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diff --git a/38650-h/38650-h.htm b/38650-h/38650-h.htm new file mode 100644 index 0000000..83862fb --- /dev/null +++ b/38650-h/38650-h.htm @@ -0,0 +1,9071 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title>The Project Gutenberg eBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <style type="text/css"> + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; + } + + h1 { + font-size: 250%; + letter-spacing: .33em; + } + + h2 { + font-size: 150%; + } + + hr { + width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + ins { + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed; + } + + p.mynote { + background-color: #DDE; + color: #000; + padding: 1em; + margin: 1em 5%; + font-family: sans-serif; + font-size: 90%; + } + + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + p.author { + font-size: 100%; + letter-spacing: .2em; + text-align: center; + } + + p.subtitle { + font-size: 120%; + text-align: center; + } + + em { + font-style: normal; + letter-spacing: 0.2em; + } + + table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + td { + vertical-align: top; + text-align: left; + padding: .1em 1em; + } + + td.number { + text-align: right; + } + + table.toc { + text-decoration: none; + } + + table.toc a{ + text-decoration: none; + } + + .pagenum { + position: absolute; + right: 3%; + } + + a[title].pagenum:after { + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0em; + letter-spacing: 0em; + } + + .center { + text-align: center; + } + + .poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; + } + + .poem .stanza { + margin: 1em 0em 1em 0em; + } + + .poem span.i0 { + display: block; + margin-left: 0em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; + } + + .blockquot{margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + + .right {text-align: right;} + + .figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + } + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Wartalun + Der Niedergang eines Geschlechts + +Author: Waldemar Bonsels + +Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="mynote"> +Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen +wie »stehen« : »stehn« sind ungeändert.<br />Die Kapitelübersicht wurde +der HTML-Version des eBooks hinzugefügt.</p> + +<h1>Wartalun</h1> + +<p class="subtitle">Der Niedergang eines Geschlechts</p> + +<p class="author">Roman</p> +<p class="author">von</p> +<p class="author">Waldemar Bonsels</p> + +<div class="figcenter"> + <img src="images/vignette.png" width="75" height="82" alt="vignette" /> +</div> + +<hr /> + +<p class="center">Im Verlag Ullstein · Berlin<br /><br /></p> + +<p class="center">Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.<br /> +Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br /> +Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin<br /><br /><br /></p> + +<p class="subtitle">Kapitelfolge</p> + +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + <tbody> + <tr> + <th></th> + <th>Seite</th> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Erstes_Kapitel"><b>Erstes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">5</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zweites_Kapitel"><b>Zweites Kapitel</b></a></td> + <td class="number">12</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Drittes_Kapitel"><b>Drittes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">33</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Viertes_Kapitel"><b>Viertes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">48</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Funftes_Kapitel"><b>Fünftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">59</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Sechstes_Kapitel"><b>Sechstes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">70</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Siebentes_Kapitel"><b>Siebentes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">85</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Achtes_Kapitel"><b>Achtes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">97</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Neuntes_Kapitel"><b>Neuntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">112</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zehntes_Kapitel"><b>Zehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">127</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Elftes_Kapitel"><b>Elftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">142</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zwolftes_Kapitel"><b>Zwölftes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">153</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Dreizehntes_Kapitel"><b>Dreizehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">174</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Vierzehntes_Kapitel"><b>Vierzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">195</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Funfzehntes_Kapitel"><b>Fünfzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">208</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Sechzehntes_Kapitel"><b>Sechzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">225</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Siebzehntes_Kapitel"><b>Siebzehntes Kapitel</b></a></td> + <td class="number">240</td> + </tr> + </tbody> +</table> + +<hr /> +<h2> <a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</a></h2> + +<p>Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr +bewegte sich im tiefblauen Himmel eine große rote +Mohnblüte, nur ein klein wenig und so feierlich, wie es +zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und +wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken +von der Wärme und vom Licht, und sein Schatten +huschte über das helle Kleid des jungen Mädchens. +Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit +blauen hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie +sacht ein wenig nieder und spendete der ruhenden Stirn +und den grauen Augen unter sich Schatten.</p> + +<p>Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen +Licht und der willkommenen Müdigkeit des Sommermittags +kamen, sie dachte in bitterer Betrübnis daran, +daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit +ihm eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter +Verhältnisse für sie und für ihren Vater vergangen +war. Es war alles ungewiß geworden. Es machte mißmutig, +nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen, +welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den +Veränderungen erwachsen würden, und die neue Herrschaft +nicht zu kennen, die erwartet wurde.</p> +<p>Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"></a> +Sommerwind schaukelte, hob langsam ihre braune Hand +zu ihr empor, knickte gedankenlos den grünen Stiel mit +seinen winzigen hellen Härchen und entblätterte über +ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten +Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und +Feuer in der zornigen Sonne liegen.</p> + +<p>Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um +den Vogel am Himmel zu finden, da sah sie zwischen den +Ähren fern die grauen Schloßtürme von Wartalun aus +den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere +das seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im +Wappen des Geschlechts zu finden war.</p> + +<p>War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange +sie zurückdenken konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern +sollte, lernte sie erkennen, daß sie alles allein der Güte +des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser Reichtum +ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. +Der Gedanke quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es +Mächte gab, die ihr diese Schätze rauben konnten, ohne +sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als wäre nicht mehr, +was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.</p> + +<p>Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu +sehen, jetzt gleich, in diesem Augenblick, in dem sie litt. +Daß sein Kommen erst mit dem Abend erwartet wurde, +ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht zeigen +wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß +der Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte +hinterlassen können, war ihr zuwider. Vielleicht das +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a>Forsthaus mit dem Buchenhain oder Wendalen mit +seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: +er hat niemand so geliebt wie dich.</p> + +<p>Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An +den scheidenden Winter und den kommenden Frühling +mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug in das +ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen +wie mit den schimmernden Wogen eines leuchtenden +Meeres überzogen hatte. Das war die letzte +Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse +des Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl +gelehnt, über seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, +daß es sein letzter war. Der Wind vom Garten war warm +und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber +eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende +im Gedächtnis geblieben, an denen sie ihm zur +eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte vorlesen +müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß +sie warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:</p> + +<p>»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«</p> + +<p>Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies +wünschte.</p> + +<p>Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, +und hielt inne. Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu +enttäuschen. Seine Bewegung quälte sie, und vorsichtig +senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er von ihr +erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen +Tauben zu erzählen, die in den großen Wandteppich +gewoben waren, gegen einen verblaßten blauen Himmel, +in den die Zinnen einer alten Stadt ragten, aus deren + +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a> + +Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren +aus erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten +nicht mehr. Wollte er, daß sie die Tränen vergaß, die sie +bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete es und fragte ihn, +weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in +einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:</p> + +<p>»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, +und weil ich die Bewegungen deiner Lippen sah und den +Schein des Feuers in deinem hellen Haar. Und weil ich +die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des +Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine +Knie und die Füße am Saum deines Kleides. Du hast +mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum daß du gehen +konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten +gebracht, die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag +bin ich dir begegnet wie dem Licht der Sonne, dem niemand +entgeht, der atmet, aber ich bin niemals deinem +Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du +mich gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber +jede Liebe, die dir in deinem Leben begegnet, wird sie +aufheben und bewahren und zu Gott bringen, zu dem +ich gehe.«</p> + +<p>Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er +meinen könnte, und sich gefragt, ob sie ihm Anlaß +gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu sein. Aber im +Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen +war und daß der unerfüllte Wunsch, den er +ausgesprochen hatte, nicht zu jenen gehörte, die sie +erfüllen konnte. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, +und sie hörte ein Pferd schnauben. Das rief sie aus ihren +Erinnerungen in den hellen Tag zurück. Sie nahm ihren +Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme, +damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er +saß zu hoch auf seinem Heufuder, reckte den Hals nach +ihr, lachte, als er sie erkannte, und hielt die Pferde an.</p> + +<p>Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, +daß Afra nicht hochmütig war.</p> + +<p>»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und +die Kornähren mit der Hand zur Seite bog. »Ist es +erlaubt, einzutreten?«</p> + +<p>Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.</p> + +<p>Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut +von der heißen Stirn und lächelte.</p> + +<p>»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«</p> + +<p>»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit +forschenden Augen hinzu:</p> + +<p>»Heute abend ...?«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als +empfinge er eine betrübliche Nachricht, »heute abend +kommen sie.«</p> + +<p>Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit +an, wie Martin sich den neuen Herrn vorstellte.</p> + +<p>Plötzlich unterbrach sie ihn:</p> + +<p>»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«</p> + +<p>»Weißt du es besser?«</p> + +<p>»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken +so, wie ihr ihn euch zu eurem Vorteil wünscht. Der Vater<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a> +meint, daß er eine Vorliebe für neue Treibhäuser habe +und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt +von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und +der Förster weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der +Kugel treffen kann.«</p> + +<p>»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man +könnte glauben, daß es so im Katechismus steht.«</p> + +<p>»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, +»aber wenn man sich langweilt ... man sollte sich nie +langweilen.«</p> + +<p>Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr +die roten Kugeln dar, die an dünnen Stielen zwischen +seinen Fingern hingen, aber sie kehrte seine Hand um, +öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann +schob sie seine Hand zurück.</p> + +<p>»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, +was ich von ihm weiß. Und noch eins: er wird mich +sehen.« Sie ließ langsam die Blicke über den jungen +Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden, +lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen +wollen. Man durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich +zu behalten, was man wußte. Irgend etwas im Schatten +seiner Augen und um seinen unbewachten Mund verlockte +sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen +zu lassen. Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was +ich will.</p> + +<p>Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen +und Mißstimmung zugleich. Es mochte daher +kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt gewesen<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a> +war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie +nun zu seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens +für einige Zeit, für diese Tage der Ungewißheit und des +bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den meisten der +anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra +werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit +dem märchenhaften Zauberglanz von Macht und Reichtum, +den die Liebe des alten Mannes um sie gewoben +hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen +sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf +dem er lag, und sein eigenes Geschick in die Hände +gegeben waren, die er neben sich sah, wie sie das blaue +Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte +auch, daß er diese Hand dort dicht neben der seinen +ergreifen konnte, ohne daß Afra ihn daran hindern +würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm +empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, +sein Wunsch, dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...</p> + +<p>Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen +Qual zu befreien. Was würde geschehen?</p> + +<p>»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, +sagte Afra, »ich habe genommen, welches ich wollte. +Würdest du um eines bitten, wenn alle dir erreichbar +wären?«</p> + +<p>»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der +ihren, »du konntest tun, was du wolltest. Der neue +Herr ...«</p> + +<p>»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob +sich, so daß sie im Korn saß, ordnete an ihrem Haar,<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a> +das im Sonnenschein heller leuchtete als die goldenen +Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.</p> + +<p>»Fährst du mit?« fragte er.</p> + +<p>Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine +Schulter, mit raschem weichem Fuß, dessen Druck er erst +zu verspüren glaubte, als sie bereits hoch im Heu saß +und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm hinunterlachte.</p> + +<p>»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über +ihm, und so schritt er neben dem Wagen dahin und rief +den Pferden laute Worte zu.</p> + +<p>Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte +das Kinn in beide Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins +Heu gruben, und blinzelte in den Sonnenschein hinaus. +Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in einem +feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu +ihm zu heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei +er ihr Ziel, während der Wagen sie langsam, eingehüllt +in den Duft welken Grases und vergangener Blumen, +auf Wartalun zuschaukelte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + +<p>Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, +Hundebellen, Stimmen und das Knarren eines +Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof +her durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, +wanderte an der Zimmerdecke und huschte rasch und<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a> +ängstlich über die Gegenstände des Raums. Sie erhob +sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode +des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres +Vaters bezogen, der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude +eine Wohnung innehatte. Sie hatte nicht +gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft +gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen +und beinahe rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man +sich unterfangen würde, ihr ihre alten Rechte streitig zu +machen, aber niemals hätte sie ertragen können, aus +dem Hause gewiesen zu werden.</p> + +<p>Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft +zog süß und schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden +Äste des uralten Baumes, der fast den ganzen Schloßhof +beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie erkannte +nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas +weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig +ergebene Antworten auf ihre unverständlichen Fragen +oder Befehle. Dann wurden im Schloß die Fenster hell, +erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so +daß sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, +endlich im Zimmer des alten Herrn und zuletzt sogar im +Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel mit ihren geschnitzten +Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.</p> + +<p>Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder +dunkel, nur im Treppenhaus glommen noch Lichter, und +die Hunde kamen nicht zur Ruhe. Sie sah noch Melchior, +den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe +niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a> +hörte, ob er sie beruhigen müsse; aber er ließ es und +verschwand in der Dunkelheit mit dem letzten Licht. Afra +dachte an die beunruhigten Hunde, die alle an den +Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert +und sie oft auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war +gewiß nicht dieser Gedanke, der sie so tief bewegte, aber +plötzlich warf sie den Kopf hart auf die Bank des +offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen +Schluchzen. Ihr war, als seien Räuber in das Schloß +eingedrungen. Schliefen denn umher alle diese Geduldigen, +war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, der +vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch +auf Afra wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu +teilen. Zu teilen? Ein kalter Zorn ließ sie auffahren. +Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, als müsse sie +aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden +Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, +die zur Begräbnisstatt des toten Herrn führte. +Sie sah den eisernen Sarg mit seinem einen Kranz aus +Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte winden +müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte +ihn für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie +sah sich an dem kalten schweren Eisen rütteln: Wach auf, +du, mit deiner Liebe zu mir, sie stehlen dein Schloß, deine +Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit Füßen der +Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.</p> + +<p>Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in +der Nacht, in der auch der Tote schlief. Je mehr Afra +sich vergegenwärtigte, was dieser Todesschlaf bedeutete,<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a> +um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende junge +Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte +und daß sie stark und jung und schön war. Ihr war, als +sei ihr Verhältnis zu dem Toten, das er einst in bebender +Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles deutlicher und +gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles benachteiligter +als sie?</p> + +<p>Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal +die letzten Wochen, die sie mit ihm durchlebt hatte, auf +alle seine Aussagen hin, forschte eifrig nach dem Sinn +seiner traurigen Worte, die sie damals kaum beachtet +hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung +für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah +seinen weißen Bart dicht vor sich, fühlte seine Greisenhände +auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, sagte er. +Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich +reich gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen +können?«</p> + +<p>Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?</p> + +<p>Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das +war schon im Traum. Sie saß in ihrem Kleid aus hellem +Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt das Schloß, +lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr +gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie +in ihrem Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder +streuten Blumen. So hatte sie es einst gesehen, als sie +den Grafen an seinem letzten Namenstag hinausbegleitet +hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und +lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg,<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a> +hatte er lange in ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß +erhoben vom Glück des Tags und übermütig beseligt +gelächelt hatte. —</p> + +<p>Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der +junge Tag erhob in kühlem Wehen sein lichtes, blaues +Leben, in dem alles in tiefer Stille auf die aufgehende +Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten +waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in +einer ganz neuen, zitternden Seligkeit an ihrem jungen +Dasein langsam begann, sich an den weit offenen +Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und +alle Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies +war die liebste Stunde ihres Tags, in der niemand ihren +erwachten Sinnen etwas streitig machte, in der ihr alles +zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie +schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, +auf dem noch nichts sich regte, nur vor den Starenkästen +am Lindenstamm saßen schon die Alten, zum ersten Ausflug +gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen der +Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum +vernehmbare Flüstern der Blätter mischten. Die Tore +des Hofes waren noch geschlossen. Die breiten Laubgänge +des Efeus sahen wie dunkle Verkleidungen am +Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche, +die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war +beinahe ein wenig eng, dieser Hof, aber seine hohe +Eingeschlossenheit und seine Schatten von den Wänden +des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte +Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a> +die Zinnen der Mauern in dieser Stille in das Bereich +alter Märchen gerückt wurde.</p> + +<p>Afras blondes Haar war so schwer und weich wie +alte Seide. In der Ahnengalerie des Herrenhauses, +dicht unter der getäfelten Decke hing das Bildnis einer +jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie +hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer +und Asche, der sich, ins Licht getaucht, in ein beinahe +farbloses Gold verwandeln konnte und der aus Stirn +und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, +wo der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig +versunkenen Blick der längst Verstorbenen haßte Afra, +wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, dessen Trotz ihr +töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener +Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da +niemand ihr noch gesagt hatte, welch betörender Zauber +voll Lebenssüßigkeit und Daseinswonnen sich in seiner +ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie ihn beinahe +gering, diesen großen Mund.</p> + +<p>Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über +den Hof ging, ihr Schritt hallte von den Steinwänden +wider. Sie klopfte an Martins Kammerfenster neben +dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. Er +solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst +besorgen; aber er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das +Pferd zu satteln, und murmelte schlaftrunken allerhand +von seinen Aussichten, sich noch einmal niederlegen zu +können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen Herrschaft +zu fragen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr +diese Teilnahme schuldig zu sein.</p> + +<p>»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.</p> + +<p>Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, +tadelte sie nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend +und am Platze. Sie wollte noch, daß er die +Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, deren +Ketten sie hörte.</p> + +<p>Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie +die Landstraße entlang steil und fest zu Pferde, vom +Bellen der Hunde wie von ergebenem Beifall geleitet, +dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame heiße +Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, +war das Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben +in den angebauten Wirtschaftsgebäuden hinter den +Birken der Landstraße sah er die ersten Tagelöhner, eine +Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein ereignisreicher +Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn +zu verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles +klar zu werden.</p> + +<p>Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl +und ohne Kraft, über die Dächer der Kornschuppen von +Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie hatte sich auf +den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen, +hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum +erblühten Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, +wie ihr suchender Fuß Schritt für Schritt die +silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen +brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a> +wachten alle Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als +zerstörten sie ihr ganz langsam ihre Kraft. Denn Afra +war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie sie +nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, +sich bewähren zu müssen, fand sie stark.</p> + +<p>Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie +seine Herrin, die immer um einen Schritt voraus war +und die Zügel nachhängen ließ. So schritten sie gegen den +großen Horizont des ebenen Landes über den roten +Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die +schwarzen Schnauzen am Boden, in weitem Bogen +voraus, scheuchten Wildenten aus den Moortümpeln +auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon +nahe am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras +leisen Pfiff wandten sie, wie von unsichtbaren Fäusten +zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie hingen +in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer +mit mehr Zeit und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.</p> + +<p>Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie +grüßten, besann sie sich darauf, was sie als Grund für +ihr Kommen angeben sollte. Man würde sie nach der +neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter +schon unterwegs nach Wartalun. —</p> + +<p>Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer +uneingestandenen Furcht vor einem Verrat der Ängste +ihrer Seele begrüßte sie ihn hochmütig und ohne den +Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, aber +sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a> +Zimmer ein Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die +Tücke und Unterwürfigkeit dieses arbeitsamen und wohlgeschickten +Mannes, die sie bislang mit kaum amüsierter +Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute hassenswert. +Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten +Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung +mit großer Höflichkeit zu beantworten, die +schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen sie +gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die +Würfel gefallen seien und daß, was die einen hofften, die +anderen fürchteten, Wahrheit geworden sei, daß sie nach +dem Willen des Verstorbenen Herrin von Wartalun +geworden war.</p> + +<p>Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte +Täuschung ihr eintrug, wurde rasch zu unbezähmbarer +Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem und geheimnisvollem +Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der +ihr zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich +verachtete sie sich in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung +zu ändern, nickte sie kühl und hastig, nahm umständlich +das Pferd herum und pfiff den Hunden.</p> + +<p>»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe +traurig wirkte. Draußen empfing die frohe Sonne sie, +wogende Felder und bald wieder die Melancholie und +Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer +Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre +Hoffnung Gewißheit geworden war, als hätte sie ihrem +zögernden Schicksal Gewalt angetan.</p> + +<p>»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a> +mein ist«, rief sie laut. Dann war ihr, als müßte sie +weinen, und ihre aufsteigende Qual beantwortete sie mit +einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen weichen, +unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch +zur Anmut ihrer freien Haltung stand.</p> + +<p>Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe +Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben, +alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes, +den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken +Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und +sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren +braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als +schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des +Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen +Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art +zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück +und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die +Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch +an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als +weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht +des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr +blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im +Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser +blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes +Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von +Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale +Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; +solche Hände wünschte sie sich ...</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a> +er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von +hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«</p> + +<p>»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das +Vorwerk Wendalen.«</p> + +<p>»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«</p> + +<p>Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, +schaute über Land, als erwöge sie ernstlich die Antwort, +um sie treffend geben zu können. Ihre Art der Herablassung +war voll Anmut, von einer holden Sicherheit +überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, +was er wissen wollte, und sah sie bewundernd an.</p> + +<p>»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem +Pferde gebraucht, aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden +zwei Stunden brauchen an einem Tage wie heute. Und +der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich +bei solcher Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe +nicht gewußt, wie weit es ist, es hätte mich sehr interessiert, +da ich diese Frühmorgenstunde nicht besser +zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch +alle.«</p> + +<p>Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es +wirkte auf ihn wie Sonnenschein im Frühling und wie +der traurige Gedanke an einen frühen Tod.</p> + +<p>»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? +Kehren Sie denn jetzt um?«</p> + +<p>»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine +heiße Freude am Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut +klopfen ließ; sie sprang vom Pferde, und in der überwindenden<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a> +Unbefangenheit, die ihr Wesen auszeichnete, +sagte sie:</p> + +<p>»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein +wenig ledig dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf +das Pferd und sagte: »Das ist Joni.«</p> + +<p>»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges +Fräulein, gewiß, um mich daran zu erinnern, daß ich +Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, ohne +Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«</p> + +<p>Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, +den sie kaum zu verstehen für nötig hielt, und verbeugte +sich dabei, nicht ganz in der üblichen Richtung und auf +eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.</p> + +<p>»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir +die Ehre zu erweisen, zu sagen, wer Sie sind?«</p> + +<p>Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, +wartete, bis er ihren Blick sah, und meinte:</p> + +<p>»Tut es etwas zur Sache?«</p> + +<p>Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, +darüber nachzudenken, daß dies wenig höflich sei, und +sagte rasch:</p> + +<p>»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war +sicherlich recht töricht. Der Vorzug Ihrer freundlichen +Begleitung sollte mir genug sein, und er ist es, sicherlich, +mein gnädiges Fräulein.«</p> + +<p>Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein +wie ihr Recht, obgleich sie ihn beneidete.</p> + +<p>»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, +und was an ihrer Frage hätte Neugierde sein können,<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a> +wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie eine kindliche +Bitte.</p> + +<p>»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und +eigentlich schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe +zufällig gekommen; es ergeht mir oft so, daß mir +eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe schenkt.«</p> + +<p>»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr +Lächeln eine neckische Bewunderung. »Das klingt ja fast, +als wollten Sie mir sagen, daß Sie den Schloßherrn +von Wartalun persönlich kennten.«</p> + +<p>»Ich vermute, daß ich es <em>bin</em>«, antwortete er bescheiden.</p> + +<p>Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand +bebten, daß ihr Schritt wankte und ihr Angesicht sich +langsam in jäher Erstarrung mit tödlicher Blässe überzog, +fuhr er fort:</p> + +<p>»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, +und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde +mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von +Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein +gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, +und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns +erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters +entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein +Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die +große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die +letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte +unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung +des alten Herrn.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf +seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung +zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte, +empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von +sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, +nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der +Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das +hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach +und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage +erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte +er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er +wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich +darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung +gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige +und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich +Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem +Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft +war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das +Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, +dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem +raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das +herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger +Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine +dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und +grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte +seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung +hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen. +Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr +in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a> +sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten +hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und +lächelte.</p> + +<p>Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.</p> + +<p>»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, +sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie, +und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so +selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist, +ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«</p> + +<p>Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem +Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung, +die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig +sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte +Bestätigung seiner Befürchtung aus.</p> + +<p>Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag +am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied +es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in +diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich +erschien.</p> + +<p>»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale +Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich +habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil +seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit +ist eine Freude für mich.«</p> + +<p>Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von +denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn +bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, +es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen +fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a> +es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen +Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar +mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran +verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann +wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn +lustig.</p> + +<p>Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, +erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel +Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem +Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte +seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen +und fast ergebungsvoll diesen Wandel in +seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in +eine ganz neue Welt hinnahm.</p> + +<p>»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und +aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er +stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß +ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte +sagen wollen.</p> + +<p>»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst +daran, daß er nach diesen Worten unbefangen zu +sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm damit aus seiner +Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte, +mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das +Leben schön. Ich habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. +Ihr war, als liebte sie diesen Mann neben sich, +weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, neue +Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren +und zu erproben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr +Haar. Ihre Lippen bekamen etwas von jenem irdischen +Daseinslicht, das zuweilen die Lippen junger Frauen +umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein +schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut +ihres Leibes in die Lippen emporsteigt, als blühten +wieder die Reben ...</p> + +<p>Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend +aus sich, seinen freundlichen Worten folgen:</p> + +<p>»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte +mir zufallen«, sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, +mich ihrer zu freuen. Ich war ganz mit meinen Studien +ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im Auge, als ihre +Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines +Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. +Ich trage schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, +nehme es auch vielleicht mit der eigenen Innenwelt und +mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein wenig zu +schwer ...«</p> + +<p>Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu +vergessen, vor wem er sprach. Ihm war, als spräche er +vor sich hin, wie er gewohnt war, es oft auf einsamen +Spaziergängen zu tun.</p> + +<p>»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich +unser neues Eigentum selbst verwalten sollte. Ihr war +es seit langem ein lieber Wunsch, die Stadt zu verlassen, +die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich hat sie +wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für +mich Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a> +mehr ich beginne, langsam die ganze Größe dieses +Besitzes zu ermessen, alle Pflichten einzusehen, die sich +mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich +mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte Afra.</p> + +<p>Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, +ging aber gleich auf ihre Frage ein.</p> + +<p>»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre +mit einem jungen Ding, zu dem er eine große Vorliebe +gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur ihren Vornamen, +mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra +berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein +seltsam unverständlicher und außerordentlich altväterisch +verfaßter Brief ist vor dem Testament in meine Hände +gelangt. Er wirkt eher wie eine philosophische Lebensbetrachtung +als wie das rechtsgültige Dokument einer +letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht +eröffnet werden können, da ich noch Papiere beizubringen +habe. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen.«</p> + +<p>»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte +Afra.</p> + +<p>»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«</p> + +<p>»Und der Brief?«</p> + +<p>Er sah sie an.</p> + +<p>»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra.</p> + +<p>»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber +zweifellos ein Mann von hochherzigem Charakter und +voller vergrübelter und verschlossener Werte. Über die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a> +Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht +viel hervor, da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen +wird, was er von ihr hielt, was der Alternde in sie +hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in Einzelheiten +unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch +sicherlich zu Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten +sagen, war ebenso unverständlich wie mysteriös. +Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«</p> + +<p>Er lächelte vor sich hin.</p> + +<p>»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«</p> + +<p>Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie +erstaunt an. Ihre Augen glänzten hart und einsam und +wiesen ihn ab.</p> + +<p>»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen +berühre, aber seien Sie versichert, die Beziehungen +des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, daß +sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, +verstehen Sie nicht falsch, was Sie zweifellos nur +aus dem Klatsch Urteilsloser oder Neidischer gehört +haben.«</p> + +<p>Sie antwortete kalt:</p> + +<p>»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht +haben.« Und hingerissen von einer plötzlichen Erbitterung, +die sie alles vergessen ließ, fuhr sie fort: »Sprechen +Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem >jungen +Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von +seinem Wert, ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen +äußeren Gütern genügen ...«</p> + +<p>Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a> +Worte. Sie suchte nach einem Halt. Es bot sich ihr +nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf sie stürmisch +den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, +am ganzen Körper bebend und von Scham, Wut und +Bewegung geschüttelt, ohne Halt und so friedlos und +aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute +war, als sei durch kein Heil von Menschenkraft je +wieder etwas an diesem Unverständlichen gutzumachen, +das sein ahnungsloses Herz an diesem Sommermorgen +angerichtet hatte.</p> + +<p>Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum +bemühte, das junge Mädchen zu beruhigen und den +Grund ihres Leids zu erfahren, während er eine ungeordnete +Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte +stammelte und sogar wagte, ihre Schulter mit seiner +Hand zu berühren, dachte Afra mitten im Sturm ihrer +aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:</p> + +<p>War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war +klug, und für ihn und für meine Stellung zu ihm war es +zweifellos so richtig. Sie wußte nicht weshalb, wußte +nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz +dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen +Wunsch, die Schmach vor ihr abzudienen, in die er sie +gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, rührte sich nicht +und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich +lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des +neuen Gefühls, von dem er nichts ahnte. Einmal, als +das Pferd den Kopf senkte und hob, stieß ihre Schulter +härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a> +zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht +hätte.</p> + +<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort +zurück.</p> + +<p>»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie — verzeihen Sie +mir«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich weiß in der Tat +nicht, was ich verfehlt habe und wie ich es gutmachen +kann.