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+The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus Trotzkopf's Ehe
+
+Author: Else Wildhagen
+
+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
+
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+
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+ [Illustration: Einband]
+
+ [Illustration]
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+
+ [Illustration: Titelseite]
+
+AUS TROTZKOPF's
+EHE
+ VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
+ VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT"
+DRITTER BAND zum "TROTZKOPF"
+VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
+
+Vierzigste Auflage
+
+STUTTGART
+GUSTAV WEISE VERLAG
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+ Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
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+ [Illustration: Ornament]
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+"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen
+durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
+Maedchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
+Tuer zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geoeffnet hatte und hineinschaute.
+Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
+ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestuemen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
+nicht los.
+
+"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet,
+ihr Kroeten, ich werde euch kommen!"
+
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
+Junge aber und das aelteste der beiden Maedchen, ein dunkellockiges Kind mit
+blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
+Raufen und Balgen, dass sie wie ein Knaeuel umherkollerten.
+
+"Aber Ruth, schaeme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in
+diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
+dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Aermchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
+aber, Gontraus wilde Aelteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
+sich hinter seinen Ruecken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
+zurueck. Das war ein Hauptspass.
+
+"Kinder, so seid doch endlich vernuenftig," legte sich Nellie jetzt ins
+Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
+wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.
+
+"Ja, nun hoert endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
+die Uebermuetigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
+Worten:
+
+"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?"
+
+"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab
+er zur Antwort.
+
+"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da
+stand Ruth in seinem Hut und Ueberzieher, die er beide auf einen Stuhl
+neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fuer die Kinder, und
+bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ueber die
+Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Grossen nicht ernst bleiben.
+Natuerlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
+bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+
+"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
+mein Zimmer."
+
+"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen
+Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
+seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, dass er
+nicht von der Stelle konnte.
+
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
+warfen sich die Kinder ueber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
+ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schliesslich doch
+Gewalt gebrauchen musste, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den uebrigen hingen die
+Haare wirr um den Kopf, und aus den lebenspruehenden Kindergesichtern
+leuchtete die helle Freude ueber den gut gelungenen Spektakel.
+
+"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschuettelnd, aber solche
+Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflaeche
+erschien.
+
+"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den
+Professor ansah.
+
+"Ja, ja, Pruegel muessen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar boesem
+Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
+lustig zwinkernden Augen und wussten genau, so schaute er nicht aus, wenn
+er ernstlich boese war.
+
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Haende
+gerutscht waren, rueckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ueber sein
+kurzgeschorenes Haar, als wollte er fuehlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten waeren, aber sie standen nach wie
+vor gerade in die Hoehe, tadellos in Reih und Glied.
+
+"Mutter, duerfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und
+die andern bettelten ebenfalls.
+
+"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," quaelte sie, als die Mutter
+keine Miene machte, ihre Bitte zu erfuellen.
+
+"Da lassen Sie man die Kroeten mitkommen," legte er sich nun auch ins
+Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, dass seinem Patenkinde und Liebling
+Ruth etwas abgeschlagen wurde.
+
+"Kinder, da muesst ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen
+damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, dass
+sie in der Kinderstube bleiben sollten.
+
+Ohne weiteres fuegten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
+Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
+zufluesterte, dass sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schoenes holen
+sollte.
+
+Einige Minuten spaeter sassen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
+grossen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespraeche.
+Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verliessen, hatte Ilse sich wenig
+veraendert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
+waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
+voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
+gebaendigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
+hervor, kraeuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ueber ihre
+reizenden kleinen Ohren, zum Aerger Leos, von dem es eine gewohnheitsmaessige
+Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehoere auch das Ohr, ebensogut wie die
+Nase, und es verloere an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+sehen waere. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschoen wie
+frueher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, dass ihr Ausdruck ein geradezu
+sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm"
+stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
+auch recht.
+
+Nur bei einem einzigen Wesen liess sie "sanft" ohne den wenig
+schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
+Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
+gesiegt.
+
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos voruebergegangen wie an Ilse. Der alte
+Schelm in den Gruebchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frueher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingepraegt,
+die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
+und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
+wuerdige Frau Superintendentin geworden war.
+
+Althoff hatte als Direktor am staedtischen Gymnasium Karriere gemacht und
+konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
+machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
+da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stiess, sondern immer die
+lebhafteste Teilnahme fuer die geringfuegigste Klage fand, nahm er sich auch
+nicht im mindesten zusammen.
+
+"Du verwoehnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
+nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fuer ihn tun? Kinder, fuer die
+sie haette sorgen koennen, besass sie zu ihrem groessten Kummer nicht, sie
+musste aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
+lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast taeglich, spielte mit
+den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der groessten Liebe
+an ihr.
+
+In der Daemmerstunde erschien auch haeufig der Professor bei Gontraus, und
+meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
+dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie musste ja erst sehen,
+ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute noetigte Ilse
+zum Bleiben.
+
+"Es ist ein so koestlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und
+oeffnete weit die Fenster, damit die milde Fruehlingsluft hereinstroemen
+konnte. Auf der aeussersten Spitze des Birnbaumes draussen wiegte sich ein
+Starmaetzchen und sang aus voller Kehle in klaren und floetenden Toenen,
+aehnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Daemmerung
+senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die fruehlingslichte Natur,
+und am Horizonte erschien mattglaenzend die silberne Mondsichel.
+
+Der Professor hatte wie immer viele Ausfluechte, er habe keine Zeit, und zu
+Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse liess nicht locker, sie
+kannte ihn, er liess sich gerne zureden.
+
+"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie
+wusste, dass er schliesslich doch bleiben wuerde.
+
+"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem
+Nachdruck, "das ist auch recht gut."
+
+"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Buechern sitzen! Sehen
+Sie doch nur hier diesen wonnigen Fruehlingsabend, wie das duftet, wie die
+Voegel zwitschern, das ist ja alles viel schoener, als Ihr alter
+Buecherkram."
+
+"Buecherkram? Wieso alter Buecherkram?" fragte er, die Worte "alter" und
+"Kram" besonders betonend, waehrend er anfing die Spitze seines dunklen
+Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
+Ilse kannte es genau.
+
+"Mit Buecherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort.
+
+"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
+nicht gemeint. Aber Sie duerfen nicht immer arbeiten, Sie muessen doch auch
+mal ausruhen."
+
+"Ich weiss am besten, was ich tun muss," erwiderte er nicht gerade
+freundlich, doch Ilse liess sich dadurch nicht einschuechtern, sie kannte
+seine Art.
+
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
+Dozent an der Universitaet niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
+B. als Assessor taetig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als haeufigster Gast zu ihnen ins Haus.
+Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo muehsam in
+die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das naemlich nach
+seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst muesste
+mit dem Steinmeissel ein Loch geschlagen werden, da hinein kaeme ein
+Holzpfloeckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer grossen
+Umstaendlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass seine
+eingeschlagenen Naegel sich noch nicht von der Stelle geruehrt hatten. Trotz
+aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
+mit Rat und Tat zur Hand, so dass sie schliesslich bei vielen Dingen nicht
+ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
+einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
+und spoettische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
+nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur
+wenige Jahre aelter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+Universitaet her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
+Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
+Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine ruehrende Liebe
+zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er
+ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
+Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
+Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafuer besass er aber
+auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. -
+
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
+selbst zu holen.
+
+"Ich kann ja das Maedchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie liess das
+nicht zu.
+
+"Ich weiss nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
+deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in
+Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+nach Gontraus zu kommen.
+
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
+an.
+
+"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurueckhaltend, und wies
+jeden Einwand, den er machen wollte, zurueck.
+
+"Wissen Sie was," rief sie ploetzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister
+gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
+Jahre, Onkel Heinz - koennen Sie da widerstehen?"
+
+Er lachte.
+
+Die gemuetlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genuege. Die Geister, die
+ihnen entstiegen, waren nicht truebselig, es waren die des Frohsinns und
+der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugaenglich, ja
+unliebenswuerdig, und liessen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links
+liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kaempfe,
+ihn heranzuziehen, wenn eine groessere Gesellschaft versammelt war.
+
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
+langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.
+
+"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres uebrig als dazubleiben," sagte er
+vergnuegt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
+er macht sie regelmaessig zu suess."
+
+"Natuerlich, natuerlich," sagte Ilse, "doch dann muessen Sie mit in die Kueche
+kommen, Onkel Heinz."
+
+Er folgte ihr und traf nun in umstaendlichster Weise seine Vorbereitungen.
+Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, dass Onkel Heinz draussen
+erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ihm eine grosse, weisse Kuechenschuerze umgebunden, Marianne kletterte auf
+einen Stuhl und beugte das Koepfchen tief ueber die Terrine, aus welcher
+schon der aromatische Duft der Maikraeuter emporstieg, und Fritz fehlte
+natuerlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fuehrte er nocheinmal ein
+Glas an den Mund - sie war gut geraten.
+
+"Na, nun wollt ihr Kroeten wohl auch schmecken?" fragte er.
+
+"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich
+wollten alle nach dem frisch gefuellten Glase greifen, das er hoch in der
+Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreissen konnten.
+
+"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
+nichts!" Damit draengte er die verlangenden Kinderhaende zurueck, und der
+Reihe nach bekam jedes zu kosten.
+
+Bei dem einen Glase blieb es natuerlich nicht, Onkel Heinz fuellte noch
+einige Male nach.
+
+"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute
+sich ueber den guten Zug des Jungen, der zu den schoensten Hoffnungen
+berechtigte.
+
+"Aber, bester Professor, wie koennen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
+trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kraeftigen
+Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+
+"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Ach natuerlich, Kinder duerfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
+schaedlich!"
+
+"Schaedlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schaedlich sein, wer sagt
+das?"
+
+"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort.
+
+"Na ja, die Aerzte!" fiel Onkel Heinz mit hoehnischem Lachen ein; "wenn die
+so etwas behaupten, koennen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
+es nur Unsinn."
+
+Ilse aergerte sich ueber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
+ihre Laune war an diesem schoenen Abend eine zu gute, und die wollte sie
+sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ueber
+diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Missstimmung zurueck.
+
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
+Bett. Dem Quaelen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
+aufbleiben koennte, setzte sie ein unerschuetterliches "Nein" entgegen.
+
+Einige Zeit spaeter sassen die Freunde bei der Bowle vergnuegt zusammen, und
+Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ueber das gute Gelingen
+derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz daemmerig, aber draussen war es
+noch hell und licht, ein wonniger Fruehlingsabend. Jeder empfand in seiner
+Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sass manchmal stumm und
+blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor floetete
+jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+hellglaenzend vom Himmel ab.
+
+"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse
+uebergluecklich an. Die Freude ueber das gemuetliche Zusammensein blickte ihm
+so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
+trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
+Argusaugen darueber wachte, dass Fred ja nicht zu viel trank, fluesterte ihm
+leise zu, dass er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getraenke
+Kopfschmerzen bekaeme.
+
+Ilse hatte die leise Warnung gehoert.
+
+"Nellie, Nellie, immer musst du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
+nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
+eigenhaendig ein.
+
+"O," sagte seine Frau mit einem aengstlichen Blick auf das frischgefuellte
+Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
+Er sass so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie fuer Froesteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
+Platz mit ihr wechseln wolle, es kaeme gerade, wo er saesse, ein kuehler
+Luftzug herein.
+
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schliessen, Althoff und der
+Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spoettischen
+Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+
+"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Maedchen jetzt die
+Lampe hereinbrachte und sich der blaeuliche Mondesschimmer mit dem
+gelblichen Scheine unschoen vermischte.
+
+Jetzt so in der duftigen Helle da draussen hinzuwandern, in die
+fruehlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
+immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
+unbelauscht zu sein, ganz in der goettlichen Natur, o das waere eine Wonne!
+So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
+verfolgte sie fortwaehrend. Sie hoerte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
+von der neuesten Unerhoertheit eines Primaners erzaehlte, ueber dessen Haupte
+die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ueber
+Paedagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+unternehmen, wie man ihn fuehlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Fluegel
+zu verleihen scheint, sich ueber das alltaegliche zu erheben. In solcher
+Stimmung war Frau Ilse, und waehrend Leo und Nellie glaubten, dass sie
+gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
+und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
+abenteuerlicher Plan.
+
+"Kinder," rief sie ploetzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!"
+
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
+auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fuer die Kinder ein andrer
+werden muesse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
+sich ihr zuwandte.
+
+"Darling, was hast du fuer eine Idee?" fragte Nellie.
+
+"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr muesst mir versprechen, dass ihr
+nicht nein sagt, wollt ihr das?"
+
+"Da koennten wir ja schoen reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
+"Ja, Schatz, fuer so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten."
+
+"Also hoert," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -"
+
+"In fuenf Tagen," verbesserte der Professor ruhig.
+
+"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; ueberhaupt,
+Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie
+poetisch, wie romantisch!"
+
+Man war solche Einfaelle von Ilse gewoehnt, aber doch erregte dieser
+ploetzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwaende, der
+Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfuehrbar
+zu sein, aber Ilse wusste auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
+in den gluehendsten Farben aus, wie schoen es sein wuerde, bis sie
+schliesslich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.
+
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
+ausserordentlich verstaendig und liess deshalb die andern soviel reden, als
+sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
+seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
+Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+naechtliche Weg gut bekommen wuerde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, dass er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wuerde
+ihm ja auch sehr gut sein.
+
+So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
+der Partie ueber, die am naechsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
+als Onkel Heinz ploetzlich damit herausrueckte, dass er nicht mitgehen wuerde,
+er habe zu arbeiten, er koenne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
+wahrer Sturm ueber sein Haupt los!
+
+"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,"
+sagte Leo kategorisch, denn er wusste genau, dass er es schliesslich doch
+tat.
+
+"Was mache ich denn fuer Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit
+einigem Nachdruck, "was soll das heissen, Geschichten machen? Ich habe eben
+zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn ueberhaupt davon, ob
+ich mitgehe oder nicht!"
+
+"Natuerlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich
+haette ja sonst niemand, den ich aergern koennte."
+
+"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
+sagte, hatte fast eine wehmuetige Faerbung.
+
+"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas,
+um mit ihm anzustossen, denn sie hatte gemerkt, dass ihn ihre Neckerei
+empfindlich beruehrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswuerdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.
+
+"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt.
+
+Es war spaet geworden, als sich die Freunde trennten, denn ueber die
+bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu ueberlegen.
+Zum Schluss kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+
+"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die
+Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+
+"Aber glaubst du denn, dass die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte laengst
+erkannt, dass Ilse nur hoeren wollte, was Rosi, die ehrwuerdige
+Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wuerde. Und so war es
+auch!
+
+ * * *
+
+In dem huebschen Pfarrhause, das der Kirche gegenueber lag, sass Frau Rosi
+auf ihrem erhoehten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein grosser Korb mit
+Struempfen; einen davon hatte sie gerade ueber die Hand gezogen, und eifrig
+flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
+Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorueber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
+Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wuerden. Alles
+trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
+Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fuer suendhaft und wies ihn mit
+den Worten zurueck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, dass wir es
+jetzt auch entbehren koennen." Wenn es nach ihr ging, hoerte alles Streben
+auf. Jetzt, wie sie so da sass, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
+machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
+Freundinnen waere.
+
+In dem Zimmer waren die Moebel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
+Plueschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plueschdecke, und vier
+Plueschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkuerlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
+Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
+Ausschmueckung der Raeume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drueckende
+Atmosphaere lag es ueber dem Ganzen, und feinfuehlende Seelen wuerden in
+diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
+standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
+Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fuer diese
+Lebewesen noch sorgen zu koennen. Aber an gestickten und gehaekelten
+Gegenstaenden war das Zimmer reich, gestickte Sprueche an den Waenden,
+gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stuehlen und an der Erde. Der
+Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfraeulein auf gruenem Grunde,
+gehaekelte Decken lagen ueberall, wo es nur irgend moeglich war, gestickt war
+natuerlich auch die ueber die Kanne gezogene Kaffeemuetze, kurz ueberall,
+wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+haekelnder Haende, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistroesen
+aufgedrueckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
+fuer die Pastorin taetig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet musste es sein, darauf legte Rosi den groessten Wert. Sie
+selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleisse, sie naehte
+vom Morgen bis zum Abende fuer jeden etwas und waere es auch noch so unnuetz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
+musste, sie sorgte auch fuer andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
+Kranken und brachte ihnen Staerkendes; sie war auch in allen wohltaetigen
+Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
+aus Pflichtgefuehl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
+fuehrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+Pflichtgefuehle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+Kopf und hatte keinen Blick fuer die warme Fruehlingssonne draussen, die
+neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fussboden spielte,
+und sich sogar an die Plueschsessel wagte, so dass deren stumpfes Rot feurig
+aufleuchtete. Jetzt wurde die Tuer aufgerissen und Fritz stuermte ins
+Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
+
+"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie aergerlich; "wie
+oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!"
+
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
+legte jetzt seine Mappe und Muetze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
+die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+
+"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?"
+
+"Ja, Mutter, alles."
+
+"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?"
+
+Kleinlaut fluesterte er: "Sieben."
+
+Jetzt liess sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoss fallen und sah ihn
+an.
+
+"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
+und nicht an das Arbeiten denkt."
+
+"Es war so schoen bei Tante Ilse," warf Fritz ein.
+
+"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewoehnlich," unterbrach ihn
+die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das
+Vergnuegen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, dass du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!"
+
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betruebt vor sich nieder und dachte
+darueber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
+Fruehlingsluft draussen zu spielen, als ueber den langweiligen Buechern zu
+sitzen.
+
+"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
+gleich Kaffee."
+
+Fritz gehorchte. In der Tuere begegnete ihm ein kleines Maedchen von acht
+Jahren, seine Schwester. Ihre Aehnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
+vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.
+
+"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
+als waeren auch Liebkosungen eine Pflicht, als haette ihr Rosi gesagt, ein
+Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehoert. Aber dennoch war die
+Begruessung mit der Tochter eine weit waermere, als mit Fritz. Rosi strich
+ihr ueber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
+sich an einem der kurzen Zoepfchen gelockert hatte.
+
+"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zaertlich; "zeige mal, wie
+viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?"
+
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
+sie heute daran gearbeitet hatte.
+
+"Du bist ja ganz fleissig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
+glitt ueber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee."
+
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
+Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der waermenden Huelle befreite. Waehrenddem
+oeffnete sich die Tuer lautlos, und lautlos naeherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+
+"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
+als sie dicht neben sich ploetzlich den dunklen Schatten bemerkte.
+
+"Nun, bist du schon zurueck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?"
+fragte sie freundlich.
+
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
+grossen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
+an zu klappern.
+
+"Du bist aber auch immer fleissig, Tante," sagte Rosi, und ueber das
+faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Laecheln der Befriedigung
+bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
+als Muster galt, denn bei vielen wohltaetigen Vereinen sass sie mit im
+Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
+keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
+allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig veraendert, es war
+noch dasselbe gutmuetige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
+geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewusster in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
+Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
+sie gar nicht begreifen, dass der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draussen warteten ja schon die Freunde auf ihn.
+
+"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie
+den Kaffee einschenkte. "Adolf, du musst wirklich mal streng gegen den
+Jungen sein. Und wie isst er nun wieder! So iss doch nur langsam."
+
+Sie schuettelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.
+
+"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?"
+fragte der Pastor; "es ist so herrlich draussen."
+
+"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz muss arbeiten, er hat
+wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch
+einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, dass ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
+Stoss, damit er etwas sagen solle.
+
+"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich raeusperte, - er tat dies
+immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn
+das?"
+
+"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnuegen," antwortete
+der Junge offen.
+
+"Siehst du, da hoerst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie
+etwas werden."
+
+"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
+das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich
+ihm beruhigend ueber das blonde Haar.
+
+Rosi schuettelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, dass
+Fritz streng behandelt werden musste? In ihren Gedanken stand es fest, dass
+aus ihm nichts wuerde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
+Kind, kaum dass sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefuehl
+im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sass und ihr Broetchen
+verzehrte; Fritz dagegen konnte ueberhaupt keinen Augenblick still sitzen.
+Doch es war auch keine Kleinigkeit fuer ihn, hier in der Stube zu hocken.
+Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
+schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn aergern wollten;
+blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
+Kaffeezeit durfte nicht abgekuerzt werden. Was empfand sie von einem
+Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
+sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
+Praesentierbrett und raeumte die Tassen zusammen, Fritz schluepfte schnell
+hinaus.
+
+"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder,
+unbekuemmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefuehl ihrer
+Tadellosigkeit sonnte; sie wusste genau, dass sie viel besser war als der
+Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+
+"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der
+Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergraebst du sein Ehrgefuehl.
+Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
+geworden."
+
+"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwuerdig; tadle ich ihn
+wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt.
+
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie
+hervorbrachte, klang so dumpf, als kaeme es unter dem Tische hervor. Aber
+das Gespraech fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
+um den Finger legte und dabei etwas laenger zoegerte wie gewoehnlich, so war
+dies ein Beweis, dass ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
+aufs hoechste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+Geschirr abzuraeumen begann, inne und hoerte andaechtig zu.
+
+"Elisabeth, mache, dass du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
+deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+
+"Ich muss arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
+Geschirr stehen liess.
+
+"Sage Minna, dass sie den Tisch abraeumt," rief ihr die Mutter in sanftem
+Tone nach.
+
+"Warum faehrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
+Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll.
+
+"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
+gehoert sich nicht."
+
+"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiss ich; sie kann dreist so
+etwas mit anhoeren."
+
+"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.
+
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der grossen Brille mit gespanntem
+Blicke.
+
+"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets aergerlich,
+wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen."
+
+"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Maedchen
+schwach."
+
+"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz.
+
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ueber
+ihr Gesicht. Aergerlich stand sie auf, liess das Rouleau herab, und die
+kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervoes rueckte sie an den
+Tassen, suchte die Kruemchen von der Decke, waehrend der Pastor an das
+Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
+hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
+Lichtschein so ploetzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Haenden fiel.
+
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
+verbannten Strahlen wieder hereinliess, und rief aergerlich:
+
+"So lass doch das Rouleau zu; du sahst doch, dass ich es eben herunterliess,
+weil mich die dumme Sonne blendete."
+
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
+Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
+sicherlich wuerde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
+wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden waeren.
+
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
+packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
+gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
+wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.
+
+Die Roete der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
+eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
+Begruessung war ja nie eine stuermische oder auch nur besonders herzliche,
+wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
+bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+
+"Bitte, nehmt Platz," noetigte sie, indem sie auf die Plueschgarnitur wies,
+die in dem gedaempften Lichte wieder stumpf und farblos war.
+
+"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
+Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schoen, man moechte den ganzen Tag draussen
+sein."
+
+"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Ausspruechen von
+Ilse immer einen Daempfer auf, auch liess sie gar zu gern einfliessen, wie
+viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+
+"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es
+wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwaehrend ein.
+
+"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat
+zu tun."
+
+"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
+denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse uebermuetig. "Manchmal meine ich,
+dass ich ueberhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
+wenig Spass macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ewige Motto. Leo muss oft den Kuechenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
+habe."
+
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ueber diese
+Aeusserungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
+ahnte sie, dass derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fuehlte sich
+Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fuer
+ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
+schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
+Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
+herausrueckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
+wieder fuer eine ueberspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
+steigen! Das fehlte noch, dass sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empoert ueber ihren Mann, dass er ueberhaupt darauf einging,
+und er schien wahrhaftig die groesste Lust zum Mitgehen zu haben.
+
+"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gespraech, "wir wollen es doch erst
+ueberlegen; du kannst gewiss nicht fort."
+
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
+will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.
+
+"Aber dein Mann sagte doch eben, dass er sehr gut koennte," meinte Nellie,
+und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
+aus ihren Gruebchen.
+
+"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja
+mitgehen, wenn es ihm Spass macht."
+
+"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ueber eine solche Zumutung.
+
+"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!"
+rief Ilse begeistert.
+
+Rosi sah sie an und schuettelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
+eben nicht.
+
+"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte laechelnd Nellie, als haette sie Rosis
+Einwaende gar nicht gehoert.
+
+"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
+Ende, und sie kochte innerlich.
+
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
+in sein Zimmer zurueck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kuendeten
+nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drueckte die Tuere hinter sich ins
+Schloss.
