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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels</title>
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wartalun
+ Der Niedergang eines Geschlechts
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
+Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
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+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+<p class="mynote">
+Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen
+wie »stehen«&nbsp;: »stehn« sind ungeändert.<br />Die Kapitelübersicht wurde
+der HTML-Version des eBooks hinzugefügt.</p>
+
+<h1>Wartalun</h1>
+
+<p class="subtitle">Der Niedergang eines Geschlechts</p>
+
+<p class="author">Roman</p>
+<p class="author">von</p>
+<p class="author">Waldemar Bonsels</p>
+
+<div class="figcenter">
+ <img src="images/vignette.png" width="75" height="82" alt="vignette" />
+</div>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Im Verlag Ullstein · Berlin<br /><br /></p>
+
+<p class="center">Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.<br />
+Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br />
+Copyright 1917 by Schuster &amp; Loeffler, Berlin<br /><br /><br /></p>
+
+<p class="subtitle">Kapitelfolge</p>
+
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+ <tbody>
+ <tr>
+ <th></th>
+ <th>Seite</th>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Erstes_Kapitel"><b>Erstes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">5</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zweites_Kapitel"><b>Zweites Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">12</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Drittes_Kapitel"><b>Drittes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">33</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Viertes_Kapitel"><b>Viertes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">48</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Funftes_Kapitel"><b>Fünftes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">59</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Sechstes_Kapitel"><b>Sechstes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">70</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Siebentes_Kapitel"><b>Siebentes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">85</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Achtes_Kapitel"><b>Achtes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">97</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Neuntes_Kapitel"><b>Neuntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">112</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zehntes_Kapitel"><b>Zehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">127</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Elftes_Kapitel"><b>Elftes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">142</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zwolftes_Kapitel"><b>Zwölftes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">153</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Dreizehntes_Kapitel"><b>Dreizehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">174</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Vierzehntes_Kapitel"><b>Vierzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">195</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Funfzehntes_Kapitel"><b>Fünfzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">208</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Sechzehntes_Kapitel"><b>Sechzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">225</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Siebzehntes_Kapitel"><b>Siebzehntes Kapitel</b></a></td>
+ <td class="number">240</td>
+ </tr>
+ </tbody>
+</table>
+
+<hr />
+<h2> <a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</a></h2>
+
+<p>Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr
+bewegte sich im tiefblauen Himmel eine große rote
+Mohnblüte, nur ein klein wenig und so feierlich, wie es
+zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
+wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken
+von der Wärme und vom Licht, und sein Schatten
+huschte über das helle Kleid des jungen Mädchens.
+Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit
+blauen hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie
+sacht ein wenig nieder und spendete der ruhenden Stirn
+und den grauen Augen unter sich Schatten.</p>
+
+<p>Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen
+Licht und der willkommenen Müdigkeit des Sommermittags
+kamen, sie dachte in bitterer Betrübnis daran,
+daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit
+ihm eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter
+Verhältnisse für sie und für ihren Vater vergangen
+war. Es war alles ungewiß geworden. Es machte mißmutig,
+nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
+welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den
+Veränderungen erwachsen würden, und die neue Herrschaft
+nicht zu kennen, die erwartet wurde.</p>
+<p>Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"></a>
+Sommerwind schaukelte, hob langsam ihre braune Hand
+zu ihr empor, knickte gedankenlos den grünen Stiel mit
+seinen winzigen hellen Härchen und entblätterte über
+ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
+Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und
+Feuer in der zornigen Sonne liegen.</p>
+
+<p>Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um
+den Vogel am Himmel zu finden, da sah sie zwischen den
+Ähren fern die grauen Schloßtürme von Wartalun aus
+den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere
+das seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im
+Wappen des Geschlechts zu finden war.</p>
+
+<p>War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange
+sie zurückdenken konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern
+sollte, lernte sie erkennen, daß sie alles allein der Güte
+des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser Reichtum
+ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war.
+Der Gedanke quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es
+Mächte gab, die ihr diese Schätze rauben konnten, ohne
+sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als wäre nicht mehr,
+was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.</p>
+
+<p>Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu
+sehen, jetzt gleich, in diesem Augenblick, in dem sie litt.
+Daß sein Kommen erst mit dem Abend erwartet wurde,
+ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht zeigen
+wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß
+der Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte
+hinterlassen können, war ihr zuwider. Vielleicht das
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a>Forsthaus mit dem Buchenhain oder Wendalen mit
+seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt:
+er hat niemand so geliebt wie dich.</p>
+
+<p>Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An
+den scheidenden Winter und den kommenden Frühling
+mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug in das
+ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen
+wie mit den schimmernden Wogen eines leuchtenden
+Meeres überzogen hatte. Das war die letzte
+Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse
+des Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl
+gelehnt, über seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen,
+daß es sein letzter war. Der Wind vom Garten war warm
+und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
+eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende
+im Gedächtnis geblieben, an denen sie ihm zur
+eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte vorlesen
+müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß
+sie warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:</p>
+
+<p>»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«</p>
+
+<p>Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies
+wünschte.</p>
+
+<p>Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte,
+und hielt inne. Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu
+enttäuschen. Seine Bewegung quälte sie, und vorsichtig
+senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er von ihr
+erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen
+Tauben zu erzählen, die in den großen Wandteppich
+gewoben waren, gegen einen verblaßten blauen Himmel,
+in den die Zinnen einer alten Stadt ragten, aus deren
+
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a>
+
+Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren
+aus erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten
+nicht mehr. Wollte er, daß sie die Tränen vergaß, die sie
+bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete es und fragte ihn,
+weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
+einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:</p>
+
+<p>»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last,
+und weil ich die Bewegungen deiner Lippen sah und den
+Schein des Feuers in deinem hellen Haar. Und weil ich
+die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
+Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine
+Knie und die Füße am Saum deines Kleides. Du hast
+mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum daß du gehen
+konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten
+gebracht, die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag
+bin ich dir begegnet wie dem Licht der Sonne, dem niemand
+entgeht, der atmet, aber ich bin niemals deinem
+Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du
+mich gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber
+jede Liebe, die dir in deinem Leben begegnet, wird sie
+aufheben und bewahren und zu Gott bringen, zu dem
+ich gehe.«</p>
+
+<p>Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er
+meinen könnte, und sich gefragt, ob sie ihm Anlaß
+gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu sein. Aber im
+Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
+war und daß der unerfüllte Wunsch, den er
+ausgesprochen hatte, nicht zu jenen gehörte, die sie
+erfüllen konnte. &mdash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran,
+und sie hörte ein Pferd schnauben. Das rief sie aus ihren
+Erinnerungen in den hellen Tag zurück. Sie nahm ihren
+Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
+damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er
+saß zu hoch auf seinem Heufuder, reckte den Hals nach
+ihr, lachte, als er sie erkannte, und hielt die Pferde an.</p>
+
+<p>Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten,
+daß Afra nicht hochmütig war.</p>
+
+<p>»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und
+die Kornähren mit der Hand zur Seite bog. »Ist es
+erlaubt, einzutreten?«</p>
+
+<p>Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.</p>
+
+<p>Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut
+von der heißen Stirn und lächelte.</p>
+
+<p>»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«</p>
+
+<p>»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit
+forschenden Augen hinzu:</p>
+
+<p>»Heute abend ...?«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als
+empfinge er eine betrübliche Nachricht, »heute abend
+kommen sie.«</p>
+
+<p>Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit
+an, wie Martin sich den neuen Herrn vorstellte.</p>
+
+<p>Plötzlich unterbrach sie ihn:</p>
+
+<p>»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«</p>
+
+<p>»Weißt du es besser?«</p>
+
+<p>»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken
+so, wie ihr ihn euch zu eurem Vorteil wünscht. Der Vater<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a>
+meint, daß er eine Vorliebe für neue Treibhäuser habe
+und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
+von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und
+der Förster weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der
+Kugel treffen kann.«</p>
+
+<p>»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man
+könnte glauben, daß es so im Katechismus steht.«</p>
+
+<p>»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich,
+»aber wenn man sich langweilt ... man sollte sich nie
+langweilen.«</p>
+
+<p>Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr
+die roten Kugeln dar, die an dünnen Stielen zwischen
+seinen Fingern hingen, aber sie kehrte seine Hand um,
+öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
+schob sie seine Hand zurück.</p>
+
+<p>»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es,
+was ich von ihm weiß. Und noch eins: er wird mich
+sehen.« Sie ließ langsam die Blicke über den jungen
+Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
+lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen
+wollen. Man durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich
+zu behalten, was man wußte. Irgend etwas im Schatten
+seiner Augen und um seinen unbewachten Mund verlockte
+sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen
+zu lassen. Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was
+ich will.</p>
+
+<p>Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen
+und Mißstimmung zugleich. Es mochte daher
+kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt gewesen<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a>
+war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie
+nun zu seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens
+für einige Zeit, für diese Tage der Ungewißheit und des
+bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den meisten der
+anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
+werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit
+dem märchenhaften Zauberglanz von Macht und Reichtum,
+den die Liebe des alten Mannes um sie gewoben
+hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
+sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf
+dem er lag, und sein eigenes Geschick in die Hände
+gegeben waren, die er neben sich sah, wie sie das blaue
+Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte
+auch, daß er diese Hand dort dicht neben der seinen
+ergreifen konnte, ohne daß Afra ihn daran hindern
+würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
+empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig,
+sein Wunsch, dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...</p>
+
+<p>Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen
+Qual zu befreien. Was würde geschehen?</p>
+
+<p>»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«,
+sagte Afra, »ich habe genommen, welches ich wollte.
+Würdest du um eines bitten, wenn alle dir erreichbar
+wären?«</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der
+ihren, »du konntest tun, was du wolltest. Der neue
+Herr ...«</p>
+
+<p>»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob
+sich, so daß sie im Korn saß, ordnete an ihrem Haar,<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a>
+das im Sonnenschein heller leuchtete als die goldenen
+Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.</p>
+
+<p>»Fährst du mit?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine
+Schulter, mit raschem weichem Fuß, dessen Druck er erst
+zu verspüren glaubte, als sie bereits hoch im Heu saß
+und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm hinunterlachte.</p>
+
+<p>»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über
+ihm, und so schritt er neben dem Wagen dahin und rief
+den Pferden laute Worte zu.</p>
+
+<p>Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte
+das Kinn in beide Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins
+Heu gruben, und blinzelte in den Sonnenschein hinaus.
+Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in einem
+feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu
+ihm zu heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei
+er ihr Ziel, während der Wagen sie langsam, eingehüllt
+in den Duft welken Grases und vergangener Blumen,
+auf Wartalun zuschaukelte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+<p>Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof,
+Hundebellen, Stimmen und das Knarren eines
+Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof
+her durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein,
+wanderte an der Zimmerdecke und huschte rasch und<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a>
+ängstlich über die Gegenstände des Raums. Sie erhob
+sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
+des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres
+Vaters bezogen, der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude
+eine Wohnung innehatte. Sie hatte nicht
+gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
+gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen
+und beinahe rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man
+sich unterfangen würde, ihr ihre alten Rechte streitig zu
+machen, aber niemals hätte sie ertragen können, aus
+dem Hause gewiesen zu werden.</p>
+
+<p>Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft
+zog süß und schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden
+Äste des uralten Baumes, der fast den ganzen Schloßhof
+beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie erkannte
+nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
+weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig
+ergebene Antworten auf ihre unverständlichen Fragen
+oder Befehle. Dann wurden im Schloß die Fenster hell,
+erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so
+daß sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah,
+endlich im Zimmer des alten Herrn und zuletzt sogar im
+Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel mit ihren geschnitzten
+Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.</p>
+
+<p>Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder
+dunkel, nur im Treppenhaus glommen noch Lichter, und
+die Hunde kamen nicht zur Ruhe. Sie sah noch Melchior,
+den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
+niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a>
+hörte, ob er sie beruhigen müsse; aber er ließ es und
+verschwand in der Dunkelheit mit dem letzten Licht. Afra
+dachte an die beunruhigten Hunde, die alle an den
+Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert
+und sie oft auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war
+gewiß nicht dieser Gedanke, der sie so tief bewegte, aber
+plötzlich warf sie den Kopf hart auf die Bank des
+offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen
+Schluchzen. Ihr war, als seien Räuber in das Schloß
+eingedrungen. Schliefen denn umher alle diese Geduldigen,
+war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, der
+vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch
+auf Afra wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu
+teilen. Zu teilen? Ein kalter Zorn ließ sie auffahren.
+Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, als müsse sie
+aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
+Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße,
+die zur Begräbnisstatt des toten Herrn führte.
+Sie sah den eisernen Sarg mit seinem einen Kranz aus
+Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte winden
+müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte
+ihn für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie
+sah sich an dem kalten schweren Eisen rütteln: Wach auf,
+du, mit deiner Liebe zu mir, sie stehlen dein Schloß, deine
+Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit Füßen der
+Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.</p>
+
+<p>Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in
+der Nacht, in der auch der Tote schlief. Je mehr Afra
+sich vergegenwärtigte, was dieser Todesschlaf bedeutete,<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a>
+um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende junge
+Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte
+und daß sie stark und jung und schön war. Ihr war, als
+sei ihr Verhältnis zu dem Toten, das er einst in bebender
+Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles deutlicher und
+gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles benachteiligter
+als sie?</p>
+
+<p>Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal
+die letzten Wochen, die sie mit ihm durchlebt hatte, auf
+alle seine Aussagen hin, forschte eifrig nach dem Sinn
+seiner traurigen Worte, die sie damals kaum beachtet
+hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
+für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah
+seinen weißen Bart dicht vor sich, fühlte seine Greisenhände
+auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, sagte er.
+Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich
+reich gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen
+können?«</p>
+
+<p>Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?</p>
+
+<p>Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das
+war schon im Traum. Sie saß in ihrem Kleid aus hellem
+Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt das Schloß,
+lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
+gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie
+in ihrem Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder
+streuten Blumen. So hatte sie es einst gesehen, als sie
+den Grafen an seinem letzten Namenstag hinausbegleitet
+hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
+lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg,<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a>
+hatte er lange in ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß
+erhoben vom Glück des Tags und übermütig beseligt
+gelächelt hatte. &mdash;</p>
+
+<p>Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der
+junge Tag erhob in kühlem Wehen sein lichtes, blaues
+Leben, in dem alles in tiefer Stille auf die aufgehende
+Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
+waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in
+einer ganz neuen, zitternden Seligkeit an ihrem jungen
+Dasein langsam begann, sich an den weit offenen
+Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und
+alle Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies
+war die liebste Stunde ihres Tags, in der niemand ihren
+erwachten Sinnen etwas streitig machte, in der ihr alles
+zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
+schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof,
+auf dem noch nichts sich regte, nur vor den Starenkästen
+am Lindenstamm saßen schon die Alten, zum ersten Ausflug
+gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen der
+Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum
+vernehmbare Flüstern der Blätter mischten. Die Tore
+des Hofes waren noch geschlossen. Die breiten Laubgänge
+des Efeus sahen wie dunkle Verkleidungen am
+Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
+die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war
+beinahe ein wenig eng, dieser Hof, aber seine hohe
+Eingeschlossenheit und seine Schatten von den Wänden
+des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
+Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a>
+die Zinnen der Mauern in dieser Stille in das Bereich
+alter Märchen gerückt wurde.</p>
+
+<p>Afras blondes Haar war so schwer und weich wie
+alte Seide. In der Ahnengalerie des Herrenhauses,
+dicht unter der getäfelten Decke hing das Bildnis einer
+jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
+hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer
+und Asche, der sich, ins Licht getaucht, in ein beinahe
+farbloses Gold verwandeln konnte und der aus Stirn
+und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte,
+wo der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig
+versunkenen Blick der längst Verstorbenen haßte Afra,
+wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, dessen Trotz ihr
+töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
+Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da
+niemand ihr noch gesagt hatte, welch betörender Zauber
+voll Lebenssüßigkeit und Daseinswonnen sich in seiner
+ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie ihn beinahe
+gering, diesen großen Mund.</p>
+
+<p>Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über
+den Hof ging, ihr Schritt hallte von den Steinwänden
+wider. Sie klopfte an Martins Kammerfenster neben
+dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. Er
+solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst
+besorgen; aber er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das
+Pferd zu satteln, und murmelte schlaftrunken allerhand
+von seinen Aussichten, sich noch einmal niederlegen zu
+können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen Herrschaft
+zu fragen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr
+diese Teilnahme schuldig zu sein.</p>
+
+<p>»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.</p>
+
+<p>Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«,
+tadelte sie nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend
+und am Platze. Sie wollte noch, daß er die
+Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, deren
+Ketten sie hörte.</p>
+
+<p>Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie
+die Landstraße entlang steil und fest zu Pferde, vom
+Bellen der Hunde wie von ergebenem Beifall geleitet,
+dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame heiße
+Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra,
+war das Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben
+in den angebauten Wirtschaftsgebäuden hinter den
+Birken der Landstraße sah er die ersten Tagelöhner, eine
+Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein ereignisreicher
+Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn
+zu verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles
+klar zu werden.</p>
+
+<p>Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl
+und ohne Kraft, über die Dächer der Kornschuppen von
+Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie hatte sich auf
+den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
+hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum
+erblühten Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen,
+wie ihr suchender Fuß Schritt für Schritt die
+silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
+brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a>
+wachten alle Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als
+zerstörten sie ihr ganz langsam ihre Kraft. Denn Afra
+war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie sie
+nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit,
+sich bewähren zu müssen, fand sie stark.</p>
+
+<p>Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie
+seine Herrin, die immer um einen Schritt voraus war
+und die Zügel nachhängen ließ. So schritten sie gegen den
+großen Horizont des ebenen Landes über den roten
+Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die
+schwarzen Schnauzen am Boden, in weitem Bogen
+voraus, scheuchten Wildenten aus den Moortümpeln
+auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon
+nahe am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras
+leisen Pfiff wandten sie, wie von unsichtbaren Fäusten
+zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie hingen
+in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer
+mit mehr Zeit und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.</p>
+
+<p>Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie
+grüßten, besann sie sich darauf, was sie als Grund für
+ihr Kommen angeben sollte. Man würde sie nach der
+neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
+schon unterwegs nach Wartalun. &mdash;</p>
+
+<p>Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer
+uneingestandenen Furcht vor einem Verrat der Ängste
+ihrer Seele begrüßte sie ihn hochmütig und ohne den
+Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, aber
+sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a>
+Zimmer ein Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die
+Tücke und Unterwürfigkeit dieses arbeitsamen und wohlgeschickten
+Mannes, die sie bislang mit kaum amüsierter
+Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute hassenswert.
+Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
+Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung
+mit großer Höflichkeit zu beantworten, die
+schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen sie
+gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die
+Würfel gefallen seien und daß, was die einen hofften, die
+anderen fürchteten, Wahrheit geworden sei, daß sie nach
+dem Willen des Verstorbenen Herrin von Wartalun
+geworden war.</p>
+
+<p>Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte
+Täuschung ihr eintrug, wurde rasch zu unbezähmbarer
+Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem und geheimnisvollem
+Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der
+ihr zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich
+verachtete sie sich in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung
+zu ändern, nickte sie kühl und hastig, nahm umständlich
+das Pferd herum und pfiff den Hunden.</p>
+
+<p>»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe
+traurig wirkte. Draußen empfing die frohe Sonne sie,
+wogende Felder und bald wieder die Melancholie und
+Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
+Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre
+Hoffnung Gewißheit geworden war, als hätte sie ihrem
+zögernden Schicksal Gewalt angetan.</p>
+
+<p>»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a>
+mein ist«, rief sie laut. Dann war ihr, als müßte sie
+weinen, und ihre aufsteigende Qual beantwortete sie mit
+einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen weichen,
+unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch
+zur Anmut ihrer freien Haltung stand.</p>
+
+<p>Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe
+Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben,
+alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes,
+den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
+Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und
+sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren
+braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als
+schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des
+Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen
+Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art
+zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück
+und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die
+Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch
+an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als
+weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht
+des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr
+blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
+Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser
+blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes
+Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von
+Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale
+Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf;
+solche Hände wünschte sie sich ...</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a>
+er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von
+hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«</p>
+
+<p>»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das
+Vorwerk Wendalen.«</p>
+
+<p>»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«</p>
+
+<p>Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte,
+schaute über Land, als erwöge sie ernstlich die Antwort,
+um sie treffend geben zu können. Ihre Art der Herablassung
+war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
+überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß,
+was er wissen wollte, und sah sie bewundernd an.</p>
+
+<p>»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem
+Pferde gebraucht, aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden
+zwei Stunden brauchen an einem Tage wie heute. Und
+der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich
+bei solcher Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe
+nicht gewußt, wie weit es ist, es hätte mich sehr interessiert,
+da ich diese Frühmorgenstunde nicht besser
+zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch
+alle.«</p>
+
+<p>Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es
+wirkte auf ihn wie Sonnenschein im Frühling und wie
+der traurige Gedanke an einen frühen Tod.</p>
+
+<p>»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt?
