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+The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf’s Ehe by Else Wildhagen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus Trotzkopf’s Ehe
+
+Author: Else Wildhagen
+
+Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+
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+ [Illustration: Einband]
+
+ [Illustration]
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+
+ [Illustration: Titelseite]
+
+AUS TROTZKOPF’s
+EHE
+ VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
+ VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“
+DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“
+VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
+
+Vierzigste Auflage
+
+STUTTGART
+GUSTAV WEISE VERLAG
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+ Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
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+ [Illustration: Ornament]
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+„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“ schallte es von hellen Kinderstimmen
+durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
+Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
+Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet hatte und hineinschaute.
+Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
+ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
+nicht los.
+
+„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“ rief er endlich; „wartet,
+ihr Kröten, ich werde euch kommen!“
+
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
+Junge aber und das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit
+blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
+Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten.
+
+„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“ gebot Ilse, welche in
+diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
+dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
+aber, Gontraus wilde Älteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
+sich hinter seinen Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
+zurück. Das war ein Hauptspaß.
+
+„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“ legte sich Nellie jetzt ins
+Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
+wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.
+
+„Ja, nun hört endlich auf,“ gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
+die Übermütigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
+Worten:
+
+„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?“
+
+„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts,“ gab
+er zur Antwort.
+
+„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“ rief es nun schon wieder, und da
+stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er beide auf einen Stuhl
+neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, und
+bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis über die
+Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Großen nicht ernst bleiben.
+Natürlich ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
+bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+
+„Nun ist’s genug,“ sagte sie; „kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
+mein Zimmer.“
+
+„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“ rief es von allen
+Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
+seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er
+nicht von der Stelle konnte.
+
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
+warfen sich die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
+ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch
+Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
+wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
+von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die
+Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern
+leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel.
+
+„Ihr seid eine Gesellschaft,“ sagte Ilse kopfschüttelnd, aber solche
+Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche
+erschien.
+
+„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“ meinte Nellie, als sie den
+Professor ansah.
+
+„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“ rief er ihnen mit scheinbar bösem
+Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
+lustig zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn
+er ernstlich böse war.
+
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände
+gerutscht waren, rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein
+kurzgeschorenes Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie
+vor gerade in die Höhe, tadellos in Reih und Glied.
+
+„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?“ fragte Ruth, und
+die andern bettelten ebenfalls.
+
+„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“ quälte sie, als die Mutter
+keine Miene machte, ihre Bitte zu erfüllen.
+
+„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“ legte er sich nun auch ins
+Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling
+Ruth etwas abgeschlagen wurde.
+
+„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen
+damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß
+sie in der Kinderstube bleiben sollten.
+
+Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
+Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
+zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen
+sollte.
+
+Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
+großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche.
+Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig
+verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
+waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
+voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
+gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
+hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre
+reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige
+Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die
+Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
+sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie
+früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu
+sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“
+stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
+auch recht.
+
+Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig
+schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
+Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
+gesiegt.
+
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte
+Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt,
+die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
+und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
+würdige Frau Superintendentin geworden war.
+
+Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und
+konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
+machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
+da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die
+lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch
+nicht im mindesten zusammen.
+
+„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
+nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die
+sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie
+mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
+lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit
+den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe
+an ihr.
+
+In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und
+meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
+dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen,
+ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse
+zum Bleiben.
+
+„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und
+öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen
+konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein
+Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen,
+ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung
+senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur,
+und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.
+
+Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu
+Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie
+kannte ihn, er ließ sich gerne zureden.
+
+„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie
+wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.
+
+„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem
+Nachdruck, „das ist auch recht gut.“
+
+„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen
+Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die
+Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter
+Bücherkram.“
+
+„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und
+„Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen
+Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
+Ilse kannte es genau.
+
+„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort.
+
+„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
+nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch
+mal ausruhen.“
+
+„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade
+freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte
+seine Art.
+
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
+Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
+B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus.
+Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
+mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in
+die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach
+seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte
+mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein
+Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen
+Umständlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine
+eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz
+aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
+mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht
+ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
+einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
+und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
+nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur
+wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
+Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
+Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
+Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe
+zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er
+ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
+Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
+Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber
+auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –
+
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
+selbst zu holen.
+
+„Ich kann ja das Mädchen schicken,“ meinte Ilse, aber Nellie ließ das
+nicht zu.
+
+„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
+deshalb lieber selbst gehen,“ antwortete sie ausweichend. Doch in
+Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
+nach Gontraus zu kommen.
+
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
+an.
+
+„Sie bleiben auf jeden Fall,“ sagte Ilse, ihn zurückhaltend, und wies
+jeden Einwand, den er machen wollte, zurück.
+
+„Wissen Sie was,“ rief sie plötzlich, „ich habe heute morgen Waldmeister
+gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
+Jahre, Onkel Heinz – können Sie da widerstehen?“
+
+Er lachte.
+
+Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die
+ihnen entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und
+der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja
+unliebenswürdig, und ließen ihn bald als „komischen Kauz“ ganz links
+liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe,
+ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft versammelt war.
+
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
+langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.
+
+„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als dazubleiben,“ sagte er
+vergnügt, „aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
+er macht sie regelmäßig zu süß.“
+
+„Natürlich, natürlich,“ sagte Ilse, „doch dann müssen Sie mit in die Küche
+kommen, Onkel Heinz.“
+
+Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen.
+Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen
+erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
+ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf
+einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher
+schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte
+natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
+Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er nocheinmal ein
+Glas an den Mund – sie war gut geraten.
+
+„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“ fragte er.
+
+„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“ riefen sie durcheinander, und zugleich
+wollten alle nach dem frisch gefüllten Glase greifen, das er hoch in der
+Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreißen konnten.
+
+„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
+nichts!“ Damit drängte er die verlangenden Kinderhände zurück, und der
+Reihe nach bekam jedes zu kosten.
+
+Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch
+einige Male nach.
+
+„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“ sagte er schmunzelnd und freute
+sich über den guten Zug des Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen
+berechtigte.
+
+„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
+trinken geben,“ rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kräftigen
+Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+
+„Das schadet ihnen doch nichts,“ entgegnete Onkel Heinz.
+
+„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
+schädlich!“
+
+„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich sein, wer sagt
+das?“
+
+„Nun unser Arzt behauptet es,“ gab Ilse zur Antwort.
+
+„Na ja, die Ärzte!“ fiel Onkel Heinz mit höhnischem Lachen ein; „wenn die
+so etwas behaupten, können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
+es nur Unsinn.“
+
+Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
+ihre Laune war an diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie
+sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über
+diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Mißstimmung zurück.
+
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
+Bett. Dem Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
+aufbleiben könnte, setzte sie ein unerschütterliches „Nein“ entgegen.
+
+Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und
+Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen
+derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es
+noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner
+Weise den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und
+blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete
+jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
+hellglänzend vom Himmel ab.
+
+„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“ fragte Leo und sah seine Ilse
+überglücklich an. Die Freude über das gemütliche Zusammensein blickte ihm
+so recht lebhaft aus den Augen. „Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
+trinken Sie doch mal aus,“ mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
+Argusaugen darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm
+leise zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke
+Kopfschmerzen bekäme.
+
+Ilse hatte die leise Warnung gehört.
+
+„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
+nicht erlaubt,“ rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
+eigenhändig ein.
+
+„O,“ sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick auf das frischgefüllte
+Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
+Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
+Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, wo er säße, ein kühler
+Luftzug herein.
+
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der
+Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen
+Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+
+„Nein, nein, kein Licht, Marie,“ rief Ilse, als das Mädchen jetzt die
+Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche Mondesschimmer mit dem
+gelblichen Scheine unschön vermischte.
+
+Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die
+frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
+immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
+unbelauscht zu sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne!
+So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
+verfolgte sie fortwährend. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
+von der neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte
+die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über
+Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
+empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
+unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flügel
+zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In solcher
+Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, daß sie
+gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
+und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
+abenteuerlicher Plan.
+
+„Kinder,“ rief sie plötzlich laut und erregt, „ich habe eine Idee!“
+
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
+auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer
+werden müsse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
+sich ihr zuwandte.
+
+„Darling, was hast du für eine Idee?“ fragte Nellie.
+
+„Famos, famos!“ jubelte Ilse. „Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr
+nicht nein sagt, wollt ihr das?“
+
+„Da könnten wir ja schön reinfallen,“ sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
+„Ja, Schatz, für so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“
+
+„Also hört,“ fuhr Ilse fort, „in vier Tagen haben wir Vollmond –“
+
+„In fünf Tagen,“ verbesserte der Professor ruhig.
+
+„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; überhaupt,
+Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
+Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie
+poetisch, wie romantisch!“
+
+Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser
+plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der
+Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar
+zu sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
+in den glühendsten Farben aus, wie schön es sein würde, bis sie
+schließlich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.
+
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
+außerordentlich verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als
+sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
+seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
+Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
+nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde
+ihm ja auch sehr gut sein.
+
+So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
+der Partie über, die am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
+als Onkel Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde,
+er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
+wahrer Sturm über sein Haupt los!
+
+„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,“
+sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es schließlich doch
+tat.
+
+„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“ erwiderte Onkel Heinz mit
+einigem Nachdruck, „was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben
+zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob
+ich mitgehe oder nicht!“
+
+„Natürlich haben wir etwas davon,“ sagte Ilse lustig herausfordernd, „ich
+hätte ja sonst niemand, den ich ärgern könnte.“
+
+„Ja, da haben Sie recht,“ gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
+sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung.
