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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:47 -0700 |
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Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.] + + + + + Wartalun + + Der Niedergang eines Geschlechts + + Roman + von + Waldemar Bonsels + + + Im Verlag Ullstein · Berlin + + + Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer. + Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung + Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin + + + + +Erstes Kapitel + + +Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr bewegte sich im +tiefblauen Himmel eine große rote Mohnblüte, nur ein klein wenig und so +feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und +wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken von der Wärme und +vom Licht, und sein Schatten huschte über das helle Kleid des jungen +Mädchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen +hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie sacht ein wenig nieder und +spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten. + +Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen Licht und der +willkommenen Müdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer +Betrübnis daran, daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit ihm +eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhältnisse für sie +und für ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewiß geworden. Es +machte mißmutig, nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen, +welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den Veränderungen +erwachsen würden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet +wurde. + +Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen Sommerwind +schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte +gedankenlos den grünen Stiel mit seinen winzigen hellen Härchen und +entblätterte über ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten +Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen +Sonne liegen. + +Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu +finden, da sah sie zwischen den Ähren fern die grauen Schloßtürme von +Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das +seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts +zu finden war. + +War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurückdenken +konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern sollte, lernte sie erkennen, daß +sie alles allein der Güte des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser +Reichtum ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke +quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es Mächte gab, die ihr diese +Schätze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als +wäre nicht mehr, was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum. + +Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in +diesem Augenblick, in dem sie litt. Daß sein Kommen erst mit dem Abend +erwartet wurde, ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht +zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß der +Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte hinterlassen können, +war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder +Wendalen mit seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: er +hat niemand so geliebt wie dich. + +Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter +und den kommenden Frühling mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug +in das ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen wie mit +den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres überzogen hatte. Das war +die letzte Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des +Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, über +seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, daß es sein letzter war. Der Wind +vom Garten war warm und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber +eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedächtnis +geblieben, an denen sie ihm zur eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte +vorlesen müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß sie +warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie: + +»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?« + +Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies wünschte. + +Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, und hielt inne. +Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttäuschen. Seine Bewegung +quälte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er +von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu +erzählen, die in den großen Wandteppich gewoben waren, gegen einen +verblaßten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten, +aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus +erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten nicht mehr. Wollte er, +daß sie die Tränen vergaß, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete +es und fragte ihn, weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in +einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte: + +»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, und weil ich die +Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen +Haar. Und weil ich die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des +Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Füße +am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum +daß du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht, +die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie +dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin +niemals deinem Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du mich +gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir +in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott +bringen, zu dem ich gehe.« + +Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen könnte, und +sich gefragt, ob sie ihm Anlaß gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu +sein. Aber im Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen +war und daß der unerfüllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu +jenen gehörte, die sie erfüllen konnte. -- + +Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hörte ein Pferd +schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurück. +Sie nahm ihren Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme, +damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er saß zu hoch auf +seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte, +und hielt die Pferde an. + +Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, daß Afra nicht hochmütig +war. + +»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornähren mit +der Hand zur Seite bog. »Ist es erlaubt, einzutreten?« + +Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen. + +Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heißen +Stirn und lächelte. + +»Einen Gruß könntest du schon sagen ...« + +»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit forschenden Augen +hinzu: + +»Heute abend ...?« + +»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine +betrübliche Nachricht, »heute abend kommen sie.« + +Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit an, wie Martin sich den +neuen Herrn vorstellte. + +Plötzlich unterbrach sie ihn: + +»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.« + +»Weißt du es besser?« + +»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu +eurem Vorteil wünscht. Der Vater meint, daß er eine Vorliebe für neue +Treibhäuser habe und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt +von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und der Förster +weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.« + +»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man könnte glauben, daß es so +im Katechismus steht.« + +»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, »aber wenn man sich +langweilt ... man sollte sich nie langweilen.« + +Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar, +die an dünnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte +seine Hand um, öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann +schob sie seine Hand zurück. + +»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, was ich von ihm +weiß. Und noch eins: er wird mich sehen.« Sie ließ langsam die Blicke +über den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden, +lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man +durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich zu behalten, was man wußte. +Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund +verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen. +Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will. + +Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mißstimmung +zugleich. Es mochte daher kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt +gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie nun zu +seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens für einige Zeit, für diese +Tage der Ungewißheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den +meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra +werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem märchenhaften +Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um +sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen +sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein +eigenes Geschick in die Hände gegeben waren, die er neben sich sah, wie +sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte auch, +daß er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne daß +Afra ihn daran hindern würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm +empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, sein Wunsch, +dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ... + +Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu +befreien. Was würde geschehen? + +»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, sagte Afra, »ich habe +genommen, welches ich wollte. Würdest du um eines bitten, wenn alle dir +erreichbar wären?« + +»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der ihren, »du konntest +tun, was du wolltest. Der neue Herr ...« + +»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob sich, so daß sie im +Korn saß, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete +als die goldenen Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf. + +»Fährst du mit?« fragte er. + +Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem +weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits +hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm +hinunterlachte. + +»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er +neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu. + +Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide +Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den +Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in +einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu +heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während +der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und +vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte. + + + + +Zweites Kapitel + + +Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das +Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her +durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der +Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des +Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode +des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen, +der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte. +Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft +gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe +rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre +alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können, +aus dem Hause gewiesen zu werden. + +Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und +schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der +fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie +erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas +weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf +ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die +Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß +sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des +alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel +mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte. + +Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im +Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe. +Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe +niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er +sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit +mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle +an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft +auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke, +der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die +Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen. +Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn +umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, +der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra +wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein +kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, +als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden +Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur +Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit +seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte +winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn +für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten +schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie +stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit +Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück. + +Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der +auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser +Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende +junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß +sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem +Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles +deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles +benachteiligter als sie? + +Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen, +die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte +eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum +beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung +für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor +sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, +sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich +gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?« + +Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben? + +Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum. +Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt +das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr +gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem +Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte +sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag +hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und +lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in +ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und +übermütig beseligt gelächelt hatte. -- + +Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in +kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille +auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten +waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen, +zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den +weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle +Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde +ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte, +in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie +schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts +sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die +Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen +der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare +Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch +geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle +Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche, +die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig +eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten +von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte +Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der +Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde. + +Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der +Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das +Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie +hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich, +ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und +der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo +der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der +längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, +dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener +Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch +gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und +Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie +ihn beinahe gering, diesen großen Mund. + +Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr +Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins +Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. +Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber +er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte +schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal +niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen +Herrschaft zu fragen. + +»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme +schuldig zu sein. + +»Heb den Baum am Tor«, sagte sie. + +Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie +nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie +wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, +deren Ketten sie hörte. + +Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße +entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem +Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame +heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das +Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten +Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten +Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein +ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu +verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden. + +Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über +die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie +hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen, +hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten +Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß +Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen +brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle +Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam +ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie +sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren +zu müssen, fand sie stark. + +Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die +immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So +schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten +Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen +Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den +Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe +am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie +von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie +hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit +und Geduld an, niemand schlug sie grausamer. + +Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie +sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde +sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter +schon unterwegs nach Wartalun. -- + +Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen +Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn +hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, +aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein +Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit +dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum +amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute +hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten +Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit +zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen +sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen +seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit +geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von +Wartalun geworden war. + +Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug, +wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem +und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr +zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich +in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und +hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden. + +»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen +empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die +Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer +Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit +geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan. + +»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie +laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual +beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen +weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut +ihrer freien Haltung stand. + +Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich +schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den +Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken +Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites, +wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach. +Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme +des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie +grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu +stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine +Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an, +mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung +nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein +schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im +Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war +schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und +erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine +schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche +Hände wünschte sie sich ... + +»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber +nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis +Wandelen zu gelangen?« + +»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.« + +»Wendalen, gewiß ... ich irrte.« + +Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land, +als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können. +Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit +überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen +wollte, und sah sie bewundernd an. + +»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht, +aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem +Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?« + +»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher +Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist, +es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht +besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.« + +Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie +Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen +Tod. + +»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie +denn jetzt um?« + +»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am +Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom +Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen +auszeichnete, sagte sie: + +»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig +dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist +Joni.« + +»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich +daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, +ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.« + +Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu +verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der +üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang. + +»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen, +zu sagen, wer Sie sind?« + +Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick +sah, und meinte: + +»Tut es etwas zur Sache?« + +Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken, +daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch: + +»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht. +Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er +ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.« + +Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich +sie ihn beneidete. + +»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage +hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie +eine kindliche Bitte. + +»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich +schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es +ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe +schenkt.« + +»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische +Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den +Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.« + +»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden. + +Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr +Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit +tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort: + +»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame +Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht. +Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, +mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die +Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien +waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, +da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große +äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns +drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante +Verheiratung des alten Herrn.« + +Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie +mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken +ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von +sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige +Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel +noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung +wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage +erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun +erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der +Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder +Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und +höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in +ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie +Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß +das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des +Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die +Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein +schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine +dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn +darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und +froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner +Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den +verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel +ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in +den Sonnenschein und lächelte. + +Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten. + +»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich +beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein +geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die +Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.« + +Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig +ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß +eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine +selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus. + +Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der +Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu +setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle +nützlich erschien. + +»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«, +sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und +geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre +Offenheit ist eine Freude für mich.« + +Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß +sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er +mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen +fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen +unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine +Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude +daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als +machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig. + +Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte +er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des +Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte +seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und +fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes +Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm. + +»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend +sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er +plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er +nicht hatte sagen wollen. + +»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach +diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm +damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte, +mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich +habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie +diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, +neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu +erproben. + +Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen +bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen +junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein +schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in +die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ... + +Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen +freundlichen Worten folgen: + +»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«, +sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich +war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im +Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines +Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage +schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit +der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein +wenig zu schwer ...« + +Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem +er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es +oft auf einsamen Spaziergängen zu tun. + +»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum +selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die +Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich +hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich +Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne, +langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten +einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich +mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.« + +»Wieso?« fragte Afra. + +Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf +ihre Frage ein. + +»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding, +zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur +ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra +berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam +unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist +vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine +philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument +einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet +werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur +noch eine Frage von Tagen.« + +»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra. + +»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.« + +»Und der Brief?« + +Er sah sie an. + +»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?« + +»Ja«, sagte Afra. + +»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von +hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte. +Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor, +da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt, +was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in +Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu +Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso +unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.« + +Er lächelte vor sich hin. + +»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?« + +Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre +Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab. + +»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie +versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, +daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie +nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder +Neidischer gehört haben.« + +Sie antwortete kalt: + +»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen +von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr +sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem +>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert, +ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...« + +Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach +einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf +sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen +Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und +so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war, +als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem +Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem +Sommermorgen angerichtet hatte. + +Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge +Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er +eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und +sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra +mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt: + +War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und +für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht +weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz +dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor +ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, +rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich +lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls, +von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob, +stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand +zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte. + +Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück. + +»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich +weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich +es gutmachen kann.« + +»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den +Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren +Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn +wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt +unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte +dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr +verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und +für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren +Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um +vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig +zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst +und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr +Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an +ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte +sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er +mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn +ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht +empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde. + +Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark. + + + + +Drittes Kapitel + + +Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten, +erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu +trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie +nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die +Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten. +Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr +war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben +haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr +neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher +mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen +Aussicht. + +Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber +viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst +auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er +fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles +gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte, +sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz +eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar, +die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien +ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen +Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener +Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen +suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in +unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des +Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und +geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch +allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen +erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in +ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen +wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch +so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und +voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick +bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind, +während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen, +die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner +seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit +überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu +wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein. + +Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer +Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie +deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten +als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er, +beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob, +besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner +Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage +und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig. + +»Warum lachen Sie denn?« fragte er. + +»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück. + +Nun lächelte er. + +»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an +Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich +aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht +ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine +Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So +viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine +Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses +und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie +waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle +Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht, +als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf +hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem +und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie +leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick +daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu +ihm Sie hier gehalten hat ...« + +Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil +dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie +geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle +seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und +beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das +Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig +geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte +er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich +ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte. + +Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher +drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch +dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte +hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an +drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See +bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten +eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und +lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein +Büschel Zweige. + +»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder, +hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu +ihr auf. + +»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile +wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein +aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät +gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute +mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, +möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich +nun vieles besser verstehe.« + +»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe +wenig Kleider.« + +»Bitte«, sagte er einfach. + +Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich +neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen +pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß +ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In +allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine +heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden, +aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so +dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im +eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als +auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende +Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn, +als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier +sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun, +es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn, +daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man +jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, +was in seinen Kräften steht. + + * * * * * + +In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des +Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun +sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und +Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und +die Trauer des Verflossenen. + +»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und +klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.« + +Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er +dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine +junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch +anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf +sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und +geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde +weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er +kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war. + +»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.« + +»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an. + +Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll +erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer +unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen: + +»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als +Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und +machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte +Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare +Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten +zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre +Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.« + +Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe +Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch +derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen +den Ornamenten, als zeichnete er sie nach. + +»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch +weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat +auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger +vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können, +dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.« + +Tief überrascht sah er auf. + +»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...« + +Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie +unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte +er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem +Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von +Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich +gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr +Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine +Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer. + +Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück. + +»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten +wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die +Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde +beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch +die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns +Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.« + +»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich +geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen. +Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee +laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die +draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?« + +»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie +wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die +äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche. +Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit +unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark +macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen +gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen +nach hat werden müssen, der ist gebildet.« + +Sie unterbrach ihn ungeduldig. + +»Sagten Sie, ich sei reich?« + +»Ja, Afra.« + +»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.« + +»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen +Sinn und Zusammenhang.« + +Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten +Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere +Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch +keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich +verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie +tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets +empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter +Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen, +als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur +erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein +Jüngling. + +Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des +Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von +einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in +die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden +Vergangenheit. + +»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam +schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den +Blicken und lehnte sich an das Fenstersims. + +»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer gehabt, die hier geherrscht +und gebildet haben«, sagte er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier +nach fremden Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren, +mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, seine Schönheit. +Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Möbel und +Verkleidungen der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert scheint +einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und groß wie +das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu +herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen +Gehorsam, aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...« + +Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf, +trat sie hinzu. Es war dämmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die +Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grüne +Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen. + +»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich +von großer Schönheit, aus dem von ungefüger und hilfloser Hand kleine +Stückchen herausgeschnitten waren. + +»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.« + +»Sie haben diese Gobelins zerstört?« + +»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vögel aus irgendeiner +Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.« + +»Afra ... das ist unmöglich.« + +»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen großen Wert auf +diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich muß in einer ungünstigen +Stunde gebeten haben. Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es +sah.« + +Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm +zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des +Märtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene +Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision +sah er die ermüdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm +und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die +blasse Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren Augen, +tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages +gestreut. Die Vögel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten +schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das +ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra +fortzuschicken ... Über allem wurde ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine +beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in +tränenfeuchte Schleier. + +»Afra, Sie sollten ... fort -- -- große Städte und viele Menschen sehen, +andere Menschen. Es müßten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte +und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...« + +»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was würde aus Wartalun?« + +»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren +Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr +argloses, sinnendes Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht. + +»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie es beginnt, mich zu +verändern.« + +Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten, +ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dämmerlicht der dickwandigen +Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild Afras. Das Mädchen +nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und +die Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des großen Tisches, +zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb +heruntergebrannt waren. + +»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war, +Bilder zu malen«, erklärte Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte +dies Bild machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, aber +dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.« + +»Weshalb?« + +»Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er +davon.« + +»Und Sie wollten nicht?« + +Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, daß sie +schwirrte. + +»Ich?« fragte sie und begann zu lachen. + +Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe +er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin: + +»Das ist seine Schrift.« + +»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe. +Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf +Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen +betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so +zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war +Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen +gewesen?« + +»Wann denn sonst?« + +»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen +bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse +dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie +haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und +auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.« + +»Was schreibt er denn?« + +»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er. + +»Gewiß ...« + +Beide schwiegen. + +Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr +Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe, +den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder +eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben +seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit +der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut. + +In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen nach oben und unten +zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie +wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält, +ernüchterte alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb +manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen Tonfall seiner Stimme, +deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher +seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als +daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Sätze +prägten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und +las einen Satz noch einmal: + +»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, das es +begründet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu +eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der +vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des +Lebendigen.« + +Er sah Afra an. + +»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.« + +Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann +las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote +im Grund seines Herzens getragen hatte. + +»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu +erkennen, so wollte Gott, daß meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam, +denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, daß +die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der +Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der +Geschlechter, nur die Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.« + +Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben +gerichtet waren: + +»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr +gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die +zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch +herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der +neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht führen.« + +Der Brief brach hier ab. + +»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als +erinnere er sich plötzlich der Gegenwart Afras, und er fügte schnell +hinzu: + +»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.« + +Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte: + +»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit mir gesprochen +hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich saß ihm +zu Füßen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er +weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht +war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und +Reichen und vom großen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch +einmal: >Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem Kampf.< +Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen +an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...« + +Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an dieses Andere, das +keiner von ihnen nannte. + + + + +Viertes Kapitel + + +Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf. +Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und +scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten +sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf +freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das +Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die +Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern +über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels +über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene +beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des +Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und +duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der +Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der +Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene +Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem +Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne +irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ... + +Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr +lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, +ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der +getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar +erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer +altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein +breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im +Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen +persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich +gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos. + +Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er +hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen +Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den +Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können, +aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem +eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn +peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur +von gleichgültigen Dingen. + +Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte. + +»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu +verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur +Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis +ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es +erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die +Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden, +Elsbeth.« + +Sie schwieg. + +»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im +Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier +lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem +sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch +den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen +können, wird einmal sein Eigentum sein.« + +Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr +Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und +flüsterte innig und liebevoll. + +»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu +trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese +Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, +aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und +du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.« + +Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite +sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. +Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er +ihr zuhörte: + +»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich +habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst +viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, +vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt +mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch +sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals +suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor +sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde +ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr +Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre +Angesichter erschrecken mich, und ...« + +Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein: + +»Du bist ungeduldig.« + +»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der +ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren, +hat bei mir niemals zum Guten geführt.« + +»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir +nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut +machen.« + +Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens +widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit +ausgesprochen. + +Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen +Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger +herzlich fort: + +»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...« + +Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit +bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm +in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen +zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des +Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht +seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich +als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr +keine Befürchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat. +Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und +schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich +dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte. + +»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine +Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben +können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen +Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was +hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du +möchtest sie fortschicken?« + +»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich +glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser, +die Sache vorläufig ruhen zu lassen.« + +Sie fuhr empor und drängte ihn zurück. + +»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig. +Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit +jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest, +empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich +gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen +kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt +mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf +ihren Vorteil und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn +zu erreichen.« + +»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt, +denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll +fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich +bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...« + +»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir +gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer +liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?« + +»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann +ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.« + +»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen +kenne.« + +»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen +des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für +ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines +Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte +zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie +er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines +Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern +kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.« + +Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang. + +Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt +an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die +blassen Züge ihres Gesichts. + +»Helmut ...« + +Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr +trösten lassen. -- + +Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die +junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der +Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das +Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz +verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu +ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein +bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer +neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der +Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen +vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien, +als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen +sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von +Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat +dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des +Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.« + + * * * * * + +Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete, +flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in +den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah +nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und +strich mit der Hand über die ergraute Schläfe. + +Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen, +an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme +erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener +stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen +Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen +Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe +Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen. + +Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste +niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief +hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier, +abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen +lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel +mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu +entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung +und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage. + +Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei +gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an: + +»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.« + +»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?« + +Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte. + +»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht +niemand anzuschauen.« + +Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den +Wirtschaftsgebäuden. + +»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer +Überlegenheit und seines Wissens froh. + +»Im Schloß?« fragte Martin hastig. + +Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den +Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre +es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas +vorenthalten hätte. + +Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief +quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand. + +»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige +Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen +gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den +Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt +zu großem Ernst. + +»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.« + +Sie wurde einen Augenblick nachdenklich. + +»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn +in den Park auf den großen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle. +Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die +Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.« + +Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber +liefen mit, und Afra ließ es zu. + +»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach +links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.« + +»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es +gleichgültig, wo er getroffen wurde. + +»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin. + +»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.« + +Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und +kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den +Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der +Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da +huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm +folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um +seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die +dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte +kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich +ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie +ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen. + +Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu, +wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«, +sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit +einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine +Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, +folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen +letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch +ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann +öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und +schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu +den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen +Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei +Lebzeiten, und voll natürlicher Würde. + +Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die +Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior +trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht. + +Sie sah ihn an. + +»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu +spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.« + + + + +Fünftes Kapitel + + +Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem +Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte +er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte. +Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit +und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als +die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie +sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die +Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles +anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von +unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der +Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter +unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene +Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die +in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die +Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der +blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und +vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn +andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte +ihn überall, anklägerisch ohne Zorn. + +Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben, +auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald +ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die +Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und +kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein +Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde. +Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die +Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und +einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in +der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll +lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer +fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese +Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß +er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für +dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen +lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten +Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als +der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten +bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er +möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich +bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und +scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen. + +Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein +dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr +möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut +mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...« + +Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus: + +»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht +und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren +Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt +auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft, +endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er +würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.« + +Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst. + +»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt +sein, er wird wiederkommen.« + +»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?« + +Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als +ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin: + +»Er langweilt sich.« + +Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten, +daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu +lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen +sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen +Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags +hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte. +Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn +innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine +Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt. + +Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem +kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes +Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein +Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem +Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit +ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das +Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens +ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere +Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war? + +»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut. + +Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem +grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt. + +Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die +über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen +Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, +durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es +trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen +ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang +nach der Mühle führte. + +In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen +leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte +still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und +verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit. +In den Birken lag der erste Frühsonnenschein. + +Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende, +eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im +Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel +unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum. + +Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von +Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den +Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach +leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom +rinnenden Wasser. + +Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und +schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich +zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr +geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem +Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich +nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst +gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn. + +»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von +inniger Freude. + +»O bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf +nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite, +lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach +ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm +Platz zu machen. + +»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra. +Und Ihr Erfolg macht es nützlich.« + +»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu, +wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn +er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die +Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie +schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das +Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb, +den der Fall bildete. + +Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend +etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf +den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den +Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen +beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten +Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu +ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn +aufmerksam. + +Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es +wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er +später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und +antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte +sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge +des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die +Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute. + +Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich +empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte +ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und +Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit +gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die +rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er: + +»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.« + +Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am +besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie +ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher: + +»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich +verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich +verstehen kann?« + +»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es +an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist +hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.« + +Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von +Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu +da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern +der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große +schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie +geöffnet hat.« + +»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf +sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines +Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an, +gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab. +Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast +immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den +Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich +fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die +glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein +Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins +gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek +ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre +Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...« + +»Denken Sie nicht gut von mir?« + +»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich +Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit +uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene +Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist +alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen, +glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher +Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie +sind wunderschön!« + +»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor, +senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte: + +»Warum sprechen Sie so gut von mir?« + +»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie +mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die +Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als +wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen. + +»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat +auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine +Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie +starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der +Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war +zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden +Erdenweite, die sie umgab. + +»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit. + +»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig. + +Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich. + +»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen +Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, daß +ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...« + +»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst. + +»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie, +nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich +noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch +hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang +es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich +mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren, +so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben +haben.« + +»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra. + +»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es +doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an +dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.« + +»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht +mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu +verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte +gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen +wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß +auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln +fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich +denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken +Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.« + +Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte. + +»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt +unrecht haben.« + +»Wieso?« fragte sie. + +Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer +Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh +gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut +ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab +heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung +mit sich gebracht hatte. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern +ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, +als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von +Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe +Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine +Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten +der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben, +lagen im Hof. + +Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der +alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie +waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den +Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der +zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen +Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch +Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen +Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die +Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die +geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende +lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen +Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem +Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des +letzten Grafen von Wartalun hernieder. + +Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem +Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett +in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ +sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie +in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte. + +Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei +Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes +verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage +schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene +Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand +auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise +durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und +summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen +ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher +die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr +Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken, +und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, +heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen +erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes, +schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen +die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr +inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der +Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die +Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den +Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür +angeschlagen hatte ... + +Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte +draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben +noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte. +Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm +gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf +einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du +bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß +sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, +in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin +ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich +möchte.« -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen +etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte. + +Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und +angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher. +Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die +Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer +und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen +beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und +sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen +gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig +gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten +sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die +Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte +ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht +hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit +kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das +niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung +entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer +Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja +zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die +Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten +war. + +Sie öffnete die Holzpforte. + +»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über +den Schultern der jungen Frau erkannte. + +»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen, +daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.