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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:10:47 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wartalun
+ Der Niedergang eines Geschlechts
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
+Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.]
+
+
+
+
+ Wartalun
+
+ Der Niedergang eines Geschlechts
+
+ Roman
+ von
+ Waldemar Bonsels
+
+
+ Im Verlag Ullstein · Berlin
+
+
+ Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.
+ Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung
+ Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr bewegte sich im
+tiefblauen Himmel eine große rote Mohnblüte, nur ein klein wenig und so
+feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
+wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken von der Wärme und
+vom Licht, und sein Schatten huschte über das helle Kleid des jungen
+Mädchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen
+hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie sacht ein wenig nieder und
+spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten.
+
+Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen Licht und der
+willkommenen Müdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer
+Betrübnis daran, daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit ihm
+eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhältnisse für sie
+und für ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewiß geworden. Es
+machte mißmutig, nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
+welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den Veränderungen
+erwachsen würden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet
+wurde.
+
+Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen Sommerwind
+schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte
+gedankenlos den grünen Stiel mit seinen winzigen hellen Härchen und
+entblätterte über ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
+Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen
+Sonne liegen.
+
+Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu
+finden, da sah sie zwischen den Ähren fern die grauen Schloßtürme von
+Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das
+seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts
+zu finden war.
+
+War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurückdenken
+konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern sollte, lernte sie erkennen, daß
+sie alles allein der Güte des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser
+Reichtum ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke
+quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es Mächte gab, die ihr diese
+Schätze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als
+wäre nicht mehr, was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.
+
+Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in
+diesem Augenblick, in dem sie litt. Daß sein Kommen erst mit dem Abend
+erwartet wurde, ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht
+zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß der
+Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte hinterlassen können,
+war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder
+Wendalen mit seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: er
+hat niemand so geliebt wie dich.
+
+Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter
+und den kommenden Frühling mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug
+in das ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen wie mit
+den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres überzogen hatte. Das war
+die letzte Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des
+Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, über
+seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, daß es sein letzter war. Der Wind
+vom Garten war warm und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
+eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedächtnis
+geblieben, an denen sie ihm zur eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte
+vorlesen müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß sie
+warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:
+
+»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«
+
+Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies wünschte.
+
+Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, und hielt inne.
+Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttäuschen. Seine Bewegung
+quälte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er
+von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu
+erzählen, die in den großen Wandteppich gewoben waren, gegen einen
+verblaßten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten,
+aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus
+erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten nicht mehr. Wollte er,
+daß sie die Tränen vergaß, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete
+es und fragte ihn, weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
+einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:
+
+»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, und weil ich die
+Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen
+Haar. Und weil ich die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
+Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Füße
+am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum
+daß du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht,
+die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie
+dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin
+niemals deinem Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du mich
+gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir
+in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott
+bringen, zu dem ich gehe.«
+
+Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen könnte, und
+sich gefragt, ob sie ihm Anlaß gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu
+sein. Aber im Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
+war und daß der unerfüllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu
+jenen gehörte, die sie erfüllen konnte. --
+
+Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hörte ein Pferd
+schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurück.
+Sie nahm ihren Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
+damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er saß zu hoch auf
+seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte,
+und hielt die Pferde an.
+
+Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, daß Afra nicht hochmütig
+war.
+
+»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornähren mit
+der Hand zur Seite bog. »Ist es erlaubt, einzutreten?«
+
+Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.
+
+Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heißen
+Stirn und lächelte.
+
+»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«
+
+»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit forschenden Augen
+hinzu:
+
+»Heute abend ...?«
+
+»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine
+betrübliche Nachricht, »heute abend kommen sie.«
+
+Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit an, wie Martin sich den
+neuen Herrn vorstellte.
+
+Plötzlich unterbrach sie ihn:
+
+»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«
+
+»Weißt du es besser?«
+
+»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu
+eurem Vorteil wünscht. Der Vater meint, daß er eine Vorliebe für neue
+Treibhäuser habe und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
+von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und der Förster
+weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.«
+
+»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man könnte glauben, daß es so
+im Katechismus steht.«
+
+»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, »aber wenn man sich
+langweilt ... man sollte sich nie langweilen.«
+
+Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar,
+die an dünnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte
+seine Hand um, öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
+schob sie seine Hand zurück.
+
+»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, was ich von ihm
+weiß. Und noch eins: er wird mich sehen.« Sie ließ langsam die Blicke
+über den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
+lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man
+durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich zu behalten, was man wußte.
+Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund
+verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen.
+Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will.
+
+Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mißstimmung
+zugleich. Es mochte daher kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt
+gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie nun zu
+seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens für einige Zeit, für diese
+Tage der Ungewißheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den
+meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
+werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem märchenhaften
+Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um
+sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
+sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein
+eigenes Geschick in die Hände gegeben waren, die er neben sich sah, wie
+sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte auch,
+daß er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne daß
+Afra ihn daran hindern würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
+empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, sein Wunsch,
+dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...
+
+Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu
+befreien. Was würde geschehen?
+
+»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, sagte Afra, »ich habe
+genommen, welches ich wollte. Würdest du um eines bitten, wenn alle dir
+erreichbar wären?«
+
+»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der ihren, »du konntest
+tun, was du wolltest. Der neue Herr ...«
+
+»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob sich, so daß sie im
+Korn saß, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete
+als die goldenen Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.
+
+»Fährst du mit?« fragte er.
+
+Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem
+weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits
+hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm
+hinunterlachte.
+
+»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er
+neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.
+
+Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide
+Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den
+Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in
+einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu
+heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während
+der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und
+vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das
+Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her
+durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der
+Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des
+Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
+des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen,
+der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte.
+Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
+gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe
+rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre
+alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können,
+aus dem Hause gewiesen zu werden.
+
+Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und
+schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der
+fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie
+erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
+weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf
+ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die
+Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß
+sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des
+alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel
+mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.
+
+Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im
+Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe.
+Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
+niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er
+sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit
+mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle
+an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft
+auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke,
+der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die
+Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen.
+Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn
+umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner,
+der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra
+wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein
+kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war,
+als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
+Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur
+Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit
+seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte
+winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn
+für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten
+schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie
+stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit
+Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.
+
+Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der
+auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser
+Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende
+junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß
+sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem
+Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles
+deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles
+benachteiligter als sie?
+
+Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen,
+die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte
+eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum
+beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
+für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor
+sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«,
+sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich
+gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?«
+
+Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?
+
+Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum.
+Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt
+das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
+gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem
+Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte
+sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag
+hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
+lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in
+ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und
+übermütig beseligt gelächelt hatte. --
+
+Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in
+kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille
+auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
+waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen,
+zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den
+weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle
+Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde
+ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte,
+in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
+schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts
+sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die
+Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen
+der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare
+Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch
+geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle
+Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
+die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig
+eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten
+von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
+Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der
+Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde.
+
+Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der
+Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das
+Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
+hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich,
+ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und
+der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo
+der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der
+längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund,
+dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
+Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch
+gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und
+Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie
+ihn beinahe gering, diesen großen Mund.
+
+Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr
+Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins
+Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid.
+Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber
+er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte
+schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal
+niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen
+Herrschaft zu fragen.
+
+»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme
+schuldig zu sein.
+
+»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.
+
+Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie
+nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie
+wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn,
+deren Ketten sie hörte.
+
+Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße
+entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem
+Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame
+heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das
+Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten
+Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten
+Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein
+ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu
+verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden.
+
+Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über
+die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie
+hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
+hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten
+Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß
+Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
+brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle
+Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam
+ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie
+sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren
+zu müssen, fand sie stark.
+
+Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die
+immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So
+schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten
+Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen
+Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den
+Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe
+am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie
+von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie
+hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit
+und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.
+
+Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie
+sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde
+sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
+schon unterwegs nach Wartalun. --
+
+Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen
+Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn
+hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das,
+aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein
+Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit
+dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum
+amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute
+hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
+Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit
+zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen
+sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen
+seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit
+geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von
+Wartalun geworden war.
+
+Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug,
+wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem
+und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr
+zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich
+in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und
+hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.
+
+»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen
+empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die
+Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
+Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit
+geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan.
+
+»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie
+laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual
+beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen
+weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut
+ihrer freien Haltung stand.
+
+Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich
+schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den
+Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
+Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites,
+wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach.
+Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme
+des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie
+grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu
+stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine
+Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an,
+mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung
+nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein
+schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
+Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war
+schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und
+erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine
+schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche
+Hände wünschte sie sich ...
+
+»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber
+nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis
+Wandelen zu gelangen?«
+
+»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«
+
+»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«
+
+Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land,
+als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können.
+Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
+überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen
+wollte, und sah sie bewundernd an.
+
+»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht,
+aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem
+Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«
+
+»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher
+Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist,
+es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht
+besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.«
+
+Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie
+Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen
+Tod.
+
+»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie
+denn jetzt um?«
+
+»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am
+Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom
+Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen
+auszeichnete, sagte sie:
+
+»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig
+dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist
+Joni.«
+
+»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich
+daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe,
+ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«
+
+Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu
+verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der
+üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.
+
+»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen,
+zu sagen, wer Sie sind?«
+
+Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick
+sah, und meinte:
+
+»Tut es etwas zur Sache?«
+
+Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken,
+daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch:
+
+»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht.
+Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er
+ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.«
+
+Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich
+sie ihn beneidete.
+
+»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage
+hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie
+eine kindliche Bitte.
+
+»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich
+schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es
+ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe
+schenkt.«
+
+»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische
+Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den
+Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.«
+
+»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden.
+
+Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr
+Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit
+tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort:
+
+»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame
+Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht.
+Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben,
+mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die
+Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien
+waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander,
+da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große
+äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns
+drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante
+Verheiratung des alten Herrn.«
+
+Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie
+mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken
+ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
+sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige
+Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel
+noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung
+wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
+erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun
+erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der
+Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder
+Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und
+höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in
+ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie
+Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß
+das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des
+Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die
+Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein
+schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
+dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn
+darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und
+froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner
+Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den
+verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel
+ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in
+den Sonnenschein und lächelte.
+
+Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.
+
+»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich
+beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein
+geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die
+Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«
+
+Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig
+ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß
+eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine
+selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.
+
+Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der
+Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu
+setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle
+nützlich erschien.
+
+»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«,
+sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und
+geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre
+Offenheit ist eine Freude für mich.«
+
+Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß
+sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er
+mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
+fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen
+unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine
+Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude
+daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als
+machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.
+
+Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte
+er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des
+Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
+seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und
+fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes
+Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.
+
+»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend
+sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er
+plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er
+nicht hatte sagen wollen.
+
+»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach
+diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm
+damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
+mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich
+habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie
+diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab,
+neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu
+erproben.
+
+Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen
+bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen
+junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
+schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in
+die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ...
+
+Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen
+freundlichen Worten folgen:
+
+»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«,
+sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich
+war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im
+Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
+Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage
+schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit
+der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein
+wenig zu schwer ...«
+
+Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem
+er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es
+oft auf einsamen Spaziergängen zu tun.
+
+»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum
+selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die
+Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich
+hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich
+Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne,
+langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten
+einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
+mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«
+
+»Wieso?« fragte Afra.
+
+Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf
+ihre Frage ein.
+
+»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding,
+zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur
+ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
+berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam
+unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist
+vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine
+philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument
+einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet
+werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur
+noch eine Frage von Tagen.«
+
+»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra.
+
+»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«
+
+»Und der Brief?«
+
+Er sah sie an.
+
+»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«
+
+»Ja«, sagte Afra.
+
+»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von
+hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte.
+Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor,
+da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt,
+was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in
+Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu
+Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso
+unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«
+
+Er lächelte vor sich hin.
+
+»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«
+
+Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre
+Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab.
+
+»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie
+versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart,
+daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie
+nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder
+Neidischer gehört haben.«
+
+Sie antwortete kalt:
+
+»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen
+von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr
+sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem
+>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert,
+ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...«
+
+Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach
+einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf
+sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen
+Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und
+so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war,
+als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem
+Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem
+Sommermorgen angerichtet hatte.
+
+Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge
+Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er
+eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und
+sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra
+mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:
+
+War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und
+für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht
+weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
+dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor
+ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort,
+rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
+lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls,
+von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob,
+stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand
+zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte.
+
+Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück.
+
+»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich
+weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich
+es gutmachen kann.«
+
+»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den
+Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren
+Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn
+wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt
+unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte
+dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr
+verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und
+für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren
+Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um
+vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig
+zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst
+und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr
+Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
+ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte
+sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er
+mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn
+ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht
+empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde.
+
+Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten,
+erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu
+trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie
+nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
+Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten.
+Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr
+war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
+haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr
+neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher
+mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
+Aussicht.
+
+Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber
+viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst
+auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
+fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles
+gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte,
+sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz
+eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
+die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien
+ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen
+Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
+Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen
+suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in
+unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des
+Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und
+geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch
+allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen
+erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in
+ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen
+wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch
+so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und
+voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick
+bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
+während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen,
+die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner
+seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit
+überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu
+wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.
+
+Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer
+Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie
+deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
+als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er,
+beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob,
+besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner
+Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage
+und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.
+
+»Warum lachen Sie denn?« fragte er.
+
+»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.
+
+Nun lächelte er.
+
+»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an
+Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich
+aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht
+ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine
+Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So
+viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine
+Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses
+und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie
+waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle
+Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
+als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf
+hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem
+und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie
+leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick
+daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu
+ihm Sie hier gehalten hat ...«
+
+Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil
+dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie
+geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle
+seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und
+beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das
+Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig
+geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte
+er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich
+ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte.
+
+Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher
+drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch
+dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte
+hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an
+drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See
+bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten
+eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und
+lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
+Büschel Zweige.
+
+»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder,
+hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu
+ihr auf.
+
+»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile
+wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein
+aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät
+gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute
+mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann,
+möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
+nun vieles besser verstehe.«
+
+»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe
+wenig Kleider.«
+
+»Bitte«, sagte er einfach.
+
+Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich
+neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen
+pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß
+ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In
+allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine
+heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
+aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so
+dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im
+eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
+auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende
+Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn,
+als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier
+sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
+es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn,
+daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man
+jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat,
+was in seinen Kräften steht.
+
+ * * * * *
+
+In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des
+Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun
+sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und
+Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und
+die Trauer des Verflossenen.
+
+»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und
+klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.«
+
+Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er
+dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine
+junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch
+anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf
+sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und
+geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde
+weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er
+kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.
+
+»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.«
+
+»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an.
+
+Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll
+erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer
+unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen:
+
+»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als
+Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und
+machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
+Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare
+Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten
+zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre
+Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«
+
+Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe
+Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch
+derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen
+den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.
+
+»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch
+weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat
+auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger
+vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können,
+dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.«
+
+Tief überrascht sah er auf.
+
+»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«
+
+Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie
+unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte
+er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem
+Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von
+Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich
+gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr
+Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine
+Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer.
+
+Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück.
+
+»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten
+wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die
+Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde
+beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch
+die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns
+Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.«
+
+»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich
+geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen.
+Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
+laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die
+draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?«
+
+»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie
+wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die
+äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
+Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit
+unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark
+macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
+gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen
+nach hat werden müssen, der ist gebildet.«
+
+Sie unterbrach ihn ungeduldig.
+
+»Sagten Sie, ich sei reich?«
+
+»Ja, Afra.«
+
+»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«
+
+»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen
+Sinn und Zusammenhang.«
+
+Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten
+Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere
+Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
+keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich
+verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie
+tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets
+empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
+Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen,
+als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur
+erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein
+Jüngling.
+
+Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des
+Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von
+einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in
+die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
+Vergangenheit.
+
+»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam
+schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den
+Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.
+
+»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer gehabt, die hier geherrscht
+und gebildet haben«, sagte er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier
+nach fremden Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
+mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, seine Schönheit.
+Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Möbel und
+Verkleidungen der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert scheint
+einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und groß wie
+das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu
+herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen
+Gehorsam, aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«
+
+Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf,
+trat sie hinzu. Es war dämmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die
+Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grüne
+Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen.
+
+»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich
+von großer Schönheit, aus dem von ungefüger und hilfloser Hand kleine
+Stückchen herausgeschnitten waren.
+
+»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.«
+
+»Sie haben diese Gobelins zerstört?«
+
+»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vögel aus irgendeiner
+Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.«
+
+»Afra ... das ist unmöglich.«
+
+»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen großen Wert auf
+diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich muß in einer ungünstigen
+Stunde gebeten haben. Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es
+sah.«
+
+Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm
+zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des
+Märtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
+Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision
+sah er die ermüdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm
+und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die
+blasse Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren Augen,
+tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages
+gestreut. Die Vögel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten
+schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das
+ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra
+fortzuschicken ... Über allem wurde ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine
+beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
+tränenfeuchte Schleier.
+
+»Afra, Sie sollten ... fort -- -- große Städte und viele Menschen sehen,
+andere Menschen. Es müßten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte
+und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«
+
+»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was würde aus Wartalun?«
+
+»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren
+Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr
+argloses, sinnendes Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.
+
+»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie es beginnt, mich zu
+verändern.«
+
+Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten,
+ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
+Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild Afras. Das Mädchen
+nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und
+die Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des großen Tisches,
+zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb
+heruntergebrannt waren.
+
+»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war,
+Bilder zu malen«, erklärte Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte
+dies Bild machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, aber
+dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er
+davon.«
+
+»Und Sie wollten nicht?«
+
+Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, daß sie
+schwirrte.
+
+»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.
+
+Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe
+er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin:
+
+»Das ist seine Schrift.«
+
+»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe.
+Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf
+Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen
+betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so
+zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war
+Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen
+gewesen?«
+
+»Wann denn sonst?«
+
+»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen
+bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse
+dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie
+haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und
+auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.«
+
+»Was schreibt er denn?«
+
+»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.
+
+»Gewiß ...«
+
+Beide schwiegen.
+
+Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr
+Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe,
+den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
+eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben
+seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit
+der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.
+
+In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen nach oben und unten
+zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie
+wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält,
+ernüchterte alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
+manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen Tonfall seiner Stimme,
+deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher
+seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als
+daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Sätze
+prägten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und
+las einen Satz noch einmal:
+
+»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, das es
+begründet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu
+eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der
+vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des
+Lebendigen.«
+
+Er sah Afra an.
+
+»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«
+
+Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann
+las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote
+im Grund seines Herzens getragen hatte.
+
+»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu
+erkennen, so wollte Gott, daß meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam,
+denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, daß
+die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der
+Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der
+Geschlechter, nur die Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«
+
+Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben
+gerichtet waren:
+
+»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
+gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
+zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
+herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der
+neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht führen.«
+
+Der Brief brach hier ab.
+
+»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als
+erinnere er sich plötzlich der Gegenwart Afras, und er fügte schnell
+hinzu:
+
+»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«
+
+Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:
+
+»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit mir gesprochen
+hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich saß ihm
+zu Füßen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er
+weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
+war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und
+Reichen und vom großen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch
+einmal: >Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem Kampf.<
+Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen
+an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...«
+
+Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an dieses Andere, das
+keiner von ihnen nannte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf.
+Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und
+scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten
+sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf
+freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das
+Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die
+Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern
+über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels
+über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene
+beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des
+Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und
+duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der
+Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der
+Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene
+Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem
+Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne
+irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...
+
+Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr
+lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken,
+ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der
+getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar
+erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer
+altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein
+breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im
+Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen
+persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich
+gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.
+
+Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er
+hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen
+Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den
+Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können,
+aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem
+eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn
+peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur
+von gleichgültigen Dingen.
+
+Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.
+
+»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu
+verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur
+Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis
+ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es
+erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die
+Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden,
+Elsbeth.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im
+Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier
+lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem
+sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch
+den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen
+können, wird einmal sein Eigentum sein.«
+
+Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr
+Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und
+flüsterte innig und liebevoll.
+
+»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu
+trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese
+Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben,
+aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und
+du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.«
+
+Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite
+sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank.
+Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er
+ihr zuhörte:
+
+»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich
+habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst
+viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten,
+vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt
+mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch
+sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals
+suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
+sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde
+ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr
+Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre
+Angesichter erschrecken mich, und ...«
+
+Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein:
+
+»Du bist ungeduldig.«
+
+»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der
+ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren,
+hat bei mir niemals zum Guten geführt.«
+
+»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir
+nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut
+machen.«
+
+Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens
+widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit
+ausgesprochen.
+
+Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen
+Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger
+herzlich fort:
+
+»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«
+
+Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit
+bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm
+in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
+zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des
+Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht
+seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich
+als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
+keine Befürchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat.
+Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und
+schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
+dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.
+
+»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine
+Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben
+können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen
+Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was
+hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du
+möchtest sie fortschicken?«
+
+»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich
+glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser,
+die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«
+
+Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.
+
+»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig.
+Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit
+jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest,
+empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich
+gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen
+kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt
+mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf
+ihren Vorteil und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
+zu erreichen.«
+
+»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt,
+denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll
+fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich
+bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«
+
+»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir
+gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer
+liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«
+
+»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann
+ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«
+
+»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen
+kenne.«
+
+»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen
+des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für
+ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines
+Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte
+zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie
+er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines
+Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern
+kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«
+
+Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.
+
+Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt
+an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die
+blassen Züge ihres Gesichts.
+
+»Helmut ...«
+
+Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr
+trösten lassen. --
+
+Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die
+junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der
+Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das
+Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz
+verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu
+ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein
+bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer
+neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der
+Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
+vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien,
+als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen
+sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von
+Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat
+dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des
+Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«
+
+ * * * * *
+
+Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete,
+flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in
+den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
+nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und
+strich mit der Hand über die ergraute Schläfe.
+
+Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen,
+an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme
+erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener
+stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen
+Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen
+Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
+Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen.
+
+Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste
+niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief
+hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier,
+abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen
+lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel
+mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu
+entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung
+und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.
+
+Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei
+gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:
+
+»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«
+
+»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?«
+
+Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.
+
+»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht
+niemand anzuschauen.«
+
+Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den
+Wirtschaftsgebäuden.
+
+»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer
+Überlegenheit und seines Wissens froh.
+
+»Im Schloß?« fragte Martin hastig.
+
+Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den
+Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre
+es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas
+vorenthalten hätte.
+
+Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief
+quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand.
+
+»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige
+Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen
+gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den
+Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt
+zu großem Ernst.
+
+»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«
+
+Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.
+
+»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn
+in den Park auf den großen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle.
+Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die
+Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.«
+
+Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber
+liefen mit, und Afra ließ es zu.
+
+»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach
+links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.«
+
+»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es
+gleichgültig, wo er getroffen wurde.
+
+»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.
+
+»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«
+
+Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und
+kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den
+Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der
+Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da
+huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm
+folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um
+seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die
+dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte
+kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich
+ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie
+ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.
+
+Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu,
+wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«,
+sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit
+einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine
+Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht,
+folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
+letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch
+ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann
+öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und
+schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu
+den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen
+Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
+Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.
+
+Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die
+Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior
+trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.
+
+Sie sah ihn an.
+
+»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu
+spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem
+Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte
+er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte.
+Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit
+und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als
+die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie
+sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die
+Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles
+anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
+unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der
+Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter
+unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
+Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die
+in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die
+Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
+blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
+vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn
+andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte
+ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.
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+Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben,
+auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald
+ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die
+Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
+kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein
+Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde.
+Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die
+Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und
+einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in
+der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll
+lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer
+fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese
+Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß
+er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für
+dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen
+lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten
+Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als
+der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
+bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er
+möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich
+bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und
+scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.
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+Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein
+dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr
+möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut
+mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«
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+Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:
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+»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht
+und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren
+Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt
+auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft,
+endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er
+würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«
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+Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.
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+»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt
+sein, er wird wiederkommen.«
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+»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«
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+Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als
+ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:
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+»Er langweilt sich.«
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+Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten,
+daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu
+lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
+sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen
+Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags
+hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
+Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn
+innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine
+Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.
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+Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem
+kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes
+Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein
+Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem
+Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit
+ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das
+Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens
+ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere
+Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?
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+»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.
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+Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem
+grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.
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+Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die
+über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen
+Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland,
+durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es
+trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen
+ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
+nach der Mühle führte.
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+In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen
+leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte
+still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und
+verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
+In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.
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+Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende,
+eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im
+Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel
+unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.
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+Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von
+Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den
+Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
+leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom
+rinnenden Wasser.
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+Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und
+schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich
+zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr
+geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem
+Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich
+nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst
+gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.
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+»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von
+inniger Freude.
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+»O bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf
+nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite,
+lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach
+ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm
+Platz zu machen.
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+»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra.
+Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«
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+»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu,
+wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn
+er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die
+Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie
+schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das
+Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb,
+den der Fall bildete.
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+Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend
+etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf
+den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den
+Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen
+beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten
+Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu
+ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn
+aufmerksam.
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+Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es
+wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er
+später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und
+antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte
+sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge
+des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die
+Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.
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+Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich
+empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte
+ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und
+Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit
+gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die
+rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:
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+»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«
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+Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am
+besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie
+ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:
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+»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich
+verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich
+verstehen kann?«
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+»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es
+an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist
+hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«
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+Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von
+Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu
+da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern
+der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große
+schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie
+geöffnet hat.«
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+»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf
+sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines
+Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an,
+gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab.
+Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast
+immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den
+Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich
+fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die
+glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein
+Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins
+gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek
+ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
+Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«
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+»Denken Sie nicht gut von mir?«
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+»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich
+Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit
+uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene
+Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist
+alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen,
+glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher
+Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie
+sind wunderschön!«
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+»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor,
+senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:
+
+»Warum sprechen Sie so gut von mir?«
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+»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie
+mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die
+Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
+wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.
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+»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat
+auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine
+Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie
+starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der
+Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war
+zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden
+Erdenweite, die sie umgab.
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+»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.
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+»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.
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+Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.
+
+»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen
+Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, daß
+ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«
+
+»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.
+
+»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie,
+nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich
+noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch
+hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang
+es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich
+mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren,
+so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben
+haben.«
+
+»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.
+
+»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es
+doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an
+dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«
+
+»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht
+mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu
+verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte
+gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen
+wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß
+auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln
+fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich
+denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken
+Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«
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+Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.
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+»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt
+unrecht haben.«
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+»Wieso?« fragte sie.
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+Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer
+Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh
+gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut
+ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab
+heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung
+mit sich gebracht hatte.
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+
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+Sechstes Kapitel
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+Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern
+ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht,
+als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von
+Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe
+Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine
+Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten
+der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben,
+lagen im Hof.
+
+Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der
+alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie
+waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den
+Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der
+zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen
+Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch
+Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen
+Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die
+Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die
+geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende
+lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen
+Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem
+Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des
+letzten Grafen von Wartalun hernieder.
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+Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem
+Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett
+in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ
+sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie
+in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.
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+Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei
+Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes
+verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage
+schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
+Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand
+auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise
+durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und
+summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen
+ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher
+die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
+Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken,
+und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen,
+heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen
+erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes,
+schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen
+die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr
+inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der
+Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die
+Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den
+Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür
+angeschlagen hatte ...
+
+Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte
+draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben
+noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte.
+Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm
+gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf
+einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du
+bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß
+sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe,
+in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin
+ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich
+möchte.« -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen
+etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.
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+Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und
+angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher.
+Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die
+Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer
+und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen
+beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und
+sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
+gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig
+gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten
+sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die
+Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte
+ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht
+hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit
+kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das
+niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung
+entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer
+Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja
+zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die
+Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten
+war.
+
+Sie öffnete die Holzpforte.
+
+»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über
+den Schultern der jungen Frau erkannte.
+
+»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen,
+daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«
+
+Es klang wie eine Anklage.
+
+Afra sagte:
+
+»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern
+sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber,
+wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es.
+Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der
+jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert
+hatte, mehr Worte als nötig zu machen.
+
+»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit
+einem vernehmlichen Beben in der Stimme.
+
+Afra nickte.
+
+»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.
+
+Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich
+zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter
+im Saal erloschen waren.
+
+Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters,
+zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es
+dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde
+waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der
+Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie
+Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe
+nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter
+haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund
+dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was
+Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das
+Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine
+Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das
+Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr
+Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.
+
+»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.
+
+Es kam keine Antwort.
+
+Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran
+beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein
+demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an
+dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag
+unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den
+Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil
+sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses
+Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals
+bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie
+trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber
+ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.
+
+An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun
+mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür
+schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter
+einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als
+sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin
+Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und
+sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.
+
+Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das
+Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam,
+entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell
+und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte,
+um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden
+Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört
+hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
+Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche
+Bitte klang:
+
+»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«
+
+Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle
+Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne
+Wirkung bleiben würden.
+
+»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh
+fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. --
+
+Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das
+weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber
+was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind,
+um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters
+erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das
+du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst
+einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
+nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich hätte meine Heimat nicht
+verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben.
+Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser
+Nacht.«
+
+»Stehen Sie auf!« rief Afra.
+
+»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals
+wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem
+Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe
+nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von
+meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben?
+Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder
+Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --«
+
+Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am
+ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen
+Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben
+hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare
+Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.
+
+»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und
+versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich
+gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
+sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.
+
+»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird
+eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien
+lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist.
+Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du
+selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind
+Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen.
+Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
+die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra
+geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er
+leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die
+Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als
+ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.
+»Rette mich, halte mich!«
+
+Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das
+wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen,
+das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß
+ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus
+gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann
+stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
+zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der
+ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine
+Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
+gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am
+Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht
+ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles
+Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie
+von rohen Fäusten niedergerissen worden ...
+
+Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im
+Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben.
+Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie
+Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem
+Eintritt geschlossen hatte.
+
+»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden
+einschlagen?«
+
+Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.
+
+»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im
+Rahmen der Tür.
+
+»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der
+Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft
+kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem
+maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.
+
+»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau,
+Iduna, soll kommen.«
+
+»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.
+
+»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett
+legen. Worauf wartest du?!«
+
+»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«
+
+»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die
+Peitsche von den Blättern.
+
+»Gehorchst du?«
+
+»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«
+
+Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der
+Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin
+öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen
+auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und
+stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr,
+denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen
+den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts
+wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.
+
+»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«
+
+Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer
+vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen,
+und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm
+gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die
+nicht falsch zu verstehen war:
+
+»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«
+
+»Du junger Bursche wagst ...«
+
+Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis
+verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.
+
+Afra lachte krampfhaft auf.
+
+»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich
+habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«
+
+»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die
+ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf
+das Bett des jungen Mädchens.
+
+»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.
+
+»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton,
+in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war
+eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich
+brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.
+
+»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll
+ich denn jetzt tun?«
+
+Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.
+
+»Mach drüben die Lichter an.«
+
+Er gehorchte. Dann kam er zurück.
+
+»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an,
+oder willst du reiten?«
+
+»Da ist mir schon der Wagen lieber.«
+
+»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«
+
+»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich
+um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.
+
+»Blutest du?«
+
+»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst
+wie Kreide aus.«
+
+»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über
+seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.
+
+»Deine Hände zittern«, sagte er.
+
+»Halt still«, gab sie zurück.
+
+Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von
+kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß,
+und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und
+steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen
+Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von
+eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.
+
+»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst
+du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich
+nie mehr in Wartalun sehen.«
+
+Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter
+ihr.
+
+»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch
+merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«
+
+Da stolperte Melchior vor ihn hin.
+
+»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu,
+daß mir Unrecht geschieht.«
+
+Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest
+geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der
+Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.
+
+»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.
+
+Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe
+sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und
+in großer Erregtheit heraus:
+
+»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein
+Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was
+Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«
+
+»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres
+Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen
+wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie
+niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer
+zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte,
+denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in
+Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie
+einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel
+gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut
+dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte
+ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:
+
+»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du
+vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten,
+wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie
+hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.
+
+Er starrte sie an.
+
+»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug
+geworden. Afra, sag rasch!«
+
+Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.
+
+»Dort liegt deine Frau ...«
+
+Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann
+schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er
+mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.
+Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr
+danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm
+leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben
+gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,
+als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben
+ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.
+
+Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu
+machte, wobei er sie ansah.
+
+»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war
+plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich
+glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies
+auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas
+hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.
+
+Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch,
+daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein
+junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und
+eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit
+nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die
+unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn
+über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.
+
+»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte,
+fügte sie hinzu:
+
+»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«
+
+»Sprich doch nicht ...«
+
+»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«
+
+»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig.
+Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten
+hat.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher,
+verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine
+Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
+fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen.
+Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten
+Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte,
+losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte
+reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause
+umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als
+Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen
+wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht
+an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und
+mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz
+hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut,
+die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
+Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt
+worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte,
+vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge
+kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe
+stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die
+schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er
+hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert -- -- Da
+schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.
+
+»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du
+ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien
+gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche
+Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --«
+
+Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die
+Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in
+der Sonne.
+
+Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als
+lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte
+ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und
+die Tür wieder ins Schloß.
+
+Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus
+allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht
+dahingesunken mit seinem Herrn?
+
+»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er
+heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand,
+außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm
+unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht
+noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient
+hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos
+ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern
+versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges
+entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er
+bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.
+
+Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der
+Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte
+ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor
+sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten
+in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr.
+Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was
+nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. --
+
+Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen
+schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte
+heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter
+der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:
+
+»Ach -- das Leben.«
+
+So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als
+habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr
+früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
+goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume
+des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens
+sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht
+größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den
+Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen
+umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen
+Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? --
+
+Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas
+zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz
+folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz,
+daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter,
+er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras
+Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn
+gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.
+
+»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig
+gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«
+
+Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer
+Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und
+auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.
+
+»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte
+dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein
+muß.«
+
+Sie entzog ihm ihre Hand.
+
+»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will
+nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot
+ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich
+einmal in die Bücher schauen.«
+
+Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen
+Tränen, und seine Lippen zuckten.
+
+»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra
+ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl
+unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
+Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung
+hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude
+vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten
+und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
+verlassen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den
+fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über
+gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
+Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe
+keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl
+drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die
+Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er
+fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen
+schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel
+zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere
+Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte.
+Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen
+gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.
+
+In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll
+Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus
+der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen
+erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.
+
+Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch
+und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und
+im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd
+dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«
+
+»Ich kenne ihn noch gar nicht.«
+
+»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er
+ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß
+ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«
+
+Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.
+
+Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr
+Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde
+herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und
+starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren
+Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden
+war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen
+Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige
+Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu
+werden.
+
+»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.
+
+»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu
+genügen.
+
+»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und
+klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.
+
+Afra schüttelte den Kopf.
+
+»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in
+seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit
+seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein
+eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es
+kürzlich verkauft.«
+
+»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.
+
+»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für
+Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas
+von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
+unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es
+nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn
+jetzt reiten?«
+
+Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.
