was die Kinder von ihm verlangten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> sagte Ilse auf einmal lachend und
+einer plötzlichen Eingebung folgend, <q>wie haben Sie sich
+denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so
+sehr verabscheuen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut
+<pb n='117'/><anchor id='Pgp0121'/>gelaunt, <q>was soll man denn machen, wenn sie einen in
+völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren
+Klauen entgeht man nun einmal nicht!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank
+wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die
+Hauptsache!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine
+gute Natur!</q>
+</p>
+
+<p>
+Streiten mußte er nun einmal immer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden
+Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft.
+Dürfen wir bald mal wiederkommen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem
+unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen
+Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe
+sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso
+empfänglich war er andrerseits auch für die geringste
+Freundlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute
+Freundschaft halten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche
+Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch
+ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Auf gute Freundschaft!</q> erwiderte er herzlich und
+reichte ihr seine Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr
+zärt<pb n='118'/><anchor id='Pgp0122'/>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen
+konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+</p>
+
+<p>
+Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war
+es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz
+lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte?
+Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg.
+Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte
+sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt,
+der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in
+die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig
+späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier
+ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt
+nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen,
+möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von
+neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend
+und verhüllend.
+</p>
+
+<p>
+So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel
+Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben,
+welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.
+</p>
+
+<p>
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester
+ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl,
+Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,</q> sagte
+sie freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja
+Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.</q>
+</p>
+
+<pb n='119'/><anchor id='Pgp0123'/>
+
+<p>
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche
+der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch,
+was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und
+zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
+</p>
+
+<p>
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus
+in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem
+Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem
+Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen
+Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von
+jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher.
+</p>
+
+<p>
+Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige
+Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher,
+als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen
+ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er
+erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte;
+seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen
+sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit,
+ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr
+geschenkten Vertrauens würdig war.
+</p>
+
+<p>
+Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder
+zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie
+sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den
+festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. –
+</p>
+
+<p>
+Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau
+Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an.
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pgp0124'/>
+
+<p>
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz
+der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine
+Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt
+er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern
+sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und
+wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden.
+</p>
+
+<p>
+So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden
+wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich
+wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen,
+und Worte wie: <q>alter Junggeselle, Brummbär</q> usw.,
+die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr
+zu hören.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage
+waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch
+eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war
+eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der
+schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der
+wonnige Mai.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen
+Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor,
+nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.
+</p>
+
+<p>
+Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe
+verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie
+schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer
+war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder
+<pb n='121'/><anchor id='Pgp0125'/>an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag
+ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie
+aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie
+seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale
+zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß
+es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine
+andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte.
+Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens
+Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend
+und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach
+gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie
+manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen
+zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte.
+Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch
+Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter
+und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu
+einem sehr herzlichen.
+</p>
+
+<p>
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum
+zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner,
+verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt!
+Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse
+und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras
+Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte,
+denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging
+sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre
+zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein
+Zwillings<pb n='122'/><anchor id='Pgp0126'/>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf,
+sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer
+Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen
+hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und
+Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise
+Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse
+soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder
+Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das
+Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+</p>
+
+<p>
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen,
+und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß
+sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie
+kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit
+mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten
+in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und
+Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft
+sehr gut tun.
+</p>
+
+<p>
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu
+bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte,
+ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre
+stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen
+angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte
+sie rund heraus.
+</p>
+
+<p>
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte
+sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht
+<pb n='123'/><anchor id='Pgp0127'/>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er
+schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei.
+Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich
+darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches
+und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund,
+aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte,
+der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte
+sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt
+allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand
+würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde
+und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine
+Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur
+ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde
+keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur
+von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an
+ihn denken.
+</p>
+
+<p>
+Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte
+nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie
+sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren.
+Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß
+er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was
+er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging
+und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit
+Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten;
+sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht
+<pb n='124'/><anchor id='Pgp0128'/>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei
+und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch,
+daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, ich bitte dich,</q> flehte sie Ilse an, <q>rede es
+Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch
+und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise
+nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das
+erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese
+denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten
+zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und
+durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er
+schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie
+endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich
+sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden
+Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit
+standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten
+gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und
+Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch
+kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens
+nicht zu darben brauchte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und
+der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe.
+Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über
+sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im
+letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine
+<pb n='125'/><anchor id='Pgp0129'/>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden
+sich herrlich amüsieren,</q> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern,
+und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr
+neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe
+abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit
+genießen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du wohl,</q> lachte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute,
+im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred
+doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen
+und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal
+des Guten zu viel getan hätte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,</q> sagte
+Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <q>ich werde auf die
+beiden Männer achten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Sie sind mir der Rechte,</q> erwiderte Nellie, die
+den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –
+</p>
+
+<p>
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch
+lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden
+zum Abschiedsgruße zu.
+</p>
+
+<p>
+Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an,
+denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie
+hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald
+dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und
+gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider
+Frauen, um sie zufrieden zu stellen.
+</p>
+
+<pb n='126'/><anchor id='Pgp0130'/>
+
+<p>
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon
+hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie
+mit dem Wagen erwartete.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige;
+sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht
+satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.
+</p>
+
+<p>
+Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen,
+musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem
+Interesse. <q>Du hast dich aber gar nicht verändert,</q> hieß
+es. <q>Etwas stärker bist du geworden.</q> <q>Und du siehst
+viel wohler aus, als früher,</q> und ähnliche Redensarten
+mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt,
+wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.
+</p>
+
+<p>
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile
+verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere
+Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte
+der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie.
+Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe
+geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen
+und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen
+zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie
+wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue
+Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes
+erwarte.
+</p>
+
+<p>
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen
+Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer
+Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war
+derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in
+<pb n='127'/><anchor id='Pgp0131'/>dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen,
+das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft
+ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee
+ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter
+deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter
+zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder
+lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien
+sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu
+fühlen.
+</p>
+
+<p>
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller
+Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die
+zu nahe an den Wagen herankamen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie kennen mich alle,</q> sagte sie stolz, <q>und ich
+darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin
+bin.</q> <q>Wie geht’s dem Vater?</q> fragte sie im
+Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort
+in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief
+ihr noch zu: <q>Ich komme in diesen Tagen und bringe
+ihm wieder Wein.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten
+sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen
+großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen
+den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun
+in den Gutshof ein.
+</p>
+
+<pb n='128'/><anchor id='Pgp0132'/>
+
+<p>
+<q>Vor das Schloß fahren,</q> befahl Flora mit komischer
+Grandezza.
+</p>
+
+<p>
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der
+mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen
+kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte <q>Schloß</q>.
+– Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben
+hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht
+mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange
+Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur
+ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür
+ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen
+waren.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es gehörte einem Baron v. H.,</q> erklärte Flora,
+als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen,
+welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten.
+In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein
+schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand
+einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras
+Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen,
+die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe!
+Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen
+Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer
+wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie
+wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den
+Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne
+nur scheu an und gaben keine Antwort.
+</p>
+
+<pb n='129'/><anchor id='Pgp0133'/>
+
+<p>
+<q>Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,</q>
+rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst
+mit ihnen abmühte.
+</p>
+
+<p>
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder
+allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden
+Reuterschen lütten Druwäppeln <q>Lining</q> und <q>Mining</q>;
+ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden
+Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier
+Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast
+jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten
+ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen
+feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich
+aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und
+Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie
+so hochrote Wangen hätten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,</q>
+wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie,
+daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und
+fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe,
+als könnten sich unter dieser Berührung die glatten
+Strähnen in Locken verwandeln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber nun kommt herein,</q> sagte sie, als die Begrüßung
+vorüber war, und fragte ihre Kinder: <q>Wo ist
+denn der Papa?</q>
+</p>
+
+<pb n='130'/><anchor id='Pgp0134'/>
+
+<p>
+<q>Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,</q>
+berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war
+das erste Wort, welches sie sprach.
+</p>
+
+<p>
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen
+Auskunft nicht verbergen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen,
+ich möchte sie gerne sehen,</q> bettelte nun Ruth,
+für die ein solcher Anblick hochinteressant war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Später, später,</q> antwortete Flora flüchtig.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt
+und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere
+des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten
+Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl
+aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen
+brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit
+der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus
+den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein,
+denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen.
+Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster
+selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden
+um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige
+Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung;
+über die Tischdecke, schwarz mit großen roten
+Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet,
+und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß
+– das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war
+darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und
+<pb n='131'/><anchor id='Pgp0135'/>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft
+ein, welche durch die offenen Fenster strömte.
+</p>
+
+<p>
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage:
+Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in
+ihrer Gutmütigkeit alles.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel
+stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also
+ganz antik,</q> erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf
+die kattunbezogenen Steifbeine. <q>Aber nun will ich nicht
+weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn
+ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im
+unteren Flur die Türe rechts.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus.
+Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines
+Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach
+denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch
+viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen,
+denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht
+gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus,
+wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+wären.
+</p>
+
+<p>
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten
+Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß
+sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt
+nicht zu andern sagen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit
+später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten,
+fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen
+<pb n='132'/><anchor id='Pgp0136'/>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+höchst neugierig waren.
+</p>
+
+<p>
+Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die
+prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin
+sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und
+blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand.
+Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200
+Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man
+sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein
+kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen
+Haare schimmerte; rot war auch sein joviales
+Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der
+Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag.
+Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa!
+Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
+</p>
+
+<p>
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und
+Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit
+ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn
+und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst
+auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem
+schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern
+sein müssen,</q> wandte sich Flora an die Freundinnen,
+während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0132.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>Ja, ja, es ist zum Braten draußen,</q> erwiderte er
+und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <q>War
+<pb n='133'/><anchor id='Pgp0138'/>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?</q>
+wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O ja,</q> lachte Ilse, <q>aber dafür haben wir’s auch
+jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden
+wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre
+liebenswürdige Einladung ankam.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge
+machen können! Die Umgegend ist so schön,</q> sagte
+Flora.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir
+haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s
+liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet;
+wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter
+fürs Vieh mehr haben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben,
+dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,</q> erwiderte
+Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß
+er so sprach.
+</p>
+
+<p>
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter
+Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges
+Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein
+Regen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?</q> fragte
+der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin
+noch einmal genauer an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, August,</q> rief Flora, <q>ich habe dir doch alles
+von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.</q>
+</p>
+
+<pb n='134'/><anchor id='Pgp0139'/>
+
+<p>
+<q>Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen.
+Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für
+so etwas kein Gedächtnis habe.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>August!</q> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen
+Blick zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, das kenne ich von Fred genau,</q> tröstete Nellie.
+<q>Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von
+seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven
+auch sehr herunter.</q>
+</p>
+
+<p>
+Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte
+des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer
+es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege
+so sehr bedürfe.
+</p>
+
+<p>
+Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es
+verstand.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und
+Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber
+nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen.
+Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich.
+Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte
+sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen
+fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb,
+dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig,
+das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien
+sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin
+und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles
+was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte
+<pb n='135'/><anchor id='Pgp0140'/>ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil
+seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß
+er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn
+über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten,
+nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn
+sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand,
+einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten.
+Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen,
+über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte
+aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich
+werden würde.
+</p>
+
+<p>
+Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie,
+verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst
+nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über
+andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß
+Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte,
+da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer
+noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr
+August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie
+nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet
+und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren
+Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders
+rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen
+durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora
+jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der
+<pb n='136'/><anchor id='Pgp0141'/>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden
+Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze,
+aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen
+und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle
+und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und
+als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten
+und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren
+und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause
+sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt
+mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden
+über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen,
+daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen
+weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und
+seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften
+Töne im Zimmer taten.
+</p>
+
+<p>
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken
+und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf
+dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft
+magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis
+jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn
+nicht aus den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange
+durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth
+<pb n='137'/><anchor id='Pgp0142'/>jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich
+zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen!
+Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten
+ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche
+bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das
+Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+</p>
+
+<p>
+Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man
+ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung,
+und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte
+man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er
+ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,</q>
+sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das
+Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen
+noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen
+und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen
+kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein
+starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren
+gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen
+in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie
+prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren
+straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn,
+auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und
+Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf
+und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald
+dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war
+<pb n='138'/><anchor id='Pgp0143'/>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen
+Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe,
+die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt
+gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete
+sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte
+Abendtafel unter der Kastanie stellte.
+</p>
+
+<p>
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am
+Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz
+andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten
+sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu
+übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte,
+sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft
+trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt,
+ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch
+die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille
+und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche
+Stille.
+</p>
+
+<p>
+Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr,
+um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls
+pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den
+Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler
+hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gerne, gerne,</q> riefen sie beide mit einem fragenden
+Blick auf Herrn Werner.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu
+gehen,</q> erwiderte Flora. <q>August steht des Morgens jetzt
+schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde.
+<pb n='139'/><anchor id='Pgp0144'/>Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?</q> wandte sie sich an die beiden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Selbstverständlich,</q> gaben sie zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dann schlafen Sie recht gut,</q> sagte der Hausherr
+und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte.
+<q>Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt
+haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt
+es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid.
+Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,</q>
+sagte er dann freundlich zu Flora. <q>Vergiß nicht,
+morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen,
+ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge
+dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt,
+damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas
+bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,</q> entgegnete
+Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr
+nicht gerade angenehm zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem
+knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine
+Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter
+sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal
+etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,</q>
+fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an
+aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen
+in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie
+<pb n='140'/><anchor id='Pgp0145'/>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele,
+und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen
+Mannes und so lieber Kinder sein könne.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das bin ich auch,</q> erwiderte Flora in aufrichtigem
+Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in
+Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin.
+Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,</q>
+sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen,
+ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort:
+<q>Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen
+geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen
+Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr
+habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das
+weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen
+Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin
+ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe
+haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück
+zum zweiten Male mit der Hand meines guten August
+darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur
+Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte
+ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und
+habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde
+und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es
+sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte
+lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man
+auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.</q>
+</p>
+
+<pb n='141'/><anchor id='Pgp0146'/>
+
+<p>
+<q>Bravo, bravo!</q> rief Ilse; so vernünftig hatte sie
+Flora noch niemals sprechen hören.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und wie ist es mit Käthe?</q> fragte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt
+ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge
+sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie schön für dich,</q> sagte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe,
+sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen,
+doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr
+von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen
+Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße
+Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen
+eine normal denkende Frau geworden war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, und Orla?</q> fragte sie plötzlich. <q>Was habt
+ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit
+dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend
+war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja
+ebenso wie ich nach etwas Höherem.</q>
+</p>
+
+<p>
+Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora
+immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen,
+wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Orla, der geht es ausgezeichnet!</q> rief Ilse.
+<q>Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen
+Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden
+<pb n='142'/><anchor id='Pgp0147'/>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen
+auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da
+kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein Leben im großen Stile!</q> sagte Flora, wie zu
+sich selbst. <q>Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich
+Dienerschaft in Menge?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Jedenfalls,</q> lachte Ilse; <q>darüber schreibt sie aber
+nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je
+mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten.
+Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe,
+und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich
+fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder
+in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und
+Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem
+Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte
+Frau ist, – klug, schön, reich.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ihr ist es geglückt,</q> sagte die Gutsbesitzersfrau
+seufzend. <q>Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert,
+gilt etwas, während andre in der Einsamkeit
+verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich
+auch als Nihilistin eine Rolle?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum nicht?</q> meinte Ilse, <q>zuzutrauen wäre es
+ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn –
+Orla eine Nihilistin!</q> warf hier Nellie ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte dich,</q> sagte Flora, <q>unmöglich ist es
+doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines
+Tages nach Sibirien verbannt würde.</q>
+</p>
+
+<pb n='143'/><anchor id='Pgp0148'/>
+
+<p>
+<q>O, o!</q> rief Nellie entsetzt, <q>deine Phantasie geht
+mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas,
+was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie viel Kinder hat sie eigentlich?</q> fragte Flora;
+<q>in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter
+Prachtkerls, sage ich dir,</q> antwortete Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, süß!</q> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger
+Schatten überflog ihr Gesicht. <q>Ich habe das
+Bild mit und will es dir morgen zeigen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Heute abend noch, bitte, heute abend noch,</q> bettelte
+Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal
+erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz
+unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie
+darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied
+war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle
+Welt hatte, während der ihrige hier in der
+stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost,
+die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die
+Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen
+Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen
+den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie
+wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem
+Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es
+ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten
+<pb n='144'/><anchor id='Pgp0149'/>Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme
+nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in
+dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater
+wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern
+hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch
+von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand
+das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon
+im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem
+Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die
+kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt
+in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer
+am klaren Nachthimmel! –
+</p>
+
+<p>
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen!
+Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht,
+dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche
+meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer
+Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein
+Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin
+Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als
+das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen,
+desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken
+gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte
+deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen
+heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es
+<pb n='145'/><anchor id='Pgp0150'/>ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise
+müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung
+bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen
+noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte
+Langschläferinnen. –
+</p>
+
+<p>
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und
+Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus
+dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen,
+und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
+</p>
+
+<p>
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume
+hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte
+er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie
+lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend,
+herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am
+Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem
+sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem
+hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was magst du von uns denken,</q> entschuldigte
+Nellie, und Ilse meinte: <q>Dein Mann wird sich schön
+über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!</q>
+</p>
+
+<p>
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August
+tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre
+schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen
+zugegen zu sein.
+</p>
+
+<pb n='146'/><anchor id='Pgp0151'/>
+
+<p>
+<q>Nun, stimmt die Milchrechnung?</q> fragte Nellie
+lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das
+vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei
+der ehemaligen Dichterin!
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch
+tun,</q> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten
+Spott herauszuhören glaubte. <q>Poesie und Prosa gehen
+Hand in Hand auf dem Lande.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,</q>
+antwortete Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in
+freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,</q> fuhr Flora
+fort; <q>es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt.
+Thusnelda</q> – sie sprach den Namen immer mit der
+Betonung einer Klara Ziegler aus – <q>ist poetisch veranlagt,
+das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung,
+ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den
+Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den
+grünen Wald.</q>
+</p>
+
+<p>
+Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht
+aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in
+dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <q>erblich
+belastet</q> sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten
+waren sie ihm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wo ist denn Ruth?</q> fragte Ilse plötzlich,
+sich nach allen Seiten umsehend.
+</p>
+
+<p>
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und
+<pb n='147'/><anchor id='Pgp0152'/>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen,
+der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben
+in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern
+zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste,
+fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe?
+Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen
+Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und
+auf einen der breiten Pferderücken setzte.
+</p>
+
+<p>
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde
+ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde
+Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor
+dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das
+war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von
+dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine
+Ursachen, große Wirkungen!
+</p>
+
+<p>
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch
+wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung,
+durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war
+aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen
+geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich
+verfeinert hatten, so daß man sie in <q>temperamentvoll,
+eigenartig und willensstark</q> übersetzen konnte. Flora
+witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine große Zukunft. –
+</p>
+
+<p>
+Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth
+jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen
+Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte
+<pb n='148'/><anchor id='Pgp0153'/>sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als
+sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner
+unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob
+sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte
+sie sich schnell angezogen, ganz allein. <q>O, ganz ordentlich,</q>
+versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren
+Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf
+aus: <q>Himmlisch war’s!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo ist dein Mann geblieben?</q> fragte Nellie und
+sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er wird erst Toilette machen, um würdig vor
+euch zu erscheinen,</q> erklärte Flora, aber in der gleichen
+Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen
+her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn
+einzelne Kraftworte, wie <q>Donnerwetter, infame Wirtschaft,
+Dummköpfe</q>, drangen bis zu der Kastanie herüber,
+zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen
+wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten
+Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die
+Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen,
+was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August
+den Kiesweg heraufgegangen.
+</p>
+
+<p>
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und
+der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein,
+elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig
+hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das
+farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen,
+<pb n='149'/><anchor id='Pgp0154'/>der ebenso, wie das Gesicht, vor
+ <anchor id="corr149"/><corr sic="Arger">Ärger</corr> und Hitze blaurot
+war.
+</p>
+
+<p>
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman,
+aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und
+hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.
+</p>
+
+<p>
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf,
+schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging
+er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,</q>
+sagte er; <q>sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh.
+Das wird mal eine gute Landwirtin!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese
+teilnehmend:
+</p>
+
+<p>
+<q>O, haben Sie Ärger gehabt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum
+Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit
+ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon
+tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,</q> setzte er noch hinzu
+und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das
+Geschirr klirrend zusammenschlug.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ärgere dich doch nicht so, lieber August,</q> sagte
+Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hesse ist auch ein Esel,</q> fing er wieder an; <q>bringt
+beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der
+Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie
+ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß
+tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen
+<pb n='150'/><anchor id='Pgp0155'/>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine
+Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber
+nun stärke und erhole dich erst,</q> versuchte ihn seine Frau
+zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich
+belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte,
+um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+</p>
+
+<p>
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen!
+Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von
+neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß
+aus der oft verlachten und verspotteten <q>Dichterin</q> eine
+vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras
+Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden.
+Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel
+ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer
+könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit
+war nun einmal der Grundzug von Floras
+Charakter. –
+</p>
+
+<p>
+Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben
+behagte den großen und kleinen Gästen herrlich.
+Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge
+durch das Dorf, die Felder und Wiesen,
+Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und
+dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen
+Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen
+der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und
+auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren
+<pb n='151'/><anchor id='Pgp0156'/>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und
+Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn
+von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen
+heraustritt, wollte August nichts wissen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,</q> sagte er,
+als eines Tages wieder die Rede darauf kam.
+</p>
+
+<p>
+Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm,
+das konnte man merken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, August,</q> widersprach sie ihm, <q>eine Frau
+kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren,
+und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter
+doch nicht zu versäumen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken
+und gut kochen können, das ist die Hauptsache.</q>
+</p>
+
+<p>
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora.
+Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.
+</p>
+
+<p>
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von
+ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und
+daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat
+einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft
+und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach
+auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte.
+Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit
+allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde:
+Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst
+du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du
+auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stunden<pb n='152'/><anchor id='Pgp0157'/>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja,
+sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig,
+und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen
+Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem
+Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit,
+daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe.
+Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume
+fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht
+am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch
+eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden
+Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und
+Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er
+natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang
+Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von
+ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens
+erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den
+Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern
+ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten,
+daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die
+Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so
+reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne
+weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden
+sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt
+<pb n='153'/><anchor id='Pgp0158'/>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse,
+und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten,
+was sie natürlich von Herzen gern taten.
+</p>
+
+<p>
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg;
+eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen
+wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals
+kann ich den Armen genug geben,</q> sagte die Gutsbesitzerin,
+als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße
+schritt.
+</p>
+
+<p>
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten
+Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad
+für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte
+der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt
+hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne
+spiegelte sich in den vielen großen und kleinen
+Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten
+und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig
+in die Höhe nahmen.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu
+sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach
+diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen
+die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit,
+ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten
+doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen,
+und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken,
+wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch,
+das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie
+<pb n='154'/><anchor id='Pgp0159'/>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war
+ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld
+der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches
+und trug viel gute Früchte.
+</p>
+
+<p>
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten
+Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über
+die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im
+Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag,
+hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den
+Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den
+jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen
+Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe
+bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung
+Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten
+mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles
+zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand
+sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt
+gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten,
+indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles
+blieb beim alten.
+</p>
+
+<p>
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges
+Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts
+wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine
+Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter
+zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen
+hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt
+die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme,
+schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige
+<pb n='155'/><anchor id='Pgp0160'/>Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum
+Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses
+Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob
+sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche
+Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen,
+aber Flora hielt sie davon zurück.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig
+sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer
+Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,</q> sagte Flora
+freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen
+schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe,
+zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche
+Dinge umherlagen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil
+ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte,
+haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie
+geht’s denn heute, Frau Tolle?</q> fragte Flora, indem
+sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht
+war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig
+verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der
+heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft
+und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schlecht, schlecht,</q> antwortete sie leise, <q>es geht
+immer schlechter.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel
+wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe
+<pb n='156'/><anchor id='Pgp0161'/>Gott wird Ihnen schon helfen,</q> tröstete Flora sanft und
+liebevoll.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger
+Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken
+gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie
+sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet
+wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei
+dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren,
+wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit
+des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß;
+wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen,
+das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen
+großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach
+und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie süß ist das <hi rend='antiqua'>baby</hi>,</q> sagte sie zu Ilse.
+<q>Wie heißt du?</q> fragte sie das Kind.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ännchen,</q> antwortete die ältere Schwester.
+</p>
+
+<p>
+<q>Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?</q>
+fragte sie weiter.
+</p>
+
+<p>
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die
+Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich
+die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich
+strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die
+Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die
+Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+Müde und apathisch dankte die Frau.
+</p>
+
+<pb n='157'/><anchor id='Pgp0162'/>
+
+<p>
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken;
+Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster
+öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen
+und sie ließ es geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo ist denn die Mutter?</q> fragte Flora sich umblickend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,</q>
+entgegnete die junge Witwe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kommt sie denn bald wieder?</q> forschte Flora
+weiter. <q>Sie können doch in Ihrem elenden Zustande
+nicht allein bleiben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Kinder sind ja da.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die
+müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein,
+nein, so geht das nicht länger,</q> sagte Flora. <q>Und den
+Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt
+alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund,
+passen Sie nur auf.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Der kann mir auch nicht mehr helfen ...</q> Unendlich
+schmerzlich klangen diese Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken
+Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und
+wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald
+wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott.
+Guten Abend und recht, recht gute Besserung.</q>
+</p>
+
+<p>
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch
+Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie
+mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.
+</p>
+
+<pb n='158'/><anchor id='Pgp0163'/>
+
+<p>
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die
+frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle
+Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die
+Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck
+bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach
+in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora
+erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen
+Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was
+sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen
+können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres
+Herzleiden und nicht zu heilen,</q> berichte Flora. <q>Ach,
+wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.</q>
+</p>
+
+<p>
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
+</p>
+
+<p>
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der
+Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und
+in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie
+ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der
+Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte
+Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die
+letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich
+gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen,
+und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer
+von Glück.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch
+den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem
+lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für
+immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
+</p>
+
+<pb n='159'/><anchor id='Pgp0164'/>
+
+<p>
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft
+gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich
+plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf
+dem Platze unter der Kastanie.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, die armen Kinder, das süße <hi rend='antiqua'>baby</hi>, was wird
+daraus?</q> rief Nellie mit Tränen in den Augen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, wir müssen helfen,</q> sagte Herr Werner
+überlegend. Dann fragte er seine Frau: <q>Wie viel
+Kinder sind da?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sechs,</q> antwortete sie. <q>Es ist ein Jammer! Bei
+der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben,
+und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es
+ist zu traurig!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen
+kann,</q> sagte ihr Mann. <q>Deichmanns auf der Domäne
+könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld
+und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na,
+und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen,
+was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s
+reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine
+Ännchen; o, es ist ein zu wonniges <hi rend='antiqua'>baby</hi>!</q> rief Nellie
+begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung
+den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und
+auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie
+still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein
+<pb n='160'/><anchor id='Pgp0165'/>in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die
+Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde,
+wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre.
+Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Höre, Nellie,</q> rief Ilse plötzlich, <q>wenn dir das
+Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.</q>
+</p>
+
+<p>
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf
+gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber
+Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien
+beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken
+ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!</q> rief
+sie aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht
+nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar
+nicht, aber möchtest <hi rend='gesperrt'>du</hi> es denn?</q> fragte Ilse, die
+Freundin scharf beobachtend.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe
+die <hi rend='antiqua'>babys</hi> so sehr,</q> erwiderte Nellie leise. <q>Aber es
+geht nicht, es geht nicht!</q> fuhr sie lauter fort. <q>Ich
+habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt
+meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen,
+o, und das ginge doch nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch
+hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei, <q>es
+<pb n='161'/><anchor id='Pgp0166'/>ginge nicht.</q> Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur
+Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
+</p>
+
+<p>
+Aber Ilse ließ sich von ihrem <q>guten Gedanken</q>,
+wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem
+Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte,
+darüber für immer zu schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau
+und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu
+tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte,
+worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war,
+zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit
+ihnen zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der
+letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen,
+auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, so doch nicht, lieber so,</q> unterbrach sie sich
+dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken
+einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben,
+beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl für ein wichtiges
+Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte
+es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde
+es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den
+Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.
+</p>
+
+<p>
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese
+Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den
+nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung
+sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
+</p>
+
+<pb n='162'/><anchor id='Pgp0167'/>
+
+<p>
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder
+wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach
+einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie
+gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von Fred,</q> sagte sie leicht errötend, worauf sie
+sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu
+lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln
+von ihrem Fred studierte.
+</p>
+
+<p>
+Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun
+sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten
+sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes
+Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür
+mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg
+daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz,
+und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen
+noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte
+ein glückliches Lächeln ihre Lippen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O Ilse, was bist du eine <hi rend='antiqua'>darling</hi>, o was bist du
+gut, was hast du für mir getan!</q> rief sie, indem sie
+die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag
+sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie
+früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise,
+als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich.
+Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und
+<anchor id="corr162"/><corr sic="(a auf dem Kopf stehend)">las</corr> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin:
+<pb n='163'/><anchor id='Pgp0168'/>daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste
+Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb,
+wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam
+und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und
+Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf
+einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.
+</p>
+
+<p>
+Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte
+er, was sie ihm geschrieben hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut
+gemacht?</q> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie
+soll ich dich danken, lieb Ilschen,</q> antwortete sie überglücklich
+und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie
+leise fort: <q>O, wie will ich die kleine <hi rend='antiqua'>baby</hi> lieb haben,
+und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er
+eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich
+dich das wieder gut machen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,</q>
+wehrte diese ab. <q>Was du an dem einstigen Trotzkopf
+getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+</p>
+
+<p>
+Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte
+und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren
+Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten
+noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr
+mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst
+gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu
+holen. –
+</p>
+
+<pb n='164'/><anchor id='Pgp0169'/>
+
+<p>
+Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage
+zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig
+gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind
+wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so
+gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen
+Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen
+lassen.
+</p>
+
+<p>
+So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück
+in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den
+Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen
+Elend zu entreißen.
+</p>
+
+<p>
+Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen
+ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das
+die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein
+unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr
+schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen
+wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft
+von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar
+Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte
+ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt
+hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt
+nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten
+Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing
+– zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und
+<pb n='165'/><anchor id='Pgp0170'/>darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen.
+Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide
+konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein
+aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <q>Erziehen</q>
+hätte leicht ein <q>Verziehen</q> werden können, wenn nicht
+Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären.
+Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren
+allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber
+desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin,
+welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und
+schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal
+versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem
+hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern
+gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles
+drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend,
+aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben
+hierher verpflanzt worden war.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge!
+Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit
+sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald
+ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der
+andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das
+Glück früher, dem andern später und manchem nie.
+</p>
+
+<p>
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem
+Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das
+Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem
+<pb n='166'/><anchor id='Pgp0171'/>andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber
+unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten
+aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte
+es jahrelang über ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter
+Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen,
+frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener
+Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule
+mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise,
+denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm
+jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem
+Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe
+in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet
+und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er
+wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen!
+Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu können und ahnte nicht, was sie damit in der
+jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem
+schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig
+in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte
+oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu
+zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken
+wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die
+weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach
+Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage,
+Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten
+<pb n='167'/><anchor id='Pgp0172'/>Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten –
+er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte
+Rosi immer die Worte: <q>Gottes Hand ruht schwer auf
+uns.</q> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder
+das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah?
+Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er,
+den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch
+immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst
+wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben.
+Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel
+dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun
+einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so
+etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte
+fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten
+Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem
+Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen
+war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht
+entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
+</p>
+
+<p>
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort
+brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und
+siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit
+ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren
+sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als
+diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken.
+Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank,
+eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem
+<pb n='168'/><anchor id='Pgp0173'/>ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes
+Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament
+war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse
+hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft
+mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth
+klagte und er antwortete: <q>Ganz die Mutter.</q> Aber daß
+aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst
+gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde
+dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft
+zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch
+immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis
+er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte.
+Wenn man sie fragte: <q>Wer ist deine beste Freundin?</q>
+antwortete sie: <q>Onkel Heinz!</q> Von ihm ließ sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade
+den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine
+Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen
+Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten.
+Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere
+Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres
+Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der
+Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr
+Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter
+liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben
+können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.