« + +Es klang wie eine Anklage. + +Afra sagte: + +»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern +sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, +wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es. +Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der +jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert +hatte, mehr Worte als nötig zu machen. + +»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit +einem vernehmlichen Beben in der Stimme. + +Afra nickte. + +»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie. + +Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich +zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter +im Saal erloschen waren. + +Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters, +zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es +dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde +waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der +Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie +Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe +nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter +haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund +dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was +Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das +Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine +Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das +Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr +Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall. + +»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück. + +Es kam keine Antwort. + +Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran +beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein +demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an +dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag +unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den +Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil +sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses +Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals +bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie +trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber +ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen. + +An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun +mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür +schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter +einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als +sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin +Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und +sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin. + +Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das +Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam, +entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell +und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, +um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden +Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört +hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren +Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche +Bitte klang: + +»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!« + +Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle +Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne +Wirkung bleiben würden. + +»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh +fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. -- + +Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das +weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber +was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, +um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters +erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das +du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst +einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind +nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich hätte meine Heimat nicht +verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben. +Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser +Nacht.« + +»Stehen Sie auf!« rief Afra. + +»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals +wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem +Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe +nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von +meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben? +Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder +Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --« + +Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am +ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen +Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben +hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare +Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden. + +»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und +versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich +gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines +sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten. + +»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird +eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien +lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. +Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du +selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind +Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen. +Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, +die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra +geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er +leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die +Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als +ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. +»Rette mich, halte mich!« + +Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das +wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, +das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß +ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus +gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann +stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg +zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der +ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine +Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der +gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am +Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht +ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles +Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie +von rohen Fäusten niedergerissen worden ... + +Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im +Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben. +Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie +Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem +Eintritt geschlossen hatte. + +»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden +einschlagen?« + +Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor. + +»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im +Rahmen der Tür. + +»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der +Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft +kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem +maßlosen Zorn, den sie nicht verstand. + +»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau, +Iduna, soll kommen.« + +»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior. + +»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett +legen. Worauf wartest du?!« + +»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!« + +»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die +Peitsche von den Blättern. + +»Gehorchst du?« + +»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...« + +Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der +Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin +öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen +auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und +stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr, +denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen +den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts +wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers. + +»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!« + +Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer +vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen, +und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm +gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die +nicht falsch zu verstehen war: + +»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.« + +»Du junger Bursche wagst ...« + +Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis +verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte. + +Afra lachte krampfhaft auf. + +»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich +habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.« + +»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die +ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf +das Bett des jungen Mädchens. + +»Tot ist sie nicht«, sagte Martin. + +»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton, +in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war +eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich +brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte. + +»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll +ich denn jetzt tun?« + +Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar. + +»Mach drüben die Lichter an.« + +Er gehorchte. Dann kam er zurück. + +»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an, +oder willst du reiten?« + +»Da ist mir schon der Wagen lieber.« + +»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.« + +»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich +um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte. + +»Blutest du?« + +»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst +wie Kreide aus.« + +»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über +seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen. + +»Deine Hände zittern«, sagte er. + +»Halt still«, gab sie zurück. + +Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von +kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß, +und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und +steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen +Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von +eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt. + +»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst +du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich +nie mehr in Wartalun sehen.« + +Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter +ihr. + +»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch +merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?« + +Da stolperte Melchior vor ihn hin. + +»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu, +daß mir Unrecht geschieht.« + +Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest +geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der +Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war. + +»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior. + +Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe +sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und +in großer Erregtheit heraus: + +»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein +Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was +Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.« + +»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres +Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen +wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie +niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer +zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte, +denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in +Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie +einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel +gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut +dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte +ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr: + +»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du +vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten, +wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie +hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte. + +Er starrte sie an. + +»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug +geworden. Afra, sag rasch!« + +Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer. + +»Dort liegt deine Frau ...« + +Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann +schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er +mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. +Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr +danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm +leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben +gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, +als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben +ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war. + +Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu +machte, wobei er sie ansah. + +»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war +plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich +glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies +auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas +hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag. + +Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch, +daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein +junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und +eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit +nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die +unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn +über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde. + +»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte, +fügte sie hinzu: + +»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.« + +»Sprich doch nicht ...« + +»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...« + +»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig. +Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten +hat.« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher, +verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine +Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten, +fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen. +Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten +Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, +losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte +reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause +umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als +Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen +wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht +an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und +mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz +hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut, +die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des +Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt +worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte, +vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge +kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe +stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die +schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er +hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert -- -- Da +schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht. + +»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du +ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien +gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche +Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --« + +Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die +Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in +der Sonne. + +Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als +lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte +ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und +die Tür wieder ins Schloß. + +Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus +allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht +dahingesunken mit seinem Herrn? + +»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er +heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, +außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm +unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht +noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient +hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos +ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern +versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges +entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er +bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste. + +Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der +Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte +ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor +sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten +in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr. +Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was +nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. -- + +Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen +schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte +heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter +der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior: + +»Ach -- das Leben.« + +So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als +habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr +früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im +goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume +des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens +sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht +größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den +Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen +umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen +Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? -- + +Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas +zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz +folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, +daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter, +er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras +Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn +gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute. + +»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig +gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.« + +Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer +Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und +auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag. + +»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte +dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein +muß.« + +Sie entzog ihm ihre Hand. + +»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will +nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot +ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich +einmal in die Bücher schauen.« + +Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen +Tränen, und seine Lippen zuckten. + +»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra +ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl +unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch +Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung +hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude +vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten +und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus +verlassen hatte. + + * * * * * + +Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den +fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über +gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach +Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe +keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl +drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die +Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er +fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen +schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel +zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere +Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte. +Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen +gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung. + +In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll +Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus +der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen +erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden. + +Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch +und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und +im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd +dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.« + +»Ich kenne ihn noch gar nicht.« + +»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er +ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß +ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.« + +Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst. + +Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr +Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde +herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und +starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren +Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden +war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen +Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige +Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu +werden. + +»Wie ist es mit Melchior?« fragte er. + +»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu +genügen. + +»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und +klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt. + +Afra schüttelte den Kopf. + +»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in +seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit +seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein +eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es +kürzlich verkauft.« + +»Warum das?« fragte er ohne Unwillen. + +»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für +Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas +von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das +unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es +nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn +jetzt reiten?« + +Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen. + +»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe +ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte +ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.« + +Sie schien das zuzugeben. + +»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?« + +»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz +neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst +bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt +hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen +von seinen Sporen.« + +Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob +er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des +breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck +und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit +überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner +Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit +bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der +planlosen Ergebenheit seiner Schwäche: + +»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.« + +Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen +Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen +dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden +schaukelten im sanften Wind. + +Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe +schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach +diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als +das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen: + +»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt, +ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur +etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.« + +Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht. + +Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den +heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld +bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos: + +»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.« + +»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas +anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen, +daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt. + +Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn +bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und +sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, +und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt. +Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn +bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen +hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur +Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus +seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm +sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war, +seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun +darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht +haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen +sollte. + +Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh, +dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr +ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu +demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein, +daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des +Schicksals in falsche Hände gegeben worden war. + +Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute +plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht. + +»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften +Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.« + +»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd. +»Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.« + +Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung: + +»Das glaubt mir niemand.« + +Gepeinigt sah er auf. + +»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller +sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du +jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie +du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz +erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht +deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden +wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um +sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß +es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen +Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit +seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen +habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß +mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, +das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich +fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch, +du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen +können.« + +»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra. + +Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm. + +»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst +du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.« + +»Oh, das verstehe ich wohl.« + +»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit +verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die +Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung, +Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die +dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, +daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein +Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser +einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.« + +Da stellte Afra die Frage: + +»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?« + +Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das +besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme: + +»Wie du bist --« + +Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort +gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach: + +»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.« + +Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz +herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann +schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, +im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im +Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich +matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das +helle Bild inbrünstig in sein Herz ein. + + + + +Achtes Kapitel + + +Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel +Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen +Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und +begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen +Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den +beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer +Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als +vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt +hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen +Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst +seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der +junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen +Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte +Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen +in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt. + +Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er +las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen +Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit +heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf +andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam, +mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes +früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu +verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen +Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das +Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte +er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit. + +Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten +Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte. + +»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr +die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat +sie plötzlich für sein Kommen ein. + +»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich +zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn +Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.« + +Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in +Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen +sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. +Nein, Afra wird einzig über ihn lachen. + +So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen +treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut +ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, +für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner, +heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig +bewirten zu können. + +Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht +zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in +welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins +gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle +Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem +sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen +voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit +ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die +Räume des Schlosses durchwandert hatte. + +Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit +herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur +Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum +erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite +Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände +ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden +Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen +Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß +die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren +hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde +und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe +versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus +Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb, +weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las, +vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte. +»Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz +zitterte vor Erhobenheit und Freude. + +Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück, +diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über +irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich +so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er +Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt +hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam +hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine +Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame +Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, +sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine +Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte +doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen +Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn +seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben +anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun +Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller +Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde +beglaubigen zu lassen. + +Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den +dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras +Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen +eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über +Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen +in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die +Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam +auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt +und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen +wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte +er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl +nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr +hatte.« + +Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und +mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine +Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater +gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber +war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber +dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der +Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den +Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu +da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß +er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. +Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er. +Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und +empfand, wie er ihn dadurch kränkte. + +Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste +Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener +verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer +Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in +ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete +sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die +Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen +Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig +darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild +seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen; +litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz +mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu +Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn +hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer +ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur +Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer +vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine +Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf +spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen +Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte. + +Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines +heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete +sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der +schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu +glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann. + + * * * * * + +Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen +Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein +in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof +lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken +die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die +Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in +Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der +starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder +Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der +Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die +melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen +Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger +Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur +Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer +Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer +fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer +Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen +schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben +vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige +Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den +Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu +späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug +aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen +Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen +herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst +des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald +noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die +Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine +schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden +und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus +dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als +Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten +sie beides sein können. + +Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die +feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles +auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf +einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«, +sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.« +Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich +gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht +zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und +äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er +vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache +gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende +Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und +sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das +bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter. +Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu +behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden +einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so +tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust +eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch +gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein +Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu +bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch +guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten +durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut +des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar +nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des +voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte +sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte: + +»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich +nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.« + +Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig: + +»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst +du an, was man dir zum Leben gibt.« + +Friedel sah ganz bestürzt auf: + +»Was willst du damit sagen?« + +»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines +Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo +du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche +aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der +Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.« + +»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch +der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde +weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit +meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag +selbst ...« + +Helmut mußte wider Willen lächeln. + +»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die +Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf +die Beete.« + +Friedel lachte. + +»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es +häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies +unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll +trotziger Bekümmernis. + +»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir +wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt +und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine +Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen, +nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.« + +»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von +jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden +hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. -- + +Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die +zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte +Friedel: + +»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man +hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.« + +Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr +fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu +entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. +Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die +Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte +miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein +wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes +geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich +der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der +Verwaltung seines Guts machen. + +»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«, +hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.« + +Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte +nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten +Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war +nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die +Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit +dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder +arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer +Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht +vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften +Liebelei auflöste. + +Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des +geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen, +dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand +zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz +allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft, +freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie. + +»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die +schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der +Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des +Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.« + +Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten +den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der +Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu +hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam +im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, +und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das +Bekenntnis: + +»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.« + +Helmuts Lachen verdutzte ihn. + +»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?« + +Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem +gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit +einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als +gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht +war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel +sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins +stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig +aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im +wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut. + +Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn +das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine +Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung +nicht verbarg. + +Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich +respektvoll erschien, und sagte froh: + +»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.« + +Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein +Erstaunen zu verbergen. + +Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem +Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte +sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles +verändert. + +»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?« +fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?« + +»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.« + +»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn +die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen. + +Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren +Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte +seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich +jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht +dich dein Schmerz. + +»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein +waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag. + +»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich +nicht mehr machen.« + +Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra +entgegenzureiten. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In +unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in +ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre +Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte +nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie +ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem +beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit +sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein +wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr +war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde +ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht. +Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es +unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem +kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück. +Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden +silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare +emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die +dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick +in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang +für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und +schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden +Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr +Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die +Tränen ihrer ersten Hingabe. -- + +Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben +wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der +er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte. + +Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich +handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie +gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch +niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben +niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer +Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so +verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht +zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra +wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der +Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war +dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und +vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum +erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden +Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte, +sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange +an: + +»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.« + +Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein +mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten +Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual +und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der +Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der +Musik und den Geist des Weins. + + * * * * * + +Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er +erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe +Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in +uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber +liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über +arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft +zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst +gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur +beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber +hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie +Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und +unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr +sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen, +und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre +Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder +Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im +Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit +schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie +Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt, +die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. +So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame +Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über +Afra sprach. + +Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und +der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der +Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin +servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg +auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, +besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten, +hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen, +daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen +Interessen bekam. + +Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu +zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde +nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und +wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu +finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem +eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend +hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre +besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge +Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden, +um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die +heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden, +da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer +schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank +rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung +beherbergt hatte. + +»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du +eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?« + +Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am +Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte: + +»Darüber müßte ich nachdenken.« + +»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie +nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee +verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.« + +»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?« + +»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist +es ihm so ergangen.« + +»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl +doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich +verfügen läßt.« + +»Welche Rechte hat sie denn?« + +»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des +Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee +davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, +Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein +Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht +entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere +belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist +ein Mann von großer Gerechtigkeit.« + +»Das ist nicht wahr ...« + +»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen +Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist +sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß +Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das +Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige +Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur +zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den +großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder +unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem +Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten +Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten +Verfügungen zur Pflicht gemacht.« + +»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab, +das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. +Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.« + +Friedel sah ganz erschrocken auf: + +»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im +Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. +Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen +leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf: + +»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra +etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.« + +»Weil er in sie verliebt ist.« + +»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt +nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder +unterbleibt.« + +»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei +Irrtümer gutheißen?« + +»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu +sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.« + +»Und das nennst du gerecht?« + +»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...« + +Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein, +denn sie antwortete traurig: + +»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins +Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen +bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm +auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater +an?« + +Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da +seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er +den Kopf stützte: + +»Ich verstehe dich ja ...« + +Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl +unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange +der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte. + +»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder +auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.« + +»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort. + +Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen +hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als +Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an +seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen +Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf +ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein +aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob +sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild +empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in +denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das +Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll +Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im +Wind ... Was hatte er denn tun wollen? + +»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen +seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras +Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch +ihr ...« + +Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in +seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn +veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, +das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte, +war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch +wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte. + +Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs +saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte +Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen +melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog +die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach. + + * * * * * + +Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem +Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte +Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren +suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit +leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit +leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen +Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er +wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen +konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig +und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit +an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an +Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine +Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte. +Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu +geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente +und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch +zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, +daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende +Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner +sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann +zu spielen versucht. + +»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos +und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des +Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in +diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er +die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen +Ernst. + +Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die +Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt. +Gleich darauf stand der Alte neben ihm. + +Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am +Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde +zurückerwartet. + +Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß +sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein. + +Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er +begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der +Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu +verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er +konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist +selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein +gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner +tatlosen Ergebenheit. + +Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem +bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich +zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in +die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das +Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte. + +»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr +gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die +zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch +herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit +nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.« + +Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit +Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines +Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine +Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann, +in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn +zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen +Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde +zog? + +Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag +beschäftigte: + +»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen +gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in +der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der +Kraft des Lebendigen.« + +Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes +Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu +Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, +durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe +flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie +seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen +brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- -- + +Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand. +Sie lachte über seinen Schreck: + +»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es +hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor +dem Licht.« + +Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen +blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims, +streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden +Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein +sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des +Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen +Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit +den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am +Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen +Erde. + +Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd +einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug, +und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem +Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens +hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft +flatterte. + +Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe +warnend musterten, und ohne zu sprechen. + +»Lies«, rief er bebend. + +Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie +weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer +unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie +sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen. + +Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der +Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er +schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder +gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst +du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern +mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ... + +»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre +Augen leuchteten wildherzig und froh: + +»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!« + +»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ... +noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...« + +»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!« + +»Bitte«, sagte er. + +Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist +keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der +Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem +Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein! +Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie +sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte. + +»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich +nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich +nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.« + +Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er +ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das +Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas +sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie +man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte: + +»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.« + +Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in +seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht +denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es +schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von +Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz +einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst +viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur +im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan +hatte. + +Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür +hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als +müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme +Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an +Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war, +als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr. + +Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah +sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und +Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte +seine Scherze wider. + +Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich: + +Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich +verschenkt habe. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse +endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und +sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die +Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken +Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten +Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem +jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig +gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne +aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, +während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die +Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle +verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte. + +Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor: + +»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.« + +»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist +von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich +ungestraft auf den Kopf stellen?« + +Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in +ihre alte Lage bettete. + +»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er. + +Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn: + +»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.« + +Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und +erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen +Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen +unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen. + +»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der +seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh. + +Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf +der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier +mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es +war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu +finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend +heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war! + +»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er. + +Friedel lachte. + +»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse +Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb +Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen +Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich +sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich +darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte. + +Der Alte wandte sich an Helmut: + +»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.« + +Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen. + +»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht +dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster +Genüsse.« + +»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht. + +»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?« + +»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.« + +Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und +Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen +Vorbereitungen brauchte. + + * * * * * + +Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen +war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte +Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen +Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang +verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in +den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. +In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in +funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der +Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde +Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt. +Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des +Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der +in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in +das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei. + +Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der +Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den +Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. +Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen +Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage +zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein +Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. +Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre +Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der +längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, +hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten +Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner +Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die +qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen +wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen +Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. -- + +Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden +niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige +erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen +emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure +Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften +Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand +der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem +singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die +draußen im Mond schlafen ... + +Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte +seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen +die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf +ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des +schweren Eichtisches. + +Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein +helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin +fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra +rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die +volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die +Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben +die Frevler am Gut des Toten. + +»Ist noch Wein oben?« fragte Afra. + +Martin nickte schwermütig. + +»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.« + +»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel. + +»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.« + +»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie +diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.« + +Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen, +die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen +Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann +langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In +diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen +sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die +sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu +denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand +bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten +hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen +Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei +ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die +wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche +der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber +allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit +ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das +Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr +leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf, +schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster +Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, +ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast +zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas +und rief: + +»Es lebe Graf Konstantin!« + +»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an +der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am +Boden folgte. + +Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an, +als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von +außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch +alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte +Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um +Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna +stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im +flatternden Kleid: + +»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am +Boden!« + +Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über +die Nacht an sich zu reißen: + +»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und +obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf, +die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie +Helmuts Arm: + +»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!« + +Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde +zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis +zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals +ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras +beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im +Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer +seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß. + +»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast +du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm +aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger +brauchst du!« + +Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde +von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten. + +Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ +er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete. + +»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?« + +»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.« + +»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.« + +Afra trat zurück und ließ den Burschen machen. + +»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme +müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. +Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur +Stelle ist.« + +Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr +noch einmal zu Hilfe eilen. + +»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es +gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ... +reit nicht zu wild ...« + +Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein +Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit +einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie +gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen +hellen Triumph von Hast und Willen. + +Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein +klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und +Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht +hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand +im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen: + +»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...« + +»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor. + +Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei +vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der +Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war +leer. + +»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den +Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!« + + * * * * * + +Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die +Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber +obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit +hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war, +der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war +ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber +es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften +zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese +Nacht für sich selbst. -- + +Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag. + +»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben! +Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche +Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort +draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie +Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch +nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir +überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da +oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir +doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du +weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...« + +Helmut raffte sich auf: + +»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu +Bett.« + +»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine +deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die +ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst +komme ich nicht über diese Nacht.« + +»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen +genug.« -- + +Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten +Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in +seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges +Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in +den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf +den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den +matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. +Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn +schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin +hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster +stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die +gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit +heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und +senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. +Und nun verstand er die dumpfen Worte: + +»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« -- + +»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«, +flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber +und preßte die Zähne auf die Lippe. -- + +Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend +lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen +Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen, +daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe, +es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der +Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl +Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit +seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer +Trauer auf. + +Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die +Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem +Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte +Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen. + +»Die Mutter lebt, Herr Graf.« + +Ein Kopfschütteln ... + +Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte, +richtete sich Helmut auf und fragte: + +»War es ...« Er stockte. + +Der Arzt war wieder an seiner Seite. + +»Wonach fragten Sie?« + +»Ein Sohn?« + +Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum. + +Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im +Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen +Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem +Gesicht vor ihn hin. + +Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum +erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen +fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an +ihre Brust sinken. + +»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als +ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.« + +Afra trat von ihm zurück. Da schrie er: + +»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!« + +Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer +sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren +Mund für seine Küsse. + +»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe? +Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist +tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht +zurückgibst, was ich dir geben muß.« + +»Was soll ich tun?« fragte Afra. + +Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung +zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie. + +»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß +ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige +Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...« + +Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz +der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht +doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen +Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums +schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte +in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie +andächtig und wild hervorstieß: + +»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut +sein ...« + +Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche +und Verstörtheit stammelte er: + +»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?« + +Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das +Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich +wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte, +sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von +der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie +hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen +gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er +taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit: + +»Du Erbärmlicher.« + +Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die +Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe +niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren +Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die +oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt +pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt +hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im +hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen, +im Vollkommenen, am Herzen Gottes. + + + + +Elftes Kapitel + + +Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das +Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne +die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam +forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das +Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der +Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre +niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange +auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken +vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu +ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem +kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre +klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine +lindernde Ohnmacht versanken. + +Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte +niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem +irdischen Treiben nicht wieder zu. + +Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der +Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an +der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und +schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische +Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen +sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er +in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand +segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur +für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er +betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind +den Vater im Himmel finden möge. + +Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten +Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre +Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie: + +»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen. +Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.« + +»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht +getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein +Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast. +Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders +treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von +uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu +verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir +gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich +lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung +der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen +kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im +Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es? +Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, +dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der +gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.« + +Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd: + +»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von +Herzen gemeint sind.« + +Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald +hinein. -- + + * * * * * + +Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von +Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren +und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, +war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und +sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet +sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den +stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der +Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer +gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist +in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der +Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen +Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre +Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre +höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt. + +Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der +Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten +verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten +Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß +sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht, +sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche +Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und +Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den +Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte +sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung +zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige +Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer +unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus. + +Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen +und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und +beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm +lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht +ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß +es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an +den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich +nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und +dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das +sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein +schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten +frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um +Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als +wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von +aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein +Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles +hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom. + +Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von +Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten +Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der +bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle +Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er +sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein +unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein +leerer, singender Wind. + +Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu, +er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze +und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die +Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein +Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt. + +»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer +klang. + +Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über +Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten +Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die +Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am +Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe +Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in +beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den +unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein +Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer +Beglückung weitete. + +Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage +hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er +hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine +Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein +bewegte, ließ er sie allein. + +Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser +oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße +tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, +nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die +Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem +Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen +hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende +Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit +Ermahnungen zu Helmut trieb: + +»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich +an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben +heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, +Reitpferde, alles hat geholfen.