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RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH) +JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK + +Vierzigste Auflage + +STUTTGART +GUSTAV WEISE VERLAG + + + + + + Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. + + + + + + + [Illustration: Ornament] + +„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“ schallte es von hellen Kinderstimmen +durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen +Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die +Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet hatte und hineinschaute. +Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte +ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam +nicht los. + +„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“ rief er endlich; „wartet, +ihr Kröten, ich werde euch kommen!“ + +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der +Junge aber und das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit +blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein +Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten. + +„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“ gebot Ilse, welche in +diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte +dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth +aber, Gontraus wilde Älteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten +sich hinter seinen Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei +zurück. Das war ein Hauptspaß. + +„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“ legte sich Nellie jetzt ins +Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten +wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe. + +„Ja, nun hört endlich auf,“ gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten +die Übermütigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den +Worten: + +„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?“ + +„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts,“ gab +er zur Antwort. + +„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“ rief es nun schon wieder, und da +stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er beide auf einen Stuhl +neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, und +bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis über die +Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. +Natürlich ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, +bis Ilse der Sache ein Ende machte. + +„Nun ist’s genug,“ sagte sie; „kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in +mein Zimmer.“ + +„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“ rief es von allen +Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an +seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er +nicht von der Stelle konnte. + +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu +warfen sich die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war +ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch +Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der +wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde +von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die +Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern +leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel. + +„Ihr seid eine Gesellschaft,“ sagte Ilse kopfschüttelnd, aber solche +Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche +erschien. + +„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“ meinte Nellie, als sie den +Professor ansah. + +„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“ rief er ihnen mit scheinbar bösem +Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine +lustig zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn +er ernstlich böse war. + +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände +gerutscht waren, rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein +kurzgeschorenes Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie +vor gerade in die Höhe, tadellos in Reih und Glied. + +„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?“ fragte Ruth, und +die andern bettelten ebenfalls. + +„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“ quälte sie, als die Mutter +keine Miene machte, ihre Bitte zu erfüllen. + +„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“ legte er sich nun auch ins +Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling +Ruth etwas abgeschlagen wurde. + +„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen +damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß +sie in der Kinderstube bleiben sollten. + +Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges +Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen +zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen +sollte. + +Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem +großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. +Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig +verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, +waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas +voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten +gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie +hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre +reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige +Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die +Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu +sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie +früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu +sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“ +stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie +auch recht. + +Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig +schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin +Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und +gesiegt. + +An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte +Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, +die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. + +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, +und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine +würdige Frau Superintendentin geworden war. + +Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und +konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider +machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und +da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die +lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch +nicht im mindesten zusammen. + +„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das +nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die +sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie +mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das +lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit +den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe +an ihr. + +In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und +meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde +dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen, +ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse +zum Bleiben. + +„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und +öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen +konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein +Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen, +ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung +senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur, +und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel. + +Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu +Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie +kannte ihn, er ließ sich gerne zureden. + +„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie +wußte, daß er schließlich doch bleiben würde. + +„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem +Nachdruck, „das ist auch recht gut.“ + +„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen +Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die +Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter +Bücherkram.“ + +„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und +„Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen +Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, +Ilse kannte es genau. + +„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort. + +„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das +nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch +mal ausruhen.“ + +„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade +freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte +seine Art. + +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als +Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in +B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. +Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte +mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in +die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach +seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte +mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein +Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen +Umständlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine +eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz +aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse +mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht +ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne +einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische +und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, +nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur +wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der +Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der +Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in +Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe +zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er +ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, +Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. +Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber +auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. – + +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred +selbst zu holen. + +„Ich kann ja das Mädchen schicken,“ meinte Ilse, aber Nellie ließ das +nicht zu. + +„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will +deshalb lieber selbst gehen,“ antwortete sie ausweichend. Doch in +Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, +nach Gontraus zu kommen. + +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen +an. + +„Sie bleiben auf jeden Fall,“ sagte Ilse, ihn zurückhaltend, und wies +jeden Einwand, den er machen wollte, zurück. + +„Wissen Sie was,“ rief sie plötzlich, „ich habe heute morgen Waldmeister +gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem +Jahre, Onkel Heinz – können Sie da widerstehen?“ + +Er lachte. + +Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die +ihnen entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und +der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja +unliebenswürdig, und ließen ihn bald als „komischen Kauz“ ganz links +liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe, +ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft versammelt war. + +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne +langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben. + +„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als dazubleiben,“ sagte er +vergnügt, „aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht, +er macht sie regelmäßig zu süß.“ + +„Natürlich, natürlich,“ sagte Ilse, „doch dann müssen Sie mit in die Küche +kommen, Onkel Heinz.“ + +Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen. +Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen +erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte +ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf +einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher +schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte +natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel +Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er nocheinmal ein +Glas an den Mund – sie war gut geraten. + +„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“ fragte er. + +„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“ riefen sie durcheinander, und zugleich +wollten alle nach dem frisch gefüllten Glase greifen, das er hoch in der +Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreißen konnten. + +„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar +nichts!“ Damit drängte er die verlangenden Kinderhände zurück, und der +Reihe nach bekam jedes zu kosten. + +Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch +einige Male nach. + +„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“ sagte er schmunzelnd und freute +sich über den guten Zug des Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen +berechtigte. + +„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so viel Bowle zu +trinken geben,“ rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kräftigen +Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. + +„Das schadet ihnen doch nichts,“ entgegnete Onkel Heinz. + +„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen +schädlich!“ + +„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich sein, wer sagt +das?“ + +„Nun unser Arzt behauptet es,“ gab Ilse zur Antwort. + +„Na ja, die Ärzte!“ fiel Onkel Heinz mit höhnischem Lachen ein; „wenn die +so etwas behaupten, können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist +es nur Unsinn.“ + +Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, +ihre Laune war an diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie +sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über +diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Mißstimmung zurück. + +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu +Bett. Dem Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig +aufbleiben könnte, setzte sie ein unerschütterliches „Nein“ entgegen. + +Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und +Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen +derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es +noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner +Weise den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und +blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete +jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich +hellglänzend vom Himmel ab. + +„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“ fragte Leo und sah seine Ilse +überglücklich an. Die Freude über das gemütliche Zusammensein blickte ihm +so recht lebhaft aus den Augen. „Althoff, Sie trinken ja gar nicht, +trinken Sie doch mal aus,“ mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit +Argusaugen darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm +leise zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke +Kopfschmerzen bekäme. + +Ilse hatte die leise Warnung gehört. + +„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar +nicht erlaubt,“ rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals +eigenhändig ein. + +„O,“ sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick auf das frischgefüllte +Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. +Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den +Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, wo er säße, ein kühler +Luftzug herein. + +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der +Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen +Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja! + +„Nein, nein, kein Licht, Marie,“ rief Ilse, als das Mädchen jetzt die +Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche Mondesschimmer mit dem +gelblichen Scheine unschön vermischte. + +Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die +frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, +immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, +unbelauscht zu sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne! +So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens +verfolgte sie fortwährend. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff +von der neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte +die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über +Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie +empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu +unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flügel +zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In solcher +Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, daß sie +gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor +und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein +abenteuerlicher Plan. + +„Kinder,“ rief sie plötzlich laut und erregt, „ich habe eine Idee!“ + +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit +auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer +werden müsse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse +sich ihr zuwandte. + +„Darling, was hast du für eine Idee?“ fragte Nellie. + +„Famos, famos!“ jubelte Ilse. „Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr +nicht nein sagt, wollt ihr das?“ + +„Da könnten wir ja schön reinfallen,“ sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: +„Ja, Schatz, für so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“ + +„Also hört,“ fuhr Ilse fort, „in vier Tagen haben wir Vollmond –“ + +„In fünf Tagen,“ verbesserte der Professor ruhig. + +„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; überhaupt, +Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir +Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie +poetisch, wie romantisch!“ + +Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser +plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der +Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar +zu sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen +in den glühendsten Farben aus, wie schön es sein würde, bis sie +schließlich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte. + +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau +außerordentlich verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als +sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus +seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der +Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der +nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde +ihm ja auch sehr gut sein. + +So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten +der Partie über, die am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, +als Onkel Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde, +er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein +wahrer Sturm über sein Haupt los! + +„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,“ +sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es schließlich doch +tat. + +„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“ erwiderte Onkel Heinz mit +einigem Nachdruck, „was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben +zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob +ich mitgehe oder nicht!“ + +„Natürlich haben wir etwas davon,“ sagte Ilse lustig herausfordernd, „ich +hätte ja sonst niemand, den ich ärgern könnte.“ + +„Ja, da haben Sie recht,“ gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das +sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung. + +„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“ lachte Ilse und erhob ihr Glas, +um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei +empfindlich berührte. „Und nicht wahr, Sie gehen mit?“ Dem liebenswürdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen. + +„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“ sagte er befriedigt. + +Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die +bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen. +Zum Schluß kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. + +„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die +Pastorin war nicht seine beste Freundin. + +„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst +erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige +Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es +auch! + + * * * + +In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi +auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit +Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig +flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und +Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als +Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles +trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein +Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit +den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es +jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben +auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, +machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den +Freundinnen wäre. + +In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten +Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier +Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen +Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der +Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende +Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und feinfühlende Seelen würden in +diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen +standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der +Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese +Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten +Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, +gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der +Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, +gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war +natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, +wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen +aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten +für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie +selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte +vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen +mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die +Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen +Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur +aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie +führte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem +Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den +Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die +neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, +und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig +aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins +Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum. + +„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie +oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“ + +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, +legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, +die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. + +„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“ + +„Ja, Mutter, alles.“ + +„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“ + +Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“ + +Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn +an. + +„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt +und nicht an das Arbeiten denkt.“ + +„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein. + +„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn +die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das +Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!“ + +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte +darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen +Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu +sitzen. + +„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken +gleich Kaffee.“ + +Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht +Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, +vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling. + +„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, +als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein +Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die +Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich +ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die +sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte. + +„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie +viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“ + +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel +sie heute daran gearbeitet hatte. + +„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick +glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“ + +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den +Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem +öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. + +„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, +als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte. + +„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“ +fragte sie freundlich. + +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen +großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln +an zu klappern. + +„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das +faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung +bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie +als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im +Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische +keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein +allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war +noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm +geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen +Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte +sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn. + +„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie +den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den +Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“ + +Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse. + +„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“ +fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“ + +„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat +wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch +einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen +Stoß, damit er etwas sagen solle. + +„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies +immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn +das?“ + +„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete +der Junge offen. + +„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie +etwas werden.“ + +„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten +das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich +ihm beruhigend über das blonde Haar. + +Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß +Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß +aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves +Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl +im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen +verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen. +Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken. +Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, +schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten; +blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die +Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem +Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit +sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das +Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell +hinaus. + +„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder, +unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer +Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der +Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. + +„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der +Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. +Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir +geworden.“ + +„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn +wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt. + +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie +hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber +das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden +um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war +dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern +aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das +Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu. + +„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit +deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. + +„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das +Geschirr stehen ließ. + +„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem +Tone nach. + +„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als +Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll. + +„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das +gehört sich nicht.“ + +„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so +etwas mit anhören.“ + +„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf. + +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem +Blicke. + +„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich, +wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“ + +„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen +schwach.“ + +„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz. + +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über +ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die +kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den +Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das +Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und +hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle +Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel. + +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben +verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich: + +„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ, +weil mich die dumme Sonne blendete.“ + +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante +Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und +sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, +wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären. + +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, +packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie +gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr +wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei. + +Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden +eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre +Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, +wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin +bewahrte stets eine gewisse Steifheit. + +„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies, +die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war. + +„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen +Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen +sein.“ + +„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von +Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie +viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. + +„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es +wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein. + +„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat +zu tun.