+
+„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“ lachte Ilse und erhob ihr Glas,
+um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei
+empfindlich berührte. „Und nicht wahr, Sie gehen mit?“ Dem liebenswürdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.
+
+„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“ sagte er befriedigt.
+
+Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die
+bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen.
+Zum Schluß kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+
+„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die
+Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+
+„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst
+erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige
+Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es
+auch!
+
+ * * *
+
+In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi
+auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit
+Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig
+flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
+Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
+Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles
+trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
+Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit
+den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es
+jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben
+auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
+machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
+Freundinnen wäre.
+
+In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
+Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier
+Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
+Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
+Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende
+Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und feinfühlende Seelen würden in
+diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
+standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
+Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese
+Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten
+Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden,
+gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der
+Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde,
+gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war
+natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall,
+wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen
+aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
+für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie
+selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte
+vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
+mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
+Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen
+Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
+aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
+führte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
+Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
+Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die
+neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte,
+und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig
+aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins
+Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
+
+„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie
+oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“
+
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
+legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
+die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+
+„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“
+
+„Ja, Mutter, alles.“
+
+„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“
+
+Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“
+
+Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn
+an.
+
+„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
+und nicht an das Arbeiten denkt.“
+
+„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein.
+
+„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn
+die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das
+Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!“
+
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte
+darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
+Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu
+sitzen.
+
+„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
+gleich Kaffee.“
+
+Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht
+Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
+vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.
+
+„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
+als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein
+Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die
+Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich
+ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
+sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.
+
+„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie
+viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“
+
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
+sie heute daran gearbeitet hatte.
+
+„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
+glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“
+
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
+Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem
+öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+
+„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
+als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte.
+
+„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“
+fragte sie freundlich.
+
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
+großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
+an zu klappern.
+
+„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das
+faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung
+bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
+als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im
+Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
+keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
+allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war
+noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
+geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
+Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
+sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn.
+
+„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie
+den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den
+Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“
+
+Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.
+
+„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“
+fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“
+
+„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat
+wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch
+einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
+Stoß, damit er etwas sagen solle.
+
+„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies
+immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn
+das?“
+
+„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete
+der Junge offen.
+
+„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie
+etwas werden.“
+
+„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
+das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich
+ihm beruhigend über das blonde Haar.
+
+Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß
+Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß
+aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
+Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl
+im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen
+verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen.
+Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken.
+Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
+schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten;
+blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
+Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem
+Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
+sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
+Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell
+hinaus.
+
+„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder,
+unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer
+Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der
+Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+
+„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der
+Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl.
+Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
+geworden.“
+
+„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn
+wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.
+
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie
+hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber
+das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
+um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war
+dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
+aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
+Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.
+
+„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
+deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+
+„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
+Geschirr stehen ließ.
+
+„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem
+Tone nach.
+
+„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
+Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll.
+
+„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
+gehört sich nicht.“
+
+„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so
+etwas mit anhören.“
+
+„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.
+
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem
+Blicke.
+
+„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich,
+wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“
+
+„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen
+schwach.“
+
+„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.
+
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über
+ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die
+kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den
+Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das
+Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
+hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
+Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.
+
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
+verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:
+
+„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ,
+weil mich die dumme Sonne blendete.“
+
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
+Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
+sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
+wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.
+
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
+packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
+gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
+wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.
+
+Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
+eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
+Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche,
+wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
+bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+
+„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies,
+die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.
+
+„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
+Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen
+sein.“
+
+„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von
+Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie
+viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+
+„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es
+wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein.
+
+„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat
+zu tun.“
+
+„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
+denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich,
+daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
+wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
+ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
+habe.“
+
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese
+Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
+ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich
+Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für
+ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
+schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
+Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
+herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
+wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
+steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging,
+und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben.
+
+„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst
+überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“
+
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
+will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.
+
+„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie,
+und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
+aus ihren Grübchen.
+
+„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja
+mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“
+
+„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung.
+
+„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“
+rief Ilse begeistert.
+
+Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
+eben nicht.
+
+„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis
+Einwände gar nicht gehört.
+
+„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
+Ende, und sie kochte innerlich.
+
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
+in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten
+nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins
+Schloß.
+
+„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun
+willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“
+
+„Ja, aber wie so denn, Rosi?“
+
+„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
+denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist
+und am besten gefällt.“
+
+„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
+Freies.“
+
+„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
+unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“
+
+„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig.
+
+„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi
+fort.
+
+„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
+laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“
+
+„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“
+
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
+Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
+gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.
+
+„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die
+Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine
+Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“
+
+Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
+Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
+Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
+Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
+seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
+war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren
+Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
+blieb stumm.
+
+„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal
+anzufangen.
+
+Keine Antwort!
+
+„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“
+das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“
+
+Wiederum Schweigen!
+
+Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange
+nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der
+Tischdecke.
+
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+
+„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger
+gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
+Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von
+dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
+Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung
+doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“
+
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
+erregt wandte sie sich zum Gehen.
+
+„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
+keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“
+
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel,
+stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
+
+Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für
+alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
+über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über
+die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie
+Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches
+gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
+träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen
+ebenso dachten, wie sie.
+
+ * * *
+
+ [Illustration]
+
+Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
+Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
+hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es
+bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
+Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
+bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
+gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika
+gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
+verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze
+Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er
+und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen
+gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse
+dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe
+noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie
+merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
+Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.
+
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
+Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für
+eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet
+sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
+den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
+seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
+nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
+schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann,
+das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.
+
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz
+geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem
+Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
+Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.
+
+„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß
+Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen
+entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
+
+„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell
+die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
+Hand.
+
+„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast
+gar nichts zu tragen hat?“
+
+„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
+letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
+Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
+
+„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du
+lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
+Modekrankheit.“
+
+Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
+nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser.
+
+„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus
+dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
+Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
+neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
+
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus
+der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
+Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
+und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
+dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
+Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.
+
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
+nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer,
+jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach
+belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
+daran sehen.
+
+„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit
+seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche
+Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
+stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
+schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und
+stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.
+
+Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
+Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die
+Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen
+wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
+Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
+prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige
+Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
+genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
+Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
+anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
+Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und
+wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als
+die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe
+hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrünen
+Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen
+tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.
+
+„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele
+und hing sich an seinen Arm.
+
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein
+wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
+sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.
+
+Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen
+Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer
+und natürlich auch den von Onkel Heinz.
+
+„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
+verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und
+Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+
+„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und
+Gelb!“ rief Ilse.
+
+„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend.
+
+Ilse wandte sich ab.
+
+„Na, denn nicht,“ meinte sie.
+
+„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz
+nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“
+
+„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
+nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo
+seiner Schritte.
+
+„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
+Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen
+Lächeln.
+
+„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
+habe ich den Ortler bestiegen.“
+
+„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel
+Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
+in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
+einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
+interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam
+zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge
+war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
+durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
+Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm
+nicht zugetraut hätte.
+
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
+Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
+Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
+in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
+Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur,
+als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und
+die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
+durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+
+Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
+Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über,
+verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf
+den Zweigen.
+
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
+im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
+voran.
+
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
+draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
+Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie
+glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald
+spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte
+wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden
+Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
+vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden
+wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
+Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
+angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken
+großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
+Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
+schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie
+sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam –
+ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung
+zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse
+atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
+zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
+auch die andern meistens still.
+
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem
+frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
+rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch
+seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe
+gehenden Natur ein Schlummerlied.
+
+„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.
+
+„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von
+den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
+liebenswürdigsten Weise.
+
+„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und
+diesmal antwortete er liebevoller.
+
+„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“
+
+„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“
+fragte Nellie eifrig.
+
+„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel
+Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“
+
+„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie.
+
+„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit
+Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
+Gegengift.“
+
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
+einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
+Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
+Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte,
+schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.
+
+Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
+rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf
+einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes
+erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
+mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
+majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
+Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters das den Wald abschloß, fiel mit
+dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem
+Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
+Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß
+waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die
+Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine
+Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
+Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller
+Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit
+durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
+von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den
+freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
+und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
+Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden
+tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und
+betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
+Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und
+nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
+hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
+wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
+Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
+vor ihm standen.
+
+„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da
+oben wohl noch geben.“
+
+„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und
+warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
+
+„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich
+in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn
+ächzten.
+
+„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu
+genießen,“ rief er hinaus.
+
+Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese
+blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
+Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
+lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen,
+krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden
+Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
+Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.
+
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie
+hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
+wollte, eingehend den Weg besprochen.
+
+Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
+dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silberglänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
+verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese
+vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
+steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.
+
+Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals
+krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend
+etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für
+furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo
+nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
+es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
+doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
+unterdrücken.
+
+„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+
+„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“
+
+Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen
+und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem
+Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die
+spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
+Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die
+Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt
+gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
+
+„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
+sehen Sie es sich an!“ rief er laut.
+
+Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie
+ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller
+Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+
+„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte
+Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie
+entschuldigen wollte.
+
+„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an
+Gespenster zu glauben?“
+
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
+
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja,
+Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
+Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben
+konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie
+wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+
+ [Illustration]
+
+Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg
+und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
+tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
+der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man
+allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß,
+ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem
+steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter
+Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als
+hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
+Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
+unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
+nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
+Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
+
+Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
+Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
+Stille herrschte ringsumher.
+
+„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie.
+
+„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred.