+
+"Ich begreife dich nicht, Adolf, dass du immer und immer wieder etwas tun
+willst, was deiner Stellung nur schaden kann."
+
+"Ja, aber wie so denn, Rosi?"
+
+"Ach, tue nur nicht so, du weisst recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
+denken eben leider sehr frei, was euch Maennern natuerlich das liebste ist
+und am besten gefaellt."
+
+"Darin, dass man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
+Freies."
+
+"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
+unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf."
+
+"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig.
+
+"Eine solche Albernheit fuer erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi
+fort.
+
+"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
+lass uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen."
+
+"Das liebste waere es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht."
+
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
+Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
+gab es sobald kein Aufhoeren; er liess sie deshalb ruhig weiterreden.
+
+"Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich stets daran denke, wie die
+Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fuer meine
+Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen."
+
+Wenn Rosi ihr "Pflichtgefuehl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
+Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
+Schlusseffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
+Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
+seine Buecher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
+war fuer seine Frau das Zeichen, dass er sich auf keine weiteren
+Eroerterungen mehr einlassen wuerde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
+blieb stumm.
+
+"Dass du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal
+anzufangen.
+
+Keine Antwort!
+
+"Uebrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,"
+das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her."
+
+Wiederum Schweigen!
+
+Adolf schien vertieft in seine Buecher, aber Rosi war heute noch lange
+nicht fertig; mit nervoesen Fingern zupfte sie an den Fransen der
+Tischdecke.
+
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+
+"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, dass du etwas strenger
+gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
+Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluss auf den Jungen, und von
+dem eigentuemlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
+Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fuer einen Mann in solcher Stellung
+doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes."
+
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
+erregt wandte sie sich zum Gehen.
+
+"Natuerlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
+keine Lust dazu, nicht mal ueber die Kinder kann man sich aussprechen."
+
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Tuere jetzt unsanft ins Schloss fiel,
+stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
+
+Rosi schuettete nun Tante Emilie ihr uebervolles Herz aus und fand dort fuer
+alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
+ueber den Leichtsinn von Fritz, ueber die grosse Schwaeche seines Vaters, ueber
+die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ueber das freie
+Benehmen der beiden Freundinnen. Darueber hatte die Tante schon manches
+gehoert, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
+traeufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, dass andre Menschen
+ebenso dachten, wie sie.
+
+ * * *
+
+ [Illustration]
+
+Ilse betrachtete in den naechsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
+Spannung; das kleinste Woelkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
+hundertmal sah sie sich tagsueber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, dass das gar nicht noetig waere, denn wenn er sage, "es
+bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
+Interesse fuer die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
+bringen, zu pruefen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+gruendlichen Pruefung unterworfen, und dabei liess er eine laengere Philippika
+gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
+verbrochen hatte, insbesondere los. "Ueberhaupt welcher Unsinn, so spitze
+Schuhe zu tragen, da muessen ja alle Fuesse Krueppel werden," behauptete er
+und zeichnete einen normalen Fuss auf und einen, der in spitzen Schuhen
+gesteckt hatte. Beinahe waeren sie wieder in Streit geraten, als Ilse
+dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpoenten spitzen Schuhe
+noch einen normalen Fuss zu haben. Doch es ging diesmal noch gnaedig ab. Sie
+merkte, dass er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+Vorbereitungen mit der gewohnten Umstaendlichkeit getroffen wurden.
+
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
+Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdruecken. Fuer
+eine Expedition auf den Grossglockner konnte er nicht besser ausgeruestet
+sein, die dichtbeschlagenen Naegelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
+den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
+seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
+nicht vergessen haette. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
+schnell wieder ein, als sie bemerkte, dass er seinen Bart zu drehen begann,
+das untrueglichste Zeichen seines Unmutes.
+
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmaessig aus mit ihren kurz
+geschuerzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksaecken auf dem
+Ruecken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
+Sachen ins Coupe gelegt, waehrend sie draussen noch auf und ab spazierten.
+
+"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, dass
+Nellie ihres Mannes Rucksack geoeffnet hatte und demselben eiligst Sachen
+entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
+
+"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell
+die beiden Saecke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
+Hand.
+
+"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, waehrend dein Mann fast
+gar nichts zu tragen hat?"
+
+"Lass nur, _darling_, lass nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
+letzter Zeit so nervoes," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
+Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Traenen in die Augen.
+
+"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bisschen nervoes, du
+lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
+Modekrankheit."
+
+Nellie schuettelte wehmuetig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
+nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wusste es aber besser.
+
+"Du verwoehnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wusste ja aus
+dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, dass Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im uebrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
+Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
+neckischem Tone von der uebertriebenen Aengstlichkeit abzubringen.
+
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstaedtchen, einem Badeorte, von wo aus
+der naechtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
+Stimmung zurueckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
+und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
+Blick zuwarf und vergnuegt mitlachte.
+
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
+nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch groesser,
+jedenfalls sahen grosse und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksaecken auf dem Ruecken vielfach
+belaechelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
+daran sehen.
+
+"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kroeten!" wehrte Onkel Heinz sie mit
+seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle moegliche
+Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein boeses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
+stuerzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
+schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz ausser Atem kam und
+stehen blieb, um auf die uebrigen zu warten.
+
+Die Strasse, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
+Villenartige Haeuser zu beiden Seiten ruesteten sich schon fuer die
+Sommergaeste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tueren
+wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
+Gaerten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
+prangten bereits grosse Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige
+Wochen, und alles war fuer die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
+genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
+Sammelplatz fuer die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
+anhoerend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
+Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tuere des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schuerzen und
+wuschen Tische und Baenke ab. Sie hielten in ihrer Beschaeftigung inne, als
+die fuenf einsamen Gestalten vorueberkamen. Nun wanderten diese die Hoehe
+hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgruenen
+Schleier ueber ihnen woben, und aus dessen Zweigen froehliche Vogelstimmen
+toenten, wie eine Verkuendigung des nahenden Fruehlings.
+
+"O, wie schoen! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele
+und hing sich an seinen Arm.
+
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Staemmen ein
+wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzueckender Farbe.
+
+Die beiden Frauen stuerzten darauf los, und im Nu hatten sie einen grossen
+Strauss gepflueckt. Sie schmueckten damit sich selbst, die Huete ihrer Maenner
+und natuerlich auch den von Onkel Heinz.
+
+"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
+verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Straeusschen von Primeln und
+Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd liess er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+
+"Sehen Sie doch nur diese entzueckende Farbenzusammenstellung von Blau und
+Gelb!" rief Ilse.
+
+"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend.
+
+Ilse wandte sich ab.
+
+"Na, denn nicht," meinte sie.
+
+"Um Gottes willen, Gontrau, du laeufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz
+nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen."
+
+"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
+nicht schnell," sagte Gontrau liebenswuerdig und aenderte sofort das Tempo
+seiner Schritte.
+
+"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
+Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spoettischen
+Laecheln.
+
+"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
+habe ich den Ortler bestiegen."
+
+"Ach, du lieber Gott, diese Huegel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel
+Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
+in andern Weltteilen zu erzaehlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
+einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
+interessante Erzaehlung so gefesselt, dass sie schwieg und aufmerksam
+zuhoerte. Onkel Heinz war ein guter Erzaehler, und wenn er so recht im Zuge
+war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
+durchaus keine verknoecherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
+Feine Beobachtungen und Stimmungen liess er durchschimmern, die man ihm
+nicht zugetraut haette.
+
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
+Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
+Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
+in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
+Firmaments anschloss. Wie ein leichtes Froesteln ging es durch die Natur,
+als der farbenpraechtige Himmel allmaehlich verblasste, die goldig warmen und
+die blaeulich kuehlen Toene in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
+durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+
+Schnell huschte die Daemmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
+Gegenstaende verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ueber,
+verschwommen wurden die fernen Linien, alles loeste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Saenger des Waldes auf
+den Zweigen.
+
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
+im traulichen Fluestertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
+voran.
+
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
+draussen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
+Ilse wurde es etwas baenglich zu Sinne hier zwischen den hohen Baeumen, sie
+glaubte es ueberall knistern zu hoeren; bald sah sie sich aengstlich um, bald
+spaehte sie nach beiden Seiten in den daemmernden Wald. Mit jedem Schritte
+wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Staemme und herabhaengenden
+Zweige nahmen alle moeglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+vorueberzogen. Das Knacken und Knistern in den duerren Aesten auf dem Boden
+wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
+Unwillkuerlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
+angstvollen Augen dorthin, woher das Geraeusch kam. Wie es in Augenblicken
+grosser Furcht gewoehnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
+Wenn sie ueberfallen wuerden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zufluestern, wie sehr sie
+sich fuerchte, als ploetzlich zwischen den hohen Staemmen etwas hervorkam -
+ein grosser Hirsch, der quer ueber den Weg setzte und nach einer Lichtung
+zulief, wo er aesend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklaert, Ilse
+atmete auf, aber ein Gefuehl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
+zurueck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
+auch die andern meistens still.
+
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kuehl geworden, und dem
+fruehlingsjungen Waldboden entstroemte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
+rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlaefernd durch
+seine eintoenige Melodie, die sich anhoerte, als saenge es der zur Ruhe
+gehenden Natur ein Schlummerlied.
+
+"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hoehe.
+
+"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie aengstlich und nahm ihr Tuch von
+den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
+liebenswuerdigsten Weise.
+
+"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und
+diesmal antwortete er liebevoller.
+
+"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewoehnlich."
+
+"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!"
+fragte Nellie eifrig.
+
+"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel
+Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit."
+
+"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie.
+
+"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit
+Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
+Gegengift."
+
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
+einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
+Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
+Ratschlaegen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die Aerzte,
+schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen laecherlich.
+
+Leo, der mit Ilse ein Stueck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
+rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf
+einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Baeume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebaeudes
+erkennen, das wohl das Foersterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
+mussten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
+majestaetisch darueber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
+Silhouetten ab. Die Tuere des Wildgatters das den Wald abschloss, fiel mit
+dumpfem Tone zurueck, und nun standen die naechtlichen Wanderer in einem
+Garten, der zum Foersterhaus gehoerte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoss
+waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Muehe hineinsehen. Die
+Foersterfamilie sass um einen runden Tisch versammelt, ueber dem eine
+Haengelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
+Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weisse fiel ein heller
+Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemuetlichkeit
+durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
+von dem Kaiser und der Kaiserin an den Waenden, sie lachte aus den
+freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
+und umgab auch die kraeftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
+Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draussenstehenden
+tat es leid, dieses harmonische Bild zu stoeren, sie ruehrten sich kaum und
+betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
+Hunde im Zimmer unruhig, der Foerster erhob sich, kam zur Tuere heraus und
+nahm die spaeten Gaeste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
+hoerte, dass die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
+wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
+vor ihm standen.
+
+"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bisschen Schnee wird's da
+oben wohl noch geben."
+
+"Wir fuerchten uns nicht davor, Herr Foerster," erwiderte Ilse lustig und
+warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
+
+"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und liess sich
+in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, dass die lahm gewordenen Federn
+aechzten.
+
+"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wuenschen etwas zu
+geniessen," rief er hinaus.
+
+Die Foersterin kam herein, ihre Blondkoepfe hinter ihr her, aber diese
+blieben neugierig an der Tuere stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
+Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
+lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschaeftigte sich mit den kleinen,
+krummbeinigen Dackeln und dem braunen Huehnerhund mit den herabhaengenden
+Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedraengt und liess sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
+Augenblick innehielt, stiess er sie mit der Schnauze an.
+
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo draengten zum Aufbruche. Sie
+hatten mit dem Foerster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
+wollte, eingehend den Weg besprochen.
+
+Auffallend kuehl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
+dunklen Tannenwipfeln ueber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silberglaenzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
+verliessen sie die Landstrasse, die sich als heller Streifen durch die Wiese
+vor ihnen herschlaengelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
+steinig und muehsam zu erklettern war. Hier schied der Foerster von ihnen.
+
+Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Haende sich oftmals
+krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geraeusch zu hoeren war oder sie irgend
+etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevoelkert den Wald fuer
+furchtsame Geister ja mit allen moeglichen Spukgestalten, sie hoeren, wo
+nichts zu hoeren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
+es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie wuerde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
+doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
+unterdruecken.
+
+"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+
+"Seht ihr nicht die weisse Gestalt?"
+
+Eine weisse Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien naeher zu kommen
+und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse waere es bei diesem
+Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst ueberhoerte sie ganz die
+spoettische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+Gespenst losschritt. Ploetzlich toente ein schallendes Gelaechter durch die
+Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weisse Geistergestalt
+gestellt hatte und sich vor Lachen ausschuetten wollte.
+
+"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
+sehen Sie es sich an!" rief er laut.
+
+Ilse aergerte sich im stillen und schaemte sich zu gleicher Zeit, dass sie
+ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weisse Gestalt war ein heller
+Stein, ein grosser Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+
+"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fuer eine Gestalt halten," meinte
+Leo, welcher bemerkt hatte, dass Ilse dem Weinen nahe war und sie
+entschuldigen wollte.
+
+"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun faengst du wohl auch noch an, an
+Gespenster zu glauben?"
+
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
+
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemuetsverfassung fast teuflisch! Ja,
+Bloessen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
+Aber Rache ist suess! Der Augenblick wuerde schon kommen, wo Ilse sie ausueben
+konnte, jetzt war ihre Erregung zu gross, um etwas sagen zu koennen; sie
+wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+
+ [Illustration]
+
+Bei dem Geistersteine verliessen sie den Wald, ueberschritten den Fahrweg
+und waren nun auf der Hoehe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+tief, der frische Hoehenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
+der Blick frei, keine beengenden Baeume mehr, zwischen deren Staemmen man
+allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengross,
+ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Raendern und lag breit auf dem
+steinigen Wege und auf den niedrigen Foehren, zu deren Fuessen unter
+Steingeroell ein flinkes Waesserchen gurgelte, hastend und stuerzend, als
+haette es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
+Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
+unwillkuerlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
+nicht fortwaehrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
+
+Die frische Luft kuehlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
+Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
+Stille herrschte ringsumher.
+
+"O, wenn uns Rosi jetzt sehen koennte!" sagte Nellie.
+
+"Sie wuerde uns fuer verrueckt halten," meinte Fred.
+
+"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fuer verrueckt,"
+erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkoemmliche ist, blauer Himmel,
+goldner Sonnenschein, gruener Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
+schoen, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
+Aeusserlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
+sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders."
+
+Onkel Heinz hatte darin wohl truebe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
+man nicht nach dem Aeusseren beurteilen; um ihn kennen und schaetzen zu
+lernen, musste man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
+Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
+Doch heute fuehlte sie sich sehr geschmeichelt, dass der sonst stets
+absprechende Professor Gefallen an der naechtlichen Partie fand, wie es
+sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung musste aber auch das
+haerteste Gemuet bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
+sie ganz erfuellt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drueckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
+
+Gegen zwoelf Uhr sahen sie oben auf dem Bergruecken den Giebel eines Hauses
+auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
+welchen das Mondlicht blaeulich schimmernd lag. Allmaehlich wuchs das Haus
+immer hoeher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein grosser
+Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind ruettelte an den
+Holzlaeden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Foehren, durch die hohen Graeser. Drinnen lag schon alles im
+tiefsten Schlummer. Die Tuere war verschlossen, und erst, als man eine
+Weile maechtig dagegen gehaemmert harte, wurde ein schluerfender Schritt im
+Hausflur hoerbar, und die Tuere tat sich auf. Die fruehen und doch so spaeten
+Gaeste mussten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
+bevor es gemuetlich wurde, aber dann liessen sie es sich auch wohl sein im
+hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
+dem eine wohlige Muedigkeit folgte. Doch diese waehrte nicht lange, denn
+Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den uebrigen. Sie
+sprach viel Vernuenftiges und Unvernuenftiges durcheinander, war sprudelnd,
+lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureissen.
+
+Nellies Blicke hingen wie verklaert an ihrem Manne, dem die Partie so gut
+zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
+durch das Pulver, waehrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
+Kognak.
+
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
+Scherze der uebrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
+Krone auf, als er schliesslich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
+Urheberin dieser schoenen Partie, hielt, welche mit grossem Beifall
+aufgenommen wurde.
+
+"Ich haette gar nicht geglaubt, dass Sie so poetisch sein koennen, Onkel
+Heinz," sagte Ilse, als sie sich fuer diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
+ihre Mundwinkel zuckte es spoettisch.
+
+"Wieso?" fragte der Professor erstaunt.
+
+"Nun, einem so eingefleischten, nuechternen Junggesellen, wie Sie es doch
+sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie koennten
+nur ueber alles spotten und hoehnen."
+
+Onkel Heinz sah sie ganz bestuerzt an, er ahnte ja nicht, dass dieser Hieb
+die Rache dafuer war, dass er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
+ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, dass man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
+war es nun geschehen.
+
+Erst spaet erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
+Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
+Fensterscheiben, bis er im fahlen Daemmer des aufzeigenden Tages verblasste
+und die glaenzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustuere, den Kopf
+dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
+auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
+hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
+er konnte deshalb keine Ruhe finden. Ueber seinem Haupte jagten die Wolken,
+vom Sturme getrieben, am Mond vorueber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
+Blick fuer solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, dass
+am oestlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwaehrender
+Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmaehlich wieder
+verschwand.
+
+Lange noch blieb der Professor draussen.
+
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee sassen. Es
+sollte frueh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
+Laune, er sagte, dass er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
+Die Betten waeren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Laeden dumpfig
+gewesen, und als er sie geoeffnet habe, haetten sie geklappert, und das
+helle Mondlicht haette ihn gestoert.
+
+"O, Herr Professor, seien Sie nicht boese," sagte Nellie; "sehen Sie doch,
+wie schoen es draussen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen
+Fruehlingsmorgen.
+
+"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
+geschlafen," erwiderte er missmutig.
+
+"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fusse zuerst aufgestanden?"
+fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
+
+"Dummheit, solches altes Weibergeschwaetz auch nur zu wiederholen."
+
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
+Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Stoerungen willen lebhaft
+bedauert wurde.
+
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, dass es
+ueberhaupt ganz gleichgueltig sei, wie dieser oder jener Berg heisse, oder
+dieses oder jenes Dorf, es kaeme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+behauptete.
+
+Ilse, welche ahnte, dass sie wohl die Schuld an seiner ueblen Laune habe,
+hatte ihm innerlich schon die schoensten Beinamen gegeben, wie "alter
+Junggeselle", "Brummbaer" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
+neckischen Ton ihm gegenueber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
+
+Lustig verliess die kleine Gesellschaft etwas spaeter den Schneekopf. Der
+Himmel hatte sich inzwischen bewoelkt, der auf der Hoehe nie rastende Wind
+trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, ruettelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
+hinter den Gestalten der Wanderer her, dass ihre Kleider und Maentel
+flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
+Traenen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
+
+"Schneeluft," sagte Althoff.
+
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
+bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weisse Flocken hernieder, dann aber
+wurde es ein lustiges Gestoeber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
+legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Fruehlingsflur,
+aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der naechste warme Sonnenstrahl nahm
+ihn wieder mit fort.
+
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fusshoch, und
+darueber mussten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
+Fuesse bis ueber die Knoechel ein, was ein Hauptspass fuer Ilse war. Sie fand
+diesen "Winter im Fruehling" herrlich und konnte ihr Entzuecken nicht laut
+genug aeussern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
+hoechst aergerlich bis ueber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so dass nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+wenn er eine Schneeflaeche durchwaten musste. Auch Althoff war diese Art von
+Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
+
+"Liebster, ich muss dir einen Kuss geben, so himmlisch finde ich es hier,"
+rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kuessend, und stampfte mutig weiter,
+umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+
+"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schoen?" rief sie herausfordernd
+und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
+
+"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
+wischte die Glaeser, die nass angelaufen waren, wieder trocken.
+
+"Ein Unsinn, Gontrau, dass wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
+schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten waeren wir weit naeher
+gegangen," sagte er dann zu Leo.
+
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
+Behauptung. Schliesslich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
+drei Maennerkoepfe beugten sich darueber, bis Onkel Heinz zugeben musste, dass
+er unrecht hatte.
+
+"Die Juristen muessen ja immer alles besser wissen," sagte er.
+
+"Und die Zoologen sind immer streitsuechtig," entgegnete Ilse schlagfertig,
+Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
+Karte ueberzeugen muessen, dass dieser Weg der kuerzere ist."
+
+"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht massgebend,"
+entgegnete der Professor in unerschuetterlicher Streitsucht.
+
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Mass war voll und lief ueber. Alle
+Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
+jetzt laut. Er musste anhoeren, dass er ein alter Brummbaer sei, der jede
+Gemuetlichkeit stoere, und dass er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
+Ehepaare, wie sie und Althoffs waeren, ihn alten wunderlichen Junggesellen
+in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liesse, sie haette sich dies
+schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, dass Sie
+keine Frau haben, Onkel Heinz, die Aermste wuerde ich bedauern," schloss sie
+ihre Strafpredigt, die den andern hoechst komisch erschien, denn sie
+lachten laut darueber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
+Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
+dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ueber die Ohren, die
+Muetze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+
+"Seien Sie froh, Professor, dass Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
+es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu
+scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
+sich versunken ging er weiter.
+
+Gegen Mittag hoerte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
+Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
+die Sonne hell auf die bluehende Fruehlingslandschaft. In dem zarten Laube
+hingen noch unzaehlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
+erglaenzte unter dem schimmernden Nass, und auf den Wiesen, die sich als
+eine weite, gruene Flaeche bis zum naechsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+zwischen Halmen und Graesern feuchte Perlen; die Natur schien unter Traenen
+zu laecheln.
+
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verliessen, der in die Dorfstrasse
+einmuendete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
+und her bewegen, ueber die hinweg ein blaeulicher Rauch in die Hoehe zog.
+Unter den Traenen, die hier noch in den Augen erglaenzten, gab es kein
+Laecheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
+Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der roetliche Schein am Himmel in
+letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
+nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des grossen Feuers gewesen, dem
+zwanzig Haeuser zu Opfer fielen. Ein wuester Truemmerhaufen, aus dem es noch
+hier und da schwaelte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
+fast alles, was den Aermsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+koennen, ein paar Stuehle, Tische und Schraenke, ein Buendel Betten und
+Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
+grossem Werte fuer ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
+prueften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Gluecklicherweise war kein
+Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kuehe, Ziegen, Schweine,
+war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
+Weiber umher, aengstlich an sie gedrueckt die Kinder, bleich und verstoert
+sahen die Maenner aus.
+
+Das war ein trauriger Abschluss der schoenen Partie und ein beschaemendes
+Gefuehl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, dass sie
+die Nacht in Lust und Froehlichkeit zugebracht hatten, waehrend nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglueck in so verheerender Weise hauste.
+Das truebe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindruecke der letzten
+Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und uebernaechtig aus,
+im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
+in hellster Aufregung gewesen war.
+
+Eintoenig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
+erzaehlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wusste
+kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darueber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, dass ein altes Weib mit dem brennenden
+Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, dass es durch Kinder
+entstanden waere, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, dass es "angesteckt" sein muesse. So meinte auch der Wirt,
+der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
+Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestossen und
+sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber ploetzlich
+verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
+lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wuerde es ja
+herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloss der Wirt seine
+Rede.
+
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
+Gontrau besichtigten die Brandstaette mit dem Pastor zusammen, Nellie und
+Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen troestende Worte zu ihnen,
+die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
+alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
+denn auch die besten Trostesworte wuerden ihnen das Verlorene nicht wieder
+bringen. Hilfe muss auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
+die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
+Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
+Vorschlaege wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
+Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
+Waisenkinder stattgefunden, da wuerde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
+Anklang finden. Althoff wollte ein Schuelerkonzert veranstalten, das war
+schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
+aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+hartnaeckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+neuesten Ereignisse beschaeftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
+keine Beachtung. Die Vorschlaege wurden nochmals ueberlegt und geprueft, bei
+dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
+keiner zu gefallen, als Leo ploetzlich auf den Einfall kam: eine
+Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zuendend, besonders auf
+Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
+
+"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ueber das andre Mal, und auch die
+uebrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spoettisches
+Zucken um die Mundwinkel Ilse gluecklicherweise nicht bemerkte. Sie war
+Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
+musste ziehen. Sicher wuerde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
+gern ueberlassen, meinte Leo, und Ilse draengte, dass er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
+Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natuerlich
+auch sofort eroertert wurde, "welches Stueck?" Das war gar nicht so einfach,
+denn was fuer Schauspieler gut und passend war, brauchte fuer Dilettanten
+noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
+ueberlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stueck vorschlug, hatte wieder der
+andre alles moegliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne dass sie
+zum Schluss kamen.