« + +Helmut mußte lächeln. + +»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen +mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten; +ich weiß schon alles.« + +»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in +Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute +kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.« + +»In der Liebe?« + +»Nein, in der Arbeit.« + +»Das kommt vom guten Beispiel.« + +»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die +halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt +aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach +heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches +Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie +meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.« + +Helmut wandte sich gequält um. + +»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit +Afra sprechen.« + +Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so +verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke +bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf +und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von +Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als +erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit +erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das +Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit. + +Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in +gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie +gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er +versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem +Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem +Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch +jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an, +etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der +Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von +diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine +leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und +sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als +habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das +reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die +Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden +Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte +Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft +versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen +Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken. + +Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten +einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins +Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem +Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem +Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und +feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im +rötlichen Licht. + +Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm +ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten +Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das +andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht +leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren +Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu +der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand. + +»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich +bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu +Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.« + +Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder +und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in +den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras +Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die +einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er +schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut +bewachen sollte. + +Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung +des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, +daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen +sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte +Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten. + +Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe +die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich +daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme? + +Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah +die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der +Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden +Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen: + +»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich +fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr +ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich +keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung +schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz +möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der +keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein +Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber +begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes +abkehrt ...« + +Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände. + +Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite +geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung. + +Sie schlief. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen +teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich +über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in +umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die +Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer +seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine +Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen +Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer +verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel +zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei +dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte. + +»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus +einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen +gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?« + +Helmut mußte es verneinen. + +»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert +mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß +dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.« + +Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen +Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von +der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die +bunten Ampeln tragen sollten. + +»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir +matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies +Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken +springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte. +Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen, +sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und +denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das +wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist +hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien +nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper +da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte +zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das +glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der +Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr +eine andere unter die Syringen. Einmal -- ich sage dir, der Förster kann +erzählen, daß einem die Haut einreißt -- bekam eine Wind von der Schar +ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was +die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben. +Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen +den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit +Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war +mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre +Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...« + +»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.« + +»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es +aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weißt du, +daß der Förster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?« + +Helmut erbleichte. + +»Leutegeschwätz«, stammelte er. + +Friedel sah ihn groß und lange an. + +»Scheint mir nicht. -- Die Frau dieses Gärtners, Garting oder wie er +heißt, soll sehr schön gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie +mit irgendeinem Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer +im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bündel +entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.« + +Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich berührt, ihm war, als +zögen Friedels Worte alles in den Alltag, für jenen gab es nur faßbare +Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen +zu empfinden. + +»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, woher +Afra stammt.« + +Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwürfe gegen sein +Verhalten zu suchen, lenkte ein: + +»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil ich oft so +leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen nicht auf den Grund. +Meinst du, ich erkennte immer nur die Außenseite? Kein Gedanke. Ich +fühle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, +heimliche Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir +daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher die Frauen waren, +die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich für mein Teil hat's an der +Gurgel ...« + +Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch +sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand. + +Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er +hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von +ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah +er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in +eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. +Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine +Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein +erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet +antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem +Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns +gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein +zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der +schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ +ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn +trafen, und er schämte sich eines Gefühls von Gemeinschaftlichkeit, das +er nicht ganz unterdrücken konnte. + +Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß +Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des +Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung +erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und +der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des +Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch +seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als +Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine +Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich +mehr und mehr in grausame Erwartungen. -- + +Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen +der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den +Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert. +Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und +Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen +und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal +die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter +der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er +Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine +Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. + +»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was +erwartet man von mir?« + +Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor +ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle +ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte +umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen +Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang +am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend +fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen +helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger +Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in +ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein +hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten +Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids. + +»Afra!« + +»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal +an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. +Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?« + +»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber +du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos +anzubeten? Afra!« + +»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert +ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. -- Nein, dort +unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...« + +Er zog die Hand zurück. + +Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam und als er später den +alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Röcke leuchteten, +und die Livreeknöpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die +Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm wohl, es faßte ihn +für einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewußtsein und Würde. +Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst +nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der +sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glänzten, +wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die +diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er über +den Burschen und die Mädchen des Guts gehört hatte. Er verlachte die +Leichten alle ... + +Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten und ob sie mit dem +Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen dürften. Das war stets der +Anfang; Helmut ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem +einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war, +als warteten alle nur auf sie. + +»Was erwartet man von mir?« fragte er. + +Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie: + +»Du mußt ein paar Worte sprechen.« + +»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur +befangen und erfreue niemand.« + +»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.« + +Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet hatte. Einen +Augenblick wallte es heiß in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie +sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewiß an ihrer +Hüfte ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem +beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn +her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen +Herrlichkeit dieses großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen. + +Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmückt und +in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund, +ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor +ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingeübt +hatte, stand steil und überragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann +kamen die Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und Männer +bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch +ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur für die Erntezeit +angeworben waren und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior +die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur Terrasse hinausführten, +und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender +Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mädchen +schwenkten ihre Tücher, und die Männer zogen die Hüte und reckten sie in +die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in +vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und fröhlich: + +»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel +Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so +froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.« + +Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer +Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn +betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, +und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen +Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn +zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von +heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran +nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde. + +Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. -- Die Musik brach ab, und die +Gesichter wurden bewegungslos ernst. + +Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu +einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie +sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig +sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des +Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und +den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. +Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig, +mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung +in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr +und verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die +jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich, +deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem +Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen +ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er: + +»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen +nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum +geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne +daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen +sind.« + +Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand +hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte +Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als +schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, +kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in +den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des +Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie +nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten +wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu. +Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich +empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und +zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und +sagte: + +»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.« + +Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein: + +»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.« + +Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra +die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern +zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte +niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein +schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und +Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm +gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke, +die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann +brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag +im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem +unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das +Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und +die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es +untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein +Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden +dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten, +hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die +Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz +hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite. + +»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, sagte Afra, »es ist +ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.« + +Sie wandte sich an Friedel: + +»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.« + +»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort. + +Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige seine Geige +zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in +denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er +dankte es ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn in +ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke seinem Spiel +anvertraute. Sie hörte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige +Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend. + + * * * * * + +Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spät geworden, ihm +war, als er an das geöffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte +sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel, +Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte +Aufgewühltheit seiner Sinne ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der +Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen Bilder +der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die drehenden Paare, die goldenen +Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, +und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen Laute +ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte wieder Friedels helles +Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit +Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum +erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mußte es Elsbeth +um vieles besser gehen. -- Er lehnte sich müde an das Fensterkreuz, wie +wollte dies alles enden? + +»Was tue ich mit meinem Leben?« -- + +»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und verbeugte sich, »ich +trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will.« Er sah sie wieder zu dreien +bei der Musiktribüne stehen, Friedel die Hände in den Taschen. -- + +Fern von den Feldern herüber klang durch die davonziehende Nacht Gesang, +derbes Lachen und Grölen. Unten war alles still geworden, die +erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter +der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch Licht unten. + +Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen +hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen +feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden +gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie +darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges +Mal nur in leidender Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen +er erlag. -- Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so +schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ... + +Unten wurde die Verandatür aufgestoßen. + +»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! Ich will selbst +sehen ...« + +Er erkannte die Stimme nicht. + +Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her, +die über die Terrasse nieder in den Garten eilte. + +Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid vom Fest, im Lichtschein, +der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, daß sie den +Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte. + +Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin. + +Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln herbeizwang. Es hatte +ihn eine düstere Unruhe gepackt, die ihn plötzlich so heftig schüttelte, +daß er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er +umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich die ganze Nacht +erwartet habe ... töricht, töricht bin ich«, sagte er. + +Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß schon beim zweitenmal +die Scheibe zerbrach. Dann hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch +im Rausch niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten trieb. +Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flüstern die +Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war. + +Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte es an den Schläfen und +im Halse. + +Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß ein Unglück geschehen sein +mußte. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht +doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortäuschten? +Noch zögerte er, da sah er Martin, nur notdürftig bekleidet, einen +Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen. + +Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so deutlich, als sagte ihm +jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und +er antwortete dieser Stimme: + +»Sie ist tot.« + +Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, bis zum +entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose +Gewalt ihn durch verworrene Träume gerissen, und doch blieben ihm +Einzelheiten so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste +nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener +Nacht das Licht beständiger Vernunft in ihm erloschen. + +Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an +der Tür und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht +meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben +ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein +Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ... von hier aus ging der Weg in die +Finsternis. + +»Wo sollen wir suchen?« + +»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der erzählte, es sei alles +vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Büscheln um die nasse +Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett. + +»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.« + +Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid +gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien +sich auf ihre Aufgabe zu besinnen. + +Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen: + +»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vögel um +die Türme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen +hausen hier, heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege ins +Leben ... nackte Teufel ...« + +Martin hielt ihn. + +»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese Frau sich zu Grabe +gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... laß mich los, Flegel!« + +»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut. + +Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von plötzlich +aufsteigender Wut: + +»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hölle doch den Rachen +nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... +bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer herum, aber +der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde +hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.« + +Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber. + +»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! Dieser Narr ...« stammelte +Helmut. + +Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe ihr plötzlich ein +Gedanke Zuversicht, aber es mußte ein böser Gedanke sein, denn ihre +Augen waren groß vor Grauen. + +»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, was ich sage? Nicht +wahr, wir müssen sie finden, vielleicht ist es noch möglich, sie von +einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.« + +»Sprich doch!« + +»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie finden.« + +»Sag wie, sag wie!« + +»Aja und Fenn.« + +»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna mit wildem Weinen +emporfuhr. »Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden +sie finden!« + +»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, geh' ich allein. Wir +dürfen keine Minute mehr verlieren.« + +Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so +trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren +hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frühsten +Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten +Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein Halten gab. + +Martin stürmte die Treppen empor. + +»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier +herauf. Flieg!« + +Martin verstand sofort. + +Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkürzen, sagte +sie zu ihm: + +»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl +wachsam, weißt du, aber nicht für wichtige Zwecke zu verwenden. -- +Besinn dich, wir werden sie gesund finden.« + +»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß sie nicht mehr atmet.« + +»Helmut, sprich nicht so.« + +»Sie ist tot.« + +Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes +Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das +Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes +Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der Hündin über den dunklen +Kopf. + +»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht +werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier an das Bett der verschwundenen +Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die +Schnauze, die sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile los, +und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« öffnete sie die Tür, und +als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewußtsein, die schwarze Nase am +Boden, befestigte sie ihn wieder und ließ ihn voran. + +Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber ihr ernstes +Gesicht sah tieftraurig aus. + +Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden Tags wie +nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner +Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang +zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob +sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den +Mauerwinkeln waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor gähnte +in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. Und in allen Regionen, +durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am +Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, so +daß er den Arm des Mädchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und +immer in etwas schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald +zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über schmale Waldwege +dahin, bis plötzlich jemand sagte: + +»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.« + +»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er. + +Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener +Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges +Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die +Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen +Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und +bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall. + +Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott, +vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was +ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.« +Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen +Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die +braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein +Mädchen hinter ihrem Rock. + +»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt. + +Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier +vor sich gegangen war. >Aja< zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das +Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht +beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert +wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen +nicht. + +Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der +kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter +seinem Arm: + +»Nicht dort! Gib acht!« + +Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf +ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines +Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte. +Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll +geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese +furchtbaren Laute aus. + +Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der +Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche +eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte +sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich +der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen +wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten, +großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger +Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, +und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die +Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein +tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am +Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes +kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch. +Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in +wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war +und ins Ziellose des Verderbens führte. + +Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo +niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes +Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb +hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein +Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch. + +Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß +Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in +der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die +keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen +Beschwichtigungen des Todes wirkte. + +Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam +zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres +Land erreicht hatten. + +»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut. + +Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf. + +»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man +ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.« + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst +wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer +gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und +Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen +den langen und rauhen Winter verschanzten. + +Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer +stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu +im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die +Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie +schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen, +und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen +hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen +Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel +spiegelten. + +Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte +damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen +lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er +die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es +dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den +Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn +selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht, +durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich +stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben +dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund +durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes +zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte. +Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich, +es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob +Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge +Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts +zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, +nach der Leiche Ausschau zu halten. + +»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit +keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren +Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr +erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände +oder ihr Gesicht verletzen.« + +Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab. +Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, +durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren +Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er +dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach, +mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick. + +Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener +bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war. +Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, +alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich +Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die +Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei +Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes +Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem +Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der +Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. +Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und +Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin +eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel: + +»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.« + +Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr +als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in +den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen +können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden. +Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, +stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem +Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres +weltverlorenen Daseins niedersank. + +Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der +Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam +sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die +Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer +Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber +sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht +geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen +Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge +ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, +die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es +war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt +worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das +oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft, +sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte. + +Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und +Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne +durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich +brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch +mit seinem Einzug. + +Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst, +über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus +Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren +Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und +verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren +geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich +dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst +und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden +Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine +Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit +gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach, +worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag +es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie +verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein +um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die +sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie +leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr +ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich +erscheinen lassen. + +Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe +liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in +eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und +das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen +eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre +spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen +Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem +Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe +entrückt. + +Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends, +durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ +sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in +der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte. +Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein +Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von +Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für +eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael +hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger +das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf +seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen +schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann +hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um +die Schultern und ihr lächelnd gezeigt: + +»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.« + +So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler +erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen +Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu +sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das +Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit +fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe +Wegpappel mit ihrem Krähennest. + +Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang +vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der +Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen +Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf +Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr +Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein +Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der +Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der +triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen. +Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als +deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein +Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem +verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und +zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie +gehörte. + +Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels +romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden +oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn +wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so +hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen +Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in +große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden +Tod in die großen Augen schauen müssen. + +»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom +Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für +meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben, +bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.« + +»Was?« hatte sie gefragt. + +»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.« + +Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das +hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein +von Wahrheit auf seine Worte übertrug. + +Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in +Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner +nachdenklichen Versunkenheit zu reißen. + +»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über +Helmut oder über ...« + +So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit +der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige +Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf +Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem +verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen +Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren. + +»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und +Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es +sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge +nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. +Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich +für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne +oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen, +bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren +oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's +erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind. +Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...« + +Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man +Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein +Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb +stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des +Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu +werden. + +Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden, +die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer +Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner +aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen +Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse +führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang +der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So +war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die +zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit +zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz +neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen. + +Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen, +die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten, +schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges +ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den +gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter +denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen +Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine +grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen +geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des +Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das +gelichtete untere Gezweig starrte. + +Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes +lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten +Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu, +als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte +er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die +Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der +rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für +einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des +Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der +breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies +sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem +Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber +trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem +raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am +Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der +Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende +Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine +unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden +und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine +Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem +Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander, +sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie +zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur +Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie +die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken +oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie +blieb stehen und betrachtete den Eindringling. + +Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos +nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, +denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken +glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug +oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen +seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung +aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte +sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da +er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die +Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht +von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien. + +Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne +hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so +fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines +Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und +nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie +ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging. + +Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls +rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht +immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre +Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich +war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen +Worte: + +»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.« + +Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur +reiche und im tiefsten Wesen beständige Naturen erleben, überkam sie der +Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste +hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen Sturm aus ihrem Herzen +zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, +als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin +von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und +aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer +durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg. + +Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in +ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie +wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn +ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht +einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu +vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein +schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine +Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den +Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so +großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und +beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal +in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude +hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen +geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft +aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und +über die keine Form der Höflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum +Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen. + +Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang +trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog +und etwas unwirsch nickte. + +»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine +Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte: + +»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.« + +»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf +Heiterkeit gestimmt. + +Sein Gesicht verfinsterte sich. + +»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt, +hier einzutreten?« + +»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein, +war das ein mißmutiger Geselle. + +Er hob wieder die Hand. + +»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist +ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe +hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.« + +»So, gefällt Ihnen Wartalun?« + +»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Können Sie +sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß +Gemeinschaft gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts diese +starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort -- eine Wolke -- sehen Sie +denn nicht? Sie müssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schloß ... +Bäume ...« + +»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer Wolke?« + +»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...« + +Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur +Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen. +Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe +mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer +Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu: + +»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier vorübergekommen und +hätte um Erlaubnis bitten müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein +herrliches Gesicht haben Sie, Fräulein!« + +Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches Wesen zu +lächeln, sie fühlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie +nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen +Hilflosigkeiten dieses Menschen zu übersehen. + +»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. »Sie brauchen doch +nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.« + +»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für einen Augenblick warm +an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie +wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines von ihnen +sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und +in seine Augen kam ein beseligtes Leuchten. + +»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« rief dieser arme +Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die +dürftigen Kleider, die er trug. + +Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach +seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie +sich scheute, etwas Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich +rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die +diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begründenden Ausbruch seines +Empfindens ausglich, aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, +hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem +Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an und sagte: + +»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch +noch nicht kenne.« + +Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft machen, und sie rief +lachend: + +»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem Dank.« + +Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er ihre Züge. + +»Sie wollen nicht?« + +»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schloß +genügt, und danke Ihnen vielmals.« + +»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts bedeuten.« + +»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra herzlich. + +»Nein. Das könnte ich hier tun.« + +»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will +den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.« + +»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach. + +»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne +etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen, +mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen +und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch +die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die +grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des +Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und +Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren. + +Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras +Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte +stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt +war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn +nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln +einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das +Afra ihm öffnete. + +Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf +dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu +haben schien. + +»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen, +falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht +zum Nachtmahl.« + +Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen, +wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die +Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin +zurück. + +»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird +vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube +angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. +Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.« + +»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er +entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was +essen?« + +»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später +Wäsche für sein Bett geben.« + +»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?« + +Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen +sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten +sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung +eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam +um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr +Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus +den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre +Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das +sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ +sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das +Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete +ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und +dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den +deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig +vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich +gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und +legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe +des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten +Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über +sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde +heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden +Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und +ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen +Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht +kannte. + +Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich +seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der +alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war +eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter +seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten. + +Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des +schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den +Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst +schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen. + +Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete +und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! -- Jetzt taumelte +Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen +beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein +Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung +umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr +Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie +Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger +Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont +des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige +Waldungen in der Sonne. + +Es führte kein Weg dorthin zurück. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen +peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen +Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten +ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und +Winkeln des Schlosses. + +Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die +Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren +grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten, +wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich +der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten +begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren +Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln +und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte +sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte +Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die +Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde +und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der +Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das +Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem +Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der +Verzweiflung. -- + +Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine +geschnitzte Truhe im Saalwinkel. + +»Martin!« rief er. + +Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand: + +»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier +Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr +mich hier noch in Ruhe sterben sehen?« + +Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen +dunklen Rahmen der Tür. + +»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu +beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das +bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.« + +»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne +Teilnahme. + +Wo Herr Friedel wäre. + +Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen +Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können. + +»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich wäre längst von +dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann +die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie +auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, während er +zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um +und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort +hängen, oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an Seeufern +unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht wüßte ... dieser Narr.« + +»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet«, sagte +Melchior. »Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht +fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht +ist lebendig, ich muß daran denken, es geht mit mir umher, redet und +schaut.« + +Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes: + +»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn reden.« + +»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.« + +Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg +umständlich vom Tisch. + +»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, »ich brauchte ein wenig +Geld.« + +»Gut, der Verwalter wird dir geben.« + +»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.« + +»So warte bis morgen ... Nun?« + +»Der Wein geht zu Ende.« + +»Können vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?« + +»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt +allein ...« + +»Schweig. Das war keine Frage.« + +»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.« + +»Dir nicht auch, Melchior?« + +»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!« + +»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses +Gesicht über den Alten. »Stimmt es einmal wieder nicht? Müssen wir den +Herrn fragen?« + +»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener. + +Das Mädchen sah ihn forschend an. + +»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig +aus. Ich kann nichts tun?« + +»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... ich ...« + +Sie sah sich um, als suchte sie jemand. + +»Es ist niemand da«, sagte Melchior. + +Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie besonnen und mit +traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und groß, wie sie in +verlorener Befangenheit in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie +nach einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder +sahen auf sie nieder. + +»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der Sessel dort +bedeutet?« + +Der alte Diener nickte. + +»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die Toten soll niemand +zum Gespött machen, wer von uns könnte ertragen, zu denken, daß +Überlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel +an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen +soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir Martin gesagt. -- Iduna geht +nachts zu Herrn Gentler ...« + +»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich +ihnen die Felder pflüge?! Für die Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie +selbst sorgen.« + +»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, fuhr Melchior +eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen +Stimme, »und dort ist es noch alles beim alten.« + +»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.« + +»Der Herr Graf will es nicht.« + +»Ich will es«, rief Afra. + +»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.« + +Afra fuhr steil empor. + +»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke +Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem +Platz steht. Gesindel!« + +Melchior atmete auf. + +»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum läßt du so viel +im Schloß geschehen?« + +»Ich, Melchior -- ich?« + +»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und +machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause +ist, läßt du mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter +Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode, +die man sicherlich in Monaten sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse +ohne Mißgunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen +Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...« + +»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging hinaus. + + * * * * * + +Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine +braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder +blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen +sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen in den Glanz der +großen blühenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von +einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den +hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie +Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wänden. + +Friedel fiel es auf. + +»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, wo wir uns hier +befinden. Wenn man sich vorstellen könnte, die Nacht draußen über der +Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter +Sarg.« + +Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah Friedel mit +aufleuchtenden Augen an. + +»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er. + +»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam das nur so in den Sinn, +ganz zufällig.« + +»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht hätten, würde es Ihnen +wohl nicht eingefallen sein.« + +Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann beugte er sich +wieder über seine Geige. + +»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.« + +»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra. + +Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines +Zorns. + +»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier +Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles +Klagen über, und es wurde ein Lied daraus. + +Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des +Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten +nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar +nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut +dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte +keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie +fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und +die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im +Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in +feinen Goldlettern in die Gläser graviert. + +Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte +dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des +fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen +Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen +schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief +beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie +befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden, +aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet +hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was +er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man +erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden +verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen +Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister +des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang? +Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau +über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald +vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ... + +Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in +seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese +schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher +Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas. + +»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im +Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.« + +Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah +Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt. + +»Ich gehe!« + +»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es +wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche +Geister dein Hiersein im Bann hält.« + +»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn +nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und +stellte es ruhig hin. + +Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war +Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken +einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in +ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder +und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses +geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine +heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und +Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten +ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die +Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und +für wen blieb sie es? + +In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit +anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand, +und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich +wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse: + + »Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend, + eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn; + die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn, + immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend. + Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott, + einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft; + die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft, + eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.« + +»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?« + +Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er. + +Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte +und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus +dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins +Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses +Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht +wissen, woher wir kommen und gehen ...« + +Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich +plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der +einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas +von Wartalun: + +»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser +dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen, +was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere +Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht +sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es +gegriffen?!« + +Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen +vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie +starrte in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe. + +»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein +zu. Dann stand er auf und stützte Helmut. + +»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken +macht aus dem besten Kopf ein Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen +Stuhl nieder. + +»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes Königreich.« + +Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren +Lächeln: + +»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. »Sie dürfen nicht in +Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.« + +»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich nicht hinter die +Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du ißt unser Brot und +trinkst unseren Wein!« + +Paule sah Friedel an. + +»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig. + +»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst +du, während uns das Herz verdirbt und davonfließt. Du bist hinterlistig +und verrucht, du balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und +beraubst uns mit deinen Eulenaugen!« + +Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel, +bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: »Er verteidigt sich nicht, +ist das ein Ungeheuer, nein, so hört doch.« + +»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule hingebeugt. + +»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr. + +»Martin, schenk mir ein!« rief sie. + +Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fühlte +ihn in ihrer Nähe, er beugte sich nieder, und sie hörte den leisen, +gläsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen +Zug aus. + +»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen Augenblick sah sie +seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie +zärtlich. Sie ritt als Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten +von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen, +der grüne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle +Waldestiefe hin ... + +Das Bild versank. + +»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, sagte Afra zu Paule mit +einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind +Sie schon Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.« + +»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein +Glas!« + +Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel herab sank eine +böse heiße Stille. Der Fremde ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken +und schwieg. Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch lagen, +in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie +angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck +qualvoller Hellsichtigkeit. Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, +in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte, +aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der +Kehle, und schrie das Mädchen heiser an: + +»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit. +Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.« + +»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie +antwortete. + +»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch +die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich +fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...« + +Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann +schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah +sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun: + +»Wer hat, dem wird gegeben.« + +Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn +ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung +lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war. + +Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr +war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als +nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll +unbestimmbaren Glaubens. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am +anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich +in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete +sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die +Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, +die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste +enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen +ließ. + +Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen +empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten +Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr +hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der +Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der +frühen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt +für eine kurze Weile. + +Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen +Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine +Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank +darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des +Pferdestalls eine Laterne. + +Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich +umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem +freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster +hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und +warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben, +schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit +hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so +beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd +wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es +selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des +wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen +klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten +Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten +Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl. + +Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als +sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt. + +Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde +es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen +Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter +als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den +Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen +zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des +Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres +Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male +gesehen: + +»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die +ihn damals so bestürzt gemacht hatten. + +Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen +Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem +Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke +der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. -- + +Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die +Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg +suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten +widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem +Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. -- Aja und +Fenn waren ja nicht bei ihr. -- Sie hielt Joni an. Die Nüstern des +Tieres, das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in +der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie +nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß +er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag +anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten, +ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und +für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er +wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück. + + »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn, + immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.« + +Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich +schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen +eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, +wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht +eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann +wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem +Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie +hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe +zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete +zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel +wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie +fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern aus mit Mühe in der +Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen +scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer +Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das +dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam +die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal +befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit +ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab, +sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum +Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie +langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah +sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in +strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn +ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark. + +Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein. + +Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr +erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an +einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar +wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken +mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man +seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte? + +Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der +Erinnerung übermäßig groß. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur +Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern +große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr +unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der +schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs +neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem +dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden +würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die +durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende +Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude. + +Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule +wandte und ihn ansah, sagte er: + +»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen +braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.« + +Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen: + +»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.« + +»Weshalb?« fragte er. + +Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd: + +»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« -- + +Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was +kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. +Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie +nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr +getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. +Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie +diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm +vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch +die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er +die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei +er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender +Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter +ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer. +Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten, +wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden +sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger +herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen, +die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand +preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der +Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit +dieser Lebensarmut. + +Sie nahm das Pferd wieder herum. + +»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an +sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in +ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp: + +»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Güte +des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir +der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu +beweisen?« + +Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und +Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle +Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt +haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner +Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer +Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt. + +Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten +Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden +Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die +beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier +auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie +der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut +blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den +Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel +kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit. + +Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße, +und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen +Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein +aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur +Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und +sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre +Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um +ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie +eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah +ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie +ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote +straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus +ließen. + +»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich +ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!« + +Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken +schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern +waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die +Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr +verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück, +obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz +stürmte. + +»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« -- + +»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...« + +Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie +überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu +begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel +sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu +ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt. + +»Ich muß zu dir, Afra.« + +»Jetzt nicht, geh!« + +»Es ist wichtig.« + +»Bleib draußen!« + +Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes +Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen +Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte +ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden, +dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den +Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und +seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die +sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von +einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine +Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den +Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den +Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte +er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und +Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in +diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon +genommen. + +Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt +sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an +der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr +sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit +unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen +der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im +Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener +Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten +herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der +Reitgerte in der Hand verbringen. -- Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, +die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe +seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es +ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht +beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den +großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in +seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens +ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh: + +»Ich muß mit dir sprechen.