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RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK + +Vierzigste Auflage + +STUTTGART +GUSTAV WEISE VERLAG + + + + + + Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. + + + + + + + [Illustration: Ornament] + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen +durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen +Maedchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die +Tuer zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geoeffnet hatte und hineinschaute. +Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte +ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestuemen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam +nicht los. + +"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet, +ihr Kroeten, ich werde euch kommen!" + +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der +Junge aber und das aelteste der beiden Maedchen, ein dunkellockiges Kind mit +blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein +Raufen und Balgen, dass sie wie ein Knaeuel umherkollerten. + +"Aber Ruth, schaeme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in +diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte +dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Aermchen fest um seinen Hals schlang. Ruth +aber, Gontraus wilde Aelteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten +sich hinter seinen Ruecken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei +zurueck. Das war ein Hauptspass. + +"Kinder, so seid doch endlich vernuenftig," legte sich Nellie jetzt ins +Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten +wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe. + +"Ja, nun hoert endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten +die Uebermuetigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den +Worten: + +"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?" + +"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab +er zur Antwort. + +"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da +stand Ruth in seinem Hut und Ueberzieher, die er beide auf einen Stuhl +neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fuer die Kinder, und +bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ueber die +Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Grossen nicht ernst bleiben. +Natuerlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, +bis Ilse der Sache ein Ende machte. + +"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in +mein Zimmer." + +"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen +Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an +seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, dass er +nicht von der Stelle konnte. + +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu +warfen sich die Kinder ueber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war +ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schliesslich doch +Gewalt gebrauchen musste, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der +wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde +von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den uebrigen hingen die +Haare wirr um den Kopf, und aus den lebenspruehenden Kindergesichtern +leuchtete die helle Freude ueber den gut gelungenen Spektakel. + +"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschuettelnd, aber solche +Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflaeche +erschien. + +"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den +Professor ansah. + +"Ja, ja, Pruegel muessen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar boesem +Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine +lustig zwinkernden Augen und wussten genau, so schaute er nicht aus, wenn +er ernstlich boese war. + +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Haende +gerutscht waren, rueckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ueber sein +kurzgeschorenes Haar, als wollte er fuehlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten waeren, aber sie standen nach wie +vor gerade in die Hoehe, tadellos in Reih und Glied. + +"Mutter, duerfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und +die andern bettelten ebenfalls. + +"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," quaelte sie, als die Mutter +keine Miene machte, ihre Bitte zu erfuellen. + +"Da lassen Sie man die Kroeten mitkommen," legte er sich nun auch ins +Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, dass seinem Patenkinde und Liebling +Ruth etwas abgeschlagen wurde. + +"Kinder, da muesst ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen +damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, dass +sie in der Kinderstube bleiben sollten. + +Ohne weiteres fuegten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges +Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen +zufluesterte, dass sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schoenes holen +sollte. + +Einige Minuten spaeter sassen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem +grossen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespraeche. +Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verliessen, hatte Ilse sich wenig +veraendert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, +waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas +voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten +gebaendigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie +hervor, kraeuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ueber ihre +reizenden kleinen Ohren, zum Aerger Leos, von dem es eine gewohnheitsmaessige +Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehoere auch das Ohr, ebensogut wie die +Nase, und es verloere an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu +sehen waere. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschoen wie +frueher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, dass ihr Ausdruck ein geradezu +sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm" +stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie +auch recht. + +Nur bei einem einzigen Wesen liess sie "sanft" ohne den wenig +schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin +Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und +gesiegt. + +An ihr waren die Jahre nicht spurlos voruebergegangen wie an Ilse. Der alte +Schelm in den Gruebchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frueher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingepraegt, +die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. + +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, +und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine +wuerdige Frau Superintendentin geworden war. + +Althoff hatte als Direktor am staedtischen Gymnasium Karriere gemacht und +konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider +machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und +da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stiess, sondern immer die +lebhafteste Teilnahme fuer die geringfuegigste Klage fand, nahm er sich auch +nicht im mindesten zusammen. + +"Du verwoehnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das +nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fuer ihn tun? Kinder, fuer die +sie haette sorgen koennen, besass sie zu ihrem groessten Kummer nicht, sie +musste aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das +lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast taeglich, spielte mit +den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der groessten Liebe +an ihr. + +In der Daemmerstunde erschien auch haeufig der Professor bei Gontraus, und +meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde +dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie musste ja erst sehen, +ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute noetigte Ilse +zum Bleiben. + +"Es ist ein so koestlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und +oeffnete weit die Fenster, damit die milde Fruehlingsluft hereinstroemen +konnte. Auf der aeussersten Spitze des Birnbaumes draussen wiegte sich ein +Starmaetzchen und sang aus voller Kehle in klaren und floetenden Toenen, +aehnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Daemmerung +senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die fruehlingslichte Natur, +und am Horizonte erschien mattglaenzend die silberne Mondsichel. + +Der Professor hatte wie immer viele Ausfluechte, er habe keine Zeit, und zu +Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse liess nicht locker, sie +kannte ihn, er liess sich gerne zureden. + +"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie +wusste, dass er schliesslich doch bleiben wuerde. + +"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem +Nachdruck, "das ist auch recht gut." + +"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Buechern sitzen! Sehen +Sie doch nur hier diesen wonnigen Fruehlingsabend, wie das duftet, wie die +Voegel zwitschern, das ist ja alles viel schoener, als Ihr alter +Buecherkram." + +"Buecherkram? Wieso alter Buecherkram?" fragte er, die Worte "alter" und +"Kram" besonders betonend, waehrend er anfing die Spitze seines dunklen +Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, +Ilse kannte es genau. + +"Mit Buecherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort. + +"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das +nicht gemeint. Aber Sie duerfen nicht immer arbeiten, Sie muessen doch auch +mal ausruhen." + +"Ich weiss am besten, was ich tun muss," erwiderte er nicht gerade +freundlich, doch Ilse liess sich dadurch nicht einschuechtern, sie kannte +seine Art. + +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als +Dozent an der Universitaet niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in +B. als Assessor taetig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als haeufigster Gast zu ihnen ins Haus. +Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte +mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo muehsam in +die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das naemlich nach +seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst muesste +mit dem Steinmeissel ein Loch geschlagen werden, da hinein kaeme ein +Holzpfloeckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer grossen +Umstaendlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass seine +eingeschlagenen Naegel sich noch nicht von der Stelle geruehrt hatten. Trotz +aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse +mit Rat und Tat zur Hand, so dass sie schliesslich bei vielen Dingen nicht +ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne +einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische +und spoettische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, +nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur +wenige Jahre aelter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der +Universitaet her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der +Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in +Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine ruehrende Liebe +zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er +ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, +Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. +Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafuer besass er aber +auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. - + +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred +selbst zu holen. + +"Ich kann ja das Maedchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie liess das +nicht zu. + +"Ich weiss nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will +deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in +Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, +nach Gontraus zu kommen. + +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen +an. + +"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurueckhaltend, und wies +jeden Einwand, den er machen wollte, zurueck. + +"Wissen Sie was," rief sie ploetzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister +gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem +Jahre, Onkel Heinz - koennen Sie da widerstehen?" + +Er lachte. + +Die gemuetlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genuege. Die Geister, die +ihnen entstiegen, waren nicht truebselig, es waren die des Frohsinns und +der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugaenglich, ja +unliebenswuerdig, und liessen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links +liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kaempfe, +ihn heranzuziehen, wenn eine groessere Gesellschaft versammelt war. + +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne +langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben. + +"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres uebrig als dazubleiben," sagte er +vergnuegt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht, +er macht sie regelmaessig zu suess." + +"Natuerlich, natuerlich," sagte Ilse, "doch dann muessen Sie mit in die Kueche +kommen, Onkel Heinz." + +Er folgte ihr und traf nun in umstaendlichster Weise seine Vorbereitungen. +Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, dass Onkel Heinz draussen +erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte +ihm eine grosse, weisse Kuechenschuerze umgebunden, Marianne kletterte auf +einen Stuhl und beugte das Koepfchen tief ueber die Terrine, aus welcher +schon der aromatische Duft der Maikraeuter emporstieg, und Fritz fehlte +natuerlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel +Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fuehrte er nocheinmal ein +Glas an den Mund - sie war gut geraten. + +"Na, nun wollt ihr Kroeten wohl auch schmecken?" fragte er. + +"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich +wollten alle nach dem frisch gefuellten Glase greifen, das er hoch in der +Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreissen konnten. + +"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar +nichts!" Damit draengte er die verlangenden Kinderhaende zurueck, und der +Reihe nach bekam jedes zu kosten. + +Bei dem einen Glase blieb es natuerlich nicht, Onkel Heinz fuellte noch +einige Male nach. + +"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute +sich ueber den guten Zug des Jungen, der zu den schoensten Hoffnungen +berechtigte. + +"Aber, bester Professor, wie koennen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu +trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kraeftigen +Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. + +"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz. + +"Ach natuerlich, Kinder duerfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen +schaedlich!" + +"Schaedlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schaedlich sein, wer sagt +das?" + +"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort. + +"Na ja, die Aerzte!" fiel Onkel Heinz mit hoehnischem Lachen ein; "wenn die +so etwas behaupten, koennen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist +es nur Unsinn." + +Ilse aergerte sich ueber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, +ihre Laune war an diesem schoenen Abend eine zu gute, und die wollte sie +sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ueber +diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Missstimmung zurueck. + +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu +Bett. Dem Quaelen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig +aufbleiben koennte, setzte sie ein unerschuetterliches "Nein" entgegen. + +Einige Zeit spaeter sassen die Freunde bei der Bowle vergnuegt zusammen, und +Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ueber das gute Gelingen +derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz daemmerig, aber draussen war es +noch hell und licht, ein wonniger Fruehlingsabend. Jeder empfand in seiner +Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sass manchmal stumm und +blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor floetete +jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich +hellglaenzend vom Himmel ab. + +"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse +uebergluecklich an. Die Freude ueber das gemuetliche Zusammensein blickte ihm +so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht, +trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit +Argusaugen darueber wachte, dass Fred ja nicht zu viel trank, fluesterte ihm +leise zu, dass er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getraenke +Kopfschmerzen bekaeme. + +Ilse hatte die leise Warnung gehoert. + +"Nellie, Nellie, immer musst du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar +nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals +eigenhaendig ein. + +"O," sagte seine Frau mit einem aengstlichen Blick auf das frischgefuellte +Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. +Er sass so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie fuer Froesteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den +Platz mit ihr wechseln wolle, es kaeme gerade, wo er saesse, ein kuehler +Luftzug herein. + +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schliessen, Althoff und der +Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spoettischen +Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja! + +"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Maedchen jetzt die +Lampe hereinbrachte und sich der blaeuliche Mondesschimmer mit dem +gelblichen Scheine unschoen vermischte. + +Jetzt so in der duftigen Helle da draussen hinzuwandern, in die +fruehlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, +immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, +unbelauscht zu sein, ganz in der goettlichen Natur, o das waere eine Wonne! +So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens +verfolgte sie fortwaehrend. Sie hoerte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff +von der neuesten Unerhoertheit eines Primaners erzaehlte, ueber dessen Haupte +die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ueber +Paedagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie +empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu +unternehmen, wie man ihn fuehlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Fluegel +zu verleihen scheint, sich ueber das alltaegliche zu erheben. In solcher +Stimmung war Frau Ilse, und waehrend Leo und Nellie glaubten, dass sie +gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor +und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein +abenteuerlicher Plan. + +"Kinder," rief sie ploetzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!" + +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit +auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fuer die Kinder ein andrer +werden muesse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse +sich ihr zuwandte. + +"Darling, was hast du fuer eine Idee?" fragte Nellie. + +"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr muesst mir versprechen, dass ihr +nicht nein sagt, wollt ihr das?" + +"Da koennten wir ja schoen reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: +"Ja, Schatz, fuer so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten." + +"Also hoert," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -" + +"In fuenf Tagen," verbesserte der Professor ruhig. + +"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; ueberhaupt, +Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir +Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie +poetisch, wie romantisch!" + +Man war solche Einfaelle von Ilse gewoehnt, aber doch erregte dieser +ploetzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwaende, der +Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfuehrbar +zu sein, aber Ilse wusste auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen +in den gluehendsten Farben aus, wie schoen es sein wuerde, bis sie +schliesslich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte. + +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau +ausserordentlich verstaendig und liess deshalb die andern soviel reden, als +sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus +seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der +Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der +naechtliche Weg gut bekommen wuerde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, dass er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wuerde +ihm ja auch sehr gut sein. + +So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten +der Partie ueber, die am naechsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, +als Onkel Heinz ploetzlich damit herausrueckte, dass er nicht mitgehen wuerde, +er habe zu arbeiten, er koenne sich nicht losmachen. Da brach aber ein +wahrer Sturm ueber sein Haupt los! + +"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit," +sagte Leo kategorisch, denn er wusste genau, dass er es schliesslich doch +tat. + +"Was mache ich denn fuer Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit +einigem Nachdruck, "was soll das heissen, Geschichten machen? Ich habe eben +zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn ueberhaupt davon, ob +ich mitgehe oder nicht!" + +"Natuerlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich +haette ja sonst niemand, den ich aergern koennte." + +"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das +sagte, hatte fast eine wehmuetige Faerbung. + +"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas, +um mit ihm anzustossen, denn sie hatte gemerkt, dass ihn ihre Neckerei +empfindlich beruehrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswuerdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen. + +"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt. + +Es war spaet geworden, als sich die Freunde trennten, denn ueber die +bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu ueberlegen. +Zum Schluss kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. + +"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die +Pastorin war nicht seine beste Freundin. + +"Aber glaubst du denn, dass die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte laengst +erkannt, dass Ilse nur hoeren wollte, was Rosi, die ehrwuerdige +Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wuerde. Und so war es +auch! + + * * * + +In dem huebschen Pfarrhause, das der Kirche gegenueber lag, sass Frau Rosi +auf ihrem erhoehten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein grosser Korb mit +Struempfen; einen davon hatte sie gerade ueber die Hand gezogen, und eifrig +flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und +Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorueber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als +Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wuerden. Alles +trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein +Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fuer suendhaft und wies ihn mit +den Worten zurueck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, dass wir es +jetzt auch entbehren koennen." Wenn es nach ihr ging, hoerte alles Streben +auf. Jetzt, wie sie so da sass, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, +machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den +Freundinnen waere. + +In dem Zimmer waren die Moebel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten +Plueschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plueschdecke, und vier +Plueschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkuerlich, ob nicht irgend etwas den individuellen +Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der +Ausschmueckung der Raeume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drueckende +Atmosphaere lag es ueber dem Ganzen, und feinfuehlende Seelen wuerden in +diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen +standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der +Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fuer diese +Lebewesen noch sorgen zu koennen. Aber an gestickten und gehaekelten +Gegenstaenden war das Zimmer reich, gestickte Sprueche an den Waenden, +gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stuehlen und an der Erde. Der +Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfraeulein auf gruenem Grunde, +gehaekelte Decken lagen ueberall, wo es nur irgend moeglich war, gestickt war +natuerlich auch die ueber die Kanne gezogene Kaffeemuetze, kurz ueberall, +wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +haekelnder Haende, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistroesen +aufgedrueckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten +fuer die Pastorin taetig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet musste es sein, darauf legte Rosi den groessten Wert. Sie +selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleisse, sie naehte +vom Morgen bis zum Abende fuer jeden etwas und waere es auch noch so unnuetz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen +musste, sie sorgte auch fuer andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die +Kranken und brachte ihnen Staerkendes; sie war auch in allen wohltaetigen +Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur +aus Pflichtgefuehl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie +fuehrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem +Pflichtgefuehle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den +Kopf und hatte keinen Blick fuer die warme Fruehlingssonne draussen, die +neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fussboden spielte, +und sich sogar an die Plueschsessel wagte, so dass deren stumpfes Rot feurig +aufleuchtete. Jetzt wurde die Tuer aufgerissen und Fritz stuermte ins +Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum. + +"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie aergerlich; "wie +oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!" + +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, +legte jetzt seine Mappe und Muetze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, +die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. + +"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?" + +"Ja, Mutter, alles." + +"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?" + +Kleinlaut fluesterte er: "Sieben." + +Jetzt liess sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoss fallen und sah ihn +an. + +"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt +und nicht an das Arbeiten denkt." + +"Es war so schoen bei Tante Ilse," warf Fritz ein. + +"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewoehnlich," unterbrach ihn +die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das +Vergnuegen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, dass du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!" + +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betruebt vor sich nieder und dachte +darueber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen +Fruehlingsluft draussen zu spielen, als ueber den langweiligen Buechern zu +sitzen. + +"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken +gleich Kaffee." + +Fritz gehorchte. In der Tuere begegnete ihm ein kleines Maedchen von acht +Jahren, seine Schwester. Ihre Aehnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, +vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling. + +"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, +als waeren auch Liebkosungen eine Pflicht, als haette ihr Rosi gesagt, ein +Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehoert. Aber dennoch war die +Begruessung mit der Tochter eine weit waermere, als mit Fritz. Rosi strich +ihr ueber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die +sich an einem der kurzen Zoepfchen gelockert hatte. + +"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zaertlich; "zeige mal, wie +viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?" + +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel +sie heute daran gearbeitet hatte. + +"Du bist ja ganz fleissig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick +glitt ueber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee." + +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den +Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der waermenden Huelle befreite. Waehrenddem +oeffnete sich die Tuer lautlos, und lautlos naeherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. + +"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, +als sie dicht neben sich ploetzlich den dunklen Schatten bemerkte. + +"Nun, bist du schon zurueck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?" +fragte sie freundlich. + +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen +grossen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln +an zu klappern. + +"Du bist aber auch immer fleissig, Tante," sagte Rosi, und ueber das +faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Laecheln der Befriedigung +bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie +als Muster galt, denn bei vielen wohltaetigen Vereinen sass sie mit im +Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische +keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein +allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig veraendert, es war +noch dasselbe gutmuetige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm +geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewusster in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen +Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte +sie gar nicht begreifen, dass der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draussen warteten ja schon die Freunde auf ihn. + +"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie +den Kaffee einschenkte. "Adolf, du musst wirklich mal streng gegen den +Jungen sein. Und wie isst er nun wieder! So iss doch nur langsam." + +Sie schuettelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse. + +"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?" +fragte der Pastor; "es ist so herrlich draussen." + +"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz muss arbeiten, er hat +wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch +einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, dass ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen +Stoss, damit er etwas sagen solle. + +"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich raeusperte, - er tat dies +immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn +das?" + +"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnuegen," antwortete +der Junge offen. + +"Siehst du, da hoerst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie +etwas werden." + +"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten +das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich +ihm beruhigend ueber das blonde Haar. + +Rosi schuettelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, dass +Fritz streng behandelt werden musste? In ihren Gedanken stand es fest, dass +aus ihm nichts wuerde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves +Kind, kaum dass sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefuehl +im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sass und ihr Broetchen +verzehrte; Fritz dagegen konnte ueberhaupt keinen Augenblick still sitzen. +Doch es war auch keine Kleinigkeit fuer ihn, hier in der Stube zu hocken. +Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, +schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn aergern wollten; +blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die +Kaffeezeit durfte nicht abgekuerzt werden. Was empfand sie von einem +Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit +sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das +Praesentierbrett und raeumte die Tassen zusammen, Fritz schluepfte schnell +hinaus. + +"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder, +unbekuemmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefuehl ihrer +Tadellosigkeit sonnte; sie wusste genau, dass sie viel besser war als der +Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. + +"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der +Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergraebst du sein Ehrgefuehl. +Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir +geworden." + +"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwuerdig; tadle ich ihn +wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt. + +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie +hervorbrachte, klang so dumpf, als kaeme es unter dem Tische hervor. Aber +das Gespraech fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden +um den Finger legte und dabei etwas laenger zoegerte wie gewoehnlich, so war +dies ein Beweis, dass ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern +aufs hoechste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das +Geschirr abzuraeumen begann, inne und hoerte andaechtig zu. + +"Elisabeth, mache, dass du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit +deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. + +"Ich muss arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das +Geschirr stehen liess. + +"Sage Minna, dass sie den Tisch abraeumt," rief ihr die Mutter in sanftem +Tone nach. + +"Warum faehrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als +Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll. + +"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das +gehoert sich nicht." + +"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiss ich; sie kann dreist so +etwas mit anhoeren." + +"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf. + +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der grossen Brille mit gespanntem +Blicke. + +"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets aergerlich, +wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen." + +"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Maedchen +schwach." + +"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz. + +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ueber +ihr Gesicht. Aergerlich stand sie auf, liess das Rouleau herab, und die +kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervoes rueckte sie an den +Tassen, suchte die Kruemchen von der Decke, waehrend der Pastor an das +Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und +hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle +Lichtschein so ploetzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Haenden fiel. + +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben +verbannten Strahlen wieder hereinliess, und rief aergerlich: + +"So lass doch das Rouleau zu; du sahst doch, dass ich es eben herunterliess, +weil mich die dumme Sonne blendete." + +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante +Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und +sicherlich wuerde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, +wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden waeren. + +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, +packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie +gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr +wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei. + +Die Roete der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden +eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre +Begruessung war ja nie eine stuermische oder auch nur besonders herzliche, +wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin +bewahrte stets eine gewisse Steifheit. + +"Bitte, nehmt Platz," noetigte sie, indem sie auf die Plueschgarnitur wies, +die in dem gedaempften Lichte wieder stumpf und farblos war. + +"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen +Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schoen, man moechte den ganzen Tag draussen +sein." + +"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Ausspruechen von +Ilse immer einen Daempfer auf, auch liess sie gar zu gern einfliessen, wie +viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. + +"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es +wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwaehrend ein. + +"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat +zu tun." + +"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt +denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse uebermuetig. "Manchmal meine ich, +dass ich ueberhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so +wenig Spass macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das +ewige Motto. Leo muss oft den Kuechenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu +habe." + +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ueber diese +Aeusserungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv +ahnte sie, dass derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fuehlte sich +Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fuer +ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und +schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber +Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie +herausrueckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun +wieder fuer eine ueberspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu +steigen! Das fehlte noch, dass sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empoert ueber ihren Mann, dass er ueberhaupt darauf einging, +und er schien wahrhaftig die groesste Lust zum Mitgehen zu haben. + +"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gespraech, "wir wollen es doch erst +ueberlegen; du kannst gewiss nicht fort." + +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich +will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer. + +"Aber dein Mann sagte doch eben, dass er sehr gut koennte," meinte Nellie, +und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder +aus ihren Gruebchen. + +"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja +mitgehen, wenn es ihm Spass macht." + +"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ueber eine solche Zumutung. + +"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!" +rief Ilse begeistert. + +Rosi sah sie an und schuettelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie +eben nicht. + +"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte laechelnd Nellie, als haette sie Rosis +Einwaende gar nicht gehoert. + +"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu +Ende, und sie kochte innerlich. + +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich +in sein Zimmer zurueck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kuendeten +nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drueckte die Tuere hinter sich ins +Schloss. + +"Ich begreife dich nicht, Adolf, dass du immer und immer wieder etwas tun +willst, was deiner Stellung nur schaden kann." + +"Ja, aber wie so denn, Rosi?" + +"Ach, tue nur nicht so, du weisst recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie +denken eben leider sehr frei, was euch Maennern natuerlich das liebste ist +und am besten gefaellt." + +"Darin, dass man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts +Freies." + +"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen +unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf." + +"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig. + +"Eine solche Albernheit fuer erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi +fort. + +"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann +lass uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen." + +"Das liebste waere es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht." + +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese +Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, +gab es sobald kein Aufhoeren; er liess sie deshalb ruhig weiterreden. + +"Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich stets daran denke, wie die +Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fuer meine +Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen." + +Wenn Rosi ihr "Pflichtgefuehl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre +Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen +Schlusseffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem +Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte +seine Buecher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies +war fuer seine Frau das Zeichen, dass er sich auf keine weiteren +Eroerterungen mehr einlassen wuerde; sie konnte sagen, was sie wollte, er +blieb stumm. + +"Dass du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal +anzufangen. + +Keine Antwort! + +"Uebrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich," +das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her." + +Wiederum Schweigen! + +Adolf schien vertieft in seine Buecher, aber Rosi war heute noch lange +nicht fertig; mit nervoesen Fingern zupfte sie an den Fransen der +Tischdecke. + +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. + +"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, dass du etwas strenger +gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit +Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluss auf den Jungen, und von +dem eigentuemlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den +Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fuer einen Mann in solcher Stellung +doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes." + +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und +erregt wandte sie sich zum Gehen. + +"Natuerlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du +keine Lust dazu, nicht mal ueber die Kinder kann man sich aussprechen." + +Der Pastor zuckte zusammen, als die Tuere jetzt unsanft ins Schloss fiel, +stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an. + +Rosi schuettete nun Tante Emilie ihr uebervolles Herz aus und fand dort fuer +alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung +ueber den Leichtsinn von Fritz, ueber die grosse Schwaeche seines Vaters, ueber +die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ueber das freie +Benehmen der beiden Freundinnen. Darueber hatte die Tante schon manches +gehoert, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi +traeufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, dass andre Menschen +ebenso dachten, wie sie. + + * * * + + [Illustration] + +Ilse betrachtete in den naechsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer +Spannung; das kleinste Woelkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl +hundertmal sah sie sich tagsueber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, dass das gar nicht noetig waere, denn wenn er sage, "es +bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes +Interesse fuer die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu +bringen, zu pruefen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer +gruendlichen Pruefung unterworfen, und dabei liess er eine laengere Philippika +gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe +verbrochen hatte, insbesondere los. "Ueberhaupt welcher Unsinn, so spitze +Schuhe zu tragen, da muessen ja alle Fuesse Krueppel werden," behauptete er +und zeichnete einen normalen Fuss auf und einen, der in spitzen Schuhen +gesteckt hatte. Beinahe waeren sie wieder in Streit geraten, als Ilse +dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpoenten spitzen Schuhe +noch einen normalen Fuss zu haben. Doch es ging diesmal noch gnaedig ab. Sie +merkte, dass er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die +Vorbereitungen mit der gewohnten Umstaendlichkeit getroffen wurden. + +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem +Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdruecken. Fuer +eine Expedition auf den Grossglockner konnte er nicht besser ausgeruestet +sein, die dichtbeschlagenen Naegelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, +den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich +seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen +nicht vergessen haette. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort +schnell wieder ein, als sie bemerkte, dass er seinen Bart zu drehen begann, +das untrueglichste Zeichen seines Unmutes. + +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmaessig aus mit ihren kurz +geschuerzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksaecken auf dem +Ruecken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre +Sachen ins Coupe gelegt, waehrend sie draussen noch auf und ab spazierten. + +"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, dass +Nellie ihres Mannes Rucksack geoeffnet hatte und demselben eiligst Sachen +entnahm, die sie in den ihrigen steckte. + +"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell +die beiden Saecke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der +Hand. + +"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, waehrend dein Mann fast +gar nichts zu tragen hat?" + +"Lass nur, _darling_, lass nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in +letzter Zeit so nervoes," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das +Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Traenen in die Augen. + +"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bisschen nervoes, du +lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die +Modekrankheit." + +Nellie schuettelte wehmuetig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte +nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wusste es aber besser. + +"Du verwoehnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wusste ja aus +dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, dass Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im uebrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die +Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in +neckischem Tone von der uebertriebenen Aengstlichkeit abzubringen. + +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstaedtchen, einem Badeorte, von wo aus +der naechtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester +Stimmung zurueckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune +und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr +dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden +Blick zuwarf und vergnuegt mitlachte. + +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, +nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch groesser, +jedenfalls sahen grosse und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksaecken auf dem Ruecken vielfach +belaechelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt +daran sehen. + +"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kroeten!" wehrte Onkel Heinz sie mit +seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle moegliche +Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein boeses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls +stuerzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, +schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz ausser Atem kam und +stehen blieb, um auf die uebrigen zu warten. + +Die Strasse, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. +Villenartige Haeuser zu beiden Seiten ruesteten sich schon fuer die +Sommergaeste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tueren +wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den +Gaerten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben +prangten bereits grosse Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige +Wochen, und alles war fuer die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel +genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der +Sammelplatz fuer die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik +anhoerend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein +Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tuere des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schuerzen und +wuschen Tische und Baenke ab. Sie hielten in ihrer Beschaeftigung inne, als +die fuenf einsamen Gestalten vorueberkamen. Nun wanderten diese die Hoehe +hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgruenen +Schleier ueber ihnen woben, und aus dessen Zweigen froehliche Vogelstimmen +toenten, wie eine Verkuendigung des nahenden Fruehlings. + +"O, wie schoen! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele +und hing sich an seinen Arm. + +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Staemmen ein +wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur +sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzueckender Farbe. + +Die beiden Frauen stuerzten darauf los, und im Nu hatten sie einen grossen +Strauss gepflueckt. Sie schmueckten damit sich selbst, die Huete ihrer Maenner +und natuerlich auch den von Onkel Heinz. + +"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick +verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Straeusschen von Primeln und +Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd liess er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. + +"Sehen Sie doch nur diese entzueckende Farbenzusammenstellung von Blau und +Gelb!" rief Ilse. + +"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend. + +Ilse wandte sich ab. + +"Na, denn nicht," meinte sie. + +"Um Gottes willen, Gontrau, du laeufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz +nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen." + +"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig +nicht schnell," sagte Gontrau liebenswuerdig und aenderte sofort das Tempo +seiner Schritte. + +"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche +Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spoettischen +Laecheln. + +"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol +habe ich den Ortler bestiegen." + +"Ach, du lieber Gott, diese Huegel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel +Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen +in andern Weltteilen zu erzaehlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen +einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine +interessante Erzaehlung so gefesselt, dass sie schwieg und aufmerksam +zuhoerte. Onkel Heinz war ein guter Erzaehler, und wenn er so recht im Zuge +war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war +durchaus keine verknoecherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. +Feine Beobachtungen und Stimmungen liess er durchschimmern, die man ihm +nicht zugetraut haette. + +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende +Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den +Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich +in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen +Firmaments anschloss. Wie ein leichtes Froesteln ging es durch die Natur, +als der farbenpraechtige Himmel allmaehlich verblasste, die goldig warmen und +die blaeulich kuehlen Toene in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die +durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand. + +Schnell huschte die Daemmerung wie ein leichter Schatten herbei, die +Gegenstaende verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ueber, +verschwommen wurden die fernen Linien, alles loeste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Saenger des Waldes auf +den Zweigen. + +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare +im traulichen Fluestertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz +voran. + +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als +draussen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. +Ilse wurde es etwas baenglich zu Sinne hier zwischen den hohen Baeumen, sie +glaubte es ueberall knistern zu hoeren; bald sah sie sich aengstlich um, bald +spaehte sie nach beiden Seiten in den daemmernden Wald. Mit jedem Schritte +wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Staemme und herabhaengenden +Zweige nahmen alle moeglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr +vorueberzogen. Das Knacken und Knistern in den duerren Aesten auf dem Boden +wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. +Unwillkuerlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit +angstvollen Augen dorthin, woher das Geraeusch kam. Wie es in Augenblicken +grosser Furcht gewoehnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. +Wenn sie ueberfallen wuerden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die +schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zufluestern, wie sehr sie +sich fuerchte, als ploetzlich zwischen den hohen Staemmen etwas hervorkam - +ein grosser Hirsch, der quer ueber den Weg setzte und nach einer Lichtung +zulief, wo er aesend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklaert, Ilse +atmete auf, aber ein Gefuehl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr +zurueck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren +auch die andern meistens still. + +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kuehl geworden, und dem +fruehlingsjungen Waldboden entstroemte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite +rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlaefernd durch +seine eintoenige Melodie, die sich anhoerte, als saenge es der zur Ruhe +gehenden Natur ein Schlummerlied. + +"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hoehe. + +"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie aengstlich und nahm ihr Tuch von +den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der +liebenswuerdigsten Weise. + +"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und +diesmal antwortete er liebevoller. + +"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewoehnlich." + +"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!" +fragte Nellie eifrig. + +"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel +Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit." + +"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie. + +"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit +Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als +Gegengift." + +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas +einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit +Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen +Ratschlaegen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die Aerzte, +schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen laecherlich. + +Leo, der mit Ilse ein Stueck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und +rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf +einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Baeume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebaeudes +erkennen, das wohl das Foersterhaus war, an welchem sie vorbeikommen +mussten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten +majestaetisch darueber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe +Silhouetten ab. Die Tuere des Wildgatters das den Wald abschloss, fiel mit +dumpfem Tone zurueck, und nun standen die naechtlichen Wanderer in einem +Garten, der zum Foersterhaus gehoerte. Ilses feine Nase witterte etwas wie +Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoss +waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Muehe hineinsehen. Die +Foersterfamilie sass um einen runden Tisch versammelt, ueber dem eine +Haengelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das +Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weisse fiel ein heller +Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemuetlichkeit +durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken +von dem Kaiser und der Kaiserin an den Waenden, sie lachte aus den +freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen +und umgab auch die kraeftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine +Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draussenstehenden +tat es leid, dieses harmonische Bild zu stoeren, sie ruehrten sich kaum und +betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die +Hunde im Zimmer unruhig, der Foerster erhob sich, kam zur Tuere heraus und +nahm die spaeten Gaeste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er +hoerte, dass die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen +wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. +Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig +vor ihm standen. + +"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bisschen Schnee wird's da +oben wohl noch geben." + +"Wir fuerchten uns nicht davor, Herr Foerster," erwiderte Ilse lustig und +warf ihren Rucksack auf den Stuhl. + +"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und liess sich +in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, dass die lahm gewordenen Federn +aechzten. + +"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wuenschen etwas zu +geniessen," rief er hinaus. + +Die Foersterin kam herein, ihre Blondkoepfe hinter ihr her, aber diese +blieben neugierig an der Tuere stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch +Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand +lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschaeftigte sich mit den kleinen, +krummbeinigen Dackeln und dem braunen Huehnerhund mit den herabhaengenden +Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedraengt und liess sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen +Augenblick innehielt, stiess er sie mit der Schnauze an. + +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo draengten zum Aufbruche. Sie +hatten mit dem Foerster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben +wollte, eingehend den Weg besprochen. + +Auffallend kuehl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den +dunklen Tannenwipfeln ueber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silberglaenzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt +verliessen sie die Landstrasse, die sich als heller Streifen durch die Wiese +vor ihnen herschlaengelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der +steinig und muehsam zu erklettern war. Hier schied der Foerster von ihnen. + +Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Haende sich oftmals +krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geraeusch zu hoeren war oder sie irgend +etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevoelkert den Wald fuer +furchtsame Geister ja mit allen moeglichen Spukgestalten, sie hoeren, wo +nichts zu hoeren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war +es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie wuerde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie +doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht +unterdruecken. + +"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben. + +"Seht ihr nicht die weisse Gestalt?" + +Eine weisse Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien naeher zu kommen +und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse waere es bei diesem +Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst ueberhoerte sie ganz die +spoettische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das +Gespenst losschritt. Ploetzlich toente ein schallendes Gelaechter durch die +Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weisse Geistergestalt +gestellt hatte und sich vor Lachen ausschuetten wollte. + +"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und +sehen Sie es sich an!" rief er laut. + +Ilse aergerte sich im stillen und schaemte sich zu gleicher Zeit, dass sie +ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weisse Gestalt war ein heller +Stein, ein grosser Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. + +"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fuer eine Gestalt halten," meinte +Leo, welcher bemerkt hatte, dass Ilse dem Weinen nahe war und sie +entschuldigen wollte. + +"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun faengst du wohl auch noch an, an +Gespenster zu glauben?" + +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht. + +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemuetsverfassung fast teuflisch! Ja, +Bloessen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. +Aber Rache ist suess! Der Augenblick wuerde schon kommen, wo Ilse sie ausueben +konnte, jetzt war ihre Erregung zu gross, um etwas sagen zu koennen; sie +wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. + + [Illustration] + +Bei dem Geistersteine verliessen sie den Wald, ueberschritten den Fahrweg +und waren nun auf der Hoehe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete +tief, der frische Hoehenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war +der Blick frei, keine beengenden Baeume mehr, zwischen deren Staemmen man +allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengross, +ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Raendern und lag breit auf dem +steinigen Wege und auf den niedrigen Foehren, zu deren Fuessen unter +Steingeroell ein flinkes Waesserchen gurgelte, hastend und stuerzend, als +haette es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die +Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn +unwillkuerlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird +nicht fortwaehrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle +Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele. + +Die frische Luft kuehlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im +Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame +Stille herrschte ringsumher. + +"O, wenn uns Rosi jetzt sehen koennte!" sagte Nellie. + +"Sie wuerde uns fuer verrueckt halten," meinte Fred. + +"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fuer verrueckt," +erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkoemmliche ist, blauer Himmel, +goldner Sonnenschein, gruener Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht +schoen, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem +Aeusserlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen +sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders." + +Onkel Heinz hatte darin wohl truebe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte +man nicht nach dem Aeusseren beurteilen; um ihn kennen und schaetzen zu +lernen, musste man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft +Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. +Doch heute fuehlte sie sich sehr geschmeichelt, dass der sonst stets +absprechende Professor Gefallen an der naechtlichen Partie fand, wie es +sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung musste aber auch das +haerteste Gemuet bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der +sie ganz erfuellt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drueckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel. + +Gegen zwoelf Uhr sahen sie oben auf dem Bergruecken den Giebel eines Hauses +auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf +welchen das Mondlicht blaeulich schimmernd lag. Allmaehlich wuchs das Haus +immer hoeher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein grosser +Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind ruettelte an den +Holzlaeden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Foehren, durch die hohen Graeser. Drinnen lag schon alles im +tiefsten Schlummer. Die Tuere war verschlossen, und erst, als man eine +Weile maechtig dagegen gehaemmert harte, wurde ein schluerfender Schritt im +Hausflur hoerbar, und die Tuere tat sich auf. Die fruehen und doch so spaeten +Gaeste mussten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, +bevor es gemuetlich wurde, aber dann liessen sie es sich auch wohl sein im +hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, +dem eine wohlige Muedigkeit folgte. Doch diese waehrte nicht lange, denn +Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den uebrigen. Sie +sprach viel Vernuenftiges und Unvernuenftiges durcheinander, war sprudelnd, +lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureissen. + +Nellies Blicke hingen wie verklaert an ihrem Manne, dem die Partie so gut +zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, +durch das Pulver, waehrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten +Kognak. + +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die +Scherze der uebrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die +Krone auf, als er schliesslich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die +Urheberin dieser schoenen Partie, hielt, welche mit grossem Beifall +aufgenommen wurde. + +"Ich haette gar nicht geglaubt, dass Sie so poetisch sein koennen, Onkel +Heinz," sagte Ilse, als sie sich fuer diese Aufmerksamkeit bedankte, und um +ihre Mundwinkel zuckte es spoettisch. + +"Wieso?" fragte der Professor erstaunt. + +"Nun, einem so eingefleischten, nuechternen Junggesellen, wie Sie es doch +sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie koennten +nur ueber alles spotten und hoehnen." + +Onkel Heinz sah sie ganz bestuerzt an, er ahnte ja nicht, dass dieser Hieb +die Rache dafuer war, dass er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft +ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, dass man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung +war es nun geschehen. + +Erst spaet erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem +Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den +Fensterscheiben, bis er im fahlen Daemmer des aufzeigenden Tages verblasste +und die glaenzende Morgensonne seinen Platz einnahm. + +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustuere, den Kopf +dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er +auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der +hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse +heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und +er konnte deshalb keine Ruhe finden. Ueber seinem Haupte jagten die Wolken, +vom Sturme getrieben, am Mond vorueber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen +Blick fuer solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, dass +am oestlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwaehrender +Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmaehlich wieder +verschwand. + +Lange noch blieb der Professor draussen. + +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee sassen. Es +sollte frueh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten +Laune, er sagte, dass er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. +Die Betten waeren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Laeden dumpfig +gewesen, und als er sie geoeffnet habe, haetten sie geklappert, und das +helle Mondlicht haette ihn gestoert. + +"O, Herr Professor, seien Sie nicht boese," sagte Nellie; "sehen Sie doch, +wie schoen es draussen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen +Fruehlingsmorgen. + +"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht +geschlafen," erwiderte er missmutig. + +"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fusse zuerst aufgestanden?" +fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte. + +"Dummheit, solches altes Weibergeschwaetz auch nur zu wiederholen." + +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen +Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Stoerungen willen lebhaft +bedauert wurde. + +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, dass es +ueberhaupt ganz gleichgueltig sei, wie dieser oder jener Berg heisse, oder +dieses oder jenes Dorf, es kaeme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas +behauptete. + +Ilse, welche ahnte, dass sie wohl die Schuld an seiner ueblen Laune habe, +hatte ihm innerlich schon die schoensten Beinamen gegeben, wie "alter +Junggeselle", "Brummbaer" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen +neckischen Ton ihm gegenueber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen. + +Lustig verliess die kleine Gesellschaft etwas spaeter den Schneekopf. Der +Himmel hatte sich inzwischen bewoelkt, der auf der Hoehe nie rastende Wind +trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, ruettelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte +hinter den Gestalten der Wanderer her, dass ihre Kleider und Maentel +flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb +Traenen in die Augen und blies die Backen feuerrot an. + +"Schneeluft," sagte Althoff. + +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont +bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weisse Flocken hernieder, dann aber +wurde es ein lustiges Gestoeber, wie mitten im Winter. Locker und leicht +legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Fruehlingsflur, +aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja +jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der naechste warme Sonnenstrahl nahm +ihn wieder mit fort. + +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fusshoch, und +darueber mussten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die +Fuesse bis ueber die Knoechel ein, was ein Hauptspass fuer Ilse war. Sie fand +diesen "Winter im Fruehling" herrlich und konnte ihr Entzuecken nicht laut +genug aeussern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich +hoechst aergerlich bis ueber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so dass nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, +wenn er eine Schneeflaeche durchwaten musste. Auch Althoff war diese Art von +Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt. + +"Liebster, ich muss dir einen Kuss geben, so himmlisch finde ich es hier," +rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kuessend, und stampfte mutig weiter, +umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. + +"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schoen?" rief sie herausfordernd +und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht. + +"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und +wischte die Glaeser, die nass angelaufen waren, wieder trocken. + +"Ein Unsinn, Gontrau, dass wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und +schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten waeren wir weit naeher +gegangen," sagte er dann zu Leo. + +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner +Behauptung. Schliesslich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die +drei Maennerkoepfe beugten sich darueber, bis Onkel Heinz zugeben musste, dass +er unrecht hatte. + +"Die Juristen muessen ja immer alles besser wissen," sagte er. + +"Und die Zoologen sind immer streitsuechtig," entgegnete Ilse schlagfertig, +Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der +Karte ueberzeugen muessen, dass dieser Weg der kuerzere ist." + +"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht massgebend," +entgegnete der Professor in unerschuetterlicher Streitsucht. + +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Mass war voll und lief ueber. Alle +Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie +jetzt laut. Er musste anhoeren, dass er ein alter Brummbaer sei, der jede +Gemuetlichkeit stoere, und dass er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette +Ehepaare, wie sie und Althoffs waeren, ihn alten wunderlichen Junggesellen +in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liesse, sie haette sich dies +schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, dass Sie +keine Frau haben, Onkel Heinz, die Aermste wuerde ich bedauern," schloss sie +ihre Strafpredigt, die den andern hoechst komisch erschien, denn sie +lachten laut darueber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. +Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts +dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ueber die Ohren, die +Muetze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. + +"Seien Sie froh, Professor, dass Sie nicht verheiratet sind, denn so machen +es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu +scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in +sich versunken ging er weiter. + +Gegen Mittag hoerte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue +Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien +die Sonne hell auf die bluehende Fruehlingslandschaft. In dem zarten Laube +hingen noch unzaehlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden +erglaenzte unter dem schimmernden Nass, und auf den Wiesen, die sich als +eine weite, gruene Flaeche bis zum naechsten Dorfe hinzogen, glitzerten +zwischen Halmen und Graesern feuchte Perlen; die Natur schien unter Traenen +zu laecheln. + +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verliessen, der in die Dorfstrasse +einmuendete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin +und her bewegen, ueber die hinweg ein blaeulicher Rauch in die Hoehe zog. +Unter den Traenen, die hier noch in den Augen erglaenzten, gab es kein +Laecheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den +Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der roetliche Schein am Himmel in +letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz +nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des grossen Feuers gewesen, dem +zwanzig Haeuser zu Opfer fielen. Ein wuester Truemmerhaufen, aus dem es noch +hier und da schwaelte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war +fast alles, was den Aermsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem +regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden +koennen, ein paar Stuehle, Tische und Schraenke, ein Buendel Betten und +Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie +grossem Werte fuer ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und +prueften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Gluecklicherweise war kein +Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kuehe, Ziegen, Schweine, +war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die +Weiber umher, aengstlich an sie gedrueckt die Kinder, bleich und verstoert +sahen die Maenner aus. + +Das war ein trauriger Abschluss der schoenen Partie und ein beschaemendes +Gefuehl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, dass sie +die Nacht in Lust und Froehlichkeit zugebracht hatten, waehrend nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglueck in so verheerender Weise hauste. +Das truebe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindruecke der letzten +Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein +Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und uebernaechtig aus, +im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder +in hellster Aufregung gewesen war. + +Eintoenig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, +erzaehlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wusste +kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darueber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, dass ein altes Weib mit dem brennenden +Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, dass es durch Kinder +entstanden waere, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, dass es "angesteckt" sein muesse. So meinte auch der Wirt, +der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem +Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestossen und +sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber ploetzlich +verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn +lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wuerde es ja +herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloss der Wirt seine +Rede. + +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und +Gontrau besichtigten die Brandstaette mit dem Pastor zusammen, Nellie und +Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen troestende Worte zu ihnen, +die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten +alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, +denn auch die besten Trostesworte wuerden ihnen das Verlorene nicht wieder +bringen. Hilfe muss auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war +die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die +Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand +Vorschlaege wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem +Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der +Waisenkinder stattgefunden, da wuerde jetzt wohl ein zweiter nicht viel +Anklang finden. Althoff wollte ein Schuelerkonzert veranstalten, das war +schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz +aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt +hartnaeckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem +neuesten Ereignisse beschaeftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb +keine Beachtung. Die Vorschlaege wurden nochmals ueberlegt und geprueft, bei +dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch +keiner zu