+
+"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stueck, das Dilettanten spielen
+koennten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
+Telegraphenstangen zu zaehlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
+hinaus.
+
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; fuer Komoedienspiel hatte der
+Professor nie viel uebrig gehabt.
+
+"Mit Theaterstuecken weiss ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
+tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte
+Antwort.
+
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
+davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort uebel zu nehmen. Er lachte
+darueber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. -
+
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
+schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
+milden Lichtes hoch ueber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurueck und verdraengte fuer einige Zeit das letzte Erlebnis.
+Es war doch herrlich gewesen, draussen zu wandern im Mondenscheine, der
+heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
+ueber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen liess. Matt
+lag er auf den Schieferdaechern, auf den hellen Hauswaenden und den grauen
+Strassen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+Schimmer.
+
+Onkel Heinz verliess die uebrigen nach kurzem Gutenachtgrusse an der Strasse,
+die nach seinem Hause fuehrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
+stille Nacht.
+
+ * * *
+
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+Wohltaetigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Noetigste
+besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern ueberlassen worden.
+Taeglich wanderten Stoesse von Buechern aus der Leihbibliothek in das
+Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
+waehlen. Nachmittags kam regelmaessig Nellie, und der Abend wurde dazu
+verwandt, bei ihr oder Gontraus grossen Kriegsrat zu halten. Und wen die
+Sache noch aufs hoechste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
+wollten Theater spielen, darin lag fuer sie ein grosser Zauber! Schon einige
+Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
+Aufregung nicht einschlafen koennen, und die naechsten Tage wurde nichts
+anderes gespielt als Theater. Leo hatte schliesslich verboten, sie wieder
+mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
+Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
+begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
+Zeitlang, bis andre Eindruecke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafuer ploetzlich wieder aufs lebhafteste, sie
+horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
+sprachen. Das glaenzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
+Maerchenwelt eingefuehrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
+stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfuellt von dem
+Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
+Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
+grossen, blauen Augen verstaendnislos an, sie hatte mehr Sinn dafuer, ihre
+Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
+dagegen fuehrte allerhand Komoedien mit denen, die ihr gehoerten, auf, und
+wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
+in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
+im Bette liegen mussten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
+Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Traenen, Streit und ein
+Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluss.
+
+Nach langem Waehlen hatte man sich endlich fuer drei Einakter entschieden:
+"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Goerlitz und
+"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stuecke hatte man nun gluecklich, doch
+jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fuer das zu sorgen war, naemlich:
+die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kaempfen ist, kann nur
+derjenige nachfuehlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
+zustandegebracht hat.
+
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
+erstere glaubte, brauchte man nur an die Tueren zu klopfen, um gefaellige
+Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wuerde jeder einwilligen, sich fuer
+einen so guten Zweck herzugeben.
+
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas
+viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Kuenstlerinnen
+zusammen zu holen.
+
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
+Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ueber die kleinlichen,
+engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
+
+"Theaterspielen auf einer oeffentlichen Buehne!" Das war fast in allen
+Haeusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenruempfen dabei, als ob
+von den hoeheren Toechtern etwas Unerhoertes verlangt wuerde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+
+"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das koennen Sie nicht von
+meinen Toechtern verlangen, sich der oeffentlichen Kritik auszusetzen."
+
+"Ja, aber Ihre Toechter reichten doch im Bazar Bier und belegte Broetchen
+herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der
+oeffentlichen Kritik ausgesetzt?"
+
+"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres."
+
+Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
+einer laengeren Erklaerung der Dame, die es wohl selbst nicht wusste. Die
+beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
+
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
+dass sie sich auf einer oeffentlichen Buehne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+Schneiderin koennten ja nachher sagen: "Gnaedige Frau, was haben Sie aber
+schoen gespielt!"
+
+"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswuerdigsten Schelmengesicht, das sie
+stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie
+brauchten sich doch darueber nur zu aergern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin faenden, dass Sie schlecht gespielt haetten."
+
+"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, dass mir ueberhaupt an dem Urteile
+solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will
+mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen."
+
+"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
+keine Schande, ihr Urteil anzuhoeren," sagte Ilse, innerlich empoert ueber
+solche Anschauungen.
+
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darueber daechte sie nun
+einmal anders.
+
+Mit kuehlem Gruss verabschiedeten sich die beiden.
+
+"O, was ist sie verrueckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
+Strasse standen, aber Ilse war schon ganz kleinmuetig geworden und wollte
+die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tueren betteln
+und wuerde ueberall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
+Gedanken an eine Auffuehrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
+sie das Werk begonnen. Ilse war im hoechsten Grade aufgeregt; beinahe fing
+sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
+viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
+
+"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,"
+troestete sie.
+
+Bei der naechsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glueck; ja die
+Idee wurde sogar mit grosser Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
+fuer die armen Leute, von deren Unglueck die Zeitungen schon viel berichtet
+hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
+Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
+den Jahren, wo ein junges Maedchen anfaengt, "ein aelteres junges Maedchen" zu
+werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch aelteren Schwestern und
+ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die juengste und wurde "das
+Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schoengeistig angelegte Natur, sie
+dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fuer das Theater,
+selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon
+oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu uebernehmen.
+
+"Vielen, vielen Dank fuer Ihre liebenswuerdige Zusage, Fraeulein Born," sagte
+Ilse mit einem herzlichen Haendedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
+bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+
+"Das alte Fraeulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte
+Ilse draussen zu Nellie, waehrend das "alte Fraeulein" drinnen bereits mit
+der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebaeugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe koennte sie auch noch sehr
+gut spielen, sie haette sogar das richtige Temperament dazu.
+
+Ilse war hoch erfreut ueber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
+keinem Gedanken daran, dass dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+zappeln wuerde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante"
+nahte.
+
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
+Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+dagegen, und die beiden Toechter nahmen das Anerbieten mit grosser
+Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
+ein frisches Maedchen, die gewiss gern eine Rolle uebernehmen wuerde.
+
+ [Illustration]
+
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
+besetzt waren. Fuer die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
+es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache
+war abgemacht.
+
+Ilse und Nellie erzaehlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
+ihren Maennern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
+Begeisterung, die vorher den hoechsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wuerde die Idee mit ihren
+Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen koennten,
+gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber ueberzeugte sie sich noch
+mehr, dass eine Dilettantenauffuehrung zustande zu bringen nicht so schoen
+und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo musste ihr immer
+wieder Mut einsprechen. Er uebernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+
+Endlich fand die Leseprobe gluecklich statt. Gluecklich?
+
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube
+Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entruestung von Fraeulein Born
+zurueckgewiesen, und die beiden Fraeulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
+ihrer Freundin, die sie doch erst eingefuehrt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde.
+
+"Ach, das Dienstmaedchen soll ich spielen?" sagte Erna, die aelteste
+Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
+Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht
+und waere doch zu kurz.
+
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
+bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
+etwas in Gang.
+
+"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle
+fuegen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
+Wir muessen vor einem grossen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+blamieren."
+
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
+wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten
+Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden
+Ehemaenner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
+mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
+Kritiker sein.
+
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos oeffnete
+sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
+der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, dass ihm in den
+naechsten Tagen wenig Zeit uebrig bleiben wuerde.
+
+"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er aergerlich ueber die Stoerung.
+
+"Da, hier lies," rief Ilse. "Fraeulein Born will die taube Tante nicht
+spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wuensche
+nicht, dass sie als Dienstmaedchen in die Oeffentlichkeit trete. Wenn sie
+spaeter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Baellen zusammentraefe,
+koennte das zu Missverstaendnissen fuehren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
+nichts, es wird sicher nichts, Leo! Lass uns die Sache aufstecken,"
+jammerte sie.
+
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
+Ilse zu troesten und zu beruhigen, bis sie schliesslich auf dem Standpunkt
+der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ueber alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch hoechst amuesant, die Menschen auch mal
+bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
+
+Nellie ueberbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
+Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
+
+"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie waere es, wenn wir Fraeulein Born
+als Koeder den Prolog gaeben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?"
+
+"O, das tut sie, das tut sie gewiss!" meinte Nellie.
+
+"Ja, und das Dienstmaedchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das
+uebernehmen?" fragte Leo.
+
+"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stueck,"
+sagte Ilse ploetzlich. "Die Rolle des Dienstmaedchens ist ja eigentlich viel
+huebscher; dass ich daran nicht gleich gedacht habe!"
+
+"O, wie schade, du wuerdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie.
+"Kann ich nicht das Maedchen spielen? Aber ein Dienstmaedchen mit englischem
+Akzent passt doch wohl nicht?"
+
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie uebernahm das
+Dienstmaedchen.
+
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
+Kraefte wieder einzufangen.
+
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
+Zureden gelang es auch, Mietze zu ueberzeugen, dass die Rolle der sanften
+Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr huebsch sei.
+
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fraeulein Born. Die jungen Frauen
+wurden von den beiden aelteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der
+Singstunde, musste aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar sassen
+die beiden Fraeulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
+einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen
+beiden Parteien hin und her. Die aeltlichen Schwestern meinten, zu einer
+solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie
+diese Rolle spielen sollte, waehrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzuege
+derselben auseinandersetzte.
+
+Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube
+Tante" von sich, indem sie erklaerte, ueberhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+
+"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen
+schoenen Prolog gedichtet und hoffte, dass Sie ihn als Muse sprechen
+sollten; o, wie schade, dass Sie nicht mitwirken wollen."
+
+"Einen Prolog?" fragte Fraeulein Born einlenkend, und ueber ihr Gesicht ging
+es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
+weisses Gewand, klassischer Faltenwurf, gruener Epheukranz auf dem
+griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fuer sie!
+
+Ohne langes Zoegern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor
+dem Altare war - und erklaerte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
+die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schliesslich, damit troestete
+sie sich, war es doch nur eine grosse Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
+einer Alten zu spielen, und das wuerde man auch gewiss allgemein anerkennen.
+
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
+aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders grosse Angst gehabt.
+
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemuet durch solche Vorbereitungen
+versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
+beschaeftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie oefters laengere
+Selbstgespraeche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Dass sie die
+Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
+eine grosse Angst, ob alles gut gehen wuerde.
+
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
+nun die erste auf der Buehne stattfinden.
+
+"Mutter, lass mich mitgehen," bettelte Ruth mit glaenzenden Augen, aber Ilse
+wies ihre Bitte zurueck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
+so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
+Generalprobe vertroestet.
+
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
+leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. -
+
+Das Theater, von der Buehne aus gesehen, kannte fast keiner der
+Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
+Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
+im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
+tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkoepfige
+Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Huellen
+ueberzogenen Samtsitzen sass und ueber die goldverzierten Bruestungen lehnte.
+Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
+Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
+war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
+nach dem Platze, wo ein bluehendes junges Maedchenantlitz zu sehen war. Wie
+bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
+untereinander die Plaetze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
+sollten, um vor den neugierigen Blicken der grossen Menge draussen zu
+erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
+einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Buehne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt
+bedeuten! Neugierig wurde die Buehne von allen Seiten betrachtet; nuechtern,
+oede, geschaeftsmaessig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
+meisten doch anders gedacht! Man musste sich in acht nehmen, nicht ueber
+Geraete und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
+Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+taeuschend nachahmten. Ein buehnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
+liess es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklaerte den Schnuerboden,
+stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wissbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
+Aber trotz mancher Enttaeuschung ueber das "hinter den Kulissen" blieb doch
+die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+Zuegen ein; Fraeulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
+Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwaermerischen Augen
+sah sie in das leere Haus!
+
+Leo liess eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde musste erst
+befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
+und Direktor Althoff sassen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
+leuchteten die weissen Gesichter in der Dunkelheit.
+
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" ueberkam ein leises
+Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertoente und sie nun sprechen musste.
+Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
+
+"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertoente im
+gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
+hintersten Reihen des Parketts liess sich eine Stimme vernehmen:
+
+"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hoeren!"
+
+Fraeulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und musste auf Leos Geheiss
+noch einmal von vorn anfangen.
+
+Sie war empoert darueber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
+der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzueckt gewesen und
+nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+Betonung, die sie ueber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Traenen
+nicht zurueckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen.
+
+Siedendheiss ueberlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
+nichts, der Kelch musste geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.
+
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fraeulein Born auf, welche
+schluchzend in ihrer Garderobe sass.
+
+"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fraeulein, warum weinen Sie
+denn?" redete ihr Ilse zu.
+
+"Soll ich da nicht weinen, wenn ich oeffentlich blamiert werde?" gab das
+Kind ausser sich zur Antwort.
+
+"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," troestete
+Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.
+
+"Es waere besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
+mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders geruehmt, und meine
+Schwestern fanden, dass ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spraeche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hoert, verliert man alle Lust."
+
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
+wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Traenen eher noch reichlicher,
+als zuvor.
+
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
+Notiz genommen hatte.
+
+"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Aeusserungen," sagte sie nervoes
+zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt."
+
+"Ach, dann lass die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch graesslich," gab
+er eilig zur Antwort.
+
+"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!"
+
+"Sie wird sich schon wieder troesten, Schatz," sagte Leo fluechtig; er hatte
+jetzt keine Zeit zu laengeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
+"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen.
+
+Der Inspizient, Direktor Althoff, musste verschiedene Male an die Tuere von
+Fraeulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich oeffnete und das "Kind"
+auf der Schwelle erschien, mit geroeteten Augen und mit den Blicken einer
+erzuernten Goettin.
+
+Ilse war froh, als die gekraenkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
+schon geglaubt, dass dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfuehren und nicht
+mitspielen wuerde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
+Vorhergegangenen nahm, wies Fraeulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
+tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in
+einem Tone herunter, der genuegend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
+"muckte", wie ein stoerrisches Droschkenpferd, und selbst die
+Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
+sie nicht aufruetteln.
+
+"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muss besser zur Geltung kommen," rief
+Althoff ein ueber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an,
+die "taube Tante" sehr natuerlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
+dem zu hoeren, was ihr gesagt wurde. Leo liess sie denn fuer heute auch in
+Ruhe, als er merkte, dass alle seine Bemuehungen vergeblich waren.
+
+Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden
+ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
+Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
+reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mussten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
+geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswuerdige Geduld, er zeigte
+immer wieder, liess immer wiederholen, waehrend Althoff schon laengst auf
+seinem Sitze unruhig hin und her rueckte.
+
+"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
+Probe auch etwas baenglich zu Mute wurde.
+
+Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel
+glaenzend ins Wasser, bei jeder Annaeherung des Liebhabers zuckte der
+Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schuechternen
+Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und liess das
+"Schreckliche", ohne ein Glied zu ruehren, ueber sich ergehen. Fuer die
+Zuschauer ein hoechst spasshafter Anblick, fuer Leo aber auf die Dauer eine
+Qual. Er hatte es unzaehlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
+scherzend, liebenswuerdig, ernst, aber nun riss endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewaehlt.
+
+"So geht das nicht, liebes Fraeulein, wenn Sie -", er verbesserte sich
+schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns."
+
+Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
+- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
+wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
+die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spaeter sass auch sie
+in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer
+zwei an diesem Abend.
+
+Diesmal uebernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
+und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefuehlen. Einesteils fand
+sie, dass Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
+die grosse Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu laecherlich.
+
+Das "Kind" war auch hereingeschluepft, mit ihr die andern jungen Maedchen,
+sie mussten doch ebenfalls alles sehen und hoeren, was da vorging.
+
+"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben
+doch alle unser Teil bekommen, das naechste Mal werden wir es schon besser
+machen."
+
+"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Fraeulein Born mit
+spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
+besondere Ruecksicht."
+
+"Na, ich fuerchte mich schon vor dem naechsten Stueck, wenn ich dran komme,"
+meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden."
+
+"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie
+eben keinen Tadel vertragen koennen, wollen wir die Geschichte lieber
+aufgeben, die so viel Muehe und bis jetzt so wenig Freude macht."
+
+"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Fraeulein
+Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
+doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
+deshalb Theater, um mich nur zu aergern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
+glauben, dass er dumme Schulkinder vor sich hat."
+
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
+mit der Heftigkeit, wie ungefaehr eine Loewin ihr Junges verteidigt. Ein
+Wort gab das andre, die uebrigen mischten sich mit hinein, schliesslich
+sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht
+mitspielen", "ruecksichtslos" usw., tauchten wie Froschkoepfe in einem
+Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fuer
+zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
+an den weissgetuenchten Waenden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
+Seiten des Spiegels und das dicht verhaengte Fenster, durch welches kein
+Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
+Raum, und da war es denn kein Wunder, dass sich nicht nur die Gemueter,
+sondern auch die Koepfe erhitzten. Erika Blum sass auf dem einen der beiden
+einzigen Stuehle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
+zu. Die Traenen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
+sogar schon gelaechelt.
+
+Das Verschwinden der saemtlichen weiblichen Mitspielenden war schliesslich
+Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stuecke begonnen
+werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
+Damengarderoben muendeten, hoerten sie durch die Tuere ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draussen wie das Summen von vielen, in einer
+Schachtel eingesperrten Maikaefern anhoerte. Alles Rufen, Klopfen, Ruetteln
+an der verschlossenen Tuere wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+ueberhoert; erst als das Klopfen zu einem donneraehnlichen Droehnen anschwoll,
+glaetteten sich die aufgeregten Wogen. Fraeulein Borns Flacon, das sie
+stets, mit koelnischem Wasser gefuellt bei sich trug, wanderte von einer zur
+andern, die Taschentuecher wurden getraenkt und mussten die Wangen kuehlen.
+Dann erst wurde die Tuere geoeffnet.
+
+"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas aergerlich,
+aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
+Gesicht sah.
+
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
+Zeit mehr, es musste deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
+
+Auch die beiden andern Stuecke wurden nicht viel besser gespielt; es
+herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
+und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmaedchen im
+"ersten Mittagessen" so tragisch, dass man ueber diese komische Rolle eher
+zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
+keineswegs lustig zumute; bei den fortwaehrenden unangenehmen
+Zwischenfaellen konnte man unmoeglich seine gute Laune behalten. Die junge
+Frau, Erna Schmidt, musste ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
+werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, dass es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
+Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" liessen
+die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffuehrung durch
+ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
+gelacht.
+
+Ilse lachte nicht mit, sie war im hoechsten Grade aufgeregt. Da - zwischen
+den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+nach Leo hinueberflogen, konnte man schliessen, dass von ihm, und zwar nicht
+in der liebenswuerdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
+liebsten waere sie hingegangen und haette die zischelnde Gruppe gesprengt,
+aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
+und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
+
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
+Nellie mussten manche Ruege, manchen Tadel einstecken.
+
+Immer hoeher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
+unueberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
+Tagen schon sollte die Auffuehrung sein - das war ja ein Ding der
+Unmoeglichkeit! Und sie erzaehlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
+sich hinter den Kulissen, naemlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
+hatten.
+
+Leo brach in ein lautes Gelaechter aus, und Althoff meinte, ohne Zank koenne
+es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
+
+Ilse jedoch liess ihren Traenen freien Lauf, sie war abgespannt und nervoes
+von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
+
+"O, _darling_, du musst dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte
+Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!"
+
+Aber der Freundin Kummer musste sich austoben. Der einzige, der ihr recht
+gab und dergleichen auch hoechst aergerlich fand, war Althoff; er stimmte
+ihr vollstaendig bei, waehrend Leo die Sache von der komischen Seite
+auffasste.
+
+"Passt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse,
+"und was machen wir dann?"
+
+Leo lachte sie aus.
+
+"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
+sich die Sache ueberlegen; das Theaterspielen hat doch zu grossen Reiz fuer
+alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog
+sie in seine Arme.
+
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
+sie an Alpdruecken. Sie traeumte, dass sie in der engen Garderobe mit den
+andern zusammen, wie in einer Sardinenbuechse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
+Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, dass sie fuerchtete,
+erdrueckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rueckwaerts
+noch vorwaerts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein
+entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Buehne, die
+Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
+ihrer Rolle, die Klingel ertoente, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
+diesem Augenblicke der hoechsten Qual erwachte sie. Die helle
+Fruehlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
+erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
+Ruth mit einem Veilchenstrausse in der Hand, den sie eben aus dem Garten
+geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so boesartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+Theaterangelegenheit hoeren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
+Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Fruehlingsmorgen. Seit einigen
+Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken koennen, wie weit das Gruenen und
+Bluehen draussen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzaehlen
+- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
+der letzten Zeit etwas hatte vernachlaessigen muessen. Aber bald wuerde alles
+vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fuer sie allein da.
+
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
+aber seine Tuere war verschlossen gewesen.
+
+Onkel Heinz! Selbst fuer den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
+Gedanken uebrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, dass er sich
+nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darueber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hoeren, haette sie
+nicht ertragen, und an Spott wuerde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
+
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
+Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
+zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rueckweg begegnete ihnen Rosi.
+
+"Nun, ich hoere, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen
+Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darueber urteilen wuerde,
+konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch aergerte sie die Art, in
+welcher Rosi danach fragte.
+
+"Es ist nur gut, dass ihr es wenigstens fuer einen guten Zweck tut," fuhr
+sie fort; "mein Mann hat auch schon fuer die armen Leute sammeln lassen."
+
+Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?"
+
+"Ich weiss noch nicht, ob Adolf Zeit hat."
+
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
+gross und siegte ueber die sonstige Abneigung gegen das Theater.
+
+Vor der naechsten Probe hatte Ilse eine foermliche Angst. Doch es schien
+wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
+Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
+nachdem die groessten Schwierigkeiten ueberwunden waren, stellte sich auch
+die Lust und Begeisterung wieder ein.
+
+Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
+trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
+teilzunehmen, musste man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+
+Wie zwei gestrenge Waechterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
+Platz und blieben dort den ganzen Abend ueber sitzen.
+
+Taeglich wurde jetzt geprobt, und allmaehlich trat die richtige Stimmung
+ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
+gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
+Kritiken nicht mehr uebel.
+
+Sogar Fraeulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet
+und behandelte sie nicht mehr so gleichgueltig; auch der Backfisch war bei
+der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefuehlvoller als
+das erste Mal.
+
+So war man gluecklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewoehnlich
+nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffuehrung
+stattfinden.
+
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
+konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
+verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 1/26 Uhr sollte man dort
+sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
+fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
+
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Raeume; wo ja ein lichter Strahl
+von draussen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhaenge
+daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+
+Von der Buehne her toente Sprechen und Haemmern. Ilse lief schnell erst
+einmal dorthin, um Leo zu begruessen, der mit Althoff zusammen noch alle
+moeglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
+daran dachte, dass sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
+- welcher Zauber lag in dem Gedanken!
+
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
+Die Tueren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+wurden nochmals einer genauen Pruefung unterworfen, diese und jene kleine
+Aenderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfuemduft lagerte
+ueber dem Ganzen. Das "Kind" sass im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+aufgeloestem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Buerste und Kamm
+bearbeitete, waehrend die andre geraeuschvoll ein Ei mit Zucker in einem
+Glase zusammenquirlte. Das war gut fuer die Stimme und wurde der Erregten
+loeffelweise eingegeben; ausserdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
+Tische und ein Teller mit belegten Broetchen, um die Kraefte der vom
+Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
+den Haenden und memorierte fortwaehrend.
+
+"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das aelteste Fraeulein Born, als
+Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch
+wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!"
+
+ [Illustration]
+
+"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
+ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen.
+
+Und in der Tat, was das "Koennen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
+fuehlten nach ihrer Meinung nur gewoehnliche Sterbliche, Kuenstlerseelen, wie
+sie, waren ueber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, dass selbst
+die groessten Kuenstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und dass,
+wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewusst auftreten sieht,
+diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Kuenstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ueber welche
+der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
+
+In den Garderoben der jungen Maedchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
+Auch hier erwiesen sich Muetter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+vielerlei zu tun. Erika Blum liess sich noch einmal ihre Rolle ueberhoeren;
+besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
+hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen muessen. Wenn es nur
+heute abend gut ging! Sie sah uebrigens reizend aus, die huebsche Erika. Das
+blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ueber den
+Ruecken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
+zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
+sorgfaeltig ausgebreitet ueber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschaeft des
+Ankleidens musste nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fraeulein
+Borns Tuere verschwunden und wuerde gleich zu den andern kommen.
