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+The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wartalun
+ Der Niedergang eines Geschlechts
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
+Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.]
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+ Wartalun
+
+ Der Niedergang eines Geschlechts
+
+ Roman
+ von
+ Waldemar Bonsels
+
+
+ Im Verlag Ullstein · Berlin
+
+
+ Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.
+ Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung
+ Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin
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+Erstes Kapitel
+
+
+Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr bewegte sich im
+tiefblauen Himmel eine große rote Mohnblüte, nur ein klein wenig und so
+feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
+wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken von der Wärme und
+vom Licht, und sein Schatten huschte über das helle Kleid des jungen
+Mädchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen
+hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie sacht ein wenig nieder und
+spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten.
+
+Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen Licht und der
+willkommenen Müdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer
+Betrübnis daran, daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit ihm
+eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhältnisse für sie
+und für ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewiß geworden. Es
+machte mißmutig, nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
+welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den Veränderungen
+erwachsen würden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet
+wurde.
+
+Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen Sommerwind
+schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte
+gedankenlos den grünen Stiel mit seinen winzigen hellen Härchen und
+entblätterte über ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
+Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen
+Sonne liegen.
+
+Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu
+finden, da sah sie zwischen den Ähren fern die grauen Schloßtürme von
+Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das
+seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts
+zu finden war.
+
+War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurückdenken
+konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern sollte, lernte sie erkennen, daß
+sie alles allein der Güte des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser
+Reichtum ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke
+quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es Mächte gab, die ihr diese
+Schätze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als
+wäre nicht mehr, was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.
+
+Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in
+diesem Augenblick, in dem sie litt. Daß sein Kommen erst mit dem Abend
+erwartet wurde, ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht
+zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß der
+Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte hinterlassen können,
+war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder
+Wendalen mit seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: er
+hat niemand so geliebt wie dich.
+
+Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter
+und den kommenden Frühling mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug
+in das ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen wie mit
+den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres überzogen hatte. Das war
+die letzte Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des
+Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, über
+seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, daß es sein letzter war. Der Wind
+vom Garten war warm und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
+eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedächtnis
+geblieben, an denen sie ihm zur eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte
+vorlesen müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß sie
+warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:
+
+»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«
+
+Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies wünschte.
+
+Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, und hielt inne.
+Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttäuschen. Seine Bewegung
+quälte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er
+von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu
+erzählen, die in den großen Wandteppich gewoben waren, gegen einen
+verblaßten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten,
+aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus
+erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten nicht mehr. Wollte er,
+daß sie die Tränen vergaß, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete
+es und fragte ihn, weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
+einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:
+
+»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, und weil ich die
+Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen
+Haar. Und weil ich die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
+Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Füße
+am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum
+daß du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht,
+die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie
+dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin
+niemals deinem Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du mich
+gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir
+in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott
+bringen, zu dem ich gehe.«
+
+Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen könnte, und
+sich gefragt, ob sie ihm Anlaß gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu
+sein. Aber im Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
+war und daß der unerfüllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu
+jenen gehörte, die sie erfüllen konnte. --
+
+Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hörte ein Pferd
+schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurück.
+Sie nahm ihren Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
+damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er saß zu hoch auf
+seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte,
+und hielt die Pferde an.
+
+Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, daß Afra nicht hochmütig
+war.
+
+»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornähren mit
+der Hand zur Seite bog. »Ist es erlaubt, einzutreten?«
+
+Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.
+
+Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heißen
+Stirn und lächelte.
+
+»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«
+
+»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit forschenden Augen
+hinzu:
+
+»Heute abend ...?«
+
+»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine
+betrübliche Nachricht, »heute abend kommen sie.«
+
+Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit an, wie Martin sich den
+neuen Herrn vorstellte.
+
+Plötzlich unterbrach sie ihn:
+
+»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«
+
+»Weißt du es besser?«
+
+»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu
+eurem Vorteil wünscht. Der Vater meint, daß er eine Vorliebe für neue
+Treibhäuser habe und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
+von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und der Förster
+weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.«
+
+»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man könnte glauben, daß es so
+im Katechismus steht.«
+
+»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, »aber wenn man sich
+langweilt ... man sollte sich nie langweilen.«
+
+Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar,
+die an dünnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte
+seine Hand um, öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
+schob sie seine Hand zurück.
+
+»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, was ich von ihm
+weiß. Und noch eins: er wird mich sehen.« Sie ließ langsam die Blicke
+über den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
+lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man
+durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich zu behalten, was man wußte.
+Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund
+verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen.
+Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will.
+
+Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mißstimmung
+zugleich. Es mochte daher kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt
+gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie nun zu
+seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens für einige Zeit, für diese
+Tage der Ungewißheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den
+meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
+werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem märchenhaften
+Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um
+sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
+sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein
+eigenes Geschick in die Hände gegeben waren, die er neben sich sah, wie
+sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte auch,
+daß er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne daß
+Afra ihn daran hindern würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
+empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, sein Wunsch,
+dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...
+
+Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu
+befreien. Was würde geschehen?
+
+»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, sagte Afra, »ich habe
+genommen, welches ich wollte. Würdest du um eines bitten, wenn alle dir
+erreichbar wären?«
+
+»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der ihren, »du konntest
+tun, was du wolltest. Der neue Herr ...«
+
+»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob sich, so daß sie im
+Korn saß, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete
+als die goldenen Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.
+
+»Fährst du mit?« fragte er.
+
+Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem
+weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits
+hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm
+hinunterlachte.
+
+»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er
+neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.
+
+Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide
+Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den
+Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in
+einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu
+heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während
+der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und
+vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das
+Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her
+durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der
+Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des
+Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
+des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen,
+der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte.
+Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
+gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe
+rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre
+alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können,
+aus dem Hause gewiesen zu werden.
+
+Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und
+schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der
+fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie
+erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
+weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf
+ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die
+Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß
+sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des
+alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel
+mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.
+
+Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im
+Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe.
+Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
+niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er
+sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit
+mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle
+an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft
+auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke,
+der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die
+Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen.
+Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn
+umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner,
+der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra
+wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein
+kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war,
+als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
+Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur
+Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit
+seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte
+winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn
+für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten
+schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie
+stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit
+Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.
+
+Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der
+auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser
+Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende
+junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß
+sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem
+Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles
+deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles
+benachteiligter als sie?
+
+Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen,
+die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte
+eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum
+beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
+für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor
+sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«,
+sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich
+gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?«
+
+Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?
+
+Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum.
+Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt
+das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
+gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem
+Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte
+sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag
+hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
+lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in
+ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und
+übermütig beseligt gelächelt hatte. --
+
+Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in
+kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille
+auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
+waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen,
+zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den
+weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle
+Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde
+ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte,
+in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
+schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts
+sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die
+Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen
+der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare
+Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch
+geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle
+Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
+die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig
+eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten
+von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
+Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der
+Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde.
+
+Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der
+Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das
+Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
+hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich,
+ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und
+der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo
+der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der
+längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund,
+dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
+Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch
+gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und
+Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie
+ihn beinahe gering, diesen großen Mund.
+
+Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr
+Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins
+Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid.
+Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber
+er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte
+schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal
+niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen
+Herrschaft zu fragen.
+
+»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme
+schuldig zu sein.
+
+»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.
+
+Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie
+nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie
+wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn,
+deren Ketten sie hörte.
+
+Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße
+entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem
+Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame
+heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das
+Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten
+Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten
+Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein
+ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu
+verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden.
+
+Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über
+die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie
+hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
+hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten
+Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß
+Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
+brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle
+Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam
+ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie
+sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren
+zu müssen, fand sie stark.
+
+Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die
+immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So
+schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten
+Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen
+Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den
+Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe
+am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie
+von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie
+hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit
+und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.
+
+Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie
+sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde
+sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
+schon unterwegs nach Wartalun. --
+
+Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen
+Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn
+hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das,
+aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein
+Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit
+dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum
+amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute
+hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
+Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit
+zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen
+sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen
+seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit
+geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von
+Wartalun geworden war.