+
+„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“
+erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel,
+goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
+schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
+Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
+sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“
+
+Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
+man nicht nach dem Äußeren beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu
+lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
+Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
+Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets
+absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es
+sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das
+härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
+sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
+
+Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses
+auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
+welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus
+immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer
+Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den
+Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im
+tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine
+Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im
+Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten
+Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
+bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl sein im
+hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
+dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn
+Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie
+sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd,
+lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.
+
+Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut
+zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
+durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
+Kognak.
+
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
+Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
+Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
+Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall
+aufgenommen wurde.
+
+„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel
+Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
+ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.
+
+„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt.
+
+„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch
+sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten
+nur über alles spotten und höhnen.“
+
+Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja nicht, daß dieser Hieb
+die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
+ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
+war es nun geschehen.
+
+Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
+Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
+Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte
+und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf
+dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
+auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
+hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
+heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
+er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken,
+vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
+Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß
+am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender
+Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder
+verschwand.
+
+Lange noch blieb der Professor draußen.
+
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es
+sollte früh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
+Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
+Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig
+gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das
+helle Mondlicht hätte ihn gestört.
+
+„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch,
+wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen
+Frühlingsmorgen.
+
+„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
+geschlafen,“ erwiderte er mißmutig.
+
+„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“
+fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
+
+„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“
+
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
+Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft
+bedauert wurde.
+
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es
+überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder
+dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
+behauptete.
+
+Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe,
+hatte ihm innerlich schon die schönsten Beinamen gegeben, wie „alter
+Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
+neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
+
+Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der
+Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind
+trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
+hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel
+flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
+Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
+
+„Schneeluft,“ sagte Althoff.
+
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
+bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber
+wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
+legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur,
+aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
+jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm
+ihn wieder mit fort.
+
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und
+darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
+Füße bis über die Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand
+diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut
+genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
+höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
+wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von
+Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
+
+„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“
+rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter,
+umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+
+„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd
+und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
+
+„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
+wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.
+
+„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
+schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher
+gegangen,“ sagte er dann zu Leo.
+
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
+Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
+drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß
+er unrecht hatte.
+
+„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.
+
+„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig,
+Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
+Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“
+
+„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“
+entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.
+
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle
+Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
+jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede
+Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
+Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen
+in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies
+schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie
+keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie
+ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie
+lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
+Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
+dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die
+Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+
+„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
+es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu
+scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
+sich versunken ging er weiter.
+
+Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
+Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
+die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube
+hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
+erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als
+eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten
+zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen
+zu lächeln.
+
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße
+einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
+und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog.
+Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein
+Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
+Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in
+letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
+nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem
+zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch
+hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
+fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
+regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
+können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und
+Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
+großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
+prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein
+Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine,
+war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
+Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört
+sahen die Männer aus.
+
+Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes
+Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie
+die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste.
+Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten
+Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
+Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus,
+im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
+in hellster Aufregung gewesen war.
+
+Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
+erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte
+kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden
+Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder
+entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt,
+der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
+Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und
+sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich
+verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
+lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja
+herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine
+Rede.
+
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
+Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und
+Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen,
+die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
+alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
+denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder
+bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
+die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
+Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
+Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
+Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
+Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
+Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war
+schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
+aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
+hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
+neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
+keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei
+dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
+keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine
+Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf
+Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
+
+„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die
+übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches
+Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war
+Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
+mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
+gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
+Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich
+auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach,
+denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten
+noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
+überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der
+andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie
+zum Schluß kamen.
+
+„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen
+könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
+Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
+hinaus.
+
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der
+Professor nie viel übrig gehabt.
+
+„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
+tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte
+Antwort.
+
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
+davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte
+darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
+
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
+schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
+milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis.
+Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der
+heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
+über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt
+lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen
+Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
+Schimmer.
+
+Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße,
+die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
+stille Nacht.
+
+ * * *
+
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
+Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste
+besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden.
+Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das
+Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
+wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu
+verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die
+Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
+wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige
+Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
+Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts
+anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder
+mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
+Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
+begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
+Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie
+horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
+sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
+Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
+stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem
+Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
+Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
+großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre
+Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
+dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und
+wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
+in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
+im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
+Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein
+Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.
+
+Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:
+„die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und
+„die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch
+jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich:
+die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur
+derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
+zustandegebracht hat.
+
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
+erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige
+Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für
+einen so guten Zweck herzugeben.
+
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas
+viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen
+zusammen zu holen.
+
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
+Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen,
+engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
+
+„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen
+Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob
+von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+
+„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von
+meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“
+
+„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen
+herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der
+öffentlichen Kritik ausgesetzt?“
+
+„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“
+
+Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
+einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die
+beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
+
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
+daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
+Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber
+schön gespielt!“
+
+„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie
+stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie
+brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“
+
+„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile
+solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will
+mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“
+
+„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
+keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über
+solche Anschauungen.
+
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun
+einmal anders.
+
+Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
+
+„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
+Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte
+die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln
+und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
+Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
+sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing
+sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
+viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
+
+„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“
+tröstete sie.
+
+Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die
+Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
+für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet
+hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
+Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
+den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu
+werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und
+ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das
+Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie
+dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater,
+selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon
+oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
+
+„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte
+Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
+bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+
+„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte
+Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit
+der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr
+gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.
+
+Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
+keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
+zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“
+nahte.
+
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
+Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
+dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer
+Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
+ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.
+
+ [Illustration]
+
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
+besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
+es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache
+war abgemacht.
+
+Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
+ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
+Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren
+Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten,
+gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch
+mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön
+und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer
+wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+
+Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
+
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube
+Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born
+zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
+ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde.
+
+„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste
+Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
+Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht
+und wäre doch zu kurz.
+
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
+bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
+etwas in Gang.
+
+„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle
+fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
+Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
+blamieren.“
+
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
+wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten
+Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden
+Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
+mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
+Kritiker sein.
+
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete
+sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
+der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den
+nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
+
+„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung.
+
+„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht
+spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche
+nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie
+später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe,
+könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
+nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“
+jammerte sie.
+
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
+Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt
+der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal
+bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
+
+Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
+Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
+
+„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born
+als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“
+
+„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie.
+
+„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das
+übernehmen?“ fragte Leo.
+
+„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“
+sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel
+hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“
+
+„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie.
+„Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem
+Akzent paßt doch wohl nicht?“
+
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das
+Dienstmädchen.
+
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
+Kräfte wieder einzufangen.
+
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
+Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften
+Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.
+
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen
+wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der
+Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen
+die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
+einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen
+beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer
+solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie
+diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge
+derselben auseinandersetzte.
+
+Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube
+Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+
+„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen
+schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen
+sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“
+
+„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging
+es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
+weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem
+griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!
+
+Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor
+dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
+die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete
+sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
+einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.
+
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
+aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.
+
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen
+versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
+beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere
+Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die
+Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
+eine große Angst, ob alles gut gehen würde.
+
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
+nun die erste auf der Bühne stattfinden.
+
+„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse
+wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
+so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
+Generalprobe vertröstet.
+
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
+leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –
+
+Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der
+Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
+Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
+im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
+tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige
+Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen
+überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte.
+Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
+Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
+war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
+nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie
+bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
+untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
+sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu
+erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
+einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt
+bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern,
+öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
+meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über
+Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
+Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
+ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden,
+stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
+Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch
+die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
+Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
+Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen
+sah sie in das leere Haus!
+
+Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst
+befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
+und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
+leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.
+
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises
+Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte.
+Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
+
+„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im
+gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
+hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:
+
+„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“
+
+Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß
+noch einmal von vorn anfangen.
+
+Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
+der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und
+nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
+Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
+herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen
+nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen.
+
+Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
+nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.
+
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche
+schluchzend in ihrer Garderobe saß.
+
+„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie
+denn?“ redete ihr Ilse zu.
+
+„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das
+Kind außer sich zur Antwort.
+
+„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete
+Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.
+
+„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
+mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine
+Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“
+
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
+wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher,
+als zuvor.
+
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
+Notiz genommen hatte.
+
+„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös
+zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
+mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“
+
+„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab
+er eilig zur Antwort.
+
+„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“
+
+„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte
+jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
+„Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.
+
+Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von
+Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“
+auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer
+erzürnten Göttin.
+
+Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
+schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht
+mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
+Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
+tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in
+einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
+„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die
+Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
+sie nicht aufrütteln.
+
+„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief
+Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an,
+die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
+dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in
+Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.
+
+Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden
+ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
+Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
+reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
+gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
+ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
+geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte
+immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf
+seinem Sitze unruhig hin und her rückte.
+
+„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
+Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.
+
+Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel
+glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der
+Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen
+Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das
+„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die
+Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine
+Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
+scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.
+
+„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich
+schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“
+
+Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
+– Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
+wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
+die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie
+in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer
+zwei an diesem Abend.
+
+Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
+und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand
+sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
+die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.
+
+Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen,
+sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.
+
+„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben
+doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser
+machen.“
+
+„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit
+spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
+besondere Rücksicht.“
+
+„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“
+meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“
+
+„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie
+eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber
+aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“
+
+„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein
+Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
+doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
+deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
+glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“
+
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
+mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein
+Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich
+sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht
+mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem
+Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für
+zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
+an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
+Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein
+Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
+Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter,
+sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden
+einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
+zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
+sogar schon gelächelt.
+
+Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich
+Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen
+werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
+Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer
+Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln
+an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
+überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll,
+glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie
+stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur
+andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen.
+Dann erst wurde die Türe geöffnet.
+
+„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich,
+aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
+Gesicht sah.