+
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffuehrung
+wuerden einem objektiven Beobachter eine Fuelle von komischen Eindruecken
+bieten. Da loest sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Naechstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
+zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder moechte zuerst fertig sein,
+zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Maedchen fuehrten zwei
+Muetter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, dass ihre Tochter
+die schoenste sei, und trotz des Eifers und der grossen Eile flogen doch
+verstohlene, pruefende Blicke hinueber und herueber.
+
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbuechse; er wurde sofort
+foermlich umringt.
+
+"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran."
+
+"Meine Haarfrisur haelt aber solange auf, Sie muessen mich zuerst
+frisieren!"
+
+"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
+richtig, oder muss der schwarze Strich unter den Augen staerker sein?"
+
+Der parfuemierte Juengling konnte sich vor so vielen Fragen und
+Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
+endlich schoss Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
+
+"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewoehnlichen Leben
+waren ihre frischen Farben ihr groesster Kummer, sie fand es interessanter,
+etwas blass auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkuenstler
+versicherte immer wieder, dass sie ausgezeichnet "wirken" wuerde, und die
+Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, suess, entzueckend!" Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ueber das
+reizende Toechterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
+Liebenswuerdigkeit, dass Erna und Mietze doch noch viel huebscher aussaehen.
+
+In demselben Augenblick flog die Tuere auf, das zweite Fraeulein Born
+stuerzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde"
+zurueckgeholt, denn die blonde klassische Peruecke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; ausserdem war das Schminken
+noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
+
+"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Fraeulein Born aengstlich, als
+die jungen Maedchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
+Dienstmaedchenkleid erschien.
+
+"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
+sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
+dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht graesslich aus?"
+
+Dass diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
+den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie laechelte ihrem
+Spiegelbilde wohlgefaellig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
+fortwaehrend, wie reizend sie aussaehe. Dabei legten sie immer wieder die
+weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+keineswegs klassischen Bewegungen seiner Traegerin verschoben.
+
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
+sich gegangen. Die blonde Peruecke, die Schminke und das griechische Gewand
+hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
+sie sonst im Leben nicht mehr besass. Fuer die uebrigen hatte die aufgeregte
+Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+
+"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schoen
+von Ihnen abstechen!"
+
+Und missmutig glitten ihre Blicke ueber das graue Kleid der "tauben Tante",
+das schlaff und dunkel an der weissen Wand hing. Dahinein musste sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
+eigentlich zu aergerlich.
+
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
+deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+jetzt mussten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein pruefender
+Blick in den Spiegel.
+
+"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel -
+schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
+fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?"
+
+Annas Haende flogen, waehrend die andre Schwester mit dem roten
+Staerkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," draengte sie und hielt
+der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
+
+"Vorsichtig, vorsichtig, dass die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, -
+dann rauschte es hinaus.
+
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Buehne
+versammelt. Man draengte sich an die kleinen Loecher im Vorhang, um ins
+Publikum sehen zu koennen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
+dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+stroemte es noch fortwaehrend herein. In der ersten Reihe sassen die beiden
+Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gross und erwartungsvoll auf den
+bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
+mochte; denn waehrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
+Kulissen tun duerfen - o, das war eine Wonne gewesen!
+
+Wie fernes Meeresrauschen toente das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
+laute Stimme heraushoeren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen toenten
+einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
+Instrumente stimmte.
+
+Alle diese Geraeusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
+zum Beginn ertoente und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+
+Nur wer einmal eine solche Auffuehrung mit durchgemacht hat, kann die
+allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
+ersten Male hebt, nachfuehlen!
+
+Die Buehne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
+im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertoente; voll
+Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Haende
+und Fuesse, haemmerndes Herzklopfen, momentane vollstaendige
+Gedaechtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
+Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
+weniger ergriffen hatte.
+
+Die Ouvertuere neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
+Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
+Fluegelschlag, - der Vorhang ging in die Hoehe.
+
+Das Gefuehl, welches Fraeulein Born beim Beschreiten der Buehne hatte, war
+demjenigen sehr aehnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
+Marterstuhl eines Zahnarztes niederlaesst. Vor ihren Augen tanzte das
+vielkoepfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
+Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Fluestern
+ueber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
+wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorueber.
+
+"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den
+Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
+und wie Sphaerenmusik klang das laute Haendeklatschen an das Ohr des
+"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal musste er sich wieder
+heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines
+solchen Augenblicks beschreiben!
+
+Mit geoeffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
+tief Bewegte, waehrend die andre schon wieder den bewussten Labetrank bereit
+hielt.
+
+"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
+wirklich wie eine grosse Kuenstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
+helfende Haende bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln.
+Hinein musste sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
+wurde ein Spitzenhaeubchen gesteckt. Der Friseur taenzelte um sie herum, und
+unter seinen flinken Haenden entstand ein wuerdiges Matronenantlitz.
+
+"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,"
+sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
+
+"Nein, nein, keine kuenstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte
+der gelockte Juengling und besah pruefend sein Werk, hier und da noch einen
+kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
+
+"Lassen Sie nur, Sie koennen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller
+Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draussen war, einen
+widerlichen, unverschaemten Menschen.
+
+Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
+entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
+auch die Umarmungsszene geriet weit natuerlicher als bisher. Mietze Schmidt
+und ihr komischer Liebhaber passten vortrefflich zusammen, und die "taube
+Tante" hoerte es mit Genugtuung an, wie man ueber ihre Schwerhoerigkeit
+lachte.
+
+Der Beifall war geradezu stuermisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
+war, und als Erika auf der Buehne erschien, flog ein wundervoller Strauss,
+ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fuessen nieder. Galant
+ueberreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
+konnte man doch bemerken, wie tief sie erroetete.
+
+"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
+Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
+steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid",
+so eilig hatten es die uebrigen, den Strauss zu sehen und zu bewundern. Er
+wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
+bereits an, ihre Gloeckchen zu senken, als sich so viele Nasen darueber
+beugten. Dieser Strauss war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
+mochte, darueber zerbrach man sich die Koepfe. Erika musste viel mit anhoeren.
+Sie wusste ja natuerlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es
+nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+
+Fraeulein Born aber meinte, anonyme Geschenke duerfe ein junges Maedchen
+eigentlich gar nicht annehmen, sie faende es wenigstens nicht schicklich
+und wuerde es sicher nicht tun.
+
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
+sie wuenschte schon, sie haette die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
+die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blueten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie moege sich nur ja
+darueber freuen, die andern waeren alle nur neidisch auf sie.
+
+"Wahrscheinlich wieder so eine Anbaendelei von der Erika; sie hat eben doch
+ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spaeter zu den Schwestern, und
+die huebsche Erika wurde von den dreien tuechtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das huebsche Maedchen!"
+
+Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmaedchenrolle erschien,
+erklang ploetzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
+Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
+sich gar nicht darueber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Aermel
+zupfte und zur Ruhe verwies.
+
+Uebrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
+wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
+einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse
+Dreistigkeit ueber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
+wenn der Vorhang in die Hoehe ging, sondern fuehlte sich schon ganz heimisch
+auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Buehne nach der Musik
+getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
+Darsteller, ueberbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natuerlich nur die
+guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
+
+"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,"
+sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelaechelt hatte,
+aber zu einem wahren Genuss nicht gekommen war.
+
+"Passend finde ich es nicht, dass eine Frau noch Theater spielt," warf sie
+ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ueber so etwas anders!"
+
+Die Betonung dieser Worte liess erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
+
+"Aber bedenke doch den guten Zweck, Roeschen; sie nehmen eine Menge Geld
+ein fuer die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem
+vollen Hause um.
+
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohltaetige
+Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggruende eines jeden auf seiner
+Stirn zu lesen gewesen waeren, die ihn heute abend ins Theater gefuehrt
+hatten, so wuerde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ueber die
+Wohltaetigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
+Oeffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen grossen Reiz.
+
+Zum dritten und letzten Male ertoente jetzt die Klingel. Die
+"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stuecke
+gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
+diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermaedchen, vorzueglich besetzt. Der Beifall war ein grosser, und
+zum Schlusse mussten die Spielenden vier- bis fuenfmal erscheinen;
+unermuedlich ruehrten sich die Haende der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
+dankten sogar mit lauten Bravorufen. -
+
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
+Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+uebergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
+und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
+wieder in das alltaegliche verwandelt.
+
+Mit wehmuetig zaertlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches
+Gewand, das die Schwestern soeben sorgfaeltig in den Korb einpackten. Wie
+schade, dass der schoene Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
+bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
+versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
+
+Ilse schien aber doch ganz froh darueber zu sein, dass die aufgeregte Zeit
+ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war -
+vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen wuerde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt."
+
+Und wie war es gelungen! Fuer allen Aerger im Anfang, fuer alle Muehe, war der
+Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
+Mark uebermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein ruehrendes
+Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schoenes
+Gefuehl, fuer ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
+viel Jammer und Elend zu lindern.
+
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffuehrung gab es natuerlich nur
+dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
+klang die Kritik ueberraschend aehnlich, da sie sich eben nur in
+Gemeinplaetzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstaendnislos,
+dass man genau wusste, hinter dem Ruecken sprachen sie ganz anders. Nur
+wenige aeusserten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, dass sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch dass sie dies oder jenes tadelten, sich manches
+anders gewuenscht haetten, war ein Beweis, dass man der Wahrheit ihrer Worte
+trauen konnte. Den groessten Spass bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hoerten; wie sehr
+wuerde darueber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
+triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase geruempft
+haben. -
+
+Fritz war am Tage nach der Auffuehrung heimlich in aller Eile gekommen und
+hatte sich von Ruth erzaehlen lassen, denn er selbst war natuerlich nicht im
+Theater gewesen. Rosi behandelte ihn ueberhaupt jetzt unerbittlich strenge,
+die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
+mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es muss und soll
+etwas Tuechtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn
+Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
+nehmen."
+
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifaelligem Kopfnicken begleitet
+und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ueber Kindererziehung
+zum besten, die in der Theorie nichts zu wuenschen uebrig liessen, jedoch in
+der Praxis wohl zu einem klaeglichen Resultat gefuehrt haben wuerden. Aber
+fuer Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
+ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
+und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
+nicht eingehst," haette man ihr zur Antwort geben muessen. Bei Tante Ilse
+fuehlte er sich so wohl, sie hatte Verstaendnis fuer den aufgeweckten Jungen
+und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
+Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Maedchen erregte
+stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+besitzen, hatte sie deren schwache Seiten laengst erkannt, und zwischen den
+beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsuechtiges Kind,
+Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
+
+Fritz hoerte mit offenem Munde Ruths Erzaehlung ueber das Theaterspielen an.
+Ach, das musste doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch haette
+sehen koennen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, dass selbst
+Ilse, die eben dazu kam, darueber lachen musste, und dann berichtete sie,
+welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt haetten.
+Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+vergeblich auf allen Plaetzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
+
+Ilse laechelte zu dieser Frage. Dass sich Onkel Heinz solchen
+"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wuerde, hatte sie wohl
+gewusst, aber auffallend war es, dass er sich gar nicht sehen liess. War er
+noch boese? Sie hatte darueber in den letzten Tagen wenig nachdenken koennen,
+aber jetzt kam ihr der Gedanke ploetzlich, und alles stand wieder deutlich
+vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
+uebrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
+Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne dass er kam - natuerlich: "er brummte
+wohl mal wieder!"
+
+"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse
+spaeter zu Leo, als sie mit ihm darueber sprach und auch er die Meinung
+aeusserte, dass der Professor zuerne.
+
+"Ja natuerlich, Ehemaenner muessen sich das Uebelnehmen mit der Zeit
+abgewoehnen," erwiderte er seufzend, aber die gluecklichen Augen, mit denen
+er seine Frau ansah, straften ihn Luegen.
+
+"Die Ehemaenner, welche sich am gluecklichsten fuehlen, beklagen sich am
+meisten," gab Ilse zurueck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine
+Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, waere dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frueher doch ganz anders
+geworden, nicht wahr?"
+
+Er zoegerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, dass
+sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
+sie sich des einstigen Trotzkopfes schaemte und sich nicht gern daran
+erinnern liess.
+
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
+sich alles wieder ins Gedaechtnis zurueck, was er gesagt und was sie
+erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum musste er sie auch
+immer so reizen!"
+
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, dass er schon seit laengerer
+Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die noetige
+Pflege haette finden koennen. Leo suchte ihn dort sofort auf.
+
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
+musste sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
+heimkehrte.
+
+Das Mitleid verdraengte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
+von freundschaftlichster Teilnahme erfuellt und malte sich das Bild des
+einsamen, kranken Junggesellen in den truebsten Farben aus. Warum hatte er
+auch nicht zu ihnen geschickt!
+
+"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
+doch koennte einer sterben und verderben, ohne dass man etwas davon merkt!"
+rief sie mit Traenen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
+als sie erfuhren, dass ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
+leidenschaftlichen Art fragte fortwaehrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
+nicht am Ende sterben wuerde, und liess sich kaum beruhigen.
+
+Am andern Tage musste Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
+und fragen, ob sie den Professor besuchen duerfe.
+
+Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurueck und erzaehlte, dass sich der Professor
+durch Ilse tief gekraenkt fuehle und durchaus nichts von ihrem Besuche
+wissen wolle. Darueber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
+deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie
+mit der Antwort auswich, dass er sich noch zu krank dazu fuehle.
+
+"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse
+hatte Not, die betruebten Kleinen wieder zu troesten und zu erheitern. Jetzt
+empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein muesse, der
+sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
+naechst ihren Eltern am meisten liebten.
+
+Am Morgen des uebernaechsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
+einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
+
+"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen -
+heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig
+abgebrochenen Saetzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
+Freude.
+
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
+er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, dass er sie am Nachmittage mit
+Mutter und Schwester erwarten wuerde.
+
+Fragend sah Ilse ihr Toechterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
+ihre Heldentat zu erzaehlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
+geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+
+"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbuechse gegeben.
+Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft.
+
+Das Kind war voller Stolz ueber diese eigenmaechtige Tat und erzaehlte immer
+wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand haette ihr
+geholfen, sie waere ganz allein an die Strassenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer staenden, und haette einem davon den Brief gegeben.
+
+"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann ploetzlich, und ohne eine
+Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
+
+"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Ruehrung.
+Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
+mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
+allerdings im naechsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
+Hassen war sie gleich stark. Fuer Onkel Heinz, den sie liebte, wuerde sie
+alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
+die sie sich geradezu unliebenswuerdig zeigte.
+
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurueck, auf welcher der
+Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermassen lautete:
+
+
+
+
+
+
+ "Lieber Onkel Heinz!
+
+"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben woerdest
+du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
+aufs Knie gefallen und Mutter und ich moechten Dich so gern in der Klinick
+besuchen und heute musste eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
+gebruelt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele gruese ich bruele aber nicht wen
+ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
+gegeben fuer den weg.
+
+ Es gruest Dich
+ Deine libe Ruth."
+
+
+
+
+
+
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen koennen; Ruth war nun einmal sein
+erklaerter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fuers
+Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spaeteren jungen Maedchens, sie
+war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+Heinz.
+
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
+sie durch alle Zimmer, singend und traellernd, oder in den Garten, wo sie
+einen grossen Maiblumenstrauss fuer den geliebten Onkel pflueckte. Jubelnd
+brachte sie Ilse den ersten Maikaefer, den sie eben gefangen und in eine
+leere Streichholzschachtel auf zarte, gruene Blaetter gebettet hatte - er
+sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
+
+"Da wird er sich drueber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
+auch fuer ein Kind, den ersten Maikaefer zu verschenken, den es so eifrig
+gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
+
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
+beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Aelteste hatte unterwegs in
+einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussaehe, ob da
+viele kranke Menschen waeren und wer weiss, was noch alles; ihr
+Plappermaeulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse musste sie
+schliesslich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tuere
+standen und die Glocke gezogen hatten.
+
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
+oeffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wuenschen fragte.
+
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, dass Ilse gleich
+hinaufgefuehrt werden solle, wenn sie kaeme, und die Schwester mit dem
+milden Gesicht unter dem weissen Haeubchen fuehrte sie deshalb ohne weitere
+Anmeldung die Treppe hinauf.
+
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Laeufern. Geheimnisvoll
+still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
+Zimmer, und wattierte gruene Tueren davor hielten jeden Ton, der stoerend
+nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorueber. Eine peinliche
+Sauberkeit herrschte ueberall, und in den grossen, hellen Fenstern standen
+bluehende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen
+etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
+
+Hinter einer der vielen Tueren verschwand nun die Schwester, und nach
+einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurueck, dass der Herr
+Professor bitten liesse einzutreten.
+
+Zoegernd ueberschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
+haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit grossen Augen
+musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wuensche angelangt war, wurde sie
+zaghaft und scheu.
+
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
+Krankenstuhle sass, eingehuellt in warme Decken, mit dem Aussehen von
+jemand, der schwere Krankheit ueberstanden hat, glich auch wenig dem alten
+Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
+jedem Spasse bereit war.
+
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
+besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem fluechtigen
+Haendedruck begruesst und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
+machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
+wandte er sich wieder an Ruth, welche zoegernd stehen geblieben war und ihn
+betrachtete.
+
+"Na, nun komm doch naeher, alte Kroete!" rief er endlich herzlich.
+
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
+hin und warf sich stuermisch in seine Arme.
+
+"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
+zurueckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
+noch enger an ihn.
+
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzaehlte von
+ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
+den ersten Maikaefer in seinem engen Gefaengnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schoen es im Theater gewesen sei.
+
+"Habe von der Mimerei gehoert," sagte Onkel Heinz kurz.
+
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
+den duftenden Blueten kam ein Stueckchen Fruehling in das nuechterne Zimmer.
+
+"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
+Mutter einen Stuhl; fix, Maedel!" rief er und konnte eine gewisse
+Verlegenheit nicht verbergen.
+
+"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenueber.
+
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespraech anzufangen, aber er ging
+nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
+denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschaeftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
+
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
+poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmueckt, und war
+nun enttaeuscht, dass der Professor jede Annaeherung abwehrte und auch nicht
+die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+verwegene Gedanken! Sie haette ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+wissen, dass er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+geschickt zu benehmen.
+
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
+leugnete er immer sehr bestimmt ab, dass er irgend etwas vermisse, wenn sie
+ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
+taeuschte er sich selbst? Darueber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
+sie sich mehr der Ansicht zu, dass er, um gluecklich zu sein, weiter nichts
+brauche, als seine Arbeit, seine Buecher.
+
+Und doch - ein eingefleischter Buechermensch hatte nicht das warme Herz,
+das Verstaendnis fuer die Kinder, wie er es besass! Er ging auf ihre Ideen
+ein, wie es niemand besser verstand.
+
+"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
+letzte?" fragte er in diesem Augenblick.
+
+"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entruestet, "ich bin niemals die letzte
+gewesen!"
+
+"Natuerlich, du Faulpelz, du kannst und weisst ja nie etwas, du bist die
+Duemmste in der ganzen Klasse .."
+
+"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!"
+
+"Schweig, du Kroete, ich weiss es besser!"
+
+"Ach, du weisst gar nichts, Onkel Heinz."
+
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wussten sie genau,
+dass sie sich alles moegliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
+solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
+Ruth alles moegliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+noch zu hinfaellig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+Kampf einlassen zu koennen.
+
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespraech anzuknuepfen doch er wandte sein
+ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie musste
+ihn tief, tief gekraenkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+
+"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in
+ihrem sanftesten Tone.
+
+"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!"
+
+"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort.
+
+"So nannten es die Aerzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann
+sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikaefer in den Bart gesetzt hatte.
+
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
+ihm sehr angenehm zu sein - fuerchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
+Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekraenkt und
+musste ihn wieder versoehnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
+verlassen vor, so trostlos traurig, dass sie nur der eine Wunsch beseelte,
+er moechte ihr verzeihen. Aber die Kinder mussten erst fort sein, er haette
+bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wuerden.
+
+Ruth wollte sich wie gewoehnlich widersetzen, wenn sie aus der Naehe ihres
+Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genuegte ein Blick auf
+Ilse, um ihr zu zeigen, dass mit der Mutter jetzt nicht zu spassen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+
+"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor.
+
+"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiss
+die groesste Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
+besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus."
+
+Onkel Heinz brummte etwas Unverstaendliches in den Bart, wobei er
+unverwandt durch das Glasfenster in der Tuere auf den Balkon blickte, wo
+seine kleinen Freundinnen den Maikaefer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+
+"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, dass Sie krank waren?"
+fragte Ilse wieder.
+
+"Das haette mir auch nichts nuetzen koennen, wenn Sie das gewusst haetten,"
+antwortete er nicht gerade liebenswuerdig.
+
+Dann schwiegen wieder beide.
+
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloss
+deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+
+"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr boese, Onkel Heinz?" fing sie an.
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Ich wollte Sie ja nicht kraenken," fuhr sie fort.
+
+"O - Sie kraenken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
+merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig.
+
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, dass er sie durch sein Benehmen oft reize
+und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrueckte doch lieber diese
+Bemerkung.
+
+"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
+dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
+
+"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein.
+
+"Ja, aber wieso denn?"
+
+"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
+Sie sagen, ich sollte froh sein, dass ich nicht verheiratet waere, denn ich
+wuerde eine Frau nur ungluecklich machen, na - und aehnliche Redensarten
+mehr!"
+
+"Aber, das ist doch alles nur Scherz!"
+
+Ilse musste beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
+zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespraech doch zu ernsthaft
+zumute.
+
+"Sie trauen mir wenig feines Gefuehl zu, wenn Sie glauben, dass ich den
+Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
+sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
+Nach einer Weile fuhr er fort:
+
+"Sie sind gluecklich, Frau Gontrau, Sie sind verwoehnt, zu verwoehnt, - denn
+offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort.
+
+"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glueck koennten Sie
+doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es laege Ihnen nichts
+daran und Sie haetten nur Interesse fuer Ihre Buecher."
+
+"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
+voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
+musste.
+
+"Halten Sie mich solcher Gefuehle nicht fuer wuerdig oder nicht fuer faehig?"
+fing er wieder an.
+
+"Dass Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,"
+erwiderte Ilse etwas verlegen.
+
+"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
+ueber das Gefuehl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas
+natuerlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, dass
+Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann,
+und hinter meinem Ruecken werden Sie gewiss darueber spotten und lachen."
+
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+
+"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
+fuer so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins,"
+fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?"
+
+"Nun, wie ich schon sagte, er verwoehnt Sie zu sehr, er laesst Ihnen zuviel
+Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie
+haetten ganz anders erzogen werden muessen."
+
+"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
+ein Haar dem Trotzkopf von frueher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das
+'Erziehen' wuerde ich mir von meinem Manne recht huebsch verbitten."
+
+"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben koennen, Frau Gontrau, dann wollen wir
+dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem
+Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+
+Aber sie bezwang sich heute, es waere sonst wieder zu einem neuen Streite
+statt zur Versoehnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
+ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fuehlte er oft!
+
+"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie ploetzlich, "warum
+nicht?"
+
+Er gab keine Antwort, aber eigentuemlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
+Sie konnte sich denselben nicht recht erklaeren, dennoch fuehlte sie
+instinktiv, was er ausdrueckte - es beunruhigte - es verwirrte sie.
+
+"Sie halten mich wohl fuer recht schlecht?" platzte sie in ihrer
+Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen."
+
+"Ich halte Sie fuer gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach,
+"sonst wuerde ich ueberhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
+nicht wahr? Schoene Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
+auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+nicht?"
+
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kaempfe
+er mit seinen Gefuehlen.
+
+"Gewiss, gewiss, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu
+absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
+seine Wissenschaft manchmal herunter!"
+
+Ironisch laechelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+
+"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres."
+
+"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind,
+dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+sagen."
+
+"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer missverstehen, Frau Gontrau. Nun
+wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
+Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persoenlich, es gibt ja
+doch Ausnahmen unter den Juristen!"
+
+"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell.
+
+"Sonst waere er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
+zur Antwort.
+
+Ilse amuesierte sich innerlich ueber die gute Meinung, die er von sich
+hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentuemlichkeiten gegen seine
+wahre Freundschaft fuer sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
+denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wuerde
+mit der Welt ganz abschliessen und ein Einsiedler werden, wenn die
+Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstoert werden sollte. War
+es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
+retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
+sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
+verlieren?