+</p>
+
+<pb n='169'/><anchor id='Pgp0174'/>
+
+<p>
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo
+schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch
+kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den
+ersten Ball führen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges
+Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon
+seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren,
+befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar
+Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er
+aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder
+auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in
+ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage
+von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth
+fand es lächerlich, sich um einen <q>lumpigen Ball</q>, wie
+sie sagte, so aufzuregen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit
+Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden
+war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun
+gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten,
+war keine Kleinigkeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht
+fertig,</q> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer
+keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir
+verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,</q> rief das
+junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die
+Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+<pb n='170'/><anchor id='Pgp0175'/>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer
+glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst
+die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist
+nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit
+Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen,
+was diese sehnlich wünschte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,</q>
+hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,
+<q>wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß
+wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen
+würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest
+du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,</q>
+hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie
+liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da
+würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein
+rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Einem jungen Mädchen steht alles,</q> hatte Marianne
+in weisem Tone erwidert.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche
+Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du
+mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen
+aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf
+und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in
+Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu
+<pb n='171'/><anchor id='Pgp0176'/>trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester
+trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr
+würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände
+sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen
+sollte, während Marianne natürlich einem Engel
+gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen
+Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem
+rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende
+gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und
+Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So
+aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage
+hatte in Ruhe erledigt werden können.
+</p>
+
+<p>
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige
+Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige
+Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren
+blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten
+Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen
+Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher,
+als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum
+ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß
+sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.
+</p>
+
+<p>
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein
+ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines
+Flügels und Ruths Stimme.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und
+singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße
+sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja
+<pb n='172'/><anchor id='Pgp0177'/>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,</q> sagte Ilse, aber
+unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile
+auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen
+zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix
+und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der
+Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und
+bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie
+reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte
+sie etwas Keusches, Unnahbares.
+</p>
+
+<p>
+Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die
+Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet
+noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu
+Blumen im Haar.
+</p>
+
+<p>
+Ruth lehnte alles ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was
+ich will!</q> rief sie.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit
+zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa,
+das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit
+Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den
+Blumen steckte. <q>Von Herrn Jansen,</q> sagte sie strahlend
+und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender,
+als den kostbaren Strauß.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes
+von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen
+zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes
+Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei
+Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser
+<pb n='173'/><anchor id='Pgp0178'/>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und
+auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Töchter eingeladen worden.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die
+duftende Spende in den Händen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,</q>
+rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten
+Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem
+Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen
+der Zwillinge: <q>O, wie reizend, himmlisch, süß,</q> und
+Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs
+Genaueste zu sehen und zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern
+war in der Tat ein entzückender Anblick, und
+selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben,
+denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt
+in derselben stehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alle Wetter, ist das ein Staat!</q> rief er endlich
+laut.
+</p>
+
+<p>
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen.
+Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan,
+umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger.
+Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal
+wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten,
+und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde
+genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes
+Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn
+<pb n='174'/><anchor id='Pgp0179'/>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer
+Käfer auf bunten Blütenblättern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, gefalle ich dir?</q> – <q>Wie findest du
+mein Kleid, steht es mir wohl gut?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?</q>
+So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger
+wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer
+eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte
+schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden
+Händen die Ohren zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Scheußlich seht ihr alle aus,</q> platzte er endlich
+hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik
+von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte
+er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich
+scheußlich aus?</q> – <q>Ist das dein Ernst?</q> – <q>Gefallen
+wir dir nicht?</q> so schwirrte es von neuem durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+<q>Findest du, daß mir Rosa gut steht?</q> fragte
+Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß
+bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, es geht!</q> antwortete er und betrachtete sie
+eingehend. <q>Aber sage mal, du mußt etwas um den
+Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was
+ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen!
+In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr
+werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen
+einen schönen Schnupfen holen.</q>
+</p>
+
+<pb n='175'/><anchor id='Pgp0180'/>
+
+<p>
+Da gab es wieder zu lachen über eine solche
+Ansicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?</q>
+fragte Thusnelda.
+</p>
+
+<p>
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem
+Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine
+Antwort zu geben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!</q>
+riefen sie alle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein
+weißes Kleid hübscher gefunden?</q> fragte Marianne.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle
+angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das
+verstehe ich nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?</q> fragte
+Marianne.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches
+Gelächter ausbrach.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten
+habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich
+hatte Besseres zu tun.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du was, Onkel Heinz,</q> schlug Ruth vor,
+<q>komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen
+kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber
+urteilen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, komm mit!</q> riefen nun auch die andern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.</q>
+</p>
+
+<pb n='176'/><anchor id='Pgp0181'/>
+
+<p>
+<q>Mich darfst du zu Tische führen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir wollen überhaupt tun, was du willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und
+wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer
+hellen, duftigen Mitte hervor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja
+außer Rand und Band!</q> rief er, sie zurückdrängend.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man
+ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse
+plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen
+sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel
+Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen
+stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt
+näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine
+heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren
+Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke,
+weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er
+nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer
+Wärme entgegen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bist zu beneiden, Onkel,</q> sagte er halblaut.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen
+Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die
+Wagen ständen bereits vor der Türe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, nun macht nur,</q> mahnte sogar Onkel Heinz,
+<q>Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.</q>
+</p>
+
+<pb n='177'/><anchor id='Pgp0182'/>
+
+<p>
+<q>Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber
+doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu
+dem Balle,</q> meinte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn
+keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges
+Wort,</q> erwiderte der Professor. <q>Aber es geht nun
+doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth freudig, als hätte sie
+plötzlich einen guten Einfall bekommen, <q>weißt du was?
+Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide
+verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach,
+das wäre reizend!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?</q>
+fragte Herr Jansen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, da könnte mich ja Marianne vertreten,</q> gab
+sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor.
+<q>Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir
+alle deine Lieblingslieder vor.</q>
+</p>
+
+<p>
+Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht
+von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam
+weich, als er sagte:
+</p>
+
+<p>
+<q>Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch
+wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen
+Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser
+Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele
+andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und
+lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag
+<pb n='178'/><anchor id='Pgp0183'/>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer
+Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
+</p>
+
+<p>
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm
+eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von
+größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die
+Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es
+war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der
+Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter
+Unruhe flogen, und durcheinander rief es:
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe
+nicht gesehen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer
+in der Hand!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch
+gelegt, wer hat es denn fortgenommen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß
+sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen
+suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid
+und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den
+Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten
+– kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe
+nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles
+Fehlende gefunden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich
+<pb n='179'/><anchor id='Pgp0184'/>mache mich aus dem Staube,</q> sagte Onkel Heinz. <q>Adieu,
+Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu
+der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?</q>
+fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das
+weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt,
+nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von
+Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und
+konnten sich nicht von einander trennen, bis es von
+unten rief:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr
+denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir kommen, wir kommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen
+Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte
+Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren,
+das schnelle Rollen der Räder, und nun war
+alles still. –
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die
+Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen
+vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße
+hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr
+eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in
+den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das
+Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam
+verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über
+da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen,
+er legte sie aber beiseite und schaute – die eine
+<pb n='180'/><anchor id='Pgp0185'/>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor
+sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte
+leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie
+ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und
+dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt
+schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend
+umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer,
+in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und
+auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der
+Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der
+davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und
+Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten
+Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen
+dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände
+bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich
+machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum
+Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die
+Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es
+erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen,
+langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die
+schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald
+zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein
+Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in
+seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half,
+und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen
+konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch
+war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie
+<pb n='181'/><anchor id='Pgp0186'/>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie
+gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe,
+aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er,
+sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten
+an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte
+sich noch einmal. <q>Unsinn, Unsinn,</q> murmelte er
+und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde
+er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern
+Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und
+mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage
+wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr
+Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr
+Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch
+niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft,
+der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe
+müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub
+im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe,
+hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend
+verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude
+umgeben.
+</p>
+
+<p>
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und
+Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz
+schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand.
+Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald
+<pb n='182'/><anchor id='Pgp0187'/>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich
+untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,</q> sagte
+Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die
+älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist
+auch fein,</q> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen
+Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie
+durchaus noch nicht aus wie <q>alte Mütter</q>. Das Glück,
+das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne
+im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz,
+mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte
+sie merkwürdig.
+</p>
+
+<p>
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten
+Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer
+zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre
+Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von
+Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht
+eben nur eine Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert
+von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten
+Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so
+oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden.
+Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche
+Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich
+oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug,
+wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht
+<pb n='183'/><anchor id='Pgp0188'/>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne
+auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre
+Schwester zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist
+dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die
+Liebe macht blind.
+</p>
+
+<p>
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten
+Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern
+einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen,
+die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen
+mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie
+Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren
+der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer
+festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme
+Marianne!
+</p>
+
+<p>
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche
+Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre
+Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen
+hielt.
+</p>
+
+<p>
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge
+hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf
+einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig
+ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes
+Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche
+ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von
+Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun,
+<pb n='184'/><anchor id='Pgp0189'/>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz
+genommen hatte, mit Behagen verzehrte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich
+amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?</q> fragte Ruth
+vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite
+niedergelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Für mich war es der schönste Abend meines Lebens,
+Fräulein Ruth,</q> erwiderte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht?
+In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas
+nicht?</q> erkundigte sie sich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so
+würde dieser doch der schönste für mich sein,</q> antwortete
+er mit Nachdruck.
+</p>
+
+<p>
+<q>So, und warum denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen,
+denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung,
+welche seine Worte enthalten hatten. Er war
+ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie
+sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von
+Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend
+und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er
+etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin,
+war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak
+sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit
+vor Erregung zitternder Stimme antwortete: <q>Weil Sie
+hier sind!</q> und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte:
+<q>Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?</q>
+</p>
+
+<pb n='185'/><anchor id='Pgp0190'/>
+
+<p>
+Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute,
+verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt
+zu werden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Haben Sie mich denn nicht gern?</q> wiederholte er
+eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete
+sie hastig: <q>O ja, doch, natürlich.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte
+sie nach diesen Worten rasch voraus.
+</p>
+
+<p>
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den
+Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich
+an seine Lippen. Während aber die Schwester und die
+Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom
+heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig.
+Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen,
+mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr.
+Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte;
+aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen,
+ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch
+nur mit einem <q>Ja</q> antworten; sie hatte ihn ja wirklich
+gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter
+Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer
+Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten
+und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn.
+Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig
+harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine
+Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er
+überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen?
+Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte.
+<pb n='186'/><anchor id='Pgp0191'/>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe
+und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen
+Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche
+Frage an sie gerichtet habe.
+</p>
+
+<p>
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich
+aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige,
+beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und
+raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief
+sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter
+spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne
+Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen
+Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender
+Schein auf dem holden Mädchenantlitz.
+</p>
+
+<p>
+So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern
+in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von
+Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn.
+Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche
+Gefühle hegen möchte. –
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte
+Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin
+ein über das andre Mal aus, und als sie fort
+war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier
+und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die
+Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte
+die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf
+dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den
+Papier<pb n='187'/><anchor id='Pgp0192'/>korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch
+seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung,
+deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner
+Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: <q>Auf dem Schreibtische ein für allemal
+nichts anrühren!</q> was diese auch schnell begriff,
+hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte
+diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb
+ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer
+in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen
+war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war
+ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte,
+noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und
+Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe
+flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit
+Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten,
+nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in
+die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren
+fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab
+und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich
+ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder,
+um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen
+nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit
+mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der
+Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen,
+gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb
+fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,
+<pb n='188'/><anchor id='Pgp0194'/>die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung
+setzte, nach den Freunden hin.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0187.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu
+finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.
+</p>
+
+<p>
+Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er
+in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu
+dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und
+Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief sie leise, <q>bitte, bitte, komm erst
+zu mir herein.</q>
+</p>
+
+<p>
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer
+Augen und fragte, was denn geschehen sei.
+</p>
+
+<p>
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog
+ihn zu sich ins Zimmer herein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was ist denn nur los?</q> fragte er nochmals, als
+sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus
+der Tasche und gab ihn dem Professor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief
+von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden
+ist,</q> sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich
+fort: <q>Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts
+dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß
+ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht
+zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch
+von gar nichts,</q> unterbrach er sie, indem er den Brief
+auseinanderfaltete und zu lesen begann.
+</p>
+
+<pb n='189'/><anchor id='Pgp0195'/>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!</q> klagte
+sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie
+in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und
+ab wandelte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war,
+fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und
+drehte an seiner Bartspitze.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht
+schrecklich?</q> fragte sie angstvoll.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,</q>
+gab er lächelnd zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was soll ich denn aber tun?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja –</q> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und
+kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche
+Falten legte; <q>da ist nun schwer etwas zu
+sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster
+Onkel, du weißt ja doch immer alles,</q> sagte sie, ihn
+vertrauensvoll anblickend.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten
+Manier losplatzen, <q>daß er besseres zu tun hätte, als
+über solche Dummheiten nachzudenken,</q> hatte aber doch
+wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn
+wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen
+Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte
+er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht
+widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber
+<pb n='190'/><anchor id='Pgp0196'/>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur
+anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer
+auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?</q>
+fragte er endlich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,</q> lautete
+die Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann
+heirate ihn doch.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz,</q> unterbrach ihn Ruth hastig,
+<q>wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn
+deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du
+doch?</q>
+</p>
+
+<p>
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen
+Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs
+Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen,
+wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb
+– überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen
+Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten.
+Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken;
+sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz
+sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig
+ratlos.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du
+dazu?</q> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.
+</p>
+
+<p>
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte
+aber nur die nichtssagenden Worte heraus:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, das ist nicht so leicht,</q> und fuhr dann
+plötz<pb n='191'/><anchor id='Pgp0197'/>lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen:
+<q>Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich
+heiraten zu wollen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das war so, Onkel Heinz,</q> begann Ruth; <q>gestern
+abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern
+hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch
+wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da
+ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint
+hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es
+war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung
+zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen
+Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und
+Ruth wurde immer dringender.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, gib mir doch eine Antwort,</q> bat sie
+flehentlich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein
+Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes
+Zeug zerbrechen,</q> fuhr er barsch heraus; als er aber sah,
+daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen
+stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte
+er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei
+Dank nur selten weinte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – wir wollen mal sehen, Kröte,</q> sagte er zärtlich,
+<q>was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will
+mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas
+dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige
+<pb n='192'/><anchor id='Pgp0198'/>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem
+Augenblicke ertönte draußen die Klingel.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn
+nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,</q> rief sie
+und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen,
+Ruth?</q> fragte er und empfand dabei die Beruhigung,
+daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade
+mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte
+ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr
+aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was
+ich tun muß.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm
+ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten
+abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei
+geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth
+stürzte aufgeregt herein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, was ist denn schon wieder los?</q> fragte
+Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!</q> jammerte
+sie laut.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was ist denn zu spät?</q> fragte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und
+Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat
+– ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun
+tun, was soll ich anfangen?</q>
+</p>
+
+<pb n='193'/><anchor id='Pgp0199'/>
+
+<p>
+Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben,
+trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment
+schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung
+fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und
+das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in
+lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden
+Randbemerkungen begleitete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich werde überhaupt nicht heiraten,</q> fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest,
+aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal
+die Hauptsache, das Heiraten,</q> sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde
+einen Mann nur quälen und unglücklich machen,</q> fuhr
+sie fort.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis
+einer edlen Seele.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – das müßte man doch erst mal abwarten,
+du bist noch lange nicht die schlechteste,</q> sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten,
+– du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das
+<q>Nein, nein, Gott sei Dank nicht,</q> kam doch in einem
+Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb
+wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der
+Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte
+wieder die freundlichen hellen Räume und als
+Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er
+an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu
+<pb n='194'/><anchor id='Pgp0200'/>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch
+schon von manchem Silberfaden durchzogen war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du, Onkel Heinz,</q> rief Ruth plötzlich und
+sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <q>wenn ich
+überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du
+es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang
+ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner
+Schulter ruhen. –
+</p>
+
+<p>
+Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine
+Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen
+und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen
+diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in
+dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb
+zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser
+zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem
+Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber,
+legte er seinen Arm um ihre Taille.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie
+bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den
+alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr
+Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun
+geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz
+auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner
+besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein
+ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen
+<pb n='195'/><anchor id='Pgp0201'/>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts
+Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl
+einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh,
+als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme
+sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes
+Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen
+erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte
+den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige
+Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten
+brauche, wenn man ihn auch gern hätte. <q>Gernhaben</q>
+und <q>Liebhaben</q> wäre doch ein großer Unterschied,
+erklärte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch;
+woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen,
+daß ich ihn nicht heiraten könnte,</q> drängte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm
+schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde
+dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit
+bereiten,</q> sagte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei
+Vater im Zimmer?</q> fragte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bewahre.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr spracht doch mit einem Herrn.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater
+und mir seinen Besuch machen wollte,</q> setzte Ilse auseinander.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so
+<pb n='196'/><anchor id='Pgp0202'/>schlimm,</q> sagte Onkel Heinz, <q>und ich werde auch noch
+mit Jansen sprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse
+ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten
+Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf,
+als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet
+hatte, von ihr genommen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch
+noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat,
+die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen
+besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+</p>
+
+<p>
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und
+Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich
+an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte,
+das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem
+Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht
+in kritischen Augenblicken.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft
+gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen.
+Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen
+unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jäckchen auszog.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt,
+fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?</q>
+Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.
+</p>
+
+<p>
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten
+<pb n='197'/><anchor id='Pgp0203'/>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las.
+Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein
+Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand
+leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem
+die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es
+begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände
+wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl
+hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen
+– und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht
+Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen
+wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –
+</p>
+
+<p>
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die
+Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief,
+um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster
+Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er
+stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht
+der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von
+Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser
+herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer,
+mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen,
+während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut
+ins Ohr schrie:
+</p>
+
+<p>
+<q>O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um
+Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch
+nicht zurückkehren wollte.
+</p>
+
+<pb n='198'/><anchor id='Pgp0204'/>
+
+<p>
+<q>Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt
+sie nicht wieder zu sich,</q> sagte Onkel Heinz auf einmal,
+nachdem er eine Weile zugesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,</q> meinte
+Ilse besorgt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, der kann auch nichts helfen,</q> erwiderte
+der Professor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben?
+Woher kommt es nur?</q> fragte Ruth voller Angst.
+</p>
+
+<p>
+<q>Woher das kommt?</q> wiederholte er bedeutungsvoll.
+<q>Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball
+schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt
+unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr
+unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann
+am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist
+kein Wunder.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er
+von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball
+angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen
+zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen,
+hilft nichts,</q> fing er wieder an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen
+Sie doch,</q> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch
+seinen Ton.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort,
+daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt.
+<pb n='199'/><anchor id='Pgp0205'/>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht,
+nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da
+gibt es doch nichts zu jammern,</q> rief er dann den
+Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,</q>
+konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht
+unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder
+einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich
+man hat kein Gefühl,</q> erwiderte er ruhig.
+</p>
+
+<p>
+Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort
+schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die
+Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in
+Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat,
+Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: <q>Na,
+Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für
+Geschichten!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein
+gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich
+an zu schluchzen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?</q> rief Thusnelda
+mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters
+– und trat mit der Schwester herzu. Der Professor
+drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie
+schweigen möchten, zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten
+Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor
+<pb n='200'/><anchor id='Pgp0206'/>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das
+herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor
+wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute.
+Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich
+unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal
+sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich
+zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein
+flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm
+innig die Hand. –
+</p>
+
+<p>
+Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung
+anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren
+Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer
+brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen
+einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die
+Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen
+Szene bei Gontraus. <q>Ja, ja, so etwas würde auch
+vorkommen,</q> schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und
+im Selbstgespräche antwortete er darauf: <q>es ist schon
+besser so.</q> Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die
+kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren,
+setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun
+ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die
+gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren,
+erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich
+Onkel Heinz doch am wohlsten.
+</p>
+
+<p>
+Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur
+das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier
+<pb n='201'/><anchor id='Pgp0207'/>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und
+knisterte.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt
+bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich
+vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich
+nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor.
+Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte
+ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das
+war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug!
+Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche
+Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie
+ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben
+habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches
+Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich
+ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt
+gewesen, daß er dasselbe erwidere.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals
+den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht,
+daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln
+können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte
+an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
+</p>
+
+<p>
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte
+von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so
+sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester
+und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen
+erfuhr der <anchor id="corr201"/><corr sic="Profossor">Professor</corr>, daß Marianne krank im Bett liege, daß
+man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung
+konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.
+</p>
+
+<pb n='202'/><anchor id='Pgp0208'/>
+
+<p>
+<q>Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen
+Liebe!</q> rief Ruth laut jammernd aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in
+verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,</q> entgegnete
+Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie ist aber so elend.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wird sich schon wieder erholen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Glaubst du wirklich?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,</q> redete
+er ihr liebevoll zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum mußte es auch so kommen?</q> klagte Ruth.
+<q>Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch
+auch nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich
+liebte?</q> fragte das junge Mädchen den alten
+Hagestolz in ernstem Tone.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor
+sich hin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?</q> fragte sie
+dann wieder.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dummes Zeug! Unsinn!</q> sagte er dann ziemlich
+schroff.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?</q> Und
+<pb n='203'/><anchor id='Pgp0209'/>als er nicht antwortete, fuhr sie fort: <q>Weißt du, Onkel
+Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was die Kröte da heute doch immer von Liebe
+schwatzt,</q> dachte der Professor bei sich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Willst du wissen, was ich wohl möchte?</q> fragte
+Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch
+feuchten Augen blitzten auf. <q>Willst du es wissen? Ich
+möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin,
+ich möchte – eine Künstlerin werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt
+hatte sie diese Worte ausgerufen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was
+eine Künstlerin ist?</q> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘
+nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an
+mit höchst wichtiger Miene.
+</p>
+
+<p>
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du, Onkel, hier – hier –,</q> sie zeigte auf
+ihr Herz, <q>da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht
+wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus,
+als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich
+und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann
+hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt
+es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als
+trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann
+denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder
+wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl!
+Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude
+<pb n='204'/><anchor id='Pgp0210'/>an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir
+traurig.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte
+sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese
+Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es
+machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand
+doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung
+funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind
+kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene
+Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt
+kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz
+sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine
+alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an,
+als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er
+sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie
+noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine
+andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch
+immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die
+da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich
+über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr
+losreißen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?</q>
+bemerkte sie lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hm!</q> brummte er nur und fuhr sich über seine
+Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal
+so.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> fing sie wieder an und schmiegte
+<pb n='205'/><anchor id='Pgp0211'/>sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund.
+<q>Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt
+mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da werde ich mich schön hüten,</q> warf er ein und
+lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu
+verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig
+bringen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll
+ich denn tun?</q> fragte er aber dennoch.
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß
+er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> kam es etwas zaghaft und zögernd
+von ihren Lippen, <q>wenn du doch nur mal mit den Eltern
+sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden
+lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich,
+und siehst du,</q> fuhr sie leidenschaftlich fort, <q>ich möchte
+so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein,
+will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur
+der Kunst leben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist ja Unsinn,</q> sagte der Professor ausweichend,
+aber sie unterbrach ihn ernsthaft.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein
+Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst.
+Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein,
+Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte
+er nun einmal nicht sehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch
+<pb n='206'/><anchor id='Pgp0212'/>immer gleich flennen müßt,</q> sagte er etwas unmutig,
+streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt
+bis tief in die Schläfen fielen und das feine,
+schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen
+ließen. <q>Aber das mit der Künstlerin schlage
+dir nur aus dem Sinn,</q> fuhr er fort, <q>das geht nicht,
+das geht auf keinen Fall.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin
+werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?</q>
+Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘
+verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne
+gehen wolle. <q>Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut
+dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die
+Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus
+wird nichts!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten,
+denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte,
+war ihm ein furchtbarer Gedanke. <q>Ja, ja, wenn das
+alles so wäre, wie es sein sollte,</q> setzte er wie im Selbstgespräche
+fort, <q>aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram,
+das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache.
+Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten
+Menschen überhaupt einen Begriff!</q>
+</p>
+
+<p>
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte
+schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß
+es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.
+</p>
+
+<pb n='207'/><anchor id='Pgp0213'/>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht,
+darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte
+ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben
+können, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den
+Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß,
+das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur
+oberflächlich und nicht das Richtige ist.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine
+Stimme ist nicht übel, das ist wahr,</q> sagte er einlenkend.
+</p>
+
+<p>
+Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und
+fragte nun freudig und zuversichtlich:
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch
+lange nicht,</q> sagte er abwehrend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Einziger, süßer Onkel, tue es doch!</q> bat sie und
+hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte
+aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß
+zum Lohn,</q> versprach sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Will ich gar nicht,</q> brummte er vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,</q> rief sie
+lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt
+abgemacht wäre: <q>Wann willst du denn mit den Eltern
+sprechen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Gar nicht,</q> erwiderte er kurz.
+</p>
+
+<p>
+Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte
+weiter:
+</p>
+
+<pb n='208'/><anchor id='Pgp0214'/>
+
+<p>
+<q>Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne
+krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht
+wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, bitte, sage ja.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, nein!</q> widersprach er heftig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen
+Augen widerstehen können! Der Professor konnte es
+wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und
+liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der
+Kröte nun einmal nichts <anchor id="corr208"/><corr sic="abschlagen.«">abschlagen.</corr>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!</q> rief er laut.
+</p>
+
+<p>
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und
+trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß –
+den versprochenen Lohn – gern ein. –
+</p>
+
+<p>
+Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig.
+Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele
+wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich
+schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege,
+der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach
+wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht
+hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne,
+weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander
+<pb n='209'/><anchor id='Pgp0215'/>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als
+sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man
+kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll
+gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig
+und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor
+aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als
+treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach
+natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles
+besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos
+war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten
+Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang,
+sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist.
+Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich
+von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich
+einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach
+Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst
+bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein
+peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl
+hervorgerufen haben würde.
+</p>
+
+<p>
+Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte
+Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von
+Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit
+dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie
+ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der
+Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine
+künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe,
+<pb n='210'/><anchor id='Pgp0216'/>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst
+des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich
+war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing
+wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich,
+ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch
+aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck
+in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches
+Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz
+tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild
+des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie
+noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte
+wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter,
+wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie
+bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande,
+den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst
+aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz
+eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter.
+Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste
+und beherrschte vollkommen die italienische Sprache,
+konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen.
+Na, und wenn er mit den beiden Kröten am
+Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die
+Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein
+geschworener Feind der modernen Malerei, über die er
+mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden
+<pb n='211'/><anchor id='Pgp0217'/>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann
+zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln,
+und er erzählte es später Ilse voller Stolz.
+</p>
+
+<p>
+Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen
+trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt
+hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und
+Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit
+nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte
+frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so
+daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde
+erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen
+war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+</p>
+
+<p>
+So verging der Winter und der Sommer und noch
+ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war.
+– Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen
+ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn
+in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von
+Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten
+hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten
+schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.
+</p>
+
+<p>
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte
+Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang
+hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft
+war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten
+und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen
+Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein
+welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen
+<pb n='212'/><anchor id='Pgp0218'/>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre
+Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald
+und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne
+erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese
+Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen
+war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben
+verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an
+den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne,
+umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im
+Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende
+Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn
+das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand
+und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr
+und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage
+das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die
+Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und
+gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige
+Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für
+den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt
+aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn nur alles gut geht,</q> sagte sie seufzend zu
+dem Professor.
+</p>
+
+<p>
+Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig
+gelernt, die kann ja was.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas
+zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das
+<pb n='213'/><anchor id='Pgp0219'/>nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun,
+was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth
+immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel
+Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin
+erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als
+auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na,
+und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir
+doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen
+den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine
+Sängerin fertig ist, dauert es lange.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu
+etwas Tüchtigem, das weiß ich,</q> versicherte Onkel Heinz
+mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt
+werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,</q>
+meinte Ilse und holte tief Atem.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu
+haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe
+Frau Gontrau,</q> sagte Onkel Heinz und legte einen
+Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen
+wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer,
+ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte
+sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das
+man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in
+<pb n='214'/><anchor id='Pgp0220'/>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und
+ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die
+wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel
+ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung
+und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine
+unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie
+oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend
+selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran
+gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen;
+sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht
+man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das
+ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles
+dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr.
+Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite
+schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige,
+wie wohl das Konzert ausfallen würde, in
+welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in
+der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein
+neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken
+zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber
+nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn
+Diplomatie war nicht seine starke Seite.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,</q> fing er dann
+plötzlich an, <q>bei Superintendents ist man wohl überglücklich,
+daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens
+ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern
+bei mir.</q>
+</p>
+
+<pb n='215'/><anchor id='Pgp0221'/>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde,
+<q>Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie
+hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und
+was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran
+gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, die <hi rend='antiqua'>selfmade men</hi>, das sind die besten,</q>
+warf Onkel Heinz ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt
+hat, nicht wahr?</q> fragte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich
+sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt,
+denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man
+wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die
+amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der
+Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen
+hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist
+doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an
+Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange
+drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß
+der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar
+nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen
+Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und
+da war die Sache bald abgemacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,</q>
+warf Ilse ein. <q>Er hatte es so gut bei den Leuten,
+die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß,
+<pb n='216'/><anchor id='Pgp0222'/>weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache
+des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er
+nicht tun sollen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig
+von ihm,</q> widersprach Onkel Heinz, <q>so wird das da
+drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten.
+Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du
+lieber Gott, schlechte Zeiten muß der <hi rend='antiqua'>selfmade man</hi> auch
+mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja
+nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen
+und Barone.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause
+in San Franzisko eine brillante Stellung haben.
+Rosi erzählte mir strahlend davon,</q> meinte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls
+ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem
+Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den
+spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,</q> gab Onkel
+Heinz zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab
+all die Jahre hindurch,</q> wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da hatte er ganz recht,</q> unterbrach sie der Professor
+von neuem; <q>er wollte erst was ordentliches werden.
+Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam,
+sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der
+hätte ganz anders behandelt werden müssen.</q>
+</p>
+
+<pb n='217'/><anchor id='Pgp0223'/>
+
+<p>
+<q>Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer
+dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es
+schreckliche Jahre,</q> erwiderte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr
+leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine
+andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt
+alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß
+mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,</q> neckte
+Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen
+Seitenblick auf sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr,
+Onkel Heinz?</q> rief Ilse lachend.
+</p>
+
+<p>
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um
+seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sind Sie denn nun ruhiger?</q> fragte er nach einer
+kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und
+als Ilse nickte, fuhr er fort: <q>Na, sehen Sie wohl, wie
+gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz
+genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang
+in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls
+viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin
+zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber das war doch kein Zuckerwasser,</q> berichtigte
+sie lachend, <q>das war ja Bromkali –</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Weiß schon, weiß schon,</q> unterbrach er sie schnell.
+<q>Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch
+nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser.
+Ver<pb n='218'/><anchor id='Pgp0224'/>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nützen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,</q> sagte
+Ilse; <q>bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig
+macht. Gehen Sie mit herein?</q> fragte sie dann den
+Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem
+Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber
+heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen
+wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen,
+die müsse Ruhe haben.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0218.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als
+er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange
+des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er
+überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen
+würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und
+da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre,
+wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo
+er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge,
+ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte
+sich schon am Morgen über den <q>wunderlichen alten
+Herrn</q> amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in
+welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle
+Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen
+aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung
+sein und nicht ein Tüpfelchen anders.
+Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den
+<pb n='219'/><anchor id='Pgp0226'/>fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt,
+das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten
+enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das
+Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht
+worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und
+zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus,
+die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht
+paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel
+Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge
+Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine
+Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich
+erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu
+alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten
+Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich
+lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden
+Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich
+besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte
+sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten
+jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen
+Menschen verkehren mußte.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte,
+schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach
+der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden
+sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte
+Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm
+sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit
+<pb n='220'/><anchor id='Pgp0227'/>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster
+schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die
+nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf;
+er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden
+waren, ging dann noch ein Weilchen auf und
+ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete
+Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits
+dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten
+Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle
+Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte
+beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete
+sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen,
+worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im
+Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen,
+Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie –
+und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder
+Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und
+kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es
+war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin,
+und bewundernd hingen seine Blicke oft an der
+reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn
+manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel
+ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor
+fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah,
+als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre
+Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und
+<pb n='221'/><anchor id='Pgp0228'/>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel
+Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg
+zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem
+Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten
+sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente
+gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange
+nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung
+von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich
+unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen.
+Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen
+wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an,
+seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte,
+waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet.
+Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die
+Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu
+glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze
+Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen
+durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der
+Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet
+hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast
+einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme,
+deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders
+hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte,
+daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo
+hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte
+sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu:
+<q>Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben
+<pb n='222'/><anchor id='Pgp0229'/>brauchten, hatte ich nun nicht recht?</q> Sie lächelte wie
+verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat
+Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut
+die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes
+Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille.
+Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand
+mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die
+frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten
+könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf
+aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur
+keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben,
+niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie
+Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte.
+Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine
+förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu
+Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde
+traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer
+Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl
+entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu
+warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die
+Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte
+er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne,
+aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach
+und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus
+seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe
+heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja
+nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter
+<pb n='223'/><anchor id='Pgp0230'/>ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter,
+und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende
+die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme.
+Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er
+nicht viel, nur die Worte: <q>Alte, gute Kröte,</q> wiederholte
+er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe
+klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige
+Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber
+dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In
+den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude
+hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch
+Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die <anchor id="corr223"/><corr sic="Zwillinge">Zwillinge,</corr>
+alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die
+Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr
+zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und
+Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war
+sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der
+jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre
+waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte
+zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war
+grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben
+Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,</q> sagte
+<pb n='224'/><anchor id='Pgp0231'/>Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten
+so nebeneinander standen. Direktor Althoff war
+aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen,
+die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte.
+Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch
+Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren
+leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden
+Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge
+Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den
+langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der
+Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre
+Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was
+sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht,
+aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein,
+denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese
+Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten
+Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich
+laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes,
+und mit harten Schritten ging der Kastellan über die
+Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit
+zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit
+den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und
+das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an
+einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause
+bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das
+<pb n='225'/><anchor id='Pgp0232'/>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte;
+bedächtig gingen die Alten hinterher.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, aus Kindern werden Leute,</q> sagte Ilse
+zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen
+zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick
+auf Ruth und Marianne: <q>Wie lange wird’s dauern,
+und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Über so etwas muß man eben nicht sentimental
+denken,</q> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern
+hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn
+er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu
+müssen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir
+mal allein sein werden?</q> fragte Ilse den alten Freund
+schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was fangen wir an?</q> wiederholte er und sah
+sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln
+über sein Gesicht, und er sagte: <q>Dann schreiben Sie
+doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.</q>
+</p>
+
+<p>
+Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und
+sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas
+rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse
+ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,</q> rief sie;
+<q>vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen
+Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da
+auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen
+<pb n='226'/><anchor id='Pgp0233'/>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar
+eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, das wird was Schönes werden,</q> gab der
+Professor zur Antwort, <q>eine schreibende Frau? Brr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie
+doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie
+bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war –
+eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter
+böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und
+ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle
+meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Durch mich?</q> fragte er, sie ungläubig ansehend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es
+mir nur,</q> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und
+der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie
+die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+</p>
+<p rend="margin-top: 4">
+<hi rend="font-size: small">Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses
+Bandes unter dem Titel <q>Trotzkopf als Großmutter</q> in gleichem
+Verlag erschienen ist.</hi>
+</p>
+ </body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <pgIf output="txt">
+ <then>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet,
+ ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.</p>
+ </then>
+ <else>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p>
+ </else>
+ </pgIf>
+ <p>Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht.</p>
+ <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
+ <list>
+<item><ref target="corr012">Seite 12</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“</item>
+<item><ref target="corr015">Seite 15</ref>: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“</item>
+<item><ref target="corr076">Seite 76</ref>: „Schmids“ geändert in „Schmidts“</item>
+<item><ref target="corr090">Seite 90</ref>: „langezogene“ geändert in „langgezogene“</item>
+<item><ref target="corr113">Seite 113</ref>: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“</item>
+<item><ref target="corr149">Seite 149</ref>: „Arger“ geändert in „Ärger“</item>
+<item><ref target="corr162">Seite 162</ref>: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“</item>
+<item><ref target="corr201">Seite 201</ref>: „Profossor“ geändert in „Professor“</item>
+<item><ref target="corr208">Seite 208</ref>: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter „abschlagen.“</item>
+<item><ref target="corr223">Seite 223</ref>: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“</item>
+
+ </list>
+
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>
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@@ -0,0 +1,6628 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen
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+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
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+Title: Aus Trotzkopf's Ehe
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+Author: Else Wildhagen
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+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
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+Language: German
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+Character set encoding: US-ASCII
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+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
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+ [Illustration: Einband]
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+ [Illustration]
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+ [Illustration: Titelseite]
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+AUS TROTZKOPF's
+EHE
+ VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
+ VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT"
+DRITTER BAND zum "TROTZKOPF"
+VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
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+Vierzigste Auflage
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+STUTTGART
+GUSTAV WEISE VERLAG
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+ Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
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+ [Illustration: Ornament]
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+"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen
+durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
+Maedchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
+Tuer zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geoeffnet hatte und hineinschaute.
+Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
+ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestuemen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
+nicht los.
+
+"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet,
+ihr Kroeten, ich werde euch kommen!"
+
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
+Junge aber und das aelteste der beiden Maedchen, ein dunkellockiges Kind mit
+blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
+Raufen und Balgen, dass sie wie ein Knaeuel umherkollerten.
+
+"Aber Ruth, schaeme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in
+diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
+dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Aermchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
+aber, Gontraus wilde Aelteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
+sich hinter seinen Ruecken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
+zurueck. Das war ein Hauptspass.
+
+"Kinder, so seid doch endlich vernuenftig," legte sich Nellie jetzt ins
+Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
+wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.
+
+"Ja, nun hoert endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
+die Uebermuetigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
+Worten:
+
+"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?"
+
+"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab
+er zur Antwort.
+
+"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da
+stand Ruth in seinem Hut und Ueberzieher, die er beide auf einen Stuhl
+neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fuer die Kinder, und
+bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ueber die
+Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Grossen nicht ernst bleiben.
+Natuerlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
+bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+
+"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
+mein Zimmer."
+
+"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen
+Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
+seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, dass er
+nicht von der Stelle konnte.
+
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
+warfen sich die Kinder ueber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
+ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schliesslich doch
+Gewalt gebrauchen musste, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den uebrigen hingen die
+Haare wirr um den Kopf, und aus den lebenspruehenden Kindergesichtern
+leuchtete die helle Freude ueber den gut gelungenen Spektakel.
+
+"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschuettelnd, aber solche
+Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflaeche
+erschien.
+
+"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den
+Professor ansah.
+
+"Ja, ja, Pruegel muessen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar boesem
+Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
+lustig zwinkernden Augen und wussten genau, so schaute er nicht aus, wenn
+er ernstlich boese war.
+
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Haende
+gerutscht waren, rueckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ueber sein
+kurzgeschorenes Haar, als wollte er fuehlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten waeren, aber sie standen nach wie
+vor gerade in die Hoehe, tadellos in Reih und Glied.
+
+"Mutter, duerfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und
+die andern bettelten ebenfalls.
+
+"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," quaelte sie, als die Mutter
+keine Miene machte, ihre Bitte zu erfuellen.
+
+"Da lassen Sie man die Kroeten mitkommen," legte er sich nun auch ins
+Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, dass seinem Patenkinde und Liebling
+Ruth etwas abgeschlagen wurde.
+
+"Kinder, da muesst ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen
+damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, dass
+sie in der Kinderstube bleiben sollten.
+
+Ohne weiteres fuegten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
+Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
+zufluesterte, dass sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schoenes holen
+sollte.
+
+Einige Minuten spaeter sassen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
+grossen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespraeche.
+Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verliessen, hatte Ilse sich wenig
+veraendert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
+waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
+voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
+gebaendigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
+hervor, kraeuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ueber ihre
+reizenden kleinen Ohren, zum Aerger Leos, von dem es eine gewohnheitsmaessige
+Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehoere auch das Ohr, ebensogut wie die
+Nase, und es verloere an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+sehen waere. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschoen wie
+frueher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, dass ihr Ausdruck ein geradezu
+sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm"
+stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
+auch recht.
+
+Nur bei einem einzigen Wesen liess sie "sanft" ohne den wenig
+schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
+Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
+gesiegt.
+
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos voruebergegangen wie an Ilse. Der alte
+Schelm in den Gruebchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frueher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingepraegt,
+die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
+und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
+wuerdige Frau Superintendentin geworden war.
+
+Althoff hatte als Direktor am staedtischen Gymnasium Karriere gemacht und
+konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
+machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
+da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stiess, sondern immer die
+lebhafteste Teilnahme fuer die geringfuegigste Klage fand, nahm er sich auch
+nicht im mindesten zusammen.
+
+"Du verwoehnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
+nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fuer ihn tun? Kinder, fuer die
+sie haette sorgen koennen, besass sie zu ihrem groessten Kummer nicht, sie
+musste aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
+lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast taeglich, spielte mit
+den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der groessten Liebe
+an ihr.
+
+In der Daemmerstunde erschien auch haeufig der Professor bei Gontraus, und
+meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
+dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie musste ja erst sehen,
+ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute noetigte Ilse
+zum Bleiben.
+
+"Es ist ein so koestlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und
+oeffnete weit die Fenster, damit die milde Fruehlingsluft hereinstroemen
+konnte. Auf der aeussersten Spitze des Birnbaumes draussen wiegte sich ein
+Starmaetzchen und sang aus voller Kehle in klaren und floetenden Toenen,
+aehnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Daemmerung
+senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die fruehlingslichte Natur,
+und am Horizonte erschien mattglaenzend die silberne Mondsichel.
+
+Der Professor hatte wie immer viele Ausfluechte, er habe keine Zeit, und zu
+Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse liess nicht locker, sie
+kannte ihn, er liess sich gerne zureden.
+
+"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie
+wusste, dass er schliesslich doch bleiben wuerde.
+
+"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem
+Nachdruck, "das ist auch recht gut."
+
+"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Buechern sitzen! Sehen
+Sie doch nur hier diesen wonnigen Fruehlingsabend, wie das duftet, wie die
+Voegel zwitschern, das ist ja alles viel schoener, als Ihr alter
+Buecherkram."
+
+"Buecherkram? Wieso alter Buecherkram?" fragte er, die Worte "alter" und
+"Kram" besonders betonend, waehrend er anfing die Spitze seines dunklen
+Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
+Ilse kannte es genau.
+
+"Mit Buecherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort.
+
+"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
+nicht gemeint. Aber Sie duerfen nicht immer arbeiten, Sie muessen doch auch
+mal ausruhen."
+
+"Ich weiss am besten, was ich tun muss," erwiderte er nicht gerade
+freundlich, doch Ilse liess sich dadurch nicht einschuechtern, sie kannte
+seine Art.
+
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
+Dozent an der Universitaet niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
+B. als Assessor taetig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als haeufigster Gast zu ihnen ins Haus.
+Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo muehsam in
+die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das naemlich nach
+seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst muesste
+mit dem Steinmeissel ein Loch geschlagen werden, da hinein kaeme ein
+Holzpfloeckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer grossen
+Umstaendlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass seine
+eingeschlagenen Naegel sich noch nicht von der Stelle geruehrt hatten. Trotz
+aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
+mit Rat und Tat zur Hand, so dass sie schliesslich bei vielen Dingen nicht
+ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
+einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
+und spoettische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
+nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur
+wenige Jahre aelter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+Universitaet her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
+Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
+Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine ruehrende Liebe
+zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er
+ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
+Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
+Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafuer besass er aber
+auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. -
+
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
+selbst zu holen.
+
+"Ich kann ja das Maedchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie liess das
+nicht zu.
+
+"Ich weiss nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
+deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in
+Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+nach Gontraus zu kommen.
+
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
+an.
+
+"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurueckhaltend, und wies
+jeden Einwand, den er machen wollte, zurueck.
+
+"Wissen Sie was," rief sie ploetzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister
+gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
+Jahre, Onkel Heinz - koennen Sie da widerstehen?"
+
+Er lachte.
+
+Die gemuetlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genuege. Die Geister, die
+ihnen entstiegen, waren nicht truebselig, es waren die des Frohsinns und
+der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugaenglich, ja
+unliebenswuerdig, und liessen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links
+liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kaempfe,
+ihn heranzuziehen, wenn eine groessere Gesellschaft versammelt war.
+
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
+langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.
+
+"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres uebrig als dazubleiben," sagte er
+vergnuegt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
+er macht sie regelmaessig zu suess."
+
+"Natuerlich, natuerlich," sagte Ilse, "doch dann muessen Sie mit in die Kueche
+kommen, Onkel Heinz."
+
+Er folgte ihr und traf nun in umstaendlichster Weise seine Vorbereitungen.
+Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, dass Onkel Heinz draussen
+erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ihm eine grosse, weisse Kuechenschuerze umgebunden, Marianne kletterte auf
+einen Stuhl und beugte das Koepfchen tief ueber die Terrine, aus welcher
+schon der aromatische Duft der Maikraeuter emporstieg, und Fritz fehlte
+natuerlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fuehrte er nocheinmal ein
+Glas an den Mund - sie war gut geraten.
+
+"Na, nun wollt ihr Kroeten wohl auch schmecken?" fragte er.
+
+"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich
+wollten alle nach dem frisch gefuellten Glase greifen, das er hoch in der
+Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreissen konnten.
+
+"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
+nichts!" Damit draengte er die verlangenden Kinderhaende zurueck, und der
+Reihe nach bekam jedes zu kosten.
+
+Bei dem einen Glase blieb es natuerlich nicht, Onkel Heinz fuellte noch
+einige Male nach.
+
+"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute
+sich ueber den guten Zug des Jungen, der zu den schoensten Hoffnungen
+berechtigte.
+
+"Aber, bester Professor, wie koennen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
+trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kraeftigen
+Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+
+"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Ach natuerlich, Kinder duerfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
+schaedlich!"
+
+"Schaedlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schaedlich sein, wer sagt
+das?"
+
+"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort.
+
+"Na ja, die Aerzte!" fiel Onkel Heinz mit hoehnischem Lachen ein; "wenn die
+so etwas behaupten, koennen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
+es nur Unsinn."
+
+Ilse aergerte sich ueber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
+ihre Laune war an diesem schoenen Abend eine zu gute, und die wollte sie
+sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ueber
+diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Missstimmung zurueck.
+
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
+Bett. Dem Quaelen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
+aufbleiben koennte, setzte sie ein unerschuetterliches "Nein" entgegen.
+
+Einige Zeit spaeter sassen die Freunde bei der Bowle vergnuegt zusammen, und
+Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ueber das gute Gelingen
+derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz daemmerig, aber draussen war es
+noch hell und licht, ein wonniger Fruehlingsabend. Jeder empfand in seiner
+Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sass manchmal stumm und
+blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor floetete
+jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+hellglaenzend vom Himmel ab.
+
+"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse
+uebergluecklich an. Die Freude ueber das gemuetliche Zusammensein blickte ihm
+so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
+trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
+Argusaugen darueber wachte, dass Fred ja nicht zu viel trank, fluesterte ihm
+leise zu, dass er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getraenke
+Kopfschmerzen bekaeme.
+
+Ilse hatte die leise Warnung gehoert.
+
+"Nellie, Nellie, immer musst du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
+nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
+eigenhaendig ein.
+
+"O," sagte seine Frau mit einem aengstlichen Blick auf das frischgefuellte
+Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
+Er sass so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie fuer Froesteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
+Platz mit ihr wechseln wolle, es kaeme gerade, wo er saesse, ein kuehler
+Luftzug herein.
+
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schliessen, Althoff und der
+Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spoettischen
+Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+
+"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Maedchen jetzt die
+Lampe hereinbrachte und sich der blaeuliche Mondesschimmer mit dem
+gelblichen Scheine unschoen vermischte.
+
+Jetzt so in der duftigen Helle da draussen hinzuwandern, in die
+fruehlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
+immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
+unbelauscht zu sein, ganz in der goettlichen Natur, o das waere eine Wonne!
+So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
+verfolgte sie fortwaehrend. Sie hoerte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
+von der neuesten Unerhoertheit eines Primaners erzaehlte, ueber dessen Haupte
+die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ueber
+Paedagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+unternehmen, wie man ihn fuehlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Fluegel
+zu verleihen scheint, sich ueber das alltaegliche zu erheben. In solcher
+Stimmung war Frau Ilse, und waehrend Leo und Nellie glaubten, dass sie
+gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
+und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
+abenteuerlicher Plan.
+
+"Kinder," rief sie ploetzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!"
+
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
+auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fuer die Kinder ein andrer
+werden muesse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
+sich ihr zuwandte.
+
+"Darling, was hast du fuer eine Idee?" fragte Nellie.
+
+"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr muesst mir versprechen, dass ihr
+nicht nein sagt, wollt ihr das?"
+
+"Da koennten wir ja schoen reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
+"Ja, Schatz, fuer so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten."
+
+"Also hoert," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -"
+
+"In fuenf Tagen," verbesserte der Professor ruhig.
+
+"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; ueberhaupt,
+Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie
+poetisch, wie romantisch!"
+
+Man war solche Einfaelle von Ilse gewoehnt, aber doch erregte dieser
+ploetzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwaende, der
+Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfuehrbar
+zu sein, aber Ilse wusste auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
+in den gluehendsten Farben aus, wie schoen es sein wuerde, bis sie
+schliesslich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.
+
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
+ausserordentlich verstaendig und liess deshalb die andern soviel reden, als
+sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
+seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
+Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+naechtliche Weg gut bekommen wuerde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, dass er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wuerde
+ihm ja auch sehr gut sein.
+
+So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
+der Partie ueber, die am naechsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
+als Onkel Heinz ploetzlich damit herausrueckte, dass er nicht mitgehen wuerde,
+er habe zu arbeiten, er koenne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
+wahrer Sturm ueber sein Haupt los!
+
+"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,"
+sagte Leo kategorisch, denn er wusste genau, dass er es schliesslich doch
+tat.
+
+"Was mache ich denn fuer Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit
+einigem Nachdruck, "was soll das heissen, Geschichten machen? Ich habe eben
+zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn ueberhaupt davon, ob
+ich mitgehe oder nicht!"
+
+"Natuerlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich
+haette ja sonst niemand, den ich aergern koennte."
+
+"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
+sagte, hatte fast eine wehmuetige Faerbung.
+
+"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas,
+um mit ihm anzustossen, denn sie hatte gemerkt, dass ihn ihre Neckerei
+empfindlich beruehrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswuerdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.
+
+"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt.
+
+Es war spaet geworden, als sich die Freunde trennten, denn ueber die
+bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu ueberlegen.
+Zum Schluss kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+
+"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die
+Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+
+"Aber glaubst du denn, dass die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte laengst
+erkannt, dass Ilse nur hoeren wollte, was Rosi, die ehrwuerdige
+Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wuerde. Und so war es
+auch!
+
+ * * *
+
+In dem huebschen Pfarrhause, das der Kirche gegenueber lag, sass Frau Rosi
+auf ihrem erhoehten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein grosser Korb mit
+Struempfen; einen davon hatte sie gerade ueber die Hand gezogen, und eifrig
+flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
+Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorueber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
+Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wuerden. Alles
+trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
+Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fuer suendhaft und wies ihn mit
+den Worten zurueck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, dass wir es
+jetzt auch entbehren koennen." Wenn es nach ihr ging, hoerte alles Streben
+auf. Jetzt, wie sie so da sass, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
+machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
+Freundinnen waere.
+
+In dem Zimmer waren die Moebel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
+Plueschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plueschdecke, und vier
+Plueschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkuerlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
+Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
+Ausschmueckung der Raeume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drueckende
+Atmosphaere lag es ueber dem Ganzen, und feinfuehlende Seelen wuerden in
+diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
+standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
+Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fuer diese
+Lebewesen noch sorgen zu koennen. Aber an gestickten und gehaekelten
+Gegenstaenden war das Zimmer reich, gestickte Sprueche an den Waenden,
+gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stuehlen und an der Erde. Der
+Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfraeulein auf gruenem Grunde,
+gehaekelte Decken lagen ueberall, wo es nur irgend moeglich war, gestickt war
+natuerlich auch die ueber die Kanne gezogene Kaffeemuetze, kurz ueberall,
+wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+haekelnder Haende, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistroesen
+aufgedrueckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
+fuer die Pastorin taetig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet musste es sein, darauf legte Rosi den groessten Wert. Sie
+selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleisse, sie naehte
+vom Morgen bis zum Abende fuer jeden etwas und waere es auch noch so unnuetz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
+musste, sie sorgte auch fuer andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
+Kranken und brachte ihnen Staerkendes; sie war auch in allen wohltaetigen
+Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
+aus Pflichtgefuehl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
+fuehrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+Pflichtgefuehle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+Kopf und hatte keinen Blick fuer die warme Fruehlingssonne draussen, die
+neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fussboden spielte,
+und sich sogar an die Plueschsessel wagte, so dass deren stumpfes Rot feurig
+aufleuchtete. Jetzt wurde die Tuer aufgerissen und Fritz stuermte ins
+Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
+
+"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie aergerlich; "wie
+oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!"
+
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
+legte jetzt seine Mappe und Muetze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
+die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+
+"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?"
+
+"Ja, Mutter, alles."
+
+"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?"
+
+Kleinlaut fluesterte er: "Sieben."
+
+Jetzt liess sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoss fallen und sah ihn
+an.
+
+"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
+und nicht an das Arbeiten denkt."
+
+"Es war so schoen bei Tante Ilse," warf Fritz ein.
+
+"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewoehnlich," unterbrach ihn
+die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das
+Vergnuegen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, dass du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!"
+
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betruebt vor sich nieder und dachte
+darueber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
+Fruehlingsluft draussen zu spielen, als ueber den langweiligen Buechern zu
+sitzen.
+
+"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
+gleich Kaffee."
+
+Fritz gehorchte. In der Tuere begegnete ihm ein kleines Maedchen von acht
+Jahren, seine Schwester. Ihre Aehnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
+vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.
+
+"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
+als waeren auch Liebkosungen eine Pflicht, als haette ihr Rosi gesagt, ein
+Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehoert. Aber dennoch war die
+Begruessung mit der Tochter eine weit waermere, als mit Fritz. Rosi strich
+ihr ueber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
+sich an einem der kurzen Zoepfchen gelockert hatte.
+
+"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zaertlich; "zeige mal, wie
+viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?"
+
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
+sie heute daran gearbeitet hatte.
+
+"Du bist ja ganz fleissig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
+glitt ueber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee."
+
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
+Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der waermenden Huelle befreite. Waehrenddem
+oeffnete sich die Tuer lautlos, und lautlos naeherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+
+"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
+als sie dicht neben sich ploetzlich den dunklen Schatten bemerkte.
+
+"Nun, bist du schon zurueck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?"
+fragte sie freundlich.
+
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
+grossen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
+an zu klappern.
+
+"Du bist aber auch immer fleissig, Tante," sagte Rosi, und ueber das
+faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Laecheln der Befriedigung
+bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
+als Muster galt, denn bei vielen wohltaetigen Vereinen sass sie mit im
+Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
+keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
+allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig veraendert, es war
+noch dasselbe gutmuetige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
+geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewusster in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
+Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
+sie gar nicht begreifen, dass der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draussen warteten ja schon die Freunde auf ihn.
+
+"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie
+den Kaffee einschenkte. "Adolf, du musst wirklich mal streng gegen den
+Jungen sein. Und wie isst er nun wieder! So iss doch nur langsam."
+
+Sie schuettelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.
+
+"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?"
+fragte der Pastor; "es ist so herrlich draussen."
+
+"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz muss arbeiten, er hat
+wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch
+einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, dass ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
+Stoss, damit er etwas sagen solle.
+
+"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich raeusperte, - er tat dies
+immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn
+das?"
+
+"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnuegen," antwortete
+der Junge offen.
+
+"Siehst du, da hoerst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie
+etwas werden."
+
+"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
+das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich
+ihm beruhigend ueber das blonde Haar.
+
+Rosi schuettelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, dass
+Fritz streng behandelt werden musste? In ihren Gedanken stand es fest, dass
+aus ihm nichts wuerde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
+Kind, kaum dass sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefuehl
+im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sass und ihr Broetchen
+verzehrte; Fritz dagegen konnte ueberhaupt keinen Augenblick still sitzen.
+Doch es war auch keine Kleinigkeit fuer ihn, hier in der Stube zu hocken.
+Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
+schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn aergern wollten;
+blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
+Kaffeezeit durfte nicht abgekuerzt werden. Was empfand sie von einem
+Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
+sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
+Praesentierbrett und raeumte die Tassen zusammen, Fritz schluepfte schnell
+hinaus.
+
+"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder,
+unbekuemmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefuehl ihrer
+Tadellosigkeit sonnte; sie wusste genau, dass sie viel besser war als der
+Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+
+"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der
+Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergraebst du sein Ehrgefuehl.
+Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
+geworden."
+
+"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwuerdig; tadle ich ihn
+wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt.
+
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie
+hervorbrachte, klang so dumpf, als kaeme es unter dem Tische hervor. Aber
+das Gespraech fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
+um den Finger legte und dabei etwas laenger zoegerte wie gewoehnlich, so war
+dies ein Beweis, dass ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
+aufs hoechste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+Geschirr abzuraeumen begann, inne und hoerte andaechtig zu.
+
+"Elisabeth, mache, dass du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
+deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+
+"Ich muss arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
+Geschirr stehen liess.
+
+"Sage Minna, dass sie den Tisch abraeumt," rief ihr die Mutter in sanftem
+Tone nach.
+
+"Warum faehrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
+Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll.
+
+"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
+gehoert sich nicht."
+
+"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiss ich; sie kann dreist so
+etwas mit anhoeren."
+
+"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.
+
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der grossen Brille mit gespanntem
+Blicke.
+
+"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets aergerlich,
+wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen."
+
+"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Maedchen
+schwach."
+
+"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz.
+
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ueber
+ihr Gesicht. Aergerlich stand sie auf, liess das Rouleau herab, und die
+kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervoes rueckte sie an den
+Tassen, suchte die Kruemchen von der Decke, waehrend der Pastor an das
+Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
+hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
+Lichtschein so ploetzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Haenden fiel.
+
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
+verbannten Strahlen wieder hereinliess, und rief aergerlich:
+
+"So lass doch das Rouleau zu; du sahst doch, dass ich es eben herunterliess,
+weil mich die dumme Sonne blendete."
+
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
+Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
+sicherlich wuerde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
+wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden waeren.
+
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
+packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
+gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
+wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.
+
+Die Roete der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
+eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
+Begruessung war ja nie eine stuermische oder auch nur besonders herzliche,
+wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
+bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+
+"Bitte, nehmt Platz," noetigte sie, indem sie auf die Plueschgarnitur wies,
+die in dem gedaempften Lichte wieder stumpf und farblos war.
+
+"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
+Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schoen, man moechte den ganzen Tag draussen
+sein."
+
+"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Ausspruechen von
+Ilse immer einen Daempfer auf, auch liess sie gar zu gern einfliessen, wie
+viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+
+"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es
+wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwaehrend ein.
+
+"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat
+zu tun."
+
+"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
+denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse uebermuetig. "Manchmal meine ich,
+dass ich ueberhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
+wenig Spass macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ewige Motto. Leo muss oft den Kuechenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
+habe."
+
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ueber diese
+Aeusserungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
+ahnte sie, dass derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fuehlte sich
+Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fuer
+ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
+schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
+Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
+herausrueckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
+wieder fuer eine ueberspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
+steigen! Das fehlte noch, dass sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empoert ueber ihren Mann, dass er ueberhaupt darauf einging,
+und er schien wahrhaftig die groesste Lust zum Mitgehen zu haben.
+
+"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gespraech, "wir wollen es doch erst
+ueberlegen; du kannst gewiss nicht fort."
+
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
+will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.
+
+"Aber dein Mann sagte doch eben, dass er sehr gut koennte," meinte Nellie,
+und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
+aus ihren Gruebchen.
+
+"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja
+mitgehen, wenn es ihm Spass macht."
+
+"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ueber eine solche Zumutung.
+
+"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!"
+rief Ilse begeistert.
+
+Rosi sah sie an und schuettelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
+eben nicht.
+
+"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte laechelnd Nellie, als haette sie Rosis
+Einwaende gar nicht gehoert.
+
+"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
+Ende, und sie kochte innerlich.
+
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
+in sein Zimmer zurueck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kuendeten
+nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drueckte die Tuere hinter sich ins
+Schloss.
+
+"Ich begreife dich nicht, Adolf, dass du immer und immer wieder etwas tun
+willst, was deiner Stellung nur schaden kann."
+
+"Ja, aber wie so denn, Rosi?"
+
+"Ach, tue nur nicht so, du weisst recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
+denken eben leider sehr frei, was euch Maennern natuerlich das liebste ist
+und am besten gefaellt."
+
+"Darin, dass man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
+Freies."
+
+"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
+unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf."
+
+"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig.
+
+"Eine solche Albernheit fuer erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi
+fort.
+
+"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
+lass uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen."
+
+"Das liebste waere es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht."
+
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
+Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
+gab es sobald kein Aufhoeren; er liess sie deshalb ruhig weiterreden.
+
+"Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich stets daran denke, wie die
+Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fuer meine
+Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen."
+
+Wenn Rosi ihr "Pflichtgefuehl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
+Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
+Schlusseffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
+Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
+seine Buecher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
+war fuer seine Frau das Zeichen, dass er sich auf keine weiteren
+Eroerterungen mehr einlassen wuerde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
+blieb stumm.
+
+"Dass du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal
+anzufangen.
+
+Keine Antwort!
+
+"Uebrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,"
+das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her."
+
+Wiederum Schweigen!
+
+Adolf schien vertieft in seine Buecher, aber Rosi war heute noch lange
+nicht fertig; mit nervoesen Fingern zupfte sie an den Fransen der
+Tischdecke.
+
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+
+"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, dass du etwas strenger
+gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
+Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluss auf den Jungen, und von
+dem eigentuemlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
+Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fuer einen Mann in solcher Stellung
+doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes."
+
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
+erregt wandte sie sich zum Gehen.
+
+"Natuerlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
+keine Lust dazu, nicht mal ueber die Kinder kann man sich aussprechen."
+
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Tuere jetzt unsanft ins Schloss fiel,
+stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
+
+Rosi schuettete nun Tante Emilie ihr uebervolles Herz aus und fand dort fuer
+alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
+ueber den Leichtsinn von Fritz, ueber die grosse Schwaeche seines Vaters, ueber
+die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ueber das freie
+Benehmen der beiden Freundinnen. Darueber hatte die Tante schon manches
+gehoert, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
+traeufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, dass andre Menschen
+ebenso dachten, wie sie.
+
+ * * *
+
+ [Illustration]
+
+Ilse betrachtete in den naechsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
+Spannung; das kleinste Woelkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
+hundertmal sah sie sich tagsueber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, dass das gar nicht noetig waere, denn wenn er sage, "es
+bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
+Interesse fuer die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
+bringen, zu pruefen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+gruendlichen Pruefung unterworfen, und dabei liess er eine laengere Philippika
+gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
+verbrochen hatte, insbesondere los. "Ueberhaupt welcher Unsinn, so spitze
+Schuhe zu tragen, da muessen ja alle Fuesse Krueppel werden," behauptete er
+und zeichnete einen normalen Fuss auf und einen, der in spitzen Schuhen
+gesteckt hatte. Beinahe waeren sie wieder in Streit geraten, als Ilse
+dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpoenten spitzen Schuhe
+noch einen normalen Fuss zu haben. Doch es ging diesmal noch gnaedig ab. Sie
+merkte, dass er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+Vorbereitungen mit der gewohnten Umstaendlichkeit getroffen wurden.
+
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
+Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdruecken. Fuer
+eine Expedition auf den Grossglockner konnte er nicht besser ausgeruestet
+sein, die dichtbeschlagenen Naegelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
+den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
+seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
+nicht vergessen haette. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
+schnell wieder ein, als sie bemerkte, dass er seinen Bart zu drehen begann,
+das untrueglichste Zeichen seines Unmutes.
+
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmaessig aus mit ihren kurz
+geschuerzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksaecken auf dem
+Ruecken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
+Sachen ins Coupe gelegt, waehrend sie draussen noch auf und ab spazierten.
+
+"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, dass
+Nellie ihres Mannes Rucksack geoeffnet hatte und demselben eiligst Sachen
+entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
+
+"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell
+die beiden Saecke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
+Hand.
+
+"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, waehrend dein Mann fast
+gar nichts zu tragen hat?"
+
+"Lass nur, _darling_, lass nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
+letzter Zeit so nervoes," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
+Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Traenen in die Augen.
+
+"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bisschen nervoes, du
+lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
+Modekrankheit."
+
+Nellie schuettelte wehmuetig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
+nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wusste es aber besser.
+
+"Du verwoehnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wusste ja aus
+dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, dass Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im uebrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
+Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
+neckischem Tone von der uebertriebenen Aengstlichkeit abzubringen.
+
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstaedtchen, einem Badeorte, von wo aus
+der naechtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
+Stimmung zurueckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
+und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
+Blick zuwarf und vergnuegt mitlachte.
+
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
+nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch groesser,
+jedenfalls sahen grosse und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksaecken auf dem Ruecken vielfach
+belaechelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
+daran sehen.