+
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
+Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
+
+Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es
+herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
+und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im
+„ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher
+zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
+keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen
+Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge
+Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
+werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
+Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen
+die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch
+ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
+gelacht.
+
+Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen
+den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
+nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht
+in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
+liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt,
+aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
+und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
+
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
+Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.
+
+Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
+unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
+Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der
+Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
+sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
+hatten.
+
+Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne
+es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
+
+Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös
+von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
+
+„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte
+Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!“
+
+Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht
+gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte
+ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite
+auffaßte.
+
+„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse,
+„und was machen wir dann?“
+
+Leo lachte sie aus.
+
+„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
+sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für
+alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog
+sie in seine Arme.
+
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
+sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den
+andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
+Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete,
+erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts
+noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein
+entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die
+Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
+ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
+diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle
+Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
+erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
+Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten
+geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
+Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
+Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen
+Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
+umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und
+Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen
+– sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
+der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles
+vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.
+
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
+aber seine Türe war verschlossen gewesen.
+
+Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
+Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich
+nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie
+nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
+
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
+Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
+zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.
+
+„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen
+Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde,
+konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in
+welcher Rosi danach fragte.
+
+„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr
+sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“
+
+Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
+bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“
+
+„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“
+
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
+groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.
+
+Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien
+wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
+Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
+nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch
+die Lust und Begeisterung wieder ein.
+
+Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
+trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
+teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+
+Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
+Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.
+
+Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung
+ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
+gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
+Kritiken nicht mehr übel.
+
+Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet
+und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei
+der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als
+das erste Mal.
+
+So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich
+nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung
+stattfinden.
+
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
+konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
+verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort
+sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
+fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
+
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl
+von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge
+daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+
+Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst
+einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle
+möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
+daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
+– welcher Zauber lag in dem Gedanken!
+
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
+Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
+wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine
+Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte
+über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
+aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm
+bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem
+Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten
+löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
+Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom
+Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
+den Händen und memorierte fortwährend.
+
+„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als
+Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch
+wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“
+
+ [Illustration]
+
+„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
+ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.
+
+Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
+fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie
+sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst
+die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß,
+wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht,
+diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche
+der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
+
+In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
+Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
+vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören;
+besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
+hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur
+heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das
+blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den
+Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
+zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
+sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des
+Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein
+Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.
+
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung
+würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken
+bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
+zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein,
+zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei
+Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter
+die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch
+verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.
+
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort
+förmlich umringt.
+
+„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“
+
+„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst
+frisieren!“
+
+„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
+richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“
+
+Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und
+Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
+endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
+
+„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben
+waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter,
+etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler
+versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die
+Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das
+reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
+Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.
+
+In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born
+stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“
+zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken
+noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
+
+„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als
+die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
+Dienstmädchenkleid erschien.
+
+„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
+sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
+dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“
+
+Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
+den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem
+Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
+fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die
+weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
+keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.
+
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
+sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand
+hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
+sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte
+Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+
+„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön
+von Ihnen abstechen!“
+
+Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“,
+das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
+eigentlich zu ärgerlich.
+
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
+deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
+jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender
+Blick in den Spiegel.
+
+„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel –
+schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
+fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“
+
+Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten
+Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt
+der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
+
+„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, –
+dann rauschte es hinaus.
+
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne
+versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins
+Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
+dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
+strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden
+Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den
+bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
+mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
+Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!
+
+Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
+Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
+laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten
+einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
+Instrumente stimmte.
+
+Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
+zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+
+Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die
+allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
+ersten Male hebt, nachfühlen!
+
+Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
+im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll
+Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände
+und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige
+Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
+Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
+weniger ergriffen hatte.
+
+Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
+Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
+Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.
+
+Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war
+demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
+Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das
+vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
+Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern
+über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
+wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.
+
+„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den
+Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
+und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des
+„Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder
+heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines
+solchen Augenblicks beschreiben!
+
+Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
+tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit
+hielt.
+
+„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
+wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
+helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln.
+Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
+wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und
+unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.
+
+„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“
+sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
+
+„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte
+der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen
+kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
+
+„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller
+Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen
+widerlichen, unverschämten Menschen.
+
+Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
+entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
+auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt
+und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube
+Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit
+lachte.
+
+Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
+war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß,
+ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant
+überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
+konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.
+
+„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
+Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
+steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“,
+so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er
+wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
+bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber
+beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
+mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören.
+Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es
+nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+
+Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen
+eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich
+und würde es sicher nicht tun.
+
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
+sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
+die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja
+darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.
+
+„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch
+ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und
+die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“
+
+Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien,
+erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
+Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
+sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel
+zupfte und zur Ruhe verwies.
+
+Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
+wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
+einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse
+Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
+wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch
+auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik
+getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
+Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die
+guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
+
+„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“
+sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte,
+aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.
+
+„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie
+ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“
+
+Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
+
+„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld
+ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem
+vollen Hause um.
+
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige
+Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner
+Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt
+hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die
+Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
+Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz.
+
+Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die
+„Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke
+gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
+diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und
+zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen;
+unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
+dankten sogar mit lauten Bravorufen. –
+
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
+Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
+Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
+übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
+und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
+wieder in das alltägliche verwandelt.
+
+Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches
+Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie
+schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
+bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
+versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
+
+Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit
+ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war –
+vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“
+
+Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der
+Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
+Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes
+Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
+Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes
+Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
+viel Jammer und Elend zu lindern.
+
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur
+dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
+klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in
+Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos,
+daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur
+wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches
+anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte
+trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr
+würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
+triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft
+haben. –
+
+Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und
+hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im
+Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge,
+die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
+mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll
+etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn
+Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
+nehmen.“
+
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet
+und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung
+zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in
+der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber
+für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
+ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
+und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
+nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse
+fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen
+und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
+Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte
+stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den
+beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind,
+Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
+
+Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an.
+Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte
+sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst
+Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie,
+welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten.
+Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
+vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
+
+Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen
+„Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl
+gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er
+noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können,
+aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich
+vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
+übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
+Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte
+wohl mal wieder!“
+
+„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse
+später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung
+äußerte, daß der Professor zürne.
+
+„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit
+abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen
+er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.
+
+„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am
+meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine
+Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders
+geworden, nicht wahr?“
+
+Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß
+sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
+sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran
+erinnern ließ.
+
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
+sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie
+erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch
+immer so reizen!“
+
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
+verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer
+Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige
+Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.
+
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
+mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
+heimkehrte.
+
+Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
+von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des
+einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er
+auch nicht zu ihnen geschickt!
+
+„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
+doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“
+rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
+als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
+leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
+nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
+
+Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
+und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.
+
+Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor
+durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche
+wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
+deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie
+mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.
+
+„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse
+hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt
+empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der
+sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
+nächst ihren Eltern am meisten liebten.
+
+Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
+einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
+
+„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen –
+heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig
+abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
+Freude.
+
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
+er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit
+Mutter und Schwester erwarten würde.
+
+Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
+ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
+geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+
+„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben.
+Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.
+
+Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer
+wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr
+geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.
+
+„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine
+Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
+
+„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung.
+Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
+mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
+allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
+Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie
+alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
+die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
+
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der
+Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
+
+
+
+
+
+
+ „Lieber Onkel Heinz!
+
+„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest
+du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
+aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick
+besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
+gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen
+ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
+gegeben für den weg.
+
+ Es grüst Dich
+ Deine libe Ruth.“
+
+
+
+
+
+
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein
+erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs
+Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie
+war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
+Heinz.
+
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
+sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie
+einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd
+brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine
+leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er
+sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
+
+„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
+auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig
+gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
+
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
+beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in
+einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da
+viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr
+Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie
+schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe
+standen und die Glocke gezogen hatten.
+
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
+öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.
+
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich
+hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem
+milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere
+Anmeldung die Treppe hinauf.
+
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll
+still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
+Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend
+nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
+gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche
+Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen
+blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen
+etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
+
+Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach
+einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr
+Professor bitten ließe einzutreten.
+
+Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
+haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen
+musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie
+zaghaft und scheu.
+
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
+Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von
+jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten
+Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
+jedem Spaße bereit war.
+
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
+besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen
+Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
+machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
+wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn
+betrachtete.
+
+„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich.
+
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
+hin und warf sich stürmisch in seine Arme.
+
+„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
+zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
+noch enger an ihn.
+
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von
+ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
+den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.
+
+„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz.
+
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
+den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.
+
+„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
+Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse
+Verlegenheit nicht verbergen.
+
+„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.
+
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging
+nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
+denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
+
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
+poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war
+nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht
+die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
+verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
+wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
+geschickt zu benehmen.
+
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
+leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie
+ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
+täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
+sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts
+brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.
+
+Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz,
+das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen
+ein, wie es niemand besser verstand.
+
+„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
+letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.
+
+„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte
+gewesen!“
+
+„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die
+Dümmste in der ganzen Klasse ..“
+
+„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“
+
+„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“
+
+„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“
+
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau,
+daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
+solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
+Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
+noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
+Kampf einlassen zu können.
+
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein
+ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte
+ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+
+„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in
+ihrem sanftesten Tone.
+
+„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“
+
+„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort.
+
+„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann
+sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.
+
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
+ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
+Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und
+mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
+verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte,
+er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte
+bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
+schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
+Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.
+
+Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres
+Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf
+Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+
+„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor.
+
+„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß
+die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
+besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“
+
+Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er
+unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo
+seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+
+„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“
+fragte Ilse wieder.
+
+„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“
+antwortete er nicht gerade liebenswürdig.