+Kehren Sie denn jetzt um?«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine
+heiße Freude am Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut
+klopfen ließ; sie sprang vom Pferde, und in der überwindenden<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a>
+Unbefangenheit, die ihr Wesen auszeichnete,
+sagte sie:</p>
+
+<p>»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein
+wenig ledig dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf
+das Pferd und sagte: »Das ist Joni.«</p>
+
+<p>»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges
+Fräulein, gewiß, um mich daran zu erinnern, daß ich
+Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, ohne
+Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«</p>
+
+<p>Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen,
+den sie kaum zu verstehen für nötig hielt, und verbeugte
+sich dabei, nicht ganz in der üblichen Richtung und auf
+eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.</p>
+
+<p>»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir
+die Ehre zu erweisen, zu sagen, wer Sie sind?«</p>
+
+<p>Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun,
+wartete, bis er ihren Blick sah, und meinte:</p>
+
+<p>»Tut es etwas zur Sache?«</p>
+
+<p>Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen,
+darüber nachzudenken, daß dies wenig höflich sei, und
+sagte rasch:</p>
+
+<p>»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war
+sicherlich recht töricht. Der Vorzug Ihrer freundlichen
+Begleitung sollte mir genug sein, und er ist es, sicherlich,
+mein gnädiges Fräulein.«</p>
+
+<p>Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein
+wie ihr Recht, obgleich sie ihn beneidete.</p>
+
+<p>»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie,
+und was an ihrer Frage hätte Neugierde sein können,<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a>
+wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie eine kindliche
+Bitte.</p>
+
+<p>»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und
+eigentlich schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe
+zufällig gekommen; es ergeht mir oft so, daß mir
+eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe schenkt.«</p>
+
+<p>»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr
+Lächeln eine neckische Bewunderung. »Das klingt ja fast,
+als wollten Sie mir sagen, daß Sie den Schloßherrn
+von Wartalun persönlich kennten.«</p>
+
+<p>»Ich vermute, daß ich es <em>bin</em>«, antwortete er bescheiden.</p>
+
+<p>Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand
+bebten, daß ihr Schritt wankte und ihr Angesicht sich
+langsam in jäher Erstarrung mit tödlicher Blässe überzog,
+fuhr er fort:</p>
+
+<p>»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen,
+und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde
+mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von
+Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein
+gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt,
+und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns
+erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters
+entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein
+Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die
+große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die
+letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte
+unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung
+des alten Herrn.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf
+seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung
+zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte,
+empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
+sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte,
+nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der
+Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das
+hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach
+und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
+erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte
+er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er
+wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich
+darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung
+gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige
+und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich
+Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem
+Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft
+war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das
+Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte,
+dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem
+raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das
+herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger
+Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
+dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und
+grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte
+seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung
+hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen.
+Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr
+in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a>
+sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten
+hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und
+lächelte.</p>
+
+<p>Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.</p>
+
+<p>»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«,
+sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie,
+und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so
+selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist,
+ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«</p>
+
+<p>Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem
+Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung,
+die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig
+sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte
+Bestätigung seiner Befürchtung aus.</p>
+
+<p>Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag
+am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied
+es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in
+diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich
+erschien.</p>
+
+<p>»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale
+Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich
+habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil
+seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit
+ist eine Freude für mich.«</p>
+
+<p>Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von
+denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn
+bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort,
+es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
+fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a>
+es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen
+Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar
+mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran
+verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann
+wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn
+lustig.</p>
+
+<p>Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah,
+erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel
+Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem
+Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
+seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen
+und fast ergebungsvoll diesen Wandel in
+seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in
+eine ganz neue Welt hinnahm.</p>
+
+<p>»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und
+aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er
+stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß
+ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte
+sagen wollen.</p>
+
+<p>»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst
+daran, daß er nach diesen Worten unbefangen zu
+sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm damit aus seiner
+Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
+mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das
+Leben schön. Ich habe wie ein Kind gespielt und geschlafen.
+Ihr war, als liebte sie diesen Mann neben sich,
+weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, neue
+Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren
+und zu erproben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr
+Haar. Ihre Lippen bekamen etwas von jenem irdischen
+Daseinslicht, das zuweilen die Lippen junger Frauen
+umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
+schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut
+ihres Leibes in die Lippen emporsteigt, als blühten
+wieder die Reben ...</p>
+
+<p>Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend
+aus sich, seinen freundlichen Worten folgen:</p>
+
+<p>»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte
+mir zufallen«, sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft,
+mich ihrer zu freuen. Ich war ganz mit meinen Studien
+ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im Auge, als ihre
+Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
+Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt.
+Ich trage schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit,
+nehme es auch vielleicht mit der eigenen Innenwelt und
+mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein wenig zu
+schwer ...«</p>
+
+<p>Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu
+vergessen, vor wem er sprach. Ihm war, als spräche er
+vor sich hin, wie er gewohnt war, es oft auf einsamen
+Spaziergängen zu tun.</p>
+
+<p>»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich
+unser neues Eigentum selbst verwalten sollte. Ihr war
+es seit langem ein lieber Wunsch, die Stadt zu verlassen,
+die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich hat sie
+wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für
+mich Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a>
+mehr ich beginne, langsam die ganze Größe dieses
+Besitzes zu ermessen, alle Pflichten einzusehen, die sich
+mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
+mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben,
+ging aber gleich auf ihre Frage ein.</p>
+
+<p>»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre
+mit einem jungen Ding, zu dem er eine große Vorliebe
+gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur ihren Vornamen,
+mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
+berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein
+seltsam unverständlicher und außerordentlich altväterisch
+verfaßter Brief ist vor dem Testament in meine Hände
+gelangt. Er wirkt eher wie eine philosophische Lebensbetrachtung
+als wie das rechtsgültige Dokument einer
+letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht
+eröffnet werden können, da ich noch Papiere beizubringen
+habe. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen.«</p>
+
+<p>»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte
+Afra.</p>
+
+<p>»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«</p>
+
+<p>»Und der Brief?«</p>
+
+<p>Er sah sie an.</p>
+
+<p>»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra.</p>
+
+<p>»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber
+zweifellos ein Mann von hochherzigem Charakter und
+voller vergrübelter und verschlossener Werte. Über die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a>
+Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht
+viel hervor, da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen
+wird, was er von ihr hielt, was der Alternde in sie
+hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in Einzelheiten
+unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch
+sicherlich zu Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten
+sagen, war ebenso unverständlich wie mysteriös.
+Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«</p>
+
+<p>Er lächelte vor sich hin.</p>
+
+<p>»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«</p>
+
+<p>Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie
+erstaunt an. Ihre Augen glänzten hart und einsam und
+wiesen ihn ab.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen
+berühre, aber seien Sie versichert, die Beziehungen
+des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, daß
+sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte,
+verstehen Sie nicht falsch, was Sie zweifellos nur
+aus dem Klatsch Urteilsloser oder Neidischer gehört
+haben.«</p>
+
+<p>Sie antwortete kalt:</p>
+
+<p>»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht
+haben.« Und hingerissen von einer plötzlichen Erbitterung,
+die sie alles vergessen ließ, fuhr sie fort: »Sprechen
+Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem &gt;jungen
+Ding&lt;, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von
+seinem Wert, ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen
+äußeren Gütern genügen ...«</p>
+
+<p>Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a>
+Worte. Sie suchte nach einem Halt. Es bot sich ihr
+nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf sie stürmisch
+den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte,
+am ganzen Körper bebend und von Scham, Wut und
+Bewegung geschüttelt, ohne Halt und so friedlos und
+aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute
+war, als sei durch kein Heil von Menschenkraft je
+wieder etwas an diesem Unverständlichen gutzumachen,
+das sein ahnungsloses Herz an diesem Sommermorgen
+angerichtet hatte.</p>
+
+<p>Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum
+bemühte, das junge Mädchen zu beruhigen und den
+Grund ihres Leids zu erfahren, während er eine ungeordnete
+Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte
+stammelte und sogar wagte, ihre Schulter mit seiner
+Hand zu berühren, dachte Afra mitten im Sturm ihrer
+aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:</p>
+
+<p>War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war
+klug, und für ihn und für meine Stellung zu ihm war es
+zweifellos so richtig. Sie wußte nicht weshalb, wußte
+nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
+dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen
+Wunsch, die Schmach vor ihr abzudienen, in die er sie
+gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, rührte sich nicht
+und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
+lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des
+neuen Gefühls, von dem er nichts ahnte. Einmal, als
+das Pferd den Kopf senkte und hob, stieß ihre Schulter
+härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a>
+zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht
+hätte.</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort
+zurück.</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie &mdash; verzeihen Sie
+mir«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich weiß in der Tat
+nicht, was ich verfehlt habe und wie ich es gutmachen
+kann.«</p>
+
+<p>»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen.
+Sie senkte den Blick nicht, als sei ihr alles
+unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren Worten zu
+erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf
+ihn wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich
+kann mich jetzt unmöglich so gelassen zeigen, wie mir
+zumute ist, es würde die Hälfte dessen zerstören, was ich
+erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr verzweifelt.
+Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut
+und für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und
+mühsam mit den äußeren Erscheinungen des Lebens
+abzufinden wußte und mit den Frauen noch um vieles
+schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht
+traurig zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr
+sprach, gefaßter, ernst und sehr würdevoll, mußte sie
+hinter ihren Händen, die sie vor ihr Gesicht geschlagen
+hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
+ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was
+geschehen war, hatte sie nichts berechnet. Wenn er jetzt
+sähe, wie ich empfinde, so würde er mich verachten,
+dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn ein<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a>
+
+wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er
+nicht empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie
+verstehen würde.</p>
+
+<p>Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+<p>Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu
+erreicht hatten, erschien es dem Mädchen, als sei
+es nicht gut, sich nun schon zu trennen, denn alles, was
+noch an Worten gefallen war, befriedigte sie nicht und
+ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
+Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses
+enttäuschten. Irgend etwas mußte bestimmter
+geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr war, als müßte
+er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
+haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute,
+weil sie ihr neu war. Gewiß, sie war ungeduldig,
+aber es lag in ihrer Art, sich eher mit einer geringen
+Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
+Aussicht.</p>
+
+<p>Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht
+oft in seinem Leben. Aber viel mehr als die Geschehnisse
+und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst auf ihn. Er
+wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
+fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie
+über alles gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und
+fesselte. Wenn er versuchte, sie sich vorzustellen, so war<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a>
+sein Eindruck zuerst der einer ganz eigenartig klar geschiedenen
+farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
+die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ...
+alles erschien ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen
+und eindringlichen Gesondertheit wie
+die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
+Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden
+Nuancen suchten, sondern die den Mittelton
+fanden und gaben, klar und wie in unfehlbarer Gewißheit,
+daß er alles Leben und alle Vielgestalt des Lichts
+dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene
+und geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im
+Grunde ihr Wesen doch allein durch das Leben ihrer
+schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen erschienen
+ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst,
+in ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der
+Natur auf einen Menschen wirken können. Diese Kühnheit,
+die ohne einen Schein von <ins title="Frechheit, doch">Frechheit doch</ins> so herausfordernd
+und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll
+und voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich.
+Er kannte diesen Blick bei Kindern, deren Gedanken
+vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
+während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten
+der Alten lauschen, die sie noch nicht verstehen können.
+Kinder, deren Menschentum in seiner seligen Beschränkung
+der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so
+weit überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides
+in einem Herzen zu wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete
+den Mann an ihrer Seite, der mit gesenktem Haupt
+neben ihr dahinschritt und dem sie deutlich anmerkte,
+daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
+als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte.
+Erst als er, beinahe wie aufgeschreckt durch ihr
+leises Lachen, rasch den Kopf hob, besann er sich darauf,
+daß die Interessen der jungen Dame an seiner Seite wohl
+kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte
+ihre Lage und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.</p>
+
+<p>»Warum lachen Sie denn?« fragte er.</p>
+
+<p>»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.</p>
+
+<p>Nun lächelte er.</p>
+
+<p>»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so
+dachte ich mehr an Ihre Person als an Ihre Lage, und
+letztere sollte mir doch eigentlich aus vielen Gründen am
+Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht ganz
+leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor
+kurzem eine Kränkung ausgesprochen habe statt des
+Danks, den ich Ihnen schulde. So viel weiß ich wohl
+aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine Erfahrung
+von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung
+des Schlosses und aller Güter bisher beinahe ganz
+in Ihren Händen gelegen hat. Sie waren die Vertraute
+des alten Herrn und sind sicher in alle Notwendigkeiten
+und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
+als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine
+Bitte geht nun darauf hin, ob Sie uns die Liebe erweisen
+wollen, es in Ihrer Stellung zu allem und zu uns<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a>
+beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als
+Sie leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle
+keinen Augenblick daran, daß einzig die Neigung des
+Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu ihm Sie hier
+gehalten hat ...«</p>
+
+<p>Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an.
+Mochte es sein, weil dem Namen Erwähnung getan
+war, Afra mußte an den Toten denken, der sie geliebt
+hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er
+alle seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende.
+Es quälte und beglückte sie zugleich. Sie
+schritt mit gesenktem Haupt dahin, das Angebot erschien
+ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig geschehen
+konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd.
+Mochte er denken, sie sei undankbar, es war immer noch
+besser, als daß sie sich ihm durch Dankesworte für verpflichtet
+erklärte.</p>
+
+<p>Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin
+und Holundersträucher drängten über die blühenden
+Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch dieses
+verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch,
+so blinkte hinter dem Grün die schwermütige Farbe des
+toten Grabenwassers, das an drei Seiten die Schloßmauern
+umzog und tief im Park einen ruhigen See
+bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank
+im Schatten eines verwilderten Apfelbaums. Afra
+blieb stehen. Er verstand sie und lud ein, ein wenig zu
+rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
+Büschel Zweige.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich
+ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus
+den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.</p>
+
+<p>»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer
+kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder
+zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität
+vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen
+den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude
+machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß
+ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen
+auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
+nun vieles besser verstehe.«</p>
+
+<p>»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne
+zu danken, »ich habe wenig Kleider.«</p>
+
+<p>»Bitte«, sagte er einfach.</p>
+
+<p>Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als
+klein und schwächlich neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre
+Reitgerte zwischen den Fußspitzen pendeln ließ, sah ihre
+harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß ihrer
+Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer
+Lieblichkeit. In allen Einzelheiten, die zwischen ihnen
+besprochen waren, hatte er seine heimliche Überlegenheit
+in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
+aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm
+war, während er so dasaß und die Schweigende verstohlen
+betrachtete, als käme es im eigentlichen, wahrhaftigen
+Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
+auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine,
+bohrende Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a>
+strich sich über die Stirn, als verscheuchte er eine dunkle
+Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier sitzenbleiben?
+Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
+es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So
+geschah es denn, daß Afra ihn nach einer Weile entließ,
+beinahe ein wenig gnädig, wie man jemand fortschickt,
+dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, was
+in seinen Kräften steht.</p>
+
+<hr />
+
+<p>In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander
+die Räume des Schlosses. Afra erschien dem
+jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun sie in der
+intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus
+Bildern und Wandteppichen schaute die Vergangenheit
+auf sie nieder, die Freude und die Trauer des Verflossenen.</p>
+
+<p>»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die
+alten waren eng und klein, wie sie jetzt noch drüben
+gegen den Park zu sind.«</p>
+
+<p>Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in
+der Sonne stand. Er dachte mit leisem Grauen an die
+vergangene Stunde, in der Afra und seine junge Frau
+sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte
+doch anders werden, es war einzig der verwirrende Geist
+des Neuen, der auf sie beide eindrang, auf sein Weib
+und ihn; alles war fremd und geheimnisvoll, schien sie
+zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde weichen,
+würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur?<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a>
+Er kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen
+wie er war.</p>
+
+<p>»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt
+Geister.«</p>
+
+<p>»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und
+erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so
+gefahrvoll erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten
+ihn nun in ihrer unschuldigen Härte. Aber nun
+mußte er sprechen:</p>
+
+<p>»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht
+in weißen Tüchern als Gespenster, die nachts umherirren,
+sondern um vieles vergeistigter und machtvoller.
+Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
+Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene
+Gefühle faßbare Unverständlichkeiten einsetzt. Nein,
+ich meine, daß die Spuren der Toten zurückbleiben und
+daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre Bosheit,
+ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«</p>
+
+<p>Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder,
+dessen schmale hohe Lehne ihr blondes Haupt überragte.
+Er sah über ihren Haaren den bäurisch derben und gediegenen
+Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den
+Augen den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.</p>
+
+<p>»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte
+sprechen Sie doch weiter. Sie legen in alle Dinge viel
+mehr hinein, als darin ist, das tat auch Ihr Oheim, aber
+er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger vorsichtig
+und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a>
+können, dafür glaubte man ihm aber auch nicht
+immer.«</p>
+
+<p>Tief überrascht sah er auf.</p>
+
+<p>»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«</p>
+
+<p>Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung
+bewunderte, so blieb sie unbefangen und bei der begonnenen
+Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte er
+geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich
+ihm und dem Schloßgut gegenüber befand, er hatte
+gehofft, einen Schein von Erkenntlichkeit in ihrem
+Wesen zu finden, nie hätte er für möglich gehalten,
+daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es
+muß ihr Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte
+er, und seine Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur
+Trauer.</p>
+
+<p>Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur
+Unterhaltung zurück.</p>
+
+<p>»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem
+Wesen den Geist des Toten wieder«, sagte er. »Es gibt
+Gespenster von Fleisch und Blut, die die Sonne mehr
+lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte
+Stunde beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen,
+voller Grauen nur durch die überwindende Lieblichkeit,
+in der sie das Vergangene uns Vergänglichen
+als bestehenden Wert darbieten.«</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke
+dem Grafen, was ich geworden bin. Ich hätte die Dorfschule
+in Wartaheim besuchen müssen. Zwei Stunden<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a>
+lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
+laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die
+Mädchen, die draußen das Heu wenden. Das wollten
+Sie doch sagen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung
+zu legen. »Sie wären immer geworden, was Sie
+heute sind. Zufällig ist an allem nur die äußere Lage und
+ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
+Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir
+empfangen ihn mit unserem Blut nach dem Maß unserer
+Werte. Und was Sie reich und stark macht, hat Ihnen
+niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
+gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was
+er seinen Anlagen nach hat werden müssen, der ist gebildet.«</p>
+
+<p>Sie unterbrach ihn ungeduldig.</p>
+
+<p>»Sagten Sie, ich sei reich?«</p>
+
+<p>»Ja, Afra.«</p>
+
+<p>»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«</p>
+
+<p>»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte
+es in einem anderen Sinn und Zusammenhang.«</p>
+
+<p>Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn,
+wie einst den alten Mann, oft heimlich beneidet hatte.
+Es war gewiß nicht einzig der äußere Besitz. Sie empfand,
+beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
+keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich
+plötzlich verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften
+Gedanken jetzt haßte sie tief in ihrer Seele, dieses Empfinden
+des Zurückgesetzten, der stets empfangen muß,<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a>
+das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
+Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht
+schöner gewesen, als wenn er gab ... Sie waren von
+gleicher Art, diese beiden, nur erschien es ihr, als sei
+jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein Jüngling.</p>
+
+<p>Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der
+Toten des Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem
+Ruck die schweren Vorhänge von einem der Fenster
+zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in die
+Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
+Vergangenheit.</p>
+
+<p>»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im
+Umschauen. Langsam schritt er an den Bildern entlang.
+Sie folgte ihm neugierig mit den Blicken und lehnte sich
+an das Fenstersims.</p>
+
+<p>»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer
+gehabt, die hier geherrscht und gebildet haben«, sagte
+er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier nach fremden
+Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
+mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge,
+seine Schönheit. Die Bildrahmen sind aus den
+Eichen von Wartalun, die Möbel und Verkleidungen
+der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert
+scheint einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles
+ist ernst und groß wie das geduldige Land. So sind auch
+diese Angesichter. Diese verstanden zu herrschen, weil sie
+zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen Gehorsam,
+aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter
+Schreckensruf sie traf, trat sie hinzu. Es war dämmrig
+im Winkel des Saals, in dem er stand, die Schatten
+schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen
+grüne Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht,
+die sie trugen.</p>
+
+<p>»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen
+farbigen Wandteppich von großer Schönheit, aus dem
+von ungefüger und hilfloser Hand kleine Stückchen
+herausgeschnitten waren.</p>
+
+<p>»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals
+wollte ich sie.«</p>
+
+<p>»Sie haben diese Gobelins zerstört?«</p>
+
+<p>»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten
+Vögel aus irgendeiner Laune. Er erlaubte mir, sie
+herauszuschneiden.«</p>
+
+<p>»Afra ... das ist unmöglich.«</p>
+
+<p>»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen
+großen Wert auf diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht.
+Ich muß in einer ungünstigen Stunde gebeten haben.
+Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es sah.«</p>
+
+<p>Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden
+Blick am Boden, ging ihm zum erstenmal eine Ahnung
+von der ganzen Gewalt und Tiefe des Märtyrertums
+dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
+Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich
+traurigen Vision sah er die ermüdete Herrlichkeit
+einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm und dem bedachtlosen
+Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die blasse<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a>
+Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren
+Augen, tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben
+eines sinkenden Tages gestreut. Die Vögel sangen nirgends,
+es wurde still, und die Toten schliefen in einer
+Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib,
+das ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken
+gebeten hatte, Afra fortzuschicken ... Über allem wurde
+ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine beinahe heldenhafte
+Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
+tränenfeuchte Schleier.</p>
+
+<p>»Afra, Sie sollten ... fort &mdash; &mdash; große Städte und
+viele Menschen sehen, andere Menschen. Es müßten
+sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte und
+Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«</p>
+
+<p>»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was
+würde aus Wartalun?«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn
+froh an ihrer klaren Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert
+und verstand, nun da er ihr argloses, sinnendes
+Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.</p>
+
+<p>»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie
+es beginnt, mich zu verändern.«</p>
+
+<p>Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem
+Arbeitsraum des Toten, ward ihm wieder eigen beklommen
+zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
+Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild
+Afras. Das Mädchen nahm den Schleier ab. Es
+raschelte darunter von verwelkten Blumen, und die
+Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a>
+großen Tisches, zwischen die grünlichen Bronzeleuchter,
+deren Kerzen halb heruntergebrannt waren.</p>
+
+<p>»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs
+Land, dessen Beruf es war, Bilder zu malen«, erklärte
+Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte dies Bild
+machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei,
+aber dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens
+war er fort.«</p>
+
+<p>»Weshalb?«</p>
+
+<p>»Oh &mdash; er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er
+stand, sprach er davon.«</p>
+
+<p>»Und Sie wollten nicht?«</p>
+
+<p>Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz
+rasch, daß sie schwirrte.</p>
+
+<p>»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.</p>
+
+<p>Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog
+einen Brief heraus. Ehe er davon sprach, meinte Afra
+über seine Schulter hin:</p>
+
+<p>»Das ist seine Schrift.«</p>
+
+<p>»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen
+gesprochen habe. Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste
+Teil bezieht sich auf Angelegenheiten der Verwaltung,
+vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen betrachten, dieser
+Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so zurückhaltend
+und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe,
+war Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag,
+ist das heute morgen gewesen?«</p>
+
+<p>»Wann denn sonst?«</p>
+
+<p>»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen.<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a>
+Sie müssen bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben
+ohne große äußere Ereignisse dahinlief, und die Erlebnisse
+der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie haben so
+gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu
+schaffen, und auf die Dauer rauben sie einem den Sinn
+für die Zeitmaße der Umwelt.«</p>
+
+<p>»Was schreibt er denn?«</p>
+
+<p>»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.</p>
+
+<p>»Gewiß ...«</p>
+
+<p>Beide schwiegen.</p>
+
+<p>Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er.