« + +Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem +Herzen mit der Hand zu Hilfe. + +»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.« + +»Friedel verläßt morgen das Schloß.« + +»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?« + +»Ich will es.« + +»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete unter den Verwüstungen +auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. »Es muß etwas geschehen +sein, sag es mir. Was ist geschehen?« + +»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in dem Dunst, der von +eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen +Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt, +erniedrigt mich!« + +Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen Erstarrung, +sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und während er +die geballten Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht, +das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und +schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu. + +»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das +ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, +Mörderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen, +was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den Quellen meines Lebens, +beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« +Er schien am Übermaß seines Hasses zu ersticken. + +Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine Worte berührten sie wie +stäubender Schutt und heißes Blut, aber sie machten sie nicht einen +Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten +war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der +herausgeforderten Seele, wo im Sturm der Not Bedrängnis zur Erkenntnis +und Zweifel zur Gewißheit werden. + +»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hände. Du bist mir +gleichgültig! Daß du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von +einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer +überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.« + +Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei +nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last. +Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra +nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines +gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt. + +»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen? +Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!« + +»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet. +Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das +ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor +Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat +dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.« + +»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie +mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du +tust!« + +»Ich weiß es!« + +»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet +sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan +hast.« + +»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere +ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde +bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer +Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu +schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den +kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre +Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am +Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst +noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.« + +Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken. +Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden +Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres +Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu +lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die +Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz +regelmäßig. + +»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich +empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er: + +»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein +Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!« + +»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest du noch werden, eine +Macht zu mißbrauchen, die du nie hast brauchen können. Meinst du, ich +hätte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht. +Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den +Äckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe +verraten und verwandeln und schänden und schwankst zwischen +Totenlämpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht. +Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom +Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt +aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du +es wagst!« + +»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu +weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...« + +»Für dich gibt es diese Macht nicht.« + +»Du sollst sehen!« + +»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu halten, wenn ich ginge?« + +»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!« + +»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in solche Not, in der +ich nach diesem Mittel greifen muß, um zu hüten, was mein ist. Hasse +mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung +nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, wirst du +achten müssen. -- Ja, so höre es heute: ich will es haben. Ich will +reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber hättet ihr +nur einen meiner Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so +würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schloß +und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche +Werte gelten, nun fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat +nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen +verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen +Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergängliche, darin er sich +bewährte. -- Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, die dir +gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht +ich.« + +Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede +Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, selbst sein dumpfes Bewußtsein, +daß ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn +zwischen Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte: + +»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu können, daß es dich +gab, daß du lebtest, tötetest ... weißes Feuer du! Aus diesen nackten +Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...« + +Plötzlich schrie er laut: + +»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die +Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...« + +Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer +Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, +die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in +Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu +meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr +war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer +Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses +Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst. + +Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes +Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule +in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war. +Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer +Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne +Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor +alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, +solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du +gedemütigt dastehen, ich würde sterben.« + +Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen +ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen +können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in +seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand +zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß +jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, +entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den rankenden +Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze +Zeit in der irdischen Sonne niederneigen. + +Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja +das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl +mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu +ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins +vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das +Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht +und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die +Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen: + +»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht, +denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?« + +Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten +das Zimmer. Auch sagte er nur: + +»Wer bestehen kann? -- Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine +Pflicht ist, davonzugehen.« + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an +Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das +Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen +Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief +zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten +trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue +Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst +mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war. + +Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das +Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur +zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im +Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit, +nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der +Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des +ersten Schnees. + +Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine +Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An +einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm +auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im +Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die +großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes +Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am +Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten +Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff +seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los. + +Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und +Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus +den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten +hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen +der Seele. + +Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben +Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer +nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche +Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des +verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit +den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene +Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer +eigenen Erlösung. -- + +Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf +ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen +Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete: + + »Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das + Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird + Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich + für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen + meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen + liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du + begleitest mich als die Hüterin meines Verlangens nach dem + Vollkommenen. + + Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich + habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der + begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn + solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen + erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf + der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und + Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, + Heimweh und Vollendung. Ich bin + Benvenuto Paule.« + +Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als +griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie +Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel +stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste +Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies +unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, +begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen, +wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht +auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da +bin ich.« + +Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit +plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter +ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es +fremdartig, klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange +her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg +durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange +Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig +und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die +sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in +Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was? + +Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr +vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt +eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern +und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher +aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel +zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des +Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen +Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu +heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder +hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres +Daseins. + +Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr +das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den +Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit +langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft +jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule +kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« --? + +Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und +mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem +ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß +für immer zu verlassen. + +»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst. +Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es +bewegt, komm, sieh ...« + +»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn +es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.« + +Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem +Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche +Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren +letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen: + +»Glaubst du, sie hielte nicht aus? -- Ganz andere Sachen! Hast du eine +Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn +überhaupt schon wieder fort?« + +»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?« + +»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.« + +Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht verstand. + +Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid ließ die +schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke empor sehen, sie hatte den +einen Fuß vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte +gepreßt und knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die +Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der +Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war +geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag +erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf +Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und +Kraftbewußtsein. Sie starrte hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe +sie von verworrenen, bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land +zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben +entflammte ihr Herz? + +»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen hinüber, das sie +einst gewesen war, bis heute. + +Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, denn das Rütteln hörte +auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des +Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geöffnet +waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. Erst leise, dann heftiger. +Endlich öffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster. + +»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte noch, ich komme.« + +Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu, +er kam aus der Küchentür. + +»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.« + +Das junge Mädchen dachte: + +Und wenn ich nun Paule nicht finde? + +»Ja, ja«, sagte sie. + +»Wann kommst du, kommst du gleich?« + +»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?« + +»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah Afra angstvoll an. +Sie empfand nun, daß er erregt und traurig war. + +»Ich komme nicht.« + +»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, denn es steht böse um ihn. +Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.« + +Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da +kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt +seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze, +als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit: + +»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst nicht?« + +»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich könnte nicht, meine +Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und grüß ihn und wünsch ihm +Lebewohl. Ich käme nicht wieder.« + +»Was bedeutet das?« + +»Tu, was ich sage!« + +»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn +werden?« + +Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine +Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt, +Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr +unentbehrlicher war. + +Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für +Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer +und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er +langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen, +nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein +müder Schritt hallte angstvoll wider ... + +Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie +fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. +Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr +geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil +nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und +zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und +dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer +Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig +schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch +ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte, +und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich +und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein +möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. +Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele +mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit +denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah +Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang +glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen +Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund, +den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels +Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten, +dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das +Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, +satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese +Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes +Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu +vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern +der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder +rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind, +sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war +wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben. + +Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in +Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt +sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der +Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs +lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut +schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in +einer blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte, +und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs +verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die +gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige +Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung. + +Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang. + +»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?« + +»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will +wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?« + +»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin -- ja, der Herr ist hier +gewesen ...« + +Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien, +die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf: + +»Wo steckt er denn, der Prophet?« + +Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne +Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher: + +»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf +Sie gewartet, Fräulein Afra.« + +»Hör, woher weißt du das?« + +Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, wandte sich der +Landstraße zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun: + +»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.« + +Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gäste der Wirtsstube +angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der +verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, und neben dem +Eingang lagen leere Fässer. + +»Bring mir ein Glas Milch, willst du?« + +»Ob ich will! -- Gleich ist es da.« + +Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten +gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es +drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten +unter die Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte die +Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis sah in den +unverständlichen Schicksalen das Walten finsterer Mächte, und es war +längst Gewißheit geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse +Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im +Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten +den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen +erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so +mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in seinen Bann geraten sei. Das +Schloßgesinde erzählte unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über +das junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt hatte. + +Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu +fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste +Befürchtung erwiesen? Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein +bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und +sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das +ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen. + +Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? -- Er +schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest, +die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer, +den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch +ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen +nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief. +Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle +kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche +Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in +der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft +verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch, +wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und +arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer +werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner +Hände. + +Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei +mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der +Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen +nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem +unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde +Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde +diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten. + + * * * * * + +Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das +an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und +Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines +besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und +Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten +Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren +Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht +sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden +Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen +wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht, +daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener +Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß, +lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben +Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den +seltsamen Namen »Die Knickburg«. + +Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb +versteckte Haus, das flache Flußufer und das Silberband des Wassers +hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene +Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der +Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag +eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen +Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete +seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und +lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel +Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter +seinem starken Willen verbarg. + +Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes +erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In +goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes +nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich +gewesen. + +Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm +stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn +selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner +einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer +grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein +leuchtendes Tor von Rosen führt. + +Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner +Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte +ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die +Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre +große liebliche Macht. + +Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias +Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes +totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen +schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre +Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann. + +Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser +des Flusses und in den stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen +Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten +Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt +wartete die Welt auf die kühle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden +des winterlichen Tags, von Licht gerändert, stand eine zerklüftete +Wolke, die wie ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen +Sonne folgte. + + + + +Siebzehntes Kapitel + + +Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen war, schritten Afra und +Paule die leere Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der +Knickburg. + +Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei: + +»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? Auch die Lichter +nahen.« + +»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.« + +»Aber hörst du denn nicht?« + +»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von Menschen.« + +»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm ihren Hut ab und +schüttelte mit einem zitternden Lachen der Ergriffenheit ihren Kopf. + +»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte sie. Sie schaute +sich um. Zur Rechten lag eine schwere Mauer aus dunklen Tannen, und zur +Linken hoben sich unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen +den helleren Himmel ab. + +»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile schweigenden Lauschens +nachdenklich. »Ob sie uns suchen?« + +»Vielleicht dich, Afra.« + +Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, dann sagte sie +schnell: + +»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde nach Wartaheim. +Es ist besser, sie finden hier nur mich.« Dann besann sie sich plötzlich +und änderte rasch ihren Entschluß: + +»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. Ich werde tun, was +ich will. Wer könnte es auch sein. Nur Helmut darf nichts ahnen, +verstehst du mich, Benvenuto?« + +»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.« + +»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir geschehen?« + +Er antwortete nicht. + +Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich an ihr Ohr. Nach +einer Biegung der Landstraße kamen die beiden Lichter heran, sie +beleuchteten die Wegstrecke zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so +daß man die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und Wagenspuren +deutlich erkannte. + +Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang nicht Gesang aus +dem Wagen, oder war es ein Wimmern? + +»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! Warte!« + +Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die Köpfe emporgerissen, man +sah deutlich, daß der Kutscher heftig erschrak und die Zügel viel zu +hart anzog. Die Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel +des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren Köpfen. + +Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen der Stallknechte. Er +riß den Hut herunter, als er sie erblickte, und Afra bemerkte, ehe er +sprach, daß sein Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet +aussah und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach Hilfe ausschauten. +Da er dicht neben der Wagenlaterne stand, erkannte man seinen Ausdruck +deutlich, und so kam es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang: + +»Wohin willst du? Wen fährst du?« + +»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der Herr ... der Herr ...« + +Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war Friedels Stimme. Er +schien niemand zu erkennen: + +»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den Schloßwagen nicht? +Haltet mich nicht auf. Marsch! Platz!« + +»Warte noch«, sagte Afra ruhig. + +Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein Fluch, dann machte sich +von innen eine Hand in erregter Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen. + +»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht. + +Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht. + +»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra. + +Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür besorgt und hastig +wieder und stellte sich davor auf. In seinem Gesicht lagen höchste +Anspannung, eine wilde Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender +Aufruhr. + +»Ah, Afra -- da bist du! So, hurra! Es lebe die Herrin von Wartalun!« + +»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich die Peitsche +nehmen?« + +»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, daß ich vor Lachen +nicht sprechen kann?! Gott bewahre dich davor, daß du dies Lachen +kennenlernst. -- Wie? Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den +Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...« + +Da stand Afra steil vor ihm. + +»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in Wartalun geschehen? Wenn du +noch ein unnötiges Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen +und kehre mit dem Wagen um.« + +»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. Man hat wohl zwei +Stunden lang nach dir geschrien, bis man an seinem Blut erstickte. Was +geschehen ist?« + +Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, als ränge er +innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die Sinne auslöschte. Er +bewegte nur die Fäuste hin und her. Afra sah es im rötlichen Licht der +Laterne. Dann tippte er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine +linke Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen Keuchen: + +»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am Rücken glatt heraus! Durch +und durch geschossen! Alles rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du +siehst ihn nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm schon +seine Augen zugedrückt.« + +Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei Schritte. Sie stieß auf +Paule. + +»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich. + +Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend. + +Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß Friedels Atem nach +Wein roch und daß er betrunken war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, +wie unter einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren +Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem Innern +etwas für alle Zeit. + +Friedel war wieder in ihrer Nähe: + +»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du Begnadete unter den +Reichen. Alles, was du umher siehst oder weißt -- alles, bis an die +Wälder von Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht +dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare Sicherheit war, +daß alles dein sein sollte. Und dein Popanz, der Martin, hat zwei Pferde +zuschandengemacht, um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du allerlei zu +danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?« + +Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte an, die ein wenig +gefaßter wurden, jetzt, da man ihn reden ließ und da die schlimmste +Botschaft aus seinem Herzen gestoßen war. + +»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine Frage, er sagte es +ruhig aus. + +Seine Stimme brachte Friedel auf: + +»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? Nicht zwei Hemden hast +du gehabt, als du dich bei uns einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl +nur zu nehmen brauchen, was dir behagt. Oh -- mir wird übel, wenn ich an +den Mutwillen Gottes und an die Willkür des Schicksals denke. Oh, ihr +ramponierten Großmäuler im Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, +nicht wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich in euren +Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich langsam zersetzt. Nur +heraus, es ist gleichgültig, ob oben oder unten.« + +»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir einen anderen, wenn du +willst. Es wird dir wohl auf zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach +hart und bestimmt. + +»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor den Schlag. + +Afra sah hinein, über seine Schulter fort. + +»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst du Martin, wo +du ihm soviel Glück verdankst?« + +»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir behalten. Deine Scherze laß +-- mir verdirbt das Herz rasch genug.« + +Er geriet plötzlich in furchtbare Wut: + +»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht halten kann, das +mir aus dem Leben bricht. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber +wenn, so mußt auch du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her, +uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust deiner +teuflischen Triumphe über uns Menschen ...« + +Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels Arm: + +»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, »du lästerst Gott.« + +Und er fuhr fort zu sprechen. + +Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich eindringlich. Sie kam aus +dem Dunkel hervor und nahm die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre +bannende Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je mehr er +verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, die die Gewalt dieser +starken Worte mit sich brachte. Der Kutscher hielt die Pferde und sah +um ihre Köpfe herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche +Gestalt des Sprechenden. + +»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, der seine +innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. »Aber was sprichst du von +Reichtum und Gerechtigkeit, von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, +dein kleiner Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von Angst um sein +Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu vergleichen, die diejenigen +erleiden, die nicht die Hilfe deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du +wärest nicht gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert hätte.« + +Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile schwieg. Niemand +antwortete ihm. Aber er fand die Besinnung nicht, um die er zu ringen +schien. + +Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, daß Afra mit einem +raschen Schritt auf ihn zutrat und ihm ihre Hand auf die Lippen preßte. + +»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? Kein Wort darfst du +mehr von diesen Dingen sprechen.« + +Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er atmete tief und +schwer, und seine großen Augen, dunkel in ihrem Schatten, schienen +nichts zu sehen von allem, was um ihn her vorging, noch wo er sich +befand. + +Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin und her und suchte +mit der Hand in der dunklen Luft. + +»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was mit uns geschehen wird? +Dies alles ist unwahr. Wohin bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! +Laßt mir doch mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger Himmel? +Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher liegen Tote ...« + +»Steig ein«, sagte Afra mechanisch. + +Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der +Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und +er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewünscht worden +war. Die Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes +Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und dem nassen Erdboden. + +»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis. + + * * * * * + +Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dämmern. Es war +ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, +das schon durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des Geschlechts in +Empfängnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand +das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den +Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte. + +Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner durchschossenen Brust +gefaltet, blanke grüne Efeublätter fügten sich darüber zu einem schmalen +Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein weißes +Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen Augen die gequälte Stirn +glättete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete. + +Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des +vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden +Ortschaften gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der +Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschäftigte, die +Wartalun heimsuchten, zu großem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch +manche unter den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter von +Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame +Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trüben Morgen durch den +Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fünf oder +sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal +aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und +sich unter der kahlen Linde gruppierten. + +Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen +Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich +trauervolle und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit +langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen Schleifen und weinerlicher +Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten, +knatternden Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise vor +sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in +ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern jene angestrengte Trauer, die +einfachen Männern aus dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und +ihre vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter den ehrwürdigen +und altmodischen Hüten. + +Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. Der lichtlose Morgen +machte alle Gesichter blaß und krank, und niemand wehrte diesem +wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten +Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des Landes gedient +hatten, solange man zurückdenken konnte. + +Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, beseligten Bestürzung, +die ihr wilde Schauer eines Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr +für Augenblicke zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen Winden +dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort über +verödete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit +geöffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen +Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter Menschenseelen. + +»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause sollte wissen, wo sie +war. + +Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten kam ein +schwaches Lächeln auf seinen schlafenden Mund. Afra sah in tiefem +Erstaunen in sein Angesicht, in diese Züge, die sie zum erstenmal in +voller Ruhe erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit darin, +die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare Freude eines +Menschen, der zuversichtlich auf dem Heimweg war. Sie hatte nicht einen +Augenblick das Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als sei +er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, und für alle Zeit, um +dieses Lächelns willen, das ihr über die armselige Torheit der +Geängstigten und über die starräugige Allgewalt des Todes zu +triumphieren schien. + +Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der Liebe, schlief Helmuts +gescholtener Leib sein letztes Mal im Schein des täglichen Lichts über +der Erde. Auch zu ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers die +Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die Luft, die kein Atemzug +mehr bewegte, über der vollkommenen Stille, die von seinem wächsernen +Angesicht ausging. + + + + + * * * * * + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte + Zeile steht. + + die ohne einen Schein von Frechheit, doch so herausfordernd + die ohne einen Schein von Frechheit doch so herausfordernd + + »O Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich + »Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich + + woran sein Herz hing. Es waren vierlerlei Dinge in + woran sein Herz hing. Es waren vielerlei Dinge in + + Für wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den + Für eine wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den + + Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät + »Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät + + »Spotte nur. Morgen geht es über die her. + »Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. + + und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihr Hand an + und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an + + Helmuts Herz schlug dumpf und langsam er fühlte + Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte + + kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts.. + kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ... + + sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« + sie verstand, was hier vor sich gegangen war. >Aja< + + wie ihn nur reiche und im tiesten Wesen beständige + wie ihn nur reiche und im tiefsten Wesen beständige + + »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen..« + »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...« + + Leuchten + Leuchten. + + Herrin von Wartalun! + Herrin von Wartalun!« + + dem Wagen, oder war es ein Wimmern?« + dem Wagen, oder war es ein Wimmern? + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN *** + +***** This file should be named 38650-8.txt or 38650-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/6/5/38650/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38650-8.zip b/38650-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1416e89 --- /dev/null +++ b/38650-8.zip diff --git a/38650-h.zip b/38650-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..03dd1f0 --- /dev/null +++ b/38650-h.zip diff --git a/38650-h/38650-h.htm b/38650-h/38650-h.htm new file mode 100644 index 0000000..83862fb --- /dev/null +++ b/38650-h/38650-h.htm @@ -0,0 +1,9071 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title>The Project Gutenberg eBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <style type="text/css"> + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; + } + + h1 { + font-size: 250%; + letter-spacing: .33em; + } + + h2 { + font-size: 150%; + } + + hr { + width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + ins { + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed; + } + + p.mynote { + background-color: #DDE; + color: #000; + padding: 1em; + margin: 1em 5%; + font-family: sans-serif; + font-size: 90%; + } + + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + p.author { + font-size: 100%; + letter-spacing: .2em; + text-align: center; + } + + p.subtitle { + font-size: 120%; + text-align: center; + } + + em { + font-style: normal; + letter-spacing: 0.2em; + } + + table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + td { + vertical-align: top; + text-align: left; + padding: .1em 1em; + } + + td.number { + text-align: right; + } + + table.toc { + text-decoration: none; + } + + table.toc a{ + text-decoration: none; + } + + .pagenum { + position: absolute; + right: 3%; + } + + a[title].pagenum:after { + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0em; + letter-spacing: 0em; + } + + .center { + text-align: center; + } + + .poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; + } + + .poem .stanza { + margin: 1em 0em 1em 0em; + } + + .poem span.i0 { + display: block; + margin-left: 0em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; + } + + .blockquot{margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + + .right {text-align: right;} + + .figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + } + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Wartalun + Der Niedergang eines Geschlechts + +Author: Waldemar Bonsels + +Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="mynote"> +Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen +wie »stehen« : »stehn« sind ungeändert.<br />Die Kapitelübersicht wurde +der HTML-Version des eBooks hinzugefügt.</p> + +<h1>Wartalun</h1> + +<p class="subtitle">Der Niedergang eines Geschlechts</p> + +<p class="author">Roman</p> +<p class="author">von</p> +<p class="author">Waldemar Bonsels</p> + +<div class="figcenter"> + <img src="images/vignette.png" width="75" height="82" alt="vignette" /> +</div> + +<hr /> + +<p class="center">Im Verlag Ullstein · Berlin<br /><br /></p> + +<p class="center">Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.<br /> +Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br /> +Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin<br /><br /><br /></p> + +<p class="subtitle">Kapitelfolge</p> + +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + <tbody> + <tr> + <th></th> + <th>Seite</th> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Erstes_Kapitel"><b>Erstes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">5</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zweites_Kapitel"><b>Zweites Kapitel</b></a></td> + <td class="number">12</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Drittes_Kapitel"><b>Drittes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">33</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Viertes_Kapitel"><b>Viertes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">48</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Funftes_Kapitel"><b>Fünftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">59</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Sechstes_Kapitel"><b>Sechstes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">70</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Siebentes_Kapitel"><b>Siebentes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">85</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Achtes_Kapitel"><b>Achtes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">97</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Neuntes_Kapitel"><b>Neuntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">112</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zehntes_Kapitel"><b>Zehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">127</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Elftes_Kapitel"><b>Elftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">142</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zwolftes_Kapitel"><b>Zwölftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">153</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Dreizehntes_Kapitel"><b>Dreizehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">174</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Vierzehntes_Kapitel"><b>Vierzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">195</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Funfzehntes_Kapitel"><b>Fünfzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">208</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Sechzehntes_Kapitel"><b>Sechzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">225</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Siebzehntes_Kapitel"><b>Siebzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">240</td> + </tr> + </tbody> +</table> + +<hr /> +<h2> <a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</a></h2> + +<p>Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr +bewegte sich im tiefblauen Himmel eine große rote +Mohnblüte, nur ein klein wenig und so feierlich, wie es +zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und +wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken +von der Wärme und vom Licht, und sein Schatten +huschte über das helle Kleid des jungen Mädchens. +Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit +blauen hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie +sacht ein wenig nieder und spendete der ruhenden Stirn +und den grauen Augen unter sich Schatten.</p> + +<p>Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen +Licht und der willkommenen Müdigkeit des Sommermittags +kamen, sie dachte in bitterer Betrübnis daran, +daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit +ihm eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter +Verhältnisse für sie und für ihren Vater vergangen +war. Es war alles ungewiß geworden. Es machte mißmutig, +nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen, +welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den +Veränderungen erwachsen würden, und die neue Herrschaft +nicht zu kennen, die erwartet wurde.</p> +<p>Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"></a> +Sommerwind schaukelte, hob langsam ihre braune Hand +zu ihr empor, knickte gedankenlos den grünen Stiel mit +seinen winzigen hellen Härchen und entblätterte über +ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten +Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und +Feuer in der zornigen Sonne liegen.</p> + +<p>Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um +den Vogel am Himmel zu finden, da sah sie zwischen den +Ähren fern die grauen Schloßtürme von Wartalun aus +den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere +das seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im +Wappen des Geschlechts zu finden war.</p> + +<p>War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange +sie zurückdenken konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern +sollte, lernte sie erkennen, daß sie alles allein der Güte +des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser Reichtum +ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. +Der Gedanke quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es +Mächte gab, die ihr diese Schätze rauben konnten, ohne +sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als wäre nicht mehr, +was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.</p> + +<p>Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu +sehen, jetzt gleich, in diesem Augenblick, in dem sie litt. +Daß sein Kommen erst mit dem Abend erwartet wurde, +ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht zeigen +wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß +der Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte +hinterlassen können, war ihr zuwider. Vielleicht das +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a>Forsthaus mit dem Buchenhain oder Wendalen mit +seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: +er hat niemand so geliebt wie dich.</p> + +<p>Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An +den scheidenden Winter und den kommenden Frühling +mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug in das +ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen +wie mit den schimmernden Wogen eines leuchtenden +Meeres überzogen hatte. Das war die letzte +Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse +des Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl +gelehnt, über seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, +daß es sein letzter war. Der Wind vom Garten war warm +und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber +eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende +im Gedächtnis geblieben, an denen sie ihm zur +eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte vorlesen +müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß +sie warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:</p> + +<p>»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«</p> + +<p>Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies +wünschte.</p> + +<p>Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, +und hielt inne. Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu +enttäuschen. Seine Bewegung quälte sie, und vorsichtig +senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er von ihr +erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen +Tauben zu erzählen, die in den großen Wandteppich +gewoben waren, gegen einen verblaßten blauen Himmel, +in den die Zinnen einer alten Stadt ragten, aus deren + +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a> + +Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren +aus erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten +nicht mehr. Wollte er, daß sie die Tränen vergaß, die sie +bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete es und fragte ihn, +weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in +einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:</p> + +<p>»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, +und weil ich die Bewegungen deiner Lippen sah und den +Schein des Feuers in deinem hellen Haar. Und weil ich +die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des +Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine +Knie und die Füße am Saum deines Kleides. Du hast +mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum daß du gehen +konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten +gebracht, die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag +bin ich dir begegnet wie dem Licht der Sonne, dem niemand +entgeht, der atmet, aber ich bin niemals deinem +Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du +mich gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber +jede Liebe, die dir in deinem Leben begegnet, wird sie +aufheben und bewahren und zu Gott bringen, zu dem +ich gehe.«</p> + +<p>Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er +meinen könnte, und sich gefragt, ob sie ihm Anlaß +gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu sein. Aber im +Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen +war und daß der unerfüllte Wunsch, den er +ausgesprochen hatte, nicht zu jenen gehörte, die sie +erfüllen konnte. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, +und sie hörte ein Pferd schnauben. Das rief sie aus ihren +Erinnerungen in den hellen Tag zurück. Sie nahm ihren +Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme, +damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er +saß zu hoch auf seinem Heufuder, reckte den Hals nach +ihr, lachte, als er sie erkannte, und hielt die Pferde an.</p> + +<p>Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, +daß Afra nicht hochmütig war.</p> + +<p>»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und +die Kornähren mit der Hand zur Seite bog. »Ist es +erlaubt, einzutreten?«</p> + +<p>Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.</p> + +<p>Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut +von der heißen Stirn und lächelte.</p> + +<p>»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«</p> + +<p>»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit +forschenden Augen hinzu:</p> + +<p>»Heute abend ...?«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als +empfinge er eine betrübliche Nachricht, »heute abend +kommen sie.«</p> + +<p>Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit +an, wie Martin sich den neuen Herrn vorstellte.</p> + +<p>Plötzlich unterbrach sie ihn:</p> + +<p>»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«</p> + +<p>»Weißt du es besser?«</p> + +<p>»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken +so, wie ihr ihn euch zu eurem Vorteil wünscht. Der Vater<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a> +meint, daß er eine Vorliebe für neue Treibhäuser habe +und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt +von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und +der Förster weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der +Kugel treffen kann.«</p> + +<p>»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man +könnte glauben, daß es so im Katechismus steht.«</p> + +<p>»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, +»aber wenn man sich langweilt ... man sollte sich nie +langweilen.«</p> + +<p>Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr +die roten Kugeln dar, die an dünnen Stielen zwischen +seinen Fingern hingen, aber sie kehrte seine Hand um, +öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann +schob sie seine Hand zurück.</p> + +<p>»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, +was ich von ihm weiß. Und noch eins: er wird mich +sehen.« Sie ließ langsam die Blicke über den jungen +Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden, +lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen +wollen. Man durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich +zu behalten, was man wußte. Irgend etwas im Schatten +seiner Augen und um seinen unbewachten Mund verlockte +sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen +zu lassen. Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was +ich will.</p> + +<p>Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen +und Mißstimmung zugleich. Es mochte daher +kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt gewesen<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a> +war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie +nun zu seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens +für einige Zeit, für diese Tage der Ungewißheit und des +bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den meisten der +anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra +werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit +dem märchenhaften Zauberglanz von Macht und Reichtum, +den die Liebe des alten Mannes um sie gewoben +hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen +sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf +dem er lag, und sein eigenes Geschick in die Hände +gegeben waren, die er neben sich sah, wie sie das blaue +Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte +auch, daß er diese Hand dort dicht neben der seinen +ergreifen konnte, ohne daß Afra ihn daran hindern +würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm +empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, +sein Wunsch, dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...</p> + +<p>Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen +Qual zu befreien. Was würde geschehen?</p> + +<p>»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, +sagte Afra, »ich habe genommen, welches ich wollte. +Würdest du um eines bitten, wenn alle dir erreichbar +wären?«</p> + +<p>»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der +ihren, »du konntest tun, was du wolltest. Der neue +Herr ...«</p> + +<p>»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob +sich, so daß sie im Korn saß, ordnete an ihrem Haar,<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a> +das im Sonnenschein heller leuchtete als die goldenen +Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.</p> + +<p>»Fährst du mit?« fragte er.</p> + +<p>Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine +Schulter, mit raschem weichem Fuß, dessen Druck er erst +zu verspüren glaubte, als sie bereits hoch im Heu saß +und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm hinunterlachte.</p> + +<p>»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über +ihm, und so schritt er neben dem Wagen dahin und rief +den Pferden laute Worte zu.</p> + +<p>Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte +das Kinn in beide Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins +Heu gruben, und blinzelte in den Sonnenschein hinaus. +Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in einem +feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu +ihm zu heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei +er ihr Ziel, während der Wagen sie langsam, eingehüllt +in den Duft welken Grases und vergangener Blumen, +auf Wartalun zuschaukelte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + +<p>Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, +Hundebellen, Stimmen und das Knarren eines +Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof +her durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, +wanderte an der Zimmerdecke und huschte rasch und<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a> +ängstlich über die Gegenstände des Raums. Sie erhob +sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode +des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres +Vaters bezogen, der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude +eine Wohnung innehatte. Sie hatte nicht +gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft +gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen +und beinahe rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man +sich unterfangen würde, ihr ihre alten Rechte streitig zu +machen, aber niemals hätte sie ertragen können, aus +dem Hause gewiesen zu werden.</p> + +<p>Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft +zog süß und schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden +Äste des uralten Baumes, der fast den ganzen Schloßhof +beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie erkannte +nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas +weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig +ergebene Antworten auf ihre unverständlichen Fragen +oder Befehle. Dann wurden im Schloß die Fenster hell, +erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so +daß sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, +endlich im Zimmer des alten Herrn und zuletzt sogar im +Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel mit ihren geschnitzten +Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.</p> + +<p>Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder +dunkel, nur im Treppenhaus glommen noch Lichter, und +die Hunde kamen nicht zur Ruhe. Sie sah noch Melchior, +den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe +niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a> +hörte, ob er sie beruhigen müsse; aber er ließ es und +verschwand in der Dunkelheit mit dem letzten Licht. Afra +dachte an die beunruhigten Hunde, die alle an den +Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert +und sie oft auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war +gewiß nicht dieser Gedanke, der sie so tief bewegte, aber +plötzlich warf sie den Kopf hart auf die Bank des +offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen +Schluchzen. Ihr war, als seien Räuber in das Schloß +eingedrungen. Schliefen denn umher alle diese Geduldigen, +war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, der +vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch +auf Afra wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu +teilen. Zu teilen? Ein kalter Zorn ließ sie auffahren. +Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, als müsse sie +aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden +Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, +die zur Begräbnisstatt des toten Herrn führte. +Sie sah den eisernen Sarg mit seinem einen Kranz aus +Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte winden +müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte +ihn für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie +sah sich an dem kalten schweren Eisen rütteln: Wach auf, +du, mit deiner Liebe zu mir, sie stehlen dein Schloß, deine +Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit Füßen der +Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.</p> + +<p>Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in +der Nacht, in der auch der Tote schlief. Je mehr Afra +sich vergegenwärtigte, was dieser Todesschlaf bedeutete,<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a> +um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende junge +Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte +und daß sie stark und jung und schön war. Ihr war, als +sei ihr Verhältnis zu dem Toten, das er einst in bebender +Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles deutlicher und +gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles benachteiligter +als sie?</p> + +<p>Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal +die letzten Wochen, die sie mit ihm durchlebt hatte, auf +alle seine Aussagen hin, forschte eifrig nach dem Sinn +seiner traurigen Worte, die sie damals kaum beachtet +hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung +für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah +seinen weißen Bart dicht vor sich, fühlte seine Greisenhände +auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, sagte er. +Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich +reich gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen +können?«</p> + +<p>Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?</p> + +<p>Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das +war schon im Traum. Sie saß in ihrem Kleid aus hellem +Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt das Schloß, +lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr +gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie +in ihrem Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder +streuten Blumen. So hatte sie es einst gesehen, als sie +den Grafen an seinem letzten Namenstag hinausbegleitet +hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und +lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg,<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a> +hatte er lange in ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß +erhoben vom Glück des Tags und übermütig beseligt +gelächelt hatte. —</p> + +<p>Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der +junge Tag erhob in kühlem Wehen sein lichtes, blaues +Leben, in dem alles in tiefer Stille auf die aufgehende +Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten +waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in +einer ganz neuen, zitternden Seligkeit an ihrem jungen +Dasein langsam begann, sich an den weit offenen +Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und +alle Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies +war die liebste Stunde ihres Tags, in der niemand ihren +erwachten Sinnen etwas streitig machte, in der ihr alles +zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie +schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, +auf dem noch nichts sich regte, nur vor den Starenkästen +am Lindenstamm saßen schon die Alten, zum ersten Ausflug +gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen der +Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum +vernehmbare Flüstern der Blätter mischten. Die Tore +des Hofes waren noch geschlossen. Die breiten Laubgänge +des Efeus sahen wie dunkle Verkleidungen am +Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche, +die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war +beinahe ein wenig eng, dieser Hof, aber seine hohe +Eingeschlossenheit und seine Schatten von den Wänden +des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte +Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a> +die Zinnen der Mauern in dieser Stille in das Bereich +alter Märchen gerückt wurde.</p> + +<p>Afras blondes Haar war so schwer und weich wie +alte Seide. In der Ahnengalerie des Herrenhauses, +dicht unter der getäfelten Decke hing das Bildnis einer +jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie +hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer +und Asche, der sich, ins Licht getaucht, in ein beinahe +farbloses Gold verwandeln konnte und der aus Stirn +und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, +wo der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig +versunkenen Blick der längst Verstorbenen haßte Afra, +wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, dessen Trotz ihr +töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener +Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da +niemand ihr noch gesagt hatte, welch betörender Zauber +voll Lebenssüßigkeit und Daseinswonnen sich in seiner +ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie ihn beinahe +gering, diesen großen Mund.</p> + +<p>Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über +den Hof ging, ihr Schritt hallte von den Steinwänden +wider. Sie klopfte an Martins Kammerfenster neben +dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. Er +solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst +besorgen; aber er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das +Pferd zu satteln, und murmelte schlaftrunken allerhand +von seinen Aussichten, sich noch einmal niederlegen zu +können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen Herrschaft +zu fragen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr +diese Teilnahme schuldig zu sein.</p> + +<p>»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.</p> + +<p>Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, +tadelte sie nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend +und am Platze. Sie wollte noch, daß er die +Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, deren +Ketten sie hörte.</p> + +<p>Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie +die Landstraße entlang steil und fest zu Pferde, vom +Bellen der Hunde wie von ergebenem Beifall geleitet, +dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame heiße +Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, +war das Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben +in den angebauten Wirtschaftsgebäuden hinter den +Birken der Landstraße sah er die ersten Tagelöhner, eine +Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein ereignisreicher +Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn +zu verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles +klar zu werden.</p> + +<p>Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl +und ohne Kraft, über die Dächer der Kornschuppen von +Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie hatte sich auf +den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen, +hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum +erblühten Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, +wie ihr suchender Fuß Schritt für Schritt die +silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen +brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a> +wachten alle Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als +zerstörten sie ihr ganz langsam ihre Kraft. Denn Afra +war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie sie +nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, +sich bewähren zu müssen, fand sie stark.</p> + +<p>Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie +seine Herrin, die immer um einen Schritt voraus war +und die Zügel nachhängen ließ. So schritten sie gegen den +großen Horizont des ebenen Landes über den roten +Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die +schwarzen Schnauzen am Boden, in weitem Bogen +voraus, scheuchten Wildenten aus den Moortümpeln +auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon +nahe am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras +leisen Pfiff wandten sie, wie von unsichtbaren Fäusten +zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie hingen +in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer +mit mehr Zeit und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.</p> + +<p>Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie +grüßten, besann sie sich darauf, was sie als Grund für +ihr Kommen angeben sollte. Man würde sie nach der +neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter +schon unterwegs nach Wartalun. —</p> + +<p>Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer +uneingestandenen Furcht vor einem Verrat der Ängste +ihrer Seele begrüßte sie ihn hochmütig und ohne den +Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, aber +sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a> +Zimmer ein Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die +Tücke und Unterwürfigkeit dieses arbeitsamen und wohlgeschickten +Mannes, die sie bislang mit kaum amüsierter +Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute hassenswert. +Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten +Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung +mit großer Höflichkeit zu beantworten, die +schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen sie +gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die +Würfel gefallen seien und daß, was die einen hofften, die +anderen fürchteten, Wahrheit geworden sei, daß sie nach +dem Willen des Verstorbenen Herrin von Wartalun +geworden war.</p> + +<p>Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte +Täuschung ihr eintrug, wurde rasch zu unbezähmbarer +Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem und geheimnisvollem +Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der +ihr zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich +verachtete sie sich in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung +zu ändern, nickte sie kühl und hastig, nahm umständlich +das Pferd herum und pfiff den Hunden.</p> + +<p>»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe +traurig wirkte. Draußen empfing die frohe Sonne sie, +wogende Felder und bald wieder die Melancholie und +Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer +Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre +Hoffnung Gewißheit geworden war, als hätte sie ihrem +zögernden Schicksal Gewalt angetan.</p> + +<p>»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a> +mein ist«, rief sie laut. Dann war ihr, als müßte sie +weinen, und ihre aufsteigende Qual beantwortete sie mit +einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen weichen, +unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch +zur Anmut ihrer freien Haltung stand.</p> + +<p>Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe +Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben, +alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes, +den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken +Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und +sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren +braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als +schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des +Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen +Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art +zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück +und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die +Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch +an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als +weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht +des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr +blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im +Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser +blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes +Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von +Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale +Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; +solche Hände wünschte sie sich ...</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a> +er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von +hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«</p> + +<p>»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das +Vorwerk Wendalen.«</p> + +<p>»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«</p> + +<p>Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, +schaute über Land, als erwöge sie ernstlich die Antwort, +um sie treffend geben zu können. Ihre Art der Herablassung +war voll Anmut, von einer holden Sicherheit +überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, +was er wissen wollte, und sah sie bewundernd an.</p> + +<p>»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem +Pferde gebraucht, aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden +zwei Stunden brauchen an einem Tage wie heute. Und +der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich +bei solcher Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe +nicht gewußt, wie weit es ist, es hätte mich sehr interessiert, +da ich diese Frühmorgenstunde nicht besser +zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch +alle.«</p> + +<p>Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es +wirkte auf ihn wie Sonnenschein im Frühling und wie +der traurige Gedanke an einen frühen Tod.</p> + +<p>»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? +Kehren Sie denn jetzt um?«</p> + +<p>»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine +heiße Freude am Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut +klopfen ließ; sie sprang vom Pferde, und in der überwindenden<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a> +Unbefangenheit, die ihr Wesen auszeichnete, +sagte sie:</p> + +<p>»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein +wenig ledig dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf +das Pferd und sagte: »Das ist Joni.«</p> + +<p>»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges +Fräulein, gewiß, um mich daran zu erinnern, daß ich +Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, ohne +Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«</p> + +<p>Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, +den sie kaum zu verstehen für nötig hielt, und verbeugte +sich dabei, nicht ganz in der üblichen Richtung und auf +eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.</p> + +<p>»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir +die Ehre zu erweisen, zu sagen, wer Sie sind?«</p> + +<p>Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, +wartete, bis er ihren Blick sah, und meinte:</p> + +<p>»Tut es etwas zur Sache?«</p> + +<p>Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, +darüber nachzudenken, daß dies wenig höflich sei, und +sagte rasch:</p> + +<p>»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war +sicherlich recht töricht. Der Vorzug Ihrer freundlichen +Begleitung sollte mir genug sein, und er ist es, sicherlich, +mein gnädiges Fräulein.«</p> + +<p>Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein +wie ihr Recht, obgleich sie ihn beneidete.</p> + +<p>»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, +und was an ihrer Frage hätte Neugierde sein können,<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a> +wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie eine kindliche +Bitte.</p> + +<p>»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und +eigentlich schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe +zufällig gekommen; es ergeht mir oft so, daß mir +eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe schenkt.«</p> + +<p>»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr +Lächeln eine neckische Bewunderung. »Das klingt ja fast, +als wollten Sie mir sagen, daß Sie den Schloßherrn +von Wartalun persönlich kennten.«</p> + +<p>»Ich vermute, daß ich es <em>bin</em>«, antwortete er bescheiden.</p> + +<p>Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand +bebten, daß ihr Schritt wankte und ihr Angesicht sich +langsam in jäher Erstarrung mit tödlicher Blässe überzog, +fuhr er fort:</p> + +<p>»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, +und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde +mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von +Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein +gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, +und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns +erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters +entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein +Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die +große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die +letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte +unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung +des alten Herrn.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf +seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung +zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte, +empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von +sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, +nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der +Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das +hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach +und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage +erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte +er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er +wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich +darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung +gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige +und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich +Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem +Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft +war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das +Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, +dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem +raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das +herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger +Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine +dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und +grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte +seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung +hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen. +Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr +in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a> +sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten +hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und +lächelte.</p> + +<p>Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.</p> + +<p>»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, +sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie, +und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so +selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist, +ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«</p> + +<p>Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem +Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung, +die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig +sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte +Bestätigung seiner Befürchtung aus.</p> + +<p>Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag +am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied +es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in +diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich +erschien.</p> + +<p>»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale +Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich +habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil +seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit +ist eine Freude für mich.«</p> + +<p>Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von +denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn +bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, +es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen +fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a> +es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen +Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar +mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran +verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann +wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn +lustig.</p> + +<p>Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, +erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel +Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem +Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte +seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen +und fast ergebungsvoll diesen Wandel in +seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in +eine ganz neue Welt hinnahm.</p> + +<p>»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und +aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er +stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß +ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte +sagen wollen.</p> + +<p>»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst +daran, daß er nach diesen Worten unbefangen zu +sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm damit aus seiner +Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte, +mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das +Leben schön. Ich habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. +Ihr war, als liebte sie diesen Mann neben sich, +weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, neue +Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren +und zu erproben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr +Haar. Ihre Lippen bekamen etwas von jenem irdischen +Daseinslicht, das zuweilen die Lippen junger Frauen +umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein +schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut +ihres Leibes in die Lippen emporsteigt, als blühten +wieder die Reben ...