+
+Dann schwiegen wieder beide.
+
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß
+deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+
+„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an.
+
+Er antwortete nicht.
+
+„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort.
+
+„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
+merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig.
+
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize
+und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese
+Bemerkung.
+
+„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
+dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
+
+„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein.
+
+„Ja, aber wieso denn?“
+
+„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
+Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich
+würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten
+mehr!“
+
+„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“
+
+Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
+zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft
+zumute.
+
+„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den
+Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
+sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
+Nach einer Weile fuhr er fort:
+
+„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn
+offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort.
+
+„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie
+doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts
+daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“
+
+„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
+voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
+mußte.
+
+„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“
+fing er wieder an.
+
+„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“
+erwiderte Ilse etwas verlegen.
+
+„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
+über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas
+natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß
+Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann,
+und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“
+
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+
+„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
+für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“
+fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“
+
+„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel
+Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie
+hätten ganz anders erzogen werden müssen.“
+
+„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
+ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das
+‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“
+
+„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir
+dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem
+Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+
+Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite
+statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
+ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fühlte er oft!
+
+„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum
+nicht?“
+
+Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
+Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie
+instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.
+
+„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer
+Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“
+
+„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach,
+„sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
+nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
+auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
+nicht?“
+
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe
+er mit seinen Gefühlen.
+
+„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu
+absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
+seine Wissenschaft manchmal herunter!“
+
+Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+
+„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“
+
+„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind,
+dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
+sagen.“
+
+„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun
+wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
+Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja
+doch Ausnahmen unter den Juristen!“
+
+„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell.
+
+„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
+zur Antwort.
+
+Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich
+hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine
+wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
+denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde
+mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die
+Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War
+es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
+retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
+sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
+verlieren?
+
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
+erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht
+ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
+jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
+gegen seine Überzeugung ging.
+
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute,
+in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in
+solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
+hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
+hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
+
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber
+erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter
+seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?
+
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
+aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
+das war gut.
+
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen
+gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
+mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem
+wahren Galgenhumor.
+
+Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
+sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.
+
+Laut rief er sie bei Namen.
+
+„Ruth, Marianne, kommt herein!“
+
+Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins
+Zimmer.
+
+„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“
+
+Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
+als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!
+
+„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang
+– weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie
+schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
+erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
+herunter?“
+
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
+verlangten.
+
+„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen
+Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen,
+die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“
+
+„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man
+denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik
+schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“
+
+„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
+Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“
+
+„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“
+
+Streiten mußte er nun einmal immer.
+
+„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell
+erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal
+wiederkommen?“
+
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl,
+daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe;
+so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte,
+ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste
+Freundlichkeit.
+
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+
+„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“
+
+Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen
+zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
+ihre Worte.
+
+„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
+
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth,
+die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+
+Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
+und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen.
+Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den
+Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
+er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und
+sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab,
+sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf
+der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen,
+möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
+sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.
+
+So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
+undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
+Blicke verbarg.
+
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
+und brachte seine Abendmahlzeit.
+
+„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst
+erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.
+
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+
+„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet
+nichts, will mich nicht verpimpeln.“
+
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken
+gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie
+schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
+
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
+um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte
+sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
+und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu
+behandeln als bisher.
+
+Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen
+machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
+einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
+einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein,
+dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit,
+Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten
+Vertrauens würdig war.
+
+Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen
+Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und
+nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
+sein. –
+
+Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
+hielt zum Glück nicht lange an.
+
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes
+mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben
+an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu
+bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit
+den Tatsachen abzufinden.
+
+So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
+Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
+Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die
+ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.
+
+ * * *
+
+Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische
+Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer
+war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.
+
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie
+kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.
+
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
+vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
+von sich hören lassen.
+
+Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine
+Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
+sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine
+Feder an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht
+spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das
+Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
+Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr
+eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den
+Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
+Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
+sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr
+an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben,
+wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und
+Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und
+Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
+
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
+Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
+Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie
+oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese
+sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur
+selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei
+kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillingspärchen, schrieb sie
+glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
+können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
+Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
+nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
+der schweren Zeit beigestanden hatten.
+
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
+hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
+herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
+Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
+daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern
+eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und
+auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
+tun.
+
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst
+als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
+Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
+Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund
+heraus.
+
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
+Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
+dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau
+erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
+plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie
+meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
+abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
+er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und
+arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn
+er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für
+ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
+erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
+nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn
+denken.
+
+Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich
+heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen
+erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen
+Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau
+besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu
+sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts
+auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht wisse und
+beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die
+Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
+
+„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort
+soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine
+Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“
+
+Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen
+gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred
+hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und
+durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös
+und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein
+Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
+für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
+Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück
+und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß
+der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
+
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
+begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige
+Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
+aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Düte heraus, die von den Kindern
+mit Jubel begrüßt wurde.
+
+„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
+amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
+Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur
+Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.
+
+„Siehst du wohl,“ lachte Ilse.
+
+Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
+vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig
+vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu
+viel getan hätte.
+
+„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
+Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“
+
+„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
+Worten gut herausfühlte. –
+
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
+Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße
+zu.
+
+Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
+beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu
+zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
+kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
+sie zufrieden zu stellen.
+
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
+letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
+
+Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
+Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer
+wieder.
+
+Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen
+untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht
+verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel
+wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden
+ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
+Trennung wiedersieht.
+
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die
+Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
+paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
+Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
+Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
+Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder
+den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
+sie von dort etwas Besonderes erwarte.
+
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
+Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
+war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in dem eine
+Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
+
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen
+Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die
+staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+
+Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren
+blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
+während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
+herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu
+fühlen.
+
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
+und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
+
+„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen,
+daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte
+sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem
+Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in
+diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“
+
+Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
+Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen
+stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren
+nun in den Gutshof ein.
+
+„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza.
+
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
+führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das
+sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung
+gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen
+Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
+jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür
+ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.
+
+„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die
+Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
+betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein
+schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
+Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
+Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das
+verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt,
+Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die
+Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
+ihnen geschenkt hatte.
+
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
+keine Antwort.
+
+„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie
+sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.
+
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
+sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“
+und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
+
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
+diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen
+standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
+aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
+unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und
+Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
+hätten.
+
+„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an
+Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt
+gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die
+Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen
+in Locken verwandeln.
+
+„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und
+fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“
+
+„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete
+Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
+
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
+nicht verbergen.
+
+„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie
+gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick
+hochinteressant war.
+
+„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig.
+
+Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die
+Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die
+weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle
+Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
+Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
+soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn
+ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
+die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder
+an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel,
+mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die
+Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine
+weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer
+Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten
+Städtern eine Wohltat, und mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche
+Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.
+
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es
+euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.
+
+„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den
+Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte
+dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht
+weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
+erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“
+
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
+Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen
+Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel
+mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
+meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und
+sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+wären.
+
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
+Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu
+Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.
+
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer,
+einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und
+den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+höchst neugierig waren.
+
+Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an
+den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet
+haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die
+ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, –
+einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
+Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
+kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
+seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
+Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde
+der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
+
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
+ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
+strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl
+sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von
+Nellie vermuten.
+
+„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte
+sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen
+niedersetzte.
+
+ [Illustration]
+
+„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die
+hellen Perlen von der Stirn. „War wohl auch ’ne nette Temperatur in den
+Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+
+„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es
+ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns
+deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“
+
+„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die
+Umgegend ist so schön,“ sagte Flora.
+
+„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste
+Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
+alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs
+Vieh mehr haben.“
+
+„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch
+keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
+peinlich, daß er so sprach.
+
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+
+„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er
+nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es
+bedeutet: kein Regen!“
+
+„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll
+Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
+
+„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
+Frau Althoff erzählt.“
+
+„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
+vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“
+
+„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
+
+„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft
+so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
+seine Nerven auch sehr herunter.“
+
+Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
+vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen,
+da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.
+
+Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.
+
+Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere
+Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig
+zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde
+ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
+Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu
+derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das
+Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
+seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
+die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte ihm
+unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit
+Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben
+eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle
+Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
+interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
+Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen
+landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein
+Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden
+würde.
+
+Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
+die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine
+Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte,
+daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
+beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
+Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
+gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber
+auszufragen.
+
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr
+so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
+Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
+niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der
+Kaffee unter der großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+
+Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum
+schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
+kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke,
+auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen
+niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
+Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
+Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
+Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.
+
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen
+Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung,
+die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn
+und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im
+Zimmer taten.
+
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße
+Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder
+eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
+ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.
+
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
+auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
+doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
+waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja
+fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren
+und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+
+Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof,
+alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers
+erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein
+strenges, aber gerechtes Regiment führte.
+
+„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora
+scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
+Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude
+verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
+über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
+Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
+Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen
+die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
+roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
+vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen
+tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken
+war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter
+Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
+Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete
+sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
+Kastanie stellte.
+
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
+heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch
+unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig
+umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr
+wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett
+geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die
+offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
+um die Wette durch die abendliche Stille.
+
+Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
+worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
+schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
+ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+
+„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
+Werner.
+
+„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora.
+„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
+natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?“ wandte sie sich an die beiden.
+
+„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.
+
+„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den
+jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie
+geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine
+Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume!
+Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht,
+morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die
+mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter
+nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
+etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“
+
+„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht
+errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
+
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
+verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
+dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+
+„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
+das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren
+Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
+diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
+Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze
+eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.