gefallen, als Leo ploetzlich auf den Einfall kam: eine +Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zuendend, besonders auf +Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff. + +"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ueber das andre Mal, und auch die +uebrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spoettisches +Zucken um die Mundwinkel Ilse gluecklicherweise nicht bemerkte. Sie war +Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das +musste ziehen. Sicher wuerde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater +gern ueberlassen, meinte Leo, und Ilse draengte, dass er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die +Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natuerlich +auch sofort eroertert wurde, "welches Stueck?" Das war gar nicht so einfach, +denn was fuer Schauspieler gut und passend war, brauchte fuer Dilettanten +noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu +ueberlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stueck vorschlug, hatte wieder der +andre alles moegliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne dass sie +zum Schluss kamen. + +"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stueck, das Dilettanten spielen +koennten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die +Telegraphenstangen zu zaehlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen +hinaus. + +Da kam der Direktor aber an den Rechten; fuer Komoedienspiel hatte der +Professor nie viel uebrig gehabt. + +"Mit Theaterstuecken weiss ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu +tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte +Antwort. + +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit +davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort uebel zu nehmen. Er lachte +darueber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. - + +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der +schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des +milden Lichtes hoch ueber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurueck und verdraengte fuer einige Zeit das letzte Erlebnis. +Es war doch herrlich gewesen, draussen zu wandern im Mondenscheine, der +heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die +ueber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen liess. Matt +lag er auf den Schieferdaechern, auf den hellen Hauswaenden und den grauen +Strassen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen +Schimmer. + +Onkel Heinz verliess die uebrigen nach kurzem Gutenachtgrusse an der Strasse, +die nach seinem Hause fuehrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die +stille Nacht. + + * * * + +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der +Wohltaetigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Noetigste +besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern ueberlassen worden. +Taeglich wanderten Stoesse von Buechern aus der Leihbibliothek in das +Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu +waehlen. Nachmittags kam regelmaessig Nellie, und der Abend wurde dazu +verwandt, bei ihr oder Gontraus grossen Kriegsrat zu halten. Und wen die +Sache noch aufs hoechste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater +wollten Theater spielen, darin lag fuer sie ein grosser Zauber! Schon einige +Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor +Aufregung nicht einschlafen koennen, und die naechsten Tage wurde nichts +anderes gespielt als Theater. Leo hatte schliesslich verboten, sie wieder +mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den +Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und +begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine +Zeitlang, bis andre Eindruecke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafuer ploetzlich wieder aufs lebhafteste, sie +horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern +sprachen. Das glaenzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine +Maerchenwelt eingefuehrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das +stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfuellt von dem +Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften +Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren +grossen, blauen Augen verstaendnislos an, sie hatte mehr Sinn dafuer, ihre +Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth +dagegen fuehrte allerhand Komoedien mit denen, die ihr gehoerten, auf, und +wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie +in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank +im Bette liegen mussten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen +Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Traenen, Streit und ein +Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluss. + +Nach langem Waehlen hatte man sich endlich fuer drei Einakter entschieden: +"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Goerlitz und +"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stuecke hatte man nun gluecklich, doch +jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fuer das zu sorgen war, naemlich: +die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kaempfen ist, kann nur +derjenige nachfuehlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung +zustandegebracht hat. + +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie +erstere glaubte, brauchte man nur an die Tueren zu klopfen, um gefaellige +Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wuerde jeder einwilligen, sich fuer +einen so guten Zweck herzugeben. + +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas +viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Kuenstlerinnen +zusammen zu holen. + +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und +Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ueber die kleinlichen, +engherzigen Ansichten der Menschen ergangen. + +"Theaterspielen auf einer oeffentlichen Buehne!" Das war fast in allen +Haeusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenruempfen dabei, als ob +von den hoeheren Toechtern etwas Unerhoertes verlangt wuerde, brachte Ilses +Blut in Wallung. + +"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das koennen Sie nicht von +meinen Toechtern verlangen, sich der oeffentlichen Kritik auszusetzen." + +"Ja, aber Ihre Toechter reichten doch im Bazar Bier und belegte Broetchen +herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der +oeffentlichen Kritik ausgesetzt?" + +"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres." + +Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz +einer laengeren Erklaerung der Dame, die es wohl selbst nicht wusste. Die +beiden gaben jeden weiteren Versuch auf. + +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, +dass sie sich auf einer oeffentlichen Buehne zeigte, denn ihr Schuster, ihre +Schneiderin koennten ja nachher sagen: "Gnaedige Frau, was haben Sie aber +schoen gespielt!" + +"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswuerdigsten Schelmengesicht, das sie +stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie +brauchten sich doch darueber nur zu aergern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin faenden, dass Sie schlecht gespielt haetten." + +"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, dass mir ueberhaupt an dem Urteile +solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will +mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen." + +"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch +keine Schande, ihr Urteil anzuhoeren," sagte Ilse, innerlich empoert ueber +solche Anschauungen. + +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darueber daechte sie nun +einmal anders. + +Mit kuehlem Gruss verabschiedeten sich die beiden. + +"O, was ist sie verrueckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der +Strasse standen, aber Ilse war schon ganz kleinmuetig geworden und wollte +die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tueren betteln +und wuerde ueberall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den +Gedanken an eine Auffuehrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten +sie das Werk begonnen. Ilse war im hoechsten Grade aufgeregt; beinahe fing +sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die +viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf. + +"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_," +troestete sie. + +Bei der naechsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glueck; ja die +Idee wurde sogar mit grosser Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas +fuer die armen Leute, von deren Unglueck die Zeitungen schon viel berichtet +hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder +Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in +den Jahren, wo ein junges Maedchen anfaengt, "ein aelteres junges Maedchen" zu +werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch aelteren Schwestern und +ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die juengste und wurde "das +Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schoengeistig angelegte Natur, sie +dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fuer das Theater, +selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon +oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu uebernehmen. + +"Vielen, vielen Dank fuer Ihre liebenswuerdige Zusage, Fraeulein Born," sagte +Ilse mit einem herzlichen Haendedruck beim Fortgehen und versprach ihr, +bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. + +"Das alte Fraeulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte +Ilse draussen zu Nellie, waehrend das "alte Fraeulein" drinnen bereits mit +der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebaeugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe koennte sie auch noch sehr +gut spielen, sie haette sogar das richtige Temperament dazu. + +Ilse war hoch erfreut ueber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit +keinem Gedanken daran, dass dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze +zappeln wuerde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante" +nahte. + +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und +Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts +dagegen, und die beiden Toechter nahmen das Anerbieten mit grosser +Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, +ein frisches Maedchen, die gewiss gern eine Rolle uebernehmen wuerde. + + [Illustration] + +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich +besetzt waren. Fuer die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging +es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache +war abgemacht. + +Ilse und Nellie erzaehlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen +ihren Maennern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses +Begeisterung, die vorher den hoechsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wuerde die Idee mit ihren +Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen koennten, +gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber ueberzeugte sie sich noch +mehr, dass eine Dilettantenauffuehrung zustande zu bringen nicht so schoen +und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo musste ihr immer +wieder Mut einsprechen. Er uebernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. + +Endlich fand die Leseprobe gluecklich statt. Gluecklich? + +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube +Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entruestung von Fraeulein Born +zurueckgewiesen, und die beiden Fraeulein Schmidt zogen lange Gesichter, als +ihrer Freundin, die sie doch erst eingefuehrt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde. + +"Ach, das Dienstmaedchen soll ich spielen?" sagte Erna, die aelteste +Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die +Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht +und waere doch zu kurz. + +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich +bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache +etwas in Gang. + +"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle +fuegen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. +Wir muessen vor einem grossen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht +blamieren." + +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es +wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten +Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden +Ehemaenner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv +mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer +Kritiker sein. + +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos oeffnete +sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, +der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, dass ihm in den +naechsten Tagen wenig Zeit uebrig bleiben wuerde. + +"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er aergerlich ueber die Stoerung. + +"Da, hier lies," rief Ilse. "Fraeulein Born will die taube Tante nicht +spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wuensche +nicht, dass sie als Dienstmaedchen in die Oeffentlichkeit trete. Wenn sie +spaeter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Baellen zusammentraefe, +koennte das zu Missverstaendnissen fuehren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja +nichts, es wird sicher nichts, Leo! Lass uns die Sache aufstecken," +jammerte sie. + +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, +Ilse zu troesten und zu beruhigen, bis sie schliesslich auf dem Standpunkt +der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ueber alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch hoechst amuesant, die Menschen auch mal +bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen. + +Nellie ueberbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus +Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen. + +"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie waere es, wenn wir Fraeulein Born +als Koeder den Prolog gaeben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?" + +"O, das tut sie, das tut sie gewiss!" meinte Nellie. + +"Ja, und das Dienstmaedchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das +uebernehmen?" fragte Leo. + +"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stueck," +sagte Ilse ploetzlich. "Die Rolle des Dienstmaedchens ist ja eigentlich viel +huebscher; dass ich daran nicht gleich gedacht habe!" + +"O, wie schade, du wuerdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie. +"Kann ich nicht das Maedchen spielen? Aber ein Dienstmaedchen mit englischem +Akzent passt doch wohl nicht?" + +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie uebernahm das +Dienstmaedchen. + +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen +Kraefte wieder einzufangen. + +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem +Zureden gelang es auch, Mietze zu ueberzeugen, dass die Rolle der sanften +Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr huebsch sei. + +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! + +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fraeulein Born. Die jungen Frauen +wurden von den beiden aelteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der +Singstunde, musste aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar sassen +die beiden Fraeulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete +einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen +beiden Parteien hin und her. Die aeltlichen Schwestern meinten, zu einer +solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie +diese Rolle spielen sollte, waehrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzuege +derselben auseinandersetzte. + +Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube +Tante" von sich, indem sie erklaerte, ueberhaupt nicht mitspielen zu wollen. + +"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen +schoenen Prolog gedichtet und hoffte, dass Sie ihn als Muse sprechen +sollten; o, wie schade, dass Sie nicht mitwirken wollen." + +"Einen Prolog?" fragte Fraeulein Born einlenkend, und ueber ihr Gesicht ging +es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, +weisses Gewand, klassischer Faltenwurf, gruener Epheukranz auf dem +griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fuer sie! + +Ohne langes Zoegern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor +dem Altare war - und erklaerte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, +die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schliesslich, damit troestete +sie sich, war es doch nur eine grosse Selbstverleugnung von ihr, die Rolle +einer Alten zu spielen, und das wuerde man auch gewiss allgemein anerkennen. + +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder +aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders grosse Angst gehabt. + +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemuet durch solche Vorbereitungen +versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend +beschaeftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie oefters laengere +Selbstgespraeche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Dass sie die +Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte +eine grosse Angst, ob alles gut gehen wuerde. + +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte +nun die erste auf der Buehne stattfinden. + +"Mutter, lass mich mitgehen," bettelte Ruth mit glaenzenden Augen, aber Ilse +wies ihre Bitte zurueck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo +so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur +Generalprobe vertroestet. + +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser +leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. - + +Das Theater, von der Buehne aus gesehen, kannte fast keiner der +Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. +Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen +im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und +tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkoepfige +Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Huellen +ueberzogenen Samtsitzen sass und ueber die goldverzierten Bruestungen lehnte. +Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere +Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst +war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich +nach dem Platze, wo ein bluehendes junges Maedchenantlitz zu sehen war. Wie +bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich +untereinander die Plaetze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen +sollten, um vor den neugierigen Blicken der grossen Menge draussen zu +erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, +einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Buehne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt +bedeuten! Neugierig wurde die Buehne von allen Seiten betrachtet; nuechtern, +oede, geschaeftsmaessig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die +meisten doch anders gedacht! Man musste sich in acht nehmen, nicht ueber +Geraete und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die +Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +taeuschend nachahmten. Ein buehnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, +liess es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklaerte den Schnuerboden, +stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wissbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. +Aber trotz mancher Enttaeuschung ueber das "hinter den Kulissen" blieb doch +die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen +Zuegen ein; Fraeulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im +Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwaermerischen Augen +sah sie in das leere Haus! + +Leo liess eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde musste erst +befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten +und Direktor Althoff sassen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch +leuchteten die weissen Gesichter in der Dunkelheit. + +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" ueberkam ein leises +Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertoente und sie nun sprechen musste. +Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an. + +"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertoente im +gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den +hintersten Reihen des Parketts liess sich eine Stimme vernehmen: + +"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hoeren!" + +Fraeulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und musste auf Leos Geheiss +noch einmal von vorn anfangen. + +Sie war empoert darueber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und +der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzueckt gewesen und +nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der +Betonung, die sie ueber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung +herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Traenen +nicht zurueckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen. + +Siedendheiss ueberlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half +nichts, der Kelch musste geleert werden, wenn er auch noch so bitter war. + +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fraeulein Born auf, welche +schluchzend in ihrer Garderobe sass. + +"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fraeulein, warum weinen Sie +denn?" redete ihr Ilse zu. + +"Soll ich da nicht weinen, wenn ich oeffentlich blamiert werde?" gab das +Kind ausser sich zur Antwort. + +"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," troestete +Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen. + +"Es waere besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht +mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders geruehmt, und meine +Schwestern fanden, dass ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spraeche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hoert, verliert man alle Lust." + +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen +wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Traenen eher noch reichlicher, +als zuvor. + +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine +Notiz genommen hatte. + +"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Aeusserungen," sagte sie nervoes +zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht +mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt." + +"Ach, dann lass die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch graesslich," gab +er eilig zur Antwort. + +"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!" + +"Sie wird sich schon wieder troesten, Schatz," sagte Leo fluechtig; er hatte +jetzt keine Zeit zu laengeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur +"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen. + +Der Inspizient, Direktor Althoff, musste verschiedene Male an die Tuere von +Fraeulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich oeffnete und das "Kind" +auf der Schwelle erschien, mit geroeteten Augen und mit den Blicken einer +erzuernten Goettin. + +Ilse war froh, als die gekraenkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte +schon geglaubt, dass dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfuehren und nicht +mitspielen wuerde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem +Vorhergegangenen nahm, wies Fraeulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft +tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in +einem Tone herunter, der genuegend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie +"muckte", wie ein stoerrisches Droschkenpferd, und selbst die +Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten +sie nicht aufruetteln. + +"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muss besser zur Geltung kommen," rief +Althoff ein ueber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an, +die "taube Tante" sehr natuerlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von +dem zu hoeren, was ihr gesagt wurde. Leo liess sie denn fuer heute auch in +Ruhe, als er merkte, dass alle seine Bemuehungen vergeblich waren. + +Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden +ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der +Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das +reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mussten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt +gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den +ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal +geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswuerdige Geduld, er zeigte +immer wieder, liess immer wiederholen, waehrend Althoff schon laengst auf +seinem Sitze unruhig hin und her rueckte. + +"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser +Probe auch etwas baenglich zu Mute wurde. + +Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel +glaenzend ins Wasser, bei jeder Annaeherung des Liebhabers zuckte der +Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schuechternen +Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und liess das +"Schreckliche", ohne ein Glied zu ruehren, ueber sich ergehen. Fuer die +Zuschauer ein hoechst spasshafter Anblick, fuer Leo aber auf die Dauer eine +Qual. Er hatte es unzaehlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, +scherzend, liebenswuerdig, ernst, aber nun riss endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewaehlt. + +"So geht das nicht, liebes Fraeulein, wenn Sie -", er verbesserte sich +schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns." + +Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung +- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; +wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter +die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spaeter sass auch sie +in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer +zwei an diesem Abend. + +Diesmal uebernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt +und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefuehlen. Einesteils fand +sie, dass Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr +die grosse Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu laecherlich. + +Das "Kind" war auch hereingeschluepft, mit ihr die andern jungen Maedchen, +sie mussten doch ebenfalls alles sehen und hoeren, was da vorging. + +"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben +doch alle unser Teil bekommen, das naechste Mal werden wir es schon besser +machen." + +"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Fraeulein Born mit +spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine +besondere Ruecksicht." + +"Na, ich fuerchte mich schon vor dem naechsten Stueck, wenn ich dran komme," +meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden." + +"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie +eben keinen Tadel vertragen koennen, wollen wir die Geschichte lieber +aufgeben, die so viel Muehe und bis jetzt so wenig Freude macht." + +"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Fraeulein +Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung +doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht +deshalb Theater, um mich nur zu aergern; Ihr Herr Gemahl scheint zu +glauben, dass er dumme Schulkinder vor sich hat." + +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen +mit der Heftigkeit, wie ungefaehr eine Loewin ihr Junges verteidigt. Ein +Wort gab das andre, die uebrigen mischten sich mit hinein, schliesslich +sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht +mitspielen", "ruecksichtslos" usw., tauchten wie Froschkoepfe in einem +Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fuer +zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder +an den weissgetuenchten Waenden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden +Seiten des Spiegels und das dicht verhaengte Fenster, durch welches kein +Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem +Raum, und da war es denn kein Wunder, dass sich nicht nur die Gemueter, +sondern auch die Koepfe erhitzten. Erika Blum sass auf dem einen der beiden +einzigen Stuehle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll +zu. Die Traenen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie +sogar schon gelaechelt. + +Das Verschwinden der saemtlichen weiblichen Mitspielenden war schliesslich +Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stuecke begonnen +werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die +Damengarderoben muendeten, hoerten sie durch die Tuere ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draussen wie das Summen von vielen, in einer +Schachtel eingesperrten Maikaefern anhoerte. Alles Rufen, Klopfen, Ruetteln +an der verschlossenen Tuere wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen +ueberhoert; erst als das Klopfen zu einem donneraehnlichen Droehnen anschwoll, +glaetteten sich die aufgeregten Wogen. Fraeulein Borns Flacon, das sie +stets, mit koelnischem Wasser gefuellt bei sich trug, wanderte von einer zur +andern, die Taschentuecher wurden getraenkt und mussten die Wangen kuehlen. +Dann erst wurde die Tuere geoeffnet. + +"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas aergerlich, +aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes +Gesicht sah. + +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel +Zeit mehr, es musste deshalb schnell zu Ende geprobt werden. + +Auch die beiden andern Stuecke wurden nicht viel besser gespielt; es +herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete +und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmaedchen im +"ersten Mittagessen" so tragisch, dass man ueber diese komische Rolle eher +zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch +keineswegs lustig zumute; bei den fortwaehrenden unangenehmen +Zwischenfaellen konnte man unmoeglich seine gute Laune behalten. Die junge +Frau, Erna Schmidt, musste ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle +werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, dass es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei +Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" liessen +die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffuehrung durch +ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft +gelacht. + +Ilse lachte nicht mit, sie war im hoechsten Grade aufgeregt. Da - zwischen +den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals +nach Leo hinueberflogen, konnte man schliessen, dass von ihm, und zwar nicht +in der liebenswuerdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am +liebsten waere sie hingegangen und haette die zischelnde Gruppe gesprengt, +aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war +und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte. + +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und +Nellie mussten manche Ruege, manchen Tadel einstecken. + +Immer hoeher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als +unueberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs +Tagen schon sollte die Auffuehrung sein - das war ja ein Ding der +Unmoeglichkeit! Und sie erzaehlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die +sich hinter den Kulissen, naemlich in der weiblichen Garderobe abgespielt +hatten. + +Leo brach in ein lautes Gelaechter aus, und Althoff meinte, ohne Zank koenne +es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen. + +Ilse jedoch liess ihren Traenen freien Lauf, sie war abgespannt und nervoes +von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen. + +"O, _darling_, du musst dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte +Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!" + +Aber der Freundin Kummer musste sich austoben. Der einzige, der ihr recht +gab und dergleichen auch hoechst aergerlich fand, war Althoff; er stimmte +ihr vollstaendig bei, waehrend Leo die Sache von der komischen Seite +auffasste. + +"Passt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse, +"und was machen wir dann?" + +Leo lachte sie aus. + +"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und +sich die Sache ueberlegen; das Theaterspielen hat doch zu grossen Reiz fuer +alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog +sie in seine Arme. + +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt +sie an Alpdruecken. Sie traeumte, dass sie in der engen Garderobe mit den +andern zusammen, wie in einer Sardinenbuechse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und +Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, dass sie fuerchtete, +erdrueckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rueckwaerts +noch vorwaerts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein +entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Buehne, die +Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von +ihrer Rolle, die Klingel ertoente, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in +diesem Augenblicke der hoechsten Qual erwachte sie. Die helle +Fruehlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich +erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, +Ruth mit einem Veilchenstrausse in der Hand, den sie eben aus dem Garten +geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so boesartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der +Theaterangelegenheit hoeren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit +Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Fruehlingsmorgen. Seit einigen +Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt +umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken koennen, wie weit das Gruenen und +Bluehen draussen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzaehlen +- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in +der letzten Zeit etwas hatte vernachlaessigen muessen. Aber bald wuerde alles +vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fuer sie allein da. + +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, +aber seine Tuere war verschlossen gewesen. + +Onkel Heinz! Selbst fuer den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen +Gedanken uebrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, dass er sich +nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darueber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hoeren, haette sie +nicht ertragen, und an Spott wuerde er es sicher nicht haben fehlen lassen. + +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten +Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis +zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rueckweg begegnete ihnen Rosi. + +"Nun, ich hoere, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen +Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darueber urteilen wuerde, +konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch aergerte sie die Art, in +welcher Rosi danach fragte. + +"Es ist nur gut, dass ihr es wenigstens fuer einen guten Zweck tut," fuhr +sie fort; "mein Mann hat auch schon fuer die armen Leute sammeln lassen." + +Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie +bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?" + +"Ich weiss noch nicht, ob Adolf Zeit hat." + +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu +gross und siegte ueber die sonstige Abneigung gegen das Theater. + +Vor der naechsten Probe hatte Ilse eine foermliche Angst. Doch es schien +wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die +Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und +nachdem die groessten Schwierigkeiten ueberwunden waren, stellte sich auch +die Lust und Begeisterung wieder ein. + +Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und +trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben +teilzunehmen, musste man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. + +Wie zwei gestrenge Waechterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe +Platz und blieben dort den ganzen Abend ueber sitzen. + +Taeglich wurde jetzt geprobt, und allmaehlich trat die richtige Stimmung +ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde +gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute +Kritiken nicht mehr uebel. + +Sogar Fraeulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet +und behandelte sie nicht mehr so gleichgueltig; auch der Backfisch war bei +der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefuehlvoller als +das erste Mal. + +So war man gluecklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewoehnlich +nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffuehrung +stattfinden. + +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch +konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur +verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 1/26 Uhr sollte man dort +sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie +fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange. + +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Raeume; wo ja ein lichter Strahl +von draussen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhaenge +daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. + +Von der Buehne her toente Sprechen und Haemmern. Ilse lief schnell erst +einmal dorthin, um Leo zu begruessen, der mit Althoff zusammen noch alle +moeglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie +daran dachte, dass sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch +- welcher Zauber lag in dem Gedanken! + +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. +Die Tueren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten +wurden nochmals einer genauen Pruefung unterworfen, diese und jene kleine +Aenderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfuemduft lagerte +ueber dem Ganzen. Das "Kind" sass im Frisiermantel in seiner Garderobe mit +aufgeloestem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Buerste und Kamm +bearbeitete, waehrend die andre geraeuschvoll ein Ei mit Zucker in einem +Glase zusammenquirlte. Das war gut fuer die Stimme und wurde der Erregten +loeffelweise eingegeben; ausserdem standen noch eine Flasche Wein auf dem +Tische und ein Teller mit belegten Broetchen, um die Kraefte der vom +Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in +den Haenden und memorierte fortwaehrend. + +"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das aelteste Fraeulein Born, als +Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch +wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!" + + [Illustration] + +"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe +ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen. + +Und in der Tat, was das "Koennen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas +fuehlten nach ihrer Meinung nur gewoehnliche Sterbliche, Kuenstlerseelen, wie +sie, waren ueber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, dass selbst +die groessten Kuenstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und dass, +wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewusst auftreten sieht, +diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Kuenstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ueber welche +der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet. + +In den Garderoben der jungen Maedchen herrschte ein lustiges Durcheinander. +Auch hier erwiesen sich Muetter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so +vielerlei zu tun. Erika Blum liess sich noch einmal ihre Rolle ueberhoeren; +besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur +hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen muessen. Wenn es nur +heute abend gut ging! Sie sah uebrigens reizend aus, die huebsche Erika. Das +blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ueber den +Ruecken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife +zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das +sorgfaeltig ausgebreitet ueber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschaeft des +Ankleidens musste nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fraeulein +Borns Tuere verschwunden und wuerde gleich zu den andern kommen. + +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffuehrung +wuerden einem objektiven Beobachter eine Fuelle von komischen Eindruecken +bieten. Da loest sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Naechstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus +zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder moechte zuerst fertig sein, +zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! + +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Maedchen fuehrten zwei +Muetter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, dass ihre Tochter +die schoenste sei, und trotz des Eifers und der grossen Eile flogen doch +verstohlene, pruefende Blicke hinueber und herueber. + +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbuechse; er wurde sofort +foermlich umringt. + +"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran." + +"Meine Haarfrisur haelt aber solange auf, Sie muessen mich zuerst +frisieren!" + +"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so +richtig, oder muss der schwarze Strich unter den Augen staerker sein?" + +Der parfuemierte Juengling konnte sich vor so vielen Fragen und +Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; +endlich schoss Erika den Vogel ab; sie wurde die erste. + +"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewoehnlichen Leben +waren ihre frischen Farben ihr groesster Kummer, sie fand es interessanter, +etwas blass auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkuenstler +versicherte immer wieder, dass sie ausgezeichnet "wirken" wuerde, und die +Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, suess, entzueckend!" Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ueber das +reizende Toechterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher +Liebenswuerdigkeit, dass Erna und Mietze doch noch viel huebscher aussaehen. + +In demselben Augenblick flog die Tuere auf, das zweite Fraeulein Born +stuerzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde" +zurueckgeholt, denn die blonde klassische Peruecke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; ausserdem war das Schminken +noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. + +"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Fraeulein Born aengstlich, als +die jungen Maedchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen +Dienstmaedchenkleid erschien. + +"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, +sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte +dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht graesslich aus?" + +Dass diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von +den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie laechelte ihrem +Spiegelbilde wohlgefaellig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten +fortwaehrend, wie reizend sie aussaehe. Dabei legten sie immer wieder die +weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und +keineswegs klassischen Bewegungen seiner Traegerin verschoben. + +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor +sich gegangen. Die blonde Peruecke, die Schminke und das griechische Gewand +hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das +sie sonst im Leben nicht mehr besass. Fuer die uebrigen hatte die aufgeregte +Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. + +"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schoen +von Ihnen abstechen!" + +Und missmutig glitten ihre Blicke ueber das graue Kleid der "tauben Tante", +das schlaff und dunkel an der weissen Wand hing. Dahinein musste sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war +eigentlich zu aergerlich. + +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, +deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, +jetzt mussten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein pruefender +Blick in den Spiegel. + +"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel - +schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber +fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?" + +Annas Haende flogen, waehrend die andre Schwester mit dem roten +Staerkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," draengte sie und hielt +der Muse das volle Weinglas an die Lippen. + +"Vorsichtig, vorsichtig, dass die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, - +dann rauschte es hinaus. + +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Buehne +versammelt. Man draengte sich an die kleinen Loecher im Vorhang, um ins +Publikum sehen zu koennen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in +dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch +stroemte es noch fortwaehrend herein. In der ersten Reihe sassen die beiden +Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gross und erwartungsvoll auf den +bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen +mochte; denn waehrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die +Kulissen tun duerfen - o, das war eine Wonne gewesen! + +Wie fernes Meeresrauschen toente das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den +Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders +laute Stimme heraushoeren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen toenten +einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine +Instrumente stimmte. + +Alle diese Geraeusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen +zum Beginn ertoente und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte. + +Nur wer einmal eine solche Auffuehrung mit durchgemacht hat, kann die +allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum +ersten Male hebt, nachfuehlen! + +Die Buehne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde +im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertoente; voll +Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Haende +und Fuesse, haemmerndes Herzklopfen, momentane vollstaendige +Gedaechtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des +Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder +weniger ergriffen hatte. + +Die Ouvertuere neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte +Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein +Fluegelschlag, - der Vorhang ging in die Hoehe. + +Das Gefuehl, welches Fraeulein Born beim Beschreiten der Buehne hatte, war +demjenigen sehr aehnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den +Marterstuhl eines Zahnarztes niederlaesst. Vor ihren Augen tanzte das +vielkoepfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten +Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Fluestern +ueber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme +wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorueber. + +"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den +Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, +und wie Sphaerenmusik klang das laute Haendeklatschen an das Ohr des +"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal musste er sich wieder +heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines +solchen Augenblicks beschreiben! + +Mit geoeffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die +tief Bewegte, waehrend die andre schon wieder den bewussten Labetrank bereit +hielt. + +"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich +wirklich wie eine grosse Kuenstlerin vor, als an allen Ecken und Enden +helfende Haende bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln. +Hinein musste sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare +wurde ein Spitzenhaeubchen gesteckt. Der Friseur taenzelte um sie herum, und +unter seinen flinken Haenden entstand ein wuerdiges Matronenantlitz. + +"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus," +sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn. + +"Nein, nein, keine kuenstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte +der gelockte Juengling und besah pruefend sein Werk, hier und da noch einen +kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend. + +"Lassen Sie nur, Sie koennen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller +Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draussen war, einen +widerlichen, unverschaemten Menschen. + +Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika +entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und +auch die Umarmungsszene geriet weit natuerlicher als bisher. Mietze Schmidt +und ihr komischer Liebhaber passten vortrefflich zusammen, und die "taube +Tante" hoerte es mit Genugtuung an, wie man ueber ihre Schwerhoerigkeit +lachte. + +Der Beifall war geradezu stuermisch, als das reizende Lustspiel zu Ende +war, und als Erika auf der Buehne erschien, flog ein wundervoller Strauss, +ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fuessen nieder. Galant +ueberreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke +konnte man doch bemerken, wie tief sie erroetete. + +"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den +Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen +steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid", +so eilig hatten es die uebrigen, den Strauss zu sehen und zu bewundern. Er +wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen +bereits an, ihre Gloeckchen zu senken, als sich so viele Nasen darueber +beugten. Dieser Strauss war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben +mochte, darueber zerbrach man sich die Koepfe. Erika musste viel mit anhoeren. +Sie wusste ja natuerlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es +nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. + +Fraeulein Born aber meinte, anonyme Geschenke duerfe ein junges Maedchen +eigentlich gar nicht annehmen, sie faende es wenigstens nicht schicklich +und wuerde es sicher nicht tun. + +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, +sie wuenschte schon, sie haette die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt +die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blueten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie moege sich nur ja +darueber freuen, die andern waeren alle nur neidisch auf sie. + +"Wahrscheinlich wieder so eine Anbaendelei von der Erika; sie hat eben doch +ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spaeter zu den Schwestern, und +die huebsche Erika wurde von den dreien tuechtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das huebsche Maedchen!" + +Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmaedchenrolle erschien, +erklang ploetzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. +Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und +sich gar nicht darueber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Aermel +zupfte und zur Ruhe verwies. + +Uebrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der +wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar +einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse +Dreistigkeit ueber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, +wenn der Vorhang in die Hoehe ging, sondern fuehlte sich schon ganz heimisch +auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Buehne nach der Musik +getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die +Darsteller, ueberbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natuerlich nur die +guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben. + +"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent," +sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelaechelt hatte, +aber zu einem wahren Genuss nicht gekommen war. + +"Passend finde ich es nicht, dass eine Frau noch Theater spielt," warf sie +ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ueber so etwas anders!" + +Die Betonung dieser Worte liess erraten, welchen Sinn sie hineinlegte. + +"Aber bedenke doch den guten Zweck, Roeschen; sie nehmen eine Menge Geld +ein fuer die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem +vollen Hause um. + +Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohltaetige +Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggruende eines jeden auf seiner +Stirn zu lesen gewesen waeren, die ihn heute abend ins Theater gefuehrt +hatten, so wuerde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ueber die +Wohltaetigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der +Oeffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen grossen Reiz. + +Zum dritten und letzten Male ertoente jetzt die Klingel. Die +"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stuecke +gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie +diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermaedchen, vorzueglich besetzt. Der Beifall war ein grosser, und +zum Schlusse mussten die Spielenden vier- bis fuenfmal erscheinen; +unermuedlich ruehrten sich die Haende der Zuschauer, und einzelne Begeisterte +dankten sogar mit lauten Bravorufen. - + +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden +Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren +Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen +uebergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife +und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und +wieder in das alltaegliche verwandelt. + +Mit wehmuetig zaertlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches +Gewand, das die Schwestern soeben sorgfaeltig in den Korb einpackten. Wie +schade, dass der schoene Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das +bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig +versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei. + +Ilse schien aber doch ganz froh darueber zu sein, dass die aufgeregte Zeit +ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war - +vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen wuerde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt." + +Und wie war es gelungen! Fuer allen Aerger im Anfang, fuer alle Muehe, war der +Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 +Mark uebermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein ruehrendes +Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die +Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schoenes +Gefuehl, fuer ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so +viel Jammer und Elend zu lindern. + +In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffuehrung gab es natuerlich nur +dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten +klang die Kritik ueberraschend aehnlich, da sie sich eben nur in +Gemeinplaetzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstaendnislos, +dass man genau wusste, hinter dem Ruecken sprachen sie ganz anders. Nur +wenige aeusserten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, dass sie in die Sache +eingedrungen waren; auch dass sie dies oder jenes tadelten, sich manches +anders gewuenscht haetten, war ein Beweis, dass man der Wahrheit ihrer Worte +trauen konnte. Den groessten Spass bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hoerten; wie sehr +wuerde darueber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen +triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase geruempft +haben. - + +Fritz war am Tage nach der Auffuehrung heimlich in aller Eile gekommen und +hatte sich von Ruth erzaehlen lassen, denn er selbst war natuerlich nicht im +Theater gewesen. Rosi behandelte ihn ueberhaupt jetzt unerbittlich strenge, +die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes +mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es muss und soll +etwas Tuechtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn +Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand +nehmen." + +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifaelligem Kopfnicken begleitet +und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ueber Kindererziehung +zum besten, die in der Theorie nichts zu wuenschen uebrig liessen, jedoch in +der Praxis wohl zu einem klaeglichen Resultat gefuehrt haben wuerden. Aber +fuer Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum +ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz +und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten +nicht eingehst," haette man ihr zur Antwort geben muessen. Bei Tante Ilse +fuehlte er sich so wohl, sie hatte Verstaendnis fuer den aufgeweckten Jungen +und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit +Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Maedchen erregte +stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +besitzen, hatte sie deren schwache Seiten laengst erkannt, und zwischen den +beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsuechtiges Kind, +Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch. + +Fritz hoerte mit offenem Munde Ruths Erzaehlung ueber das Theaterspielen an. +Ach, das musste doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch haette +sehen koennen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, dass selbst +Ilse, die eben dazu kam, darueber lachen musste, und dann berichtete sie, +welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt haetten. +Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn +vergeblich auf allen Plaetzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter. + +Ilse laechelte zu dieser Frage. Dass sich Onkel Heinz solchen +"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wuerde, hatte sie wohl +gewusst, aber auffallend war es, dass er sich gar nicht sehen liess. War er +noch boese? Sie hatte darueber in den letzten Tagen wenig nachdenken koennen, +aber jetzt kam ihr der Gedanke ploetzlich, und alles stand wieder deutlich +vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen +uebrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. +Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne dass er kam - natuerlich: "er brummte +wohl mal wieder!" + +"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse +spaeter zu Leo, als sie mit ihm darueber sprach und auch er die Meinung +aeusserte, dass der Professor zuerne. + +"Ja natuerlich, Ehemaenner muessen sich das Uebelnehmen mit der Zeit +abgewoehnen," erwiderte er seufzend, aber die gluecklichen Augen, mit denen +er seine Frau ansah, straften ihn Luegen. + +"Die Ehemaenner, welche sich am gluecklichsten fuehlen, beklagen sich am +meisten," gab Ilse zurueck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine +Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, waere dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frueher doch ganz anders +geworden, nicht wahr?" + +Er zoegerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, dass +sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil +sie sich des einstigen Trotzkopfes schaemte und sich nicht gern daran +erinnern liess. + +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief +sich alles wieder ins Gedaechtnis zurueck, was er gesagt und was sie +erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum musste er sie auch +immer so reizen!" + +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung +verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, dass er schon seit laengerer +Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die noetige +Pflege haette finden koennen. Leo suchte ihn dort sofort auf. + +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und +musste sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend +heimkehrte. + +Das Mitleid verdraengte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz +von freundschaftlichster Teilnahme erfuellt und malte sich das Bild des +einsamen, kranken Junggesellen in den truebsten Farben aus. Warum hatte er +auch nicht zu ihnen geschickt! + +"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und +doch koennte einer sterben und verderben, ohne dass man etwas davon merkt!" +rief sie mit Traenen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, +als sie erfuhren, dass ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer +leidenschaftlichen Art fragte fortwaehrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz +nicht am Ende sterben wuerde, und liess sich kaum beruhigen. + +Am andern Tage musste Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen +und fragen, ob sie den Professor besuchen duerfe. + +Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurueck und erzaehlte, dass sich der Professor +durch Ilse tief gekraenkt fuehle und durchaus nichts von ihrem Besuche +wissen wolle. Darueber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, +deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie +mit der Antwort auswich, dass er sich noch zu krank dazu fuehle. + +"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse +hatte Not, die betruebten Kleinen wieder zu troesten und zu erheitern. Jetzt +empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein muesse, der +sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn +naechst ihren Eltern am meisten liebten. + +Am Morgen des uebernaechsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, +einen Brief hoch in der Luft schwenkend. + +"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen - +heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig +abgebrochenen Saetzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller +Freude. + +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb +er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, dass er sie am Nachmittage mit +Mutter und Schwester erwarten wuerde. + +Fragend sah Ilse ihr Toechterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, +ihre Heldentat zu erzaehlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz +geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. + +"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbuechse gegeben. +Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft. + +Das Kind war voller Stolz ueber diese eigenmaechtige Tat und erzaehlte immer +wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand haette ihr +geholfen, sie waere ganz allein an die Strassenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer staenden, und haette einem davon den Brief gegeben. + +"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann ploetzlich, und ohne eine +Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen. + +"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Ruehrung. +Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen +mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie +allerdings im naechsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und +Hassen war sie gleich stark. Fuer Onkel Heinz, den sie liebte, wuerde sie +alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen +die sie sich geradezu unliebenswuerdig zeigte. + +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurueck, auf welcher der +Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermassen lautete: + + + + + + + "Lieber Onkel Heinz! + +"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben woerdest +du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern +aufs Knie gefallen und Mutter und ich moechten Dich so gern in der Klinick +besuchen und heute musste eine in unser Schule nach bleiben die hat aber +gebruelt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele gruese ich bruele aber nicht wen +ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig +gegeben fuer den weg. + + Es gruest Dich + Deine libe Ruth." + + + + + + +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen koennen; Ruth war nun einmal sein +erklaerter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fuers +Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spaeteren jungen Maedchens, sie +war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel +Heinz. + +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief +sie durch alle Zimmer, singend und traellernd, oder in den Garten, wo sie +einen grossen Maiblumenstrauss fuer den geliebten Onkel pflueckte. Jubelnd +brachte sie Ilse den ersten Maikaefer, den sie eben gefangen und in eine +leere Streichholzschachtel auf zarte, gruene Blaetter gebettet hatte - er +sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern. + +"Da wird er sich drueber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber +auch fuer ein Kind, den ersten Maikaefer zu verschenken, den es so eifrig +gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat! + +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren +beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Aelteste hatte unterwegs in +einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussaehe, ob da +viele kranke Menschen waeren und wer weiss, was noch alles; ihr +Plappermaeulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse musste sie +schliesslich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tuere +standen und die Glocke gezogen hatten. + +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen +oeffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wuenschen fragte. + +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, dass Ilse gleich +hinaufgefuehrt werden solle, wenn sie kaeme, und die Schwester mit dem +milden Gesicht unter dem weissen Haeubchen fuehrte sie deshalb ohne weitere +Anmeldung die Treppe hinauf. + +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Laeufern. Geheimnisvoll +still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an +Zimmer, und wattierte gruene Tueren davor hielten jeden Ton, der stoerend +nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der +gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorueber. Eine peinliche +Sauberkeit herrschte ueberall, und in den grossen, hellen Fenstern standen +bluehende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen +etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen. + +Hinter einer der vielen Tueren verschwand nun die Schwester, und nach +einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurueck, dass der Herr +Professor bitten liesse einzutreten. + +Zoegernd ueberschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand +haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit grossen Augen +musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wuensche angelangt war, wurde sie +zaghaft und scheu. + +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem +Krankenstuhle sass, eingehuellt in warme Decken, mit dem Aussehen von +jemand, der schwere Krankheit ueberstanden hat, glich auch wenig dem alten +Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu +jedem Spasse bereit war. + +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, +besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem fluechtigen +Haendedruck begruesst und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu +machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann +wandte er sich wieder an Ruth, welche zoegernd stehen geblieben war und ihn +betrachtete. + +"Na, nun komm doch naeher, alte Kroete!" rief er endlich herzlich. + +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm +hin und warf sich stuermisch in seine Arme. + +"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie +zurueckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich +noch enger an ihn. + +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzaehlte von +ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm +den ersten Maikaefer in seinem engen Gefaengnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schoen es im Theater gewesen sei. + +"Habe von der Mimerei gehoert," sagte Onkel Heinz kurz. + +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit +den duftenden Blueten kam ein Stueckchen Fruehling in das nuechterne Zimmer. + +"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner +Mutter einen Stuhl; fix, Maedel!" rief er und konnte eine gewisse +Verlegenheit nicht verbergen. + +"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenueber. + +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespraech anzufangen, aber er ging +nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, +denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschaeftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten. + +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit +poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmueckt, und war +nun enttaeuscht, dass der Professor jede Annaeherung abwehrte und auch nicht +die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so +verwegene Gedanken! Sie haette ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu +wissen, dass er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation +geschickt zu benehmen. + +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich +leugnete er immer sehr bestimmt ab, dass er irgend etwas vermisse, wenn sie +ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder +taeuschte er sich selbst? Darueber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte +sie sich mehr der Ansicht zu, dass er, um gluecklich zu sein, weiter nichts +brauche, als seine Arbeit, seine Buecher. + +Und doch - ein eingefleischter Buechermensch hatte nicht das warme Herz, +das Verstaendnis fuer die Kinder, wie er es besass! Er ging auf ihre Ideen +ein, wie es niemand besser verstand. + +"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die +letzte?" fragte er in diesem Augenblick. + +"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entruestet, "ich bin niemals die letzte +gewesen!" + +"Natuerlich, du Faulpelz, du kannst und weisst ja nie etwas, du bist die +Duemmste in der ganzen Klasse .." + +"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!" + +"Schweig, du Kroete, ich weiss es besser!" + +"Ach, du weisst gar nichts, Onkel Heinz." + +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wussten sie genau, +dass sie sich alles moegliche herausnehmen durften, und meistens endete eine +solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat +Ruth alles moegliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch +noch zu hinfaellig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen +Kampf einlassen zu koennen. + +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespraech anzuknuepfen doch er wandte sein +ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie musste +ihn tief, tief gekraenkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. + +"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in +ihrem sanftesten Tone. + +"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!" + +"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort. + +"So nannten es die Aerzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann +sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikaefer in den Bart gesetzt hatte. + +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien +ihm sehr angenehm zu sein - fuerchtete er etwa eine Auseinandersetzung? +Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekraenkt und +musste ihn wieder versoehnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so +verlassen vor, so trostlos traurig, dass sie nur der eine Wunsch beseelte, +er moechte ihr verzeihen. Aber die Kinder mussten erst fort sein, er haette +bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie +schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem +Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wuerden. + +Ruth wollte sich wie gewoehnlich widersetzen, wenn sie aus der Naehe ihres +Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genuegte ein Blick auf +Ilse, um ihr zu zeigen, dass mit der Mutter jetzt nicht zu spassen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. + +"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor. + +"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiss +die groesste Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel +besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus." + +Onkel Heinz brummte etwas Unverstaendliches in den Bart, wobei er +unverwandt durch das Glasfenster in der Tuere auf den Balkon blickte, wo +seine kleinen Freundinnen den Maikaefer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. + +"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, dass Sie krank waren?" +fragte Ilse wieder. + +"Das haette mir auch nichts nuetzen koennen, wenn Sie das gewusst haetten," +antwortete er nicht gerade liebenswuerdig. + +Dann schwiegen wieder beide. + +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloss +deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. + +"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr boese, Onkel Heinz?" fing sie an. + +Er antwortete nicht. + +"Ich wollte Sie ja nicht kraenken," fuhr sie fort. + +"O - Sie kraenken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer +merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig. + +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, dass er sie durch sein Benehmen oft reize +und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrueckte doch lieber diese +Bemerkung. + +"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts +dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort. + +"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein. + +"Ja, aber wieso denn?" + +"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder +Sie sagen, ich sollte froh sein, dass ich nicht verheiratet waere, denn ich +wuerde eine Frau nur ungluecklich machen, na - und aehnliche Redensarten +mehr!" + +"Aber, das ist doch alles nur Scherz!" + +Ilse musste beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft +zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespraech doch zu ernsthaft +zumute. + +"Sie trauen mir wenig feines Gefuehl zu, wenn Sie glauben, dass ich den +Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief +sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme. + +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. +Nach einer Weile fuhr er fort: + +"Sie sind gluecklich, Frau Gontrau, Sie sind verwoehnt, zu verwoehnt, - denn +offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort. + +"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glueck koennten Sie +doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es laege Ihnen nichts +daran und Sie haetten nur Interesse fuer Ihre Buecher." + +"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male +voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken +musste. + +"Halten Sie mich solcher Gefuehle nicht fuer wuerdig oder nicht fuer faehig?" +fing er wieder an. + +"Dass Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern," +erwiderte Ilse etwas verlegen. + +"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit +ueber das Gefuehl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas +natuerlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, dass +Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann, +und hinter meinem Ruecken werden Sie gewiss darueber spotten und lachen." + +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. + +"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn +fuer so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins," +fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?" + +"Nun, wie ich schon sagte, er verwoehnt Sie zu sehr, er laesst Ihnen zuviel +Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie +haetten ganz anders erzogen werden muessen." + +"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf +ein Haar dem Trotzkopf von frueher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das +'Erziehen' wuerde ich mir von meinem Manne recht huebsch verbitten." + +"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben koennen, Frau Gontrau, dann wollen wir +dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem +Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. + +Aber sie bezwang sich heute, es waere sonst wieder zu einem neuen Streite +statt zur Versoehnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er +ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fuehlte er oft! + +"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie ploetzlich, "warum +nicht?" + +Er gab keine Antwort, aber eigentuemlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. +Sie konnte sich denselben nicht recht erklaeren, dennoch fuehlte sie +instinktiv, was er ausdrueckte - es beunruhigte - es verwirrte sie. + +"Sie halten mich wohl fuer recht schlecht?" platzte sie in ihrer +Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen." + +"Ich halte Sie fuer gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach, +"sonst wuerde ich ueberhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, +nicht wahr? Schoene Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es +auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das +nicht?" + +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kaempfe +er mit seinen Gefuehlen. + +"Gewiss, gewiss, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu +absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie +seine Wissenschaft manchmal herunter!" + +Ironisch laechelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. + +"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres." + +"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind, +dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur +sagen." + +"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer missverstehen, Frau Gontrau. Nun +wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. +Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persoenlich, es gibt ja +doch Ausnahmen unter den Juristen!" + +"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell. + +"Sonst waere er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck +zur Antwort. + +Ilse amuesierte sich innerlich ueber die gute Meinung, die er von sich +hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentuemlichkeiten gegen seine +wahre Freundschaft fuer sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit +denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wuerde +mit der Welt ganz abschliessen und ein Einsiedler werden, wenn die +Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstoert werden sollte. War +es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu +retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, +sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu +verlieren? + +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar +erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhaeltnis doch nicht +ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, +jedoch hinter dem Ruecken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es +gegen seine Ueberzeugung ging. + +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fuehlte, dass sie ihm heute, +in diesem Augenblicke viel, viel naeher gerueckt war als je zuvor, denn in +solchem Masse hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen +hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, +hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle? + +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und haette gern mehr darueber +erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefuehl, das sie vorhin unter +seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstaendig gewichen, sonst haette sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. + +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglueckliche Liebe? + +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder +aufnehmen, aber sein veraenderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und +das war gut. + +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefuehle zu offen +gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als +mache er sich ueber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem +wahren Galgenhumor. + +Unaufhoerlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, +sonnige Luft, welche die beiden Kinderkoepfe auf dem Balkon duftig umwob. + +Laut rief er sie bei Namen. + +"Ruth, Marianne, kommt herein!" + +Die beiden liessen sich das nicht zweimal sagen, ungestuem stuermten sie ins +Zimmer. + +"Lasst die Tuere offen, Kroeten, es ist eine dumpfe Luft hier!" + +Ilse oeffnete Fenster und Tuere weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, +als der frische Zug von draussen hereinwehte - belebend, ermutigend! + +"Onkel Heinz," rief Ruth froehlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang +- weisst du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie +schade, dass du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du +erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit +herunter?" + +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm +verlangten. + +"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer ploetzlichen +Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den Aerzten vertragen, +die Sie ja doch so sehr verabscheuen?" + +"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man +denn machen, wenn sie einen in voellig wehrlosem Zustande in die Klinik +schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!" + +"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, +Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!" + +"Haben die Aerzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!" + +Streiten musste er nun einmal immer. + +"Wenn Sie erst wieder ausgehen koennen, werden Sie sich gewiss schnell +erholen in der himmlischen Fruehlingsluft. Duerfen wir bald mal +wiederkommen?" + +Ilse fragte mit bestechender Liebenswuerdigkeit; in dem unklaren Gefuehl, +dass sie trotz allem einen nicht geringen Einfluss auf Onkel Heinz ausuebe; +so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenueber zeigte, +ebenso empfaenglich war er andrerseits auch fuer die geringste +Freundlichkeit. + +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. + +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: + +"Seien Sie nicht mehr boese, wir wollen stets gute Freundschaft halten." + +Onkel Heinz wusste, was es sie kostete, eine solche Bitte ueber ihre Lippen +zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm +ihre Worte. + +"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand. + +Der Abschied von den Kindern war ein sehr zaertlicher, namentlich von Ruth, +die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. + +Als sich die Tuere hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still +und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurueck und schloss die Augen. +Worueber er nachdachte? Wir wissen ja, dass er sein Inneres gut verbarg. Den +Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie +er denjenigen manchmal beguenstigt, der auf hohem Berge steht und +sehnsuechtig in die von grauem Nebel verhuellte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreissen sieht. Neugierig spaeht er hinab, +sieht unter sich ein bluehendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schloss auf +der Hoehe. Was liegt nun noch dort drueben? Was dort? Das moechte er wissen, +moechte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben +sich die Wolken davor, alles verbergend und verhuellend. + +So hatte sich auch ueber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die +undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem +Blicke verbarg. + +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, +und brachte seine Abendmahlzeit. + +"Soll ich das Fenster schliessen? Es wird zu kuehl, Sie koennten sich sonst +erkaelten, Herr Professor," sagte sie freundlich. + +Er erwachte wie aus einem Traume! + +"Lassen Sie nur offen! Erkaelten - erkaelten - ist ja Unsinn - Luft schadet +nichts, will mich nicht verpimpeln." + +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrueche der Kranken +gewoehnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fuer ihre Pflicht hielt; sie +schloss die Tuere und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kuehl. - + +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, +um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu geniessen, und dabei erzaehlte +sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, +und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Ruecksicht zu +behandeln als bisher. + +Die Fruehlingsstimmung ringsumher, der schwermuetige Gesang der Nachtigallen +machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann +einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf +einmal in einem ganz andern Lichte; seine aeussere Rauheit war nur Schein, +dahinter verbargen sich schmerzliche Gefuehle von Einsamkeit, +Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +kuenftig zarter anfassen und ihm zeigen, dass sie des ihr geschenkten +Vertrauens wuerdig war. + +Unwillkuerlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurueck zu dem kleinen +Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betruebt und +nachdenklich, und fasste den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu +sein. - + +Die geruehrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, +hielt zum Glueck nicht lange an. + +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnuegt, ganz der Alte, und jedes +mitleidige Wort, das Ilse ueber seine Krankheit, ueber sein einsames Leben +an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, dass dabei gar nichts zu +bedauern sei, denn er waere nicht sentimental angelegt und wuesste sich mit +den Tatsachen abzufinden. + +So geriet allmaehlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte +Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich +Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbaer" usw., die +ihn so tief gekraenkt hatten, bekam er nicht mehr zu hoeren. + + * * * + +Die Rosen standen schon in voller Bluete, die Tage waren heiss, das frische +Gruen der Gaerten wurde durch eine graue Staubdecke gedaempft - der Sommer +war eingezogen und hatte den Fruehling verdraengt. + +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schoenste gepriesen, wie +kurz vorher sein Vorgaenger, der wonnige Mai. + +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit +vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte +von sich hoeren lassen. + +Seitdem wir Flora als schwergepruefte junge Witwe verliessen, war eine +Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu +sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie ruehrte keine +Feder an, sie verfasste keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +ueberschwenglichen Worten. Der erste grosse Schicksalsschlag ging nicht +spurlos an ihr vorueber, er ruettelte sie aus ihren toerichten Ideen auf, das +Leben nahm fuer sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften +Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne dass es ihr +eigentlich zum Bewusstsein gekommen waere, eine andre geworden, als sie den +Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun +Kaethchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte +sie von der Grossmama zurueck. Nach und nach gewoehnte sich die Kleine mehr +an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Kaethchen schien es nicht vergessen zu haben, +wie sie frueher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Muehe und +Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhaeltnis zwischen Mutter und +Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen. + +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem +Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein +Landwirt! Was das fuer ein Kontrast sein musste, malten sich Ilse und Nellie +oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, dass diese +sich geaendert haben musste, denn sie klangen ganz vernuenftig, und nur +selten noch erging sie sich in ueberspannten Schwaermereien. Ueber ihre zwei +kleinen Maedchen von sechs Jahren, ein Zwillingspaerchen, schrieb sie +gluecklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu +koennen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die +Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien +nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in +der schweren Zeit beigestanden hatten. + +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen +hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie +herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, dass sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. + +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem +Hin- und Herueberlegen entschloss sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, +dass sie kommen und, wenn es ihr passte, um die und die Zeit mit den Kindern +eintreffen wuerde. Ruths Ferien sollten in den naechsten Tagen beginnen, und +auch ihr und Marianne wuerde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut +tun. + +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunaechst +als eine Unmoeglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte +Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das +Dienstmaedchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklaerte sie rund +heraus. + +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den +Direktor, sagte ihm, sie faende Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm +dies so beharrlich vor, bis er schliesslich selbst fand, dass seine Frau +erholungsbeduerftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er +ploetzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge fuer ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewoehnliches und, wie sie +meinte, Unnoetiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so +abquaelen musste, der musste gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, +er wollte in der staubigen, heissen Stadt allein zurueckbleiben und +arbeiten, immer arbeiten; niemand wuerde da sein, der fuer ihn sorgte, wenn +er muede und abgespannt nach Hause kaeme, niemand, der an eine Erholung fuer +ihn daechte und seine Wuensche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu +erfuellen suchte. O, sie wuerde keine ruhige Minute auf der Reise haben, +nicht die Spur von Vergnuegen, sie wuerde fortwaehrend voller Sorge an ihn +denken. + +Das alles klagte sie Ilse unter Traenen und ahnte nicht, dass diese sich +heimlich ins Faeustchen lachte, als sie sah, dass ihre Bemuehungen +erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fuer den nervoesen +Direktor, dass er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewusst, was er an dieser Frau +besass, die ganz und gar in ihm aufging und nur fuer ihn auf der Welt zu +sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlaegen war bei Nellie nichts +auszurichten; sie gab stets zur Antwort, dass Ilse gar nicht wisse und +beurteilen koenne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fuer die +Freundin fand sie dennoch, dass diese solche Dinge zu leicht nehme. + +"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, dass ich fort +soll, sage ihm, dass du mich frisch und gesund faendest, und dass ich keine +Erholungsreise noetig haette, denn er gibt so viel auf dich." + +Ilse wuerde sich wohl hueten, so etwas zu tun, das erklaerte sie ganz offen +gegen Nellie. So musste sich diese denn ins Unvermeidliche fuegen. Fred +hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehoert, aber bei den immer neuen und +durch Traenen verstaerkten Auflagen derselben war er schliesslich so nervoes +und ungeduldig geworden, dass sie endlich hatte nachgeben muessen. Wie ein +Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen +fuer das Dienstmaedchen waehrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine +Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, ausserdem sollten zum Fruehstueck +und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so dass +der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte. + +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo +begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer musste noch unzaehlige +Ermahnungen ueber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; +aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Duete heraus, die von den Kindern +mit Jubel begruesst wurde. + +"Ich bin ueberzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich +amuesieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen +Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, dass er ihren Mann jeden Abend zur +Kneipe abholen wuerde, denn sie muessten doch ihre Freiheit geniessen. + +"Siehst du wohl," lachte Ilse. + +Aber spasshaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in +vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfuehren, er koenne so wenig +vertragen und muesse es nachher immer buessen, wenn er je einmal des Guten zu +viel getan haette. + +"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem +Laecheln, "ich werde auf die beiden Maenner achten." + +"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen +Worten gut herausfuehlte. - + +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die +Taschentuecher aus dem Coupefenster den Zurueckbleibenden zum Abschiedsgrusse +zu. + +Nellies gedrueckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der +beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwaehrend zu fragen und zu +zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, +kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um +sie zufrieden zu stellen. + +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der +letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete. + +Ihre Freude ueber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an +Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kuesste sie immer +wieder. + +Und dann, als sie behaglich im Wagen sassen, musterten sich die Freundinnen +untereinander mit grossem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht +veraendert," hiess es. "Etwas staerker bist du geworden." "Und du siehst viel +wohler aus, als frueher," und aehnliche Redensarten mehr wurden +ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger +Trennung wiedersieht. + +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile veraendert. Durch die +Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch +passte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der +Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der +Wagen durch bluehende Wiesen und ueppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den +Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehoerte, hatte sie wieder +den alten schwaermerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob +sie von dort etwas Besonderes erwarte. + +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. +Zwar brannte noch heisser Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur +war derselbe weit ertraeglicher, als vorhin im Coupe, in dem eine +Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte. + +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwaeldchen, das unter den warmen +Strahlen einen koestlichen Duft ausstroemte, dann bogen sie wieder in die +staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Haeuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. + +Als sie die sauberen Haeuschen erreicht hatten, hinter deren +blumengeschmueckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, +waehrend barfuessige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen +herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Koenigin in ihrem Reiche zu +fuehlen. + +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, +und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen. + +"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen, +dass ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte +sie im Vorbeifahren ein halbwuechsiges Maedchen, deren Antwort in dem +Geraeusche der Raeder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in +diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein." + +Die Dorfstrasse war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen +Feldweg, kamen dann an einigen grossen Scheunen vorbei, hinter denen +stattliche Misthaufen den tuechtigen Landwirt erraten liessen, und fuhren +nun in den Gutshof ein. + +"Vor das Schloss fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza. + +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten +fuehrte, und hielt vor einem grossen kastenartigen Gebaeude - es war das +sogenannte "Schloss". - Nur gut, dass ihm Flora selbst diese Bezeichnung +gegeben hatte, denn Nellie und Ilse haetten es sicher nicht mit dem stolzen +Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne +jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeisseltes Wappen ueber der Eingangstuer +liess erraten, dass die frueheren Bewohner Adelige gewesen waren. + +"Es gehoerte einem Baron v. H.," erklaerte Flora, als sie bemerkte, dass die +Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam +betrachteten. In demselben Augenblick oeffnete sich die Tuere, ein +schlankes, junges Maedchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen +Blondkopf fuehrend - Kaethe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine +Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kaethe! Das +verschuechterte Kind hatte sich zu einem huebschen Maedchen entwickelt, +Nellie und Ilse mussten sie immer wieder betrachten. Und dann die +Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzaehlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er +ihnen geschenkt hatte. + +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben +keine Antwort. + +"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Haendchen," rief Flora, als sie +sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmuehte. + +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, +sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen luetten Druwaeppeln "Lining" +und "Mining"; laendlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und straehnig blondem Haar. + +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in +diesem Moment ueber die vier Kinder gleiten liess, als sie so beisammen +standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am huebschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, +aber dass Ilses Maedchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch +unwillkuerlich aufzufallen, denn sie fand ploetzlich, Thusnelda und +Hildegard muessten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen +haetten. + +"Sonst haben sie naemlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an +Ilse und Nellie, und dann schalt sie, dass Kaethe ihnen die Haare so glatt +gekaemmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ueber die +Blondkoepfe, als koennten sich unter dieser Beruehrung die glatten Straehnen +in Locken verwandeln. + +"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begruessung vorueber war, und +fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?" + +"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete +Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach. + +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft +nicht verbergen. + +"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich moechte sie +gerne sehen," bettelte nun Ruth, fuer die ein solcher Anblick +hochinteressant war. + +"Spaeter, spaeter," antwortete Flora fluechtig. + +Sie hatte ihre Gaeste mittlerweile die Treppe hinaufgefuehrt und in die +Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Aeusseren. Die +weiss getuenchten Waende sahen sauber, aber nuechtern und kahl aus, der helle +Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine +Abwechslung in die Eintoenigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen +soeben erst aus den reinigenden Wasserstuerzen hervorgegangen zu sein, denn +ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten +die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Oeldruckbilder +an den Waenden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Moebel, +mit buntem Kattun ueberzogen, bildeten die Einrichtung; ueber die +Tischdecke, schwarz mit grossen roten Blumen, war als Schutz noch eine +weisse Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein grosser +Feldblumenstrauss - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. + +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwoehnten +Staedtern eine Wohltat, und mit noch groesserer Wonne sogen sie die herrliche +Landluft ein, welche durch die offenen Fenster stroemte. + +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefaellt es +euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmuetigkeit alles. + +"Nicht wahr, es ist recht gemuetlich hier? Die Moebel stammen noch von den +Grosseltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte +dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht +weiter stoeren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, +erwarte ich euch im Esszimmer - im unteren Flur die Tuere rechts." + +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen +Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, waehrend Ruth die kleinen +Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlaeufig noch viel +mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie +meinte, die haette sie noch gar nicht gern, sie spraechen ja nichts und +saehen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +waeren. + +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches +Urteil, indem sie ihr klar machte, dass sie dergleichen ja nicht etwa zu +Tante Flora, ueberhaupt nicht zu andern sagen duerfe. + +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spaeter ins Esszimmer, +einen grossen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kaethe und +den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +hoechst neugierig waren. + +Nur fluechtig glitten deshalb Ilses Blicke ueber die praechtigen Geweihe an +den Waenden, die sie sich als Kennerin sonst gewiss eingehend betrachtet +haben wuerde, und blieben an der maechtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmaechtige Frau vollstaendig verschwand. Die +aesthetische Flora und dieser Koloss, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, - +einen groesseren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten +Schultern sass ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen +kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und +seine kraeftigen Haende; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken +Falte ueber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkoerperten Bilde +der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklaerende Brille der Poesie an? + +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob +ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie +strich ueber seine Stirn und fand, dass er sehr erhitzt waere. Hatte er wohl +sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? + +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Laecheln von +Nellie vermuten. + +"Der Aermste hat in der grossen Hitze auf den Feldern sein muessen," wandte +sich Flora an die Freundinnen, waehrend man sich um den Tisch zum Essen +niedersetzte. + + [Illustration] + +"Ja, ja, es ist zum Braten draussen," erwiderte er und wischte sich die +hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den +Coupes, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen. + +"O ja," lachte Ilse, "aber dafuer haben wir's auch jetzt gut, hier ist es +ja herrlich kuehl. In der Stadt fanden wir es unertraeglich und freuten uns +deshalb sehr, als Ihre liebenswuerdige Einladung ankam." + +"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausfluege machen koennen! Die +Umgegend ist so schoen," sagte Flora. + +"Was? Wetter schoen bleiben! Regen muessen wir haben, es ist die hoechste +Zeit. Der ist so noetig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, +alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter fuers +Vieh mehr haben." + +"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gaeste haben, duerfen wir uns doch +keinen Regen wuenschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar +peinlich, dass er so sprach. + +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: + +"Ich bitte dich, Flora, dein Mann muesste kein guter Landwirt sein, wenn er +nicht so daechte. Als einstiges Landkind weiss ich ganz genau, was es +bedeutet: kein Regen!" + +"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll +Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an. + +"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und +Frau Althoff erzaehlt." + +"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so +vieles durch den Kopf, dass ich fuer so etwas kein Gedaechtnis habe." + +"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. + +"O, das kenne ich von Fred genau," troestete Nellie. "Der arme Mann ist oft +so vergesslich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind +seine Nerven auch sehr herunter." + +Hieran anknuepfend erzaehlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen +vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden waere, ihn zu verlassen, +da er ihrer Pflege so sehr beduerfe. + +Flora hoerte geduldig zu und troestete so gut sie es verstand. + +Waehrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine laengere +Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tuechtig +zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die grossen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Uebrigens wurde +ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen +Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafuer war er zu +derb, dabei aber natuerlich, offen und in seiner Art liebenswuerdig, das +Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin +seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, +die fuer alles was dazu gehoert, viel Verstaendnis hatte. Sie erzaehlte ihm +unter anderm, dass ihr Vater jetzt einen grossen Teil seiner Laendereien mit +Zuckerrueben bebaut habe, und dass er zur bequemen Befoerderung der Rueben +eine kleine Bahn ueber die Felder legen liesse; sie konnte ihm ueber alle +Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr +interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner +Felder zur Ruebenkultur vorzubereiten. Sie sprach ueber die neuen +landwirtschaftlichen Maschinen, ueber die besten Duengemittel wie ein +Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfuehrungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintraeglich werden +wuerde. + +Flora hoerte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie +die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, dass August seine +Nachbarin nicht ueber andre Gegenstaende unterhielt. Als sie aber merkte, +dass Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da +beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger +Aufregung darueber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen +gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darueber +auszufragen. + +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und sassen nicht mehr +so schuechtern und still auf ihren Stuehlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. +Ruth besonders rueckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war +niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkuendete, dass der +Kaffee unter der grossen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. + +Dort war es koestlich! Die breiten herabhaengenden Aeste woelbten sich zum +schuetzenden Dach ueber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die +kleinen Ritzen und Loecher in dem gruenen Blaettergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstuehle und Baenke, +auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gaesten +niederliessen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den +Haaren und Kleidern. Von dem grossen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein +Rosenbeet seine suessen Duefte herueber, vermischt mit dem Wohlgeruch der +Reseda, womit die Beete eingefasst waren. + +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ueber den wonnigen +Platz, und letztere dachte im stillen, dass diese gruene farbige Umgebung, +die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fuer den rosigen Hausherrn +und seine ebenso rosigen Toechter abgeben, als es die gedaempften Toene im +Zimmer taten. + +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengrosse +Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fuer die Kinder +eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes +ein Stueck davon auf dem Teller hatte, liessen sie ihn nicht aus den Augen. + +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum +auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun +doch endlich zu dem heiss ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Ueberhaupt was gab es da alles fuer die Kinder zu sehen! Aber unbekannt +waren ihnen diese Dinge nicht, sie wussten ganz gut Bescheid, da sie ja +fast alle Jahre zum Besuche bei den Grosseltern in Moosdorf gewesen waren +und das Leben auf dem Lande recht gut kannten. + +Es wurden die Scheunen besehen, die Staelle, man ging ueber den Gefluegelhof, +alles war in bester Ordnung, und wenn die grosse Gestalt des Besitzers +erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, dass er ein +strenges, aber gerechtes Regiment fuehrte. + +"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora +scherzend, als das Bloeken der Kuehe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der +Schweine ihnen noch nachtoente, waehrend sie die Wirtschaftsgebaeude +verliessen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang +ueber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die +Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller +Fruehe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ueppig standen +die Felder, die Aehren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend +roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden fassten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran +vorueber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Koepfchen +tauchten bald hier, bald dort zwischen den Aehren auf. Das Blumenpfluecken +war fuer die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Haenden voll bunter +Blumen kamen sie zurueck, und Kaethe, die nicht mitgegangen war, weil sie im +Hause beschaeftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Buerde ab, und ordnete +sie zu einem grossen Strausse, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der +Kastanie stellte. + +Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte +heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespraech +unterhielten sich die Erwachsenen, waehrend die Kinder geradezu uebermuetig +umhertollten und Kaethe ihre liebe Not hatte, sie zu baendigen. Um neun Uhr +wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quaelen zu Bett +geschickt, ihr Sprechen und Lachen hoerte man aber noch lange durch die +offenen Fenster; es toente mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken +um die Wette durch die abendliche Stille. + +Puenktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, +worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie +schade, sie haetten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es +ja kuehler hier draussen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. + +"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn +Werner. + +"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora. +"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends +natuerlich muede. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?" wandte sie sich an die beiden. + +"Selbstverstaendlich," gaben sie zur Antwort. + +"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den +jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzaehlen Sie mir morgen frueh, was Sie +getraeumt haben; das geht ja wohl in Erfuellung, wenigstens sagt es meine +Frau, die weiss ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Traeume! +Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergiss nicht, +morgen frueh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzaehlen, ob's stimmt, die +mogelt gern ein bisschen; und dann sorge dafuer, dass Hesse mit der Butter +nicht zu spaet fortfaehrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch +etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht." + +"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht +erroetend - die Auftraege schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein. + +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies +verhallt waren, hoerte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit +dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. + +"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; +das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne aeusseren +Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in +diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher +Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie gluecklich sie im Besitze +eines so praechtigen Mannes und so lieber Kinder sein koenne. + +"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte +dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, +vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. + +"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer +Weile ploetzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Haende drueckend, und +fuhr dann fort: "Ich glaube, dass wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als frueher. Ich habe mich in manchen Dingen geaendert, denn ich sah +ein, dass ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle +Welt passte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das +weiss ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefuehlen. Durch den +Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und +Vorwuerfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glueck zum zweiten +Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann +und hat auch nur Interesse fuer seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe +versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufuehren, und habe ihm haeufig +abends vorgelesen, doch er war zu muede und schlief dabei ein. Aber da habe +ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die +Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem +praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen." + +"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernuenftig hatte sie Flora noch niemals +sprechen hoeren. + +"Und wie ist es mit Kaethe?" fragte Nellie. + +"O, wir verstehen uns praechtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes +Maedchen, aber fuer die Zwillinge sorgt sie ruehrend, denn Kinder liebt sie +ueber alles." + +"Wie schoen fuer dich," sagte Nellie. + +"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kaethe, sie war so stoerrisch, +sie wollte nichts von mir wissen, doch das wisst ihr ja alles. Wir wollen +nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen." + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem +Leben mochten wohl viele heisse Kaempfe gefolgt sein, bis aus dem +ueberspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war. + +"Nun, und Orla?" fragte sie ploetzlich. "Was habt ihr von der gehoert? Bis +in meine laendliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Uebrigens, etwas +hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich +nach etwas Hoeherem." + +Also fuer aehnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, +diesen Spass konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln +verstaendig war und blieb. + +"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die +Vermittlung ihrer einflussreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit grossen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod +eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes +Vermoegen zugefallen; da kannst du dir denken, dass sie ein grossartiges +Leben fuehren." + +"Ein Leben im grossen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe +ich auch oft getraeumt! Natuerlich Dienerschaft in Menge?" + +"Jedenfalls," lachte Ilse; "darueber schreibt sie aber nichts. Du weisst ja, +das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla +nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfuehrliche +Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, dass sie sich gluecklich +fuehlt! Gluecklich in ihrer Ehe, gluecklich, dass sie wieder in ihrem +geliebten Russland leben kann. Kuenstler und Gelehrte verkehren bei ihr, +kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, dass sie +eine gefeierte Frau ist, - klug, schoen, reich." + +"Ja, ihr ist es geglueckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt +in der grossen Welt, wird bewundert, gilt etwas, waehrend andre in der +Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womoeglich auch als +Nihilistin eine Rolle?" + +"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen waere es ihr schon, das Zeug haette +sie dazu." + +"O, mein Gott, was redet ihr da fuer Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf +hier Nellie ein. + +"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmoeglich ist es doch nicht. +Schrecklich waere es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt +wuerde." + +"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. +Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen +anfangen!" + +"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit +erfahre ich ja gar nichts." + +"Vier Stueck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage +ich dir," antwortete Ilse. + +"O, suess!" schwaermte auch Nellie, und ein wehmuetiger Schatten ueberflog ihr +Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen." + +"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu +neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfuellte sie doch mit etwas +Neid, den sie nicht ganz unterdruecken konnte. Aber schneller als frueher +kam sie darueber hinweg in dem Bewusstsein, dass sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, dass +diese als Schauplatz die grosse geraeuschvolle Welt hatte, waehrend der +ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige +Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! - + +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen sassen noch +immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, +die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhoerte. Aber sie wollte +auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blaetterwerk mischte sich +in den Klang der Stimmen; es liess das Licht im Windleuchter, der auf der +bunten Tischdecke stand, hoeher aufflackern, so dass die Flamme nach den +herabhaengenden Zweigen leckte, deren Gruen in dieser kuenstlichen +Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in +ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise +malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, dass niemand das +anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die +Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verloescht, und +die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. +Droben aber, da glaenzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! - + +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzaehlen! Wenn man sich nach +langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten +Gespraeche meist sehr gleichgueltiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal +geoeffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wuerdigen Frau +Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes +wurde nicht ueber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz +geruehmt. + +Schliesslich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen +noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen grossen Korb voll frisch +gepflueckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gaehnen sah, fiel es ihr ploetzlich ein, +dass ihre Gaeste gewiss von der Reise muede sein wuerden, und es wurde +beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren +Gaesten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlaeferinnen. - + +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie +das Nest leer, aber aus dem Garten hoerten sie helle Kinderstimmen +heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen ueber den taufrischen Rasen laufen. - + +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem +Erscheinen der beiden schuettelte er leise das ehrwuerdige Haupt, als wollte +er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fuehrend, herbeigelaufen, +und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich +liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in +ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. + +"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: +"Dein Mann wird sich schoen ueber die faulen Staedterinnen lustig gemacht +haben!" + +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August traenke fast nie des Morgens +mit ihnen Kaffee, er waere schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim +Heuaufladen zugegen zu sein. + +"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie laechelnd mit einer +Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche +Lektuere bei der ehemaligen Dichterin! + +"Ja, ja, Kinder, so etwas muss eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die +aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhoeren glaubte. "Poesie und +Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande." + +"O, nicht nur auf dem Lande, ueberall im Leben," antwortete Ilse. + +"Ich bin uebrigens recht froh, dass die Kinder in freier, natuerlicher +Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fuer die +Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung +einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz +merkwuerdige Auffassung, ihr solltet nur hoeren, wie sie ueber alles spricht, +ueber den Gesang der Voegel, ueber den Sonnenschein, ueber den gruenen Wald." + +Danach sah der luette Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch +nur wuenschen, dass er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter +"erblich belastet" sein moechte. Aeusserlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm. + +"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse ploetzlich, sich nach allen Seiten +umsehend. + +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem grossen, +mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei maechtigen Pferden gezogen, +eben in den Hof einfuhr. Und wer sass mit Bauernkindern zusammen hoch oben +in dem weichen duftenden Neste, froehlich singend, wie eine Lerche in der +Morgenfruehe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestuem in die bereit gehaltenen Arme von Herrn +Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderuecken +setzte. + +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wuerde ihr ein Spiegel +vorgehalten und sie saehe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge +auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war +der verhaengnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue +Wendung nahm, - kleine Ursachen, grosse Wirkungen! + +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den +gaenzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem +Lande, war aus ihr das unbaendige, jungenhafte, trotzige Maedchen geworden, +waehrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so dass +man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" uebersetzen +konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine grosse Zukunft. - + +Bestaubt, erhitzt, mit gluehenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und +umarmte ihre Mutter unter stuermischen Kuessen. Sprudelnd und sich +ueberhastend erzaehlte sie, dass sie schon ganz frueh wach gewesen sei, und +als sie zum Fenster hinausgesehen habe, waere Herr Werner unten im Garten +gewesen und haette ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum +Heumachen. Da haette sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz +ordentlich," versetzte sie, als Ilses pruefender Blick ueber ihren Anzug +glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!" + +"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn +der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen. + +"Er wird erst Toilette machen, um wuerdig vor euch zu erscheinen," erklaerte +Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den +Staellen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne +Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkoepfe", drangen bis +zu der Kastanie herueber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot +lachen wollten. Flora waren diese Ausbrueche ihres erzuernten Gatten sehr +unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, +und wollte selbst nachsehen, was es denn gaebe. Aber da kam auch schon +August den Kiesweg heraufgegangen. + +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug +schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff +und schlappig hing die Joppe ueber seine breiten Schultern, und das farbige +Sporthemd liess seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das +Gesicht, vor Aerger und Hitze blaurot war. + +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel +beschaeftigten Landmannes, und hatte fuer Ilse daher durchaus nichts +Fremdes. + +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu +bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begruesste Nellie und +Ilse. + +"Ein ganz famoses Maedel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir +vielen Spass gemacht heute frueh. Das wird mal eine gute Landwirtin!" + +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend: + +"O, haben Sie Aerger gehabt?" + +"Ach ja, es gibt immer Aerger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die +dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natuerlich hat sie drei +davon tot gebissen. Schafskoepfe sind's," setzte er noch hinzu und legte +seine Hand so kraeftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend +zusammenschlug. + +"Aergere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm +besaenftigend ueber die Stirn. + +"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Haelfte +der Butter wieder mit, die bei der Hitze natuerlich schon zu einem Matsch +geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell muss +tuechtig auf die Finger gesehen werden! Und dann muessen auch die +Sauerkirschen gepflueckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen +worden in der letzten Nacht." + +"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun staerke und erhole +dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit +eigener Hand appetitlich belegte Broetchen bereitete und Kaethe ins Haus +schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. + +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die +Freundinnen immer von neuem. Sie haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass +aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernuenftige Frau +werden koennte, denn soweit es Floras Beanlagung zuliess, war sie wirklich +eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Ueberbleibsel +ihrer einstigen Ueberspanntheit zum Vorschein, aber wer koennte auch seine +innerste Natur ganz verleugnen? Ueberschwenglichkeit war nun einmal der +Grundzug von Floras Charakter. - + +Die naechsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den grossen +und kleinen Gaesten herrlich. Den ganzen Tag draussen in der guten Luft, +Abendspaziergaenge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in +die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu +vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, +denen der Hausherr auch oefter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fuehlen, und auch diese hatten +ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten +sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem +Rahmen des Gewoehnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen. + +"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder +die Rede darauf kam. + +Flora waren derartige Gespraeche immer sehr unangenehm, das konnte man +merken. + +"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fuer alles Schoene +und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin +und Mutter doch nicht zu versaeumen." + +"Ach was, Firlefanzereien! Struempfe soll sie stricken und gut kochen +koennen, das ist die Hauptsache." + +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Ueber diesen Punkt wuerden +sie sich ja doch nicht einigen. + +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewoehnt, sie +bluehte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, dass sie +in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so +vergnuegt und zufrieden, dass sich nach und nach auch die Angst und Sorge um +ihn etwas verringerte. Sie verfasste natuerlich taeglich lange Briefe, worin +mit allen moeglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es +dir? Fuehlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht +zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stundenlang ueber einem Briefe sass, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut +reden, ihr Mann war gesund und kraeftig, und konnte mit dem armen leidenden +Fred nicht verglichen werden. + +Uebrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls +ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindruecke und +neckte ihn damit, dass sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er +erzaehlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fuehle, und +wie angenehm es sei, einmal nicht am Gaengelbande gefuehrt zu werden. Dann +kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der +wahre Schauergeschichten ueber das Leben und Treiben ihrer Ehemaenner +berichtete. Darauf erhielt er natuerlich eine passende Antwort von Ilse. +Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fuer sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, +und sie natuerlich auch von ihm. Uebrigens erschien das kleine lebhafte Ding +den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hoeherer Art, und wie gern +liess sie sich anstaunen! Sie erzaehlte ihnen Geschichten, dass sie Mund und +Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt +hatte, mit so reizender Stimme vor, dass auch die Grossen gern zuhoerten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr +zaertlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der +Fall war. - + +Eines Tages sagte Flora, dass sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe +bei ihren Kranken machen muesse, und fragte, ob die Freundinnen sie +begleiten wollten, was sie natuerlich von Herzen gern taten. + +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch +und andre staerkende Sachen wurden, in Koerben verpackt, mitgenommen. + +"Ihr glaubt nicht, wie mildtaetig August ist, niemals kann ich den Armen +genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch +die Dorfstrasse schritt. + +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, +der wie ein erfrischendes Bad fuer die erschlaffte Natur gewesen war; +begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte +sich der Himmel wieder aufgeklaert, und die Abendsonne spiegelte sich in +den vielen grossen und kleinen Pfuetzen, ueber welche die drei Frauen hinweg +schreiten und springen mussten, indem sie die Kleider sorgfaeltig in die +Hoehe nahmen. + +Wirklich schien man Flora Werner ueberall gern zu sehen, sie blieb bald +hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von +jedem einzelnen die Verhaeltnisse genau. Aber merkwuerdig! Ihre +Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen +leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete +sie voellig verstaendnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden +Ausdruecke bediente. Doch, das waren nur Aeusserlichkeiten, wie sich Ilse und +Nellie bald ueberzeugen konnten. Floras Wohltaetigkeitssinn war ein tief +innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Taetigkeit, das sie +sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Fruechte. + +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht geluefteten Bauernstuben +eintraten, flog es wie ein heller Schein ueber die Gesichter der alten +Weiblein und Maennlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der +Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der +stets etwas Gutes fuer ihn enthielt. Bei den jungen Muettern erkundigte sich +Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlaege und war mit jeder +Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen +einfuehren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehaertet werden, im +zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und aehnliches mehr. Da +aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr +die Bauernfrauen verstaendnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm +gutmuetig anlachten, und alles blieb beim alten. + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufaelliges Haus, in welchem die +junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglueckt war +und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem +Jahre, in groesster Not krank und elend zurueckgelassen hatte. Hier in dieser +armseligen Huette traten jetzt die drei Freundinnen ueber die Schwelle. Eine +warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tuere zu +dem Raume oeffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und +in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen +erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und +versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon +zurueck. + +"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier +wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten," +sagte Flora freundlich und raeumte selbst drei Stuehle ab, auf denen +schmutzige Waesche, in allen Farben gestopfte Struempfe, zerbrochenes +Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und aehnliche Dinge umherlagen. + +"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gaeste habe; +aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht +wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie +sich neben dieselbe setzte und sie pruefend betrachtete. + +Ueber das bleiche, abgezehrte und abgehaermte Gesicht war eine fluechtige +Roete gegangen, die es merkwuerdig verschoente, als sie den fremden Besuch +gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schaemen, die kam ja so oft und kannte sie so +gut, die war ihr keine Fremde. + +"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter." + +"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie +nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," troestete Flora +sanft und liebevoll. + +Ein Kopfschuetteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei +die Kinder, die sich in die Ecken gedrueckt hatten und neugierig die +Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut +gekleidet waeren es gewiss huebsche Kinder gewesen. Nur bei dem +zweitjuengsten, einem kleinen Maedchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen +geradezu malerisch zu der Schoenheit des Kindes. Es sass der aeltesten +Schwester auf dem Schoss; wirre, ungepflegte blonde Loeckchen fielen tief +ueber ihr Gesichtchen, das unter den zurueckgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen grossen braunen +Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen +Fuesschen streichelte. + +"O, wie suess ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heisst du?" fragte sie +das Kind. + +"Aennchen," antwortete die aeltere Schwester. + +"Willst du der Tante nicht ein Haendchen geben?" fragte sie weiter. + +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zoegernd in die Hand der jungen +Frau, aber ohne Widerstreben liess sich die Kleine dann von ihr auf den +Schoss nehmen. Zaertlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. + +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fuer die Kranke aus dem Korbe +genommen und versprach fuer die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. + +Muede und apathisch dankte die Frau. + +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu +holen wagte, wollte das Fenster oeffnen, aber froestelnd schauerte die +Kranke zusammen und sie liess es geschlossen. + +"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend. + +"Ach, die holt ein bisschen Futter fuer die Ziege," entgegnete die junge +Witwe. + +"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie koennen doch in +Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben." + +"Die Kinder sind ja da." + +"Die koennen Ihnen doch nichts helfen, auf die muessen Sie ja noch dazu +achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht laenger," sagte Flora. +"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle +Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf." + +"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen +diese Worte. + +"Das muessen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tuechtig von dem +Wein, der kraeftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich +komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten +Abend und recht, recht gute Besserung." + +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie +entgegenstreckte, und dann verliess sie mit den Freundinnen diese Staette +menschlichen Elends. + +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draussen die frische Abendluft +empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse +konnte sich ueber die Armseligkeit in dem Haeuschen, die einen tiefen +Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in +einem fort von dem armen, suessen Aennchen, und Flora erzaehlte die +Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfuehrlich. Alle +drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. + +"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen koennen; der Doktor +sagt, es waere ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte +Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erloest wuerde, die Aermste." + +Dieser Wunsch sollte bald in Erfuellung gehen! - + +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige +Fall eingehend eroertert, und in den folgenden Tagen fuer die unglueckliche +Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt musste taeglich nach der Kranken sehen, +und eine tuechtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche +Fuersorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprueften; sie wurde +liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Noetigen versehen, und so +empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glueck. + +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die +Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfuellte, schlossen sich ihre Augen +fuer immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. - + +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie +mit ihren Gaesten froehlich plaudernd zusammensass, und zwar wie gewoehnlich +auf dem Platze unter der Kastanie. + +"O, die armen Kinder, das suesse _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit +Traenen in den Augen. + +"Ja, ja, wir muessen helfen," sagte Herr Werner ueberlegend. Dann fragte er +seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?" + +"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bloedsinnigen +Grossmutter koennen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus +uebergeben - es ist zu traurig!" + +"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann. +"Deichmanns auf der Domaene koennten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben +Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke +ich, wir koennten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natuerlich +musst du dir's reiflich ueberlegen, aber wenn du willst - ich bin's +zufrieden." + +"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Aennchen; o, es ist ein zu +wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, waehrend Ilse mit aufrichtiger +Bewunderung den grossen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras +Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. + +Den ganzen Tag nach diesem Gespraeche blieb Nellie still und nachdenklich, +und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die +letztere, dass die Direktorin fortwaehrend an klein Aennchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschoepf wohl aufbluehen wuerde, wenn es hier +erst mit den Zwillingen zusammen waere. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie +ihre Betrachtungen. + +"Hoere, Nellie," rief Ilse ploetzlich, "wenn dir das Kind so gut gefaellt, so +nehmt ihr es doch zu euch." + +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn +auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es +schien beinahe, als haette Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; +doch heftig schuettelte sie den Kopf. + +"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus. + +"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen." + +"O, Fred wuerde es nicht wollen; nein, das geht nicht." + +"Ob dein Mann das nicht will, weisst du ja gar nicht, aber moechtest _du_ es +denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend. + +"O, ich moechte sehr gern, gewiss moechte ich, ich liebe die _babys_ so +sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr +sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fuer solch kleines Ding; Fred +nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich muesste ihn vernachlaessigen, o, und +das ginge doch nicht." + +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen +wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich +die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt. + +Aber Ilse liess sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht +abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie +gebeten hatte, darueber fuer immer zu schweigen. + +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner +merkwuerdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine +Ahnung hatte, worueber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog +sich dann jedesmal mit den Kindern zurueck, um mit ihnen zu spielen. + +Nach Tische sassen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte +einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, waehrend +Ilse diktierte. + +"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann +wieder liess Flora ihre Bedenken einfliessen. Auf diese Manier wurde viel +geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl fuer ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es +fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftraeger kam, wurde es +diesem uebergeben mit der ausdruecklichen Weisung, den Brief ja ordentlich +und puenktlich zu besorgen. + +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die +beiden Geheimnisvollen in den naechsten Tagen unzaehlige Male aus, und mit +Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftraeger entgegen. + +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewoehnlich den +Kaffee unter dem gruenen Blaetterdach einnahmen. Fuer Ilse hatte er nichts, +aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. + +"Von Fred," sagte sie leicht erroetend, worauf sie sich erhob und ins Haus +ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die +Episteln von ihrem Fred studierte. + +Voller Erwartung blieben die beiden zurueck. Nun sie so unmittelbar vor der +Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein +kuehnes Wagestueck gewesen, das Ilse unternommen hatte. + +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustuer mit dem Briefe in der +Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora +klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen +Traenen standen, aber zugleich umspielte ein glueckliches Laecheln ihre +Lippen. + +"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fuer +mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kuesste. In ihrer +Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frueher misshandelte +sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, +freudig und geruehrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred +und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: dass er nichts +dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es +waere ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie +einsam und allein zubringen muesste, etwas Unterhaltung und Zerstreuung +haette, und er hoffe auch, dass das kleine Geschoepf einiges Leben in ihr +stilles Haus bringen wuerde. + +Ilse sah Flora laechelnd an. Fast woertlich wiederholte er, was sie ihm +geschrieben hatte. + +"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als +diese zu Ende gelesen hatte. + +"O, o, was fuer ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb +Ilschen," antwortete sie uebergluecklich und als ob sie ein Geluebde ablegte, +fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und +wie will ich den lieben Gott recht bitten, dass er eine gute Mutter aus +mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?" + +"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was +du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder +vergelten." + +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. + +Das erste war dann, dass sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen +Fred schrieb. Bis die aeusseren Formalitaeten erledigt waren, flog zwischen +den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit +Arbeit ueberhaeuft, wie er schrieb, sonst waere er selbst gekommen, um seine +Frau und das Pflegetoechterchen zu holen. - + +Klein Aennchen aber siedelte schon am naechsten Tage zu ihrer neuen Mutter +ueber, und frisch gewaschen, sorgfaeltig gekaemmt, in einem neuen Kleidchen, +sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut +wie moeglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und +wollten ihn etwas Tuechtiges lernen lassen. + +So war mit dem duesteren Tod zugleich das Glueck in die arme Huette +eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie +ihrem bisherigen Elend zu entreissen. + +Die schoene Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluss +gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knuepfte, war diesmal +ein unaufloesliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die +vielen Traenen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, +dass die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefasst hatte. + + * * * + +Klein Aennchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre +Wunderdinge zustande. Nellie musste ihre Pflege von nun an teilen und, was +sie nie geglaubt haette, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause +kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, +was ihn empfing - zunaechst war da klein Aennchen die Hauptsache, und +darueber vergass Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine +nicht alles verstand und wusste! Beide konnten ihre Vorzuege nicht genug +ruehmen, es gab kein aufgeweckteres und huebscheres Kind, und das "Erziehen" +haette leicht ein "Verziehen" werden koennen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel +Heinz auch noch dagewesen waeren. Die Vortraege des letzteren ueber +Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu +wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche +Nellie vorwarf, dass sie viel zu gutmuetig und schwach dem Kinde gegenueber +sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber +trotzdem hatte es helles Glueck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, +es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und +froehlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein +junges Leben hierher verpflanzt worden war. + + * * * + +So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und +Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach +Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre +mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glueck frueher, dem andern +spaeter und manchem nie. + +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorueber, frohe und +truebe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem +andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart +war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, +schwere Wolke lagerte es jahrelang ueber ihnen. + +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu +muessen, und so wurde aus dem froehlichen, frischen Kinde schliesslich ein +stiller, verschlossener Junge. An den Vergnuegungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch +immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu +grossen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An +seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den +letzten Jahren mit Arbeit sehr ueberbuerdet und konnte sich seiner Familie +nicht so widmen, wie er wohl wuenschte. Rosi war wie mit Blindheit +geschlagen! Durch fortwaehrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu koennen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. +Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die +Lebenslust maechtig in ihm; er haette hinauslaufen moegen, weit weg; er +fuehlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreissen. +Und immer haeufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr +Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfuehrerisch lockend vor seinen +Blicken. - + +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals +fuenfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne dass die +angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt haetten - er war +und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: +"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwuerfe +machte, oder das Unglueck nur als eine Fuegung des Himmels ansah? Von ihrem +Manne hoerte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Pruefung ganz +niederdrueckte, suchte doch immer nach einem Troste fuer Rosi und klagte +sich selbst wegen seiner Schwaeche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein ueberlassen zu haben. Tante Emilie +ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, dass sie +sagte, Fritz waere nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe +so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen +kurzen Wiederhall in dem betruebten Mutterherzen. Eine drueckende Schwuele +herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglueck. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Maedchen herangewachsen war, konnten +sich Rosi und ihr Mann nicht entschliessen, sie in die Welt einzufuehren. - + +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, +jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und +Froehlichkeit ins Haus. Zu bluehenden, lieblichen Geschoepfen waren sie +herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden +Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die juengere blond, rosig, +zierlich, die aeltere gross, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden +Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schoener, wozu auch wohl ihr liebenswuerdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth +dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fuer den +Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu daemmen. Wie oft musste sie sich von Leo +necken lassen, wenn sie ueber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die +Mutter." Aber dass aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es +einst gewesen war, dafuer hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel +schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz +und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man musste +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstaendnis er in dem +jungen Maedchenherzen zu lesen wusste. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine +beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm liess sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den +ruecksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor +geworden, aber auch unter dieser neuen Wuerde hatte sie sich ihren +frischen, natuerlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl aeussere und +innere Veraenderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten +sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles +drehte, ihr Mann vergoetterte sie noch immer, und ihre Toechter liebten sie, +wie nur Kinder eine Mutter zaertlich lieben koennen; sie war ihnen Mutter +und Freundin zugleich. + +So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als +Ruth und Marianne noch kleine Maedchen waren, der Tag, an dem er sie auf +den ersten Ball fuehren konnte. + +Der erste Ball! Welches Zauberwort fuer ein junges Maedchenherz! Marianne +und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum +Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz +unberuehrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die +Toiletten der Kinder auch in Ordnung waeren, brachen die jungen Maedchen in +ein unsinniges Gelaechter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas +ganz Ungewoehnliches. Nur Ruth fand es laecherlich, sich um einen "lumpigen +Ball", wie sie sagte, so aufzuregen. + +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Aennchen, das inzwischen ein +grosses Maedchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu +tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine +Kleinigkeit. + +"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die +Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette +zu beginnen. + +"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhasst, ich werde noch +frueh genug fertig," rief das junge Maedchen und sah etwas spoettisch +laechelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer gluehten. Sie war doch +ganz anders geartet, als sonst die Maedchen ihres Alters, deren Interessen +sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne +nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wuenschte. + +"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt, +als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich weiss genau, +dass wir in der Auswahl der Farben nicht uebereinstimmen wuerden, fuegen aber +wuerde ich mich nicht. Was wuerdest du z. B. fuer eine Farbe waehlen, +Marianne?" + +"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsuechtig," hatte Ilse gemahnt; aber +als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder +aufgebraust. + +"Natuerlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wuerde ich dir ja huebsch zur +Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche +Geschmacklosigkeit!" + +"Einem jungen Maedchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone +erwidert. + +"Na ja, natuerlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das +ist einfach dumm. Natuerlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein +Pfingstroeschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke +dir eine solche Farbenzusammenstellung!" + +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Traenen ausbrach und Ruth sie +nun auf alle Weise zu troesten versuchte, denn sie liebte ihre blonde +Schwester trotzdem zaertlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wuerde +immer gleich alles uebelgenommen, niemand verstaende sie. Warum gerade sie +wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, waehrend Marianne natuerlich einem +Engel gleichen wuerde. Haette nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie +habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, +Ruths Redefluss ein Ende gemacht, so waeren deren leidenschaftliche +Ansprueche und Mariannes Traenen gewiss noch lange nicht versiegt. So aber +hatten beide lachen muessen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt +werden koennen. + +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbaeckige Maedchen geworden, +wie sie zwei frische, rotbaeckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt +in ihren blauen Ballgewaendern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne +standen, musste man sich ueber diese drei anmutigen Maedchenblueten freuen. +Und was war natuerlicher, als dass in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der +Pension geschmueckt hatten, und dass sie nun zum Ergoetzen der Kinder davon +erzaehlten. + +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertoenten ploetzlich aus +dem Nebenzimmer die Klaenge eines Fluegels und Ruths Stimme. + +"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar +nicht an den Ball; am liebsten saesse sie ueberhaupt den ganzen Tag am +Fluegel. Es ist ja die hoechste Zeit, dass sie sich anzieht," sagte Ilse, +aber unwillkuerlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die +vollen herrlichen Toene, und als sie endlich eindrangen zu der Saengerin, +fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie +von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In +ihrem einfachen, weissen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, +ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares. + +Die andern drei Balldamen ruempften allerdings die Nase ueber den gar zu +einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, +die andre zu Blumen im Haar. + +Ruth lehnte alles ab. + +"Kinder, lasst mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie. + +In diesem Augenblick erschien das Maedchen mit zwei wundervollen Bouquets, +das eine ganz aus rosa, das andre aus weissen Blueten. Marianne wurde wie +mit Purpur uebergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. +"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weisse +Blaettchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauss. + +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor +einiger Zeit aus den Tropen zurueckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein +bedeutendes Vermoegen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus +einfuehrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern, +wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Toechter eingeladen worden. + +Die beiden jungen Maedchen hielten noch immer die duftende Spende in den +Haenden. + +"Sieh nur, Mama, der entzueckende weisse Flieder," rief Ruth, und Marianne +zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien +in ihrem Strausse waeren. Dazwischen toenten die kraeftigen Stimmen der +Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, suess," und Aennchen lief bald +hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hoeren. + +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Maedchengesichtern war in der +Tat ein entzueckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung +dafuer zu haben, denn als er jetzt die Tuere oeffnete, blieb er wie +angewurzelt in derselben stehen. + +"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut. + +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, +wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen +Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem +alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl +darueber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein +schmunzelndes Gesicht passte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt +ab, wie ein schwarzer Kaefer auf bunten Bluetenblaettern. + +"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir +wohl gut?" + +"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es +von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Maedchen +umschlossen, immer eindringlicher bestuermten sie ihn mit Fragen; er wusste +schliesslich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren +zu. + +"Scheusslich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte +wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quaelgeistern befreit zu +werden; aber darin hatte er sich getaeuscht, nun ging es erst recht los. + +"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheusslich aus?" - +"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von +neuem durcheinander. + +"Findest du, dass mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen +hatten dabei einen so suess bittenden Ausdruck, dass der Professor nicht +widerstehen konnte. + +"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage +mal, du musst etwas um den Hals binden, du erkaeltest dich ja sonst. Herr +Gott, was ist das ueberhaupt fuer eine Verruecktheit, sich so anzuziehen! In +euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem +blossen Hals und den nackten Armen einen schoenen Schnupfen holen." + +Da gab es wieder zu lachen ueber eine solche Ansicht. + +"Wen findest du denn am huebschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda. + +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; +er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben. + +"Natuerlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle. + +"Onkel Heinz, haettest du fuer mich vielleicht ein weisses Kleid huebscher +gefunden?" fragte Marianne. + +"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein muessen, weiss +ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht." + +"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne. + +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelaechter ausbrach. + +"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnuetzen Geschichten habe ich mein Lebtag +keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun." + +"Weisst du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn +bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht +darueber urteilen." + +"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern. + +"Ich tanze so viel Taenze mit dir, wie du willst." + +"Und ich bringe dir den schoensten Kotillonorden." + +"Mich darfst du zu Tische fuehren." + +"Wir wollen ueberhaupt tun, was du willst." + +Sie ueberboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der +Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor. + +"Kroeten, so lasst mich endlich in Ruhe, ihr seid ja ausser Rand und Band!" +rief er, sie zurueckdraengend. + +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz ueberhoert, dass die +Tuere geoeffnet wurde, bis Ilse ploetzlich Herrn Jansen andaechtig auf der +Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem bluehenden +Maedchenkranze. + +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten +auseinander, als die hohe Gestalt naeher kam. In Mariannes Antlitz aber +stieg eine heisse Blutwelle bei seiner herzlichen Begruessung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth haengen, deren Hand noch in des +Professors Arm lag. Die schlanke, weisse Gestalt schien ihn ungemein zu +fesseln, und er nahm ihre zum Grusse dargebotene Rechte mit grosser Waerme +entgegen. + +"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut. + +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weisser +Krawatte, und draengte zur Eile, die Wagen staenden bereits vor der Tuere. + +"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Taenzer werdet ihr wohl +nicht mehr bekommen." + +"Onkel, dass du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt +habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth. + +"Na, dass du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens +mal ein vernuenftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun +doch nicht anders, du musst mit, du armes Opferlamm." + +"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als haette sie ploetzlich einen guten +Einfall bekommen, "weisst du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, +und wir beide verleben einen recht gemuetlichen Abend zusammen. Ach, das +waere reizend!" + +"Und was wuerde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen. + +"O, da koennte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und +schmiegte sich zaertlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir +und singe dir alle deine Lieblingslieder vor." + +Etwas wie Ruehrung flog nun doch ueber das Gesicht von Onkel Heinz, und +seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte: + +"Alte Kroete du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amuesieren, als +mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, +dieser Unsinn gehoert nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnuetze +Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. +Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei +berichten. Alte, gute Kroete du!" + +Er klopfte sie zaertlich auf die Backe. + +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was +fuer sie wieder eine Sache von groesster Wichtigkeit gewesen war. Diese +Angst, dass die Kleider und Blumen zerdrueckt werden moechten - es war eine +grosse Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, waehrend die +geschaeftigen Haende in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief +es: + +"Wo habt ihr denn meinen Strauss hingelegt?" + +"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?" + +"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Faecher in der Hand!" + +"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn +fortgenommen?" + +Dazwischen draengte Leo, es sei die hoechste Zeit, dass sie fortkaemen; Ilse +schalt ueber die Unordnung, Aennchen suchte ueberall herum, trat dabei auf +Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauss gestellt hatte, so dass sich das Wasser ueber den Tisch auf den +Fussboden ergoss und alle fluechten mussten - kurz und gut, richtete mit ihrer +gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende +gefunden. + +"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem +Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel +Vergnuegen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kroete?" fragte +er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weissseidene Kopftuch noch +tiefer in die Stirn. + +Die uebrigen waren bereits die Treppe hinabgestuermt, nur Nellie stand noch +oben und verabschiedete sich von Aennchen. Immer wieder kuessten sich die +beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief: + +"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?" + +"Wir kommen, wir kommen!" + +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der +Strasse her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hoerte man das Zuklappen +der Wagentueren, das schnelle Rollen der Raeder, und nun war alles still. - + +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ueber die Ohren gezogen und die +Haende tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er +die Strasse hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig +zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten +Strassen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten +einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den +Abend ueber da. Der Kellner brachte ihm wie gewoehnlich die Zeitungen, er +legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines +Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schuettelte er den +Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, +der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt +an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemuetlichen Raeumen ordnend, +verschoenend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem +ein Mann sass und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und +glaenzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, +der davon wie magisch angezogen wurde; er liess Buecher und Schriften liegen +und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen +knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle +Haende bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkuerlich machte Onkel +Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewusstsein dieser Traeume gelangte, +und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblasste, und es +erschien wieder sein duesteres Studierzimmer mit den strengen, langen +Buecherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. +Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel +Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen +Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. +Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr +entschliessen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie +gewoehnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewoehnlich - gequalmt. +Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl +versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwaehrend luftige Gestalten an sich +voruebergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. +"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich +doch einschlief. + +Am andern Morgen, als es noch daemmerte, wurde er von seiner Aufwaerterin +geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er aergerlich +darueber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt +Anlass, ihrer Busenfreundin, der Muellern, ihr Herz auszuschuetten und ihr zu +klagen, wie boese der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht haette +er sie noch niemals behandelt. Ueber den Kaffee habe er geschimpft, der +Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe muesse besser geputzt +werden. Und sogar ueber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas +bemerkt habe, haette er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht +gewesen. + +Waehrend Onkel Heinz einen so ungemuetlichen Abend verbrachte, hatte seine +Freunde Lust und Lebensfreude umgeben. + +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal +betreten, und selbst Ruths Herz schlug hoeher, als sie in dem glaenzenden +Raume stand. Der Sorge um Taenzer waren die jungen Maedchen bald ueberhoben, +denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen +dicht besetzten Ballkarten. + +"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmuetter," sagte Ilse lachend, als sie in +den Reihen, welche fuer die aelteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. + +"Macht nichts, wenn wir alte Muetter werden, ist auch fein," sagte Nellie; +aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensassen, +sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Muetter". Das Glueck, das aus +beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen +vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjuengte und +verschoente sie merkwuerdig. + +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen +sich dann aber ins Nebenzimmer zurueck, wo sie bei einem Glase Bier +gemuetlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang +bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter. + +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke +suchten sie, wenn sie im bunten Gewuehle verschwand, bis er sie gefunden +hatte, und so oft es ging, naeherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth +auf dieses oder jenes huebsche Maedchen aufmerksam machte, so fand er sie +alle haesslich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen +er einzig und allein schoen faende. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder +tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als moeglich das Gespraech auf +ihre Schwester zu bringen. + +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen oeffnen +moechte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind. + +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz +Herrn Jansen bei ihren Eltern einfuehrte, eine stille Neigung fuer diesen +eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflaenzchen mehr +und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, +seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh +und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fasste. Arme Marianne! + +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, +neue Nahrung fuer ihre Neigung und sie merkte nicht, dass es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt. + +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und +erschoepft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und +tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glueckstrahlendes Gesicht sprach +deutlich genug von den Gefuehlen, welche ihr Inneres erfuellten. Waehrenddem +hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glaeschen Eis holen lassen, das sie +nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen +hatte, mit Behagen verzehrte. + +"Es ist doch sehr, sehr huebsch heute abend; ich amuesiere mich wenigstens +herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergnuegt den jungen Mann, der sich an +ihrer Seite niedergelassen hatte. + +"Fuer mich war es der schoenste Abend meines Lebens, Fraeulein Ruth," +erwiderte er. + +"Da haben Sie wohl noch nicht viel Baelle mitgemacht? In Indien gibt es +wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich. + +"Und wenn ich hundert Baelle mitgemacht haette, so wuerde dieser doch der +schoenste fuer mich sein," antwortete er mit Nachdruck. + +"So, und warum denn?" + +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich +gaenzlich ohne Arg ueber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. +Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fuer sie sehr ins +Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem +Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber +dass er etwas andres in ihr erblicken koennte als eine Freundin, war ihr +noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hoechsten +Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: +"Weil Sie hier sind!" und die verhaengnisvolle Frage daran knuepfte: "Haben +Sie mich denn nicht gern, Fraeulein Ruth?" + +Da wurde es ihr auf einmal ganz aengstlich zu Mute, verlegen stand sie auf +und wuenschte zu den Ihrigen gefuehrt zu werden. + +"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige +Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natuerlich." + +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten +rasch voraus. + +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre +Hand und drueckte sie zaertlich an seine Lippen. Waehrend aber die Schwester +und die Zwillinge unterwegs lebhaft ueber ihre Erlebnisse vom heutigen +Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund +toente der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschaeftigte, oftmals an +ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber +schliesslich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? +Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn +ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, +ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich +mit ihm praechtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher +Zuneigung fuer ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiss voellig +harmlos gemeint, so viel wusste sie doch auch, dass eine Liebeserklaerung +ganz anders lautete, - wie sollte er ueberhaupt dazu kommen, ihr einen +Antrag zu machen? Nein, nein, es wuerde schon so sein, wie sie dachte. Mit +diesen troestlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald +vollstaendig beruhigt ein in dem festen Glauben, dass Herr Jansen nur eine +freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe. + +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehoert hatten zu +schwatzen, noch lange wach. Selige, beglueckende Gedanken verursachten ihr +Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner +Blicke ins Gedaechtnis zurueck. Und weiter spann sie ihre Traeume, die ihr +eine unbeschreiblich schoene Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spaet +gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklaerender Schein auf dem +holden Maedchenantlitz. + +So beschaeftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht +lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre +Hoffnung auf ihn. Waehrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wuenschte die andre sehnlichst, dass er fuer sie nur freundschaftliche +Gefuehle hegen moechte. - + +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzaehlt +wurde, schalt er seine Aufwaerterin ein ueber das andre Mal aus, und als sie +fort war, ging er pruefend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er +einen Stuhl anders, dann rueckte er die Bilder, die schief an der Wand +hingen, zurecht, sortierte die unzaehligen Papiere, die zerstreut und +bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und +legte das uebrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf +er einer gruendlichen Besichtigung, deren er wahrlich noetig genug bedurfte. +Seiner Aufwaerterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fuer allemal nichts +anruehren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne +Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Maenner hinreichend. +Deshalb liess sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fuer immer in Ruhe, +und dass er mit einer dicken Staubschicht ueberzogen war, konnte ihn also +eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male +bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ueber die Buecher und Schriften, +dass die kleinen Staubteilchen lustig in die Hoehe flogen, schuettelte den +Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefuellt war, +in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und +betrachtete sie eingehend. Die Glaeser waren fast undurchsichtig, er +wischte sie mit seinem Aermel ab und stellte sie dann wieder an seinen +Platz zurueck. Schliesslich liess er sich an dem gesaeuberten Schreibtische +nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht +gehen. Ueberdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstoebern +verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er +hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich +deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz +nicht gerade in die guenstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin. + + [Illustration] + +Aber wenn er hier eitel Lust und Froehlichkeit zu finden hoffte, so hatte +er sich getaeuscht. + +Als ihm auf sein Klingeln geoeffnet wurde und er in den Flur trat, ging +vorsichtig die Tuere auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Maedchen +fuehrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. + +"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein." + +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn +geschehen sei. + +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein. + +"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tuer hinter ihnen +geschlossen hatte. + +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem +Professor. + +"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der +eben fuer mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und +fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewiss +nichts dafuer, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, dass ich ihn gern +haette, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, +Onkel Heinz?" + +"Na, nun man sachte, man sachte, ich weiss ja noch von gar nichts," +unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen +begann. + +"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, waehrend er +las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, waehrend sie erregt +im Zimmer auf und ab wandelte. + +"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ueber +seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze. + +"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie +angstvoll. + +"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er laechelnd zur +Antwort. + +"Was soll ich denn aber tun?" + +"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, +indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer +etwas zu sagen." + +Ruth hing sich an seinen Arm. + +"Du musst doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weisst ja doch +immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend. + +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "dass er +besseres zu tun haette, als ueber solche Dummheiten nachzudenken," hatte +aber doch wohl das Gefuehl, als ob es eine grosse Ehre fuer ihn waere, von +einem jungen Maedchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu +werden. Auch konnte er den aengstlich fragenden Augen seines Lieblings +nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war +die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? Ueberlegend ging er +einige Male im Zimmer auf und ab. + +"Ja, sage mal, Kroete, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich. + +"Ja natuerlich, gewiss, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort. + +"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch." + +"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch +leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder - +meinst du doch?" + +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf +einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine +Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb - +uebergluecklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei +den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiss ueberlief es sie bei diesem +Gedanken; sie wusste gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte +auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war voellig ratlos. + +"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie +ihre Frage noch einmal dringlich. + +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die +nichtssagenden Worte heraus: + +"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann ploetzlich fort, als waere ihm +auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen ueberhaupt +dazu, dich heiraten zu wollen?" + +"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle +fragte er mich, ob ich ihn gern haette, und da habe ich ja gesagt, denn es +ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es +mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muss ich ihn denn +nun wohl heiraten?" + +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel +schwerer, hier eine richtige Loesung zu finden, als bei irgend einer noch +so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wusste nicht ein noch aus, +und Ruth wurde immer dringender. + +"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich. + +"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muss man sich +den Kopf ueber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er +aber sah, dass Ruth in ihrer Herzensangst die Traenen in die Augen stiegen, +lenkte er sofort wieder ein. Weibertraenen konnte er nicht sehen, am +wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte. + +"Na - wir wollen mal sehen, Kroete," sagte er zaertlich, "was in dieser +Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf +einlaesst." + +Onkel Heinz selbst fuehlte, dass seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch +wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, +denn in diesem Augenblicke ertoente draussen die Klingel. + +"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel +Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen +Arm. + +"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und +empfand dabei die Beruhigung, dass er diesmal etwas ganz Vernuenftiges +gesagt habe. + +"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr +gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hoeren. Jetzt +will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich +tun muss." + +Und mit diesen Worten eilte sie zur Tuere hinaus. + +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des +Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiss +dabei geworden - da flog die Tuere wieder auf, und Ruth stuerzte aufgeregt +herein. + +"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz. + +"Nun ist es zu spaet, nun ist es zu spaet!" jammerte sie laut. + +"Ja, was ist denn zu spaet?" fragte er. + +"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, +als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll +ich nun tun, was soll ich anfangen?" + +Onkel Heinz schwieg. Er wusste keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz +ungluecklich schien; im naechsten Moment schon wuerde man ja von ihr +vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie +richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem +Selbstgespraech, das Onkel Heinz mit fortwaehrenden Randbemerkungen +begleitete. + +"Ich werde ueberhaupt nicht heiraten," fing sie an. + +"Das waere das Vernuenftigste, was du tun koenntest, aber bei euch +Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte +er. + +"Ich passe ja gar nicht fuer die Ehe, ich wuerde einen Mann nur quaelen und +ungluecklich machen," fuhr sie fort. + +Der Professor laechelte ironisch ueber dieses Selbstbekenntnis einer edlen +Seele. + +"Na - das muesste man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die +schlechteste," sagte er. + +"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht +verheiratet, Onkel Heinz!" + +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank +nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein +Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand +wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder +die freundlichen hellen Raeume und als Gegensatz sein einsames +Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im +Verhaeltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon +von manchem Silberfaden durchzogen war. + +"Weisst du, Onkel Heinz," rief Ruth ploetzlich und sah ihn mit ihren grossen, +braunen Augen an, "wenn ich ueberhaupt je einen Mann nehmen wuerde, koenntest +nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten." + +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und +liess ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. - + +Nun wusste der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklaerung sein oder +nicht? Nein, in was fuer Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch +heute morgen diese Kroete! Er wusste gar nicht, wie er sich nun in dieser +neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und +hielt ganz still unter dieser zaertlichen Umarmung; aber seine Augen +blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schuechterner Liebhaber, legte er seinen +Arm um ihre Taille. + +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In +solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und +ihr Gesicht drueckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch +noch das Unglaubliche, dass Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem +forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, erroetete und sich +fast wie ein ertappter alter Suender vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafuer konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen musste. Dass Ruth +ihn umarmte und kuesste, war nichts Seltenes, aber heute musste ihre Umarmung +doch wohl einen ungewoehnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie +ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der +richtige Platz, um ihr bedraengtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und +Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie musste den +Brief lesen, und Ruth liess sich von ihr unzaehlige Male wiederholen, dass +man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern haette. +"Gernhaben" und "Liebhaben" waere doch ein grosser Unterschied, erklaerte +Ruth. + +Bei diesen Worten laechelte Onkel Heinz spoettisch; woher wussten nun wohl +solche Kroeten so etwas! + +"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, dass ich ihn nicht +heiraten koennte," draengte Ruth. + +"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht +erst kommen, denn das wuerde dem jungen Manne doch sonst eine grosse +Verlegenheit bereiten," sagte Ilse. + +"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drueben bei Vater im Zimmer?" fragte +Ruth. + +"Bewahre." + +"Ihr spracht doch mit einem Herrn." + +"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen +wollte," setzte Ilse auseinander. + +"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz, +"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen." + +In liebevollster Weise troestete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, +indem sie ihr zaertlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert +atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele +gelastet hatte, von ihr genommen wurde. + +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte +zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen +einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ueber den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. + +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder +Onkel Heinz an, der unaufhoerlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht +machte, das ein Mittelding zwischen Ruehrsamkeit und mephistophelischem +Laecheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken. + +Mit dem jungen Maedchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung +in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr +Gesichtchen unter der dunklen Pelzmuetze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jaeckchen auszog. + +Onkel Heinz wurde heute nur fluechtig begruesst, fragend wandte sie sich an +Ilse und Ruth. + +"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte +sie die Schwester dabei an. + +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewussten Brief hin, den Marianne +ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es +sich wie ein Schleier ueber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise +an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben +durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die +Gegenstaende wurden verschwommen - ein beaengstigendes Gefuehl hemmte den +Herzschlag und schnuerte ihr die Kehle zusammen - und sie waere unfehlbar +umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwaeche bemerkt haetten und +hinzugesprungen waeren. Marianne war ohnmaechtig geworden. - + +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlaefen mit einer +staerkenden Essenz, waehrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide +befanden sich in hoechster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; +er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der +Ohnmaechtigen, in das noch kein Schimmer von Roete zurueckkehren wollte. +Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stuermten die +Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewusstlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, waehrend sich +Thusnelda ueber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie: + +"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!" + +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. + +Inzwischen war Ilse fortwaehrend aengstlich um Marianne bemueht, bei der das +Bewusstsein immer noch nicht zurueckkehren wollte. + +"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu +sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen +hatte. + +"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt. + +"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor. + +"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth +voller Angst. + +"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An +allem ist der verrueckte Ball schuld! Natuerlich habt ihr euch zu eng +geschnuert, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kaelte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten +gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und +dergleichen, das ist kein Wunder." + +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, +welches dieser verrueckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder +der Ohnmaechtigen zu. + +"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er +wieder an. + +"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse +ungeduldig und gereizt durch seinen Ton. + +"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, dass dieser tiefer liegt +und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben +Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es +doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres +Heulkonzert auffuehrten. + +"Die Kinder haben eben mehr Gefuehl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer +augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war +jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ueber ihn aergerte. + +"Wenn man nicht sentimental ist, heisst es gleich man hat kein Gefuehl," +erwiderte er ruhig. + +Ilse waere ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn +nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haette; es versoehnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt naeher trat, Marianne zaertlich +auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Kroete, wie geht's denn? Was machst +du aber auch fuer Geschichten!" + +Als das junge Maedchen wieder zum Bewusstsein gekommen war, blickte sie +erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen. + +"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme, +- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der +Professor draengte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, dass sie +schweigen moechten, zurueck. + +Ilse rief Marianne traenenden Auges mit den zaertlichsten Schmeichelnamen, +Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen toente das Schluchzen von +Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde +bei alledem ploetzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er +Weibertraenen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf +einmal sehr ueberfluessig fuehlte, hielt er es fuer das beste, sich +zurueckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein fluechtiges +Abschiedsnicken fuer ihn, aber Ruth drueckte ihm innig die Hand. - + +Als er einige Zeit spaeter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, +betrat er sie mit einem angenehmeren Gefuehl, als er sie verlassen hatte. +Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen +Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben +stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wuerde auch +vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespraeche +antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz +abgezogen und hielt die kalten Haende an den Ofen; als sie warm geworden +waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es +wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den +Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer +Gesellschaft fuehlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten. + +Still und ruhig war's im Zimmer, man hoerte nur das Geraeusch der +schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen +lustig knackte und knisterte. + +Der Professor blieb den ganzen Tag ueber angestrengt bei seiner Arbeit +sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach +Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm +zuvor. Als es daemmerte, erschien sie bei ihm und ruettelte ihn wieder aus +seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was +sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Traenen, dass sie die +eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den +verhaengnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste +Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wuerde. Marianne haette +naemlich ein tiefes Interesse fuer Jansen und sei ueberzeugt gewesen, dass er +dasselbe erwidere. + +Onkel Heinz hatte waehrend dieser Erzaehlung mehrmals den Kopf geschuettelt +und seine Bartspitze so zusammengedreht, dass man sie haette durch ein +Nadeloehr einfaedeln koennen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an +diesem Tage - zwei unglueckliche Lieben! + +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz +konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der +Schwester und voll aengstlicher Sorge ueber deren Zustand. In Absaetzen +erfuhr der Professor, dass Marianne krank im Bett liege, dass man einen Arzt +habe holen muessen, der eine Nervenerschuetterung konstatiert und groesste +Ruhe anempfohlen habe. + +"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer ungluecklichen Liebe!" rief Ruth laut +jammernd aus. + +"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrueckten Romanen vor, aber +im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz. + +"Sie ist aber so elend." + +"Wird sich schon wieder erholen." + +"Glaubst du wirklich?" + +"Natuerlich! Beruhige dich nur, alte Kroete," redete er ihr liebevoll zu. + +"Warum musste es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen +nicht Marianne statt mich?" + +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wusste es doch auch nicht. + +"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der ungluecklich liebte?" fragte +das junge Maedchen den alten Hagestolz in ernstem Tone. + +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. + +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin. + +"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder. + +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen. + +"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff. + +"Haeltst du die Liebe wirklich nur fuer Unsinn?" Und als er nicht +antwortete, fuhr sie fort: "Weisst du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann +ueberhaupt nicht lieben." + +"Was die Kroete da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der +Professor bei sich. + +"Willst du wissen, was ich wohl moechte?" fragte Ruth nach einer kleinen +Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es +wissen? Ich moechte singen koennen, singen wie eine richtige Saengerin, ich +moechte - eine Kuenstlerin werden." + +Der Professor prallte ordentlich zurueck, so erregt hatte sie diese Worte +ausgerufen. + +"Weisst du denn ueberhaupt, du Kickindiewelt, was eine Kuenstlerin ist?" +fragte er, das Wort 'Kuenstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten +Weise betonend. + +Dann kam er wieder naeher und sah sie scharf an mit hoechst wichtiger Miene. + +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: + +"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft +so komisch, so - ich weiss nicht wie! Ich habe das Gefuehl, als muesste etwas +heraus, als muesste ich jauchzen oder weinen, ich fuehle mich gluecklich und +ungluecklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann +wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als waere ich gar nicht auf der +Erde, als truegen mich Fluegel empor - dann bin ich gut - dann denke ich +edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht +beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche +Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig." + +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem +Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kroete! Dieses Kind! Solche +Redensarten konnte es machen, da hoerte ja einfach alles auf. Aber er +empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden +Augen seines Lieblings sah, dass dieses Kind kein Kind mehr war, dass es +eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, - +ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich +das junge Maedchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kroete noch immer +schweigend und so pruefend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. +So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch +nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das +kleine Maedchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern +eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das +ploetzlich ueber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreissen. + +"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie laechelnd. + +Da erwachte er aus seinen Gedanken. + +"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ueber seine Stoppeln, das sollte so viel +heissen, als: es ist nun einmal so. + +"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zaertlicher +Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine grosse Bitte an dich, +aber - du musst mir versprechen, dass du sie erfuellen willst." + +"Da werde ich mich schoen hueten," warf er ein und laechelte spoettisch. +Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein +Frauenzimmer fertig bringen. + +"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er +aber dennoch. + +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, dass er wie gewoehnlich nicht +widerstehen konnte. + +"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zoegernd von ihren Lippen, "wenn du +doch nur mal mit den Eltern sprechen moechtest, ob - ob sie meine Stimme +nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und +siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich moechte so gern etwas +Ordentliches lernen, ich will so fleissig sein, will mir so viele Muehe +geben, will ganz und gar nur der Kunst leben." + +"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach +ihn ernsthaft. + +"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so +spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum +Scherzen aufgelegt." + +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Traenen stiegen ihr in +die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen. + +"Weine doch nicht, Kroete; dass ihr Weiber doch immer gleich flennen muesst," +sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die +wellig gescheitelt bis tief in die Schlaefen fielen und das feine, schoen +geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen liessen. "Aber +das mit der Kuenstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das +geht nicht, das geht auf keinen Fall." + +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. + +"Aber Onkel Heinz!" + +"Was willst du denn ueberhaupt fuer eine Kuenstlerin werden? Willst du etwa +Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschaetzig, denn unter +dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Buehne gehen +wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kroete, da gehoerst du +nicht hin, das geben die Eltern ueberhaupt nicht zu und ich auch nicht, +daraus wird nichts!" + +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn dass Ruth +vielleicht eine solche Absicht haben koennte, war ihm ein furchtbarer +Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so waere, wie es sein sollte," setzte er +wie im Selbstgespraeche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte +Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, +Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen ueberhaupt einen Begriff!" + +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal +versucht, ihn zu unterbrechen, ohne dass es ihr gelungen waere. Jetzt hielt +sie ihn am Arme fest. + +"Onkel Heinz, das alles weiss ich ja noch nicht, darueber habe ich noch +nicht nachgedacht. Vorlaeufig moechte ich nur lernen, mich meinen +Gesangsstudien ganz hingeben koennen, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fuer den Hausgebrauch, wie +es heisst, das macht mir wenig Spass, das befriedigt mich nicht, weil ich +fuehle, dass es nur oberflaechlich und nicht das Richtige ist." + +"Das ist ja ganz vernuenftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht uebel, +das ist wahr," sagte er einlenkend. + +Diese Worte nahm sie schon fuer eine Zusage und fragte nun freudig und +zuversichtlich: + +"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?" + +"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er +abwehrend. + +"Einziger, suesser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm. +Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit grosser +Geschwindigkeit. + +"Du bekommst auch schon vorher einen schoenen Kuss zum Lohn," versprach sie. + +"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin. + +"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie laechelnd und fragte +dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht waere: "Wann willst du denn mit +den Eltern sprechen?" + +"Gar nicht," erwiderte er kurz. + +Ruth schien diese Antwort zu ueberhoeren und sagte weiter: + +"Jetzt geht es natuerlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es +ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?" + +"Nein!" + +"Bitte, bitte, sage ja." + +"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig. + +"Onkel Heinz!" + +Wer haette wohl diesem Blick der schoenen dunklen Augen widerstehen koennen! +Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch +abwandte. + +"Lieber Onkel Heinz." + +Er antwortete nicht. + +"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!" + +Und sie quaelte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er +schliesslich nachgab - er konnte der Kroete nun einmal nichts abschlagen. + +"Meinetwegen denn ja! Quaelgeist du!" rief er laut. + +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich +straeubte, heimste er doch den Kuss - den versprochenen Lohn - gern ein. - + +Die naechste Zeit verlief fuer Gontraus still und traurig. Marianne lag +krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder +erheben, geistig und koerperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der +unermuedlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und +nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, dass +die Freundin keine rechte Pflegerin sein koenne, weil ihre Ansichten ueber +diesen Punkt so weit auseinander gingen, so ueberzeugte sie sich jetzt von +dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie +sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie +frueher manchmal herrschsuechtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der +Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, +zuverlaessiger Freund. Er kam taeglich, widersprach natuerlich bei allem, was +der Arzt verordnete, wusste alles besser, troestete aber Ilse, wenn sie +niedergedrueckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten +gewohnten Weise, sodass es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein +Laecheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. + +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und +Leo erzaehlte, hatte er kuerzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, +wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien +zurueckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, +weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches +Gefuehl hervorgerufen haben wuerde. + +Als letztere einigermassen wieder hergestellt war, musste Onkel Heinz sein +Versprechen, das ja durch den Kuss von Ruth besiegelt worden war, einloesen. +Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, dass sie ihre +Stimme pruefen liessen, und da dieselbe bei der Pruefung fuer sehr bedeutend +erklaert wurde, sollte sie eine kuenstlerische Ausbildung erhalten. Mit +Fleiss und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des +Kuenstlerberufs begann Ruth ihr Studium. + +Waehrenddem erholte sich Marianne langsam. Koerperlich war sie ganz +hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu +entfalten, allmaehlich, ganz allmaehlich gesundete er. Den zarten +Bluetenhauch aber der ersten, unberuehrten Jugend hatte diese getaeuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren +Augen war gewichen, und ihr helles, glueckliches Lachen ertoente nicht mehr +so oft wie frueher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das +Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, +aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war +gluecklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Fruehjahr +verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den +Sommer bei den Grosseltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den +Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach +Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Sueden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und +beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den +Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden +Kroeten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke +der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen +Malerei, ueber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden +huebschen Maedchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf +seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzaehlte es spaeter Ilse +voller Stolz. + +Erst spaet im Herbst, der im Norden schon mit grauen trueben Tagen +eingezogen war und die Baeume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an +schoenen Eindruecken und Erlebnissen. Mit noch groesserer +Begeisterungsfaehigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber +hatte frische Kraefte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so dass ihr die +Zukunft nicht mehr als eine trostlose Oede erschien, wie es noch vor kurzer +Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. + +So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis +es wiederum Herbst war. - Ein lachender, truegerischer Herbst, der es ganz +vergessen liess, dass er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen +Sonnenscheine wurde das Herz von Fruehlingsgedanken erfasst und die Menschen +stroemten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schoenen +Fruehlingstage nach dem langen, langen Winter. + +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit +seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten +Wald. Die klare Luft war von weissen Faeden durchzogen, und die gelben, +roten und braunen Blaetter woelbten sich zum farbenpraechtigen Zelte ueber +ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und +wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflueckt, ein Blatt luftig und +leicht vor ihre Fuesse. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und +Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begaenne erst jetzt die Zeit des +Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Taeuschung. Lose +geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknuepfte, +locker hingen alle die buntgemalten Blaetter an den Zweigen, und nur unter +dem warmen Kuss der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten +sich im Garten die Rosenspaetlinge aus ihrer schuetzenden Knospenhuelle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wuerde mit einem +Schlage vorbei sein, wenn das allmaechtige Himmelslicht droben hinter +Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darueber hinfuhr und daran +ruettelte - dann begann mit einem Schlage das grosse gewaltige Sterben. +Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien +abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. +Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fuer den herzerquickenden +Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschaeftige sie etwas lebhaft. + +"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor. + +Er laechelte mit ueberlegener Miene und entgegnete: + +"Ich habe gar keine Angst, die Kroete hat ja tuechtig gelernt, die kann ja +was." + +"Was gehoert aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung +und Fleiss allein kann das nicht geschehen, das Glueck muss auch mit helfen. +Nun, was in meinen Kraeften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer +wieder davon zu ueberzeugen, mit wieviel Kaempfen und Schwierigkeiten der +Beruf einer Kuenstlerin erkauft werden muss. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttaeuschungen gefasst zu machen, als auf Erfolge, denn +guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fuer eine tuechtige +Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muss sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten +Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Saengerin fertig ist, dauert es +lange." + +"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tuechtigem, das weiss +ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als koenne daran nicht +mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe. + +"Waere das Konzert nur erst gluecklich vorueber," meinte Ilse und holte tief +Atem. + +"Wenn ich Ihnen sage, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie +es auch nicht noetig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte +einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm. + +Sie fuehlte, dass er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar +an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je aelter sie wurde, +destomehr befestigte sich in ihr die Ueberzeugung, dass wahre, aufrichtige +Freundschaft ein koestliches, seltenes Gut ist, das man hueten muss wie einen +grossen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft +erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre +Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie +lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich +hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar haeufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, dass sie oft genug in +sich ging, ueber sich nachdachte, fortwaehrend selbsterzieherisch taetig war +und sich immer mehr daran gewoehnte, auf die Eigenschaften andrer Ruecksicht +zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man +einst mit ihr hatte haben muessen, als sie noch das ungebaendigte +Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den +Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an +seiner Seite schreiten sah, glaubte, dass sie sich noch immer damit +beschaeftige, wie wohl das Konzert ausfallen wuerde, in welchem Ruth heute +abend zum ersten Male oeffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb +beschloss er, ein neues Gespraech anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu +bringen. Seine Bartspitze drehend, gruebelte er darueber nach, auf welche +Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke +Seite. + +"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann ploetzlich an, "bei +Superintendents ist man wohl uebergluecklich, dass der Ausreisser wieder da +ist? Ist uebrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei +mir." + +"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank, +dass er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke +auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe uebrigens nie daran +gezweifelt, dass ein tuechtiger Kern in ihm stecke." + +"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein. + +"Er hat Ihnen wohl erzaehlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte +Ilse. + +"Ja wohl, alles ganz ausfuehrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der +Junge hat uebrigens viel Glueck gehabt, denn da drueben gibt's nur zweierlei, +entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Dass die +amerikanische Familie sich bei der Ueberfahrt auf der Germania, auf welcher +sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fuer ihn so lebhaft +interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die +denken freier als wir; ich bin ja lange drueben gewesen und kenne die +Verhaeltnisse genau. Dass der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute +eben gar nicht, als praktischer Geschaeftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, dass er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem +Geschaeft gebrauchen koenne, na, und da war die Sache bald abgemacht." + +"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er +hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fuer ihn wie eine Mutter, +und bloss, weil ihn die andern im Geschaefte wegen seiner Aussprache des +Englischen haenselten, ging er fort, - das haette er nicht tun sollen." + +"Das musste er wohl tun, das war ganz verstaendig von ihm," widersprach +Onkel Heinz, "so wird das da drueben gemacht, da kennt man keine +Sentimentalitaeten. Er handelte ganz richtig, dass er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte +Zeiten muss der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehoert +dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone." + +"Er muss jetzt als Prokurist in dem grossen Bankhause in San Franzisko eine +brillante Stellung haben. Rosi erzaehlte mir strahlend davon," meinte Ilse. + +"Natuerlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders +geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen waere, +unter den spiessbuergerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur +Antwort. + +"Aber dass er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre +hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein. + +"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er +wollte erst was ordentliches werden. Und fuer Ihre Freundin Rosi war diese +Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrueckt erzogen, der haette +ganz anders behandelt werden muessen." + +"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafuer buessen muessen; fuer +die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse. + +"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn +gern leiden, nur muesste er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie +ueberhaupt alle verheirateten Maenner. Gott sei Dank, dass mich der Himmel +vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit +einem pfiffigen Seitenblick auf sie. + +"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse +lachend. + +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie +er darueber dachte. + +"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, waehrend +sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen +Sie wohl, wie gut es war, dass ich Sie abholte, ich weiss doch auch ganz +genau, was fuer Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen +Herbstluft ist fuer erregte Gemueter jedenfalls viel besser als Ihr altes +Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte." + +"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war +ja Bromkali -" + +"Weiss schon, weiss schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs +alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder +Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nuetzen." + +"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es +nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte +sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause +angelangt. Er gab zur Antwort, dass er lieber heim gehen und sie dann +spaeter in der Kirche treffen wolle, seine Kroete koenne er ja jetzt doch +nicht sprechen, die muesse Ruhe haben. + + [Illustration] + +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, +bemerkte er, dass bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit uebrig +war, und er ueberlegte sich deshalb, dass es sich gar nicht lohnen wuerde, +vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, dass +es wohl besser waere, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er +fuer Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfruege, ob alles in Ordnung +sei. Die Verkaeuferin hatte sich schon am Morgen ueber den "wunderlichen +alten Herrn" amuesiert, der in umstaendlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet +werden sollten. Alle Vorschlaege, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so +und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tuepfelchen +anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb +angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus +Tuerkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kroete zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz +genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu maekeln +und zog hier noch eine Bluete, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner +Meinung in die Farbenharmonie nicht passten. Wer wohl diese Gabe, die dem +alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das haette das junge +Maedchen in dem Laden gar zu gern gewusst, denn eine Frau besass er nicht, +das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fuer einen Braeutigam +war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten +Male an diesem Tage - da musste sie unwillkuerlich lachen; sie gab ihm aber +auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig +und puenktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie +jedoch, dass so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand +vorgekommen waere, trotzdem sie mit allen moeglichen Menschen verkehren +musste. + +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen +Schrittes die Strasse ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das +Konzert stattfinden sollte, fuehrte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste +Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war +doch keine Kleinigkeit und wichtig fuer ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon +erleuchtet, und ueber die breite Treppe, die nach dem Eingang fuehrte, +schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die +grosse Tuer verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und +trat endlich gleichfalls durch das weit geoeffnete Portal. Der maechtige +Raum war mit Menschen bereits dicht gefuellt. Die flackernden Lichter +warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Saeulen und die dunkle Holzvertaefelung der +Kirchenstuehle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und +betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf +seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, +Althoffs mit Aennchen, Flora mit den kraeftigen Zwillingen, Rosi nebst +Familie - und wer sass da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, +bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir +erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner +Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden +Maedchengestalt neben ihm, waehrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der +Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. +Der Professor fand, dass Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er +sich jetzt an ihrer Seite niederliess, trotzdem sie ihre Aufregung zu +verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die +Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ueber ihre Stimmung +hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man +die Koepfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her +bewegen, waehrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, +so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schoepfung von Haydn, wusste +er nicht zu wuerdigen, denn er war gaenzlich unmusikalisch, und nur Gesang +konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hoerte er schon zu, als die Choere +gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine +Bartspitze zu drehen, und waehrend er gespannt hinhorchte, waren seine +Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der +Stimme die Befangenheit der jungen Saengerin, zaghaft und scheu glitten die +Toene ueber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in +reinen, maechtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den +Herzen der Zuhoerer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, +ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ueber die +herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit +besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, dass sich +die Haende zu begeistertem Beifall ruehrten. Leo hielt Ilses Hand in der +seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und +fluesterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, dass Sie keine Angst zu haben brauchten, +hatte ich nun nicht recht?" Sie laechelte wie verklaert, sagte aber nichts, +denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schoene +Arie: 'Nun beut die Flur.' Andaechtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdruecktes Huesteln unterbrach +manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sass jetzt Ilse da. Ihre +Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe +Zuversicht, dass ihr Kind etwas Bedeutendes leisten koenne und wuerde. Aber +trotzdem vergass sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest +vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten +streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer +und immer wieder vorhielt und einpraegte. Als das Konzert sein Ende +erreicht hatte, entstand eine foermliche Aufregung im Publikum, und der +Andrang zu Gontraus war gross: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten +heran, um zu dem ersten grossen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der +Professor war dem Gewuehl entflohen und hatte sich in eine Ecke gefluechtet, +um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen haette, welche die Treppe von +den Emporen herunterkam. Neugierig spaehte er, ob er nicht Ruths Koepfchen +dazwischen entdecken koenne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm +vorbei. Nach und nach hoerte das Gedraenge etwas auf, er kroch aus seiner +Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser +uebersehen zu koennen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die +Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsuechtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glaenzenden Augen. Leichtfuessig huepfte sie herunter, und als sie Onkel +Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade +in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwaehrend; sprechen konnte er nicht viel, +nur die Worte: "Alte, gute Kroete," wiederholte er immer wieder, und eine +ruehrende vaeterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der +graukoepfige Hagestolz das junge, bluehende Maedchen umschlossen. Aber dann +machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte +es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den +Armen. Auch Leo kuesste sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle +die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debuetantin, jeder +wollte sie zuerst beglueckwuenschen, ihr zuerst die Hand druecken. Nellie war +ganz geruehrt, und Flora erinnerte daran, dass sie es gewesen war, welche +ihr einst eine grosse Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. +Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Kuenstlerin viel lobende Worte. +Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos voruebergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurueckgelassen, und +der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz +ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkuerlich ergriff sie seine Hand. + +"O, was ein schoenes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als +die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff +war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am +Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und +gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmuetige Zug, der ihr in frueheren +Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben fuer die beiden Ehegatten doch anders +gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo +wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche +lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie +sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, +wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schoenes musste es wohl sein, denn +sie sahen froh und gluecklich aus. Waehrend diese Stimmungen noch die +Gemueter in der verschiedensten Weise beherrschten, hoerte man ploetzlich das +absichtlich laute und auffaellige Klappern eines Schluesselbundes, und mit +harten Schritten ging der Kastellan ueber die Steinfliesen, um die Lichter +auszudrehen, und gab damit zu verstehen, dass es jetzt an der Zeit sei, +heimzugehen. + +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche +ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Strassen war wie an +einem schoenen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. +Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, +die Gefeierte; bedaechtig gingen die Alten hinterher. + +"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie +auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmuetig fuegte sie hinzu mit einem +Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages +fliegen beide aus dem Neste." + +"Ueber so etwas muss man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel +Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes +Gefuehl, wenn er daran dachte, seine beiden Kroeten einmal hergeben zu +muessen. + +"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?" +fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. + +"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf +einmal flog ein spoettisches Laecheln ueber sein Gesicht, und er sagte: "Dann +schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau." + +Es war natuerlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ueber die Stimmung +hinwegbringen wollte, die etwas ruehrselig zu werden drohte, und das liebte +er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. + +"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das +wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie +haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit +vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin +spielen, Onkel Heinz." + +"Na, das wird was Schoenes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine +schreibende Frau? Brr!" + +"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fuer +Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war +- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbaendig, ein rechter boeser Trotzkopf. +Und was ich dann alles leiden und ertragen musste, und wie ich geheilt +wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz." + +"Durch mich?" fragte er, sie unglaeubig ansehend. + +"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit +ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies +ihm, dass sie die volle Wahrheit gesprochen hatte. + + + + +Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzaehlung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, dass die Fortsetzung dieses Bandes unter dem +Titel "Trotzkopf als Grossmutter" in gleichem Verlag erschienen ist. + + + + + + +BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter. + +Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht +vereinheitlicht. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Unsinn." + Seite 15: "ueherhaupt" geaendert in "ueberhaupt" + Seite 76: "Schmids" geaendert in "Schmidts" + Seite 90: "langezogene" geaendert in "langgezogene" + Seite 113: Punkt ergaenzt hinter "Gefuehlen" + Seite 149: "Arger" geaendert in "Aerger" + Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las" + Seite 201: "Profossor" geaendert in "Professor" + Seite 208: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter + "abschlagen." + Seite 223: Komma ergaenzt hinter "Zwillinge" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE*** + + + +CREDITS + + +April 2, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39350.txt or 39350.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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They may be modified and printed and given away +-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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