</p> + +<p>Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend +aus sich, seinen freundlichen Worten folgen:</p> + +<p>»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte +mir zufallen«, sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, +mich ihrer zu freuen. Ich war ganz mit meinen Studien +ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im Auge, als ihre +Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines +Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. +Ich trage schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, +nehme es auch vielleicht mit der eigenen Innenwelt und +mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein wenig zu +schwer ...«</p> + +<p>Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu +vergessen, vor wem er sprach. Ihm war, als spräche er +vor sich hin, wie er gewohnt war, es oft auf einsamen +Spaziergängen zu tun.</p> + +<p>»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich +unser neues Eigentum selbst verwalten sollte. Ihr war +es seit langem ein lieber Wunsch, die Stadt zu verlassen, +die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich hat sie +wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für +mich Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a> +mehr ich beginne, langsam die ganze Größe dieses +Besitzes zu ermessen, alle Pflichten einzusehen, die sich +mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich +mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte Afra.</p> + +<p>Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, +ging aber gleich auf ihre Frage ein.</p> + +<p>»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre +mit einem jungen Ding, zu dem er eine große Vorliebe +gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur ihren Vornamen, +mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra +berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein +seltsam unverständlicher und außerordentlich altväterisch +verfaßter Brief ist vor dem Testament in meine Hände +gelangt. Er wirkt eher wie eine philosophische Lebensbetrachtung +als wie das rechtsgültige Dokument einer +letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht +eröffnet werden können, da ich noch Papiere beizubringen +habe. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen.«</p> + +<p>»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte +Afra.</p> + +<p>»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«</p> + +<p>»Und der Brief?«</p> + +<p>Er sah sie an.</p> + +<p>»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra.</p> + +<p>»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber +zweifellos ein Mann von hochherzigem Charakter und +voller vergrübelter und verschlossener Werte. Über die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a> +Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht +viel hervor, da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen +wird, was er von ihr hielt, was der Alternde in sie +hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in Einzelheiten +unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch +sicherlich zu Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten +sagen, war ebenso unverständlich wie mysteriös. +Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«</p> + +<p>Er lächelte vor sich hin.</p> + +<p>»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«</p> + +<p>Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie +erstaunt an. Ihre Augen glänzten hart und einsam und +wiesen ihn ab.</p> + +<p>»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen +berühre, aber seien Sie versichert, die Beziehungen +des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, daß +sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, +verstehen Sie nicht falsch, was Sie zweifellos nur +aus dem Klatsch Urteilsloser oder Neidischer gehört +haben.«</p> + +<p>Sie antwortete kalt:</p> + +<p>»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht +haben.« Und hingerissen von einer plötzlichen Erbitterung, +die sie alles vergessen ließ, fuhr sie fort: »Sprechen +Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem >jungen +Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von +seinem Wert, ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen +äußeren Gütern genügen ...«</p> + +<p>Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a> +Worte. Sie suchte nach einem Halt. Es bot sich ihr +nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf sie stürmisch +den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, +am ganzen Körper bebend und von Scham, Wut und +Bewegung geschüttelt, ohne Halt und so friedlos und +aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute +war, als sei durch kein Heil von Menschenkraft je +wieder etwas an diesem Unverständlichen gutzumachen, +das sein ahnungsloses Herz an diesem Sommermorgen +angerichtet hatte.</p> + +<p>Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum +bemühte, das junge Mädchen zu beruhigen und den +Grund ihres Leids zu erfahren, während er eine ungeordnete +Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte +stammelte und sogar wagte, ihre Schulter mit seiner +Hand zu berühren, dachte Afra mitten im Sturm ihrer +aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:</p> + +<p>War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war +klug, und für ihn und für meine Stellung zu ihm war es +zweifellos so richtig. Sie wußte nicht weshalb, wußte +nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz +dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen +Wunsch, die Schmach vor ihr abzudienen, in die er sie +gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, rührte sich nicht +und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich +lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des +neuen Gefühls, von dem er nichts ahnte. Einmal, als +das Pferd den Kopf senkte und hob, stieß ihre Schulter +härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a> +zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht +hätte.</p> + +<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort +zurück.</p> + +<p>»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie — verzeihen Sie +mir«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich weiß in der Tat +nicht, was ich verfehlt habe und wie ich es gutmachen +kann.«</p> + +<p>»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. +Sie senkte den Blick nicht, als sei ihr alles +unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren Worten zu +erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf +ihn wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich +kann mich jetzt unmöglich so gelassen zeigen, wie mir +zumute ist, es würde die Hälfte dessen zerstören, was ich +erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr verzweifelt. +Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut +und für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und +mühsam mit den äußeren Erscheinungen des Lebens +abzufinden wußte und mit den Frauen noch um vieles +schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht +traurig zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr +sprach, gefaßter, ernst und sehr würdevoll, mußte sie +hinter ihren Händen, die sie vor ihr Gesicht geschlagen +hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an +ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was +geschehen war, hatte sie nichts berechnet. Wenn er jetzt +sähe, wie ich empfinde, so würde er mich verachten, +dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn ein<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a> + +wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er +nicht empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie +verstehen würde.</p> + +<p>Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + +<p>Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu +erreicht hatten, erschien es dem Mädchen, als sei +es nicht gut, sich nun schon zu trennen, denn alles, was +noch an Worten gefallen war, befriedigte sie nicht und +ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die +Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses +enttäuschten. Irgend etwas mußte bestimmter +geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr war, als müßte +er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben +haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, +weil sie ihr neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, +aber es lag in ihrer Art, sich eher mit einer geringen +Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen +Aussicht.</p> + +<p>Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht +oft in seinem Leben. Aber viel mehr als die Geschehnisse +und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst auf ihn. Er +wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er +fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie +über alles gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und +fesselte. Wenn er versuchte, sie sich vorzustellen, so war<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a> +sein Eindruck zuerst der einer ganz eigenartig klar geschiedenen +farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar, +die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... +alles erschien ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen +und eindringlichen Gesondertheit wie +die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener +Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden +Nuancen suchten, sondern die den Mittelton +fanden und gaben, klar und wie in unfehlbarer Gewißheit, +daß er alles Leben und alle Vielgestalt des Lichts +dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene +und geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im +Grunde ihr Wesen doch allein durch das Leben ihrer +schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen erschienen +ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, +in ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der +Natur auf einen Menschen wirken können. Diese Kühnheit, +die ohne einen Schein von <ins title="Frechheit, doch">Frechheit doch</ins> so herausfordernd +und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll +und voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. +Er kannte diesen Blick bei Kindern, deren Gedanken +vielleicht bei den Spielen im Garten sind, +während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten +der Alten lauschen, die sie noch nicht verstehen können. +Kinder, deren Menschentum in seiner seligen Beschränkung +der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so +weit überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides +in einem Herzen zu wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete +den Mann an ihrer Seite, der mit gesenktem Haupt +neben ihr dahinschritt und dem sie deutlich anmerkte, +daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten +als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. +Erst als er, beinahe wie aufgeschreckt durch ihr +leises Lachen, rasch den Kopf hob, besann er sich darauf, +daß die Interessen der jungen Dame an seiner Seite wohl +kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte +ihre Lage und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.</p> + +<p>»Warum lachen Sie denn?« fragte er.</p> + +<p>»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.</p> + +<p>Nun lächelte er.</p> + +<p>»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so +dachte ich mehr an Ihre Person als an Ihre Lage, und +letztere sollte mir doch eigentlich aus vielen Gründen am +Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht ganz +leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor +kurzem eine Kränkung ausgesprochen habe statt des +Danks, den ich Ihnen schulde. So viel weiß ich wohl +aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine Erfahrung +von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung +des Schlosses und aller Güter bisher beinahe ganz +in Ihren Händen gelegen hat. Sie waren die Vertraute +des alten Herrn und sind sicher in alle Notwendigkeiten +und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht, +als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine +Bitte geht nun darauf hin, ob Sie uns die Liebe erweisen +wollen, es in Ihrer Stellung zu allem und zu uns<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a> +beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als +Sie leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle +keinen Augenblick daran, daß einzig die Neigung des +Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu ihm Sie hier +gehalten hat ...«</p> + +<p>Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. +Mochte es sein, weil dem Namen Erwähnung getan +war, Afra mußte an den Toten denken, der sie geliebt +hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er +alle seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. +Es quälte und beglückte sie zugleich. Sie +schritt mit gesenktem Haupt dahin, das Angebot erschien +ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig geschehen +konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. +Mochte er denken, sie sei undankbar, es war immer noch +besser, als daß sie sich ihm durch Dankesworte für verpflichtet +erklärte.</p> + +<p>Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin +und Holundersträucher drängten über die blühenden +Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch dieses +verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, +so blinkte hinter dem Grün die schwermütige Farbe des +toten Grabenwassers, das an drei Seiten die Schloßmauern +umzog und tief im Park einen ruhigen See +bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank +im Schatten eines verwilderten Apfelbaums. Afra +blieb stehen. Er verstand sie und lud ein, ein wenig zu +rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein +Büschel Zweige.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich +ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus +den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.</p> + +<p>»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer +kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder +zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität +vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen +den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude +machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß +ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen +auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich +nun vieles besser verstehe.«</p> + +<p>»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne +zu danken, »ich habe wenig Kleider.«</p> + +<p>»Bitte«, sagte er einfach.</p> + +<p>Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als +klein und schwächlich neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre +Reitgerte zwischen den Fußspitzen pendeln ließ, sah ihre +harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß ihrer +Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer +Lieblichkeit. In allen Einzelheiten, die zwischen ihnen +besprochen waren, hatte er seine heimliche Überlegenheit +in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden, +aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm +war, während er so dasaß und die Schweigende verstohlen +betrachtete, als käme es im eigentlichen, wahrhaftigen +Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als +auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, +bohrende Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a> +strich sich über die Stirn, als verscheuchte er eine dunkle +Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier sitzenbleiben? +Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun, +es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So +geschah es denn, daß Afra ihn nach einer Weile entließ, +beinahe ein wenig gnädig, wie man jemand fortschickt, +dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, was +in seinen Kräften steht.</p> + +<hr /> + +<p>In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander +die Räume des Schlosses. Afra erschien dem +jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun sie in der +intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus +Bildern und Wandteppichen schaute die Vergangenheit +auf sie nieder, die Freude und die Trauer des Verflossenen.</p> + +<p>»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die +alten waren eng und klein, wie sie jetzt noch drüben +gegen den Park zu sind.«</p> + +<p>Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in +der Sonne stand. Er dachte mit leisem Grauen an die +vergangene Stunde, in der Afra und seine junge Frau +sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte +doch anders werden, es war einzig der verwirrende Geist +des Neuen, der auf sie beide eindrang, auf sein Weib +und ihn; alles war fremd und geheimnisvoll, schien sie +zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde weichen, +würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur?<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a> +Er kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen +wie er war.</p> + +<p>»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt +Geister.«</p> + +<p>»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und +erwartungsvoll an.</p> + +<p>Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so +gefahrvoll erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten +ihn nun in ihrer unschuldigen Härte. Aber nun +mußte er sprechen:</p> + +<p>»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht +in weißen Tüchern als Gespenster, die nachts umherirren, +sondern um vieles vergeistigter und machtvoller. +Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte +Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene +Gefühle faßbare Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, +ich meine, daß die Spuren der Toten zurückbleiben und +daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre Bosheit, +ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«</p> + +<p>Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, +dessen schmale hohe Lehne ihr blondes Haupt überragte. +Er sah über ihren Haaren den bäurisch derben und gediegenen +Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den +Augen den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.</p> + +<p>»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte +sprechen Sie doch weiter. Sie legen in alle Dinge viel +mehr hinein, als darin ist, das tat auch Ihr Oheim, aber +er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger vorsichtig +und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a> +können, dafür glaubte man ihm aber auch nicht +immer.«</p> + +<p>Tief überrascht sah er auf.</p> + +<p>»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«</p> + +<p>Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung +bewunderte, so blieb sie unbefangen und bei der begonnenen +Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte er +geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich +ihm und dem Schloßgut gegenüber befand, er hatte +gehofft, einen Schein von Erkenntlichkeit in ihrem +Wesen zu finden, nie hätte er für möglich gehalten, +daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es +muß ihr Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte +er, und seine Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur +Trauer.</p> + +<p>Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur +Unterhaltung zurück.</p> + +<p>»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem +Wesen den Geist des Toten wieder«, sagte er. »Es gibt +Gespenster von Fleisch und Blut, die die Sonne mehr +lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte +Stunde beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, +voller Grauen nur durch die überwindende Lieblichkeit, +in der sie das Vergangene uns Vergänglichen +als bestehenden Wert darbieten.«</p> + +<p>»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke +dem Grafen, was ich geworden bin. Ich hätte die Dorfschule +in Wartaheim besuchen müssen. Zwei Stunden<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a> +lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee +laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die +Mädchen, die draußen das Heu wenden. Das wollten +Sie doch sagen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung +zu legen. »Sie wären immer geworden, was Sie +heute sind. Zufällig ist an allem nur die äußere Lage und +ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche. +Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir +empfangen ihn mit unserem Blut nach dem Maß unserer +Werte. Und was Sie reich und stark macht, hat Ihnen +niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen +gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was +er seinen Anlagen nach hat werden müssen, der ist gebildet.«</p> + +<p>Sie unterbrach ihn ungeduldig.</p> + +<p>»Sagten Sie, ich sei reich?«</p> + +<p>»Ja, Afra.«</p> + +<p>»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«</p> + +<p>»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte +es in einem anderen Sinn und Zusammenhang.«</p> + +<p>Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, +wie einst den alten Mann, oft heimlich beneidet hatte. +Es war gewiß nicht einzig der äußere Besitz. Sie empfand, +beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch +keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich +plötzlich verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften +Gedanken jetzt haßte sie tief in ihrer Seele, dieses Empfinden +des Zurückgesetzten, der stets empfangen muß,<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a> +das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter +Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht +schöner gewesen, als wenn er gab ... Sie waren von +gleicher Art, diese beiden, nur erschien es ihr, als sei +jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein Jüngling.</p> + +<p>Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der +Toten des Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem +Ruck die schweren Vorhänge von einem der Fenster +zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in die +Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden +Vergangenheit.</p> + +<p>»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im +Umschauen. Langsam schritt er an den Bildern entlang. +Sie folgte ihm neugierig mit den Blicken und lehnte sich +an das Fenstersims.</p> + +<p>»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer +gehabt, die hier geherrscht und gebildet haben«, sagte +er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier nach fremden +Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren, +mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, +seine Schönheit. Die Bildrahmen sind aus den +Eichen von Wartalun, die Möbel und Verkleidungen +der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert +scheint einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles +ist ernst und groß wie das geduldige Land. So sind auch +diese Angesichter. Diese verstanden zu herrschen, weil sie +zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen Gehorsam, +aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter +Schreckensruf sie traf, trat sie hinzu. Es war dämmrig +im Winkel des Saals, in dem er stand, die Schatten +schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen +grüne Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, +die sie trugen.</p> + +<p>»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen +farbigen Wandteppich von großer Schönheit, aus dem +von ungefüger und hilfloser Hand kleine Stückchen +herausgeschnitten waren.</p> + +<p>»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals +wollte ich sie.«</p> + +<p>»Sie haben diese Gobelins zerstört?«</p> + +<p>»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten +Vögel aus irgendeiner Laune. Er erlaubte mir, sie +herauszuschneiden.«</p> + +<p>»Afra ... das ist unmöglich.«</p> + +<p>»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen +großen Wert auf diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. +Ich muß in einer ungünstigen Stunde gebeten haben. +Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es sah.«</p> + +<p>Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden +Blick am Boden, ging ihm zum erstenmal eine Ahnung +von der ganzen Gewalt und Tiefe des Märtyrertums +dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene +Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich +traurigen Vision sah er die ermüdete Herrlichkeit +einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm und dem bedachtlosen +Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die blasse<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a> +Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren +Augen, tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben +eines sinkenden Tages gestreut. Die Vögel sangen nirgends, +es wurde still, und die Toten schliefen in einer +Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, +das ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken +gebeten hatte, Afra fortzuschicken ... Über allem wurde +ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine beinahe heldenhafte +Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in +tränenfeuchte Schleier.</p> + +<p>»Afra, Sie sollten ... fort — — große Städte und +viele Menschen sehen, andere Menschen. Es müßten +sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte und +Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«</p> + +<p>»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was +würde aus Wartalun?«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn +froh an ihrer klaren Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert +und verstand, nun da er ihr argloses, sinnendes +Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.</p> + +<p>»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie +es beginnt, mich zu verändern.«</p> + +<p>Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem +Arbeitsraum des Toten, ward ihm wieder eigen beklommen +zumut im Dämmerlicht der dickwandigen +Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild +Afras. Das Mädchen nahm den Schleier ab. Es +raschelte darunter von verwelkten Blumen, und die +Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a> +großen Tisches, zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, +deren Kerzen halb heruntergebrannt waren.</p> + +<p>»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs +Land, dessen Beruf es war, Bilder zu malen«, erklärte +Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte dies Bild +machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, +aber dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens +war er fort.«</p> + +<p>»Weshalb?«</p> + +<p>»Oh — er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er +stand, sprach er davon.«</p> + +<p>»Und Sie wollten nicht?«</p> + +<p>Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz +rasch, daß sie schwirrte.</p> + +<p>»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.</p> + +<p>Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog +einen Brief heraus. Ehe er davon sprach, meinte Afra +über seine Schulter hin:</p> + +<p>»Das ist seine Schrift.«</p> + +<p>»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen +gesprochen habe. Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste +Teil bezieht sich auf Angelegenheiten der Verwaltung, +vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen betrachten, dieser +Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so zurückhaltend +und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, +war Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, +ist das heute morgen gewesen?«</p> + +<p>»Wann denn sonst?«</p> + +<p>»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen.<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a> +Sie müssen bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben +ohne große äußere Ereignisse dahinlief, und die Erlebnisse +der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie haben so +gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu +schaffen, und auf die Dauer rauben sie einem den Sinn +für die Zeitmaße der Umwelt.«</p> + +<p>»Was schreibt er denn?«</p> + +<p>»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.</p> + +<p>»Gewiß ...«</p> + +<p>Beide schwiegen.</p> + +<p>Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. +Es ist nicht ihr Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt +noch die Andacht, die Liebe, den Wert dieser +Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder +eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene +jemals mit den Gaben seiner Liebe zurückgehalten? So +mag es denn geschehen, beschloß er, mit der Bitterkeit +eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.</p> + +<p>In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen +nach oben und unten zogen, aber im Verlauf der Schrift +selbst wie eine einzige feine Linie wirkten, liefen die langen +Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält, ernüchterte +alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb +manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen +Tonfall seiner Stimme, deren Beben er zu verbergen +trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher seltsamen +Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte +als daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. +Aber einzelne Sätze prägten sich ihm tief ein, einmal<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a> +hielt er inne, suchte den Beginn und las einen Satz noch +einmal:</p> + +<p>»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, +das es begründet, erbaut und gemehrt hat, +aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, +daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor +Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft +des Lebendigen.«</p> + +<p>Er sah Afra an.</p> + +<p>»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«</p> + +<p>Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der +ergriffene Mann las sehr leise, als scheute er sich, Dinge +auszusprechen, die der Tote im Grund seines Herzens +getragen hatte.</p> + +<p>»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender +oft vermeint habe zu erkennen, so wollte Gott, daß +meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam, denn das Wesen +der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, +daß die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte +und der Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart +sich in einem ewigen Krieg der Geschlechter, nur die +Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«</p> + +<p>Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, +die an die Erben gerichtet waren:</p> + +<p>»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in +dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr +sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt +ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, +denn das Beste unseres Wesens hat mit dem<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a> +Wirken der neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre +Waffen nicht führen.«</p> + +<p>Der Brief brach hier ab.</p> + +<p>»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann +erschien es, als erinnere er sich plötzlich der Gegenwart +Afras, und er fügte schnell hinzu:</p> + +<p>»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«</p> + +<p>Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:</p> + +<p>»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit +mir gesprochen hat. Dort am Kamin, der Sessel steht +noch an seinem Platz. Ich saß ihm zu Füßen und bin oft, +die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er weckte +mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht +war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, +von den Armen und Reichen und vom großen, +ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch einmal: +>Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem +Kampf.< Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er +nie den Besitz der Menschen an Geld oder Land, sondern +er meinte etwas anderes ...«</p> + +<p>Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an +dieses Andere, das keiner von ihnen nannte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + +<p>Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam +der große Mond herauf. Die vielgestaltigen +Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a> +scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, +dort ruhten sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch +die Eichen, die den Parksee auf freien Rasenplätzen umstanden, +fiel das Licht in das ruhige Wasser, das Schilf +rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man +über die Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man +hinter den Äckern, fern über dem lichten Teppich des +Korns, die grauen flachen Seen des Nebels über dem +Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser +Ebene beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm +wirken, das am Rand des Eichwalds im Schlummer +lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und duldete +nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das +Licht der Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags +zu zeitlosen Gebilden der Welt emporzauberte, führte +die Gedanken des Beschauenden in vergangene Jahrhunderte +zurück. Alle Interessen des Alltags wurden +unter diesem Anblick armselig und wesenlos, als käme +es in der kurzen Zeitspanne irdischen Daseins auf ganz +andere Dinge an ...</p> + +<p>Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im +Mond. Der junge Gutsherr lag ohne Schlaf auf seinem +Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, ruhelos und +müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke +der getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich +und ungreifbar erschienen, als sähe er sie nicht, +sondern als lausche er einer altmodischen Erzählung. +Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein breiter +Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a> +im Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in +dieser Stunde ein eigen persönliches Ansehen. Ihm war +zumute, als sei alles hier ihm feindlich gesinnt, er +empfand sich als heimatlos, als Eindringling und +rechtlos.</p> + +<p>Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen +Frau. Wenn er hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht +nur ihr dunkles Haar in den hellen Kissen. Er wußte +nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den Abend +hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen +können, aber der Name war nicht gefallen, an den beide +dachten. In einem eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren +Schuldbewußtsein, die ihn peinigten, hatte +er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann +nur von gleichgültigen Dingen.</p> + +<p>Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.</p> + +<p>»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier +alles in einem zu verändern trachtet. Ich fürchte sehr, +daß ich hier lange Zeit nicht zur Arbeit kommen werde. +Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis ich +ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. +Aber es erscheint mir so, als herrschte allenthalben große +Ordnung, die Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. +Wir sind sehr reich geworden, Elsbeth.«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof +und der Park im Mondlicht liegen? Hörst du den +Brunnen? Ich glaube, wir werden hier lernen, glücklich +zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem sonnigen,<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a> +freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den +wir durch den Wald und über die Felder gemacht haben. +Alles, was du hast sehen können, wird einmal sein +Eigentum sein.«</p> + +<p>Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und +setzte sich an ihr Bett, die Hände um ihre Schläfen, +beugte sich tief über sie und flüsterte innig und liebevoll.</p> + +<p>»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte +er sie endlich zu trösten. »Gestern warst du noch guten +Muts, als wir ankamen. Diese Einsamkeit ist gewißlich +ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, aus +dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, +und du wirst bald empfinden, daß es recht war, +ihn auszuführen.«</p> + +<p>Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig +den Kopf zur Seite sinken, die Augen gegen das weiße +Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. Und so sprach sie +auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß +er ihr zuhörte:</p> + +<p>»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie +verstanden habe. Ich habe gehofft, daß ich hier, von +allen Menschen entfernt, meiner selbst viel sicherer würde, +daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, vieles +leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier +bedrückt mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein +Ruf, kein Geschrei durch sie hindurch zu den Menschen +dringen, niemand würde uns hier jemals suchen, man ist +wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor +sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a> +Menschen werde ich niemals lernen eine Beziehung zu +unterhalten, und ich werde nie ihr Herz finden. Ich verstehe +sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre Angesichter +erschrecken mich, und ...«</p> + +<p>Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern +ein:</p> + +<p>»Du bist ungeduldig.«</p> + +<p>»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an +die Wahrheit der ersten Eindrücke, und sich gewaltsam +gegen die innere Stimme zu wehren, hat bei mir niemals +zum Guten geführt.«</p> + +<p>»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, +»als wäre ich dir nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern +und nichts vertraut machen.«</p> + +<p>Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen +seines Herzens widersprochen. Jetzt nahm sie sie +hin, als habe er eine bittere Wahrheit ausgesprochen.</p> + +<p>Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in +ihren großen ruhigen Augen die Tränen langsam kommen +und fallen, fuhr er um manches weniger herzlich +fort:</p> + +<p>»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«</p> + +<p>Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was +uns in Wahrheit bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer +heißen Welle von Blut, die ihm in die Schläfen drang +und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen +zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte +Art des Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte +ihn, da er dem Recht seiner Liebe zu seinem Weibe<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a> +nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich als klein empfunden, +wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr +keine Befürchtung bringen durften. Mochte <em>sie</em> sprechen, +wenn es not tat. Dabei betrachtete er ihre Tränen, +die das Tuch ihres Bettes näßten, und schwieg, eigenwillig +und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich +dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht +schicken wollte.</p> + +<p>»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie +alle seine Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich +doch! Wie hätte ich vorhaben können, dich zu betrüben. +Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen Tag kaum +von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht +von ihr? Was hindert dich daran? Konnte dich kränken, +daß ich heute darum bat, du möchtest sie fortschicken?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr +geschwiegen, ich glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen +die junge Dame sei es besser, die Sache vorläufig ruhen +zu lassen.«</p> + +<p>Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.</p> + +<p>»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst +bin ich traurig. Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht +geschaut hast, ich habe mit jedem Wort, das dich von +ihr traf und das du ihr entgegnetest, empfunden, wie sie +auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich gegen +sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem +schönen kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie +spricht, ihr Lachen nimmt mir den Atem. Alles an ihr +ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf ihren Vorteil<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a> +und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn +zu erreichen.«</p> + +<p>»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, +nicht jetzt, denke daran, daß alle Erregung nicht allein +dir schaden könnte. Sie soll fort, ich will es dir versprechen, +aber noch kann es nicht sein. Ich bedarf ihrer. +Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben +noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann +dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine +Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«</p> + +<p>»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist +ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was +ich ihr heute zugesagt habe.«</p> + +<p>»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, +wie ich dies Mädchen kenne.«</p> + +<p>»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre +Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten +auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich, +die ich achten muß, wenn ich mich seines +Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen +seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu +den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat, +daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in +sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann, +ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«</p> + +<p>Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe +drohend klang.</p> + +<p>Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a> +groß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer +und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.</p> + +<p>»Helmut ...«</p> + +<p>Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und +wollte sich nicht mehr trösten lassen. —</p> + +<p>Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als +habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in +sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr +von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein +das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk +des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch +sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den +Schlafraum sandte. — Aus seinem Schmerz rettete ihn +ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, +jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die +Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu +täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen +vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, +von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte +Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen +tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein +von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, +und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens +traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten: +»Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«</p> + +<hr /> + +<p>Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen +die Tür zum Hof öffnete, flatterten die blauen Tauben<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a> +von der Schwelle auf und schlugen sich in den roten +Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah +nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle +drehten, und strich mit der Hand über die ergraute +Schläfe.</p> + +<p>Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior +hörte den Namen fallen, an den er dachte, das gedämpfte +Kreischen irgendeiner Mädchenstimme erscholl, +und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in +jener stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die +welken, bartlosen Gesichter alternder Hausgeister überzieht, +um nach dem Grund des frühen Lärms zu forschen. +Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe +Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra +sollte man rufen.</p> + +<p>Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte +ließ die Kiste niederstellen, drehte sie gegen das Licht und +schaute hinein. Tief hinten, in die Ecke gekauert, erblickte +er das kleine braune Tier, abwartend und tückisch +kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen lebten +in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es +flößte viel mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht +würde es allen diesen zu entgehen wissen, wenn es nicht +ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung und Trauer +verharrte es in seiner schmachvollen Lage.</p> + +<p>Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu +tauchen, das sei gefahrlos und sicher; aber Martin sah +sie zornig an:</p> + +<p>»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn +zuerst sehen?«</p> + +<p>Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man +daran zweifeln konnte.</p> + +<p>»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine +Stubenmäuse braucht niemand anzuschauen.«</p> + +<p>Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und +eilte fort zu den Wirtschaftsgebäuden.</p> + +<p>»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior +in unnahbarer Überlegenheit und seines Wissens froh.</p> + +<p>»Im Schloß?« fragte Martin hastig.</p> + +<p>Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte +bewegt und erfreut den Kurs. So gehörte es sich. Das +Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre es auch gewesen, +wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, +Afra etwas vorenthalten hätte.</p> + +<p>Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse +herunter und lief quer über den Rasenplatz, ohne +Hut, die Jagdbüchse in der Hand.</p> + +<p>»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. +Melchiors adelige Verbeugung voll Zurückhaltung +fand keine Beachtung, Martin bekam einen gelinden +Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick +in den Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge +spannten sich, gefesselt zu großem Ernst.</p> + +<p>»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«</p> + +<p>Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.</p> + +<p>»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, +»wir tragen ihn in den Park auf den großen Rasenplatz,<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a> +und ich stehe hinter der Falle. Bei drei macht ihr auf. +Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die Falle ist +gemein. Los, Martin, faß an.«</p> + +<p>Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die +Knechte und Mägde aber liefen mit, und Afra ließ es zu.</p> + +<p>»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur +nach rechts oder nach links ausbrechen. Ihr müßt viel +mehr zurücktreten.«</p> + +<p>»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, +aber Afra war es gleichgültig, wo er getroffen wurde.</p> + +<p>»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.</p> + +<p>»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«</p> + +<p>Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das +Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber +das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit +nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze +an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen +rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, +kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den +See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich +zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen +Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. +Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf +alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im +Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein +zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.</p> + +<p>Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht +heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen +zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zu<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a> +Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn +mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als +wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. +Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder +Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen +letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken +Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig +und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich +das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete +und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in +die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten, +und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid +oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei +Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.</p> + +<p>Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine +Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß +aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und +meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.</p> + +<p>Sie sah ihn an.</p> + +<p>»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch +vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es +Zeit, aufzustehen.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + +<p>Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr +eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den +Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte er<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a> +planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf +Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte +Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl +von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. +Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt +waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen, +und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden. +Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders +für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von +unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte +einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete, +wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen +Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene +Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die +Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig +zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener +Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der +blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und +vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm +nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten +erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall, +anklägerisch ohne Zorn.</p> + +<p>Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos +dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend, +das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete. +Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten +selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und +kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam +in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a> +Händen besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung +verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit, +in der er bewundern konnte, was sie gelassen +und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine +Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung +entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer +Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen +Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade +durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über +ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte, +jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen +Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig +hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß +er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte, +da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor +Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten +bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu +empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er +dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte, +Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar +unbegründeten Schritt fordern zu müssen.</p> + +<p>Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des +Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte, +als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt +sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr +tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«</p> + +<p>Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:</p> + +<p>»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, +sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwas<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a> +vergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten. +Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. +Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem +Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu +finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde +Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze +fortschießen.«</p> + +<p>Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.</p> + +<p>»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und +Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«</p> + +<p>»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig +meinetwegen?«</p> + +<p>Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres +in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:</p> + +<p>»Er langweilt sich.«</p> + +<p>Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die +ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die +Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie +hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen +sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden +hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige, +der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging, +bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte. +Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit +und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen +dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren +kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.</p> + +<p>Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt +nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch die<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a> +Felder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die +Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit +sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte +er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind +mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und +dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche +dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines +neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil +sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte +ausgefüllt war?</p> + +<p>»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.</p> + +<p>Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, +wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis +abgelegt.</p> + +<p>Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige +Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er +wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut. +Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß +die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, +die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten +Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den +schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang +nach der Mühle führte.</p> + +<p>In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten +Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und +am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell +dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete +einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit. +In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der +Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die +mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht +mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel +unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt +unser Eigentum.</p> + +<p>Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des +kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten +Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten, +sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach +leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad +glitzerte vom rinnenden Wasser.</p> + +<p>Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß +Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es +wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen, +beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken +bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd +sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat, +sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um +und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon +längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.</p> + +<p>»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen +eines Gefühls von inniger Freude.</p> + +<p>»<ins title="O bitte">Oh, bitte</ins>, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr +Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben +sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige +Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm +umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig +beiseit, um ihm Platz zu machen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es +Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«</p> + +<p>»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich +gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig +einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich +noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die +Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht +deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie +schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die +Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.</p> + +<p>Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, +als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn +seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits +des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen +schritten Störche durch die flachen Tümpel. +Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller +Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und +Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte +zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.</p> + +<p>Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra +überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in +rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem +Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen +und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr +zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel +ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und +bald darauf schritten sie miteinander quer über die +Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade +nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie +sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit +ihres jungen Körpers, seine Frische und +Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer +Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten +Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an +den Schläfen. Zögernd sagte er:</p> + +<p>»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine +Pflichten.«</p> + +<p>Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, +denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an +seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und +ein klein wenig unsicher:</p> + +<p>»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht +haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind +welche darunter, die ich verstehen kann?«</p> + +<p>»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, +und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so +will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander +zu lesen.«</p> + +<p>Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, +welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen +mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie +jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den +Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. +Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man +den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«</p> + +<p>»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«,<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a> +fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind. +Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine +Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd +an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für +mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch +nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer +allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und +habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die +wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben +gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche +Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als +mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den +Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen +angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist. +Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre +Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von +Ihnen ...«</p> + +<p>»Denken Sie nicht gut von mir?«</p> + +<p>»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen +verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine +Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt +hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung +eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig +ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken +trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das +Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten, +was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie +sind wunderschön!«</p> + +<p>»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a> +zu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt +und stammelte:</p> + +<p>»Warum sprechen Sie so gut von mir?«</p> + +<p>»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, +wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und +bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander. +Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als +wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.</p> + +<p>»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie +plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand +zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen, +da sank auch die ihre nieder, und sie starrte +ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand +in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten +Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern +und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie +umgab.</p> + +<p>»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.</p> + +<p>»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.</p> + +<p>Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.</p> + +<p>»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben +Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß +Ihnen schwer sein — glauben Sie mir, daß ich anders +als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«</p> + +<p>»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich +selbst.</p> + +<p>»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur +dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in +der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach,<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a> +nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme +noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. +Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend +hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte, +um anderen recht zu geben, die geringer als ich +waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, +die Sie mir gegeben haben.«</p> + +<p>»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.</p> + +<p>» <ins title="O Unschuld">Oh Unschuld</ins>, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich +bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von +mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit, +zu der mein Herz verurteilt ist.«</p> + +<p>»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie +betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich +habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe +überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht. +Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen +wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. +Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd +und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre +Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich +denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen +konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand, +der so trübsinnig redet.«</p> + +<p>Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich +nickte.</p> + +<p>»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden +alle anderen zuletzt unrecht haben.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte sie.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann +ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes +Lächeln in den früh gealterten Zügen seines +Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr +Haupt zurück in den Sonnenschein. — Es blieb von +diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, +das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + +<p>Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge +von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der +Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie +sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen +Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im +stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln, +drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule +starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. +Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich +an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.</p> + +<p>Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des +Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten +Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit +kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den +Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht +zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter +Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und +seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a> +Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit +des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher +und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes +und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene +Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines +Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer +Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen. +Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von +Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des +letzten Grafen von Wartalun hernieder.</p> + +<p>Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten +Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren, +warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die +Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, +und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das +Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten +empor, der in ihrem Herzen lebte.</p> + +<p>Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit +der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien +das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der +Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt, +begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene +Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes +Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie +Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und +blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und +summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, +als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen +und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelder<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>f +im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr +Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme +ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte +über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße +Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen +und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs +grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll +empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen, +friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges +Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund +klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot +über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein +goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in +den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem +noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...</p> + +<p>Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche +Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus +mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort +bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht +hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte +sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles +umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen +Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein +gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe +geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie +niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr +bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen +anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie, +härter als sie und als ich möchte.« — Sie hatte sicher<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a> +diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem +enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.</p> + +<p>Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen +und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes +Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster +und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben +nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch +sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß +man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer +klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen +heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen +gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet +und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit +funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als +langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte +zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber +und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie +eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund +des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen +über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über +das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der +fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde +folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines +Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann +Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge +Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der +heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten +war.</p> + +<p>Sie öffnete die Holzpforte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie +das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau +erkannte.</p> + +<p>»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. +»Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben. +Sie kennen mich immer noch nicht.«</p> + +<p>Es klang wie eine Anklage.</p> + +<p>Afra sagte:</p> + +<p>»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht +fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.« +Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die +Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ +es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr +nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all +der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als +nötig zu machen.</p> + +<p>»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte +Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der +Stimme.</p> + +<p>Afra nickte.</p> + +<p>»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, +sagte sie.</p> + +<p>Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die +junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon +überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.</p> + +<p>Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die +Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und +zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie +ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a> +waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses +verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten +aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und +während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für +Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die +Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen, +dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten +Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was +Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. +Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei +Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen, +die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das +Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege +gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von +diesem ungewöhnlichen Vorfall.</p> + +<p>»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.</p> + +<p>Es kam keine Antwort.</p> + +<p>Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber +irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß +dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie +selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser +Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten +Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft +werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten +stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre +einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil +daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte +niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, +an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a> +hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich +herbeizulassen und ohne zu demütigen.</p> + +<p>An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene +Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe +zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür +schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen +wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen +ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen +des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin +Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am +Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte +vor sich hin.</p> + +<p>Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die +junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. +Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich +hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend, +daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um +was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen +langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals +die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand +von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren +Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder +die flehentliche Bitte klang:</p> + +<p>»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«</p> + +<p>Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand +unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt +hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben +würden.</p> + +<p>»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a> +flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das +mir an meinem Herzen vertraut. —</p> + +<p>Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht +unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der +dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich. +Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um +derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz +seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem +Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast. +Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft. +Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind +nicht, das sich nicht wehren kann. — Ich hätte meine +Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser +Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was +du willst, ich bin reich — aber geh noch in dieser +Nacht.«</p> + +<p>»Stehen Sie auf!« rief Afra.</p> + +<p>»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf +Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach +Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich +das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht +gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als +ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, +ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt +zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein +zertretenes Wesen. Aber das Kind —«</p> + +<p>Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. +Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie +übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a> +der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie +hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung, +die geschah, möchte ein Ende finden.</p> + +<p>»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen +weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren +Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und +deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines +sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.</p> + +<p>»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, +»dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der +meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn +sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll +ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist +noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben +gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir +leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein +Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, +die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß +Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: +»Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das +heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger +wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund +von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. +»Rette mich, halte mich!«</p> + +<p>Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes +in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren +Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie +beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür +und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a> +durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die +sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür +auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg +zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die +Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still +geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang +des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der +gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau +nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen +von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen +Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles +Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, +als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen +worden ...</p> + +<p>Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, +es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den +Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der +Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie +Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die +sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.</p> + +<p>»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! +Soll ich die Läden einschlagen?«</p> + +<p>Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut +hervor.</p> + +<p>»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da +stand Melchior im Rahmen der Tür.</p> + +<p>»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und +dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter +diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a> +Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem +maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.</p> + +<p>»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe +der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«</p> + +<p>»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.</p> + +<p>»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die +Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«</p> + +<p>»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was +hast du getan!«</p> + +<p>»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang +zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.</p> + +<p>»Gehorchst du?«</p> + +<p>»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«</p> + +<p>Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch +das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von +Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in +bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen +auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das +Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder +vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte, +daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen +den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem +Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses +eigensinnigen Widersachers.</p> + +<p>»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«</p> + +<p>Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im +Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte +Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein +einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegen<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a> +Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer +Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:</p> + +<p>»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«</p> + +<p>»Du junger Bursche wagst ...«</p> + +<p>Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, +und die Finsternis verschlang die Versicherungen von +Würde, die der Alte draußen keuchte.</p> + +<p>Afra lachte krampfhaft auf.</p> + +<p>»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig +die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es +nicht gut geht.«</p> + +<p>»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt +hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und +langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett +des jungen Mädchens.</p> + +<p>»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.</p> + +<p>»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem +beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber +stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte +Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch +mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen +vor Afra erlauben durfte.</p> + +<p>»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht +alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«</p> + +<p>Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.</p> + +<p>»Mach drüben die Lichter an.«</p> + +<p>Er gehorchte. Dann kam er zurück.</p> + +<p>»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, +schirr >Husar< an, oder willst du reiten?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>»Da ist mir schon der Wagen lieber.«</p> + +<p>»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«</p> + +<p>»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der +Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an +seiner Hand saugte.</p> + +<p>»Blutest du?«</p> + +<p>»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es +schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«</p> + +<p>»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum +Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und +zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.</p> + +<p>»Deine Hände zittern«, sagte er.</p> + +<p>»Halt still«, gab sie zurück.</p> + +<p>Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen +Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab +sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun +öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr +Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen +Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß +Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb +im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.</p> + +<p>»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu +wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags +bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in +Wartalun sehen.«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand +Graf Helmut hinter ihr.</p> + +<p>»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener +Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>Da stolperte Melchior vor ihn hin.</p> + +<p>»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. +Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«</p> + +<p>Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut +abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten +Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch +im Grunde Sicherheit war.</p> + +<p>»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu +Melchior.