«</p> + +<p>»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. +Sie senkte den Blick nicht, als sei ihr alles +unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren Worten zu +erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf +ihn wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich +kann mich jetzt unmöglich so gelassen zeigen, wie mir +zumute ist, es würde die Hälfte dessen zerstören, was ich +erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr verzweifelt. +Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut +und für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und +mühsam mit den äußeren Erscheinungen des Lebens +abzufinden wußte und mit den Frauen noch um vieles +schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht +traurig zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr +sprach, gefaßter, ernst und sehr würdevoll, mußte sie +hinter ihren Händen, die sie vor ihr Gesicht geschlagen +hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an +ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was +geschehen war, hatte sie nichts berechnet. Wenn er jetzt +sähe, wie ich empfinde, so würde er mich verachten, +dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn ein<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a> + +wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er +nicht empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie +verstehen würde.</p> + +<p>Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + +<p>Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu +erreicht hatten, erschien es dem Mädchen, als sei +es nicht gut, sich nun schon zu trennen, denn alles, was +noch an Worten gefallen war, befriedigte sie nicht und +ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die +Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses +enttäuschten. Irgend etwas mußte bestimmter +geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr war, als müßte +er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben +haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, +weil sie ihr neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, +aber es lag in ihrer Art, sich eher mit einer geringen +Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen +Aussicht.</p> + +<p>Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht +oft in seinem Leben. Aber viel mehr als die Geschehnisse +und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst auf ihn. Er +wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er +fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie +über alles gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und +fesselte. Wenn er versuchte, sie sich vorzustellen, so war<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a> +sein Eindruck zuerst der einer ganz eigenartig klar geschiedenen +farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar, +die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... +alles erschien ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen +und eindringlichen Gesondertheit wie +die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener +Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden +Nuancen suchten, sondern die den Mittelton +fanden und gaben, klar und wie in unfehlbarer Gewißheit, +daß er alles Leben und alle Vielgestalt des Lichts +dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene +und geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im +Grunde ihr Wesen doch allein durch das Leben ihrer +schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen erschienen +ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, +in ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der +Natur auf einen Menschen wirken können. Diese Kühnheit, +die ohne einen Schein von <ins title="Frechheit, doch">Frechheit doch</ins> so herausfordernd +und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll +und voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. +Er kannte diesen Blick bei Kindern, deren Gedanken +vielleicht bei den Spielen im Garten sind, +während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten +der Alten lauschen, die sie noch nicht verstehen können. +Kinder, deren Menschentum in seiner seligen Beschränkung +der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so +weit überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides +in einem Herzen zu wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete +den Mann an ihrer Seite, der mit gesenktem Haupt +neben ihr dahinschritt und dem sie deutlich anmerkte, +daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten +als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. +Erst als er, beinahe wie aufgeschreckt durch ihr +leises Lachen, rasch den Kopf hob, besann er sich darauf, +daß die Interessen der jungen Dame an seiner Seite wohl +kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte +ihre Lage und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.</p> + +<p>»Warum lachen Sie denn?« fragte er.</p> + +<p>»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.</p> + +<p>Nun lächelte er.</p> + +<p>»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so +dachte ich mehr an Ihre Person als an Ihre Lage, und +letztere sollte mir doch eigentlich aus vielen Gründen am +Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht ganz +leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor +kurzem eine Kränkung ausgesprochen habe statt des +Danks, den ich Ihnen schulde. So viel weiß ich wohl +aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine Erfahrung +von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung +des Schlosses und aller Güter bisher beinahe ganz +in Ihren Händen gelegen hat. Sie waren die Vertraute +des alten Herrn und sind sicher in alle Notwendigkeiten +und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht, +als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine +Bitte geht nun darauf hin, ob Sie uns die Liebe erweisen +wollen, es in Ihrer Stellung zu allem und zu uns<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a> +beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als +Sie leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle +keinen Augenblick daran, daß einzig die Neigung des +Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu ihm Sie hier +gehalten hat ...«</p> + +<p>Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. +Mochte es sein, weil dem Namen Erwähnung getan +war, Afra mußte an den Toten denken, der sie geliebt +hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er +alle seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. +Es quälte und beglückte sie zugleich. Sie +schritt mit gesenktem Haupt dahin, das Angebot erschien +ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig geschehen +konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. +Mochte er denken, sie sei undankbar, es war immer noch +besser, als daß sie sich ihm durch Dankesworte für verpflichtet +erklärte.</p> + +<p>Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin +und Holundersträucher drängten über die blühenden +Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch dieses +verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, +so blinkte hinter dem Grün die schwermütige Farbe des +toten Grabenwassers, das an drei Seiten die Schloßmauern +umzog und tief im Park einen ruhigen See +bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank +im Schatten eines verwilderten Apfelbaums. Afra +blieb stehen. Er verstand sie und lud ein, ein wenig zu +rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein +Büschel Zweige.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich +ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus +den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.</p> + +<p>»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer +kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder +zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität +vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen +den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude +machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß +ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen +auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich +nun vieles besser verstehe.«</p> + +<p>»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne +zu danken, »ich habe wenig Kleider.«</p> + +<p>»Bitte«, sagte er einfach.</p> + +<p>Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als +klein und schwächlich neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre +Reitgerte zwischen den Fußspitzen pendeln ließ, sah ihre +harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß ihrer +Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer +Lieblichkeit. In allen Einzelheiten, die zwischen ihnen +besprochen waren, hatte er seine heimliche Überlegenheit +in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden, +aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm +war, während er so dasaß und die Schweigende verstohlen +betrachtete, als käme es im eigentlichen, wahrhaftigen +Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als +auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, +bohrende Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a> +strich sich über die Stirn, als verscheuchte er eine dunkle +Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier sitzenbleiben? +Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun, +es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So +geschah es denn, daß Afra ihn nach einer Weile entließ, +beinahe ein wenig gnädig, wie man jemand fortschickt, +dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, was +in seinen Kräften steht.</p> + +<hr /> + +<p>In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander +die Räume des Schlosses. Afra erschien dem +jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun sie in der +intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus +Bildern und Wandteppichen schaute die Vergangenheit +auf sie nieder, die Freude und die Trauer des Verflossenen.</p> + +<p>»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die +alten waren eng und klein, wie sie jetzt noch drüben +gegen den Park zu sind.«</p> + +<p>Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in +der Sonne stand. Er dachte mit leisem Grauen an die +vergangene Stunde, in der Afra und seine junge Frau +sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte +doch anders werden, es war einzig der verwirrende Geist +des Neuen, der auf sie beide eindrang, auf sein Weib +und ihn; alles war fremd und geheimnisvoll, schien sie +zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde weichen, +würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur?<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a> +Er kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen +wie er war.</p> + +<p>»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt +Geister.«</p> + +<p>»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und +erwartungsvoll an.</p> + +<p>Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so +gefahrvoll erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten +ihn nun in ihrer unschuldigen Härte. Aber nun +mußte er sprechen:</p> + +<p>»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht +in weißen Tüchern als Gespenster, die nachts umherirren, +sondern um vieles vergeistigter und machtvoller. +Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte +Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene +Gefühle faßbare Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, +ich meine, daß die Spuren der Toten zurückbleiben und +daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre Bosheit, +ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«</p> + +<p>Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, +dessen schmale hohe Lehne ihr blondes Haupt überragte. +Er sah über ihren Haaren den bäurisch derben und gediegenen +Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den +Augen den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.</p> + +<p>»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte +sprechen Sie doch weiter. Sie legen in alle Dinge viel +mehr hinein, als darin ist, das tat auch Ihr Oheim, aber +er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger vorsichtig +und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a> +können, dafür glaubte man ihm aber auch nicht +immer.«</p> + +<p>Tief überrascht sah er auf.</p> + +<p>»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«</p> + +<p>Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung +bewunderte, so blieb sie unbefangen und bei der begonnenen +Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte er +geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich +ihm und dem Schloßgut gegenüber befand, er hatte +gehofft, einen Schein von Erkenntlichkeit in ihrem +Wesen zu finden, nie hätte er für möglich gehalten, +daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es +muß ihr Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte +er, und seine Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur +Trauer.</p> + +<p>Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur +Unterhaltung zurück.</p> + +<p>»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem +Wesen den Geist des Toten wieder«, sagte er. »Es gibt +Gespenster von Fleisch und Blut, die die Sonne mehr +lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte +Stunde beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, +voller Grauen nur durch die überwindende Lieblichkeit, +in der sie das Vergangene uns Vergänglichen +als bestehenden Wert darbieten.«</p> + +<p>»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke +dem Grafen, was ich geworden bin. Ich hätte die Dorfschule +in Wartaheim besuchen müssen. Zwei Stunden<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a> +lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee +laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die +Mädchen, die draußen das Heu wenden. Das wollten +Sie doch sagen, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung +zu legen. »Sie wären immer geworden, was Sie +heute sind. Zufällig ist an allem nur die äußere Lage und +ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche. +Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir +empfangen ihn mit unserem Blut nach dem Maß unserer +Werte. Und was Sie reich und stark macht, hat Ihnen +niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen +gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was +er seinen Anlagen nach hat werden müssen, der ist gebildet.«</p> + +<p>Sie unterbrach ihn ungeduldig.</p> + +<p>»Sagten Sie, ich sei reich?«</p> + +<p>»Ja, Afra.«</p> + +<p>»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«</p> + +<p>»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte +es in einem anderen Sinn und Zusammenhang.«</p> + +<p>Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, +wie einst den alten Mann, oft heimlich beneidet hatte. +Es war gewiß nicht einzig der äußere Besitz. Sie empfand, +beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch +keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich +plötzlich verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften +Gedanken jetzt haßte sie tief in ihrer Seele, dieses Empfinden +des Zurückgesetzten, der stets empfangen muß,<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a> +das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter +Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht +schöner gewesen, als wenn er gab ... Sie waren von +gleicher Art, diese beiden, nur erschien es ihr, als sei +jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein Jüngling.</p> + +<p>Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der +Toten des Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem +Ruck die schweren Vorhänge von einem der Fenster +zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in die +Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden +Vergangenheit.</p> + +<p>»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im +Umschauen. Langsam schritt er an den Bildern entlang. +Sie folgte ihm neugierig mit den Blicken und lehnte sich +an das Fenstersims.</p> + +<p>»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer +gehabt, die hier geherrscht und gebildet haben«, sagte +er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier nach fremden +Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren, +mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, +seine Schönheit. Die Bildrahmen sind aus den +Eichen von Wartalun, die Möbel und Verkleidungen +der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert +scheint einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles +ist ernst und groß wie das geduldige Land. So sind auch +diese Angesichter. Diese verstanden zu herrschen, weil sie +zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen Gehorsam, +aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter +Schreckensruf sie traf, trat sie hinzu. Es war dämmrig +im Winkel des Saals, in dem er stand, die Schatten +schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen +grüne Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, +die sie trugen.</p> + +<p>»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen +farbigen Wandteppich von großer Schönheit, aus dem +von ungefüger und hilfloser Hand kleine Stückchen +herausgeschnitten waren.</p> + +<p>»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals +wollte ich sie.«</p> + +<p>»Sie haben diese Gobelins zerstört?«</p> + +<p>»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten +Vögel aus irgendeiner Laune. Er erlaubte mir, sie +herauszuschneiden.«</p> + +<p>»Afra ... das ist unmöglich.«</p> + +<p>»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen +großen Wert auf diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. +Ich muß in einer ungünstigen Stunde gebeten haben. +Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es sah.«</p> + +<p>Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden +Blick am Boden, ging ihm zum erstenmal eine Ahnung +von der ganzen Gewalt und Tiefe des Märtyrertums +dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene +Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich +traurigen Vision sah er die ermüdete Herrlichkeit +einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm und dem bedachtlosen +Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die blasse<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a> +Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren +Augen, tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben +eines sinkenden Tages gestreut. Die Vögel sangen nirgends, +es wurde still, und die Toten schliefen in einer +Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, +das ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken +gebeten hatte, Afra fortzuschicken ... Über allem wurde +ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine beinahe heldenhafte +Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in +tränenfeuchte Schleier.</p> + +<p>»Afra, Sie sollten ... fort — — große Städte und +viele Menschen sehen, andere Menschen. Es müßten +sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte und +Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«</p> + +<p>»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was +würde aus Wartalun?«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn +froh an ihrer klaren Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert +und verstand, nun da er ihr argloses, sinnendes +Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.</p> + +<p>»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie +es beginnt, mich zu verändern.«</p> + +<p>Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem +Arbeitsraum des Toten, ward ihm wieder eigen beklommen +zumut im Dämmerlicht der dickwandigen +Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild +Afras. Das Mädchen nahm den Schleier ab. Es +raschelte darunter von verwelkten Blumen, und die +Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a> +großen Tisches, zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, +deren Kerzen halb heruntergebrannt waren.</p> + +<p>»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs +Land, dessen Beruf es war, Bilder zu malen«, erklärte +Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte dies Bild +machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, +aber dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens +war er fort.«</p> + +<p>»Weshalb?«</p> + +<p>»Oh — er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er +stand, sprach er davon.«</p> + +<p>»Und Sie wollten nicht?«</p> + +<p>Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz +rasch, daß sie schwirrte.</p> + +<p>»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.</p> + +<p>Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog +einen Brief heraus. Ehe er davon sprach, meinte Afra +über seine Schulter hin:</p> + +<p>»Das ist seine Schrift.«</p> + +<p>»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen +gesprochen habe. Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste +Teil bezieht sich auf Angelegenheiten der Verwaltung, +vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen betrachten, dieser +Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so zurückhaltend +und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, +war Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, +ist das heute morgen gewesen?«</p> + +<p>»Wann denn sonst?«</p> + +<p>»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen.<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a> +Sie müssen bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben +ohne große äußere Ereignisse dahinlief, und die Erlebnisse +der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie haben so +gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu +schaffen, und auf die Dauer rauben sie einem den Sinn +für die Zeitmaße der Umwelt.«</p> + +<p>»Was schreibt er denn?«</p> + +<p>»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.</p> + +<p>»Gewiß ...«</p> + +<p>Beide schwiegen.</p> + +<p>Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. +Es ist nicht ihr Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt +noch die Andacht, die Liebe, den Wert dieser +Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder +eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene +jemals mit den Gaben seiner Liebe zurückgehalten? So +mag es denn geschehen, beschloß er, mit der Bitterkeit +eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.</p> + +<p>In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen +nach oben und unten zogen, aber im Verlauf der Schrift +selbst wie eine einzige feine Linie wirkten, liefen die langen +Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält, ernüchterte +alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb +manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen +Tonfall seiner Stimme, deren Beben er zu verbergen +trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher seltsamen +Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte +als daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. +Aber einzelne Sätze prägten sich ihm tief ein, einmal<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a> +hielt er inne, suchte den Beginn und las einen Satz noch +einmal:</p> + +<p>»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, +das es begründet, erbaut und gemehrt hat, +aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, +daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor +Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft +des Lebendigen.«</p> + +<p>Er sah Afra an.</p> + +<p>»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«</p> + +<p>Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der +ergriffene Mann las sehr leise, als scheute er sich, Dinge +auszusprechen, die der Tote im Grund seines Herzens +getragen hatte.</p> + +<p>»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender +oft vermeint habe zu erkennen, so wollte Gott, daß +meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam, denn das Wesen +der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, +daß die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte +und der Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart +sich in einem ewigen Krieg der Geschlechter, nur die +Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«</p> + +<p>Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, +die an die Erben gerichtet waren:</p> + +<p>»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in +dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr +sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt +ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, +denn das Beste unseres Wesens hat mit dem<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a> +Wirken der neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre +Waffen nicht führen.«</p> + +<p>Der Brief brach hier ab.</p> + +<p>»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann +erschien es, als erinnere er sich plötzlich der Gegenwart +Afras, und er fügte schnell hinzu:</p> + +<p>»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«</p> + +<p>Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:</p> + +<p>»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit +mir gesprochen hat. Dort am Kamin, der Sessel steht +noch an seinem Platz. Ich saß ihm zu Füßen und bin oft, +die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er weckte +mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht +war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, +von den Armen und Reichen und vom großen, +ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch einmal: +>Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem +Kampf.< Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er +nie den Besitz der Menschen an Geld oder Land, sondern +er meinte etwas anderes ...«</p> + +<p>Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an +dieses Andere, das keiner von ihnen nannte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + +<p>Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam +der große Mond herauf. Die vielgestaltigen +Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a> +scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, +dort ruhten sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch +die Eichen, die den Parksee auf freien Rasenplätzen umstanden, +fiel das Licht in das ruhige Wasser, das Schilf +rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man +über die Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man +hinter den Äckern, fern über dem lichten Teppich des +Korns, die grauen flachen Seen des Nebels über dem +Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser +Ebene beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm +wirken, das am Rand des Eichwalds im Schlummer +lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und duldete +nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das +Licht der Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags +zu zeitlosen Gebilden der Welt emporzauberte, führte +die Gedanken des Beschauenden in vergangene Jahrhunderte +zurück. Alle Interessen des Alltags wurden +unter diesem Anblick armselig und wesenlos, als käme +es in der kurzen Zeitspanne irdischen Daseins auf ganz +andere Dinge an ...</p> + +<p>Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im +Mond. Der junge Gutsherr lag ohne Schlaf auf seinem +Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, ruhelos und +müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke +der getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich +und ungreifbar erschienen, als sähe er sie nicht, +sondern als lausche er einer altmodischen Erzählung. +Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein breiter +Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a> +im Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in +dieser Stunde ein eigen persönliches Ansehen. Ihm war +zumute, als sei alles hier ihm feindlich gesinnt, er +empfand sich als heimatlos, als Eindringling und +rechtlos.</p> + +<p>Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen +Frau. Wenn er hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht +nur ihr dunkles Haar in den hellen Kissen. Er wußte +nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den Abend +hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen +können, aber der Name war nicht gefallen, an den beide +dachten. In einem eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren +Schuldbewußtsein, die ihn peinigten, hatte +er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann +nur von gleichgültigen Dingen.</p> + +<p>Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.</p> + +<p>»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier +alles in einem zu verändern trachtet. Ich fürchte sehr, +daß ich hier lange Zeit nicht zur Arbeit kommen werde. +Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis ich +ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. +Aber es erscheint mir so, als herrschte allenthalben große +Ordnung, die Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. +Wir sind sehr reich geworden, Elsbeth.«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof +und der Park im Mondlicht liegen? Hörst du den +Brunnen? Ich glaube, wir werden hier lernen, glücklich +zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem sonnigen,<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a> +freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den +wir durch den Wald und über die Felder gemacht haben. +Alles, was du hast sehen können, wird einmal sein +Eigentum sein.«</p> + +<p>Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und +setzte sich an ihr Bett, die Hände um ihre Schläfen, +beugte sich tief über sie und flüsterte innig und liebevoll.</p> + +<p>»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte +er sie endlich zu trösten. »Gestern warst du noch guten +Muts, als wir ankamen. Diese Einsamkeit ist gewißlich +ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, aus +dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, +und du wirst bald empfinden, daß es recht war, +ihn auszuführen.«</p> + +<p>Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig +den Kopf zur Seite sinken, die Augen gegen das weiße +Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. Und so sprach sie +auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß +er ihr zuhörte:</p> + +<p>»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie +verstanden habe. Ich habe gehofft, daß ich hier, von +allen Menschen entfernt, meiner selbst viel sicherer würde, +daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, vieles +leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier +bedrückt mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein +Ruf, kein Geschrei durch sie hindurch zu den Menschen +dringen, niemand würde uns hier jemals suchen, man ist +wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor +sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a> +Menschen werde ich niemals lernen eine Beziehung zu +unterhalten, und ich werde nie ihr Herz finden. Ich verstehe +sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre Angesichter +erschrecken mich, und ...«</p> + +<p>Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern +ein:</p> + +<p>»Du bist ungeduldig.«</p> + +<p>»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an +die Wahrheit der ersten Eindrücke, und sich gewaltsam +gegen die innere Stimme zu wehren, hat bei mir niemals +zum Guten geführt.«</p> + +<p>»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, +»als wäre ich dir nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern +und nichts vertraut machen.«</p> + +<p>Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen +seines Herzens widersprochen. Jetzt nahm sie sie +hin, als habe er eine bittere Wahrheit ausgesprochen.</p> + +<p>Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in +ihren großen ruhigen Augen die Tränen langsam kommen +und fallen, fuhr er um manches weniger herzlich +fort:</p> + +<p>»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«</p> + +<p>Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was +uns in Wahrheit bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer +heißen Welle von Blut, die ihm in die Schläfen drang +und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen +zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte +Art des Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte +ihn, da er dem Recht seiner Liebe zu seinem Weibe<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a> +nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich als klein empfunden, +wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr +keine Befürchtung bringen durften. Mochte <em>sie</em> sprechen, +wenn es not tat. Dabei betrachtete er ihre Tränen, +die das Tuch ihres Bettes näßten, und schwieg, eigenwillig +und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich +dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht +schicken wollte.</p> + +<p>»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie +alle seine Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich +doch! Wie hätte ich vorhaben können, dich zu betrüben. +Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen Tag kaum +von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht +von ihr? Was hindert dich daran? Konnte dich kränken, +daß ich heute darum bat, du möchtest sie fortschicken?«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr +geschwiegen, ich glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen +die junge Dame sei es besser, die Sache vorläufig ruhen +zu lassen.«</p> + +<p>Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.</p> + +<p>»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst +bin ich traurig. Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht +geschaut hast, ich habe mit jedem Wort, das dich von +ihr traf und das du ihr entgegnetest, empfunden, wie sie +auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich gegen +sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem +schönen kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie +spricht, ihr Lachen nimmt mir den Atem. Alles an ihr +ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf ihren Vorteil<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a> +und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn +zu erreichen.«</p> + +<p>»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, +nicht jetzt, denke daran, daß alle Erregung nicht allein +dir schaden könnte. Sie soll fort, ich will es dir versprechen, +aber noch kann es nicht sein. Ich bedarf ihrer. +Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben +noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann +dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine +Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«</p> + +<p>»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist +ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was +ich ihr heute zugesagt habe.«</p> + +<p>»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, +wie ich dies Mädchen kenne.«</p> + +<p>»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre +Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten +auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich, +die ich achten muß, wenn ich mich seines +Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen +seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu +den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat, +daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in +sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann, +ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«</p> + +<p>Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe +drohend klang.</p> + +<p>Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a> +groß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer +und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.</p> + +<p>»Helmut ...«</p> + +<p>Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und +wollte sich nicht mehr trösten lassen. —</p> + +<p>Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als +habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in +sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr +von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein +das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk +des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch +sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den +Schlafraum sandte. — Aus seinem Schmerz rettete ihn +ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, +jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die +Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu +täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen +vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, +von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte +Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen +tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein +von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, +und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens +traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten: +»Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«</p> + +<hr /> + +<p>Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen +die Tür zum Hof öffnete, flatterten die blauen Tauben<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a> +von der Schwelle auf und schlugen sich in den roten +Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah +nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle +drehten, und strich mit der Hand über die ergraute +Schläfe.</p> + +<p>Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior +hörte den Namen fallen, an den er dachte, das gedämpfte +Kreischen irgendeiner Mädchenstimme erscholl, +und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in +jener stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die +welken, bartlosen Gesichter alternder Hausgeister überzieht, +um nach dem Grund des frühen Lärms zu forschen. +Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe +Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra +sollte man rufen.</p> + +<p>Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte +ließ die Kiste niederstellen, drehte sie gegen das Licht und +schaute hinein. Tief hinten, in die Ecke gekauert, erblickte +er das kleine braune Tier, abwartend und tückisch +kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen lebten +in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es +flößte viel mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht +würde es allen diesen zu entgehen wissen, wenn es nicht +ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung und Trauer +verharrte es in seiner schmachvollen Lage.</p> + +<p>Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu +tauchen, das sei gefahrlos und sicher; aber Martin sah +sie zornig an:</p> + +<p>»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn +zuerst sehen?«</p> + +<p>Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man +daran zweifeln konnte.</p> + +<p>»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine +Stubenmäuse braucht niemand anzuschauen.«</p> + +<p>Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und +eilte fort zu den Wirtschaftsgebäuden.</p> + +<p>»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior +in unnahbarer Überlegenheit und seines Wissens froh.</p> + +<p>»Im Schloß?« fragte Martin hastig.</p> + +<p>Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte +bewegt und erfreut den Kurs. So gehörte es sich. Das +Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre es auch gewesen, +wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, +Afra etwas vorenthalten hätte.</p> + +<p>Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse +herunter und lief quer über den Rasenplatz, ohne +Hut, die Jagdbüchse in der Hand.</p> + +<p>»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. +Melchiors adelige Verbeugung voll Zurückhaltung +fand keine Beachtung, Martin bekam einen gelinden +Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick +in den Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge +spannten sich, gefesselt zu großem Ernst.</p> + +<p>»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«</p> + +<p>Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.</p> + +<p>»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, +»wir tragen ihn in den Park auf den großen Rasenplatz,<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a> +und ich stehe hinter der Falle. Bei drei macht ihr auf. +Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die Falle ist +gemein. Los, Martin, faß an.«</p> + +<p>Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die +Knechte und Mägde aber liefen mit, und Afra ließ es zu.</p> + +<p>»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur +nach rechts oder nach links ausbrechen. Ihr müßt viel +mehr zurücktreten.«</p> + +<p>»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, +aber Afra war es gleichgültig, wo er getroffen wurde.</p> + +<p>»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.</p> + +<p>»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«</p> + +<p>Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das +Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber +das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit +nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze +an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen +rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, +kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den +See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich +zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen +Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. +Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf +alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im +Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein +zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.</p> + +<p>Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht +heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen +zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zu<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a> +Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn +mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als +wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. +Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder +Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen +letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken +Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig +und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich +das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete +und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in +die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten, +und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid +oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei +Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.</p> + +<p>Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine +Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß +aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und +meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.</p> + +<p>Sie sah ihn an.</p> + +<p>»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch +vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es +Zeit, aufzustehen.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + +<p>Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr +eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den +Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte er<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a> +planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf +Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte +Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl +von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. +Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt +waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen, +und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden. +Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders +für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von +unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte +einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete, +wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen +Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene +Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die +Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig +zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener +Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der +blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und +vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm +nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten +erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall, +anklägerisch ohne Zorn.</p> + +<p>Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos +dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend, +das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete. +Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten +selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und +kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam +in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a> +Händen besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung +verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit, +in der er bewundern konnte, was sie gelassen +und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine +Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung +entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer +Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen +Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade +durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über +ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte, +jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen +Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig +hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß +er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte, +da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor +Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten +bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu +empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er +dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte, +Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar +unbegründeten Schritt fordern zu müssen.</p> + +<p>Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des +Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte, +als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt +sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr +tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«</p> + +<p>Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:</p> + +<p>»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, +sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwas<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a> +vergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten. +Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. +Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem +Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu +finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde +Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze +fortschießen.«</p> + +<p>Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.</p> + +<p>»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und +Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«</p> + +<p>»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig +meinetwegen?«</p> + +<p>Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres +in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:</p> + +<p>»Er langweilt sich.«</p> + +<p>Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die +ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die +Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie +hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen +sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden +hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige, +der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging, +bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte. +Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit +und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen +dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren +kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.</p> + +<p>Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt +nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch die<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a> +Felder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die +Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit +sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte +er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind +mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und +dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche +dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines +neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil +sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte +ausgefüllt war?</p> + +<p>»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.</p> + +<p>Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, +wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis +abgelegt.</p> + +<p>Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige +Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er +wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut. +Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß +die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, +die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten +Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den +schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang +nach der Mühle führte.