+
+Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug,
+wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem
+und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr
+zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich
+in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und
+hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.
+
+»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen
+empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die
+Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
+Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit
+geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan.
+
+»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie
+laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual
+beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen
+weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut
+ihrer freien Haltung stand.
+
+Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich
+schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den
+Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
+Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites,
+wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach.
+Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme
+des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie
+grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu
+stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine
+Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an,
+mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung
+nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein
+schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
+Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war
+schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und
+erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine
+schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche
+Hände wünschte sie sich ...
+
+»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber
+nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis
+Wandelen zu gelangen?«
+
+»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«
+
+»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«
+
+Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land,
+als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können.
+Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
+überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen
+wollte, und sah sie bewundernd an.
+
+»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht,
+aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem
+Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«
+
+»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher
+Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist,
+es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht
+besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.«
+
+Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie
+Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen
+Tod.
+
+»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie
+denn jetzt um?«
+
+»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am
+Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom
+Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen
+auszeichnete, sagte sie:
+
+»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig
+dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist
+Joni.«
+
+»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich
+daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe,
+ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«
+
+Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu
+verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der
+üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.
+
+»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen,
+zu sagen, wer Sie sind?«
+
+Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick
+sah, und meinte:
+
+»Tut es etwas zur Sache?«
+
+Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken,
+daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch:
+
+»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht.
+Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er
+ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.«
+
+Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich
+sie ihn beneidete.
+
+»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage
+hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie
+eine kindliche Bitte.
+
+»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich
+schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es
+ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe
+schenkt.«
+
+»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische
+Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den
+Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.«
+
+»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden.
+
+Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr
+Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit
+tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort:
+
+»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame
+Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht.
+Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben,
+mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die
+Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien
+waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander,
+da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große
+äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns
+drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante
+Verheiratung des alten Herrn.«
+
+Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie
+mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken
+ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
+sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige
+Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel
+noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung
+wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
+erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun
+erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der
+Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder
+Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und
+höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in
+ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie
+Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß
+das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des
+Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die
+Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein
+schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
+dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn
+darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und
+froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner
+Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den
+verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel
+ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in
+den Sonnenschein und lächelte.
+
+Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.
+
+»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich
+beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein
+geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die
+Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«
+
+Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig
+ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß
+eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine
+selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.
+
+Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der
+Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu
+setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle
+nützlich erschien.
+
+»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«,
+sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und
+geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre
+Offenheit ist eine Freude für mich.«
+
+Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß
+sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er
+mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
+fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen
+unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine
+Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude
+daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als
+machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.
+
+Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte
+er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des
+Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
+seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und
+fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes
+Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.
+
+»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend
+sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er
+plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er
+nicht hatte sagen wollen.
+
+»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach
+diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm
+damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
+mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich
+habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie
+diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab,
+neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu
+erproben.
+
+Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen
+bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen
+junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
+schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in
+die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ...
+
+Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen
+freundlichen Worten folgen:
+
+»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«,
+sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich
+war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im
+Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
+Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage
+schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit
+der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein
+wenig zu schwer ...«
+
+Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem
+er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es
+oft auf einsamen Spaziergängen zu tun.
+
+»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum
+selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die
+Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich
+hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich
+Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne,
+langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten
+einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
+mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«
+
+»Wieso?« fragte Afra.
+
+Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf
+ihre Frage ein.
+
+»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding,
+zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur
+ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
+berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam
+unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist
+vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine
+philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument
+einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet
+werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur
+noch eine Frage von Tagen.«
+
+»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra.
+
+»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«
+
+»Und der Brief?«
+
+Er sah sie an.
+
+»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«
+
+»Ja«, sagte Afra.
+
+»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von
+hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte.
+Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor,
+da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt,
+was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in
+Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu
+Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso
+unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«
+
+Er lächelte vor sich hin.
+
+»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«
+
+Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre
+Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab.
+
+»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie
+versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart,
+daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie
+nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder
+Neidischer gehört haben.«
+
+Sie antwortete kalt:
+
+»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen
+von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr
+sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem
+>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert,
+ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...«
+
+Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach
+einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf
+sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen
+Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und
+so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war,
+als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem
+Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem
+Sommermorgen angerichtet hatte.
+
+Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge
+Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er
+eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und
+sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra
+mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:
+
+War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und
+für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht
+weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
+dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor
+ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort,
+rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
+lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls,
+von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob,
+stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand
+zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte.
+
+Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück.
+
+»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich
+weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich
+es gutmachen kann.«
+
+»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den
+Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren
+Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn
+wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt
+unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte
+dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr
+verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und
+für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren
+Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um
+vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig
+zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst
+und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr
+Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
+ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte
+sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er
+mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn
+ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht
+empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde.
+
+Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten,
+erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu
+trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie
+nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
+Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten.
+Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr
+war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
+haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr
+neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher
+mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
+Aussicht.
+
+Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber
+viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst
+auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
+fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles
+gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte,
+sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz
+eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
+die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien
+ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen
+Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
+Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen
+suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in
+unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des
+Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und
+geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch
+allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen
+erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in
+ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen
+wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch
+so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und
+voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick
+bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
+während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen,
+die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner
+seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit
+überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu
+wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.
+
+Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer
+Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie
+deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
+als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er,
+beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob,
+besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner
+Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage
+und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.
+
+»Warum lachen Sie denn?« fragte er.
+
+»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.
+
+Nun lächelte er.
+
+»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an
+Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich
+aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht
+ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine
+Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So
+viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine
+Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses
+und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie
+waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle
+Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
+als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf
+hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem
+und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie
+leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick
+daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu
+ihm Sie hier gehalten hat ...«
+
+Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil
+dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie
+geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle
+seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und
+beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das
+Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig
+geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte
+er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich
+ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte.
+
+Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher
+drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch
+dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte
+hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an
+drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See
+bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten
+eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und
+lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
+Büschel Zweige.
+
+»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder,
+hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu
+ihr auf.
+
+»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile
+wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein
+aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät
+gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute
+mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann,
+möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
+nun vieles besser verstehe.«
+
+»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe
+wenig Kleider.«
+
+»Bitte«, sagte er einfach.
+
+Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich
+neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen
+pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß
+ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In
+allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine
+heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
+aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so
+dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im
+eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
+auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende
+Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn,
+als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier
+sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
+es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn,
+daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man
+jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat,
+was in seinen Kräften steht.
+
+ * * * * *
+
+In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des
+Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun
+sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und
+Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und
+die Trauer des Verflossenen.
+
+»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und
+klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.«
+
+Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er
+dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine
+junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch
+anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf
+sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und
+geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde
+weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er
+kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.
+
+»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.«
+
+»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an.
+
+Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll
+erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer
+unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen:
+
+»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als
+Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und
+machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
+Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare
+Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten
+zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre
+Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«
+
+Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe
+Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch
+derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen
+den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.
+
+»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch
+weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat
+auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger
+vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können,
+dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.«
+
+Tief überrascht sah er auf.
+
+»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«
+
+Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie
+unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte
+er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem
+Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von
+Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich
+gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr
+Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine
+Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer.
+
+Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück.
+
+»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten
+wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die
+Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde
+beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch
+die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns
+Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.«
+
+»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich
+geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen.
+Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
+laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die
+draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?«
+
+»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie
+wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die
+äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
+Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit
+unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark
+macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
+gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen
+nach hat werden müssen, der ist gebildet.«
+
+Sie unterbrach ihn ungeduldig.