</p> + +<p>Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos +gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte, +fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer +Erregtheit heraus:</p> + +<p>»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem +Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte +dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit +war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«</p> + +<p>»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe +völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier +gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich +mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie +niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den +Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz +Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte, +daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge +in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen +Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind. +Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen, +zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a> +dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr +Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und +böse fortfuhr:</p> + +<p>»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der +Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und +deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer +stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da +sein Schreck sie bestürzt machte.</p> + +<p>Er starrte sie an.</p> + +<p>»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel +bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«</p> + +<p>Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.</p> + +<p>»Dort liegt deine Frau ...«</p> + +<p>Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, +ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls, +und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen +Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. +Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte +plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am +Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige +Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die +er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, +als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, +die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen +Vergessens versunken war.</p> + +<p>Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine +Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.</p> + +<p>»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf +meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut.<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a> +»Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht, +daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf +ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas +hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen +fern lag.</p> + +<p>Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, +und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich +empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz +der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene +Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in +Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der +Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame +Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das +füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.</p> + +<p>»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und +da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:</p> + +<p>»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«</p> + +<p>»Sprich doch nicht ...«</p> + +<p>»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich +nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand, +der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + +<p>Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, +im Hause umher, verstört und von Angst und +Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeiten<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a> +zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten, +fort von den bösen Geistern, die seine Heimat +zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine +Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn +einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen, +um Unrast, Verwüstung und Verfall über das +wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von +Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er, +daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen +von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum +bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz +hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine +bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen +konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, +woran sein Herz hing. Es waren <ins title="vierlerlei">vielerlei</ins> Dinge in +Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen +waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des +Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die +ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich +Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und +ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm +wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der +Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit +bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die +Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie +gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert — — +Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.</p> + +<p>»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist +du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, du<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a> +Kleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust +Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte +hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust —«</p> + +<p>Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte +man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land, +in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.</p> + +<p>Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb +es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine +klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu +hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür +wieder ins Schloß.</p> + +<p>Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von +allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war +Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken +mit seinem Herrn?</p> + +<p>»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein +Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die +Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra +selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward +ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden +würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei +jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch +war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und +hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, +wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm +Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden. +Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, +ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung +und ballte die Fäuste.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich +erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen +Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es +trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen, +sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand +mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag +wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und +wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu +Wartalun gehörte, Abgrund war. —</p> + +<p>Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, +die einen schweren Korb mit Torf und Holz +trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg +das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der +blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:</p> + +<p>»Ach — das Leben.«</p> + +<p>So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so +war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief +über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so +ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im +goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah +hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm, +als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts +verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht +größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon +bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht +immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken +durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores +geflochten, das nie geöffnet wurde? —</p> + +<p>Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a> +Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer +kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine +wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß +er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe +hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch +den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht +und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte, +und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.</p> + +<p>»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... +Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter +Mann in diesem Hause geworden.«</p> + +<p>Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie +ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin, +der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem +Haar die Morgensonne lag.</p> + +<p>»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, +Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber +vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«</p> + +<p>Sie entzog ihm ihre Hand.</p> + +<p>»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde +brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl +einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt +Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen +muß ich einmal in die Bücher schauen.«</p> + +<p>Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein +Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.</p> + +<p>»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die +Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch. +Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a> +empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch +Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung +hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm +seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er +ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach +Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus +verlassen hatte.</p> + +<hr /> + +<p>Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut +aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen +zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge, +die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach +Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, +der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge +besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch +zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle +aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber +er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen +Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er +Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht +fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen +darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder +erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde +für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr +dankbar und fand keine bessere Lösung.</p> + +<p>In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer +Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer +Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a> +leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte +man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.</p> + +<p>Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, +zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach +rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig +der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die +kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die +ersten Feldhühner gebracht.«</p> + +<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht.«</p> + +<p>»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für +ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr +aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen. +Er will nichts von Ihnen wissen.«</p> + +<p>Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und +vom nahenden Herbst.</p> + +<p>Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die +Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein +empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte. +Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und +starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in +der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum +seines Daseins geworden war. Er verglich nicht +mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug +jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose +und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt +scheinen, niemandes Schicksal zu werden.</p> + +<p>»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.</p> + +<p>»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese +Auskunft schien ihm zu genügen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er +nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers, +das er ritt.</p> + +<p>Afra schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. +Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze +Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen +wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes +Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich +habe es kürzlich verkauft.«</p> + +<p>»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.</p> + +<p>»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ +er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich +mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht, +denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das +unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser +Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es +traurig. — Wer sollte es denn jetzt reiten?«</p> + +<p>Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er +raffte sich zusammen.</p> + +<p>»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner +Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen. +<ins title="Für">Für eine</ins> wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den +rechten praktischen Sinn.«</p> + +<p>Sie schien das zuzugeben.</p> + +<p>»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es +nicht genommen?«</p> + +<p>»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser +Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ...<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a> +auch habe ich >Joni< von ihm selbst bekommen und will +kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt +hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den +Flanken stammen von seinen Sporen.«</p> + +<p>Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, +nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr +klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen +Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck +und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende +Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den +einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem +Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit +bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, +sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:</p> + +<p>»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«</p> + +<p>Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen +Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der +Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht +vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der +Weiden schaukelten im sanften Wind.</p> + +<p>Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, +vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart +es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten +Herzens nun nichts anderes tun konnte als +das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:</p> + +<p>»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr +große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen +Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen +und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, +aber er tat es nicht.</p> + +<p>Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So +suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer +Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten, +denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:</p> + +<p>»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker +fassen.«</p> + +<p>»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach +schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr +nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes +Pferd war, das er ritt.</p> + +<p>Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um +einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken +war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt +kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch +glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt. +Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es +ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr +darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht +über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach, +schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. +Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches +Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor, +in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit +auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn +nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu +schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie +wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist +noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei +der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen. +So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen? +Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie +sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine +unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände +gegeben worden war.</p> + +<p>Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, +und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts +Gesicht.</p> + +<p>»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie +einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich +künftig fort von Wartalun.«</p> + +<p>»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, +sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört +auch dir.«</p> + +<p>Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne +Überlegung:</p> + +<p>»Das glaubt mir niemand.«</p> + +<p>Gepeinigt sah er auf.</p> + +<p>»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen +Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie +schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von +mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, +wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, +reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte +Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine +Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauter<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a> +Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, +um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu +gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam +sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich +habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich +mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine +Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich +klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und +das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das +Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern +darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben +kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben, +wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«</p> + +<p>»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte +Afra.</p> + +<p>Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.</p> + +<p>»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach +nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die +Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«</p> + +<p>»Oh, das verstehe ich wohl.«</p> + +<p>»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, +er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich +auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an +einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne +Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich +erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen +wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals +daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß +dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a> +schlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig +ist, die uns reich macht.«</p> + +<p>Da stellte Afra die Frage:</p> + +<p>»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«</p> + +<p>Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte +sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder +Stimme:</p> + +<p>»Wie du bist —«</p> + +<p>Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne +daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand +und sagte einfach:</p> + +<p>»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich +immer.«</p> + +<p>Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück +und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg +gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie +sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, +im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen +Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging +im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt +im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und +prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + +<p>Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun +ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem +Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen.<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a> +Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an +und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut +mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren +eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, +die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft +ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete +hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die +der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter +und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten +hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und +im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener +Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte +diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen +Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel +beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, +deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden +Aufmunterung oder Erholung gewährt.</p> + +<p>Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht +als erfreut. Er las die burschikosen Worte des +Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die +ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber +mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines +Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt +hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser +Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes +früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, +ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer +leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche +Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a> +dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit +teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung +seiner Frau mit.</p> + +<p>Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas +verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten +Geschehnissen anmerkte.</p> + +<p>»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände +nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder +gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für +sein Kommen ein.</p> + +<p>»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird +auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, +soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' +ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«</p> + +<p>Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung +war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als +daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. +Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. +Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.</p> + +<p>So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im +Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. +Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß +zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, +für den Freund hergerichtet werden sollten. +Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf +und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu +können.</p> + +<p>Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie +denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a> +Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft +und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins +gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick +auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, +zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft +im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein +in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit +ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er +an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert +hatte.</p> + +<p>Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand +Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde +verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des +Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum +erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen +war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten +und daß allein die Viehbestände ein kleines +Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die +in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten +seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden +ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten +der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu +ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die +Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die +Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, +deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. +Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, +sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, +sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen,<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a> +gemessen an den Lebensverhältnissen, die er +kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er +vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und +Freude.</p> + +<p>Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter +das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht +bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. +Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so +gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, +in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel +nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen +kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß +seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine +Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe +hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er +mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, +daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, +seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im +Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, +was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen +verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine +großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er +es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, +daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden +war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs +Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde +beglaubigen zu lassen.</p> + +<p>Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, +er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a> +Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut +hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine +große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es +ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu +finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige +Bauerngesicht, während gemächlich über die +Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen +verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen +dem Manne einzig als gerechtfertigt und +klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er +sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. +»Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die +Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht +mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was +er an ihr hatte.«</p> + +<p>Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher +Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die +ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die +Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte +zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. +Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz +der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior +und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie +um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den +Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die +nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich +zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig +war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen +kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen,<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a> +dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ +den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn +dadurch kränkte.</p> + +<p>Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß +jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden +könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er +jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte +führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in +ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu +sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung +seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung +wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines +ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig +darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille +Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. +Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? +Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme +und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber +mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit +seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner +Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden +Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur +Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß +diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung +nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen +Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf +spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber +doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung +von selbst bringen mußte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums +bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang +des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben +an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen +Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe +zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen +kann.</p> + +<hr /> + +<p>Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen +ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam +wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den +hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, +und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der +Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen +Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die +Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und +alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen +herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, +klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, +das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden +Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung +erwachten die melancholischen Töne, die mit der +kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen +scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, +der sich wie eine Klage erhob und am dunklen +Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die +sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft +von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a> +Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer +Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen +zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit +von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus +dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige +Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten +in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in +Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung +aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den +Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den +schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf +dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot +der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des +Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, +die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte +das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt +zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige +Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren +die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen +kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten +emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als +Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen +— und doch hätten sie beides sein können.</p> + +<p>Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes +Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und +des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, +fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen +besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst +ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a> +du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm +von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich +gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut +kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter +machte ihn die innere und äußere Verfassung, +in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich +zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache +gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, +die quälende Verpflichtungen aus der Welt +brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit +Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal +wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und +verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige +und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu +behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei +seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. +Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß +die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken +und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und +doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut +einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten +erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er +bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch +guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine +Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal +war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu +einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von +tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die +Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber,<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a> +endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, +deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:</p> + +<p>»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, +»sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel +zu grübeln.«</p> + +<p>Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:</p> + +<p>»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich +nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum +Leben gibt.«</p> + +<p>Friedel sah ganz bestürzt auf:</p> + +<p>»Was willst du damit sagen?«</p> + +<p>»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor +Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es +teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, +sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche +aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume +im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die +Menschheit erretten.«</p> + +<p>»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du +bist wahrhaftig noch der alte. — Du solltest aber nicht +vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht +richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit +meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen +bin? Sag selbst ...«</p> + +<p>Helmut mußte wider Willen lächeln.</p> + +<p>»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, +daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt +ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«</p> + +<p>Friedel lachte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte +wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er +plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche +Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger +Bekümmernis.</p> + +<p>»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach +ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. +Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu +nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine +Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch +ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts +bewahren.«</p> + +<p>»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, +und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine +Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm +begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. —</p> + +<p>Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast +auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint +beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:</p> + +<p>»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer +der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme +noch irgend etwas.«</p> + +<p>Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter +nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und +zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man +aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich +war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns +und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl +hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a> +junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz +und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes +geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen +war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte +Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines +Guts machen.</p> + +<p>»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die +Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich +nicht genügend um.«</p> + +<p>Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm +aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war +und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der +sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, +war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna +hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu +großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen +einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage +einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer +Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war +Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der +Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.</p> + +<p>Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie +arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor +einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung +sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand +zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. +Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut +suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen +einer persönlichen Sympathie.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut +gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast +du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du +fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, +das mußt du mir versprechen. Es sichert meine +Existenz.«</p> + +<p>Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten +Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer +der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und +säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. +Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu +und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug +von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, +und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines +Herzens das Bekenntnis:</p> + +<p>»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein +Schloß.«</p> + +<p>Helmuts Lachen verdutzte ihn.</p> + +<p>»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«</p> + +<p>Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße +her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt +klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben +Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, +als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. +Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln +der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese +Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins +stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah +flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a> +Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit +helledernen Stiefeln und dunklem Hut.</p> + +<p>Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem +jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang +mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um +so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.</p> + +<p>Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als +daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:</p> + +<p>»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll +bestens grüßen.«</p> + +<p>Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch +einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.</p> + +<p>Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie +vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er +umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm +eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.</p> + +<p>»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt +hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so +ein Ereignis, wenn die kommt?«</p> + +<p>»Ein Ereignis? — Ich muß es wissen.«</p> + +<p>»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas +unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend +geklungen.</p> + +<p>Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior +nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden +Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn +nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte +ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, +wie würdelos macht dich dein Schmerz.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte +Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt, +das in der Luft lag.</p> + +<p>»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, +»heute abend wird es sich nicht mehr machen.«</p> + +<p>Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl +sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + +<p>Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem +Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken +einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem +Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht +hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen +schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, +denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein +einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in +einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel +und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, +sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum +sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als +hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als +würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen +an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; +in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den +Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen +Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a> +Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde +in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von +verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, +hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die +dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren +Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts +eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine +kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer +und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus +eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen +ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein +und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die +Tränen ihrer ersten Hingabe. —</p> + +<p>Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler +in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz +ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den +offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.</p> + +<p>Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl +gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie +sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber +sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand +spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem +Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie +zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte +und die ihm so verhängnisvoll werden +sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. +Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes +berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen +bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a> +Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen +Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde +haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des +Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und +gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz +und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden +hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn +mit großen, starren Augen lange an:</p> + +<p>»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«</p> + +<p>Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers +immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige +Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei +Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und +Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall +der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen +verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des +Weins.</p> + +<hr /> + +<p>Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu +gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, +er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und +Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl +Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle +Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über +arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis +guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im +Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht +seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a> +beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung +fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines +Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. +Menschen einseitig entwickelter Anlagen und +unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit +grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die +ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich +dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe +anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen +oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung +rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels +ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser +Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch +etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, +daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen +Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es +denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die +grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen +Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.</p> + +<p>Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in +den Wald überging und der nach der Försterei führte, +als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah +ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin +servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter +den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen +Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders +ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben +schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt +und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a> +noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen +bekam.</p> + +<p>Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, +Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt +hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen, +erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und +mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu +finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art +von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte +seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es +junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh +verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau +von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme +zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und +so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden +Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge +Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer +schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf +jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer +ersten Begegnung beherbergt hatte.</p> + +<p>»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter +Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra +von Wartalun zu entfernen?«</p> + +<p>Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra +gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war. +Er sagte:</p> + +<p>»Darüber müßte ich nachdenken.«</p> + +<p>»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im +Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a> +er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum +er stets zurückgekehrt ist.«</p> + +<p>»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«</p> + +<p>»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei +anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«</p> + +<p>»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da +liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den +Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«</p> + +<p>»Welche Rechte hat sie denn?«</p> + +<p>»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir +über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte +und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber +wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, +Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, +und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für +die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. +Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, +wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. +Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr ...«</p> + +<p><ins title="Doch.">»Doch.</ins> Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät +mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. +Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren +Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß +Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben +und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, +jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit +Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. +Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a> +den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles +Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch +nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat +diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten +Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach +dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«</p> + +<p>»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und +wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen +schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört +uns alle aus seinem Grab heraus.«</p> + +<p>Friedel sah ganz erschrocken auf:</p> + +<p>»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« +Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen +als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er +in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen +leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch +wieder auf:</p> + +<p>»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen +das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt +ihr zugestehen zu müssen.«</p> + +<p>»Weil er in sie verliebt ist.«</p> + +<p>»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß +vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was +im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«</p> + +<p>»Und mein Kind ... sein Sohn — ach, Friedel, wie +kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«</p> + +<p>»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge +selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil +und Recht finden würde.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>»Und das nennst du gerecht?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern +helfen ...«</p> + +<p>Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick +auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:</p> + +<p>»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle +ins Blaue hinein sind Entschuldigungen. +Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch +wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm +auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange +Jahre auf den Vater an?«</p> + +<p>Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den +Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen, +und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:</p> + +<p>»Ich verstehe dich ja ...«</p> + +<p>Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, +daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß +nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um +Genuß und Glück die Sinne betäubte.</p> + +<p>»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand +der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht +die Rede sein.«</p> + +<p>»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.</p> + +<p>Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig +nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden +waren an dem, was sie einander als Vertrauen +gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die +Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis +ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a> +kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände +fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes +Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob +sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte +Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht +unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des +Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das +Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges +Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die +grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er +denn tun wollen?</p> + +<p>»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, +weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies +sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist +doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch +ihr ...«</p> + +<p>Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, +den er nie in seinem Leben hat vergessen können. +Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, +gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, +das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er +wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei +dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte +er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra +liebte.</p> + +<p>Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. +Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten +Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang +zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a> +Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. +Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und +sah ihnen nach.</p> + +<hr /> + +<p>Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem +Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf +Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen +alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken +verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz +mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, +empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die +Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen +herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, +aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen +Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine +sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört +Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an +gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten +eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, +es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf +den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun +begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu +geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, +die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen +hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um +so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß +nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit +und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a> +machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein +Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu +spielen versucht.</p> + +<p>»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand +damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine +Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben +ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das +in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. +Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors +väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen +Ernst.</p> + +<p>Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am +Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte +Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der +Alte neben ihm.</p> + +<p>Afra sollte kommen. — Melchior berichtete, sie sei in +Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie +würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.</p> + +<p>Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen +sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er +war wieder allein.</p> + +<p>Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, +den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu +durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht +auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu +verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist +beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, +als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten +Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a> +Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner +tatlosen Ergebenheit.</p> + +<p>Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten +unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene +Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem +geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze +eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das +Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.</p> + +<p>»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser +Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure +besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht +halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn +das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit +nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«</p> + +<p>Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner +ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle +anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings +hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine +Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne +diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen +schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem +Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen +Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und +an seinem Kinde zog?</p> + +<p>Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag +für Tag beschäftigte:</p> + +<p>»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, +aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben +sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt,<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a> +der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in +der Kraft des Lebendigen.«</p> + +<p>Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als +ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die +Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der +Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte +diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. +Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas +wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun +zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten +Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras +Name — —</p> + +<p>Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen +neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:</p> + +<p>»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie +düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge +zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«</p> + +<p>Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in +ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte +sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange +erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche +und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos +betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das +Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche +Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch +in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch +lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen +ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an +der erstandenen Erde.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, +ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die +Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen +Gebärde der Hingabe, die etwas von dem +Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße +Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier +entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.</p> + +<p>Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, +die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.</p> + +<p>»Lies«, rief er bebend.</p> + +<p>Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre +Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren +Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung +der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte +sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu +lesen.</p> + +<p>Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß +diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine +Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber +irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen +Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. +Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die +Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich +bekümmert, ist der Tod ...</p> + +<p>»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade +vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und +froh:</p> + +<p>»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«</p> + +<p>»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a> +bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du +mußt mit mir nach Cismaren ...«</p> + +<p>»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«</p> + +<p>»Bitte«, sagte er.</p> + +<p>Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, +das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. +Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten +Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem +Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: +Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von +sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war +und wo sein tiefstes Leid brannte.</p> + +<p>»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe +und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht +mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich +deinesgleichen bin.«</p> + +<p>Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe +meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre +Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie +ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, +aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig +gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er +endlich sagen konnte:</p> + +<p>»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«</p> + +<p>Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm +klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen +sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine +Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien +ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a> +von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit +der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, +tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, +daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur +im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine +Pflicht getan hatte.</p> + +<p>Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, +da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses +Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen +und davoneilen, um die einfache und arme +Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. +Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn +zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es +für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.</p> + +<p>Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte +sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der +sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll +komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte +seine Scherze wider.</p> + +<p>Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und +sagte sich:</p> + +<p>Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, +den ich verschenkt habe.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + +<p>Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun +begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher +mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie waren<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a> +auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, +die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig +erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche +Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen +in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem +jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, +die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur +hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior +stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während +Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf +die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache +an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die +hier schlummerte.</p> + +<p>Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:</p> + +<p>»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«</p> + +<p>»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit +der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität. +Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den +Kopf stellen?«</p> + +<p>Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, +der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.</p> + +<p>»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.</p> + +<p>Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:</p> + +<p>»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«</p> + +<p>Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend +auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das +Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab. +Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen +unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in +einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über +die Augenblickssorge hinaus, verlieh.</p> + +<p>Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im +Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff +den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung +auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war +ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal +wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang +seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht +eher darauf gekommen war!</p> + +<p>»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, +meinte er.</p> + +<p>Friedel lachte.</p> + +<p>»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als +wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. +Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er +umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen +Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er +anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel +geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von +Melchior eine Weinkarte.</p> + +<p>Der Alte wandte sich an Helmut:</p> + +<p>»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«</p> + +<p>Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.</p> + +<p>»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein +Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er +ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«</p> + +<p>»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«</p> + +<p>»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde +Afra unterrichten.«</p> + +<p>Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude +zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, +den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.</p> + +<hr /> + +<p>Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des +Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich +gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz +funkelte, als der braune Mond schwermütig über die +schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, +ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen, +weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder: +das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In +ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des +Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. — +O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft +aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz +und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der +begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der +schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das +blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der +Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du +nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? — Er +gibt dich nicht frei.</p> + +<p>Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a> +Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das +sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine +Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit +dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen +Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis +unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt +unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die +Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. +Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie +Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen +von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor +ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, +hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht +deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange +die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche +eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle +Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du +gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten +Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch +das genommen, was du hast. —</p> + +<p>Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, +die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, +wenn die Wohltaten der Geige erglühen? +Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen +emportragen. Sie steigen zu einem seligen +Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten +mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen +Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der +lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a> +mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die +dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...</p> + +<p>Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige +sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach +einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu +bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf +ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte +auf der Kante des schweren Eichtisches.</p> + +<p>Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus +ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie. +In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem +Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief +ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte +Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe +gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses +stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben +die Frevler am Gut des Toten.</p> + +<p>»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.</p> + +<p>Martin nickte schwermütig.</p> + +<p>»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für +das übrige sorgen.«</p> + +<p>»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.</p> + +<p>»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«</p> + +<p>»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, +solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«</p> + +<p>Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, +denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen +Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß, +und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a> +langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft +streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der +hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der +Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die +Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien +daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. +Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel +haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut +und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde +und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die +Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie +wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen +Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die +Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen +versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins +in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen +nach fernen Zielen und großem Tun, denn das +Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr +Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? +Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden +Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr +kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, +ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer +trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer +Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:</p> + +<p>»Es lebe Graf Konstantin!«</p> + +<p>»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf +sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen +Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte +die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die +entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares, +etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen +fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte +Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes +Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun +knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch +erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden +Kleid:</p> + +<p>»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das +Kind ... sie dreht sich am Boden!«</p> + +<p>Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie +die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:</p> + +<p>»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten +bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr, +richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung +und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie +Helmuts Arm:</p> + +<p>»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. +Komm hinab, hilf mir!«</p> + +<p>Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag +eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging +gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras +Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals +ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten +lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff +das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen +schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a> +seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit +vergaß.</p> + +<p>»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben +Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm >Husar< +und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm aushält. +In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine +Minute weniger brauchst du!«</p> + +<p>Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. +Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war +schwer zu halten.</p> + +<p>Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der +Remise. Dann überließ er alles den anderen und half +Afra. Der Mond leuchtete.</p> + +<p>»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«</p> + +<p>»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. +Zieh an! Fester.«</p> + +<p>»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt +nicht ziehen.«</p> + +<p>Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.</p> + +<p>»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der +Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie +der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für +den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles +zur Stelle ist.«</p> + +<p>Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit +Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.</p> + +<p>»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre +Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, +er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf +an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht. +Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so +daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann +wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang +diesen hellen Triumph von Hast und Willen.</p> + +<p>Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor +das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in +einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem +hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht +hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles +andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, +beide Hände an den Schläfen:</p> + +<p>»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«</p> + +<p>»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.</p> + +<p>Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit +einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von +einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte. +Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war +leer.</p> + +<p>»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die +Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«</p> + +<hr /> + +<p>Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in +schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu. +Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn +fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit +hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a> +er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige +Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin +seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber +es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht +nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra +Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. —</p> + +<p>Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im +Mondschein lag.</p> + +<p>»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, +das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut, +Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt +das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen +reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So +wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, +solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer +näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er +besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da +oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze +bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein. +Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die +Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«</p> + +<p>Helmut raffte sich auf:</p> + +<p>»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste +sein, du gehst zu Bett.«</p> + +<p>»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber +höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit +unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend +unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. +Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal +findest du noch Flaschen genug.« —</p> + +<p>Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs +glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte +es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen +Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern, +überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig +in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. +Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut +schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur +hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er +sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort +oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der +Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege +höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er +schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er +die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er +auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet +waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte +in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. +Und nun verstand er die dumpfen Worte:</p> + +<p>»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte +sie!« —</p> + +<p>»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben +in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz +strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die +Zähne auf die Lippe. —</p> + +<p>Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch +bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinen<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a> +Menschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung. +Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt +den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes +keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen, +was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu +erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und +befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. +Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und +am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.</p> + +<p>Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter +nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die +ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor +dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das +gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, +die auf dem Tisch lagen.</p> + +<p>»Die Mutter lebt, Herr Graf.«</p> + +<p>Ein Kopfschütteln ...</p> + +<p>Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen +zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:</p> + +<p>»War es ...« Er stockte.</p> + +<p>Der Arzt war wieder an seiner Seite.</p> + +<p>»Wonach fragten Sie?«</p> + +<p>»Ein Sohn?«</p> + +<p>Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.