+
+"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kroeten!" wehrte Onkel Heinz sie mit
+seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle moegliche
+Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein boeses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
+stuerzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
+schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz ausser Atem kam und
+stehen blieb, um auf die uebrigen zu warten.
+
+Die Strasse, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
+Villenartige Haeuser zu beiden Seiten ruesteten sich schon fuer die
+Sommergaeste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tueren
+wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
+Gaerten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
+prangten bereits grosse Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige
+Wochen, und alles war fuer die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
+genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
+Sammelplatz fuer die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
+anhoerend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
+Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tuere des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schuerzen und
+wuschen Tische und Baenke ab. Sie hielten in ihrer Beschaeftigung inne, als
+die fuenf einsamen Gestalten vorueberkamen. Nun wanderten diese die Hoehe
+hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgruenen
+Schleier ueber ihnen woben, und aus dessen Zweigen froehliche Vogelstimmen
+toenten, wie eine Verkuendigung des nahenden Fruehlings.
+
+"O, wie schoen! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele
+und hing sich an seinen Arm.
+
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Staemmen ein
+wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzueckender Farbe.
+
+Die beiden Frauen stuerzten darauf los, und im Nu hatten sie einen grossen
+Strauss gepflueckt. Sie schmueckten damit sich selbst, die Huete ihrer Maenner
+und natuerlich auch den von Onkel Heinz.
+
+"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
+verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Straeusschen von Primeln und
+Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd liess er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+
+"Sehen Sie doch nur diese entzueckende Farbenzusammenstellung von Blau und
+Gelb!" rief Ilse.
+
+"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend.
+
+Ilse wandte sich ab.
+
+"Na, denn nicht," meinte sie.
+
+"Um Gottes willen, Gontrau, du laeufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz
+nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen."
+
+"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
+nicht schnell," sagte Gontrau liebenswuerdig und aenderte sofort das Tempo
+seiner Schritte.
+
+"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
+Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spoettischen
+Laecheln.
+
+"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
+habe ich den Ortler bestiegen."
+
+"Ach, du lieber Gott, diese Huegel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel
+Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
+in andern Weltteilen zu erzaehlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
+einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
+interessante Erzaehlung so gefesselt, dass sie schwieg und aufmerksam
+zuhoerte. Onkel Heinz war ein guter Erzaehler, und wenn er so recht im Zuge
+war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
+durchaus keine verknoecherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
+Feine Beobachtungen und Stimmungen liess er durchschimmern, die man ihm
+nicht zugetraut haette.
+
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
+Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
+Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
+in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
+Firmaments anschloss. Wie ein leichtes Froesteln ging es durch die Natur,
+als der farbenpraechtige Himmel allmaehlich verblasste, die goldig warmen und
+die blaeulich kuehlen Toene in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
+durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+
+Schnell huschte die Daemmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
+Gegenstaende verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ueber,
+verschwommen wurden die fernen Linien, alles loeste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Saenger des Waldes auf
+den Zweigen.
+
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
+im traulichen Fluestertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
+voran.
+
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
+draussen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
+Ilse wurde es etwas baenglich zu Sinne hier zwischen den hohen Baeumen, sie
+glaubte es ueberall knistern zu hoeren; bald sah sie sich aengstlich um, bald
+spaehte sie nach beiden Seiten in den daemmernden Wald. Mit jedem Schritte
+wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Staemme und herabhaengenden
+Zweige nahmen alle moeglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+vorueberzogen. Das Knacken und Knistern in den duerren Aesten auf dem Boden
+wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
+Unwillkuerlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
+angstvollen Augen dorthin, woher das Geraeusch kam. Wie es in Augenblicken
+grosser Furcht gewoehnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
+Wenn sie ueberfallen wuerden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zufluestern, wie sehr sie
+sich fuerchte, als ploetzlich zwischen den hohen Staemmen etwas hervorkam -
+ein grosser Hirsch, der quer ueber den Weg setzte und nach einer Lichtung
+zulief, wo er aesend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklaert, Ilse
+atmete auf, aber ein Gefuehl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
+zurueck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
+auch die andern meistens still.
+
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kuehl geworden, und dem
+fruehlingsjungen Waldboden entstroemte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
+rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlaefernd durch
+seine eintoenige Melodie, die sich anhoerte, als saenge es der zur Ruhe
+gehenden Natur ein Schlummerlied.
+
+"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hoehe.
+
+"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie aengstlich und nahm ihr Tuch von
+den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
+liebenswuerdigsten Weise.
+
+"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und
+diesmal antwortete er liebevoller.
+
+"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewoehnlich."
+
+"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!"
+fragte Nellie eifrig.
+
+"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel
+Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit."
+
+"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie.
+
+"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit
+Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
+Gegengift."
+
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
+einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
+Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
+Ratschlaegen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die Aerzte,
+schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen laecherlich.
+
+Leo, der mit Ilse ein Stueck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
+rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf
+einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Baeume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebaeudes
+erkennen, das wohl das Foersterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
+mussten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
+majestaetisch darueber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
+Silhouetten ab. Die Tuere des Wildgatters das den Wald abschloss, fiel mit
+dumpfem Tone zurueck, und nun standen die naechtlichen Wanderer in einem
+Garten, der zum Foersterhaus gehoerte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoss
+waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Muehe hineinsehen. Die
+Foersterfamilie sass um einen runden Tisch versammelt, ueber dem eine
+Haengelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
+Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weisse fiel ein heller
+Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemuetlichkeit
+durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
+von dem Kaiser und der Kaiserin an den Waenden, sie lachte aus den
+freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
+und umgab auch die kraeftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
+Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draussenstehenden
+tat es leid, dieses harmonische Bild zu stoeren, sie ruehrten sich kaum und
+betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
+Hunde im Zimmer unruhig, der Foerster erhob sich, kam zur Tuere heraus und
+nahm die spaeten Gaeste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
+hoerte, dass die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
+wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
+vor ihm standen.
+
+"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bisschen Schnee wird's da
+oben wohl noch geben."
+
+"Wir fuerchten uns nicht davor, Herr Foerster," erwiderte Ilse lustig und
+warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
+
+"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und liess sich
+in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, dass die lahm gewordenen Federn
+aechzten.
+
+"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wuenschen etwas zu
+geniessen," rief er hinaus.
+
+Die Foersterin kam herein, ihre Blondkoepfe hinter ihr her, aber diese
+blieben neugierig an der Tuere stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
+Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
+lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschaeftigte sich mit den kleinen,
+krummbeinigen Dackeln und dem braunen Huehnerhund mit den herabhaengenden
+Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedraengt und liess sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
+Augenblick innehielt, stiess er sie mit der Schnauze an.
+
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo draengten zum Aufbruche. Sie
+hatten mit dem Foerster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
+wollte, eingehend den Weg besprochen.
+
+Auffallend kuehl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
+dunklen Tannenwipfeln ueber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silberglaenzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
+verliessen sie die Landstrasse, die sich als heller Streifen durch die Wiese
+vor ihnen herschlaengelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
+steinig und muehsam zu erklettern war. Hier schied der Foerster von ihnen.
+
+Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Haende sich oftmals
+krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geraeusch zu hoeren war oder sie irgend
+etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevoelkert den Wald fuer
+furchtsame Geister ja mit allen moeglichen Spukgestalten, sie hoeren, wo
+nichts zu hoeren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
+es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie wuerde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
+doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
+unterdruecken.
+
+"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+
+"Seht ihr nicht die weisse Gestalt?"
+
+Eine weisse Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien naeher zu kommen
+und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse waere es bei diesem
+Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst ueberhoerte sie ganz die
+spoettische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+Gespenst losschritt. Ploetzlich toente ein schallendes Gelaechter durch die
+Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weisse Geistergestalt
+gestellt hatte und sich vor Lachen ausschuetten wollte.
+
+"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
+sehen Sie es sich an!" rief er laut.
+
+Ilse aergerte sich im stillen und schaemte sich zu gleicher Zeit, dass sie
+ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weisse Gestalt war ein heller
+Stein, ein grosser Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+
+"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fuer eine Gestalt halten," meinte
+Leo, welcher bemerkt hatte, dass Ilse dem Weinen nahe war und sie
+entschuldigen wollte.
+
+"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun faengst du wohl auch noch an, an
+Gespenster zu glauben?"
+
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
+
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemuetsverfassung fast teuflisch! Ja,
+Bloessen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
+Aber Rache ist suess! Der Augenblick wuerde schon kommen, wo Ilse sie ausueben
+konnte, jetzt war ihre Erregung zu gross, um etwas sagen zu koennen; sie
+wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+
+ [Illustration]
+
+Bei dem Geistersteine verliessen sie den Wald, ueberschritten den Fahrweg
+und waren nun auf der Hoehe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+tief, der frische Hoehenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
+der Blick frei, keine beengenden Baeume mehr, zwischen deren Staemmen man
+allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengross,
+ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Raendern und lag breit auf dem
+steinigen Wege und auf den niedrigen Foehren, zu deren Fuessen unter
+Steingeroell ein flinkes Waesserchen gurgelte, hastend und stuerzend, als
+haette es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
+Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
+unwillkuerlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
+nicht fortwaehrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
+
+Die frische Luft kuehlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
+Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
+Stille herrschte ringsumher.
+
+"O, wenn uns Rosi jetzt sehen koennte!" sagte Nellie.
+
+"Sie wuerde uns fuer verrueckt halten," meinte Fred.
+
+"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fuer verrueckt,"
+erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkoemmliche ist, blauer Himmel,
+goldner Sonnenschein, gruener Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
+schoen, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
+Aeusserlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
+sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders."
+
+Onkel Heinz hatte darin wohl truebe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
+man nicht nach dem Aeusseren beurteilen; um ihn kennen und schaetzen zu
+lernen, musste man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
+Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
+Doch heute fuehlte sie sich sehr geschmeichelt, dass der sonst stets
+absprechende Professor Gefallen an der naechtlichen Partie fand, wie es
+sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung musste aber auch das
+haerteste Gemuet bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
+sie ganz erfuellt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drueckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
+
+Gegen zwoelf Uhr sahen sie oben auf dem Bergruecken den Giebel eines Hauses
+auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
+welchen das Mondlicht blaeulich schimmernd lag. Allmaehlich wuchs das Haus
+immer hoeher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein grosser
+Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind ruettelte an den
+Holzlaeden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Foehren, durch die hohen Graeser. Drinnen lag schon alles im
+tiefsten Schlummer. Die Tuere war verschlossen, und erst, als man eine
+Weile maechtig dagegen gehaemmert harte, wurde ein schluerfender Schritt im
+Hausflur hoerbar, und die Tuere tat sich auf. Die fruehen und doch so spaeten
+Gaeste mussten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
+bevor es gemuetlich wurde, aber dann liessen sie es sich auch wohl sein im
+hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
+dem eine wohlige Muedigkeit folgte. Doch diese waehrte nicht lange, denn
+Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den uebrigen. Sie
+sprach viel Vernuenftiges und Unvernuenftiges durcheinander, war sprudelnd,
+lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureissen.
+
+Nellies Blicke hingen wie verklaert an ihrem Manne, dem die Partie so gut
+zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
+durch das Pulver, waehrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
+Kognak.
+
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
+Scherze der uebrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
+Krone auf, als er schliesslich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
+Urheberin dieser schoenen Partie, hielt, welche mit grossem Beifall
+aufgenommen wurde.
+
+"Ich haette gar nicht geglaubt, dass Sie so poetisch sein koennen, Onkel
+Heinz," sagte Ilse, als sie sich fuer diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
+ihre Mundwinkel zuckte es spoettisch.
+
+"Wieso?" fragte der Professor erstaunt.
+
+"Nun, einem so eingefleischten, nuechternen Junggesellen, wie Sie es doch
+sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie koennten
+nur ueber alles spotten und hoehnen."
+
+Onkel Heinz sah sie ganz bestuerzt an, er ahnte ja nicht, dass dieser Hieb
+die Rache dafuer war, dass er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
+ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, dass man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
+war es nun geschehen.
+
+Erst spaet erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
+Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
+Fensterscheiben, bis er im fahlen Daemmer des aufzeigenden Tages verblasste
+und die glaenzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustuere, den Kopf
+dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
+auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
+hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
+er konnte deshalb keine Ruhe finden. Ueber seinem Haupte jagten die Wolken,
+vom Sturme getrieben, am Mond vorueber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
+Blick fuer solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, dass
+am oestlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwaehrender
+Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmaehlich wieder
+verschwand.
+
+Lange noch blieb der Professor draussen.
+
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee sassen. Es
+sollte frueh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
+Laune, er sagte, dass er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
+Die Betten waeren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Laeden dumpfig
+gewesen, und als er sie geoeffnet habe, haetten sie geklappert, und das
+helle Mondlicht haette ihn gestoert.
+
+"O, Herr Professor, seien Sie nicht boese," sagte Nellie; "sehen Sie doch,
+wie schoen es draussen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen
+Fruehlingsmorgen.
+
+"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
+geschlafen," erwiderte er missmutig.
+
+"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fusse zuerst aufgestanden?"
+fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
+
+"Dummheit, solches altes Weibergeschwaetz auch nur zu wiederholen."
+
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
+Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Stoerungen willen lebhaft
+bedauert wurde.
+
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, dass es
+ueberhaupt ganz gleichgueltig sei, wie dieser oder jener Berg heisse, oder
+dieses oder jenes Dorf, es kaeme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+behauptete.
+
+Ilse, welche ahnte, dass sie wohl die Schuld an seiner ueblen Laune habe,
+hatte ihm innerlich schon die schoensten Beinamen gegeben, wie "alter
+Junggeselle", "Brummbaer" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
+neckischen Ton ihm gegenueber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
+
+Lustig verliess die kleine Gesellschaft etwas spaeter den Schneekopf. Der
+Himmel hatte sich inzwischen bewoelkt, der auf der Hoehe nie rastende Wind
+trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, ruettelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
+hinter den Gestalten der Wanderer her, dass ihre Kleider und Maentel
+flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
+Traenen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
+
+"Schneeluft," sagte Althoff.
+
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
+bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weisse Flocken hernieder, dann aber
+wurde es ein lustiges Gestoeber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
+legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Fruehlingsflur,
+aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der naechste warme Sonnenstrahl nahm
+ihn wieder mit fort.
+
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fusshoch, und
+darueber mussten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
+Fuesse bis ueber die Knoechel ein, was ein Hauptspass fuer Ilse war. Sie fand
+diesen "Winter im Fruehling" herrlich und konnte ihr Entzuecken nicht laut
+genug aeussern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
+hoechst aergerlich bis ueber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so dass nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+wenn er eine Schneeflaeche durchwaten musste. Auch Althoff war diese Art von
+Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
+
+"Liebster, ich muss dir einen Kuss geben, so himmlisch finde ich es hier,"
+rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kuessend, und stampfte mutig weiter,
+umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+
+"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schoen?" rief sie herausfordernd
+und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
+
+"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
+wischte die Glaeser, die nass angelaufen waren, wieder trocken.
+
+"Ein Unsinn, Gontrau, dass wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
+schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten waeren wir weit naeher
+gegangen," sagte er dann zu Leo.
+
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
+Behauptung. Schliesslich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
+drei Maennerkoepfe beugten sich darueber, bis Onkel Heinz zugeben musste, dass
+er unrecht hatte.
+
+"Die Juristen muessen ja immer alles besser wissen," sagte er.
+
+"Und die Zoologen sind immer streitsuechtig," entgegnete Ilse schlagfertig,
+Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
+Karte ueberzeugen muessen, dass dieser Weg der kuerzere ist."
+
+"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht massgebend,"
+entgegnete der Professor in unerschuetterlicher Streitsucht.
+
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Mass war voll und lief ueber. Alle
+Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
+jetzt laut. Er musste anhoeren, dass er ein alter Brummbaer sei, der jede
+Gemuetlichkeit stoere, und dass er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
+Ehepaare, wie sie und Althoffs waeren, ihn alten wunderlichen Junggesellen
+in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liesse, sie haette sich dies
+schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, dass Sie
+keine Frau haben, Onkel Heinz, die Aermste wuerde ich bedauern," schloss sie
+ihre Strafpredigt, die den andern hoechst komisch erschien, denn sie
+lachten laut darueber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
+Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
+dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ueber die Ohren, die
+Muetze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+
+"Seien Sie froh, Professor, dass Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
+es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu
+scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
+sich versunken ging er weiter.
+
+Gegen Mittag hoerte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
+Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
+die Sonne hell auf die bluehende Fruehlingslandschaft. In dem zarten Laube
+hingen noch unzaehlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
+erglaenzte unter dem schimmernden Nass, und auf den Wiesen, die sich als
+eine weite, gruene Flaeche bis zum naechsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+zwischen Halmen und Graesern feuchte Perlen; die Natur schien unter Traenen
+zu laecheln.
+
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verliessen, der in die Dorfstrasse
+einmuendete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
+und her bewegen, ueber die hinweg ein blaeulicher Rauch in die Hoehe zog.
+Unter den Traenen, die hier noch in den Augen erglaenzten, gab es kein
+Laecheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
+Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der roetliche Schein am Himmel in
+letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
+nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des grossen Feuers gewesen, dem
+zwanzig Haeuser zu Opfer fielen. Ein wuester Truemmerhaufen, aus dem es noch
+hier und da schwaelte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
+fast alles, was den Aermsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+koennen, ein paar Stuehle, Tische und Schraenke, ein Buendel Betten und
+Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
+grossem Werte fuer ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
+prueften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Gluecklicherweise war kein
+Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kuehe, Ziegen, Schweine,
+war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
+Weiber umher, aengstlich an sie gedrueckt die Kinder, bleich und verstoert
+sahen die Maenner aus.
+
+Das war ein trauriger Abschluss der schoenen Partie und ein beschaemendes
+Gefuehl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, dass sie
+die Nacht in Lust und Froehlichkeit zugebracht hatten, waehrend nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglueck in so verheerender Weise hauste.
+Das truebe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindruecke der letzten
+Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und uebernaechtig aus,
+im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
+in hellster Aufregung gewesen war.
+
+Eintoenig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
+erzaehlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wusste
+kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darueber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, dass ein altes Weib mit dem brennenden
+Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, dass es durch Kinder
+entstanden waere, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, dass es "angesteckt" sein muesse. So meinte auch der Wirt,
+der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
+Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestossen und
+sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber ploetzlich
+verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
+lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wuerde es ja
+herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloss der Wirt seine
+Rede.
+
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
+Gontrau besichtigten die Brandstaette mit dem Pastor zusammen, Nellie und
+Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen troestende Worte zu ihnen,
+die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
+alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
+denn auch die besten Trostesworte wuerden ihnen das Verlorene nicht wieder
+bringen. Hilfe muss auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
+die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
+Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
+Vorschlaege wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
+Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
+Waisenkinder stattgefunden, da wuerde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
+Anklang finden. Althoff wollte ein Schuelerkonzert veranstalten, das war
+schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
+aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+hartnaeckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+neuesten Ereignisse beschaeftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
+keine Beachtung. Die Vorschlaege wurden nochmals ueberlegt und geprueft, bei
+dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
+keiner zu gefallen, als Leo ploetzlich auf den Einfall kam: eine
+Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zuendend, besonders auf
+Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
+
+"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ueber das andre Mal, und auch die
+uebrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spoettisches
+Zucken um die Mundwinkel Ilse gluecklicherweise nicht bemerkte. Sie war
+Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
+musste ziehen. Sicher wuerde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
+gern ueberlassen, meinte Leo, und Ilse draengte, dass er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
+Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natuerlich
+auch sofort eroertert wurde, "welches Stueck?" Das war gar nicht so einfach,
+denn was fuer Schauspieler gut und passend war, brauchte fuer Dilettanten
+noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
+ueberlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stueck vorschlug, hatte wieder der
+andre alles moegliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne dass sie
+zum Schluss kamen.
+
+"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stueck, das Dilettanten spielen
+koennten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
+Telegraphenstangen zu zaehlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
+hinaus.
+
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; fuer Komoedienspiel hatte der
+Professor nie viel uebrig gehabt.
+
+"Mit Theaterstuecken weiss ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
+tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte
+Antwort.
+
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
+davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort uebel zu nehmen. Er lachte
+darueber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. -
+
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
+schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
+milden Lichtes hoch ueber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurueck und verdraengte fuer einige Zeit das letzte Erlebnis.
+Es war doch herrlich gewesen, draussen zu wandern im Mondenscheine, der
+heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
+ueber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen liess. Matt
+lag er auf den Schieferdaechern, auf den hellen Hauswaenden und den grauen
+Strassen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+Schimmer.
+
+Onkel Heinz verliess die uebrigen nach kurzem Gutenachtgrusse an der Strasse,
+die nach seinem Hause fuehrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
+stille Nacht.
+
+ * * *
+
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+Wohltaetigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Noetigste
+besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern ueberlassen worden.
+Taeglich wanderten Stoesse von Buechern aus der Leihbibliothek in das
+Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
+waehlen. Nachmittags kam regelmaessig Nellie, und der Abend wurde dazu
+verwandt, bei ihr oder Gontraus grossen Kriegsrat zu halten. Und wen die
+Sache noch aufs hoechste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
+wollten Theater spielen, darin lag fuer sie ein grosser Zauber! Schon einige
+Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
+Aufregung nicht einschlafen koennen, und die naechsten Tage wurde nichts
+anderes gespielt als Theater. Leo hatte schliesslich verboten, sie wieder
+mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
+Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
+begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
+Zeitlang, bis andre Eindruecke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafuer ploetzlich wieder aufs lebhafteste, sie
+horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
+sprachen. Das glaenzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
+Maerchenwelt eingefuehrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
+stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfuellt von dem
+Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
+Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
+grossen, blauen Augen verstaendnislos an, sie hatte mehr Sinn dafuer, ihre
+Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
+dagegen fuehrte allerhand Komoedien mit denen, die ihr gehoerten, auf, und
+wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
+in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
+im Bette liegen mussten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
+Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Traenen, Streit und ein
+Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluss.
+
+Nach langem Waehlen hatte man sich endlich fuer drei Einakter entschieden:
+"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Goerlitz und
+"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stuecke hatte man nun gluecklich, doch
+jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fuer das zu sorgen war, naemlich:
+die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kaempfen ist, kann nur
+derjenige nachfuehlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
+zustandegebracht hat.
+
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
+erstere glaubte, brauchte man nur an die Tueren zu klopfen, um gefaellige
+Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wuerde jeder einwilligen, sich fuer
+einen so guten Zweck herzugeben.
+
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas
+viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Kuenstlerinnen
+zusammen zu holen.
+
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
+Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ueber die kleinlichen,
+engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
+
+"Theaterspielen auf einer oeffentlichen Buehne!" Das war fast in allen
+Haeusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenruempfen dabei, als ob
+von den hoeheren Toechtern etwas Unerhoertes verlangt wuerde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+
+"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das koennen Sie nicht von
+meinen Toechtern verlangen, sich der oeffentlichen Kritik auszusetzen."
+
+"Ja, aber Ihre Toechter reichten doch im Bazar Bier und belegte Broetchen
+herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der
+oeffentlichen Kritik ausgesetzt?"
+
+"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres."
+
+Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
+einer laengeren Erklaerung der Dame, die es wohl selbst nicht wusste. Die
+beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
+
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
+dass sie sich auf einer oeffentlichen Buehne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+Schneiderin koennten ja nachher sagen: "Gnaedige Frau, was haben Sie aber
+schoen gespielt!"
+
+"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswuerdigsten Schelmengesicht, das sie
+stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie
+brauchten sich doch darueber nur zu aergern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin faenden, dass Sie schlecht gespielt haetten."
+
+"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, dass mir ueberhaupt an dem Urteile
+solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will
+mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen."
+
+"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
+keine Schande, ihr Urteil anzuhoeren," sagte Ilse, innerlich empoert ueber
+solche Anschauungen.
+
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darueber daechte sie nun
+einmal anders.
+
+Mit kuehlem Gruss verabschiedeten sich die beiden.
+
+"O, was ist sie verrueckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
+Strasse standen, aber Ilse war schon ganz kleinmuetig geworden und wollte
+die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tueren betteln
+und wuerde ueberall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
+Gedanken an eine Auffuehrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
+sie das Werk begonnen. Ilse war im hoechsten Grade aufgeregt; beinahe fing
+sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
+viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
+
+"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,"
+troestete sie.
+
+Bei der naechsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glueck; ja die
+Idee wurde sogar mit grosser Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
+fuer die armen Leute, von deren Unglueck die Zeitungen schon viel berichtet
+hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
+Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
+den Jahren, wo ein junges Maedchen anfaengt, "ein aelteres junges Maedchen" zu
+werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch aelteren Schwestern und
+ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die juengste und wurde "das
+Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schoengeistig angelegte Natur, sie
+dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fuer das Theater,
+selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon
+oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu uebernehmen.
+
+"Vielen, vielen Dank fuer Ihre liebenswuerdige Zusage, Fraeulein Born," sagte
+Ilse mit einem herzlichen Haendedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
+bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+
+"Das alte Fraeulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte
+Ilse draussen zu Nellie, waehrend das "alte Fraeulein" drinnen bereits mit
+der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebaeugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe koennte sie auch noch sehr
+gut spielen, sie haette sogar das richtige Temperament dazu.
+
+Ilse war hoch erfreut ueber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
+keinem Gedanken daran, dass dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+zappeln wuerde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante"
+nahte.
+
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
+Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+dagegen, und die beiden Toechter nahmen das Anerbieten mit grosser
+Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
+ein frisches Maedchen, die gewiss gern eine Rolle uebernehmen wuerde.
+
+ [Illustration]
+
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
+besetzt waren. Fuer die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
+es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache
+war abgemacht.
+
+Ilse und Nellie erzaehlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
+ihren Maennern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
+Begeisterung, die vorher den hoechsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wuerde die Idee mit ihren
+Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen koennten,
+gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber ueberzeugte sie sich noch
+mehr, dass eine Dilettantenauffuehrung zustande zu bringen nicht so schoen
+und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo musste ihr immer
+wieder Mut einsprechen. Er uebernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+
+Endlich fand die Leseprobe gluecklich statt. Gluecklich?
+
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube
+Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entruestung von Fraeulein Born
+zurueckgewiesen, und die beiden Fraeulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
+ihrer Freundin, die sie doch erst eingefuehrt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde.
+
+"Ach, das Dienstmaedchen soll ich spielen?" sagte Erna, die aelteste
+Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
+Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht
+und waere doch zu kurz.
+
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
+bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
+etwas in Gang.
+
+"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle
+fuegen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
+Wir muessen vor einem grossen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+blamieren."
+
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
+wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten
+Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden
+Ehemaenner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
+mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
+Kritiker sein.
+
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos oeffnete
+sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
+der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, dass ihm in den
+naechsten Tagen wenig Zeit uebrig bleiben wuerde.
+
+"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er aergerlich ueber die Stoerung.
+
+"Da, hier lies," rief Ilse. "Fraeulein Born will die taube Tante nicht
+spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wuensche
+nicht, dass sie als Dienstmaedchen in die Oeffentlichkeit trete. Wenn sie
+spaeter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Baellen zusammentraefe,
+koennte das zu Missverstaendnissen fuehren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
+nichts, es wird sicher nichts, Leo! Lass uns die Sache aufstecken,"
+jammerte sie.
+
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
+Ilse zu troesten und zu beruhigen, bis sie schliesslich auf dem Standpunkt
+der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ueber alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch hoechst amuesant, die Menschen auch mal
+bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
+
+Nellie ueberbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
+Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
+
+"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie waere es, wenn wir Fraeulein Born
+als Koeder den Prolog gaeben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?"
+
+"O, das tut sie, das tut sie gewiss!" meinte Nellie.
+
+"Ja, und das Dienstmaedchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das
+uebernehmen?" fragte Leo.
+
+"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stueck,"
+sagte Ilse ploetzlich. "Die Rolle des Dienstmaedchens ist ja eigentlich viel
+huebscher; dass ich daran nicht gleich gedacht habe!"
+
+"O, wie schade, du wuerdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie.
+"Kann ich nicht das Maedchen spielen? Aber ein Dienstmaedchen mit englischem
+Akzent passt doch wohl nicht?"
+
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie uebernahm das
+Dienstmaedchen.
+
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
+Kraefte wieder einzufangen.
+
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
+Zureden gelang es auch, Mietze zu ueberzeugen, dass die Rolle der sanften
+Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr huebsch sei.
+
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fraeulein Born. Die jungen Frauen
+wurden von den beiden aelteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der
+Singstunde, musste aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar sassen
+die beiden Fraeulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
+einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen
+beiden Parteien hin und her. Die aeltlichen Schwestern meinten, zu einer
+solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie
+diese Rolle spielen sollte, waehrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzuege
+derselben auseinandersetzte.
+
+Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube
+Tante" von sich, indem sie erklaerte, ueberhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+
+"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen
+schoenen Prolog gedichtet und hoffte, dass Sie ihn als Muse sprechen
+sollten; o, wie schade, dass Sie nicht mitwirken wollen."
+
+"Einen Prolog?" fragte Fraeulein Born einlenkend, und ueber ihr Gesicht ging
+es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
+weisses Gewand, klassischer Faltenwurf, gruener Epheukranz auf dem
+griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fuer sie!
+
+Ohne langes Zoegern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor
+dem Altare war - und erklaerte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
+die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schliesslich, damit troestete
+sie sich, war es doch nur eine grosse Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
+einer Alten zu spielen, und das wuerde man auch gewiss allgemein anerkennen.
+
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
+aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders grosse Angst gehabt.
+
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemuet durch solche Vorbereitungen
+versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
+beschaeftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie oefters laengere
+Selbstgespraeche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Dass sie die
+Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
+eine grosse Angst, ob alles gut gehen wuerde.
+
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
+nun die erste auf der Buehne stattfinden.
+
+"Mutter, lass mich mitgehen," bettelte Ruth mit glaenzenden Augen, aber Ilse
+wies ihre Bitte zurueck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
+so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
+Generalprobe vertroestet.
+
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
+leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. -
+
+Das Theater, von der Buehne aus gesehen, kannte fast keiner der
+Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
+Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
+im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
+tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkoepfige
+Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Huellen
+ueberzogenen Samtsitzen sass und ueber die goldverzierten Bruestungen lehnte.
+Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
+Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
+war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
+nach dem Platze, wo ein bluehendes junges Maedchenantlitz zu sehen war. Wie
+bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
+untereinander die Plaetze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
+sollten, um vor den neugierigen Blicken der grossen Menge draussen zu
+erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
+einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Buehne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt
+bedeuten! Neugierig wurde die Buehne von allen Seiten betrachtet; nuechtern,
+oede, geschaeftsmaessig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
+meisten doch anders gedacht! Man musste sich in acht nehmen, nicht ueber
+Geraete und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
+Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+taeuschend nachahmten. Ein buehnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
+liess es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklaerte den Schnuerboden,
+stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wissbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
+Aber trotz mancher Enttaeuschung ueber das "hinter den Kulissen" blieb doch
+die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+Zuegen ein; Fraeulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
+Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwaermerischen Augen
+sah sie in das leere Haus!
+
+Leo liess eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde musste erst
+befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
+und Direktor Althoff sassen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
+leuchteten die weissen Gesichter in der Dunkelheit.
+
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" ueberkam ein leises
+Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertoente und sie nun sprechen musste.
+Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
+
+"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertoente im
+gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
+hintersten Reihen des Parketts liess sich eine Stimme vernehmen:
+
+"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hoeren!"
+
+Fraeulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und musste auf Leos Geheiss
+noch einmal von vorn anfangen.
+
+Sie war empoert darueber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
+der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzueckt gewesen und
+nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+Betonung, die sie ueber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Traenen
+nicht zurueckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen.
+
+Siedendheiss ueberlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
+nichts, der Kelch musste geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.
+
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fraeulein Born auf, welche
+schluchzend in ihrer Garderobe sass.
+
+"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fraeulein, warum weinen Sie
+denn?" redete ihr Ilse zu.
+
+"Soll ich da nicht weinen, wenn ich oeffentlich blamiert werde?" gab das
+Kind ausser sich zur Antwort.
+
+"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," troestete
+Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.
+
+"Es waere besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
+mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders geruehmt, und meine
+Schwestern fanden, dass ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spraeche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hoert, verliert man alle Lust."
+
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
+wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Traenen eher noch reichlicher,
+als zuvor.
+
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
+Notiz genommen hatte.
+
+"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Aeusserungen," sagte sie nervoes
+zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt."
+
+"Ach, dann lass die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch graesslich," gab
+er eilig zur Antwort.
+
+"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!"
+
+"Sie wird sich schon wieder troesten, Schatz," sagte Leo fluechtig; er hatte
+jetzt keine Zeit zu laengeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
+"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen.
+
+Der Inspizient, Direktor Althoff, musste verschiedene Male an die Tuere von
+Fraeulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich oeffnete und das "Kind"
+auf der Schwelle erschien, mit geroeteten Augen und mit den Blicken einer
+erzuernten Goettin.