+
+»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe
+ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte
+ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«
+
+Sie schien das zuzugeben.
+
+»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«
+
+»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz
+neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst
+bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt
+hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen
+von seinen Sporen.«
+
+Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob
+er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des
+breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
+und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit
+überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner
+Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
+bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der
+planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:
+
+»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«
+
+Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen
+Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen
+dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden
+schaukelten im sanften Wind.
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe
+schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach
+diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als
+das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:
+
+»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt,
+ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur
+etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«
+
+Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.
+
+Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den
+heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld
+bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:
+
+»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«
+
+»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas
+anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen,
+daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.
+
+Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn
+bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und
+sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum,
+und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
+Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn
+bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen
+hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur
+Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus
+seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm
+sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war,
+seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun
+darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht
+haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen
+sollte.
+
+Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh,
+dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr
+ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu
+demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein,
+daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des
+Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.
+
+Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute
+plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.
+
+»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften
+Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«
+
+»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd.
+»Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«
+
+Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:
+
+»Das glaubt mir niemand.«
+
+Gepeinigt sah er auf.
+
+»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller
+sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du
+jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie
+du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz
+erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht
+deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden
+wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um
+sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß
+es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen
+Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit
+seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen
+habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß
+mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast,
+das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich
+fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch,
+du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen
+können.«
+
+»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.
+
+Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.
+
+»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst
+du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«
+
+»Oh, das verstehe ich wohl.«
+
+»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit
+verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die
+Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung,
+Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die
+dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen,
+daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein
+Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser
+einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«
+
+Da stellte Afra die Frage:
+
+»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«
+
+Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das
+besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:
+
+»Wie du bist --«
+
+Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort
+gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:
+
+»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«
+
+Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz
+herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann
+schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
+im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im
+Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich
+matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das
+helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
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+Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel
+Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen
+Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und
+begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen
+Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den
+beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer
+Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als
+vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt
+hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen
+Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst
+seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der
+junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
+Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte
+Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen
+in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
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+Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er
+las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen
+Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit
+heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf
+andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam,
+mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
+früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu
+verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen
+Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das
+Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte
+er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
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+Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten
+Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.
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+»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr
+die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat
+sie plötzlich für sein Kommen ein.
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+»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich
+zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn
+Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«
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+Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in
+Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen
+sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
+Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.
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+So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen
+treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut
+ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
+für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner,
+heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig
+bewirten zu können.
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+Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht
+zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in
+welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
+gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle
+Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem
+sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen
+voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
+ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die
+Räume des Schlosses durchwandert hatte.
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+Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit
+herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur
+Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
+erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite
+Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände
+ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden
+Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen
+Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß
+die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren
+hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde
+und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe
+versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus
+Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb,
+weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las,
+vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte.
+»Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz
+zitterte vor Erhobenheit und Freude.
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+Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück,
+diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über
+irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich
+so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er
+Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt
+hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam
+hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
+Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame
+Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin,
+sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine
+Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte
+doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen
+Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn
+seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben
+anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun
+Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller
+Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
+beglaubigen zu lassen.
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+Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den
+dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras
+Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen
+eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über
+Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen
+in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die
+Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam
+auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt
+und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen
+wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte
+er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl
+nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr
+hatte.«
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+Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und
+mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine
+Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater
+gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber
+war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber
+dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der
+Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
+Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu
+da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß
+er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde.
+Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er.
+Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und
+empfand, wie er ihn dadurch kränkte.
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+Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste
+Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener
+verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer
+Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
+ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete
+sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die
+Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen
+Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
+darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild
+seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen;
+litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz
+mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu
+Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn
+hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer
+ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
+Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer
+vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine
+Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
+spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen
+Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.
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+Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines
+heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete
+sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der
+schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu
+glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.
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+Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen
+Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein
+in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof
+lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken
+die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
+Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in
+Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der
+starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder
+Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der
+Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die
+melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen
+Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger
+Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur
+Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer
+Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer
+fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
+Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen
+schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben
+vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
+Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den
+Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu
+späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug
+aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen
+Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen
+herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst
+des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald
+noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die
+Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine
+schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden
+und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus
+dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
+Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten
+sie beides sein können.
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+Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die
+feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles
+auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf
+einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«,
+sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.«
+Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
+gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht
+zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und
+äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er
+vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
+gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende
+Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und
+sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das
+bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter.
+Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
+behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden
+einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so
+tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust
+eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch
+gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein
+Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu
+bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
+guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten
+durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut
+des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar
+nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des
+voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte
+sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:
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+»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich
+nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«
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+Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:
+
+»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst
+du an, was man dir zum Leben gibt.«
+
+Friedel sah ganz bestürzt auf:
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+»Was willst du damit sagen?«
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+»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines
+Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo
+du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
+aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der
+Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«
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+»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch
+der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde
+weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
+meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag
+selbst ...«
+
+Helmut mußte wider Willen lächeln.
+
+»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die
+Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf
+die Beete.«
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+Friedel lachte.
+
+»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es
+häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies
+unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll
+trotziger Bekümmernis.
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+»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir
+wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt
+und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
+Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen,
+nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«
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+»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von
+jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden
+hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. --
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+Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die
+zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte
+Friedel:
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+»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man
+hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«
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+Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr
+fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu
+entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte.
+Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die
+Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte
+miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein
+wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
+geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich
+der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der
+Verwaltung seines Guts machen.
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+»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«,
+hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«
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+Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte
+nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten
+Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war
+nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die
+Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit
+dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder
+arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
+Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht
+vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften
+Liebelei auflöste.
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+Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des
+geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen,
+dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
+zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz
+allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft,
+freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.
+
+»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die
+schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der
+Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des
+Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«
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+Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten
+den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der
+Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu
+hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam
+im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
+und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das
+Bekenntnis:
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+»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«
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+Helmuts Lachen verdutzte ihn.
+
+»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«
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+Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem
+gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit
+einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als
+gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht
+war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel
+sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
+stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig
+aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im
+wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.
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+Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn
+das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine
+Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung
+nicht verbarg.
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+Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich
+respektvoll erschien, und sagte froh:
+
+»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«
+
+Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein
+Erstaunen zu verbergen.
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+Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem
+Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte
+sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles
+verändert.
+
+»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?«
+fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«
+
+»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.«
+
+»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn
+die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.
+
+Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren
+Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte
+seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich
+jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht
+dich dein Schmerz.
+
+»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein
+waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.
+
+»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich
+nicht mehr machen.«
+
+Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra
+entgegenzureiten.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
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+Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In
+unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in
+ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre
+Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte
+nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie
+ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem
+beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit
+sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein
+wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr
+war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde
+ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht.
+Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es
+unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem
+kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück.
+Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden
+silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare
+emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
+dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick
+in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang
+für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und
+schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden
+Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr
+Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
+Tränen ihrer ersten Hingabe. --
+
+Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben
+wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der
+er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.
+
+Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich
+handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie
+gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch
+niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben
+niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer
+Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so
+verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht
+zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra
+wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der
+Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war
+dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und
+vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum
+erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden
+Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte,
+sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange
+an:
+
+»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«
+
+Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein
+mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten
+Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual
+und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der
+Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der
+Musik und den Geist des Weins.
+
+ * * * * *
+
+Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er
+erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe
+Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in
+uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber
+liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
+arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft
+zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst
+gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur
+beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber
+hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie
+Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
+unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr
+sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen,
+und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre
+Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder
+Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im
+Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit
+schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie
+Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt,
+die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte.
+So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame
+Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über
+Afra sprach.
+
+Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und
+der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der
+Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
+servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg
+auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald,
+besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten,
+hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen,
+daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen
+Interessen bekam.
+
+Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu
+zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde
+nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und
+wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
+finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem
+eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend
+hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre
+besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge
+Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden,
+um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die
+heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden,
+da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
+schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank
+rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung
+beherbergt hatte.
+
+»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du
+eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«
+
+Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am
+Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:
+
+»Darüber müßte ich nachdenken.«
+
+»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie
+nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee
+verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«
+
+»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«
+
+»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist
+es ihm so ergangen.«
+
+»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl
+doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich
+verfügen läßt.«
+
+»Welche Rechte hat sie denn?«
+
+»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des
+Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee
+davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
+Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein
+Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht
+entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere
+belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist
+ein Mann von großer Gerechtigkeit.«
+
+»Das ist nicht wahr ...«
+
+»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen
+Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist
+sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
+Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das
+Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige
+Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur
+zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den
+großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder
+unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem
+Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
+Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten
+Verfügungen zur Pflicht gemacht.«
+
+»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab,
+das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll.
+Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«
+
+Friedel sah ganz erschrocken auf:
+
+»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im
+Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte.
+Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
+leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:
+
+»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra
+etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«
+
+»Weil er in sie verliebt ist.«
+
+»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt
+nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder
+unterbleibt.«
+
+»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei
+Irrtümer gutheißen?«
+
+»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu
+sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«
+
+»Und das nennst du gerecht?«
+
+»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«
+
+Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein,
+denn sie antwortete traurig:
+
+»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins
+Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen
+bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
+auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater
+an?«
+
+Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da
+seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er
+den Kopf stützte:
+
+»Ich verstehe dich ja ...«
+
+Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl
+unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange
+der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.
+
+»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder
+auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«
+
+»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.
+
+Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen
+hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als
+Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an
+seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen
+Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf
+ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein
+aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
+sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild
+empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in
+denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
+Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll
+Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im
+Wind ... Was hatte er denn tun wollen?
+
+»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen
+seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras
+Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
+ihr ...«
+
+Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in
+seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn
+veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
+das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte,
+war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch
+wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.
+
+Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs
+saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte
+Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen
+melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog
+die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.
+
+ * * * * *
+
+Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem
+Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte
+Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren
+suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit
+leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit
+leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen
+Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er
+wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen
+konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig
+und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit
+an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an
+Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine
+Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte.
+Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
+geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente
+und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch
+zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein,
+daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende
+Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner
+sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann
+zu spielen versucht.
+
+»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos
+und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des
+Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in
+diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er
+die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
+Ernst.
+
+Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die
+Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt.
+Gleich darauf stand der Alte neben ihm.
+
+Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am
+Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde
+zurückerwartet.
+
+Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß
+sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.
+
+Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er
+begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der
+Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
+verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er
+konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist
+selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein
+gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
+tatlosen Ergebenheit.
+
+Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem
+bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich
+zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in
+die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
+Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.
+
+»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
+gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
+zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
+herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
+nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«
+
+Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit
+Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines
+Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
+Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann,
+in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn
+zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
+Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde
+zog?
+
+Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag
+beschäftigte:
+
+»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen
+gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in
+der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der
+Kraft des Lebendigen.«
+
+Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes
+Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu
+Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg,
+durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe
+flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie
+seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen
+brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --
+
+Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand.
+Sie lachte über seinen Schreck:
+
+»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es
+hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor
+dem Licht.«
+
+Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen
+blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims,
+streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden
+Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein
+sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des
+Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen
+Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit
+den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am
+Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen
+Erde.
+
+Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd
+einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug,
+und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
+Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens
+hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft
+flatterte.
+
+Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe
+warnend musterten, und ohne zu sprechen.
+
+»Lies«, rief er bebend.
+
+Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie
+weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer
+unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie
+sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.
+
+Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der
+Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er
+schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder
+gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst
+du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern
+mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...
+
+»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre
+Augen leuchteten wildherzig und froh:
+
+»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«
+
+»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ...
+noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«
+
+»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«
+
+»Bitte«, sagte er.
+
+Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist
+keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der
+Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
+Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein!
+Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie
+sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.
+
+»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich
+nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich
+nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«
+
+Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er
+ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das
+Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas
+sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie
+man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:
+
+»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«
+
+Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in
+seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht
+denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es
+schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von
+Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz
+einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst
+viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
+im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan
+hatte.
+
+Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür
+hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als
+müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme
+Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an
+Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war,
+als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.
+
+Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah
+sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und
+Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
+seine Scherze wider.
+
+Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:
+
+Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich
+verschenkt habe.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse
+endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und
+sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die
+Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken
+Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten
+Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
+jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig
+gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne
+aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete,
+während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die
+Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle
+verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.
+
+Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:
+
+»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«
+
+»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist
+von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich
+ungestraft auf den Kopf stellen?«
+
+Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in
+ihre alte Lage bettete.
+
+»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.
+
+Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:
+
+»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«
+
+Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und
+erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen
+Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen
+unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.
+
+»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der
+seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.
+
+Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf
+der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier
+mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es
+war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu
+finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend
+heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!
+
+»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.
+
+Friedel lachte.
+
+»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse
+Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb
+Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen
+Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich
+sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich
+darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.
+
+Der Alte wandte sich an Helmut:
+
+»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«
+
+Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.
+
+»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht
+dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster
+Genüsse.«
+
+»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.
+
+»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«
+
+»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«
+
+Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und
+Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen
+Vorbereitungen brauchte.
+
+ * * * * *
+
+Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen
+war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte
+Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen
+Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang
+verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in
+den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun.
+In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in
+funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der
+Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde
+Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt.
+Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des
+Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der
+in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in
+das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.
+
+Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der
+Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den
+Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer.
+Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen
+Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage
+zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein
+Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.
+Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre
+Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der
+längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
+hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten
+Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner
+Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die
+qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen
+wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen
+Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --
+
+Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden
+niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige
+erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen
+emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure
+Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften
+Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand
+der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem
+singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die
+draußen im Mond schlafen ...
+
+Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte
+seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen
+die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf
+ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des
+schweren Eichtisches.
+
+Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein
+helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin
+fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra
+rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die
+volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die
+Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben
+die Frevler am Gut des Toten.
+
+»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.
+
+Martin nickte schwermütig.
+
+»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«
+
+»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.
+
+»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«
+
+»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie
+diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«
+
+Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen,
+die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen
+Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann
+langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In
+diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen
+sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die
+sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu
+denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand
+bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten
+hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen
+Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei
+ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die
+wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche
+der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber
+allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit
+ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das
+Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr
+leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf,
+schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster
+Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
+ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast
+zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas
+und rief:
+
+»Es lebe Graf Konstantin!«
+
+»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an
+der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am
+Boden folgte.
+
+Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an,
+als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von
+außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch
+alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte
+Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um
+Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna
+stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im
+flatternden Kleid:
+
+»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am
+Boden!«
+
+Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über
+die Nacht an sich zu reißen:
+
+»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und
+obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf,
+die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
+Helmuts Arm:
+
+»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«
+
+Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde
+zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis
+zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
+ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras
+beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im
+Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer
+seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.
+
+»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast
+du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm
+aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger
+brauchst du!«
+
+Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde
+von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.
+
+Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ
+er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.
+
+»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«
+
+»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«
+
+»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«
+
+Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.
+
+»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme
+müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich.
+Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur
+Stelle ist.«
+
+Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr
+noch einmal zu Hilfe eilen.
+
+»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es
+gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ...
+reit nicht zu wild ...«
+
+Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein
+Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit
+einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie
+gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen
+hellen Triumph von Hast und Willen.
+
+Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein
+klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und
+Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht
+hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand
+im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:
+
+»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«
+
+»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.
+
+Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei
+vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der
+Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war
+leer.
+
+»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den
+Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«
+
+ * * * * *
+
+Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die
+Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber
+obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit
+hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war,
+der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war
+ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
+es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften
+zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese
+Nacht für sich selbst. --
+
+Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.
+
+»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben!
+Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche
+Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort
+draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie
+Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch
+nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir
+überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da
+oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir
+doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du
+weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«
+
+Helmut raffte sich auf:
+
+»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu
+Bett.«
+
+»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine
+deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die
+ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst
+komme ich nicht über diese Nacht.«
+
+»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen
+genug.« --
+
+Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten
+Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in
+seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges
+Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in
+den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf
+den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den
+matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe.
+Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn
+schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin
+hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster
+stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die
+gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit
+heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und
+senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.
+Und nun verstand er die dumpfen Worte:
+
+»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« --
+
+»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«,
+flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber
+und preßte die Zähne auf die Lippe. --
+
+Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend
+lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen
+Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen,
+daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe,
+es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der
+Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl
+Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit
+seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer
+Trauer auf.
+
+Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die
+Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem
+Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte
+Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.
+
+»Die Mutter lebt, Herr Graf.«
+
+Ein Kopfschütteln ...
+
+Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte,
+richtete sich Helmut auf und fragte:
+
+»War es ...« Er stockte.
+
+Der Arzt war wieder an seiner Seite.
+
+»Wonach fragten Sie?«
+
+»Ein Sohn?«
+
+Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.
+
+Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im
+Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen
+Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
+Gesicht vor ihn hin.
+
+Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum
+erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen
+fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an
+ihre Brust sinken.
+
+»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als
+ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«
+
+Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:
+
+»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«
+
+Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer
+sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren
+Mund für seine Küsse.
+
+»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe?
+Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist
+tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
+zurückgibst, was ich dir geben muß.«
+
+»Was soll ich tun?« fragte Afra.
+
+Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung
+zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.
+
+»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß
+ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige
+Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«
+
+Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz
+der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht
+doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen
+Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums
+schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte
+in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie
+andächtig und wild hervorstieß:
+
+»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut
+sein ...«
+
+Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche
+und Verstörtheit stammelte er:
+
+»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«
+
+Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das
+Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich
+wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
+sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von
+der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie
+hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen
+gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er
+taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:
+
+»Du Erbärmlicher.«
+
+Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die
+Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe
+niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren
+Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die
+oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt
+pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt
+hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im
+hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen,
+im Vollkommenen, am Herzen Gottes.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das
+Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne
+die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam
+forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das
+Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der
+Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre
+niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange
+auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken
+vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu
+ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem
+kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre
+klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine
+lindernde Ohnmacht versanken.
+
+Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte
+niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem
+irdischen Treiben nicht wieder zu.
+
+Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der
+Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an
+der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und
+schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische
+Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen
+sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
+in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand
+segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur
+für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
+betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind
+den Vater im Himmel finden möge.
+
+Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten
+Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre
+Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:
+
+»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.
+Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«
+
+»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht
+getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein
+Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast.
+Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders
+treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von
+uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu
+verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir
+gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich
+lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung
+der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen
+kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im
+Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es?
+Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,
+dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der
+gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«
+
+Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:
+
+»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von
+Herzen gemeint sind.«
+
+Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald
+hinein. --
+
+ * * * * *
+
+Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von
+Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren
+und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
+war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und
+sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet
+sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den
+stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der
+Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer
+gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist
+in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der
+Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen
+Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre
+Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre
+höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.
+
+Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der
+Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten
+verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
+Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß
+sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht,
+sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche
+Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und
+Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den
+Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte
+sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung
+zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige
+Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer
+unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.
+
+Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen
+und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und
+beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm
+lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht
+ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß
+es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an
+den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich
+nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und
+dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das
+sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein
+schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten
+frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um
+Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als
+wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
+aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein
+Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles
+hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.
+
+Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von
+Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten
+Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
+bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle
+Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er
+sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein
+unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein
+leerer, singender Wind.
+
+Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu,
+er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze
+und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die
+Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein
+Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.
+
+»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer
+klang.
+
+Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über
+Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten
+Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die
+Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am
+Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe
+Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in
+beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den
+unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein
+Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer
+Beglückung weitete.
+
+Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage
+hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er
+hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine
+Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein
+bewegte, ließ er sie allein.
+
+Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser
+oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße
+tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
+nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die
+Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem
+Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen
+hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende
+Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit
+Ermahnungen zu Helmut trieb:
+
+»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich
+an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben
+heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
+Reitpferde, alles hat geholfen.«
+
+Helmut mußte lächeln.
+
+»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen
+mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten;
+ich weiß schon alles.«
+
+»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in
+Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute
+kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«
+
+»In der Liebe?«
+
+»Nein, in der Arbeit.«
+
+»Das kommt vom guten Beispiel.«
+
+»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die
+halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt
+aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach
+heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches
+Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie
+meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.«
+
+Helmut wandte sich gequält um.
+
+»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit
+Afra sprechen.«
+
+Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so
+verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke
+bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf
+und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von
+Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als
+erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit
+erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
+Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.
+
+Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in
+gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie
+gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er
+versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem
+Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem
+Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch
+jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an,
+etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der
+Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von
+diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine
+leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und
+sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als
+habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das
+reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
+Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden
+Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte
+Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft
+versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen
+Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.
+
+Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten
+einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins
+Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem
+Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem
+Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und
+feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im
+rötlichen Licht.
+
+Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm
+ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten
+Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das
+andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht
+leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren
+Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu
+der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.
+
+»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich
+bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
+Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«
+
+Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder
+und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in
+den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras
+Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die
+einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
+schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut
+bewachen sollte.
+
+Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung
+des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden,
+daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen
+sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte
+Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.
+
+Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe
+die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich
+daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?
+
+Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah
+die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der
+Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden
+Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
+
+»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich
+fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr
+ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich
+keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung
+schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz
+möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der
+keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein
+Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber
+begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
+abkehrt ...«
+
+Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.
+
+Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite
+geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.
+
+Sie schlief.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen
+teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich
+über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in
+umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die
+Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer
+seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine
+Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen
+Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer
+verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel
+zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei
+dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.
+
+»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus
+einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen
+gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«
+
+Helmut mußte es verneinen.
+
+»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert
+mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß
+dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«
+
+Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen
+Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von
+der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die
+bunten Ampeln tragen sollten.
+
+»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir
+matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies
+Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken
+springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte.
+Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen,
+sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und
+denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das
+wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist
+hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien
+nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper
+da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte
+zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das
+glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der
+Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr
+eine andere unter die Syringen. Einmal -- ich sage dir, der Förster kann
+erzählen, daß einem die Haut einreißt -- bekam eine Wind von der Schar
+ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was
+die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben.
+Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen
+den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit
+Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war
+mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre
+Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«
+
+»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«
+
+»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es
+aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weißt du,
+daß der Förster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«
+
+Helmut erbleichte.
+
+»Leutegeschwätz«, stammelte er.
+
+Friedel sah ihn groß und lange an.
+
+»Scheint mir nicht. -- Die Frau dieses Gärtners, Garting oder wie er
+heißt, soll sehr schön gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie
+mit irgendeinem Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer
+im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bündel
+entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«
+
+Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich berührt, ihm war, als
+zögen Friedels Worte alles in den Alltag, für jenen gab es nur faßbare
+Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen
+zu empfinden.
+
+»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, woher
+Afra stammt.«
+
+Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwürfe gegen sein
+Verhalten zu suchen, lenkte ein:
+
+»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil ich oft so
+leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen nicht auf den Grund.
+Meinst du, ich erkennte immer nur die Außenseite? Kein Gedanke. Ich
+fühle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große,
+heimliche Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir
+daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher die Frauen waren,
+die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich für mein Teil hat's an der
+Gurgel ...«
+
+Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch
+sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.
+
+Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er
+hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von
+ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah
+er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in
+eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte.
+Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine
+Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein
+erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet
+antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem
+Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns
+gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein
+zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der
+schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ
+ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn
+trafen, und er schämte sich eines Gefühls von Gemeinschaftlichkeit, das
+er nicht ganz unterdrücken konnte.
+
+Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß
+Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des
+Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung
+erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und
+der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des
+Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch
+seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als
+Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine
+Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich
+mehr und mehr in grausame Erwartungen. --
+
+Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen
+der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den
+Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert.
+Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und
+Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen
+und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal
+die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter
+der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er
+Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine
+Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.
+
+»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was
+erwartet man von mir?«
+
+Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor
+ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle
+ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte
+umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen
+Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang
+am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend
+fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen
+helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger
+Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in
+ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein
+hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten
+Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.
+
+»Afra!«
+
+»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal
+an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab.
+Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«
+
+»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber
+du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos
+anzubeten? Afra!«
+
+»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert
+ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. -- Nein, dort
+unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...«
+
+Er zog die Hand zurück.
+
+Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam und als er später den
+alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Röcke leuchteten,
+und die Livreeknöpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die
+Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm wohl, es faßte ihn
+für einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewußtsein und Würde.
+Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst
+nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der
+sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glänzten,
+wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die
+diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er über
+den Burschen und die Mädchen des Guts gehört hatte. Er verlachte die
+Leichten alle ...
+
+Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten und ob sie mit dem
+Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen dürften. Das war stets der
+Anfang; Helmut ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem
+einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war,
+als warteten alle nur auf sie.
+
+»Was erwartet man von mir?« fragte er.
+
+Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:
+
+»Du mußt ein paar Worte sprechen.«
+
+»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur
+befangen und erfreue niemand.«
+
+»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«
+
+Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet hatte. Einen
+Augenblick wallte es heiß in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie
+sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewiß an ihrer
+Hüfte ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem
+beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn
+her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen
+Herrlichkeit dieses großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.
+
+Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmückt und
+in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund,
+ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor
+ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingeübt
+hatte, stand steil und überragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann
+kamen die Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und Männer
+bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch
+ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur für die Erntezeit
+angeworben waren und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior
+die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur Terrasse hinausführten,
+und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender
+Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mädchen
+schwenkten ihre Tücher, und die Männer zogen die Hüte und reckten sie in
+die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in
+vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und fröhlich:
+
+»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel
+Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so
+froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.«
+
+Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer
+Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn
+betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen,
+und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen
+Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn
+zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von
+heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran
+nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.
+
+Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. -- Die Musik brach ab, und die
+Gesichter wurden bewegungslos ernst.
+
+Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu
+einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie
+sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig
+sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des
+Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und
+den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel.
+Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig,
+mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung
+in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr
+und verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die
+jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich,
+deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem
+Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen
+ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er:
+
+»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen
+nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum
+geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne
+daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen
+sind.«
+
+Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand
+hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte
+Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als
+schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen,
+kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in
+den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des
+Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie
+nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten
+wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu.
+Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich
+empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und
+zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und
+sagte:
+
+»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«
+
+Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:
+
+»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.«
+
+Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra
+die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern
+zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte
+niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein
+schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und
+Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm
+gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke,
+die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann
+brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag
+im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem
+unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das
+Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und
+die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es
+untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein
+Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden
+dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten,
+hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die
+Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz
+hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.
+
+»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, sagte Afra, »es ist
+ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.«
+
+Sie wandte sich an Friedel:
+
+»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«
+
+»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.
+
+Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige seine Geige
+zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in
+denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er
+dankte es ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn in
+ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke seinem Spiel
+anvertraute. Sie hörte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige
+Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.
+
+ * * * * *
+
+Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spät geworden, ihm
+war, als er an das geöffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte
+sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel,
+Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte
+Aufgewühltheit seiner Sinne ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der
+Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen Bilder
+der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die drehenden Paare, die goldenen
+Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten,
+und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen Laute
+ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte wieder Friedels helles
+Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit
+Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum
+erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mußte es Elsbeth
+um vieles besser gehen. -- Er lehnte sich müde an das Fensterkreuz, wie
+wollte dies alles enden?
+
+»Was tue ich mit meinem Leben?« --
+
+»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und verbeugte sich, »ich
+trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will.« Er sah sie wieder zu dreien
+bei der Musiktribüne stehen, Friedel die Hände in den Taschen. --
+
+Fern von den Feldern herüber klang durch die davonziehende Nacht Gesang,
+derbes Lachen und Grölen. Unten war alles still geworden, die
+erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter
+der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch Licht unten.
+
+Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen
+hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen
+feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden
+gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie
+darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges
+Mal nur in leidender Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen
+er erlag. -- Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so
+schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ...
+
+Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.
+
+»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! Ich will selbst
+sehen ...«
+
+Er erkannte die Stimme nicht.
+
+Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her,
+die über die Terrasse nieder in den Garten eilte.
+
+Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid vom Fest, im Lichtschein,
+der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, daß sie den
+Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.
+
+Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin.
+
+Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln herbeizwang. Es hatte
+ihn eine düstere Unruhe gepackt, die ihn plötzlich so heftig schüttelte,
+daß er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er
+umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich die ganze Nacht
+erwartet habe ... töricht, töricht bin ich«, sagte er.
+
+Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß schon beim zweitenmal
+die Scheibe zerbrach. Dann hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch
+im Rausch niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten trieb.
+Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flüstern die
+Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war.
+
+Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte es an den Schläfen und
+im Halse.
+
+Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß ein Unglück geschehen sein
+mußte. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht
+doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortäuschten?
+Noch zögerte er, da sah er Martin, nur notdürftig bekleidet, einen
+Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen.
+
+Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so deutlich, als sagte ihm
+jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und
+er antwortete dieser Stimme:
+
+»Sie ist tot.«
+
+Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, bis zum
+entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose
+Gewalt ihn durch verworrene Träume gerissen, und doch blieben ihm
+Einzelheiten so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste
+nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener
+Nacht das Licht beständiger Vernunft in ihm erloschen.
+
+Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an
+der Tür und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht
+meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben
+ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein
+Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ... von hier aus ging der Weg in die
+Finsternis.
+
+»Wo sollen wir suchen?«
+
+»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der erzählte, es sei alles
+vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Büscheln um die nasse
+Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.
+
+»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«
+
+Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid
+gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien
+sich auf ihre Aufgabe zu besinnen.
+
+Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen:
+
+»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vögel um
+die Türme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen
+hausen hier, heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege ins
+Leben ... nackte Teufel ...«
+
+Martin hielt ihn.
+
+»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese Frau sich zu Grabe
+gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... laß mich los, Flegel!«
+
+»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.
+
+Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von plötzlich
+aufsteigender Wut:
+
+»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hölle doch den Rachen
+nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ...
+bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer herum, aber
+der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde
+hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.«
+
+Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber.
+
+»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! Dieser Narr ...« stammelte
+Helmut.
+
+Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe ihr plötzlich ein
+Gedanke Zuversicht, aber es mußte ein böser Gedanke sein, denn ihre
+Augen waren groß vor Grauen.
+
+»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, was ich sage? Nicht
+wahr, wir müssen sie finden, vielleicht ist es noch möglich, sie von
+einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.«
+
+»Sprich doch!«
+
+»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie finden.«
+
+»Sag wie, sag wie!«
+
+»Aja und Fenn.«
+
+»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna mit wildem Weinen
+emporfuhr. »Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden
+sie finden!«
+
+»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, geh' ich allein. Wir
+dürfen keine Minute mehr verlieren.«
+
+Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so
+trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren
+hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frühsten
+Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten
+Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein Halten gab.
+
+Martin stürmte die Treppen empor.
+
+»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier
+herauf. Flieg!«
+
+Martin verstand sofort.
+
+Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkürzen, sagte
+sie zu ihm:
+
+»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl
+wachsam, weißt du, aber nicht für wichtige Zwecke zu verwenden. --
+Besinn dich, wir werden sie gesund finden.«
+
+»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß sie nicht mehr atmet.«
+
+»Helmut, sprich nicht so.«
+
+»Sie ist tot.«
+
+Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes
+Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das
+Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes
+Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der Hündin über den dunklen
+Kopf.
+
+»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht
+werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier an das Bett der verschwundenen
+Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die
+Schnauze, die sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile los,
+und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« öffnete sie die Tür, und
+als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewußtsein, die schwarze Nase am
+Boden, befestigte sie ihn wieder und ließ ihn voran.
+
+Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber ihr ernstes
+Gesicht sah tieftraurig aus.
+
+Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden Tags wie
+nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner
+Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang
+zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob
+sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den
+Mauerwinkeln waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor gähnte
+in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. Und in allen Regionen,
+durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am
+Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, so
+daß er den Arm des Mädchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und
+immer in etwas schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald
+zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über schmale Waldwege
+dahin, bis plötzlich jemand sagte:
+
+»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«
+
+»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.
+
+Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener
+Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges
+Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die
+Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen
+Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und
+bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.
+
+Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott,
+vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was
+ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.«
+Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen
+Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die
+braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein
+Mädchen hinter ihrem Rock.
+
+»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.
+
+Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier
+vor sich gegangen war. >Aja< zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das
+Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht
+beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert
+wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen
+nicht.
+
+Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der
+kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter
+seinem Arm:
+
+»Nicht dort! Gib acht!«
+
+Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf
+ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines
+Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte.
+Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll
+geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese
+furchtbaren Laute aus.
+
+Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der
+Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche
+eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte
+sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich
+der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen
+wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten,
+großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger
+Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen,
+und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die
+Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein
+tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am
+Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes
+kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch.
+Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in
+wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war
+und ins Ziellose des Verderbens führte.
+
+Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo
+niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes
+Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb
+hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein
+Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.
+
+Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß
+Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in
+der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die
+keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen
+Beschwichtigungen des Todes wirkte.
+
+Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam
+zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres
+Land erreicht hatten.
+
+»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.
+
+Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.
+
+»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man
+ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst
+wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer
+gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und
+Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen
+den langen und rauhen Winter verschanzten.
+
+Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer
+stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu
+im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die
+Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie
+schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen,
+und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
+hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen
+Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel
+spiegelten.
+
+Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte
+damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen
+lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er
+die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es
+dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den
+Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn
+selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht,
+durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich
+stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben
+dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund
+durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes
+zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte.
+Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich,
+es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob
+Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge
+Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts
+zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber,
+nach der Leiche Ausschau zu halten.
+
+»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit
+keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren
+Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr
+erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände
+oder ihr Gesicht verletzen.«
+
+Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab.
+Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen,
+durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren
+Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er
+dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach,
+mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.
+
+Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener
+bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war.
+Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen,
+alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich
+Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die
+Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
+Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes
+Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem
+Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der
+Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte.
+Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und
+Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin
+eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:
+
+»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«
+
+Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr
+als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in
+den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen
+können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden.
+Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
+stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem
+Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres
+weltverlorenen Daseins niedersank.
+
+Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der
+Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam
+sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die
+Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer
+Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber
+sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht
+geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen
+Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge
+ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen,
+die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es
+war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt
+worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das
+oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft,
+sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.
+
+Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und
+Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne
+durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich
+brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch
+mit seinem Einzug.
+
+Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst,
+über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus
+Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren
+Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und
+verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren
+geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
+dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst
+und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden
+Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
+Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit
+gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach,
+worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag
+es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie
+verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein
+um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die
+sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie
+leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr
+ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich
+erscheinen lassen.
+
+Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe
+liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in
+eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und
+das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen
+eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre
+spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen
+Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem
+Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe
+entrückt.
+
+Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends,
+durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ
+sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in
+der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte.
+Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein
+Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von
+Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für
+eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael
+hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger
+das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf
+seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
+schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann
+hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um
+die Schultern und ihr lächelnd gezeigt:
+
+»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«
+
+So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler
+erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen
+Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu
+sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das
+Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit
+fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
+Wegpappel mit ihrem Krähennest.
+
+Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang
+vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der
+Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
+Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf
+Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr
+Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein
+Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der
+Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der
+triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen.
+Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
+deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein
+Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem
+verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und
+zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie
+gehörte.
+
+Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels
+romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden
+oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
+wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so
+hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen
+Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in
+große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
+Tod in die großen Augen schauen müssen.
+
+»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom
+Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für
+meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben,
+bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«
+
+»Was?« hatte sie gefragt.