</p> + +<p>Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen +Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses +spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut +schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem +Gesicht vor ihn hin.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein +Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen +Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos +wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.</p> + +<p>»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß +ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das +was du mit deinen Armen stützt.«</p> + +<p>Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:</p> + +<p>»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«</p> + +<p>Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und +mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und +hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.</p> + +<p>»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein +einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst +werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn +ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht +zurückgibst, was ich dir geben muß.«</p> + +<p>»Was soll ich tun?« fragte Afra.</p> + +<p>Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende +Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er +ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.</p> + +<p>»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, +wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben. +Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen +Daseins, du Geliebte Gottes ...«</p> + +<p>Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm +zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß +die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte +in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht,<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a> +die noch unter den blühenden Härten ihres +Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von +überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor, +aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig +und wild hervorstieß:</p> + +<p>»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du +mußt ... ich möchte gut sein ...«</p> + +<p>Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem +Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte +er:</p> + +<p>»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt +hat?«</p> + +<p>Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. +Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil +empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt +und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte, +sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt +hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um +ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl +jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen +Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein +Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe +dämonischen Sicherheit:</p> + +<p>»Du Erbärmlicher.«</p> + +<p>Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der +Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen +zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt, +rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren +Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a> +Frau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres +Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub, +und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was +ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen +war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie +entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am +Herzen Gottes.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + +<p>Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb +geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen +Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe +eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen +Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles +vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich +mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und +wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden +Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende +Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand +konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der +kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen. +Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei +aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen +ist, und ihre klammernden Hände konnten erst +gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht +versanken.</p> + +<p>Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche,<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a> +und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück. +Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen +Treiben nicht wieder zu.</p> + +<p>Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille +im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts, +unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des +Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt +und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die +seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit +keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer +von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er +in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er +breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen +aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze +Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er +betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte +und daß das Kind den Vater im Himmel finden +möge.</p> + +<p>Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen +Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den +Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie +nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:</p> + +<p>»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem +Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe +nichts Böses tun wollen.«</p> + +<p>»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser +Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den +Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick +erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a> +hast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten +Vollendung anders treffen als in seinem täglichen +Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich +glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen, +wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich +von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines +Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen, +daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit +und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit +liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden +lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten +fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft +finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich +so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben +Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu +Vollkommenem im Sinne hat.«</p> + +<p>Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm +zögernd:</p> + +<p>»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, +daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«</p> + +<p>Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg +in den Wald hinein. —</p> + +<hr /> + +<p>Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. +Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen, +die über sie hereingebrochen waren und vor deren +wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, +war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a> +überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden. +Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch +von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend +auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt +und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und +nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung +notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung +ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende +Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben +Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen +hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit +ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie +in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren +letzten Triumph ringt.</p> + +<p>Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen +in der Verwaltung von Wartalun und +Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet +nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten +Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich +sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr +erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen, +er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit +zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner +Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes +Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in +den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich +hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann +keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt +hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a> +Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen +Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.</p> + +<p>Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am +Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in +ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende +Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein +schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein +Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den +großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und +wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade +an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. +Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah +ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm +für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte +geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein +schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und +ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum +spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte +sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre +Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von +aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder +Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der +letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt +wie ein glühender Lavastrom.</p> + +<p>Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als +habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen +vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch +seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der +bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a> +Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und +von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen +Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares +Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer +Freiheit ein leerer, singender Wind.</p> + +<p>Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ +keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von +Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden +inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in +die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die +beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche +Ruhe enthielt.</p> + +<p>»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß +es wie ein Seufzer klang.</p> + +<p>Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender +Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die +Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen +Sommer nach. Das rote Meer der Heide +glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, +und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die +Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit +des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, +alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige +Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über +die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in +Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in +tiefer Beglückung weitete.</p> + +<p>Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an +Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a> +oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs +versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine +Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und +Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.</p> + +<p>Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und +stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen +Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an. +Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, +nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall +die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch +seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht +strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall, +eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen +über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit +Ermahnungen zu Helmut trieb:</p> + +<p>»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht +genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht +ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu +der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, +Reitpferde, alles hat geholfen.«</p> + +<p>Helmut mußte lächeln.</p> + +<p>»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf +dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei +bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon +alles.«</p> + +<p>»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand +ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist, +daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders +voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>»In der Liebe?«</p> + +<p>»Nein, in der Arbeit.«</p> + +<p>»Das kommt vom guten Beispiel.«</p> + +<p>»Spotte nur. Morgen geht es über <ins title="die Apfel">die Äpfel</ins> her. +Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken +bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. — +Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra +sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute +erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin +um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der +Todesfall — — du verstehst schon.«</p> + +<p>Helmut wandte sich gequält um.</p> + +<p>»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht +entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«</p> + +<p>Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die +er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur +für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt +er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien +nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl +von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden +hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins +und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter +einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das +Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.</p> + +<p>Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden +Abend würde sie in gewohnter Weise auf +jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet +und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen +Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a> +zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein +flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen +hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener +habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah +ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber +eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es +schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund +aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es +lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die +oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten +Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in +diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und +ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die +Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer +aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden +Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte. +Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut +begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung +auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.</p> + +<p>Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung +Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras +Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte +sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem +Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen +Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte, +erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber +der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.</p> + +<p>Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am +Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a> +auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel +zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie +über das andere und nahm den Hut von den Haaren. +Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war, +das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen +einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden +Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung +stand.</p> + +<p>»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände +hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht +zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu +Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell +wurde.«</p> + +<p>Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, +vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von +ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann +eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. +Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, +ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von +Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er +schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes +Herzblut bewachen sollte.</p> + +<p>Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, +die zur Veranstaltung des Festes getroffen +werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er +ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor +sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten +heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei +sich festzuhalten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten +am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem +Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran +teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal +käme?</p> + +<p>Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß +er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im +Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der +Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden +Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:</p> + +<p>»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein +Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine +Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen. +Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, +daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine +Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten +lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich +hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, +der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr +kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen +geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß +niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes +abkehrt ...«</p> + +<p>Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.</p> + +<p>Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, +ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der +dunklen Rundung.</p> + +<p>Sie schlief.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a></h2> + +<p>Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach +mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels +Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über +Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten +in umständlichen Reden, von denen sie kein +Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik +klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch +unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre +Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen +frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut +traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im +unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu +stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen +bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.</p> + +<p>»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. +»Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch +in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör +dies! Ist das ein Ton?«</p> + +<p>Helmut mußte es verneinen.</p> + +<p>»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen +werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. +Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen +über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«</p> + +<p>Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und +Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, +in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a> +geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die +bunten Ampeln tragen sollten.</p> + +<p>»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, +Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er +hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, +damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken +springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als +er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, +einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und +ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für +Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung +ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, +ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir +uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine +Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da +drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf +Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben +Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr +eine andere Frau! Den Winter über war er in der +Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er +sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. +Einmal — ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß +einem die Haut einreißt — bekam eine Wind von der +Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte +sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich +eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie +sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen +den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. +Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a> +wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre +Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre +Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«</p> + +<p>»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«</p> + +<p>»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre +alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil +er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt, +Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«</p> + +<p>Helmut erbleichte.</p> + +<p>»Leutegeschwätz«, stammelte er.</p> + +<p>Friedel sah ihn groß und lange an.</p> + +<p>»Scheint mir nicht. — Die Frau dieses Gärtners, +Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein. +Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem +Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer +im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im +Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt +sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«</p> + +<p>Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich +berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den +Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit +ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen +zu empfinden.</p> + +<p>»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, +woher Afra stammt.«</p> + +<p>Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen +Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:</p> + +<p>»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil +ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a> +nicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur +die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was +sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche +Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind +wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher +die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben. +Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«</p> + +<p>Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, +machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer +als zuvor durch seinen Unverstand.</p> + +<p>Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer +innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen +trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte. +Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl +sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des +Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit +fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über +alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe +zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des +anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, +die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit, +in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich +einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit +frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn +sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig +geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im +Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn +dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, +die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a> +Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken +konnte.</p> + +<p>Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu +vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis +hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen +würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung +erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer +der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische +Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers +zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch +seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und +bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen. +Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn +hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr +und mehr in grausame Erwartungen. —</p> + +<p>Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, +als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten +Wagen durch die Sonne in den Schloßhof +rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz +verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen +einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter +den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und +feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung +kam diesmal die neugierige Scheu und die +heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen +Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, +als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick +in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt +erreicht hatte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles +nun werden? Was erwartet man von mir?«</p> + +<p>Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie +das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid +aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen +Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte +umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale +Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere +weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und +legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest +um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden +Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und +rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige, +ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken +fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender +Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit +ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.</p> + +<p>»Afra!«</p> + +<p>»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, +als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen +Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du +diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«</p> + +<p>»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich +es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick +ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«</p> + +<p>»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. +Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an +diese Dinge denken. — Nein, dort unterschreibe nicht, +das geht Wendalen an ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>Er zog die Hand zurück.</p> + +<p>Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam +und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht +sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe +blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die +Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm +wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel +von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue +Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst +nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen +war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt +hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu +Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in +die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den +Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des +Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...</p> + +<p>Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten +und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen +beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut +ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem +einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben +Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.</p> + +<p>»Was erwartet man von mir?« fragte er.</p> + +<p>Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:</p> + +<p>»Du mußt ein paar Worte sprechen.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. +Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«</p> + +<p>Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a> +hatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor, +aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun +und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte +ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem +beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, +wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden +war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses +großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.</p> + +<p>Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, +sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt. +Die Kinder standen im Vordergrund, ihre +bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend +zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen +ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend +in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die +Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und +Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten +sich auch noch ein letztes Mal die fremden +Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren +und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior +die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur +Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das +Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst, +der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen +und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer +zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte +sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener +Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und +fröhlich:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, +laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie +denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß +dies bald ein Ende hat.«</p> + +<p>Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit +an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam, +fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten +Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und +etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den +einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber +anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder +der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit, +sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen +konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.</p> + +<p>Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. — Die +Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos +ernst.</p> + +<p>Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, +als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam +lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der +Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig +sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den +Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen, +den des Müllers von Annerwehr und den des alten +Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts +in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend +oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. +Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht, +er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a> +verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er +sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten +Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von +der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb +gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. +Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. +Da hörte er:</p> + +<p>»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, +teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen +Grafen Konstantin mein Eigentum geworden +ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, +ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst +von mir vorgesehen sind.«</p> + +<p>Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. +Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand +nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an +der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte +der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, +kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, +Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie +die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den +sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte +sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. +Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten +bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die +Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor, +machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte +und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog <ins title="ihr">ihre</ins> Hand an +seine Lippen und sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«</p> + +<p>Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:</p> + +<p>»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe +es nur so gekonnt.«</p> + +<p>Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, +um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz +von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte +des Verstorbenen gebracht und an der eisernen +Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, +nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen- +und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen +geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von +ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte +die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete +Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der +Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl +den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu +beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was +sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen +der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen +und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels +durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien, +als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der +Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden +dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll +sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. +Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen +Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter, +aber er wich nicht von ihrer Seite.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, +sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man +sieht die Leute unbefangener als sonst.«</p> + +<p>Sie wandte sich an Friedel:</p> + +<p>»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«</p> + +<p>»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.</p> + +<p>Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige +seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen +Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen +von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es +ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn +in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke +seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige +seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in +den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.</p> + +<hr /> + +<p>Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es +war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete +Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon +ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. +Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den +Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne +ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte. +Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen +Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die +drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so +aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die +hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a> +Laute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte +wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die +Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die +kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum +erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So +mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. — Er lehnte +sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?</p> + +<p>»Was tue ich mit meinem Leben?« —</p> + +<p>»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und +verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen +will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne +stehen, Friedel die Hände in den Taschen. —</p> + +<p>Fern von den Feldern herüber klang durch die +davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen. +Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen +bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter +der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch +Licht unten.</p> + +<p>Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras +Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung +des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug +beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden +gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, +so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging +darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender +Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen +er erlag. — Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen +Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine +Not mich macht ...</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.</p> + +<p>»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! +Ich will selbst sehen ...«</p> + +<p>Er erkannte die Stimme nicht.</p> + +<p>Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden +Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten +eilte.</p> + +<p>Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid +vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal +brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz +noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.</p> + +<p>Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie +rief nach Martin.</p> + +<p>Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln +herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt, +die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft +brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er +umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich +die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin +ich«, sagte er.</p> + +<p>Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß +schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann +hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch +niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten +trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein +heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen +er geweckt worden war.</p> + +<p>Helmuts Herz schlug dumpf und <ins title="langsam er">langsam, er</ins> fühlte +es an den Schläfen und im Halse.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß +ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen +Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch +der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr +vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur +notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und +Melchior mit Laternen in den Park eilen.</p> + +<p>Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so +deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen +und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete +dieser Stimme:</p> + +<p>»Sie ist tot.«</p> + +<p>Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, +bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, +als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene +Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten +so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste +nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, +als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in +ihm erloschen.</p> + +<p>Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht +dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer +gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte, +weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben +ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und +kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, <ins title="nichts..">nichts ...</ins> +von hier aus ging der Weg in die Finsternis.</p> + +<p>»Wo sollen wir suchen?«</p> + +<p>»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a> +erzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar +hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna +jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.</p> + +<p>»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«</p> + +<p>Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie +hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und +gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu +besinnen.</p> + +<p>Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von +blindem Entsetzen:</p> + +<p>»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn +niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort! +Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier, +heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege +ins Leben ... nackte Teufel ...«</p> + +<p>Martin hielt ihn.</p> + +<p>»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese +Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit +Musik ... laß mich los, Flegel!«</p> + +<p>»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.</p> + +<p>Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und +von plötzlich aufsteigender Wut:</p> + +<p>»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst +der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und +mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu +Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer +herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... +schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag, +in die Sonne! Verwest allein.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im +Fieber.</p> + +<p>»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! +Dieser Narr ...« stammelte Helmut.</p> + +<p>Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe +ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte +ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß +vor Grauen.</p> + +<p>»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, +was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden, +vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen +Vorhaben abzuhalten.«</p> + +<p>»Sprich doch!«</p> + +<p>»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie +finden.«</p> + +<p>»Sag wie, sag wie!«</p> + +<p>»Aja und Fenn.«</p> + +<p>»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna +mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht +die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«</p> + +<p>»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, +geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«</p> + +<p>Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich +selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin. +Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den +er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr +Signal gewesen war und auf den es nach einer alten +Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein +Halten gab.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>Martin stürmte die Treppen empor.</p> + +<p>»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und +bring sie hier herauf. Flieg!«</p> + +<p>Martin verstand sofort.</p> + +<p>Um Helmut abzulenken und um die Minuten des +Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:</p> + +<p>»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber +Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für +wichtige Zwecke zu verwenden. — Besinn dich, wir +werden sie gesund finden.«</p> + +<p>»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß +sie nicht mehr atmet.«</p> + +<p>»Helmut, sprich nicht so.«</p> + +<p>»Sie ist tot.«</p> + +<p>Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein +frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich +und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend +an mit seinen klugen Augen, deren warmes, +braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der +Hündin über den dunklen Kopf.</p> + +<p>»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir +wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier +an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch +und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die +sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile +los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« +öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm, +mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte +sie ihn wieder und ließ ihn voran.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber +ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.</p> + +<p>Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden +Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer +Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der +er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang +zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden +belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd +Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln +waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor +gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. +Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war +Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den +am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, +so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog +und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas +schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald +zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über +schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:</p> + +<p>»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«</p> + +<p>»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.</p> + +<p>Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom +Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in +der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf, +das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut +um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg +verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen +schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos +war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? +»O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht +weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich +empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen +wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit +trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig +und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen +Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub +am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter +ihrem Rock.</p> + +<p>»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.</p> + +<p>Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob +sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« +zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, +es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, +es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was +gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. +Das können die Menschen nicht.</p> + +<p>Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in +den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter +Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:</p> + +<p>»Nicht dort! Gib acht!«</p> + +<p>Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es +klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises +Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen +hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage +anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt +und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des +Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle +Ansagen der Tiere. Einmal hatten die +Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines +polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast +hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge +entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der +Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten +und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der +letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte +nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen +Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie +wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. +Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze +Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, +ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers +war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes +kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit +Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen +voneinander ließen auf einen Gang in wankenden +Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt +war und ins Ziellose des Verderbens führte.</p> + +<p>Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, +jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern +standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen +und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten +Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte +Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. +Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses +Tuch.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde +des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. +Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen +Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, +die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf +die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.</p> + +<p>Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, +trat sie langsam zurück über den schwankenden +Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land +erreicht hatten.</p> + +<p>»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.</p> + +<p>Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu +ihm auf.</p> + +<p>»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im +Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, +daß wir umkehren.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + +<p>Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, +und der Herbst wütete im Land. Das +Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer +gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, +Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre +Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und +rauhen Winter verschanzten.</p> + +<p>Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger +als im Sommer stand es grau im schwarzen<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a> +Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof +blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die +Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher +aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß +des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen +zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen +hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume +auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die +Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.</p> + +<p>Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden +worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren +Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann +wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens +ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und +erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden. +So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des +Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, +aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft +erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß, +bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang, +bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben +dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock +vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er +erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte, +wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu +spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren, +verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal +nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch, +mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a> +junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns +verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte +Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche +Ausschau zu halten.</p> + +<p>»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig +auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte +Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen +wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr +erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung +Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«</p> + +<p>Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß +geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die +ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft, +um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten +mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte +und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten +konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und +Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.</p> + +<p>Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles +Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen +anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte, +daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, +alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. +Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die +ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit +des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei +Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein +im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos +seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a> +gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung +rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. +Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit +und Bewunderung, und als sie einmal durch +einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs +wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:</p> + +<p>»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch +gut, Friedel.«</p> + +<p>Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser +Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen +Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund +seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger +stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für +unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses +Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, +stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und +antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht +über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins +niedersank.</p> + +<p>Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter +keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung +anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem +Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete +die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu +richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu +überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie +wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene +deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen +Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a> +ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen +Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, +die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre +Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden +der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden +waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen +Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene +Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so +hart erscheinen konnte.</p> + +<p>Zu Anfang November ereigneten sich Tage von +großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch +einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und +in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten. +Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter +zögerte noch mit seinem Einzug.</p> + +<p>Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam +gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen +heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren +für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten +größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und +Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden. +Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen +Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich +dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen +war als sonst und als es den Traditionen des +Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von +Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine +Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl +von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a> +dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese +Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. +Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von +ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es +handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes +Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer +Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen +war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz +zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges +Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich +erscheinen lassen.</p> + +<p>Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die +wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die +kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem +Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen +und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin +sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres +aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen +Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem +erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten +Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich +und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.</p> + +<p>Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht +des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres +Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren +Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der +noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von +Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie +er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a> +Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum +spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war, +als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung +bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael +hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem +hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken +war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen +Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen +schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von +dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf +die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und +ihr lächelnd gezeigt:</p> + +<p>»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? +Dort kehrt er um.«</p> + +<p>So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich +hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder +eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen +gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn +zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären +müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen +von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten +wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe +Wegpappel mit ihrem Krähennest.</p> + +<p>Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen +ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag +hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne +bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen +Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung +hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a> +verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so +sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein +Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges +Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit +und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer +Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand +für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als +deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, +durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen +drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn. +Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender +Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie +gehörte.</p> + +<p>Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen +Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht +hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art +nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn +wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren +konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas +von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache +Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale +verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden +Tod in die großen Augen schauen müssen.</p> + +<p>»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er +einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede +war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen +Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont +bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich +sagen werde.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>»Was?« hatte sie gefragt.</p> + +<p>»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«</p> + +<p>Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er +dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges +gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf +seine Worte übertrug.</p> + +<p>Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war +schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es +getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen +Versunkenheit zu reißen.</p> + +<p>»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. +»Lachst du über Helmut oder über ...«</p> + +<p>So hatte er durch eine phantastische Vermengung +seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden +Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die +das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins +willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem +verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über +die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die +bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.</p> + +<p>»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft +und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr +Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich +erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht, +wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. +Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, +das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort, +hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern. +Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a> +bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, +die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt. +Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher +auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet +sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter +Blinden ...«</p> + +<p>Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war +wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung +erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für +ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen +blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah +in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und +versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.</p> + +<p>Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun +auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis +zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand, +aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner +aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter +gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die +gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art +herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der +gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen +zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine +Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in +Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen +der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer +ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben +zu lernen.</p> + +<p>Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a> +den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre +Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die +Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges +ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, +zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten +Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte +des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen +der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der +Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, +hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten +Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie +erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das +gelichtete untere Gezweig starrte.</p> + +<p>Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs +die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine +Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte, +als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und +etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten +hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der +von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen +führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und +in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten +herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende +Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen +unter dieser Stirn hervor, die nur schmal +unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts +kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer +phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag +ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten;<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a> +aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, +die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem +Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens +wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der +Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und +das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. +Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde +möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit +geben, daß auch seine Züge, sein Mund und +seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr +nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken +jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte +sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie +zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja +und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke +daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht, +daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine +Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen +waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete +den Eindringling.</p> + +<p>Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose +Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche +dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen +man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung +anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er +einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um +seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines +Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder +Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a> +diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines +Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von +Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die +Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer +Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick +herzurühren schien.</p> + +<p>Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung +zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog +die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen +hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur +Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön +und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, +von dem aber wie ein heimlicher Schein eine +stete und ruhige Menschenwürde ausging.</p> + +<p>Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen +Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen +eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht +immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um +ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich +sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei +sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen +Worte:</p> + +<p>»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der +dort steht.«</p> + +<p>Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, +wie ihn nur reiche und im <ins title="tiesten">tiefsten</ins> Wesen beständige +Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein +eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste +hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a> +Sturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit +dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als +sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht +Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz +meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte +der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer +durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden +den Weg.</p> + +<p>Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich +auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen +ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger +den Blick vom Schemel einer Kirchenbank +hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört. +Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von +einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen +war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein +schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes +Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen +und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von +großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren +von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem +Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele, +daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen +senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen +Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die +Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese +Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben, +in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen +und über die keine Form der Höflichkeit oder<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a> +keine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen +vermögen.</p> + +<p>Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, +die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen +Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch +nickte.</p> + +<p>»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. +Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger +und sagte:</p> + +<p>»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«</p> + +<p>»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und +ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.</p> + +<p>Sein Gesicht verfinsterte sich.</p> + +<p>»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es +nicht erlaubt, hier einzutreten?«</p> + +<p>»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu +versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.</p> + +<p>Er hob wieder die Hand.</p> + +<p>»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet +worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen +wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es +diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin +hausen können.«</p> + +<p>»So, gefällt Ihnen Wartalun?«</p> + +<p>»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den +Erker im Efeu. Können Sie sehen, wie die Eichen so +gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß Gemeinschaft +gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a> +diese starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort — eine +Wolke — sehen Sie denn nicht? Sie müssen sich hierher +stellen. Ach, das ist ein Schloß ... Bäume ...«</p> + +<p>»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer +Wolke?«</p> + +<p>»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter <ins title="Tannen..">Tannen ...</ins>«</p> + +<p>Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen +an und trat zur Seite, versuchte den Weg zu gewinnen +und schien davongehen zu wollen. Als er Afras vornehmes +Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe +mit den altmodischen Armstulpen sah und den +goldenen Knauf ihrer Reitgerte, machte er einen Schritt +auf sie zu:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier +vorübergekommen und hätte um Erlaubnis bitten +müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein herrliches Gesicht +haben Sie, Fräulein!«</p> + +<p>Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches +Wesen zu lächeln, sie fühlte einen Ernst auf +sich einwirken, dessen Ursprung sie nicht erriet, der sie +jedoch gebieterisch zwang, die kleinen Hilflosigkeiten +dieses Menschen zu übersehen.</p> + +<p>»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. +»Sie brauchen doch nicht gleich fortzulaufen, wenn man +eine Frage an Sie richtet.«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für +einen Augenblick warm an. Aber diese Dankbarkeit +hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie wirkte +beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a> +von ihnen sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht +und ihre junge Gestalt, und in seine Augen kam ein beseligtes +<ins title="Leuchten">Leuchten.</ins></p> + +<p>»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« +rief dieser arme Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu +besitzen schien als die dürftigen Kleider, die er trug.</p> + +<p>Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, +da ihr nach seiner letzten Antwort nichts Rechtes +zu sagen in den Sinn kam und sie sich scheute, etwas +Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich rasch +nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage +stellen, die diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu +begründenden Ausbruch seines Empfindens ausglich, +aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, hinderte +sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem +Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an +und sagte:</p> + +<p>»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es +tun, wenn ich Sie auch noch nicht kenne.«</p> + +<p>Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft +machen, und sie rief lachend:</p> + +<p>»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem +Dank.«</p> + +<p>Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er +ihre Züge.</p> + +<p>»Sie wollen nicht?«</p> + +<p>»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, +wenn Ihnen das Schloß genügt, und danke Ihnen +vielmals.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts +bedeuten.«</p> + +<p>»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra +herzlich.</p> + +<p>»Nein. Das könnte ich hier tun.«</p> + +<p>»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, +sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir +einen Gast bekommen haben.«</p> + +<p>»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.</p> + +<p>»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den +Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können. +Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und +großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen +und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten +Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter +geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die +er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen +des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag +und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend +Jahren entstanden waren.</p> + +<p>Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den +fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er +sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung +steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt +war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der +Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher +noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude +schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm +öffnete.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu +und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen +Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu +haben schien.</p> + +<p>»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie +lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich +nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«</p> + +<p>Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es +freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr +aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn +langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin +zurück.</p> + +<p>»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn +nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das +Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles +andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich +glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«</p> + +<p>»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra +zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige +Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«</p> + +<p>»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich +werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«</p> + +<p>»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im +Saal?«</p> + +<p>Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche +aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß +sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den +Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines +Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a> +sich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter +Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig, +indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den +lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über +ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten +Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei +dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren, +nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen +das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, +und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre +Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar, +den Rücken der Nase und ihre Flügel und den +deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein +klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung +ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren +Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an +den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe +des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne +in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da +kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre +Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger +und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in +ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden, +und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit +ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten +unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie +nicht kannte.</p> + +<p>Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, +ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a> +waren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die +Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert, +und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge +unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts +mehr erkannten.</p> + +<p>Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden +Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um +Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es +bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm +hoch in die helle Nacht geworfen.</p> + +<p>Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor +ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner, +erbarme dich meiner! — Jetzt taumelte Friedel durch +den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen +beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich +leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse +Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer +der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete, +und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen +sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue +Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie +sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels, +unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige +Waldungen in der Sonne.</p> + +<p>Es führte kein Weg dorthin zurück.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a></h2> + +<p>Von Woche zu Woche wurden die Nächte von +Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme, +in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen +Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene +Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden +Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.</p> + +<p>Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung +hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß +entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen +Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags +wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster +aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und +die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann. +Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, +deren Mächte entfesselt wurden, walteten +im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in +Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte +sich in diesen beseligenden und gefahrvollen +Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle +Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit +wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, +Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die +Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, +um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren, +und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, +um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem +Grauen, der Reue und der Verzweiflung. —<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a></p> + +<p>Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit +Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.