+Es ist nicht ihr Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt
+noch die Andacht, die Liebe, den Wert dieser
+Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
+eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene
+jemals mit den Gaben seiner Liebe zurückgehalten? So
+mag es denn geschehen, beschloß er, mit der Bitterkeit
+eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.</p>
+
+<p>In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen
+nach oben und unten zogen, aber im Verlauf der Schrift
+selbst wie eine einzige feine Linie wirkten, liefen die langen
+Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält, ernüchterte
+alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
+manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen
+Tonfall seiner Stimme, deren Beben er zu verbergen
+trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher seltsamen
+Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte
+als daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte.
+Aber einzelne Sätze prägten sich ihm tief ein, einmal<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a>
+hielt er inne, suchte den Beginn und las einen Satz noch
+einmal:</p>
+
+<p>»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts,
+das es begründet, erbaut und gemehrt hat,
+aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen,
+daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor
+Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft
+des Lebendigen.«</p>
+
+<p>Er sah Afra an.</p>
+
+<p>»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«</p>
+
+<p>Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der
+ergriffene Mann las sehr leise, als scheute er sich, Dinge
+auszusprechen, die der Tote im Grund seines Herzens
+getragen hatte.</p>
+
+<p>»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender
+oft vermeint habe zu erkennen, so wollte Gott, daß
+meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam, denn das Wesen
+der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen,
+daß die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte
+und der Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart
+sich in einem ewigen Krieg der Geschlechter, nur die
+Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«</p>
+
+<p>Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten,
+die an die Erben gerichtet waren:</p>
+
+<p>»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in
+dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr
+sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt
+ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen,
+denn das Beste unseres Wesens hat mit dem<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a>
+Wirken der neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre
+Waffen nicht führen.«</p>
+
+<p>Der Brief brach hier ab.</p>
+
+<p>»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann
+erschien es, als erinnere er sich plötzlich der Gegenwart
+Afras, und er fügte schnell hinzu:</p>
+
+<p>»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«</p>
+
+<p>Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:</p>
+
+<p>»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit
+mir gesprochen hat. Dort am Kamin, der Sessel steht
+noch an seinem Platz. Ich saß ihm zu Füßen und bin oft,
+die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er weckte
+mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
+war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen,
+von den Armen und Reichen und vom großen,
+ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch einmal:
+>Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem
+Kampf.&lt; Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er
+nie den Besitz der Menschen an Geld oder Land, sondern
+er meinte etwas anderes ...«</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an
+dieses Andere, das keiner von ihnen nannte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+<p>Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam
+der große Mond herauf. Die vielgestaltigen
+Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a>
+scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt,
+dort ruhten sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch
+die Eichen, die den Parksee auf freien Rasenplätzen umstanden,
+fiel das Licht in das ruhige Wasser, das Schilf
+rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man
+über die Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man
+hinter den Äckern, fern über dem lichten Teppich des
+Korns, die grauen flachen Seen des Nebels über dem
+Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser
+Ebene beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm
+wirken, das am Rand des Eichwalds im Schlummer
+lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und duldete
+nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das
+Licht der Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags
+zu zeitlosen Gebilden der Welt emporzauberte, führte
+die Gedanken des Beschauenden in vergangene Jahrhunderte
+zurück. Alle Interessen des Alltags wurden
+unter diesem Anblick armselig und wesenlos, als käme
+es in der kurzen Zeitspanne irdischen Daseins auf ganz
+andere Dinge an ...</p>
+
+<p>Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im
+Mond. Der junge Gutsherr lag ohne Schlaf auf seinem
+Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, ruhelos und
+müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke
+der getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich
+und ungreifbar erschienen, als sähe er sie nicht,
+sondern als lausche er einer altmodischen Erzählung.
+Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein breiter
+Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a>
+im Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in
+dieser Stunde ein eigen persönliches Ansehen. Ihm war
+zumute, als sei alles hier ihm feindlich gesinnt, er
+empfand sich als heimatlos, als Eindringling und
+rechtlos.</p>
+
+<p>Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen
+Frau. Wenn er hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht
+nur ihr dunkles Haar in den hellen Kissen. Er wußte
+nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den Abend
+hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen
+können, aber der Name war nicht gefallen, an den beide
+dachten. In einem eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren
+Schuldbewußtsein, die ihn peinigten, hatte
+er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann
+nur von gleichgültigen Dingen.</p>
+
+<p>Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.</p>
+
+<p>»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier
+alles in einem zu verändern trachtet. Ich fürchte sehr,
+daß ich hier lange Zeit nicht zur Arbeit kommen werde.
+Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis ich
+ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin.
+Aber es erscheint mir so, als herrschte allenthalben große
+Ordnung, die Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich.
+Wir sind sehr reich geworden, Elsbeth.«</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof
+und der Park im Mondlicht liegen? Hörst du den
+Brunnen? Ich glaube, wir werden hier lernen, glücklich
+zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem sonnigen,<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a>
+freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den
+wir durch den Wald und über die Felder gemacht haben.
+Alles, was du hast sehen können, wird einmal sein
+Eigentum sein.«</p>
+
+<p>Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und
+setzte sich an ihr Bett, die Hände um ihre Schläfen,
+beugte sich tief über sie und flüsterte innig und liebevoll.</p>
+
+<p>»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte
+er sie endlich zu trösten. »Gestern warst du noch guten
+Muts, als wir ankamen. Diese Einsamkeit ist gewißlich
+ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, aus
+dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen,
+und du wirst bald empfinden, daß es recht war,
+ihn auszuführen.«</p>
+
+<p>Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig
+den Kopf zur Seite sinken, die Augen gegen das weiße
+Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. Und so sprach sie
+auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß
+er ihr zuhörte:</p>
+
+<p>»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie
+verstanden habe. Ich habe gehofft, daß ich hier, von
+allen Menschen entfernt, meiner selbst viel sicherer würde,
+daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, vieles
+leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier
+bedrückt mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein
+Ruf, kein Geschrei durch sie hindurch zu den Menschen
+dringen, niemand würde uns hier jemals suchen, man ist
+wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
+sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a>
+Menschen werde ich niemals lernen eine Beziehung zu
+unterhalten, und ich werde nie ihr Herz finden. Ich verstehe
+sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre Angesichter
+erschrecken mich, und ...«</p>
+
+<p>Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern
+ein:</p>
+
+<p>»Du bist ungeduldig.«</p>
+
+<p>»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an
+die Wahrheit der ersten Eindrücke, und sich gewaltsam
+gegen die innere Stimme zu wehren, hat bei mir niemals
+zum Guten geführt.«</p>
+
+<p>»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr,
+»als wäre ich dir nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern
+und nichts vertraut machen.«</p>
+
+<p>Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen
+seines Herzens widersprochen. Jetzt nahm sie sie
+hin, als habe er eine bittere Wahrheit ausgesprochen.</p>
+
+<p>Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in
+ihren großen ruhigen Augen die Tränen langsam kommen
+und fallen, fuhr er um manches weniger herzlich
+fort:</p>
+
+<p>»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«</p>
+
+<p>Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was
+uns in Wahrheit bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer
+heißen Welle von Blut, die ihm in die Schläfen drang
+und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
+zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte
+Art des Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte
+ihn, da er dem Recht seiner Liebe zu seinem Weibe<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a>
+nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich als klein empfunden,
+wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
+keine Befürchtung bringen durften. Mochte <em>sie</em> sprechen,
+wenn es not tat. Dabei betrachtete er ihre Tränen,
+die das Tuch ihres Bettes näßten, und schwieg, eigenwillig
+und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
+dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht
+schicken wollte.</p>
+
+<p>»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie
+alle seine Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich
+doch! Wie hätte ich vorhaben können, dich zu betrüben.
+Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen Tag kaum
+von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht
+von ihr? Was hindert dich daran? Konnte dich kränken,
+daß ich heute darum bat, du möchtest sie fortschicken?«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr
+geschwiegen, ich glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen
+die junge Dame sei es besser, die Sache vorläufig ruhen
+zu lassen.«</p>
+
+<p>Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst
+bin ich traurig. Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht
+geschaut hast, ich habe mit jedem Wort, das dich von
+ihr traf und das du ihr entgegnetest, empfunden, wie sie
+auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich gegen
+sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem
+schönen kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie
+spricht, ihr Lachen nimmt mir den Atem. Alles an ihr
+ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf ihren Vorteil<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a>
+und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
+zu erreichen.«</p>
+
+<p>»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute,
+nicht jetzt, denke daran, daß alle Erregung nicht allein
+dir schaden könnte. Sie soll fort, ich will es dir versprechen,
+aber noch kann es nicht sein. Ich bedarf ihrer.
+Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben
+noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann
+dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine
+Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«</p>
+
+<p>»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist
+ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was
+ich ihr heute zugesagt habe.«</p>
+
+<p>»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh,
+wie ich dies Mädchen kenne.«</p>
+
+<p>»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre
+Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten
+auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich,
+die ich achten muß, wenn ich mich seines
+Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen
+seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu
+den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat,
+daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in
+sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann,
+ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«</p>
+
+<p>Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe
+drohend klang.</p>
+
+<p>Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a>
+groß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer
+und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.</p>
+
+<p>»Helmut ...«</p>
+
+<p>Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und
+wollte sich nicht mehr trösten lassen. &mdash;</p>
+
+<p>Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als
+habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in
+sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr
+von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein
+das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk
+des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch
+sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den
+Schlafraum sandte. &mdash; Aus seinem Schmerz rettete ihn
+ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte,
+jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die
+Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu
+täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
+vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude,
+von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte
+Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen
+tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein
+von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte,
+und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens
+traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten:
+»Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen
+die Tür zum Hof öffnete, flatterten die blauen Tauben<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a>
+von der Schwelle auf und schlugen sich in den roten
+Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
+nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle
+drehten, und strich mit der Hand über die ergraute
+Schläfe.</p>
+
+<p>Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior
+hörte den Namen fallen, an den er dachte, das gedämpfte
+Kreischen irgendeiner Mädchenstimme erscholl,
+und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in
+jener stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die
+welken, bartlosen Gesichter alternder Hausgeister überzieht,
+um nach dem Grund des frühen Lärms zu forschen.
+Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
+Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra
+sollte man rufen.</p>
+
+<p>Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte
+ließ die Kiste niederstellen, drehte sie gegen das Licht und
+schaute hinein. Tief hinten, in die Ecke gekauert, erblickte
+er das kleine braune Tier, abwartend und tückisch
+kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen lebten
+in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es
+flößte viel mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht
+würde es allen diesen zu entgehen wissen, wenn es nicht
+ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung und Trauer
+verharrte es in seiner schmachvollen Lage.</p>
+
+<p>Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu
+tauchen, das sei gefahrlos und sicher; aber Martin sah
+sie zornig an:</p>
+
+<p>»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn
+zuerst sehen?«</p>
+
+<p>Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man
+daran zweifeln konnte.</p>
+
+<p>»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine
+Stubenmäuse braucht niemand anzuschauen.«</p>
+
+<p>Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und
+eilte fort zu den Wirtschaftsgebäuden.</p>
+
+<p>»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior
+in unnahbarer Überlegenheit und seines Wissens froh.</p>
+
+<p>»Im Schloß?« fragte Martin hastig.</p>
+
+<p>Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte
+bewegt und erfreut den Kurs. So gehörte es sich. Das
+Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre es auch gewesen,
+wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war,
+Afra etwas vorenthalten hätte.</p>
+
+<p>Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse
+herunter und lief quer über den Rasenplatz, ohne
+Hut, die Jagdbüchse in der Hand.</p>
+
+<p>»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie.
+Melchiors adelige Verbeugung voll Zurückhaltung
+fand keine Beachtung, Martin bekam einen gelinden
+Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick
+in den Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge
+spannten sich, gefesselt zu großem Ernst.</p>
+
+<p>»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«</p>
+
+<p>Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.</p>
+
+<p>»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf,
+»wir tragen ihn in den Park auf den großen Rasenplatz,<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a>
+und ich stehe hinter der Falle. Bei drei macht ihr auf.
+Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die Falle ist
+gemein. Los, Martin, faß an.«</p>
+
+<p>Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die
+Knechte und Mägde aber liefen mit, und Afra ließ es zu.</p>
+
+<p>»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur
+nach rechts oder nach links ausbrechen. Ihr müßt viel
+mehr zurücktreten.«</p>
+
+<p>»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin,
+aber Afra war es gleichgültig, wo er getroffen wurde.</p>
+
+<p>»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.</p>
+
+<p>»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«</p>
+
+<p>Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das
+Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber
+das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit
+nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze
+an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen
+rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten,
+kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den
+See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich
+zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen
+Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten.
+Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf
+alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im
+Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein
+zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.</p>
+
+<p>Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht
+heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen
+zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zu<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a>
+Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn
+mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als
+wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung.
+Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder
+Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
+letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken
+Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig
+und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich
+das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete
+und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in
+die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten,
+und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid
+oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
+Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.</p>
+
+<p>Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine
+Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß
+aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und
+meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.</p>
+
+<p>Sie sah ihn an.</p>
+
+<p>»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch
+vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es
+Zeit, aufzustehen.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2>
+
+<p>Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr
+eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den
+Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte er<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a>
+planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf
+Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte
+Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl
+von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan.
+Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt
+waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen,
+und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden.
+Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders
+für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
+unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte
+einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete,
+wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen
+Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
+Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die
+Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig
+zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener
+Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
+blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
+vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm
+nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten
+erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall,
+anklägerisch ohne Zorn.</p>
+
+<p>Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos
+dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend,
+das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete.
+Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten
+selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
+kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam
+in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a>
+Händen besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung
+verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit,
+in der er bewundern konnte, was sie gelassen
+und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine
+Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung
+entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer
+Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen
+Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade
+durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über
+ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte,
+jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen
+Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig
+hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß
+er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte,
+da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor
+Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
+bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu
+empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er
+dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte,
+Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar
+unbegründeten Schritt fordern zu müssen.</p>
+
+<p>Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des
+Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte,
+als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt
+sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr
+tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«</p>
+
+<p>Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:</p>
+
+<p>»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«,
+sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwas<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a>
+vergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten.
+Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig.
+Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem
+Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu
+finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde
+Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze
+fortschießen.«</p>
+
+<p>Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.</p>
+
+<p>»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und
+Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«</p>
+
+<p>»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig
+meinetwegen?«</p>
+
+<p>Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres
+in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:</p>
+
+<p>»Er langweilt sich.«</p>
+
+<p>Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die
+ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die
+Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie
+hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
+sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden
+hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige,
+der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging,
+bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
+Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit
+und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen
+dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren
+kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.</p>
+
+<p>Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt
+nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch die<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a>
+Felder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die
+Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit
+sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte
+er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind
+mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und
+dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche
+dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines
+neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil
+sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte
+ausgefüllt war?</p>
+
+<p>»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.</p>
+
+<p>Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst,
+wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis
+abgelegt.</p>
+
+<p>Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige
+Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er
+wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut.
+Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß
+die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle,
+die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten
+Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den
+schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
+nach der Mühle führte.</p>
+
+<p>In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten
+Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und
+am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell
+dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete
+einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
+In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der
+Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die
+mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht
+mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel
+unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt
+unser Eigentum.</p>
+
+<p>Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des
+kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten
+Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten,
+sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
+leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad
+glitzerte vom rinnenden Wasser.</p>
+
+<p>Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß
+Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es
+wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen,
+beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken
+bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd
+sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat,
+sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um
+und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon
+längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.</p>
+
+<p>»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen
+eines Gefühls von inniger Freude.</p>
+
+<p>»<ins title="O bitte">Oh, bitte</ins>, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr
+Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben
+sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige
+Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm
+umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig
+beiseit, um ihm Platz zu machen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es
+Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«</p>
+
+<p>»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich
+gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig
+einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich
+noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die
+Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht
+deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie
+schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die
+Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.</p>
+
+<p>Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte,
+als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn
+seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits
+des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen
+schritten Störche durch die flachen Tümpel.
+Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller
+Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und
+Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte
+zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.</p>
+
+<p>Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra
+überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in
+rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem
+Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen
+und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr
+zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel
+ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und
+bald darauf schritten sie miteinander quer über die
+Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade
+nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie
+sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit
+ihres jungen Körpers, seine Frische und
+Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer
+Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten
+Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an
+den Schläfen. Zögernd sagte er:</p>
+
+<p>»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine
+Pflichten.«</p>
+
+<p>Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb,
+denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an
+seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und
+ein klein wenig unsicher:</p>
+
+<p>»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht
+haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind
+welche darunter, die ich verstehen kann?«</p>
+
+<p>»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen,
+und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so
+will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander
+zu lesen.«</p>
+
+<p>Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher,
+welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen
+mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie
+jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den
+Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht.
+Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man
+den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«</p>
+
+<p>»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«,<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a>
+fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind.
+Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine
+Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd
+an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für
+mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch
+nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer
+allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und
+habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die
+wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben
+gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche
+Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als
+mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den
+Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen
+angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist.
+Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
+Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von
+Ihnen ...«</p>
+
+<p>»Denken Sie nicht gut von mir?«</p>
+
+<p>»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen
+verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine
+Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt
+hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung
+eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig
+ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken
+trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das
+Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten,
+was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie
+sind wunderschön!«</p>
+
+<p>»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a>
+zu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt
+und stammelte:</p>
+
+<p>»Warum sprechen Sie so gut von mir?«</p>
+
+<p>»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen,
+wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und
+bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander.
+Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
+wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.</p>
+
+<p>»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie
+plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand
+zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen,
+da sank auch die ihre nieder, und sie starrte
+ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand
+in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten
+Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern
+und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie
+umgab.</p>
+
+<p>»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.</p>
+
+<p>»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.</p>
+
+<p>Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.</p>
+
+<p>»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben
+Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß
+Ihnen schwer sein &mdash; glauben Sie mir, daß ich anders
+als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«</p>
+
+<p>»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich
+selbst.</p>
+
+<p>»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur
+dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in
+der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach,<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a>
+nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme
+noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme.
+Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend
+hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte,
+um anderen recht zu geben, die geringer als ich
+waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen,
+die Sie mir gegeben haben.«</p>
+
+<p>»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.</p>
+
+<p>» <ins title="O Unschuld">Oh Unschuld</ins>, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von
+mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit,
+zu der mein Herz verurteilt ist.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie
+betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich
+habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe
+überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht.
+Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen
+wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann.
+Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd
+und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre
+Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich
+denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen
+konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand,
+der so trübsinnig redet.«</p>
+
+<p>Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich
+nickte.</p>
+
+<p>»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden
+alle anderen zuletzt unrecht haben.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte sie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann
+ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes
+Lächeln in den früh gealterten Zügen seines
+Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr
+Haupt zurück in den Sonnenschein. &mdash; Es blieb von
+diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«,
+das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge
+von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der
+Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie
+sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen
+Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im
+stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln,
+drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule
+starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen.
+Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich
+an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.</p>
+
+<p>Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des
+Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten
+Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit
+kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den
+Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht
+zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter
+Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und
+seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a>
+Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit
+des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher
+und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes
+und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene
+Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines
+Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer
+Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen.
+Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von
+Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des
+letzten Grafen von Wartalun hernieder.</p>
+
+<p>Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten
+Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren,
+warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die
+Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten,
+und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das
+Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten
+empor, der in ihrem Herzen lebte.</p>
+
+<p>Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit
+der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien
+das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der
+Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt,
+begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
+Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes
+Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie
+Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und
+blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und
+summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens,
+als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen
+und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelder<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>f
+im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
+Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme
+ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte
+über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße
+Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen
+und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs
+grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll
+empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen,
+friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges
+Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund
+klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot
+über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein
+goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in
+den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem
+noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...</p>
+
+<p>Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche
+Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus
+mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort
+bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht
+hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte
+sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles
+umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen
+Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein
+gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe
+geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie
+niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr
+bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen
+anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie,
+härter als sie und als ich möchte.« &mdash; Sie hatte sicher<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a>
+diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem
+enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.</p>
+
+<p>Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen
+und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes
+Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster
+und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben
+nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch
+sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß
+man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer
+klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen
+heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
+gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet
+und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit
+funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als
+langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte
+zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber
+und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie
+eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund
+des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen
+über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über
+das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der
+fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde
+folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines
+Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann
+Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge
+Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der
+heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten
+war.</p>
+
+<p>Sie öffnete die Holzpforte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie
+das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau
+erkannte.</p>
+
+<p>»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort.