+
+„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
+dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
+vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+
+„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer
+Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und
+fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah
+ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
+Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das
+weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den
+Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
+Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten
+Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
+und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
+versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig
+abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe
+ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
+Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
+praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“
+
+„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals
+sprechen hören.
+
+„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.
+
+„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
+Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie
+über alles.“
+
+„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.
+
+„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch,
+sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen
+nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
+Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem
+überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
+
+„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis
+in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas
+hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
+nach etwas Höherem.“
+
+Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
+diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
+verständig war und blieb.
+
+„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die
+Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
+eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
+Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges
+Leben führen.“
+
+„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe
+ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“
+
+„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja,
+das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
+nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche
+Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich
+fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem
+geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
+kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie
+eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“
+
+„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt
+in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der
+Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als
+Nihilistin eine Rolle?“
+
+„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte
+sie dazu.“
+
+„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf
+hier Nellie ein.
+
+„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht.
+Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
+würde.“
+
+„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
+Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
+anfangen!“
+
+„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit
+erfahre ich ja gar nichts.“
+
+„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
+ich dir,“ antwortete Ilse.
+
+„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr
+Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“
+
+„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu
+neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas
+Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher
+kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß
+diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der
+ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
+Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
+
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch
+immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
+die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte
+auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich
+in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der
+bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den
+herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen
+Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
+ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
+malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das
+anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
+Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und
+die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
+Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –
+
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach
+langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
+Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
+geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau
+Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
+wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
+gerühmt.
+
+Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
+noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch
+gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein,
+daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde
+beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
+Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –
+
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
+das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen
+heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
+
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
+Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte
+er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen,
+und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
+liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
+ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+
+„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
+„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht
+haben!“
+
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens
+mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
+Heuaufladen zugegen zu sein.
+
+„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer
+Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
+Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!
+
+„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die
+aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und
+Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“
+
+„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.
+
+„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher
+Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die
+Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung
+einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
+merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht,
+über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“
+
+Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
+nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
+„erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
+
+„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten
+umsehend.
+
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen,
+mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen,
+eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben
+in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der
+Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
+Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken
+setzte.
+
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel
+vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
+auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
+der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
+Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!
+
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den
+gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
+Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden,
+während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß
+man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen
+konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine große Zukunft. –
+
+Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
+umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich
+überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und
+als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten
+gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
+Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz
+ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug
+glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“
+
+„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn
+der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
+
+„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte
+Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
+Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
+Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis
+zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
+lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr
+unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
+und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon
+August den Kiesweg heraufgegangen.
+
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
+schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
+und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige
+Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
+Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war.
+
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
+beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts
+Fremdes.
+
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
+bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und
+Ilse.
+
+„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir
+vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“
+
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
+
+„O, haben Sie Ärger gehabt?“
+
+„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die
+dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei
+davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte
+seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend
+zusammenschlug.
+
+„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm
+besänftigend über die Stirn.
+
+„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte
+der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch
+geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß
+tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die
+Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
+worden in der letzten Nacht.“
+
+„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole
+dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
+eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus
+schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
+Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß
+aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau
+werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich
+eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel
+ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine
+innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der
+Grundzug von Floras Charakter. –
+
+Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen
+und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft,
+Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
+die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
+vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
+denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten
+ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
+sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
+Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
+
+„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder
+die Rede darauf kam.
+
+Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man
+merken.
+
+„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne
+und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
+und Mutter doch nicht zu versäumen.“
+
+„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen
+können, das ist die Hauptsache.“
+
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden
+sie sich ja doch nicht einigen.
+
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie
+blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie
+in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
+vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
+ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin
+mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
+dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
+zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
+reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden
+Fred nicht verglichen werden.
+
+Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
+ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und
+neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
+erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und
+wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann
+kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
+wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner
+berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse.
+Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
+und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding
+den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern
+ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und
+Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
+hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
+zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
+Fall war. –
+
+Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
+bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie
+begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
+
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
+und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
+
+„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen
+genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
+die Dorfstraße schritt.
+
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
+der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war;
+begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
+sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in
+den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg
+schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die
+Höhe nahmen.
+
+Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald
+hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
+jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre
+Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
+leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
+sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
+Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und
+Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief
+innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie
+sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.
+
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben
+eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten
+Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
+Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
+stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich
+Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder
+Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
+einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im
+zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da
+aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
+die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
+gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die
+junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war
+und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
+Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser
+armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine
+warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Türe zu
+dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
+in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
+erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
+versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
+zurück.
+
+„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
+wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“
+sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen
+schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes
+Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.
+
+„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe;
+aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
+wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie
+sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
+
+Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige
+Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch
+gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so
+gut, die war ihr keine Fremde.
+
+„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“
+
+„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
+nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora
+sanft und liebevoll.
+
+Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
+die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die
+Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
+gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem
+zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
+geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten
+Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief
+über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen
+Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
+Füßchen streichelte.
+
+„O, wie süß ist das _baby_,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie
+das Kind.
+
+„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester.
+
+„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter.
+
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen
+Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den
+Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe
+genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+
+Müde und apathisch dankte die Frau.
+
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
+holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die
+Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.
+
+„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend.
+
+„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge
+Witwe.
+
+„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in
+Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“
+
+„Die Kinder sind ja da.“
+
+„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu
+achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora.
+„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
+Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
+
+„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen
+diese Worte.
+
+„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem
+Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
+komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
+Abend und recht, recht gute Besserung.“
+
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
+entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte
+menschlichen Elends.
+
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft
+empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
+konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen
+Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
+einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die
+Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle
+drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+
+„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor
+sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte
+Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“
+
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
+
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
+Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche
+Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen,
+und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
+Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde
+liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so
+empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.
+
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
+Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen
+für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
+
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
+mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich
+auf dem Platze unter der Kastanie.
+
+„O, die armen Kinder, das süße _baby_, was wird daraus?“ rief Nellie mit
+Tränen in den Augen.
+
+„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er
+seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“
+
+„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen
+Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
+übergeben – es ist zu traurig!“
+
+„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann.
+„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
+Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke
+ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich
+mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s
+zufrieden.“
+
+„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu
+wonniges _baby_!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger
+Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
+Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+
+Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich,
+und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
+letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier
+erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie
+ihre Betrachtungen.
+
+„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so
+nehmt ihr es doch zu euch.“
+
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
+auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
+schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
+doch heftig schüttelte sie den Kopf.
+
+„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus.
+
+„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“
+
+„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“
+
+„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest _du_ es
+denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
+
+„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die _babys_ so
+sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr
+sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred
+nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und
+das ginge doch nicht.“
+
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
+wurde, Nellie blieb dabei, „es ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich
+die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
+
+Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht
+abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
+gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.
+
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
+merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
+Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
+sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.
+
+Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
+einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während
+Ilse diktierte.
+
+„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann
+wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel
+geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
+fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es
+diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
+und pünktlich zu besorgen.
+
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
+beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit
+Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
+
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den
+Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts,
+aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+
+„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus
+ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
+Episteln von ihrem Fred studierte.
+
+Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der
+Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
+kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der
+Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
+klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
+Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre
+Lippen.
+
+„O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du für
+mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer
+Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte
+sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
+freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
+und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: daß er nichts
+dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
+wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
+einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
+hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr
+stilles Haus bringen würde.
+
+Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm
+geschrieben hatte.
+
+„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als
+diese zu Ende gelesen hatte.
+
+„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
+Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte,
+fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
+wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus
+mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“
+
+„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was
+du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
+vergelten.“
+
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+
+Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
+Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen
+den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
+Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine
+Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –
+
+Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter
+über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen,
+sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
+wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
+wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.
+
+So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte
+eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
+ihrem bisherigen Elend zu entreißen.
+
+Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß
+gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal
+ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
+vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
+daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
+
+ * * *
+
+Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
+Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was
+sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
+kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
+was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und
+darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
+nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug
+rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“
+hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
+Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über
+Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
+wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
+Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber
+sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
+trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
+es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
+fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
+junges Leben hierher verpflanzt worden war.
+
+ * * *
+
+So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
+Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
+Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
+mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern
+später und manchem nie.
+
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und
+trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem
+andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
+war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
+schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.
+
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
+müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein
+stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
+immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
+großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
+seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
+letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie
+nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit
+geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
+Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
+Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er
+fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen.
+Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
+Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen
+Blicken. –
+
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals
+fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die
+angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war
+und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
+„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe
+machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem
+Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz
+niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte
+sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie
+ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie
+sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
+so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
+kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle
+herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten
+sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
+
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
+jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
+Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie
+herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
+Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig,
+zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
+Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
+dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den
+Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo
+necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die
+Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
+einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
+schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
+und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem
+jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine
+beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
+rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
+geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren
+frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und
+innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
+sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
+drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie,
+wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter
+und Freundin zugleich.
+
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
+Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf
+den ersten Ball führen konnte.
+
+Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne
+und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
+Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
+unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
+Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in
+ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
+ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen
+Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.
+
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein
+großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
+tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
+Kleinigkeit.
+
+„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die
+Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
+zu beginnen.
+
+„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch
+früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch
+lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch
+ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen
+sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
+nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.
+
+„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt,
+als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau,
+daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber
+würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen,
+Marianne?“
+
+„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber
+als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
+aufgebraust.
+
+„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur
+Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
+Geschmacklosigkeit!“
+
+„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone
+erwidert.
+
+„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
+ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
+Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
+dir eine solche Farbenzusammenstellung!“
+
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie
+nun auf alle Weise zu trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
+Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde
+immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie
+wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem
+Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
+habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
+Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche
+Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber
+hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
+werden können.