</p> + +<p>»Martin!« rief er.</p> + +<p>Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der +Wand:</p> + +<p>»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. +In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen, +als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in +Ruhe sterben sehen?«</p> + +<p>Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im +Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.</p> + +<p>»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um +die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat +der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir +lieber als dieser Heilige.«</p> + +<p>»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior +apathisch und ohne Teilnahme.</p> + +<p>Wo Herr Friedel wäre.</p> + +<p>Melchior machte das Geräusch des Schnarchens +nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in +den Kronleuchter stecken zu können.</p> + +<p>»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich +wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht, +erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr +verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf +einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu +ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte +Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder +zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen,<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a> +oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an +Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht +wüßte ... dieser Narr.«</p> + +<p>»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines +Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht +sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig. +Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. +Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es +geht mit mir umher, redet und schaut.«</p> + +<p>Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:</p> + +<p>»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn +reden.«</p> + +<p>»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe +Nacht.«</p> + +<p>Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna +verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.</p> + +<p>»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, +»ich brauchte ein wenig Geld.«</p> + +<p>»Gut, der Verwalter wird dir geben.«</p> + +<p>»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«</p> + +<p>»So warte bis morgen ... Nun?«</p> + +<p>»Der Wein geht zu Ende.«</p> + +<p>»Können vier Menschen in zwei Monaten einen +Keller leeren?«</p> + +<p>»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr +Friedel trinkt allein ...«</p> + +<p>»Schweig. Das war keine Frage.«</p> + +<p>»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu +trinken, als er will.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>»Dir nicht auch, Melchior?«</p> + +<p>»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«</p> + +<p>»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und +beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt +es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn +fragen?«</p> + +<p>»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.</p> + +<p>Das Mädchen sah ihn forschend an.</p> + +<p>»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du +siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«</p> + +<p>»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... +ich ...«</p> + +<p>Sie sah sich um, als suchte sie jemand.</p> + +<p>»Es ist niemand da«, sagte Melchior.</p> + +<p>Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie +besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien +schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit +in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach +einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen +der Bilder sahen auf sie nieder.</p> + +<p>»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der +Sessel dort bedeutet?«</p> + +<p>Der alte Diener nickte.</p> + +<p>»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die +Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns +könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel +mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel +an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten +mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a> +Martin gesagt. — Iduna geht nachts zu Herrn +Gentler ...«</p> + +<p>»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich +nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die +Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«</p> + +<p>»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, +fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen +Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist +es noch alles beim alten.«</p> + +<p>»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«</p> + +<p>»Der Herr Graf will es nicht.«</p> + +<p>»Ich will es«, rief Afra.</p> + +<p>»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«</p> + +<p>Afra fuhr steil empor.</p> + +<p>»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht +mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn +morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht. +Gesindel!«</p> + +<p>Melchior atmete auf.</p> + +<p>»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. +Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«</p> + +<p>»Ich, Melchior — ich?«</p> + +<p>»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine +Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache +mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du +mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein +alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die +Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monaten<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a> +sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst +und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen +Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der +Fremde ...«</p> + +<p>»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging +hinaus.</p> + +<hr /> + +<p>Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die +Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal +strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf, +und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen +sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen +in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den +Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden +Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor +den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der +Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an +undurchbrochenen Wänden.</p> + +<p>Friedel fiel es auf.</p> + +<p>»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, +wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen +könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist +dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«</p> + +<p>Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah +Friedel mit aufleuchtenden Augen an.</p> + +<p>»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.</p> + +<p>»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam +das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht +hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«</p> + +<p>Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann +beugte er sich wieder über seine Geige.</p> + +<p>»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«</p> + +<p>»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.</p> + +<p>Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten +den Ausbruch seines Zorns.</p> + +<p>»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild +über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging +erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein +Lied daraus.</p> + +<p>Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das +finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf +Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die +Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so +gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten +Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken +im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick +von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas +funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild +von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten +Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, +im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem +wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die +Gläser graviert.</p> + +<p>Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit +Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß +sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a> +willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen +Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals +zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach. +Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt +und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete, +es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, +schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den +Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen +Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte. +Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? +Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. +Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag +zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und +mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die +Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht +der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling +geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau +über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten +und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die +duftende Dämmerung ...</p> + +<p>Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen +Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe +Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche +Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus +mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? +Sie nahm ihr Glas.</p> + +<p>»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine +Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt +wissen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob +seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra +fühlte sich tief verletzt.</p> + +<p>»Ich gehe!«</p> + +<p>»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt +sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird +entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein +im Bann hält.«</p> + +<p>»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf +den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß +sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es +ruhig hin.</p> + +<p>Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte +es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des +Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er +hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem +schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer +schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr +aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte. +Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine +heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach +Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr +Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher +glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen +ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. +Und für wen blieb sie es?</p> + +<p>In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert +und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe +weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a> +Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte, +sagte er plötzlich laut die Verse:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,<br /></span> +<span class="i0">eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;<br /></span> +<span class="i0">die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span> +<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.<br /></span> +<span class="i0">Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,<br /></span> +<span class="i0">einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;<br /></span> +<span class="i0">die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,<br /></span> +<span class="i0">eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll +ich spielen?«</p> + +<p>Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.</p> + +<p>Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten +Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und +demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund +eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der +Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, +und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von +unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir +kommen und gehen ...«</p> + +<p>Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken +hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte +sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und +schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas +von Wartalun:</p> + +<p>»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter +Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie +er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat?<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a> +Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht +für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich +empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es +doch! Wer hat es gegriffen?!«</p> + +<p>Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht +zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten, +rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte +in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.</p> + +<p>»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer +Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte +Helmut.</p> + +<p>»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum +Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein +Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.</p> + +<p>»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes +Königreich.«</p> + +<p>Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk +mit einem sonderbaren Lächeln:</p> + +<p>»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. +»Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird +einst gut sein.«</p> + +<p>»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich +nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen +mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«</p> + +<p>Paule sah Friedel an.</p> + +<p>»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.</p> + +<p>»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; +innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt +und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, du<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a> +balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und +beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«</p> + +<p>Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule +schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt, +stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer, +nein, so hört doch.«</p> + +<p>»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule +hingebeugt.</p> + +<p>»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.</p> + +<p>»Martin, schenk mir ein!« rief sie.</p> + +<p>Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem +Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich +nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des +Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen +Zug aus.</p> + +<p>»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen +Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder +meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als +Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von +Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen +sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter +Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...</p> + +<p>Das Bild versank.</p> + +<p>»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, +sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz +und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon +Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«</p> + +<p>»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war +herrlich. Afra! Dein Glas!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel +herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde +ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg. +Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch +lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile +so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den +Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit. +Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in +der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas +hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem +tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen +heiser an:</p> + +<p>»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich +meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große +... Ruhe ... endlich.«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur +dunkel, worauf sie antwortete.</p> + +<p>»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. +»Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten +des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ... +gleich, eh' Elsbeth starb ...«</p> + +<p>Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick +auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies +auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider +Willen die Worte von Wartalun:</p> + +<p>»Wer hat, dem wird gegeben.«</p> + +<p>Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre +Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und +verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag,<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a> +weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen +war.</p> + +<p>Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in +einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des +Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre +Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll +unbestimmbaren Glaubens.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + +<p>Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen +und erwachte am anderen Morgen, als es +noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren +Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und +kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem +Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und +liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen +Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste +enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen +Mädchens schließen ließ.</p> + +<p>Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, +die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie +lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden +Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr +hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein +Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen +eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheit<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a> +und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für +eine kurze Weile.</p> + +<p>Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel +zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem, +fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger +Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell, +wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der +Tür des Pferdestalls eine Laterne.</p> + +<p>Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd +hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch +von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen +Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster +hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, +überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von +Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald +darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte. +Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht +so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei +Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie +den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und +mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen +Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an +diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und +zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls +und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre +kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.</p> + +<p>Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, +dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre +herrliche Freiheit ritt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und +es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das +Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke +emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe +klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen +auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum +durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach +Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald +in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen +Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte. +Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum +ersten Male gesehen:</p> + +<p>»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem +Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht +hatten.</p> + +<p>Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, +aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren +Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken +Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten +Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den +zierlichen Tritt des Rehs. —</p> + +<p>Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will +euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt. +Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur +Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen. +Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der +an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot +im Gras verblutet war. — Aja und Fenn waren ja nicht +bei ihr. — Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres,<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a> +das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, +dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der +Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt? +War es nicht selbstverständlich, daß er, nach +solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald +der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser +Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er +fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn +hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, +wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt +langsam zurück.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span> +<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war +er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. +Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar +beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie +nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er +nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos +verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über +eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne +noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte +sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen +Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung +forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen +Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen +feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. +Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a> +aus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr +zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so +schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf +ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, +fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen +gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die +Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich +einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere +Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare. +Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er +verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen +zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern +dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in +ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in +seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in +strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter +der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten, +befangen und doch stark.</p> + +<p>Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.</p> + +<p>Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, +in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, +die sich lang hinzog an einem armen Weg und +über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde +Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit +Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin +streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse +im Grünen bergen mußte?</p> + +<p>Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles +Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. Das<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a> +Bildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes +bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern +große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, +blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband +diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten +Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das +Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten +Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden +würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine +Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten +zu überreden war, und das verwindende Heimweh +nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.</p> + +<p>Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem +Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über +die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen +Brunnen des Herzens zu spiegeln.«</p> + +<p>Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen +müssen:</p> + +<p>»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen +Konstantin gemacht.«</p> + +<p>»Weshalb?« fragte er.</p> + +<p>Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:</p> + +<p>»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben +wäre.« —</p> + +<p>Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf +zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie? +Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr +Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a> +sei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein +böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis +des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht +fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen +wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen +Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige +Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten +Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer +hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, +ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen, +weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von +Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch +sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter +oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem +Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht, +wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden +sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des +Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit +wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse +emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer +Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom +Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls +und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.</p> + +<p>Sie nahm das Pferd wieder herum.</p> + +<p>»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut +und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an +willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches +Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:</p> + +<p>»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"></a> +du dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf +Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump +eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut +zu beweisen?«</p> + +<p>Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben +her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war +furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von +Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt +haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die +kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch +diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck +und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.</p> + +<p>Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder +fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber +als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und +Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite +Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien +und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu +achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel +einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück, +ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für +den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln +schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes +Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.</p> + +<p>Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. +Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das +Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über +den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein +aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"></a> +zum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der +Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr +beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre +Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den +kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden +Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm, +und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre +Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles +Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über +ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen +lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.</p> + +<p>»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? +Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel +als ich mag? Nun steh!«</p> + +<p>Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte +heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war +über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne +Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf +die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete +nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das +Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor +Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.</p> + +<p>»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter +Galopp.« —</p> + +<p>»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. +»Da sieht man es ...«</p> + +<p>Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben +brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr +Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sich<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"></a> +um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel +sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer +Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen +Tür verbannt.</p> + +<p>»Ich muß zu dir, Afra.«</p> + +<p>»Jetzt nicht, geh!«</p> + +<p>»Es ist wichtig.«</p> + +<p>»Bleib draußen!«</p> + +<p>Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in +sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte +ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen +eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh +nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den +Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das +Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie +wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine +Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, +die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, +wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in +Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte. +Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen +des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra +zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein +Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig, +und obgleich man seine Gunst und Abneigung in +Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen +zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner +Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_218" title="218"></a>Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den +Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den +Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an +diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr +sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der +Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die +weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen +sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr +mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener +Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt +und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen, +die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen. +— Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu +Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus +der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein +Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von +hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das +matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den +großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das +verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten +den Sturm in der Seele des Mädchens ein +wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:</p> + +<p>»Ich muß mit dir sprechen.«</p> + +<p>Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der +Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.</p> + +<p>»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«</p> + +<p>»Friedel verläßt morgen das Schloß.«</p> + +<p>»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«</p> + +<p>»Ich will es.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"></a>»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete +unter den Verwüstungen auf seinem Schreibtisch nach +seiner Brille. »Es muß etwas geschehen sein, sag es mir. +Was ist geschehen?«</p> + +<p>»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in +dem Dunst, der von eurer Verlotterung ausgeht. Ihr +beschimpft das Andenken des Grafen Konstantin. Jeder +Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt, +erniedrigt mich!«</p> + +<p>Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen +Erstarrung, sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr +langsam zugewandt, und während er die geballten +Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht, +das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er +langsam und schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.</p> + +<p>»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst +das mir? Hast du das ersonnen, entstammt das deinem +Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, Mörderin du?! +Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen, +was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den +Quellen meines Lebens, beschimpfst du mich, weil ich +nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« Er schien am +Übermaß seines Hasses zu ersticken.</p> + +<p>Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine +Worte berührten sie wie stäubender Schutt und heißes +Blut, aber sie machten sie nicht einen Augenblick am +Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten +war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes +Bereich der herausgeforderten Seele, wo im Sturm der<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"></a> +Not Bedrängnis zur Erkenntnis und Zweifel zur Gewißheit +werden.</p> + +<p>»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen +deiner Hände. Du bist mir gleichgültig! Daß du nicht +stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von einer Schuld, +das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer +überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden +besudelt.«</p> + +<p>Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. +Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als +kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte +er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra +nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen +eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und +Wut der Empörung erliegt.</p> + +<p>»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein +Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos +bist du!«</p> + +<p>»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt +mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine +Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr +habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit, +wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen +mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit +gefüllt.«</p> + +<p>»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes +dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet +ist. Du weißt nicht, was du tust!«</p> + +<p>»Ich weiß es!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_221" title="221"></a>»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über +uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von +dem ab, was du tust und was du getan hast.«</p> + +<p>»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich +seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit +meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die +Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit +eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein +und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren +Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen +Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in +ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches +Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von +dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies +Haus um meinetwillen säuberst.«</p> + +<p>Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch +und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand, +seine klammernden, zuckenden Finger am Holz. +Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres +Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um +darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr +Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge +kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.</p> + +<p>»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber +dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie +ausgereckt, schrie er:</p> + +<p>»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... +Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du, +hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_222" title="222"></a>»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest +du noch werden, eine Macht zu mißbrauchen, die du nie +hast brauchen können. Meinst du, ich hätte das nicht +hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht. +Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede +Scholle auf den Äckern und jeder Baum, denn ich liebe +Wartalun. Du kannst deine Liebe verraten und verwandeln +und schänden und schwankst zwischen Totenlämpchen +und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es +nicht. Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die +eiserne Pforte vom Grabmal im Garten hinter mir +verriegeln, ehe du mich um einen Schritt aus der Heimat +des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, +wenn du es wagst!«</p> + +<p>»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine +Macht geben, dir zu weisen, wie weit deine Rechte +gehen?! Warte eine Stunde ...«</p> + +<p>»Für dich gibt es diese Macht nicht.«</p> + +<p>»Du sollst sehen!«</p> + +<p>»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu +halten, wenn ich ginge?«</p> + +<p>»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen +mich zu brauchen!«</p> + +<p>»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in +solche Not, in der ich nach diesem Mittel greifen muß, +um zu hüten, was mein ist. Hasse mich, das ist das Recht +der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung nicht. Aber +was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, +wirst du achten müssen. — Ja, so höre es heute: ich will<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"></a> +es haben. Ich will reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe +es, wer will, aber hättet ihr nur einen meiner +Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so +würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen +haben, euer Schloß und euer Gold. Aber so nicht. Ihr +habt mich dorthin gezerrt, wo solche Werte gelten, nun +fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat +nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm +auf den Wiesen verlangt, solange dies Land seinen starken +Besitzer hatte, dessen Herrensinn mir mehr bedeutete +als das Vergängliche, darin er sich bewährte. — +Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, +die dir gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen +dich auf, nicht ich.«</p> + +<p>Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, +alles Leben, jede Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, +selbst sein dumpfes Bewußtsein, daß ein richterliches +Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn zwischen +Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:</p> + +<p>»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu +können, daß es dich gab, daß du lebtest, tötetest ... +weißes Feuer du! Aus diesen nackten Fackeln kam +Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«</p> + +<p>Plötzlich schrie er laut:</p> + +<p>»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich +kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß +man mir hilft ...«</p> + +<p>Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das +Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte in<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"></a> +ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht +kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in +Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte +sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und +ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr +ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft +verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich +dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen +einflößte, ja Todesangst.</p> + +<p>Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, +ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß +erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz +niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war. +Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer +Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen +und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, +rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich +quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich +atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du +gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«</p> + +<p>Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem +besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen +lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was +ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es +in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß +eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen +Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut +seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt +von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"></a> +rankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die +hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne +niederneigen.</p> + +<p>Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das +Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern +das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den +Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen +Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis +ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre +Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres +eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher +Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, +sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig +und ungewollt erschienen:</p> + +<p>»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. +Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu +tun, was seine Pflicht ist?«</p> + +<p>Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach +diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:</p> + +<p>»Wer bestehen kann? — Wenn du bestehst, soll alles +gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2> + +<p>Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht +einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich +nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu +verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"></a> +jungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem +Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. +Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem +Bündel über die Schulter geworfen, und eine große +graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock +waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging, +wie er gekommen war.</p> + +<p>Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt +er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in +der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die +Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im +Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger +Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur +seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft +von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.</p> + +<p>Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen +Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte +hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem +Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es +ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen +gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im +Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen +Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein +weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den +Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden +und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit +leiden. Für ihn selbst war Wartalun +der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß +sein irdisches Los.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_227" title="227"></a>Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit +denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten +sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften +seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten +hinüberführte. Unter seinen Verführungen +erblindeten die wachsamen Augen der Seele.</p> + +<p>Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der +trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen +Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am +Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf +den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind +des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein +Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden +kurzen Tags. Die winterlich entschlafene +Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten +reglos ihrer eigenen Erlösung. —</p> + +<p>Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den +das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut +nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen +hatte, lautete:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und +über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem +jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden, +weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für +immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld +mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich +Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine +andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest mich<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"></a> +als die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.</p> + +<p>Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die +Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen +Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich +habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher +Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen +erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe +Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem +Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind. +Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung. +Ich bin</p> + +<p class="right">Benvenuto Paule.«</p> +</div> + +<p>Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen +hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem +Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt +oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten +durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das +erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als +wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben +genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit +Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen +Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich +meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du +nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«</p> + +<p>Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender +Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich +bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr, +in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig,<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"></a> +klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange +her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? +Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis +zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer +Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und +bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es +gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig +gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten? +Um was nur, um was?</p> + +<p>Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von +allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein +einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die +verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und +Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt +daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen +Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen, +unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes, +der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner +blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete +ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und +wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden, +die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres +Daseins.</p> + +<p>Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, +es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres +Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies +Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit +langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die +befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"></a> +Worten brach, die von Paule kamen und ihr galten: +»Ich liebe dich von ganzem Herzen« —?</p> + +<p>Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer +Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem +Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten +befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das +Schloß für immer zu verlassen.</p> + +<p>»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch +und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch +am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm, +sieh ...«</p> + +<p>»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt +werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie +ich, will ich es nicht mehr reiten.«</p> + +<p>Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. +Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches +Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und +doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren +letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:</p> + +<p>»Glaubst du, sie hielte nicht aus? — Ganz andere +Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten +ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt +schon wieder fort?«</p> + +<p>»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«</p> + +<p>»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«</p> + +<p>Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht +verstand.</p> + +<p>Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid +ließ die schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"></a> +empor sehen, sie hatte den einen Fuß vorgestellt, hielt +mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte gepreßt und +knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte +die Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war +lichter umher in der Welt, als der Morgen versprochen +hatte, und die Schneedecke war geschmolzen. Aber kalt +war es immer noch, der nasse, leere Park lag erstorben. +Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der +Graf Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von +Erhobenheit, Wehmut und Kraftbewußtsein. Sie starrte +hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe sie von verworrenen, +bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr +ruhiges Land zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie +denn, welch ein Vorhaben entflammte ihr Herz?</p> + +<p>»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen +hinüber, das sie einst gewesen war, bis heute.</p> + +<p>Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, +denn das Rütteln hörte auf, und nun vernahm sie +Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des Schlosses. +Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers +geöffnet waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. +Erst leise, dann heftiger. Endlich öffnete er vorsichtig, +und sie sahen sich durchs Fenster.</p> + +<p>»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte +noch, ich komme.«</p> + +<p>Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er +rasch auf sie zu, er kam aus der Küchentür.</p> + +<p>»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«</p> + +<p>Das junge Mädchen dachte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_232" title="232"></a>Und wenn ich nun Paule nicht finde?</p> + +<p>»Ja, ja«, sagte sie.</p> + +<p>»Wann kommst du, kommst du gleich?«</p> + +<p>»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«</p> + +<p>»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah +Afra angstvoll an. Sie empfand nun, daß er erregt und +traurig war.</p> + +<p>»Ich komme nicht.«</p> + +<p>»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, +denn es steht böse um ihn. Ich bin voll Angst um sein +Ergehen ... schon seit langem.«</p> + +<p>Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte +Afra und atmete auf. Da kam Martin mit Joni. Das +Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt seinen Kopf +tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze, +als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:</p> + +<p>»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst +nicht?«</p> + +<p>»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich +könnte nicht, meine Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur +dies. Und grüß ihn und wünsch ihm Lebewohl. Ich käme +nicht wieder.«</p> + +<p>»Was bedeutet das?«</p> + +<p>»Tu, was ich sage!«</p> + +<p>»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie +soll es denn werden?«</p> + +<p>Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel +für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig, +wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen,<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"></a> +wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr +unentbehrlicher war.</p> + +<p>Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick +keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein +Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem +trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er +langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, +Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte. +Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt +hallte angstvoll wider ...</p> + +<p>Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker +als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren +Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land, +das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr +geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß +ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen +wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und +Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser +Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit +ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens +bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in +ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über +den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte, +und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten +Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden +konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum +wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im +lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer +Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"></a> +Vergangenheit denken, und immer waren es solche, die +sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand, +wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt, +das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre +dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und +Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon +lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige. +Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den +Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, +weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den +schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben +und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese +Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten +sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war +keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch +dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster +drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder +rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse +Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden +Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf +einer Flucht um ihr Leben.</p> + +<p>Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende +Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den +Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne +abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der +Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im +Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie +die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der +Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einer<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"></a> +blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen +Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick +zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er +annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar +herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige +Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte +Witterung.</p> + +<p>Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.</p> + +<p>»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein +befiehlt etwas?«</p> + +<p>»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte +Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn +Grafen bei dir gewesen ist?«</p> + +<p>»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin — ja, +der Herr ist hier gewesen ...«</p> + +<p>Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, +die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und +Güte. Sie lachte beglückt auf:</p> + +<p>»Wo steckt er denn, der Prophet?«</p> + +<p>Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, +und meinte, ohne Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:</p> + +<p>»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu +lange ... Er hat sehr auf Sie gewartet, Fräulein Afra.«</p> + +<p>»Hör, woher weißt du das?«</p> + +<p>Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, +wandte sich der Landstraße zu und blickte wie suchend in +die Richtung nach Wartalun:</p> + +<p>»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"></a>Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar +Gäste der Wirtsstube angesammelt, auch an den +Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der verwitterten +Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, +und neben dem Eingang lagen leere Fässer.</p> + +<p>»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«</p> + +<p>»Ob ich will! — Gleich ist es da.«</p> + +<p>Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen +Gewohnheiten gestatteten, aber befangen blieb er doch. +Afra empfand es deutlich, es drang von den Ereignissen +in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten unter die +Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte +die Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis +sah in den unverständlichen Schicksalen das +Walten finsterer Mächte, und es war längst Gewißheit +geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse +Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft +im Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah +man im Unschuldigsten den Urheber allen Unheils. +Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen erschien +den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich +ihm um so mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in +seinen Bann geraten sei. Das Schloßgesinde erzählte +unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über das +junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt +hatte.</p> + +<p>Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als +Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht +durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen?<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"></a> +Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein +bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin +und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt +hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt +und in seinen Besitz bringen.</p> + +<p>Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar +schien? — Er schritt mit seinen versonnenen +Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im +Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie +einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen +verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus, +das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den +eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes +wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde +umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich +machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung +statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung +in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung +der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er +sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön +und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm +und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in +wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das +Wesen und die Gestalt seiner Hände.</p> + +<p>Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses +und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch +und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner +Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen +wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"></a> +aus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten +Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe, +aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen +geachtet wurden, die ihn liebten.</p> + +<hr /> + +<p>Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem +Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen, +nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren +lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich +keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen +waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen +Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert, +deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren +Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort +ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren +waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der +Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen +wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es +ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher +Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos +verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß, +lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des +Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des +Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen +Namen »Die Knickburg«.</p> + +<p>Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel +das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flache<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"></a> +Flußufer und das Silberband des Wassers hinter den +Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über +das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen. +Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er +war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines +Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer +heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer +und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die +dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig +über sich und wollte nicht glauben, wieviel +Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche +sich hinter seinem starken Willen verbarg.</p> + +<p>Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende +Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe, +eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen +sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes +nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er +so glücklich gewesen.</p> + +<p>Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß +und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen +Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen, +restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen, +wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer +grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal +der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.</p> + +<p>Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit +der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt, +das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und +ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"></a> +Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche +Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.</p> + +<p>Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl +glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der +Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches +Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten +Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit +zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus +dem ihr Blut in Strömen rann.</p> + +<p>Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe +Abendhimmel stand im Wasser des Flusses und in den +stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen Baumgruppen +unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten +Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen +aus. Vereinsamt wartete die Welt auf die kühle Nacht. +Am Horizont, im Abschiedsfrieden des winterlichen Tags, +von Licht gerändert, stand eine zerklüftete Wolke, die wie +ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen +Sonne folgte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2> + +<p>Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen +war, schritten Afra und Paule die leere +Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der +Knickburg.</p> + +<p>Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"></a>»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? +Auch die Lichter nahen.«</p> + +<p>»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«</p> + +<p>»Aber hörst du denn nicht?«</p> + +<p>»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von +Menschen.«</p> + +<p>»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm +ihren Hut ab und schüttelte mit einem zitternden Lachen +der Ergriffenheit ihren Kopf.</p> + +<p>»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte +sie. Sie schaute sich um. Zur Rechten lag eine schwere +Mauer aus dunklen Tannen, und zur Linken hoben sich +unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen +den helleren Himmel ab.</p> + +<p>»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile +schweigenden Lauschens nachdenklich. »Ob sie uns +suchen?«</p> + +<p>»Vielleicht dich, Afra.«</p> + +<p>Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, +dann sagte sie schnell:</p> + +<p>»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde +nach Wartaheim. Es ist besser, sie finden hier nur mich.« +Dann besann sie sich plötzlich und änderte rasch ihren +Entschluß:</p> + +<p>»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. +Ich werde tun, was ich will. Wer könnte es auch sein. +Nur Helmut darf nichts ahnen, verstehst du mich, +Benvenuto?«</p> + +<p>»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_242" title="242"></a>»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir +geschehen?«</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich +an ihr Ohr. Nach einer Biegung der Landstraße kamen +die beiden Lichter heran, sie beleuchteten die Wegstrecke +zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so daß man +die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und +Wagenspuren deutlich erkannte.</p> + +<p>Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang +nicht Gesang aus dem Wagen, oder war es ein +<ins title="Wimmern?«">Wimmern?</ins></p> + +<p>»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! +Warte!«</p> + +<p>Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die +Köpfe emporgerissen, man sah deutlich, daß der Kutscher +heftig erschrak und die Zügel viel zu hart anzog. Die +Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel +des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren +Köpfen.</p> + +<p>Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen +der Stallknechte. Er riß den Hut herunter, als er sie +erblickte, und Afra bemerkte, ehe er sprach, daß sein +Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet aussah +und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach +Hilfe ausschauten. Da er dicht neben der Wagenlaterne +stand, erkannte man seinen Ausdruck deutlich, und so kam +es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:</p> + +<p>»Wohin willst du? Wen fährst du?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_243" title="243"></a>»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der +Herr ... der Herr ...«</p> + +<p>Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war +Friedels Stimme. Er schien niemand zu erkennen:</p> + +<p>»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den +Schloßwagen nicht? Haltet mich nicht auf. Marsch! +Platz!«</p> + +<p>»Warte noch«, sagte Afra ruhig.</p> + +<p>Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein +Fluch, dann machte sich von innen eine Hand in erregter +Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.</p> + +<p>»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.</p> + +<p>Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.</p> + +<p>»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.</p> + +<p>Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür +besorgt und hastig wieder und stellte sich davor auf. In +seinem Gesicht lagen höchste Anspannung, eine wilde +Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender +Aufruhr.</p> + +<p>»Ah, Afra — da bist du! So, hurra! Es lebe die +Herrin von <ins title="Wartalun!">Wartalun!«</ins></p> + +<p>»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich +die Peitsche nehmen?«</p> + +<p>»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, +daß ich vor Lachen nicht sprechen kann?! Gott bewahre +dich davor, daß du dies Lachen kennenlernst. — Wie? +Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den +Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«</p> + +<p>Da stand Afra steil vor ihm.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"></a>»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in +Wartalun geschehen? Wenn du noch ein unnötiges +Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen und +kehre mit dem Wagen um.«</p> + +<p>»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. +Man hat wohl zwei Stunden lang nach dir geschrien, +bis man an seinem Blut erstickte. Was geschehen ist?«</p> + +<p>Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, +als ränge er innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die +Sinne auslöschte. Er bewegte nur die Fäuste hin und her. +Afra sah es im rötlichen Licht der Laterne. Dann tippte +er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine linke +Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen +Keuchen:</p> + +<p>»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am +Rücken glatt heraus! Durch und durch geschossen! Alles +rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du siehst ihn +nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm +schon seine Augen zugedrückt.«</p> + +<p>Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei +Schritte. Sie stieß auf Paule.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.</p> + +<p>Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.</p> + +<p>Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß +Friedels Atem nach Wein roch und daß er betrunken +war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, wie unter +einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren +Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem +Innern etwas für alle Zeit.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_245" title="245"></a>Friedel war wieder in ihrer Nähe:</p> + +<p>»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du +Begnadete unter den Reichen. Alles, was du umher +siehst oder weißt — alles, bis an die Wälder von +Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht +dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare +Sicherheit war, daß alles dein sein sollte. Und dein +Popanz, der Martin, hat zwei Pferde zuschandengemacht, +um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du +allerlei zu danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«</p> + +<p>Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte +an, die ein wenig gefaßter wurden, jetzt, da man ihn +reden ließ und da die schlimmste Botschaft aus seinem +Herzen gestoßen war.</p> + +<p>»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine +Frage, er sagte es ruhig aus.</p> + +<p>Seine Stimme brachte Friedel auf:</p> + +<p>»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? +Nicht zwei Hemden hast du gehabt, als du dich bei uns +einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl nur zu nehmen +brauchen, was dir behagt. Oh — mir wird übel, wenn +ich an den Mutwillen Gottes und an die Willkür des +Schicksals denke. Oh, ihr ramponierten Großmäuler im +Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, nicht +wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich +in euren Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich +langsam zersetzt. Nur heraus, es ist gleichgültig, ob oben +oder unten.«</p> + +<p>»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"></a> +einen anderen, wenn du willst. Es wird dir wohl auf +zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach hart und +bestimmt.</p> + +<p>»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor +den Schlag.</p> + +<p>Afra sah hinein, über seine Schulter fort.</p> + +<p>»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst +du Martin, wo du ihm soviel Glück verdankst?«</p> + +<p>»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir +behalten. Deine Scherze laß — mir verdirbt das Herz +rasch genug.«</p> + +<p>Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:</p> + +<p>»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht +halten kann, das mir aus dem Leben bricht. Ich weiß +nicht, ob es einen Gott gibt, aber wenn, so mußt auch +du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her, +uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust +deiner teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«</p> + +<p>Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels +Arm:</p> + +<p>»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, +»du lästerst Gott.«</p> + +<p>Und er fuhr fort zu sprechen.</p> + +<p>Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich +eindringlich. Sie kam aus dem Dunkel hervor und nahm +die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre bannende +Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je +mehr er verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, +die die Gewalt dieser starken Worte mit sich brachte.<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"></a> +Der Kutscher hielt die Pferde und sah um ihre Köpfe +herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche +Gestalt des Sprechenden.</p> + +<p>»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, +der seine innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. +»Aber was sprichst du von Reichtum und Gerechtigkeit, +von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, dein kleiner +Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von +Angst um sein Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu +vergleichen, die diejenigen erleiden, die nicht die Hilfe +deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du wärest nicht +gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert +hätte.«</p> + +<p>Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile +schwieg. Niemand antwortete ihm. Aber er fand die +Besinnung nicht, um die er zu ringen schien.</p> + +<p>Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, +daß Afra mit einem raschen Schritt auf ihn zutrat und +ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.</p> + +<p>»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? +Kein Wort darfst du mehr von diesen Dingen sprechen.«</p> + +<p>Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er +atmete tief und schwer, und seine großen Augen, dunkel +in ihrem Schatten, schienen nichts zu sehen von allem, +was um ihn her vorging, noch wo er sich befand.</p> + +<p>Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin +und her und suchte mit der Hand in der dunklen Luft.</p> + +<p>»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was +mit uns geschehen wird? Dies alles ist unwahr. Wohin<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"></a> +bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! Laßt mir doch +mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger +Himmel? Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher +liegen Tote ...«</p> + +<p>»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.</p> + +<p>Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte +sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als +Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies, +den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die +Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes +Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und +dem nassen Erdboden.</p> + +<p>»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und +verklang in Finsternis.</p> + +<hr /> + +<p>Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann +es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog. +Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon +durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des +Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt +hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein +Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang +des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden +hatte.</p> + +<p>Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner +durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter +fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem +sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"></a> +weißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen +Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider +in sanfte Schatten bettete.</p> + +<p>Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in +den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim +und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften +gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der +Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen +beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem +Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter +den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter +von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So +mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden +haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel +auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, +ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen +Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt +hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof +kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.</p> + +<p>Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer +in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den +Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle +und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit +langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen +Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten +Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden +Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise +vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der +nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"></a> +jene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus +dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre +vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter +den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.</p> + +<p>Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. +Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und +krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten +Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten +Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des +Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.</p> + +<p>Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, +beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines +Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke +zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen +Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, +weithin, weit fort über verödete Steppen und braches +Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten +Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und +kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter +Menschenseelen.</p> + +<p>»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause +sollte wissen, wo sie war.</p> + +<p>Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten +kam ein schwaches Lächeln auf seinen schlafenden +Mund. Afra sah in tiefem Erstaunen in sein Angesicht, +in diese Züge, die sie zum erstenmal in voller Ruhe +erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit +darin, die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare +Freude eines Menschen, der zuversichtlich auf dem<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"></a> +Heimweg war. Sie hatte nicht einen Augenblick das +Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als +sei er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, +und für alle Zeit, um dieses Lächelns willen, das ihr über +die armselige Torheit der Geängstigten und über die +starräugige Allgewalt des Todes zu triumphieren schien.</p> + +<p>Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der +Liebe, schlief Helmuts gescholtener Leib sein letztes Mal +im Schein des täglichen Lichts über der Erde. Auch zu +ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers +die Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die +Luft, die kein Atemzug mehr bewegte, über der vollkommenen +Stille, die von seinem wächsernen Angesicht +ausging.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN *** + +***** This file should be named 38650-h.htm or 38650-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/6/5/38650/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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