+
+Ilse war froh, als die gekraenkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
+schon geglaubt, dass dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfuehren und nicht
+mitspielen wuerde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
+Vorhergegangenen nahm, wies Fraeulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
+tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in
+einem Tone herunter, der genuegend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
+"muckte", wie ein stoerrisches Droschkenpferd, und selbst die
+Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
+sie nicht aufruetteln.
+
+"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muss besser zur Geltung kommen," rief
+Althoff ein ueber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an,
+die "taube Tante" sehr natuerlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
+dem zu hoeren, was ihr gesagt wurde. Leo liess sie denn fuer heute auch in
+Ruhe, als er merkte, dass alle seine Bemuehungen vergeblich waren.
+
+Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden
+ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
+Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
+reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mussten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
+geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswuerdige Geduld, er zeigte
+immer wieder, liess immer wiederholen, waehrend Althoff schon laengst auf
+seinem Sitze unruhig hin und her rueckte.
+
+"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
+Probe auch etwas baenglich zu Mute wurde.
+
+Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel
+glaenzend ins Wasser, bei jeder Annaeherung des Liebhabers zuckte der
+Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schuechternen
+Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und liess das
+"Schreckliche", ohne ein Glied zu ruehren, ueber sich ergehen. Fuer die
+Zuschauer ein hoechst spasshafter Anblick, fuer Leo aber auf die Dauer eine
+Qual. Er hatte es unzaehlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
+scherzend, liebenswuerdig, ernst, aber nun riss endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewaehlt.
+
+"So geht das nicht, liebes Fraeulein, wenn Sie -", er verbesserte sich
+schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns."
+
+Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
+- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
+wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
+die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spaeter sass auch sie
+in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer
+zwei an diesem Abend.
+
+Diesmal uebernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
+und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefuehlen. Einesteils fand
+sie, dass Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
+die grosse Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu laecherlich.
+
+Das "Kind" war auch hereingeschluepft, mit ihr die andern jungen Maedchen,
+sie mussten doch ebenfalls alles sehen und hoeren, was da vorging.
+
+"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben
+doch alle unser Teil bekommen, das naechste Mal werden wir es schon besser
+machen."
+
+"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Fraeulein Born mit
+spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
+besondere Ruecksicht."
+
+"Na, ich fuerchte mich schon vor dem naechsten Stueck, wenn ich dran komme,"
+meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden."
+
+"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie
+eben keinen Tadel vertragen koennen, wollen wir die Geschichte lieber
+aufgeben, die so viel Muehe und bis jetzt so wenig Freude macht."
+
+"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Fraeulein
+Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
+doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
+deshalb Theater, um mich nur zu aergern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
+glauben, dass er dumme Schulkinder vor sich hat."
+
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
+mit der Heftigkeit, wie ungefaehr eine Loewin ihr Junges verteidigt. Ein
+Wort gab das andre, die uebrigen mischten sich mit hinein, schliesslich
+sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht
+mitspielen", "ruecksichtslos" usw., tauchten wie Froschkoepfe in einem
+Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fuer
+zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
+an den weissgetuenchten Waenden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
+Seiten des Spiegels und das dicht verhaengte Fenster, durch welches kein
+Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
+Raum, und da war es denn kein Wunder, dass sich nicht nur die Gemueter,
+sondern auch die Koepfe erhitzten. Erika Blum sass auf dem einen der beiden
+einzigen Stuehle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
+zu. Die Traenen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
+sogar schon gelaechelt.
+
+Das Verschwinden der saemtlichen weiblichen Mitspielenden war schliesslich
+Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stuecke begonnen
+werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
+Damengarderoben muendeten, hoerten sie durch die Tuere ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draussen wie das Summen von vielen, in einer
+Schachtel eingesperrten Maikaefern anhoerte. Alles Rufen, Klopfen, Ruetteln
+an der verschlossenen Tuere wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+ueberhoert; erst als das Klopfen zu einem donneraehnlichen Droehnen anschwoll,
+glaetteten sich die aufgeregten Wogen. Fraeulein Borns Flacon, das sie
+stets, mit koelnischem Wasser gefuellt bei sich trug, wanderte von einer zur
+andern, die Taschentuecher wurden getraenkt und mussten die Wangen kuehlen.
+Dann erst wurde die Tuere geoeffnet.
+
+"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas aergerlich,
+aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
+Gesicht sah.
+
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
+Zeit mehr, es musste deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
+
+Auch die beiden andern Stuecke wurden nicht viel besser gespielt; es
+herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
+und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmaedchen im
+"ersten Mittagessen" so tragisch, dass man ueber diese komische Rolle eher
+zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
+keineswegs lustig zumute; bei den fortwaehrenden unangenehmen
+Zwischenfaellen konnte man unmoeglich seine gute Laune behalten. Die junge
+Frau, Erna Schmidt, musste ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
+werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, dass es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
+Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" liessen
+die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffuehrung durch
+ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
+gelacht.
+
+Ilse lachte nicht mit, sie war im hoechsten Grade aufgeregt. Da - zwischen
+den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+nach Leo hinueberflogen, konnte man schliessen, dass von ihm, und zwar nicht
+in der liebenswuerdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
+liebsten waere sie hingegangen und haette die zischelnde Gruppe gesprengt,
+aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
+und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
+
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
+Nellie mussten manche Ruege, manchen Tadel einstecken.
+
+Immer hoeher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
+unueberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
+Tagen schon sollte die Auffuehrung sein - das war ja ein Ding der
+Unmoeglichkeit! Und sie erzaehlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
+sich hinter den Kulissen, naemlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
+hatten.
+
+Leo brach in ein lautes Gelaechter aus, und Althoff meinte, ohne Zank koenne
+es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
+
+Ilse jedoch liess ihren Traenen freien Lauf, sie war abgespannt und nervoes
+von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
+
+"O, _darling_, du musst dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte
+Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!"
+
+Aber der Freundin Kummer musste sich austoben. Der einzige, der ihr recht
+gab und dergleichen auch hoechst aergerlich fand, war Althoff; er stimmte
+ihr vollstaendig bei, waehrend Leo die Sache von der komischen Seite
+auffasste.
+
+"Passt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse,
+"und was machen wir dann?"
+
+Leo lachte sie aus.
+
+"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
+sich die Sache ueberlegen; das Theaterspielen hat doch zu grossen Reiz fuer
+alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog
+sie in seine Arme.
+
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
+sie an Alpdruecken. Sie traeumte, dass sie in der engen Garderobe mit den
+andern zusammen, wie in einer Sardinenbuechse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
+Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, dass sie fuerchtete,
+erdrueckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rueckwaerts
+noch vorwaerts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein
+entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Buehne, die
+Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
+ihrer Rolle, die Klingel ertoente, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
+diesem Augenblicke der hoechsten Qual erwachte sie. Die helle
+Fruehlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
+erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
+Ruth mit einem Veilchenstrausse in der Hand, den sie eben aus dem Garten
+geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so boesartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+Theaterangelegenheit hoeren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
+Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Fruehlingsmorgen. Seit einigen
+Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken koennen, wie weit das Gruenen und
+Bluehen draussen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzaehlen
+- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
+der letzten Zeit etwas hatte vernachlaessigen muessen. Aber bald wuerde alles
+vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fuer sie allein da.
+
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
+aber seine Tuere war verschlossen gewesen.
+
+Onkel Heinz! Selbst fuer den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
+Gedanken uebrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, dass er sich
+nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darueber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hoeren, haette sie
+nicht ertragen, und an Spott wuerde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
+
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
+Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
+zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rueckweg begegnete ihnen Rosi.
+
+"Nun, ich hoere, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen
+Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darueber urteilen wuerde,
+konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch aergerte sie die Art, in
+welcher Rosi danach fragte.
+
+"Es ist nur gut, dass ihr es wenigstens fuer einen guten Zweck tut," fuhr
+sie fort; "mein Mann hat auch schon fuer die armen Leute sammeln lassen."
+
+Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?"
+
+"Ich weiss noch nicht, ob Adolf Zeit hat."
+
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
+gross und siegte ueber die sonstige Abneigung gegen das Theater.
+
+Vor der naechsten Probe hatte Ilse eine foermliche Angst. Doch es schien
+wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
+Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
+nachdem die groessten Schwierigkeiten ueberwunden waren, stellte sich auch
+die Lust und Begeisterung wieder ein.
+
+Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
+trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
+teilzunehmen, musste man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+
+Wie zwei gestrenge Waechterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
+Platz und blieben dort den ganzen Abend ueber sitzen.
+
+Taeglich wurde jetzt geprobt, und allmaehlich trat die richtige Stimmung
+ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
+gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
+Kritiken nicht mehr uebel.
+
+Sogar Fraeulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet
+und behandelte sie nicht mehr so gleichgueltig; auch der Backfisch war bei
+der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefuehlvoller als
+das erste Mal.
+
+So war man gluecklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewoehnlich
+nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffuehrung
+stattfinden.
+
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
+konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
+verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 1/26 Uhr sollte man dort
+sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
+fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
+
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Raeume; wo ja ein lichter Strahl
+von draussen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhaenge
+daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+
+Von der Buehne her toente Sprechen und Haemmern. Ilse lief schnell erst
+einmal dorthin, um Leo zu begruessen, der mit Althoff zusammen noch alle
+moeglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
+daran dachte, dass sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
+- welcher Zauber lag in dem Gedanken!
+
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
+Die Tueren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+wurden nochmals einer genauen Pruefung unterworfen, diese und jene kleine
+Aenderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfuemduft lagerte
+ueber dem Ganzen. Das "Kind" sass im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+aufgeloestem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Buerste und Kamm
+bearbeitete, waehrend die andre geraeuschvoll ein Ei mit Zucker in einem
+Glase zusammenquirlte. Das war gut fuer die Stimme und wurde der Erregten
+loeffelweise eingegeben; ausserdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
+Tische und ein Teller mit belegten Broetchen, um die Kraefte der vom
+Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
+den Haenden und memorierte fortwaehrend.
+
+"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das aelteste Fraeulein Born, als
+Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch
+wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!"
+
+ [Illustration]
+
+"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
+ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen.
+
+Und in der Tat, was das "Koennen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
+fuehlten nach ihrer Meinung nur gewoehnliche Sterbliche, Kuenstlerseelen, wie
+sie, waren ueber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, dass selbst
+die groessten Kuenstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und dass,
+wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewusst auftreten sieht,
+diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Kuenstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ueber welche
+der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
+
+In den Garderoben der jungen Maedchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
+Auch hier erwiesen sich Muetter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+vielerlei zu tun. Erika Blum liess sich noch einmal ihre Rolle ueberhoeren;
+besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
+hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen muessen. Wenn es nur
+heute abend gut ging! Sie sah uebrigens reizend aus, die huebsche Erika. Das
+blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ueber den
+Ruecken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
+zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
+sorgfaeltig ausgebreitet ueber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschaeft des
+Ankleidens musste nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fraeulein
+Borns Tuere verschwunden und wuerde gleich zu den andern kommen.
+
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffuehrung
+wuerden einem objektiven Beobachter eine Fuelle von komischen Eindruecken
+bieten. Da loest sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Naechstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
+zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder moechte zuerst fertig sein,
+zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Maedchen fuehrten zwei
+Muetter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, dass ihre Tochter
+die schoenste sei, und trotz des Eifers und der grossen Eile flogen doch
+verstohlene, pruefende Blicke hinueber und herueber.
+
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbuechse; er wurde sofort
+foermlich umringt.
+
+"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran."
+
+"Meine Haarfrisur haelt aber solange auf, Sie muessen mich zuerst
+frisieren!"
+
+"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
+richtig, oder muss der schwarze Strich unter den Augen staerker sein?"
+
+Der parfuemierte Juengling konnte sich vor so vielen Fragen und
+Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
+endlich schoss Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
+
+"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewoehnlichen Leben
+waren ihre frischen Farben ihr groesster Kummer, sie fand es interessanter,
+etwas blass auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkuenstler
+versicherte immer wieder, dass sie ausgezeichnet "wirken" wuerde, und die
+Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, suess, entzueckend!" Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ueber das
+reizende Toechterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
+Liebenswuerdigkeit, dass Erna und Mietze doch noch viel huebscher aussaehen.
+
+In demselben Augenblick flog die Tuere auf, das zweite Fraeulein Born
+stuerzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde"
+zurueckgeholt, denn die blonde klassische Peruecke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; ausserdem war das Schminken
+noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
+
+"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Fraeulein Born aengstlich, als
+die jungen Maedchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
+Dienstmaedchenkleid erschien.
+
+"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
+sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
+dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht graesslich aus?"
+
+Dass diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
+den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie laechelte ihrem
+Spiegelbilde wohlgefaellig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
+fortwaehrend, wie reizend sie aussaehe. Dabei legten sie immer wieder die
+weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+keineswegs klassischen Bewegungen seiner Traegerin verschoben.
+
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
+sich gegangen. Die blonde Peruecke, die Schminke und das griechische Gewand
+hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
+sie sonst im Leben nicht mehr besass. Fuer die uebrigen hatte die aufgeregte
+Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+
+"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schoen
+von Ihnen abstechen!"
+
+Und missmutig glitten ihre Blicke ueber das graue Kleid der "tauben Tante",
+das schlaff und dunkel an der weissen Wand hing. Dahinein musste sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
+eigentlich zu aergerlich.
+
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
+deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+jetzt mussten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein pruefender
+Blick in den Spiegel.
+
+"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel -
+schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
+fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?"
+
+Annas Haende flogen, waehrend die andre Schwester mit dem roten
+Staerkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," draengte sie und hielt
+der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
+
+"Vorsichtig, vorsichtig, dass die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, -
+dann rauschte es hinaus.
+
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Buehne
+versammelt. Man draengte sich an die kleinen Loecher im Vorhang, um ins
+Publikum sehen zu koennen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
+dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+stroemte es noch fortwaehrend herein. In der ersten Reihe sassen die beiden
+Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gross und erwartungsvoll auf den
+bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
+mochte; denn waehrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
+Kulissen tun duerfen - o, das war eine Wonne gewesen!
+
+Wie fernes Meeresrauschen toente das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
+laute Stimme heraushoeren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen toenten
+einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
+Instrumente stimmte.
+
+Alle diese Geraeusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
+zum Beginn ertoente und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+
+Nur wer einmal eine solche Auffuehrung mit durchgemacht hat, kann die
+allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
+ersten Male hebt, nachfuehlen!
+
+Die Buehne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
+im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertoente; voll
+Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Haende
+und Fuesse, haemmerndes Herzklopfen, momentane vollstaendige
+Gedaechtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
+Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
+weniger ergriffen hatte.
+
+Die Ouvertuere neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
+Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
+Fluegelschlag, - der Vorhang ging in die Hoehe.
+
+Das Gefuehl, welches Fraeulein Born beim Beschreiten der Buehne hatte, war
+demjenigen sehr aehnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
+Marterstuhl eines Zahnarztes niederlaesst. Vor ihren Augen tanzte das
+vielkoepfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
+Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Fluestern
+ueber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
+wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorueber.
+
+"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den
+Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
+und wie Sphaerenmusik klang das laute Haendeklatschen an das Ohr des
+"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal musste er sich wieder
+heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines
+solchen Augenblicks beschreiben!
+
+Mit geoeffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
+tief Bewegte, waehrend die andre schon wieder den bewussten Labetrank bereit
+hielt.
+
+"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
+wirklich wie eine grosse Kuenstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
+helfende Haende bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln.
+Hinein musste sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
+wurde ein Spitzenhaeubchen gesteckt. Der Friseur taenzelte um sie herum, und
+unter seinen flinken Haenden entstand ein wuerdiges Matronenantlitz.
+
+"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,"
+sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
+
+"Nein, nein, keine kuenstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte
+der gelockte Juengling und besah pruefend sein Werk, hier und da noch einen
+kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
+
+"Lassen Sie nur, Sie koennen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller
+Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draussen war, einen
+widerlichen, unverschaemten Menschen.
+
+Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
+entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
+auch die Umarmungsszene geriet weit natuerlicher als bisher. Mietze Schmidt
+und ihr komischer Liebhaber passten vortrefflich zusammen, und die "taube
+Tante" hoerte es mit Genugtuung an, wie man ueber ihre Schwerhoerigkeit
+lachte.
+
+Der Beifall war geradezu stuermisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
+war, und als Erika auf der Buehne erschien, flog ein wundervoller Strauss,
+ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fuessen nieder. Galant
+ueberreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
+konnte man doch bemerken, wie tief sie erroetete.
+
+"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
+Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
+steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid",
+so eilig hatten es die uebrigen, den Strauss zu sehen und zu bewundern. Er
+wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
+bereits an, ihre Gloeckchen zu senken, als sich so viele Nasen darueber
+beugten. Dieser Strauss war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
+mochte, darueber zerbrach man sich die Koepfe. Erika musste viel mit anhoeren.
+Sie wusste ja natuerlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es
+nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+
+Fraeulein Born aber meinte, anonyme Geschenke duerfe ein junges Maedchen
+eigentlich gar nicht annehmen, sie faende es wenigstens nicht schicklich
+und wuerde es sicher nicht tun.
+
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
+sie wuenschte schon, sie haette die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
+die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blueten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie moege sich nur ja
+darueber freuen, die andern waeren alle nur neidisch auf sie.
+
+"Wahrscheinlich wieder so eine Anbaendelei von der Erika; sie hat eben doch
+ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spaeter zu den Schwestern, und
+die huebsche Erika wurde von den dreien tuechtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das huebsche Maedchen!"
+
+Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmaedchenrolle erschien,
+erklang ploetzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
+Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
+sich gar nicht darueber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Aermel
+zupfte und zur Ruhe verwies.
+
+Uebrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
+wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
+einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse
+Dreistigkeit ueber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
+wenn der Vorhang in die Hoehe ging, sondern fuehlte sich schon ganz heimisch
+auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Buehne nach der Musik
+getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
+Darsteller, ueberbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natuerlich nur die
+guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
+
+"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,"
+sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelaechelt hatte,
+aber zu einem wahren Genuss nicht gekommen war.
+
+"Passend finde ich es nicht, dass eine Frau noch Theater spielt," warf sie
+ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ueber so etwas anders!"
+
+Die Betonung dieser Worte liess erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
+
+"Aber bedenke doch den guten Zweck, Roeschen; sie nehmen eine Menge Geld
+ein fuer die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem
+vollen Hause um.
+
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohltaetige
+Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggruende eines jeden auf seiner
+Stirn zu lesen gewesen waeren, die ihn heute abend ins Theater gefuehrt
+hatten, so wuerde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ueber die
+Wohltaetigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
+Oeffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen grossen Reiz.
+
+Zum dritten und letzten Male ertoente jetzt die Klingel. Die
+"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stuecke
+gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
+diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermaedchen, vorzueglich besetzt. Der Beifall war ein grosser, und
+zum Schlusse mussten die Spielenden vier- bis fuenfmal erscheinen;
+unermuedlich ruehrten sich die Haende der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
+dankten sogar mit lauten Bravorufen. -
+
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
+Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+uebergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
+und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
+wieder in das alltaegliche verwandelt.
+
+Mit wehmuetig zaertlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches
+Gewand, das die Schwestern soeben sorgfaeltig in den Korb einpackten. Wie
+schade, dass der schoene Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
+bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
+versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
+
+Ilse schien aber doch ganz froh darueber zu sein, dass die aufgeregte Zeit
+ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war -
+vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen wuerde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt."
+
+Und wie war es gelungen! Fuer allen Aerger im Anfang, fuer alle Muehe, war der
+Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
+Mark uebermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein ruehrendes
+Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schoenes
+Gefuehl, fuer ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
+viel Jammer und Elend zu lindern.
+
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffuehrung gab es natuerlich nur
+dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
+klang die Kritik ueberraschend aehnlich, da sie sich eben nur in
+Gemeinplaetzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstaendnislos,
+dass man genau wusste, hinter dem Ruecken sprachen sie ganz anders. Nur
+wenige aeusserten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, dass sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch dass sie dies oder jenes tadelten, sich manches
+anders gewuenscht haetten, war ein Beweis, dass man der Wahrheit ihrer Worte
+trauen konnte. Den groessten Spass bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hoerten; wie sehr
+wuerde darueber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
+triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase geruempft
+haben. -
+
+Fritz war am Tage nach der Auffuehrung heimlich in aller Eile gekommen und
+hatte sich von Ruth erzaehlen lassen, denn er selbst war natuerlich nicht im
+Theater gewesen. Rosi behandelte ihn ueberhaupt jetzt unerbittlich strenge,
+die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
+mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es muss und soll
+etwas Tuechtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn
+Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
+nehmen."
+
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifaelligem Kopfnicken begleitet
+und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ueber Kindererziehung
+zum besten, die in der Theorie nichts zu wuenschen uebrig liessen, jedoch in
+der Praxis wohl zu einem klaeglichen Resultat gefuehrt haben wuerden. Aber
+fuer Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
+ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
+und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
+nicht eingehst," haette man ihr zur Antwort geben muessen. Bei Tante Ilse
+fuehlte er sich so wohl, sie hatte Verstaendnis fuer den aufgeweckten Jungen
+und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
+Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Maedchen erregte
+stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+besitzen, hatte sie deren schwache Seiten laengst erkannt, und zwischen den
+beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsuechtiges Kind,
+Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
+
+Fritz hoerte mit offenem Munde Ruths Erzaehlung ueber das Theaterspielen an.
+Ach, das musste doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch haette
+sehen koennen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, dass selbst
+Ilse, die eben dazu kam, darueber lachen musste, und dann berichtete sie,
+welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt haetten.
+Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+vergeblich auf allen Plaetzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
+
+Ilse laechelte zu dieser Frage. Dass sich Onkel Heinz solchen
+"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wuerde, hatte sie wohl
+gewusst, aber auffallend war es, dass er sich gar nicht sehen liess. War er
+noch boese? Sie hatte darueber in den letzten Tagen wenig nachdenken koennen,
+aber jetzt kam ihr der Gedanke ploetzlich, und alles stand wieder deutlich
+vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
+uebrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
+Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne dass er kam - natuerlich: "er brummte
+wohl mal wieder!"
+
+"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse
+spaeter zu Leo, als sie mit ihm darueber sprach und auch er die Meinung
+aeusserte, dass der Professor zuerne.
+
+"Ja natuerlich, Ehemaenner muessen sich das Uebelnehmen mit der Zeit
+abgewoehnen," erwiderte er seufzend, aber die gluecklichen Augen, mit denen
+er seine Frau ansah, straften ihn Luegen.
+
+"Die Ehemaenner, welche sich am gluecklichsten fuehlen, beklagen sich am
+meisten," gab Ilse zurueck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine
+Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, waere dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frueher doch ganz anders
+geworden, nicht wahr?"
+
+Er zoegerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, dass
+sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
+sie sich des einstigen Trotzkopfes schaemte und sich nicht gern daran
+erinnern liess.
+
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
+sich alles wieder ins Gedaechtnis zurueck, was er gesagt und was sie
+erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum musste er sie auch
+immer so reizen!"
+
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, dass er schon seit laengerer
+Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die noetige
+Pflege haette finden koennen. Leo suchte ihn dort sofort auf.
+
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
+musste sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
+heimkehrte.
+
+Das Mitleid verdraengte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
+von freundschaftlichster Teilnahme erfuellt und malte sich das Bild des
+einsamen, kranken Junggesellen in den truebsten Farben aus. Warum hatte er
+auch nicht zu ihnen geschickt!
+
+"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
+doch koennte einer sterben und verderben, ohne dass man etwas davon merkt!"
+rief sie mit Traenen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
+als sie erfuhren, dass ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
+leidenschaftlichen Art fragte fortwaehrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
+nicht am Ende sterben wuerde, und liess sich kaum beruhigen.
+
+Am andern Tage musste Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
+und fragen, ob sie den Professor besuchen duerfe.
+
+Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurueck und erzaehlte, dass sich der Professor
+durch Ilse tief gekraenkt fuehle und durchaus nichts von ihrem Besuche
+wissen wolle. Darueber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
+deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie
+mit der Antwort auswich, dass er sich noch zu krank dazu fuehle.
+
+"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse
+hatte Not, die betruebten Kleinen wieder zu troesten und zu erheitern. Jetzt
+empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein muesse, der
+sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
+naechst ihren Eltern am meisten liebten.
+
+Am Morgen des uebernaechsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
+einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
+
+"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen -
+heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig
+abgebrochenen Saetzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
+Freude.
+
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
+er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, dass er sie am Nachmittage mit
+Mutter und Schwester erwarten wuerde.
+
+Fragend sah Ilse ihr Toechterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
+ihre Heldentat zu erzaehlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
+geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+
+"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbuechse gegeben.
+Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft.
+
+Das Kind war voller Stolz ueber diese eigenmaechtige Tat und erzaehlte immer
+wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand haette ihr
+geholfen, sie waere ganz allein an die Strassenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer staenden, und haette einem davon den Brief gegeben.
+
+"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann ploetzlich, und ohne eine
+Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
+
+"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Ruehrung.
+Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
+mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
+allerdings im naechsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
+Hassen war sie gleich stark. Fuer Onkel Heinz, den sie liebte, wuerde sie
+alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
+die sie sich geradezu unliebenswuerdig zeigte.
+
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurueck, auf welcher der
+Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermassen lautete:
+
+
+
+
+
+
+ "Lieber Onkel Heinz!
+
+"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben woerdest
+du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
+aufs Knie gefallen und Mutter und ich moechten Dich so gern in der Klinick
+besuchen und heute musste eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
+gebruelt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele gruese ich bruele aber nicht wen
+ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
+gegeben fuer den weg.
+
+ Es gruest Dich
+ Deine libe Ruth."
+
+
+
+
+
+
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen koennen; Ruth war nun einmal sein
+erklaerter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fuers
+Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spaeteren jungen Maedchens, sie
+war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+Heinz.
+
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
+sie durch alle Zimmer, singend und traellernd, oder in den Garten, wo sie
+einen grossen Maiblumenstrauss fuer den geliebten Onkel pflueckte. Jubelnd
+brachte sie Ilse den ersten Maikaefer, den sie eben gefangen und in eine
+leere Streichholzschachtel auf zarte, gruene Blaetter gebettet hatte - er
+sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
+
+"Da wird er sich drueber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
+auch fuer ein Kind, den ersten Maikaefer zu verschenken, den es so eifrig
+gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
+
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
+beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Aelteste hatte unterwegs in
+einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussaehe, ob da
+viele kranke Menschen waeren und wer weiss, was noch alles; ihr
+Plappermaeulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse musste sie
+schliesslich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tuere
+standen und die Glocke gezogen hatten.
+
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
+oeffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wuenschen fragte.
+
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, dass Ilse gleich
+hinaufgefuehrt werden solle, wenn sie kaeme, und die Schwester mit dem
+milden Gesicht unter dem weissen Haeubchen fuehrte sie deshalb ohne weitere
+Anmeldung die Treppe hinauf.
+
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Laeufern. Geheimnisvoll
+still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
+Zimmer, und wattierte gruene Tueren davor hielten jeden Ton, der stoerend
+nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorueber. Eine peinliche
+Sauberkeit herrschte ueberall, und in den grossen, hellen Fenstern standen
+bluehende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen
+etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
+
+Hinter einer der vielen Tueren verschwand nun die Schwester, und nach
+einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurueck, dass der Herr
+Professor bitten liesse einzutreten.
+
+Zoegernd ueberschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
+haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit grossen Augen
+musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wuensche angelangt war, wurde sie
+zaghaft und scheu.
+
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
+Krankenstuhle sass, eingehuellt in warme Decken, mit dem Aussehen von
+jemand, der schwere Krankheit ueberstanden hat, glich auch wenig dem alten
+Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
+jedem Spasse bereit war.
+
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
+besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem fluechtigen
+Haendedruck begruesst und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
+machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
+wandte er sich wieder an Ruth, welche zoegernd stehen geblieben war und ihn
+betrachtete.
+
+"Na, nun komm doch naeher, alte Kroete!" rief er endlich herzlich.
+
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
+hin und warf sich stuermisch in seine Arme.
+
+"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
+zurueckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
+noch enger an ihn.
+
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzaehlte von
+ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
+den ersten Maikaefer in seinem engen Gefaengnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schoen es im Theater gewesen sei.
+
+"Habe von der Mimerei gehoert," sagte Onkel Heinz kurz.
+
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
+den duftenden Blueten kam ein Stueckchen Fruehling in das nuechterne Zimmer.
+
+"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
+Mutter einen Stuhl; fix, Maedel!" rief er und konnte eine gewisse
+Verlegenheit nicht verbergen.
+
+"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenueber.
+
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespraech anzufangen, aber er ging
+nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
+denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschaeftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
+
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
+poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmueckt, und war
+nun enttaeuscht, dass der Professor jede Annaeherung abwehrte und auch nicht
+die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+verwegene Gedanken! Sie haette ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+wissen, dass er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+geschickt zu benehmen.
+
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
+leugnete er immer sehr bestimmt ab, dass er irgend etwas vermisse, wenn sie
+ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
+taeuschte er sich selbst? Darueber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
+sie sich mehr der Ansicht zu, dass er, um gluecklich zu sein, weiter nichts
+brauche, als seine Arbeit, seine Buecher.
+
+Und doch - ein eingefleischter Buechermensch hatte nicht das warme Herz,
+das Verstaendnis fuer die Kinder, wie er es besass! Er ging auf ihre Ideen
+ein, wie es niemand besser verstand.
+
+"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
+letzte?" fragte er in diesem Augenblick.
+
+"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entruestet, "ich bin niemals die letzte
+gewesen!"
+
+"Natuerlich, du Faulpelz, du kannst und weisst ja nie etwas, du bist die
+Duemmste in der ganzen Klasse .."
+
+"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!"
+
+"Schweig, du Kroete, ich weiss es besser!"
+
+"Ach, du weisst gar nichts, Onkel Heinz."
+
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wussten sie genau,
+dass sie sich alles moegliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
+solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
+Ruth alles moegliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+noch zu hinfaellig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+Kampf einlassen zu koennen.
+
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespraech anzuknuepfen doch er wandte sein
+ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie musste
+ihn tief, tief gekraenkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+
+"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in
+ihrem sanftesten Tone.
+
+"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!"
+
+"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort.
+
+"So nannten es die Aerzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann
+sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikaefer in den Bart gesetzt hatte.
+
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
+ihm sehr angenehm zu sein - fuerchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
+Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekraenkt und
+musste ihn wieder versoehnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
+verlassen vor, so trostlos traurig, dass sie nur der eine Wunsch beseelte,
+er moechte ihr verzeihen. Aber die Kinder mussten erst fort sein, er haette
+bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wuerden.
+
+Ruth wollte sich wie gewoehnlich widersetzen, wenn sie aus der Naehe ihres
+Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genuegte ein Blick auf
+Ilse, um ihr zu zeigen, dass mit der Mutter jetzt nicht zu spassen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+
+"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor.
+
+"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiss
+die groesste Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
+besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus."
+
+Onkel Heinz brummte etwas Unverstaendliches in den Bart, wobei er
+unverwandt durch das Glasfenster in der Tuere auf den Balkon blickte, wo
+seine kleinen Freundinnen den Maikaefer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+
+"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, dass Sie krank waren?"
+fragte Ilse wieder.
+
+"Das haette mir auch nichts nuetzen koennen, wenn Sie das gewusst haetten,"
+antwortete er nicht gerade liebenswuerdig.
+
+Dann schwiegen wieder beide.
+
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloss
+deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+
+"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr boese, Onkel Heinz?" fing sie an.
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Ich wollte Sie ja nicht kraenken," fuhr sie fort.
+
+"O - Sie kraenken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
+merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig.
+
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, dass er sie durch sein Benehmen oft reize
+und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrueckte doch lieber diese
+Bemerkung.
+
+"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
+dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
+
+"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein.
+
+"Ja, aber wieso denn?"
+
+"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
+Sie sagen, ich sollte froh sein, dass ich nicht verheiratet waere, denn ich
+wuerde eine Frau nur ungluecklich machen, na - und aehnliche Redensarten
+mehr!"
+
+"Aber, das ist doch alles nur Scherz!"
+
+Ilse musste beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
+zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespraech doch zu ernsthaft
+zumute.
+
+"Sie trauen mir wenig feines Gefuehl zu, wenn Sie glauben, dass ich den
+Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
+sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
+Nach einer Weile fuhr er fort:
+
+"Sie sind gluecklich, Frau Gontrau, Sie sind verwoehnt, zu verwoehnt, - denn
+offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort.
+
+"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glueck koennten Sie
+doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es laege Ihnen nichts
+daran und Sie haetten nur Interesse fuer Ihre Buecher."
+
+"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
+voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
+musste.
+
+"Halten Sie mich solcher Gefuehle nicht fuer wuerdig oder nicht fuer faehig?"
+fing er wieder an.
+
+"Dass Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,"
+erwiderte Ilse etwas verlegen.