“ + +„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt +denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich, +daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so +wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das +ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu +habe.“ + +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese +Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv +ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich +Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für +ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und +schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber +Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie +herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun +wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu +steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging, +und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben. + +„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst +überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“ + +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich +will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer. + +„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie, +und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder +aus ihren Grübchen. + +„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja +mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“ + +„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung. + +„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“ +rief Ilse begeistert. + +Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie +eben nicht. + +„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis +Einwände gar nicht gehört. + +„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu +Ende, und sie kochte innerlich. + +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich +in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten +nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins +Schloß. + +„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun +willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“ + +„Ja, aber wie so denn, Rosi?“ + +„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie +denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist +und am besten gefällt.“ + +„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts +Freies.“ + +„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen +unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“ + +„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig. + +„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi +fort. + +„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann +laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“ + +„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“ + +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese +Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, +gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden. + +„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die +Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine +Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“ + +Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre +Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen +Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem +Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte +seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies +war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren +Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er +blieb stumm. + +„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal +anzufangen. + +Keine Antwort! + +„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“ +das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“ + +Wiederum Schweigen! + +Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange +nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der +Tischdecke. + +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. + +„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger +gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit +Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von +dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den +Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung +doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“ + +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und +erregt wandte sie sich zum Gehen. + +„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du +keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“ + +Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, +stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an. + +Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für +alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung +über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über +die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie +Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches +gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi +träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen +ebenso dachten, wie sie. + + * * * + + [Illustration] + +Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer +Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl +hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es +bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes +Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu +bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer +gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika +gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe +verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze +Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er +und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen +gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse +dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe +noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie +merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die +Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden. + +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem +Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für +eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet +sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, +den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich +seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen +nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort +schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, +das untrüglichste Zeichen seines Unmutes. + +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz +geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem +Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre +Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten. + +„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß +Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen +entnahm, die sie in den ihrigen steckte. + +„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell +die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der +Hand. + +„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast +gar nichts zu tragen hat?“ + +„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in +letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das +Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen. + +„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du +lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die +Modekrankheit.“ + +Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte +nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser. + +„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus +dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die +Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in +neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen. + +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus +der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester +Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune +und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr +dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden +Blick zuwarf und vergnügt mitlachte. + +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, +nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, +jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach +belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt +daran sehen. + +„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit +seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche +Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls +stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, +schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und +stehen blieb, um auf die übrigen zu warten. + +Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. +Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die +Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen +wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den +Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben +prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige +Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel +genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der +Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik +anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein +Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und +wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als +die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe +hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrünen +Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen +tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings. + +„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele +und hing sich an seinen Arm. + +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein +wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur +sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe. + +Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen +Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer +und natürlich auch den von Onkel Heinz. + +„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick +verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und +Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. + +„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und +Gelb!“ rief Ilse. + +„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend. + +Ilse wandte sich ab. + +„Na, denn nicht,“ meinte sie. + +„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz +nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“ + +„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig +nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo +seiner Schritte. + +„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche +Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen +Lächeln. + +„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol +habe ich den Ortler bestiegen.“ + +„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel +Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen +in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen +einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine +interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam +zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge +war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war +durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. +Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm +nicht zugetraut hätte. + +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende +Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den +Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich +in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen +Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, +als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und +die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die +durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand. + +Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die +Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, +verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf +den Zweigen. + +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare +im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz +voran. + +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als +draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. +Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie +glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald +spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte +wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden +Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr +vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden +wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. +Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit +angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken +großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. +Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die +schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie +sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – +ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung +zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse +atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr +zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren +auch die andern meistens still. + +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem +frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite +rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch +seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe +gehenden Natur ein Schlummerlied. + +„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe. + +„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von +den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der +liebenswürdigsten Weise. + +„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und +diesmal antwortete er liebevoller. + +„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“ + +„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“ +fragte Nellie eifrig. + +„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel +Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“ + +„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie. + +„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit +Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als +Gegengift.“ + +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas +einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit +Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen +Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte, +schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich. + +Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und +rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf +einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes +erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen +mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten +majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe +Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters das den Wald abschloß, fiel mit +dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem +Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie +Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß +waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die +Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine +Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das +Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller +Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit +durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken +von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den +freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen +und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine +Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden +tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und +betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die +Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und +nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er +hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen +wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. +Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig +vor ihm standen. + +„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da +oben wohl noch geben.“ + +„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und +warf ihren Rucksack auf den Stuhl. + +„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich +in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn +ächzten. + +„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu +genießen,“ rief er hinaus. + +Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese +blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch +Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand +lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, +krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden +Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen +Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an. + +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie +hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben +wollte, eingehend den Weg besprochen. + +Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den +dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silberglänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt +verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese +vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der +steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen. + +Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals +krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend +etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für +furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo +nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war +es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie +doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht +unterdrücken. + +„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben. + +„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“ + +Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen +und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem +Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die +spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das +Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die +Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt +gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte. + +„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und +sehen Sie es sich an!“ rief er laut. + +Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie +ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller +Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. + +„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte +Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie +entschuldigen wollte. + +„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an +Gespenster zu glauben?“ + +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht. + +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, +Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. +Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben +konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie +wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. + + [Illustration] + +Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg +und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete +tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war +der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man +allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, +ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem +steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter +Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als +hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die +Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn +unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird +nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle +Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele. + +Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im +Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame +Stille herrschte ringsumher. + +„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie. + +„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred. + +„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“ +erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, +goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht +schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem +Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen +sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“ + +Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte +man nicht nach dem Äußeren beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu +lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft +Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. +Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets +absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es +sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das +härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der +sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel. + +Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses +auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf +welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus +immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer +Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den +Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im +tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine +Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im +Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten +Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, +bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl sein im +hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, +dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn +Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie +sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, +lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen. + +Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut +zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, +durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten +Kognak. + +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die +Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die +Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die +Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall +aufgenommen wurde. + +„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel +Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um +ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch. + +„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt. + +„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch +sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten +nur über alles spotten und höhnen.“ + +Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja nicht, daß dieser Hieb +die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft +ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung +war es nun geschehen. + +Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem +Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den +Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte +und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm. + +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf +dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er +auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der +hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse +heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und +er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, +vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen +Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß +am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender +Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder +verschwand. + +Lange noch blieb der Professor draußen. + +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es +sollte früh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten +Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. +Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig +gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das +helle Mondlicht hätte ihn gestört. + +„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch, +wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen +Frühlingsmorgen. + +„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht +geschlafen,“ erwiderte er mißmutig. + +„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“ +fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte. + +„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“ + +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen +Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft +bedauert wurde. + +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es +überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder +dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas +behauptete. + +Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, +hatte ihm innerlich schon die schönsten Beinamen gegeben, wie „alter +Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen +neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen. + +Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der +Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind +trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte +hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel +flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb +Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an. + +„Schneeluft,“ sagte Althoff. + +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont +bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber +wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht +legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, +aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja +jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm +ihn wieder mit fort. + +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und +darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die +Füße bis über die Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand +diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut +genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich +höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, +wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von +Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt. + +„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“ +rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, +umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. + +„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd +und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht. + +„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und +wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken. + +„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und +schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher +gegangen,“ sagte er dann zu Leo. + +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner +Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die +drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß +er unrecht hatte. + +„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er. + +„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig, +Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der +Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“ + +„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“ +entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht. + +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle +Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie +jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede +Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette +Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen +in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies +schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie +keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie +ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie +lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. +Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts +dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die +Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. + +„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen +es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu +scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in +sich versunken ging er weiter. + +Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue +Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien +die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube +hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden +erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als +eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten +zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen +zu lächeln. + +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße +einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin +und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. +Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein +Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den +Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in +letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz +nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem +zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch +hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war +fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem +regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden +können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und +Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie +großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und +prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein +Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, +war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die +Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört +sahen die Männer aus. + +Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes +Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie +die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. +Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten +Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein +Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, +im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder +in hellster Aufregung gewesen war. + +Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, +erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte +kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden +Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder +entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt, +der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem +Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und +sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich +verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn +lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja +herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine +Rede. + +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und +Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und +Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, +die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten +alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, +denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder +bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war +die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die +Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand +Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem +Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der +Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel +Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war +schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz +aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt +hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem +neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb +keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei +dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch +keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine +Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf +Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff. + +„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die +übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches +Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war +Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das +mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater +gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die +Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich +auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach, +denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten +noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu +überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der +andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie +zum Schluß kamen. + +„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen +könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die +Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen +hinaus. + +Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der +Professor nie viel übrig gehabt. + +„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu +tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte +Antwort. + +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit +davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte +darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. – + +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der +schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des +milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis. +Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der +heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die +über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt +lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen +Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen +Schimmer. + +Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, +die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die +stille Nacht. + + * * * + +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der +Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste +besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. +Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das +Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu +wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu +verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die +Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater +wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige +Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor +Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts +anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder +mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den +Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und +begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine +Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie +horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern +sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine +Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das +stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem +Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften +Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren +großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre +Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth +dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und +wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie +in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank +im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen +Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein +Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß. + +Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: +„die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und +„die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch +jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: +die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur +derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung +zustandegebracht hat. + +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie +erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige +Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für +einen so guten Zweck herzugeben. + +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas +viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen +zusammen zu holen. + +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und +Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, +engherzigen Ansichten der Menschen ergangen. + +„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen +Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob +von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses +Blut in Wallung. + +„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von +meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“ + +„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen +herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der +öffentlichen Kritik ausgesetzt?“ + +„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“ + +Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz +einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die +beiden gaben jeden weiteren Versuch auf. + +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, +daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre +Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber +schön gespielt!“ + +„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie +stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie +brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“ + +„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile +solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will +mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“ + +„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch +keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über +solche Anschauungen. + +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun +einmal anders. + +Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden. + +„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der +Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte +die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln +und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den +Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten +sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing +sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die +viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf. + +„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“ +tröstete sie. + +Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die +Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas +für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet +hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder +Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in +den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu +werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und +ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das +Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie +dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, +selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon +oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen. + +„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte +Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, +bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. + +„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte +Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit +der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr +gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu. + +Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit +keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze +zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“ +nahte. + +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und +Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts +dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer +Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, +ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde. + + [Illustration] + +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich +besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging +es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache +war abgemacht. + +Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen +ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses +Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren +Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, +gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch +mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön +und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer +wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. + +Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich? + +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube +Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born +zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als +ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde. + +„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste +Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die +Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht +und wäre doch zu kurz. + +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich +bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache +etwas in Gang. + +„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle +fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. +Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht +blamieren.“ + +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es +wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten +Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden +Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv +mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer +Kritiker sein. + +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete +sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, +der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den +nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde. + +„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung. + +„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht +spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche +nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie +später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, +könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja +nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“ +jammerte sie. + +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, +Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt +der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal +bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen. + +Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus +Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen. + +„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born +als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“ + +„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie. + +„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das +übernehmen?“ fragte Leo. + +„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“ +sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel +hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“ + +„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie. +„Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem +Akzent paßt doch wohl nicht?“ + +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das +Dienstmädchen. + +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen +Kräfte wieder einzufangen. + +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem +Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften +Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei. + +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! + +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen +wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der +Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen +die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete +einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen +beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer +solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie +diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge +derselben auseinandersetzte. + +Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube +Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen. + +„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen +schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen +sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“ + +„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging +es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, +weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem +griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie! + +Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor +dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, +die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete +sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle +einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen. + +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder +aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt. + +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen +versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend +beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere +Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die +Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte +eine große Angst, ob alles gut gehen würde. + +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte +nun die erste auf der Bühne stattfinden. + +„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse +wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo +so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur +Generalprobe vertröstet. + +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser +leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. – + +Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der +Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. +Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen +im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und +tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige +Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen +überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. +Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere +Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst +war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich +nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie +bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich +untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen +sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu +erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, +einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt +bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, +öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die +meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über +Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die +Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, +ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, +stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. +Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch +die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen +Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im +Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen +sah sie in das leere Haus! + +Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst +befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten +und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch +leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit. + +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises +Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. +Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an. + +„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im +gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den +hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen: + +„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“ + +Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß +noch einmal von vorn anfangen. + +Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und +der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und +nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der +Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung +herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen +nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen. + +Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half +nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war. + +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche +schluchzend in ihrer Garderobe saß. + +„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie +denn?“ redete ihr Ilse zu. + +„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das +Kind außer sich zur Antwort. + +„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete +Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen. + +„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht +mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine +Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“ + +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen +wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, +als zuvor. + +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine +Notiz genommen hatte. + +„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös +zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht +mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“ + +„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab +er eilig zur Antwort. + +„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“ + +„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte +jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur +„Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen. + +Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von +Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“ +auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer +erzürnten Göttin. + +Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte +schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht +mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem +Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft +tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in +einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie +„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die +Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten +sie nicht aufrütteln. + +„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief +Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an, +die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von +dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in +Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren. + +Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden +ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der +Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das +reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt +gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den +ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal +geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte +immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf +seinem Sitze unruhig hin und her rückte. + +„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser +Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde. + +Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel +glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der +Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen +Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das +„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die +Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine +Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, +scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt. + +„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich +schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“ + +Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung +– Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; +wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter +die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie +in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer +zwei an diesem Abend. + +Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt +und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand +sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr +die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich. + +Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, +sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging. + +„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben +doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser +machen.“ + +„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit +spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine +besondere Rücksicht.“ + +„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“ +meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“ + +„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie +eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber +aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“ + +„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein +Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung +doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht +deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu +glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“ + +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen +mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein +Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich +sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht +mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem +Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für +zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder +an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden +Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein +Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem +Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter, +sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden +einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll +zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie +sogar schon gelächelt. + +Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich +Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen +werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die +Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer +Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln +an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen +überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, +glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie +stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur +andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. +Dann erst wurde die Türe geöffnet. + +„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, +aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes +Gesicht sah. + +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel +Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden. + +Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es +herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete +und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im +„ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher +zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch +keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen +Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge +Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle +werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei +Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen +die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch +ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft +gelacht. + +Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen +den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals +nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht +in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am +liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, +aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war +und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte. + +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und +Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken. + +Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als +unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs +Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der +Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die +sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt +hatten. + +Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne +es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen. + +Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös +von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen. + +„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte +Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!“ + +Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht +gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte +ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite +auffaßte. + +„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse, +„und was machen wir dann?“ + +Leo lachte sie aus. + +„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und +sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für +alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog +sie in seine Arme. + +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt +sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den +andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und +Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, +erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts +noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein +entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die +Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von +ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in +diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle +Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich +erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, +Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten +geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der +Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit +Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen +Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt +umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und +Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen +– sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in +der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles +vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da. + +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, +aber seine Türe war verschlossen gewesen. + +Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen +Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich +nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie +nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen. + +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten +Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis +zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi. + +„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen +Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, +konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in +welcher Rosi danach fragte. + +„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr +sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“ + +Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie +bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“ + +„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“ + +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu +groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater. + +Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien +wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die +Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und +nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch +die Lust und Begeisterung wieder ein. + +Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und +trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben +teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. + +Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe +Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen. + +Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung +ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde +gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute +Kritiken nicht mehr übel. + +Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet +und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei +der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als +das erste Mal. + +So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich +nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung +stattfinden. + +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch +konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur +verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort +sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie +fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange. + +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl +von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge +daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. + +Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst +einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle +möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie +daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch +– welcher Zauber lag in dem Gedanken! + +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. +Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten +wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine +Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte +über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit +aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm +bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem +Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten +löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem +Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom +Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in +den Händen und memorierte fortwährend. + +„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als +Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch +wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“ + + [Illustration] + +„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe +ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen. + +Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas +fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie +sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst +die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß, +wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht, +diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche +der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet. + +In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. +Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so +vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören; +besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur +hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur +heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das +blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den +Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife +zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das +sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des +Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein +Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen. + +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung +würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken +bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus +zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, +zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! + +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei +Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter +die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch +verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber. + +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort +förmlich umringt. + +„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“ + +„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst +frisieren!