+
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden,
+wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
+in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
+standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen.
+Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
+Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon
+erzählten.
+
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus
+dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.
+
+„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
+nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am
+Flügel. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse,
+aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
+vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin,
+fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
+von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
+ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
+ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
+
+Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu
+einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
+die andre zu Blumen im Haar.
+
+Ruth lehnte alles ab.
+
+„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie.
+
+In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets,
+das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie
+mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
+„Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße
+Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.
+
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
+einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
+bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
+einführt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
+wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Töchter eingeladen worden.
+
+Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den
+Händen.
+
+„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne
+zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
+in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der
+Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald
+hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.
+
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der
+Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
+dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie
+angewurzelt in derselben stehen.
+
+„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut.
+
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
+wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
+Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
+alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
+darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
+schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
+ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.
+
+„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir
+wohl gut?“
+
+„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es
+von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen
+umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte
+schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren
+zu.
+
+„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte
+wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu
+werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
+
+„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ –
+„Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von
+neuem durcheinander.
+
+„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen
+hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht
+widerstehen konnte.
+
+„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage
+mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr
+Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In
+euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
+bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“
+
+Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.
+
+„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda.
+
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
+er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
+
+„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle.
+
+„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher
+gefunden?“ fragte Marianne.
+
+„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß
+ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“
+
+„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne.
+
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.
+
+„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag
+keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“
+
+„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn
+bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
+darüber urteilen.“
+
+„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern.
+
+„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“
+
+„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“
+
+„Mich darfst du zu Tische führen.“
+
+„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“
+
+Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
+Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
+
+„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“
+rief er, sie zurückdrängend.
+
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die
+Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der
+Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden
+Mädchenkranze.
+
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
+auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber
+stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des
+Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu
+fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme
+entgegen.
+
+„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut.
+
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer
+Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.
+
+„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl
+nicht mehr bekommen.“
+
+„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
+habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth.
+
+„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
+mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun
+doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“
+
+„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten
+Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
+und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das
+wäre reizend!“
+
+„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen.
+
+„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und
+schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
+und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“
+
+Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und
+seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
+
+„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als
+mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
+dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze
+Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
+Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
+berichten. Alte, gute Kröte du!“
+
+Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
+
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
+für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese
+Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine
+große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die
+geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
+es:
+
+„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“
+
+„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“
+
+„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“
+
+„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
+fortgenommen?“
+
+Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse
+schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf
+Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den
+Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer
+gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
+gefunden.
+
+„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
+Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
+Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte
+er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch
+tiefer in die Stirn.
+
+Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch
+oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die
+beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
+
+„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“
+
+„Wir kommen, wir kommen!“
+
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
+Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen
+der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –
+
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die
+Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
+die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
+zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
+Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
+einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
+Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er
+legte sie aber beiseite und schaute – die eine Hand am Henkel seines
+Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den
+Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
+der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
+an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend,
+verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
+ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
+glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
+der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen
+und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
+knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
+Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel
+Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte,
+und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es
+erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen
+Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
+Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
+Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
+Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
+Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
+entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie
+gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt.
+Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
+versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich
+vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
+„Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
+doch einschlief.
+
+Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin
+geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich
+darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
+Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu
+klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte
+er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der
+Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt
+werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
+bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
+gewesen.
+
+Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine
+Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
+
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
+betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden
+Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald überhoben,
+denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
+dicht besetzten Ballkarten.
+
+„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in
+den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+
+„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie;
+aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen,
+sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus
+beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
+vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und
+verschönte sie merkwürdig.
+
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
+sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier
+gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
+bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
+
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
+suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden
+hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
+auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie
+alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
+er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
+tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf
+ihre Schwester zu bringen.
+
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen
+möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
+
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
+Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen
+eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr
+und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
+seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
+und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!
+
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
+neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
+
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
+erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
+tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach
+deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem
+hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie
+nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
+hatte, mit Behagen verzehrte.
+
+„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens
+herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an
+ihrer Seite niedergelassen hatte.
+
+„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“
+erwiderte er.
+
+„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es
+wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich.
+
+„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der
+schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck.
+
+„So, und warum denn?“
+
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
+gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
+Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins
+Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
+Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
+daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr
+noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten
+Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
+„Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben
+Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“
+
+Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
+und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.
+
+„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige
+Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“
+
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
+rasch voraus.
+
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
+Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester
+und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen
+Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
+tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an
+ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
+schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
+Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn
+ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
+ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
+mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
+Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig
+harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung
+ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen
+Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. Mit
+diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
+vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine
+freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
+
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu
+schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr
+Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
+Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr
+eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät
+gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem
+holden Mädchenantlitz.
+
+So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
+lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
+Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche
+Gefühle hegen möchte. –
+
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt
+wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie
+fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
+einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand
+hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und
+bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
+legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
+er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte.
+Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts
+anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
+Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend.
+Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe,
+und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also
+eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
+bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften,
+daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den
+Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war,
+in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und
+betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er
+wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen
+Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische
+nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
+gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern
+verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
+hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
+deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
+nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
+
+ [Illustration]
+
+Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte
+er sich getäuscht.
+
+Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging
+vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen
+führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+
+„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“
+
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
+geschehen sei.
+
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
+
+„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen
+geschlossen hatte.
+
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
+Professor.
+
+„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
+eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und
+fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß
+nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern
+hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
+Onkel Heinz?“
+
+„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“
+unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
+begann.
+
+„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er
+las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt
+im Zimmer auf und ab wandelte.
+
+„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über
+seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
+
+„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie
+angstvoll.
+
+„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur
+Antwort.
+
+„Was soll ich denn aber tun?“
+
+„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
+indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer
+etwas zu sagen.“
+
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+
+„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch
+immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
+
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er
+besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte
+aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von
+einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
+werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings
+nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
+die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er
+einige Male im Zimmer auf und ab.
+
+„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich.
+
+„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort.
+
+„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“
+
+„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch
+leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder –
+meinst du doch?“
+
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
+einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
+Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb –
+überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
+den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem
+Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
+auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.
+
+„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie
+ihre Frage noch einmal dringlich.
+
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
+nichtssagenden Worte heraus:
+
+„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötzlich fort, als wäre ihm
+auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt
+dazu, dich heiraten zu wollen?“
+
+„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle
+fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es
+ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
+mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn
+nun wohl heiraten?“
+
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
+schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch
+so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus,
+und Ruth wurde immer dringender.
+
+„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich.
+
+„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich
+den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er
+aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen,
+lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am
+wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
+
+„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser
+Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
+einläßt.“
+
+Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
+wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
+denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.
+
+„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
+Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
+Arm.
+
+„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und
+empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges
+gesagt habe.
+
+„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
+gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt
+will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
+tun muß.“
+
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.
+
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
+Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß
+dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt
+herein.
+
+„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz.
+
+„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut.
+
+„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er.
+
+„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
+als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
+ich nun tun, was soll ich anfangen?“
+
+Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
+unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr
+vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
+richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
+Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen
+begleitete.
+
+„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an.
+
+„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch
+Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte
+er.
+
+„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und
+unglücklich machen,“ fuhr sie fort.
+
+Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen
+Seele.
+
+„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
+schlechteste,“ sagte er.
+
+„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht
+verheiratet, Onkel Heinz!“
+
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank
+nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
+Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
+wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder
+die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames
+Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
+Verhältnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
+von manchem Silberfaden durchzogen war.
+
+„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen,
+braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest
+nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“
+
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
+ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –
+
+Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder
+nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
+heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser
+neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
+hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen
+blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen
+Arm um ihre Taille.
+
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
+solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
+ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
+noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
+forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich
+fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mußte. Daß Ruth
+ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung
+doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
+ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
+richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
+Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den
+Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß
+man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.
+„Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte
+Ruth.
+
+Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl
+solche Kröten so etwas!
+
+„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht
+heiraten könnte,“ drängte Ruth.
+
+„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
+erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große
+Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse.
+
+„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte
+Ruth.
+
+„Bewahre.“
+
+„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“
+
+„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
+wollte,“ setzte Ilse auseinander.
+
+„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm,“ sagte Onkel Heinz,
+„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“
+
+In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
+indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
+atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
+gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
+
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
+zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
+einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
+Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
+machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem
+Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
+
+Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
+in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
+Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jäckchen auszog.
+
+Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an
+Ilse und Ruth.
+
+„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte
+sie die Schwester dabei an.
+
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten Brief hin, den Marianne
+ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
+sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
+an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
+durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die
+Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den
+Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar
+umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und
+hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –
+
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer
+stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
+befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
+er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
+Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte.
+Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die
+Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich
+Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
+
+„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“
+
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+
+Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das
+Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.
+
+„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
+sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
+hatte.
+
+„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt.
+
+„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor.
+
+„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth
+voller Angst.
+
+„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An
+allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng
+geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
+gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
+dergleichen, das ist kein Wunder.“
+
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
+welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
+der Ohnmächtigen zu.
+
+„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er
+wieder an.
+
+„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse
+ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
+
+„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt
+und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
+Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es
+doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
+Heulkonzert aufführten.
+
+„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer
+augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
+jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.
+
+„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“
+erwiderte er ruhig.
+
+Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
+nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich
+auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst
+du aber auch für Geschichten!“
+
+Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie
+erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
+
+„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme,
+– einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der
+Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie
+schweigen möchten, zurück.