+
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
+erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhaeltnis doch nicht
+ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
+jedoch hinter dem Ruecken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
+gegen seine Ueberzeugung ging.
+
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fuehlte, dass sie ihm heute,
+in diesem Augenblicke viel, viel naeher gerueckt war als je zuvor, denn in
+solchem Masse hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
+hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
+
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und haette gern mehr darueber
+erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefuehl, das sie vorhin unter
+seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstaendig gewichen, sonst haette sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglueckliche Liebe?
+
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
+aufnehmen, aber sein veraenderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
+das war gut.
+
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefuehle zu offen
+gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
+mache er sich ueber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem
+wahren Galgenhumor.
+
+Unaufhoerlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
+sonnige Luft, welche die beiden Kinderkoepfe auf dem Balkon duftig umwob.
+
+Laut rief er sie bei Namen.
+
+"Ruth, Marianne, kommt herein!"
+
+Die beiden liessen sich das nicht zweimal sagen, ungestuem stuermten sie ins
+Zimmer.
+
+"Lasst die Tuere offen, Kroeten, es ist eine dumpfe Luft hier!"
+
+Ilse oeffnete Fenster und Tuere weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
+als der frische Zug von draussen hereinwehte - belebend, ermutigend!
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth froehlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang
+- weisst du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie
+schade, dass du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
+erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
+herunter?"
+
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+verlangten.
+
+"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer ploetzlichen
+Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den Aerzten vertragen,
+die Sie ja doch so sehr verabscheuen?"
+
+"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man
+denn machen, wenn sie einen in voellig wehrlosem Zustande in die Klinik
+schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!"
+
+"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
+Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!"
+
+"Haben die Aerzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!"
+
+Streiten musste er nun einmal immer.
+
+"Wenn Sie erst wieder ausgehen koennen, werden Sie sich gewiss schnell
+erholen in der himmlischen Fruehlingsluft. Duerfen wir bald mal
+wiederkommen?"
+
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswuerdigkeit; in dem unklaren Gefuehl,
+dass sie trotz allem einen nicht geringen Einfluss auf Onkel Heinz ausuebe;
+so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenueber zeigte,
+ebenso empfaenglich war er andrerseits auch fuer die geringste
+Freundlichkeit.
+
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+
+"Seien Sie nicht mehr boese, wir wollen stets gute Freundschaft halten."
+
+Onkel Heinz wusste, was es sie kostete, eine solche Bitte ueber ihre Lippen
+zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
+ihre Worte.
+
+"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
+
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr zaertlicher, namentlich von Ruth,
+die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+
+Als sich die Tuere hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
+und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurueck und schloss die Augen.
+Worueber er nachdachte? Wir wissen ja, dass er sein Inneres gut verbarg. Den
+Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
+er denjenigen manchmal beguenstigt, der auf hohem Berge steht und
+sehnsuechtig in die von grauem Nebel verhuellte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreissen sieht. Neugierig spaeht er hinab,
+sieht unter sich ein bluehendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schloss auf
+der Hoehe. Was liegt nun noch dort drueben? Was dort? Das moechte er wissen,
+moechte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
+sich die Wolken davor, alles verbergend und verhuellend.
+
+So hatte sich auch ueber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
+undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
+Blicke verbarg.
+
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
+und brachte seine Abendmahlzeit.
+
+"Soll ich das Fenster schliessen? Es wird zu kuehl, Sie koennten sich sonst
+erkaelten, Herr Professor," sagte sie freundlich.
+
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+
+"Lassen Sie nur offen! Erkaelten - erkaelten - ist ja Unsinn - Luft schadet
+nichts, will mich nicht verpimpeln."
+
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrueche der Kranken
+gewoehnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fuer ihre Pflicht hielt; sie
+schloss die Tuere und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kuehl. -
+
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
+um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu geniessen, und dabei erzaehlte
+sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
+und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Ruecksicht zu
+behandeln als bisher.
+
+Die Fruehlingsstimmung ringsumher, der schwermuetige Gesang der Nachtigallen
+machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
+einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
+einmal in einem ganz andern Lichte; seine aeussere Rauheit war nur Schein,
+dahinter verbargen sich schmerzliche Gefuehle von Einsamkeit,
+Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+kuenftig zarter anfassen und ihm zeigen, dass sie des ihr geschenkten
+Vertrauens wuerdig war.
+
+Unwillkuerlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurueck zu dem kleinen
+Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betruebt und
+nachdenklich, und fasste den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+sein. -
+
+Die geruehrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
+hielt zum Glueck nicht lange an.
+
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnuegt, ganz der Alte, und jedes
+mitleidige Wort, das Ilse ueber seine Krankheit, ueber sein einsames Leben
+an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, dass dabei gar nichts zu
+bedauern sei, denn er waere nicht sentimental angelegt und wuesste sich mit
+den Tatsachen abzufinden.
+
+So geriet allmaehlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
+Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
+Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbaer" usw., die
+ihn so tief gekraenkt hatten, bekam er nicht mehr zu hoeren.
+
+ * * *
+
+Die Rosen standen schon in voller Bluete, die Tage waren heiss, das frische
+Gruen der Gaerten wurde durch eine graue Staubdecke gedaempft - der Sommer
+war eingezogen und hatte den Fruehling verdraengt.
+
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schoenste gepriesen, wie
+kurz vorher sein Vorgaenger, der wonnige Mai.
+
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
+vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
+von sich hoeren lassen.
+
+Seitdem wir Flora als schwergepruefte junge Witwe verliessen, war eine
+Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
+sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie ruehrte keine
+Feder an, sie verfasste keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+ueberschwenglichen Worten. Der erste grosse Schicksalsschlag ging nicht
+spurlos an ihr vorueber, er ruettelte sie aus ihren toerichten Ideen auf, das
+Leben nahm fuer sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
+Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne dass es ihr
+eigentlich zum Bewusstsein gekommen waere, eine andre geworden, als sie den
+Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+Kaethchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
+sie von der Grossmama zurueck. Nach und nach gewoehnte sich die Kleine mehr
+an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Kaethchen schien es nicht vergessen zu haben,
+wie sie frueher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Muehe und
+Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhaeltnis zwischen Mutter und
+Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
+
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
+Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
+Landwirt! Was das fuer ein Kontrast sein musste, malten sich Ilse und Nellie
+oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, dass diese
+sich geaendert haben musste, denn sie klangen ganz vernuenftig, und nur
+selten noch erging sie sich in ueberspannten Schwaermereien. Ueber ihre zwei
+kleinen Maedchen von sechs Jahren, ein Zwillingspaerchen, schrieb sie
+gluecklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
+koennen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
+Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
+nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
+der schweren Zeit beigestanden hatten.
+
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
+hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
+herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, dass sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
+Hin- und Herueberlegen entschloss sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
+dass sie kommen und, wenn es ihr passte, um die und die Zeit mit den Kindern
+eintreffen wuerde. Ruths Ferien sollten in den naechsten Tagen beginnen, und
+auch ihr und Marianne wuerde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
+tun.
+
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunaechst
+als eine Unmoeglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
+Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
+Dienstmaedchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklaerte sie rund
+heraus.
+
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
+Direktor, sagte ihm, sie faende Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
+dies so beharrlich vor, bis er schliesslich selbst fand, dass seine Frau
+erholungsbeduerftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
+ploetzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge fuer ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewoehnliches und, wie sie
+meinte, Unnoetiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
+abquaelen musste, der musste gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
+er wollte in der staubigen, heissen Stadt allein zurueckbleiben und
+arbeiten, immer arbeiten; niemand wuerde da sein, der fuer ihn sorgte, wenn
+er muede und abgespannt nach Hause kaeme, niemand, der an eine Erholung fuer
+ihn daechte und seine Wuensche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
+erfuellen suchte. O, sie wuerde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
+nicht die Spur von Vergnuegen, sie wuerde fortwaehrend voller Sorge an ihn
+denken.
+
+Das alles klagte sie Ilse unter Traenen und ahnte nicht, dass diese sich
+heimlich ins Faeustchen lachte, als sie sah, dass ihre Bemuehungen
+erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fuer den nervoesen
+Direktor, dass er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewusst, was er an dieser Frau
+besass, die ganz und gar in ihm aufging und nur fuer ihn auf der Welt zu
+sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlaegen war bei Nellie nichts
+auszurichten; sie gab stets zur Antwort, dass Ilse gar nicht wisse und
+beurteilen koenne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fuer die
+Freundin fand sie dennoch, dass diese solche Dinge zu leicht nehme.
+
+"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, dass ich fort
+soll, sage ihm, dass du mich frisch und gesund faendest, und dass ich keine
+Erholungsreise noetig haette, denn er gibt so viel auf dich."
+
+Ilse wuerde sich wohl hueten, so etwas zu tun, das erklaerte sie ganz offen
+gegen Nellie. So musste sich diese denn ins Unvermeidliche fuegen. Fred
+hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehoert, aber bei den immer neuen und
+durch Traenen verstaerkten Auflagen derselben war er schliesslich so nervoes
+und ungeduldig geworden, dass sie endlich hatte nachgeben muessen. Wie ein
+Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
+fuer das Dienstmaedchen waehrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
+Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, ausserdem sollten zum Fruehstueck
+und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so dass
+der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
+
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
+begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer musste noch unzaehlige
+Ermahnungen ueber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
+aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Duete heraus, die von den Kindern
+mit Jubel begruesst wurde.
+
+"Ich bin ueberzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
+amuesieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
+Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, dass er ihren Mann jeden Abend zur
+Kneipe abholen wuerde, denn sie muessten doch ihre Freiheit geniessen.
+
+"Siehst du wohl," lachte Ilse.
+
+Aber spasshaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
+vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfuehren, er koenne so wenig
+vertragen und muesse es nachher immer buessen, wenn er je einmal des Guten zu
+viel getan haette.
+
+"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
+Laecheln, "ich werde auf die beiden Maenner achten."
+
+"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
+Worten gut herausfuehlte. -
+
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
+Taschentuecher aus dem Coupefenster den Zurueckbleibenden zum Abschiedsgrusse
+zu.
+
+Nellies gedrueckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
+beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwaehrend zu fragen und zu
+zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
+kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
+sie zufrieden zu stellen.
+
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
+letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
+
+Ihre Freude ueber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
+Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kuesste sie immer
+wieder.
+
+Und dann, als sie behaglich im Wagen sassen, musterten sich die Freundinnen
+untereinander mit grossem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht
+veraendert," hiess es. "Etwas staerker bist du geworden." "Und du siehst viel
+wohler aus, als frueher," und aehnliche Redensarten mehr wurden
+ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
+Trennung wiedersieht.
+
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile veraendert. Durch die
+Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
+passte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
+Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
+Wagen durch bluehende Wiesen und ueppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehoerte, hatte sie wieder
+den alten schwaermerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
+sie von dort etwas Besonderes erwarte.
+
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
+Zwar brannte noch heisser Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
+war derselbe weit ertraeglicher, als vorhin im Coupe, in dem eine
+Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
+
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwaeldchen, das unter den warmen
+Strahlen einen koestlichen Duft ausstroemte, dann bogen sie wieder in die
+staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Haeuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+
+Als sie die sauberen Haeuschen erreicht hatten, hinter deren
+blumengeschmueckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
+waehrend barfuessige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
+herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Koenigin in ihrem Reiche zu
+fuehlen.
+
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
+und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
+
+"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen,
+dass ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte
+sie im Vorbeifahren ein halbwuechsiges Maedchen, deren Antwort in dem
+Geraeusche der Raeder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in
+diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein."
+
+Die Dorfstrasse war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
+Feldweg, kamen dann an einigen grossen Scheunen vorbei, hinter denen
+stattliche Misthaufen den tuechtigen Landwirt erraten liessen, und fuhren
+nun in den Gutshof ein.
+
+"Vor das Schloss fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza.
+
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
+fuehrte, und hielt vor einem grossen kastenartigen Gebaeude - es war das
+sogenannte "Schloss". - Nur gut, dass ihm Flora selbst diese Bezeichnung
+gegeben hatte, denn Nellie und Ilse haetten es sicher nicht mit dem stolzen
+Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
+jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeisseltes Wappen ueber der Eingangstuer
+liess erraten, dass die frueheren Bewohner Adelige gewesen waren.
+
+"Es gehoerte einem Baron v. H.," erklaerte Flora, als sie bemerkte, dass die
+Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
+betrachteten. In demselben Augenblick oeffnete sich die Tuere, ein
+schlankes, junges Maedchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
+Blondkopf fuehrend - Kaethe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
+Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kaethe! Das
+verschuechterte Kind hatte sich zu einem huebschen Maedchen entwickelt,
+Nellie und Ilse mussten sie immer wieder betrachten. Und dann die
+Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzaehlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
+ihnen geschenkt hatte.
+
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
+keine Antwort.
+
+"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Haendchen," rief Flora, als sie
+sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmuehte.
+
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
+sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen luetten Druwaeppeln "Lining"
+und "Mining"; laendlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und straehnig blondem Haar.
+
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
+diesem Moment ueber die vier Kinder gleiten liess, als sie so beisammen
+standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am huebschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
+aber dass Ilses Maedchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
+unwillkuerlich aufzufallen, denn sie fand ploetzlich, Thusnelda und
+Hildegard muessten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
+haetten.
+
+"Sonst haben sie naemlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an
+Ilse und Nellie, und dann schalt sie, dass Kaethe ihnen die Haare so glatt
+gekaemmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ueber die
+Blondkoepfe, als koennten sich unter dieser Beruehrung die glatten Straehnen
+in Locken verwandeln.
+
+"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begruessung vorueber war, und
+fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?"
+
+"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete
+Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
+
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
+nicht verbergen.
+
+"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich moechte sie
+gerne sehen," bettelte nun Ruth, fuer die ein solcher Anblick
+hochinteressant war.
+
+"Spaeter, spaeter," antwortete Flora fluechtig.
+
+Sie hatte ihre Gaeste mittlerweile die Treppe hinaufgefuehrt und in die
+Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Aeusseren. Die
+weiss getuenchten Waende sahen sauber, aber nuechtern und kahl aus, der helle
+Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+Abwechslung in die Eintoenigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+soeben erst aus den reinigenden Wasserstuerzen hervorgegangen zu sein, denn
+ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
+die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Oeldruckbilder
+an den Waenden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Moebel,
+mit buntem Kattun ueberzogen, bildeten die Einrichtung; ueber die
+Tischdecke, schwarz mit grossen roten Blumen, war als Schutz noch eine
+weisse Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein grosser
+Feldblumenstrauss - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwoehnten
+Staedtern eine Wohltat, und mit noch groesserer Wonne sogen sie die herrliche
+Landluft ein, welche durch die offenen Fenster stroemte.
+
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefaellt es
+euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmuetigkeit alles.
+
+"Nicht wahr, es ist recht gemuetlich hier? Die Moebel stammen noch von den
+Grosseltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte
+dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht
+weiter stoeren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+erwarte ich euch im Esszimmer - im unteren Flur die Tuere rechts."
+
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
+Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, waehrend Ruth die kleinen
+Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlaeufig noch viel
+mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
+meinte, die haette sie noch gar nicht gern, sie spraechen ja nichts und
+saehen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+waeren.
+
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
+Urteil, indem sie ihr klar machte, dass sie dergleichen ja nicht etwa zu
+Tante Flora, ueberhaupt nicht zu andern sagen duerfe.
+
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spaeter ins Esszimmer,
+einen grossen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kaethe und
+den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+hoechst neugierig waren.
+
+Nur fluechtig glitten deshalb Ilses Blicke ueber die praechtigen Geweihe an
+den Waenden, die sie sich als Kennerin sonst gewiss eingehend betrachtet
+haben wuerde, und blieben an der maechtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmaechtige Frau vollstaendig verschwand. Die
+aesthetische Flora und dieser Koloss, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, -
+einen groesseren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
+Schultern sass ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
+seine kraeftigen Haende; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
+Falte ueber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkoerperten Bilde
+der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklaerende Brille der Poesie an?
+
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
+ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
+strich ueber seine Stirn und fand, dass er sehr erhitzt waere. Hatte er wohl
+sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Laecheln von
+Nellie vermuten.
+
+"Der Aermste hat in der grossen Hitze auf den Feldern sein muessen," wandte
+sich Flora an die Freundinnen, waehrend man sich um den Tisch zum Essen
+niedersetzte.
+
+ [Illustration]
+
+"Ja, ja, es ist zum Braten draussen," erwiderte er und wischte sich die
+hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den
+Coupes, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+
+"O ja," lachte Ilse, "aber dafuer haben wir's auch jetzt gut, hier ist es
+ja herrlich kuehl. In der Stadt fanden wir es unertraeglich und freuten uns
+deshalb sehr, als Ihre liebenswuerdige Einladung ankam."
+
+"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausfluege machen koennen! Die
+Umgegend ist so schoen," sagte Flora.
+
+"Was? Wetter schoen bleiben! Regen muessen wir haben, es ist die hoechste
+Zeit. Der ist so noetig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
+alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter fuers
+Vieh mehr haben."
+
+"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gaeste haben, duerfen wir uns doch
+keinen Regen wuenschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
+peinlich, dass er so sprach.
+
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+
+"Ich bitte dich, Flora, dein Mann muesste kein guter Landwirt sein, wenn er
+nicht so daechte. Als einstiges Landkind weiss ich ganz genau, was es
+bedeutet: kein Regen!"
+
+"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll
+Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
+
+"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
+Frau Althoff erzaehlt."
+
+"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
+vieles durch den Kopf, dass ich fuer so etwas kein Gedaechtnis habe."
+
+"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
+
+"O, das kenne ich von Fred genau," troestete Nellie. "Der arme Mann ist oft
+so vergesslich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
+seine Nerven auch sehr herunter."
+
+Hieran anknuepfend erzaehlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
+vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden waere, ihn zu verlassen,
+da er ihrer Pflege so sehr beduerfe.
+
+Flora hoerte geduldig zu und troestete so gut sie es verstand.
+
+Waehrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine laengere
+Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tuechtig
+zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die grossen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Uebrigens wurde
+ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
+Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafuer war er zu
+derb, dabei aber natuerlich, offen und in seiner Art liebenswuerdig, das
+Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
+seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
+die fuer alles was dazu gehoert, viel Verstaendnis hatte. Sie erzaehlte ihm
+unter anderm, dass ihr Vater jetzt einen grossen Teil seiner Laendereien mit
+Zuckerrueben bebaut habe, und dass er zur bequemen Befoerderung der Rueben
+eine kleine Bahn ueber die Felder legen liesse; sie konnte ihm ueber alle
+Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
+interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
+Felder zur Ruebenkultur vorzubereiten. Sie sprach ueber die neuen
+landwirtschaftlichen Maschinen, ueber die besten Duengemittel wie ein
+Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfuehrungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintraeglich werden
+wuerde.
+
+Flora hoerte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
+die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, dass August seine
+Nachbarin nicht ueber andre Gegenstaende unterhielt. Als sie aber merkte,
+dass Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
+beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
+Aufregung darueber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
+gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darueber
+auszufragen.
+
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und sassen nicht mehr
+so schuechtern und still auf ihren Stuehlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
+Ruth besonders rueckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkuendete, dass der
+Kaffee unter der grossen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+
+Dort war es koestlich! Die breiten herabhaengenden Aeste woelbten sich zum
+schuetzenden Dach ueber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
+kleinen Ritzen und Loecher in dem gruenen Blaettergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstuehle und Baenke,
+auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gaesten
+niederliessen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+Haaren und Kleidern. Von dem grossen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+Rosenbeet seine suessen Duefte herueber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+Reseda, womit die Beete eingefasst waren.
+
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ueber den wonnigen
+Platz, und letztere dachte im stillen, dass diese gruene farbige Umgebung,
+die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fuer den rosigen Hausherrn
+und seine ebenso rosigen Toechter abgeben, als es die gedaempften Toene im
+Zimmer taten.
+
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengrosse
+Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fuer die Kinder
+eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
+ein Stueck davon auf dem Teller hatte, liessen sie ihn nicht aus den Augen.
+
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
+auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
+doch endlich zu dem heiss ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Ueberhaupt was gab es da alles fuer die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
+waren ihnen diese Dinge nicht, sie wussten ganz gut Bescheid, da sie ja
+fast alle Jahre zum Besuche bei den Grosseltern in Moosdorf gewesen waren
+und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+
+Es wurden die Scheunen besehen, die Staelle, man ging ueber den Gefluegelhof,
+alles war in bester Ordnung, und wenn die grosse Gestalt des Besitzers
+erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, dass er ein
+strenges, aber gerechtes Regiment fuehrte.
+
+"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora
+scherzend, als das Bloeken der Kuehe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
+Schweine ihnen noch nachtoente, waehrend sie die Wirtschaftsgebaeude
+verliessen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
+ueber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
+Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
+Fruehe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ueppig standen
+die Felder, die Aehren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
+roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden fassten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
+vorueber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Koepfchen
+tauchten bald hier, bald dort zwischen den Aehren auf. Das Blumenpfluecken
+war fuer die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Haenden voll bunter
+Blumen kamen sie zurueck, und Kaethe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
+Hause beschaeftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Buerde ab, und ordnete
+sie zu einem grossen Strausse, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
+Kastanie stellte.
+
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
+heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespraech
+unterhielten sich die Erwachsenen, waehrend die Kinder geradezu uebermuetig
+umhertollten und Kaethe ihre liebe Not hatte, sie zu baendigen. Um neun Uhr
+wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quaelen zu Bett
+geschickt, ihr Sprechen und Lachen hoerte man aber noch lange durch die
+offenen Fenster; es toente mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
+um die Wette durch die abendliche Stille.
+
+Puenktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
+worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
+schade, sie haetten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
+ja kuehler hier draussen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+
+"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
+Werner.
+
+"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora.
+"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
+natuerlich muede. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?" wandte sie sich an die beiden.
+
+"Selbstverstaendlich," gaben sie zur Antwort.
+
+"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den
+jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzaehlen Sie mir morgen frueh, was Sie
+getraeumt haben; das geht ja wohl in Erfuellung, wenigstens sagt es meine
+Frau, die weiss ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Traeume!
+Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergiss nicht,
+morgen frueh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzaehlen, ob's stimmt, die
+mogelt gern ein bisschen; und dann sorge dafuer, dass Hesse mit der Butter
+nicht zu spaet fortfaehrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
+etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht."
+
+"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht
+erroetend - die Auftraege schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
+
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
+verhallt waren, hoerte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
+dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+
+"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
+das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne aeusseren
+Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
+diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
+Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie gluecklich sie im Besitze
+eines so praechtigen Mannes und so lieber Kinder sein koenne.
+
+"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
+dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
+vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+
+"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer
+Weile ploetzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Haende drueckend, und
+fuhr dann fort: "Ich glaube, dass wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als frueher. Ich habe mich in manchen Dingen geaendert, denn ich sah
+ein, dass ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
+Welt passte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das
+weiss ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefuehlen. Durch den
+Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+Vorwuerfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glueck zum zweiten
+Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
+und hat auch nur Interesse fuer seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
+versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufuehren, und habe ihm haeufig
+abends vorgelesen, doch er war zu muede und schlief dabei ein. Aber da habe
+ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
+Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
+praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen."
+
+"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernuenftig hatte sie Flora noch niemals
+sprechen hoeren.
+
+"Und wie ist es mit Kaethe?" fragte Nellie.
+
+"O, wir verstehen uns praechtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
+Maedchen, aber fuer die Zwillinge sorgt sie ruehrend, denn Kinder liebt sie
+ueber alles."
+
+"Wie schoen fuer dich," sagte Nellie.
+
+"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kaethe, sie war so stoerrisch,
+sie wollte nichts von mir wissen, doch das wisst ihr ja alles. Wir wollen
+nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen."
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
+Leben mochten wohl viele heisse Kaempfe gefolgt sein, bis aus dem
+ueberspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
+
+"Nun, und Orla?" fragte sie ploetzlich. "Was habt ihr von der gehoert? Bis
+in meine laendliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Uebrigens, etwas
+hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
+nach etwas Hoeherem."
+
+Also fuer aehnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
+diesen Spass konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
+verstaendig war und blieb.