+
+»Sagten Sie, ich sei reich?«
+
+»Ja, Afra.«
+
+»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«
+
+»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen
+Sinn und Zusammenhang.«
+
+Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten
+Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere
+Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
+keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich
+verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie
+tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets
+empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
+Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen,
+als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur
+erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein
+Jüngling.
+
+Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des
+Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von
+einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in
+die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
+Vergangenheit.
+
+»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam
+schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den
+Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.
+
+»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer gehabt, die hier geherrscht
+und gebildet haben«, sagte er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier
+nach fremden Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
+mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, seine Schönheit.
+Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Möbel und
+Verkleidungen der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert scheint
+einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und groß wie
+das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu
+herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen
+Gehorsam, aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«
+
+Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf,
+trat sie hinzu. Es war dämmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die
+Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grüne
+Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen.
+
+»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich
+von großer Schönheit, aus dem von ungefüger und hilfloser Hand kleine
+Stückchen herausgeschnitten waren.
+
+»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.«
+
+»Sie haben diese Gobelins zerstört?«
+
+»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vögel aus irgendeiner
+Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.«
+
+»Afra ... das ist unmöglich.«
+
+»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen großen Wert auf
+diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich muß in einer ungünstigen
+Stunde gebeten haben. Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es
+sah.«
+
+Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm
+zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des
+Märtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
+Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision
+sah er die ermüdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm
+und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die
+blasse Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren Augen,
+tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages
+gestreut. Die Vögel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten
+schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das
+ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra
+fortzuschicken ... Über allem wurde ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine
+beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
+tränenfeuchte Schleier.
+
+»Afra, Sie sollten ... fort -- -- große Städte und viele Menschen sehen,
+andere Menschen. Es müßten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte
+und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«
+
+»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was würde aus Wartalun?«
+
+»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren
+Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr
+argloses, sinnendes Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.
+
+»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie es beginnt, mich zu
+verändern.«
+
+Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten,
+ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
+Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild Afras. Das Mädchen
+nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und
+die Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des großen Tisches,
+zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb
+heruntergebrannt waren.
+
+»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war,
+Bilder zu malen«, erklärte Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte
+dies Bild machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, aber
+dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er
+davon.«
+
+»Und Sie wollten nicht?«
+
+Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, daß sie
+schwirrte.
+
+»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.
+
+Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe
+er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin:
+
+»Das ist seine Schrift.«
+
+»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe.
+Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf
+Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen
+betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so
+zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war
+Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen
+gewesen?«
+
+»Wann denn sonst?«
+
+»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen
+bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse
+dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie
+haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und
+auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.«
+
+»Was schreibt er denn?«
+
+»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.
+
+»Gewiß ...«
+
+Beide schwiegen.
+
+Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr
+Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe,
+den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
+eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben
+seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit
+der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.
+
+In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen nach oben und unten
+zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie
+wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält,
+ernüchterte alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
+manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen Tonfall seiner Stimme,
+deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher
+seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als
+daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Sätze
+prägten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und
+las einen Satz noch einmal:
+
+»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, das es
+begründet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu
+eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der
+vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des
+Lebendigen.«
+
+Er sah Afra an.
+
+»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«
+
+Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann
+las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote
+im Grund seines Herzens getragen hatte.
+
+»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu
+erkennen, so wollte Gott, daß meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam,
+denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, daß
+die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der
+Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der
+Geschlechter, nur die Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«
+
+Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben
+gerichtet waren:
+
+»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
+gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
+zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
+herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der
+neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht führen.«
+
+Der Brief brach hier ab.
+
+»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als
+erinnere er sich plötzlich der Gegenwart Afras, und er fügte schnell
+hinzu:
+
+»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«
+
+Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:
+
+»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit mir gesprochen
+hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich saß ihm
+zu Füßen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er
+weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
+war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und
+Reichen und vom großen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch
+einmal: >Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem Kampf.<
+Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen
+an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...«
+
+Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an dieses Andere, das
+keiner von ihnen nannte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf.
+Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und
+scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten
+sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf
+freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das
+Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die
+Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern
+über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels
+über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene
+beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des
+Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und
+duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der
+Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der
+Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene
+Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem
+Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne
+irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...
+
+Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr
+lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken,
+ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der
+getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar
+erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer
+altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein
+breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im
+Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen
+persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich
+gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.
+
+Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er
+hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen
+Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den
+Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können,
+aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem
+eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn
+peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur
+von gleichgültigen Dingen.
+
+Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.
+
+»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu
+verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur
+Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis
+ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es
+erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die
+Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden,
+Elsbeth.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im
+Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier
+lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem
+sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch
+den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen
+können, wird einmal sein Eigentum sein.«
+
+Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr
+Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und
+flüsterte innig und liebevoll.
+
+»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu
+trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese
+Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben,
+aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und
+du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.«
+
+Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite
+sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank.
+Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er
+ihr zuhörte:
+
+»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich
+habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst
+viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten,
+vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt
+mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch
+sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals
+suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
+sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde
+ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr
+Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre
+Angesichter erschrecken mich, und ...«
+
+Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein:
+
+»Du bist ungeduldig.«
+
+»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der
+ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren,
+hat bei mir niemals zum Guten geführt.«
+
+»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir
+nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut
+machen.«
+
+Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens
+widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit
+ausgesprochen.
+
+Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen
+Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger
+herzlich fort:
+
+»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«
+
+Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit
+bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm
+in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
+zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des
+Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht
+seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich
+als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
+keine Befürchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat.
+Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und
+schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
+dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.
+
+»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine
+Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben
+können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen
+Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was
+hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du
+möchtest sie fortschicken?«
+
+»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich
+glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser,
+die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«
+
+Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.
+
+»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig.
+Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit
+jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest,
+empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich
+gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen
+kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt
+mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf
+ihren Vorteil und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
+zu erreichen.«
+
+»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt,
+denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll
+fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich
+bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«
+
+»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir
+gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer
+liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«
+
+»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann
+ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«
+
+»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen
+kenne.«
+
+»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen
+des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für
+ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines
+Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte
+zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie
+er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines
+Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern
+kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«
+
+Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.
+
+Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt
+an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die
+blassen Züge ihres Gesichts.
+
+»Helmut ...«
+
+Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr
+trösten lassen. --
+
+Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die
+junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der
+Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das
+Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz
+verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu
+ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein
+bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer
+neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der
+Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
+vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien,
+als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen
+sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von
+Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat
+dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des
+Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«
+
+ * * * * *
+
+Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete,
+flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in
+den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
+nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und
+strich mit der Hand über die ergraute Schläfe.
+
+Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen,
+an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme
+erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener
+stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen
+Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen
+Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
+Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen.
+
+Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste
+niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief
+hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier,
+abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen
+lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel
+mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu
+entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung
+und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.
+
+Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei
+gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:
+
+»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«
+
+»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?«
+
+Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.
+
+»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht
+niemand anzuschauen.«
+
+Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den
+Wirtschaftsgebäuden.
+
+»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer
+Überlegenheit und seines Wissens froh.
+
+»Im Schloß?« fragte Martin hastig.
+
+Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den
+Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre
+es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas
+vorenthalten hätte.
+
+Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief
+quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand.
+
+»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige
+Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen
+gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den
+Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt
+zu großem Ernst.
+
+»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«
+
+Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.
+
+»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn
+in den Park auf den großen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle.
+Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die
+Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.«
+
+Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber
+liefen mit, und Afra ließ es zu.
+
+»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach
+links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.«
+
+»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es
+gleichgültig, wo er getroffen wurde.
+
+»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.
+
+»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«
+
+Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und
+kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den
+Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der
+Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da
+huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm
+folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um
+seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die
+dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte
+kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich
+ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie
+ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.
+
+Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu,
+wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«,
+sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit
+einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine
+Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht,
+folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
+letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch
+ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann
+öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und
+schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu
+den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen
+Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
+Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.
+
+Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die
+Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior
+trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.
+
+Sie sah ihn an.
+
+»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu
+spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem
+Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte
+er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte.
+Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit
+und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als
+die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie
+sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die
+Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles
+anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
+unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der
+Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter
+unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
+Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die
+in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die
+Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
+blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
+vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn
+andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte
+ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.
+
+Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben,
+auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald
+ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die
+Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
+kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein
+Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde.
+Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die
+Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und
+einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in
+der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll
+lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer
+fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese
+Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß
+er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für
+dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen
+lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten
+Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als
+der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
+bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er
+möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich
+bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und
+scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.
+
+Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein
+dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr
+möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut
+mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«
+
+Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:
+
+»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht
+und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren
+Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt
+auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft,
+endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er
+würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«
+
+Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.
+
+»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt
+sein, er wird wiederkommen.«
+
+»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«
+
+Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als
+ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:
+
+»Er langweilt sich.«
+
+Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten,
+daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu
+lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
+sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen
+Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags
+hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
+Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn
+innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine
+Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.
+
+Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem
+kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes
+Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein
+Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem
+Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit
+ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das
+Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens
+ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere
+Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?
+
+»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.
+
+Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem
+grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.
+
+Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die
+über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen
+Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland,
+durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es
+trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen
+ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
+nach der Mühle führte.
+
+In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen
+leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte
+still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und
+verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
+In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.
+
+Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende,
+eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im
+Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel
+unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.
+
+Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von
+Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den
+Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
+leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom
+rinnenden Wasser.
+
+Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und
+schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich
+zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr
+geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem
+Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich
+nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst
+gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.
+
+»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von
+inniger Freude.
+
+»O bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf
+nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite,
+lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach
+ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm
+Platz zu machen.
+
+»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra.
+Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«
+
+»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu,
+wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn
+er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die
+Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie
+schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das
+Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb,
+den der Fall bildete.
+
+Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend
+etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf
+den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den
+Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen
+beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten
+Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu
+ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn
+aufmerksam.
+
+Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es
+wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er
+später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und
+antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte
+sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge
+des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die
+Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.
+
+Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich
+empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte
+ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und
+Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit
+gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die
+rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:
+
+»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«
+
+Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am
+besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie
+ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:
+
+»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich
+verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich
+verstehen kann?«
+
+»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es
+an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist
+hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«
+
+Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von
+Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu
+da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern
+der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große
+schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie
+geöffnet hat.«
+
+»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf
+sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines
+Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an,
+gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab.
+Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast
+immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den
+Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich
+fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die
+glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein
+Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins
+gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek
+ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
+Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«
+
+»Denken Sie nicht gut von mir?«
+
+»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich
+Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit
+uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene
+Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist
+alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen,
+glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher
+Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie
+sind wunderschön!«
+
+»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor,
+senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:
+
+»Warum sprechen Sie so gut von mir?«
+
+»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie
+mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die
+Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
+wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.
+
+»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat
+auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine
+Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie
+starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der
+Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war
+zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden
+Erdenweite, die sie umgab.
+
+»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.
+
+»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.
+
+Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.
+
+»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen
+Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, daß
+ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«
+
+»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.
+
+»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie,
+nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich
+noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch
+hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang
+es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich
+mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren,
+so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben
+haben.«
+
+»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.
+
+»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es
+doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an
+dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«
+
+»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht
+mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu
+verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte
+gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen
+wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß
+auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln
+fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich
+denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken
+Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«
+
+Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.
+
+»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt
+unrecht haben.«
+
+»Wieso?« fragte sie.
+
+Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer
+Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh
+gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut
+ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab
+heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung
+mit sich gebracht hatte.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern
+ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht,
+als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von
+Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe
+Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine
+Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten
+der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben,
+lagen im Hof.
+
+Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der
+alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie
+waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den
+Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der
+zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen
+Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch
+Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen
+Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die
+Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die
+geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende
+lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen
+Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem
+Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des
+letzten Grafen von Wartalun hernieder.
+
+Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem
+Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett
+in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ
+sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie
+in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.
+
+Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei
+Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes
+verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage
+schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
+Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand
+auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise
+durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und
+summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen
+ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher
+die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
+Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken,
+und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen,
+heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen
+erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes,
+schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen
+die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr
+inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der
+Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die
+Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den
+Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür
+angeschlagen hatte ...
+
+Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte
+draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben
+noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte.
+Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm
+gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf
+einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du
+bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß
+sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe,
+in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin
+ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich
+möchte.« -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen
+etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.
+
+Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und
+angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher.
+Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die
+Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer
+und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen
+beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und
+sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
+gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig
+gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten
+sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die
+Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte
+ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht
+hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit
+kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das
+niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung
+entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer
+Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja
+zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die
+Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten
+war.
+
+Sie öffnete die Holzpforte.
+
+»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über
+den Schultern der jungen Frau erkannte.
+
+»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen,
+daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«
+
+Es klang wie eine Anklage.
+
+Afra sagte:
+
+»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern
+sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber,
+wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es.
+Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der
+jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert
+hatte, mehr Worte als nötig zu machen.
+
+»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit
+einem vernehmlichen Beben in der Stimme.
+
+Afra nickte.
+
+»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.
+
+Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich
+zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter
+im Saal erloschen waren.
+
+Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters,
+zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es
+dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde
+waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der
+Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie
+Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe
+nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter
+haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund
+dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was
+Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das
+Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine
+Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das
+Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr
+Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.
+
+»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.
+
+Es kam keine Antwort.
+
+Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran
+beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein
+demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an
+dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag
+unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den
+Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil
+sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses
+Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals
+bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie
+trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber
+ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.
+
+An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun
+mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür
+schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter
+einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als
+sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin
+Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und
+sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.
+
+Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das
+Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam,
+entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell
+und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte,
+um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden
+Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört
+hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
+Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche
+Bitte klang:
+
+»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«
+
+Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle
+Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne
+Wirkung bleiben würden.
+
+»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh
+fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. --
+
+Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das
+weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber
+was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind,
+um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters
+erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das
+du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst
+einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
+nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich hätte meine Heimat nicht
+verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben.
+Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser
+Nacht.«
+
+»Stehen Sie auf!« rief Afra.
+
+»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals
+wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem
+Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe
+nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von
+meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben?
+Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder
+Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --«
+
+Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am
+ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen
+Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben
+hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare
+Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.
+
+»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und
+versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich
+gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
+sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.
+
+»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird
+eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien
+lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist.
+Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du
+selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind
+Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen.
+Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
+die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra
+geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er
+leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die
+Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als
+ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.
+»Rette mich, halte mich!«
+
+Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das
+wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen,
+das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß
+ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus
+gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann
+stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
+zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der
+ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine
+Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
+gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am
+Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht
+ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles
+Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie
+von rohen Fäusten niedergerissen worden ...
+
+Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im
+Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben.
+Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie
+Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem
+Eintritt geschlossen hatte.
+
+»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden
+einschlagen?«
+
+Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.
+
+»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im
+Rahmen der Tür.
+
+»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der
+Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft
+kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem
+maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.
+
+»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau,
+Iduna, soll kommen.«
+
+»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.
+
+»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett
+legen. Worauf wartest du?!«
+
+»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«
+
+»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die
+Peitsche von den Blättern.
+
+»Gehorchst du?«
+
+»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«
+
+Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der
+Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin
+öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen
+auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und
+stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr,
+denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen
+den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts
+wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.
+
+»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«
+
+Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer
+vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen,
+und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm
+gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die
+nicht falsch zu verstehen war:
+
+»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«
+
+»Du junger Bursche wagst ...«
+
+Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis
+verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.
+
+Afra lachte krampfhaft auf.
+
+»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich
+habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«
+
+»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die
+ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf
+das Bett des jungen Mädchens.
+
+»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.
+
+»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton,
+in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war
+eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich
+brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.
+
+»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll
+ich denn jetzt tun?«
+
+Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.