“ + +„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so +richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“ + +Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und +Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; +endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste. + +„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben +waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter, +etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler +versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die +Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das +reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher +Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen. + +In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born +stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“ +zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken +noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. + +„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als +die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen +Dienstmädchenkleid erschien. + +„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, +sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte +dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“ + +Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von +den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem +Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten +fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die +weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und +keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben. + +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor +sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand +hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das +sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte +Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. + +„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön +von Ihnen abstechen!“ + +Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“, +das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war +eigentlich zu ärgerlich. + +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, +deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, +jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender +Blick in den Spiegel. + +„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel – +schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber +fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“ + +Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten +Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt +der Muse das volle Weinglas an die Lippen. + +„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, – +dann rauschte es hinaus. + +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne +versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins +Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in +dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch +strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden +Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den +bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen +mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die +Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen! + +Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den +Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders +laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten +einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine +Instrumente stimmte. + +Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen +zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte. + +Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die +allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum +ersten Male hebt, nachfühlen! + +Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde +im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll +Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände +und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige +Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des +Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder +weniger ergriffen hatte. + +Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte +Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein +Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe. + +Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war +demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den +Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das +vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten +Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern +über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme +wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber. + +„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den +Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, +und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des +„Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder +heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines +solchen Augenblicks beschreiben! + +Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die +tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit +hielt. + +„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich +wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden +helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln. +Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare +wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und +unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz. + +„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“ +sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn. + +„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte +der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen +kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend. + +„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller +Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen +widerlichen, unverschämten Menschen. + +Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika +entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und +auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt +und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube +Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit +lachte. + +Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende +war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, +ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant +überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke +konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete. + +„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den +Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen +steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“, +so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er +wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen +bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber +beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben +mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören. +Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es +nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. + +Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen +eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich +und würde es sicher nicht tun. + +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, +sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt +die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja +darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie. + +„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch +ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und +die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“ + +Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien, +erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. +Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und +sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel +zupfte und zur Ruhe verwies. + +Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der +wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar +einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse +Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, +wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch +auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik +getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die +Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die +guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben. + +„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“ +sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, +aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war. + +„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie +ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“ + +Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte. + +„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld +ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem +vollen Hause um. + +Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige +Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner +Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt +hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die +Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der +Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz. + +Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die +„Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke +gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie +diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und +zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; +unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte +dankten sogar mit lauten Bravorufen. – + +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden +Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren +Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen +übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife +und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und +wieder in das alltägliche verwandelt. + +Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches +Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie +schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das +bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig +versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei. + +Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit +ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – +vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“ + +Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der +Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 +Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes +Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die +Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes +Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so +viel Jammer und Elend zu lindern. + +In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur +dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten +klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in +Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, +daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur +wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache +eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches +anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte +trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr +würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen +triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft +haben. – + +Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und +hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im +Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, +die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes +mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll +etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn +Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand +nehmen.“ + +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet +und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung +zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in +der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber +für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum +ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz +und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten +nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse +fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen +und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit +Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte +stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den +beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, +Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch. + +Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. +Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte +sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst +Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, +welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. +Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn +vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter. + +Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen +„Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl +gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er +noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können, +aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich +vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen +übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. +Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte +wohl mal wieder!“ + +„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse +später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung +äußerte, daß der Professor zürne. + +„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit +abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen +er seine Frau ansah, straften ihn Lügen. + +„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am +meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine +Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders +geworden, nicht wahr?“ + +Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß +sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil +sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran +erinnern ließ. + +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief +sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie +erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch +immer so reizen!“ + +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung +verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer +Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige +Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf. + +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und +mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend +heimkehrte. + +Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz +von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des +einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er +auch nicht zu ihnen geschickt! + +„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und +doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“ +rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, +als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer +leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz +nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen. + +Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen +und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe. + +Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor +durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche +wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, +deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie +mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle. + +„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse +hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt +empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der +sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn +nächst ihren Eltern am meisten liebten. + +Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, +einen Brief hoch in der Luft schwenkend. + +„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen – +heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig +abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller +Freude. + +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb +er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit +Mutter und Schwester erwarten würde. + +Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, +ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz +geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. + +„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben. +Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft. + +Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer +wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr +geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben. + +„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine +Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen. + +„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung. +Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen +mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie +allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und +Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie +alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen +die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte. + +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der +Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete: + + + + + + + „Lieber Onkel Heinz! + +„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest +du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern +aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick +besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber +gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen +ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig +gegeben für den weg. + + Es grüst Dich + Deine libe Ruth.“ + + + + + + +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein +erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs +Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie +war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel +Heinz. + +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief +sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie +einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd +brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine +leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er +sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern. + +„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber +auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig +gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat! + +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren +beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in +einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da +viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr +Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie +schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe +standen und die Glocke gezogen hatten. + +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen +öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte. + +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich +hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem +milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere +Anmeldung die Treppe hinauf. + +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll +still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an +Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend +nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der +gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche +Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen +blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen +etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen. + +Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach +einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr +Professor bitten ließe einzutreten. + +Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand +haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen +musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie +zaghaft und scheu. + +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem +Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von +jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten +Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu +jedem Spaße bereit war. + +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, +besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen +Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu +machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann +wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn +betrachtete. + +„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich. + +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm +hin und warf sich stürmisch in seine Arme. + +„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie +zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich +noch enger an ihn. + +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von +ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm +den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schön es im Theater gewesen sei. + +„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz. + +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit +den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer. + +„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner +Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse +Verlegenheit nicht verbergen. + +„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber. + +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging +nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, +denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten. + +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit +poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war +nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht +die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so +verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu +wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation +geschickt zu benehmen. + +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich +leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie +ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder +täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte +sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts +brauche, als seine Arbeit, seine Bücher. + +Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, +das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen +ein, wie es niemand besser verstand. + +„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die +letzte?“ fragte er in diesem Augenblick. + +„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte +gewesen!“ + +„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die +Dümmste in der ganzen Klasse ..“ + +„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“ + +„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“ + +„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“ + +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, +daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine +solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat +Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch +noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen +Kampf einlassen zu können. + +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein +ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte +ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. + +„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in +ihrem sanftesten Tone. + +„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“ + +„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort. + +„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann +sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte. + +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien +ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? +Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und +mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so +verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, +er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte +bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie +schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem +Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden. + +Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres +Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf +Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. + +„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor. + +„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß +die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel +besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“ + +Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er +unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo +seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. + +„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“ +fragte Ilse wieder. + +„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“ +antwortete er nicht gerade liebenswürdig. + +Dann schwiegen wieder beide. + +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß +deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. + +„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an. + +Er antwortete nicht. + +„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort. + +„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer +merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig. + +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize +und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese +Bemerkung. + +„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts +dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort. + +„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein. + +„Ja, aber wieso denn?“ + +„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder +Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich +würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten +mehr!“ + +„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“ + +Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft +zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft +zumute. + +„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den +Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief +sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme. + +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. +Nach einer Weile fuhr er fort: + +„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn +offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort. + +„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie +doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts +daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“ + +„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male +voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken +mußte. + +„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“ +fing er wieder an. + +„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“ +erwiderte Ilse etwas verlegen. + +„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit +über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas +natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß +Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann, +und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“ + +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. + +„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn +für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“ +fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“ + +„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel +Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie +hätten ganz anders erzogen werden müssen.“ + +„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf +ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das +‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“ + +„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir +dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem +Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. + +Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite +statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er +ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fühlte er oft! + +„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum +nicht?“ + +Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. +Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie +instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie. + +„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer +Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“ + +„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach, +„sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, +nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es +auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das +nicht?“ + +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe +er mit seinen Gefühlen. + +„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu +absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie +seine Wissenschaft manchmal herunter!