+
+»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«
+
+Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das
+hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein
+von Wahrheit auf seine Worte übertrug.
+
+Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in
+Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner
+nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.
+
+»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über
+Helmut oder über ...«
+
+So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit
+der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige
+Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf
+Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
+verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen
+Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.
+
+»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und
+Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es
+sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge
+nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
+Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich
+für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne
+oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,
+bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren
+oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's
+erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind.
+Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«
+
+Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man
+Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein
+Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb
+stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des
+Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu
+werden.
+
+Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden,
+die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer
+Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner
+aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen
+Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse
+führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang
+der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So
+war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die
+zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit
+zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz
+neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.
+
+Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen,
+die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten,
+schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges
+ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den
+gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter
+denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen
+Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine
+grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen
+geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des
+Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das
+gelichtete untere Gezweig starrte.
+
+Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes
+lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten
+Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu,
+als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte
+er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die
+Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der
+rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für
+einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des
+Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der
+breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies
+sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem
+Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber
+trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem
+raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am
+Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der
+Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende
+Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine
+unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden
+und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine
+Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem
+Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander,
+sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie
+zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur
+Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie
+die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken
+oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie
+blieb stehen und betrachtete den Eindringling.
+
+Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos
+nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel,
+denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken
+glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug
+oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen
+seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung
+aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte
+sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da
+er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die
+Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht
+von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.
+
+Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne
+hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so
+fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines
+Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und
+nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie
+ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.
+
+Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls
+rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht
+immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre
+Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich
+war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen
+Worte:
+
+»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«
+
+Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur
+reiche und im tiefsten Wesen beständige Naturen erleben, überkam sie der
+Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste
+hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen Sturm aus ihrem Herzen
+zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war,
+als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin
+von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und
+aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer
+durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.
+
+Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in
+ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie
+wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn
+ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht
+einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu
+vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein
+schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine
+Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den
+Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so
+großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und
+beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal
+in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude
+hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen
+geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft
+aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und
+über die keine Form der Höflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum
+Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen.
+
+Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang
+trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog
+und etwas unwirsch nickte.
+
+»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine
+Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:
+
+»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«
+
+»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf
+Heiterkeit gestimmt.
+
+Sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt,
+hier einzutreten?«
+
+»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein,
+war das ein mißmutiger Geselle.
+
+Er hob wieder die Hand.
+
+»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist
+ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe
+hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.«
+
+»So, gefällt Ihnen Wartalun?«
+
+»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Können Sie
+sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß
+Gemeinschaft gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts diese
+starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort -- eine Wolke -- sehen Sie
+denn nicht? Sie müssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schloß ...
+Bäume ...«
+
+»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer Wolke?«
+
+»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...«
+
+Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur
+Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen.
+Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
+mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer
+Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu:
+
+»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier vorübergekommen und
+hätte um Erlaubnis bitten müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein
+herrliches Gesicht haben Sie, Fräulein!«
+
+Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches Wesen zu
+lächeln, sie fühlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie
+nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen
+Hilflosigkeiten dieses Menschen zu übersehen.
+
+»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. »Sie brauchen doch
+nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.«
+
+»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für einen Augenblick warm
+an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie
+wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines von ihnen
+sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und
+in seine Augen kam ein beseligtes Leuchten.
+
+»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« rief dieser arme
+Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die
+dürftigen Kleider, die er trug.
+
+Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach
+seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie
+sich scheute, etwas Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich
+rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die
+diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begründenden Ausbruch seines
+Empfindens ausglich, aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte,
+hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
+Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an und sagte:
+
+»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch
+noch nicht kenne.«
+
+Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft machen, und sie rief
+lachend:
+
+»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem Dank.«
+
+Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er ihre Züge.
+
+»Sie wollen nicht?«
+
+»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schloß
+genügt, und danke Ihnen vielmals.«
+
+»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts bedeuten.«
+
+»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra herzlich.
+
+»Nein. Das könnte ich hier tun.«
+
+»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will
+den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.«
+
+»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.
+
+»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne
+etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen,
+mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
+und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch
+die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die
+grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des
+Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und
+Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.
+
+Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras
+Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte
+stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
+war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn
+nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln
+einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das
+Afra ihm öffnete.
+
+Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf
+dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu
+haben schien.
+
+»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen,
+falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht
+zum Nachtmahl.«
+
+Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen,
+wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die
+Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
+zurück.
+
+»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird
+vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube
+angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm.
+Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«
+
+»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er
+entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was
+essen?«
+
+»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später
+Wäsche für sein Bett geben.«
+
+»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?«
+
+Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen
+sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten
+sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung
+eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam
+um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr
+Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus
+den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre
+Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das
+sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ
+sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das
+Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete
+ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und
+dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den
+deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig
+vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich
+gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und
+legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
+des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten
+Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über
+sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde
+heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden
+Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und
+ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen
+Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht
+kannte.
+
+Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich
+seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der
+alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war
+eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter
+seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.
+
+Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des
+schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den
+Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst
+schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.
+
+Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete
+und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! -- Jetzt taumelte
+Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
+beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein
+Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung
+umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr
+Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie
+Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger
+Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont
+des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige
+Waldungen in der Sonne.
+
+Es führte kein Weg dorthin zurück.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen
+peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen
+Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten
+ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und
+Winkeln des Schlosses.
+
+Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die
+Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren
+grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten,
+wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich
+der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten
+begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren
+Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln
+und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte
+sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte
+Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die
+Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde
+und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der
+Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das
+Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem
+Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der
+Verzweiflung. --
+
+Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine
+geschnitzte Truhe im Saalwinkel.
+
+»Martin!« rief er.
+
+Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:
+
+»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier
+Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr
+mich hier noch in Ruhe sterben sehen?«
+
+Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen
+dunklen Rahmen der Tür.
+
+»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu
+beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das
+bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.«
+
+»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne
+Teilnahme.
+
+Wo Herr Friedel wäre.
+
+Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen
+Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können.
+
+»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich wäre längst von
+dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann
+die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie
+auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, während er
+zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um
+und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort
+hängen, oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an Seeufern
+unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht wüßte ... dieser Narr.«
+
+»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet«, sagte
+Melchior. »Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht
+fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht
+ist lebendig, ich muß daran denken, es geht mit mir umher, redet und
+schaut.«
+
+Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:
+
+»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn reden.«
+
+»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.«
+
+Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg
+umständlich vom Tisch.
+
+»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, »ich brauchte ein wenig
+Geld.«
+
+»Gut, der Verwalter wird dir geben.«
+
+»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«
+
+»So warte bis morgen ... Nun?«
+
+»Der Wein geht zu Ende.«
+
+»Können vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?«
+
+»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt
+allein ...«
+
+»Schweig. Das war keine Frage.«
+
+»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.«
+
+»Dir nicht auch, Melchior?«
+
+»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«
+
+»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses
+Gesicht über den Alten. »Stimmt es einmal wieder nicht? Müssen wir den
+Herrn fragen?«
+
+»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.
+
+Das Mädchen sah ihn forschend an.
+
+»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig
+aus. Ich kann nichts tun?«
+
+»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... ich ...«
+
+Sie sah sich um, als suchte sie jemand.
+
+»Es ist niemand da«, sagte Melchior.
+
+Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie besonnen und mit
+traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und groß, wie sie in
+verlorener Befangenheit in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie
+nach einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder
+sahen auf sie nieder.
+
+»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der Sessel dort
+bedeutet?«
+
+Der alte Diener nickte.
+
+»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die Toten soll niemand
+zum Gespött machen, wer von uns könnte ertragen, zu denken, daß
+Überlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel
+an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen
+soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir Martin gesagt. -- Iduna geht
+nachts zu Herrn Gentler ...«
+
+»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich
+ihnen die Felder pflüge?! Für die Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie
+selbst sorgen.«
+
+»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, fuhr Melchior
+eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen
+Stimme, »und dort ist es noch alles beim alten.«
+
+»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«
+
+»Der Herr Graf will es nicht.«
+
+»Ich will es«, rief Afra.
+
+»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«
+
+Afra fuhr steil empor.
+
+»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke
+Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem
+Platz steht. Gesindel!«
+
+Melchior atmete auf.
+
+»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum läßt du so viel
+im Schloß geschehen?«
+
+»Ich, Melchior -- ich?«
+
+»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und
+machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause
+ist, läßt du mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter
+Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode,
+die man sicherlich in Monaten sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse
+ohne Mißgunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen
+Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...«
+
+»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine
+braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder
+blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen
+sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen in den Glanz der
+großen blühenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von
+einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den
+hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie
+Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wänden.
+
+Friedel fiel es auf.
+
+»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, wo wir uns hier
+befinden. Wenn man sich vorstellen könnte, die Nacht draußen über der
+Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter
+Sarg.«
+
+Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah Friedel mit
+aufleuchtenden Augen an.
+
+»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.
+
+»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam das nur so in den Sinn,
+ganz zufällig.«
+
+»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht hätten, würde es Ihnen
+wohl nicht eingefallen sein.«
+
+Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann beugte er sich
+wieder über seine Geige.
+
+»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«
+
+»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.
+
+Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines
+Zorns.
+
+»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier
+Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles
+Klagen über, und es wurde ein Lied daraus.
+
+Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des
+Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten
+nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar
+nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut
+dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte
+keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie
+fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und
+die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im
+Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in
+feinen Goldlettern in die Gläser graviert.
+
+Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte
+dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des
+fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen
+Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen
+schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief
+beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie
+befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden,
+aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet
+hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was
+er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man
+erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden
+verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen
+Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister
+des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang?
+Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau
+über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald
+vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ...
+
+Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in
+seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese
+schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher
+Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.
+
+»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im
+Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.«
+
+Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah
+Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt.
+
+»Ich gehe!«
+
+»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es
+wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche
+Geister dein Hiersein im Bann hält.«
+
+»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn
+nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und
+stellte es ruhig hin.
+
+Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war
+Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken
+einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in
+ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder
+und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses
+geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine
+heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und
+Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten
+ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die
+Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und
+für wen blieb sie es?
+
+In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit
+anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand,
+und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich
+wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse:
+
+ »Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,
+ eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;
+ die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
+ immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.
+ Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,
+ einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;
+ die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,
+ eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«
+
+»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?«
+
+Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.
+
+Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte
+und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus
+dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins
+Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses
+Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht
+wissen, woher wir kommen und gehen ...«
+
+Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich
+plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der
+einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas
+von Wartalun:
+
+»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser
+dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen,
+was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere
+Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht
+sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es
+gegriffen?!«
+
+Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen
+vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie
+starrte in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.
+
+»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein
+zu. Dann stand er auf und stützte Helmut.
+
+»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken
+macht aus dem besten Kopf ein Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen
+Stuhl nieder.
+
+»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes Königreich.«
+
+Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren
+Lächeln:
+
+»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. »Sie dürfen nicht in
+Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.«
+
+»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich nicht hinter die
+Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du ißt unser Brot und
+trinkst unseren Wein!«
+
+Paule sah Friedel an.
+
+»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.
+
+»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst
+du, während uns das Herz verdirbt und davonfließt. Du bist hinterlistig
+und verrucht, du balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und
+beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«
+
+Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel,
+bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: »Er verteidigt sich nicht,
+ist das ein Ungeheuer, nein, so hört doch.«
+
+»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule hingebeugt.
+
+»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.
+
+»Martin, schenk mir ein!« rief sie.
+
+Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fühlte
+ihn in ihrer Nähe, er beugte sich nieder, und sie hörte den leisen,
+gläsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen
+Zug aus.
+
+»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen Augenblick sah sie
+seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie
+zärtlich. Sie ritt als Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten
+von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen,
+der grüne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle
+Waldestiefe hin ...
+
+Das Bild versank.
+
+»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, sagte Afra zu Paule mit
+einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind
+Sie schon Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«
+
+»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein
+Glas!«
+
+Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel herab sank eine
+böse heiße Stille. Der Fremde ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken
+und schwieg. Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch lagen,
+in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie
+angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck
+qualvoller Hellsichtigkeit. Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille,
+in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte,
+aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der
+Kehle, und schrie das Mädchen heiser an:
+
+»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit.
+Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.«
+
+»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie
+antwortete.
+
+»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch
+die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich
+fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...«
+
+Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann
+schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah
+sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:
+
+»Wer hat, dem wird gegeben.«
+
+Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn
+ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung
+lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.
+
+Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr
+war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als
+nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll
+unbestimmbaren Glaubens.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am
+anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich
+in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete
+sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die
+Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube,
+die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste
+enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen
+ließ.
+
+Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen
+empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten
+Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr
+hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der
+Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der
+frühen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt
+für eine kurze Weile.
+
+Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen
+Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine
+Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank
+darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des
+Pferdestalls eine Laterne.
+
+Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich
+umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem
+freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster
+hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und
+warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben,
+schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit
+hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so
+beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd
+wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es
+selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des
+wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen
+klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten
+Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten
+Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.
+
+Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als
+sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.
+
+Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde
+es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen
+Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter
+als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den
+Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen
+zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des
+Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres
+Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male
+gesehen:
+
+»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die
+ihn damals so bestürzt gemacht hatten.
+
+Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen
+Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem
+Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke
+der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. --
+
+Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die
+Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg
+suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten
+widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem
+Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. -- Aja und
+Fenn waren ja nicht bei ihr. -- Sie hielt Joni an. Die Nüstern des
+Tieres, das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in
+der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie
+nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß
+er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag
+anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten,
+ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und
+für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er
+wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück.
+
+ »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
+ immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«
+
+Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich
+schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen
+eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich,
+wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht
+eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann
+wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem
+Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie
+hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe
+zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete
+zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel
+wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie
+fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern aus mit Mühe in der
+Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen
+scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer
+Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das
+dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam
+die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal
+befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit
+ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab,
+sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum
+Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie
+langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah
+sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in
+strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn
+ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark.
+
+Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.
+
+Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr
+erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an
+einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar
+wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken
+mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man
+seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte?
+
+Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der
+Erinnerung übermäßig groß. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur
+Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern
+große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr
+unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der
+schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs
+neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem
+dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden
+würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die
+durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende
+Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.
+
+Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule
+wandte und ihn ansah, sagte er:
+
+»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen
+braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.«
+
+Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen:
+
+»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.«
+
+»Weshalb?« fragte er.
+
+Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:
+
+»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« --
+
+Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was
+kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren.
+Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie
+nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr
+getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt.
+Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie
+diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm
+vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch
+die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er
+die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei
+er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender
+Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter
+ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer.
+Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten,
+wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden
+sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger
+herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen,
+die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand
+preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der
+Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit
+dieser Lebensarmut.
+
+Sie nahm das Pferd wieder herum.
+
+»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an
+sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in
+ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:
+
+»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Güte
+des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir
+der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu
+beweisen?«
+
+Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und
+Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle
+Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt
+haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner
+Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer
+Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.
+
+Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten
+Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden
+Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die
+beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier
+auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie
+der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut
+blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den
+Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel
+kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.
+
+Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße,
+und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen
+Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein
+aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur
+Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und
+sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre
+Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um
+ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie
+eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah
+ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie
+ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote
+straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus
+ließen.
+
+»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich
+ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!«
+
+Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken
+schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern
+waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die
+Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr
+verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück,
+obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz
+stürmte.
+
+»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« --
+
+»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...«
+
+Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie
+überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu
+begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel
+sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu
+ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt.
+
+»Ich muß zu dir, Afra.«
+
+»Jetzt nicht, geh!«
+
+»Es ist wichtig.«
+
+»Bleib draußen!«
+
+Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes
+Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen
+Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte
+ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden,
+dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den
+Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und
+seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die
+sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von
+einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine
+Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den
+Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den
+Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte
+er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und
+Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in
+diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon
+genommen.
+
+Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt
+sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an
+der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr
+sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit
+unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen
+der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im
+Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener
+Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten
+herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der
+Reitgerte in der Hand verbringen. -- Oben stieß sie, ohne anzuklopfen,
+die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe
+seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es
+ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht
+beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den
+großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in
+seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens
+ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:
+
+»Ich muß mit dir sprechen.«
+
+Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem
+Herzen mit der Hand zu Hilfe.
+
+»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«
+
+»Friedel verläßt morgen das Schloß.«
+
+»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«
+
+»Ich will es.«
+
+»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete unter den Verwüstungen
+auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. »Es muß etwas geschehen
+sein, sag es mir. Was ist geschehen?«
+
+»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in dem Dunst, der von
+eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen
+Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,
+erniedrigt mich!«
+
+Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen Erstarrung,
+sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und während er
+die geballten Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht,
+das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und
+schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.
+
+»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das
+ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken,
+Mörderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,
+was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den Quellen meines Lebens,
+beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!«
+Er schien am Übermaß seines Hasses zu ersticken.
+
+Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine Worte berührten sie wie
+stäubender Schutt und heißes Blut, aber sie machten sie nicht einen
+Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten
+war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der
+herausgeforderten Seele, wo im Sturm der Not Bedrängnis zur Erkenntnis
+und Zweifel zur Gewißheit werden.
+
+»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hände. Du bist mir
+gleichgültig! Daß du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von
+einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer
+überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.«
+
+Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei
+nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last.
+Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra
+nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines
+gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt.
+
+»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen?
+Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!«
+
+»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet.
+Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das
+ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor
+Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat
+dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.«
+
+»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie
+mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du
+tust!«
+
+»Ich weiß es!«
+
+»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet
+sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan
+hast.«
+
+»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere
+ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde
+bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer
+Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu
+schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den
+kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre
+Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am
+Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst
+noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.«
+
+Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken.
+Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden
+Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres
+Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu
+lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die
+Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz
+regelmäßig.
+
+»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich
+empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er:
+
+»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein
+Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«
+
+»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest du noch werden, eine
+Macht zu mißbrauchen, die du nie hast brauchen können. Meinst du, ich
+hätte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.
+Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den
+Äckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe
+verraten und verwandeln und schänden und schwankst zwischen
+Totenlämpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht.
+Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom
+Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt
+aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du
+es wagst!«
+
+»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu
+weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...«
+
+»Für dich gibt es diese Macht nicht.«
+
+»Du sollst sehen!«
+
+»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu halten, wenn ich ginge?«
+
+»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!«
+
+»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in solche Not, in der
+ich nach diesem Mittel greifen muß, um zu hüten, was mein ist. Hasse
+mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung
+nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, wirst du
+achten müssen. -- Ja, so höre es heute: ich will es haben. Ich will
+reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber hättet ihr
+nur einen meiner Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so
+würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schloß
+und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche
+Werte gelten, nun fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat
+nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen
+verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen
+Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergängliche, darin er sich
+bewährte. -- Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, die dir
+gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht
+ich.«
+
+Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede
+Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, selbst sein dumpfes Bewußtsein,
+daß ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn
+zwischen Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:
+
+»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu können, daß es dich
+gab, daß du lebtest, tötetest ... weißes Feuer du! Aus diesen nackten
+Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«
+
+Plötzlich schrie er laut:
+
+»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die
+Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...«
+
+Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer
+Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes,
+die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in
+Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu
+meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr
+war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer
+Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses
+Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst.
+
+Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes
+Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule
+in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.
+Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer
+Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne
+Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor
+alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen,
+solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du
+gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«
+
+Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen
+ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen
+können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in
+seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand
+zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß
+jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht,
+entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den rankenden
+Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze
+Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.
+
+Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja
+das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl
+mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu
+ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins
+vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das
+Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht
+und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die
+Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:
+
+»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht,
+denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?«
+
+Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten
+das Zimmer. Auch sagte er nur:
+
+»Wer bestehen kann? -- Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine
+Pflicht ist, davonzugehen.«
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an
+Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das
+Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen
+Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief
+zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten
+trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue
+Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst
+mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.
+
+Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das
+Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur
+zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im
+Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit,
+nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der
+Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des
+ersten Schnees.
+
+Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine
+Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An
+einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm
+auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im
+Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die
+großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes
+Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am
+Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten
+Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff
+seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los.
+
+Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und
+Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus
+den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten
+hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen
+der Seele.
+
+Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben
+Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer
+nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche
+Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des
+verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit
+den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene
+Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer
+eigenen Erlösung. --
+
+Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf
+ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen
+Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:
+
+ »Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das
+ Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird
+ Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich
+ für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen
+ meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen
+ liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du
+ begleitest mich als die Hüterin meines Verlangens nach dem
+ Vollkommenen.
+
+ Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich
+ habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der
+ begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn
+ solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen
+ erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf
+ der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und
+ Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht,
+ Heimweh und Vollendung. Ich bin
+ Benvenuto Paule.«
+
+Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als
+griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie
+Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel
+stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste
+Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies
+unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um,
+begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen,
+wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht
+auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da
+bin ich.«
+
+Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit
+plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter
+ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es
+fremdartig, klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange
+her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg
+durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange
+Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig
+und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die
+sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in
+Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?
+
+Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr
+vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt
+eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern
+und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher
+aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel
+zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des
+Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen
+Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu
+heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder
+hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres
+Daseins.
+
+Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr
+das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den
+Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit
+langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft
+jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule
+kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« --?
+
+Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und
+mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem
+ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß
+für immer zu verlassen.
+
+»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst.
+Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es
+bewegt, komm, sieh ...«
+
+»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn
+es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.«
+
+Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem
+Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche
+Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren
+letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:
+
+»Glaubst du, sie hielte nicht aus? -- Ganz andere Sachen! Hast du eine
+Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn
+überhaupt schon wieder fort?«
+
+»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«
+
+»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«
+
+Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht verstand.
+
+Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid ließ die
+schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke empor sehen, sie hatte den
+einen Fuß vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte
+gepreßt und knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die
+Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der
+Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war
+geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag
+erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf
+Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und
+Kraftbewußtsein. Sie starrte hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe
+sie von verworrenen, bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land
+zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben
+entflammte ihr Herz?
+
+»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen hinüber, das sie
+einst gewesen war, bis heute.
+
+Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, denn das Rütteln hörte
+auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des
+Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geöffnet
+waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. Erst leise, dann heftiger.
+Endlich öffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster.
+
+»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte noch, ich komme.«
+
+Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu,
+er kam aus der Küchentür.
+
+»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«
+
+Das junge Mädchen dachte:
+
+Und wenn ich nun Paule nicht finde?
+
+»Ja, ja«, sagte sie.
+
+»Wann kommst du, kommst du gleich?«
+
+»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«
+
+»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah Afra angstvoll an.
+Sie empfand nun, daß er erregt und traurig war.
+
+»Ich komme nicht.«
+
+»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, denn es steht böse um ihn.
+Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.«
+
+Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da
+kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt
+seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,
+als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:
+
+»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst nicht?«
+
+»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich könnte nicht, meine
+Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und grüß ihn und wünsch ihm
+Lebewohl. Ich käme nicht wieder.«
+
+»Was bedeutet das?«
+
+»Tu, was ich sage!«
+
+»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn
+werden?«
+
+Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine
+Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt,
+Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr
+unentbehrlicher war.
+
+Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für
+Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer
+und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er
+langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen,
+nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein
+müder Schritt hallte angstvoll wider ...
+
+Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie
+fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen.
+Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr
+geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil
+nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und
+zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und
+dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer
+Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig
+schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch
+ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,
+und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich
+und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein
+möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen.
+Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele
+mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit
+denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah
+Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang
+glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen
+Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund,
+den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels
+Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten,
+dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das
+Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen,
+satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese
+Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes
+Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu
+vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern
+der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder
+rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind,
+sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war
+wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.
+
+Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in
+Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt
+sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der
+Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs
+lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut
+schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in
+einer blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte,
+und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs
+verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die
+gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige
+Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung.
+
+Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.
+
+»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?«
+
+»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will
+wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?«
+
+»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin -- ja, der Herr ist hier
+gewesen ...«
+
+Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien,
+die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf:
+
+»Wo steckt er denn, der Prophet?«
+
+Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne
+Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:
+
+»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf
+Sie gewartet, Fräulein Afra.«
+
+»Hör, woher weißt du das?«
+
+Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, wandte sich der
+Landstraße zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun:
+
+»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«
+
+Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gäste der Wirtsstube
+angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der
+verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, und neben dem
+Eingang lagen leere Fässer.
+
+»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«
+
+»Ob ich will! -- Gleich ist es da.«
+
+Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten
+gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es
+drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten
+unter die Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte die
+Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis sah in den
+unverständlichen Schicksalen das Walten finsterer Mächte, und es war
+längst Gewißheit geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse
+Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im
+Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten
+den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen
+erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so
+mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in seinen Bann geraten sei. Das
+Schloßgesinde erzählte unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über
+das junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt hatte.
+
+Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu
+fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste
+Befürchtung erwiesen? Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein
+bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und
+sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das
+ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.
+
+Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? -- Er
+schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest,
+die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer,
+den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch
+ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen
+nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief.
+Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle
+kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche
+Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in
+der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft
+verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch,
+wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und
+arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer
+werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner
+Hände.
+
+Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei
+mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der
+Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen
+nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem
+unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde
+Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde
+diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.
+
+ * * * * *
+
+Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das
+an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und
+Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines
+besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und
+Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten
+Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren
+Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht
+sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden
+Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen
+wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht,
+daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener
+Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß,
+lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben
+Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den
+seltsamen Namen »Die Knickburg«.
+
+Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb
+versteckte Haus, das flache Flußufer und das Silberband des Wassers
+hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene
+Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der
+Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag
+eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen
+Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete
+seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und
+lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel
+Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter
+seinem starken Willen verbarg.
+
+Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes
+erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In
+goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes
+nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich
+gewesen.
+
+Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm
+stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn
+selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner
+einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer
+grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein
+leuchtendes Tor von Rosen führt.
+
+Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner
+Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte
+ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die
+Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre
+große liebliche Macht.
+
+Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias
+Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes
+totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen
+schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre
+Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann.
+
+Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser
+des Flusses und in den stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen
+Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten
+Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt
+wartete die Welt auf die kühle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden
+des winterlichen Tags, von Licht gerändert, stand eine zerklüftete
+Wolke, die wie ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen
+Sonne folgte.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen war, schritten Afra und
+Paule die leere Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der
+Knickburg.
+
+Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:
+
+»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? Auch die Lichter
+nahen.«
+
+»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«
+
+»Aber hörst du denn nicht?«
+
+»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von Menschen.«
+
+»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm ihren Hut ab und
+schüttelte mit einem zitternden Lachen der Ergriffenheit ihren Kopf.
+
+»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte sie. Sie schaute
+sich um. Zur Rechten lag eine schwere Mauer aus dunklen Tannen, und zur
+Linken hoben sich unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen
+den helleren Himmel ab.
+
+»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile schweigenden Lauschens
+nachdenklich. »Ob sie uns suchen?«
+
+»Vielleicht dich, Afra.«
+
+Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, dann sagte sie
+schnell:
+
+»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde nach Wartaheim.
+Es ist besser, sie finden hier nur mich.« Dann besann sie sich plötzlich
+und änderte rasch ihren Entschluß:
+
+»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. Ich werde tun, was
+ich will. Wer könnte es auch sein. Nur Helmut darf nichts ahnen,
+verstehst du mich, Benvenuto?«
+
+»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«
+
+»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir geschehen?«
+
+Er antwortete nicht.
+
+Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich an ihr Ohr. Nach
+einer Biegung der Landstraße kamen die beiden Lichter heran, sie
+beleuchteten die Wegstrecke zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so
+daß man die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und Wagenspuren
+deutlich erkannte.
+
+Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang nicht Gesang aus
+dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
+
+»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! Warte!«
+
+Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die Köpfe emporgerissen, man
+sah deutlich, daß der Kutscher heftig erschrak und die Zügel viel zu
+hart anzog. Die Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel
+des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren Köpfen.
+
+Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen der Stallknechte. Er
+riß den Hut herunter, als er sie erblickte, und Afra bemerkte, ehe er
+sprach, daß sein Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet
+aussah und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach Hilfe ausschauten.
+Da er dicht neben der Wagenlaterne stand, erkannte man seinen Ausdruck
+deutlich, und so kam es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:
+
+»Wohin willst du? Wen fährst du?«
+
+»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der Herr ... der Herr ...«
+
+Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war Friedels Stimme. Er
+schien niemand zu erkennen:
+
+»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den Schloßwagen nicht?
+Haltet mich nicht auf. Marsch! Platz!«
+
+»Warte noch«, sagte Afra ruhig.
+
+Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein Fluch, dann machte sich
+von innen eine Hand in erregter Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.
+
+»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.
+
+Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.
+
+»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.
+
+Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür besorgt und hastig
+wieder und stellte sich davor auf. In seinem Gesicht lagen höchste
+Anspannung, eine wilde Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender
+Aufruhr.
+
+»Ah, Afra -- da bist du! So, hurra! Es lebe die Herrin von Wartalun!«
+
+»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich die Peitsche
+nehmen?«
+
+»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, daß ich vor Lachen
+nicht sprechen kann?! Gott bewahre dich davor, daß du dies Lachen
+kennenlernst. -- Wie? Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den
+Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«
+
+Da stand Afra steil vor ihm.
+
+»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in Wartalun geschehen? Wenn du
+noch ein unnötiges Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen
+und kehre mit dem Wagen um.«
+
+»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. Man hat wohl zwei
+Stunden lang nach dir geschrien, bis man an seinem Blut erstickte. Was
+geschehen ist?«
+
+Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, als ränge er
+innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die Sinne auslöschte. Er
+bewegte nur die Fäuste hin und her. Afra sah es im rötlichen Licht der
+Laterne. Dann tippte er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine
+linke Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen Keuchen:
+
+»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am Rücken glatt heraus! Durch
+und durch geschossen! Alles rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du
+siehst ihn nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm schon
+seine Augen zugedrückt.«
+
+Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei Schritte. Sie stieß auf
+Paule.
+
+»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.
+
+Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.
+
+Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß Friedels Atem nach
+Wein roch und daß er betrunken war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach,
+wie unter einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren
+Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem Innern
+etwas für alle Zeit.
+
+Friedel war wieder in ihrer Nähe:
+
+»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du Begnadete unter den
+Reichen. Alles, was du umher siehst oder weißt -- alles, bis an die
+Wälder von Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht
+dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare Sicherheit war,
+daß alles dein sein sollte. Und dein Popanz, der Martin, hat zwei Pferde
+zuschandengemacht, um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du allerlei zu
+danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«
+
+Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte an, die ein wenig
+gefaßter wurden, jetzt, da man ihn reden ließ und da die schlimmste
+Botschaft aus seinem Herzen gestoßen war.
+
+»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine Frage, er sagte es
+ruhig aus.
+
+Seine Stimme brachte Friedel auf:
+
+»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? Nicht zwei Hemden hast
+du gehabt, als du dich bei uns einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl
+nur zu nehmen brauchen, was dir behagt. Oh -- mir wird übel, wenn ich an
+den Mutwillen Gottes und an die Willkür des Schicksals denke. Oh, ihr
+ramponierten Großmäuler im Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben,
+nicht wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich in euren
+Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich langsam zersetzt. Nur
+heraus, es ist gleichgültig, ob oben oder unten.«
+
+»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir einen anderen, wenn du
+willst. Es wird dir wohl auf zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach
+hart und bestimmt.
+
+»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor den Schlag.
+
+Afra sah hinein, über seine Schulter fort.
+
+»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst du Martin, wo
+du ihm soviel Glück verdankst?«
+
+»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir behalten. Deine Scherze laß
+-- mir verdirbt das Herz rasch genug.«
+
+Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:
+
+»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht halten kann, das
+mir aus dem Leben bricht. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber
+wenn, so mußt auch du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her,
+uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust deiner
+teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«
+
+Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels Arm:
+
+»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, »du lästerst Gott.«
+
+Und er fuhr fort zu sprechen.
+
+Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich eindringlich. Sie kam aus
+dem Dunkel hervor und nahm die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre
+bannende Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je mehr er
+verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, die die Gewalt dieser
+starken Worte mit sich brachte. Der Kutscher hielt die Pferde und sah
+um ihre Köpfe herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche
+Gestalt des Sprechenden.
+
+»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, der seine
+innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. »Aber was sprichst du von
+Reichtum und Gerechtigkeit, von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du,
+dein kleiner Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von Angst um sein
+Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu vergleichen, die diejenigen
+erleiden, die nicht die Hilfe deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du
+wärest nicht gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert hätte.«
+
+Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile schwieg. Niemand
+antwortete ihm. Aber er fand die Besinnung nicht, um die er zu ringen
+schien.
+
+Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, daß Afra mit einem
+raschen Schritt auf ihn zutrat und ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.
+
+»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? Kein Wort darfst du
+mehr von diesen Dingen sprechen.«
+
+Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er atmete tief und
+schwer, und seine großen Augen, dunkel in ihrem Schatten, schienen
+nichts zu sehen von allem, was um ihn her vorging, noch wo er sich
+befand.
+
+Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin und her und suchte
+mit der Hand in der dunklen Luft.
+
+»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was mit uns geschehen wird?
+Dies alles ist unwahr. Wohin bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei!
+Laßt mir doch mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger Himmel?
+Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher liegen Tote ...«
+
+»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.
+
+Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der
+Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und
+er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewünscht worden
+war. Die Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes
+Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und dem nassen Erdboden.
+
+»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis.
+
+ * * * * *
+
+Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dämmern. Es war
+ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett,
+das schon durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des Geschlechts in
+Empfängnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand
+das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den
+Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte.
+
+Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner durchschossenen Brust
+gefaltet, blanke grüne Efeublätter fügten sich darüber zu einem schmalen
+Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein weißes
+Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen Augen die gequälte Stirn
+glättete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete.
+
+Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des
+vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden
+Ortschaften gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der
+Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschäftigte, die
+Wartalun heimsuchten, zu großem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch
+manche unter den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter von
+Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame
+Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trüben Morgen durch den
+Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fünf oder
+sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal
+aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und
+sich unter der kahlen Linde gruppierten.
+
+Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen
+Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich
+trauervolle und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit
+langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen Schleifen und weinerlicher
+Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten,
+knatternden Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise vor
+sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in
+ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern jene angestrengte Trauer, die
+einfachen Männern aus dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und
+ihre vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter den ehrwürdigen
+und altmodischen Hüten.
+
+Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. Der lichtlose Morgen
+machte alle Gesichter blaß und krank, und niemand wehrte diesem
+wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten
+Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des Landes gedient
+hatten, solange man zurückdenken konnte.
+
+Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, beseligten Bestürzung,
+die ihr wilde Schauer eines Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr
+für Augenblicke zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen Winden
+dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort über
+verödete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit
+geöffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen
+Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter Menschenseelen.
+
+»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause sollte wissen, wo sie
+war.