+
+»Mach drüben die Lichter an.«
+
+Er gehorchte. Dann kam er zurück.
+
+»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an,
+oder willst du reiten?«
+
+»Da ist mir schon der Wagen lieber.«
+
+»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«
+
+»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich
+um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.
+
+»Blutest du?«
+
+»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst
+wie Kreide aus.«
+
+»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über
+seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.
+
+»Deine Hände zittern«, sagte er.
+
+»Halt still«, gab sie zurück.
+
+Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von
+kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß,
+und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und
+steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen
+Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von
+eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.
+
+»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst
+du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich
+nie mehr in Wartalun sehen.«
+
+Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter
+ihr.
+
+»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch
+merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«
+
+Da stolperte Melchior vor ihn hin.
+
+»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu,
+daß mir Unrecht geschieht.«
+
+Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest
+geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der
+Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.
+
+»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.
+
+Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe
+sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und
+in großer Erregtheit heraus:
+
+»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein
+Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was
+Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«
+
+»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres
+Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen
+wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie
+niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer
+zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte,
+denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in
+Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie
+einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel
+gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut
+dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte
+ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:
+
+»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du
+vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten,
+wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie
+hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.
+
+Er starrte sie an.
+
+»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug
+geworden. Afra, sag rasch!«
+
+Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.
+
+»Dort liegt deine Frau ...«
+
+Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann
+schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er
+mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.
+Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr
+danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm
+leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben
+gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,
+als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben
+ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.
+
+Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu
+machte, wobei er sie ansah.
+
+»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war
+plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich
+glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies
+auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas
+hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.
+
+Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch,
+daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein
+junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und
+eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit
+nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die
+unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn
+über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.
+
+»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte,
+fügte sie hinzu:
+
+»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«
+
+»Sprich doch nicht ...«
+
+»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«
+
+»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig.
+Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten
+hat.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher,
+verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine
+Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
+fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen.
+Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten
+Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte,
+losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte
+reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause
+umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als
+Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen
+wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht
+an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und
+mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz
+hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut,
+die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
+Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt
+worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte,
+vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge
+kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe
+stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die
+schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er
+hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert -- -- Da
+schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.
+
+»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du
+ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien
+gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche
+Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --«
+
+Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die
+Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in
+der Sonne.
+
+Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als
+lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte
+ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und
+die Tür wieder ins Schloß.
+
+Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus
+allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht
+dahingesunken mit seinem Herrn?
+
+»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er
+heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand,
+außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm
+unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht
+noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient
+hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos
+ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern
+versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges
+entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er
+bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.
+
+Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der
+Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte
+ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor
+sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten
+in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr.
+Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was
+nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. --
+
+Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen
+schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte
+heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter
+der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:
+
+»Ach -- das Leben.«
+
+So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als
+habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr
+früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
+goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume
+des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens
+sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht
+größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den
+Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen
+umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen
+Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? --
+
+Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas
+zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz
+folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz,
+daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter,
+er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras
+Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn
+gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.
+
+»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig
+gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«
+
+Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer
+Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und
+auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.
+
+»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte
+dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein
+muß.«
+
+Sie entzog ihm ihre Hand.
+
+»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will
+nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot
+ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich
+einmal in die Bücher schauen.«
+
+Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen
+Tränen, und seine Lippen zuckten.
+
+»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra
+ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl
+unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
+Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung
+hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude
+vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten
+und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
+verlassen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den
+fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über
+gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
+Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe
+keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl
+drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die
+Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er
+fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen
+schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel
+zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere
+Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte.
+Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen
+gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.
+
+In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll
+Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus
+der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen
+erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.
+
+Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch
+und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und
+im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd
+dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«
+
+»Ich kenne ihn noch gar nicht.«
+
+»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er
+ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß
+ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«
+
+Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.
+
+Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr
+Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde
+herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und
+starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren
+Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden
+war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen
+Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige
+Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu
+werden.
+
+»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.
+
+»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu
+genügen.
+
+»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und
+klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.
+
+Afra schüttelte den Kopf.
+
+»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in
+seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit
+seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein
+eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es
+kürzlich verkauft.«
+
+»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.
+
+»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für
+Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas
+von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
+unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es
+nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn
+jetzt reiten?«
+
+Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.
+
+»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe
+ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte
+ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«
+
+Sie schien das zuzugeben.
+
+»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«
+
+»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz
+neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst
+bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt
+hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen
+von seinen Sporen.«
+
+Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob
+er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des
+breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
+und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit
+überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner
+Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
+bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der
+planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:
+
+»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«
+
+Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen
+Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen
+dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden
+schaukelten im sanften Wind.
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe
+schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach
+diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als
+das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:
+
+»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt,
+ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur
+etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«
+
+Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.
+
+Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den
+heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld
+bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:
+
+»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«
+
+»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas
+anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen,
+daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.
+
+Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn
+bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und
+sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum,
+und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
+Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn
+bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen
+hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur
+Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus
+seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm
+sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war,
+seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun
+darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht
+haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen
+sollte.
+
+Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh,
+dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr
+ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu
+demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein,
+daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des
+Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.
+
+Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute
+plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.
+
+»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften
+Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«
+
+»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd.
+»Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«
+
+Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:
+
+»Das glaubt mir niemand.«
+
+Gepeinigt sah er auf.
+
+»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller
+sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du
+jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie
+du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz
+erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht
+deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden
+wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um
+sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß
+es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen
+Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit
+seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen
+habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß
+mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast,
+das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich
+fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch,
+du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen
+können.«
+
+»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.
+
+Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.
+
+»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst
+du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«
+
+»Oh, das verstehe ich wohl.«
+
+»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit
+verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die
+Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung,
+Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die
+dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen,
+daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein
+Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser
+einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«
+
+Da stellte Afra die Frage:
+
+»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«
+
+Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das
+besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:
+
+»Wie du bist --«
+
+Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort
+gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:
+
+»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«
+
+Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz
+herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann
+schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
+im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im
+Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich
+matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das
+helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel
+Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen
+Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und
+begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen
+Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den
+beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer
+Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als
+vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt
+hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen
+Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst
+seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der
+junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
+Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte
+Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen
+in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
+
+Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er
+las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen
+Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit
+heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf
+andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam,
+mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
+früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu
+verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen
+Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das
+Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte
+er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
+
+Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten
+Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.
+
+»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr
+die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat
+sie plötzlich für sein Kommen ein.
+
+»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich
+zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn
+Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«
+
+Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in
+Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen
+sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
+Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.
+
+So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen
+treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut
+ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
+für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner,
+heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig
+bewirten zu können.
+
+Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht
+zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in
+welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
+gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle
+Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem
+sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen
+voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
+ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die
+Räume des Schlosses durchwandert hatte.
+
+Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit
+herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur
+Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
+erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite
+Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände
+ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden
+Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen
+Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß
+die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren
+hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde
+und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe
+versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus
+Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb,
+weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las,
+vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte.
+»Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz
+zitterte vor Erhobenheit und Freude.
+
+Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück,
+diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über
+irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich
+so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er
+Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt
+hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam
+hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
+Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame
+Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin,
+sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine
+Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte
+doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen
+Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn
+seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben
+anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun
+Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller
+Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
+beglaubigen zu lassen.
+
+Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den
+dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras
+Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen
+eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über
+Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen
+in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die
+Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam
+auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt
+und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen
+wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte
+er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl
+nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr
+hatte.«
+
+Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und
+mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine
+Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater
+gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber
+war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber
+dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der
+Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
+Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu
+da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß
+er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde.
+Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er.
+Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und
+empfand, wie er ihn dadurch kränkte.
+
+Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste
+Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener
+verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer
+Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
+ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete
+sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die
+Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen
+Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
+darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild
+seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen;
+litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz
+mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu
+Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn
+hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer
+ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
+Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer
+vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine
+Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
+spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen
+Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.
+
+Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines
+heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete
+sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der
+schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu
+glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.