+»Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben.
+Sie kennen mich immer noch nicht.«</p>
+
+<p>Es klang wie eine Anklage.</p>
+
+<p>Afra sagte:</p>
+
+<p>»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht
+fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.«
+Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die
+Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ
+es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr
+nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all
+der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als
+nötig zu machen.</p>
+
+<p>»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte
+Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der
+Stimme.</p>
+
+<p>Afra nickte.</p>
+
+<p>»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«,
+sagte sie.</p>
+
+<p>Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die
+junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon
+überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.</p>
+
+<p>Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die
+Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und
+zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie
+ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a>
+waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses
+verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten
+aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und
+während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für
+Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die
+Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen,
+dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten
+Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was
+Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte.
+Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei
+Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen,
+die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das
+Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege
+gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von
+diesem ungewöhnlichen Vorfall.</p>
+
+<p>»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.</p>
+
+<p>Es kam keine Antwort.</p>
+
+<p>Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber
+irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß
+dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie
+selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser
+Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten
+Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft
+werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten
+stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre
+einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil
+daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte
+niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte,
+an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a>
+hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich
+herbeizulassen und ohne zu demütigen.</p>
+
+<p>An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene
+Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe
+zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür
+schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen
+wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen
+ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen
+des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin
+Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am
+Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte
+vor sich hin.</p>
+
+<p>Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die
+junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar.
+Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich
+hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend,
+daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um
+was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen
+langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals
+die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand
+von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
+Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder
+die flehentliche Bitte klang:</p>
+
+<p>»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«</p>
+
+<p>Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand
+unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt
+hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben
+würden.</p>
+
+<p>»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a>
+flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das
+mir an meinem Herzen vertraut. &mdash;</p>
+
+<p>Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht
+unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der
+dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich.
+Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um
+derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz
+seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem
+Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast.
+Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft.
+Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
+nicht, das sich nicht wehren kann. &mdash; Ich hätte meine
+Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser
+Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was
+du willst, ich bin reich &mdash; aber geh noch in dieser
+Nacht.«</p>
+
+<p>»Stehen Sie auf!« rief Afra.</p>
+
+<p>»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf
+Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach
+Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich
+das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht
+gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als
+ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa,
+ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt
+zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein
+zertretenes Wesen. Aber das Kind &mdash;«</p>
+
+<p>Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte.
+Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie
+übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a>
+der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie
+hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung,
+die geschah, möchte ein Ende finden.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen
+weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren
+Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und
+deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
+sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.</p>
+
+<p>»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf,
+»dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der
+meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn
+sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll
+ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist
+noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben
+gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir
+leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein
+Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
+die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß
+Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht:
+»Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das
+heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger
+wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund
+von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.
+»Rette mich, halte mich!«</p>
+
+<p>Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes
+in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren
+Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie
+beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür
+und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a>
+durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die
+sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür
+auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
+zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die
+Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still
+geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang
+des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
+gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau
+nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen
+von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen
+Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles
+Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames,
+als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen
+worden ...</p>
+
+<p>Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme,
+es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den
+Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der
+Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie
+Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die
+sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.</p>
+
+<p>»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?!
+Soll ich die Läden einschlagen?«</p>
+
+<p>Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut
+hervor.</p>
+
+<p>»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da
+stand Melchior im Rahmen der Tür.</p>
+
+<p>»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und
+dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter
+diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a>
+Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem
+maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.</p>
+
+<p>»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe
+der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«</p>
+
+<p>»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.</p>
+
+<p>»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die
+Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«</p>
+
+<p>»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was
+hast du getan!«</p>
+
+<p>»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang
+zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.</p>
+
+<p>»Gehorchst du?«</p>
+
+<p>»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«</p>
+
+<p>Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch
+das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von
+Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in
+bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen
+auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das
+Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder
+vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte,
+daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen
+den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem
+Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses
+eigensinnigen Widersachers.</p>
+
+<p>»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«</p>
+
+<p>Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im
+Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte
+Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein
+einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegen<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a>
+Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer
+Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:</p>
+
+<p>»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«</p>
+
+<p>»Du junger Bursche wagst ...«</p>
+
+<p>Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen,
+und die Finsternis verschlang die Versicherungen von
+Würde, die der Alte draußen keuchte.</p>
+
+<p>Afra lachte krampfhaft auf.</p>
+
+<p>»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig
+die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es
+nicht gut geht.«</p>
+
+<p>»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt
+hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und
+langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett
+des jungen Mädchens.</p>
+
+<p>»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.</p>
+
+<p>»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem
+beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber
+stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte
+Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch
+mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen
+vor Afra erlauben durfte.</p>
+
+<p>»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht
+alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«</p>
+
+<p>Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.</p>
+
+<p>»Mach drüben die Lichter an.«</p>
+
+<p>Er gehorchte. Dann kam er zurück.</p>
+
+<p>»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh,
+schirr &gt;Husar&lt; an, oder willst du reiten?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>»Da ist mir schon der Wagen lieber.«</p>
+
+<p>»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«</p>
+
+<p>»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der
+Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an
+seiner Hand saugte.</p>
+
+<p>»Blutest du?«</p>
+
+<p>»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es
+schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«</p>
+
+<p>»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum
+Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und
+zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.</p>
+
+<p>»Deine Hände zittern«, sagte er.</p>
+
+<p>»Halt still«, gab sie zurück.</p>
+
+<p>Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen
+Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab
+sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun
+öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr
+Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen
+Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß
+Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb
+im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.</p>
+
+<p>»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu
+wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags
+bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in
+Wartalun sehen.«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand
+Graf Helmut hinter ihr.</p>
+
+<p>»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener
+Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>Da stolperte Melchior vor ihn hin.</p>
+
+<p>»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut.
+Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«</p>
+
+<p>Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut
+abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten
+Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch
+im Grunde Sicherheit war.</p>
+
+<p>»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu
+Melchior.</p>
+
+<p>Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos
+gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte,
+fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer
+Erregtheit heraus:</p>
+
+<p>»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem
+Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte
+dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit
+war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«</p>
+
+<p>»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe
+völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier
+gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich
+mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie
+niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den
+Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz
+Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte,
+daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge
+in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen
+Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind.
+Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen,
+zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a>
+dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr
+Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und
+böse fortfuhr:</p>
+
+<p>»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der
+Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und
+deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer
+stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da
+sein Schreck sie bestürzt machte.</p>
+
+<p>Er starrte sie an.</p>
+
+<p>»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel
+bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«</p>
+
+<p>Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.</p>
+
+<p>»Dort liegt deine Frau ...«</p>
+
+<p>Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu,
+ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls,
+und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen
+Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.
+Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte
+plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am
+Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige
+Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die
+er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,
+als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau,
+die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen
+Vergessens versunken war.</p>
+
+<p>Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine
+Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.</p>
+
+<p>»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf
+meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut.<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a>
+»Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht,
+daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf
+ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas
+hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen
+fern lag.</p>
+
+<p>Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter,
+und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich
+empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz
+der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene
+Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in
+Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der
+Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame
+Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das
+füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.</p>
+
+<p>»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und
+da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:</p>
+
+<p>»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«</p>
+
+<p>»Sprich doch nicht ...«</p>
+
+<p>»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich
+nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand,
+der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+<p>Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener,
+im Hause umher, verstört und von Angst und
+Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeiten<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a>
+zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
+fort von den bösen Geistern, die seine Heimat
+zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine
+Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn
+einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen,
+um Unrast, Verwüstung und Verfall über das
+wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von
+Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er,
+daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen
+von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum
+bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz
+hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine
+bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen
+konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten,
+woran sein Herz hing. Es waren <ins title="vierlerlei">vielerlei</ins> Dinge in
+Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen
+waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
+Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die
+ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich
+Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und
+ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm
+wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der
+Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit
+bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die
+Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie
+gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert &mdash; &mdash;
+Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.</p>
+
+<p>»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist
+du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, du<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a>
+Kleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust
+Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte
+hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust &mdash;«</p>
+
+<p>Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte
+man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land,
+in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.</p>
+
+<p>Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb
+es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine
+klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu
+hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür
+wieder ins Schloß.</p>
+
+<p>Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von
+allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war
+Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken
+mit seinem Herrn?</p>
+
+<p>»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein
+Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die
+Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra
+selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward
+ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden
+würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei
+jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch
+war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und
+hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte,
+wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm
+Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden.
+Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern,
+ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung
+und ballte die Fäuste.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich
+erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen
+Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es
+trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen,
+sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand
+mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag
+wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und
+wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu
+Wartalun gehörte, Abgrund war. &mdash;</p>
+
+<p>Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen,
+die einen schweren Korb mit Torf und Holz
+trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg
+das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der
+blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:</p>
+
+<p>»Ach &mdash; das Leben.«</p>
+
+<p>So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so
+war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief
+über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so
+ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
+goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah
+hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm,
+als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts
+verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht
+größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon
+bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht
+immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken
+durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores
+geflochten, das nie geöffnet wurde? &mdash;</p>
+
+<p>Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a>
+Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer
+kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine
+wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß
+er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe
+hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch
+den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht
+und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte,
+und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.</p>
+
+<p>»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ...
+Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter
+Mann in diesem Hause geworden.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie
+ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin,
+der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem
+Haar die Morgensonne lag.</p>
+
+<p>»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch,
+Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber
+vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«</p>
+
+<p>Sie entzog ihm ihre Hand.</p>
+
+<p>»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde
+brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl
+einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt
+Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen
+muß ich einmal in die Bücher schauen.«</p>
+
+<p>Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein
+Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.</p>
+
+<p>»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die
+Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch.
+Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a>
+empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
+Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung
+hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm
+seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er
+ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach
+Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
+verlassen hatte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut
+aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen
+zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge,
+die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
+Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr,
+der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge
+besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch
+zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle
+aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber
+er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen
+Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er
+Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht
+fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen
+darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder
+erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde
+für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr
+dankbar und fand keine bessere Lösung.</p>
+
+<p>In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer
+Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer
+Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a>
+leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte
+man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.</p>
+
+<p>Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu,
+zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach
+rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig
+der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die
+kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die
+ersten Feldhühner gebracht.«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht.«</p>
+
+<p>»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für
+ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr
+aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen.
+Er will nichts von Ihnen wissen.«</p>
+
+<p>Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und
+vom nahenden Herbst.</p>
+
+<p>Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die
+Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein
+empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte.
+Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und
+starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in
+der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum
+seines Daseins geworden war. Er verglich nicht
+mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug
+jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose
+und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt
+scheinen, niemandes Schicksal zu werden.</p>
+
+<p>»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.</p>
+
+<p>»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese
+Auskunft schien ihm zu genügen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er
+nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers,
+das er ritt.</p>
+
+<p>Afra schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Dies ist &gt;Prinz&lt;«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel.
+Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze
+Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen
+wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes
+Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich
+habe es kürzlich verkauft.«</p>
+
+<p>»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.</p>
+
+<p>»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ
+er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich
+mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht,
+denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
+unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser
+Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es
+traurig. &mdash; Wer sollte es denn jetzt reiten?«</p>
+
+<p>Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er
+raffte sich zusammen.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner
+Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen.
+<ins title="Für">Für eine</ins> wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+rechten praktischen Sinn.«</p>
+
+<p>Sie schien das zuzugeben.</p>
+
+<p>»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es
+nicht genommen?«</p>
+
+<p>»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser
+Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ...<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a>
+auch habe ich &gt;Joni&lt; von ihm selbst bekommen und will
+kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt
+hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den
+Flanken stammen von seinen Sporen.«</p>
+
+<p>Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her,
+nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr
+klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen
+Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
+und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende
+Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den
+einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem
+Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
+bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt,
+sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:</p>
+
+<p>»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«</p>
+
+<p>Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen
+Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der
+Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht
+vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der
+Weiden schaukelten im sanften Wind.</p>
+
+<p>Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort,
+vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart
+es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten
+Herzens nun nichts anderes tun konnte als
+das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:</p>
+
+<p>»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr
+große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen
+Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen
+und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen,
+aber er tat es nicht.</p>
+
+<p>Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So
+suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer
+Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten,
+denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:</p>
+
+<p>»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker
+fassen.«</p>
+
+<p>»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach
+schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr
+nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes
+Pferd war, das er ritt.</p>
+
+<p>Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um
+einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken
+war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt
+kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch
+glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
+Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es
+ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr
+darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht
+über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach,
+schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte.
+Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches
+Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor,
+in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit
+auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn
+nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu
+schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie
+wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist
+noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei
+der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen.
+So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen?
+Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie
+sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine
+unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände
+gegeben worden war.</p>
+
+<p>Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben,
+und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts
+Gesicht.</p>
+
+<p>»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie
+einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich
+künftig fort von Wartalun.«</p>
+
+<p>»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«,
+sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört
+auch dir.«</p>
+
+<p>Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne
+Überlegung:</p>
+
+<p>»Das glaubt mir niemand.«</p>
+
+<p>Gepeinigt sah er auf.</p>
+
+<p>»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen
+Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie
+schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von
+mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern,
+wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes,
+reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte
+Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine
+Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauter<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a>
+Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen,
+um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu
+gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam
+sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich
+habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich
+mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine
+Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich
+klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und
+das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das
+Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern
+darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben
+kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben,
+wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«</p>
+
+<p>»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte
+Afra.</p>
+
+<p>Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.</p>
+
+<p>»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach
+nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die
+Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«</p>
+
+<p>»Oh, das verstehe ich wohl.«</p>
+
+<p>»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen,
+er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich
+auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an
+einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne
+Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich
+erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen
+wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals
+daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß
+dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a>
+schlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig
+ist, die uns reich macht.«</p>
+
+<p>Da stellte Afra die Frage:</p>
+
+<p>»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«</p>
+
+<p>Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte
+sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder
+Stimme:</p>
+
+<p>»Wie du bist &mdash;«</p>
+
+<p>Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne
+daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand
+und sagte einfach:</p>
+
+<p>»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich
+immer.«</p>
+
+<p>Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück
+und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg
+gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie
+sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
+im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen
+Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging
+im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt
+im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und
+prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+<p>Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun
+ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem
+Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen.<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a>
+Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an
+und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut
+mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren
+eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern,
+die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft
+ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete
+hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die
+der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter
+und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten
+hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und
+im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener
+Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte
+diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
+Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel
+beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet,
+deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden
+Aufmunterung oder Erholung gewährt.</p>
+
+<p>Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht
+als erfreut. Er las die burschikosen Worte des
+Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die
+ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber
+mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines
+Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt
+hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser
+Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
+früher stets empfunden hatte, und da er erwartete,
+ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer
+leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche
+Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a>
+dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit
+teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung
+seiner Frau mit.</p>
+
+<p>Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas
+verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten
+Geschehnissen anmerkte.</p>
+
+<p>»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände
+nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder
+gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für
+sein Kommen ein.</p>
+
+<p>»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird
+auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen,
+soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch'
+ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«</p>
+
+<p>Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung
+war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als
+daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte.
+Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
+Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.</p>
+
+<p>So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im
+Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen.
+Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß
+zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
+für den Freund hergerichtet werden sollten.
+Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf
+und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu
+können.</p>
+
+<p>Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie
+denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a>
+Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft
+und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
+gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick
+auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab,
+zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft
+im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein
+in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
+ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er
+an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert
+hatte.</p>
+
+<p>Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand
+Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde
+verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des
+Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
+erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen
+war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten
+und daß allein die Viehbestände ein kleines
+Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die
+in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten
+seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden
+ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten
+der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu
+ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die
+Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die
+Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert,
+deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ.
+Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß,
+sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte,
+sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen,<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a>
+gemessen an den Lebensverhältnissen, die er
+kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er
+vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und
+Freude.</p>
+
+<p>Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter
+das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht
+bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen.
+Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so
+gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft,
+in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel
+nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen
+kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß
+seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
+Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe
+hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er
+mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen,
+daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann,
+seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im
+Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen,
+was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen
+verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine
+großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er
+es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand,
+daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden
+war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs
+Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
+beglaubigen zu lassen.</p>
+
+<p>Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten,
+er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a>
+Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut
+hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine
+große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es
+ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu
+finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige
+Bauerngesicht, während gemächlich über die
+Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen
+verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen
+dem Manne einzig als gerechtfertigt und
+klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er
+sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel.
+»Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die
+Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht
+mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was
+er an ihr hatte.«</p>
+
+<p>Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher
+Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die
+ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die
+Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte
+zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte.
+Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz
+der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior
+und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie
+um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
+Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die
+nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich
+zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig
+war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen
+kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen,<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a>
+dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ
+den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn
+dadurch kränkte.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß
+jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden
+könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er
+jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte
+führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
+ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu
+sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung
+seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung
+wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines
+ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
+darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille
+Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte.
+Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger?
+Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme
+und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber
+mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit
+seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner
+Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden
+Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
+Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß
+diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung
+nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen
+Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
+spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber
+doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung
+von selbst bringen mußte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums
+bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang
+des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben
+an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen
+Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe
+zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen
+kann.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen
+ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam
+wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den
+hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal,
+und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der
+Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen
+Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
+Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und
+alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen
+herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen,
+klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen,
+das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden
+Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung
+erwachten die melancholischen Töne, die mit der
+kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen
+scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang,
+der sich wie eine Klage erhob und am dunklen
+Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die
+sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft
+von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a>
+Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
+Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen
+zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit
+von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus
+dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
+Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten
+in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in
+Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung
+aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den
+Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den
+schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf
+dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot
+der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des
+Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel,
+die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte
+das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt
+zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige
+Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren
+die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen
+kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten
+emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
+Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen
+&mdash; und doch hätten sie beides sein können.</p>
+
+<p>Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes
+Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und
+des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten,
+fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen
+besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst
+ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a>
+du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm
+von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
+gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut
+kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter
+machte ihn die innere und äußere Verfassung,
+in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich
+zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
+gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln,
+die quälende Verpflichtungen aus der Welt
+brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit
+Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal
+wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und
+verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige
+und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
+behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei
+seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch.
+Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß
+die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken
+und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und
+doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut
+einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten
+erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er
+bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
+guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine
+Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal
+war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu
+einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von
+tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die
+Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber,<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a>
+endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt,
+deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:</p>
+
+<p>»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen,
+»sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel
+zu grübeln.«</p>
+
+<p>Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:</p>
+
+<p>»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich
+nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum
+Leben gibt.«</p>
+
+<p>Friedel sah ganz bestürzt auf:</p>
+
+<p>»Was willst du damit sagen?«</p>
+
+<p>»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor
+Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es
+teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst,
+sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
+aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume
+im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die
+Menschheit erretten.«</p>
+
+<p>»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du
+bist wahrhaftig noch der alte. &mdash; Du solltest aber nicht
+vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht
+richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
+meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen
+bin? Sag selbst ...«</p>
+
+<p>Helmut mußte wider Willen lächeln.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen,
+daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt
+ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«</p>
+
+<p>Friedel lachte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte
+wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er
+plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche
+Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger
+Bekümmernis.</p>
+
+<p>»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach
+ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt.
+Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu
+nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
+Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch
+ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts
+bewahren.«</p>
+
+<p>»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut,
+und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine
+Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm
+begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. &mdash;</p>
+
+<p>Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast
+auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint
+beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:</p>
+
+<p>»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer
+der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme
+noch irgend etwas.«</p>
+
+<p>Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter
+nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und
+zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man
+aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich
+war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns
+und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl
+hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a>
+junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz
+und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
+geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen
+war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte
+Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines
+Guts machen.</p>
+
+<p>»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die
+Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich
+nicht genügend um.«</p>
+
+<p>Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm
+aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war
+und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der
+sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand,
+war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna
+hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu
+großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen
+einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage
+einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
+Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war
+Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der
+Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.</p>
+
+<p>Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie
+arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor
+einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung
+sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
+zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl.
+Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut
+suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen
+einer persönlichen Sympathie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut
+gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast
+du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du
+fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers,
+das mußt du mir versprechen. Es sichert meine
+Existenz.«</p>
+
+<p>Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten
+Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer
+der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und
+säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut.
+Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu
+und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug
+von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
+und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines
+Herzens das Bekenntnis:</p>
+
+<p>»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein
+Schloß.«</p>
+
+<p>Helmuts Lachen verdutzte ihn.</p>
+
+<p>»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«</p>
+
+<p>Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße
+her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt
+klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben
+Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen,
+als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen.
+Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln
+der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese
+Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
+stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah
+flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a>
+Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit
+helledernen Stiefeln und dunklem Hut.</p>
+
+<p>Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem
+jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang
+mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um
+so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.</p>
+
+<p>Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als
+daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:</p>
+
+<p>»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll
+bestens grüßen.«</p>
+
+<p>Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch
+einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.</p>
+
+<p>Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie
+vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er
+umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm
+eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.</p>
+
+<p>»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt
+hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so
+ein Ereignis, wenn die kommt?«</p>
+
+<p>»Ein Ereignis? &mdash; Ich muß es wissen.«</p>
+
+<p>»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas
+unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend
+geklungen.</p>
+
+<p>Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior
+nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden
+Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn
+nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte
+ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich,
+wie würdelos macht dich dein Schmerz.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte
+Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt,
+das in der Luft lag.</p>
+
+<p>»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück,
+»heute abend wird es sich nicht mehr machen.«</p>
+
+<p>Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl
+sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem
+Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken
+einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem
+Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht
+hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen
+schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah,
+denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein
+einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in
+einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel
+und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht,
+sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum
+sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als
+hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als
+würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen
+an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang;
+in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den
+Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen
+Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a>
+Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde
+in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von
+verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd,
+hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
+dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren
+Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts
+eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine
+kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer
+und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus
+eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen
+ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein
+und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
+Tränen ihrer ersten Hingabe. &mdash;</p>
+
+<p>Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler
+in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz
+ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den
+offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.</p>
+
+<p>Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl
+gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie
+sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber
+sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand
+spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem
+Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie
+zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte
+und die ihm so verhängnisvoll werden
+sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen.
+Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes
+berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen
+bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a>
+Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen
+Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde
+haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des
+Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und
+gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz
+und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden
+hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn
+mit großen, starren Augen lange an:</p>
+
+<p>»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«</p>
+
+<p>Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers
+immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige
+Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei
+Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und
+Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall
+der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen
+verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des
+Weins.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu
+gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden,
+er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und
+Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl
+Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle
+Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
+arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis
+guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im
+Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht
+seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a>
+beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung
+fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines
+Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen.
+Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
+unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit
+grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die
+ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich
+dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe
+anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen
+oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung
+rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels
+ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser
+Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch
+etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein,
+daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen
+Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es
+denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die
+grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen
+Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.</p>
+
+<p>Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in
+den Wald überging und der nach der Försterei führte,
+als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah
+ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
+servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter
+den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen
+Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders
+ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben
+schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt
+und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a>
+noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen
+bekam.</p>
+
+<p>Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein,
+Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt
+hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen,
+erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und
+mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
+finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art
+von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte
+seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es
+junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh
+verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau
+von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme
+zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und
+so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden
+Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge
+Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
+schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf
+jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer
+ersten Begegnung beherbergt hatte.</p>
+
+<p>»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter
+Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra
+von Wartalun zu entfernen?«</p>
+
+<p>Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra
+gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war.
+Er sagte:</p>
+
+<p>»Darüber müßte ich nachdenken.«</p>
+
+<p>»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im
+Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a>
+er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum
+er stets zurückgekehrt ist.«</p>
+
+<p>»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«</p>
+
+<p>»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei
+anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«</p>
+
+<p>»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da
+liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den
+Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«</p>
+
+<p>»Welche Rechte hat sie denn?«</p>
+
+<p>»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir
+über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte
+und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber
+wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
+Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein,
+und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für
+die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe.
+Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge,
+wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch.
+Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr ...«</p>
+
+<p><ins title="Doch.">»Doch.</ins> Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt.
+Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren
+Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
+Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben
+und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht,
+jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit
+Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen.
+Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a>
+den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles
+Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch
+nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat
+diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
+Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach
+dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«</p>
+
+<p>»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und
+wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen
+schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört
+uns alle aus seinem Grab heraus.«</p>
+
+<p>Friedel sah ganz erschrocken auf:</p>
+
+<p>»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?«
+Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen
+als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er
+in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
+leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch
+wieder auf:</p>
+
+<p>»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen
+das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt
+ihr zugestehen zu müssen.«</p>
+
+<p>»Weil er in sie verliebt ist.«</p>
+
+<p>»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß
+vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was
+im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«</p>
+
+<p>»Und mein Kind ... sein Sohn &mdash; ach, Friedel, wie
+kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«</p>
+
+<p>»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge
+selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil
+und Recht finden würde.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>»Und das nennst du gerecht?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern
+helfen ...«</p>
+
+<p>Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick
+auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:</p>
+
+<p>»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle
+ins Blaue hinein sind Entschuldigungen.
+Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch
+wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
+auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange
+Jahre auf den Vater an?«</p>
+
+<p>Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den
+Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen,
+und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich ja ...«</p>
+
+<p>Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand,
+daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß
+nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um
+Genuß und Glück die Sinne betäubte.</p>
+
+<p>»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand
+der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht
+die Rede sein.«</p>
+
+<p>»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.</p>
+
+<p>Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig
+nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden
+waren an dem, was sie einander als Vertrauen
+gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die
+Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis
+ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a>
+kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände
+fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes
+Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
+sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte
+Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht
+unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des
+Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
+Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges
+Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die
+grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er
+denn tun wollen?</p>
+
+<p>»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht,
+weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies
+sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist
+doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
+ihr ...«</p>
+
+<p>Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual,
+den er nie in seinem Leben hat vergessen können.
+Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte,
+gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
+das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er
+wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei
+dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte
+er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra
+liebte.</p>
+
+<p>Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm.
+Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten
+Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang
+zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a>
+Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein.
+Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und
+sah ihnen nach.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem
+Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf
+Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen
+alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken
+verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz
+mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann,
+empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die
+Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen
+herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten,
+aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen
+Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine
+sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört
+Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an
+gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten
+eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren,
+es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf
+den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun
+begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
+geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere,
+die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen
+hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um
+so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß
+nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit
+und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a>
+machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein
+Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu
+spielen versucht.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand
+damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine
+Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben
+ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das
+in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ.
+Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors
+väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
+Ernst.</p>
+
+<p>Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am
+Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte
+Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der
+Alte neben ihm.</p>
+
+<p>Afra sollte kommen. &mdash; Melchior berichtete, sie sei in
+Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie
+würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.</p>
+
+<p>Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen
+sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er
+war wieder allein.</p>
+
+<p>Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief,
+den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu
+durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht
+auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
+verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist
+beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen,
+als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten
+Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a>
+Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
+tatlosen Ergebenheit.</p>
+
+<p>Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten
+unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene
+Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem
+geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze
+eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
+Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.</p>
+
+<p>»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser
+Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure
+besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht
+halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn
+das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
+nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«</p>
+
+<p>Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner
+ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle
+anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings
+hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
+Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne
+diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen
+schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem
+Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
+Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und
+an seinem Kinde zog?</p>
+
+<p>Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag
+für Tag beschäftigte:</p>
+
+<p>»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts,
+aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben
+sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt,<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a>
+der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in
+der Kraft des Lebendigen.«</p>
+
+<p>Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als
+ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die
+Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der
+Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte
+diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen.
+Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas
+wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun
+zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten
+Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras
+Name &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen
+neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:</p>
+
+<p>»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie
+düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge
+zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«</p>
+
+<p>Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in
+ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte
+sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange
+erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche
+und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos
+betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das
+Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche
+Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch
+in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch
+lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen
+ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an
+der erstandenen Erde.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher,
+ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die
+Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen
+Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
+Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße
+Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier
+entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.</p>
+
+<p>Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen,
+die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.</p>
+
+<p>»Lies«, rief er bebend.</p>
+
+<p>Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre
+Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren
+Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung
+der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte
+sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu
+lesen.</p>
+
+<p>Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß
+diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine
+Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber
+irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen
+Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er.
+Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die
+Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich
+bekümmert, ist der Tod ...</p>
+
+<p>»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade
+vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und
+froh:</p>
+
+<p>»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a>
+bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du
+mußt mit mir nach Cismaren ...«</p>
+
+<p>»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«</p>
+
+<p>»Bitte«, sagte er.</p>
+
+<p>Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder,
+das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an.
+Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten
+Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
+Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte:
+Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von
+sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war
+und wo sein tiefstes Leid brannte.</p>
+
+<p>»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe
+und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht
+mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich
+deinesgleichen bin.«</p>
+
+<p>Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe
+meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre
+Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie
+ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen,
+aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig
+gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er
+endlich sagen konnte:</p>
+
+<p>»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«</p>
+
+<p>Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm
+klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen
+sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine
+Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien
+ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a>
+von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit
+der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte,
+tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er,
+daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
+im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine
+Pflicht getan hatte.</p>
+
+<p>Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun,
+da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses
+Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen
+und davoneilen, um die einfache und arme
+Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte.
+Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn
+zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es
+für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.</p>
+
+<p>Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte
+sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der
+sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll
+komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
+seine Scherze wider.</p>
+
+<p>Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und
+sagte sich:</p>
+
+<p>Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens,
+den ich verschenkt habe.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun
+begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher
+mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie waren<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a>
+auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen,
+die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig
+erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche
+Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen
+in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
+jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen,
+die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur
+hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior
+stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während
+Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf
+die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache
+an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die
+hier schlummerte.</p>
+
+<p>Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:</p>
+
+<p>»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«</p>
+
+<p>»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit
+der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität.
+Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den
+Kopf stellen?«</p>
+
+<p>Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück,
+der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.</p>
+
+<p>»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.</p>
+
+<p>Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:</p>
+
+<p>»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«</p>
+
+<p>Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend
+auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das
+Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab.
+Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen
+unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in
+einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über
+die Augenblickssorge hinaus, verlieh.</p>
+
+<p>Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im
+Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff
+den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung
+auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war
+ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal
+wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang
+seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht
+eher darauf gekommen war!</p>
+
+<p>»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«,
+meinte er.</p>
+
+<p>Friedel lachte.</p>
+
+<p>»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als
+wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste.
+Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er
+umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen
+Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er
+anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel
+geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von
+Melchior eine Weinkarte.</p>
+
+<p>Der Alte wandte sich an Helmut:</p>
+
+<p>»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«</p>
+
+<p>Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.</p>
+
+<p>»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein
+Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er
+ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«</p>
+
+<p>»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«</p>
+
+<p>»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde
+Afra unterrichten.«</p>
+
+<p>Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude
+zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior,
+den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des
+Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich
+gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz
+funkelte, als der braune Mond schwermütig über die
+schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen,
+ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen,
+weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder:
+das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In
+ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des
+Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. &mdash;
+O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft
+aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz
+und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der
+begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der
+schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das
+blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der
+Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du
+nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? &mdash; Er
+gibt dich nicht frei.</p>
+
+<p>Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a>
+Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das
+sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine
+Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit
+dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen
+Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis
+unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt
+unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die
+Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.
+Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie
+Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen
+von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor
+ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
+hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht
+deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange
+die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche
+eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle
+Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du
+gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten
+Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch
+das genommen, was du hast. &mdash;</p>
+
+<p>Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen,
+die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen,
+wenn die Wohltaten der Geige erglühen?
+Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen
+emportragen. Sie steigen zu einem seligen
+Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten
+mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen
+Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der
+lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a>
+mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die
+dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...</p>
+
+<p>Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige
+sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach
+einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu
+bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf
+ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte
+auf der Kante des schweren Eichtisches.</p>
+
+<p>Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus
+ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie.
+In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem
+Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief
+ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte
+Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe
+gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses
+stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben
+die Frevler am Gut des Toten.</p>
+
+<p>»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Martin nickte schwermütig.</p>
+
+<p>»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für
+das übrige sorgen.«</p>
+
+<p>»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.</p>
+
+<p>»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig,
+solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«</p>
+
+<p>Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal,
+denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen
+Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß,
+und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a>
+langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft
+streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der
+hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der
+Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die
+Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien
+daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden.
+Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel
+haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut
+und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde
+und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die
+Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie
+wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen
+Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die
+Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen
+versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins
+in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen
+nach fernen Zielen und großem Tun, denn das
+Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr
+Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde?
+Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden
+Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr
+kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
+ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer
+trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer
+Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:</p>
+
+<p>»Es lebe Graf Konstantin!«</p>
+
+<p>»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf
+sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen
+Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte
+die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die
+entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares,
+etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen
+fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte
+Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes
+Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun
+knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch
+erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden
+Kleid:</p>
+
+<p>»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das
+Kind ... sie dreht sich am Boden!«</p>
+
+<p>Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie
+die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:</p>
+
+<p>»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten
+bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr,
+richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung
+und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
+Helmuts Arm:</p>
+
+<p>»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen.
+Komm hinab, hilf mir!«</p>
+
+<p>Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag
+eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging
+gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras
+Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
+ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten
+lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff
+das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen
+schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a>
+seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit
+vergaß.</p>
+
+<p>»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben
+Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm &gt;Husar&lt;
+und &gt;Prinz&lt; und schlag drauf, was dein Arm aushält.
+In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine
+Minute weniger brauchst du!«</p>
+
+<p>Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr.
+Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war
+schwer zu halten.</p>
+
+<p>Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der
+Remise. Dann überließ er alles den anderen und half
+Afra. Der Mond leuchtete.</p>
+
+<p>»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«</p>
+
+<p>»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind.
+Zieh an! Fester.«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt
+nicht ziehen.«</p>
+
+<p>Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.</p>
+
+<p>»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der
+Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie
+der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für
+den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles
+zur Stelle ist.«</p>
+
+<p>Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit
+Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.</p>
+
+<p>»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre
+Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra,
+er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf
+an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht.
+Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so
+daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann
+wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang
+diesen hellen Triumph von Hast und Willen.</p>
+
+<p>Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor
+das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in
+einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem
+hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht
+hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles
+andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt,
+beide Hände an den Schläfen:</p>
+
+<p>»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«</p>
+
+<p>»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.</p>
+
+<p>Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit
+einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von
+einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte.
+Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war
+leer.</p>
+
+<p>»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die
+Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in
+schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu.
+Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn
+fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit
+hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a>
+er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige
+Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin
+seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
+es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht
+nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra
+Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. &mdash;</p>
+
+<p>Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im
+Mondschein lag.</p>
+
+<p>»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige,
+das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut,
+Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt
+das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen
+reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So
+wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte,
+solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer
+näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er
+besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da
+oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze
+bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein.
+Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die
+Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«</p>
+
+<p>Helmut raffte sich auf:</p>
+
+<p>»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste
+sein, du gehst zu Bett.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber
+höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit
+unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend
+unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern.
+Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal
+findest du noch Flaschen genug.« &mdash;</p>
+
+<p>Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs
+glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte
+es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen
+Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern,
+überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig
+in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette.
+Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut
+schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur
+hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er
+sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort
+oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der
+Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege
+höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er
+schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er
+die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er
+auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet
+waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte
+in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.
+Und nun verstand er die dumpfen Worte:</p>
+
+<p>»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte
+sie!« &mdash;</p>
+
+<p>»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben
+in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz
+strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die
+Zähne auf die Lippe. &mdash;</p>
+
+<p>Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch
+bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinen<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a>
+Menschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung.
+Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt
+den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes
+keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen,
+was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu
+erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und
+befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln.
+Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und
+am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.</p>
+
+<p>Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter
+nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die
+ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor
+dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das
+gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder,
+die auf dem Tisch lagen.</p>
+
+<p>»Die Mutter lebt, Herr Graf.«</p>
+
+<p>Ein Kopfschütteln ...</p>
+
+<p>Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen
+zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:</p>
+
+<p>»War es ...« Er stockte.</p>
+
+<p>Der Arzt war wieder an seiner Seite.</p>
+
+<p>»Wonach fragten Sie?«</p>
+
+<p>»Ein Sohn?«</p>
+
+<p>Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.</p>
+
+<p>Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen
+Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses
+spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut
+schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
+Gesicht vor ihn hin.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein
+Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen
+Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos
+wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.</p>
+
+<p>»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß
+ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das
+was du mit deinen Armen stützt.«</p>
+
+<p>Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:</p>
+
+<p>»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«</p>
+
+<p>Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und
+mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und
+hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.</p>
+
+<p>»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein
+einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst
+werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn
+ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
+zurückgibst, was ich dir geben muß.«</p>
+
+<p>»Was soll ich tun?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende
+Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er
+ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.</p>
+
+<p>»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche,
+wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben.
+Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen
+Daseins, du Geliebte Gottes ...«</p>
+
+<p>Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm
+zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß
+die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte
+in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht,<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a>
+die noch unter den blühenden Härten ihres
+Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von
+überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor,
+aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig
+und wild hervorstieß:</p>
+
+<p>»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du
+mußt ... ich möchte gut sein ...«</p>
+
+<p>Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem
+Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte
+er:</p>
+
+<p>»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt
+hat?«</p>
+
+<p>Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch.
+Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil
+empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt
+und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
+sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt
+hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um
+ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl
+jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen
+Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein
+Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe
+dämonischen Sicherheit:</p>
+
+<p>»Du Erbärmlicher.«</p>
+
+<p>Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der
+Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen
+zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt,
+rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren
+Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a>
+Frau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres
+Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub,
+und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was
+ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen
+war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie
+entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am
+Herzen Gottes.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+<p>Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb
+geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen
+Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe
+eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen
+Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles
+vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich
+mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und
+wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden
+Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende
+Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand
+konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der
+kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen.
+Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei
+aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen
+ist, und ihre klammernden Hände konnten erst
+gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht
+versanken.</p>
+
+<p>Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche,<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a>
+und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück.
+Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen
+Treiben nicht wieder zu.</p>
+
+<p>Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille
+im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts,
+unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des
+Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt
+und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die
+seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit
+keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer
+von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
+in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er
+breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen
+aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze
+Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
+betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte
+und daß das Kind den Vater im Himmel finden
+möge.</p>
+
+<p>Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen
+Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den
+Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie
+nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:</p>
+
+<p>»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem
+Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe
+nichts Böses tun wollen.«</p>
+
+<p>»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser
+Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den
+Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick
+erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a>
+hast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten
+Vollendung anders treffen als in seinem täglichen
+Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich
+glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen,
+wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich
+von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines
+Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen,
+daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit
+und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit
+liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden
+lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten
+fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft
+finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich
+so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben
+Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu
+Vollkommenem im Sinne hat.«</p>
+
+<p>Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm
+zögernd:</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen,
+daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«</p>
+
+<p>Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg
+in den Wald hinein. &mdash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert.
+Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen,
+die über sie hereingebrochen waren und vor deren
+wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
+war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a>
+überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden.
+Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch
+von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend
+auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt
+und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und
+nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung
+notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung
+ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende
+Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben
+Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen
+hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit
+ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie
+in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren
+letzten Triumph ringt.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen
+in der Verwaltung von Wartalun und
+Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet
+nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
+Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich
+sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr
+erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen,
+er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit
+zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner
+Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes
+Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in
+den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich
+hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann
+keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt
+hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a>
+Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen
+Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.</p>
+
+<p>Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am
+Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in
+ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende
+Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein
+schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein
+Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den
+großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und
+wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade
+an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben.
+Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah
+ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm
+für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte
+geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein
+schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und
+ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum
+spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte
+sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre
+Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
+aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder
+Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der
+letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt
+wie ein glühender Lavastrom.</p>
+
+<p>Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als
+habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen
+vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch
+seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
+bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a>
+Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und
+von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen
+Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares
+Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer
+Freiheit ein leerer, singender Wind.</p>
+
+<p>Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ
+keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von
+Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden
+inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in
+die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die
+beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche
+Ruhe enthielt.</p>
+
+<p>»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß
+es wie ein Seufzer klang.</p>
+
+<p>Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender
+Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die
+Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen
+Sommer nach. Das rote Meer der Heide
+glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern,
+und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die
+Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit
+des Überwundenen verschönte die sterbende Welt,
+alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige
+Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über
+die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in
+Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in
+tiefer Beglückung weitete.</p>
+
+<p>Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an
+Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a>
+oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs
+versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine
+Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und
+Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.</p>
+
+<p>Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und
+stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen
+Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an.
+Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
+nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall
+die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch
+seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht
+strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall,
+eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen
+über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit
+Ermahnungen zu Helmut trieb:</p>
+
+<p>»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht
+genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht
+ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu
+der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
+Reitpferde, alles hat geholfen.«</p>
+
+<p>Helmut mußte lächeln.</p>
+
+<p>»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf
+dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei
+bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon
+alles.«</p>
+
+<p>»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand
+ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist,
+daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders
+voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>»In der Liebe?«</p>
+
+<p>»Nein, in der Arbeit.«</p>
+
+<p>»Das kommt vom guten Beispiel.«</p>
+
+<p>»Spotte nur. Morgen geht es über <ins title="die Apfel">die Äpfel</ins> her.
+Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken
+bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. &mdash;
+Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra
+sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute
+erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin
+um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der
+Todesfall &mdash; &mdash; du verstehst schon.«</p>
+
+<p>Helmut wandte sich gequält um.</p>
+
+<p>»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht
+entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«</p>
+
+<p>Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die
+er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur
+für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt
+er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien
+nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl
+von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden
+hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins
+und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter
+einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
+Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.</p>
+
+<p>Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden
+Abend würde sie in gewohnter Weise auf
+jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet
+und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen
+Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a>
+zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein
+flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen
+hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener
+habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah
+ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber
+eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es
+schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund
+aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es
+lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die
+oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten
+Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in
+diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und
+ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
+Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer
+aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden
+Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte.
+Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut
+begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung
+auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.</p>
+
+<p>Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung
+Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras
+Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte
+sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem
+Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen
+Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte,
+erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber
+der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.</p>
+
+<p>Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am
+Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a>
+auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel
+zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie
+über das andere und nahm den Hut von den Haaren.
+Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war,
+das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen
+einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden
+Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung
+stand.</p>
+
+<p>»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände
+hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht
+zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
+Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell
+wurde.«</p>
+
+<p>Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages,
+vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von
+ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann
+eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht.
+Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen,
+ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von
+Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
+schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes
+Herzblut bewachen sollte.</p>
+
+<p>Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen,
+die zur Veranstaltung des Festes getroffen
+werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er
+ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor
+sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten
+heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei
+sich festzuhalten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten
+am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem
+Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran
+teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal
+käme?</p>
+
+<p>Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß
+er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im
+Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der
+Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden
+Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:</p>
+
+<p>»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein
+Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine
+Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen.
+Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe,
+daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine
+Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten
+lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich
+hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam,
+der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr
+kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen
+geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß
+niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
+abkehrt ...«</p>
+
+<p>Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.</p>
+
+<p>Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken,
+ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der
+dunklen Rundung.</p>
+
+<p>Sie schlief.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a></h2>
+
+<p>Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach
+mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels
+Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über
+Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten
+in umständlichen Reden, von denen sie kein
+Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik
+klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch
+unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre
+Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen
+frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut
+traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im
+unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu
+stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen
+bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.</p>
+
+<p>»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel.
+»Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch
+in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör
+dies! Ist das ein Ton?«</p>
+
+<p>Helmut mußte es verneinen.</p>
+
+<p>»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen
+werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe.
+Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen
+über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«</p>
+
+<p>Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und
+Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet,
+in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a>
+geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die
+bunten Ampeln tragen sollten.</p>
+
+<p>»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein,
+Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er
+hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben,
+damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken
+springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als
+er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet,
+einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und
+ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für
+Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung
+ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge,
+ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir
+uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine
+Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da
+drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf
+Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben
+Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr
+eine andere Frau! Den Winter über war er in der
+Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er
+sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen.
+Einmal &mdash; ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß
+einem die Haut einreißt &mdash; bekam eine Wind von der
+Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte
+sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich
+eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie
+sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen
+den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus.
+Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a>
+wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre
+Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre
+Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«</p>
+
+<p>»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«</p>
+
+<p>»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre
+alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil
+er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt,
+Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«</p>
+
+<p>Helmut erbleichte.</p>
+
+<p>»Leutegeschwätz«, stammelte er.</p>
+
+<p>Friedel sah ihn groß und lange an.</p>
+
+<p>»Scheint mir nicht. &mdash; Die Frau dieses Gärtners,
+Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein.
+Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem
+Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer
+im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im
+Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt
+sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«</p>
+
+<p>Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich
+berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den
+Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit
+ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen
+zu empfinden.</p>
+
+<p>»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig,
+woher Afra stammt.«</p>
+
+<p>Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen
+Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:</p>
+
+<p>»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil
+ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a>
+nicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur
+die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was
+sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche
+Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind
+wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher
+die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben.
+Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«</p>
+
+<p>Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen,
+machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer
+als zuvor durch seinen Unverstand.</p>
+
+<p>Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer
+innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen
+trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte.
+Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl
+sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des
+Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit
+fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über
+alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe
+zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des
+anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung,
+die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit,
+in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich
+einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit
+frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn
+sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig
+geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im
+Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn
+dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt,
+die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a>
+Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken
+konnte.</p>
+
+<p>Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu
+vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis
+hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen
+würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung
+erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer
+der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische
+Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers
+zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch
+seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und
+bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen.
+Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn
+hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr
+und mehr in grausame Erwartungen. &mdash;</p>
+
+<p>Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags,
+als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten
+Wagen durch die Sonne in den Schloßhof
+rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz
+verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen
+einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter
+den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und
+feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung
+kam diesmal die neugierige Scheu und die
+heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen
+Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt,
+als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick
+in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt
+erreicht hatte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles
+nun werden? Was erwartet man von mir?«</p>
+
+<p>Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie
+das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid
+aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen
+Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte
+umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale
+Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere
+weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und
+legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest
+um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden
+Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und
+rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige,
+ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken
+fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender
+Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit
+ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.</p>
+
+<p>»Afra!«</p>
+
+<p>»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt,
+als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen
+Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du
+diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«</p>
+
+<p>»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich
+es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick
+ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«</p>
+
+<p>»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke.
+Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an
+diese Dinge denken. &mdash; Nein, dort unterschreibe nicht,
+das geht Wendalen an ...«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>Er zog die Hand zurück.</p>
+
+<p>Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam
+und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht
+sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe
+blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die
+Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm
+wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel
+von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue
+Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst
+nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen
+war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt
+hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu
+Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in
+die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den
+Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des
+Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...</p>
+
+<p>Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten
+und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen
+beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut
+ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem
+einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben
+Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.</p>
+
+<p>»Was erwartet man von mir?« fragte er.</p>
+
+<p>Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:</p>
+
+<p>»Du mußt ein paar Worte sprechen.«</p>
+
+<p>»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht.
+Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«</p>
+
+<p>Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a>
+hatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor,
+aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun
+und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte
+ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem
+beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier,
+wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden
+war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses
+großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.</p>
+
+<p>Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute,
+sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt.
+Die Kinder standen im Vordergrund, ihre
+bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend
+zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen
+ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend
+in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die
+Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und
+Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten
+sich auch noch ein letztes Mal die fremden
+Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren
+und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior
+die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur
+Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das
+Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst,
+der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen
+und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer
+zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte
+sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener
+Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und
+fröhlich:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen,
+laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie
+denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß
+dies bald ein Ende hat.«</p>
+
+<p>Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit
+an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam,
+fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten
+Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und
+etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den
+einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber
+anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder
+der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit,
+sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen
+konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.</p>
+
+<p>Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. &mdash; Die
+Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos
+ernst.</p>
+
+<p>Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar,
+als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam
+lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der
+Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig
+sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den
+Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen,
+den des Müllers von Annerwehr und den des alten
+Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts
+in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend
+oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank.
+Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht,
+er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a>
+verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er
+sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten
+Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von
+der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb
+gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt.
+Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten.
+Da hörte er:</p>
+
+<p>»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören,
+teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen
+Grafen Konstantin mein Eigentum geworden
+ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei,
+ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst
+von mir vorgesehen sind.«</p>
+
+<p>Es ging eine Bewegung durch die Versammelten.
+Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand
+nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an
+der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte
+der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen,
+kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen,
+Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie
+die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den
+sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte
+sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück.
+Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten
+bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die
+Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor,
+machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte
+und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog <ins title="ihr">ihre</ins> Hand an
+seine Lippen und sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:</p>
+
+<p>»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe
+es nur so gekonnt.«</p>
+
+<p>Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf,
+um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz
+von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte
+des Verstorbenen gebracht und an der eisernen
+Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut,
+nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen-
+und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen
+geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von
+ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte
+die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete
+Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der
+Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl
+den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu
+beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was
+sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen
+der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen
+und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels
+durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien,
+als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der
+Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden
+dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll
+sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen.
+Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen
+Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter,
+aber er wich nicht von ihrer Seite.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«,
+sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man
+sieht die Leute unbefangener als sonst.«</p>
+
+<p>Sie wandte sich an Friedel:</p>
+
+<p>»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«</p>
+
+<p>»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.</p>
+
+<p>Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige
+seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen
+Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen
+von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es
+ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn
+in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke
+seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige
+seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in
+den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es
+war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete
+Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon
+ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel.
+Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den
+Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne
+ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte.
+Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen
+Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die
+drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so
+aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die
+hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a>
+Laute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte
+wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die
+Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die
+kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum
+erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So
+mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. &mdash; Er lehnte
+sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?</p>
+
+<p>»Was tue ich mit meinem Leben?« &mdash;</p>
+
+<p>»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und
+verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen
+will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne
+stehen, Friedel die Hände in den Taschen. &mdash;</p>
+
+<p>Fern von den Feldern herüber klang durch die
+davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen.
+Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen
+bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter
+der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch
+Licht unten.</p>
+
+<p>Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras
+Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung
+des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug
+beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden
+gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit,
+so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging
+darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender
+Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen
+er erlag. &mdash; Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen
+Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine
+Not mich macht ...</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.</p>
+
+<p>»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich!
+Ich will selbst sehen ...«</p>
+
+<p>Er erkannte die Stimme nicht.</p>
+
+<p>Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden
+Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten
+eilte.</p>
+
+<p>Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid
+vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal
+brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz
+noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.</p>
+
+<p>Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie
+rief nach Martin.</p>
+
+<p>Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln
+herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt,
+die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft
+brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er
+umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich
+die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin
+ich«, sagte er.</p>
+
+<p>Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß
+schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann
+hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch
+niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten
+trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein
+heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen
+er geweckt worden war.</p>
+
+<p>Helmuts Herz schlug dumpf und <ins title="langsam er">langsam, er</ins> fühlte
+es an den Schläfen und im Halse.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß
+ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen
+Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch
+der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr
+vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur
+notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und
+Melchior mit Laternen in den Park eilen.</p>
+
+<p>Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so
+deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen
+und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete
+dieser Stimme:</p>
+
+<p>»Sie ist tot.«</p>
+
+<p>Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse,
+bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war,
+als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene
+Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten
+so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste
+nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war,
+als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in
+ihm erloschen.</p>
+
+<p>Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht
+dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer
+gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte,
+weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben
+ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und
+kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, <ins title="nichts..">nichts ...</ins>
+von hier aus ging der Weg in die Finsternis.</p>
+
+<p>»Wo sollen wir suchen?«</p>
+
+<p>»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>
+erzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar
+hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna
+jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.</p>
+
+<p>»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«</p>
+
+<p>Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie
+hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und
+gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu
+besinnen.</p>
+
+<p>Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von
+blindem Entsetzen:</p>
+
+<p>»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn
+niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort!
+Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier,
+heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege
+ins Leben ... nackte Teufel ...«</p>
+
+<p>Martin hielt ihn.</p>
+
+<p>»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese
+Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit
+Musik ... laß mich los, Flegel!«</p>
+
+<p>»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.</p>
+
+<p>Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und
+von plötzlich aufsteigender Wut:</p>
+
+<p>»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst
+der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und
+mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu
+Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer
+herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ...
+schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag,
+in die Sonne! Verwest allein.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im
+Fieber.</p>
+
+<p>»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen!
+Dieser Narr ...« stammelte Helmut.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe
+ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte
+ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß
+vor Grauen.</p>
+
+<p>»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl,
+was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden,
+vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen
+Vorhaben abzuhalten.«</p>
+
+<p>»Sprich doch!«</p>
+
+<p>»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie
+finden.«</p>
+
+<p>»Sag wie, sag wie!«</p>
+
+<p>»Aja und Fenn.«</p>
+
+<p>»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna
+mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht
+die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«</p>
+
+<p>»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst,
+geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«</p>
+
+<p>Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich
+selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin.
+Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den
+er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr
+Signal gewesen war und auf den es nach einer alten
+Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein
+Halten gab.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>Martin stürmte die Treppen empor.</p>
+
+<p>»Junge, hör, ich will &gt;Aja&lt;. Tu sie an die Leine und
+bring sie hier herauf. Flieg!«</p>
+
+<p>Martin verstand sofort.</p>
+
+<p>Um Helmut abzulenken und um die Minuten des
+Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:</p>
+
+<p>»&gt;Fenn&lt; ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber
+Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für
+wichtige Zwecke zu verwenden. &mdash; Besinn dich, wir
+werden sie gesund finden.«</p>
+
+<p>»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß
+sie nicht mehr atmet.«</p>
+
+<p>»Helmut, sprich nicht so.«</p>
+
+<p>»Sie ist tot.«</p>
+
+<p>Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein
+frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich
+und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend
+an mit seinen klugen Augen, deren warmes,
+braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der
+Hündin über den dunklen Kopf.</p>
+
+<p>»Es ist eine schwere Aufgabe, &gt;Aja&lt;, mein Hund, dir
+wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier
+an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch
+und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die
+sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile
+los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!«
+öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm,
+mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte
+sie ihn wieder und ließ ihn voran.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber
+ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.</p>
+
+<p>Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden
+Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer
+Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der
+er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang
+zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden
+belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd
+Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln
+waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor
+gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch.
+Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war
+Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den
+am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt,
+so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog
+und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas
+schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald
+zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über
+schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:</p>
+
+<p>»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«</p>
+
+<p>»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.</p>
+
+<p>Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom
+Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in
+der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf,
+das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut
+um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg
+verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen
+schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos
+war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert?
+»O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht
+weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich
+empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen
+wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit
+trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig
+und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen
+Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub
+am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter
+ihrem Rock.</p>
+
+<p>»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.</p>
+
+<p>Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob
+sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja«
+zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er,
+es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren,
+es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was
+gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere.
+Das können die Menschen nicht.</p>
+
+<p>Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in
+den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter
+Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:</p>
+
+<p>»Nicht dort! Gib acht!«</p>
+
+<p>Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es
+klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises
+Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen
+hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage
+anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt
+und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des
+Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle
+Ansagen der Tiere. Einmal hatten die
+Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines
+polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast
+hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge
+entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der
+Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten
+und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der
+letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte
+nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen
+Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie
+wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten.
+Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze
+Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor,
+ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers
+war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes
+kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit
+Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen
+voneinander ließen auf einen Gang in wankenden
+Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt
+war und ins Ziellose des Verderbens führte.</p>
+
+<p>Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne,
+jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern
+standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen
+und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten
+Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte
+Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah.
+Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses
+Tuch.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde
+des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete.
+Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen
+Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit,
+die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf
+die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.</p>
+
+<p>Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen,
+trat sie langsam zurück über den schwankenden
+Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land
+erreicht hatten.</p>
+
+<p>»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.</p>
+
+<p>Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu
+ihm auf.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im
+Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit,
+daß wir umkehren.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen,
+und der Herbst wütete im Land. Das
+Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer
+gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft,
+Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre
+Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und
+rauhen Winter verschanzten.</p>
+
+<p>Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger
+als im Sommer stand es grau im schwarzen<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a>
+Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof
+blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die
+Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher
+aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß
+des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen
+zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
+hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume
+auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die
+Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.</p>
+
+<p>Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden
+worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren
+Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann
+wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens
+ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und
+erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden.
+So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des
+Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren,
+aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft
+erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß,
+bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang,
+bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben
+dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock
+vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er
+erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte,
+wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu
+spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren,
+verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal
+nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch,
+mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a>
+junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns
+verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte
+Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche
+Ausschau zu halten.</p>
+
+<p>»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig
+auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte
+Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen
+wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr
+erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung
+Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«</p>
+
+<p>Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß
+geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die
+ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft,
+um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten
+mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte
+und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten
+konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und
+Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.</p>
+
+<p>Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles
+Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen
+anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte,
+daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen,
+alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte.
+Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die
+ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit
+des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
+Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein
+im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos
+seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a>
+gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung
+rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte.
+Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit
+und Bewunderung, und als sie einmal durch
+einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs
+wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:</p>
+
+<p>»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch
+gut, Friedel.«</p>
+
+<p>Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser
+Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen
+Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund
+seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger
+stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für
+unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses
+Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
+stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und
+antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht
+über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins
+niedersank.</p>
+
+<p>Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter
+keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung
+anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem
+Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete
+die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu
+richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu
+überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie
+wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene
+deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen
+Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a>
+ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen
+Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen,
+die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre
+Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden
+der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden
+waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen
+Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene
+Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so
+hart erscheinen konnte.</p>
+
+<p>Zu Anfang November ereigneten sich Tage von
+großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch
+einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und
+in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten.
+Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter
+zögerte noch mit seinem Einzug.</p>
+
+<p>Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam
+gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen
+heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren
+für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten
+größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und
+Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden.
+Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen
+Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
+dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen
+war als sonst und als es den Traditionen des
+Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von
+Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
+Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl
+von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a>
+dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese
+Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte.
+Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von
+ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es
+handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes
+Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer
+Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen
+war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz
+zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges
+Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich
+erscheinen lassen.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die
+wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die
+kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem
+Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen
+und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin
+sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres
+aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen
+Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem
+erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten
+Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich
+und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.</p>
+
+<p>Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht
+des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres
+Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren
+Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der
+noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von
+Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie
+er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a>
+Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum
+spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war,
+als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung
+bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael
+hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem
+hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken
+war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen
+Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
+schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von
+dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf
+die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und
+ihr lächelnd gezeigt:</p>
+
+<p>»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte?
+Dort kehrt er um.«</p>
+
+<p>So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich
+hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder
+eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen
+gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn
+zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären
+müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen
+von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten
+wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
+Wegpappel mit ihrem Krähennest.</p>
+
+<p>Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen
+ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag
+hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne
+bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
+Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung
+hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a>
+verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so
+sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein
+Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges
+Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit
+und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer
+Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand
+für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
+deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand,
+durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen
+drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn.
+Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender
+Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie
+gehörte.</p>
+
+<p>Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen
+Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht
+hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art
+nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
+wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren
+konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas
+von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache
+Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale
+verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
+Tod in die großen Augen schauen müssen.</p>
+
+<p>»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er
+einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede
+war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen
+Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont
+bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich
+sagen werde.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>»Was?« hatte sie gefragt.</p>
+
+<p>»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«</p>
+
+<p>Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er
+dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges
+gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf
+seine Worte übertrug.</p>
+
+<p>Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war
+schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es
+getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen
+Versunkenheit zu reißen.</p>
+
+<p>»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise.
+»Lachst du über Helmut oder über ...«</p>
+
+<p>So hatte er durch eine phantastische Vermengung
+seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden
+Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die
+das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins
+willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
+verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über
+die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die
+bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.</p>
+
+<p>»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft
+und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr
+Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich
+erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht,
+wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
+Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht,
+das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort,
+hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern.
+Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a>
+bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind,
+die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt.
+Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher
+auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet
+sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter
+Blinden ...«</p>
+
+<p>Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war
+wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung
+erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für
+ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen
+blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah
+in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und
+versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.</p>
+
+<p>Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun
+auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis
+zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand,
+aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner
+aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter
+gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die
+gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art
+herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der
+gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen
+zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine
+Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in
+Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen
+der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer
+ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben
+zu lernen.</p>
+
+<p>Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a>
+den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre
+Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die
+Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges
+ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein,
+zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten
+Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte
+des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen
+der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der
+Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer,
+hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten
+Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie
+erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das
+gelichtete untere Gezweig starrte.</p>
+
+<p>Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs
+die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine
+Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte,
+als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und
+etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten
+hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der
+von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen
+führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und
+in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten
+herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende
+Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen
+unter dieser Stirn hervor, die nur schmal
+unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts
+kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer
+phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag
+ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten;<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a>
+aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit,
+die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem
+Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens
+wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der
+Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und
+das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst.
+Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde
+möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit
+geben, daß auch seine Züge, sein Mund und
+seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr
+nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken
+jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte
+sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie
+zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja
+und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke
+daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht,
+daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine
+Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen
+waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete
+den Eindringling.</p>
+
+<p>Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose
+Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche
+dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen
+man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung
+anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er
+einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um
+seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines
+Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder
+Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a>
+diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines
+Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von
+Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die
+Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer
+Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick
+herzurühren schien.</p>
+
+<p>Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung
+zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog
+die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen
+hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur
+Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön
+und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig,
+von dem aber wie ein heimlicher Schein eine
+stete und ruhige Menschenwürde ausging.</p>
+
+<p>Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen
+Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen
+eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht
+immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um
+ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich
+sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei
+sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen
+Worte:</p>
+
+<p>»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der
+dort steht.«</p>
+
+<p>Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens,
+wie ihn nur reiche und im <ins title="tiesten">tiefsten</ins> Wesen beständige
+Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein
+eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste
+hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a>
+Sturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit
+dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als
+sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht
+Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz
+meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte
+der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer
+durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden
+den Weg.</p>
+
+<p>Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich
+auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen
+ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger
+den Blick vom Schemel einer Kirchenbank
+hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört.
+Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von
+einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen
+war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein
+schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes
+Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen
+und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von
+großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren
+von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem
+Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele,
+daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen
+senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen
+Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die
+Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese
+Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben,
+in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen
+und über die keine Form der Höflichkeit oder<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a>
+keine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen
+vermögen.</p>
+
+<p>Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung,
+die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen
+Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch
+nickte.</p>
+
+<p>»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr.
+Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger
+und sagte:</p>
+
+<p>»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«</p>
+
+<p>»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und
+ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.</p>
+
+<p>Sein Gesicht verfinsterte sich.</p>
+
+<p>»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es
+nicht erlaubt, hier einzutreten?«</p>
+
+<p>»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu
+versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.</p>
+
+<p>Er hob wieder die Hand.</p>
+
+<p>»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet
+worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen
+wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es
+diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin
+hausen können.«</p>
+
+<p>»So, gefällt Ihnen Wartalun?«</p>
+
+<p>»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den
+Erker im Efeu. Können Sie sehen, wie die Eichen so
+gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß Gemeinschaft
+gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a>
+diese starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort &mdash; eine
+Wolke &mdash; sehen Sie denn nicht? Sie müssen sich hierher
+stellen. Ach, das ist ein Schloß ... Bäume ...«</p>
+
+<p>»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer
+Wolke?«</p>
+
+<p>»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter <ins title="Tannen..">Tannen ...</ins>«</p>
+
+<p>Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen
+an und trat zur Seite, versuchte den Weg zu gewinnen
+und schien davongehen zu wollen. Als er Afras vornehmes
+Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
+mit den altmodischen Armstulpen sah und den
+goldenen Knauf ihrer Reitgerte, machte er einen Schritt
+auf sie zu:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier
+vorübergekommen und hätte um Erlaubnis bitten
+müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein herrliches Gesicht
+haben Sie, Fräulein!«</p>
+
+<p>Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches
+Wesen zu lächeln, sie fühlte einen Ernst auf
+sich einwirken, dessen Ursprung sie nicht erriet, der sie
+jedoch gebieterisch zwang, die kleinen Hilflosigkeiten
+dieses Menschen zu übersehen.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich.