</p> + +<p>In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten +Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und +am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell +dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete +einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit. +In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der +Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die +mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht +mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel +unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt +unser Eigentum.</p> + +<p>Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des +kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten +Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten, +sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach +leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad +glitzerte vom rinnenden Wasser.</p> + +<p>Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß +Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es +wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen, +beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken +bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd +sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat, +sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um +und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon +längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.</p> + +<p>»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen +eines Gefühls von inniger Freude.</p> + +<p>»<ins title="O bitte">Oh, bitte</ins>, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr +Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben +sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige +Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm +umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig +beiseit, um ihm Platz zu machen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es +Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«</p> + +<p>»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich +gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig +einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich +noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die +Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht +deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie +schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die +Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.</p> + +<p>Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, +als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn +seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits +des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen +schritten Störche durch die flachen Tümpel. +Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller +Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und +Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte +zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.</p> + +<p>Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra +überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in +rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem +Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen +und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr +zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel +ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und +bald darauf schritten sie miteinander quer über die +Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade +nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie +sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit +ihres jungen Körpers, seine Frische und +Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer +Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten +Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an +den Schläfen. Zögernd sagte er:</p> + +<p>»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine +Pflichten.«</p> + +<p>Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, +denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an +seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und +ein klein wenig unsicher:</p> + +<p>»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht +haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind +welche darunter, die ich verstehen kann?«</p> + +<p>»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, +und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so +will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander +zu lesen.«</p> + +<p>Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, +welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen +mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie +jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den +Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. +Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man +den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«</p> + +<p>»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«,<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a> +fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind. +Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine +Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd +an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für +mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch +nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer +allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und +habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die +wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben +gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche +Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als +mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den +Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen +angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist. +Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre +Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von +Ihnen ...«</p> + +<p>»Denken Sie nicht gut von mir?«</p> + +<p>»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen +verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine +Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt +hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung +eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig +ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken +trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das +Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten, +was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie +sind wunderschön!«</p> + +<p>»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a> +zu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt +und stammelte:</p> + +<p>»Warum sprechen Sie so gut von mir?«</p> + +<p>»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, +wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und +bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander. +Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als +wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.</p> + +<p>»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie +plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand +zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen, +da sank auch die ihre nieder, und sie starrte +ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand +in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten +Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern +und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie +umgab.</p> + +<p>»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.</p> + +<p>»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.</p> + +<p>Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.</p> + +<p>»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben +Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß +Ihnen schwer sein — glauben Sie mir, daß ich anders +als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«</p> + +<p>»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich +selbst.</p> + +<p>»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur +dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in +der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach,<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a> +nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme +noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. +Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend +hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte, +um anderen recht zu geben, die geringer als ich +waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, +die Sie mir gegeben haben.«</p> + +<p>»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.</p> + +<p>» <ins title="O Unschuld">Oh Unschuld</ins>, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich +bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von +mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit, +zu der mein Herz verurteilt ist.«</p> + +<p>»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie +betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich +habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe +überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht. +Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen +wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. +Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd +und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre +Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich +denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen +konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand, +der so trübsinnig redet.«</p> + +<p>Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich +nickte.</p> + +<p>»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden +alle anderen zuletzt unrecht haben.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte sie.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann +ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes +Lächeln in den früh gealterten Zügen seines +Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr +Haupt zurück in den Sonnenschein. — Es blieb von +diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, +das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + +<p>Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge +von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der +Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie +sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen +Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im +stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln, +drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule +starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. +Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich +an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.</p> + +<p>Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des +Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten +Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit +kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den +Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht +zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter +Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und +seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a> +Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit +des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher +und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes +und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene +Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines +Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer +Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen. +Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von +Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des +letzten Grafen von Wartalun hernieder.</p> + +<p>Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten +Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren, +warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die +Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, +und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das +Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten +empor, der in ihrem Herzen lebte.</p> + +<p>Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit +der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien +das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der +Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt, +begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene +Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes +Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie +Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und +blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und +summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, +als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen +und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelder<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>f +im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr +Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme +ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte +über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße +Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen +und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs +grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll +empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen, +friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges +Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund +klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot +über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein +goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in +den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem +noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...</p> + +<p>Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche +Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus +mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort +bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht +hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte +sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles +umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen +Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein +gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe +geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie +niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr +bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen +anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie, +härter als sie und als ich möchte.« — Sie hatte sicher<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a> +diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem +enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.</p> + +<p>Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen +und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes +Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster +und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben +nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch +sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß +man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer +klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen +heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen +gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet +und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit +funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als +langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte +zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber +und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie +eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund +des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen +über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über +das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der +fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde +folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines +Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann +Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge +Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der +heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten +war.</p> + +<p>Sie öffnete die Holzpforte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie +das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau +erkannte.</p> + +<p>»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. +»Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben. +Sie kennen mich immer noch nicht.«</p> + +<p>Es klang wie eine Anklage.</p> + +<p>Afra sagte:</p> + +<p>»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht +fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.« +Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die +Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ +es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr +nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all +der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als +nötig zu machen.</p> + +<p>»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte +Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der +Stimme.</p> + +<p>Afra nickte.</p> + +<p>»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, +sagte sie.</p> + +<p>Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die +junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon +überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.</p> + +<p>Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die +Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und +zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie +ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a> +waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses +verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten +aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und +während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für +Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die +Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen, +dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten +Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was +Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. +Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei +Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen, +die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das +Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege +gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von +diesem ungewöhnlichen Vorfall.</p> + +<p>»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.</p> + +<p>Es kam keine Antwort.</p> + +<p>Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber +irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß +dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie +selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser +Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten +Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft +werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten +stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre +einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil +daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte +niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, +an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a> +hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich +herbeizulassen und ohne zu demütigen.</p> + +<p>An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene +Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe +zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür +schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen +wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen +ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen +des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin +Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am +Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte +vor sich hin.</p> + +<p>Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die +junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. +Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich +hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend, +daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um +was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen +langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals +die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand +von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren +Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder +die flehentliche Bitte klang:</p> + +<p>»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«</p> + +<p>Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand +unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt +hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben +würden.</p> + +<p>»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a> +flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das +mir an meinem Herzen vertraut. —</p> + +<p>Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht +unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der +dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich. +Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um +derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz +seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem +Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast. +Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft. +Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind +nicht, das sich nicht wehren kann. — Ich hätte meine +Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser +Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was +du willst, ich bin reich — aber geh noch in dieser +Nacht.«</p> + +<p>»Stehen Sie auf!« rief Afra.</p> + +<p>»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf +Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach +Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich +das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht +gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als +ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, +ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt +zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein +zertretenes Wesen. Aber das Kind —«</p> + +<p>Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. +Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie +übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a> +der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie +hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung, +die geschah, möchte ein Ende finden.</p> + +<p>»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen +weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren +Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und +deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines +sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.</p> + +<p>»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, +»dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der +meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn +sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll +ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist +noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben +gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir +leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein +Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, +die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß +Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: +»Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das +heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger +wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund +von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. +»Rette mich, halte mich!«</p> + +<p>Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes +in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren +Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie +beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür +und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a> +durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die +sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür +auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg +zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die +Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still +geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang +des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der +gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau +nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen +von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen +Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles +Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, +als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen +worden ...</p> + +<p>Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, +es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den +Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der +Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie +Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die +sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.</p> + +<p>»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! +Soll ich die Läden einschlagen?«</p> + +<p>Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut +hervor.</p> + +<p>»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da +stand Melchior im Rahmen der Tür.</p> + +<p>»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und +dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter +diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a> +Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem +maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.</p> + +<p>»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe +der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«</p> + +<p>»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.</p> + +<p>»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die +Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«</p> + +<p>»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was +hast du getan!«</p> + +<p>»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang +zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.</p> + +<p>»Gehorchst du?«</p> + +<p>»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«</p> + +<p>Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch +das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von +Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in +bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen +auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das +Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder +vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte, +daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen +den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem +Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses +eigensinnigen Widersachers.</p> + +<p>»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«</p> + +<p>Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im +Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte +Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein +einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegen<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a> +Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer +Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:</p> + +<p>»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«</p> + +<p>»Du junger Bursche wagst ...«</p> + +<p>Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, +und die Finsternis verschlang die Versicherungen von +Würde, die der Alte draußen keuchte.</p> + +<p>Afra lachte krampfhaft auf.</p> + +<p>»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig +die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es +nicht gut geht.«</p> + +<p>»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt +hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und +langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett +des jungen Mädchens.</p> + +<p>»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.</p> + +<p>»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem +beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber +stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte +Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch +mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen +vor Afra erlauben durfte.</p> + +<p>»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht +alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«</p> + +<p>Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.</p> + +<p>»Mach drüben die Lichter an.«</p> + +<p>Er gehorchte. Dann kam er zurück.</p> + +<p>»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, +schirr >Husar< an, oder willst du reiten?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>»Da ist mir schon der Wagen lieber.«</p> + +<p>»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«</p> + +<p>»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der +Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an +seiner Hand saugte.</p> + +<p>»Blutest du?«</p> + +<p>»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es +schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«</p> + +<p>»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum +Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und +zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.</p> + +<p>»Deine Hände zittern«, sagte er.</p> + +<p>»Halt still«, gab sie zurück.</p> + +<p>Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen +Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab +sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun +öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr +Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen +Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß +Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb +im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.</p> + +<p>»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu +wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags +bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in +Wartalun sehen.«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand +Graf Helmut hinter ihr.</p> + +<p>»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener +Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>Da stolperte Melchior vor ihn hin.</p> + +<p>»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. +Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«</p> + +<p>Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut +abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten +Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch +im Grunde Sicherheit war.</p> + +<p>»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu +Melchior.</p> + +<p>Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos +gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte, +fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer +Erregtheit heraus:</p> + +<p>»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem +Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte +dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit +war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«</p> + +<p>»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe +völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier +gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich +mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie +niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den +Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz +Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte, +daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge +in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen +Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind. +Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen, +zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a> +dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr +Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und +böse fortfuhr:</p> + +<p>»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der +Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und +deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer +stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da +sein Schreck sie bestürzt machte.</p> + +<p>Er starrte sie an.</p> + +<p>»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel +bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«</p> + +<p>Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.</p> + +<p>»Dort liegt deine Frau ...«</p> + +<p>Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, +ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls, +und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen +Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. +Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte +plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am +Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige +Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die +er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, +als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, +die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen +Vergessens versunken war.</p> + +<p>Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine +Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.</p> + +<p>»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf +meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut.<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a> +»Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht, +daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf +ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas +hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen +fern lag.</p> + +<p>Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, +und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich +empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz +der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene +Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in +Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der +Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame +Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das +füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.</p> + +<p>»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und +da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:</p> + +<p>»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«</p> + +<p>»Sprich doch nicht ...«</p> + +<p>»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«</p> + +<p>»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich +nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand, +der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + +<p>Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, +im Hause umher, verstört und von Angst und +Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeiten<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a> +zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten, +fort von den bösen Geistern, die seine Heimat +zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine +Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn +einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen, +um Unrast, Verwüstung und Verfall über das +wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von +Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er, +daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen +von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum +bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz +hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine +bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen +konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, +woran sein Herz hing. Es waren <ins title="vierlerlei">vielerlei</ins> Dinge in +Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen +waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des +Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die +ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich +Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und +ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm +wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der +Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit +bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die +Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie +gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert — — +Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.</p> + +<p>»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist +du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, du<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a> +Kleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust +Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte +hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust —«</p> + +<p>Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte +man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land, +in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.</p> + +<p>Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb +es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine +klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu +hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür +wieder ins Schloß.</p> + +<p>Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von +allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war +Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken +mit seinem Herrn?</p> + +<p>»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein +Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die +Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra +selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward +ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden +würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei +jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch +war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und +hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, +wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm +Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden. +Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, +ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung +und ballte die Fäuste.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich +erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen +Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es +trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen, +sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand +mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag +wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und +wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu +Wartalun gehörte, Abgrund war. —</p> + +<p>Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, +die einen schweren Korb mit Torf und Holz +trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg +das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der +blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:</p> + +<p>»Ach — das Leben.«</p> + +<p>So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so +war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief +über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so +ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im +goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah +hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm, +als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts +verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht +größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon +bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht +immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken +durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores +geflochten, das nie geöffnet wurde? —</p> + +<p>Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a> +Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer +kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine +wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß +er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe +hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch +den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht +und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte, +und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.</p> + +<p>»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... +Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter +Mann in diesem Hause geworden.«</p> + +<p>Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie +ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin, +der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem +Haar die Morgensonne lag.</p> + +<p>»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, +Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber +vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«</p> + +<p>Sie entzog ihm ihre Hand.</p> + +<p>»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde +brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl +einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt +Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen +muß ich einmal in die Bücher schauen.«</p> + +<p>Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein +Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.</p> + +<p>»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die +Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch. +Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a> +empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch +Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung +hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm +seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er +ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach +Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus +verlassen hatte.</p> + +<hr /> + +<p>Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut +aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen +zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge, +die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach +Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, +der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge +besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch +zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle +aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber +er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen +Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er +Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht +fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen +darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder +erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde +für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr +dankbar und fand keine bessere Lösung.</p> + +<p>In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer +Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer +Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a> +leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte +man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.</p> + +<p>Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, +zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach +rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig +der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die +kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die +ersten Feldhühner gebracht.«</p> + +<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht.«</p> + +<p>»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für +ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr +aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen. +Er will nichts von Ihnen wissen.«</p> + +<p>Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und +vom nahenden Herbst.</p> + +<p>Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die +Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein +empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte. +Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und +starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in +der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum +seines Daseins geworden war. Er verglich nicht +mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug +jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose +und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt +scheinen, niemandes Schicksal zu werden.</p> + +<p>»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.</p> + +<p>»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese +Auskunft schien ihm zu genügen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er +nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers, +das er ritt.</p> + +<p>Afra schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. +Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze +Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen +wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes +Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich +habe es kürzlich verkauft.«</p> + +<p>»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.</p> + +<p>»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ +er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich +mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht, +denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das +unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser +Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es +traurig. — Wer sollte es denn jetzt reiten?«</p> + +<p>Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er +raffte sich zusammen.</p> + +<p>»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner +Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen. +<ins title="Für">Für eine</ins> wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den +rechten praktischen Sinn.«</p> + +<p>Sie schien das zuzugeben.</p> + +<p>»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es +nicht genommen?«</p> + +<p>»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser +Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ...<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a> +auch habe ich >Joni< von ihm selbst bekommen und will +kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt +hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den +Flanken stammen von seinen Sporen.«</p> + +<p>Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, +nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr +klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen +Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck +und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende +Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den +einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem +Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit +bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, +sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:</p> + +<p>»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«</p> + +<p>Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen +Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der +Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht +vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der +Weiden schaukelten im sanften Wind.</p> + +<p>Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, +vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart +es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten +Herzens nun nichts anderes tun konnte als +das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:</p> + +<p>»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr +große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen +Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen +und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, +aber er tat es nicht.</p> + +<p>Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So +suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer +Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten, +denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:</p> + +<p>»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker +fassen.«</p> + +<p>»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach +schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr +nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes +Pferd war, das er ritt.