“ + +Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. + +„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“ + +„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind, +dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur +sagen.“ + +„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun +wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. +Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja +doch Ausnahmen unter den Juristen!“ + +„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell. + +„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck +zur Antwort. + +Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich +hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine +wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit +denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde +mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die +Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War +es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu +retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, +sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu +verlieren? + +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar +erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht +ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, +jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es +gegen seine Überzeugung ging. + +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, +in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in +solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen +hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, +hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle? + +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber +erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter +seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. + +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe? + +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder +aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und +das war gut. + +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen +gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als +mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem +wahren Galgenhumor. + +Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, +sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob. + +Laut rief er sie bei Namen. + +„Ruth, Marianne, kommt herein!“ + +Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins +Zimmer. + +„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“ + +Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, +als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend! + +„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang +– weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie +schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du +erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit +herunter?“ + +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm +verlangten. + +„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen +Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, +die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“ + +„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man +denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik +schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“ + +„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, +Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“ + +„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“ + +Streiten mußte er nun einmal immer. + +„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell +erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal +wiederkommen?“ + +Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, +daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; +so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, +ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste +Freundlichkeit. + +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. + +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: + +„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“ + +Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen +zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm +ihre Worte. + +„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand. + +Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth, +die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. + +Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still +und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. +Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den +Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie +er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und +sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, +sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf +der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, +möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben +sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend. + +So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die +undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem +Blicke verbarg. + +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, +und brachte seine Abendmahlzeit. + +„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst +erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich. + +Er erwachte wie aus einem Traume! + +„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet +nichts, will mich nicht verpimpeln.“ + +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken +gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie +schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. – + +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, +um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte +sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, +und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu +behandeln als bisher. + +Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen +machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann +einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf +einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein, +dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, +Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten +Vertrauens würdig war. + +Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen +Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und +nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu +sein. – + +Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, +hielt zum Glück nicht lange an. + +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes +mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben +an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu +bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit +den Tatsachen abzufinden. + +So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte +Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich +Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die +ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören. + + * * * + +Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische +Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer +war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt. + +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie +kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai. + +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit +vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte +von sich hören lassen. + +Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine +Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu +sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine +Feder an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht +spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das +Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften +Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr +eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den +Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun +Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte +sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr +an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, +wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und +Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und +Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen. + +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem +Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein +Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie +oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese +sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur +selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei +kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillingspärchen, schrieb sie +glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu +können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die +Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien +nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in +der schweren Zeit beigestanden hatten. + +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen +hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie +herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. + +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem +Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, +daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern +eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und +auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut +tun. + +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst +als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte +Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das +Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund +heraus. + +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den +Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm +dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau +erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er +plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie +meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so +abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, +er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und +arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn +er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für +ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu +erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, +nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn +denken. + +Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich +heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen +erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen +Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau +besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu +sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts +auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht wisse und +beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die +Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme. + +„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort +soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine +Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“ + +Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen +gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred +hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und +durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös +und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein +Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen +für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine +Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück +und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß +der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte. + +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo +begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige +Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; +aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Düte heraus, die von den Kindern +mit Jubel begrüßt wurde. + +„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich +amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen +Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur +Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen. + +„Siehst du wohl,“ lachte Ilse. + +Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in +vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig +vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu +viel getan hätte. + +„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem +Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“ + +„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen +Worten gut herausfühlte. – + +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die +Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße +zu. + +Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der +beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu +zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, +kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um +sie zufrieden zu stellen. + +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der +letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete. + +Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an +Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer +wieder. + +Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen +untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht +verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel +wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden +ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger +Trennung wiedersieht. + +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die +Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch +paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der +Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der +Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den +Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder +den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob +sie von dort etwas Besonderes erwarte. + +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. +Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur +war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in dem eine +Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte. + +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen +Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die +staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. + +Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren +blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, +während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen +herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu +fühlen. + +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, +und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen. + +„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen, +daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte +sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem +Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in +diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“ + +Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen +Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen +stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren +nun in den Gutshof ein. + +„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza. + +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten +führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das +sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung +gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen +Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne +jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür +ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren. + +„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die +Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam +betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein +schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen +Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine +Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das +verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, +Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die +Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er +ihnen geschenkt hatte. + +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben +keine Antwort. + +„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie +sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte. + +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, +sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“ +und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar. + +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in +diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen +standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, +aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch +unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und +Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen +hätten. + +„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an +Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt +gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die +Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen +in Locken verwandeln. + +„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und +fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“ + +„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete +Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach. + +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft +nicht verbergen. + +„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie +gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick +hochinteressant war. + +„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig. + +Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die +Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die +weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle +Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine +Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen +soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn +ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten +die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder +an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, +mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die +Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine +weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer +Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. + +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten +Städtern eine Wohltat, und mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche +Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte. + +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es +euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles. + +„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den +Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte +dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht +weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, +erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“ + +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen +Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen +Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel +mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie +meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und +sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +wären. + +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches +Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu +Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe. + +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, +einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und +den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +höchst neugierig waren. + +Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an +den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet +haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die +ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – +einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten +Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen +kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und +seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken +Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde +der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an? + +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob +ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie +strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl +sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? + +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von +Nellie vermuten. + +„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte +sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen +niedersetzte. + + [Illustration] + +„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die +hellen Perlen von der Stirn. „War wohl auch ’ne nette Temperatur in den +Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen. + +„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es +ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns +deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“ + +„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die +Umgegend ist so schön,“ sagte Flora. + +„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste +Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, +alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs +Vieh mehr haben.“ + +„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch +keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar +peinlich, daß er so sprach. + +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: + +„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er +nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es +bedeutet: kein Regen!“ + +„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll +Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an. + +„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und +Frau Althoff erzählt.“ + +„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so +vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“ + +„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. + +„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft +so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind +seine Nerven auch sehr herunter.“ + +Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen +vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, +da er ihrer Pflege so sehr bedürfe. + +Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand. + +Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere +Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig +zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde +ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen +Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu +derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das +Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin +seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, +die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte ihm +unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit +Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben +eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle +Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr +interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner +Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen +landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein +Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden +würde. + +Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie +die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine +Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, +daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da +beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger +Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen +gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber +auszufragen. + +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr +so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. +Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war +niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der +Kaffee unter der großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. + +Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum +schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die +kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, +auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen +niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den +Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein +Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der +Reseda, womit die Beete eingefaßt waren. + +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen +Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, +die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn +und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im +Zimmer taten. + +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße +Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder +eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes +ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen. + +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum +auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun +doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt +waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja +fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren +und das Leben auf dem Lande recht gut kannten. + +Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, +alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers +erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein +strenges, aber gerechtes Regiment führte. + +„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora +scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der +Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude +verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang +über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die +Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller +Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen +die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend +roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran +vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen +tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken +war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter +Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im +Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete +sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der +Kastanie stellte. + +Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte +heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch +unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig +umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr +wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett +geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die +offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken +um die Wette durch die abendliche Stille. + +Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, +worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie +schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es +ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. + +„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn +Werner. + +„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora. +„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends +natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?“ wandte sie sich an die beiden. + +„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort. + +„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den +jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie +geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine +Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! +Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht, +morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die +mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter +nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch +etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“ + +„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht +errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein. + +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies +verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit +dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. + +„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; +das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren +Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in +diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher +Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze +eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne. + +„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte +dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, +vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. + +„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer +Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und +fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah +ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle +Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das +weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den +Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und +Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten +Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann +und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe +versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig +abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe +ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die +Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem +praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“ + +„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals +sprechen hören. + +„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie. + +„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes +Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie +über alles.“ + +„Wie schön für dich,“ sagte Nellie. + +„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, +sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen +nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“ + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem +Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem +überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war. + +„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis +in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas +hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich +nach etwas Höherem.“ + +Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, +diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln +verständig war und blieb. + +„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die +Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod +eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes +Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges +Leben führen.