+
+"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
+ueber das Gefuehl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas
+natuerlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, dass
+Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann,
+und hinter meinem Ruecken werden Sie gewiss darueber spotten und lachen."
+
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+
+"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
+fuer so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins,"
+fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?"
+
+"Nun, wie ich schon sagte, er verwoehnt Sie zu sehr, er laesst Ihnen zuviel
+Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie
+haetten ganz anders erzogen werden muessen."
+
+"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
+ein Haar dem Trotzkopf von frueher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das
+'Erziehen' wuerde ich mir von meinem Manne recht huebsch verbitten."
+
+"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben koennen, Frau Gontrau, dann wollen wir
+dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem
+Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+
+Aber sie bezwang sich heute, es waere sonst wieder zu einem neuen Streite
+statt zur Versoehnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
+ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fuehlte er oft!
+
+"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie ploetzlich, "warum
+nicht?"
+
+Er gab keine Antwort, aber eigentuemlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
+Sie konnte sich denselben nicht recht erklaeren, dennoch fuehlte sie
+instinktiv, was er ausdrueckte - es beunruhigte - es verwirrte sie.
+
+"Sie halten mich wohl fuer recht schlecht?" platzte sie in ihrer
+Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen."
+
+"Ich halte Sie fuer gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach,
+"sonst wuerde ich ueberhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
+nicht wahr? Schoene Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
+auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+nicht?"
+
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kaempfe
+er mit seinen Gefuehlen.
+
+"Gewiss, gewiss, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu
+absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
+seine Wissenschaft manchmal herunter!"
+
+Ironisch laechelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+
+"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres."
+
+"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind,
+dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+sagen."
+
+"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer missverstehen, Frau Gontrau. Nun
+wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
+Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persoenlich, es gibt ja
+doch Ausnahmen unter den Juristen!"
+
+"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell.
+
+"Sonst waere er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
+zur Antwort.
+
+Ilse amuesierte sich innerlich ueber die gute Meinung, die er von sich
+hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentuemlichkeiten gegen seine
+wahre Freundschaft fuer sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
+denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wuerde
+mit der Welt ganz abschliessen und ein Einsiedler werden, wenn die
+Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstoert werden sollte. War
+es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
+retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
+sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
+verlieren?
+
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
+erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhaeltnis doch nicht
+ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
+jedoch hinter dem Ruecken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
+gegen seine Ueberzeugung ging.
+
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fuehlte, dass sie ihm heute,
+in diesem Augenblicke viel, viel naeher gerueckt war als je zuvor, denn in
+solchem Masse hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
+hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
+
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und haette gern mehr darueber
+erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefuehl, das sie vorhin unter
+seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstaendig gewichen, sonst haette sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglueckliche Liebe?
+
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
+aufnehmen, aber sein veraenderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
+das war gut.
+
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefuehle zu offen
+gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
+mache er sich ueber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem
+wahren Galgenhumor.
+
+Unaufhoerlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
+sonnige Luft, welche die beiden Kinderkoepfe auf dem Balkon duftig umwob.
+
+Laut rief er sie bei Namen.
+
+"Ruth, Marianne, kommt herein!"
+
+Die beiden liessen sich das nicht zweimal sagen, ungestuem stuermten sie ins
+Zimmer.
+
+"Lasst die Tuere offen, Kroeten, es ist eine dumpfe Luft hier!"
+
+Ilse oeffnete Fenster und Tuere weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
+als der frische Zug von draussen hereinwehte - belebend, ermutigend!
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth froehlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang
+- weisst du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie
+schade, dass du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
+erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
+herunter?"
+
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+verlangten.
+
+"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer ploetzlichen
+Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den Aerzten vertragen,
+die Sie ja doch so sehr verabscheuen?"
+
+"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man
+denn machen, wenn sie einen in voellig wehrlosem Zustande in die Klinik
+schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!"
+
+"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
+Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!"
+
+"Haben die Aerzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!"
+
+Streiten musste er nun einmal immer.
+
+"Wenn Sie erst wieder ausgehen koennen, werden Sie sich gewiss schnell
+erholen in der himmlischen Fruehlingsluft. Duerfen wir bald mal
+wiederkommen?"
+
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswuerdigkeit; in dem unklaren Gefuehl,
+dass sie trotz allem einen nicht geringen Einfluss auf Onkel Heinz ausuebe;
+so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenueber zeigte,
+ebenso empfaenglich war er andrerseits auch fuer die geringste
+Freundlichkeit.
+
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+
+"Seien Sie nicht mehr boese, wir wollen stets gute Freundschaft halten."
+
+Onkel Heinz wusste, was es sie kostete, eine solche Bitte ueber ihre Lippen
+zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
+ihre Worte.
+
+"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
+
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr zaertlicher, namentlich von Ruth,
+die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+
+Als sich die Tuere hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
+und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurueck und schloss die Augen.
+Worueber er nachdachte? Wir wissen ja, dass er sein Inneres gut verbarg. Den
+Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
+er denjenigen manchmal beguenstigt, der auf hohem Berge steht und
+sehnsuechtig in die von grauem Nebel verhuellte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreissen sieht. Neugierig spaeht er hinab,
+sieht unter sich ein bluehendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schloss auf
+der Hoehe. Was liegt nun noch dort drueben? Was dort? Das moechte er wissen,
+moechte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
+sich die Wolken davor, alles verbergend und verhuellend.
+
+So hatte sich auch ueber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
+undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
+Blicke verbarg.
+
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
+und brachte seine Abendmahlzeit.
+
+"Soll ich das Fenster schliessen? Es wird zu kuehl, Sie koennten sich sonst
+erkaelten, Herr Professor," sagte sie freundlich.
+
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+
+"Lassen Sie nur offen! Erkaelten - erkaelten - ist ja Unsinn - Luft schadet
+nichts, will mich nicht verpimpeln."
+
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrueche der Kranken
+gewoehnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fuer ihre Pflicht hielt; sie
+schloss die Tuere und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kuehl. -
+
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
+um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu geniessen, und dabei erzaehlte
+sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
+und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Ruecksicht zu
+behandeln als bisher.
+
+Die Fruehlingsstimmung ringsumher, der schwermuetige Gesang der Nachtigallen
+machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
+einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
+einmal in einem ganz andern Lichte; seine aeussere Rauheit war nur Schein,
+dahinter verbargen sich schmerzliche Gefuehle von Einsamkeit,
+Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+kuenftig zarter anfassen und ihm zeigen, dass sie des ihr geschenkten
+Vertrauens wuerdig war.
+
+Unwillkuerlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurueck zu dem kleinen
+Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betruebt und
+nachdenklich, und fasste den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+sein. -
+
+Die geruehrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
+hielt zum Glueck nicht lange an.
+
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnuegt, ganz der Alte, und jedes
+mitleidige Wort, das Ilse ueber seine Krankheit, ueber sein einsames Leben
+an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, dass dabei gar nichts zu
+bedauern sei, denn er waere nicht sentimental angelegt und wuesste sich mit
+den Tatsachen abzufinden.
+
+So geriet allmaehlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
+Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
+Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbaer" usw., die
+ihn so tief gekraenkt hatten, bekam er nicht mehr zu hoeren.
+
+ * * *
+
+Die Rosen standen schon in voller Bluete, die Tage waren heiss, das frische
+Gruen der Gaerten wurde durch eine graue Staubdecke gedaempft - der Sommer
+war eingezogen und hatte den Fruehling verdraengt.
+
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schoenste gepriesen, wie
+kurz vorher sein Vorgaenger, der wonnige Mai.
+
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
+vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
+von sich hoeren lassen.
+
+Seitdem wir Flora als schwergepruefte junge Witwe verliessen, war eine
+Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
+sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie ruehrte keine
+Feder an, sie verfasste keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+ueberschwenglichen Worten. Der erste grosse Schicksalsschlag ging nicht
+spurlos an ihr vorueber, er ruettelte sie aus ihren toerichten Ideen auf, das
+Leben nahm fuer sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
+Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne dass es ihr
+eigentlich zum Bewusstsein gekommen waere, eine andre geworden, als sie den
+Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+Kaethchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
+sie von der Grossmama zurueck. Nach und nach gewoehnte sich die Kleine mehr
+an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Kaethchen schien es nicht vergessen zu haben,
+wie sie frueher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Muehe und
+Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhaeltnis zwischen Mutter und
+Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
+
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
+Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
+Landwirt! Was das fuer ein Kontrast sein musste, malten sich Ilse und Nellie
+oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, dass diese
+sich geaendert haben musste, denn sie klangen ganz vernuenftig, und nur
+selten noch erging sie sich in ueberspannten Schwaermereien. Ueber ihre zwei
+kleinen Maedchen von sechs Jahren, ein Zwillingspaerchen, schrieb sie
+gluecklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
+koennen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
+Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
+nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
+der schweren Zeit beigestanden hatten.
+
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
+hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
+herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, dass sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
+Hin- und Herueberlegen entschloss sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
+dass sie kommen und, wenn es ihr passte, um die und die Zeit mit den Kindern
+eintreffen wuerde. Ruths Ferien sollten in den naechsten Tagen beginnen, und
+auch ihr und Marianne wuerde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
+tun.
+
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunaechst
+als eine Unmoeglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
+Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
+Dienstmaedchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklaerte sie rund
+heraus.
+
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
+Direktor, sagte ihm, sie faende Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
+dies so beharrlich vor, bis er schliesslich selbst fand, dass seine Frau
+erholungsbeduerftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
+ploetzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge fuer ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewoehnliches und, wie sie
+meinte, Unnoetiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
+abquaelen musste, der musste gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
+er wollte in der staubigen, heissen Stadt allein zurueckbleiben und
+arbeiten, immer arbeiten; niemand wuerde da sein, der fuer ihn sorgte, wenn
+er muede und abgespannt nach Hause kaeme, niemand, der an eine Erholung fuer
+ihn daechte und seine Wuensche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
+erfuellen suchte. O, sie wuerde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
+nicht die Spur von Vergnuegen, sie wuerde fortwaehrend voller Sorge an ihn
+denken.
+
+Das alles klagte sie Ilse unter Traenen und ahnte nicht, dass diese sich
+heimlich ins Faeustchen lachte, als sie sah, dass ihre Bemuehungen
+erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fuer den nervoesen
+Direktor, dass er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewusst, was er an dieser Frau
+besass, die ganz und gar in ihm aufging und nur fuer ihn auf der Welt zu
+sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlaegen war bei Nellie nichts
+auszurichten; sie gab stets zur Antwort, dass Ilse gar nicht wisse und
+beurteilen koenne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fuer die
+Freundin fand sie dennoch, dass diese solche Dinge zu leicht nehme.
+
+"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, dass ich fort
+soll, sage ihm, dass du mich frisch und gesund faendest, und dass ich keine
+Erholungsreise noetig haette, denn er gibt so viel auf dich."
+
+Ilse wuerde sich wohl hueten, so etwas zu tun, das erklaerte sie ganz offen
+gegen Nellie. So musste sich diese denn ins Unvermeidliche fuegen. Fred
+hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehoert, aber bei den immer neuen und
+durch Traenen verstaerkten Auflagen derselben war er schliesslich so nervoes
+und ungeduldig geworden, dass sie endlich hatte nachgeben muessen. Wie ein
+Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
+fuer das Dienstmaedchen waehrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
+Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, ausserdem sollten zum Fruehstueck
+und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so dass
+der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
+
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
+begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer musste noch unzaehlige
+Ermahnungen ueber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
+aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Duete heraus, die von den Kindern
+mit Jubel begruesst wurde.
+
+"Ich bin ueberzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
+amuesieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
+Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, dass er ihren Mann jeden Abend zur
+Kneipe abholen wuerde, denn sie muessten doch ihre Freiheit geniessen.
+
+"Siehst du wohl," lachte Ilse.
+
+Aber spasshaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
+vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfuehren, er koenne so wenig
+vertragen und muesse es nachher immer buessen, wenn er je einmal des Guten zu
+viel getan haette.
+
+"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
+Laecheln, "ich werde auf die beiden Maenner achten."
+
+"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
+Worten gut herausfuehlte. -
+
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
+Taschentuecher aus dem Coupefenster den Zurueckbleibenden zum Abschiedsgrusse
+zu.
+
+Nellies gedrueckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
+beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwaehrend zu fragen und zu
+zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
+kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
+sie zufrieden zu stellen.
+
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
+letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
+
+Ihre Freude ueber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
+Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kuesste sie immer
+wieder.
+
+Und dann, als sie behaglich im Wagen sassen, musterten sich die Freundinnen
+untereinander mit grossem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht
+veraendert," hiess es. "Etwas staerker bist du geworden." "Und du siehst viel
+wohler aus, als frueher," und aehnliche Redensarten mehr wurden
+ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
+Trennung wiedersieht.
+
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile veraendert. Durch die
+Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
+passte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
+Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
+Wagen durch bluehende Wiesen und ueppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehoerte, hatte sie wieder
+den alten schwaermerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
+sie von dort etwas Besonderes erwarte.
+
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
+Zwar brannte noch heisser Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
+war derselbe weit ertraeglicher, als vorhin im Coupe, in dem eine
+Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
+
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwaeldchen, das unter den warmen
+Strahlen einen koestlichen Duft ausstroemte, dann bogen sie wieder in die
+staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Haeuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+
+Als sie die sauberen Haeuschen erreicht hatten, hinter deren
+blumengeschmueckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
+waehrend barfuessige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
+herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Koenigin in ihrem Reiche zu
+fuehlen.
+
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
+und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
+
+"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen,
+dass ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte
+sie im Vorbeifahren ein halbwuechsiges Maedchen, deren Antwort in dem
+Geraeusche der Raeder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in
+diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein."
+
+Die Dorfstrasse war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
+Feldweg, kamen dann an einigen grossen Scheunen vorbei, hinter denen
+stattliche Misthaufen den tuechtigen Landwirt erraten liessen, und fuhren
+nun in den Gutshof ein.
+
+"Vor das Schloss fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza.
+
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
+fuehrte, und hielt vor einem grossen kastenartigen Gebaeude - es war das
+sogenannte "Schloss". - Nur gut, dass ihm Flora selbst diese Bezeichnung
+gegeben hatte, denn Nellie und Ilse haetten es sicher nicht mit dem stolzen
+Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
+jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeisseltes Wappen ueber der Eingangstuer
+liess erraten, dass die frueheren Bewohner Adelige gewesen waren.
+
+"Es gehoerte einem Baron v. H.," erklaerte Flora, als sie bemerkte, dass die
+Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
+betrachteten. In demselben Augenblick oeffnete sich die Tuere, ein
+schlankes, junges Maedchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
+Blondkopf fuehrend - Kaethe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
+Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kaethe! Das
+verschuechterte Kind hatte sich zu einem huebschen Maedchen entwickelt,
+Nellie und Ilse mussten sie immer wieder betrachten. Und dann die
+Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzaehlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
+ihnen geschenkt hatte.
+
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
+keine Antwort.
+
+"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Haendchen," rief Flora, als sie
+sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmuehte.
+
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
+sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen luetten Druwaeppeln "Lining"
+und "Mining"; laendlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und straehnig blondem Haar.
+
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
+diesem Moment ueber die vier Kinder gleiten liess, als sie so beisammen
+standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am huebschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
+aber dass Ilses Maedchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
+unwillkuerlich aufzufallen, denn sie fand ploetzlich, Thusnelda und
+Hildegard muessten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
+haetten.
+
+"Sonst haben sie naemlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an
+Ilse und Nellie, und dann schalt sie, dass Kaethe ihnen die Haare so glatt
+gekaemmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ueber die
+Blondkoepfe, als koennten sich unter dieser Beruehrung die glatten Straehnen
+in Locken verwandeln.
+
+"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begruessung vorueber war, und
+fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?"
+
+"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete
+Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
+
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
+nicht verbergen.
+
+"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich moechte sie
+gerne sehen," bettelte nun Ruth, fuer die ein solcher Anblick
+hochinteressant war.
+
+"Spaeter, spaeter," antwortete Flora fluechtig.
+
+Sie hatte ihre Gaeste mittlerweile die Treppe hinaufgefuehrt und in die
+Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Aeusseren. Die
+weiss getuenchten Waende sahen sauber, aber nuechtern und kahl aus, der helle
+Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+Abwechslung in die Eintoenigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+soeben erst aus den reinigenden Wasserstuerzen hervorgegangen zu sein, denn
+ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
+die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Oeldruckbilder
+an den Waenden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Moebel,
+mit buntem Kattun ueberzogen, bildeten die Einrichtung; ueber die
+Tischdecke, schwarz mit grossen roten Blumen, war als Schutz noch eine
+weisse Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein grosser
+Feldblumenstrauss - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwoehnten
+Staedtern eine Wohltat, und mit noch groesserer Wonne sogen sie die herrliche
+Landluft ein, welche durch die offenen Fenster stroemte.
+
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefaellt es
+euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmuetigkeit alles.
+
+"Nicht wahr, es ist recht gemuetlich hier? Die Moebel stammen noch von den
+Grosseltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte
+dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht
+weiter stoeren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+erwarte ich euch im Esszimmer - im unteren Flur die Tuere rechts."
+
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
+Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, waehrend Ruth die kleinen
+Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlaeufig noch viel
+mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
+meinte, die haette sie noch gar nicht gern, sie spraechen ja nichts und
+saehen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+waeren.
+
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
+Urteil, indem sie ihr klar machte, dass sie dergleichen ja nicht etwa zu
+Tante Flora, ueberhaupt nicht zu andern sagen duerfe.
+
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spaeter ins Esszimmer,
+einen grossen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kaethe und
+den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+hoechst neugierig waren.
+
+Nur fluechtig glitten deshalb Ilses Blicke ueber die praechtigen Geweihe an
+den Waenden, die sie sich als Kennerin sonst gewiss eingehend betrachtet
+haben wuerde, und blieben an der maechtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmaechtige Frau vollstaendig verschwand. Die
+aesthetische Flora und dieser Koloss, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, -
+einen groesseren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
+Schultern sass ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
+seine kraeftigen Haende; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
+Falte ueber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkoerperten Bilde
+der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklaerende Brille der Poesie an?
+
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
+ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
+strich ueber seine Stirn und fand, dass er sehr erhitzt waere. Hatte er wohl
+sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Laecheln von
+Nellie vermuten.
+
+"Der Aermste hat in der grossen Hitze auf den Feldern sein muessen," wandte
+sich Flora an die Freundinnen, waehrend man sich um den Tisch zum Essen
+niedersetzte.
+
+ [Illustration]
+
+"Ja, ja, es ist zum Braten draussen," erwiderte er und wischte sich die
+hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den
+Coupes, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+
+"O ja," lachte Ilse, "aber dafuer haben wir's auch jetzt gut, hier ist es
+ja herrlich kuehl. In der Stadt fanden wir es unertraeglich und freuten uns
+deshalb sehr, als Ihre liebenswuerdige Einladung ankam."
+
+"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausfluege machen koennen! Die
+Umgegend ist so schoen," sagte Flora.
+
+"Was? Wetter schoen bleiben! Regen muessen wir haben, es ist die hoechste
+Zeit. Der ist so noetig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
+alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter fuers
+Vieh mehr haben."
+
+"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gaeste haben, duerfen wir uns doch
+keinen Regen wuenschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
+peinlich, dass er so sprach.
+
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+
+"Ich bitte dich, Flora, dein Mann muesste kein guter Landwirt sein, wenn er
+nicht so daechte. Als einstiges Landkind weiss ich ganz genau, was es
+bedeutet: kein Regen!"
+
+"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll
+Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
+
+"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
+Frau Althoff erzaehlt."
+
+"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
+vieles durch den Kopf, dass ich fuer so etwas kein Gedaechtnis habe."
+
+"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
+
+"O, das kenne ich von Fred genau," troestete Nellie. "Der arme Mann ist oft
+so vergesslich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
+seine Nerven auch sehr herunter."
+
+Hieran anknuepfend erzaehlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
+vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden waere, ihn zu verlassen,
+da er ihrer Pflege so sehr beduerfe.
+
+Flora hoerte geduldig zu und troestete so gut sie es verstand.
+
+Waehrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine laengere
+Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tuechtig
+zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die grossen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Uebrigens wurde
+ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
+Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafuer war er zu
+derb, dabei aber natuerlich, offen und in seiner Art liebenswuerdig, das
+Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
+seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
+die fuer alles was dazu gehoert, viel Verstaendnis hatte. Sie erzaehlte ihm
+unter anderm, dass ihr Vater jetzt einen grossen Teil seiner Laendereien mit
+Zuckerrueben bebaut habe, und dass er zur bequemen Befoerderung der Rueben
+eine kleine Bahn ueber die Felder legen liesse; sie konnte ihm ueber alle
+Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
+interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
+Felder zur Ruebenkultur vorzubereiten. Sie sprach ueber die neuen
+landwirtschaftlichen Maschinen, ueber die besten Duengemittel wie ein
+Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfuehrungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintraeglich werden
+wuerde.
+
+Flora hoerte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
+die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, dass August seine
+Nachbarin nicht ueber andre Gegenstaende unterhielt. Als sie aber merkte,
+dass Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
+beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
+Aufregung darueber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
+gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darueber
+auszufragen.
+
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und sassen nicht mehr
+so schuechtern und still auf ihren Stuehlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
+Ruth besonders rueckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkuendete, dass der
+Kaffee unter der grossen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+
+Dort war es koestlich! Die breiten herabhaengenden Aeste woelbten sich zum
+schuetzenden Dach ueber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
+kleinen Ritzen und Loecher in dem gruenen Blaettergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstuehle und Baenke,
+auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gaesten
+niederliessen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+Haaren und Kleidern. Von dem grossen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+Rosenbeet seine suessen Duefte herueber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+Reseda, womit die Beete eingefasst waren.
+
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ueber den wonnigen
+Platz, und letztere dachte im stillen, dass diese gruene farbige Umgebung,
+die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fuer den rosigen Hausherrn
+und seine ebenso rosigen Toechter abgeben, als es die gedaempften Toene im
+Zimmer taten.
+
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengrosse
+Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fuer die Kinder
+eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
+ein Stueck davon auf dem Teller hatte, liessen sie ihn nicht aus den Augen.
+
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
+auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
+doch endlich zu dem heiss ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Ueberhaupt was gab es da alles fuer die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
+waren ihnen diese Dinge nicht, sie wussten ganz gut Bescheid, da sie ja
+fast alle Jahre zum Besuche bei den Grosseltern in Moosdorf gewesen waren
+und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+
+Es wurden die Scheunen besehen, die Staelle, man ging ueber den Gefluegelhof,
+alles war in bester Ordnung, und wenn die grosse Gestalt des Besitzers
+erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, dass er ein
+strenges, aber gerechtes Regiment fuehrte.
+
+"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora
+scherzend, als das Bloeken der Kuehe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
+Schweine ihnen noch nachtoente, waehrend sie die Wirtschaftsgebaeude
+verliessen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
+ueber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
+Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
+Fruehe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ueppig standen
+die Felder, die Aehren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
+roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden fassten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
+vorueber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Koepfchen
+tauchten bald hier, bald dort zwischen den Aehren auf. Das Blumenpfluecken
+war fuer die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Haenden voll bunter
+Blumen kamen sie zurueck, und Kaethe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
+Hause beschaeftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Buerde ab, und ordnete
+sie zu einem grossen Strausse, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
+Kastanie stellte.
+
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
+heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespraech
+unterhielten sich die Erwachsenen, waehrend die Kinder geradezu uebermuetig
+umhertollten und Kaethe ihre liebe Not hatte, sie zu baendigen. Um neun Uhr
+wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quaelen zu Bett
+geschickt, ihr Sprechen und Lachen hoerte man aber noch lange durch die
+offenen Fenster; es toente mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
+um die Wette durch die abendliche Stille.
+
+Puenktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
+worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
+schade, sie haetten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
+ja kuehler hier draussen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+
+"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
+Werner.
+
+"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora.
+"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
+natuerlich muede. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?" wandte sie sich an die beiden.
+
+"Selbstverstaendlich," gaben sie zur Antwort.
+
+"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den
+jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzaehlen Sie mir morgen frueh, was Sie
+getraeumt haben; das geht ja wohl in Erfuellung, wenigstens sagt es meine
+Frau, die weiss ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Traeume!
+Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergiss nicht,
+morgen frueh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzaehlen, ob's stimmt, die
+mogelt gern ein bisschen; und dann sorge dafuer, dass Hesse mit der Butter
+nicht zu spaet fortfaehrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
+etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht."
+
+"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht
+erroetend - die Auftraege schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
+
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
+verhallt waren, hoerte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
+dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+
+"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
+das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne aeusseren
+Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
+diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
+Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie gluecklich sie im Besitze
+eines so praechtigen Mannes und so lieber Kinder sein koenne.
+
+"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
+dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
+vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+
+"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer
+Weile ploetzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Haende drueckend, und
+fuhr dann fort: "Ich glaube, dass wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als frueher. Ich habe mich in manchen Dingen geaendert, denn ich sah
+ein, dass ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
+Welt passte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das
+weiss ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefuehlen. Durch den
+Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+Vorwuerfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glueck zum zweiten
+Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
+und hat auch nur Interesse fuer seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
+versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufuehren, und habe ihm haeufig
+abends vorgelesen, doch er war zu muede und schlief dabei ein. Aber da habe
+ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
+Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
+praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen."
+
+"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernuenftig hatte sie Flora noch niemals
+sprechen hoeren.
+
+"Und wie ist es mit Kaethe?" fragte Nellie.
+
+"O, wir verstehen uns praechtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
+Maedchen, aber fuer die Zwillinge sorgt sie ruehrend, denn Kinder liebt sie
+ueber alles."
+
+"Wie schoen fuer dich," sagte Nellie.
+
+"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kaethe, sie war so stoerrisch,
+sie wollte nichts von mir wissen, doch das wisst ihr ja alles. Wir wollen
+nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen."
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
+Leben mochten wohl viele heisse Kaempfe gefolgt sein, bis aus dem
+ueberspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
+
+"Nun, und Orla?" fragte sie ploetzlich. "Was habt ihr von der gehoert? Bis
+in meine laendliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Uebrigens, etwas
+hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
+nach etwas Hoeherem."
+
+Also fuer aehnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
+diesen Spass konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
+verstaendig war und blieb.
+
+"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die
+Vermittlung ihrer einflussreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit grossen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
+eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
+Vermoegen zugefallen; da kannst du dir denken, dass sie ein grossartiges
+Leben fuehren."
+
+"Ein Leben im grossen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe
+ich auch oft getraeumt! Natuerlich Dienerschaft in Menge?"
+
+"Jedenfalls," lachte Ilse; "darueber schreibt sie aber nichts. Du weisst ja,
+das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfuehrliche
+Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, dass sie sich gluecklich
+fuehlt! Gluecklich in ihrer Ehe, gluecklich, dass sie wieder in ihrem
+geliebten Russland leben kann. Kuenstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
+kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, dass sie
+eine gefeierte Frau ist, - klug, schoen, reich."
+
+"Ja, ihr ist es geglueckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt
+in der grossen Welt, wird bewundert, gilt etwas, waehrend andre in der
+Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womoeglich auch als
+Nihilistin eine Rolle?"
+
+"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen waere es ihr schon, das Zeug haette
+sie dazu."
+
+"O, mein Gott, was redet ihr da fuer Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf
+hier Nellie ein.
+
+"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmoeglich ist es doch nicht.
+Schrecklich waere es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
+wuerde."
+
+"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
+Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+anfangen!"
+
+"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit
+erfahre ich ja gar nichts."
+
+"Vier Stueck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
+ich dir," antwortete Ilse.
+
+"O, suess!" schwaermte auch Nellie, und ein wehmuetiger Schatten ueberflog ihr
+Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen."
+
+"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu
+neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfuellte sie doch mit etwas
+Neid, den sie nicht ganz unterdruecken konnte. Aber schneller als frueher
+kam sie darueber hinweg in dem Bewusstsein, dass sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, dass
+diese als Schauplatz die grosse geraeuschvolle Welt hatte, waehrend der
+ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
+Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! -
+
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen sassen noch
+immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
+die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhoerte. Aber sie wollte
+auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blaetterwerk mischte sich
+in den Klang der Stimmen; es liess das Licht im Windleuchter, der auf der
+bunten Tischdecke stand, hoeher aufflackern, so dass die Flamme nach den
+herabhaengenden Zweigen leckte, deren Gruen in dieser kuenstlichen
+Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
+ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
+malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, dass niemand das
+anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
+Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verloescht, und
+die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
+Droben aber, da glaenzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! -
+
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzaehlen! Wenn man sich nach
+langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
+Gespraeche meist sehr gleichgueltiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
+geoeffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wuerdigen Frau
+Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
+wurde nicht ueber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
+geruehmt.
+
+Schliesslich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
+noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen grossen Korb voll frisch
+gepflueckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gaehnen sah, fiel es ihr ploetzlich ein,
+dass ihre Gaeste gewiss von der Reise muede sein wuerden, und es wurde
+beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
+Gaesten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlaeferinnen. -
+
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
+das Nest leer, aber aus dem Garten hoerten sie helle Kinderstimmen
+heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen ueber den taufrischen Rasen laufen. -
+
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
+Erscheinen der beiden schuettelte er leise das ehrwuerdige Haupt, als wollte
+er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fuehrend, herbeigelaufen,
+und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+
+"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
+"Dein Mann wird sich schoen ueber die faulen Staedterinnen lustig gemacht
+haben!"
+
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August traenke fast nie des Morgens
+mit ihnen Kaffee, er waere schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
+Heuaufladen zugegen zu sein.
+
+"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie laechelnd mit einer
+Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
+Lektuere bei der ehemaligen Dichterin!
+
+"Ja, ja, Kinder, so etwas muss eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die
+aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhoeren glaubte. "Poesie und
+Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande."
+
+"O, nicht nur auf dem Lande, ueberall im Leben," antwortete Ilse.
+
+"Ich bin uebrigens recht froh, dass die Kinder in freier, natuerlicher
+Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fuer die
+Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung
+einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
+merkwuerdige Auffassung, ihr solltet nur hoeren, wie sie ueber alles spricht,
+ueber den Gesang der Voegel, ueber den Sonnenschein, ueber den gruenen Wald."
+
+Danach sah der luette Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
+nur wuenschen, dass er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
+"erblich belastet" sein moechte. Aeusserlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
+
+"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse ploetzlich, sich nach allen Seiten
+umsehend.
+
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem grossen,
+mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei maechtigen Pferden gezogen,
+eben in den Hof einfuhr. Und wer sass mit Bauernkindern zusammen hoch oben
+in dem weichen duftenden Neste, froehlich singend, wie eine Lerche in der
+Morgenfruehe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestuem in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderuecken
+setzte.
+
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wuerde ihr ein Spiegel
+vorgehalten und sie saehe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
+auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
+der verhaengnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+Wendung nahm, - kleine Ursachen, grosse Wirkungen!
+
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den
+gaenzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
+Lande, war aus ihr das unbaendige, jungenhafte, trotzige Maedchen geworden,
+waehrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so dass
+man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" uebersetzen
+konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine grosse Zukunft. -
+
+Bestaubt, erhitzt, mit gluehenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
+umarmte ihre Mutter unter stuermischen Kuessen. Sprudelnd und sich
+ueberhastend erzaehlte sie, dass sie schon ganz frueh wach gewesen sei, und
+als sie zum Fenster hinausgesehen habe, waere Herr Werner unten im Garten
+gewesen und haette ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
+Heumachen. Da haette sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz
+ordentlich," versetzte sie, als Ilses pruefender Blick ueber ihren Anzug
+glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!"
+
+"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn
+der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
+
+"Er wird erst Toilette machen, um wuerdig vor euch zu erscheinen," erklaerte
+Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
+Staellen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
+Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkoepfe", drangen bis
+zu der Kastanie herueber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
+lachen wollten. Flora waren diese Ausbrueche ihres erzuernten Gatten sehr
+unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
+und wollte selbst nachsehen, was es denn gaebe. Aber da kam auch schon
+August den Kiesweg heraufgegangen.
+
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
+schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
+und schlappig hing die Joppe ueber seine breiten Schultern, und das farbige
+Sporthemd liess seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
+Gesicht, vor Aerger und Hitze blaurot war.
+
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
+beschaeftigten Landmannes, und hatte fuer Ilse daher durchaus nichts
+Fremdes.
+
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
+bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begruesste Nellie und
+Ilse.
+
+"Ein ganz famoses Maedel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir
+vielen Spass gemacht heute frueh. Das wird mal eine gute Landwirtin!"
+
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
+
+"O, haben Sie Aerger gehabt?"
+
+"Ach ja, es gibt immer Aerger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die
+dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natuerlich hat sie drei
+davon tot gebissen. Schafskoepfe sind's," setzte er noch hinzu und legte
+seine Hand so kraeftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend
+zusammenschlug.
+
+"Aergere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm
+besaenftigend ueber die Stirn.