</p> + +<p>Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um +einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken +war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt +kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch +glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt. +Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es +ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr +darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht +über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach, +schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. +Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches +Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor, +in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit +auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn +nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu +schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie +wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist +noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei +der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen. +So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen? +Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie +sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine +unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände +gegeben worden war.</p> + +<p>Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, +und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts +Gesicht.</p> + +<p>»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie +einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich +künftig fort von Wartalun.«</p> + +<p>»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, +sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört +auch dir.«</p> + +<p>Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne +Überlegung:</p> + +<p>»Das glaubt mir niemand.«</p> + +<p>Gepeinigt sah er auf.</p> + +<p>»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen +Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie +schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von +mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, +wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, +reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte +Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine +Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauter<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a> +Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, +um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu +gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam +sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich +habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich +mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine +Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich +klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und +das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das +Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern +darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben +kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben, +wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«</p> + +<p>»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte +Afra.</p> + +<p>Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.</p> + +<p>»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach +nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die +Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«</p> + +<p>»Oh, das verstehe ich wohl.«</p> + +<p>»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, +er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich +auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an +einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne +Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich +erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen +wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals +daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß +dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a> +schlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig +ist, die uns reich macht.«</p> + +<p>Da stellte Afra die Frage:</p> + +<p>»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«</p> + +<p>Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte +sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder +Stimme:</p> + +<p>»Wie du bist —«</p> + +<p>Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne +daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand +und sagte einfach:</p> + +<p>»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich +immer.«</p> + +<p>Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück +und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg +gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie +sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, +im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen +Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging +im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt +im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und +prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + +<p>Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun +ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem +Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen.<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a> +Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an +und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut +mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren +eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, +die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft +ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete +hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die +der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter +und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten +hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und +im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener +Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte +diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen +Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel +beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, +deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden +Aufmunterung oder Erholung gewährt.</p> + +<p>Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht +als erfreut. Er las die burschikosen Worte des +Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die +ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber +mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines +Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt +hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser +Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes +früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, +ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer +leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche +Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a> +dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit +teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung +seiner Frau mit.</p> + +<p>Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas +verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten +Geschehnissen anmerkte.</p> + +<p>»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände +nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder +gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für +sein Kommen ein.</p> + +<p>»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird +auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, +soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' +ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«</p> + +<p>Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung +war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als +daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. +Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. +Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.</p> + +<p>So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im +Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. +Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß +zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, +für den Freund hergerichtet werden sollten. +Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf +und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu +können.</p> + +<p>Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie +denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a> +Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft +und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins +gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick +auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, +zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft +im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein +in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit +ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er +an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert +hatte.</p> + +<p>Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand +Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde +verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des +Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum +erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen +war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten +und daß allein die Viehbestände ein kleines +Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die +in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten +seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden +ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten +der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu +ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die +Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die +Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, +deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. +Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, +sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, +sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen,<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a> +gemessen an den Lebensverhältnissen, die er +kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er +vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und +Freude.</p> + +<p>Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter +das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht +bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. +Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so +gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, +in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel +nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen +kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß +seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine +Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe +hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er +mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, +daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, +seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im +Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, +was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen +verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine +großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er +es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, +daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden +war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs +Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde +beglaubigen zu lassen.</p> + +<p>Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, +er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a> +Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut +hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine +große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es +ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu +finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige +Bauerngesicht, während gemächlich über die +Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen +verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen +dem Manne einzig als gerechtfertigt und +klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er +sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. +»Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die +Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht +mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was +er an ihr hatte.«</p> + +<p>Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher +Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die +ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die +Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte +zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. +Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz +der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior +und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie +um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den +Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die +nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich +zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig +war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen +kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen,<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a> +dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ +den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn +dadurch kränkte.</p> + +<p>Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß +jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden +könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er +jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte +führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in +ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu +sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung +seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung +wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines +ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig +darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille +Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. +Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? +Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme +und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber +mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit +seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner +Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden +Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur +Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß +diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung +nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen +Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf +spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber +doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung +von selbst bringen mußte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums +bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang +des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben +an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen +Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe +zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen +kann.</p> + +<hr /> + +<p>Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen +ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam +wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den +hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, +und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der +Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen +Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die +Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und +alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen +herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, +klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, +das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden +Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung +erwachten die melancholischen Töne, die mit der +kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen +scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, +der sich wie eine Klage erhob und am dunklen +Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die +sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft +von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a> +Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer +Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen +zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit +von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus +dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige +Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten +in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in +Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung +aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den +Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den +schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf +dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot +der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des +Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, +die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte +das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt +zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige +Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren +die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen +kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten +emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als +Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen +— und doch hätten sie beides sein können.</p> + +<p>Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes +Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und +des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, +fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen +besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst +ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a> +du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm +von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich +gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut +kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter +machte ihn die innere und äußere Verfassung, +in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich +zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache +gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, +die quälende Verpflichtungen aus der Welt +brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit +Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal +wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und +verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige +und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu +behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei +seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. +Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß +die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken +und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und +doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut +einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten +erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er +bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch +guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine +Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal +war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu +einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von +tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die +Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber,<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a> +endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, +deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:</p> + +<p>»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, +»sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel +zu grübeln.«</p> + +<p>Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:</p> + +<p>»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich +nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum +Leben gibt.«</p> + +<p>Friedel sah ganz bestürzt auf:</p> + +<p>»Was willst du damit sagen?«</p> + +<p>»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor +Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es +teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, +sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche +aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume +im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die +Menschheit erretten.«</p> + +<p>»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du +bist wahrhaftig noch der alte. — Du solltest aber nicht +vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht +richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit +meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen +bin? Sag selbst ...«</p> + +<p>Helmut mußte wider Willen lächeln.</p> + +<p>»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, +daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt +ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«</p> + +<p>Friedel lachte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte +wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er +plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche +Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger +Bekümmernis.</p> + +<p>»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach +ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. +Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu +nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine +Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch +ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts +bewahren.«</p> + +<p>»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, +und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine +Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm +begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. —</p> + +<p>Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast +auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint +beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:</p> + +<p>»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer +der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme +noch irgend etwas.«</p> + +<p>Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter +nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und +zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man +aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich +war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns +und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl +hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a> +junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz +und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes +geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen +war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte +Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines +Guts machen.</p> + +<p>»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die +Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich +nicht genügend um.«</p> + +<p>Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm +aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war +und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der +sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, +war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna +hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu +großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen +einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage +einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer +Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war +Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der +Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.</p> + +<p>Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie +arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor +einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung +sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand +zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. +Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut +suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen +einer persönlichen Sympathie.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut +gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast +du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du +fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, +das mußt du mir versprechen. Es sichert meine +Existenz.«</p> + +<p>Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten +Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer +der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und +säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. +Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu +und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug +von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, +und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines +Herzens das Bekenntnis:</p> + +<p>»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein +Schloß.«</p> + +<p>Helmuts Lachen verdutzte ihn.</p> + +<p>»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«</p> + +<p>Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße +her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt +klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben +Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, +als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. +Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln +der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese +Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins +stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah +flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a> +Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit +helledernen Stiefeln und dunklem Hut.</p> + +<p>Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem +jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang +mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um +so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.</p> + +<p>Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als +daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:</p> + +<p>»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll +bestens grüßen.«</p> + +<p>Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch +einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.</p> + +<p>Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie +vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er +umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm +eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.</p> + +<p>»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt +hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so +ein Ereignis, wenn die kommt?«</p> + +<p>»Ein Ereignis? — Ich muß es wissen.«</p> + +<p>»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas +unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend +geklungen.</p> + +<p>Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior +nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden +Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn +nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte +ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, +wie würdelos macht dich dein Schmerz.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte +Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt, +das in der Luft lag.</p> + +<p>»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, +»heute abend wird es sich nicht mehr machen.«</p> + +<p>Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl +sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + +<p>Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem +Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken +einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem +Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht +hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen +schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, +denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein +einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in +einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel +und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, +sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum +sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als +hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als +würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen +an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; +in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den +Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen +Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a> +Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde +in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von +verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, +hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die +dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren +Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts +eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine +kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer +und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus +eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen +ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein +und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die +Tränen ihrer ersten Hingabe. —</p> + +<p>Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler +in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz +ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den +offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.</p> + +<p>Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl +gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie +sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber +sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand +spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem +Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie +zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte +und die ihm so verhängnisvoll werden +sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. +Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes +berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen +bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a> +Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen +Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde +haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des +Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und +gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz +und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden +hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn +mit großen, starren Augen lange an:</p> + +<p>»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«</p> + +<p>Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers +immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige +Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei +Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und +Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall +der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen +verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des +Weins.</p> + +<hr /> + +<p>Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu +gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, +er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und +Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl +Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle +Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über +arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis +guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im +Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht +seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a> +beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung +fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines +Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. +Menschen einseitig entwickelter Anlagen und +unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit +grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die +ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich +dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe +anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen +oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung +rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels +ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser +Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch +etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, +daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen +Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es +denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die +grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen +Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.</p> + +<p>Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in +den Wald überging und der nach der Försterei führte, +als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah +ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin +servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter +den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen +Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders +ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben +schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt +und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a> +noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen +bekam.</p> + +<p>Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, +Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt +hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen, +erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und +mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu +finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art +von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte +seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es +junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh +verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau +von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme +zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und +so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden +Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge +Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer +schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf +jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer +ersten Begegnung beherbergt hatte.</p> + +<p>»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter +Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra +von Wartalun zu entfernen?«</p> + +<p>Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra +gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war. +Er sagte:</p> + +<p>»Darüber müßte ich nachdenken.«</p> + +<p>»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im +Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a> +er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum +er stets zurückgekehrt ist.«</p> + +<p>»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«</p> + +<p>»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei +anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«</p> + +<p>»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da +liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den +Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«</p> + +<p>»Welche Rechte hat sie denn?«</p> + +<p>»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir +über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte +und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber +wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, +Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, +und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für +die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. +Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, +wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. +Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr ...«</p> + +<p><ins title="Doch.">»Doch.</ins> Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät +mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. +Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren +Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß +Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben +und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, +jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit +Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. +Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a> +den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles +Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch +nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat +diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten +Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach +dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«</p> + +<p>»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und +wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen +schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört +uns alle aus seinem Grab heraus.«</p> + +<p>Friedel sah ganz erschrocken auf:</p> + +<p>»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« +Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen +als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er +in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen +leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch +wieder auf:</p> + +<p>»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen +das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt +ihr zugestehen zu müssen.«</p> + +<p>»Weil er in sie verliebt ist.«</p> + +<p>»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß +vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was +im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«</p> + +<p>»Und mein Kind ... sein Sohn — ach, Friedel, wie +kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«</p> + +<p>»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge +selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil +und Recht finden würde.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>»Und das nennst du gerecht?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern +helfen ...«</p> + +<p>Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick +auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:</p> + +<p>»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle +ins Blaue hinein sind Entschuldigungen. +Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch +wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm +auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange +Jahre auf den Vater an?«</p> + +<p>Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den +Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen, +und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:</p> + +<p>»Ich verstehe dich ja ...«</p> + +<p>Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, +daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß +nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um +Genuß und Glück die Sinne betäubte.</p> + +<p>»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand +der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht +die Rede sein.«</p> + +<p>»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.</p> + +<p>Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig +nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden +waren an dem, was sie einander als Vertrauen +gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die +Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis +ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a> +kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände +fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes +Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob +sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte +Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht +unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des +Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das +Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges +Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die +grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er +denn tun wollen?</p> + +<p>»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, +weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies +sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist +doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch +ihr ...«</p> + +<p>Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, +den er nie in seinem Leben hat vergessen können. +Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, +gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, +das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er +wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei +dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte +er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra +liebte.</p> + +<p>Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. +Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten +Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang +zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a> +Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. +Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und +sah ihnen nach.</p> + +<hr /> + +<p>Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem +Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf +Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen +alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken +verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz +mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, +empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die +Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen +herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, +aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen +Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine +sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört +Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an +gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten +eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, +es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf +den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun +begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu +geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, +die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen +hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um +so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß +nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit +und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a> +machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein +Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu +spielen versucht.</p> + +<p>»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand +damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine +Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben +ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das +in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. +Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors +väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen +Ernst.</p> + +<p>Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am +Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte +Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der +Alte neben ihm.</p> + +<p>Afra sollte kommen. — Melchior berichtete, sie sei in +Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie +würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.</p> + +<p>Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen +sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er +war wieder allein.</p> + +<p>Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, +den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu +durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht +auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu +verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist +beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, +als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten +Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a> +Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner +tatlosen Ergebenheit.</p> + +<p>Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten +unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene +Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem +geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze +eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das +Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.</p> + +<p>»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser +Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure +besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht +halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn +das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit +nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«</p> + +<p>Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner +ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle +anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings +hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine +Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne +diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen +schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem +Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen +Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und +an seinem Kinde zog?</p> + +<p>Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag +für Tag beschäftigte:</p> + +<p>»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, +aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben +sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt,<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a> +der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in +der Kraft des Lebendigen.«</p> + +<p>Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als +ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die +Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der +Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte +diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. +Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas +wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun +zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten +Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras +Name — —</p> + +<p>Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen +neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:</p> + +<p>»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie +düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge +zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«</p> + +<p>Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in +ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte +sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange +erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche +und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos +betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das +Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche +Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch +in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch +lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen +ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an +der erstandenen Erde.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, +ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die +Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen +Gebärde der Hingabe, die etwas von dem +Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße +Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier +entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.</p> + +<p>Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, +die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.</p> + +<p>»Lies«, rief er bebend.</p> + +<p>Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre +Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren +Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung +der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte +sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu +lesen.</p> + +<p>Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß +diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine +Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber +irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen +Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. +Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die +Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich +bekümmert, ist der Tod ...</p> + +<p>»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade +vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und +froh:</p> + +<p>»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«</p> + +<p>»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a> +bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du +mußt mit mir nach Cismaren ...