“ + +„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe +ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“ + +„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, +das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla +nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche +Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich +fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem +geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, +kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie +eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“ + +„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt +in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der +Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als +Nihilistin eine Rolle?“ + +„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte +sie dazu.“ + +„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf +hier Nellie ein. + +„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht. +Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt +würde.“ + +„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. +Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen +anfangen!“ + +„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit +erfahre ich ja gar nichts.“ + +„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage +ich dir,“ antwortete Ilse. + +„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr +Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“ + +„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu +neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas +Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher +kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß +diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der +ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige +Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! – + +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch +immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, +die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte +auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich +in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der +bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den +herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen +Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in +ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise +malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das +anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die +Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und +die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. +Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! – + +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach +langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten +Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal +geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau +Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes +wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz +gerühmt. + +Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen +noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch +gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein, +daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde +beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren +Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe. + +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. – + +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie +das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen +heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. – + +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem +Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte +er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, +und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich +liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in +ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. + +„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: +„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht +haben!“ + +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens +mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim +Heuaufladen zugegen zu sein. + +„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer +Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche +Lektüre bei der ehemaligen Dichterin! + +„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die +aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und +Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“ + +„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse. + +„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher +Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die +Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung +einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz +merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, +über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“ + +Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch +nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter +„erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm. + +„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten +umsehend. + +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen, +mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, +eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben +in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der +Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn +Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken +setzte. + +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel +vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge +auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war +der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue +Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen! + +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den +gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem +Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, +während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß +man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen +konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine große Zukunft. – + +Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und +umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich +überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und +als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten +gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum +Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz +ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug +glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“ + +„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn +der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen. + +„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte +Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den +Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne +Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis +zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot +lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr +unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, +und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon +August den Kiesweg heraufgegangen. + +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug +schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff +und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige +Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das +Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war. + +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel +beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts +Fremdes. + +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu +bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und +Ilse. + +„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir +vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“ + +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend: + +„O, haben Sie Ärger gehabt?“ + +„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die +dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei +davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte +seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend +zusammenschlug. + +„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm +besänftigend über die Stirn. + +„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte +der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch +geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß +tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die +Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen +worden in der letzten Nacht.“ + +„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole +dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit +eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus +schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. + +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die +Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß +aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau +werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich +eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel +ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine +innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der +Grundzug von Floras Charakter. – + +Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen +und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, +Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in +die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu +vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, +denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten +ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten +sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem +Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen. + +„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder +die Rede darauf kam. + +Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man +merken. + +„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne +und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin +und Mutter doch nicht zu versäumen.“ + +„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen +können, das ist die Hauptsache.“ + +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden +sie sich ja doch nicht einigen. + +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie +blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie +in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so +vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um +ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin +mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es +dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht +zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut +reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden +Fred nicht verglichen werden. + +Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls +ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und +neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er +erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und +wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann +kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der +wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner +berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. +Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, +und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding +den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern +ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und +Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt +hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr +zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der +Fall war. – + +Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe +bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie +begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten. + +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch +und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen. + +„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen +genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch +die Dorfstraße schritt. + +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, +der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; +begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte +sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in +den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg +schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die +Höhe nahmen. + +Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald +hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von +jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre +Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen +leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete +sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden +Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und +Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief +innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie +sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte. + +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben +eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten +Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der +Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der +stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich +Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder +Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen +einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im +zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da +aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr +die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm +gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten. + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die +junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war +und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem +Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser +armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine +warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Türe zu +dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und +in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen +erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und +versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon +zurück. + +„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier +wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“ +sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen +schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes +Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen. + +„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; +aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht +wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie +sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete. + +Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige +Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch +gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so +gut, die war ihr keine Fremde. + +„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“ + +„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie +nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora +sanft und liebevoll. + +Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei +die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die +Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut +gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem +zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen +geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten +Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief +über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen +Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen +Füßchen streichelte. + +„O, wie süß ist das _baby_,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie +das Kind. + +„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester. + +„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter. + +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen +Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den +Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. + +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe +genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. + +Müde und apathisch dankte die Frau. + +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu +holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die +Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen. + +„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend. + +„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge +Witwe. + +„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in +Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“ + +„Die Kinder sind ja da.“ + +„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu +achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora. +„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle +Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“ + +„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen +diese Worte. + +„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem +Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich +komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten +Abend und recht, recht gute Besserung.“ + +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie +entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte +menschlichen Elends. + +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft +empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse +konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen +Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in +einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die +Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle +drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. + +„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor +sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte +Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“ + +Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! – + +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige +Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche +Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, +und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche +Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde +liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so +empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück. + +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die +Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen +für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. – + +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie +mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich +auf dem Platze unter der Kastanie. + +„O, die armen Kinder, das süße _baby_, was wird daraus?“ rief Nellie mit +Tränen in den Augen. + +„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er +seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“ + +„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen +Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus +übergeben – es ist zu traurig!“ + +„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann. +„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben +Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke +ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich +mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s +zufrieden.“ + +„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu +wonniges _baby_!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger +Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras +Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. + +Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, +und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die +letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier +erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie +ihre Betrachtungen. + +„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so +nehmt ihr es doch zu euch.“ + +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn +auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es +schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; +doch heftig schüttelte sie den Kopf. + +„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus. + +„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“ + +„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“ + +„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest _du_ es +denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend. + +„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die _babys_ so +sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr +sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred +nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und +das ginge doch nicht.“ + +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen +wurde, Nellie blieb dabei, „es ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich +die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. + +Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht +abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie +gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen. + +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner +merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine +Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog +sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen. + +Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte +einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während +Ilse diktierte. + +„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann +wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel +geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es +fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es +diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich +und pünktlich zu besorgen. + +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die +beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit +Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen. + +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den +Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, +aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. + +„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus +ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die +Episteln von ihrem Fred studierte. + +Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der +Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein +kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte. + +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der +Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora +klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen +Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre +Lippen. + +„O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du für +mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer +Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte +sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, +freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred +und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: daß er nichts +dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es +wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie +einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung +hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr +stilles Haus bringen würde. + +Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm +geschrieben hatte. + +„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als +diese zu Ende gelesen hatte. + +„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb +Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, +fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und +wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus +mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“ + +„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was +du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder +vergelten.“ + +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. + +Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen +Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen +den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit +Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine +Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. – + +Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter +über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, +sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut +wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und +wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen. + +So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte +eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie +ihrem bisherigen Elend zu entreißen. + +Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß +gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal +ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die +vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, +daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte. + + * * * + +Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre +Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was +sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause +kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, +was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und +darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine +nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug +rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“ +hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel +Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über +Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu +wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche +Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber +sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber +trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, +es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und +fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein +junges Leben hierher verpflanzt worden war. + + * * * + +So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und +Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach +Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre +mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern +später und manchem nie. + +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und +trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem +andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart +war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, +schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen. + +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu +müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein +stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch +immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu +großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An +seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den +letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie +nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit +geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. +Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die +Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er +fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. +Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr +Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen +Blicken. – + +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals +fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die +angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war +und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: +„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe +machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem +Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz +niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte +sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie +ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie +sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe +so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen +kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle +herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten +sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. – + +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, +jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und +Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie +herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden +Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, +zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden +Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth +dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den +Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo +necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die +Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es +einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel +schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz +und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem +jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine +beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den +rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor +geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren +frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und +innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten +sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles +drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, +wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter +und Freundin zugleich. + +So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als +Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf +den ersten Ball führen konnte. + +Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne +und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum +Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz +unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die +Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in +ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas +ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen +Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen. + +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein +großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu +tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine +Kleinigkeit. + +„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die +Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette +zu beginnen. + +„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch +früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch +lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch +ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen +sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne +nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte. + +„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt, +als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, +daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber +würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, +Marianne?“ + +„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber +als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder +aufgebraust. + +„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur +Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche +Geschmacklosigkeit!“ + +„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone +erwidert. + +„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das +ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein +Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke +dir eine solche Farbenzusammenstellung!