+
+ * * * * *
+
+Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen
+Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein
+in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof
+lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken
+die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
+Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in
+Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der
+starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder
+Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der
+Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die
+melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen
+Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger
+Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur
+Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer
+Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer
+fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
+Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen
+schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben
+vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
+Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den
+Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu
+späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug
+aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen
+Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen
+herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst
+des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald
+noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die
+Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine
+schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden
+und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus
+dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
+Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten
+sie beides sein können.
+
+Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die
+feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles
+auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf
+einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«,
+sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.«
+Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
+gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht
+zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und
+äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er
+vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
+gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende
+Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und
+sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das
+bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter.
+Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
+behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden
+einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so
+tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust
+eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch
+gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein
+Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu
+bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
+guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten
+durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut
+des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar
+nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des
+voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte
+sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:
+
+»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich
+nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«
+
+Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:
+
+»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst
+du an, was man dir zum Leben gibt.«
+
+Friedel sah ganz bestürzt auf:
+
+»Was willst du damit sagen?«
+
+»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines
+Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo
+du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
+aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der
+Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«
+
+»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch
+der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde
+weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
+meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag
+selbst ...«
+
+Helmut mußte wider Willen lächeln.
+
+»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die
+Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf
+die Beete.«
+
+Friedel lachte.
+
+»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es
+häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies
+unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll
+trotziger Bekümmernis.
+
+»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir
+wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt
+und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
+Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen,
+nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«
+
+»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von
+jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden
+hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. --
+
+Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die
+zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte
+Friedel:
+
+»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man
+hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«
+
+Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr
+fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu
+entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte.
+Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die
+Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte
+miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein
+wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
+geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich
+der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der
+Verwaltung seines Guts machen.
+
+»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«,
+hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«
+
+Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte
+nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten
+Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war
+nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die
+Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit
+dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder
+arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
+Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht
+vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften
+Liebelei auflöste.
+
+Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des
+geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen,
+dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
+zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz
+allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft,
+freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.
+
+»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die
+schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der
+Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des
+Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«
+
+Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten
+den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der
+Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu
+hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam
+im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
+und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das
+Bekenntnis:
+
+»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«
+
+Helmuts Lachen verdutzte ihn.
+
+»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«
+
+Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem
+gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit
+einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als
+gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht
+war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel
+sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
+stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig
+aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im
+wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.
+
+Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn
+das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine
+Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung
+nicht verbarg.
+
+Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich
+respektvoll erschien, und sagte froh:
+
+»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«
+
+Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein
+Erstaunen zu verbergen.
+
+Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem
+Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte
+sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles
+verändert.
+
+»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?«
+fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«
+
+»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.«
+
+»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn
+die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.
+
+Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren
+Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte
+seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich
+jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht
+dich dein Schmerz.
+
+»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein
+waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.
+
+»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich
+nicht mehr machen.«
+
+Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra
+entgegenzureiten.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In
+unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in
+ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre
+Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte
+nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie
+ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem
+beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit
+sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein
+wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr
+war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde
+ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht.
+Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es
+unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem
+kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück.
+Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden
+silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare
+emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
+dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick
+in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang
+für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und
+schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden
+Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr
+Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
+Tränen ihrer ersten Hingabe. --
+
+Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben
+wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der
+er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.
+
+Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich
+handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie
+gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch
+niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben
+niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer
+Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so
+verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht
+zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra
+wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der
+Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war
+dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und
+vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum
+erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden
+Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte,
+sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange
+an:
+
+»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«
+
+Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein
+mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten
+Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual
+und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der
+Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der
+Musik und den Geist des Weins.
+
+ * * * * *
+
+Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er
+erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe
+Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in
+uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber
+liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
+arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft
+zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst
+gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur
+beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber
+hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie
+Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
+unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr
+sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen,
+und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre
+Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder
+Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im
+Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit
+schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie
+Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt,
+die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte.
+So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame
+Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über
+Afra sprach.
+
+Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und
+der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der
+Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
+servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg
+auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald,
+besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten,
+hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen,
+daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen
+Interessen bekam.
+
+Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu
+zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde
+nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und
+wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
+finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem
+eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend
+hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre
+besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge
+Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden,
+um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die
+heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden,
+da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
+schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank
+rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung
+beherbergt hatte.
+
+»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du
+eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«
+
+Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am
+Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:
+
+»Darüber müßte ich nachdenken.«
+
+»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie
+nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee
+verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«
+
+»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«
+
+»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist
+es ihm so ergangen.«
+
+»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl
+doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich
+verfügen läßt.«
+
+»Welche Rechte hat sie denn?«
+
+»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des
+Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee
+davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
+Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein
+Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht
+entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere
+belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist
+ein Mann von großer Gerechtigkeit.«
+
+»Das ist nicht wahr ...«
+
+»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen
+Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist
+sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
+Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das
+Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige
+Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur
+zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den
+großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder
+unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem
+Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
+Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten
+Verfügungen zur Pflicht gemacht.«
+
+»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab,
+das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll.
+Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«
+
+Friedel sah ganz erschrocken auf:
+
+»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im
+Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte.
+Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
+leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:
+
+»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra
+etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«
+
+»Weil er in sie verliebt ist.«
+
+»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt
+nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder
+unterbleibt.«
+
+»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei
+Irrtümer gutheißen?«
+
+»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu
+sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«
+
+»Und das nennst du gerecht?«
+
+»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«
+
+Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein,
+denn sie antwortete traurig:
+
+»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins
+Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen
+bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
+auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater
+an?«
+
+Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da
+seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er
+den Kopf stützte:
+
+»Ich verstehe dich ja ...«
+
+Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl
+unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange
+der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.
+
+»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder
+auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«
+
+»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.
+
+Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen
+hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als
+Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an
+seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen
+Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf
+ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein
+aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
+sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild
+empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in
+denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
+Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll
+Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im
+Wind ... Was hatte er denn tun wollen?
+
+»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen
+seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras
+Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
+ihr ...«
+
+Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in
+seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn
+veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
+das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte,
+war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch
+wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.
+
+Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs
+saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte
+Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen
+melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog
+die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.
+
+ * * * * *
+
+Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem
+Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte
+Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren
+suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit
+leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit
+leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen
+Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er
+wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen
+konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig
+und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit
+an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an
+Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine
+Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte.
+Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
+geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente
+und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch
+zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein,
+daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende
+Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner
+sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann
+zu spielen versucht.
+
+»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos
+und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des
+Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in
+diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er
+die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
+Ernst.
+
+Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die
+Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt.
+Gleich darauf stand der Alte neben ihm.
+
+Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am
+Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde
+zurückerwartet.
+
+Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß
+sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.
+
+Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er
+begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der
+Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
+verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er
+konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist
+selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein
+gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
+tatlosen Ergebenheit.
+
+Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem
+bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich
+zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in
+die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
+Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.
+
+»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
+gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
+zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
+herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
+nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«
+
+Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit
+Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines
+Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
+Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann,
+in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn
+zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
+Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde
+zog?
+
+Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag
+beschäftigte:
+
+»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen
+gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in
+der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der
+Kraft des Lebendigen.«
+
+Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes
+Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu
+Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg,
+durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe
+flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie
+seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen
+brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --
+
+Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand.
+Sie lachte über seinen Schreck:
+
+»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es
+hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor
+dem Licht.«
+
+Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen
+blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims,
+streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden
+Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein
+sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des
+Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen
+Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit
+den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am
+Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen
+Erde.
+
+Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd
+einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug,
+und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
+Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens
+hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft
+flatterte.
+
+Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe
+warnend musterten, und ohne zu sprechen.
+
+»Lies«, rief er bebend.
+
+Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie
+weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer
+unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie
+sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.
+
+Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der
+Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er
+schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder
+gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst
+du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern
+mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...