«</p> + +<p>»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«</p> + +<p>»Bitte«, sagte er.</p> + +<p>Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, +das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. +Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten +Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem +Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: +Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von +sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war +und wo sein tiefstes Leid brannte.</p> + +<p>»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe +und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht +mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich +deinesgleichen bin.«</p> + +<p>Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe +meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre +Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie +ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, +aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig +gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er +endlich sagen konnte:</p> + +<p>»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«</p> + +<p>Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm +klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen +sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine +Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien +ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a> +von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit +der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, +tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, +daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur +im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine +Pflicht getan hatte.</p> + +<p>Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, +da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses +Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen +und davoneilen, um die einfache und arme +Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. +Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn +zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es +für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.</p> + +<p>Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte +sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der +sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll +komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte +seine Scherze wider.</p> + +<p>Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und +sagte sich:</p> + +<p>Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, +den ich verschenkt habe.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + +<p>Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun +begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher +mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie waren<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a> +auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, +die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig +erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche +Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen +in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem +jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, +die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur +hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior +stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während +Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf +die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache +an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die +hier schlummerte.</p> + +<p>Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:</p> + +<p>»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«</p> + +<p>»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit +der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität. +Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den +Kopf stellen?«</p> + +<p>Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, +der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.</p> + +<p>»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.</p> + +<p>Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:</p> + +<p>»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«</p> + +<p>Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend +auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das +Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab. +Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen +unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in +einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über +die Augenblickssorge hinaus, verlieh.</p> + +<p>Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im +Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff +den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung +auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war +ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal +wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang +seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht +eher darauf gekommen war!</p> + +<p>»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, +meinte er.</p> + +<p>Friedel lachte.</p> + +<p>»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als +wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. +Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er +umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen +Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er +anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel +geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von +Melchior eine Weinkarte.</p> + +<p>Der Alte wandte sich an Helmut:</p> + +<p>»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«</p> + +<p>Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.</p> + +<p>»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein +Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er +ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«</p> + +<p>»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«</p> + +<p>»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde +Afra unterrichten.«</p> + +<p>Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude +zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, +den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.</p> + +<hr /> + +<p>Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des +Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich +gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz +funkelte, als der braune Mond schwermütig über die +schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, +ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen, +weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder: +das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In +ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des +Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. — +O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft +aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz +und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der +begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der +schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das +blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der +Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du +nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? — Er +gibt dich nicht frei.</p> + +<p>Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a> +Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das +sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine +Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit +dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen +Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis +unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt +unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die +Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. +Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie +Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen +von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor +ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, +hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht +deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange +die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche +eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle +Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du +gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten +Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch +das genommen, was du hast. —</p> + +<p>Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, +die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, +wenn die Wohltaten der Geige erglühen? +Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen +emportragen. Sie steigen zu einem seligen +Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten +mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen +Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der +lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a> +mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die +dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...</p> + +<p>Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige +sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach +einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu +bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf +ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte +auf der Kante des schweren Eichtisches.</p> + +<p>Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus +ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie. +In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem +Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief +ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte +Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe +gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses +stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben +die Frevler am Gut des Toten.</p> + +<p>»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.</p> + +<p>Martin nickte schwermütig.</p> + +<p>»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für +das übrige sorgen.«</p> + +<p>»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.</p> + +<p>»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«</p> + +<p>»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, +solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«</p> + +<p>Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, +denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen +Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß, +und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a> +langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft +streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der +hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der +Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die +Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien +daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. +Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel +haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut +und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde +und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die +Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie +wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen +Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die +Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen +versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins +in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen +nach fernen Zielen und großem Tun, denn das +Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr +Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? +Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden +Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr +kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, +ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer +trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer +Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:</p> + +<p>»Es lebe Graf Konstantin!«</p> + +<p>»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf +sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen +Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte +die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die +entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares, +etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen +fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte +Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes +Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun +knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch +erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden +Kleid:</p> + +<p>»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das +Kind ... sie dreht sich am Boden!«</p> + +<p>Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie +die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:</p> + +<p>»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten +bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr, +richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung +und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie +Helmuts Arm:</p> + +<p>»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. +Komm hinab, hilf mir!«</p> + +<p>Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag +eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging +gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras +Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals +ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten +lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff +das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen +schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a> +seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit +vergaß.</p> + +<p>»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben +Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm >Husar< +und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm aushält. +In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine +Minute weniger brauchst du!«</p> + +<p>Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. +Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war +schwer zu halten.</p> + +<p>Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der +Remise. Dann überließ er alles den anderen und half +Afra. Der Mond leuchtete.</p> + +<p>»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«</p> + +<p>»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. +Zieh an! Fester.«</p> + +<p>»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt +nicht ziehen.«</p> + +<p>Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.</p> + +<p>»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der +Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie +der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für +den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles +zur Stelle ist.«</p> + +<p>Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit +Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.</p> + +<p>»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre +Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, +er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf +an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht. +Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so +daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann +wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang +diesen hellen Triumph von Hast und Willen.</p> + +<p>Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor +das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in +einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem +hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht +hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles +andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, +beide Hände an den Schläfen:</p> + +<p>»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«</p> + +<p>»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.</p> + +<p>Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit +einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von +einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte. +Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war +leer.</p> + +<p>»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die +Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«</p> + +<hr /> + +<p>Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in +schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu. +Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn +fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit +hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a> +er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige +Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin +seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber +es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht +nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra +Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. —</p> + +<p>Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im +Mondschein lag.</p> + +<p>»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, +das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut, +Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt +das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen +reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So +wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, +solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer +näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er +besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da +oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze +bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein. +Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die +Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«</p> + +<p>Helmut raffte sich auf:</p> + +<p>»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste +sein, du gehst zu Bett.«</p> + +<p>»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber +höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit +unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend +unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. +Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal +findest du noch Flaschen genug.« —</p> + +<p>Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs +glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte +es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen +Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern, +überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig +in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. +Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut +schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur +hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er +sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort +oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der +Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege +höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er +schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er +die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er +auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet +waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte +in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. +Und nun verstand er die dumpfen Worte:</p> + +<p>»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte +sie!« —</p> + +<p>»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben +in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz +strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die +Zähne auf die Lippe. —</p> + +<p>Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch +bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinen<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a> +Menschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung. +Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt +den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes +keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen, +was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu +erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und +befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. +Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und +am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.</p> + +<p>Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter +nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die +ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor +dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das +gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, +die auf dem Tisch lagen.</p> + +<p>»Die Mutter lebt, Herr Graf.«</p> + +<p>Ein Kopfschütteln ...</p> + +<p>Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen +zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:</p> + +<p>»War es ...« Er stockte.</p> + +<p>Der Arzt war wieder an seiner Seite.</p> + +<p>»Wonach fragten Sie?«</p> + +<p>»Ein Sohn?«</p> + +<p>Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.</p> + +<p>Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen +Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses +spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut +schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem +Gesicht vor ihn hin.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein +Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen +Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos +wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.</p> + +<p>»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß +ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das +was du mit deinen Armen stützt.«</p> + +<p>Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:</p> + +<p>»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«</p> + +<p>Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und +mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und +hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.</p> + +<p>»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein +einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst +werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn +ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht +zurückgibst, was ich dir geben muß.«</p> + +<p>»Was soll ich tun?« fragte Afra.</p> + +<p>Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende +Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er +ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.</p> + +<p>»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, +wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben. +Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen +Daseins, du Geliebte Gottes ...«</p> + +<p>Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm +zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß +die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte +in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht,<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a> +die noch unter den blühenden Härten ihres +Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von +überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor, +aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig +und wild hervorstieß:</p> + +<p>»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du +mußt ... ich möchte gut sein ...«</p> + +<p>Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem +Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte +er:</p> + +<p>»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt +hat?«</p> + +<p>Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. +Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil +empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt +und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte, +sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt +hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um +ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl +jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen +Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein +Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe +dämonischen Sicherheit:</p> + +<p>»Du Erbärmlicher.«</p> + +<p>Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der +Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen +zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt, +rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren +Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a> +Frau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres +Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub, +und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was +ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen +war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie +entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am +Herzen Gottes.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + +<p>Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb +geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen +Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe +eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen +Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles +vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich +mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und +wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden +Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende +Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand +konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der +kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen. +Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei +aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen +ist, und ihre klammernden Hände konnten erst +gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht +versanken.</p> + +<p>Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche,<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a> +und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück. +Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen +Treiben nicht wieder zu.</p> + +<p>Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille +im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts, +unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des +Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt +und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die +seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit +keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer +von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er +in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er +breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen +aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze +Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er +betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte +und daß das Kind den Vater im Himmel finden +möge.</p> + +<p>Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen +Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den +Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie +nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:</p> + +<p>»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem +Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe +nichts Böses tun wollen.«</p> + +<p>»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser +Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den +Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick +erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a> +hast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten +Vollendung anders treffen als in seinem täglichen +Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich +glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen, +wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich +von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines +Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen, +daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit +und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit +liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden +lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten +fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft +finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich +so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben +Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu +Vollkommenem im Sinne hat.«</p> + +<p>Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm +zögernd:</p> + +<p>»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, +daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«</p> + +<p>Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg +in den Wald hinein. —</p> + +<hr /> + +<p>Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. +Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen, +die über sie hereingebrochen waren und vor deren +wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, +war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a> +überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden. +Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch +von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend +auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt +und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und +nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung +notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung +ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende +Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben +Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen +hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit +ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie +in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren +letzten Triumph ringt.</p> + +<p>Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen +in der Verwaltung von Wartalun und +Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet +nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten +Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich +sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr +erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen, +er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit +zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner +Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes +Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in +den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich +hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann +keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt +hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a> +Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen +Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.</p> + +<p>Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am +Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in +ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende +Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein +schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein +Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den +großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und +wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade +an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. +Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah +ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm +für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte +geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein +schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und +ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum +spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte +sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre +Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von +aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder +Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der +letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt +wie ein glühender Lavastrom.</p> + +<p>Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als +habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen +vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch +seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der +bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a> +Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und +von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen +Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares +Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer +Freiheit ein leerer, singender Wind.</p> + +<p>Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ +keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von +Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden +inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in +die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die +beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche +Ruhe enthielt.</p> + +<p>»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß +es wie ein Seufzer klang.</p> + +<p>Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender +Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die +Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen +Sommer nach. Das rote Meer der Heide +glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, +und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die +Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit +des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, +alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige +Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über +die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in +Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in +tiefer Beglückung weitete.</p> + +<p>Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an +Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a> +oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs +versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine +Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und +Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.</p> + +<p>Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und +stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen +Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an. +Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, +nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall +die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch +seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht +strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall, +eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen +über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit +Ermahnungen zu Helmut trieb:</p> + +<p>»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht +genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht +ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu +der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, +Reitpferde, alles hat geholfen.«</p> + +<p>Helmut mußte lächeln.</p> + +<p>»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf +dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei +bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon +alles.«</p> + +<p>»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand +ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist, +daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders +voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>»In der Liebe?«</p> + +<p>»Nein, in der Arbeit.«</p> + +<p>»Das kommt vom guten Beispiel.«</p> + +<p>»Spotte nur. Morgen geht es über <ins title="die Apfel">die Äpfel</ins> her. +Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken +bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. — +Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra +sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute +erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin +um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der +Todesfall — — du verstehst schon.«</p> + +<p>Helmut wandte sich gequält um.</p> + +<p>»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht +entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«</p> + +<p>Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die +er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur +für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt +er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien +nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl +von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden +hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins +und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter +einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das +Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.</p> + +<p>Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden +Abend würde sie in gewohnter Weise auf +jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet +und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen +Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a> +zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein +flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen +hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener +habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah +ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber +eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es +schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund +aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es +lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die +oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten +Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in +diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und +ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die +Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer +aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden +Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte. +Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut +begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung +auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.</p> + +<p>Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung +Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras +Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte +sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem +Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen +Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte, +erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber +der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.</p> + +<p>Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am +Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a> +auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel +zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie +über das andere und nahm den Hut von den Haaren. +Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war, +das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen +einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden +Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung +stand.</p> + +<p>»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände +hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht +zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu +Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell +wurde.«</p> + +<p>Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, +vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von +ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann +eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. +Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, +ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von +Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er +schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes +Herzblut bewachen sollte.</p> + +<p>Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, +die zur Veranstaltung des Festes getroffen +werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er +ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor +sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten +heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei +sich festzuhalten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten +am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem +Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran +teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal +käme?</p> + +<p>Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß +er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im +Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der +Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden +Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:</p> + +<p>»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein +Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine +Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen. +Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, +daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine +Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten +lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich +hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, +der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr +kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen +geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß +niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes +abkehrt ...«</p> + +<p>Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.</p> + +<p>Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, +ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der +dunklen Rundung.</p> + +<p>Sie schlief.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a></h2> + +<p>Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach +mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels +Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über +Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten +in umständlichen Reden, von denen sie kein +Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik +klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch +unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre +Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen +frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut +traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im +unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu +stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen +bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.</p> + +<p>»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. +»Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch +in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör +dies! Ist das ein Ton?«</p> + +<p>Helmut mußte es verneinen.</p> + +<p>»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen +werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. +Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen +über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«</p> + +<p>Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und +Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, +in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a> +geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die +bunten Ampeln tragen sollten.</p> + +<p>»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, +Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er +hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, +damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken +springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als +er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, +einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und +ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für +Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung +ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, +ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir +uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine +Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da +drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf +Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben +Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr +eine andere Frau! Den Winter über war er in der +Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er +sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. +Einmal — ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß +einem die Haut einreißt — bekam eine Wind von der +Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte +sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich +eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie +sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen +den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. +Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a> +wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre +Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre +Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«</p> + +<p>»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«</p> + +<p>»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre +alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil +er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt, +Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«</p> + +<p>Helmut erbleichte.</p> + +<p>»Leutegeschwätz«, stammelte er.</p> + +<p>Friedel sah ihn groß und lange an.</p> + +<p>»Scheint mir nicht. — Die Frau dieses Gärtners, +Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein. +Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem +Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer +im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im +Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt +sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«</p> + +<p>Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich +berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den +Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit +ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen +zu empfinden.</p> + +<p>»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, +woher Afra stammt.«</p> + +<p>Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen +Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:</p> + +<p>»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil +ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a> +nicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur +die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was +sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche +Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind +wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher +die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben. +Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«</p> + +<p>Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, +machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer +als zuvor durch seinen Unverstand.</p> + +<p>Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer +innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen +trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte. +Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl +sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des +Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit +fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über +alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe +zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des +anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, +die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit, +in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich +einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit +frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn +sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig +geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im +Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn +dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, +die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a> +Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken +konnte.</p> + +<p>Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu +vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis +hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen +würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung +erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer +der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische +Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers +zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch +seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und +bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen. +Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn +hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr +und mehr in grausame Erwartungen. —</p> + +<p>Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, +als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten +Wagen durch die Sonne in den Schloßhof +rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz +verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen +einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter +den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und +feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung +kam diesmal die neugierige Scheu und die +heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen +Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, +als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick +in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt +erreicht hatte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles +nun werden? Was erwartet man von mir?