+»Sie brauchen doch nicht gleich fortzulaufen, wenn man
+eine Frage an Sie richtet.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für
+einen Augenblick warm an. Aber diese Dankbarkeit
+hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie wirkte
+beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a>
+von ihnen sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht
+und ihre junge Gestalt, und in seine Augen kam ein beseligtes
+<ins title="Leuchten">Leuchten.</ins></p>
+
+<p>»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!«
+rief dieser arme Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu
+besitzen schien als die dürftigen Kleider, die er trug.</p>
+
+<p>Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht,
+da ihr nach seiner letzten Antwort nichts Rechtes
+zu sagen in den Sinn kam und sie sich scheute, etwas
+Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich rasch
+nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage
+stellen, die diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu
+begründenden Ausbruch seines Empfindens ausglich,
+aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, hinderte
+sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
+Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an
+und sagte:</p>
+
+<p>»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es
+tun, wenn ich Sie auch noch nicht kenne.«</p>
+
+<p>Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft
+machen, und sie rief lachend:</p>
+
+<p>»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem
+Dank.«</p>
+
+<p>Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er
+ihre Züge.</p>
+
+<p>»Sie wollen nicht?«</p>
+
+<p>»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an,
+wenn Ihnen das Schloß genügt, und danke Ihnen
+vielmals.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts
+bedeuten.«</p>
+
+<p>»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra
+herzlich.</p>
+
+<p>»Nein. Das könnte ich hier tun.«</p>
+
+<p>»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«,
+sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir
+einen Gast bekommen haben.«</p>
+
+<p>»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.</p>
+
+<p>»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den
+Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können.
+Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und
+großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
+und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten
+Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter
+geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die
+er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen
+des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag
+und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend
+Jahren entstanden waren.</p>
+
+<p>Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den
+fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er
+sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung
+steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
+war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der
+Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher
+noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude
+schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm
+öffnete.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu
+und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen
+Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu
+haben schien.</p>
+
+<p>»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie
+lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich
+nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es
+freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr
+aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn
+langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
+zurück.</p>
+
+<p>»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn
+nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das
+Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles
+andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich
+glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«</p>
+
+<p>»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra
+zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige
+Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«</p>
+
+<p>»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich
+werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«</p>
+
+<p>»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im
+Saal?«</p>
+
+<p>Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche
+aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß
+sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den
+Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines
+Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a>
+sich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter
+Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig,
+indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den
+lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über
+ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten
+Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei
+dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren,
+nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen
+das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach,
+und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre
+Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar,
+den Rücken der Nase und ihre Flügel und den
+deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein
+klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung
+ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren
+Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an
+den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
+des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne
+in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da
+kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre
+Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger
+und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in
+ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden,
+und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit
+ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten
+unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie
+nicht kannte.</p>
+
+<p>Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß,
+ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a>
+waren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die
+Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert,
+und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge
+unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts
+mehr erkannten.</p>
+
+<p>Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden
+Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um
+Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es
+bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm
+hoch in die helle Nacht geworfen.</p>
+
+<p>Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor
+ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner,
+erbarme dich meiner! &mdash; Jetzt taumelte Friedel durch
+den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
+beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich
+leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse
+Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer
+der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete,
+und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen
+sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue
+Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie
+sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels,
+unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige
+Waldungen in der Sonne.</p>
+
+<p>Es führte kein Weg dorthin zurück.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a></h2>
+
+<p>Von Woche zu Woche wurden die Nächte von
+Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme,
+in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen
+Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene
+Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden
+Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.</p>
+
+<p>Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung
+hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß
+entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen
+Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags
+wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster
+aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und
+die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann.
+Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit,
+deren Mächte entfesselt wurden, walteten
+im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in
+Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte
+sich in diesen beseligenden und gefahrvollen
+Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle
+Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit
+wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen,
+Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die
+Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder,
+um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren,
+und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten,
+um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem
+Grauen, der Reue und der Verzweiflung. &mdash;<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a></p>
+
+<p>Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit
+Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.</p>
+
+<p>»Martin!« rief er.</p>
+
+<p>Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der
+Wand:</p>
+
+<p>»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt.
+In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen,
+als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in
+Ruhe sterben sehen?«</p>
+
+<p>Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im
+Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.</p>
+
+<p>»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um
+die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat
+der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir
+lieber als dieser Heilige.«</p>
+
+<p>»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior
+apathisch und ohne Teilnahme.</p>
+
+<p>Wo Herr Friedel wäre.</p>
+
+<p>Melchior machte das Geräusch des Schnarchens
+nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in
+den Kronleuchter stecken zu können.</p>
+
+<p>»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich
+wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht,
+erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr
+verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf
+einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu
+ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte
+Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder
+zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen,<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a>
+oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an
+Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht
+wüßte ... dieser Narr.«</p>
+
+<p>»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines
+Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht
+sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig.
+Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt.
+Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es
+geht mit mir umher, redet und schaut.«</p>
+
+<p>Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:</p>
+
+<p>»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn
+reden.«</p>
+
+<p>»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe
+Nacht.«</p>
+
+<p>Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna
+verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.</p>
+
+<p>»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat,
+»ich brauchte ein wenig Geld.«</p>
+
+<p>»Gut, der Verwalter wird dir geben.«</p>
+
+<p>»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«</p>
+
+<p>»So warte bis morgen ... Nun?«</p>
+
+<p>»Der Wein geht zu Ende.«</p>
+
+<p>»Können vier Menschen in zwei Monaten einen
+Keller leeren?«</p>
+
+<p>»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr
+Friedel trinkt allein ...«</p>
+
+<p>»Schweig. Das war keine Frage.«</p>
+
+<p>»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu
+trinken, als er will.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>»Dir nicht auch, Melchior?«</p>
+
+<p>»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«</p>
+
+<p>»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und
+beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt
+es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn
+fragen?«</p>
+
+<p>»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.</p>
+
+<p>Das Mädchen sah ihn forschend an.</p>
+
+<p>»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du
+siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«</p>
+
+<p>»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ...
+ich ...«</p>
+
+<p>Sie sah sich um, als suchte sie jemand.</p>
+
+<p>»Es ist niemand da«, sagte Melchior.</p>
+
+<p>Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie
+besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien
+schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit
+in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach
+einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen
+der Bilder sahen auf sie nieder.</p>
+
+<p>»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der
+Sessel dort bedeutet?«</p>
+
+<p>Der alte Diener nickte.</p>
+
+<p>»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die
+Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns
+könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel
+mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel
+an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten
+mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a>
+Martin gesagt. &mdash; Iduna geht nachts zu Herrn
+Gentler ...«</p>
+
+<p>»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich
+nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die
+Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«</p>
+
+<p>»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«,
+fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen
+Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist
+es noch alles beim alten.«</p>
+
+<p>»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«</p>
+
+<p>»Der Herr Graf will es nicht.«</p>
+
+<p>»Ich will es«, rief Afra.</p>
+
+<p>»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«</p>
+
+<p>Afra fuhr steil empor.</p>
+
+<p>»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht
+mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn
+morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht.
+Gesindel!«</p>
+
+<p>Melchior atmete auf.</p>
+
+<p>»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen.
+Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«</p>
+
+<p>»Ich, Melchior &mdash; ich?«</p>
+
+<p>»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine
+Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache
+mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du
+mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein
+alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die
+Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monaten<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a>
+sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst
+und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen
+Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der
+Fremde ...«</p>
+
+<p>»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging
+hinaus.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die
+Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal
+strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf,
+und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen
+sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen
+in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den
+Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden
+Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor
+den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der
+Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an
+undurchbrochenen Wänden.</p>
+
+<p>Friedel fiel es auf.</p>
+
+<p>»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt,
+wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen
+könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist
+dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«</p>
+
+<p>Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah
+Friedel mit aufleuchtenden Augen an.</p>
+
+<p>»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.</p>
+
+<p>»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam
+das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht
+hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«</p>
+
+<p>Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann
+beugte er sich wieder über seine Geige.</p>
+
+<p>»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«</p>
+
+<p>»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.</p>
+
+<p>Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten
+den Ausbruch seines Zorns.</p>
+
+<p>»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild
+über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging
+erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein
+Lied daraus.</p>
+
+<p>Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das
+finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf
+Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die
+Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so
+gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten
+Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken
+im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick
+von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas
+funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild
+von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten
+Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte,
+im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem
+wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die
+Gläser graviert.</p>
+
+<p>Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit
+Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß
+sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a>
+willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen
+Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals
+zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach.
+Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt
+und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete,
+es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien,
+schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den
+Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen
+Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte.
+Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt?
+Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten.
+Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag
+zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und
+mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die
+Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht
+der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling
+geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau
+über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten
+und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die
+duftende Dämmerung ...</p>
+
+<p>Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen
+Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe
+Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche
+Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus
+mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt?
+Sie nahm ihr Glas.</p>
+
+<p>»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine
+Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt
+wissen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob
+seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra
+fühlte sich tief verletzt.</p>
+
+<p>»Ich gehe!«</p>
+
+<p>»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt
+sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird
+entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein
+im Bann hält.«</p>
+
+<p>»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf
+den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß
+sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es
+ruhig hin.</p>
+
+<p>Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte
+es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des
+Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er
+hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem
+schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer
+schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr
+aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte.
+Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine
+heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach
+Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr
+Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher
+glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen
+ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein.
+Und für wen blieb sie es?</p>
+
+<p>In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert
+und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe
+weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a>
+Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte,
+sagte er plötzlich laut die Verse:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,<br /></span>
+<span class="i0">eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;<br /></span>
+<span class="i0">die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span>
+<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.<br /></span>
+<span class="i0">Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,<br /></span>
+<span class="i0">einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;<br /></span>
+<span class="i0">die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,<br /></span>
+<span class="i0">eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll
+ich spielen?«</p>
+
+<p>Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.</p>
+
+<p>Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten
+Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und
+demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund
+eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der
+Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas,
+und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von
+unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir
+kommen und gehen ...«</p>
+
+<p>Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken
+hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte
+sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und
+schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas
+von Wartalun:</p>
+
+<p>»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter
+Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie
+er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat?<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a>
+Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht
+für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich
+empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es
+doch! Wer hat es gegriffen?!«</p>
+
+<p>Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht
+zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten,
+rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte
+in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.</p>
+
+<p>»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer
+Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte
+Helmut.</p>
+
+<p>»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum
+Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein
+Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.</p>
+
+<p>»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes
+Königreich.«</p>
+
+<p>Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk
+mit einem sonderbaren Lächeln:</p>
+
+<p>»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er.
+»Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird
+einst gut sein.«</p>
+
+<p>»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich
+nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen
+mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«</p>
+
+<p>Paule sah Friedel an.</p>
+
+<p>»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.</p>
+
+<p>»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion;
+innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt
+und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, du<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a>
+balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und
+beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«</p>
+
+<p>Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule
+schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt,
+stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer,
+nein, so hört doch.«</p>
+
+<p>»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule
+hingebeugt.</p>
+
+<p>»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.</p>
+
+<p>»Martin, schenk mir ein!« rief sie.</p>
+
+<p>Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem
+Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich
+nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des
+Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen
+Zug aus.</p>
+
+<p>»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen
+Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder
+meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als
+Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von
+Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen
+sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter
+Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...</p>
+
+<p>Das Bild versank.</p>
+
+<p>»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«,
+sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz
+und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon
+Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«</p>
+
+<p>»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war
+herrlich. Afra! Dein Glas!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel
+herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde
+ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg.
+Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch
+lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile
+so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den
+Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit.
+Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in
+der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas
+hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem
+tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen
+heiser an:</p>
+
+<p>»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich
+meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große
+... Ruhe ... endlich.«</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur
+dunkel, worauf sie antwortete.</p>
+
+<p>»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel.
+»Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten
+des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ...
+gleich, eh' Elsbeth starb ...«</p>
+
+<p>Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick
+auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies
+auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider
+Willen die Worte von Wartalun:</p>
+
+<p>»Wer hat, dem wird gegeben.«</p>
+
+<p>Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre
+Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und
+verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag,<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a>
+weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen
+war.</p>
+
+<p>Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in
+einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des
+Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre
+Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll
+unbestimmbaren Glaubens.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen
+und erwachte am anderen Morgen, als es
+noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren
+Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und
+kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem
+Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und
+liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen
+Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste
+enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen
+Mädchens schließen ließ.</p>
+
+<p>Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde,
+die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie
+lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden
+Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr
+hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein
+Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen
+eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheit<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a>
+und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für
+eine kurze Weile.</p>
+
+<p>Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel
+zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem,
+fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger
+Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell,
+wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der
+Tür des Pferdestalls eine Laterne.</p>
+
+<p>Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd
+hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch
+von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen
+Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster
+hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß,
+überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von
+Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald
+darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte.
+Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht
+so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei
+Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie
+den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und
+mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen
+Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an
+diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und
+zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls
+und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre
+kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.</p>
+
+<p>Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten,
+dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre
+herrliche Freiheit ritt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und
+es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das
+Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke
+emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe
+klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen
+auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum
+durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach
+Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald
+in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen
+Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte.
+Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum
+ersten Male gesehen:</p>
+
+<p>»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem
+Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht
+hatten.</p>
+
+<p>Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen,
+aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren
+Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken
+Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten
+Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den
+zierlichen Tritt des Rehs. &mdash;</p>
+
+<p>Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will
+euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt.
+Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur
+Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen.
+Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der
+an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot
+im Gras verblutet war. &mdash; Aja und Fenn waren ja nicht
+bei ihr. &mdash; Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres,<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a>
+das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte,
+dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der
+Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt?
+War es nicht selbstverständlich, daß er, nach
+solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald
+der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser
+Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er
+fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn
+hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen,
+wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt
+langsam zurück.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,<br /></span>
+<span class="i0">immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war
+er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen.
+Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar
+beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie
+nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er
+nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos
+verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über
+eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne
+noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte
+sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen
+Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung
+forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen
+Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen
+feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte.
+Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a>
+aus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr
+zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so
+schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf
+ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen,
+fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen
+gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die
+Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich
+einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere
+Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare.
+Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er
+verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen
+zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern
+dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in
+ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in
+seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in
+strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter
+der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten,
+befangen und doch stark.</p>
+
+<p>Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.</p>
+
+<p>Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung,
+in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer,
+die sich lang hinzog an einem armen Weg und
+über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde
+Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit
+Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin
+streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse
+im Grünen bergen mußte?</p>
+
+<p>Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles
+Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. Das<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a>
+Bildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes
+bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern
+große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten,
+blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband
+diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten
+Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das
+Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten
+Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden
+würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine
+Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten
+zu überreden war, und das verwindende Heimweh
+nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.</p>
+
+<p>Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem
+Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über
+die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen
+Brunnen des Herzens zu spiegeln.«</p>
+
+<p>Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen
+müssen:</p>
+
+<p>»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen
+Konstantin gemacht.«</p>
+
+<p>»Weshalb?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:</p>
+
+<p>»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben
+wäre.« &mdash;</p>
+
+<p>Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf
+zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie?
+Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr
+Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a>
+sei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein
+böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis
+des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht
+fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen
+wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen
+Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige
+Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten
+Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer
+hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit,
+ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen,
+weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von
+Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch
+sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter
+oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem
+Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht,
+wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden
+sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des
+Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit
+wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse
+emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer
+Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom
+Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls
+und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.</p>
+
+<p>Sie nahm das Pferd wieder herum.</p>
+
+<p>»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut
+und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an
+willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches
+Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:</p>
+
+<p>»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"></a>
+du dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf
+Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump
+eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut
+zu beweisen?«</p>
+
+<p>Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben
+her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war
+furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von
+Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt
+haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die
+kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch
+diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck
+und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.</p>
+
+<p>Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder
+fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber
+als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und
+Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite
+Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien
+und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu
+achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel
+einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück,
+ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für
+den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln
+schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes
+Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.</p>
+
+<p>Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit.
+Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das
+Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über
+den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein
+aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"></a>
+zum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der
+Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr
+beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre
+Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den
+kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden
+Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm,
+und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre
+Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles
+Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über
+ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen
+lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.</p>
+
+<p>»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben?
+Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel
+als ich mag? Nun steh!«</p>
+
+<p>Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte
+heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war
+über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne
+Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf
+die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete
+nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das
+Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor
+Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.</p>
+
+<p>»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter
+Galopp.« &mdash;</p>
+
+<p>»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing.
+»Da sieht man es ...«</p>
+
+<p>Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben
+brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr
+Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sich<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"></a>
+um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel
+sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer
+Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen
+Tür verbannt.</p>
+
+<p>»Ich muß zu dir, Afra.«</p>
+
+<p>»Jetzt nicht, geh!«</p>
+
+<p>»Es ist wichtig.«</p>
+
+<p>»Bleib draußen!«</p>
+
+<p>Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in
+sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte
+ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen
+eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh
+nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den
+Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das
+Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie
+wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine
+Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe,
+die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war,
+wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in
+Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte.
+Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen
+des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra
+zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein
+Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig,
+und obgleich man seine Gunst und Abneigung in
+Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen
+zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner
+Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_218" title="218"></a>Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den
+Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den
+Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an
+diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr
+sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der
+Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die
+weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen
+sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr
+mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener
+Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt
+und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen,
+die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen.
+&mdash; Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu
+Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus
+der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein
+Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von
+hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das
+matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den
+großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das
+verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten
+den Sturm in der Seele des Mädchens ein
+wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:</p>
+
+<p>»Ich muß mit dir sprechen.«</p>
+
+<p>Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der
+Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.</p>
+
+<p>»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«</p>
+
+<p>»Friedel verläßt morgen das Schloß.«</p>
+
+<p>»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«</p>
+
+<p>»Ich will es.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"></a>»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete
+unter den Verwüstungen auf seinem Schreibtisch nach
+seiner Brille. »Es muß etwas geschehen sein, sag es mir.
+Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in
+dem Dunst, der von eurer Verlotterung ausgeht. Ihr
+beschimpft das Andenken des Grafen Konstantin. Jeder
+Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,
+erniedrigt mich!«</p>
+
+<p>Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen
+Erstarrung, sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr
+langsam zugewandt, und während er die geballten
+Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht,
+das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er
+langsam und schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.</p>
+
+<p>»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst
+das mir? Hast du das ersonnen, entstammt das deinem
+Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, Mörderin du?!
+Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,
+was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den
+Quellen meines Lebens, beschimpfst du mich, weil ich
+nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« Er schien am
+Übermaß seines Hasses zu ersticken.</p>
+
+<p>Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine
+Worte berührten sie wie stäubender Schutt und heißes
+Blut, aber sie machten sie nicht einen Augenblick am
+Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten
+war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes
+Bereich der herausgeforderten Seele, wo im Sturm der<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"></a>
+Not Bedrängnis zur Erkenntnis und Zweifel zur Gewißheit
+werden.</p>
+
+<p>»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen
+deiner Hände. Du bist mir gleichgültig! Daß du nicht
+stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von einer Schuld,
+das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer
+überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden
+besudelt.«</p>
+
+<p>Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können.
+Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als
+kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte
+er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra
+nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen
+eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und
+Wut der Empörung erliegt.</p>
+
+<p>»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein
+Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos
+bist du!«</p>
+
+<p>»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt
+mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine
+Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr
+habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit,
+wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen
+mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit
+gefüllt.«</p>
+
+<p>»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes
+dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet
+ist. Du weißt nicht, was du tust!«</p>
+
+<p>»Ich weiß es!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_221" title="221"></a>»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über
+uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von
+dem ab, was du tust und was du getan hast.«</p>
+
+<p>»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich
+seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit
+meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die
+Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit
+eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein
+und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren
+Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen
+Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in
+ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches
+Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von
+dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies
+Haus um meinetwillen säuberst.«</p>
+
+<p>Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch
+und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand,
+seine klammernden, zuckenden Finger am Holz.
+Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres
+Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um
+darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr
+Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge
+kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.</p>
+
+<p>»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber
+dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie
+ausgereckt, schrie er:</p>
+
+<p>»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ...
+Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du,
+hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_222" title="222"></a>»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest
+du noch werden, eine Macht zu mißbrauchen, die du nie
+hast brauchen können. Meinst du, ich hätte das nicht
+hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.
+Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede
+Scholle auf den Äckern und jeder Baum, denn ich liebe
+Wartalun. Du kannst deine Liebe verraten und verwandeln
+und schänden und schwankst zwischen Totenlämpchen
+und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es
+nicht. Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die
+eiserne Pforte vom Grabmal im Garten hinter mir
+verriegeln, ehe du mich um einen Schritt aus der Heimat
+des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun,
+wenn du es wagst!«</p>
+
+<p>»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine
+Macht geben, dir zu weisen, wie weit deine Rechte
+gehen?! Warte eine Stunde ...«</p>
+
+<p>»Für dich gibt es diese Macht nicht.«</p>
+
+<p>»Du sollst sehen!«</p>
+
+<p>»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu
+halten, wenn ich ginge?«</p>
+
+<p>»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen
+mich zu brauchen!«</p>
+
+<p>»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in
+solche Not, in der ich nach diesem Mittel greifen muß,
+um zu hüten, was mein ist. Hasse mich, das ist das Recht
+der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung nicht. Aber
+was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet,
+wirst du achten müssen. &mdash; Ja, so höre es heute: ich will<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"></a>
+es haben. Ich will reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe
+es, wer will, aber hättet ihr nur einen meiner
+Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so
+würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen
+haben, euer Schloß und euer Gold. Aber so nicht. Ihr
+habt mich dorthin gezerrt, wo solche Werte gelten, nun
+fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat
+nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm
+auf den Wiesen verlangt, solange dies Land seinen starken
+Besitzer hatte, dessen Herrensinn mir mehr bedeutete
+als das Vergängliche, darin er sich bewährte. &mdash;
+Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde,
+die dir gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen
+dich auf, nicht ich.«</p>
+
+<p>Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an,
+alles Leben, jede Kraft schien aus seinen Zügen gewichen,
+selbst sein dumpfes Bewußtsein, daß ein richterliches
+Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn zwischen
+Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:</p>
+
+<p>»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu
+können, daß es dich gab, daß du lebtest, tötetest ...