+
+»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre
+Augen leuchteten wildherzig und froh:
+
+»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«
+
+»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ...
+noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«
+
+»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«
+
+»Bitte«, sagte er.
+
+Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist
+keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der
+Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
+Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein!
+Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie
+sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.
+
+»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich
+nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich
+nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«
+
+Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er
+ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das
+Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas
+sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie
+man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:
+
+»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«
+
+Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in
+seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht
+denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es
+schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von
+Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz
+einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst
+viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
+im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan
+hatte.
+
+Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür
+hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als
+müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme
+Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an
+Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war,
+als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.
+
+Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah
+sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und
+Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
+seine Scherze wider.
+
+Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:
+
+Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich
+verschenkt habe.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse
+endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und
+sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die
+Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken
+Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten
+Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
+jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig
+gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne
+aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete,
+während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die
+Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle
+verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.
+
+Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:
+
+»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«
+
+»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist
+von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich
+ungestraft auf den Kopf stellen?«
+
+Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in
+ihre alte Lage bettete.
+
+»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.
+
+Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:
+
+»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«
+
+Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und
+erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen
+Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen
+unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.
+
+»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der
+seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.
+
+Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf
+der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier
+mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es
+war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu
+finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend
+heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!
+
+»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.
+
+Friedel lachte.
+
+»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse
+Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb
+Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen
+Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich
+sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich
+darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.
+
+Der Alte wandte sich an Helmut:
+
+»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«
+
+Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.
+
+»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht
+dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster
+Genüsse.«
+
+»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.
+
+»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«
+
+»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«
+
+Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und
+Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen
+Vorbereitungen brauchte.
+
+ * * * * *
+
+Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen
+war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte
+Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen
+Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang
+verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in
+den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun.
+In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in
+funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der
+Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde
+Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt.
+Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des
+Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der
+in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in
+das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.
+
+Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der
+Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den
+Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer.
+Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen
+Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage
+zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein
+Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.
+Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre
+Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der
+längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
+hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten
+Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner
+Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die
+qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen
+wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen
+Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --
+
+Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden
+niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige
+erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen
+emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure
+Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften
+Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand
+der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem
+singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die
+draußen im Mond schlafen ...
+
+Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte
+seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen
+die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf
+ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des
+schweren Eichtisches.
+
+Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein
+helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin
+fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra
+rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die
+volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die
+Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben
+die Frevler am Gut des Toten.
+
+»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.
+
+Martin nickte schwermütig.
+
+»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«
+
+»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.
+
+»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«
+
+»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie
+diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«
+
+Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen,
+die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen
+Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann
+langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In
+diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen
+sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die
+sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu
+denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand
+bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten
+hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen
+Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei
+ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die
+wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche
+der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber
+allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit
+ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das
+Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr
+leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf,
+schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster
+Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
+ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast
+zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas
+und rief:
+
+»Es lebe Graf Konstantin!«
+
+»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an
+der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am
+Boden folgte.
+
+Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an,
+als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von
+außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch
+alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte
+Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um
+Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna
+stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im
+flatternden Kleid:
+
+»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am
+Boden!«
+
+Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über
+die Nacht an sich zu reißen:
+
+»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und
+obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf,
+die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
+Helmuts Arm:
+
+»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«
+
+Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde
+zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis
+zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
+ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras
+beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im
+Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer
+seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.
+
+»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast
+du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm
+aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger
+brauchst du!«
+
+Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde
+von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.
+
+Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ
+er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.
+
+»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«
+
+»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«
+
+»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«
+
+Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.
+
+»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme
+müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich.
+Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur
+Stelle ist.«
+
+Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr
+noch einmal zu Hilfe eilen.
+
+»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es
+gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ...
+reit nicht zu wild ...«
+
+Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein
+Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit
+einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie
+gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen
+hellen Triumph von Hast und Willen.
+
+Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein
+klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und
+Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht
+hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand
+im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:
+
+»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«
+
+»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.
+
+Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei
+vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der
+Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war
+leer.
+
+»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den
+Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«
+
+ * * * * *
+
+Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die
+Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber
+obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit
+hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war,
+der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war
+ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
+es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften
+zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese
+Nacht für sich selbst. --
+
+Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.
+
+»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben!
+Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche
+Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort
+draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie
+Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch
+nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir
+überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da
+oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir
+doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du
+weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«
+
+Helmut raffte sich auf:
+
+»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu
+Bett.«
+
+»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine
+deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die
+ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst
+komme ich nicht über diese Nacht.«
+
+»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen
+genug.« --
+
+Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten
+Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in
+seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges
+Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in
+den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf
+den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den
+matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe.
+Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn
+schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin
+hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster
+stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die
+gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit
+heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und
+senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.
+Und nun verstand er die dumpfen Worte:
+
+»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« --
+
+»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«,
+flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber
+und preßte die Zähne auf die Lippe. --
+
+Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend
+lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen
+Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen,
+daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe,
+es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der
+Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl
+Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit
+seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer
+Trauer auf.
+
+Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die
+Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem
+Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte
+Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.
+
+»Die Mutter lebt, Herr Graf.«
+
+Ein Kopfschütteln ...
+
+Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte,
+richtete sich Helmut auf und fragte:
+
+»War es ...« Er stockte.
+
+Der Arzt war wieder an seiner Seite.
+
+»Wonach fragten Sie?«
+
+»Ein Sohn?«
+
+Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.
+
+Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im
+Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen
+Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
+Gesicht vor ihn hin.
+
+Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum
+erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen
+fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an
+ihre Brust sinken.
+
+»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als
+ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«
+
+Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:
+
+»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«
+
+Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer
+sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren
+Mund für seine Küsse.
+
+»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe?
+Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist
+tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
+zurückgibst, was ich dir geben muß.«
+
+»Was soll ich tun?« fragte Afra.
+
+Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung
+zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.
+
+»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß
+ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige
+Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«
+
+Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz
+der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht
+doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen
+Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums
+schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte
+in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie
+andächtig und wild hervorstieß:
+
+»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut
+sein ...«
+
+Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche
+und Verstörtheit stammelte er:
+
+»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«
+
+Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das
+Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich
+wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
+sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von
+der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie
+hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen
+gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er
+taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:
+
+»Du Erbärmlicher.«
+
+Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die
+Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe
+niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren
+Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die
+oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt
+pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt
+hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im
+hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen,
+im Vollkommenen, am Herzen Gottes.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das
+Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne
+die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam
+forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das
+Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der
+Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre
+niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange
+auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken
+vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu
+ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem
+kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre
+klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine
+lindernde Ohnmacht versanken.
+
+Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte
+niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem
+irdischen Treiben nicht wieder zu.
+
+Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der
+Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an
+der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und
+schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische
+Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen
+sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
+in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand
+segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur
+für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
+betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind
+den Vater im Himmel finden möge.
+
+Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten
+Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre
+Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:
+
+»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.
+Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«
+
+»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht
+getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein
+Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast.
+Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders
+treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von
+uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu
+verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir
+gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich
+lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung
+der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen
+kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im
+Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es?
+Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,
+dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der
+gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«
+
+Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:
+
+»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von
+Herzen gemeint sind.«
+
+Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald
+hinein. --
+
+ * * * * *
+
+Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von
+Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren
+und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
+war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und
+sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet
+sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den
+stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der
+Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer
+gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist
+in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der
+Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen
+Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre
+Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre
+höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.
+
+Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der
+Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten
+verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
+Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß
+sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht,
+sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche
+Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und
+Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den
+Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte
+sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung
+zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige
+Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer
+unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.
+
+Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen
+und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und
+beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm
+lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht
+ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß
+es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an
+den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich
+nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und
+dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das
+sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein
+schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten
+frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um
+Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als
+wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
+aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein
+Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles
+hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.
+
+Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von
+Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten
+Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
+bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle
+Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er
+sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein
+unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein
+leerer, singender Wind.
+
+Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu,
+er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze
+und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die
+Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein
+Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.
+
+»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer
+klang.