+
+"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die
+Vermittlung ihrer einflussreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit grossen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
+eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
+Vermoegen zugefallen; da kannst du dir denken, dass sie ein grossartiges
+Leben fuehren."
+
+"Ein Leben im grossen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe
+ich auch oft getraeumt! Natuerlich Dienerschaft in Menge?"
+
+"Jedenfalls," lachte Ilse; "darueber schreibt sie aber nichts. Du weisst ja,
+das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfuehrliche
+Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, dass sie sich gluecklich
+fuehlt! Gluecklich in ihrer Ehe, gluecklich, dass sie wieder in ihrem
+geliebten Russland leben kann. Kuenstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
+kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, dass sie
+eine gefeierte Frau ist, - klug, schoen, reich."
+
+"Ja, ihr ist es geglueckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt
+in der grossen Welt, wird bewundert, gilt etwas, waehrend andre in der
+Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womoeglich auch als
+Nihilistin eine Rolle?"
+
+"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen waere es ihr schon, das Zeug haette
+sie dazu."
+
+"O, mein Gott, was redet ihr da fuer Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf
+hier Nellie ein.
+
+"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmoeglich ist es doch nicht.
+Schrecklich waere es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
+wuerde."
+
+"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
+Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+anfangen!"
+
+"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit
+erfahre ich ja gar nichts."
+
+"Vier Stueck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
+ich dir," antwortete Ilse.
+
+"O, suess!" schwaermte auch Nellie, und ein wehmuetiger Schatten ueberflog ihr
+Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen."
+
+"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu
+neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfuellte sie doch mit etwas
+Neid, den sie nicht ganz unterdruecken konnte. Aber schneller als frueher
+kam sie darueber hinweg in dem Bewusstsein, dass sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, dass
+diese als Schauplatz die grosse geraeuschvolle Welt hatte, waehrend der
+ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
+Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! -
+
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen sassen noch
+immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
+die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhoerte. Aber sie wollte
+auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blaetterwerk mischte sich
+in den Klang der Stimmen; es liess das Licht im Windleuchter, der auf der
+bunten Tischdecke stand, hoeher aufflackern, so dass die Flamme nach den
+herabhaengenden Zweigen leckte, deren Gruen in dieser kuenstlichen
+Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
+ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
+malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, dass niemand das
+anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
+Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verloescht, und
+die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
+Droben aber, da glaenzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! -
+
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzaehlen! Wenn man sich nach
+langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
+Gespraeche meist sehr gleichgueltiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
+geoeffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wuerdigen Frau
+Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
+wurde nicht ueber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
+geruehmt.
+
+Schliesslich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
+noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen grossen Korb voll frisch
+gepflueckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gaehnen sah, fiel es ihr ploetzlich ein,
+dass ihre Gaeste gewiss von der Reise muede sein wuerden, und es wurde
+beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
+Gaesten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlaeferinnen. -
+
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
+das Nest leer, aber aus dem Garten hoerten sie helle Kinderstimmen
+heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen ueber den taufrischen Rasen laufen. -
+
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
+Erscheinen der beiden schuettelte er leise das ehrwuerdige Haupt, als wollte
+er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fuehrend, herbeigelaufen,
+und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+
+"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
+"Dein Mann wird sich schoen ueber die faulen Staedterinnen lustig gemacht
+haben!"
+
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August traenke fast nie des Morgens
+mit ihnen Kaffee, er waere schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
+Heuaufladen zugegen zu sein.
+
+"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie laechelnd mit einer
+Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
+Lektuere bei der ehemaligen Dichterin!
+
+"Ja, ja, Kinder, so etwas muss eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die
+aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhoeren glaubte. "Poesie und
+Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande."
+
+"O, nicht nur auf dem Lande, ueberall im Leben," antwortete Ilse.
+
+"Ich bin uebrigens recht froh, dass die Kinder in freier, natuerlicher
+Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fuer die
+Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung
+einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
+merkwuerdige Auffassung, ihr solltet nur hoeren, wie sie ueber alles spricht,
+ueber den Gesang der Voegel, ueber den Sonnenschein, ueber den gruenen Wald."
+
+Danach sah der luette Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
+nur wuenschen, dass er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
+"erblich belastet" sein moechte. Aeusserlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
+
+"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse ploetzlich, sich nach allen Seiten
+umsehend.
+
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem grossen,
+mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei maechtigen Pferden gezogen,
+eben in den Hof einfuhr. Und wer sass mit Bauernkindern zusammen hoch oben
+in dem weichen duftenden Neste, froehlich singend, wie eine Lerche in der
+Morgenfruehe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestuem in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderuecken
+setzte.
+
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wuerde ihr ein Spiegel
+vorgehalten und sie saehe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
+auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
+der verhaengnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+Wendung nahm, - kleine Ursachen, grosse Wirkungen!
+
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den
+gaenzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
+Lande, war aus ihr das unbaendige, jungenhafte, trotzige Maedchen geworden,
+waehrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so dass
+man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" uebersetzen
+konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine grosse Zukunft. -
+
+Bestaubt, erhitzt, mit gluehenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
+umarmte ihre Mutter unter stuermischen Kuessen. Sprudelnd und sich
+ueberhastend erzaehlte sie, dass sie schon ganz frueh wach gewesen sei, und
+als sie zum Fenster hinausgesehen habe, waere Herr Werner unten im Garten
+gewesen und haette ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
+Heumachen. Da haette sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz
+ordentlich," versetzte sie, als Ilses pruefender Blick ueber ihren Anzug
+glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!"
+
+"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn
+der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
+
+"Er wird erst Toilette machen, um wuerdig vor euch zu erscheinen," erklaerte
+Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
+Staellen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
+Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkoepfe", drangen bis
+zu der Kastanie herueber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
+lachen wollten. Flora waren diese Ausbrueche ihres erzuernten Gatten sehr
+unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
+und wollte selbst nachsehen, was es denn gaebe. Aber da kam auch schon
+August den Kiesweg heraufgegangen.
+
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
+schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
+und schlappig hing die Joppe ueber seine breiten Schultern, und das farbige
+Sporthemd liess seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
+Gesicht, vor Aerger und Hitze blaurot war.
+
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
+beschaeftigten Landmannes, und hatte fuer Ilse daher durchaus nichts
+Fremdes.
+
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
+bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begruesste Nellie und
+Ilse.
+
+"Ein ganz famoses Maedel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir
+vielen Spass gemacht heute frueh. Das wird mal eine gute Landwirtin!"
+
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
+
+"O, haben Sie Aerger gehabt?"
+
+"Ach ja, es gibt immer Aerger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die
+dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natuerlich hat sie drei
+davon tot gebissen. Schafskoepfe sind's," setzte er noch hinzu und legte
+seine Hand so kraeftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend
+zusammenschlug.
+
+"Aergere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm
+besaenftigend ueber die Stirn.
+
+"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Haelfte
+der Butter wieder mit, die bei der Hitze natuerlich schon zu einem Matsch
+geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell muss
+tuechtig auf die Finger gesehen werden! Und dann muessen auch die
+Sauerkirschen gepflueckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
+worden in der letzten Nacht."
+
+"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun staerke und erhole
+dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
+eigener Hand appetitlich belegte Broetchen bereitete und Kaethe ins Haus
+schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
+Freundinnen immer von neuem. Sie haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass
+aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernuenftige Frau
+werden koennte, denn soweit es Floras Beanlagung zuliess, war sie wirklich
+eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Ueberbleibsel
+ihrer einstigen Ueberspanntheit zum Vorschein, aber wer koennte auch seine
+innerste Natur ganz verleugnen? Ueberschwenglichkeit war nun einmal der
+Grundzug von Floras Charakter. -
+
+Die naechsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den grossen
+und kleinen Gaesten herrlich. Den ganzen Tag draussen in der guten Luft,
+Abendspaziergaenge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
+die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
+denen der Hausherr auch oefter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fuehlen, und auch diese hatten
+ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
+sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
+Rahmen des Gewoehnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
+
+"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder
+die Rede darauf kam.
+
+Flora waren derartige Gespraeche immer sehr unangenehm, das konnte man
+merken.
+
+"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fuer alles Schoene
+und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
+und Mutter doch nicht zu versaeumen."
+
+"Ach was, Firlefanzereien! Struempfe soll sie stricken und gut kochen
+koennen, das ist die Hauptsache."
+
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Ueber diesen Punkt wuerden
+sie sich ja doch nicht einigen.
+
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewoehnt, sie
+bluehte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, dass sie
+in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+vergnuegt und zufrieden, dass sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
+ihn etwas verringerte. Sie verfasste natuerlich taeglich lange Briefe, worin
+mit allen moeglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
+dir? Fuehlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
+zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stundenlang ueber einem Briefe sass, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
+reden, ihr Mann war gesund und kraeftig, und konnte mit dem armen leidenden
+Fred nicht verglichen werden.
+
+Uebrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
+ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindruecke und
+neckte ihn damit, dass sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+erzaehlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fuehle, und
+wie angenehm es sei, einmal nicht am Gaengelbande gefuehrt zu werden. Dann
+kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
+wahre Schauergeschichten ueber das Leben und Treiben ihrer Ehemaenner
+berichtete. Darauf erhielt er natuerlich eine passende Antwort von Ilse.
+Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fuer sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
+und sie natuerlich auch von ihm. Uebrigens erschien das kleine lebhafte Ding
+den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hoeherer Art, und wie gern
+liess sie sich anstaunen! Sie erzaehlte ihnen Geschichten, dass sie Mund und
+Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
+hatte, mit so reizender Stimme vor, dass auch die Grossen gern zuhoerten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
+zaertlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
+Fall war. -
+
+Eines Tages sagte Flora, dass sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
+bei ihren Kranken machen muesse, und fragte, ob die Freundinnen sie
+begleiten wollten, was sie natuerlich von Herzen gern taten.
+
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
+und andre staerkende Sachen wurden, in Koerben verpackt, mitgenommen.
+
+"Ihr glaubt nicht, wie mildtaetig August ist, niemals kann ich den Armen
+genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
+die Dorfstrasse schritt.
+
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
+der wie ein erfrischendes Bad fuer die erschlaffte Natur gewesen war;
+begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
+sich der Himmel wieder aufgeklaert, und die Abendsonne spiegelte sich in
+den vielen grossen und kleinen Pfuetzen, ueber welche die drei Frauen hinweg
+schreiten und springen mussten, indem sie die Kleider sorgfaeltig in die
+Hoehe nahmen.
+
+Wirklich schien man Flora Werner ueberall gern zu sehen, sie blieb bald
+hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
+jedem einzelnen die Verhaeltnisse genau. Aber merkwuerdig! Ihre
+Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
+leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
+sie voellig verstaendnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+Ausdruecke bediente. Doch, das waren nur Aeusserlichkeiten, wie sich Ilse und
+Nellie bald ueberzeugen konnten. Floras Wohltaetigkeitssinn war ein tief
+innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Taetigkeit, das sie
+sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Fruechte.
+
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht geluefteten Bauernstuben
+eintraten, flog es wie ein heller Schein ueber die Gesichter der alten
+Weiblein und Maennlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
+Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
+stets etwas Gutes fuer ihn enthielt. Bei den jungen Muettern erkundigte sich
+Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlaege und war mit jeder
+Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+einfuehren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehaertet werden, im
+zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und aehnliches mehr. Da
+aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
+die Bauernfrauen verstaendnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
+gutmuetig anlachten, und alles blieb beim alten.
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufaelliges Haus, in welchem die
+junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglueckt war
+und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
+Jahre, in groesster Not krank und elend zurueckgelassen hatte. Hier in dieser
+armseligen Huette traten jetzt die drei Freundinnen ueber die Schwelle. Eine
+warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tuere zu
+dem Raume oeffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
+in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
+erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+zurueck.
+
+"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
+wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,"
+sagte Flora freundlich und raeumte selbst drei Stuehle ab, auf denen
+schmutzige Waesche, in allen Farben gestopfte Struempfe, zerbrochenes
+Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und aehnliche Dinge umherlagen.
+
+"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gaeste habe;
+aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
+wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie
+sich neben dieselbe setzte und sie pruefend betrachtete.
+
+Ueber das bleiche, abgezehrte und abgehaermte Gesicht war eine fluechtige
+Roete gegangen, die es merkwuerdig verschoente, als sie den fremden Besuch
+gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schaemen, die kam ja so oft und kannte sie so
+gut, die war ihr keine Fremde.
+
+"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter."
+
+"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
+nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," troestete Flora
+sanft und liebevoll.
+
+Ein Kopfschuetteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
+die Kinder, die sich in die Ecken gedrueckt hatten und neugierig die
+Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
+gekleidet waeren es gewiss huebsche Kinder gewesen. Nur bei dem
+zweitjuengsten, einem kleinen Maedchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
+geradezu malerisch zu der Schoenheit des Kindes. Es sass der aeltesten
+Schwester auf dem Schoss; wirre, ungepflegte blonde Loeckchen fielen tief
+ueber ihr Gesichtchen, das unter den zurueckgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen grossen braunen
+Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
+Fuesschen streichelte.
+
+"O, wie suess ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heisst du?" fragte sie
+das Kind.
+
+"Aennchen," antwortete die aeltere Schwester.
+
+"Willst du der Tante nicht ein Haendchen geben?" fragte sie weiter.
+
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zoegernd in die Hand der jungen
+Frau, aber ohne Widerstreben liess sich die Kleine dann von ihr auf den
+Schoss nehmen. Zaertlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fuer die Kranke aus dem Korbe
+genommen und versprach fuer die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+
+Muede und apathisch dankte die Frau.
+
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
+holen wagte, wollte das Fenster oeffnen, aber froestelnd schauerte die
+Kranke zusammen und sie liess es geschlossen.
+
+"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend.
+
+"Ach, die holt ein bisschen Futter fuer die Ziege," entgegnete die junge
+Witwe.
+
+"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie koennen doch in
+Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben."
+
+"Die Kinder sind ja da."
+
+"Die koennen Ihnen doch nichts helfen, auf die muessen Sie ja noch dazu
+achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht laenger," sagte Flora.
+"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
+Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf."
+
+"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen
+diese Worte.
+
+"Das muessen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tuechtig von dem
+Wein, der kraeftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
+komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
+Abend und recht, recht gute Besserung."
+
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
+entgegenstreckte, und dann verliess sie mit den Freundinnen diese Staette
+menschlichen Elends.
+
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draussen die frische Abendluft
+empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
+konnte sich ueber die Armseligkeit in dem Haeuschen, die einen tiefen
+Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
+einem fort von dem armen, suessen Aennchen, und Flora erzaehlte die
+Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfuehrlich. Alle
+drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+
+"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen koennen; der Doktor
+sagt, es waere ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte
+Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erloest wuerde, die Aermste."
+
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfuellung gehen! -
+
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
+Fall eingehend eroertert, und in den folgenden Tagen fuer die unglueckliche
+Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt musste taeglich nach der Kranken sehen,
+und eine tuechtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+Fuersorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprueften; sie wurde
+liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Noetigen versehen, und so
+empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glueck.
+
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
+Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfuellte, schlossen sich ihre Augen
+fuer immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. -
+
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
+mit ihren Gaesten froehlich plaudernd zusammensass, und zwar wie gewoehnlich
+auf dem Platze unter der Kastanie.
+
+"O, die armen Kinder, das suesse _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit
+Traenen in den Augen.
+
+"Ja, ja, wir muessen helfen," sagte Herr Werner ueberlegend. Dann fragte er
+seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?"
+
+"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bloedsinnigen
+Grossmutter koennen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
+uebergeben - es ist zu traurig!"
+
+"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann.
+"Deichmanns auf der Domaene koennten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
+Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke
+ich, wir koennten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natuerlich
+musst du dir's reiflich ueberlegen, aber wenn du willst - ich bin's
+zufrieden."
+
+"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Aennchen; o, es ist ein zu
+wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, waehrend Ilse mit aufrichtiger
+Bewunderung den grossen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
+Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+
+Den ganzen Tag nach diesem Gespraeche blieb Nellie still und nachdenklich,
+und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
+letztere, dass die Direktorin fortwaehrend an klein Aennchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschoepf wohl aufbluehen wuerde, wenn es hier
+erst mit den Zwillingen zusammen waere. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie
+ihre Betrachtungen.
+
+"Hoere, Nellie," rief Ilse ploetzlich, "wenn dir das Kind so gut gefaellt, so
+nehmt ihr es doch zu euch."
+
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
+auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+schien beinahe, als haette Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+doch heftig schuettelte sie den Kopf.
+
+"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus.
+
+"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen."
+
+"O, Fred wuerde es nicht wollen; nein, das geht nicht."
+
+"Ob dein Mann das nicht will, weisst du ja gar nicht, aber moechtest _du_ es
+denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
+
+"O, ich moechte sehr gern, gewiss moechte ich, ich liebe die _babys_ so
+sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr
+sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fuer solch kleines Ding; Fred
+nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich muesste ihn vernachlaessigen, o, und
+das ginge doch nicht."
+
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
+wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich
+die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt.
+
+Aber Ilse liess sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht
+abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
+gebeten hatte, darueber fuer immer zu schweigen.
+
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
+merkwuerdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
+Ahnung hatte, worueber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
+sich dann jedesmal mit den Kindern zurueck, um mit ihnen zu spielen.
+
+Nach Tische sassen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
+einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, waehrend
+Ilse diktierte.
+
+"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann
+wieder liess Flora ihre Bedenken einfliessen. Auf diese Manier wurde viel
+geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl fuer ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
+fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftraeger kam, wurde es
+diesem uebergeben mit der ausdruecklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
+und puenktlich zu besorgen.
+
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
+beiden Geheimnisvollen in den naechsten Tagen unzaehlige Male aus, und mit
+Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftraeger entgegen.
+
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewoehnlich den
+Kaffee unter dem gruenen Blaetterdach einnahmen. Fuer Ilse hatte er nichts,
+aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+
+"Von Fred," sagte sie leicht erroetend, worauf sie sich erhob und ins Haus
+ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
+Episteln von ihrem Fred studierte.
+
+Voller Erwartung blieben die beiden zurueck. Nun sie so unmittelbar vor der
+Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
+kuehnes Wagestueck gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustuer mit dem Briefe in der
+Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
+klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
+Traenen standen, aber zugleich umspielte ein glueckliches Laecheln ihre
+Lippen.
+
+"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fuer
+mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kuesste. In ihrer
+Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frueher misshandelte
+sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
+freudig und geruehrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
+und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: dass er nichts
+dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
+waere ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+einsam und allein zubringen muesste, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+haette, und er hoffe auch, dass das kleine Geschoepf einiges Leben in ihr
+stilles Haus bringen wuerde.
+
+Ilse sah Flora laechelnd an. Fast woertlich wiederholte er, was sie ihm
+geschrieben hatte.
+
+"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als
+diese zu Ende gelesen hatte.
+
+"O, o, was fuer ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
+Ilschen," antwortete sie uebergluecklich und als ob sie ein Geluebde ablegte,
+fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
+wie will ich den lieben Gott recht bitten, dass er eine gute Mutter aus
+mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?"
+
+"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was
+du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+vergelten."
+
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+
+Das erste war dann, dass sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
+Fred schrieb. Bis die aeusseren Formalitaeten erledigt waren, flog zwischen
+den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
+Arbeit ueberhaeuft, wie er schrieb, sonst waere er selbst gekommen, um seine
+Frau und das Pflegetoechterchen zu holen. -
+
+Klein Aennchen aber siedelte schon am naechsten Tage zu ihrer neuen Mutter
+ueber, und frisch gewaschen, sorgfaeltig gekaemmt, in einem neuen Kleidchen,
+sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
+wie moeglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
+wollten ihn etwas Tuechtiges lernen lassen.
+
+So war mit dem duesteren Tod zugleich das Glueck in die arme Huette
+eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
+ihrem bisherigen Elend zu entreissen.
+
+Die schoene Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluss
+gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knuepfte, war diesmal
+ein unaufloesliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+vielen Traenen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+dass die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefasst hatte.
+
+ * * *
+
+Klein Aennchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
+Wunderdinge zustande. Nellie musste ihre Pflege von nun an teilen und, was
+sie nie geglaubt haette, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
+kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
+was ihn empfing - zunaechst war da klein Aennchen die Hauptsache, und
+darueber vergass Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
+nicht alles verstand und wusste! Beide konnten ihre Vorzuege nicht genug
+ruehmen, es gab kein aufgeweckteres und huebscheres Kind, und das "Erziehen"
+haette leicht ein "Verziehen" werden koennen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
+Heinz auch noch dagewesen waeren. Die Vortraege des letzteren ueber
+Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+Nellie vorwarf, dass sie viel zu gutmuetig und schwach dem Kinde gegenueber
+sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
+trotzdem hatte es helles Glueck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
+es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
+froehlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
+junges Leben hierher verpflanzt worden war.
+
+ * * *
+
+So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
+Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
+Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
+mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glueck frueher, dem andern
+spaeter und manchem nie.
+
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorueber, frohe und
+truebe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem
+andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
+war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
+schwere Wolke lagerte es jahrelang ueber ihnen.
+
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
+muessen, und so wurde aus dem froehlichen, frischen Kinde schliesslich ein
+stiller, verschlossener Junge. An den Vergnuegungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
+immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+grossen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
+seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
+letzten Jahren mit Arbeit sehr ueberbuerdet und konnte sich seiner Familie
+nicht so widmen, wie er wohl wuenschte. Rosi war wie mit Blindheit
+geschlagen! Durch fortwaehrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu koennen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
+Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
+Lebenslust maechtig in ihm; er haette hinauslaufen moegen, weit weg; er
+fuehlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreissen.
+Und immer haeufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
+Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfuehrerisch lockend vor seinen
+Blicken. -
+
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals
+fuenfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne dass die
+angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt haetten - er war
+und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
+"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwuerfe
+machte, oder das Unglueck nur als eine Fuegung des Himmels ansah? Von ihrem
+Manne hoerte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Pruefung ganz
+niederdrueckte, suchte doch immer nach einem Troste fuer Rosi und klagte
+sich selbst wegen seiner Schwaeche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein ueberlassen zu haben. Tante Emilie
+ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, dass sie
+sagte, Fritz waere nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
+so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
+kurzen Wiederhall in dem betruebten Mutterherzen. Eine drueckende Schwuele
+herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglueck. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Maedchen herangewachsen war, konnten
+sich Rosi und ihr Mann nicht entschliessen, sie in die Welt einzufuehren. -
+
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
+jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
+Froehlichkeit ins Haus. Zu bluehenden, lieblichen Geschoepfen waren sie
+herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
+Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die juengere blond, rosig,
+zierlich, die aeltere gross, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
+Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schoener, wozu auch wohl ihr liebenswuerdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
+dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fuer den
+Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu daemmen. Wie oft musste sie sich von Leo
+necken lassen, wenn sie ueber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die
+Mutter." Aber dass aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
+einst gewesen war, dafuer hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
+und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man musste
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstaendnis er in dem
+jungen Maedchenherzen zu lesen wusste. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine
+beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm liess sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
+ruecksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
+geworden, aber auch unter dieser neuen Wuerde hatte sie sich ihren
+frischen, natuerlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl aeussere und
+innere Veraenderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
+sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
+drehte, ihr Mann vergoetterte sie noch immer, und ihre Toechter liebten sie,
+wie nur Kinder eine Mutter zaertlich lieben koennen; sie war ihnen Mutter
+und Freundin zugleich.
+
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
+Ruth und Marianne noch kleine Maedchen waren, der Tag, an dem er sie auf
+den ersten Ball fuehren konnte.
+
+Der erste Ball! Welches Zauberwort fuer ein junges Maedchenherz! Marianne
+und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
+Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+unberuehrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+Toiletten der Kinder auch in Ordnung waeren, brachen die jungen Maedchen in
+ein unsinniges Gelaechter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
+ganz Ungewoehnliches. Nur Ruth fand es laecherlich, sich um einen "lumpigen
+Ball", wie sie sagte, so aufzuregen.
+
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Aennchen, das inzwischen ein
+grosses Maedchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
+tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+Kleinigkeit.
+
+"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die
+Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
+zu beginnen.
+
+"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhasst, ich werde noch
+frueh genug fertig," rief das junge Maedchen und sah etwas spoettisch
+laechelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer gluehten. Sie war doch
+ganz anders geartet, als sonst die Maedchen ihres Alters, deren Interessen
+sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
+nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wuenschte.