+weißes Feuer du! Aus diesen nackten Fackeln kam
+Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«</p>
+
+<p>Plötzlich schrie er laut:</p>
+
+<p>»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich
+kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß
+man mir hilft ...«</p>
+
+<p>Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das
+Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte in<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"></a>
+ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht
+kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in
+Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte
+sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und
+ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr
+ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft
+verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich
+dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen
+einflößte, ja Todesangst.</p>
+
+<p>Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar,
+ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß
+erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz
+niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.
+Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer
+Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen
+und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«,
+rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich
+quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich
+atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du
+gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«</p>
+
+<p>Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem
+besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen
+lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was
+ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es
+in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß
+eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen
+Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut
+seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt
+von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"></a>
+rankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die
+hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne
+niederneigen.</p>
+
+<p>Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das
+Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern
+das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den
+Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen
+Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis
+ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre
+Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres
+eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher
+Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit,
+sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig
+und ungewollt erschienen:</p>
+
+<p>»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl.
+Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu
+tun, was seine Pflicht ist?«</p>
+
+<p>Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach
+diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:</p>
+
+<p>»Wer bestehen kann? &mdash; Wenn du bestehst, soll alles
+gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht
+einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich
+nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu
+verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"></a>
+jungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem
+Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen.
+Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem
+Bündel über die Schulter geworfen, und eine große
+graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock
+waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging,
+wie er gekommen war.</p>
+
+<p>Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt
+er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in
+der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die
+Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im
+Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger
+Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur
+seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft
+von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.</p>
+
+<p>Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen
+Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte
+hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem
+Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es
+ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen
+gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im
+Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen
+Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein
+weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den
+Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden
+und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit
+leiden. Für ihn selbst war Wartalun
+der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß
+sein irdisches Los.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_227" title="227"></a>Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit
+denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten
+sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften
+seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten
+hinüberführte. Unter seinen Verführungen
+erblindeten die wachsamen Augen der Seele.</p>
+
+<p>Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der
+trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen
+Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am
+Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf
+den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind
+des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein
+Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden
+kurzen Tags. Die winterlich entschlafene
+Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten
+reglos ihrer eigenen Erlösung. &mdash;</p>
+
+<p>Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den
+das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut
+nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen
+hatte, lautete:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und
+über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem
+jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden,
+weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für
+immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld
+mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich
+Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine
+andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest mich<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"></a>
+als die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.</p>
+
+<p>Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die
+Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen
+Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich
+habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher
+Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen
+erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe
+Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem
+Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind.
+Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung.
+Ich bin</p>
+
+<p class="right">Benvenuto Paule.«</p>
+</div>
+
+<p>Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen
+hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem
+Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt
+oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten
+durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das
+erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als
+wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben
+genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit
+Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen
+Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich
+meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du
+nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«</p>
+
+<p>Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender
+Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich
+bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr,
+in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig,<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"></a>
+klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange
+her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte?
+Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis
+zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer
+Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und
+bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es
+gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig
+gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten?
+Um was nur, um was?</p>
+
+<p>Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von
+allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein
+einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die
+verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und
+Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt
+daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen
+Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen,
+unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes,
+der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner
+blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete
+ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und
+wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden,
+die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres
+Daseins.</p>
+
+<p>Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht,
+es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres
+Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies
+Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit
+langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die
+befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"></a>
+Worten brach, die von Paule kamen und ihr galten:
+»Ich liebe dich von ganzem Herzen« &mdash;?</p>
+
+<p>Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer
+Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem
+Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten
+befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das
+Schloß für immer zu verlassen.</p>
+
+<p>»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch
+und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch
+am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm,
+sieh ...«</p>
+
+<p>»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt
+werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie
+ich, will ich es nicht mehr reiten.«</p>
+
+<p>Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen.
+Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches
+Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und
+doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren
+letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:</p>
+
+<p>»Glaubst du, sie hielte nicht aus? &mdash; Ganz andere
+Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten
+ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt
+schon wieder fort?«</p>
+
+<p>»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«</p>
+
+<p>»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«</p>
+
+<p>Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht
+verstand.</p>
+
+<p>Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid
+ließ die schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"></a>
+empor sehen, sie hatte den einen Fuß vorgestellt, hielt
+mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte gepreßt und
+knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte
+die Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war
+lichter umher in der Welt, als der Morgen versprochen
+hatte, und die Schneedecke war geschmolzen. Aber kalt
+war es immer noch, der nasse, leere Park lag erstorben.
+Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der
+Graf Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von
+Erhobenheit, Wehmut und Kraftbewußtsein. Sie starrte
+hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe sie von verworrenen,
+bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr
+ruhiges Land zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie
+denn, welch ein Vorhaben entflammte ihr Herz?</p>
+
+<p>»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen
+hinüber, das sie einst gewesen war, bis heute.</p>
+
+<p>Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein,
+denn das Rütteln hörte auf, und nun vernahm sie
+Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des Schlosses.
+Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers
+geöffnet waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte.
+Erst leise, dann heftiger. Endlich öffnete er vorsichtig,
+und sie sahen sich durchs Fenster.</p>
+
+<p>»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte
+noch, ich komme.«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er
+rasch auf sie zu, er kam aus der Küchentür.</p>
+
+<p>»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen dachte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_232" title="232"></a>Und wenn ich nun Paule nicht finde?</p>
+
+<p>»Ja, ja«, sagte sie.</p>
+
+<p>»Wann kommst du, kommst du gleich?«</p>
+
+<p>»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«</p>
+
+<p>»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah
+Afra angstvoll an. Sie empfand nun, daß er erregt und
+traurig war.</p>
+
+<p>»Ich komme nicht.«</p>
+
+<p>»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun,
+denn es steht böse um ihn. Ich bin voll Angst um sein
+Ergehen ... schon seit langem.«</p>
+
+<p>Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte
+Afra und atmete auf. Da kam Martin mit Joni. Das
+Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt seinen Kopf
+tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,
+als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:</p>
+
+<p>»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst
+nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich
+könnte nicht, meine Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur
+dies. Und grüß ihn und wünsch ihm Lebewohl. Ich käme
+nicht wieder.«</p>
+
+<p>»Was bedeutet das?«</p>
+
+<p>»Tu, was ich sage!«</p>
+
+<p>»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie
+soll es denn werden?«</p>
+
+<p>Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel
+für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig,
+wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen,<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"></a>
+wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr
+unentbehrlicher war.</p>
+
+<p>Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick
+keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein
+Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem
+trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er
+langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen,
+Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte.
+Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt
+hallte angstvoll wider ...</p>
+
+<p>Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker
+als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren
+Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land,
+das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr
+geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß
+ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen
+wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und
+Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser
+Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit
+ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens
+bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in
+ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über
+den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,
+und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten
+Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden
+konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum
+wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im
+lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer
+Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"></a>
+Vergangenheit denken, und immer waren es solche, die
+sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand,
+wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt,
+das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre
+dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und
+Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon
+lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige.
+Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den
+Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine,
+weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den
+schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben
+und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese
+Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten
+sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war
+keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch
+dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster
+drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder
+rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse
+Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden
+Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf
+einer Flucht um ihr Leben.</p>
+
+<p>Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende
+Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den
+Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne
+abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der
+Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im
+Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie
+die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der
+Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einer<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"></a>
+blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen
+Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick
+zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er
+annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar
+herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige
+Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte
+Witterung.</p>
+
+<p>Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.</p>
+
+<p>»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein
+befiehlt etwas?«</p>
+
+<p>»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte
+Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn
+Grafen bei dir gewesen ist?«</p>
+
+<p>»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin &mdash; ja,
+der Herr ist hier gewesen ...«</p>
+
+<p>Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben,
+die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und
+Güte. Sie lachte beglückt auf:</p>
+
+<p>»Wo steckt er denn, der Prophet?«</p>
+
+<p>Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit,
+und meinte, ohne Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:</p>
+
+<p>»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu
+lange ... Er hat sehr auf Sie gewartet, Fräulein Afra.«</p>
+
+<p>»Hör, woher weißt du das?«</p>
+
+<p>Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn,
+wandte sich der Landstraße zu und blickte wie suchend in
+die Richtung nach Wartalun:</p>
+
+<p>»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"></a>Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar
+Gäste der Wirtsstube angesammelt, auch an den
+Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der verwitterten
+Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge,
+und neben dem Eingang lagen leere Fässer.</p>
+
+<p>»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«</p>
+
+<p>»Ob ich will! &mdash; Gleich ist es da.«</p>
+
+<p>Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen
+Gewohnheiten gestatteten, aber befangen blieb er doch.
+Afra empfand es deutlich, es drang von den Ereignissen
+in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten unter die
+Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte
+die Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis
+sah in den unverständlichen Schicksalen das
+Walten finsterer Mächte, und es war längst Gewißheit
+geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse
+Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft
+im Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah
+man im Unschuldigsten den Urheber allen Unheils.
+Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen erschien
+den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich
+ihm um so mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in
+seinen Bann geraten sei. Das Schloßgesinde erzählte
+unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über das
+junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt
+hatte.</p>
+
+<p>Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als
+Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht
+durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen?<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"></a>
+Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein
+bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin
+und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt
+hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt
+und in seinen Besitz bringen.</p>
+
+<p>Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar
+schien? &mdash; Er schritt mit seinen versonnenen
+Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im
+Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie
+einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen
+verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus,
+das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den
+eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes
+wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde
+umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich
+machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung
+statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung
+in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung
+der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er
+sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön
+und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm
+und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in
+wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das
+Wesen und die Gestalt seiner Hände.</p>
+
+<p>Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses
+und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch
+und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner
+Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen
+wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"></a>
+aus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten
+Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe,
+aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen
+geachtet wurden, die ihn liebten.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem
+Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen,
+nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren
+lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich
+keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen
+waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen
+Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert,
+deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren
+Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort
+ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren
+waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der
+Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen
+wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es
+ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher
+Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos
+verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß,
+lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des
+Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des
+Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen
+Namen »Die Knickburg«.</p>
+
+<p>Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel
+das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flache<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"></a>
+Flußufer und das Silberband des Wassers hinter den
+Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über
+das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen.
+Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er
+war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines
+Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer
+heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer
+und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die
+dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig
+über sich und wollte nicht glauben, wieviel
+Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche
+sich hinter seinem starken Willen verbarg.</p>
+
+<p>Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende
+Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe,
+eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen
+sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes
+nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er
+so glücklich gewesen.</p>
+
+<p>Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß
+und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen
+Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen,
+restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen,
+wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer
+grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal
+der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.</p>
+
+<p>Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit
+der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt,
+das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und
+ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"></a>
+Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche
+Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.</p>
+
+<p>Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl
+glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der
+Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches
+Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten
+Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit
+zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus
+dem ihr Blut in Strömen rann.</p>
+
+<p>Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe
+Abendhimmel stand im Wasser des Flusses und in den
+stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen Baumgruppen
+unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten
+Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen
+aus. Vereinsamt wartete die Welt auf die kühle Nacht.
+Am Horizont, im Abschiedsfrieden des winterlichen Tags,
+von Licht gerändert, stand eine zerklüftete Wolke, die wie
+ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen
+Sonne folgte.</p>
+
+<hr />
+<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2>
+
+<p>Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen
+war, schritten Afra und Paule die leere
+Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der
+Knickburg.</p>
+
+<p>Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"></a>»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße?
+Auch die Lichter nahen.«</p>
+
+<p>»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«</p>
+
+<p>»Aber hörst du denn nicht?«</p>
+
+<p>»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von
+Menschen.«</p>
+
+<p>»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm
+ihren Hut ab und schüttelte mit einem zitternden Lachen
+der Ergriffenheit ihren Kopf.</p>
+
+<p>»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte
+sie. Sie schaute sich um. Zur Rechten lag eine schwere
+Mauer aus dunklen Tannen, und zur Linken hoben sich
+unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen
+den helleren Himmel ab.</p>
+
+<p>»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile
+schweigenden Lauschens nachdenklich. »Ob sie uns
+suchen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht dich, Afra.«</p>
+
+<p>Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei,
+dann sagte sie schnell:</p>
+
+<p>»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde
+nach Wartaheim. Es ist besser, sie finden hier nur mich.«
+Dann besann sie sich plötzlich und änderte rasch ihren
+Entschluß:</p>
+
+<p>»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen.
+Ich werde tun, was ich will. Wer könnte es auch sein.
+Nur Helmut darf nichts ahnen, verstehst du mich,
+Benvenuto?«</p>
+
+<p>»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_242" title="242"></a>»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir
+geschehen?«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich
+an ihr Ohr. Nach einer Biegung der Landstraße kamen
+die beiden Lichter heran, sie beleuchteten die Wegstrecke
+zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so daß man
+die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und
+Wagenspuren deutlich erkannte.</p>
+
+<p>Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang
+nicht Gesang aus dem Wagen, oder war es ein
+<ins title="Wimmern?«">Wimmern?</ins></p>
+
+<p>»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an!
+Warte!«</p>
+
+<p>Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die
+Köpfe emporgerissen, man sah deutlich, daß der Kutscher
+heftig erschrak und die Zügel viel zu hart anzog. Die
+Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel
+des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren
+Köpfen.</p>
+
+<p>Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen
+der Stallknechte. Er riß den Hut herunter, als er sie
+erblickte, und Afra bemerkte, ehe er sprach, daß sein
+Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet aussah
+und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach
+Hilfe ausschauten. Da er dicht neben der Wagenlaterne
+stand, erkannte man seinen Ausdruck deutlich, und so kam
+es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:</p>
+
+<p>»Wohin willst du? Wen fährst du?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_243" title="243"></a>»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der
+Herr ... der Herr ...«</p>
+
+<p>Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war
+Friedels Stimme. Er schien niemand zu erkennen:</p>
+
+<p>»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den
+Schloßwagen nicht? Haltet mich nicht auf. Marsch!
+Platz!«</p>
+
+<p>»Warte noch«, sagte Afra ruhig.</p>
+
+<p>Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein
+Fluch, dann machte sich von innen eine Hand in erregter
+Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.</p>
+
+<p>Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.</p>
+
+<p>»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.</p>
+
+<p>Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür
+besorgt und hastig wieder und stellte sich davor auf. In
+seinem Gesicht lagen höchste Anspannung, eine wilde
+Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender
+Aufruhr.</p>
+
+<p>»Ah, Afra &mdash; da bist du! So, hurra! Es lebe die
+Herrin von <ins title="Wartalun!">Wartalun!«</ins></p>
+
+<p>»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich
+die Peitsche nehmen?«</p>
+
+<p>»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich,
+daß ich vor Lachen nicht sprechen kann?! Gott bewahre
+dich davor, daß du dies Lachen kennenlernst. &mdash; Wie?
+Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den
+Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«</p>
+
+<p>Da stand Afra steil vor ihm.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"></a>»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in
+Wartalun geschehen? Wenn du noch ein unnötiges
+Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen und
+kehre mit dem Wagen um.«</p>
+
+<p>»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß.
+Man hat wohl zwei Stunden lang nach dir geschrien,
+bis man an seinem Blut erstickte. Was geschehen ist?«</p>
+
+<p>Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat,
+als ränge er innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die
+Sinne auslöschte. Er bewegte nur die Fäuste hin und her.
+Afra sah es im rötlichen Licht der Laterne. Dann tippte
+er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine linke
+Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen
+Keuchen:</p>
+
+<p>»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am
+Rücken glatt heraus! Durch und durch geschossen! Alles
+rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du siehst ihn
+nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm
+schon seine Augen zugedrückt.«</p>
+
+<p>Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei
+Schritte. Sie stieß auf Paule.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.</p>
+
+<p>Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.</p>
+
+<p>Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß
+Friedels Atem nach Wein roch und daß er betrunken
+war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, wie unter
+einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren
+Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem
+Innern etwas für alle Zeit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_245" title="245"></a>Friedel war wieder in ihrer Nähe:</p>
+
+<p>»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du
+Begnadete unter den Reichen. Alles, was du umher
+siehst oder weißt &mdash; alles, bis an die Wälder von
+Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht
+dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare
+Sicherheit war, daß alles dein sein sollte. Und dein
+Popanz, der Martin, hat zwei Pferde zuschandengemacht,
+um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du
+allerlei zu danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«</p>
+
+<p>Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte
+an, die ein wenig gefaßter wurden, jetzt, da man ihn
+reden ließ und da die schlimmste Botschaft aus seinem
+Herzen gestoßen war.</p>
+
+<p>»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine
+Frage, er sagte es ruhig aus.</p>
+
+<p>Seine Stimme brachte Friedel auf:</p>
+
+<p>»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher?
+Nicht zwei Hemden hast du gehabt, als du dich bei uns
+einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl nur zu nehmen
+brauchen, was dir behagt. Oh &mdash; mir wird übel, wenn
+ich an den Mutwillen Gottes und an die Willkür des
+Schicksals denke. Oh, ihr ramponierten Großmäuler im
+Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, nicht
+wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich
+in euren Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich
+langsam zersetzt. Nur heraus, es ist gleichgültig, ob oben
+oder unten.«</p>
+
+<p>»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"></a>
+einen anderen, wenn du willst. Es wird dir wohl auf
+zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach hart und
+bestimmt.</p>
+
+<p>»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor
+den Schlag.</p>
+
+<p>Afra sah hinein, über seine Schulter fort.</p>
+
+<p>»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst
+du Martin, wo du ihm soviel Glück verdankst?«</p>
+
+<p>»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir
+behalten. Deine Scherze laß &mdash; mir verdirbt das Herz
+rasch genug.«</p>
+
+<p>Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:</p>
+
+<p>»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht
+halten kann, das mir aus dem Leben bricht. Ich weiß
+nicht, ob es einen Gott gibt, aber wenn, so mußt auch
+du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her,
+uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust
+deiner teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«</p>
+
+<p>Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels
+Arm:</p>
+
+<p>»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn,
+»du lästerst Gott.«</p>
+
+<p>Und er fuhr fort zu sprechen.</p>
+
+<p>Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich
+eindringlich. Sie kam aus dem Dunkel hervor und nahm
+die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre bannende
+Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je
+mehr er verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung,
+die die Gewalt dieser starken Worte mit sich brachte.<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"></a>
+Der Kutscher hielt die Pferde und sah um ihre Köpfe
+herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche
+Gestalt des Sprechenden.</p>
+
+<p>»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut,
+der seine innere Wahrhaftigkeit deutlich machte.
+»Aber was sprichst du von Reichtum und Gerechtigkeit,
+von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, dein kleiner
+Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von
+Angst um sein Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu
+vergleichen, die diejenigen erleiden, die nicht die Hilfe
+deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du wärest nicht
+gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert
+hätte.«</p>
+
+<p>Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile
+schwieg. Niemand antwortete ihm. Aber er fand die
+Besinnung nicht, um die er zu ringen schien.</p>
+
+<p>Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es,
+daß Afra mit einem raschen Schritt auf ihn zutrat und
+ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.</p>
+
+<p>»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du?
+Kein Wort darfst du mehr von diesen Dingen sprechen.«</p>
+
+<p>Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er
+atmete tief und schwer, und seine großen Augen, dunkel
+in ihrem Schatten, schienen nichts zu sehen von allem,
+was um ihn her vorging, noch wo er sich befand.</p>
+
+<p>Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin
+und her und suchte mit der Hand in der dunklen Luft.</p>
+
+<p>»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was
+mit uns geschehen wird? Dies alles ist unwahr. Wohin<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"></a>
+bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! Laßt mir doch
+mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger
+Himmel? Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher
+liegen Tote ...«</p>
+
+<p>»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.</p>
+
+<p>Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte
+sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als
+Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies,
+den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die
+Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes
+Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und
+dem nassen Erdboden.</p>
+
+<p>»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und
+verklang in Finsternis.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann
+es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog.
+Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon
+durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des
+Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt
+hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein
+Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang
+des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden
+hatte.</p>
+
+<p>Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner
+durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter
+fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem
+sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"></a>
+weißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen
+Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider
+in sanfte Schatten bettete.</p>
+
+<p>Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in
+den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim
+und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften
+gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der
+Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen
+beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem
+Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter
+den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter
+von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So
+mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden
+haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel
+auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker,
+ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen
+Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt
+hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof
+kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.</p>
+
+<p>Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer
+in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den
+Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle
+und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit
+langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen
+Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten
+Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden
+Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise
+vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der
+nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"></a>
+jene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus
+dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre
+vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter
+den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.</p>
+
+<p>Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen.
+Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und
+krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten
+Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten
+Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des
+Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.</p>
+
+<p>Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen,
+beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines
+Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke
+zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen
+Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft,
+weithin, weit fort über verödete Steppen und braches
+Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten
+Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und
+kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter
+Menschenseelen.</p>
+
+<p>»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause
+sollte wissen, wo sie war.</p>
+
+<p>Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten
+kam ein schwaches Lächeln auf seinen schlafenden
+Mund. Afra sah in tiefem Erstaunen in sein Angesicht,
+in diese Züge, die sie zum erstenmal in voller Ruhe
+erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit
+darin, die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare
+Freude eines Menschen, der zuversichtlich auf dem<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"></a>
+Heimweg war. Sie hatte nicht einen Augenblick das
+Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als
+sei er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun,
+und für alle Zeit, um dieses Lächelns willen, das ihr über
+die armselige Torheit der Geängstigten und über die
+starräugige Allgewalt des Todes zu triumphieren schien.</p>
+
+<p>Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der
+Liebe, schlief Helmuts gescholtener Leib sein letztes Mal
+im Schein des täglichen Lichts über der Erde. Auch zu
+ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers
+die Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die
+Luft, die kein Atemzug mehr bewegte, über der vollkommenen
+Stille, die von seinem wächsernen Angesicht
+ausging.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
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+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+</pre>
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+</body>
+</html>