+
+"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Haelfte
+der Butter wieder mit, die bei der Hitze natuerlich schon zu einem Matsch
+geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell muss
+tuechtig auf die Finger gesehen werden! Und dann muessen auch die
+Sauerkirschen gepflueckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
+worden in der letzten Nacht."
+
+"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun staerke und erhole
+dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
+eigener Hand appetitlich belegte Broetchen bereitete und Kaethe ins Haus
+schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
+Freundinnen immer von neuem. Sie haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass
+aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernuenftige Frau
+werden koennte, denn soweit es Floras Beanlagung zuliess, war sie wirklich
+eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Ueberbleibsel
+ihrer einstigen Ueberspanntheit zum Vorschein, aber wer koennte auch seine
+innerste Natur ganz verleugnen? Ueberschwenglichkeit war nun einmal der
+Grundzug von Floras Charakter. -
+
+Die naechsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den grossen
+und kleinen Gaesten herrlich. Den ganzen Tag draussen in der guten Luft,
+Abendspaziergaenge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
+die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
+denen der Hausherr auch oefter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fuehlen, und auch diese hatten
+ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
+sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
+Rahmen des Gewoehnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
+
+"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder
+die Rede darauf kam.
+
+Flora waren derartige Gespraeche immer sehr unangenehm, das konnte man
+merken.
+
+"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fuer alles Schoene
+und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
+und Mutter doch nicht zu versaeumen."
+
+"Ach was, Firlefanzereien! Struempfe soll sie stricken und gut kochen
+koennen, das ist die Hauptsache."
+
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Ueber diesen Punkt wuerden
+sie sich ja doch nicht einigen.
+
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewoehnt, sie
+bluehte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, dass sie
+in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+vergnuegt und zufrieden, dass sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
+ihn etwas verringerte. Sie verfasste natuerlich taeglich lange Briefe, worin
+mit allen moeglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
+dir? Fuehlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
+zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stundenlang ueber einem Briefe sass, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
+reden, ihr Mann war gesund und kraeftig, und konnte mit dem armen leidenden
+Fred nicht verglichen werden.
+
+Uebrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
+ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindruecke und
+neckte ihn damit, dass sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+erzaehlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fuehle, und
+wie angenehm es sei, einmal nicht am Gaengelbande gefuehrt zu werden. Dann
+kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
+wahre Schauergeschichten ueber das Leben und Treiben ihrer Ehemaenner
+berichtete. Darauf erhielt er natuerlich eine passende Antwort von Ilse.
+Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fuer sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
+und sie natuerlich auch von ihm. Uebrigens erschien das kleine lebhafte Ding
+den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hoeherer Art, und wie gern
+liess sie sich anstaunen! Sie erzaehlte ihnen Geschichten, dass sie Mund und
+Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
+hatte, mit so reizender Stimme vor, dass auch die Grossen gern zuhoerten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
+zaertlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
+Fall war. -
+
+Eines Tages sagte Flora, dass sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
+bei ihren Kranken machen muesse, und fragte, ob die Freundinnen sie
+begleiten wollten, was sie natuerlich von Herzen gern taten.
+
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
+und andre staerkende Sachen wurden, in Koerben verpackt, mitgenommen.
+
+"Ihr glaubt nicht, wie mildtaetig August ist, niemals kann ich den Armen
+genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
+die Dorfstrasse schritt.
+
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
+der wie ein erfrischendes Bad fuer die erschlaffte Natur gewesen war;
+begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
+sich der Himmel wieder aufgeklaert, und die Abendsonne spiegelte sich in
+den vielen grossen und kleinen Pfuetzen, ueber welche die drei Frauen hinweg
+schreiten und springen mussten, indem sie die Kleider sorgfaeltig in die
+Hoehe nahmen.
+
+Wirklich schien man Flora Werner ueberall gern zu sehen, sie blieb bald
+hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
+jedem einzelnen die Verhaeltnisse genau. Aber merkwuerdig! Ihre
+Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
+leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
+sie voellig verstaendnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+Ausdruecke bediente. Doch, das waren nur Aeusserlichkeiten, wie sich Ilse und
+Nellie bald ueberzeugen konnten. Floras Wohltaetigkeitssinn war ein tief
+innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Taetigkeit, das sie
+sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Fruechte.
+
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht geluefteten Bauernstuben
+eintraten, flog es wie ein heller Schein ueber die Gesichter der alten
+Weiblein und Maennlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
+Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
+stets etwas Gutes fuer ihn enthielt. Bei den jungen Muettern erkundigte sich
+Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlaege und war mit jeder
+Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+einfuehren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehaertet werden, im
+zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und aehnliches mehr. Da
+aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
+die Bauernfrauen verstaendnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
+gutmuetig anlachten, und alles blieb beim alten.
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufaelliges Haus, in welchem die
+junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglueckt war
+und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
+Jahre, in groesster Not krank und elend zurueckgelassen hatte. Hier in dieser
+armseligen Huette traten jetzt die drei Freundinnen ueber die Schwelle. Eine
+warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tuere zu
+dem Raume oeffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
+in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
+erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+zurueck.
+
+"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
+wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,"
+sagte Flora freundlich und raeumte selbst drei Stuehle ab, auf denen
+schmutzige Waesche, in allen Farben gestopfte Struempfe, zerbrochenes
+Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und aehnliche Dinge umherlagen.
+
+"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gaeste habe;
+aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
+wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie
+sich neben dieselbe setzte und sie pruefend betrachtete.
+
+Ueber das bleiche, abgezehrte und abgehaermte Gesicht war eine fluechtige
+Roete gegangen, die es merkwuerdig verschoente, als sie den fremden Besuch
+gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schaemen, die kam ja so oft und kannte sie so
+gut, die war ihr keine Fremde.
+
+"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter."
+
+"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
+nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," troestete Flora
+sanft und liebevoll.
+
+Ein Kopfschuetteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
+die Kinder, die sich in die Ecken gedrueckt hatten und neugierig die
+Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
+gekleidet waeren es gewiss huebsche Kinder gewesen. Nur bei dem
+zweitjuengsten, einem kleinen Maedchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
+geradezu malerisch zu der Schoenheit des Kindes. Es sass der aeltesten
+Schwester auf dem Schoss; wirre, ungepflegte blonde Loeckchen fielen tief
+ueber ihr Gesichtchen, das unter den zurueckgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen grossen braunen
+Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
+Fuesschen streichelte.
+
+"O, wie suess ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heisst du?" fragte sie
+das Kind.
+
+"Aennchen," antwortete die aeltere Schwester.
+
+"Willst du der Tante nicht ein Haendchen geben?" fragte sie weiter.
+
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zoegernd in die Hand der jungen
+Frau, aber ohne Widerstreben liess sich die Kleine dann von ihr auf den
+Schoss nehmen. Zaertlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fuer die Kranke aus dem Korbe
+genommen und versprach fuer die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+
+Muede und apathisch dankte die Frau.
+
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
+holen wagte, wollte das Fenster oeffnen, aber froestelnd schauerte die
+Kranke zusammen und sie liess es geschlossen.
+
+"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend.
+
+"Ach, die holt ein bisschen Futter fuer die Ziege," entgegnete die junge
+Witwe.
+
+"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie koennen doch in
+Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben."
+
+"Die Kinder sind ja da."
+
+"Die koennen Ihnen doch nichts helfen, auf die muessen Sie ja noch dazu
+achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht laenger," sagte Flora.
+"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
+Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf."
+
+"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen
+diese Worte.
+
+"Das muessen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tuechtig von dem
+Wein, der kraeftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
+komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
+Abend und recht, recht gute Besserung."
+
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
+entgegenstreckte, und dann verliess sie mit den Freundinnen diese Staette
+menschlichen Elends.
+
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draussen die frische Abendluft
+empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
+konnte sich ueber die Armseligkeit in dem Haeuschen, die einen tiefen
+Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
+einem fort von dem armen, suessen Aennchen, und Flora erzaehlte die
+Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfuehrlich. Alle
+drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+
+"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen koennen; der Doktor
+sagt, es waere ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte
+Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erloest wuerde, die Aermste."
+
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfuellung gehen! -
+
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
+Fall eingehend eroertert, und in den folgenden Tagen fuer die unglueckliche
+Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt musste taeglich nach der Kranken sehen,
+und eine tuechtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+Fuersorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprueften; sie wurde
+liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Noetigen versehen, und so
+empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glueck.
+
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
+Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfuellte, schlossen sich ihre Augen
+fuer immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. -
+
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
+mit ihren Gaesten froehlich plaudernd zusammensass, und zwar wie gewoehnlich
+auf dem Platze unter der Kastanie.
+
+"O, die armen Kinder, das suesse _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit
+Traenen in den Augen.
+
+"Ja, ja, wir muessen helfen," sagte Herr Werner ueberlegend. Dann fragte er
+seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?"
+
+"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bloedsinnigen
+Grossmutter koennen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
+uebergeben - es ist zu traurig!"
+
+"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann.
+"Deichmanns auf der Domaene koennten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
+Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke
+ich, wir koennten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natuerlich
+musst du dir's reiflich ueberlegen, aber wenn du willst - ich bin's
+zufrieden."
+
+"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Aennchen; o, es ist ein zu
+wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, waehrend Ilse mit aufrichtiger
+Bewunderung den grossen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
+Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+
+Den ganzen Tag nach diesem Gespraeche blieb Nellie still und nachdenklich,
+und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
+letztere, dass die Direktorin fortwaehrend an klein Aennchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschoepf wohl aufbluehen wuerde, wenn es hier
+erst mit den Zwillingen zusammen waere. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie
+ihre Betrachtungen.
+
+"Hoere, Nellie," rief Ilse ploetzlich, "wenn dir das Kind so gut gefaellt, so
+nehmt ihr es doch zu euch."
+
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
+auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+schien beinahe, als haette Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+doch heftig schuettelte sie den Kopf.
+
+"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus.
+
+"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen."
+
+"O, Fred wuerde es nicht wollen; nein, das geht nicht."
+
+"Ob dein Mann das nicht will, weisst du ja gar nicht, aber moechtest _du_ es
+denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
+
+"O, ich moechte sehr gern, gewiss moechte ich, ich liebe die _babys_ so
+sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr
+sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fuer solch kleines Ding; Fred
+nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich muesste ihn vernachlaessigen, o, und
+das ginge doch nicht."
+
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
+wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich
+die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt.
+
+Aber Ilse liess sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht
+abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
+gebeten hatte, darueber fuer immer zu schweigen.
+
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
+merkwuerdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
+Ahnung hatte, worueber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
+sich dann jedesmal mit den Kindern zurueck, um mit ihnen zu spielen.
+
+Nach Tische sassen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
+einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, waehrend
+Ilse diktierte.
+
+"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann
+wieder liess Flora ihre Bedenken einfliessen. Auf diese Manier wurde viel
+geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl fuer ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
+fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftraeger kam, wurde es
+diesem uebergeben mit der ausdruecklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
+und puenktlich zu besorgen.
+
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
+beiden Geheimnisvollen in den naechsten Tagen unzaehlige Male aus, und mit
+Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftraeger entgegen.
+
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewoehnlich den
+Kaffee unter dem gruenen Blaetterdach einnahmen. Fuer Ilse hatte er nichts,
+aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+
+"Von Fred," sagte sie leicht erroetend, worauf sie sich erhob und ins Haus
+ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
+Episteln von ihrem Fred studierte.
+
+Voller Erwartung blieben die beiden zurueck. Nun sie so unmittelbar vor der
+Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
+kuehnes Wagestueck gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustuer mit dem Briefe in der
+Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
+klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
+Traenen standen, aber zugleich umspielte ein glueckliches Laecheln ihre
+Lippen.
+
+"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fuer
+mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kuesste. In ihrer
+Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frueher misshandelte
+sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
+freudig und geruehrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
+und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: dass er nichts
+dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
+waere ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+einsam und allein zubringen muesste, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+haette, und er hoffe auch, dass das kleine Geschoepf einiges Leben in ihr
+stilles Haus bringen wuerde.
+
+Ilse sah Flora laechelnd an. Fast woertlich wiederholte er, was sie ihm
+geschrieben hatte.
+
+"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als
+diese zu Ende gelesen hatte.
+
+"O, o, was fuer ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
+Ilschen," antwortete sie uebergluecklich und als ob sie ein Geluebde ablegte,
+fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
+wie will ich den lieben Gott recht bitten, dass er eine gute Mutter aus
+mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?"
+
+"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was
+du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+vergelten."
+
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+
+Das erste war dann, dass sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
+Fred schrieb. Bis die aeusseren Formalitaeten erledigt waren, flog zwischen
+den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
+Arbeit ueberhaeuft, wie er schrieb, sonst waere er selbst gekommen, um seine
+Frau und das Pflegetoechterchen zu holen. -
+
+Klein Aennchen aber siedelte schon am naechsten Tage zu ihrer neuen Mutter
+ueber, und frisch gewaschen, sorgfaeltig gekaemmt, in einem neuen Kleidchen,
+sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
+wie moeglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
+wollten ihn etwas Tuechtiges lernen lassen.
+
+So war mit dem duesteren Tod zugleich das Glueck in die arme Huette
+eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
+ihrem bisherigen Elend zu entreissen.
+
+Die schoene Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluss
+gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knuepfte, war diesmal
+ein unaufloesliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+vielen Traenen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+dass die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefasst hatte.
+
+ * * *
+
+Klein Aennchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
+Wunderdinge zustande. Nellie musste ihre Pflege von nun an teilen und, was
+sie nie geglaubt haette, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
+kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
+was ihn empfing - zunaechst war da klein Aennchen die Hauptsache, und
+darueber vergass Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
+nicht alles verstand und wusste! Beide konnten ihre Vorzuege nicht genug
+ruehmen, es gab kein aufgeweckteres und huebscheres Kind, und das "Erziehen"
+haette leicht ein "Verziehen" werden koennen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
+Heinz auch noch dagewesen waeren. Die Vortraege des letzteren ueber
+Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+Nellie vorwarf, dass sie viel zu gutmuetig und schwach dem Kinde gegenueber
+sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
+trotzdem hatte es helles Glueck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
+es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
+froehlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
+junges Leben hierher verpflanzt worden war.
+
+ * * *
+
+So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
+Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
+Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
+mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glueck frueher, dem andern
+spaeter und manchem nie.
+
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorueber, frohe und
+truebe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem
+andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
+war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
+schwere Wolke lagerte es jahrelang ueber ihnen.
+
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
+muessen, und so wurde aus dem froehlichen, frischen Kinde schliesslich ein
+stiller, verschlossener Junge. An den Vergnuegungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
+immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+grossen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
+seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
+letzten Jahren mit Arbeit sehr ueberbuerdet und konnte sich seiner Familie
+nicht so widmen, wie er wohl wuenschte. Rosi war wie mit Blindheit
+geschlagen! Durch fortwaehrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu koennen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
+Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
+Lebenslust maechtig in ihm; er haette hinauslaufen moegen, weit weg; er
+fuehlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreissen.
+Und immer haeufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
+Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfuehrerisch lockend vor seinen
+Blicken. -
+
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals
+fuenfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne dass die
+angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt haetten - er war
+und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
+"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwuerfe
+machte, oder das Unglueck nur als eine Fuegung des Himmels ansah? Von ihrem
+Manne hoerte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Pruefung ganz
+niederdrueckte, suchte doch immer nach einem Troste fuer Rosi und klagte
+sich selbst wegen seiner Schwaeche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein ueberlassen zu haben. Tante Emilie
+ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, dass sie
+sagte, Fritz waere nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
+so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
+kurzen Wiederhall in dem betruebten Mutterherzen. Eine drueckende Schwuele
+herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglueck. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Maedchen herangewachsen war, konnten
+sich Rosi und ihr Mann nicht entschliessen, sie in die Welt einzufuehren. -
+
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
+jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
+Froehlichkeit ins Haus. Zu bluehenden, lieblichen Geschoepfen waren sie
+herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
+Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die juengere blond, rosig,
+zierlich, die aeltere gross, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
+Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schoener, wozu auch wohl ihr liebenswuerdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
+dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fuer den
+Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu daemmen. Wie oft musste sie sich von Leo
+necken lassen, wenn sie ueber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die
+Mutter." Aber dass aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
+einst gewesen war, dafuer hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
+und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man musste
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstaendnis er in dem
+jungen Maedchenherzen zu lesen wusste. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine
+beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm liess sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
+ruecksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
+geworden, aber auch unter dieser neuen Wuerde hatte sie sich ihren
+frischen, natuerlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl aeussere und
+innere Veraenderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
+sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
+drehte, ihr Mann vergoetterte sie noch immer, und ihre Toechter liebten sie,
+wie nur Kinder eine Mutter zaertlich lieben koennen; sie war ihnen Mutter
+und Freundin zugleich.
+
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
+Ruth und Marianne noch kleine Maedchen waren, der Tag, an dem er sie auf
+den ersten Ball fuehren konnte.
+
+Der erste Ball! Welches Zauberwort fuer ein junges Maedchenherz! Marianne
+und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
+Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+unberuehrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+Toiletten der Kinder auch in Ordnung waeren, brachen die jungen Maedchen in
+ein unsinniges Gelaechter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
+ganz Ungewoehnliches. Nur Ruth fand es laecherlich, sich um einen "lumpigen
+Ball", wie sie sagte, so aufzuregen.
+
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Aennchen, das inzwischen ein
+grosses Maedchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
+tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+Kleinigkeit.
+
+"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die
+Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
+zu beginnen.
+
+"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhasst, ich werde noch
+frueh genug fertig," rief das junge Maedchen und sah etwas spoettisch
+laechelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer gluehten. Sie war doch
+ganz anders geartet, als sonst die Maedchen ihres Alters, deren Interessen
+sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
+nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wuenschte.
+
+"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt,
+als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich weiss genau,
+dass wir in der Auswahl der Farben nicht uebereinstimmen wuerden, fuegen aber
+wuerde ich mich nicht. Was wuerdest du z. B. fuer eine Farbe waehlen,
+Marianne?"
+
+"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsuechtig," hatte Ilse gemahnt; aber
+als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
+aufgebraust.
+
+"Natuerlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wuerde ich dir ja huebsch zur
+Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
+Geschmacklosigkeit!"
+
+"Einem jungen Maedchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone
+erwidert.
+
+"Na ja, natuerlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
+ist einfach dumm. Natuerlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
+Pfingstroeschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
+dir eine solche Farbenzusammenstellung!"
+
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Traenen ausbrach und Ruth sie
+nun auf alle Weise zu troesten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
+Schwester trotzdem zaertlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wuerde
+immer gleich alles uebelgenommen, niemand verstaende sie. Warum gerade sie
+wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, waehrend Marianne natuerlich einem
+Engel gleichen wuerde. Haette nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
+Ruths Redefluss ein Ende gemacht, so waeren deren leidenschaftliche
+Ansprueche und Mariannes Traenen gewiss noch lange nicht versiegt. So aber
+hatten beide lachen muessen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
+werden koennen.
+
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbaeckige Maedchen geworden,
+wie sie zwei frische, rotbaeckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
+in ihren blauen Ballgewaendern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+standen, musste man sich ueber diese drei anmutigen Maedchenblueten freuen.
+Und was war natuerlicher, als dass in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
+Pension geschmueckt hatten, und dass sie nun zum Ergoetzen der Kinder davon
+erzaehlten.
+
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertoenten ploetzlich aus
+dem Nebenzimmer die Klaenge eines Fluegels und Ruths Stimme.
+
+"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
+nicht an den Ball; am liebsten saesse sie ueberhaupt den ganzen Tag am
+Fluegel. Es ist ja die hoechste Zeit, dass sie sich anzieht," sagte Ilse,
+aber unwillkuerlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
+vollen herrlichen Toene, und als sie endlich eindrangen zu der Saengerin,
+fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
+von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
+ihrem einfachen, weissen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
+ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
+
+Die andern drei Balldamen ruempften allerdings die Nase ueber den gar zu
+einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
+die andre zu Blumen im Haar.
+
+Ruth lehnte alles ab.
+
+"Kinder, lasst mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie.
+
+In diesem Augenblick erschien das Maedchen mit zwei wundervollen Bouquets,
+das eine ganz aus rosa, das andre aus weissen Blueten. Marianne wurde wie
+mit Purpur uebergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weisse
+Blaettchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauss.
+
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
+einiger Zeit aus den Tropen zurueckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
+bedeutendes Vermoegen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
+einfuehrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
+wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Toechter eingeladen worden.
+
+Die beiden jungen Maedchen hielten noch immer die duftende Spende in den
+Haenden.
+
+"Sieh nur, Mama, der entzueckende weisse Flieder," rief Ruth, und Marianne
+zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
+in ihrem Strausse waeren. Dazwischen toenten die kraeftigen Stimmen der
+Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, suess," und Aennchen lief bald
+hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hoeren.
+
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Maedchengesichtern war in der
+Tat ein entzueckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
+dafuer zu haben, denn als er jetzt die Tuere oeffnete, blieb er wie
+angewurzelt in derselben stehen.
+
+"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut.
+
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
+wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
+Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+darueber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+schmunzelndes Gesicht passte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
+ab, wie ein schwarzer Kaefer auf bunten Bluetenblaettern.
+
+"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir
+wohl gut?"
+
+"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es
+von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Maedchen
+umschlossen, immer eindringlicher bestuermten sie ihn mit Fragen; er wusste
+schliesslich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren
+zu.
+
+"Scheusslich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte
+wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quaelgeistern befreit zu
+werden; aber darin hatte er sich getaeuscht, nun ging es erst recht los.
+
+"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheusslich aus?" -
+"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von
+neuem durcheinander.
+
+"Findest du, dass mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen
+hatten dabei einen so suess bittenden Ausdruck, dass der Professor nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage
+mal, du musst etwas um den Hals binden, du erkaeltest dich ja sonst. Herr
+Gott, was ist das ueberhaupt fuer eine Verruecktheit, sich so anzuziehen! In
+euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+blossen Hals und den nackten Armen einen schoenen Schnupfen holen."
+
+Da gab es wieder zu lachen ueber eine solche Ansicht.
+
+"Wen findest du denn am huebschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda.
+
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
+er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
+
+"Natuerlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle.
+
+"Onkel Heinz, haettest du fuer mich vielleicht ein weisses Kleid huebscher
+gefunden?" fragte Marianne.
+
+"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein muessen, weiss
+ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht."
+
+"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne.
+
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelaechter ausbrach.
+
+"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnuetzen Geschichten habe ich mein Lebtag
+keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun."
+
+"Weisst du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn
+bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
+darueber urteilen."
+
+"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern.
+
+"Ich tanze so viel Taenze mit dir, wie du willst."
+
+"Und ich bringe dir den schoensten Kotillonorden."
+
+"Mich darfst du zu Tische fuehren."
+
+"Wir wollen ueberhaupt tun, was du willst."
+
+Sie ueberboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
+Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
+
+"Kroeten, so lasst mich endlich in Ruhe, ihr seid ja ausser Rand und Band!"
+rief er, sie zurueckdraengend.
+
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz ueberhoert, dass die
+Tuere geoeffnet wurde, bis Ilse ploetzlich Herrn Jansen andaechtig auf der
+Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem bluehenden
+Maedchenkranze.
+
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+auseinander, als die hohe Gestalt naeher kam. In Mariannes Antlitz aber
+stieg eine heisse Blutwelle bei seiner herzlichen Begruessung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth haengen, deren Hand noch in des
+Professors Arm lag. Die schlanke, weisse Gestalt schien ihn ungemein zu
+fesseln, und er nahm ihre zum Grusse dargebotene Rechte mit grosser Waerme
+entgegen.
+
+"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut.
+
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weisser
+Krawatte, und draengte zur Eile, die Wagen staenden bereits vor der Tuere.
+
+"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Taenzer werdet ihr wohl
+nicht mehr bekommen."
+
+"Onkel, dass du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
+habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth.
+
+"Na, dass du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
+mal ein vernuenftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun
+doch nicht anders, du musst mit, du armes Opferlamm."
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als haette sie ploetzlich einen guten
+Einfall bekommen, "weisst du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
+und wir beide verleben einen recht gemuetlichen Abend zusammen. Ach, das
+waere reizend!"
+
+"Und was wuerde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen.
+
+"O, da koennte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und
+schmiegte sich zaertlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
+und singe dir alle deine Lieblingslieder vor."
+
+Etwas wie Ruehrung flog nun doch ueber das Gesicht von Onkel Heinz, und
+seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
+
+"Alte Kroete du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amuesieren, als
+mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
+dieser Unsinn gehoert nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnuetze
+Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
+Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
+berichten. Alte, gute Kroete du!"
+
+Er klopfte sie zaertlich auf die Backe.
+
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
+fuer sie wieder eine Sache von groesster Wichtigkeit gewesen war. Diese
+Angst, dass die Kleider und Blumen zerdrueckt werden moechten - es war eine
+grosse Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, waehrend die
+geschaeftigen Haende in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
+es:
+
+"Wo habt ihr denn meinen Strauss hingelegt?"
+
+"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?"
+
+"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Faecher in der Hand!"
+
+"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
+fortgenommen?"
+
+Dazwischen draengte Leo, es sei die hoechste Zeit, dass sie fortkaemen; Ilse
+schalt ueber die Unordnung, Aennchen suchte ueberall herum, trat dabei auf
+Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauss gestellt hatte, so dass sich das Wasser ueber den Tisch auf den
+Fussboden ergoss und alle fluechten mussten - kurz und gut, richtete mit ihrer
+gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+gefunden.
+
+"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
+Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
+Vergnuegen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kroete?" fragte
+er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weissseidene Kopftuch noch
+tiefer in die Stirn.
+
+Die uebrigen waren bereits die Treppe hinabgestuermt, nur Nellie stand noch
+oben und verabschiedete sich von Aennchen. Immer wieder kuessten sich die
+beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
+
+"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?"
+
+"Wir kommen, wir kommen!"
+
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
+Strasse her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hoerte man das Zuklappen
+der Wagentueren, das schnelle Rollen der Raeder, und nun war alles still. -
+
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ueber die Ohren gezogen und die
+Haende tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
+die Strasse hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
+zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+Strassen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+Abend ueber da. Der Kellner brachte ihm wie gewoehnlich die Zeitungen, er
+legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines
+Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schuettelte er den
+Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
+der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
+an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemuetlichen Raeumen ordnend,
+verschoenend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
+ein Mann sass und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
+glaenzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
+der davon wie magisch angezogen wurde; er liess Buecher und Schriften liegen
+und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
+knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
+Haende bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkuerlich machte Onkel
+Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewusstsein dieser Traeume gelangte,
+und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblasste, und es
+erschien wieder sein duesteres Studierzimmer mit den strengen, langen
+Buecherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
+Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
+Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
+Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
+Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
+entschliessen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie
+gewoehnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewoehnlich - gequalmt.
+Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
+versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwaehrend luftige Gestalten an sich
+voruebergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
+"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
+doch einschlief.
+
+Am andern Morgen, als es noch daemmerte, wurde er von seiner Aufwaerterin
+geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er aergerlich
+darueber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
+Anlass, ihrer Busenfreundin, der Muellern, ihr Herz auszuschuetten und ihr zu
+klagen, wie boese der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht haette
+er sie noch niemals behandelt. Ueber den Kaffee habe er geschimpft, der
+Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe muesse besser geputzt
+werden. Und sogar ueber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+bemerkt habe, haette er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+gewesen.
+
+Waehrend Onkel Heinz einen so ungemuetlichen Abend verbrachte, hatte seine
+Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
+
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
+betreten, und selbst Ruths Herz schlug hoeher, als sie in dem glaenzenden
+Raume stand. Der Sorge um Taenzer waren die jungen Maedchen bald ueberhoben,
+denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
+dicht besetzten Ballkarten.
+
+"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmuetter," sagte Ilse lachend, als sie in
+den Reihen, welche fuer die aelteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+
+"Macht nichts, wenn wir alte Muetter werden, ist auch fein," sagte Nellie;
+aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensassen,
+sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Muetter". Das Glueck, das aus
+beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjuengte und
+verschoente sie merkwuerdig.
+
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
+sich dann aber ins Nebenzimmer zurueck, wo sie bei einem Glase Bier
+gemuetlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
+bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
+
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
+suchten sie, wenn sie im bunten Gewuehle verschwand, bis er sie gefunden
+hatte, und so oft es ging, naeherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
+auf dieses oder jenes huebsche Maedchen aufmerksam machte, so fand er sie
+alle haesslich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
+er einzig und allein schoen faende. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
+tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als moeglich das Gespraech auf
+ihre Schwester zu bringen.
+
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen oeffnen
+moechte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
+
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
+Herrn Jansen bei ihren Eltern einfuehrte, eine stille Neigung fuer diesen
+eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflaenzchen mehr
+und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fasste. Arme Marianne!
+
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
+neue Nahrung fuer ihre Neigung und sie merkte nicht, dass es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
+
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
+erschoepft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
+tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glueckstrahlendes Gesicht sprach
+deutlich genug von den Gefuehlen, welche ihr Inneres erfuellten. Waehrenddem
+hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glaeschen Eis holen lassen, das sie
+nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
+hatte, mit Behagen verzehrte.
+
+"Es ist doch sehr, sehr huebsch heute abend; ich amuesiere mich wenigstens
+herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergnuegt den jungen Mann, der sich an
+ihrer Seite niedergelassen hatte.
+
+"Fuer mich war es der schoenste Abend meines Lebens, Fraeulein Ruth,"
+erwiderte er.
+
+"Da haben Sie wohl noch nicht viel Baelle mitgemacht? In Indien gibt es
+wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich.
+
+"Und wenn ich hundert Baelle mitgemacht haette, so wuerde dieser doch der
+schoenste fuer mich sein," antwortete er mit Nachdruck.
+
+"So, und warum denn?"
+
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
+gaenzlich ohne Arg ueber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
+Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fuer sie sehr ins
+Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
+Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
+dass er etwas andres in ihr erblicken koennte als eine Freundin, war ihr
+noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hoechsten
+Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+"Weil Sie hier sind!" und die verhaengnisvolle Frage daran knuepfte: "Haben
+Sie mich denn nicht gern, Fraeulein Ruth?"
+
+Da wurde es ihr auf einmal ganz aengstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
+und wuenschte zu den Ihrigen gefuehrt zu werden.
+
+"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige
+Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natuerlich."
+
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
+rasch voraus.
+
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
+Hand und drueckte sie zaertlich an seine Lippen. Waehrend aber die Schwester
+und die Zwillinge unterwegs lebhaft ueber ihre Erlebnisse vom heutigen
+Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
+toente der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschaeftigte, oftmals an
+ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+schliesslich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
+Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn
+ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
+ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
+mit ihm praechtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
+Zuneigung fuer ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiss voellig
+harmlos gemeint, so viel wusste sie doch auch, dass eine Liebeserklaerung
+ganz anders lautete, - wie sollte er ueberhaupt dazu kommen, ihr einen
+Antrag zu machen? Nein, nein, es wuerde schon so sein, wie sie dachte. Mit
+diesen troestlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
+vollstaendig beruhigt ein in dem festen Glauben, dass Herr Jansen nur eine
+freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
+
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehoert hatten zu
+schwatzen, noch lange wach. Selige, beglueckende Gedanken verursachten ihr
+Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
+Blicke ins Gedaechtnis zurueck. Und weiter spann sie ihre Traeume, die ihr
+eine unbeschreiblich schoene Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spaet
+gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklaerender Schein auf dem
+holden Maedchenantlitz.
+
+So beschaeftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
+lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
+Hoffnung auf ihn. Waehrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wuenschte die andre sehnlichst, dass er fuer sie nur freundschaftliche
+Gefuehle hegen moechte. -
+
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzaehlt
+wurde, schalt er seine Aufwaerterin ein ueber das andre Mal aus, und als sie
+fort war, ging er pruefend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
+einen Stuhl anders, dann rueckte er die Bilder, die schief an der Wand
+hingen, zurecht, sortierte die unzaehligen Papiere, die zerstreut und
+bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
+legte das uebrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
+er einer gruendlichen Besichtigung, deren er wahrlich noetig genug bedurfte.
+Seiner Aufwaerterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fuer allemal nichts
+anruehren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
+Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Maenner hinreichend.
+Deshalb liess sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fuer immer in Ruhe,
+und dass er mit einer dicken Staubschicht ueberzogen war, konnte ihn also
+eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
+bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ueber die Buecher und Schriften,
+dass die kleinen Staubteilchen lustig in die Hoehe flogen, schuettelte den
+Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefuellt war,
+in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und
+betrachtete sie eingehend. Die Glaeser waren fast undurchsichtig, er
+wischte sie mit seinem Aermel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+Platz zurueck. Schliesslich liess er sich an dem gesaeuberten Schreibtische
+nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
+gehen. Ueberdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstoebern
+verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
+hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
+deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
+nicht gerade in die guenstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
+
+ [Illustration]
+
+Aber wenn er hier eitel Lust und Froehlichkeit zu finden hoffte, so hatte
+er sich getaeuscht.