«</p> + +<p>Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie +das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid +aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen +Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte +umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale +Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere +weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und +legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest +um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden +Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und +rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige, +ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken +fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender +Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit +ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.</p> + +<p>»Afra!«</p> + +<p>»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, +als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen +Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du +diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«</p> + +<p>»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich +es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick +ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«</p> + +<p>»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. +Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an +diese Dinge denken. — Nein, dort unterschreibe nicht, +das geht Wendalen an ...«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>Er zog die Hand zurück.</p> + +<p>Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam +und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht +sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe +blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die +Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm +wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel +von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue +Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst +nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen +war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt +hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu +Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in +die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den +Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des +Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...</p> + +<p>Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten +und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen +beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut +ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem +einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben +Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.</p> + +<p>»Was erwartet man von mir?« fragte er.</p> + +<p>Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:</p> + +<p>»Du mußt ein paar Worte sprechen.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. +Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«</p> + +<p>Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a> +hatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor, +aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun +und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte +ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem +beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, +wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden +war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses +großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.</p> + +<p>Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, +sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt. +Die Kinder standen im Vordergrund, ihre +bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend +zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen +ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend +in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die +Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und +Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten +sich auch noch ein letztes Mal die fremden +Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren +und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior +die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur +Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das +Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst, +der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen +und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer +zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte +sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener +Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und +fröhlich:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, +laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie +denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß +dies bald ein Ende hat.«</p> + +<p>Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit +an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam, +fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten +Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und +etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den +einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber +anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder +der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit, +sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen +konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.</p> + +<p>Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. — Die +Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos +ernst.</p> + +<p>Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, +als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam +lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der +Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig +sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den +Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen, +den des Müllers von Annerwehr und den des alten +Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts +in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend +oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. +Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht, +er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a> +verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er +sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten +Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von +der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb +gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. +Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. +Da hörte er:</p> + +<p>»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, +teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen +Grafen Konstantin mein Eigentum geworden +ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, +ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst +von mir vorgesehen sind.«</p> + +<p>Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. +Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand +nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an +der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte +der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, +kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, +Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie +die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den +sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte +sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. +Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten +bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die +Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor, +machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte +und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog <ins title="ihr">ihre</ins> Hand an +seine Lippen und sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«</p> + +<p>Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:</p> + +<p>»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe +es nur so gekonnt.«</p> + +<p>Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, +um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz +von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte +des Verstorbenen gebracht und an der eisernen +Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, +nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen- +und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen +geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von +ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte +die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete +Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der +Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl +den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu +beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was +sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen +der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen +und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels +durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien, +als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der +Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden +dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll +sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. +Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen +Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter, +aber er wich nicht von ihrer Seite.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, +sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man +sieht die Leute unbefangener als sonst.«</p> + +<p>Sie wandte sich an Friedel:</p> + +<p>»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«</p> + +<p>»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.</p> + +<p>Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige +seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen +Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen +von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es +ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn +in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke +seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige +seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in +den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.</p> + +<hr /> + +<p>Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es +war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete +Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon +ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. +Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den +Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne +ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte. +Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen +Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die +drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so +aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die +hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a> +Laute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte +wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die +Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die +kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum +erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So +mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. — Er lehnte +sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?</p> + +<p>»Was tue ich mit meinem Leben?« —</p> + +<p>»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und +verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen +will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne +stehen, Friedel die Hände in den Taschen. —</p> + +<p>Fern von den Feldern herüber klang durch die +davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen. +Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen +bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter +der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch +Licht unten.</p> + +<p>Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras +Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung +des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug +beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden +gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, +so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging +darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender +Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen +er erlag. — Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen +Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine +Not mich macht ...</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.</p> + +<p>»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! +Ich will selbst sehen ...«</p> + +<p>Er erkannte die Stimme nicht.</p> + +<p>Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden +Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten +eilte.</p> + +<p>Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid +vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal +brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz +noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.</p> + +<p>Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie +rief nach Martin.</p> + +<p>Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln +herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt, +die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft +brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er +umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich +die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin +ich«, sagte er.</p> + +<p>Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß +schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann +hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch +niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten +trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein +heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen +er geweckt worden war.</p> + +<p>Helmuts Herz schlug dumpf und <ins title="langsam er">langsam, er</ins> fühlte +es an den Schläfen und im Halse.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß +ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen +Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch +der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr +vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur +notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und +Melchior mit Laternen in den Park eilen.</p> + +<p>Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so +deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen +und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete +dieser Stimme:</p> + +<p>»Sie ist tot.«</p> + +<p>Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, +bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, +als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene +Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten +so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste +nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, +als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in +ihm erloschen.</p> + +<p>Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht +dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer +gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte, +weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben +ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und +kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, <ins title="nichts..">nichts ...</ins> +von hier aus ging der Weg in die Finsternis.</p> + +<p>»Wo sollen wir suchen?«</p> + +<p>»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a> +erzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar +hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna +jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.</p> + +<p>»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«</p> + +<p>Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie +hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und +gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu +besinnen.</p> + +<p>Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von +blindem Entsetzen:</p> + +<p>»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn +niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort! +Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier, +heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege +ins Leben ... nackte Teufel ...«</p> + +<p>Martin hielt ihn.</p> + +<p>»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese +Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit +Musik ... laß mich los, Flegel!«</p> + +<p>»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.</p> + +<p>Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und +von plötzlich aufsteigender Wut:</p> + +<p>»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst +der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und +mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu +Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer +herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... +schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag, +in die Sonne! Verwest allein.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im +Fieber.</p> + +<p>»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! +Dieser Narr ...« stammelte Helmut.</p> + +<p>Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe +ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte +ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß +vor Grauen.</p> + +<p>»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, +was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden, +vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen +Vorhaben abzuhalten.«</p> + +<p>»Sprich doch!«</p> + +<p>»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie +finden.«</p> + +<p>»Sag wie, sag wie!«</p> + +<p>»Aja und Fenn.«</p> + +<p>»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna +mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht +die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«</p> + +<p>»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, +geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«</p> + +<p>Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich +selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin. +Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den +er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr +Signal gewesen war und auf den es nach einer alten +Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein +Halten gab.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>Martin stürmte die Treppen empor.</p> + +<p>»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und +bring sie hier herauf. Flieg!«</p> + +<p>Martin verstand sofort.</p> + +<p>Um Helmut abzulenken und um die Minuten des +Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:</p> + +<p>»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber +Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für +wichtige Zwecke zu verwenden. — Besinn dich, wir +werden sie gesund finden.«</p> + +<p>»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß +sie nicht mehr atmet.«</p> + +<p>»Helmut, sprich nicht so.«</p> + +<p>»Sie ist tot.«</p> + +<p>Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein +frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich +und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend +an mit seinen klugen Augen, deren warmes, +braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der +Hündin über den dunklen Kopf.</p> + +<p>»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir +wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier +an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch +und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die +sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile +los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« +öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm, +mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte +sie ihn wieder und ließ ihn voran.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber +ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.</p> + +<p>Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden +Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer +Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der +er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang +zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden +belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd +Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln +waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor +gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. +Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war +Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den +am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, +so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog +und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas +schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald +zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über +schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:</p> + +<p>»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«</p> + +<p>»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.</p> + +<p>Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom +Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in +der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf, +das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut +um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg +verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen +schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos +war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? +»O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht +weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich +empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen +wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit +trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig +und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen +Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub +am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter +ihrem Rock.</p> + +<p>»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.</p> + +<p>Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob +sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« +zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, +es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, +es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was +gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. +Das können die Menschen nicht.</p> + +<p>Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in +den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter +Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:</p> + +<p>»Nicht dort! Gib acht!«</p> + +<p>Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es +klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises +Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen +hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage +anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt +und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des +Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle +Ansagen der Tiere. Einmal hatten die +Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines +polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast +hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge +entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der +Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten +und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der +letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte +nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen +Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie +wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. +Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze +Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, +ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers +war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes +kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit +Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen +voneinander ließen auf einen Gang in wankenden +Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt +war und ins Ziellose des Verderbens führte.</p> + +<p>Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, +jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern +standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen +und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten +Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte +Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. +Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses +Tuch.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde +des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. +Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen +Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, +die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf +die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.</p> + +<p>Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, +trat sie langsam zurück über den schwankenden +Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land +erreicht hatten.</p> + +<p>»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.</p> + +<p>Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu +ihm auf.</p> + +<p>»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im +Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, +daß wir umkehren.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + +<p>Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, +und der Herbst wütete im Land. Das +Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer +gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, +Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre +Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und +rauhen Winter verschanzten.</p> + +<p>Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger +als im Sommer stand es grau im schwarzen<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a> +Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof +blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die +Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher +aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß +des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen +zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen +hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume +auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die +Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.</p> + +<p>Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden +worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren +Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann +wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens +ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und +erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden. +So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des +Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, +aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft +erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß, +bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang, +bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben +dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock +vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er +erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte, +wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu +spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren, +verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal +nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch, +mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a> +junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns +verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte +Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche +Ausschau zu halten.</p> + +<p>»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig +auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte +Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen +wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr +erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung +Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«</p> + +<p>Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß +geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die +ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft, +um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten +mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte +und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten +konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und +Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.</p> + +<p>Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles +Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen +anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte, +daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, +alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. +Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die +ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit +des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei +Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein +im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos +seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a> +gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung +rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. +Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit +und Bewunderung, und als sie einmal durch +einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs +wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:</p> + +<p>»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch +gut, Friedel.«</p> + +<p>Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser +Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen +Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund +seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger +stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für +unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses +Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, +stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und +antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht +über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins +niedersank.</p> + +<p>Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter +keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung +anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem +Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete +die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu +richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu +überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie +wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene +deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen +Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a> +ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen +Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, +die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre +Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden +der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden +waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen +Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene +Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so +hart erscheinen konnte.</p> + +<p>Zu Anfang November ereigneten sich Tage von +großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch +einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und +in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten. +Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter +zögerte noch mit seinem Einzug.</p> + +<p>Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam +gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen +heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren +für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten +größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und +Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden. +Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen +Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich +dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen +war als sonst und als es den Traditionen des +Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von +Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine +Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl +von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a> +dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese +Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. +Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von +ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es +handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes +Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer +Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen +war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz +zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges +Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich +erscheinen lassen.</p> + +<p>Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die +wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die +kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem +Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen +und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin +sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres +aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen +Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem +erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten +Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich +und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.</p> + +<p>Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht +des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres +Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren +Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der +noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von +Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie +er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a> +Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum +spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war, +als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung +bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael +hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem +hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken +war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen +Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen +schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von +dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf +die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und +ihr lächelnd gezeigt:</p> + +<p>»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? +Dort kehrt er um.«</p> + +<p>So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich +hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder +eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen +gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn +zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären +müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen +von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten +wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe +Wegpappel mit ihrem Krähennest.</p> + +<p>Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen +ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag +hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne +bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen +Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung +hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a> +verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so +sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein +Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges +Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit +und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer +Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand +für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als +deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, +durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen +drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn. +Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender +Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie +gehörte.</p> + +<p>Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen +Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht +hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art +nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn +wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren +konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas +von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache +Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale +verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden +Tod in die großen Augen schauen müssen.</p> + +<p>»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er +einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede +war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen +Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont +bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich +sagen werde.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>»Was?« hatte sie gefragt.</p> + +<p>»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«</p> + +<p>Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er +dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges +gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf +seine Worte übertrug.</p> + +<p>Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war +schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es +getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen +Versunkenheit zu reißen.</p> + +<p>»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. +»Lachst du über Helmut oder über ...«</p> + +<p>So hatte er durch eine phantastische Vermengung +seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden +Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die +das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins +willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem +verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über +die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die +bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.</p> + +<p>»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft +und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr +Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich +erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht, +wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. +Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, +das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort, +hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern. +Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a> +bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, +die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt. +Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher +auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet +sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter +Blinden ...«</p> + +<p>Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war +wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung +erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für +ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen +blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah +in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und +versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.</p> + +<p>Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun +auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis +zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand, +aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner +aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter +gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die +gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art +herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der +gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen +zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine +Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in +Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen +der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer +ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben +zu lernen.</p> + +<p>Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a> +den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre +Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die +Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges +ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, +zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten +Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte +des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen +der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der +Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, +hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten +Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie +erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das +gelichtete untere Gezweig starrte.</p> + +<p>Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs +die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine +Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte, +als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und +etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten +hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der +von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen +führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und +in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten +herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende +Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen +unter dieser Stirn hervor, die nur schmal +unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts +kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer +phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag +ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten;<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a> +aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, +die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem +Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens +wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der +Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und +das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. +Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde +möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit +geben, daß auch seine Züge, sein Mund und +seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr +nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken +jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte +sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie +zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja +und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke +daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht, +daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine +Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen +waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete +den Eindringling.</p> + +<p>Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose +Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche +dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen +man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung +anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er +einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um +seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines +Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder +Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a> +diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines +Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von +Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die +Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer +Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick +herzurühren schien.</p> + +<p>Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung +zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog +die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen +hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur +Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön +und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, +von dem aber wie ein heimlicher Schein eine +stete und ruhige Menschenwürde ausging.</p> + +<p>Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen +Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen +eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht +immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um +ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich +sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei +sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen +Worte:</p> + +<p>»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der +dort steht.«</p> + +<p>Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, +wie ihn nur reiche und im <ins title="tiesten">tiefsten</ins> Wesen beständige +Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein +eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste +hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a> +Sturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit +dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als +sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht +Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz +meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte +der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer +durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden +den Weg.</p> + +<p>Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich +auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen +ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger +den Blick vom Schemel einer Kirchenbank +hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört. +Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von +einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen +war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein +schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes +Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen +und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von +großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren +von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem +Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele, +daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen +senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen +Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die +Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese +Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben, +in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen +und über die keine Form der Höflichkeit oder<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a> +keine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen +vermögen.</p> + +<p>Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, +die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen +Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch +nickte.</p> + +<p>»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. +Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger +und sagte:</p> + +<p>»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«</p> + +<p>»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und +ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.</p> + +<p>Sein Gesicht verfinsterte sich.</p> + +<p>»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es +nicht erlaubt, hier einzutreten?«</p> + +<p>»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu +versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.</p> + +<p>Er hob wieder die Hand.</p> + +<p>»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet +worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen +wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es +diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin +hausen können.