+
+"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt,
+als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich weiss genau,
+dass wir in der Auswahl der Farben nicht uebereinstimmen wuerden, fuegen aber
+wuerde ich mich nicht. Was wuerdest du z. B. fuer eine Farbe waehlen,
+Marianne?"
+
+"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsuechtig," hatte Ilse gemahnt; aber
+als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
+aufgebraust.
+
+"Natuerlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wuerde ich dir ja huebsch zur
+Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
+Geschmacklosigkeit!"
+
+"Einem jungen Maedchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone
+erwidert.
+
+"Na ja, natuerlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
+ist einfach dumm. Natuerlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
+Pfingstroeschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
+dir eine solche Farbenzusammenstellung!"
+
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Traenen ausbrach und Ruth sie
+nun auf alle Weise zu troesten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
+Schwester trotzdem zaertlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wuerde
+immer gleich alles uebelgenommen, niemand verstaende sie. Warum gerade sie
+wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, waehrend Marianne natuerlich einem
+Engel gleichen wuerde. Haette nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
+Ruths Redefluss ein Ende gemacht, so waeren deren leidenschaftliche
+Ansprueche und Mariannes Traenen gewiss noch lange nicht versiegt. So aber
+hatten beide lachen muessen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
+werden koennen.
+
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbaeckige Maedchen geworden,
+wie sie zwei frische, rotbaeckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
+in ihren blauen Ballgewaendern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+standen, musste man sich ueber diese drei anmutigen Maedchenblueten freuen.
+Und was war natuerlicher, als dass in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
+Pension geschmueckt hatten, und dass sie nun zum Ergoetzen der Kinder davon
+erzaehlten.
+
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertoenten ploetzlich aus
+dem Nebenzimmer die Klaenge eines Fluegels und Ruths Stimme.
+
+"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
+nicht an den Ball; am liebsten saesse sie ueberhaupt den ganzen Tag am
+Fluegel. Es ist ja die hoechste Zeit, dass sie sich anzieht," sagte Ilse,
+aber unwillkuerlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
+vollen herrlichen Toene, und als sie endlich eindrangen zu der Saengerin,
+fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
+von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
+ihrem einfachen, weissen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
+ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
+
+Die andern drei Balldamen ruempften allerdings die Nase ueber den gar zu
+einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
+die andre zu Blumen im Haar.
+
+Ruth lehnte alles ab.
+
+"Kinder, lasst mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie.
+
+In diesem Augenblick erschien das Maedchen mit zwei wundervollen Bouquets,
+das eine ganz aus rosa, das andre aus weissen Blueten. Marianne wurde wie
+mit Purpur uebergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weisse
+Blaettchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauss.
+
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
+einiger Zeit aus den Tropen zurueckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
+bedeutendes Vermoegen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
+einfuehrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
+wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Toechter eingeladen worden.
+
+Die beiden jungen Maedchen hielten noch immer die duftende Spende in den
+Haenden.
+
+"Sieh nur, Mama, der entzueckende weisse Flieder," rief Ruth, und Marianne
+zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
+in ihrem Strausse waeren. Dazwischen toenten die kraeftigen Stimmen der
+Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, suess," und Aennchen lief bald
+hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hoeren.
+
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Maedchengesichtern war in der
+Tat ein entzueckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
+dafuer zu haben, denn als er jetzt die Tuere oeffnete, blieb er wie
+angewurzelt in derselben stehen.
+
+"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut.
+
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
+wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
+Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+darueber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+schmunzelndes Gesicht passte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
+ab, wie ein schwarzer Kaefer auf bunten Bluetenblaettern.
+
+"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir
+wohl gut?"
+
+"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es
+von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Maedchen
+umschlossen, immer eindringlicher bestuermten sie ihn mit Fragen; er wusste
+schliesslich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren
+zu.
+
+"Scheusslich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte
+wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quaelgeistern befreit zu
+werden; aber darin hatte er sich getaeuscht, nun ging es erst recht los.
+
+"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheusslich aus?" -
+"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von
+neuem durcheinander.
+
+"Findest du, dass mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen
+hatten dabei einen so suess bittenden Ausdruck, dass der Professor nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage
+mal, du musst etwas um den Hals binden, du erkaeltest dich ja sonst. Herr
+Gott, was ist das ueberhaupt fuer eine Verruecktheit, sich so anzuziehen! In
+euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+blossen Hals und den nackten Armen einen schoenen Schnupfen holen."
+
+Da gab es wieder zu lachen ueber eine solche Ansicht.
+
+"Wen findest du denn am huebschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda.
+
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
+er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
+
+"Natuerlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle.
+
+"Onkel Heinz, haettest du fuer mich vielleicht ein weisses Kleid huebscher
+gefunden?" fragte Marianne.
+
+"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein muessen, weiss
+ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht."
+
+"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne.
+
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelaechter ausbrach.
+
+"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnuetzen Geschichten habe ich mein Lebtag
+keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun."
+
+"Weisst du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn
+bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
+darueber urteilen."
+
+"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern.
+
+"Ich tanze so viel Taenze mit dir, wie du willst."
+
+"Und ich bringe dir den schoensten Kotillonorden."
+
+"Mich darfst du zu Tische fuehren."
+
+"Wir wollen ueberhaupt tun, was du willst."
+
+Sie ueberboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
+Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
+
+"Kroeten, so lasst mich endlich in Ruhe, ihr seid ja ausser Rand und Band!"
+rief er, sie zurueckdraengend.
+
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz ueberhoert, dass die
+Tuere geoeffnet wurde, bis Ilse ploetzlich Herrn Jansen andaechtig auf der
+Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem bluehenden
+Maedchenkranze.
+
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+auseinander, als die hohe Gestalt naeher kam. In Mariannes Antlitz aber
+stieg eine heisse Blutwelle bei seiner herzlichen Begruessung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth haengen, deren Hand noch in des
+Professors Arm lag. Die schlanke, weisse Gestalt schien ihn ungemein zu
+fesseln, und er nahm ihre zum Grusse dargebotene Rechte mit grosser Waerme
+entgegen.
+
+"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut.
+
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weisser
+Krawatte, und draengte zur Eile, die Wagen staenden bereits vor der Tuere.
+
+"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Taenzer werdet ihr wohl
+nicht mehr bekommen."
+
+"Onkel, dass du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
+habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth.
+
+"Na, dass du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
+mal ein vernuenftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun
+doch nicht anders, du musst mit, du armes Opferlamm."
+
+"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als haette sie ploetzlich einen guten
+Einfall bekommen, "weisst du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
+und wir beide verleben einen recht gemuetlichen Abend zusammen. Ach, das
+waere reizend!"
+
+"Und was wuerde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen.
+
+"O, da koennte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und
+schmiegte sich zaertlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
+und singe dir alle deine Lieblingslieder vor."
+
+Etwas wie Ruehrung flog nun doch ueber das Gesicht von Onkel Heinz, und
+seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
+
+"Alte Kroete du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amuesieren, als
+mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
+dieser Unsinn gehoert nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnuetze
+Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
+Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
+berichten. Alte, gute Kroete du!"
+
+Er klopfte sie zaertlich auf die Backe.
+
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
+fuer sie wieder eine Sache von groesster Wichtigkeit gewesen war. Diese
+Angst, dass die Kleider und Blumen zerdrueckt werden moechten - es war eine
+grosse Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, waehrend die
+geschaeftigen Haende in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
+es:
+
+"Wo habt ihr denn meinen Strauss hingelegt?"
+
+"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?"
+
+"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Faecher in der Hand!"
+
+"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
+fortgenommen?"
+
+Dazwischen draengte Leo, es sei die hoechste Zeit, dass sie fortkaemen; Ilse
+schalt ueber die Unordnung, Aennchen suchte ueberall herum, trat dabei auf
+Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauss gestellt hatte, so dass sich das Wasser ueber den Tisch auf den
+Fussboden ergoss und alle fluechten mussten - kurz und gut, richtete mit ihrer
+gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+gefunden.
+
+"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
+Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
+Vergnuegen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kroete?" fragte
+er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weissseidene Kopftuch noch
+tiefer in die Stirn.
+
+Die uebrigen waren bereits die Treppe hinabgestuermt, nur Nellie stand noch
+oben und verabschiedete sich von Aennchen. Immer wieder kuessten sich die
+beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
+
+"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?"
+
+"Wir kommen, wir kommen!"
+
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
+Strasse her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hoerte man das Zuklappen
+der Wagentueren, das schnelle Rollen der Raeder, und nun war alles still. -
+
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ueber die Ohren gezogen und die
+Haende tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
+die Strasse hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
+zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+Strassen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+Abend ueber da. Der Kellner brachte ihm wie gewoehnlich die Zeitungen, er
+legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines
+Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schuettelte er den
+Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
+der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
+an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemuetlichen Raeumen ordnend,
+verschoenend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
+ein Mann sass und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
+glaenzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
+der davon wie magisch angezogen wurde; er liess Buecher und Schriften liegen
+und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
+knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
+Haende bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkuerlich machte Onkel
+Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewusstsein dieser Traeume gelangte,
+und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblasste, und es
+erschien wieder sein duesteres Studierzimmer mit den strengen, langen
+Buecherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
+Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
+Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
+Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
+Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
+entschliessen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie
+gewoehnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewoehnlich - gequalmt.
+Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
+versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwaehrend luftige Gestalten an sich
+voruebergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
+"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
+doch einschlief.
+
+Am andern Morgen, als es noch daemmerte, wurde er von seiner Aufwaerterin
+geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er aergerlich
+darueber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
+Anlass, ihrer Busenfreundin, der Muellern, ihr Herz auszuschuetten und ihr zu
+klagen, wie boese der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht haette
+er sie noch niemals behandelt. Ueber den Kaffee habe er geschimpft, der
+Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe muesse besser geputzt
+werden. Und sogar ueber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+bemerkt habe, haette er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+gewesen.
+
+Waehrend Onkel Heinz einen so ungemuetlichen Abend verbrachte, hatte seine
+Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
+
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
+betreten, und selbst Ruths Herz schlug hoeher, als sie in dem glaenzenden
+Raume stand. Der Sorge um Taenzer waren die jungen Maedchen bald ueberhoben,
+denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
+dicht besetzten Ballkarten.
+
+"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmuetter," sagte Ilse lachend, als sie in
+den Reihen, welche fuer die aelteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+
+"Macht nichts, wenn wir alte Muetter werden, ist auch fein," sagte Nellie;
+aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensassen,
+sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Muetter". Das Glueck, das aus
+beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjuengte und
+verschoente sie merkwuerdig.
+
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
+sich dann aber ins Nebenzimmer zurueck, wo sie bei einem Glase Bier
+gemuetlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
+bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
+
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
+suchten sie, wenn sie im bunten Gewuehle verschwand, bis er sie gefunden
+hatte, und so oft es ging, naeherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
+auf dieses oder jenes huebsche Maedchen aufmerksam machte, so fand er sie
+alle haesslich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
+er einzig und allein schoen faende. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
+tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als moeglich das Gespraech auf
+ihre Schwester zu bringen.
+
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen oeffnen
+moechte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
+
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
+Herrn Jansen bei ihren Eltern einfuehrte, eine stille Neigung fuer diesen
+eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflaenzchen mehr
+und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fasste. Arme Marianne!
+
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
+neue Nahrung fuer ihre Neigung und sie merkte nicht, dass es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
+
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
+erschoepft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
+tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glueckstrahlendes Gesicht sprach
+deutlich genug von den Gefuehlen, welche ihr Inneres erfuellten. Waehrenddem
+hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glaeschen Eis holen lassen, das sie
+nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
+hatte, mit Behagen verzehrte.
+
+"Es ist doch sehr, sehr huebsch heute abend; ich amuesiere mich wenigstens
+herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergnuegt den jungen Mann, der sich an
+ihrer Seite niedergelassen hatte.
+
+"Fuer mich war es der schoenste Abend meines Lebens, Fraeulein Ruth,"
+erwiderte er.
+
+"Da haben Sie wohl noch nicht viel Baelle mitgemacht? In Indien gibt es
+wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich.
+
+"Und wenn ich hundert Baelle mitgemacht haette, so wuerde dieser doch der
+schoenste fuer mich sein," antwortete er mit Nachdruck.
+
+"So, und warum denn?"
+
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
+gaenzlich ohne Arg ueber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
+Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fuer sie sehr ins
+Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
+Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
+dass er etwas andres in ihr erblicken koennte als eine Freundin, war ihr
+noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hoechsten
+Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+"Weil Sie hier sind!" und die verhaengnisvolle Frage daran knuepfte: "Haben
+Sie mich denn nicht gern, Fraeulein Ruth?"
+
+Da wurde es ihr auf einmal ganz aengstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
+und wuenschte zu den Ihrigen gefuehrt zu werden.
+
+"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige
+Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natuerlich."
+
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
+rasch voraus.
+
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
+Hand und drueckte sie zaertlich an seine Lippen. Waehrend aber die Schwester
+und die Zwillinge unterwegs lebhaft ueber ihre Erlebnisse vom heutigen
+Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
+toente der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschaeftigte, oftmals an
+ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+schliesslich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
+Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn
+ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
+ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
+mit ihm praechtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
+Zuneigung fuer ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiss voellig
+harmlos gemeint, so viel wusste sie doch auch, dass eine Liebeserklaerung
+ganz anders lautete, - wie sollte er ueberhaupt dazu kommen, ihr einen
+Antrag zu machen? Nein, nein, es wuerde schon so sein, wie sie dachte. Mit
+diesen troestlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
+vollstaendig beruhigt ein in dem festen Glauben, dass Herr Jansen nur eine
+freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
+
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehoert hatten zu
+schwatzen, noch lange wach. Selige, beglueckende Gedanken verursachten ihr
+Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
+Blicke ins Gedaechtnis zurueck. Und weiter spann sie ihre Traeume, die ihr
+eine unbeschreiblich schoene Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spaet
+gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklaerender Schein auf dem
+holden Maedchenantlitz.
+
+So beschaeftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
+lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
+Hoffnung auf ihn. Waehrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wuenschte die andre sehnlichst, dass er fuer sie nur freundschaftliche
+Gefuehle hegen moechte. -
+
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzaehlt
+wurde, schalt er seine Aufwaerterin ein ueber das andre Mal aus, und als sie
+fort war, ging er pruefend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
+einen Stuhl anders, dann rueckte er die Bilder, die schief an der Wand
+hingen, zurecht, sortierte die unzaehligen Papiere, die zerstreut und
+bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
+legte das uebrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
+er einer gruendlichen Besichtigung, deren er wahrlich noetig genug bedurfte.
+Seiner Aufwaerterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fuer allemal nichts
+anruehren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
+Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Maenner hinreichend.
+Deshalb liess sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fuer immer in Ruhe,
+und dass er mit einer dicken Staubschicht ueberzogen war, konnte ihn also
+eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
+bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ueber die Buecher und Schriften,
+dass die kleinen Staubteilchen lustig in die Hoehe flogen, schuettelte den
+Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefuellt war,
+in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und
+betrachtete sie eingehend. Die Glaeser waren fast undurchsichtig, er
+wischte sie mit seinem Aermel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+Platz zurueck. Schliesslich liess er sich an dem gesaeuberten Schreibtische
+nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
+gehen. Ueberdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstoebern
+verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
+hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
+deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
+nicht gerade in die guenstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
+
+ [Illustration]
+
+Aber wenn er hier eitel Lust und Froehlichkeit zu finden hoffte, so hatte
+er sich getaeuscht.
+
+Als ihm auf sein Klingeln geoeffnet wurde und er in den Flur trat, ging
+vorsichtig die Tuere auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Maedchen
+fuehrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+
+"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein."
+
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
+geschehen sei.
+
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
+
+"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tuer hinter ihnen
+geschlossen hatte.
+
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
+Professor.
+
+"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
+eben fuer mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und
+fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewiss
+nichts dafuer, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, dass ich ihn gern
+haette, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
+Onkel Heinz?"
+
+"Na, nun man sachte, man sachte, ich weiss ja noch von gar nichts,"
+unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
+begann.
+
+"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, waehrend er
+las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, waehrend sie erregt
+im Zimmer auf und ab wandelte.
+
+"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ueber
+seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
+
+"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie
+angstvoll.
+
+"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er laechelnd zur
+Antwort.
+
+"Was soll ich denn aber tun?"
+
+"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
+indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer
+etwas zu sagen."
+
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+
+"Du musst doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weisst ja doch
+immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
+
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "dass er
+besseres zu tun haette, als ueber solche Dummheiten nachzudenken," hatte
+aber doch wohl das Gefuehl, als ob es eine grosse Ehre fuer ihn waere, von
+einem jungen Maedchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
+werden. Auch konnte er den aengstlich fragenden Augen seines Lieblings
+nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
+die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? Ueberlegend ging er
+einige Male im Zimmer auf und ab.
+
+"Ja, sage mal, Kroete, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich.
+
+"Ja natuerlich, gewiss, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort.
+
+"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch."
+
+"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch
+leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder -
+meinst du doch?"
+
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
+einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
+Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb -
+uebergluecklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiss ueberlief es sie bei diesem
+Gedanken; sie wusste gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
+auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war voellig ratlos.
+
+"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie
+ihre Frage noch einmal dringlich.
+
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
+nichtssagenden Worte heraus:
+
+"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann ploetzlich fort, als waere ihm
+auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen ueberhaupt
+dazu, dich heiraten zu wollen?"
+
+"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle
+fragte er mich, ob ich ihn gern haette, und da habe ich ja gesagt, denn es
+ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
+mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muss ich ihn denn
+nun wohl heiraten?"
+
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
+schwerer, hier eine richtige Loesung zu finden, als bei irgend einer noch
+so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wusste nicht ein noch aus,
+und Ruth wurde immer dringender.
+
+"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich.
+
+"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muss man sich
+den Kopf ueber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er
+aber sah, dass Ruth in ihrer Herzensangst die Traenen in die Augen stiegen,
+lenkte er sofort wieder ein. Weibertraenen konnte er nicht sehen, am
+wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
+
+"Na - wir wollen mal sehen, Kroete," sagte er zaertlich, "was in dieser
+Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+einlaesst."
+
+Onkel Heinz selbst fuehlte, dass seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
+wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
+denn in diesem Augenblicke ertoente draussen die Klingel.
+
+"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
+Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
+Arm.
+
+"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und
+empfand dabei die Beruhigung, dass er diesmal etwas ganz Vernuenftiges
+gesagt habe.
+
+"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
+gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hoeren. Jetzt
+will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
+tun muss."
+
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Tuere hinaus.
+
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
+Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiss
+dabei geworden - da flog die Tuere wieder auf, und Ruth stuerzte aufgeregt
+herein.
+
+"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz.
+
+"Nun ist es zu spaet, nun ist es zu spaet!" jammerte sie laut.
+
+"Ja, was ist denn zu spaet?" fragte er.
+
+"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
+als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
+ich nun tun, was soll ich anfangen?"
+
+Onkel Heinz schwieg. Er wusste keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
+ungluecklich schien; im naechsten Moment schon wuerde man ja von ihr
+vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
+richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
+Selbstgespraech, das Onkel Heinz mit fortwaehrenden Randbemerkungen
+begleitete.
+
+"Ich werde ueberhaupt nicht heiraten," fing sie an.
+
+"Das waere das Vernuenftigste, was du tun koenntest, aber bei euch
+Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte
+er.
+
+"Ich passe ja gar nicht fuer die Ehe, ich wuerde einen Mann nur quaelen und
+ungluecklich machen," fuhr sie fort.
+
+Der Professor laechelte ironisch ueber dieses Selbstbekenntnis einer edlen
+Seele.
+
+"Na - das muesste man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
+schlechteste," sagte er.
+
+"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht
+verheiratet, Onkel Heinz!"
+
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank
+nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder
+die freundlichen hellen Raeume und als Gegensatz sein einsames
+Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+Verhaeltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
+von manchem Silberfaden durchzogen war.
+
+"Weisst du, Onkel Heinz," rief Ruth ploetzlich und sah ihn mit ihren grossen,
+braunen Augen an, "wenn ich ueberhaupt je einen Mann nehmen wuerde, koenntest
+nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten."
+
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
+liess ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. -
+
+Nun wusste der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklaerung sein oder
+nicht? Nein, in was fuer Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
+heute morgen diese Kroete! Er wusste gar nicht, wie er sich nun in dieser
+neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
+hielt ganz still unter dieser zaertlichen Umarmung; aber seine Augen
+blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schuechterner Liebhaber, legte er seinen
+Arm um ihre Taille.
+
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
+solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
+ihr Gesicht drueckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+noch das Unglaubliche, dass Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, erroetete und sich
+fast wie ein ertappter alter Suender vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafuer konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen musste. Dass Ruth
+ihn umarmte und kuesste, war nichts Seltenes, aber heute musste ihre Umarmung
+doch wohl einen ungewoehnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
+ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
+richtige Platz, um ihr bedraengtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie musste den
+Brief lesen, und Ruth liess sich von ihr unzaehlige Male wiederholen, dass
+man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern haette.
+"Gernhaben" und "Liebhaben" waere doch ein grosser Unterschied, erklaerte
+Ruth.
+
+Bei diesen Worten laechelte Onkel Heinz spoettisch; woher wussten nun wohl
+solche Kroeten so etwas!
+
+"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, dass ich ihn nicht
+heiraten koennte," draengte Ruth.
+
+"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
+erst kommen, denn das wuerde dem jungen Manne doch sonst eine grosse
+Verlegenheit bereiten," sagte Ilse.
+
+"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drueben bei Vater im Zimmer?" fragte
+Ruth.
+
+"Bewahre."
+
+"Ihr spracht doch mit einem Herrn."
+
+"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
+wollte," setzte Ilse auseinander.
+
+"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz,
+"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen."
+
+In liebevollster Weise troestete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
+indem sie ihr zaertlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
+atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
+
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
+zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
+einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ueber den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
+Onkel Heinz an, der unaufhoerlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
+machte, das ein Mittelding zwischen Ruehrsamkeit und mephistophelischem
+Laecheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
+
+Mit dem jungen Maedchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
+in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
+Gesichtchen unter der dunklen Pelzmuetze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jaeckchen auszog.
+
+Onkel Heinz wurde heute nur fluechtig begruesst, fragend wandte sie sich an
+Ilse und Ruth.
+
+"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte
+sie die Schwester dabei an.
+
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewussten Brief hin, den Marianne
+ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
+sich wie ein Schleier ueber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
+an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
+durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die
+Gegenstaende wurden verschwommen - ein beaengstigendes Gefuehl hemmte den
+Herzschlag und schnuerte ihr die Kehle zusammen - und sie waere unfehlbar
+umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwaeche bemerkt haetten und
+hinzugesprungen waeren. Marianne war ohnmaechtig geworden. -
+
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlaefen mit einer
+staerkenden Essenz, waehrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
+befanden sich in hoechster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
+er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
+Ohnmaechtigen, in das noch kein Schimmer von Roete zurueckkehren wollte.
+Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stuermten die
+Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewusstlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, waehrend sich
+Thusnelda ueber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
+
+"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!"
+
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+
+Inzwischen war Ilse fortwaehrend aengstlich um Marianne bemueht, bei der das
+Bewusstsein immer noch nicht zurueckkehren wollte.
+
+"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
+sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
+hatte.
+
+"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt.
+
+"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor.
+
+"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth
+voller Angst.
+
+"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An
+allem ist der verrueckte Ball schuld! Natuerlich habt ihr euch zu eng
+geschnuert, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kaelte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
+gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
+dergleichen, das ist kein Wunder."
+
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
+welches dieser verrueckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
+der Ohnmaechtigen zu.
+
+"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er
+wieder an.
+
+"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse
+ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
+
+"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, dass dieser tiefer liegt
+und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
+Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es
+doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
+Heulkonzert auffuehrten.
+
+"Die Kinder haben eben mehr Gefuehl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer
+augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
+jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ueber ihn aergerte.
+
+"Wenn man nicht sentimental ist, heisst es gleich man hat kein Gefuehl,"
+erwiderte er ruhig.
+
+Ilse waere ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
+nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haette; es versoehnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt naeher trat, Marianne zaertlich
+auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Kroete, wie geht's denn? Was machst
+du aber auch fuer Geschichten!"