+
+Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen,
+Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von
+Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde
+bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
+Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
+einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich
+zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges
+Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –
+
+Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
+betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte.
+Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
+Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
+stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch
+vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche
+antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz
+abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden
+waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
+wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
+Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
+Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
+
+Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der
+schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
+lustig knackte und knisterte.
+
+Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit
+sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
+Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
+zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus
+seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
+sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die
+eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
+verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
+Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte
+nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er
+dasselbe erwidere.
+
+Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt
+und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein
+Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
+diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
+
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
+konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
+Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen
+erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt
+habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte
+Ruhe anempfohlen habe.
+
+„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut
+jammernd aus.
+
+„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber
+im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz.
+
+„Sie ist aber so elend.“
+
+„Wird sich schon wieder erholen.“
+
+„Glaubst du wirklich?“
+
+„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu.
+
+„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen
+nicht Marianne statt mich?“
+
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.
+
+„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte
+das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
+
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
+
+„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder.
+
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
+
+„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff.
+
+„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und als er nicht
+antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
+überhaupt nicht lieben.“
+
+„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der
+Professor bei sich.
+
+„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen
+Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es
+wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich
+möchte – eine Künstlerin werden.“
+
+Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte
+ausgerufen.
+
+„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“
+fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten
+Weise betonend.
+
+Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.
+
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+
+„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft
+so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas
+heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und
+unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
+wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der
+Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich
+edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht
+beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
+Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“
+
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
+Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche
+Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er
+empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
+Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es
+eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, –
+ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
+das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer
+schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
+So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
+nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
+kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
+eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
+plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.
+
+„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd.
+
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+
+„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel
+heißen, als: es ist nun einmal so.
+
+„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte sich in zärtlicher
+Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich,
+aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“
+
+„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch.
+Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
+Frauenzimmer fertig bringen.
+
+„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er
+aber dennoch.
+
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht
+widerstehen konnte.
+
+„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du
+doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme
+nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
+siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas
+Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe
+geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“
+
+„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
+ihn ernsthaft.
+
+„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
+spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
+Scherzen aufgelegt.“
+
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in
+die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.
+
+„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch immer gleich flennen müßt,“
+sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
+wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön
+geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber
+das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das
+geht nicht, das geht auf keinen Fall.“
+
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+
+„Aber Onkel Heinz!“
+
+„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa
+Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter
+dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen
+wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du
+nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht,
+daraus wird nichts!“
+
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth
+vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer
+Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er
+wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte
+Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
+Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“
+
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
+versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt
+sie ihn am Arme fest.
+
+„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch
+nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen
+Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie
+es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich
+fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“
+
+„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel,
+das ist wahr,“ sagte er einlenkend.
+
+Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und
+zuversichtlich:
+
+„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“
+
+„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er
+abwehrend.
+
+„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm.
+Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer
+Geschwindigkeit.
+
+„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie.
+
+„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin.
+
+„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte
+dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit
+den Eltern sprechen?“
+
+„Gar nicht,“ erwiderte er kurz.
+
+Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:
+
+„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
+ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“
+
+„Nein!“
+
+„Bitte, bitte, sage ja.“
+
+„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig.
+
+„Onkel Heinz!“
+
+Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können!
+Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
+abwandte.
+
+„Lieber Onkel Heinz.“
+
+Er antwortete nicht.
+
+„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“
+
+Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
+schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen.
+
+„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut.
+
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
+sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –
+
+Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag
+krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
+erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
+unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
+nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß
+die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über
+diesen Punkt so weit auseinander gingen, so überzeugte sie sich jetzt von
+dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
+sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
+früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
+Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
+zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was
+der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie
+niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
+gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
+Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
+Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
+wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
+zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
+weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
+Gefühl hervorgerufen haben würde.
+
+Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein
+Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen.
+Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre
+Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend
+erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit
+Fleiß und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
+Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+
+Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz
+hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
+entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten
+Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
+Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr
+so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
+Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
+aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
+glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr
+verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
+Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
+Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
+Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
+beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
+Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
+Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
+der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen
+Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden
+hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
+seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse
+voller Stolz.
+
+Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen
+eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
+schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer
+Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
+hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die
+Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer
+Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+
+So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
+es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz
+vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
+Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen
+strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen
+Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.
+
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
+seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
+Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben,
+roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über
+ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
+wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und
+leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
+Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des
+Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose
+geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte,
+locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter
+dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
+sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem
+Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter
+Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran
+rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben.
+Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
+abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
+Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden
+Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.
+
+„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor.
+
+Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:
+
+„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja
+was.“
+
+„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
+und Fleiß allein kann das nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen.
+Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
+wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der
+Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn
+guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige
+Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
+Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es
+lange.“
+
+„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß
+ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht
+mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+
+„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief
+Atem.
+
+„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
+es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte
+einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+
+Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
+an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde,
+destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen
+großen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
+erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
+Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
+lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
+hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in
+sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war
+und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht
+zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
+einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte
+Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
+Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
+seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit
+beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute
+abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
+beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche
+Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
+Seite.
+
+„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei
+Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da
+ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
+mir.“
+
+„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank,
+daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
+auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran
+gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“
+
+„Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein.
+
+„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte
+Ilse.
+
+„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
+Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei,
+entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die
+amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher
+sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft
+interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
+denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die
+Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
+eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
+Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“
+
+„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er
+hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter,
+und bloß, weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des
+Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“
+
+„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach
+Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine
+Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
+Zeiten muß der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehört
+dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“
+
+„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine
+brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse.
+
+„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
+geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre,
+unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur
+Antwort.
+
+„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
+hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+
+„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er
+wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese
+Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte
+ganz anders behandelt werden müssen.“
+
+„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für
+die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse.
+
+„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
+gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie
+überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel
+vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
+einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
+
+„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse
+lachend.
+
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
+er darüber dachte.
+
+„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während
+sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen
+Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz
+genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
+Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes
+Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“
+
+„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war
+ja Bromkali –“
+
+„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs
+alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
+Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nützen.“
+
+„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“ sagte Ilse; „bei der ist es
+nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“ fragte
+sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
+angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann
+später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch
+nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.
+
+ [Illustration]
+
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
+bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig
+war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde,
+vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß
+es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
+für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung
+sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den „wunderlichen
+alten Herrn“ amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
+werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
+und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen
+anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
+angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
+Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
+genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln
+und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
+Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem
+alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge
+Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht,
+das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam
+war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten
+Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber
+auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
+und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
+jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
+vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren
+mußte.
+
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
+Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
+Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
+Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
+doch keine Kleinigkeit und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
+erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte,
+schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
+große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
+trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige
+Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter
+warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der
+Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
+betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
+seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
+Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst
+Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
+bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
+erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
+Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
+Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der
+Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
+Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
+sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu
+verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
+Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung
+hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
+die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
+bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
+so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte
+er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang
+konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre
+gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
+Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine
+Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
+Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die
+Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
+reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
+Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
+ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die
+herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
+besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich
+die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der
+seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
+flüsterte ihr zu: „Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben brauchten,
+hatte ich nun nicht recht?“ Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts,
+denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne
+Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach
+manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre
+Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
+Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber
+trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
+vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
+streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
+und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende
+erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der
+Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
+heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
+Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet,
+um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von
+den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen
+dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
+vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner
+Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
+übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
+Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel
+Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
+in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel,
+nur die Worte: „Alte, gute Kröte,“ wiederholte er immer wieder, und eine
+rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
+grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann
+machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
+es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
+Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
+die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder
+wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war
+ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
+Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte.
+Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und
+der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
+ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.
+
+„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“ sagte Nellie zu ihrem Manne, als
+die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
+war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
+Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
+gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren
+Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders
+gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
+wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
+lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
+sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
+wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn
+sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die
+Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das
+absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit
+harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter
+auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei,
+heimzugehen.
+
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
+ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an
+einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
+Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
+die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.
+
+„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“ sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
+auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem
+Blick auf Ruth und Marianne: „Wie lange wird’s dauern, und eines Tages
+fliegen beide aus dem Neste.“
+
+„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“ erwiderte Onkel
+Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
+Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu
+müssen.
+
+„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“
+fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+
+„Ja, was fangen wir an?“ wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
+einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: „Dann
+schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“
+
+Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung
+hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte
+er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+
+„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“ rief sie; „vielleicht tue ich das
+wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
+haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
+vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
+spielen, Onkel Heinz.“
+
+„Na, das wird was Schönes werden,“ gab der Professor zur Antwort, „eine
+schreibende Frau? Brr!“
+
+„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für
+Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
+– eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf.
+Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt
+wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz.“
+
+„Durch mich?“ fragte er, sie ungläubig ansehend.
+
+„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“ gab sie mit
+ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
+ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
+Titel „Trotzkopf als Großmutter“ in gleichem Verlag erschienen ist.
+
+
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.
+
+Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht
+vereinheitlicht.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“
+ Seite 15: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“
+ Seite 76: „Schmids“ geändert in „Schmidts“
+ Seite 90: „langezogene“ geändert in „langgezogene“
+ Seite 113: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“
+ Seite 149: „Arger“ geändert in „Ärger“
+ Seite 162: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“
+ Seite 201: „Profossor“ geändert in „Professor“
+ Seite 208: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter
+ „abschlagen.“
+ Seite 223: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF’S EHE***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+April 2, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39350‐0.txt or 39350‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/3/5/39350/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
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+1.E.
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+1.E.1.
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+„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“
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+1.E.5.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+1.E.6.
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+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
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+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
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+Section 3.
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+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4.
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+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
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+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
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+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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