+
+Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten kam ein
+schwaches Lächeln auf seinen schlafenden Mund. Afra sah in tiefem
+Erstaunen in sein Angesicht, in diese Züge, die sie zum erstenmal in
+voller Ruhe erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit darin,
+die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare Freude eines
+Menschen, der zuversichtlich auf dem Heimweg war. Sie hatte nicht einen
+Augenblick das Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als sei
+er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, und für alle Zeit, um
+dieses Lächelns willen, das ihr über die armselige Torheit der
+Geängstigten und über die starräugige Allgewalt des Todes zu
+triumphieren schien.
+
+Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der Liebe, schlief Helmuts
+gescholtener Leib sein letztes Mal im Schein des täglichen Lichts über
+der Erde. Auch zu ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers die
+Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die Luft, die kein Atemzug
+mehr bewegte, über der vollkommenen Stille, die von seinem wächsernen
+Angesicht ausging.
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte
+ Zeile steht.
+
+ die ohne einen Schein von Frechheit, doch so herausfordernd
+ die ohne einen Schein von Frechheit doch so herausfordernd
+
+ »O Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+ »Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+
+ woran sein Herz hing. Es waren vierlerlei Dinge in
+ woran sein Herz hing. Es waren vielerlei Dinge in
+
+ Für wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+ Für eine wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+
+ Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+ »Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+
+ »Spotte nur. Morgen geht es über die her.
+ »Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her.
+
+ und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihr Hand an
+ und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an
+
+ Helmuts Herz schlug dumpf und langsam er fühlte
+ Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte
+
+ kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts..
+ kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ...
+
+ sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja«
+ sie verstand, was hier vor sich gegangen war. >Aja<
+
+ wie ihn nur reiche und im tiesten Wesen beständige
+ wie ihn nur reiche und im tiefsten Wesen beständige
+
+ »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen..«
+ »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...«
+
+ Leuchten
+ Leuchten.
+
+ Herrin von Wartalun!
+ Herrin von Wartalun!«
+
+ dem Wagen, oder war es ein Wimmern?«
+ dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
+***** This file should be named 38650-8.txt or 38650-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+DAMAGE.
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
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+Title: Wartalun
+ Der Niedergang eines Geschlechts
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+Author: Waldemar Bonsels
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+Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+<p class="mynote">
+Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen
+wie »stehen«&nbsp;: »stehn« sind ungeändert.<br />Die Kapitelübersicht wurde
+der HTML-Version des eBooks hinzugefügt.</p>
+
+<h1>Wartalun</h1>
+
+<p class="subtitle">Der Niedergang eines Geschlechts</p>
+
+<p class="author">Roman</p>
+<p class="author">von</p>
+<p class="author">Waldemar Bonsels</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <img src="images/vignette.png" width="75" height="82" alt="vignette" />
+</div>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Im Verlag Ullstein · Berlin<br /><br /></p>
+
+<p class="center">Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.<br />
+Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br />
+Copyright 1917 by Schuster &amp; Loeffler, Berlin<br /><br /><br /></p>
+
+<p class="subtitle">Kapitelfolge</p>
+
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+ <tbody>
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+ <th></th>
+ <th>Seite</th>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Erstes_Kapitel"><b>Erstes Kapitel</b></a></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zweites_Kapitel"><b>Zweites Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">12</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Drittes_Kapitel"><b>Drittes Kapitel</b></a></td>
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+ </tr>
+ <tr>
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+ <tr>
+ <td><a href="#Sechstes_Kapitel"><b>Sechstes Kapitel</b></a></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Siebentes_Kapitel"><b>Siebentes Kapitel</b></a></td>
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+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Achtes_Kapitel"><b>Achtes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">97</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Neuntes_Kapitel"><b>Neuntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">112</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zehntes_Kapitel"><b>Zehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">127</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Elftes_Kapitel"><b>Elftes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">142</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zwolftes_Kapitel"><b>Zwölftes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">153</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Dreizehntes_Kapitel"><b>Dreizehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">174</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Vierzehntes_Kapitel"><b>Vierzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">195</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Funfzehntes_Kapitel"><b>Fünfzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">208</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Sechzehntes_Kapitel"><b>Sechzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">225</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Siebzehntes_Kapitel"><b>Siebzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">240</td>
+ </tr>
+ </tbody>
+</table>
+
+<hr />
+<h2> <a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</a></h2>
+
+<p>Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr
+bewegte sich im tiefblauen Himmel eine große rote
+Mohnblüte, nur ein klein wenig und so feierlich, wie es
+zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
+wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken
+von der Wärme und vom Licht, und sein Schatten
+huschte über das helle Kleid des jungen Mädchens.
+Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit
+blauen hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie
+sacht ein wenig nieder und spendete der ruhenden Stirn
+und den grauen Augen unter sich Schatten.</p>
+
+<p>Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen
+Licht und der willkommenen Müdigkeit des Sommermittags
+kamen, sie dachte in bitterer Betrübnis daran,
+daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit
+ihm eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter
+Verhältnisse für sie und für ihren Vater vergangen
+war. Es war alles ungewiß geworden. Es machte mißmutig,
+nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
+welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den
+Veränderungen erwachsen würden, und die neue Herrschaft
+nicht zu kennen, die erwartet wurde.</p>
+<p>Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"></a>
+Sommerwind schaukelte, hob langsam ihre braune Hand
+zu ihr empor, knickte gedankenlos den grünen Stiel mit
+seinen winzigen hellen Härchen und entblätterte über
+ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
+Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und
+Feuer in der zornigen Sonne liegen.</p>
+
+<p>Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um
+den Vogel am Himmel zu finden, da sah sie zwischen den
+Ähren fern die grauen Schloßtürme von Wartalun aus
+den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere
+das seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im
+Wappen des Geschlechts zu finden war.</p>
+
+<p>War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange
+sie zurückdenken konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern
+sollte, lernte sie erkennen, daß sie alles allein der Güte
+des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser Reichtum
+ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war.
+Der Gedanke quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es
+Mächte gab, die ihr diese Schätze rauben konnten, ohne
+sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als wäre nicht mehr,
+was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.</p>
+
+<p>Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu
+sehen, jetzt gleich, in diesem Augenblick, in dem sie litt.
+Daß sein Kommen erst mit dem Abend erwartet wurde,
+ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht zeigen
+wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß
+der Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte
+hinterlassen können, war ihr zuwider. Vielleicht das
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a>Forsthaus mit dem Buchenhain oder Wendalen mit
+seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt:
+er hat niemand so geliebt wie dich.</p>
+
+<p>Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An
+den scheidenden Winter und den kommenden Frühling
+mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug in das
+ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen
+wie mit den schimmernden Wogen eines leuchtenden
+Meeres überzogen hatte. Das war die letzte
+Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse
+des Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl
+gelehnt, über seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen,
+daß es sein letzter war. Der Wind vom Garten war warm
+und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
+eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende
+im Gedächtnis geblieben, an denen sie ihm zur
+eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte vorlesen
+müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß
+sie warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:</p>
+
+<p>»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«</p>
+
+<p>Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies
+wünschte.</p>
+
+<p>Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte,
+und hielt inne. Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu
+enttäuschen. Seine Bewegung quälte sie, und vorsichtig
+senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er von ihr
+erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen
+Tauben zu erzählen, die in den großen Wandteppich
+gewoben waren, gegen einen verblaßten blauen Himmel,
+in den die Zinnen einer alten Stadt ragten, aus deren
+
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a>
+
+Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren
+aus erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten
+nicht mehr. Wollte er, daß sie die Tränen vergaß, die sie
+bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete es und fragte ihn,
+weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
+einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:</p>
+
+<p>»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last,
+und weil ich die Bewegungen deiner Lippen sah und den
+Schein des Feuers in deinem hellen Haar. Und weil ich
+die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
+Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine
+Knie und die Füße am Saum deines Kleides. Du hast
+mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum daß du gehen
+konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten
+gebracht, die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag
+bin ich dir begegnet wie dem Licht der Sonne, dem niemand
+entgeht, der atmet, aber ich bin niemals deinem
+Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du
+mich gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber
+jede Liebe, die dir in deinem Leben begegnet, wird sie
+aufheben und bewahren und zu Gott bringen, zu dem
+ich gehe.«</p>
+
+<p>Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er
+meinen könnte, und sich gefragt, ob sie ihm Anlaß
+gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu sein. Aber im
+Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
+war und daß der unerfüllte Wunsch, den er
+ausgesprochen hatte, nicht zu jenen gehörte, die sie
+erfüllen konnte. &mdash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran,
+und sie hörte ein Pferd schnauben. Das rief sie aus ihren
+Erinnerungen in den hellen Tag zurück. Sie nahm ihren
+Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
+damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er
+saß zu hoch auf seinem Heufuder, reckte den Hals nach
+ihr, lachte, als er sie erkannte, und hielt die Pferde an.</p>
+
+<p>Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten,
+daß Afra nicht hochmütig war.</p>
+
+<p>»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und
+die Kornähren mit der Hand zur Seite bog. »Ist es
+erlaubt, einzutreten?«</p>
+
+<p>Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.</p>
+
+<p>Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut
+von der heißen Stirn und lächelte.</p>
+
+<p>»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«</p>
+
+<p>»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit
+forschenden Augen hinzu:</p>
+
+<p>»Heute abend ...?«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als
+empfinge er eine betrübliche Nachricht, »heute abend
+kommen sie.«</p>
+
+<p>Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit
+an, wie Martin sich den neuen Herrn vorstellte.</p>
+
+<p>Plötzlich unterbrach sie ihn:</p>
+
+<p>»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«</p>
+
+<p>»Weißt du es besser?«</p>
+
+<p>»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken
+so, wie ihr ihn euch zu eurem Vorteil wünscht. Der Vater<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a>
+meint, daß er eine Vorliebe für neue Treibhäuser habe
+und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
+von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und
+der Förster weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der
+Kugel treffen kann.«</p>
+
+<p>»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man
+könnte glauben, daß es so im Katechismus steht.«</p>
+
+<p>»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich,
+»aber wenn man sich langweilt ... man sollte sich nie
+langweilen.«</p>
+
+<p>Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr
+die roten Kugeln dar, die an dünnen Stielen zwischen
+seinen Fingern hingen, aber sie kehrte seine Hand um,
+öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
+schob sie seine Hand zurück.</p>
+
+<p>»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es,
+was ich von ihm weiß. Und noch eins: er wird mich
+sehen.« Sie ließ langsam die Blicke über den jungen
+Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
+lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen
+wollen. Man durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich
+zu behalten, was man wußte. Irgend etwas im Schatten
+seiner Augen und um seinen unbewachten Mund verlockte
+sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen
+zu lassen. Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was
+ich will.</p>
+
+<p>Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen
+und Mißstimmung zugleich. Es mochte daher
+kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt gewesen<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a>
+war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie
+nun zu seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens
+für einige Zeit, für diese Tage der Ungewißheit und des
+bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den meisten der
+anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
+werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit
+dem märchenhaften Zauberglanz von Macht und Reichtum,
+den die Liebe des alten Mannes um sie gewoben
+hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
+sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf
+dem er lag, und sein eigenes Geschick in die Hände
+gegeben waren, die er neben sich sah, wie sie das blaue
+Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte
+auch, daß er diese Hand dort dicht neben der seinen
+ergreifen konnte, ohne daß Afra ihn daran hindern
+würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
+empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig,
+sein Wunsch, dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...</p>
+
+<p>Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen
+Qual zu befreien. Was würde geschehen?</p>
+
+<p>»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«,
+sagte Afra, »ich habe genommen, welches ich wollte.
+Würdest du um eines bitten, wenn alle dir erreichbar
+wären?«</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der
+ihren, »du konntest tun, was du wolltest. Der neue
+Herr ...«</p>
+
+<p>»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob
+sich, so daß sie im Korn saß, ordnete an ihrem Haar,<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a>
+das im Sonnenschein heller leuchtete als die goldenen
+Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.</p>
+
+<p>»Fährst du mit?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine
+Schulter, mit raschem weichem Fuß, dessen Druck er erst
+zu verspüren glaubte, als sie bereits hoch im Heu saß
+und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm hinunterlachte.</p>
+
+<p>»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über
+ihm, und so schritt er neben dem Wagen dahin und rief
+den Pferden laute Worte zu.</p>
+
+<p>Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte
+das Kinn in beide Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins
+Heu gruben, und blinzelte in den Sonnenschein hinaus.
+Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in einem
+feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu
+ihm zu heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei
+er ihr Ziel, während der Wagen sie langsam, eingehüllt
+in den Duft welken Grases und vergangener Blumen,
+auf Wartalun zuschaukelte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+<p>Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof,
+Hundebellen, Stimmen und das Knarren eines
+Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof
+her durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein,
+wanderte an der Zimmerdecke und huschte rasch und<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a>
+ängstlich über die Gegenstände des Raums. Sie erhob
+sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
+des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres
+Vaters bezogen, der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude
+eine Wohnung innehatte. Sie hatte nicht
+gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
+gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen
+und beinahe rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man
+sich unterfangen würde, ihr ihre alten Rechte streitig zu
+machen, aber niemals hätte sie ertragen können, aus
+dem Hause gewiesen zu werden.</p>
+
+<p>Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft
+zog süß und schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden
+Äste des uralten Baumes, der fast den ganzen Schloßhof
+beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie erkannte
+nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
+weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig
+ergebene Antworten auf ihre unverständlichen Fragen
+oder Befehle. Dann wurden im Schloß die Fenster hell,
+erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so
+daß sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah,
+endlich im Zimmer des alten Herrn und zuletzt sogar im
+Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel mit ihren geschnitzten
+Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.</p>
+
+<p>Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder
+dunkel, nur im Treppenhaus glommen noch Lichter, und
+die Hunde kamen nicht zur Ruhe. Sie sah noch Melchior,
+den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
+niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a>
+hörte, ob er sie beruhigen müsse; aber er ließ es und
+verschwand in der Dunkelheit mit dem letzten Licht. Afra
+dachte an die beunruhigten Hunde, die alle an den
+Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert
+und sie oft auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war
+gewiß nicht dieser Gedanke, der sie so tief bewegte, aber
+plötzlich warf sie den Kopf hart auf die Bank des
+offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen
+Schluchzen. Ihr war, als seien Räuber in das Schloß
+eingedrungen. Schliefen denn umher alle diese Geduldigen,
+war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, der
+vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch
+auf Afra wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu
+teilen. Zu teilen? Ein kalter Zorn ließ sie auffahren.
+Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, als müsse sie
+aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
+Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße,
+die zur Begräbnisstatt des toten Herrn führte.
+Sie sah den eisernen Sarg mit seinem einen Kranz aus
+Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte winden
+müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte
+ihn für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie
+sah sich an dem kalten schweren Eisen rütteln: Wach auf,
+du, mit deiner Liebe zu mir, sie stehlen dein Schloß, deine
+Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit Füßen der
+Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.</p>
+
+<p>Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in
+der Nacht, in der auch der Tote schlief. Je mehr Afra
+sich vergegenwärtigte, was dieser Todesschlaf bedeutete,<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a>
+um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende junge
+Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte
+und daß sie stark und jung und schön war. Ihr war, als
+sei ihr Verhältnis zu dem Toten, das er einst in bebender
+Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles deutlicher und
+gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles benachteiligter
+als sie?</p>
+
+<p>Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal
+die letzten Wochen, die sie mit ihm durchlebt hatte, auf
+alle seine Aussagen hin, forschte eifrig nach dem Sinn
+seiner traurigen Worte, die sie damals kaum beachtet
+hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
+für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah
+seinen weißen Bart dicht vor sich, fühlte seine Greisenhände
+auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, sagte er.
+Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich
+reich gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen
+können?«</p>
+
+<p>Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?</p>
+
+<p>Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das
+war schon im Traum. Sie saß in ihrem Kleid aus hellem
+Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt das Schloß,
+lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
+gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie
+in ihrem Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder
+streuten Blumen. So hatte sie es einst gesehen, als sie
+den Grafen an seinem letzten Namenstag hinausbegleitet
+hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
+lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg,<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a>
+hatte er lange in ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß
+erhoben vom Glück des Tags und übermütig beseligt
+gelächelt hatte. &mdash;</p>
+
+<p>Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der
+junge Tag erhob in kühlem Wehen sein lichtes, blaues
+Leben, in dem alles in tiefer Stille auf die aufgehende
+Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
+waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in
+einer ganz neuen, zitternden Seligkeit an ihrem jungen
+Dasein langsam begann, sich an den weit offenen
+Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und
+alle Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies
+war die liebste Stunde ihres Tags, in der niemand ihren
+erwachten Sinnen etwas streitig machte, in der ihr alles
+zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
+schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof,
+auf dem noch nichts sich regte, nur vor den Starenkästen
+am Lindenstamm saßen schon die Alten, zum ersten Ausflug
+gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen der
+Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum
+vernehmbare Flüstern der Blätter mischten. Die Tore
+des Hofes waren noch geschlossen. Die breiten Laubgänge
+des Efeus sahen wie dunkle Verkleidungen am
+Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
+die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war
+beinahe ein wenig eng, dieser Hof, aber seine hohe
+Eingeschlossenheit und seine Schatten von den Wänden
+des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
+Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a>
+die Zinnen der Mauern in dieser Stille in das Bereich
+alter Märchen gerückt wurde.</p>
+
+<p>Afras blondes Haar war so schwer und weich wie
+alte Seide. In der Ahnengalerie des Herrenhauses,
+dicht unter der getäfelten Decke hing das Bildnis einer
+jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
+hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer
+und Asche, der sich, ins Licht getaucht, in ein beinahe
+farbloses Gold verwandeln konnte und der aus Stirn
+und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte,
+wo der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig
+versunkenen Blick der längst Verstorbenen haßte Afra,
+wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, dessen Trotz ihr
+töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
+Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da
+niemand ihr noch gesagt hatte, welch betörender Zauber
+voll Lebenssüßigkeit und Daseinswonnen sich in seiner
+ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie ihn beinahe
+gering, diesen großen Mund.</p>
+
+<p>Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über
+den Hof ging, ihr Schritt hallte von den Steinwänden
+wider. Sie klopfte an Martins Kammerfenster neben
+dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. Er
+solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst
+besorgen; aber er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das
+Pferd zu satteln, und murmelte schlaftrunken allerhand
+von seinen Aussichten, sich noch einmal niederlegen zu
+können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen Herrschaft
+zu fragen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr
+diese Teilnahme schuldig zu sein.</p>
+
+<p>»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.</p>
+
+<p>Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«,
+tadelte sie nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend
+und am Platze. Sie wollte noch, daß er die
+Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, deren
+Ketten sie hörte.</p>
+
+<p>Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie
+die Landstraße entlang steil und fest zu Pferde, vom
+Bellen der Hunde wie von ergebenem Beifall geleitet,
+dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame heiße
+Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra,
+war das Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben
+in den angebauten Wirtschaftsgebäuden hinter den
+Birken der Landstraße sah er die ersten Tagelöhner, eine
+Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein ereignisreicher
+Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn
+zu verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles
+klar zu werden.</p>
+
+<p>Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl
+und ohne Kraft, über die Dächer der Kornschuppen von
+Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie hatte sich auf
+den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
+hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum
+erblühten Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen,
+wie ihr suchender Fuß Schritt für Schritt die
+silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
+brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a>
+wachten alle Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als
+zerstörten sie ihr ganz langsam ihre Kraft. Denn Afra
+war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie sie
+nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit,
+sich bewähren zu müssen, fand sie stark.</p>
+
+<p>Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie
+seine Herrin, die immer um einen Schritt voraus war
+und die Zügel nachhängen ließ. So schritten sie gegen den
+großen Horizont des ebenen Landes über den roten
+Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die
+schwarzen Schnauzen am Boden, in weitem Bogen
+voraus, scheuchten Wildenten aus den Moortümpeln
+auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon
+nahe am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras
+leisen Pfiff wandten sie, wie von unsichtbaren Fäusten
+zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie hingen
+in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer
+mit mehr Zeit und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.</p>
+
+<p>Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie
+grüßten, besann sie sich darauf, was sie als Grund für
+ihr Kommen angeben sollte. Man würde sie nach der
+neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
+schon unterwegs nach Wartalun. &mdash;</p>
+
+<p>Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer
+uneingestandenen Furcht vor einem Verrat der Ängste
+ihrer Seele begrüßte sie ihn hochmütig und ohne den
+Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, aber
+sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a>
+Zimmer ein Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die
+Tücke und Unterwürfigkeit dieses arbeitsamen und wohlgeschickten
+Mannes, die sie bislang mit kaum amüsierter
+Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute hassenswert.
+Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
+Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung
+mit großer Höflichkeit zu beantworten, die
+schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen sie
+gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die
+Würfel gefallen seien und daß, was die einen hofften, die
+anderen fürchteten, Wahrheit geworden sei, daß sie nach
+dem Willen des Verstorbenen Herrin von Wartalun
+geworden war.</p>
+
+<p>Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte
+Täuschung ihr eintrug, wurde rasch zu unbezähmbarer
+Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem und geheimnisvollem
+Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der
+ihr zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich
+verachtete sie sich in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung
+zu ändern, nickte sie kühl und hastig, nahm umständlich
+das Pferd herum und pfiff den Hunden.</p>
+
+<p>»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe
+traurig wirkte. Draußen empfing die frohe Sonne sie,
+wogende Felder und bald wieder die Melancholie und
+Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
+Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre
+Hoffnung Gewißheit geworden war, als hätte sie ihrem
+zögernden Schicksal Gewalt angetan.</p>
+
+<p>»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a>
+mein ist«, rief sie laut. Dann war ihr, als müßte sie
+weinen, und ihre aufsteigende Qual beantwortete sie mit
+einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen weichen,
+unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch
+zur Anmut ihrer freien Haltung stand.</p>
+
+<p>Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe
+Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben,
+alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes,
+den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
+Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und
+sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren
+braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als
+schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des
+Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen
+Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art
+zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück
+und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die
+Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch
+an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als
+weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht
+des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr
+blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
+Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser
+blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes
+Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von
+Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale
+Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf;
+solche Hände wünschte sie sich ...</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a>
+er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von
+hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«</p>
+
+<p>»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das
+Vorwerk Wendalen.«</p>
+
+<p>»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«</p>
+
+<p>Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte,
+schaute über Land, als erwöge sie ernstlich die Antwort,
+um sie treffend geben zu können. Ihre Art der Herablassung
+war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
+überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß,
+was er wissen wollte, und sah sie bewundernd an.</p>
+
+<p>»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem
+Pferde gebraucht, aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden
+zwei Stunden brauchen an einem Tage wie heute. Und
+der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich
+bei solcher Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe
+nicht gewußt, wie weit es ist, es hätte mich sehr interessiert,
+da ich diese Frühmorgenstunde nicht besser
+zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch
+alle.«</p>
+
+<p>Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es
+wirkte auf ihn wie Sonnenschein im Frühling und wie
+der traurige Gedanke an einen frühen Tod.</p>
+
+<p>»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt?
+Kehren Sie denn jetzt um?«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine
+heiße Freude am Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut
+klopfen ließ; sie sprang vom Pferde, und in der überwindenden<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a>
+Unbefangenheit, die ihr Wesen auszeichnete,
+sagte sie:</p>
+
+<p>»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein
+wenig ledig dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf
+das Pferd und sagte: »Das ist Joni.«</p>
+
+<p>»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges
+Fräulein, gewiß, um mich daran zu erinnern, daß ich
+Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, ohne
+Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«</p>
+
+<p>Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen,
+den sie kaum zu verstehen für nötig hielt, und verbeugte
+sich dabei, nicht ganz in der üblichen Richtung und auf
+eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.</p>
+
+<p>»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir
+die Ehre zu erweisen, zu sagen, wer Sie sind?«</p>
+
+<p>Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun,
+wartete, bis er ihren Blick sah, und meinte:</p>
+
+<p>»Tut es etwas zur Sache?«</p>
+
+<p>Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen,
+darüber nachzudenken, daß dies wenig höflich sei, und
+sagte rasch:</p>
+
+<p>»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war
+sicherlich recht töricht. Der Vorzug Ihrer freundlichen
+Begleitung sollte mir genug sein, und er ist es, sicherlich,
+mein gnädiges Fräulein.«</p>
+
+<p>Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein
+wie ihr Recht, obgleich sie ihn beneidete.</p>
+
+<p>»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie,
+und was an ihrer Frage hätte Neugierde sein können,<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a>
+wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie eine kindliche
+Bitte.</p>
+
+<p>»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und
+eigentlich schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe
+zufällig gekommen; es ergeht mir oft so, daß mir
+eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe schenkt.«</p>
+
+<p>»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr
+Lächeln eine neckische Bewunderung. »Das klingt ja fast,
+als wollten Sie mir sagen, daß Sie den Schloßherrn
+von Wartalun persönlich kennten.«</p>
+
+<p>»Ich vermute, daß ich es <em>bin</em>«, antwortete er bescheiden.</p>
+
+<p>Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand
+bebten, daß ihr Schritt wankte und ihr Angesicht sich
+langsam in jäher Erstarrung mit tödlicher Blässe überzog,
+fuhr er fort:</p>
+
+<p>»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen,
+und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde
+mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von
+Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein
+gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt,
+und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns
+erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters
+entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein
+Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die
+große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die
+letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte
+unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung
+des alten Herrn.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf
+seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung
+zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte,
+empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
+sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte,
+nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der
+Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das
+hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach
+und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
+erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte
+er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er
+wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich
+darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung
+gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige
+und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich
+Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem
+Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft
+war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das
+Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte,
+dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem
+raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das
+herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger
+Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
+dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und
+grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte
+seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung
+hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen.
+Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr
+in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a>
+sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten
+hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und
+lächelte.</p>
+
+<p>Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.</p>
+
+<p>»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«,
+sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie,
+und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so
+selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist,
+ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«</p>
+
+<p>Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem
+Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung,
+die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig
+sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte
+Bestätigung seiner Befürchtung aus.</p>
+
+<p>Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag
+am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied
+es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in
+diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich
+erschien.</p>
+
+<p>»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale
+Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich
+habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil
+seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit
+ist eine Freude für mich.«</p>
+
+<p>Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von
+denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn
+bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort,
+es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
+fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a>
+es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen
+Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar
+mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran
+verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann
+wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn
+lustig.</p>
+
+<p>Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah,
+erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel
+Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem
+Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
+seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen
+und fast ergebungsvoll diesen Wandel in
+seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in
+eine ganz neue Welt hinnahm.</p>
+
+<p>»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und
+aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er
+stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß
+ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte
+sagen wollen.</p>
+
+<p>»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst
+daran, daß er nach diesen Worten unbefangen zu
+sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm damit aus seiner
+Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
+mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das
+Leben schön. Ich habe wie ein Kind gespielt und geschlafen.
+Ihr war, als liebte sie diesen Mann neben sich,
+weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, neue
+Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren
+und zu erproben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr
+Haar. Ihre Lippen bekamen etwas von jenem irdischen
+Daseinslicht, das zuweilen die Lippen junger Frauen
+umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
+schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut
+ihres Leibes in die Lippen emporsteigt, als blühten
+wieder die Reben ...</p>
+
+<p>Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend
+aus sich, seinen freundlichen Worten folgen:</p>
+
+<p>»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte
+mir zufallen«, sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft,
+mich ihrer zu freuen. Ich war ganz mit meinen Studien
+ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im Auge, als ihre
+Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
+Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt.
+Ich trage schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit,
+nehme es auch vielleicht mit der eigenen Innenwelt und
+mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein wenig zu
+schwer ...«</p>
+
+<p>Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu
+vergessen, vor wem er sprach. Ihm war, als spräche er
+vor sich hin, wie er gewohnt war, es oft auf einsamen
+Spaziergängen zu tun.</p>
+
+<p>»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich
+unser neues Eigentum selbst verwalten sollte. Ihr war
+es seit langem ein lieber Wunsch, die Stadt zu verlassen,
+die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich hat sie
+wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für
+mich Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a>
+mehr ich beginne, langsam die ganze Größe dieses
+Besitzes zu ermessen, alle Pflichten einzusehen, die sich
+mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
+mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben,
+ging aber gleich auf ihre Frage ein.</p>
+
+<p>»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre
+mit einem jungen Ding, zu dem er eine große Vorliebe
+gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur ihren Vornamen,
+mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
+berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein
+seltsam unverständlicher und außerordentlich altväterisch
+verfaßter Brief ist vor dem Testament in meine Hände
+gelangt. Er wirkt eher wie eine philosophische Lebensbetrachtung
+als wie das rechtsgültige Dokument einer
+letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht
+eröffnet werden können, da ich noch Papiere beizubringen
+habe. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen.«</p>
+
+<p>»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte
+Afra.</p>
+
+<p>»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«</p>
+
+<p>»Und der Brief?«</p>
+
+<p>Er sah sie an.</p>
+
+<p>»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra.</p>
+
+<p>»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber
+zweifellos ein Mann von hochherzigem Charakter und
+voller vergrübelter und verschlossener Werte. Über die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a>
+Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht
+viel hervor, da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen
+wird, was er von ihr hielt, was der Alternde in sie
+hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in Einzelheiten
+unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch
+sicherlich zu Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten
+sagen, war ebenso unverständlich wie mysteriös.
+Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«</p>
+
+<p>Er lächelte vor sich hin.</p>
+
+<p>»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«</p>
+
+<p>Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie
+erstaunt an. Ihre Augen glänzten hart und einsam und
+wiesen ihn ab.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen
+berühre, aber seien Sie versichert, die Beziehungen
+des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, daß
+sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte,
+verstehen Sie nicht falsch, was Sie zweifellos nur
+aus dem Klatsch Urteilsloser oder Neidischer gehört
+haben.«</p>
+
+<p>Sie antwortete kalt:</p>
+
+<p>»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht
+haben.« Und hingerissen von einer plötzlichen Erbitterung,
+die sie alles vergessen ließ, fuhr sie fort: »Sprechen
+Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem &gt;jungen
+Ding&lt;, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von
+seinem Wert, ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen
+äußeren Gütern genügen ...«</p>
+
+<p>Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a>
+Worte. Sie suchte nach einem Halt. Es bot sich ihr
+nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf sie stürmisch
+den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte,
+am ganzen Körper bebend und von Scham, Wut und
+Bewegung geschüttelt, ohne Halt und so friedlos und
+aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute
+war, als sei durch kein Heil von Menschenkraft je
+wieder etwas an diesem Unverständlichen gutzumachen,
+das sein ahnungsloses Herz an diesem Sommermorgen
+angerichtet hatte.</p>
+
+<p>Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum
+bemühte, das junge Mädchen zu beruhigen und den
+Grund ihres Leids zu erfahren, während er eine ungeordnete
+Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte
+stammelte und sogar wagte, ihre Schulter mit seiner
+Hand zu berühren, dachte Afra mitten im Sturm ihrer
+aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:</p>
+
+<p>War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war
+klug, und für ihn und für meine Stellung zu ihm war es
+zweifellos so richtig. Sie wußte nicht weshalb, wußte
+nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
+dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen
+Wunsch, die Schmach vor ihr abzudienen, in die er sie
+gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, rührte sich nicht
+und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
+lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des
+neuen Gefühls, von dem er nichts ahnte. Einmal, als
+das Pferd den Kopf senkte und hob, stieß ihre Schulter
+härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a>
+zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht
+hätte.</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort
+zurück.</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie &mdash; verzeihen Sie
+mir«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich weiß in der Tat
+nicht, was ich verfehlt habe und wie ich es gutmachen
+kann.«</p>
+
+<p>»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen.
+Sie senkte den Blick nicht, als sei ihr alles
+unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren Worten zu
+erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf
+ihn wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich
+kann mich jetzt unmöglich so gelassen zeigen, wie mir
+zumute ist, es würde die Hälfte dessen zerstören, was ich
+erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr verzweifelt.
+Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut
+und für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und
+mühsam mit den äußeren Erscheinungen des Lebens
+abzufinden wußte und mit den Frauen noch um vieles
+schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht
+traurig zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr
+sprach, gefaßter, ernst und sehr würdevoll, mußte sie
+hinter ihren Händen, die sie vor ihr Gesicht geschlagen
+hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
+ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was
+geschehen war, hatte sie nichts berechnet. Wenn er jetzt
+sähe, wie ich empfinde, so würde er mich verachten,
+dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn ein<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a>
+
+wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er
+nicht empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie
+verstehen würde.</p>
+
+<p>Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+<p>Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu
+erreicht hatten, erschien es dem Mädchen, als sei
+es nicht gut, sich nun schon zu trennen, denn alles, was
+noch an Worten gefallen war, befriedigte sie nicht und
+ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
+Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses
+enttäuschten. Irgend etwas mußte bestimmter
+geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr war, als müßte
+er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
+haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute,
+weil sie ihr neu war. Gewiß, sie war ungeduldig,
+aber es lag in ihrer Art, sich eher mit einer geringen
+Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
+Aussicht.</p>
+
+<p>Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht
+oft in seinem Leben. Aber viel mehr als die Geschehnisse
+und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst auf ihn. Er
+wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
+fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie
+über alles gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und
+fesselte. Wenn er versuchte, sie sich vorzustellen, so war<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a>
+sein Eindruck zuerst der einer ganz eigenartig klar geschiedenen
+farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
+die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ...
+alles erschien ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen
+und eindringlichen Gesondertheit wie
+die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
+Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden
+Nuancen suchten, sondern die den Mittelton
+fanden und gaben, klar und wie in unfehlbarer Gewißheit,
+daß er alles Leben und alle Vielgestalt des Lichts
+dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene
+und geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im
+Grunde ihr Wesen doch allein durch das Leben ihrer
+schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen erschienen
+ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst,
+in ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der
+Natur auf einen Menschen wirken können. Diese Kühnheit,
+die ohne einen Schein von <ins title="Frechheit, doch">Frechheit doch</ins> so herausfordernd
+und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll
+und voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich.
+Er kannte diesen Blick bei Kindern, deren Gedanken
+vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
+während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten
+der Alten lauschen, die sie noch nicht verstehen können.
+Kinder, deren Menschentum in seiner seligen Beschränkung
+der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so
+weit überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides
+in einem Herzen zu wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete
+den Mann an ihrer Seite, der mit gesenktem Haupt
+neben ihr dahinschritt und dem sie deutlich anmerkte,
+daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
+als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte.
+Erst als er, beinahe wie aufgeschreckt durch ihr
+leises Lachen, rasch den Kopf hob, besann er sich darauf,
+daß die Interessen der jungen Dame an seiner Seite wohl
+kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte
+ihre Lage und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.</p>
+
+<p>»Warum lachen Sie denn?« fragte er.</p>
+
+<p>»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.</p>
+
+<p>Nun lächelte er.</p>
+
+<p>»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so
+dachte ich mehr an Ihre Person als an Ihre Lage, und
+letztere sollte mir doch eigentlich aus vielen Gründen am
+Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht ganz
+leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor
+kurzem eine Kränkung ausgesprochen habe statt des
+Danks, den ich Ihnen schulde. So viel weiß ich wohl
+aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine Erfahrung
+von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung
+des Schlosses und aller Güter bisher beinahe ganz
+in Ihren Händen gelegen hat. Sie waren die Vertraute
+des alten Herrn und sind sicher in alle Notwendigkeiten
+und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
+als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine
+Bitte geht nun darauf hin, ob Sie uns die Liebe erweisen
+wollen, es in Ihrer Stellung zu allem und zu uns<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a>
+beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als
+Sie leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle
+keinen Augenblick daran, daß einzig die Neigung des
+Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu ihm Sie hier
+gehalten hat ...«</p>
+
+<p>Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an.