+
+Als ihm auf sein Klingeln geoeffnet wurde und er in den Flur trat, ging
+vorsichtig die Tuere auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Maedchen
+fuehrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+
+"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein."
+
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
+geschehen sei.
+
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
+
+"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tuer hinter ihnen
+geschlossen hatte.
+
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
+Professor.
+
+"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
+eben fuer mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und
+fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewiss
+nichts dafuer, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, dass ich ihn gern
+haette, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
+Onkel Heinz?"
+
+"Na, nun man sachte, man sachte, ich weiss ja noch von gar nichts,"
+unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
+begann.
+
+"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, waehrend er
+las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, waehrend sie erregt
+im Zimmer auf und ab wandelte.
+
+"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ueber
+seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
+
+"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie
+angstvoll.
+
+"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er laechelnd zur
+Antwort.
+
+"Was soll ich denn aber tun?"
+
+"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
+indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer
+etwas zu sagen."
+
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+
+"Du musst doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weisst ja doch
+immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
+
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "dass er
+besseres zu tun haette, als ueber solche Dummheiten nachzudenken," hatte
+aber doch wohl das Gefuehl, als ob es eine grosse Ehre fuer ihn waere, von
+einem jungen Maedchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
+werden. Auch konnte er den aengstlich fragenden Augen seines Lieblings
+nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
+die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? Ueberlegend ging er
+einige Male im Zimmer auf und ab.
+
+"Ja, sage mal, Kroete, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich.
+
+"Ja natuerlich, gewiss, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort.
+
+"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch."
+
+"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch
+leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder -
+meinst du doch?"
+
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
+einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
+Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb -
+uebergluecklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiss ueberlief es sie bei diesem
+Gedanken; sie wusste gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
+auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war voellig ratlos.
+
+"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie
+ihre Frage noch einmal dringlich.
+
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
+nichtssagenden Worte heraus:
+
+"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann ploetzlich fort, als waere ihm
+auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen ueberhaupt
+dazu, dich heiraten zu wollen?"
+
+"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle
+fragte er mich, ob ich ihn gern haette, und da habe ich ja gesagt, denn es
+ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
+mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muss ich ihn denn
+nun wohl heiraten?"
+
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
+schwerer, hier eine richtige Loesung zu finden, als bei irgend einer noch
+so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wusste nicht ein noch aus,
+und Ruth wurde immer dringender.
+
+"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich.
+
+"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muss man sich
+den Kopf ueber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er
+aber sah, dass Ruth in ihrer Herzensangst die Traenen in die Augen stiegen,
+lenkte er sofort wieder ein. Weibertraenen konnte er nicht sehen, am
+wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
+
+"Na - wir wollen mal sehen, Kroete," sagte er zaertlich, "was in dieser
+Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+einlaesst."
+
+Onkel Heinz selbst fuehlte, dass seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
+wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
+denn in diesem Augenblicke ertoente draussen die Klingel.
+
+"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
+Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
+Arm.
+
+"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und
+empfand dabei die Beruhigung, dass er diesmal etwas ganz Vernuenftiges
+gesagt habe.
+
+"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
+gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hoeren. Jetzt
+will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
+tun muss."
+
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Tuere hinaus.
+
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
+Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiss
+dabei geworden - da flog die Tuere wieder auf, und Ruth stuerzte aufgeregt
+herein.
+
+"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz.
+
+"Nun ist es zu spaet, nun ist es zu spaet!" jammerte sie laut.
+
+"Ja, was ist denn zu spaet?" fragte er.
+
+"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
+als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
+ich nun tun, was soll ich anfangen?"
+
+Onkel Heinz schwieg. Er wusste keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
+ungluecklich schien; im naechsten Moment schon wuerde man ja von ihr
+vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
+richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
+Selbstgespraech, das Onkel Heinz mit fortwaehrenden Randbemerkungen
+begleitete.
+
+"Ich werde ueberhaupt nicht heiraten," fing sie an.
+
+"Das waere das Vernuenftigste, was du tun koenntest, aber bei euch
+Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte
+er.
+
+"Ich passe ja gar nicht fuer die Ehe, ich wuerde einen Mann nur quaelen und
+ungluecklich machen," fuhr sie fort.
+
+Der Professor laechelte ironisch ueber dieses Selbstbekenntnis einer edlen
+Seele.
+
+"Na - das muesste man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
+schlechteste," sagte er.
+
+"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht
+verheiratet, Onkel Heinz!"
+
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank
+nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder
+die freundlichen hellen Raeume und als Gegensatz sein einsames
+Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+Verhaeltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
+von manchem Silberfaden durchzogen war.
+
+"Weisst du, Onkel Heinz," rief Ruth ploetzlich und sah ihn mit ihren grossen,
+braunen Augen an, "wenn ich ueberhaupt je einen Mann nehmen wuerde, koenntest
+nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten."
+
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
+liess ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. -
+
+Nun wusste der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklaerung sein oder
+nicht? Nein, in was fuer Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
+heute morgen diese Kroete! Er wusste gar nicht, wie er sich nun in dieser
+neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
+hielt ganz still unter dieser zaertlichen Umarmung; aber seine Augen
+blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schuechterner Liebhaber, legte er seinen
+Arm um ihre Taille.
+
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
+solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
+ihr Gesicht drueckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+noch das Unglaubliche, dass Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, erroetete und sich
+fast wie ein ertappter alter Suender vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafuer konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen musste. Dass Ruth
+ihn umarmte und kuesste, war nichts Seltenes, aber heute musste ihre Umarmung
+doch wohl einen ungewoehnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
+ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
+richtige Platz, um ihr bedraengtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie musste den
+Brief lesen, und Ruth liess sich von ihr unzaehlige Male wiederholen, dass
+man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern haette.
+"Gernhaben" und "Liebhaben" waere doch ein grosser Unterschied, erklaerte
+Ruth.
+
+Bei diesen Worten laechelte Onkel Heinz spoettisch; woher wussten nun wohl
+solche Kroeten so etwas!
+
+"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, dass ich ihn nicht
+heiraten koennte," draengte Ruth.
+
+"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
+erst kommen, denn das wuerde dem jungen Manne doch sonst eine grosse
+Verlegenheit bereiten," sagte Ilse.
+
+"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drueben bei Vater im Zimmer?" fragte
+Ruth.
+
+"Bewahre."
+
+"Ihr spracht doch mit einem Herrn."
+
+"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
+wollte," setzte Ilse auseinander.
+
+"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz,
+"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen."
+
+In liebevollster Weise troestete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
+indem sie ihr zaertlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
+atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
+
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
+zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
+einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ueber den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
+Onkel Heinz an, der unaufhoerlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
+machte, das ein Mittelding zwischen Ruehrsamkeit und mephistophelischem
+Laecheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
+
+Mit dem jungen Maedchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
+in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
+Gesichtchen unter der dunklen Pelzmuetze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jaeckchen auszog.
+
+Onkel Heinz wurde heute nur fluechtig begruesst, fragend wandte sie sich an
+Ilse und Ruth.
+
+"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte
+sie die Schwester dabei an.
+
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewussten Brief hin, den Marianne
+ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
+sich wie ein Schleier ueber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
+an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
+durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die
+Gegenstaende wurden verschwommen - ein beaengstigendes Gefuehl hemmte den
+Herzschlag und schnuerte ihr die Kehle zusammen - und sie waere unfehlbar
+umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwaeche bemerkt haetten und
+hinzugesprungen waeren. Marianne war ohnmaechtig geworden. -
+
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlaefen mit einer
+staerkenden Essenz, waehrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
+befanden sich in hoechster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
+er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
+Ohnmaechtigen, in das noch kein Schimmer von Roete zurueckkehren wollte.
+Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stuermten die
+Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewusstlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, waehrend sich
+Thusnelda ueber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
+
+"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!"
+
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+
+Inzwischen war Ilse fortwaehrend aengstlich um Marianne bemueht, bei der das
+Bewusstsein immer noch nicht zurueckkehren wollte.
+
+"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
+sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
+hatte.
+
+"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt.
+
+"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor.
+
+"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth
+voller Angst.
+
+"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An
+allem ist der verrueckte Ball schuld! Natuerlich habt ihr euch zu eng
+geschnuert, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kaelte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
+gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
+dergleichen, das ist kein Wunder."
+
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
+welches dieser verrueckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
+der Ohnmaechtigen zu.
+
+"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er
+wieder an.
+
+"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse
+ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
+
+"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, dass dieser tiefer liegt
+und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
+Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es
+doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
+Heulkonzert auffuehrten.
+
+"Die Kinder haben eben mehr Gefuehl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer
+augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
+jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ueber ihn aergerte.
+
+"Wenn man nicht sentimental ist, heisst es gleich man hat kein Gefuehl,"
+erwiderte er ruhig.
+
+Ilse waere ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
+nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haette; es versoehnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt naeher trat, Marianne zaertlich
+auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Kroete, wie geht's denn? Was machst
+du aber auch fuer Geschichten!"
+
+Als das junge Maedchen wieder zum Bewusstsein gekommen war, blickte sie
+erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
+
+"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme,
+- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der
+Professor draengte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, dass sie
+schweigen moechten, zurueck.
+
+Ilse rief Marianne traenenden Auges mit den zaertlichsten Schmeichelnamen,
+Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen toente das Schluchzen von
+Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde
+bei alledem ploetzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+Weibertraenen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
+einmal sehr ueberfluessig fuehlte, hielt er es fuer das beste, sich
+zurueckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein fluechtiges
+Abschiedsnicken fuer ihn, aber Ruth drueckte ihm innig die Hand. -
+
+Als er einige Zeit spaeter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
+betrat er sie mit einem angenehmeren Gefuehl, als er sie verlassen hatte.
+Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
+Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wuerde auch
+vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespraeche
+antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz
+abgezogen und hielt die kalten Haende an den Ofen; als sie warm geworden
+waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
+wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
+Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+Gesellschaft fuehlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
+
+Still und ruhig war's im Zimmer, man hoerte nur das Geraeusch der
+schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
+lustig knackte und knisterte.
+
+Der Professor blieb den ganzen Tag ueber angestrengt bei seiner Arbeit
+sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
+Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
+zuvor. Als es daemmerte, erschien sie bei ihm und ruettelte ihn wieder aus
+seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
+sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Traenen, dass sie die
+eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
+verhaengnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
+Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wuerde. Marianne haette
+naemlich ein tiefes Interesse fuer Jansen und sei ueberzeugt gewesen, dass er
+dasselbe erwidere.
+
+Onkel Heinz hatte waehrend dieser Erzaehlung mehrmals den Kopf geschuettelt
+und seine Bartspitze so zusammengedreht, dass man sie haette durch ein
+Nadeloehr einfaedeln koennen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
+diesem Tage - zwei unglueckliche Lieben!
+
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
+konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
+Schwester und voll aengstlicher Sorge ueber deren Zustand. In Absaetzen
+erfuhr der Professor, dass Marianne krank im Bett liege, dass man einen Arzt
+habe holen muessen, der eine Nervenerschuetterung konstatiert und groesste
+Ruhe anempfohlen habe.
+
+"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer ungluecklichen Liebe!" rief Ruth laut
+jammernd aus.
+
+"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrueckten Romanen vor, aber
+im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Sie ist aber so elend."
+
+"Wird sich schon wieder erholen."
+
+"Glaubst du wirklich?"
+
+"Natuerlich! Beruhige dich nur, alte Kroete," redete er ihr liebevoll zu.
+
+"Warum musste es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen
+nicht Marianne statt mich?"
+
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wusste es doch auch nicht.
+
+"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der ungluecklich liebte?" fragte
+das junge Maedchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
+
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
+
+"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder.
+
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
+
+"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff.
+
+"Haeltst du die Liebe wirklich nur fuer Unsinn?" Und als er nicht
+antwortete, fuhr sie fort: "Weisst du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
+ueberhaupt nicht lieben."
+
+"Was die Kroete da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der
+Professor bei sich.
+
+"Willst du wissen, was ich wohl moechte?" fragte Ruth nach einer kleinen
+Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es
+wissen? Ich moechte singen koennen, singen wie eine richtige Saengerin, ich
+moechte - eine Kuenstlerin werden."
+
+Der Professor prallte ordentlich zurueck, so erregt hatte sie diese Worte
+ausgerufen.
+
+"Weisst du denn ueberhaupt, du Kickindiewelt, was eine Kuenstlerin ist?"
+fragte er, das Wort 'Kuenstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten
+Weise betonend.
+
+Dann kam er wieder naeher und sah sie scharf an mit hoechst wichtiger Miene.
+
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+
+"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft
+so komisch, so - ich weiss nicht wie! Ich habe das Gefuehl, als muesste etwas
+heraus, als muesste ich jauchzen oder weinen, ich fuehle mich gluecklich und
+ungluecklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
+wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als waere ich gar nicht auf der
+Erde, als truegen mich Fluegel empor - dann bin ich gut - dann denke ich
+edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht
+beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
+Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig."
+
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
+Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kroete! Dieses Kind! Solche
+Redensarten konnte es machen, da hoerte ja einfach alles auf. Aber er
+empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
+Augen seines Lieblings sah, dass dieses Kind kein Kind mehr war, dass es
+eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, -
+ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
+das junge Maedchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kroete noch immer
+schweigend und so pruefend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
+So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
+nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
+kleine Maedchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
+eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
+ploetzlich ueber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreissen.
+
+"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie laechelnd.
+
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+
+"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ueber seine Stoppeln, das sollte so viel
+heissen, als: es ist nun einmal so.
+
+"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zaertlicher
+Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine grosse Bitte an dich,
+aber - du musst mir versprechen, dass du sie erfuellen willst."
+
+"Da werde ich mich schoen hueten," warf er ein und laechelte spoettisch.
+Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
+Frauenzimmer fertig bringen.
+
+"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er
+aber dennoch.
+
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, dass er wie gewoehnlich nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zoegernd von ihren Lippen, "wenn du
+doch nur mal mit den Eltern sprechen moechtest, ob - ob sie meine Stimme
+nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
+siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich moechte so gern etwas
+Ordentliches lernen, ich will so fleissig sein, will mir so viele Muehe
+geben, will ganz und gar nur der Kunst leben."
+
+"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
+ihn ernsthaft.
+
+"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
+spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
+Scherzen aufgelegt."
+
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Traenen stiegen ihr in
+die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen.
+
+"Weine doch nicht, Kroete; dass ihr Weiber doch immer gleich flennen muesst,"
+sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
+wellig gescheitelt bis tief in die Schlaefen fielen und das feine, schoen
+geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen liessen. "Aber
+das mit der Kuenstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das
+geht nicht, das geht auf keinen Fall."
+
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+
+"Aber Onkel Heinz!"
+
+"Was willst du denn ueberhaupt fuer eine Kuenstlerin werden? Willst du etwa
+Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschaetzig, denn unter
+dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Buehne gehen
+wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kroete, da gehoerst du
+nicht hin, das geben die Eltern ueberhaupt nicht zu und ich auch nicht,
+daraus wird nichts!"
+
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn dass Ruth
+vielleicht eine solche Absicht haben koennte, war ihm ein furchtbarer
+Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so waere, wie es sein sollte," setzte er
+wie im Selbstgespraeche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte
+Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
+Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen ueberhaupt einen Begriff!"
+
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
+versucht, ihn zu unterbrechen, ohne dass es ihr gelungen waere. Jetzt hielt
+sie ihn am Arme fest.
+
+"Onkel Heinz, das alles weiss ich ja noch nicht, darueber habe ich noch
+nicht nachgedacht. Vorlaeufig moechte ich nur lernen, mich meinen
+Gesangsstudien ganz hingeben koennen, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fuer den Hausgebrauch, wie
+es heisst, das macht mir wenig Spass, das befriedigt mich nicht, weil ich
+fuehle, dass es nur oberflaechlich und nicht das Richtige ist."
+
+"Das ist ja ganz vernuenftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht uebel,
+das ist wahr," sagte er einlenkend.
+
+Diese Worte nahm sie schon fuer eine Zusage und fragte nun freudig und
+zuversichtlich:
+
+"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?"
+
+"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er
+abwehrend.
+
+"Einziger, suesser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm.
+Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit grosser
+Geschwindigkeit.
+
+"Du bekommst auch schon vorher einen schoenen Kuss zum Lohn," versprach sie.
+
+"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin.
+
+"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie laechelnd und fragte
+dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht waere: "Wann willst du denn mit
+den Eltern sprechen?"
+
+"Gar nicht," erwiderte er kurz.
+
+Ruth schien diese Antwort zu ueberhoeren und sagte weiter:
+
+"Jetzt geht es natuerlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
+ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?"
+
+"Nein!"
+
+"Bitte, bitte, sage ja."
+
+"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig.
+
+"Onkel Heinz!"
+
+Wer haette wohl diesem Blick der schoenen dunklen Augen widerstehen koennen!
+Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+abwandte.
+
+"Lieber Onkel Heinz."
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!"
+
+Und sie quaelte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
+schliesslich nachgab - er konnte der Kroete nun einmal nichts abschlagen.
+
+"Meinetwegen denn ja! Quaelgeist du!" rief er laut.
+
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
+straeubte, heimste er doch den Kuss - den versprochenen Lohn - gern ein. -
+
+Die naechste Zeit verlief fuer Gontraus still und traurig. Marianne lag
+krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
+erheben, geistig und koerperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
+unermuedlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
+nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, dass
+die Freundin keine rechte Pflegerin sein koenne, weil ihre Ansichten ueber
+diesen Punkt so weit auseinander gingen, so ueberzeugte sie sich jetzt von
+dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
+frueher manchmal herrschsuechtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
+Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
+zuverlaessiger Freund. Er kam taeglich, widersprach natuerlich bei allem, was
+der Arzt verordnete, wusste alles besser, troestete aber Ilse, wenn sie
+niedergedrueckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
+gewohnten Weise, sodass es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
+Laecheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
+Leo erzaehlte, hatte er kuerzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
+wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
+zurueckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
+weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
+Gefuehl hervorgerufen haben wuerde.
+
+Als letztere einigermassen wieder hergestellt war, musste Onkel Heinz sein
+Versprechen, das ja durch den Kuss von Ruth besiegelt worden war, einloesen.
+Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, dass sie ihre
+Stimme pruefen liessen, und da dieselbe bei der Pruefung fuer sehr bedeutend
+erklaert wurde, sollte sie eine kuenstlerische Ausbildung erhalten. Mit
+Fleiss und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
+Kuenstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+
+Waehrenddem erholte sich Marianne langsam. Koerperlich war sie ganz
+hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
+entfalten, allmaehlich, ganz allmaehlich gesundete er. Den zarten
+Bluetenhauch aber der ersten, unberuehrten Jugend hatte diese getaeuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
+Augen war gewichen, und ihr helles, glueckliches Lachen ertoente nicht mehr
+so oft wie frueher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
+Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+gluecklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Fruehjahr
+verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
+Sommer bei den Grosseltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
+Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
+Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Sueden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
+beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
+Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
+Kroeten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
+der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen
+Malerei, ueber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden
+huebschen Maedchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
+seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzaehlte es spaeter Ilse
+voller Stolz.
+
+Erst spaet im Herbst, der im Norden schon mit grauen trueben Tagen
+eingezogen war und die Baeume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
+schoenen Eindruecken und Erlebnissen. Mit noch groesserer
+Begeisterungsfaehigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
+hatte frische Kraefte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so dass ihr die
+Zukunft nicht mehr als eine trostlose Oede erschien, wie es noch vor kurzer
+Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+
+So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
+es wiederum Herbst war. - Ein lachender, truegerischer Herbst, der es ganz
+vergessen liess, dass er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+Sonnenscheine wurde das Herz von Fruehlingsgedanken erfasst und die Menschen
+stroemten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schoenen
+Fruehlingstage nach dem langen, langen Winter.
+
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
+seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
+Wald. Die klare Luft war von weissen Faeden durchzogen, und die gelben,
+roten und braunen Blaetter woelbten sich zum farbenpraechtigen Zelte ueber
+ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
+wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflueckt, ein Blatt luftig und
+leicht vor ihre Fuesse. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
+Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begaenne erst jetzt die Zeit des
+Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Taeuschung. Lose
+geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknuepfte,
+locker hingen alle die buntgemalten Blaetter an den Zweigen, und nur unter
+dem warmen Kuss der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
+sich im Garten die Rosenspaetlinge aus ihrer schuetzenden Knospenhuelle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wuerde mit einem
+Schlage vorbei sein, wenn das allmaechtige Himmelslicht droben hinter
+Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darueber hinfuhr und daran
+ruettelte - dann begann mit einem Schlage das grosse gewaltige Sterben.
+Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
+abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
+Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fuer den herzerquickenden
+Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschaeftige sie etwas lebhaft.
+
+"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor.
+
+Er laechelte mit ueberlegener Miene und entgegnete:
+
+"Ich habe gar keine Angst, die Kroete hat ja tuechtig gelernt, die kann ja
+was."
+
+"Was gehoert aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
+und Fleiss allein kann das nicht geschehen, das Glueck muss auch mit helfen.
+Nun, was in meinen Kraeften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
+wieder davon zu ueberzeugen, mit wieviel Kaempfen und Schwierigkeiten der
+Beruf einer Kuenstlerin erkauft werden muss. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttaeuschungen gefasst zu machen, als auf Erfolge, denn
+guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fuer eine tuechtige
+Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muss sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
+Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Saengerin fertig ist, dauert es
+lange."
+
+"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tuechtigem, das weiss
+ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als koenne daran nicht
+mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+
+"Waere das Konzert nur erst gluecklich vorueber," meinte Ilse und holte tief
+Atem.
+
+"Wenn ich Ihnen sage, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
+es auch nicht noetig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte
+einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+
+Sie fuehlte, dass er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
+an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je aelter sie wurde,
+destomehr befestigte sich in ihr die Ueberzeugung, dass wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein koestliches, seltenes Gut ist, das man hueten muss wie einen
+grossen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
+erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
+Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
+lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
+hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar haeufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, dass sie oft genug in
+sich ging, ueber sich nachdachte, fortwaehrend selbsterzieherisch taetig war
+und sich immer mehr daran gewoehnte, auf die Eigenschaften andrer Ruecksicht
+zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
+einst mit ihr hatte haben muessen, als sie noch das ungebaendigte
+Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
+Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
+seiner Seite schreiten sah, glaubte, dass sie sich noch immer damit
+beschaeftige, wie wohl das Konzert ausfallen wuerde, in welchem Ruth heute
+abend zum ersten Male oeffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
+beschloss er, ein neues Gespraech anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Seine Bartspitze drehend, gruebelte er darueber nach, auf welche
+Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
+Seite.
+
+"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann ploetzlich an, "bei
+Superintendents ist man wohl uebergluecklich, dass der Ausreisser wieder da
+ist? Ist uebrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+mir."
+
+"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank,
+dass er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
+auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe uebrigens nie daran
+gezweifelt, dass ein tuechtiger Kern in ihm stecke."
+
+"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein.
+
+"Er hat Ihnen wohl erzaehlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte
+Ilse.
+
+"Ja wohl, alles ganz ausfuehrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
+Junge hat uebrigens viel Glueck gehabt, denn da drueben gibt's nur zweierlei,
+entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Dass die
+amerikanische Familie sich bei der Ueberfahrt auf der Germania, auf welcher
+sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fuer ihn so lebhaft
+interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
+denken freier als wir; ich bin ja lange drueben gewesen und kenne die
+Verhaeltnisse genau. Dass der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
+eben gar nicht, als praktischer Geschaeftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, dass er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
+Geschaeft gebrauchen koenne, na, und da war die Sache bald abgemacht."
+
+"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er
+hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fuer ihn wie eine Mutter,
+und bloss, weil ihn die andern im Geschaefte wegen seiner Aussprache des
+Englischen haenselten, ging er fort, - das haette er nicht tun sollen."
+
+"Das musste er wohl tun, das war ganz verstaendig von ihm," widersprach
+Onkel Heinz, "so wird das da drueben gemacht, da kennt man keine
+Sentimentalitaeten. Er handelte ganz richtig, dass er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
+Zeiten muss der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehoert
+dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone."
+
+"Er muss jetzt als Prokurist in dem grossen Bankhause in San Franzisko eine
+brillante Stellung haben. Rosi erzaehlte mir strahlend davon," meinte Ilse.
+
+"Natuerlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
+geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen waere,
+unter den spiessbuergerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur
+Antwort.
+
+"Aber dass er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
+hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+
+"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er
+wollte erst was ordentliches werden. Und fuer Ihre Freundin Rosi war diese
+Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrueckt erzogen, der haette
+ganz anders behandelt werden muessen."
+
+"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafuer buessen muessen; fuer
+die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse.
+
+"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
+gern leiden, nur muesste er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie
+ueberhaupt alle verheirateten Maenner. Gott sei Dank, dass mich der Himmel
+vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
+einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
+
+"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse
+lachend.
+
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
+er darueber dachte.
+
+"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, waehrend
+sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen
+Sie wohl, wie gut es war, dass ich Sie abholte, ich weiss doch auch ganz
+genau, was fuer Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
+Herbstluft ist fuer erregte Gemueter jedenfalls viel besser als Ihr altes
+Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte."
+
+"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war
+ja Bromkali -"
+
+"Weiss schon, weiss schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs
+alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
+Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nuetzen."
+
+"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es
+nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte
+sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+angelangt. Er gab zur Antwort, dass er lieber heim gehen und sie dann
+spaeter in der Kirche treffen wolle, seine Kroete koenne er ja jetzt doch
+nicht sprechen, die muesse Ruhe haben.
+
+ [Illustration]
+
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
+bemerkte er, dass bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit uebrig
+war, und er ueberlegte sich deshalb, dass es sich gar nicht lohnen wuerde,
+vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, dass
+es wohl besser waere, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
+fuer Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfruege, ob alles in Ordnung
+sei. Die Verkaeuferin hatte sich schon am Morgen ueber den "wunderlichen
+alten Herrn" amuesiert, der in umstaendlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
+werden sollten. Alle Vorschlaege, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
+und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tuepfelchen
+anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
+angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
+Tuerkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kroete zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
+genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu maekeln
+und zog hier noch eine Bluete, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+Meinung in die Farbenharmonie nicht passten. Wer wohl diese Gabe, die dem
+alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das haette das junge
+Maedchen in dem Laden gar zu gern gewusst, denn eine Frau besass er nicht,
+das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fuer einen Braeutigam
+war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten
+Male an diesem Tage - da musste sie unwillkuerlich lachen; sie gab ihm aber
+auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
+und puenktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
+jedoch, dass so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
+vorgekommen waere, trotzdem sie mit allen moeglichen Menschen verkehren
+musste.
+
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
+Schrittes die Strasse ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
+Konzert stattfinden sollte, fuehrte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+doch keine Kleinigkeit und wichtig fuer ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+erleuchtet, und ueber die breite Treppe, die nach dem Eingang fuehrte,
+schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+grosse Tuer verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
+trat endlich gleichfalls durch das weit geoeffnete Portal. Der maechtige
+Raum war mit Menschen bereits dicht gefuellt. Die flackernden Lichter
+warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Saeulen und die dunkle Holzvertaefelung der
+Kirchenstuehle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
+betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
+seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
+Althoffs mit Aennchen, Flora mit den kraeftigen Zwillingen, Rosi nebst
+Familie - und wer sass da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
+bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
+erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
+Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
+Maedchengestalt neben ihm, waehrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der
+Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
+Der Professor fand, dass Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
+sich jetzt an ihrer Seite niederliess, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
+Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ueber ihre Stimmung
+hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
+die Koepfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
+bewegen, waehrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
+so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schoepfung von Haydn, wusste
+er nicht zu wuerdigen, denn er war gaenzlich unmusikalisch, und nur Gesang
+konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hoerte er schon zu, als die Choere
+gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
+Bartspitze zu drehen, und waehrend er gespannt hinhorchte, waren seine
+Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+Stimme die Befangenheit der jungen Saengerin, zaghaft und scheu glitten die
+Toene ueber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+reinen, maechtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
+Herzen der Zuhoerer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
+ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ueber die
+herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
+besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, dass sich
+die Haende zu begeistertem Beifall ruehrten. Leo hielt Ilses Hand in der
+seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
+fluesterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, dass Sie keine Angst zu haben brauchten,
+hatte ich nun nicht recht?" Sie laechelte wie verklaert, sagte aber nichts,
+denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schoene
+Arie: 'Nun beut die Flur.' Andaechtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdruecktes Huesteln unterbrach
+manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sass jetzt Ilse da. Ihre
+Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
+Zuversicht, dass ihr Kind etwas Bedeutendes leisten koenne und wuerde. Aber
+trotzdem vergass sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
+vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
+streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
+und immer wieder vorhielt und einpraegte. Als das Konzert sein Ende
+erreicht hatte, entstand eine foermliche Aufregung im Publikum, und der
+Andrang zu Gontraus war gross: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
+heran, um zu dem ersten grossen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
+Professor war dem Gewuehl entflohen und hatte sich in eine Ecke gefluechtet,
+um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen haette, welche die Treppe von
+den Emporen herunterkam. Neugierig spaehte er, ob er nicht Ruths Koepfchen
+dazwischen entdecken koenne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
+vorbei. Nach und nach hoerte das Gedraenge etwas auf, er kroch aus seiner
+Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
+uebersehen zu koennen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
+Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsuechtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glaenzenden Augen. Leichtfuessig huepfte sie herunter, und als sie Onkel
+Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
+in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwaehrend; sprechen konnte er nicht viel,
+nur die Worte: "Alte, gute Kroete," wiederholte er immer wieder, und eine
+ruehrende vaeterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+graukoepfige Hagestolz das junge, bluehende Maedchen umschlossen. Aber dann
+machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
+es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
+Armen. Auch Leo kuesste sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
+die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debuetantin, jeder
+wollte sie zuerst beglueckwuenschen, ihr zuerst die Hand druecken. Nellie war
+ganz geruehrt, und Flora erinnerte daran, dass sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine grosse Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
+Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Kuenstlerin viel lobende Worte.
+Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos voruebergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurueckgelassen, und
+der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkuerlich ergriff sie seine Hand.
+
+"O, was ein schoenes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als
+die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
+war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
+Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
+gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmuetige Zug, der ihr in frueheren
+Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben fuer die beiden Ehegatten doch anders
+gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
+wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
+lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
+sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
+wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schoenes musste es wohl sein, denn
+sie sahen froh und gluecklich aus. Waehrend diese Stimmungen noch die
+Gemueter in der verschiedensten Weise beherrschten, hoerte man ploetzlich das
+absichtlich laute und auffaellige Klappern eines Schluesselbundes, und mit
+harten Schritten ging der Kastellan ueber die Steinfliesen, um die Lichter
+auszudrehen, und gab damit zu verstehen, dass es jetzt an der Zeit sei,
+heimzugehen.
+
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
+ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Strassen war wie an
+einem schoenen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
+die Gefeierte; bedaechtig gingen die Alten hinterher.
+
+"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
+auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmuetig fuegte sie hinzu mit einem
+Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages
+fliegen beide aus dem Neste."
+
+"Ueber so etwas muss man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel
+Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
+Gefuehl, wenn er daran dachte, seine beiden Kroeten einmal hergeben zu
+muessen.
+
+"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?"
+fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+
+"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
+einmal flog ein spoettisches Laecheln ueber sein Gesicht, und er sagte: "Dann
+schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau."
+
+Es war natuerlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ueber die Stimmung
+hinwegbringen wollte, die etwas ruehrselig zu werden drohte, und das liebte
+er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+
+"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das
+wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
+haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
+vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
+spielen, Onkel Heinz."
+
+"Na, das wird was Schoenes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine
+schreibende Frau? Brr!"
+
+"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fuer
+Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
+- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbaendig, ein rechter boeser Trotzkopf.
+Und was ich dann alles leiden und ertragen musste, und wie ich geheilt
+wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz."
+
+"Durch mich?" fragte er, sie unglaeubig ansehend.
+
+"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit
+ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
+ihm, dass sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzaehlung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, dass die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+Titel "Trotzkopf als Grossmutter" in gleichem Verlag erschienen ist.
+
+
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter.
+
+Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht
+vereinheitlicht.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Unsinn."
+ Seite 15: "ueherhaupt" geaendert in "ueberhaupt"
+ Seite 76: "Schmids" geaendert in "Schmidts"
+ Seite 90: "langezogene" geaendert in "langgezogene"
+ Seite 113: Punkt ergaenzt hinter "Gefuehlen"
+ Seite 149: "Arger" geaendert in "Aerger"
+ Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las"
+ Seite 201: "Profossor" geaendert in "Professor"
+ Seite 208: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter
+ "abschlagen."
+ Seite 223: Komma ergaenzt hinter "Zwillinge"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+April 2, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39350.txt or 39350.zip.
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
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+
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+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
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+
+
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+
+
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+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
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+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
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+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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