“ + +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie +nun auf alle Weise zu trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde +Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde +immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie +wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem +Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie +habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, +Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche +Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber +hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt +werden können. + +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, +wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt +in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne +standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. +Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der +Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon +erzählten. + +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus +dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme. + +„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar +nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am +Flügel. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse, +aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die +vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, +fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie +von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In +ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, +ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares. + +Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu +einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, +die andre zu Blumen im Haar. + +Ruth lehnte alles ab. + +„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie. + +In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, +das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie +mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. +„Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße +Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß. + +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor +einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein +bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus +einführt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern, +wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Töchter eingeladen worden. + +Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den +Händen. + +„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne +zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien +in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der +Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald +hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören. + +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der +Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung +dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie +angewurzelt in derselben stehen. + +„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut. + +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, +wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen +Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem +alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl +darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein +schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt +ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern. + +„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir +wohl gut?“ + +„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es +von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen +umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte +schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren +zu. + +„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte +wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu +werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los. + +„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ – +„Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von +neuem durcheinander. + +„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen +hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht +widerstehen konnte. + +„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage +mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr +Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In +euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem +bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“ + +Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht. + +„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda. + +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; +er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben. + +„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle. + +„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher +gefunden?“ fragte Marianne. + +„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß +ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“ + +„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne. + +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach. + +„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag +keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“ + +„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn +bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht +darüber urteilen.“ + +„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern. + +„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“ + +„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“ + +„Mich darfst du zu Tische führen.“ + +„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“ + +Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der +Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor. + +„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“ +rief er, sie zurückdrängend. + +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die +Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der +Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden +Mädchenkranze. + +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten +auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber +stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des +Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu +fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme +entgegen. + +„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut. + +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer +Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe. + +„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl +nicht mehr bekommen.“ + +„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt +habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth. + +„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens +mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun +doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“ + +„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten +Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, +und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das +wäre reizend!“ + +„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen. + +„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und +schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir +und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“ + +Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und +seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte: + +„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als +mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, +dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze +Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. +Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei +berichten. Alte, gute Kröte du!“ + +Er klopfte sie zärtlich auf die Backe. + +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was +für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese +Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine +große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die +geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief +es: + +„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“ + +„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“ + +„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“ + +„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn +fortgenommen?“ + +Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse +schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf +Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den +Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer +gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende +gefunden. + +„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem +Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel +Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte +er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch +tiefer in die Stirn. + +Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch +oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die +beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief: + +„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“ + +„Wir kommen, wir kommen!“ + +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der +Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen +der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. – + +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die +Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er +die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig +zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten +Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten +einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den +Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er +legte sie aber beiseite und schaute – die eine Hand am Henkel seines +Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den +Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, +der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt +an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, +verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem +ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und +glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, +der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen +und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen +knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle +Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel +Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, +und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es +erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen +Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. +Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel +Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen +Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. +Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr +entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie +gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. +Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl +versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich +vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. +„Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich +doch einschlief. + +Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin +geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich +darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt +Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu +klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte +er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der +Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt +werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas +bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht +gewesen. + +Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine +Freunde Lust und Lebensfreude umgeben. + +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal +betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden +Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald überhoben, +denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen +dicht besetzten Ballkarten. + +„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in +den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. + +„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie; +aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, +sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus +beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen +vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und +verschönte sie merkwürdig. + +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen +sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier +gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang +bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter. + +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke +suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden +hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth +auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie +alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen +er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder +tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf +ihre Schwester zu bringen. + +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen +möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind. + +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz +Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen +eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr +und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, +seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh +und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne! + +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, +neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt. + +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und +erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und +tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach +deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem +hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie +nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen +hatte, mit Behagen verzehrte. + +„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens +herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an +ihrer Seite niedergelassen hatte. + +„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“ +erwiderte er. + +„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es +wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich. + +„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der +schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck. + +„So, und warum denn?“ + +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich +gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. +Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins +Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem +Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber +daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr +noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten +Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: +„Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben +Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“ + +Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf +und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden. + +„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige +Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“ + +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten +rasch voraus. + +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre +Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester +und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen +Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund +tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an +ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber +schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? +Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn +ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, +ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich +mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher +Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig +harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung +ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen +Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. Mit +diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald +vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine +freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe. + +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu +schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr +Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner +Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr +eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät +gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem +holden Mädchenantlitz. + +So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht +lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre +Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche +Gefühle hegen möchte. – + +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt +wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie +fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er +einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand +hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und +bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und +legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf +er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. +Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts +anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne +Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. +Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, +und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also +eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male +bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, +daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den +Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, +in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und +betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er +wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen +Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische +nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht +gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern +verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er +hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich +deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz +nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin. + + [Illustration] + +Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte +er sich getäuscht. + +Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging +vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen +führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. + +„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“ + +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn +geschehen sei. + +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein. + +„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen +geschlossen hatte. + +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem +Professor. + +„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der +eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und +fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß +nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern +hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, +Onkel Heinz?“ + +„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“ +unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen +begann. + +„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er +las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt +im Zimmer auf und ab wandelte. + +„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über +seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze. + +„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie +angstvoll. + +„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur +Antwort. + +„Was soll ich denn aber tun?“ + +„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, +indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer +etwas zu sagen.“ + +Ruth hing sich an seinen Arm. + +„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch +immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend. + +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er +besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte +aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von +einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu +werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings +nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war +die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er +einige Male im Zimmer auf und ab. + +„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich. + +„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort. + +„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“ + +„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch +leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – +meinst du doch?“ + +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf +einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine +Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – +überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei +den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem +Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte +auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos. + +„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie +ihre Frage noch einmal dringlich. + +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die +nichtssagenden Worte heraus: + +„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötzlich fort, als wäre ihm +auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt +dazu, dich heiraten zu wollen?“ + +„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle +fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es +ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es +mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn +nun wohl heiraten?“ + +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel +schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch +so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, +und Ruth wurde immer dringender. + +„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich. + +„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich +den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er +aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, +lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am +wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte. + +„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser +Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf +einläßt.“ + +Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch +wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, +denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel. + +„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel +Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen +Arm. + +„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und +empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges +gesagt habe. + +„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr +gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt +will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich +tun muß.“ + +Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus. + +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des +Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß +dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt +herein. + +„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz. + +„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut. + +„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er. + +„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, +als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll +ich nun tun, was soll ich anfangen?“ + +Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz +unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr +vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie +richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem +Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen +begleitete. + +„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an. + +„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch +Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte +er. + +„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und +unglücklich machen,“ fuhr sie fort. + +Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen +Seele. + +„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die +schlechteste,“ sagte er. + +„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht +verheiratet, Onkel Heinz!“ + +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank +nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein +Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand +wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder +die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames +Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im +Verhältnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon +von manchem Silberfaden durchzogen war. + +„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, +braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest +nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“ + +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und +ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. – + +Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder +nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch +heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser +neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und +hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen +blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen +Arm um ihre Taille. + +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In +solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und +ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch +noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem +forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich +fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mußte. Daß Ruth +ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung +doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie +ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der +richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und +Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den +Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß +man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte. +„Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte +Ruth. + +Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl +solche Kröten so etwas! + +„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht +heiraten könnte,“ drängte Ruth. + +„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht +erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große +Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse. + +„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte +Ruth. + +„Bewahre.“ + +„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“ + +„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen +wollte,“ setzte Ilse auseinander. + +„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm,“ sagte Onkel Heinz, +„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“ + +In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, +indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert +atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele +gelastet hatte, von ihr genommen wurde. + +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte +zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen +einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. + +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder +Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht +machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem +Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken. + +Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung +in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr +Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jäckchen auszog. + +Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an +Ilse und Ruth. + +„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte +sie die Schwester dabei an. + +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten Brief hin, den Marianne +ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es +sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise +an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben +durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die +Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den +Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar +umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und +hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. – + +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer +stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide +befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; +er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der +Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. +Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die +Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich +Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie: + +„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“ + +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. + +Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das +Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte. + +„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu +sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen +hatte. + +„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt. + +„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor. + +„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth +voller Angst. + +„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An +allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng +geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten +gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und +dergleichen, das ist kein Wunder.“ + +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, +welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder +der Ohnmächtigen zu. + +„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er +wieder an. + +„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse +ungeduldig und gereizt durch seinen Ton. + +„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt +und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben +Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es +doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres +Heulkonzert aufführten. + +„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer +augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war +jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte. + +„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“ +erwiderte er ruhig. + +Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn +nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich +auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst +du aber auch für Geschichten!