+Mochte es sein, weil dem Namen Erwähnung getan
+war, Afra mußte an den Toten denken, der sie geliebt
+hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er
+alle seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende.
+Es quälte und beglückte sie zugleich. Sie
+schritt mit gesenktem Haupt dahin, das Angebot erschien
+ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig geschehen
+konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd.
+Mochte er denken, sie sei undankbar, es war immer noch
+besser, als daß sie sich ihm durch Dankesworte für verpflichtet
+erklärte.</p>
+
+<p>Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin
+und Holundersträucher drängten über die blühenden
+Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch dieses
+verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch,
+so blinkte hinter dem Grün die schwermütige Farbe des
+toten Grabenwassers, das an drei Seiten die Schloßmauern
+umzog und tief im Park einen ruhigen See
+bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank
+im Schatten eines verwilderten Apfelbaums. Afra
+blieb stehen. Er verstand sie und lud ein, ein wenig zu
+rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
+Büschel Zweige.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich
+ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus
+den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.</p>
+
+<p>»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer
+kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder
+zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität
+vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen
+den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude
+machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß
+ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen
+auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
+nun vieles besser verstehe.«</p>
+
+<p>»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne
+zu danken, »ich habe wenig Kleider.«</p>
+
+<p>»Bitte«, sagte er einfach.</p>
+
+<p>Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als
+klein und schwächlich neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre
+Reitgerte zwischen den Fußspitzen pendeln ließ, sah ihre
+harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß ihrer
+Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer
+Lieblichkeit. In allen Einzelheiten, die zwischen ihnen
+besprochen waren, hatte er seine heimliche Überlegenheit
+in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
+aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm
+war, während er so dasaß und die Schweigende verstohlen
+betrachtete, als käme es im eigentlichen, wahrhaftigen
+Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
+auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine,
+bohrende Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a>
+strich sich über die Stirn, als verscheuchte er eine dunkle
+Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier sitzenbleiben?
+Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
+es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So
+geschah es denn, daß Afra ihn nach einer Weile entließ,
+beinahe ein wenig gnädig, wie man jemand fortschickt,
+dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, was
+in seinen Kräften steht.</p>
+
+<hr />
+
+<p>In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander
+die Räume des Schlosses. Afra erschien dem
+jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun sie in der
+intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus
+Bildern und Wandteppichen schaute die Vergangenheit
+auf sie nieder, die Freude und die Trauer des Verflossenen.</p>
+
+<p>»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die
+alten waren eng und klein, wie sie jetzt noch drüben
+gegen den Park zu sind.«</p>
+
+<p>Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in
+der Sonne stand. Er dachte mit leisem Grauen an die
+vergangene Stunde, in der Afra und seine junge Frau
+sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte
+doch anders werden, es war einzig der verwirrende Geist
+des Neuen, der auf sie beide eindrang, auf sein Weib
+und ihn; alles war fremd und geheimnisvoll, schien sie
+zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde weichen,
+würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur?<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a>
+Er kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen
+wie er war.</p>
+
+<p>»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt
+Geister.«</p>
+
+<p>»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und
+erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so
+gefahrvoll erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten
+ihn nun in ihrer unschuldigen Härte. Aber nun
+mußte er sprechen:</p>
+
+<p>»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht
+in weißen Tüchern als Gespenster, die nachts umherirren,
+sondern um vieles vergeistigter und machtvoller.
+Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
+Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene
+Gefühle faßbare Unverständlichkeiten einsetzt. Nein,
+ich meine, daß die Spuren der Toten zurückbleiben und
+daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre Bosheit,
+ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«</p>
+
+<p>Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder,
+dessen schmale hohe Lehne ihr blondes Haupt überragte.
+Er sah über ihren Haaren den bäurisch derben und gediegenen
+Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den
+Augen den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.</p>
+
+<p>»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte
+sprechen Sie doch weiter. Sie legen in alle Dinge viel
+mehr hinein, als darin ist, das tat auch Ihr Oheim, aber
+er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger vorsichtig
+und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a>
+können, dafür glaubte man ihm aber auch nicht
+immer.«</p>
+
+<p>Tief überrascht sah er auf.</p>
+
+<p>»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«</p>
+
+<p>Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung
+bewunderte, so blieb sie unbefangen und bei der begonnenen
+Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte er
+geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich
+ihm und dem Schloßgut gegenüber befand, er hatte
+gehofft, einen Schein von Erkenntlichkeit in ihrem
+Wesen zu finden, nie hätte er für möglich gehalten,
+daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es
+muß ihr Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte
+er, und seine Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur
+Trauer.</p>
+
+<p>Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur
+Unterhaltung zurück.</p>
+
+<p>»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem
+Wesen den Geist des Toten wieder«, sagte er. »Es gibt
+Gespenster von Fleisch und Blut, die die Sonne mehr
+lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte
+Stunde beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen,
+voller Grauen nur durch die überwindende Lieblichkeit,
+in der sie das Vergangene uns Vergänglichen
+als bestehenden Wert darbieten.«</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke
+dem Grafen, was ich geworden bin. Ich hätte die Dorfschule
+in Wartaheim besuchen müssen. Zwei Stunden<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a>
+lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
+laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die
+Mädchen, die draußen das Heu wenden. Das wollten
+Sie doch sagen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung
+zu legen. »Sie wären immer geworden, was Sie
+heute sind. Zufällig ist an allem nur die äußere Lage und
+ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
+Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir
+empfangen ihn mit unserem Blut nach dem Maß unserer
+Werte. Und was Sie reich und stark macht, hat Ihnen
+niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
+gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was
+er seinen Anlagen nach hat werden müssen, der ist gebildet.«</p>
+
+<p>Sie unterbrach ihn ungeduldig.</p>
+
+<p>»Sagten Sie, ich sei reich?«</p>
+
+<p>»Ja, Afra.«</p>
+
+<p>»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«</p>
+
+<p>»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte
+es in einem anderen Sinn und Zusammenhang.«</p>
+
+<p>Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn,
+wie einst den alten Mann, oft heimlich beneidet hatte.
+Es war gewiß nicht einzig der äußere Besitz. Sie empfand,
+beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
+keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich
+plötzlich verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften
+Gedanken jetzt haßte sie tief in ihrer Seele, dieses Empfinden
+des Zurückgesetzten, der stets empfangen muß,<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a>
+das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
+Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht
+schöner gewesen, als wenn er gab ... Sie waren von
+gleicher Art, diese beiden, nur erschien es ihr, als sei
+jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein Jüngling.</p>
+
+<p>Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der
+Toten des Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem
+Ruck die schweren Vorhänge von einem der Fenster
+zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in die
+Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
+Vergangenheit.</p>
+
+<p>»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im
+Umschauen. Langsam schritt er an den Bildern entlang.
+Sie folgte ihm neugierig mit den Blicken und lehnte sich
+an das Fenstersims.</p>
+
+<p>»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer
+gehabt, die hier geherrscht und gebildet haben«, sagte
+er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier nach fremden
+Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
+mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge,
+seine Schönheit. Die Bildrahmen sind aus den
+Eichen von Wartalun, die Möbel und Verkleidungen
+der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert
+scheint einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles
+ist ernst und groß wie das geduldige Land. So sind auch
+diese Angesichter. Diese verstanden zu herrschen, weil sie
+zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen Gehorsam,
+aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter
+Schreckensruf sie traf, trat sie hinzu. Es war dämmrig
+im Winkel des Saals, in dem er stand, die Schatten
+schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen
+grüne Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht,
+die sie trugen.</p>
+
+<p>»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen
+farbigen Wandteppich von großer Schönheit, aus dem
+von ungefüger und hilfloser Hand kleine Stückchen
+herausgeschnitten waren.</p>
+
+<p>»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals
+wollte ich sie.«</p>
+
+<p>»Sie haben diese Gobelins zerstört?«</p>
+
+<p>»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten
+Vögel aus irgendeiner Laune. Er erlaubte mir, sie
+herauszuschneiden.«</p>
+
+<p>»Afra ... das ist unmöglich.«</p>
+
+<p>»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen
+großen Wert auf diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht.
+Ich muß in einer ungünstigen Stunde gebeten haben.
+Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es sah.«</p>
+
+<p>Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden
+Blick am Boden, ging ihm zum erstenmal eine Ahnung
+von der ganzen Gewalt und Tiefe des Märtyrertums
+dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
+Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich
+traurigen Vision sah er die ermüdete Herrlichkeit
+einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm und dem bedachtlosen
+Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die blasse<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a>
+Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren
+Augen, tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben
+eines sinkenden Tages gestreut. Die Vögel sangen nirgends,
+es wurde still, und die Toten schliefen in einer
+Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib,
+das ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken
+gebeten hatte, Afra fortzuschicken ... Über allem wurde
+ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine beinahe heldenhafte
+Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
+tränenfeuchte Schleier.</p>
+
+<p>»Afra, Sie sollten ... fort &mdash; &mdash; große Städte und
+viele Menschen sehen, andere Menschen. Es müßten
+sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte und
+Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«</p>
+
+<p>»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was
+würde aus Wartalun?«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn
+froh an ihrer klaren Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert
+und verstand, nun da er ihr argloses, sinnendes
+Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.</p>
+
+<p>»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie
+es beginnt, mich zu verändern.«</p>
+
+<p>Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem
+Arbeitsraum des Toten, ward ihm wieder eigen beklommen
+zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
+Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild
+Afras. Das Mädchen nahm den Schleier ab. Es
+raschelte darunter von verwelkten Blumen, und die
+Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a>
+großen Tisches, zwischen die grünlichen Bronzeleuchter,
+deren Kerzen halb heruntergebrannt waren.</p>
+
+<p>»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs
+Land, dessen Beruf es war, Bilder zu malen«, erklärte
+Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte dies Bild
+machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei,
+aber dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens
+war er fort.«</p>
+
+<p>»Weshalb?«</p>
+
+<p>»Oh &mdash; er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er
+stand, sprach er davon.«</p>
+
+<p>»Und Sie wollten nicht?«</p>
+
+<p>Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz
+rasch, daß sie schwirrte.</p>
+
+<p>»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.</p>
+
+<p>Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog
+einen Brief heraus. Ehe er davon sprach, meinte Afra
+über seine Schulter hin:</p>
+
+<p>»Das ist seine Schrift.«</p>
+
+<p>»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen
+gesprochen habe. Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste
+Teil bezieht sich auf Angelegenheiten der Verwaltung,
+vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen betrachten, dieser
+Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so zurückhaltend
+und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe,
+war Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag,
+ist das heute morgen gewesen?«</p>
+
+<p>»Wann denn sonst?«</p>
+
+<p>»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen.<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a>
+Sie müssen bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben
+ohne große äußere Ereignisse dahinlief, und die Erlebnisse
+der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie haben so
+gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu
+schaffen, und auf die Dauer rauben sie einem den Sinn
+für die Zeitmaße der Umwelt.«</p>
+
+<p>»Was schreibt er denn?«</p>
+
+<p>»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.</p>
+
+<p>»Gewiß ...«</p>
+
+<p>Beide schwiegen.</p>
+
+<p>Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er.
+Es ist nicht ihr Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt
+noch die Andacht, die Liebe, den Wert dieser
+Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
+eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene
+jemals mit den Gaben seiner Liebe zurückgehalten? So
+mag es denn geschehen, beschloß er, mit der Bitterkeit
+eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.</p>
+
+<p>In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen
+nach oben und unten zogen, aber im Verlauf der Schrift
+selbst wie eine einzige feine Linie wirkten, liefen die langen
+Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält, ernüchterte
+alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
+manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen
+Tonfall seiner Stimme, deren Beben er zu verbergen
+trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher seltsamen
+Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte
+als daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte.
+Aber einzelne Sätze prägten sich ihm tief ein, einmal<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a>
+hielt er inne, suchte den Beginn und las einen Satz noch
+einmal:</p>
+
+<p>»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts,
+das es begründet, erbaut und gemehrt hat,
+aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen,
+daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor
+Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft
+des Lebendigen.«</p>
+
+<p>Er sah Afra an.</p>
+
+<p>»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«</p>
+
+<p>Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der
+ergriffene Mann las sehr leise, als scheute er sich, Dinge
+auszusprechen, die der Tote im Grund seines Herzens
+getragen hatte.</p>
+
+<p>»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender
+oft vermeint habe zu erkennen, so wollte Gott, daß
+meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam, denn das Wesen
+der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen,
+daß die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte
+und der Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart
+sich in einem ewigen Krieg der Geschlechter, nur die
+Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«</p>
+
+<p>Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten,
+die an die Erben gerichtet waren:</p>
+
+<p>»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in
+dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr
+sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt
+ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen,
+denn das Beste unseres Wesens hat mit dem<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a>
+Wirken der neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre
+Waffen nicht führen.«</p>
+
+<p>Der Brief brach hier ab.</p>
+
+<p>»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann
+erschien es, als erinnere er sich plötzlich der Gegenwart
+Afras, und er fügte schnell hinzu:</p>
+
+<p>»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«</p>
+
+<p>Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:</p>
+
+<p>»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit
+mir gesprochen hat. Dort am Kamin, der Sessel steht
+noch an seinem Platz. Ich saß ihm zu Füßen und bin oft,
+die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er weckte
+mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
+war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen,
+von den Armen und Reichen und vom großen,
+ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch einmal:
+>Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem
+Kampf.&lt; Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er
+nie den Besitz der Menschen an Geld oder Land, sondern
+er meinte etwas anderes ...«</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an
+dieses Andere, das keiner von ihnen nannte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+<p>Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam
+der große Mond herauf. Die vielgestaltigen
+Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a>
+scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt,
+dort ruhten sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch
+die Eichen, die den Parksee auf freien Rasenplätzen umstanden,
+fiel das Licht in das ruhige Wasser, das Schilf
+rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man
+über die Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man
+hinter den Äckern, fern über dem lichten Teppich des
+Korns, die grauen flachen Seen des Nebels über dem
+Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser
+Ebene beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm
+wirken, das am Rand des Eichwalds im Schlummer
+lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und duldete
+nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das
+Licht der Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags
+zu zeitlosen Gebilden der Welt emporzauberte, führte
+die Gedanken des Beschauenden in vergangene Jahrhunderte
+zurück. Alle Interessen des Alltags wurden
+unter diesem Anblick armselig und wesenlos, als käme
+es in der kurzen Zeitspanne irdischen Daseins auf ganz
+andere Dinge an ...</p>
+
+<p>Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im
+Mond. Der junge Gutsherr lag ohne Schlaf auf seinem
+Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, ruhelos und
+müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke
+der getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich
+und ungreifbar erschienen, als sähe er sie nicht,
+sondern als lausche er einer altmodischen Erzählung.
+Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein breiter
+Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a>
+im Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in
+dieser Stunde ein eigen persönliches Ansehen. Ihm war
+zumute, als sei alles hier ihm feindlich gesinnt, er
+empfand sich als heimatlos, als Eindringling und
+rechtlos.</p>
+
+<p>Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen
+Frau. Wenn er hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht
+nur ihr dunkles Haar in den hellen Kissen. Er wußte
+nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den Abend
+hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen
+können, aber der Name war nicht gefallen, an den beide
+dachten. In einem eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren
+Schuldbewußtsein, die ihn peinigten, hatte
+er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann
+nur von gleichgültigen Dingen.</p>
+
+<p>Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.</p>
+
+<p>»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier
+alles in einem zu verändern trachtet. Ich fürchte sehr,
+daß ich hier lange Zeit nicht zur Arbeit kommen werde.
+Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis ich
+ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin.
+Aber es erscheint mir so, als herrschte allenthalben große
+Ordnung, die Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich.
+Wir sind sehr reich geworden, Elsbeth.«</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof
+und der Park im Mondlicht liegen? Hörst du den
+Brunnen? Ich glaube, wir werden hier lernen, glücklich
+zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem sonnigen,<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a>
+freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den
+wir durch den Wald und über die Felder gemacht haben.
+Alles, was du hast sehen können, wird einmal sein
+Eigentum sein.«</p>
+
+<p>Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und
+setzte sich an ihr Bett, die Hände um ihre Schläfen,
+beugte sich tief über sie und flüsterte innig und liebevoll.</p>
+
+<p>»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte
+er sie endlich zu trösten. »Gestern warst du noch guten
+Muts, als wir ankamen. Diese Einsamkeit ist gewißlich
+ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, aus
+dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen,
+und du wirst bald empfinden, daß es recht war,
+ihn auszuführen.«</p>
+
+<p>Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig
+den Kopf zur Seite sinken, die Augen gegen das weiße
+Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. Und so sprach sie
+auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß
+er ihr zuhörte:</p>
+
+<p>»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie
+verstanden habe. Ich habe gehofft, daß ich hier, von
+allen Menschen entfernt, meiner selbst viel sicherer würde,
+daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, vieles
+leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier
+bedrückt mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein
+Ruf, kein Geschrei durch sie hindurch zu den Menschen
+dringen, niemand würde uns hier jemals suchen, man ist
+wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
+sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a>
+Menschen werde ich niemals lernen eine Beziehung zu
+unterhalten, und ich werde nie ihr Herz finden. Ich verstehe
+sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre Angesichter
+erschrecken mich, und ...«</p>
+
+<p>Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern
+ein:</p>
+
+<p>»Du bist ungeduldig.«</p>
+
+<p>»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an
+die Wahrheit der ersten Eindrücke, und sich gewaltsam
+gegen die innere Stimme zu wehren, hat bei mir niemals
+zum Guten geführt.«</p>
+
+<p>»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr,
+»als wäre ich dir nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern
+und nichts vertraut machen.«</p>
+
+<p>Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen
+seines Herzens widersprochen. Jetzt nahm sie sie
+hin, als habe er eine bittere Wahrheit ausgesprochen.</p>
+
+<p>Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in
+ihren großen ruhigen Augen die Tränen langsam kommen
+und fallen, fuhr er um manches weniger herzlich
+fort:</p>
+
+<p>»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«</p>
+
+<p>Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was
+uns in Wahrheit bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer
+heißen Welle von Blut, die ihm in die Schläfen drang
+und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
+zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte
+Art des Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte
+ihn, da er dem Recht seiner Liebe zu seinem Weibe<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a>
+nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich als klein empfunden,
+wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
+keine Befürchtung bringen durften. Mochte <em>sie</em> sprechen,
+wenn es not tat. Dabei betrachtete er ihre Tränen,
+die das Tuch ihres Bettes näßten, und schwieg, eigenwillig
+und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
+dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht
+schicken wollte.</p>
+
+<p>»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie
+alle seine Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich
+doch! Wie hätte ich vorhaben können, dich zu betrüben.
+Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen Tag kaum
+von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht
+von ihr? Was hindert dich daran? Konnte dich kränken,
+daß ich heute darum bat, du möchtest sie fortschicken?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr
+geschwiegen, ich glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen
+die junge Dame sei es besser, die Sache vorläufig ruhen
+zu lassen.«</p>
+
+<p>Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst
+bin ich traurig. Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht
+geschaut hast, ich habe mit jedem Wort, das dich von
+ihr traf und das du ihr entgegnetest, empfunden, wie sie
+auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich gegen
+sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem
+schönen kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie
+spricht, ihr Lachen nimmt mir den Atem. Alles an ihr
+ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf ihren Vorteil<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a>
+und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
+zu erreichen.«</p>
+
+<p>»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute,
+nicht jetzt, denke daran, daß alle Erregung nicht allein
+dir schaden könnte. Sie soll fort, ich will es dir versprechen,
+aber noch kann es nicht sein. Ich bedarf ihrer.
+Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben
+noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann
+dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine
+Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«</p>
+
+<p>»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist
+ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was
+ich ihr heute zugesagt habe.«</p>
+
+<p>»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh,
+wie ich dies Mädchen kenne.«</p>
+
+<p>»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre
+Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten
+auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich,
+die ich achten muß, wenn ich mich seines
+Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen
+seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu
+den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat,
+daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in
+sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann,
+ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«</p>
+
+<p>Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe
+drohend klang.</p>
+
+<p>Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a>
+groß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer
+und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.</p>
+
+<p>»Helmut ...«</p>
+
+<p>Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und
+wollte sich nicht mehr trösten lassen. &mdash;</p>
+
+<p>Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als
+habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in
+sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr
+von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein
+das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk
+des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch
+sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den
+Schlafraum sandte. &mdash; Aus seinem Schmerz rettete ihn
+ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte,
+jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die
+Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu
+täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
+vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude,
+von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte
+Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen
+tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein
+von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte,
+und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens
+traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten:
+»Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen
+die Tür zum Hof öffnete, flatterten die blauen Tauben<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a>
+von der Schwelle auf und schlugen sich in den roten
+Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
+nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle
+drehten, und strich mit der Hand über die ergraute
+Schläfe.</p>
+
+<p>Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior
+hörte den Namen fallen, an den er dachte, das gedämpfte
+Kreischen irgendeiner Mädchenstimme erscholl,
+und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in
+jener stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die
+welken, bartlosen Gesichter alternder Hausgeister überzieht,
+um nach dem Grund des frühen Lärms zu forschen.
+Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
+Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra
+sollte man rufen.</p>
+
+<p>Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte
+ließ die Kiste niederstellen, drehte sie gegen das Licht und
+schaute hinein. Tief hinten, in die Ecke gekauert, erblickte
+er das kleine braune Tier, abwartend und tückisch
+kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen lebten
+in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es
+flößte viel mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht
+würde es allen diesen zu entgehen wissen, wenn es nicht
+ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung und Trauer
+verharrte es in seiner schmachvollen Lage.</p>
+
+<p>Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu
+tauchen, das sei gefahrlos und sicher; aber Martin sah
+sie zornig an:</p>
+
+<p>»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn
+zuerst sehen?«</p>
+
+<p>Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man
+daran zweifeln konnte.</p>
+
+<p>»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine
+Stubenmäuse braucht niemand anzuschauen.«</p>
+
+<p>Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und
+eilte fort zu den Wirtschaftsgebäuden.</p>
+
+<p>»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior
+in unnahbarer Überlegenheit und seines Wissens froh.</p>
+
+<p>»Im Schloß?« fragte Martin hastig.</p>
+
+<p>Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte
+bewegt und erfreut den Kurs. So gehörte es sich. Das
+Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre es auch gewesen,
+wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war,
+Afra etwas vorenthalten hätte.</p>
+
+<p>Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse
+herunter und lief quer über den Rasenplatz, ohne
+Hut, die Jagdbüchse in der Hand.</p>
+
+<p>»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie.
+Melchiors adelige Verbeugung voll Zurückhaltung
+fand keine Beachtung, Martin bekam einen gelinden
+Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick
+in den Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge
+spannten sich, gefesselt zu großem Ernst.</p>
+
+<p>»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«</p>
+
+<p>Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.</p>
+
+<p>»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf,
+»wir tragen ihn in den Park auf den großen Rasenplatz,<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a>
+und ich stehe hinter der Falle. Bei drei macht ihr auf.
+Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die Falle ist
+gemein. Los, Martin, faß an.«</p>
+
+<p>Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die
+Knechte und Mägde aber liefen mit, und Afra ließ es zu.</p>
+
+<p>»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur
+nach rechts oder nach links ausbrechen. Ihr müßt viel
+mehr zurücktreten.«</p>
+
+<p>»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin,
+aber Afra war es gleichgültig, wo er getroffen wurde.</p>
+
+<p>»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.</p>
+
+<p>»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«</p>
+
+<p>Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das
+Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber
+das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit
+nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze
+an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen
+rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten,
+kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den
+See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich
+zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen
+Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten.
+Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf
+alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im
+Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein
+zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.</p>
+
+<p>Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht
+heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen
+zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zu<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a>
+Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn
+mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als
+wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung.
+Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder
+Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
+letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken
+Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig
+und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich
+das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete
+und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in
+die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten,
+und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid
+oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
+Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.</p>
+
+<p>Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine
+Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß
+aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und
+meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.</p>
+
+<p>Sie sah ihn an.</p>
+
+<p>»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch
+vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es
+Zeit, aufzustehen.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2>
+
+<p>Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr
+eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den
+Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte er<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a>
+planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf
+Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte
+Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl
+von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan.
+Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt
+waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen,
+und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden.
+Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders
+für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
+unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte
+einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete,
+wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen
+Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
+Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die
+Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig
+zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener
+Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
+blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
+vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm
+nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten
+erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall,
+anklägerisch ohne Zorn.</p>
+
+<p>Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos
+dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend,
+das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete.
+Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten
+selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
+kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam
+in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a>
+Händen besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung
+verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit,
+in der er bewundern konnte, was sie gelassen
+und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine
+Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung
+entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer
+Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen
+Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade
+durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über
+ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte,
+jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen
+Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig
+hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß
+er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte,
+da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor
+Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
+bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu
+empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er
+dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte,
+Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar
+unbegründeten Schritt fordern zu müssen.</p>
+
+<p>Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des
+Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte,
+als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt
+sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr
+tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«</p>
+
+<p>Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:</p>
+
+<p>»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«,
+sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwas<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a>
+vergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten.
+Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig.
+Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem
+Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu
+finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde
+Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze
+fortschießen.«</p>
+
+<p>Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.</p>
+
+<p>»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und
+Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«</p>
+
+<p>»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig
+meinetwegen?«</p>
+
+<p>Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres
+in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:</p>
+
+<p>»Er langweilt sich.«</p>
+
+<p>Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die
+ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die
+Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie
+hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
+sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden
+hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige,
+der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging,
+bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
+Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit
+und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen
+dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren
+kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.</p>
+
+<p>Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt
+nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch die<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a>
+Felder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die
+Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit
+sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte
+er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind
+mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und
+dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche
+dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines
+neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil
+sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte
+ausgefüllt war?</p>
+
+<p>»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.</p>
+
+<p>Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst,
+wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis
+abgelegt.</p>
+
+<p>Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige
+Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er
+wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut.
+Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß
+die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle,
+die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten
+Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den
+schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
+nach der Mühle führte.</p>
+
+<p>In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten
+Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und
+am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell
+dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete
+einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
+In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der
+Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die
+mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht
+mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel
+unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt
+unser Eigentum.</p>
+
+<p>Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des
+kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten
+Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten,
+sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
+leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad
+glitzerte vom rinnenden Wasser.</p>
+
+<p>Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß
+Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es
+wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen,
+beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken
+bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd
+sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat,
+sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um
+und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon
+längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.</p>
+
+<p>»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen
+eines Gefühls von inniger Freude.</p>
+
+<p>»<ins title="O bitte">Oh, bitte</ins>, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr
+Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben
+sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige
+Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm
+umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig
+beiseit, um ihm Platz zu machen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es
+Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«</p>
+
+<p>»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich
+gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig
+einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich
+noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die
+Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht
+deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie
+schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die
+Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.</p>
+
+<p>Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte,
+als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn
+seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits
+des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen
+schritten Störche durch die flachen Tümpel.
+Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller
+Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und
+Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte
+zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.</p>
+
+<p>Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra
+überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in
+rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem
+Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen
+und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr
+zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel
+ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und
+bald darauf schritten sie miteinander quer über die
+Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade
+nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie
+sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit
+ihres jungen Körpers, seine Frische und
+Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer
+Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten
+Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an
+den Schläfen. Zögernd sagte er:</p>
+
+<p>»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine
+Pflichten.«</p>
+
+<p>Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb,
+denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an
+seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und
+ein klein wenig unsicher:</p>
+
+<p>»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht
+haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind
+welche darunter, die ich verstehen kann?«</p>
+
+<p>»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen,
+und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so
+will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander
+zu lesen.«</p>
+
+<p>Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher,
+welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen
+mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie
+jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den
+Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht.
+Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man
+den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«</p>
+
+<p>»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«,<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a>
+fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind.
+Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine
+Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd
+an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für
+mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch
+nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer
+allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und
+habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die
+wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben
+gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche
+Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als
+mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den
+Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen
+angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist.
+Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
+Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von
+Ihnen ...«</p>
+
+<p>»Denken Sie nicht gut von mir?«</p>
+
+<p>»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen
+verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine
+Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt
+hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung
+eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig
+ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken
+trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das
+Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten,
+was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie
+sind wunderschön!«</p>
+
+<p>»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a>
+zu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt
+und stammelte:</p>
+
+<p>»Warum sprechen Sie so gut von mir?«</p>
+
+<p>»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen,
+wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und
+bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander.
+Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
+wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.</p>
+
+<p>»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie
+plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand
+zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen,
+da sank auch die ihre nieder, und sie starrte
+ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand
+in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten
+Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern
+und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie
+umgab.</p>
+
+<p>»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.</p>
+
+<p>»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.</p>
+
+<p>Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.</p>
+
+<p>»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben
+Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß
+Ihnen schwer sein &mdash; glauben Sie mir, daß ich anders
+als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«</p>
+
+<p>»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich
+selbst.</p>
+
+<p>»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur
+dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in
+der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach,<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a>
+nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme
+noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme.
+Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend
+hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte,
+um anderen recht zu geben, die geringer als ich
+waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen,
+die Sie mir gegeben haben.«</p>
+
+<p>»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.</p>
+
+<p>» <ins title="O Unschuld">Oh Unschuld</ins>, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von
+mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit,
+zu der mein Herz verurteilt ist.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie
+betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich
+habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe
+überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht.
+Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen
+wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann.
+Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd
+und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre
+Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich
+denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen
+konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand,
+der so trübsinnig redet.«</p>
+
+<p>Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich
+nickte.</p>
+
+<p>»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden
+alle anderen zuletzt unrecht haben.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte sie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann
+ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes
+Lächeln in den früh gealterten Zügen seines
+Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr
+Haupt zurück in den Sonnenschein. &mdash; Es blieb von
+diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«,
+das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge
+von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der
+Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie
+sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen
+Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im
+stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln,
+drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule
+starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen.
+Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich
+an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.</p>
+
+<p>Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des
+Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten
+Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit
+kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den
+Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht
+zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter
+Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und
+seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a>
+Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit
+des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher
+und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes
+und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene
+Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines
+Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer
+Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen.
+Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von
+Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des
+letzten Grafen von Wartalun hernieder.</p>
+
+<p>Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten
+Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren,
+warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die
+Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten,
+und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das
+Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten
+empor, der in ihrem Herzen lebte.</p>
+
+<p>Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit
+der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien
+das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der
+Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt,
+begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
+Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes
+Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie
+Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und
+blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und
+summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens,
+als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen
+und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelder<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>f
+im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
+Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme
+ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte
+über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße
+Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen
+und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs
+grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll
+empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen,
+friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges
+Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund
+klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot
+über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein
+goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in
+den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem
+noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...</p>
+
+<p>Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche
+Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus
+mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort
+bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht
+hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte
+sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles
+umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen
+Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein
+gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe
+geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie
+niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr
+bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen
+anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie,
+härter als sie und als ich möchte.« &mdash; Sie hatte sicher<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a>
+diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem
+enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.</p>
+
+<p>Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen
+und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes
+Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster
+und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben
+nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch
+sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß
+man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer
+klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen
+heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
+gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet
+und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit
+funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als
+langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte
+zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber
+und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie
+eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund
+des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen
+über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über
+das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der
+fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde
+folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines
+Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann
+Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge
+Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der
+heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten
+war.</p>
+
+<p>Sie öffnete die Holzpforte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie
+das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau
+erkannte.</p>
+
+<p>»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort.
+»Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben.
+Sie kennen mich immer noch nicht.«</p>
+
+<p>Es klang wie eine Anklage.</p>
+
+<p>Afra sagte:</p>
+
+<p>»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht
+fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.«
+Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die
+Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ
+es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr
+nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all
+der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als
+nötig zu machen.</p>
+
+<p>»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte
+Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der
+Stimme.</p>
+
+<p>Afra nickte.</p>
+
+<p>»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«,
+sagte sie.</p>
+
+<p>Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die
+junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon
+überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.</p>
+
+<p>Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die
+Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und
+zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie
+ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a>
+waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses
+verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten
+aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und
+während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für
+Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die
+Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen,
+dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten
+Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was
+Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte.
+Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei
+Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen,
+die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das
+Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege
+gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von
+diesem ungewöhnlichen Vorfall.</p>
+
+<p>»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.</p>
+
+<p>Es kam keine Antwort.</p>
+
+<p>Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber
+irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß
+dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie
+selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser
+Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten
+Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft
+werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten
+stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre
+einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil
+daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte
+niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte,
+an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a>
+hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich
+herbeizulassen und ohne zu demütigen.</p>
+
+<p>An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene
+Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe
+zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür
+schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen
+wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen
+ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen
+des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin
+Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am
+Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte
+vor sich hin.</p>
+
+<p>Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die
+junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar.
+Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich
+hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend,
+daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um
+was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen
+langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals
+die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand
+von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
+Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder
+die flehentliche Bitte klang:</p>
+
+<p>»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«</p>
+
+<p>Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand
+unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt
+hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben
+würden.</p>
+
+<p>»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a>
+flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das
+mir an meinem Herzen vertraut. &mdash;</p>
+
+<p>Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht
+unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der
+dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich.
+Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um
+derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz
+seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem
+Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast.
+Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft.
+Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
+nicht, das sich nicht wehren kann. &mdash; Ich hätte meine
+Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser
+Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was
+du willst, ich bin reich &mdash; aber geh noch in dieser
+Nacht.«</p>
+
+<p>»Stehen Sie auf!« rief Afra.</p>
+
+<p>»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf
+Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach
+Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich
+das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht
+gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als
+ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa,
+ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt
+zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein
+zertretenes Wesen. Aber das Kind &mdash;«</p>
+
+<p>Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte.
+Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie
+übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a>
+der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie
+hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung,
+die geschah, möchte ein Ende finden.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen
+weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren
+Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und
+deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
+sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.</p>
+
+<p>»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf,
+»dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der
+meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn
+sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll
+ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist
+noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben
+gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir
+leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein
+Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
+die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß
+Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht:
+»Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das
+heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger
+wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund
+von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.
+»Rette mich, halte mich!«</p>
+
+<p>Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes
+in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren
+Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie
+beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür
+und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a>
+durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die
+sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür
+auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
+zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die
+Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still
+geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang
+des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
+gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau
+nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen
+von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen
+Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles
+Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames,
+als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen
+worden ...</p>
+
+<p>Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme,
+es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den
+Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der
+Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie
+Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die
+sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.</p>
+
+<p>»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?!