«</p> + +<p>»So, gefällt Ihnen Wartalun?«</p> + +<p>»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den +Erker im Efeu. Können Sie sehen, wie die Eichen so +gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß Gemeinschaft +gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a> +diese starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort — eine +Wolke — sehen Sie denn nicht? Sie müssen sich hierher +stellen. Ach, das ist ein Schloß ... Bäume ...«</p> + +<p>»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer +Wolke?«</p> + +<p>»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter <ins title="Tannen..">Tannen ...</ins>«</p> + +<p>Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen +an und trat zur Seite, versuchte den Weg zu gewinnen +und schien davongehen zu wollen. Als er Afras vornehmes +Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe +mit den altmodischen Armstulpen sah und den +goldenen Knauf ihrer Reitgerte, machte er einen Schritt +auf sie zu:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier +vorübergekommen und hätte um Erlaubnis bitten +müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein herrliches Gesicht +haben Sie, Fräulein!«</p> + +<p>Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches +Wesen zu lächeln, sie fühlte einen Ernst auf +sich einwirken, dessen Ursprung sie nicht erriet, der sie +jedoch gebieterisch zwang, die kleinen Hilflosigkeiten +dieses Menschen zu übersehen.</p> + +<p>»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. +»Sie brauchen doch nicht gleich fortzulaufen, wenn man +eine Frage an Sie richtet.«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für +einen Augenblick warm an. Aber diese Dankbarkeit +hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie wirkte +beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a> +von ihnen sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht +und ihre junge Gestalt, und in seine Augen kam ein beseligtes +<ins title="Leuchten">Leuchten.</ins></p> + +<p>»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« +rief dieser arme Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu +besitzen schien als die dürftigen Kleider, die er trug.</p> + +<p>Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, +da ihr nach seiner letzten Antwort nichts Rechtes +zu sagen in den Sinn kam und sie sich scheute, etwas +Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich rasch +nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage +stellen, die diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu +begründenden Ausbruch seines Empfindens ausglich, +aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, hinderte +sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem +Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an +und sagte:</p> + +<p>»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es +tun, wenn ich Sie auch noch nicht kenne.«</p> + +<p>Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft +machen, und sie rief lachend:</p> + +<p>»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem +Dank.«</p> + +<p>Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er +ihre Züge.</p> + +<p>»Sie wollen nicht?«</p> + +<p>»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, +wenn Ihnen das Schloß genügt, und danke Ihnen +vielmals.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts +bedeuten.«</p> + +<p>»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra +herzlich.</p> + +<p>»Nein. Das könnte ich hier tun.«</p> + +<p>»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, +sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir +einen Gast bekommen haben.«</p> + +<p>»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.</p> + +<p>»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den +Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können. +Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und +großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen +und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten +Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter +geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die +er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen +des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag +und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend +Jahren entstanden waren.</p> + +<p>Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den +fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er +sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung +steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt +war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der +Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher +noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude +schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm +öffnete.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu +und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen +Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu +haben schien.</p> + +<p>»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie +lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich +nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«</p> + +<p>Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es +freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr +aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn +langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin +zurück.</p> + +<p>»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn +nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das +Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles +andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich +glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«</p> + +<p>»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra +zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige +Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«</p> + +<p>»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich +werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«</p> + +<p>»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im +Saal?«</p> + +<p>Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche +aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß +sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den +Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines +Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a> +sich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter +Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig, +indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den +lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über +ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten +Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei +dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren, +nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen +das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, +und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre +Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar, +den Rücken der Nase und ihre Flügel und den +deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein +klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung +ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren +Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an +den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe +des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne +in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da +kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre +Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger +und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in +ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden, +und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit +ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten +unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie +nicht kannte.</p> + +<p>Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, +ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a> +waren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die +Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert, +und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge +unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts +mehr erkannten.</p> + +<p>Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden +Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um +Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es +bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm +hoch in die helle Nacht geworfen.</p> + +<p>Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor +ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner, +erbarme dich meiner! — Jetzt taumelte Friedel durch +den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen +beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich +leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse +Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer +der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete, +und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen +sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue +Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie +sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels, +unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige +Waldungen in der Sonne.</p> + +<p>Es führte kein Weg dorthin zurück.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a></h2> + +<p>Von Woche zu Woche wurden die Nächte von +Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme, +in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen +Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene +Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden +Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.</p> + +<p>Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung +hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß +entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen +Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags +wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster +aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und +die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann. +Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, +deren Mächte entfesselt wurden, walteten +im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in +Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte +sich in diesen beseligenden und gefahrvollen +Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle +Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit +wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, +Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die +Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, +um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren, +und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, +um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem +Grauen, der Reue und der Verzweiflung. —<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a></p> + +<p>Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit +Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.</p> + +<p>»Martin!« rief er.</p> + +<p>Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der +Wand:</p> + +<p>»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. +In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen, +als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in +Ruhe sterben sehen?«</p> + +<p>Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im +Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.</p> + +<p>»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um +die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat +der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir +lieber als dieser Heilige.«</p> + +<p>»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior +apathisch und ohne Teilnahme.</p> + +<p>Wo Herr Friedel wäre.</p> + +<p>Melchior machte das Geräusch des Schnarchens +nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in +den Kronleuchter stecken zu können.</p> + +<p>»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich +wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht, +erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr +verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf +einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu +ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte +Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder +zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen,<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a> +oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an +Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht +wüßte ... dieser Narr.«</p> + +<p>»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines +Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht +sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig. +Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. +Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es +geht mit mir umher, redet und schaut.«</p> + +<p>Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:</p> + +<p>»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn +reden.«</p> + +<p>»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe +Nacht.«</p> + +<p>Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna +verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.</p> + +<p>»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, +»ich brauchte ein wenig Geld.«</p> + +<p>»Gut, der Verwalter wird dir geben.«</p> + +<p>»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«</p> + +<p>»So warte bis morgen ... Nun?«</p> + +<p>»Der Wein geht zu Ende.«</p> + +<p>»Können vier Menschen in zwei Monaten einen +Keller leeren?«</p> + +<p>»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr +Friedel trinkt allein ...«</p> + +<p>»Schweig. Das war keine Frage.«</p> + +<p>»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu +trinken, als er will.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>»Dir nicht auch, Melchior?«</p> + +<p>»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«</p> + +<p>»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und +beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt +es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn +fragen?«</p> + +<p>»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.</p> + +<p>Das Mädchen sah ihn forschend an.</p> + +<p>»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du +siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«</p> + +<p>»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... +ich ...«</p> + +<p>Sie sah sich um, als suchte sie jemand.</p> + +<p>»Es ist niemand da«, sagte Melchior.</p> + +<p>Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie +besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien +schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit +in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach +einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen +der Bilder sahen auf sie nieder.</p> + +<p>»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der +Sessel dort bedeutet?«</p> + +<p>Der alte Diener nickte.</p> + +<p>»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die +Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns +könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel +mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel +an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten +mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a> +Martin gesagt. — Iduna geht nachts zu Herrn +Gentler ...«</p> + +<p>»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich +nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die +Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«</p> + +<p>»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, +fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen +Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist +es noch alles beim alten.«</p> + +<p>»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«</p> + +<p>»Der Herr Graf will es nicht.«</p> + +<p>»Ich will es«, rief Afra.</p> + +<p>»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«</p> + +<p>Afra fuhr steil empor.</p> + +<p>»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht +mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn +morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht. +Gesindel!«</p> + +<p>Melchior atmete auf.</p> + +<p>»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. +Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«</p> + +<p>»Ich, Melchior — ich?«</p> + +<p>»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine +Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache +mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du +mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein +alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die +Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monaten<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a> +sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst +und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen +Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der +Fremde ...«</p> + +<p>»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging +hinaus.</p> + +<hr /> + +<p>Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die +Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal +strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf, +und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen +sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen +in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den +Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden +Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor +den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der +Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an +undurchbrochenen Wänden.</p> + +<p>Friedel fiel es auf.</p> + +<p>»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, +wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen +könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist +dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«</p> + +<p>Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah +Friedel mit aufleuchtenden Augen an.</p> + +<p>»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.</p> + +<p>»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam +das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht +hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«</p> + +<p>Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann +beugte er sich wieder über seine Geige.</p> + +<p>»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«</p> + +<p>»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.</p> + +<p>Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten +den Ausbruch seines Zorns.</p> + +<p>»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild +über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging +erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein +Lied daraus.</p> + +<p>Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das +finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf +Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die +Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so +gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten +Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken +im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick +von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas +funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild +von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten +Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, +im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem +wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die +Gläser graviert.</p> + +<p>Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit +Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß +sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a> +willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen +Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals +zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach. +Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt +und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete, +es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, +schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den +Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen +Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte. +Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? +Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. +Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag +zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und +mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die +Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht +der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling +geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau +über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten +und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die +duftende Dämmerung ...</p> + +<p>Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen +Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe +Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche +Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus +mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? +Sie nahm ihr Glas.</p> + +<p>»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine +Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt +wissen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob +seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra +fühlte sich tief verletzt.</p> + +<p>»Ich gehe!«</p> + +<p>»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt +sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird +entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein +im Bann hält.«</p> + +<p>»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf +den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß +sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es +ruhig hin.</p> + +<p>Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte +es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des +Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er +hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem +schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer +schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr +aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte. +Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine +heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach +Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr +Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher +glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen +ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. +Und für wen blieb sie es?</p> + +<p>In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert +und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe +weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a> +Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte, +sagte er plötzlich laut die Verse:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,<br /></span> +<span class="i0">eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;<br /></span> +<span class="i0">die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span> +<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.<br /></span> +<span class="i0">Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,<br /></span> +<span class="i0">einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;<br /></span> +<span class="i0">die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,<br /></span> +<span class="i0">eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll +ich spielen?«</p> + +<p>Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.</p> + +<p>Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten +Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und +demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund +eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der +Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, +und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von +unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir +kommen und gehen ...«</p> + +<p>Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken +hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte +sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und +schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas +von Wartalun:</p> + +<p>»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter +Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie +er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat?<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a> +Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht +für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich +empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es +doch! Wer hat es gegriffen?!«</p> + +<p>Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht +zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten, +rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte +in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.</p> + +<p>»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer +Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte +Helmut.</p> + +<p>»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum +Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein +Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.</p> + +<p>»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes +Königreich.«</p> + +<p>Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk +mit einem sonderbaren Lächeln:</p> + +<p>»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. +»Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird +einst gut sein.«</p> + +<p>»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich +nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen +mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«</p> + +<p>Paule sah Friedel an.</p> + +<p>»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.</p> + +<p>»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; +innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt +und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, du<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a> +balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und +beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«</p> + +<p>Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule +schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt, +stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer, +nein, so hört doch.«</p> + +<p>»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule +hingebeugt.</p> + +<p>»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.</p> + +<p>»Martin, schenk mir ein!« rief sie.</p> + +<p>Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem +Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich +nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des +Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen +Zug aus.</p> + +<p>»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen +Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder +meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als +Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von +Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen +sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter +Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...</p> + +<p>Das Bild versank.</p> + +<p>»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, +sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz +und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon +Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«</p> + +<p>»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war +herrlich. Afra! Dein Glas!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel +herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde +ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg. +Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch +lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile +so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den +Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit. +Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in +der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas +hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem +tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen +heiser an:</p> + +<p>»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich +meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große +... Ruhe ... endlich.«</p> + +<p>»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur +dunkel, worauf sie antwortete.</p> + +<p>»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. +»Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten +des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ... +gleich, eh' Elsbeth starb ...«</p> + +<p>Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick +auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies +auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider +Willen die Worte von Wartalun:</p> + +<p>»Wer hat, dem wird gegeben.«</p> + +<p>Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre +Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und +verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag,<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a> +weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen +war.</p> + +<p>Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in +einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des +Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre +Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll +unbestimmbaren Glaubens.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + +<p>Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen +und erwachte am anderen Morgen, als es +noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren +Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und +kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem +Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und +liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen +Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste +enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen +Mädchens schließen ließ.</p> + +<p>Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, +die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie +lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden +Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr +hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein +Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen +eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheit<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a> +und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für +eine kurze Weile.</p> + +<p>Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel +zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem, +fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger +Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell, +wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der +Tür des Pferdestalls eine Laterne.</p> + +<p>Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd +hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch +von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen +Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster +hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, +überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von +Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald +darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte. +Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht +so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei +Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie +den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und +mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen +Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an +diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und +zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls +und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre +kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.</p> + +<p>Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, +dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre +herrliche Freiheit ritt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und +es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das +Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke +emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe +klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen +auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum +durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach +Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald +in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen +Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte. +Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum +ersten Male gesehen:</p> + +<p>»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem +Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht +hatten.</p> + +<p>Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, +aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren +Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken +Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten +Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den +zierlichen Tritt des Rehs. —</p> + +<p>Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will +euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt. +Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur +Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen. +Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der +an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot +im Gras verblutet war. — Aja und Fenn waren ja nicht +bei ihr. — Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres,<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a> +das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, +dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der +Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt? +War es nicht selbstverständlich, daß er, nach +solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald +der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser +Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er +fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn +hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, +wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt +langsam zurück.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span> +<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war +er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. +Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar +beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie +nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er +nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos +verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über +eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne +noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte +sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen +Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung +forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen +Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen +feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. +Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a> +aus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr +zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so +schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf +ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, +fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen +gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die +Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich +einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere +Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare. +Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er +verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen +zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern +dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in +ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in +seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in +strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter +der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten, +befangen und doch stark.</p> + +<p>Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.</p> + +<p>Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, +in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, +die sich lang hinzog an einem armen Weg und +über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde +Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit +Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin +streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse +im Grünen bergen mußte?</p> + +<p>Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles +Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. Das<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a> +Bildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes +bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern +große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, +blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband +diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten +Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das +Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten +Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden +würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine +Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten +zu überreden war, und das verwindende Heimweh +nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.</p> + +<p>Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem +Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über +die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen +Brunnen des Herzens zu spiegeln.«</p> + +<p>Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen +müssen:</p> + +<p>»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen +Konstantin gemacht.«</p> + +<p>»Weshalb?« fragte er.</p> + +<p>Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:</p> + +<p>»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben +wäre.« —</p> + +<p>Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf +zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie? +Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr +Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a> +sei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein +böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis +des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht +fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen +wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen +Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige +Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten +Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer +hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, +ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen, +weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von +Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch +sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter +oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem +Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht, +wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden +sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des +Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit +wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse +emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer +Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom +Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls +und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.</p> + +<p>Sie nahm das Pferd wieder herum.</p> + +<p>»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut +und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an +willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches +Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:</p> + +<p>»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"></a> +du dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf +Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump +eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut +zu beweisen?«</p> + +<p>Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben +her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war +furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von +Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt +haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die +kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch +diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck +und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.</p> + +<p>Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder +fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber +als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und +Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite +Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien +und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu +achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel +einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück, +ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für +den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln +schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes +Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.</p> + +<p>Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. +Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das +Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über +den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein +aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"></a> +zum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der +Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr +beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre +Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den +kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden +Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm, +und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre +Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles +Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über +ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen +lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.</p> + +<p>»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? +Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel +als ich mag? Nun steh!«</p> + +<p>Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte +heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war +über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne +Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf +die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete +nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das +Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor +Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.</p> + +<p>»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter +Galopp.« —</p> + +<p>»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. +»Da sieht man es ...«</p> + +<p>Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben +brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr +Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sich<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"></a> +um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel +sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer +Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen +Tür verbannt.</p> + +<p>»Ich muß zu dir, Afra.«</p> + +<p>»Jetzt nicht, geh!«</p> + +<p>»Es ist wichtig.«</p> + +<p>»Bleib draußen!«</p> + +<p>Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in +sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte +ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen +eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh +nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den +Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das +Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie +wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine +Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, +die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, +wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in +Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte. +Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen +des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra +zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein +Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig, +und obgleich man seine Gunst und Abneigung in +Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen +zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner +Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_218" title="218"></a>Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den +Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den +Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an +diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr +sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der +Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die +weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen +sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr +mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener +Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt +und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen, +die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen. +— Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu +Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus +der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein +Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von +hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das +matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den +großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das +verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten +den Sturm in der Seele des Mädchens ein +wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:</p> + +<p>»Ich muß mit dir sprechen.«</p> + +<p>Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der +Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.</p> + +<p>»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«</p> + +<p>»Friedel verläßt morgen das Schloß.«</p> + +<p>»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«</p> + +<p>»Ich will es.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"></a>»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete +unter den Verwüstungen auf seinem Schreibtisch nach +seiner Brille. »Es muß etwas geschehen sein, sag es mir. +Was ist geschehen?«</p> + +<p>»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in +dem Dunst, der von eurer Verlotterung ausgeht. Ihr +beschimpft das Andenken des Grafen Konstantin. Jeder +Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt, +erniedrigt mich!«</p> + +<p>Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen +Erstarrung, sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr +langsam zugewandt, und während er die geballten +Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht, +das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er +langsam und schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.</p> + +<p>»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst +das mir? Hast du das ersonnen, entstammt das deinem +Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, Mörderin du?! +Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen, +was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den +Quellen meines Lebens, beschimpfst du mich, weil ich +nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« Er schien am +Übermaß seines Hasses zu ersticken.</p> + +<p>Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine +Worte berührten sie wie stäubender Schutt und heißes +Blut, aber sie machten sie nicht einen Augenblick am +Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten +war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes +Bereich der herausgeforderten Seele, wo im Sturm der<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"></a> +Not Bedrängnis zur Erkenntnis und Zweifel zur Gewißheit +werden.</p> + +<p>»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen +deiner Hände. Du bist mir gleichgültig! Daß du nicht +stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von einer Schuld, +das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer +überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden +besudelt.«</p> + +<p>Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. +Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als +kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte +er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra +nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen +eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und +Wut der Empörung erliegt.