+
+Als das junge Maedchen wieder zum Bewusstsein gekommen war, blickte sie
+erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
+
+"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme,
+- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der
+Professor draengte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, dass sie
+schweigen moechten, zurueck.
+
+Ilse rief Marianne traenenden Auges mit den zaertlichsten Schmeichelnamen,
+Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen toente das Schluchzen von
+Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde
+bei alledem ploetzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+Weibertraenen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
+einmal sehr ueberfluessig fuehlte, hielt er es fuer das beste, sich
+zurueckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein fluechtiges
+Abschiedsnicken fuer ihn, aber Ruth drueckte ihm innig die Hand. -
+
+Als er einige Zeit spaeter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
+betrat er sie mit einem angenehmeren Gefuehl, als er sie verlassen hatte.
+Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
+Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wuerde auch
+vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespraeche
+antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz
+abgezogen und hielt die kalten Haende an den Ofen; als sie warm geworden
+waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
+wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
+Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+Gesellschaft fuehlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
+
+Still und ruhig war's im Zimmer, man hoerte nur das Geraeusch der
+schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
+lustig knackte und knisterte.
+
+Der Professor blieb den ganzen Tag ueber angestrengt bei seiner Arbeit
+sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
+Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
+zuvor. Als es daemmerte, erschien sie bei ihm und ruettelte ihn wieder aus
+seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
+sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Traenen, dass sie die
+eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
+verhaengnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
+Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wuerde. Marianne haette
+naemlich ein tiefes Interesse fuer Jansen und sei ueberzeugt gewesen, dass er
+dasselbe erwidere.
+
+Onkel Heinz hatte waehrend dieser Erzaehlung mehrmals den Kopf geschuettelt
+und seine Bartspitze so zusammengedreht, dass man sie haette durch ein
+Nadeloehr einfaedeln koennen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
+diesem Tage - zwei unglueckliche Lieben!
+
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
+konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
+Schwester und voll aengstlicher Sorge ueber deren Zustand. In Absaetzen
+erfuhr der Professor, dass Marianne krank im Bett liege, dass man einen Arzt
+habe holen muessen, der eine Nervenerschuetterung konstatiert und groesste
+Ruhe anempfohlen habe.
+
+"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer ungluecklichen Liebe!" rief Ruth laut
+jammernd aus.
+
+"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrueckten Romanen vor, aber
+im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz.
+
+"Sie ist aber so elend."
+
+"Wird sich schon wieder erholen."
+
+"Glaubst du wirklich?"
+
+"Natuerlich! Beruhige dich nur, alte Kroete," redete er ihr liebevoll zu.
+
+"Warum musste es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen
+nicht Marianne statt mich?"
+
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wusste es doch auch nicht.
+
+"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der ungluecklich liebte?" fragte
+das junge Maedchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
+
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
+
+"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder.
+
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
+
+"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff.
+
+"Haeltst du die Liebe wirklich nur fuer Unsinn?" Und als er nicht
+antwortete, fuhr sie fort: "Weisst du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
+ueberhaupt nicht lieben."
+
+"Was die Kroete da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der
+Professor bei sich.
+
+"Willst du wissen, was ich wohl moechte?" fragte Ruth nach einer kleinen
+Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es
+wissen? Ich moechte singen koennen, singen wie eine richtige Saengerin, ich
+moechte - eine Kuenstlerin werden."
+
+Der Professor prallte ordentlich zurueck, so erregt hatte sie diese Worte
+ausgerufen.
+
+"Weisst du denn ueberhaupt, du Kickindiewelt, was eine Kuenstlerin ist?"
+fragte er, das Wort 'Kuenstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten
+Weise betonend.
+
+Dann kam er wieder naeher und sah sie scharf an mit hoechst wichtiger Miene.
+
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+
+"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft
+so komisch, so - ich weiss nicht wie! Ich habe das Gefuehl, als muesste etwas
+heraus, als muesste ich jauchzen oder weinen, ich fuehle mich gluecklich und
+ungluecklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
+wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als waere ich gar nicht auf der
+Erde, als truegen mich Fluegel empor - dann bin ich gut - dann denke ich
+edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht
+beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
+Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig."
+
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
+Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kroete! Dieses Kind! Solche
+Redensarten konnte es machen, da hoerte ja einfach alles auf. Aber er
+empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
+Augen seines Lieblings sah, dass dieses Kind kein Kind mehr war, dass es
+eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, -
+ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
+das junge Maedchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kroete noch immer
+schweigend und so pruefend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
+So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
+nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
+kleine Maedchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
+eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
+ploetzlich ueber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreissen.
+
+"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie laechelnd.
+
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+
+"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ueber seine Stoppeln, das sollte so viel
+heissen, als: es ist nun einmal so.
+
+"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zaertlicher
+Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine grosse Bitte an dich,
+aber - du musst mir versprechen, dass du sie erfuellen willst."
+
+"Da werde ich mich schoen hueten," warf er ein und laechelte spoettisch.
+Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
+Frauenzimmer fertig bringen.
+
+"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er
+aber dennoch.
+
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, dass er wie gewoehnlich nicht
+widerstehen konnte.
+
+"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zoegernd von ihren Lippen, "wenn du
+doch nur mal mit den Eltern sprechen moechtest, ob - ob sie meine Stimme
+nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
+siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich moechte so gern etwas
+Ordentliches lernen, ich will so fleissig sein, will mir so viele Muehe
+geben, will ganz und gar nur der Kunst leben."
+
+"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
+ihn ernsthaft.
+
+"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
+spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
+Scherzen aufgelegt."
+
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Traenen stiegen ihr in
+die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen.
+
+"Weine doch nicht, Kroete; dass ihr Weiber doch immer gleich flennen muesst,"
+sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
+wellig gescheitelt bis tief in die Schlaefen fielen und das feine, schoen
+geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen liessen. "Aber
+das mit der Kuenstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das
+geht nicht, das geht auf keinen Fall."
+
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+
+"Aber Onkel Heinz!"
+
+"Was willst du denn ueberhaupt fuer eine Kuenstlerin werden? Willst du etwa
+Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschaetzig, denn unter
+dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Buehne gehen
+wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kroete, da gehoerst du
+nicht hin, das geben die Eltern ueberhaupt nicht zu und ich auch nicht,
+daraus wird nichts!"
+
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn dass Ruth
+vielleicht eine solche Absicht haben koennte, war ihm ein furchtbarer
+Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so waere, wie es sein sollte," setzte er
+wie im Selbstgespraeche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte
+Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
+Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen ueberhaupt einen Begriff!"
+
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
+versucht, ihn zu unterbrechen, ohne dass es ihr gelungen waere. Jetzt hielt
+sie ihn am Arme fest.
+
+"Onkel Heinz, das alles weiss ich ja noch nicht, darueber habe ich noch
+nicht nachgedacht. Vorlaeufig moechte ich nur lernen, mich meinen
+Gesangsstudien ganz hingeben koennen, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fuer den Hausgebrauch, wie
+es heisst, das macht mir wenig Spass, das befriedigt mich nicht, weil ich
+fuehle, dass es nur oberflaechlich und nicht das Richtige ist."
+
+"Das ist ja ganz vernuenftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht uebel,
+das ist wahr," sagte er einlenkend.
+
+Diese Worte nahm sie schon fuer eine Zusage und fragte nun freudig und
+zuversichtlich:
+
+"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?"
+
+"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er
+abwehrend.
+
+"Einziger, suesser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm.
+Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit grosser
+Geschwindigkeit.
+
+"Du bekommst auch schon vorher einen schoenen Kuss zum Lohn," versprach sie.
+
+"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin.
+
+"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie laechelnd und fragte
+dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht waere: "Wann willst du denn mit
+den Eltern sprechen?"
+
+"Gar nicht," erwiderte er kurz.
+
+Ruth schien diese Antwort zu ueberhoeren und sagte weiter:
+
+"Jetzt geht es natuerlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
+ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?"
+
+"Nein!"
+
+"Bitte, bitte, sage ja."
+
+"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig.
+
+"Onkel Heinz!"
+
+Wer haette wohl diesem Blick der schoenen dunklen Augen widerstehen koennen!
+Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+abwandte.
+
+"Lieber Onkel Heinz."
+
+Er antwortete nicht.
+
+"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!"
+
+Und sie quaelte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
+schliesslich nachgab - er konnte der Kroete nun einmal nichts abschlagen.
+
+"Meinetwegen denn ja! Quaelgeist du!" rief er laut.
+
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
+straeubte, heimste er doch den Kuss - den versprochenen Lohn - gern ein. -
+
+Die naechste Zeit verlief fuer Gontraus still und traurig. Marianne lag
+krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
+erheben, geistig und koerperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
+unermuedlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
+nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, dass
+die Freundin keine rechte Pflegerin sein koenne, weil ihre Ansichten ueber
+diesen Punkt so weit auseinander gingen, so ueberzeugte sie sich jetzt von
+dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
+frueher manchmal herrschsuechtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
+Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
+zuverlaessiger Freund. Er kam taeglich, widersprach natuerlich bei allem, was
+der Arzt verordnete, wusste alles besser, troestete aber Ilse, wenn sie
+niedergedrueckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
+gewohnten Weise, sodass es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
+Laecheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
+Leo erzaehlte, hatte er kuerzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
+wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
+zurueckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
+weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
+Gefuehl hervorgerufen haben wuerde.
+
+Als letztere einigermassen wieder hergestellt war, musste Onkel Heinz sein
+Versprechen, das ja durch den Kuss von Ruth besiegelt worden war, einloesen.
+Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, dass sie ihre
+Stimme pruefen liessen, und da dieselbe bei der Pruefung fuer sehr bedeutend
+erklaert wurde, sollte sie eine kuenstlerische Ausbildung erhalten. Mit
+Fleiss und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
+Kuenstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+
+Waehrenddem erholte sich Marianne langsam. Koerperlich war sie ganz
+hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
+entfalten, allmaehlich, ganz allmaehlich gesundete er. Den zarten
+Bluetenhauch aber der ersten, unberuehrten Jugend hatte diese getaeuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
+Augen war gewichen, und ihr helles, glueckliches Lachen ertoente nicht mehr
+so oft wie frueher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
+Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+gluecklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Fruehjahr
+verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
+Sommer bei den Grosseltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
+Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
+Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Sueden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
+beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
+Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
+Kroeten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
+der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen
+Malerei, ueber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden
+huebschen Maedchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
+seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzaehlte es spaeter Ilse
+voller Stolz.
+
+Erst spaet im Herbst, der im Norden schon mit grauen trueben Tagen
+eingezogen war und die Baeume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
+schoenen Eindruecken und Erlebnissen. Mit noch groesserer
+Begeisterungsfaehigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
+hatte frische Kraefte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so dass ihr die
+Zukunft nicht mehr als eine trostlose Oede erschien, wie es noch vor kurzer
+Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+
+So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
+es wiederum Herbst war. - Ein lachender, truegerischer Herbst, der es ganz
+vergessen liess, dass er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+Sonnenscheine wurde das Herz von Fruehlingsgedanken erfasst und die Menschen
+stroemten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schoenen
+Fruehlingstage nach dem langen, langen Winter.
+
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
+seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
+Wald. Die klare Luft war von weissen Faeden durchzogen, und die gelben,
+roten und braunen Blaetter woelbten sich zum farbenpraechtigen Zelte ueber
+ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
+wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflueckt, ein Blatt luftig und
+leicht vor ihre Fuesse. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
+Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begaenne erst jetzt die Zeit des
+Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Taeuschung. Lose
+geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknuepfte,
+locker hingen alle die buntgemalten Blaetter an den Zweigen, und nur unter
+dem warmen Kuss der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
+sich im Garten die Rosenspaetlinge aus ihrer schuetzenden Knospenhuelle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wuerde mit einem
+Schlage vorbei sein, wenn das allmaechtige Himmelslicht droben hinter
+Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darueber hinfuhr und daran
+ruettelte - dann begann mit einem Schlage das grosse gewaltige Sterben.
+Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
+abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
+Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fuer den herzerquickenden
+Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschaeftige sie etwas lebhaft.
+
+"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor.
+
+Er laechelte mit ueberlegener Miene und entgegnete:
+
+"Ich habe gar keine Angst, die Kroete hat ja tuechtig gelernt, die kann ja
+was."
+
+"Was gehoert aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
+und Fleiss allein kann das nicht geschehen, das Glueck muss auch mit helfen.
+Nun, was in meinen Kraeften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
+wieder davon zu ueberzeugen, mit wieviel Kaempfen und Schwierigkeiten der
+Beruf einer Kuenstlerin erkauft werden muss. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttaeuschungen gefasst zu machen, als auf Erfolge, denn
+guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fuer eine tuechtige
+Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muss sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
+Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Saengerin fertig ist, dauert es
+lange."
+
+"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tuechtigem, das weiss
+ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als koenne daran nicht
+mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+
+"Waere das Konzert nur erst gluecklich vorueber," meinte Ilse und holte tief
+Atem.
+
+"Wenn ich Ihnen sage, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
+es auch nicht noetig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte
+einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+
+Sie fuehlte, dass er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
+an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je aelter sie wurde,
+destomehr befestigte sich in ihr die Ueberzeugung, dass wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein koestliches, seltenes Gut ist, das man hueten muss wie einen
+grossen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
+erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
+Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
+lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
+hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar haeufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, dass sie oft genug in
+sich ging, ueber sich nachdachte, fortwaehrend selbsterzieherisch taetig war
+und sich immer mehr daran gewoehnte, auf die Eigenschaften andrer Ruecksicht
+zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
+einst mit ihr hatte haben muessen, als sie noch das ungebaendigte
+Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
+Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
+seiner Seite schreiten sah, glaubte, dass sie sich noch immer damit
+beschaeftige, wie wohl das Konzert ausfallen wuerde, in welchem Ruth heute
+abend zum ersten Male oeffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
+beschloss er, ein neues Gespraech anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Seine Bartspitze drehend, gruebelte er darueber nach, auf welche
+Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
+Seite.
+
+"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann ploetzlich an, "bei
+Superintendents ist man wohl uebergluecklich, dass der Ausreisser wieder da
+ist? Ist uebrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+mir."
+
+"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank,
+dass er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
+auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe uebrigens nie daran
+gezweifelt, dass ein tuechtiger Kern in ihm stecke."
+
+"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein.
+
+"Er hat Ihnen wohl erzaehlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte
+Ilse.
+
+"Ja wohl, alles ganz ausfuehrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
+Junge hat uebrigens viel Glueck gehabt, denn da drueben gibt's nur zweierlei,
+entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Dass die
+amerikanische Familie sich bei der Ueberfahrt auf der Germania, auf welcher
+sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fuer ihn so lebhaft
+interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
+denken freier als wir; ich bin ja lange drueben gewesen und kenne die
+Verhaeltnisse genau. Dass der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
+eben gar nicht, als praktischer Geschaeftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, dass er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
+Geschaeft gebrauchen koenne, na, und da war die Sache bald abgemacht."
+
+"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er
+hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fuer ihn wie eine Mutter,
+und bloss, weil ihn die andern im Geschaefte wegen seiner Aussprache des
+Englischen haenselten, ging er fort, - das haette er nicht tun sollen."
+
+"Das musste er wohl tun, das war ganz verstaendig von ihm," widersprach
+Onkel Heinz, "so wird das da drueben gemacht, da kennt man keine
+Sentimentalitaeten. Er handelte ganz richtig, dass er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
+Zeiten muss der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehoert
+dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone."
+
+"Er muss jetzt als Prokurist in dem grossen Bankhause in San Franzisko eine
+brillante Stellung haben. Rosi erzaehlte mir strahlend davon," meinte Ilse.
+
+"Natuerlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
+geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen waere,
+unter den spiessbuergerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur
+Antwort.
+
+"Aber dass er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
+hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+
+"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er
+wollte erst was ordentliches werden. Und fuer Ihre Freundin Rosi war diese
+Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrueckt erzogen, der haette
+ganz anders behandelt werden muessen."
+
+"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafuer buessen muessen; fuer
+die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse.
+
+"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
+gern leiden, nur muesste er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie
+ueberhaupt alle verheirateten Maenner. Gott sei Dank, dass mich der Himmel
+vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
+einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
+
+"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse
+lachend.
+
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
+er darueber dachte.
+
+"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, waehrend
+sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen
+Sie wohl, wie gut es war, dass ich Sie abholte, ich weiss doch auch ganz
+genau, was fuer Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
+Herbstluft ist fuer erregte Gemueter jedenfalls viel besser als Ihr altes
+Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte."
+
+"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war
+ja Bromkali -"
+
+"Weiss schon, weiss schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs
+alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
+Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nuetzen."
+
+"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es
+nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte
+sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+angelangt. Er gab zur Antwort, dass er lieber heim gehen und sie dann
+spaeter in der Kirche treffen wolle, seine Kroete koenne er ja jetzt doch
+nicht sprechen, die muesse Ruhe haben.
+
+ [Illustration]
+
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
+bemerkte er, dass bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit uebrig
+war, und er ueberlegte sich deshalb, dass es sich gar nicht lohnen wuerde,
+vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, dass
+es wohl besser waere, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
+fuer Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfruege, ob alles in Ordnung
+sei. Die Verkaeuferin hatte sich schon am Morgen ueber den "wunderlichen
+alten Herrn" amuesiert, der in umstaendlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
+werden sollten. Alle Vorschlaege, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
+und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tuepfelchen
+anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
+angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
+Tuerkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kroete zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
+genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu maekeln
+und zog hier noch eine Bluete, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+Meinung in die Farbenharmonie nicht passten. Wer wohl diese Gabe, die dem
+alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das haette das junge
+Maedchen in dem Laden gar zu gern gewusst, denn eine Frau besass er nicht,
+das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fuer einen Braeutigam
+war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten
+Male an diesem Tage - da musste sie unwillkuerlich lachen; sie gab ihm aber
+auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
+und puenktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
+jedoch, dass so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
+vorgekommen waere, trotzdem sie mit allen moeglichen Menschen verkehren
+musste.
+
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
+Schrittes die Strasse ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
+Konzert stattfinden sollte, fuehrte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+doch keine Kleinigkeit und wichtig fuer ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+erleuchtet, und ueber die breite Treppe, die nach dem Eingang fuehrte,
+schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+grosse Tuer verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
+trat endlich gleichfalls durch das weit geoeffnete Portal. Der maechtige
+Raum war mit Menschen bereits dicht gefuellt. Die flackernden Lichter
+warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Saeulen und die dunkle Holzvertaefelung der
+Kirchenstuehle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
+betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
+seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
+Althoffs mit Aennchen, Flora mit den kraeftigen Zwillingen, Rosi nebst
+Familie - und wer sass da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
+bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
+erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
+Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
+Maedchengestalt neben ihm, waehrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der
+Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
+Der Professor fand, dass Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
+sich jetzt an ihrer Seite niederliess, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
+Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ueber ihre Stimmung
+hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
+die Koepfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
+bewegen, waehrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
+so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schoepfung von Haydn, wusste
+er nicht zu wuerdigen, denn er war gaenzlich unmusikalisch, und nur Gesang
+konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hoerte er schon zu, als die Choere
+gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
+Bartspitze zu drehen, und waehrend er gespannt hinhorchte, waren seine
+Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+Stimme die Befangenheit der jungen Saengerin, zaghaft und scheu glitten die
+Toene ueber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+reinen, maechtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
+Herzen der Zuhoerer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
+ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ueber die
+herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
+besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, dass sich
+die Haende zu begeistertem Beifall ruehrten. Leo hielt Ilses Hand in der
+seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
+fluesterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, dass Sie keine Angst zu haben brauchten,
+hatte ich nun nicht recht?" Sie laechelte wie verklaert, sagte aber nichts,
+denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schoene
+Arie: 'Nun beut die Flur.' Andaechtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdruecktes Huesteln unterbrach
+manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sass jetzt Ilse da. Ihre
+Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
+Zuversicht, dass ihr Kind etwas Bedeutendes leisten koenne und wuerde. Aber
+trotzdem vergass sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
+vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
+streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
+und immer wieder vorhielt und einpraegte. Als das Konzert sein Ende
+erreicht hatte, entstand eine foermliche Aufregung im Publikum, und der
+Andrang zu Gontraus war gross: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
+heran, um zu dem ersten grossen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
+Professor war dem Gewuehl entflohen und hatte sich in eine Ecke gefluechtet,
+um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen haette, welche die Treppe von
+den Emporen herunterkam. Neugierig spaehte er, ob er nicht Ruths Koepfchen
+dazwischen entdecken koenne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
+vorbei. Nach und nach hoerte das Gedraenge etwas auf, er kroch aus seiner
+Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
+uebersehen zu koennen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
+Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsuechtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glaenzenden Augen. Leichtfuessig huepfte sie herunter, und als sie Onkel
+Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
+in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwaehrend; sprechen konnte er nicht viel,
+nur die Worte: "Alte, gute Kroete," wiederholte er immer wieder, und eine
+ruehrende vaeterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+graukoepfige Hagestolz das junge, bluehende Maedchen umschlossen. Aber dann
+machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
+es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
+Armen. Auch Leo kuesste sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
+die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debuetantin, jeder
+wollte sie zuerst beglueckwuenschen, ihr zuerst die Hand druecken. Nellie war
+ganz geruehrt, und Flora erinnerte daran, dass sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine grosse Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
+Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Kuenstlerin viel lobende Worte.
+Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos voruebergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurueckgelassen, und
+der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkuerlich ergriff sie seine Hand.
+
+"O, was ein schoenes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als
+die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
+war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
+Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
+gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmuetige Zug, der ihr in frueheren
+Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben fuer die beiden Ehegatten doch anders
+gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
+wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
+lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
+sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
+wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schoenes musste es wohl sein, denn
+sie sahen froh und gluecklich aus. Waehrend diese Stimmungen noch die
+Gemueter in der verschiedensten Weise beherrschten, hoerte man ploetzlich das
+absichtlich laute und auffaellige Klappern eines Schluesselbundes, und mit
+harten Schritten ging der Kastellan ueber die Steinfliesen, um die Lichter
+auszudrehen, und gab damit zu verstehen, dass es jetzt an der Zeit sei,
+heimzugehen.
+
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
+ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Strassen war wie an
+einem schoenen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
+die Gefeierte; bedaechtig gingen die Alten hinterher.
+
+"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
+auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmuetig fuegte sie hinzu mit einem
+Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages
+fliegen beide aus dem Neste."
+
+"Ueber so etwas muss man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel
+Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
+Gefuehl, wenn er daran dachte, seine beiden Kroeten einmal hergeben zu
+muessen.
+
+"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?"
+fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+
+"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
+einmal flog ein spoettisches Laecheln ueber sein Gesicht, und er sagte: "Dann
+schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau."
+
+Es war natuerlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ueber die Stimmung
+hinwegbringen wollte, die etwas ruehrselig zu werden drohte, und das liebte
+er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+
+"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das
+wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
+haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
+vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
+spielen, Onkel Heinz."
+
+"Na, das wird was Schoenes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine
+schreibende Frau? Brr!"
+
+"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fuer
+Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
+- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbaendig, ein rechter boeser Trotzkopf.
+Und was ich dann alles leiden und ertragen musste, und wie ich geheilt
+wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz."
+
+"Durch mich?" fragte er, sie unglaeubig ansehend.
+
+"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit
+ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
+ihm, dass sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzaehlung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, dass die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+Titel "Trotzkopf als Grossmutter" in gleichem Verlag erschienen ist.
+
+
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter.
+
+Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht
+vereinheitlicht.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Unsinn."
+ Seite 15: "ueherhaupt" geaendert in "ueberhaupt"
+ Seite 76: "Schmids" geaendert in "Schmidts"
+ Seite 90: "langezogene" geaendert in "langgezogene"
+ Seite 113: Punkt ergaenzt hinter "Gefuehlen"
+ Seite 149: "Arger" geaendert in "Aerger"
+ Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las"
+ Seite 201: "Profossor" geaendert in "Professor"
+ Seite 208: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter
+ "abschlagen."
+ Seite 223: Komma ergaenzt hinter "Zwillinge"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+April 2, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39350.txt or 39350.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Creating the works from public domain print editions means that no one
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
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+1.C.
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+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
+1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
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+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
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+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
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+
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+
+1.E.4.
+
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
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+ Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
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+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
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+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
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+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
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+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+1.F.3.
+
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+
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+
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+
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+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
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