+Soll ich die Läden einschlagen?«</p>
+
+<p>Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut
+hervor.</p>
+
+<p>»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da
+stand Melchior im Rahmen der Tür.</p>
+
+<p>»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und
+dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter
+diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a>
+Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem
+maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.</p>
+
+<p>»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe
+der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«</p>
+
+<p>»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.</p>
+
+<p>»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die
+Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«</p>
+
+<p>»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was
+hast du getan!«</p>
+
+<p>»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang
+zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.</p>
+
+<p>»Gehorchst du?«</p>
+
+<p>»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«</p>
+
+<p>Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch
+das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von
+Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in
+bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen
+auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das
+Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder
+vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte,
+daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen
+den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem
+Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses
+eigensinnigen Widersachers.</p>
+
+<p>»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«</p>
+
+<p>Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im
+Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte
+Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein
+einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegen<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a>
+Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer
+Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:</p>
+
+<p>»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«</p>
+
+<p>»Du junger Bursche wagst ...«</p>
+
+<p>Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen,
+und die Finsternis verschlang die Versicherungen von
+Würde, die der Alte draußen keuchte.</p>
+
+<p>Afra lachte krampfhaft auf.</p>
+
+<p>»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig
+die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es
+nicht gut geht.«</p>
+
+<p>»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt
+hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und
+langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett
+des jungen Mädchens.</p>
+
+<p>»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.</p>
+
+<p>»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem
+beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber
+stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte
+Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch
+mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen
+vor Afra erlauben durfte.</p>
+
+<p>»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht
+alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«</p>
+
+<p>Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.</p>
+
+<p>»Mach drüben die Lichter an.«</p>
+
+<p>Er gehorchte. Dann kam er zurück.</p>
+
+<p>»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh,
+schirr &gt;Husar&lt; an, oder willst du reiten?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>»Da ist mir schon der Wagen lieber.«</p>
+
+<p>»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«</p>
+
+<p>»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der
+Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an
+seiner Hand saugte.</p>
+
+<p>»Blutest du?«</p>
+
+<p>»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es
+schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«</p>
+
+<p>»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum
+Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und
+zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.</p>
+
+<p>»Deine Hände zittern«, sagte er.</p>
+
+<p>»Halt still«, gab sie zurück.</p>
+
+<p>Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen
+Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab
+sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun
+öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr
+Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen
+Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß
+Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb
+im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.</p>
+
+<p>»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu
+wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags
+bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in
+Wartalun sehen.«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand
+Graf Helmut hinter ihr.</p>
+
+<p>»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener
+Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>Da stolperte Melchior vor ihn hin.</p>
+
+<p>»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut.
+Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«</p>
+
+<p>Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut
+abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten
+Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch
+im Grunde Sicherheit war.</p>
+
+<p>»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu
+Melchior.</p>
+
+<p>Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos
+gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte,
+fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer
+Erregtheit heraus:</p>
+
+<p>»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem
+Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte
+dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit
+war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«</p>
+
+<p>»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe
+völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier
+gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich
+mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie
+niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den
+Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz
+Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte,
+daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge
+in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen
+Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind.
+Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen,
+zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a>
+dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr
+Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und
+böse fortfuhr:</p>
+
+<p>»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der
+Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und
+deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer
+stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da
+sein Schreck sie bestürzt machte.</p>
+
+<p>Er starrte sie an.</p>
+
+<p>»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel
+bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«</p>
+
+<p>Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.</p>
+
+<p>»Dort liegt deine Frau ...«</p>
+
+<p>Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu,
+ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls,
+und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen
+Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.
+Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte
+plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am
+Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige
+Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die
+er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,
+als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau,
+die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen
+Vergessens versunken war.</p>
+
+<p>Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine
+Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.</p>
+
+<p>»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf
+meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut.<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a>
+»Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht,
+daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf
+ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas
+hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen
+fern lag.</p>
+
+<p>Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter,
+und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich
+empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz
+der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene
+Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in
+Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der
+Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame
+Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das
+füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.</p>
+
+<p>»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und
+da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:</p>
+
+<p>»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«</p>
+
+<p>»Sprich doch nicht ...«</p>
+
+<p>»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich
+nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand,
+der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+<p>Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener,
+im Hause umher, verstört und von Angst und
+Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeiten<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a>
+zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
+fort von den bösen Geistern, die seine Heimat
+zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine
+Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn
+einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen,
+um Unrast, Verwüstung und Verfall über das
+wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von
+Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er,
+daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen
+von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum
+bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz
+hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine
+bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen
+konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten,
+woran sein Herz hing. Es waren <ins title="vierlerlei">vielerlei</ins> Dinge in
+Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen
+waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
+Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die
+ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich
+Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und
+ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm
+wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der
+Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit
+bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die
+Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie
+gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert &mdash; &mdash;
+Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.</p>
+
+<p>»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist
+du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, du<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a>
+Kleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust
+Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte
+hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust &mdash;«</p>
+
+<p>Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte
+man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land,
+in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.</p>
+
+<p>Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb
+es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine
+klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu
+hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür
+wieder ins Schloß.</p>
+
+<p>Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von
+allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war
+Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken
+mit seinem Herrn?</p>
+
+<p>»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein
+Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die
+Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra
+selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward
+ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden
+würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei
+jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch
+war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und
+hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte,
+wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm
+Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden.
+Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern,
+ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung
+und ballte die Fäuste.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich
+erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen
+Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es
+trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen,
+sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand
+mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag
+wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und
+wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu
+Wartalun gehörte, Abgrund war. &mdash;</p>
+
+<p>Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen,
+die einen schweren Korb mit Torf und Holz
+trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg
+das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der
+blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:</p>
+
+<p>»Ach &mdash; das Leben.«</p>
+
+<p>So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so
+war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief
+über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so
+ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
+goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah
+hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm,
+als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts
+verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht
+größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon
+bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht
+immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken
+durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores
+geflochten, das nie geöffnet wurde? &mdash;</p>
+
+<p>Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a>
+Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer
+kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine
+wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß
+er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe
+hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch
+den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht
+und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte,
+und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.</p>
+
+<p>»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ...
+Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter
+Mann in diesem Hause geworden.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie
+ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin,
+der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem
+Haar die Morgensonne lag.</p>
+
+<p>»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch,
+Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber
+vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«</p>
+
+<p>Sie entzog ihm ihre Hand.</p>
+
+<p>»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde
+brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl
+einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt
+Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen
+muß ich einmal in die Bücher schauen.«</p>
+
+<p>Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein
+Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.</p>
+
+<p>»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die
+Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch.
+Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a>
+empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
+Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung
+hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm
+seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er
+ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach
+Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
+verlassen hatte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut
+aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen
+zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge,
+die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
+Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr,
+der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge
+besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch
+zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle
+aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber
+er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen
+Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er
+Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht
+fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen
+darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder
+erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde
+für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr
+dankbar und fand keine bessere Lösung.</p>
+
+<p>In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer
+Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer
+Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a>
+leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte
+man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.</p>
+
+<p>Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu,
+zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach
+rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig
+der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die
+kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die
+ersten Feldhühner gebracht.«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht.«</p>
+
+<p>»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für
+ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr
+aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen.
+Er will nichts von Ihnen wissen.«</p>
+
+<p>Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und
+vom nahenden Herbst.</p>
+
+<p>Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die
+Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein
+empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte.
+Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und
+starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in
+der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum
+seines Daseins geworden war. Er verglich nicht
+mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug
+jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose
+und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt
+scheinen, niemandes Schicksal zu werden.</p>
+
+<p>»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.</p>
+
+<p>»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese
+Auskunft schien ihm zu genügen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er
+nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers,
+das er ritt.</p>
+
+<p>Afra schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Dies ist &gt;Prinz&lt;«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel.
+Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze
+Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen
+wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes
+Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich
+habe es kürzlich verkauft.«</p>
+
+<p>»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.</p>
+
+<p>»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ
+er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich
+mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht,
+denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
+unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser
+Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es
+traurig. &mdash; Wer sollte es denn jetzt reiten?«</p>
+
+<p>Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er
+raffte sich zusammen.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner
+Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen.
+<ins title="Für">Für eine</ins> wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+rechten praktischen Sinn.«</p>
+
+<p>Sie schien das zuzugeben.</p>
+
+<p>»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es
+nicht genommen?«</p>
+
+<p>»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser
+Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ...<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a>
+auch habe ich &gt;Joni&lt; von ihm selbst bekommen und will
+kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt
+hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den
+Flanken stammen von seinen Sporen.«</p>
+
+<p>Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her,
+nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr
+klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen
+Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
+und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende
+Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den
+einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem
+Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
+bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt,
+sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:</p>
+
+<p>»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«</p>
+
+<p>Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen
+Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der
+Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht
+vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der
+Weiden schaukelten im sanften Wind.</p>
+
+<p>Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort,
+vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart
+es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten
+Herzens nun nichts anderes tun konnte als
+das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:</p>
+
+<p>»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr
+große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen
+Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen
+und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen,
+aber er tat es nicht.</p>
+
+<p>Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So
+suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer
+Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten,
+denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:</p>
+
+<p>»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker
+fassen.«</p>
+
+<p>»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach
+schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr
+nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes
+Pferd war, das er ritt.</p>
+
+<p>Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um
+einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken
+war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt
+kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch
+glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
+Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es
+ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr
+darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht
+über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach,
+schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte.
+Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches
+Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor,
+in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit
+auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn
+nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu
+schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie
+wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist
+noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei
+der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen.
+So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen?
+Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie
+sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine
+unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände
+gegeben worden war.</p>
+
+<p>Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben,
+und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts
+Gesicht.</p>
+
+<p>»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie
+einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich
+künftig fort von Wartalun.«</p>
+
+<p>»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«,
+sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört
+auch dir.«</p>
+
+<p>Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne
+Überlegung:</p>
+
+<p>»Das glaubt mir niemand.«</p>
+
+<p>Gepeinigt sah er auf.</p>
+
+<p>»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen
+Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie
+schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von
+mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern,
+wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes,
+reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte
+Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine
+Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauter<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a>
+Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen,
+um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu
+gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam
+sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich
+habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich
+mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine
+Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich
+klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und
+das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das
+Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern
+darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben
+kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben,
+wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«</p>
+
+<p>»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte
+Afra.</p>
+
+<p>Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.</p>
+
+<p>»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach
+nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die
+Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«</p>
+
+<p>»Oh, das verstehe ich wohl.«</p>
+
+<p>»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen,
+er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich
+auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an
+einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne
+Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich
+erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen
+wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals
+daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß
+dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a>
+schlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig
+ist, die uns reich macht.«</p>
+
+<p>Da stellte Afra die Frage:</p>
+
+<p>»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«</p>
+
+<p>Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte
+sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder
+Stimme:</p>
+
+<p>»Wie du bist &mdash;«</p>
+
+<p>Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne
+daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand
+und sagte einfach:</p>
+
+<p>»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich
+immer.«</p>
+
+<p>Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück
+und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg
+gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie
+sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
+im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen
+Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging
+im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt
+im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und
+prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+<p>Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun
+ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem
+Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen.<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a>
+Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an
+und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut
+mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren
+eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern,
+die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft
+ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete
+hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die
+der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter
+und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten
+hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und
+im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener
+Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte
+diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
+Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel
+beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet,
+deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden
+Aufmunterung oder Erholung gewährt.</p>
+
+<p>Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht
+als erfreut. Er las die burschikosen Worte des
+Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die
+ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber
+mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines
+Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt
+hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser
+Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
+früher stets empfunden hatte, und da er erwartete,
+ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer
+leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche
+Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a>
+dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit
+teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung
+seiner Frau mit.</p>
+
+<p>Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas
+verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten
+Geschehnissen anmerkte.</p>
+
+<p>»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände
+nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder
+gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für
+sein Kommen ein.</p>
+
+<p>»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird
+auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen,
+soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch'
+ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«</p>
+
+<p>Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung
+war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als
+daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte.
+Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
+Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.</p>
+
+<p>So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im
+Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen.
+Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß
+zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
+für den Freund hergerichtet werden sollten.
+Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf
+und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu
+können.</p>
+
+<p>Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie
+denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a>
+Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft
+und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
+gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick
+auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab,
+zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft
+im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein
+in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
+ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er
+an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert
+hatte.</p>
+
+<p>Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand
+Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde
+verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des
+Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
+erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen
+war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten
+und daß allein die Viehbestände ein kleines
+Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die
+in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten
+seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden
+ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten
+der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu
+ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die
+Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die
+Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert,
+deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ.
+Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß,
+sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte,
+sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen,<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a>
+gemessen an den Lebensverhältnissen, die er
+kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er
+vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und
+Freude.</p>
+
+<p>Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter
+das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht
+bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen.
+Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so
+gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft,
+in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel
+nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen
+kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß
+seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
+Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe
+hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er
+mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen,
+daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann,
+seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im
+Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen,
+was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen
+verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine
+großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er
+es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand,
+daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden
+war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs
+Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
+beglaubigen zu lassen.</p>
+
+<p>Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten,
+er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a>
+Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut
+hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine
+große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es
+ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu
+finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige
+Bauerngesicht, während gemächlich über die
+Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen
+verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen
+dem Manne einzig als gerechtfertigt und
+klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er
+sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel.
+»Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die
+Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht
+mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was
+er an ihr hatte.«</p>
+
+<p>Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher
+Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die
+ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die
+Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte
+zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte.
+Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz
+der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior
+und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie
+um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
+Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die
+nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich
+zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig
+war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen
+kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen,<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a>
+dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ
+den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn
+dadurch kränkte.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß
+jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden
+könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er
+jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte
+führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
+ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu
+sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung
+seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung
+wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines
+ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
+darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille
+Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte.
+Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger?
+Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme
+und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber
+mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit
+seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner
+Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden
+Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
+Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß
+diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung
+nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen
+Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
+spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber
+doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung
+von selbst bringen mußte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums
+bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang
+des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben
+an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen
+Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe
+zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen
+kann.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen
+ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam
+wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den
+hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal,
+und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der
+Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen
+Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
+Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und
+alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen
+herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen,
+klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen,
+das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden
+Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung
+erwachten die melancholischen Töne, die mit der
+kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen
+scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang,
+der sich wie eine Klage erhob und am dunklen
+Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die
+sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft
+von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a>
+Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
+Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen
+zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit
+von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus
+dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
+Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten
+in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in
+Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung
+aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den
+Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den
+schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf
+dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot
+der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des
+Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel,
+die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte
+das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt
+zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige
+Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren
+die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen
+kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten
+emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
+Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen
+&mdash; und doch hätten sie beides sein können.</p>
+
+<p>Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes
+Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und
+des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten,
+fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen
+besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst
+ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a>
+du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm
+von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
+gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut
+kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter
+machte ihn die innere und äußere Verfassung,
+in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich
+zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
+gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln,
+die quälende Verpflichtungen aus der Welt
+brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit
+Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal
+wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und
+verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige
+und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
+behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei
+seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch.
+Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß
+die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken
+und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und
+doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut
+einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten
+erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er
+bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
+guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine
+Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal
+war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu
+einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von
+tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die
+Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber,<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a>
+endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt,
+deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:</p>
+
+<p>»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen,
+»sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel
+zu grübeln.«</p>
+
+<p>Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:</p>
+
+<p>»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich
+nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum
+Leben gibt.«</p>
+
+<p>Friedel sah ganz bestürzt auf:</p>
+
+<p>»Was willst du damit sagen?«</p>
+
+<p>»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor
+Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es
+teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst,
+sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
+aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume
+im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die
+Menschheit erretten.«</p>
+
+<p>»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du
+bist wahrhaftig noch der alte. &mdash; Du solltest aber nicht
+vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht
+richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
+meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen
+bin? Sag selbst ...«</p>
+
+<p>Helmut mußte wider Willen lächeln.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen,
+daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt
+ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«</p>
+
+<p>Friedel lachte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte
+wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er
+plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche
+Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger
+Bekümmernis.</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach
+ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt.
+Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu
+nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
+Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch
+ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts
+bewahren.«</p>
+
+<p>»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut,
+und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine
+Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm
+begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. &mdash;</p>
+
+<p>Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast
+auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint
+beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:</p>
+
+<p>»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer
+der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme
+noch irgend etwas.«</p>
+
+<p>Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter
+nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und
+zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man
+aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich
+war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns
+und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl
+hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a>
+junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz
+und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
+geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen
+war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte
+Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines
+Guts machen.</p>
+
+<p>»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die
+Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich
+nicht genügend um.«</p>
+
+<p>Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm
+aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war
+und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der
+sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand,
+war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna
+hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu
+großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen
+einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage
+einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
+Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war
+Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der
+Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.</p>
+
+<p>Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie
+arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor
+einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung
+sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
+zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl.
+Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut
+suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen
+einer persönlichen Sympathie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut
+gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast
+du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du
+fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers,
+das mußt du mir versprechen. Es sichert meine
+Existenz.«</p>
+
+<p>Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten
+Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer
+der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und
+säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut.
+Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu
+und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug
+von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
+und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines
+Herzens das Bekenntnis:</p>
+
+<p>»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein
+Schloß.«</p>
+
+<p>Helmuts Lachen verdutzte ihn.</p>
+
+<p>»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«</p>
+
+<p>Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße
+her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt
+klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben
+Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen,
+als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen.
+Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln
+der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese
+Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
+stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah
+flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a>
+Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit
+helledernen Stiefeln und dunklem Hut.</p>
+
+<p>Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem
+jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang
+mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um
+so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.</p>
+
+<p>Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als
+daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:</p>
+
+<p>»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll
+bestens grüßen.«</p>
+
+<p>Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch
+einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.</p>
+
+<p>Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie
+vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er
+umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm
+eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.</p>
+
+<p>»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt
+hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so
+ein Ereignis, wenn die kommt?«</p>
+
+<p>»Ein Ereignis? &mdash; Ich muß es wissen.«</p>
+
+<p>»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas
+unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend
+geklungen.</p>
+
+<p>Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior
+nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden
+Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn
+nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte
+ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich,
+wie würdelos macht dich dein Schmerz.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte
+Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt,
+das in der Luft lag.</p>
+
+<p>»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück,
+»heute abend wird es sich nicht mehr machen.«</p>
+
+<p>Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl
+sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem
+Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken
+einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem
+Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht
+hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen
+schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah,
+denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein
+einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in
+einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel
+und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht,
+sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum
+sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als
+hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als
+würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen
+an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang;
+in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den
+Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen
+Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a>
+Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde
+in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von
+verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd,
+hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
+dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren
+Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts
+eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine
+kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer
+und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus
+eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen
+ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein
+und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
+Tränen ihrer ersten Hingabe. &mdash;</p>
+
+<p>Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler
+in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz
+ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den
+offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.</p>
+
+<p>Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl
+gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie
+sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber
+sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand
+spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem
+Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie
+zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte
+und die ihm so verhängnisvoll werden
+sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen.
+Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes
+berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen
+bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a>
+Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen
+Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde
+haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des
+Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und
+gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz
+und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden
+hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn
+mit großen, starren Augen lange an:</p>
+
+<p>»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«</p>
+
+<p>Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers
+immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige
+Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei
+Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und
+Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall
+der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen
+verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des
+Weins.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu
+gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden,
+er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und
+Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl
+Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle
+Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
+arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis
+guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im
+Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht
+seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a>
+beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung
+fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines
+Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen.
+Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
+unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit
+grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die
+ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich
+dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe
+anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen
+oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung
+rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels
+ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser
+Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch
+etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein,
+daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen
+Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es
+denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die
+grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen
+Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.</p>
+
+<p>Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in
+den Wald überging und der nach der Försterei führte,
+als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah
+ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
+servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter
+den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen
+Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders
+ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben
+schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt
+und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a>
+noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen
+bekam.</p>
+
+<p>Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein,
+Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt
+hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen,
+erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und
+mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
+finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art
+von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte
+seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es
+junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh
+verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau
+von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme
+zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und
+so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden
+Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge
+Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
+schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf
+jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer
+ersten Begegnung beherbergt hatte.</p>
+
+<p>»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter
+Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra
+von Wartalun zu entfernen?«</p>
+
+<p>Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra
+gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war.
+Er sagte:</p>
+
+<p>»Darüber müßte ich nachdenken.«</p>
+
+<p>»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im
+Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a>
+er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum
+er stets zurückgekehrt ist.«</p>
+
+<p>»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«</p>
+
+<p>»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei
+anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«</p>
+
+<p>»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da
+liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den
+Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«</p>
+
+<p>»Welche Rechte hat sie denn?«</p>
+
+<p>»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir
+über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte
+und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber
+wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
+Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein,
+und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für
+die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe.
+Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge,
+wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch.
+Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr ...«</p>
+
+<p><ins title="Doch.">»Doch.</ins> Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt.
+Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren
+Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
+Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben
+und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht,
+jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit
+Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen.
+Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a>
+den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles
+Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch
+nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat
+diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
+Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach
+dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«</p>
+
+<p>»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und
+wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen
+schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört
+uns alle aus seinem Grab heraus.«</p>
+
+<p>Friedel sah ganz erschrocken auf:</p>
+
+<p>»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?«
+Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen
+als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er
+in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
+leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch
+wieder auf:</p>
+
+<p>»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen
+das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt
+ihr zugestehen zu müssen.«</p>
+
+<p>»Weil er in sie verliebt ist.«</p>
+
+<p>»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß
+vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was
+im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«</p>
+
+<p>»Und mein Kind ... sein Sohn &mdash; ach, Friedel, wie
+kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«</p>
+
+<p>»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge
+selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil
+und Recht finden würde.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>»Und das nennst du gerecht?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern
+helfen ...«</p>
+
+<p>Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick
+auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:</p>
+
+<p>»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle
+ins Blaue hinein sind Entschuldigungen.
+Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch
+wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
+auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange
+Jahre auf den Vater an?«</p>
+
+<p>Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den
+Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen,
+und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich ja ...«</p>
+
+<p>Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand,
+daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß
+nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um
+Genuß und Glück die Sinne betäubte.</p>
+
+<p>»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand
+der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht
+die Rede sein.«</p>
+
+<p>»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.</p>
+
+<p>Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig
+nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden
+waren an dem, was sie einander als Vertrauen
+gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die
+Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis
+ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a>
+kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände
+fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes
+Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
+sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte
+Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht
+unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des
+Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
+Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges
+Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die
+grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er
+denn tun wollen?</p>
+
+<p>»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht,
+weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies
+sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist
+doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
+ihr ...«</p>
+
+<p>Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual,
+den er nie in seinem Leben hat vergessen können.
+Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte,
+gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
+das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er
+wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei
+dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte
+er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra
+liebte.</p>
+
+<p>Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm.
+Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten
+Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang
+zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a>
+Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein.
+Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und
+sah ihnen nach.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem
+Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf
+Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen
+alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken
+verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz
+mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann,
+empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die
+Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen
+herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten,
+aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen
+Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine
+sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört
+Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an
+gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten
+eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren,
+es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf
+den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun
+begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
+geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere,
+die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen
+hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um
+so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß
+nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit
+und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a>
+machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein
+Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu
+spielen versucht.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand
+damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine
+Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben
+ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das
+in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ.
+Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors
+väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
+Ernst.</p>
+
+<p>Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am
+Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte
+Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der
+Alte neben ihm.</p>
+
+<p>Afra sollte kommen. &mdash; Melchior berichtete, sie sei in
+Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie
+würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.</p>
+
+<p>Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen
+sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er
+war wieder allein.</p>
+
+<p>Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief,
+den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu
+durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht
+auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
+verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist
+beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen,
+als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten
+Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a>
+Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
+tatlosen Ergebenheit.</p>
+
+<p>Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten
+unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene
+Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem
+geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze
+eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
+Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.</p>
+
+<p>»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser
+Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure
+besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht
+halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn
+das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
+nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«</p>
+
+<p>Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner
+ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle
+anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings
+hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
+Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne
+diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen
+schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem
+Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
+Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und
+an seinem Kinde zog?</p>
+
+<p>Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag
+für Tag beschäftigte:</p>
+
+<p>»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts,
+aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben
+sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt,<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a>
+der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in
+der Kraft des Lebendigen.«</p>
+
+<p>Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als
+ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die
+Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der
+Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte
+diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen.
+Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas
+wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun
+zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten
+Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras
+Name &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen
+neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:</p>
+
+<p>»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie
+düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge
+zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«</p>
+
+<p>Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in
+ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte
+sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange
+erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche
+und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos
+betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das
+Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche
+Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch
+in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch
+lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen
+ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an
+der erstandenen Erde.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher,
+ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die
+Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen
+Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
+Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße
+Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier
+entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.</p>
+
+<p>Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen,
+die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.</p>
+
+<p>»Lies«, rief er bebend.</p>
+
+<p>Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre
+Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren
+Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung
+der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte
+sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu
+lesen.</p>
+
+<p>Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß
+diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine
+Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber
+irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen
+Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er.
+Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die
+Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich
+bekümmert, ist der Tod ...</p>
+
+<p>»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade
+vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und
+froh:</p>
+
+<p>»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a>
+bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du
+mußt mit mir nach Cismaren ...«</p>
+
+<p>»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«</p>
+
+<p>»Bitte«, sagte er.</p>
+
+<p>Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder,
+das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an.
+Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten
+Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
+Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte:
+Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von
+sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war
+und wo sein tiefstes Leid brannte.</p>
+
+<p>»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe
+und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht
+mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich
+deinesgleichen bin.«</p>
+
+<p>Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe
+meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre
+Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie
+ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen,
+aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig
+gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er
+endlich sagen konnte:</p>
+
+<p>»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«</p>
+
+<p>Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm
+klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen
+sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine
+Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien
+ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a>
+von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit
+der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte,
+tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er,
+daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
+im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine
+Pflicht getan hatte.</p>
+
+<p>Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun,
+da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses
+Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen
+und davoneilen, um die einfache und arme
+Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte.
+Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn
+zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es
+für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.</p>
+
+<p>Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte
+sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der
+sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll
+komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
+seine Scherze wider.</p>
+
+<p>Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und
+sagte sich:</p>
+
+<p>Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens,
+den ich verschenkt habe.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun
+begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher
+mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie waren<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a>
+auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen,
+die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig
+erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche
+Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen
+in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
+jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen,
+die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur
+hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior
+stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während
+Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf
+die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache
+an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die
+hier schlummerte.</p>
+
+<p>Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:</p>
+
+<p>»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«</p>
+
+<p>»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit
+der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität.
+Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den
+Kopf stellen?«</p>
+
+<p>Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück,
+der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.</p>
+
+<p>»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.</p>
+
+<p>Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:</p>
+
+<p>»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«</p>
+
+<p>Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend
+auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das
+Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab.
+Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen
+unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in
+einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über
+die Augenblickssorge hinaus, verlieh.</p>
+
+<p>Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im
+Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff
+den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung
+auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war
+ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal
+wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang
+seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht
+eher darauf gekommen war!</p>
+
+<p>»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«,
+meinte er.</p>
+
+<p>Friedel lachte.</p>
+
+<p>»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als
+wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste.
+Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er
+umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen
+Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er
+anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel
+geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von
+Melchior eine Weinkarte.</p>
+
+<p>Der Alte wandte sich an Helmut:</p>
+
+<p>»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«</p>
+
+<p>Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.</p>
+
+<p>»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein
+Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er
+ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«</p>
+
+<p>»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«</p>
+
+<p>»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde
+Afra unterrichten.«</p>
+
+<p>Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude
+zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior,
+den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des
+Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich
+gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz
+funkelte, als der braune Mond schwermütig über die
+schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen,
+ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen,
+weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder:
+das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In
+ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des
+Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. &mdash;
+O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft
+aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz
+und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der
+begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der
+schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das
+blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der
+Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du
+nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? &mdash; Er
+gibt dich nicht frei.</p>
+
+<p>Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a>
+Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das
+sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine
+Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit
+dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen
+Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis
+unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt
+unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die
+Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.
+Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie
+Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen
+von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor
+ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
+hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht
+deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange
+die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche
+eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle
+Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du
+gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten
+Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch
+das genommen, was du hast. &mdash;</p>
+
+<p>Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen,
+die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen,
+wenn die Wohltaten der Geige erglühen?
+Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen
+emportragen. Sie steigen zu einem seligen
+Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten
+mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen
+Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der
+lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a>
+mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die
+dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...</p>
+
+<p>Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige
+sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach
+einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu
+bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf
+ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte
+auf der Kante des schweren Eichtisches.</p>
+
+<p>Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus
+ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie.
+In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem
+Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief
+ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte
+Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe
+gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses
+stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben
+die Frevler am Gut des Toten.</p>
+
+<p>»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Martin nickte schwermütig.</p>
+
+<p>»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für
+das übrige sorgen.«</p>
+
+<p>»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.</p>
+
+<p>»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig,
+solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«</p>
+
+<p>Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal,
+denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen
+Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß,
+und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a>
+langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft
+streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der
+hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der
+Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die
+Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien
+daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden.
+Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel
+haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut
+und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde
+und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die
+Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie
+wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen
+Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die
+Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen
+versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins
+in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen
+nach fernen Zielen und großem Tun, denn das
+Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr
+Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde?
+Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden
+Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr
+kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
+ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer
+trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer
+Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:</p>
+
+<p>»Es lebe Graf Konstantin!«</p>
+
+<p>»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf
+sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen
+Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte
+die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die
+entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares,
+etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen
+fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte
+Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes
+Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun
+knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch
+erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden
+Kleid:</p>
+
+<p>»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das
+Kind ... sie dreht sich am Boden!«</p>
+
+<p>Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie
+die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:</p>
+
+<p>»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten
+bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr,
+richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung
+und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
+Helmuts Arm:</p>
+
+<p>»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen.
+Komm hinab, hilf mir!«</p>
+
+<p>Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag
+eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging
+gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras
+Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
+ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten
+lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff
+das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen
+schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a>
+seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit
+vergaß.</p>
+
+<p>»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben
+Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm &gt;Husar&lt;
+und &gt;Prinz&lt; und schlag drauf, was dein Arm aushält.
+In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine
+Minute weniger brauchst du!«</p>
+
+<p>Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr.
+Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war
+schwer zu halten.</p>
+
+<p>Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der
+Remise. Dann überließ er alles den anderen und half
+Afra. Der Mond leuchtete.</p>
+
+<p>»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«</p>
+
+<p>»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind.
+Zieh an! Fester.«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt
+nicht ziehen.«</p>
+
+<p>Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.</p>
+
+<p>»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der
+Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie
+der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für
+den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles
+zur Stelle ist.«</p>
+
+<p>Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit
+Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.</p>
+
+<p>»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre
+Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra,
+er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf
+an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht.
+Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so
+daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann
+wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang
+diesen hellen Triumph von Hast und Willen.</p>
+
+<p>Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor
+das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in
+einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem
+hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht
+hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles
+andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt,
+beide Hände an den Schläfen:</p>
+
+<p>»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«</p>
+
+<p>»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.</p>
+
+<p>Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit
+einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von
+einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte.
+Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war
+leer.</p>
+
+<p>»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die
+Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in
+schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu.
+Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn
+fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit
+hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a>
+er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige
+Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin
+seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
+es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht
+nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra
+Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. &mdash;</p>
+
+<p>Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im
+Mondschein lag.</p>
+
+<p>»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige,
+das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut,
+Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt
+das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen
+reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So
+wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte,
+solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer
+näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er
+besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da
+oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze
+bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein.
+Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die
+Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«</p>
+
+<p>Helmut raffte sich auf:</p>
+
+<p>»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste
+sein, du gehst zu Bett.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber
+höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit
+unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend
+unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern.
+Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal
+findest du noch Flaschen genug.« &mdash;</p>
+
+<p>Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs
+glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte
+es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen
+Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern,
+überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig
+in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette.
+Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut
+schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur
+hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er
+sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort
+oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der
+Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege
+höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er
+schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er
+die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er
+auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet
+waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte
+in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.
+Und nun verstand er die dumpfen Worte:</p>
+
+<p>»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte
+sie!« &mdash;</p>
+
+<p>»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben
+in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz
+strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die
+Zähne auf die Lippe. &mdash;</p>
+
+<p>Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch
+bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinen<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a>
+Menschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung.
+Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt
+den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes
+keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen,
+was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu
+erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und
+befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln.
+Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und
+am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.</p>
+
+<p>Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter
+nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die
+ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor
+dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das
+gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder,
+die auf dem Tisch lagen.</p>
+
+<p>»Die Mutter lebt, Herr Graf.«</p>
+
+<p>Ein Kopfschütteln ...</p>
+
+<p>Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen
+zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:</p>
+
+<p>»War es ...« Er stockte.</p>
+
+<p>Der Arzt war wieder an seiner Seite.</p>
+
+<p>»Wonach fragten Sie?«</p>
+
+<p>»Ein Sohn?«</p>
+
+<p>Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.</p>
+
+<p>Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen
+Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses
+spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut
+schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
+Gesicht vor ihn hin.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein
+Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen
+Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos
+wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.</p>
+
+<p>»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß
+ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das
+was du mit deinen Armen stützt.«</p>
+
+<p>Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:</p>
+
+<p>»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«</p>
+
+<p>Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und
+mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und
+hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.</p>
+
+<p>»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein
+einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst
+werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn
+ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
+zurückgibst, was ich dir geben muß.«</p>
+
+<p>»Was soll ich tun?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende
+Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er
+ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.</p>
+
+<p>»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche,
+wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben.
+Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen
+Daseins, du Geliebte Gottes ...«</p>
+
+<p>Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm
+zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß
+die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte
+in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht,<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a>
+die noch unter den blühenden Härten ihres
+Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von
+überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor,
+aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig
+und wild hervorstieß:</p>
+
+<p>»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du
+mußt ... ich möchte gut sein ...«</p>
+
+<p>Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem
+Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte
+er:</p>
+
+<p>»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt
+hat?«</p>
+
+<p>Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch.
+Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil
+empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt
+und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
+sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt
+hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um
+ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl
+jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen
+Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein
+Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe
+dämonischen Sicherheit:</p>
+
+<p>»Du Erbärmlicher.«</p>
+
+<p>Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der
+Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen
+zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt,
+rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren
+Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a>
+Frau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres
+Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub,
+und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was
+ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen
+war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie
+entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am
+Herzen Gottes.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+<p>Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb
+geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen
+Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe
+eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen
+Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles
+vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich
+mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und
+wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden
+Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende
+Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand
+konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der
+kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen.
+Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei
+aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen
+ist, und ihre klammernden Hände konnten erst
+gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht
+versanken.</p>
+
+<p>Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche,<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a>
+und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück.
+Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen
+Treiben nicht wieder zu.</p>
+
+<p>Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille
+im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts,
+unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des
+Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt
+und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die
+seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit
+keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer
+von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
+in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er
+breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen
+aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze
+Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
+betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte
+und daß das Kind den Vater im Himmel finden
+möge.</p>
+
+<p>Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen
+Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den
+Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie
+nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:</p>
+
+<p>»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem
+Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe
+nichts Böses tun wollen.«</p>
+
+<p>»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser
+Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den
+Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick
+erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a>
+hast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten
+Vollendung anders treffen als in seinem täglichen
+Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich
+glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen,
+wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich
+von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines
+Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen,
+daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit
+und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit
+liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden
+lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten
+fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft
+finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich
+so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben
+Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu
+Vollkommenem im Sinne hat.«</p>
+
+<p>Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm
+zögernd:</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen,
+daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«</p>
+
+<p>Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg
+in den Wald hinein. &mdash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert.
+Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen,
+die über sie hereingebrochen waren und vor deren
+wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
+war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a>
+überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden.
+Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch
+von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend
+auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt
+und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und
+nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung
+notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung
+ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende
+Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben
+Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen
+hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit
+ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie
+in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren
+letzten Triumph ringt.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen
+in der Verwaltung von Wartalun und
+Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet
+nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
+Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich
+sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr
+erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen,
+er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit
+zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner
+Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes
+Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in
+den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich
+hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann
+keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt
+hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a>
+Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen
+Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.</p>
+
+<p>Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am
+Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in
+ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende
+Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein
+schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein
+Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den
+großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und
+wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade
+an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben.
+Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah
+ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm
+für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte
+geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein
+schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und
+ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum
+spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte
+sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre
+Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
+aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder
+Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der
+letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt
+wie ein glühender Lavastrom.</p>
+
+<p>Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als
+habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen
+vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch
+seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
+bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a>
+Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und
+von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen
+Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares
+Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer
+Freiheit ein leerer, singender Wind.</p>
+
+<p>Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ
+keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von
+Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden
+inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in
+die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die
+beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche
+Ruhe enthielt.</p>
+
+<p>»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß
+es wie ein Seufzer klang.</p>
+
+<p>Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender
+Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die
+Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen
+Sommer nach. Das rote Meer der Heide
+glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern,
+und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die
+Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit
+des Überwundenen verschönte die sterbende Welt,
+alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige
+Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über
+die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in
+Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in
+tiefer Beglückung weitete.</p>
+
+<p>Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an
+Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a>
+oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs
+versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine
+Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und
+Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.</p>
+
+<p>Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und
+stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen
+Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an.
+Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
+nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall
+die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch
+seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht
+strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall,
+eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen
+über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit
+Ermahnungen zu Helmut trieb:</p>
+
+<p>»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht
+genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht
+ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu
+der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
+Reitpferde, alles hat geholfen.«</p>
+
+<p>Helmut mußte lächeln.</p>
+
+<p>»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf
+dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei
+bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon
+alles.«</p>
+
+<p>»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand
+ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist,
+daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders
+voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>»In der Liebe?«</p>
+
+<p>»Nein, in der Arbeit.«</p>
+
+<p>»Das kommt vom guten Beispiel.«</p>
+
+<p>»Spotte nur. Morgen geht es über <ins title="die Apfel">die Äpfel</ins> her.
+Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken
+bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. &mdash;
+Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra
+sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute
+erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin
+um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der
+Todesfall &mdash; &mdash; du verstehst schon.«</p>
+
+<p>Helmut wandte sich gequält um.</p>
+
+<p>»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht
+entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«</p>
+
+<p>Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die
+er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur
+für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt
+er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien
+nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl
+von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden
+hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins
+und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter
+einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
+Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.</p>
+
+<p>Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden
+Abend würde sie in gewohnter Weise auf
+jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet
+und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen
+Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a>
+zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein
+flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen
+hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener
+habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah
+ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber
+eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es
+schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund
+aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es
+lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die
+oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten
+Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in
+diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und
+ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
+Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer
+aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden
+Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte.
+Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut
+begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung
+auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.</p>
+
+<p>Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung
+Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras
+Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte
+sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem
+Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen
+Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte,
+erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber
+der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.</p>
+
+<p>Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am
+Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a>
+auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel
+zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie
+über das andere und nahm den Hut von den Haaren.
+Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war,
+das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen
+einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden
+Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung
+stand.</p>
+
+<p>»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände
+hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht
+zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
+Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell
+wurde.«</p>
+
+<p>Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages,
+vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von
+ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann
+eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht.
+Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen,
+ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von
+Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
+schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes
+Herzblut bewachen sollte.</p>
+
+<p>Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen,
+die zur Veranstaltung des Festes getroffen
+werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er
+ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor
+sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten
+heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei
+sich festzuhalten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten
+am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem
+Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran
+teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal
+käme?</p>
+
+<p>Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß
+er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im
+Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der
+Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden
+Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:</p>
+
+<p>»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein
+Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine
+Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen.
+Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe,
+daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine
+Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten
+lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich
+hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam,
+der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr
+kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen
+geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß
+niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
+abkehrt ...«</p>
+
+<p>Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.</p>
+
+<p>Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken,
+ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der
+dunklen Rundung.</p>
+
+<p>Sie schlief.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a></h2>
+
+<p>Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach
+mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels
+Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über
+Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten
+in umständlichen Reden, von denen sie kein
+Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik
+klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch
+unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre
+Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen
+frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut
+traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im
+unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu
+stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen
+bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.</p>
+
+<p>»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel.
+»Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch
+in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör
+dies! Ist das ein Ton?«</p>
+
+<p>Helmut mußte es verneinen.</p>
+
+<p>»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen
+werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe.
+Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen
+über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«</p>
+
+<p>Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und
+Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet,
+in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a>
+geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die
+bunten Ampeln tragen sollten.</p>
+
+<p>»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein,
+Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er
+hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben,
+damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken
+springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als
+er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet,
+einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und
+ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für
+Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung
+ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge,
+ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir
+uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine
+Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da
+drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf
+Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben
+Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr
+eine andere Frau! Den Winter über war er in der
+Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er
+sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen.
+Einmal &mdash; ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß
+einem die Haut einreißt &mdash; bekam eine Wind von der
+Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte
+sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich
+eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie
+sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen
+den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus.
+Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a>
+wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre
+Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre
+Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«</p>
+
+<p>»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«</p>
+
+<p>»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre
+alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil
+er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt,
+Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«</p>
+
+<p>Helmut erbleichte.</p>
+
+<p>»Leutegeschwätz«, stammelte er.</p>
+
+<p>Friedel sah ihn groß und lange an.</p>
+
+<p>»Scheint mir nicht. &mdash; Die Frau dieses Gärtners,
+Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein.
+Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem
+Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer
+im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im
+Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt
+sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«</p>
+
+<p>Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich
+berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den
+Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit
+ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen
+zu empfinden.</p>
+
+<p>»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig,
+woher Afra stammt.«</p>
+
+<p>Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen
+Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:</p>
+
+<p>»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil
+ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a>
+nicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur
+die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was
+sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche
+Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind
+wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher
+die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben.
+Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«</p>
+
+<p>Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen,
+machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer
+als zuvor durch seinen Unverstand.</p>
+
+<p>Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer
+innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen
+trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte.
+Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl
+sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des
+Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit
+fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über
+alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe
+zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des
+anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung,
+die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit,
+in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich
+einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit
+frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn
+sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig
+geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im
+Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn
+dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt,
+die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a>
+Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken
+konnte.</p>
+
+<p>Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu
+vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis
+hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen
+würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung
+erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer
+der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische
+Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers
+zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch
+seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und
+bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen.
+Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn
+hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr
+und mehr in grausame Erwartungen. &mdash;</p>
+
+<p>Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags,
+als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten
+Wagen durch die Sonne in den Schloßhof
+rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz
+verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen
+einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter
+den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und
+feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung
+kam diesmal die neugierige Scheu und die
+heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen
+Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt,
+als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick
+in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt
+erreicht hatte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles
+nun werden? Was erwartet man von mir?«</p>
+
+<p>Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie
+das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid
+aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen
+Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte
+umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale
+Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere
+weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und
+legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest
+um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden
+Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und
+rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige,
+ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken
+fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender
+Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit
+ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.</p>
+
+<p>»Afra!«</p>
+
+<p>»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt,
+als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen
+Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du
+diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«</p>
+
+<p>»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich
+es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick
+ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«</p>
+
+<p>»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke.
+Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an
+diese Dinge denken. &mdash; Nein, dort unterschreibe nicht,
+das geht Wendalen an ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>Er zog die Hand zurück.</p>
+
+<p>Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam
+und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht
+sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe
+blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die
+Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm
+wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel
+von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue
+Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst
+nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen
+war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt
+hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu
+Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in
+die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den
+Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des
+Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...</p>
+
+<p>Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten
+und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen
+beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut
+ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem
+einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben
+Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.</p>
+
+<p>»Was erwartet man von mir?« fragte er.</p>
+
+<p>Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:</p>
+
+<p>»Du mußt ein paar Worte sprechen.«</p>
+
+<p>»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht.
+Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«</p>
+
+<p>Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a>
+hatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor,
+aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun
+und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte
+ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem
+beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier,
+wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden
+war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses
+großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.</p>
+
+<p>Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute,
+sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt.
+Die Kinder standen im Vordergrund, ihre
+bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend
+zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen
+ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend
+in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die
+Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und
+Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten
+sich auch noch ein letztes Mal die fremden
+Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren
+und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior
+die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur
+Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das
+Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst,
+der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen
+und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer
+zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte
+sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener
+Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und
+fröhlich:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen,
+laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie
+denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß
+dies bald ein Ende hat.«</p>
+
+<p>Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit
+an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam,
+fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten
+Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und
+etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den
+einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber
+anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder
+der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit,
+sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen
+konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.</p>
+
+<p>Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. &mdash; Die
+Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos
+ernst.</p>
+
+<p>Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar,
+als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam
+lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der
+Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig
+sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den
+Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen,
+den des Müllers von Annerwehr und den des alten
+Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts
+in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend
+oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank.
+Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht,
+er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a>
+verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er
+sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten
+Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von
+der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb
+gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt.
+Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten.
+Da hörte er:</p>
+
+<p>»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören,
+teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen
+Grafen Konstantin mein Eigentum geworden
+ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei,
+ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst
+von mir vorgesehen sind.«</p>
+
+<p>Es ging eine Bewegung durch die Versammelten.
+Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand
+nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an
+der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte
+der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen,
+kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen,
+Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie
+die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den
+sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte
+sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück.
+Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten
+bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die
+Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor,
+machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte
+und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog <ins title="ihr">ihre</ins> Hand an
+seine Lippen und sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:</p>
+
+<p>»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe
+es nur so gekonnt.«</p>
+
+<p>Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf,
+um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz
+von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte
+des Verstorbenen gebracht und an der eisernen
+Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut,
+nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen-
+und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen
+geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von
+ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte
+die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete
+Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der
+Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl
+den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu
+beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was
+sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen
+der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen
+und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels
+durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien,
+als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der
+Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden
+dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll
+sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen.
+Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen
+Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter,
+aber er wich nicht von ihrer Seite.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«,
+sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man
+sieht die Leute unbefangener als sonst.«</p>
+
+<p>Sie wandte sich an Friedel:</p>
+
+<p>»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«</p>
+
+<p>»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.</p>
+
+<p>Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige
+seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen
+Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen
+von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es
+ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn
+in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke
+seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige
+seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in
+den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es
+war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete
+Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon
+ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel.
+Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den
+Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne
+ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte.
+Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen
+Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die
+drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so
+aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die
+hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a>
+Laute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte
+wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die
+Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die
+kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum
+erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So
+mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. &mdash; Er lehnte
+sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?</p>
+
+<p>»Was tue ich mit meinem Leben?« &mdash;</p>
+
+<p>»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und
+verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen
+will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne
+stehen, Friedel die Hände in den Taschen. &mdash;</p>
+
+<p>Fern von den Feldern herüber klang durch die
+davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen.
+Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen
+bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter
+der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch
+Licht unten.</p>
+
+<p>Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras
+Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung
+des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug
+beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden
+gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit,
+so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging
+darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender
+Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen
+er erlag. &mdash; Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen
+Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine
+Not mich macht ...</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.</p>
+
+<p>»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich!
+Ich will selbst sehen ...«</p>
+
+<p>Er erkannte die Stimme nicht.</p>
+
+<p>Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden
+Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten
+eilte.</p>
+
+<p>Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid
+vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal
+brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz
+noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.</p>
+
+<p>Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie
+rief nach Martin.</p>
+
+<p>Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln
+herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt,
+die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft
+brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er
+umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich
+die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin
+ich«, sagte er.</p>
+
+<p>Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß
+schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann
+hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch
+niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten
+trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein
+heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen
+er geweckt worden war.</p>
+
+<p>Helmuts Herz schlug dumpf und <ins title="langsam er">langsam, er</ins> fühlte
+es an den Schläfen und im Halse.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß
+ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen
+Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch
+der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr
+vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur
+notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und
+Melchior mit Laternen in den Park eilen.</p>
+
+<p>Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so
+deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen
+und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete
+dieser Stimme:</p>
+
+<p>»Sie ist tot.«</p>
+
+<p>Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse,
+bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war,
+als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene
+Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten
+so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste
+nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war,
+als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in
+ihm erloschen.</p>
+
+<p>Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht
+dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer
+gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte,
+weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben
+ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und
+kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, <ins title="nichts..">nichts ...</ins>
+von hier aus ging der Weg in die Finsternis.</p>
+
+<p>»Wo sollen wir suchen?«</p>
+
+<p>»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>
+erzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar
+hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna
+jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.</p>
+
+<p>»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«</p>
+
+<p>Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie
+hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und
+gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu
+besinnen.</p>
+
+<p>Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von
+blindem Entsetzen:</p>
+
+<p>»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn
+niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort!
+Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier,
+heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege
+ins Leben ... nackte Teufel ...«</p>
+
+<p>Martin hielt ihn.</p>
+
+<p>»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese
+Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit
+Musik ... laß mich los, Flegel!«</p>
+
+<p>»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.</p>
+
+<p>Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und
+von plötzlich aufsteigender Wut:</p>
+
+<p>»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst
+der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und
+mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu
+Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer
+herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ...
+schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag,
+in die Sonne! Verwest allein.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im
+Fieber.</p>
+
+<p>»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen!
+Dieser Narr ...« stammelte Helmut.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe
+ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte
+ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß
+vor Grauen.</p>
+
+<p>»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl,
+was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden,
+vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen
+Vorhaben abzuhalten.«</p>
+
+<p>»Sprich doch!«</p>
+
+<p>»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie
+finden.«</p>
+
+<p>»Sag wie, sag wie!«</p>
+
+<p>»Aja und Fenn.«</p>
+
+<p>»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna
+mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht
+die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«</p>
+
+<p>»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst,
+geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«</p>
+
+<p>Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich
+selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin.
+Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den
+er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr
+Signal gewesen war und auf den es nach einer alten
+Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein
+Halten gab.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>Martin stürmte die Treppen empor.</p>
+
+<p>»Junge, hör, ich will &gt;Aja&lt;. Tu sie an die Leine und
+bring sie hier herauf. Flieg!«</p>
+
+<p>Martin verstand sofort.</p>
+
+<p>Um Helmut abzulenken und um die Minuten des
+Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:</p>
+
+<p>»&gt;Fenn&lt; ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber
+Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für
+wichtige Zwecke zu verwenden. &mdash; Besinn dich, wir
+werden sie gesund finden.«</p>
+
+<p>»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß
+sie nicht mehr atmet.«</p>
+
+<p>»Helmut, sprich nicht so.«</p>
+
+<p>»Sie ist tot.«</p>
+
+<p>Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein
+frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich
+und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend
+an mit seinen klugen Augen, deren warmes,
+braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der
+Hündin über den dunklen Kopf.</p>
+
+<p>»Es ist eine schwere Aufgabe, &gt;Aja&lt;, mein Hund, dir
+wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier
+an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch
+und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die
+sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile
+los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!«
+öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm,
+mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte
+sie ihn wieder und ließ ihn voran.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber
+ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.</p>
+
+<p>Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden
+Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer
+Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der
+er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang
+zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden
+belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd
+Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln
+waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor
+gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch.
+Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war
+Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den
+am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt,
+so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog
+und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas
+schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald
+zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über
+schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:</p>
+
+<p>»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«</p>
+
+<p>»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.</p>
+
+<p>Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom
+Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in
+der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf,
+das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut
+um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg
+verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen
+schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos
+war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert?
+»O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht
+weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich
+empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen
+wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit
+trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig
+und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen
+Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub
+am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter
+ihrem Rock.</p>
+
+<p>»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.</p>
+
+<p>Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob
+sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja«
+zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er,
+es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren,
+es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was
+gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere.
+Das können die Menschen nicht.</p>
+
+<p>Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in
+den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter
+Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:</p>
+
+<p>»Nicht dort! Gib acht!«</p>
+
+<p>Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es
+klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises
+Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen
+hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage
+anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt
+und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des
+Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle
+Ansagen der Tiere. Einmal hatten die
+Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines
+polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast
+hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge
+entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der
+Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten
+und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der
+letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte
+nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen
+Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie
+wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten.
+Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze
+Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor,
+ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers
+war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes
+kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit
+Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen
+voneinander ließen auf einen Gang in wankenden
+Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt
+war und ins Ziellose des Verderbens führte.</p>
+
+<p>Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne,
+jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern
+standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen
+und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten
+Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte
+Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah.
+Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses
+Tuch.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde
+des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete.
+Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen
+Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit,
+die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf
+die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.</p>
+
+<p>Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen,
+trat sie langsam zurück über den schwankenden
+Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land
+erreicht hatten.</p>
+
+<p>»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.</p>
+
+<p>Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu
+ihm auf.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im
+Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit,
+daß wir umkehren.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen,
+und der Herbst wütete im Land. Das
+Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer
+gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft,
+Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre
+Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und
+rauhen Winter verschanzten.</p>
+
+<p>Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger
+als im Sommer stand es grau im schwarzen<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a>
+Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof
+blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die
+Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher
+aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß
+des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen
+zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
+hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume
+auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die
+Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.</p>
+
+<p>Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden
+worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren
+Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann
+wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens
+ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und
+erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden.
+So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des
+Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren,
+aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft
+erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß,
+bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang,
+bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben
+dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock
+vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er
+erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte,
+wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu
+spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren,
+verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal
+nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch,
+mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a>
+junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns
+verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte
+Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche
+Ausschau zu halten.</p>
+
+<p>»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig
+auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte
+Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen
+wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr
+erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung
+Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«</p>
+
+<p>Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß
+geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die
+ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft,
+um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten
+mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte
+und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten
+konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und
+Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.</p>
+
+<p>Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles
+Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen
+anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte,
+daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen,
+alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte.
+Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die
+ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit
+des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
+Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein
+im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos
+seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a>
+gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung
+rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte.
+Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit
+und Bewunderung, und als sie einmal durch
+einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs
+wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:</p>
+
+<p>»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch
+gut, Friedel.«</p>
+
+<p>Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser
+Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen
+Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund
+seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger
+stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für
+unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses
+Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
+stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und
+antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht
+über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins
+niedersank.</p>
+
+<p>Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter
+keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung
+anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem
+Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete
+die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu
+richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu
+überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie
+wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene
+deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen
+Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a>
+ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen
+Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen,
+die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre
+Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden
+der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden
+waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen
+Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene
+Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so
+hart erscheinen konnte.</p>
+
+<p>Zu Anfang November ereigneten sich Tage von
+großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch
+einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und
+in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten.
+Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter
+zögerte noch mit seinem Einzug.</p>
+
+<p>Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam
+gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen
+heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren
+für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten
+größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und
+Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden.
+Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen
+Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
+dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen
+war als sonst und als es den Traditionen des
+Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von
+Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
+Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl
+von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a>
+dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese
+Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte.
+Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von
+ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es
+handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes
+Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer
+Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen
+war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz
+zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges
+Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich
+erscheinen lassen.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die
+wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die
+kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem
+Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen
+und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin
+sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres
+aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen
+Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem
+erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten
+Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich
+und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.</p>
+
+<p>Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht
+des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres
+Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren
+Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der
+noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von
+Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie
+er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a>
+Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum
+spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war,
+als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung
+bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael
+hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem
+hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken
+war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen
+Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
+schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von
+dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf
+die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und
+ihr lächelnd gezeigt:</p>
+
+<p>»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte?
+Dort kehrt er um.«</p>
+
+<p>So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich
+hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder
+eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen
+gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn
+zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären
+müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen
+von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten
+wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
+Wegpappel mit ihrem Krähennest.</p>
+
+<p>Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen
+ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag
+hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne
+bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
+Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung
+hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a>
+verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so
+sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein
+Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges
+Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit
+und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer
+Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand
+für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
+deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand,
+durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen
+drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn.
+Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender
+Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie
+gehörte.</p>
+
+<p>Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen
+Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht
+hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art
+nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
+wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren
+konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas
+von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache
+Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale
+verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
+Tod in die großen Augen schauen müssen.</p>
+
+<p>»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er
+einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede
+war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen
+Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont
+bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich
+sagen werde.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>»Was?« hatte sie gefragt.</p>
+
+<p>»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«</p>
+
+<p>Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er
+dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges
+gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf
+seine Worte übertrug.</p>
+
+<p>Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war
+schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es
+getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen
+Versunkenheit zu reißen.</p>
+
+<p>»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise.
+»Lachst du über Helmut oder über ...«</p>
+
+<p>So hatte er durch eine phantastische Vermengung
+seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden
+Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die
+das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins
+willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
+verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über
+die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die
+bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.</p>
+
+<p>»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft
+und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr
+Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich
+erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht,
+wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
+Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht,
+das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort,
+hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern.
+Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a>
+bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind,
+die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt.
+Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher
+auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet
+sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter
+Blinden ...«</p>
+
+<p>Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war
+wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung
+erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für
+ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen
+blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah
+in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und
+versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.</p>
+
+<p>Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun
+auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis
+zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand,
+aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner
+aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter
+gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die
+gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art
+herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der
+gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen
+zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine
+Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in
+Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen
+der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer
+ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben
+zu lernen.</p>
+
+<p>Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a>
+den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre
+Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die
+Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges
+ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein,
+zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten
+Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte
+des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen
+der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der
+Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer,
+hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten
+Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie
+erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das
+gelichtete untere Gezweig starrte.</p>
+
+<p>Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs
+die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine
+Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte,
+als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und
+etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten
+hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der
+von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen
+führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und
+in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten
+herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende
+Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen
+unter dieser Stirn hervor, die nur schmal
+unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts
+kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer
+phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag
+ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten;<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a>
+aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit,
+die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem
+Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens
+wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der
+Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und
+das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst.
+Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde
+möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit
+geben, daß auch seine Züge, sein Mund und
+seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr
+nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken
+jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte
+sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie
+zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja
+und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke
+daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht,
+daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine
+Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen
+waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete
+den Eindringling.</p>
+
+<p>Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose
+Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche
+dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen
+man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung
+anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er
+einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um
+seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines
+Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder
+Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a>
+diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines
+Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von
+Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die
+Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer
+Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick
+herzurühren schien.</p>
+
+<p>Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung
+zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog
+die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen
+hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur
+Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön
+und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig,
+von dem aber wie ein heimlicher Schein eine
+stete und ruhige Menschenwürde ausging.</p>
+
+<p>Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen
+Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen
+eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht
+immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um
+ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich
+sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei
+sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen
+Worte:</p>
+
+<p>»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der
+dort steht.«</p>
+
+<p>Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens,
+wie ihn nur reiche und im <ins title="tiesten">tiefsten</ins> Wesen beständige
+Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein
+eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste
+hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a>
+Sturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit
+dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als
+sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht
+Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz
+meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte
+der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer
+durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden
+den Weg.</p>
+
+<p>Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich
+auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen
+ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger
+den Blick vom Schemel einer Kirchenbank
+hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört.
+Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von
+einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen
+war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein
+schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes
+Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen
+und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von
+großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren
+von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem
+Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele,
+daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen
+senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen
+Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die
+Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese
+Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben,
+in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen
+und über die keine Form der Höflichkeit oder<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a>
+keine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen
+vermögen.</p>
+
+<p>Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung,
+die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen
+Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch
+nickte.</p>
+
+<p>»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr.
+Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger
+und sagte:</p>
+
+<p>»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«</p>
+
+<p>»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und
+ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.</p>
+
+<p>Sein Gesicht verfinsterte sich.</p>
+
+<p>»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es
+nicht erlaubt, hier einzutreten?«</p>
+
+<p>»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu
+versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.</p>
+
+<p>Er hob wieder die Hand.</p>
+
+<p>»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet
+worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen
+wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es
+diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin
+hausen können.«</p>
+
+<p>»So, gefällt Ihnen Wartalun?«</p>
+
+<p>»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den
+Erker im Efeu. Können Sie sehen, wie die Eichen so
+gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß Gemeinschaft
+gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a>
+diese starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort &mdash; eine
+Wolke &mdash; sehen Sie denn nicht? Sie müssen sich hierher
+stellen. Ach, das ist ein Schloß ... Bäume ...«</p>
+
+<p>»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer
+Wolke?«</p>
+
+<p>»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter <ins title="Tannen..">Tannen ...</ins>«</p>
+
+<p>Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen
+an und trat zur Seite, versuchte den Weg zu gewinnen
+und schien davongehen zu wollen. Als er Afras vornehmes
+Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
+mit den altmodischen Armstulpen sah und den
+goldenen Knauf ihrer Reitgerte, machte er einen Schritt
+auf sie zu:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier
+vorübergekommen und hätte um Erlaubnis bitten
+müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein herrliches Gesicht
+haben Sie, Fräulein!«</p>
+
+<p>Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches
+Wesen zu lächeln, sie fühlte einen Ernst auf
+sich einwirken, dessen Ursprung sie nicht erriet, der sie
+jedoch gebieterisch zwang, die kleinen Hilflosigkeiten
+dieses Menschen zu übersehen.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich.
+»Sie brauchen doch nicht gleich fortzulaufen, wenn man
+eine Frage an Sie richtet.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für
+einen Augenblick warm an. Aber diese Dankbarkeit
+hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie wirkte
+beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a>
+von ihnen sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht
+und ihre junge Gestalt, und in seine Augen kam ein beseligtes
+<ins title="Leuchten">Leuchten.</ins></p>
+
+<p>»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!«
+rief dieser arme Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu
+besitzen schien als die dürftigen Kleider, die er trug.</p>
+
+<p>Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht,
+da ihr nach seiner letzten Antwort nichts Rechtes
+zu sagen in den Sinn kam und sie sich scheute, etwas
+Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich rasch
+nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage
+stellen, die diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu
+begründenden Ausbruch seines Empfindens ausglich,
+aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, hinderte
+sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
+Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an
+und sagte:</p>
+
+<p>»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es
+tun, wenn ich Sie auch noch nicht kenne.«</p>
+
+<p>Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft
+machen, und sie rief lachend:</p>
+
+<p>»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem
+Dank.«</p>
+
+<p>Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er
+ihre Züge.</p>
+
+<p>»Sie wollen nicht?«</p>
+
+<p>»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an,
+wenn Ihnen das Schloß genügt, und danke Ihnen
+vielmals.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts
+bedeuten.«</p>
+
+<p>»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra
+herzlich.</p>
+
+<p>»Nein. Das könnte ich hier tun.«</p>
+
+<p>»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«,
+sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir
+einen Gast bekommen haben.«</p>
+
+<p>»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.</p>
+
+<p>»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den
+Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können.
+Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und
+großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
+und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten
+Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter
+geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die
+er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen
+des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag
+und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend
+Jahren entstanden waren.</p>
+
+<p>Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den
+fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er
+sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung
+steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
+war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der
+Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher
+noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude
+schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm
+öffnete.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu
+und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen
+Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu
+haben schien.</p>
+
+<p>»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie
+lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich
+nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es
+freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr
+aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn
+langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
+zurück.</p>
+
+<p>»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn
+nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das
+Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles
+andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich
+glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«</p>
+
+<p>»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra
+zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige
+Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«</p>
+
+<p>»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich
+werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«</p>
+
+<p>»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im
+Saal?«</p>
+
+<p>Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche
+aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß
+sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den
+Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines
+Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a>
+sich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter
+Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig,
+indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den
+lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über
+ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten
+Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei
+dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren,
+nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen
+das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach,
+und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre
+Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar,
+den Rücken der Nase und ihre Flügel und den
+deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein
+klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung
+ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren
+Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an
+den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
+des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne
+in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da
+kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre
+Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger
+und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in
+ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden,
+und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit
+ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten
+unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie
+nicht kannte.</p>
+
+<p>Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß,
+ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a>
+waren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die
+Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert,
+und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge
+unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts
+mehr erkannten.</p>
+
+<p>Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden
+Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um
+Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es
+bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm
+hoch in die helle Nacht geworfen.</p>
+
+<p>Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor
+ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner,
+erbarme dich meiner! &mdash; Jetzt taumelte Friedel durch
+den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
+beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich
+leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse
+Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer
+der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete,
+und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen
+sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue
+Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie
+sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels,
+unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige
+Waldungen in der Sonne.</p>
+
+<p>Es führte kein Weg dorthin zurück.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a></h2>
+
+<p>Von Woche zu Woche wurden die Nächte von
+Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme,
+in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen
+Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene
+Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden
+Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.</p>
+
+<p>Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung
+hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß
+entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen
+Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags
+wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster
+aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und
+die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann.
+Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit,
+deren Mächte entfesselt wurden, walteten
+im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in
+Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte
+sich in diesen beseligenden und gefahrvollen
+Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle
+Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit
+wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen,
+Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die
+Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder,
+um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren,
+und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten,
+um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem
+Grauen, der Reue und der Verzweiflung. &mdash;<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a></p>
+
+<p>Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit
+Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.</p>
+
+<p>»Martin!« rief er.</p>
+
+<p>Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der
+Wand:</p>
+
+<p>»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt.
+In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen,
+als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in
+Ruhe sterben sehen?«</p>
+
+<p>Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im
+Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.</p>
+
+<p>»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um
+die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat
+der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir
+lieber als dieser Heilige.«</p>
+
+<p>»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior
+apathisch und ohne Teilnahme.</p>
+
+<p>Wo Herr Friedel wäre.</p>
+
+<p>Melchior machte das Geräusch des Schnarchens
+nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in
+den Kronleuchter stecken zu können.</p>
+
+<p>»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich
+wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht,
+erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr
+verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf
+einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu
+ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte
+Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder
+zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen,<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a>
+oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an
+Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht
+wüßte ... dieser Narr.«</p>
+
+<p>»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines
+Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht
+sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig.
+Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt.
+Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es
+geht mit mir umher, redet und schaut.«</p>
+
+<p>Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:</p>
+
+<p>»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn
+reden.«</p>
+
+<p>»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe
+Nacht.«</p>
+
+<p>Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna
+verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.</p>
+
+<p>»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat,
+»ich brauchte ein wenig Geld.«</p>
+
+<p>»Gut, der Verwalter wird dir geben.«</p>
+
+<p>»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«</p>
+
+<p>»So warte bis morgen ... Nun?«</p>
+
+<p>»Der Wein geht zu Ende.«</p>
+
+<p>»Können vier Menschen in zwei Monaten einen
+Keller leeren?«</p>
+
+<p>»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr
+Friedel trinkt allein ...«</p>
+
+<p>»Schweig. Das war keine Frage.«</p>
+
+<p>»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu
+trinken, als er will.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>»Dir nicht auch, Melchior?«</p>
+
+<p>»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«</p>
+
+<p>»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und
+beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt
+es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn
+fragen?«</p>
+
+<p>»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.</p>
+
+<p>Das Mädchen sah ihn forschend an.</p>
+
+<p>»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du
+siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«</p>
+
+<p>»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ...
+ich ...«</p>
+
+<p>Sie sah sich um, als suchte sie jemand.</p>
+
+<p>»Es ist niemand da«, sagte Melchior.</p>
+
+<p>Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie
+besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien
+schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit
+in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach
+einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen
+der Bilder sahen auf sie nieder.</p>
+
+<p>»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der
+Sessel dort bedeutet?«</p>
+
+<p>Der alte Diener nickte.</p>
+
+<p>»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die
+Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns
+könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel
+mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel
+an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten
+mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a>
+Martin gesagt. &mdash; Iduna geht nachts zu Herrn
+Gentler ...«</p>
+
+<p>»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich
+nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die
+Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«</p>
+
+<p>»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«,
+fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen
+Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist
+es noch alles beim alten.«</p>
+
+<p>»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«</p>
+
+<p>»Der Herr Graf will es nicht.«</p>
+
+<p>»Ich will es«, rief Afra.</p>
+
+<p>»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«</p>
+
+<p>Afra fuhr steil empor.</p>
+
+<p>»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht
+mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn
+morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht.
+Gesindel!«</p>
+
+<p>Melchior atmete auf.</p>
+
+<p>»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen.
+Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«</p>
+
+<p>»Ich, Melchior &mdash; ich?«</p>
+
+<p>»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine
+Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache
+mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du
+mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein
+alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die
+Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monaten<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a>
+sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst
+und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen
+Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der
+Fremde ...«</p>
+
+<p>»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging
+hinaus.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die
+Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal
+strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf,
+und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen
+sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen
+in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den
+Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden
+Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor
+den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der
+Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an
+undurchbrochenen Wänden.</p>
+
+<p>Friedel fiel es auf.</p>
+
+<p>»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt,
+wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen
+könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist
+dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«</p>
+
+<p>Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah
+Friedel mit aufleuchtenden Augen an.</p>
+
+<p>»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.</p>
+
+<p>»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam
+das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht
+hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«</p>
+
+<p>Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann
+beugte er sich wieder über seine Geige.</p>
+
+<p>»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«</p>
+
+<p>»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten
+den Ausbruch seines Zorns.</p>
+
+<p>»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild
+über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging
+erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein
+Lied daraus.</p>
+
+<p>Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das
+finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf
+Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die
+Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so
+gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten
+Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken
+im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick
+von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas
+funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild
+von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten
+Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte,
+im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem
+wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die
+Gläser graviert.</p>
+
+<p>Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit
+Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß
+sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a>
+willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen
+Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals
+zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach.
+Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt
+und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete,
+es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien,
+schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den
+Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen
+Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte.
+Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt?
+Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten.
+Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag
+zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und
+mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die
+Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht
+der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling
+geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau
+über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten
+und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die
+duftende Dämmerung ...</p>
+
+<p>Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen
+Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe
+Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche
+Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus
+mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt?