</p> + +<p>»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein +Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos +bist du!«</p> + +<p>»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt +mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine +Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr +habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit, +wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen +mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit +gefüllt.«</p> + +<p>»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes +dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet +ist. Du weißt nicht, was du tust!«</p> + +<p>»Ich weiß es!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_221" title="221"></a>»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über +uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von +dem ab, was du tust und was du getan hast.«</p> + +<p>»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich +seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit +meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die +Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit +eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein +und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren +Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen +Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in +ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches +Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von +dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies +Haus um meinetwillen säuberst.«</p> + +<p>Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch +und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand, +seine klammernden, zuckenden Finger am Holz. +Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres +Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um +darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr +Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge +kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.</p> + +<p>»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber +dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie +ausgereckt, schrie er:</p> + +<p>»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... +Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du, +hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_222" title="222"></a>»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest +du noch werden, eine Macht zu mißbrauchen, die du nie +hast brauchen können. Meinst du, ich hätte das nicht +hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht. +Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede +Scholle auf den Äckern und jeder Baum, denn ich liebe +Wartalun. Du kannst deine Liebe verraten und verwandeln +und schänden und schwankst zwischen Totenlämpchen +und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es +nicht. Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die +eiserne Pforte vom Grabmal im Garten hinter mir +verriegeln, ehe du mich um einen Schritt aus der Heimat +des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, +wenn du es wagst!«</p> + +<p>»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine +Macht geben, dir zu weisen, wie weit deine Rechte +gehen?! Warte eine Stunde ...«</p> + +<p>»Für dich gibt es diese Macht nicht.«</p> + +<p>»Du sollst sehen!«</p> + +<p>»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu +halten, wenn ich ginge?«</p> + +<p>»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen +mich zu brauchen!«</p> + +<p>»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in +solche Not, in der ich nach diesem Mittel greifen muß, +um zu hüten, was mein ist. Hasse mich, das ist das Recht +der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung nicht. Aber +was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, +wirst du achten müssen. — Ja, so höre es heute: ich will<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"></a> +es haben. Ich will reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe +es, wer will, aber hättet ihr nur einen meiner +Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so +würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen +haben, euer Schloß und euer Gold. Aber so nicht. Ihr +habt mich dorthin gezerrt, wo solche Werte gelten, nun +fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat +nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm +auf den Wiesen verlangt, solange dies Land seinen starken +Besitzer hatte, dessen Herrensinn mir mehr bedeutete +als das Vergängliche, darin er sich bewährte. — +Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, +die dir gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen +dich auf, nicht ich.«</p> + +<p>Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, +alles Leben, jede Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, +selbst sein dumpfes Bewußtsein, daß ein richterliches +Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn zwischen +Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:</p> + +<p>»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu +können, daß es dich gab, daß du lebtest, tötetest ... +weißes Feuer du! Aus diesen nackten Fackeln kam +Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«</p> + +<p>Plötzlich schrie er laut:</p> + +<p>»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich +kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß +man mir hilft ...«</p> + +<p>Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das +Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte in<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"></a> +ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht +kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in +Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte +sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und +ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr +ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft +verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich +dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen +einflößte, ja Todesangst.</p> + +<p>Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, +ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß +erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz +niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war. +Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer +Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen +und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, +rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich +quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich +atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du +gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«</p> + +<p>Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem +besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen +lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was +ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es +in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß +eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen +Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut +seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt +von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"></a> +rankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die +hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne +niederneigen.</p> + +<p>Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das +Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern +das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den +Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen +Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis +ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre +Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres +eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher +Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, +sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig +und ungewollt erschienen:</p> + +<p>»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. +Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu +tun, was seine Pflicht ist?«</p> + +<p>Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach +diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:</p> + +<p>»Wer bestehen kann? — Wenn du bestehst, soll alles +gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«</p> + +<hr /> +<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2> + +<p>Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht +einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich +nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu +verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"></a> +jungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem +Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. +Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem +Bündel über die Schulter geworfen, und eine große +graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock +waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging, +wie er gekommen war.</p> + +<p>Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt +er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in +der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die +Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im +Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger +Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur +seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft +von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.</p> + +<p>Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen +Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte +hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem +Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es +ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen +gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im +Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen +Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein +weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den +Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden +und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit +leiden. Für ihn selbst war Wartalun +der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß +sein irdisches Los.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_227" title="227"></a>Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit +denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten +sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften +seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten +hinüberführte. Unter seinen Verführungen +erblindeten die wachsamen Augen der Seele.</p> + +<p>Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der +trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen +Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am +Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf +den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind +des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein +Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden +kurzen Tags. Die winterlich entschlafene +Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten +reglos ihrer eigenen Erlösung. —</p> + +<p>Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den +das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut +nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen +hatte, lautete:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und +über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem +jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden, +weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für +immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld +mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich +Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine +andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest mich<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"></a> +als die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.</p> + +<p>Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die +Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen +Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich +habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher +Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen +erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe +Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem +Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind. +Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung. +Ich bin</p> + +<p class="right">Benvenuto Paule.«</p> +</div> + +<p>Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen +hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem +Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt +oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten +durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das +erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als +wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben +genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit +Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen +Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich +meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du +nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«</p> + +<p>Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender +Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich +bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr, +in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig,<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"></a> +klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange +her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? +Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis +zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer +Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und +bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es +gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig +gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten? +Um was nur, um was?</p> + +<p>Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von +allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein +einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die +verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und +Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt +daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen +Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen, +unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes, +der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner +blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete +ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und +wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden, +die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres +Daseins.</p> + +<p>Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, +es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres +Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies +Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit +langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die +befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"></a> +Worten brach, die von Paule kamen und ihr galten: +»Ich liebe dich von ganzem Herzen« —?</p> + +<p>Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer +Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem +Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten +befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das +Schloß für immer zu verlassen.</p> + +<p>»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch +und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch +am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm, +sieh ...«</p> + +<p>»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt +werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie +ich, will ich es nicht mehr reiten.«</p> + +<p>Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. +Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches +Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und +doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren +letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:</p> + +<p>»Glaubst du, sie hielte nicht aus? — Ganz andere +Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten +ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt +schon wieder fort?«</p> + +<p>»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«</p> + +<p>»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«</p> + +<p>Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht +verstand.</p> + +<p>Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid +ließ die schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"></a> +empor sehen, sie hatte den einen Fuß vorgestellt, hielt +mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte gepreßt und +knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte +die Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war +lichter umher in der Welt, als der Morgen versprochen +hatte, und die Schneedecke war geschmolzen. Aber kalt +war es immer noch, der nasse, leere Park lag erstorben. +Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der +Graf Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von +Erhobenheit, Wehmut und Kraftbewußtsein. Sie starrte +hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe sie von verworrenen, +bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr +ruhiges Land zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie +denn, welch ein Vorhaben entflammte ihr Herz?</p> + +<p>»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen +hinüber, das sie einst gewesen war, bis heute.</p> + +<p>Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, +denn das Rütteln hörte auf, und nun vernahm sie +Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des Schlosses. +Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers +geöffnet waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. +Erst leise, dann heftiger. Endlich öffnete er vorsichtig, +und sie sahen sich durchs Fenster.</p> + +<p>»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte +noch, ich komme.«</p> + +<p>Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er +rasch auf sie zu, er kam aus der Küchentür.</p> + +<p>»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«</p> + +<p>Das junge Mädchen dachte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_232" title="232"></a>Und wenn ich nun Paule nicht finde?</p> + +<p>»Ja, ja«, sagte sie.</p> + +<p>»Wann kommst du, kommst du gleich?«</p> + +<p>»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«</p> + +<p>»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah +Afra angstvoll an. Sie empfand nun, daß er erregt und +traurig war.</p> + +<p>»Ich komme nicht.«</p> + +<p>»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, +denn es steht böse um ihn. Ich bin voll Angst um sein +Ergehen ... schon seit langem.«</p> + +<p>Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte +Afra und atmete auf. Da kam Martin mit Joni. Das +Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt seinen Kopf +tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze, +als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:</p> + +<p>»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst +nicht?«</p> + +<p>»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich +könnte nicht, meine Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur +dies. Und grüß ihn und wünsch ihm Lebewohl. Ich käme +nicht wieder.«</p> + +<p>»Was bedeutet das?«</p> + +<p>»Tu, was ich sage!«</p> + +<p>»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie +soll es denn werden?«</p> + +<p>Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel +für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig, +wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen,<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"></a> +wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr +unentbehrlicher war.</p> + +<p>Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick +keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein +Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem +trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er +langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, +Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte. +Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt +hallte angstvoll wider ...</p> + +<p>Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker +als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren +Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land, +das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr +geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß +ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen +wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und +Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser +Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit +ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens +bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in +ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über +den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte, +und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten +Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden +konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum +wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im +lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer +Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"></a> +Vergangenheit denken, und immer waren es solche, die +sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand, +wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt, +das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre +dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und +Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon +lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige. +Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den +Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, +weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den +schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben +und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese +Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten +sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war +keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch +dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster +drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder +rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse +Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden +Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf +einer Flucht um ihr Leben.</p> + +<p>Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende +Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den +Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne +abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der +Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im +Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie +die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der +Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einer<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"></a> +blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen +Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick +zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er +annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar +herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige +Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte +Witterung.</p> + +<p>Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.</p> + +<p>»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein +befiehlt etwas?«</p> + +<p>»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte +Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn +Grafen bei dir gewesen ist?«</p> + +<p>»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin — ja, +der Herr ist hier gewesen ...«</p> + +<p>Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, +die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und +Güte. Sie lachte beglückt auf:</p> + +<p>»Wo steckt er denn, der Prophet?«</p> + +<p>Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, +und meinte, ohne Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:</p> + +<p>»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu +lange ... Er hat sehr auf Sie gewartet, Fräulein Afra.«</p> + +<p>»Hör, woher weißt du das?«</p> + +<p>Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, +wandte sich der Landstraße zu und blickte wie suchend in +die Richtung nach Wartalun:</p> + +<p>»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"></a>Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar +Gäste der Wirtsstube angesammelt, auch an den +Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der verwitterten +Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, +und neben dem Eingang lagen leere Fässer.</p> + +<p>»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«</p> + +<p>»Ob ich will! — Gleich ist es da.«</p> + +<p>Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen +Gewohnheiten gestatteten, aber befangen blieb er doch. +Afra empfand es deutlich, es drang von den Ereignissen +in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten unter die +Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte +die Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis +sah in den unverständlichen Schicksalen das +Walten finsterer Mächte, und es war längst Gewißheit +geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse +Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft +im Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah +man im Unschuldigsten den Urheber allen Unheils. +Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen erschien +den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich +ihm um so mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in +seinen Bann geraten sei. Das Schloßgesinde erzählte +unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über das +junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt +hatte.</p> + +<p>Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als +Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht +durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen?<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"></a> +Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein +bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin +und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt +hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt +und in seinen Besitz bringen.</p> + +<p>Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar +schien? — Er schritt mit seinen versonnenen +Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im +Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie +einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen +verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus, +das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den +eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes +wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde +umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich +machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung +statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung +in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung +der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er +sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön +und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm +und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in +wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das +Wesen und die Gestalt seiner Hände.</p> + +<p>Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses +und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch +und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner +Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen +wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"></a> +aus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten +Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe, +aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen +geachtet wurden, die ihn liebten.</p> + +<hr /> + +<p>Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem +Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen, +nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren +lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich +keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen +waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen +Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert, +deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren +Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort +ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren +waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der +Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen +wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es +ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher +Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos +verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß, +lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des +Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des +Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen +Namen »Die Knickburg«.</p> + +<p>Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel +das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flache<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"></a> +Flußufer und das Silberband des Wassers hinter den +Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über +das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen. +Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er +war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines +Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer +heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer +und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die +dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig +über sich und wollte nicht glauben, wieviel +Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche +sich hinter seinem starken Willen verbarg.</p> + +<p>Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende +Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe, +eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen +sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes +nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er +so glücklich gewesen.</p> + +<p>Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß +und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen +Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen, +restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen, +wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer +grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal +der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.</p> + +<p>Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit +der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt, +das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und +ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"></a> +Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche +Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.</p> + +<p>Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl +glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der +Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches +Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten +Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit +zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus +dem ihr Blut in Strömen rann.</p> + +<p>Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe +Abendhimmel stand im Wasser des Flusses und in den +stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen Baumgruppen +unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten +Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen +aus. Vereinsamt wartete die Welt auf die kühle Nacht. +Am Horizont, im Abschiedsfrieden des winterlichen Tags, +von Licht gerändert, stand eine zerklüftete Wolke, die wie +ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen +Sonne folgte.</p> + +<hr /> +<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2> + +<p>Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen +war, schritten Afra und Paule die leere +Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der +Knickburg.</p> + +<p>Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"></a>»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? +Auch die Lichter nahen.«</p> + +<p>»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«</p> + +<p>»Aber hörst du denn nicht?«</p> + +<p>»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von +Menschen.«</p> + +<p>»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm +ihren Hut ab und schüttelte mit einem zitternden Lachen +der Ergriffenheit ihren Kopf.</p> + +<p>»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte +sie. Sie schaute sich um. Zur Rechten lag eine schwere +Mauer aus dunklen Tannen, und zur Linken hoben sich +unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen +den helleren Himmel ab.</p> + +<p>»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile +schweigenden Lauschens nachdenklich. »Ob sie uns +suchen?«</p> + +<p>»Vielleicht dich, Afra.«</p> + +<p>Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, +dann sagte sie schnell:</p> + +<p>»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde +nach Wartaheim. Es ist besser, sie finden hier nur mich.« +Dann besann sie sich plötzlich und änderte rasch ihren +Entschluß:</p> + +<p>»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. +Ich werde tun, was ich will. Wer könnte es auch sein. +Nur Helmut darf nichts ahnen, verstehst du mich, +Benvenuto?«</p> + +<p>»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_242" title="242"></a>»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir +geschehen?«</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich +an ihr Ohr. Nach einer Biegung der Landstraße kamen +die beiden Lichter heran, sie beleuchteten die Wegstrecke +zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so daß man +die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und +Wagenspuren deutlich erkannte.</p> + +<p>Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang +nicht Gesang aus dem Wagen, oder war es ein +<ins title="Wimmern?«">Wimmern?</ins></p> + +<p>»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! +Warte!«</p> + +<p>Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die +Köpfe emporgerissen, man sah deutlich, daß der Kutscher +heftig erschrak und die Zügel viel zu hart anzog. Die +Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel +des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren +Köpfen.</p> + +<p>Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen +der Stallknechte. Er riß den Hut herunter, als er sie +erblickte, und Afra bemerkte, ehe er sprach, daß sein +Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet aussah +und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach +Hilfe ausschauten. Da er dicht neben der Wagenlaterne +stand, erkannte man seinen Ausdruck deutlich, und so kam +es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:</p> + +<p>»Wohin willst du? Wen fährst du?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_243" title="243"></a>»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der +Herr ... der Herr ...«</p> + +<p>Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war +Friedels Stimme. Er schien niemand zu erkennen:</p> + +<p>»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den +Schloßwagen nicht? Haltet mich nicht auf. Marsch! +Platz!«</p> + +<p>»Warte noch«, sagte Afra ruhig.</p> + +<p>Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein +Fluch, dann machte sich von innen eine Hand in erregter +Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.</p> + +<p>»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.</p> + +<p>Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.</p> + +<p>»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.</p> + +<p>Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür +besorgt und hastig wieder und stellte sich davor auf. In +seinem Gesicht lagen höchste Anspannung, eine wilde +Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender +Aufruhr.</p> + +<p>»Ah, Afra — da bist du! So, hurra! Es lebe die +Herrin von <ins title="Wartalun!">Wartalun!«</ins></p> + +<p>»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich +die Peitsche nehmen?«</p> + +<p>»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, +daß ich vor Lachen nicht sprechen kann?! Gott bewahre +dich davor, daß du dies Lachen kennenlernst. — Wie? +Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den +Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«</p> + +<p>Da stand Afra steil vor ihm.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"></a>»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in +Wartalun geschehen? Wenn du noch ein unnötiges +Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen und +kehre mit dem Wagen um.«</p> + +<p>»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. +Man hat wohl zwei Stunden lang nach dir geschrien, +bis man an seinem Blut erstickte. Was geschehen ist?«</p> + +<p>Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, +als ränge er innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die +Sinne auslöschte. Er bewegte nur die Fäuste hin und her. +Afra sah es im rötlichen Licht der Laterne. Dann tippte +er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine linke +Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen +Keuchen:</p> + +<p>»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am +Rücken glatt heraus! Durch und durch geschossen! Alles +rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du siehst ihn +nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm +schon seine Augen zugedrückt.«</p> + +<p>Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei +Schritte. Sie stieß auf Paule.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.</p> + +<p>Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.</p> + +<p>Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß +Friedels Atem nach Wein roch und daß er betrunken +war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, wie unter +einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren +Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem +Innern etwas für alle Zeit.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_245" title="245"></a>Friedel war wieder in ihrer Nähe:</p> + +<p>»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du +Begnadete unter den Reichen. Alles, was du umher +siehst oder weißt — alles, bis an die Wälder von +Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht +dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare +Sicherheit war, daß alles dein sein sollte. Und dein +Popanz, der Martin, hat zwei Pferde zuschandengemacht, +um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du +allerlei zu danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«</p> + +<p>Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte +an, die ein wenig gefaßter wurden, jetzt, da man ihn +reden ließ und da die schlimmste Botschaft aus seinem +Herzen gestoßen war.</p> + +<p>»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine +Frage, er sagte es ruhig aus.</p> + +<p>Seine Stimme brachte Friedel auf:</p> + +<p>»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? +Nicht zwei Hemden hast du gehabt, als du dich bei uns +einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl nur zu nehmen +brauchen, was dir behagt. Oh — mir wird übel, wenn +ich an den Mutwillen Gottes und an die Willkür des +Schicksals denke. Oh, ihr ramponierten Großmäuler im +Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, nicht +wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich +in euren Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich +langsam zersetzt. Nur heraus, es ist gleichgültig, ob oben +oder unten.«</p> + +<p>»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"></a> +einen anderen, wenn du willst. Es wird dir wohl auf +zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach hart und +bestimmt.</p> + +<p>»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor +den Schlag.</p> + +<p>Afra sah hinein, über seine Schulter fort.</p> + +<p>»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst +du Martin, wo du ihm soviel Glück verdankst?«</p> + +<p>»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir +behalten. Deine Scherze laß — mir verdirbt das Herz +rasch genug.«</p> + +<p>Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:</p> + +<p>»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht +halten kann, das mir aus dem Leben bricht. Ich weiß +nicht, ob es einen Gott gibt, aber wenn, so mußt auch +du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her, +uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust +deiner teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«</p> + +<p>Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels +Arm:</p> + +<p>»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, +»du lästerst Gott.«</p> + +<p>Und er fuhr fort zu sprechen.</p> + +<p>Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich +eindringlich. Sie kam aus dem Dunkel hervor und nahm +die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre bannende +Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je +mehr er verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, +die die Gewalt dieser starken Worte mit sich brachte.<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"></a> +Der Kutscher hielt die Pferde und sah um ihre Köpfe +herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche +Gestalt des Sprechenden.</p> + +<p>»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, +der seine innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. +»Aber was sprichst du von Reichtum und Gerechtigkeit, +von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, dein kleiner +Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von +Angst um sein Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu +vergleichen, die diejenigen erleiden, die nicht die Hilfe +deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du wärest nicht +gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert +hätte.«</p> + +<p>Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile +schwieg. Niemand antwortete ihm. Aber er fand die +Besinnung nicht, um die er zu ringen schien.</p> + +<p>Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, +daß Afra mit einem raschen Schritt auf ihn zutrat und +ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.</p> + +<p>»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? +Kein Wort darfst du mehr von diesen Dingen sprechen.«</p> + +<p>Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er +atmete tief und schwer, und seine großen Augen, dunkel +in ihrem Schatten, schienen nichts zu sehen von allem, +was um ihn her vorging, noch wo er sich befand.</p> + +<p>Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin +und her und suchte mit der Hand in der dunklen Luft.</p> + +<p>»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was +mit uns geschehen wird? Dies alles ist unwahr. Wohin<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"></a> +bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! Laßt mir doch +mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger +Himmel? Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher +liegen Tote ...«</p> + +<p>»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.</p> + +<p>Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte +sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als +Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies, +den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die +Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes +Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und +dem nassen Erdboden.</p> + +<p>»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und +verklang in Finsternis.</p> + +<hr /> + +<p>Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann +es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog. +Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon +durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des +Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt +hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein +Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang +des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden +hatte.</p> + +<p>Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner +durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter +fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem +sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"></a> +weißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen +Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider +in sanfte Schatten bettete.</p> + +<p>Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in +den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim +und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften +gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der +Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen +beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem +Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter +den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter +von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So +mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden +haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel +auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, +ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen +Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt +hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof +kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.</p> + +<p>Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer +in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den +Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle +und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit +langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen +Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten +Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden +Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise +vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der +nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"></a> +jene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus +dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre +vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter +den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.</p> + +<p>Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. +Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und +krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten +Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten +Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des +Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.</p> + +<p>Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, +beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines +Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke +zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen +Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, +weithin, weit fort über verödete Steppen und braches +Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten +Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und +kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter +Menschenseelen.</p> + +<p>»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause +sollte wissen, wo sie war.</p> + +<p>Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten +kam ein schwaches Lächeln auf seinen schlafenden +Mund. Afra sah in tiefem Erstaunen in sein Angesicht, +in diese Züge, die sie zum erstenmal in voller Ruhe +erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit +darin, die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare +Freude eines Menschen, der zuversichtlich auf dem<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"></a> +Heimweg war. Sie hatte nicht einen Augenblick das +Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als +sei er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, +und für alle Zeit, um dieses Lächelns willen, das ihr über +die armselige Torheit der Geängstigten und über die +starräugige Allgewalt des Todes zu triumphieren schien.</p> + +<p>Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der +Liebe, schlief Helmuts gescholtener Leib sein letztes Mal +im Schein des täglichen Lichts über der Erde. Auch zu +ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers +die Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die +Luft, die kein Atemzug mehr bewegte, über der vollkommenen +Stille, die von seinem wächsernen Angesicht +ausging.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN *** + +***** This file should be named 38650-h.htm or 38650-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/6/5/38650/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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