“ + +Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie +erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen. + +„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme, +– einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der +Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie +schweigen möchten, zurück. + +Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, +Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von +Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde +bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er +Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf +einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich +zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges +Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. – + +Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, +betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. +Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen +Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben +stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch +vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche +antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz +abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden +waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es +wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den +Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer +Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten. + +Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der +schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen +lustig knackte und knisterte. + +Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit +sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach +Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm +zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus +seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was +sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die +eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den +verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste +Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte +nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er +dasselbe erwidere. + +Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt +und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein +Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an +diesem Tage – zwei unglückliche Lieben! + +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz +konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der +Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen +erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt +habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte +Ruhe anempfohlen habe. + +„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut +jammernd aus. + +„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber +im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz. + +„Sie ist aber so elend.“ + +„Wird sich schon wieder erholen.“ + +„Glaubst du wirklich?“ + +„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu. + +„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen +nicht Marianne statt mich?“ + +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht. + +„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte +das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone. + +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. + +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin. + +„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder. + +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen. + +„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff. + +„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und als er nicht +antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann +überhaupt nicht lieben.“ + +„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der +Professor bei sich. + +„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen +Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es +wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich +möchte – eine Künstlerin werden.“ + +Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte +ausgerufen. + +„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“ +fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten +Weise betonend. + +Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene. + +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: + +„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft +so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas +heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und +unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann +wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der +Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich +edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht +beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche +Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“ + +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem +Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche +Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er +empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden +Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es +eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – +ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich +das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer +schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. +So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch +nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das +kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern +eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das +plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen. + +„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd. + +Da erwachte er aus seinen Gedanken. + +„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel +heißen, als: es ist nun einmal so. + +„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte sich in zärtlicher +Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich, +aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“ + +„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch. +Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein +Frauenzimmer fertig bringen. + +„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er +aber dennoch. + +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht +widerstehen konnte. + +„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du +doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme +nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und +siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas +Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe +geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“ + +„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach +ihn ernsthaft. + +„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so +spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum +Scherzen aufgelegt.“ + +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in +die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen. + +„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch immer gleich flennen müßt,“ +sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die +wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön +geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber +das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das +geht nicht, das geht auf keinen Fall.“ + +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. + +„Aber Onkel Heinz!“ + +„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa +Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter +dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen +wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du +nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, +daraus wird nichts!“ + +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth +vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer +Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er +wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte +Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, +Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“ + +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal +versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt +sie ihn am Arme fest. + +„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch +nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen +Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie +es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich +fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“ + +„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, +das ist wahr,“ sagte er einlenkend. + +Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und +zuversichtlich: + +„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“ + +„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er +abwehrend. + +„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm. +Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer +Geschwindigkeit. + +„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie. + +„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin. + +„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte +dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit +den Eltern sprechen?“ + +„Gar nicht,“ erwiderte er kurz. + +Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter: + +„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es +ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“ + +„Nein!“ + +„Bitte, bitte, sage ja.“ + +„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig. + +„Onkel Heinz!“ + +Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! +Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch +abwandte. + +„Lieber Onkel Heinz.“ + +Er antwortete nicht. + +„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“ + +Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er +schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen. + +„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut. + +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich +sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. – + +Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag +krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder +erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der +unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und +nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß +die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über +diesen Punkt so weit auseinander gingen, so überzeugte sie sich jetzt von +dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie +sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie +früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der +Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, +zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was +der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie +niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten +gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein +Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. + +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und +Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, +wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien +zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, +weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches +Gefühl hervorgerufen haben würde. + +Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein +Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. +Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre +Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend +erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit +Fleiß und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des +Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium. + +Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz +hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu +entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten +Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren +Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr +so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das +Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, +aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war +glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr +verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den +Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den +Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach +Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und +beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den +Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden +Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke +der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen +Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden +hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf +seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse +voller Stolz. + +Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen +eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an +schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer +Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber +hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die +Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer +Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. + +So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis +es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz +vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen +Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen +strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen +Frühlingstage nach dem langen, langen Winter. + +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit +seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten +Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, +roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über +ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und +wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und +leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und +Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des +Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose +geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, +locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter +dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten +sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem +Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter +Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran +rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. +Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien +abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. +Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden +Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft. + +„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor. + +Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete: + +„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja +was.“ + +„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung +und Fleiß allein kann das nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. +Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer +wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der +Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn +guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige +Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten +Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es +lange.“ + +„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß +ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht +mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe. + +„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief +Atem. + +„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie +es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte +einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm. + +Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar +an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, +destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige +Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen +großen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft +erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre +Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie +lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich +hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in +sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war +und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht +zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man +einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte +Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den +Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an +seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit +beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute +abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb +beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu +bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche +Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke +Seite. + +„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei +Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da +ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei +mir.“ + +„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank, +daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke +auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran +gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“ + +„Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein. + +„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte +Ilse. + +„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der +Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, +entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die +amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher +sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft +interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die +denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die +Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute +eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem +Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“ + +„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er +hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, +und bloß, weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des +Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“ + +„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach +Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine +Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte +Zeiten muß der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehört +dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“ + +„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine +brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse. + +„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders +geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, +unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur +Antwort. + +„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre +hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein. + +„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er +wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese +Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte +ganz anders behandelt werden müssen.“ + +„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für +die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse. + +„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn +gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie +überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel +vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit +einem pfiffigen Seitenblick auf sie. + +„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse +lachend. + +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie +er darüber dachte. + +„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während +sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen +Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz +genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen +Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes +Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“ + +„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war +ja Bromkali –“ + +„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs +alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder +Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nützen.“ + +„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“ sagte Ilse; „bei der ist es +nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“ fragte +sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause +angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann +später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch +nicht sprechen, die müsse Ruhe haben. + + [Illustration] + +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, +bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig +war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, +vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß +es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er +für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung +sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den „wunderlichen +alten Herrn“ amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet +werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so +und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen +anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb +angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus +Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz +genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln +und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner +Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem +alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge +Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht, +das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam +war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten +Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber +auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig +und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie +jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand +vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren +mußte. + +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen +Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das +Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste +Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war +doch keine Kleinigkeit und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon +erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, +schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die +große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und +trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige +Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter +warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der +Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und +betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf +seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, +Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst +Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, +bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir +erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner +Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden +Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der +Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. +Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er +sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu +verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die +Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung +hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man +die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her +bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, +so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte +er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang +konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre +gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine +Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine +Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der +Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die +Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in +reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den +Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, +ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die +herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit +besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich +die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der +seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und +flüsterte ihr zu: „Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben brauchten, +hatte ich nun nicht recht?“ Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, +denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne +Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach +manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre +Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe +Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber +trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest +vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten +streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer +und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende +erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der +Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten +heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der +Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, +um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von +den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen +dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm +vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner +Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser +übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die +Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel +Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade +in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, +nur die Worte: „Alte, gute Kröte,“ wiederholte er immer wieder, und eine +rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der +grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann +machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte +es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den +Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle +die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder +wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war +ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche +ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. +Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. +Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und +der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz +ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand. + +„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“ sagte Nellie zu ihrem Manne, als +die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff +war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am +Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und +gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren +Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders +gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo +wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche +lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie +sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, +wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn +sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die +Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das +absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit +harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter +auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, +heimzugehen. + +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche +ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an +einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. +Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, +die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher. + +„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“ sagte Ilse zu dem Professor, indem sie +auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem +Blick auf Ruth und Marianne: „Wie lange wird’s dauern, und eines Tages +fliegen beide aus dem Neste.“ + +„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“ erwiderte Onkel +Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes +Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu +müssen. + +„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“ +fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. + +„Ja, was fangen wir an?“ wiederholte er und sah sie forschend an. Auf +einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: „Dann +schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“ + +Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung +hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte +er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. + +„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“ rief sie; „vielleicht tue ich das +wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie +haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit +vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin +spielen, Onkel Heinz.“ + +„Na, das wird was Schönes werden,“ gab der Professor zur Antwort, „eine +schreibende Frau? Brr!“ + +„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für +Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war +– eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. +Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt +wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz.“ + +„Durch mich?“ fragte er, sie ungläubig ansehend. + +„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“ gab sie mit +ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies +ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte. + + + + +Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem +Titel „Trotzkopf als Großmutter“ in gleichem Verlag erschienen ist. + + + + + + +BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter. + +Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht +vereinheitlicht. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“ + Seite 15: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“ + Seite 76: „Schmids“ geändert in „Schmidts“ + Seite 90: „langezogene“ geändert in „langgezogene“ + Seite 113: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“ + Seite 149: „Arger“ geändert in „Ärger“ + Seite 162: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“ + Seite 201: „Profossor“ geändert in „Professor“ + Seite 208: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter + „abschlagen.“ + Seite 223: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“ + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE*** + + + +CREDITS + + +April 2, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39350‐0.txt or 39350‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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