+Sie nahm ihr Glas.</p>
+
+<p>»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine
+Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt
+wissen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob
+seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra
+fühlte sich tief verletzt.</p>
+
+<p>»Ich gehe!«</p>
+
+<p>»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt
+sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird
+entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein
+im Bann hält.«</p>
+
+<p>»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf
+den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß
+sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es
+ruhig hin.</p>
+
+<p>Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte
+es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des
+Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er
+hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem
+schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer
+schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr
+aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte.
+Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine
+heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach
+Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr
+Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher
+glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen
+ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein.
+Und für wen blieb sie es?</p>
+
+<p>In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert
+und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe
+weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a>
+Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte,
+sagte er plötzlich laut die Verse:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,<br /></span>
+<span class="i0">eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;<br /></span>
+<span class="i0">die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span>
+<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.<br /></span>
+<span class="i0">Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,<br /></span>
+<span class="i0">einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;<br /></span>
+<span class="i0">die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,<br /></span>
+<span class="i0">eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll
+ich spielen?«</p>
+
+<p>Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.</p>
+
+<p>Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten
+Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und
+demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund
+eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der
+Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas,
+und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von
+unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir
+kommen und gehen ...«</p>
+
+<p>Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken
+hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte
+sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und
+schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas
+von Wartalun:</p>
+
+<p>»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter
+Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie
+er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat?<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a>
+Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht
+für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich
+empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es
+doch! Wer hat es gegriffen?!«</p>
+
+<p>Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht
+zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten,
+rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte
+in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.</p>
+
+<p>»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer
+Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte
+Helmut.</p>
+
+<p>»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum
+Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein
+Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.</p>
+
+<p>»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes
+Königreich.«</p>
+
+<p>Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk
+mit einem sonderbaren Lächeln:</p>
+
+<p>»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er.
+»Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird
+einst gut sein.«</p>
+
+<p>»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich
+nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen
+mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«</p>
+
+<p>Paule sah Friedel an.</p>
+
+<p>»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.</p>
+
+<p>»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion;
+innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt
+und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, du<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a>
+balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und
+beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«</p>
+
+<p>Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule
+schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt,
+stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer,
+nein, so hört doch.«</p>
+
+<p>»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule
+hingebeugt.</p>
+
+<p>»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.</p>
+
+<p>»Martin, schenk mir ein!« rief sie.</p>
+
+<p>Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem
+Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich
+nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des
+Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen
+Zug aus.</p>
+
+<p>»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen
+Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder
+meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als
+Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von
+Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen
+sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter
+Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...</p>
+
+<p>Das Bild versank.</p>
+
+<p>»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«,
+sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz
+und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon
+Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«</p>
+
+<p>»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war
+herrlich. Afra! Dein Glas!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel
+herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde
+ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg.
+Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch
+lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile
+so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den
+Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit.
+Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in
+der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas
+hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem
+tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen
+heiser an:</p>
+
+<p>»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich
+meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große
+... Ruhe ... endlich.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur
+dunkel, worauf sie antwortete.</p>
+
+<p>»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel.
+»Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten
+des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ...
+gleich, eh' Elsbeth starb ...«</p>
+
+<p>Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick
+auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies
+auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider
+Willen die Worte von Wartalun:</p>
+
+<p>»Wer hat, dem wird gegeben.«</p>
+
+<p>Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre
+Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und
+verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag,<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a>
+weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen
+war.</p>
+
+<p>Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in
+einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des
+Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre
+Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll
+unbestimmbaren Glaubens.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen
+und erwachte am anderen Morgen, als es
+noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren
+Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und
+kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem
+Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und
+liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen
+Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste
+enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen
+Mädchens schließen ließ.</p>
+
+<p>Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde,
+die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie
+lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden
+Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr
+hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein
+Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen
+eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheit<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a>
+und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für
+eine kurze Weile.</p>
+
+<p>Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel
+zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem,
+fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger
+Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell,
+wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der
+Tür des Pferdestalls eine Laterne.</p>
+
+<p>Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd
+hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch
+von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen
+Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster
+hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß,
+überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von
+Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald
+darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte.
+Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht
+so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei
+Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie
+den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und
+mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen
+Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an
+diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und
+zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls
+und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre
+kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.</p>
+
+<p>Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten,
+dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre
+herrliche Freiheit ritt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und
+es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das
+Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke
+emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe
+klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen
+auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum
+durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach
+Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald
+in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen
+Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte.
+Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum
+ersten Male gesehen:</p>
+
+<p>»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem
+Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht
+hatten.</p>
+
+<p>Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen,
+aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren
+Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken
+Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten
+Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den
+zierlichen Tritt des Rehs. &mdash;</p>
+
+<p>Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will
+euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt.
+Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur
+Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen.
+Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der
+an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot
+im Gras verblutet war. &mdash; Aja und Fenn waren ja nicht
+bei ihr. &mdash; Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres,<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a>
+das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte,
+dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der
+Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt?
+War es nicht selbstverständlich, daß er, nach
+solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald
+der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser
+Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er
+fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn
+hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen,
+wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt
+langsam zurück.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span>
+<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war
+er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen.
+Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar
+beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie
+nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er
+nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos
+verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über
+eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne
+noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte
+sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen
+Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung
+forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen
+Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen
+feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte.
+Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a>
+aus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr
+zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so
+schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf
+ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen,
+fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen
+gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die
+Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich
+einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere
+Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare.
+Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er
+verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen
+zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern
+dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in
+ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in
+seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in
+strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter
+der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten,
+befangen und doch stark.</p>
+
+<p>Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.</p>
+
+<p>Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung,
+in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer,
+die sich lang hinzog an einem armen Weg und
+über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde
+Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit
+Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin
+streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse
+im Grünen bergen mußte?</p>
+
+<p>Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles
+Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. Das<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a>
+Bildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes
+bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern
+große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten,
+blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband
+diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten
+Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das
+Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten
+Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden
+würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine
+Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten
+zu überreden war, und das verwindende Heimweh
+nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.</p>
+
+<p>Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem
+Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über
+die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen
+Brunnen des Herzens zu spiegeln.«</p>
+
+<p>Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen
+müssen:</p>
+
+<p>»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen
+Konstantin gemacht.«</p>
+
+<p>»Weshalb?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:</p>
+
+<p>»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben
+wäre.« &mdash;</p>
+
+<p>Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf
+zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie?
+Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr
+Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a>
+sei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein
+böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis
+des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht
+fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen
+wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen
+Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige
+Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten
+Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer
+hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit,
+ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen,
+weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von
+Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch
+sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter
+oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem
+Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht,
+wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden
+sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des
+Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit
+wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse
+emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer
+Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom
+Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls
+und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.</p>
+
+<p>Sie nahm das Pferd wieder herum.</p>
+
+<p>»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut
+und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an
+willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches
+Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:</p>
+
+<p>»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"></a>
+du dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf
+Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump
+eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut
+zu beweisen?«</p>
+
+<p>Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben
+her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war
+furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von
+Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt
+haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die
+kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch
+diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck
+und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.</p>
+
+<p>Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder
+fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber
+als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und
+Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite
+Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien
+und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu
+achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel
+einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück,
+ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für
+den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln
+schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes
+Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.</p>
+
+<p>Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit.
+Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das
+Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über
+den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein
+aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"></a>
+zum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der
+Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr
+beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre
+Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den
+kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden
+Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm,
+und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre
+Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles
+Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über
+ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen
+lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.</p>
+
+<p>»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben?
+Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel
+als ich mag? Nun steh!«</p>
+
+<p>Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte
+heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war
+über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne
+Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf
+die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete
+nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das
+Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor
+Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.</p>
+
+<p>»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter
+Galopp.« &mdash;</p>
+
+<p>»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing.
+»Da sieht man es ...«</p>
+
+<p>Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben
+brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr
+Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sich<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"></a>
+um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel
+sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer
+Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen
+Tür verbannt.</p>
+
+<p>»Ich muß zu dir, Afra.«</p>
+
+<p>»Jetzt nicht, geh!«</p>
+
+<p>»Es ist wichtig.«</p>
+
+<p>»Bleib draußen!«</p>
+
+<p>Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in
+sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte
+ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen
+eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh
+nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den
+Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das
+Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie
+wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine
+Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe,
+die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war,
+wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in
+Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte.
+Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen
+des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra
+zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein
+Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig,
+und obgleich man seine Gunst und Abneigung in
+Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen
+zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner
+Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_218" title="218"></a>Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den
+Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den
+Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an
+diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr
+sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der
+Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die
+weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen
+sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr
+mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener
+Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt
+und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen,
+die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen.
+&mdash; Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu
+Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus
+der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein
+Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von
+hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das
+matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den
+großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das
+verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten
+den Sturm in der Seele des Mädchens ein
+wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:</p>
+
+<p>»Ich muß mit dir sprechen.«</p>
+
+<p>Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der
+Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.</p>
+
+<p>»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«</p>
+
+<p>»Friedel verläßt morgen das Schloß.«</p>
+
+<p>»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«</p>
+
+<p>»Ich will es.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"></a>»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete
+unter den Verwüstungen auf seinem Schreibtisch nach
+seiner Brille. »Es muß etwas geschehen sein, sag es mir.
+Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in
+dem Dunst, der von eurer Verlotterung ausgeht. Ihr
+beschimpft das Andenken des Grafen Konstantin. Jeder
+Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,
+erniedrigt mich!«</p>
+
+<p>Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen
+Erstarrung, sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr
+langsam zugewandt, und während er die geballten
+Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht,
+das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er
+langsam und schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.</p>
+
+<p>»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst
+das mir? Hast du das ersonnen, entstammt das deinem
+Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, Mörderin du?!
+Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,
+was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den
+Quellen meines Lebens, beschimpfst du mich, weil ich
+nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« Er schien am
+Übermaß seines Hasses zu ersticken.</p>
+
+<p>Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine
+Worte berührten sie wie stäubender Schutt und heißes
+Blut, aber sie machten sie nicht einen Augenblick am
+Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten
+war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes
+Bereich der herausgeforderten Seele, wo im Sturm der<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"></a>
+Not Bedrängnis zur Erkenntnis und Zweifel zur Gewißheit
+werden.</p>
+
+<p>»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen
+deiner Hände. Du bist mir gleichgültig! Daß du nicht
+stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von einer Schuld,
+das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer
+überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden
+besudelt.«</p>
+
+<p>Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können.
+Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als
+kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte
+er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra
+nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen
+eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und
+Wut der Empörung erliegt.</p>
+
+<p>»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein
+Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos
+bist du!«</p>
+
+<p>»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt
+mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine
+Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr
+habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit,
+wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen
+mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit
+gefüllt.«</p>
+
+<p>»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes
+dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet
+ist. Du weißt nicht, was du tust!«</p>
+
+<p>»Ich weiß es!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_221" title="221"></a>»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über
+uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von
+dem ab, was du tust und was du getan hast.«</p>
+
+<p>»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich
+seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit
+meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die
+Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit
+eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein
+und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren
+Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen
+Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in
+ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches
+Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von
+dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies
+Haus um meinetwillen säuberst.«</p>
+
+<p>Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch
+und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand,
+seine klammernden, zuckenden Finger am Holz.
+Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres
+Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um
+darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr
+Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge
+kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.</p>
+
+<p>»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber
+dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie
+ausgereckt, schrie er:</p>
+
+<p>»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ...
+Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du,
+hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_222" title="222"></a>»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest
+du noch werden, eine Macht zu mißbrauchen, die du nie
+hast brauchen können. Meinst du, ich hätte das nicht
+hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.
+Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede
+Scholle auf den Äckern und jeder Baum, denn ich liebe
+Wartalun. Du kannst deine Liebe verraten und verwandeln
+und schänden und schwankst zwischen Totenlämpchen
+und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es
+nicht. Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die
+eiserne Pforte vom Grabmal im Garten hinter mir
+verriegeln, ehe du mich um einen Schritt aus der Heimat
+des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun,
+wenn du es wagst!«</p>
+
+<p>»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine
+Macht geben, dir zu weisen, wie weit deine Rechte
+gehen?! Warte eine Stunde ...«</p>
+
+<p>»Für dich gibt es diese Macht nicht.«</p>
+
+<p>»Du sollst sehen!«</p>
+
+<p>»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu
+halten, wenn ich ginge?«</p>
+
+<p>»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen
+mich zu brauchen!«</p>
+
+<p>»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in
+solche Not, in der ich nach diesem Mittel greifen muß,
+um zu hüten, was mein ist. Hasse mich, das ist das Recht
+der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung nicht. Aber
+was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet,
+wirst du achten müssen. &mdash; Ja, so höre es heute: ich will<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"></a>
+es haben. Ich will reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe
+es, wer will, aber hättet ihr nur einen meiner
+Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so
+würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen
+haben, euer Schloß und euer Gold. Aber so nicht. Ihr
+habt mich dorthin gezerrt, wo solche Werte gelten, nun
+fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat
+nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm
+auf den Wiesen verlangt, solange dies Land seinen starken
+Besitzer hatte, dessen Herrensinn mir mehr bedeutete
+als das Vergängliche, darin er sich bewährte. &mdash;
+Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde,
+die dir gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen
+dich auf, nicht ich.«</p>
+
+<p>Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an,
+alles Leben, jede Kraft schien aus seinen Zügen gewichen,
+selbst sein dumpfes Bewußtsein, daß ein richterliches
+Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn zwischen
+Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:</p>
+
+<p>»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu
+können, daß es dich gab, daß du lebtest, tötetest ...
+weißes Feuer du! Aus diesen nackten Fackeln kam
+Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«</p>
+
+<p>Plötzlich schrie er laut:</p>
+
+<p>»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich
+kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß
+man mir hilft ...«</p>
+
+<p>Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das
+Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte in<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"></a>
+ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht
+kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in
+Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte
+sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und
+ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr
+ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft
+verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich
+dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen
+einflößte, ja Todesangst.</p>
+
+<p>Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar,
+ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß
+erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz
+niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.
+Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer
+Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen
+und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«,
+rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich
+quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich
+atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du
+gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«</p>
+
+<p>Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem
+besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen
+lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was
+ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es
+in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß
+eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen
+Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut
+seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt
+von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"></a>
+rankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die
+hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne
+niederneigen.</p>
+
+<p>Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das
+Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern
+das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den
+Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen
+Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis
+ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre
+Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres
+eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher
+Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit,
+sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig
+und ungewollt erschienen:</p>
+
+<p>»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl.
+Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu
+tun, was seine Pflicht ist?«</p>
+
+<p>Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach
+diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:</p>
+
+<p>»Wer bestehen kann? &mdash; Wenn du bestehst, soll alles
+gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht
+einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich
+nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu
+verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"></a>
+jungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem
+Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen.
+Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem
+Bündel über die Schulter geworfen, und eine große
+graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock
+waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging,
+wie er gekommen war.</p>
+
+<p>Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt
+er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in
+der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die
+Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im
+Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger
+Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur
+seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft
+von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.</p>
+
+<p>Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen
+Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte
+hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem
+Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es
+ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen
+gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im
+Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen
+Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein
+weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den
+Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden
+und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit
+leiden. Für ihn selbst war Wartalun
+der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß
+sein irdisches Los.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_227" title="227"></a>Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit
+denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten
+sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften
+seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten
+hinüberführte. Unter seinen Verführungen
+erblindeten die wachsamen Augen der Seele.</p>
+
+<p>Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der
+trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen
+Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am
+Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf
+den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind
+des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein
+Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden
+kurzen Tags. Die winterlich entschlafene
+Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten
+reglos ihrer eigenen Erlösung. &mdash;</p>
+
+<p>Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den
+das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut
+nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen
+hatte, lautete:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und
+über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem
+jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden,
+weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für
+immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld
+mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich
+Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine
+andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest mich<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"></a>
+als die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.</p>
+
+<p>Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die
+Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen
+Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich
+habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher
+Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen
+erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe
+Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem
+Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind.
+Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung.
+Ich bin</p>
+
+<p class="right">Benvenuto Paule.«</p>
+</div>
+
+<p>Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen
+hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem
+Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt
+oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten
+durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das
+erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als
+wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben
+genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit
+Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen
+Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich
+meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du
+nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«</p>
+
+<p>Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender
+Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich
+bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr,
+in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig,<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"></a>
+klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange
+her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte?
+Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis
+zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer
+Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und
+bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es
+gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig
+gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten?
+Um was nur, um was?</p>
+
+<p>Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von
+allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein
+einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die
+verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und
+Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt
+daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen
+Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen,
+unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes,
+der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner
+blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete
+ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und
+wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden,
+die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres
+Daseins.</p>
+
+<p>Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht,
+es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres
+Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies
+Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit
+langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die
+befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"></a>
+Worten brach, die von Paule kamen und ihr galten:
+»Ich liebe dich von ganzem Herzen« &mdash;?</p>
+
+<p>Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer
+Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem
+Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten
+befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das
+Schloß für immer zu verlassen.</p>
+
+<p>»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch
+und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch
+am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm,
+sieh ...«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt
+werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie
+ich, will ich es nicht mehr reiten.«</p>
+
+<p>Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen.
+Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches
+Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und
+doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren
+letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:</p>
+
+<p>»Glaubst du, sie hielte nicht aus? &mdash; Ganz andere
+Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten
+ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt
+schon wieder fort?«</p>
+
+<p>»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«</p>
+
+<p>»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«</p>
+
+<p>Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht
+verstand.</p>
+
+<p>Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid
+ließ die schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"></a>
+empor sehen, sie hatte den einen Fuß vorgestellt, hielt
+mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte gepreßt und
+knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte
+die Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war
+lichter umher in der Welt, als der Morgen versprochen
+hatte, und die Schneedecke war geschmolzen. Aber kalt
+war es immer noch, der nasse, leere Park lag erstorben.
+Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der
+Graf Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von
+Erhobenheit, Wehmut und Kraftbewußtsein. Sie starrte
+hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe sie von verworrenen,
+bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr
+ruhiges Land zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie
+denn, welch ein Vorhaben entflammte ihr Herz?</p>
+
+<p>»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen
+hinüber, das sie einst gewesen war, bis heute.</p>
+
+<p>Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein,
+denn das Rütteln hörte auf, und nun vernahm sie
+Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des Schlosses.
+Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers
+geöffnet waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte.
+Erst leise, dann heftiger. Endlich öffnete er vorsichtig,
+und sie sahen sich durchs Fenster.</p>
+
+<p>»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte
+noch, ich komme.«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er
+rasch auf sie zu, er kam aus der Küchentür.</p>
+
+<p>»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen dachte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_232" title="232"></a>Und wenn ich nun Paule nicht finde?</p>
+
+<p>»Ja, ja«, sagte sie.</p>
+
+<p>»Wann kommst du, kommst du gleich?«</p>
+
+<p>»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«</p>
+
+<p>»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah
+Afra angstvoll an. Sie empfand nun, daß er erregt und
+traurig war.</p>
+
+<p>»Ich komme nicht.«</p>
+
+<p>»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun,
+denn es steht böse um ihn. Ich bin voll Angst um sein
+Ergehen ... schon seit langem.«</p>
+
+<p>Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte
+Afra und atmete auf. Da kam Martin mit Joni. Das
+Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt seinen Kopf
+tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,
+als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:</p>
+
+<p>»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst
+nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich
+könnte nicht, meine Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur
+dies. Und grüß ihn und wünsch ihm Lebewohl. Ich käme
+nicht wieder.«</p>
+
+<p>»Was bedeutet das?«</p>
+
+<p>»Tu, was ich sage!«</p>
+
+<p>»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie
+soll es denn werden?«</p>
+
+<p>Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel
+für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig,
+wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen,<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"></a>
+wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr
+unentbehrlicher war.</p>
+
+<p>Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick
+keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein
+Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem
+trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er
+langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen,
+Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte.
+Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt
+hallte angstvoll wider ...</p>
+
+<p>Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker
+als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren
+Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land,
+das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr
+geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß
+ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen
+wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und
+Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser
+Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit
+ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens
+bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in
+ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über
+den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,
+und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten
+Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden
+konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum
+wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im
+lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer
+Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"></a>
+Vergangenheit denken, und immer waren es solche, die
+sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand,
+wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt,
+das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre
+dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und
+Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon
+lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige.
+Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den
+Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine,
+weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den
+schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben
+und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese
+Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten
+sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war
+keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch
+dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster
+drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder
+rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse
+Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden
+Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf
+einer Flucht um ihr Leben.</p>
+
+<p>Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende
+Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den
+Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne
+abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der
+Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im
+Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie
+die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der
+Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einer<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"></a>
+blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen
+Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick
+zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er
+annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar
+herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige
+Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte
+Witterung.</p>
+
+<p>Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.</p>
+
+<p>»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein
+befiehlt etwas?«</p>
+
+<p>»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte
+Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn
+Grafen bei dir gewesen ist?«</p>
+
+<p>»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin &mdash; ja,
+der Herr ist hier gewesen ...«</p>
+
+<p>Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben,
+die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und
+Güte. Sie lachte beglückt auf:</p>
+
+<p>»Wo steckt er denn, der Prophet?«</p>
+
+<p>Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit,
+und meinte, ohne Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:</p>
+
+<p>»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu
+lange ... Er hat sehr auf Sie gewartet, Fräulein Afra.«</p>
+
+<p>»Hör, woher weißt du das?«</p>
+
+<p>Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn,
+wandte sich der Landstraße zu und blickte wie suchend in
+die Richtung nach Wartalun:</p>
+
+<p>»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"></a>Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar
+Gäste der Wirtsstube angesammelt, auch an den
+Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der verwitterten
+Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge,
+und neben dem Eingang lagen leere Fässer.</p>
+
+<p>»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«</p>
+
+<p>»Ob ich will! &mdash; Gleich ist es da.«</p>
+
+<p>Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen
+Gewohnheiten gestatteten, aber befangen blieb er doch.
+Afra empfand es deutlich, es drang von den Ereignissen
+in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten unter die
+Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte
+die Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis
+sah in den unverständlichen Schicksalen das
+Walten finsterer Mächte, und es war längst Gewißheit
+geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse
+Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft
+im Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah
+man im Unschuldigsten den Urheber allen Unheils.
+Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen erschien
+den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich
+ihm um so mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in
+seinen Bann geraten sei. Das Schloßgesinde erzählte
+unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über das
+junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt
+hatte.</p>
+
+<p>Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als
+Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht
+durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen?<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"></a>
+Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein
+bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin
+und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt
+hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt
+und in seinen Besitz bringen.</p>
+
+<p>Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar
+schien? &mdash; Er schritt mit seinen versonnenen
+Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im
+Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie
+einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen
+verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus,
+das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den
+eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes
+wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde
+umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich
+machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung
+statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung
+in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung
+der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er
+sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön
+und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm
+und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in
+wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das
+Wesen und die Gestalt seiner Hände.</p>
+
+<p>Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses
+und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch
+und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner
+Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen
+wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"></a>
+aus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten
+Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe,
+aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen
+geachtet wurden, die ihn liebten.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem
+Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen,
+nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren
+lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich
+keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen
+waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen
+Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert,
+deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren
+Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort
+ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren
+waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der
+Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen
+wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es
+ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher
+Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos
+verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß,
+lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des
+Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des
+Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen
+Namen »Die Knickburg«.</p>
+
+<p>Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel
+das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flache<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"></a>
+Flußufer und das Silberband des Wassers hinter den
+Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über
+das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen.
+Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er
+war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines
+Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer
+heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer
+und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die
+dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig
+über sich und wollte nicht glauben, wieviel
+Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche
+sich hinter seinem starken Willen verbarg.</p>
+
+<p>Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende
+Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe,
+eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen
+sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes
+nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er
+so glücklich gewesen.</p>
+
+<p>Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß
+und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen
+Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen,
+restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen,
+wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer
+grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal
+der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.</p>
+
+<p>Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit
+der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt,
+das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und
+ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"></a>
+Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche
+Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.</p>
+
+<p>Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl
+glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der
+Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches
+Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten
+Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit
+zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus
+dem ihr Blut in Strömen rann.</p>
+
+<p>Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe
+Abendhimmel stand im Wasser des Flusses und in den
+stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen Baumgruppen
+unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten
+Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen
+aus. Vereinsamt wartete die Welt auf die kühle Nacht.
+Am Horizont, im Abschiedsfrieden des winterlichen Tags,
+von Licht gerändert, stand eine zerklüftete Wolke, die wie
+ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen
+Sonne folgte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen
+war, schritten Afra und Paule die leere
+Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der
+Knickburg.</p>
+
+<p>Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"></a>»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße?
+Auch die Lichter nahen.«</p>
+
+<p>»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«</p>
+
+<p>»Aber hörst du denn nicht?«</p>
+
+<p>»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von
+Menschen.«</p>
+
+<p>»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm
+ihren Hut ab und schüttelte mit einem zitternden Lachen
+der Ergriffenheit ihren Kopf.</p>
+
+<p>»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte
+sie. Sie schaute sich um. Zur Rechten lag eine schwere
+Mauer aus dunklen Tannen, und zur Linken hoben sich
+unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen
+den helleren Himmel ab.</p>
+
+<p>»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile
+schweigenden Lauschens nachdenklich. »Ob sie uns
+suchen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht dich, Afra.«</p>
+
+<p>Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei,
+dann sagte sie schnell:</p>
+
+<p>»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde
+nach Wartaheim. Es ist besser, sie finden hier nur mich.«
+Dann besann sie sich plötzlich und änderte rasch ihren
+Entschluß:</p>
+
+<p>»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen.
+Ich werde tun, was ich will. Wer könnte es auch sein.
+Nur Helmut darf nichts ahnen, verstehst du mich,
+Benvenuto?«</p>
+
+<p>»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_242" title="242"></a>»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir
+geschehen?«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich
+an ihr Ohr. Nach einer Biegung der Landstraße kamen
+die beiden Lichter heran, sie beleuchteten die Wegstrecke
+zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so daß man
+die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und
+Wagenspuren deutlich erkannte.</p>
+
+<p>Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang
+nicht Gesang aus dem Wagen, oder war es ein
+<ins title="Wimmern?«">Wimmern?</ins></p>
+
+<p>»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an!
+Warte!«</p>
+
+<p>Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die
+Köpfe emporgerissen, man sah deutlich, daß der Kutscher
+heftig erschrak und die Zügel viel zu hart anzog. Die
+Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel
+des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren
+Köpfen.</p>
+
+<p>Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen
+der Stallknechte. Er riß den Hut herunter, als er sie
+erblickte, und Afra bemerkte, ehe er sprach, daß sein
+Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet aussah
+und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach
+Hilfe ausschauten. Da er dicht neben der Wagenlaterne
+stand, erkannte man seinen Ausdruck deutlich, und so kam
+es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:</p>
+
+<p>»Wohin willst du? Wen fährst du?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_243" title="243"></a>»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der
+Herr ... der Herr ...«</p>
+
+<p>Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war
+Friedels Stimme. Er schien niemand zu erkennen:</p>
+
+<p>»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den
+Schloßwagen nicht? Haltet mich nicht auf. Marsch!
+Platz!«</p>
+
+<p>»Warte noch«, sagte Afra ruhig.</p>
+
+<p>Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein
+Fluch, dann machte sich von innen eine Hand in erregter
+Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.</p>
+
+<p>Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.</p>
+
+<p>»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.</p>
+
+<p>Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür
+besorgt und hastig wieder und stellte sich davor auf. In
+seinem Gesicht lagen höchste Anspannung, eine wilde
+Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender
+Aufruhr.</p>
+
+<p>»Ah, Afra &mdash; da bist du! So, hurra! Es lebe die
+Herrin von <ins title="Wartalun!">Wartalun!«</ins></p>
+
+<p>»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich
+die Peitsche nehmen?«</p>
+
+<p>»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich,
+daß ich vor Lachen nicht sprechen kann?! Gott bewahre
+dich davor, daß du dies Lachen kennenlernst. &mdash; Wie?
+Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den
+Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«</p>
+
+<p>Da stand Afra steil vor ihm.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"></a>»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in
+Wartalun geschehen? Wenn du noch ein unnötiges
+Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen und
+kehre mit dem Wagen um.«</p>
+
+<p>»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß.
+Man hat wohl zwei Stunden lang nach dir geschrien,
+bis man an seinem Blut erstickte. Was geschehen ist?«</p>
+
+<p>Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat,
+als ränge er innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die
+Sinne auslöschte. Er bewegte nur die Fäuste hin und her.
+Afra sah es im rötlichen Licht der Laterne. Dann tippte
+er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine linke
+Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen
+Keuchen:</p>
+
+<p>»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am
+Rücken glatt heraus! Durch und durch geschossen! Alles
+rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du siehst ihn
+nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm
+schon seine Augen zugedrückt.«</p>
+
+<p>Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei
+Schritte. Sie stieß auf Paule.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.</p>
+
+<p>Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.</p>
+
+<p>Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß
+Friedels Atem nach Wein roch und daß er betrunken
+war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, wie unter
+einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren
+Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem
+Innern etwas für alle Zeit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_245" title="245"></a>Friedel war wieder in ihrer Nähe:</p>
+
+<p>»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du
+Begnadete unter den Reichen. Alles, was du umher
+siehst oder weißt &mdash; alles, bis an die Wälder von
+Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht
+dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare
+Sicherheit war, daß alles dein sein sollte. Und dein
+Popanz, der Martin, hat zwei Pferde zuschandengemacht,
+um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du
+allerlei zu danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«</p>
+
+<p>Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte
+an, die ein wenig gefaßter wurden, jetzt, da man ihn
+reden ließ und da die schlimmste Botschaft aus seinem
+Herzen gestoßen war.</p>
+
+<p>»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine
+Frage, er sagte es ruhig aus.</p>
+
+<p>Seine Stimme brachte Friedel auf:</p>
+
+<p>»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher?
+Nicht zwei Hemden hast du gehabt, als du dich bei uns
+einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl nur zu nehmen
+brauchen, was dir behagt. Oh &mdash; mir wird übel, wenn
+ich an den Mutwillen Gottes und an die Willkür des
+Schicksals denke. Oh, ihr ramponierten Großmäuler im
+Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, nicht
+wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich
+in euren Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich
+langsam zersetzt. Nur heraus, es ist gleichgültig, ob oben
+oder unten.«</p>
+
+<p>»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"></a>
+einen anderen, wenn du willst. Es wird dir wohl auf
+zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach hart und
+bestimmt.</p>
+
+<p>»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor
+den Schlag.</p>
+
+<p>Afra sah hinein, über seine Schulter fort.</p>
+
+<p>»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst
+du Martin, wo du ihm soviel Glück verdankst?«</p>
+
+<p>»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir
+behalten. Deine Scherze laß &mdash; mir verdirbt das Herz
+rasch genug.«</p>
+
+<p>Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:</p>
+
+<p>»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht
+halten kann, das mir aus dem Leben bricht. Ich weiß
+nicht, ob es einen Gott gibt, aber wenn, so mußt auch
+du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her,
+uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust
+deiner teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«</p>
+
+<p>Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels
+Arm:</p>
+
+<p>»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn,
+»du lästerst Gott.«</p>
+
+<p>Und er fuhr fort zu sprechen.</p>
+
+<p>Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich
+eindringlich. Sie kam aus dem Dunkel hervor und nahm
+die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre bannende
+Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je
+mehr er verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung,
+die die Gewalt dieser starken Worte mit sich brachte.<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"></a>
+Der Kutscher hielt die Pferde und sah um ihre Köpfe
+herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche
+Gestalt des Sprechenden.</p>
+
+<p>»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut,
+der seine innere Wahrhaftigkeit deutlich machte.
+»Aber was sprichst du von Reichtum und Gerechtigkeit,
+von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, dein kleiner
+Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von
+Angst um sein Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu
+vergleichen, die diejenigen erleiden, die nicht die Hilfe
+deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du wärest nicht
+gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert
+hätte.«</p>
+
+<p>Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile
+schwieg. Niemand antwortete ihm. Aber er fand die
+Besinnung nicht, um die er zu ringen schien.</p>
+
+<p>Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es,
+daß Afra mit einem raschen Schritt auf ihn zutrat und
+ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.</p>
+
+<p>»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du?
+Kein Wort darfst du mehr von diesen Dingen sprechen.«</p>
+
+<p>Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er
+atmete tief und schwer, und seine großen Augen, dunkel
+in ihrem Schatten, schienen nichts zu sehen von allem,
+was um ihn her vorging, noch wo er sich befand.</p>
+
+<p>Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin
+und her und suchte mit der Hand in der dunklen Luft.</p>
+
+<p>»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was
+mit uns geschehen wird? Dies alles ist unwahr. Wohin<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"></a>
+bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! Laßt mir doch
+mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger
+Himmel? Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher
+liegen Tote ...«</p>
+
+<p>»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.</p>
+
+<p>Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte
+sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als
+Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies,
+den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die
+Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes
+Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und
+dem nassen Erdboden.</p>
+
+<p>»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und
+verklang in Finsternis.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann
+es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog.
+Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon
+durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des
+Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt
+hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein
+Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang
+des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden
+hatte.</p>
+
+<p>Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner
+durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter
+fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem
+sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"></a>
+weißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen
+Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider
+in sanfte Schatten bettete.</p>
+
+<p>Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in
+den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim
+und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften
+gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der
+Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen
+beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem
+Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter
+den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter
+von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So
+mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden
+haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel
+auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker,
+ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen
+Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt
+hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof
+kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.</p>
+
+<p>Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer
+in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den
+Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle
+und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit
+langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen
+Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten
+Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden
+Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise
+vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der
+nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"></a>
+jene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus
+dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre
+vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter
+den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.</p>
+
+<p>Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen.
+Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und
+krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten
+Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten
+Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des
+Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.</p>
+
+<p>Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen,
+beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines
+Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke
+zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen
+Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft,
+weithin, weit fort über verödete Steppen und braches
+Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten
+Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und
+kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter
+Menschenseelen.</p>
+
+<p>»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause
+sollte wissen, wo sie war.</p>
+
+<p>Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten
+kam ein schwaches Lächeln auf seinen schlafenden
+Mund. Afra sah in tiefem Erstaunen in sein Angesicht,
+in diese Züge, die sie zum erstenmal in voller Ruhe
+erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit
+darin, die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare
+Freude eines Menschen, der zuversichtlich auf dem<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"></a>
+Heimweg war. Sie hatte nicht einen Augenblick das
+Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als
+sei er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun,
+und für alle Zeit, um dieses Lächelns willen, das ihr über
+die armselige Torheit der Geängstigten und über die
+starräugige Allgewalt des Todes zu triumphieren schien.</p>
+
+<p>Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der
+Liebe, schlief Helmuts gescholtener Leib sein letztes Mal
+im Schein des täglichen Lichts über der Erde. Auch zu
+ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers
+die Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die
+Luft, die kein Atemzug mehr bewegte, über der vollkommenen
+Stille, die von seinem wächsernen Angesicht
+ausging.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
+***** This file should be named 38650-h.htm or 38650-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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