+
+Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über
+Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten
+Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die
+Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am
+Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe
+Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in
+beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den
+unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein
+Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer
+Beglückung weitete.
+
+Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage
+hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er
+hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine
+Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein
+bewegte, ließ er sie allein.
+
+Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser
+oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße
+tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
+nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die
+Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem
+Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen
+hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende
+Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit
+Ermahnungen zu Helmut trieb:
+
+»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich
+an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben
+heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
+Reitpferde, alles hat geholfen.«
+
+Helmut mußte lächeln.
+
+»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen
+mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten;
+ich weiß schon alles.«
+
+»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in
+Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute
+kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«
+
+»In der Liebe?«
+
+»Nein, in der Arbeit.«
+
+»Das kommt vom guten Beispiel.«
+
+»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die
+halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt
+aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach
+heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches
+Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie
+meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.«
+
+Helmut wandte sich gequält um.
+
+»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit
+Afra sprechen.«
+
+Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so
+verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke
+bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf
+und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von
+Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als
+erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit
+erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
+Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.
+
+Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in
+gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie
+gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er
+versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem
+Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem
+Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch
+jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an,
+etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der
+Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von
+diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine
+leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und
+sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als
+habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das
+reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
+Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden
+Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte
+Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft
+versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen
+Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.
+
+Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten
+einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins
+Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem
+Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem
+Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und
+feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im
+rötlichen Licht.
+
+Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm
+ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten
+Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das
+andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht
+leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren
+Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu
+der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.
+
+»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich
+bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
+Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«
+
+Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder
+und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in
+den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras
+Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die
+einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
+schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut
+bewachen sollte.
+
+Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung
+des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden,
+daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen
+sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte
+Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.
+
+Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe
+die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich
+daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?
+
+Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah
+die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der
+Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden
+Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
+
+»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich
+fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr
+ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich
+keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung
+schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz
+möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der
+keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein
+Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber
+begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
+abkehrt ...«
+
+Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.
+
+Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite
+geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.
+
+Sie schlief.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen
+teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich
+über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in
+umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die
+Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer
+seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine
+Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen
+Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer
+verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel
+zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei
+dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.
+
+»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus
+einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen
+gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«
+
+Helmut mußte es verneinen.
+
+»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert
+mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß
+dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«
+
+Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen
+Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von
+der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die
+bunten Ampeln tragen sollten.
+
+»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir
+matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies
+Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken
+springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte.
+Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen,
+sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und
+denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das
+wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist
+hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien
+nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper
+da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte
+zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das
+glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der
+Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr
+eine andere unter die Syringen. Einmal -- ich sage dir, der Förster kann
+erzählen, daß einem die Haut einreißt -- bekam eine Wind von der Schar
+ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was
+die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben.
+Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen
+den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit
+Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war
+mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre
+Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«
+
+»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«
+
+»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es
+aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weißt du,
+daß der Förster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«
+
+Helmut erbleichte.
+
+»Leutegeschwätz«, stammelte er.
+
+Friedel sah ihn groß und lange an.
+
+»Scheint mir nicht. -- Die Frau dieses Gärtners, Garting oder wie er
+heißt, soll sehr schön gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie
+mit irgendeinem Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer
+im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bündel
+entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«
+
+Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich berührt, ihm war, als
+zögen Friedels Worte alles in den Alltag, für jenen gab es nur faßbare
+Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen
+zu empfinden.
+
+»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, woher
+Afra stammt.«
+
+Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwürfe gegen sein
+Verhalten zu suchen, lenkte ein:
+
+»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil ich oft so
+leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen nicht auf den Grund.
+Meinst du, ich erkennte immer nur die Außenseite? Kein Gedanke. Ich
+fühle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große,
+heimliche Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir
+daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher die Frauen waren,
+die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich für mein Teil hat's an der
+Gurgel ...«
+
+Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch
+sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.
+
+Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er
+hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von
+ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah
+er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in
+eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte.
+Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine
+Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein
+erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet
+antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem
+Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns
+gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein
+zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der
+schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ
+ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn
+trafen, und er schämte sich eines Gefühls von Gemeinschaftlichkeit, das
+er nicht ganz unterdrücken konnte.
+
+Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß
+Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des
+Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung
+erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und
+der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des
+Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch
+seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als
+Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine
+Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich
+mehr und mehr in grausame Erwartungen. --
+
+Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen
+der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den
+Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert.
+Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und
+Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen
+und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal
+die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter
+der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er
+Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine
+Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.
+
+»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was
+erwartet man von mir?«
+
+Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor
+ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle
+ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte
+umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen
+Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang
+am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend
+fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen
+helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger
+Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in
+ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein
+hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten
+Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.
+
+»Afra!«
+
+»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal
+an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab.
+Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«
+
+»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber
+du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos
+anzubeten? Afra!«
+
+»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert
+ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. -- Nein, dort
+unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...«
+
+Er zog die Hand zurück.
+
+Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam und als er später den
+alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Röcke leuchteten,
+und die Livreeknöpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die
+Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm wohl, es faßte ihn
+für einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewußtsein und Würde.
+Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst
+nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der
+sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glänzten,
+wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die
+diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er über
+den Burschen und die Mädchen des Guts gehört hatte. Er verlachte die
+Leichten alle ...
+
+Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten und ob sie mit dem
+Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen dürften. Das war stets der
+Anfang; Helmut ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem
+einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war,
+als warteten alle nur auf sie.
+
+»Was erwartet man von mir?« fragte er.
+
+Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:
+
+»Du mußt ein paar Worte sprechen.«
+
+»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur
+befangen und erfreue niemand.«
+
+»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«
+
+Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet hatte. Einen
+Augenblick wallte es heiß in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie
+sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewiß an ihrer
+Hüfte ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem
+beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn
+her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen
+Herrlichkeit dieses großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.
+
+Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmückt und
+in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund,
+ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor
+ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingeübt
+hatte, stand steil und überragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann
+kamen die Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und Männer
+bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch
+ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur für die Erntezeit
+angeworben waren und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior
+die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur Terrasse hinausführten,
+und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender
+Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mädchen
+schwenkten ihre Tücher, und die Männer zogen die Hüte und reckten sie in
+die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in
+vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und fröhlich:
+
+»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel
+Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so
+froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.«
+
+Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer
+Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn
+betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen,
+und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen
+Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn
+zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von
+heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran
+nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.
+
+Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. -- Die Musik brach ab, und die
+Gesichter wurden bewegungslos ernst.
+
+Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu
+einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie
+sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig
+sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des
+Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und
+den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel.
+Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig,
+mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung
+in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr
+und verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die
+jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich,
+deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem
+Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen
+ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er:
+
+»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen
+nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum
+geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne
+daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen
+sind.«
+
+Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand
+hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte
+Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als
+schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen,
+kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in
+den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des
+Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie
+nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten
+wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu.
+Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich
+empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und
+zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und
+sagte:
+
+»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«
+
+Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:
+
+»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.«
+
+Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra
+die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern
+zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte
+niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein
+schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und
+Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm
+gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke,
+die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann
+brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag
+im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem
+unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das
+Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und
+die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es
+untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein
+Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden
+dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten,
+hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die
+Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz
+hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.
+
+»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, sagte Afra, »es ist
+ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.«
+
+Sie wandte sich an Friedel:
+
+»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«
+
+»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.
+
+Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige seine Geige
+zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in
+denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er
+dankte es ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn in
+ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke seinem Spiel
+anvertraute. Sie hörte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige
+Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.
+
+ * * * * *
+
+Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spät geworden, ihm
+war, als er an das geöffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte
+sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel,
+Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte
+Aufgewühltheit seiner Sinne ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der
+Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen Bilder
+der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die drehenden Paare, die goldenen
+Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten,
+und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen Laute
+ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte wieder Friedels helles
+Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit
+Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum
+erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mußte es Elsbeth
+um vieles besser gehen. -- Er lehnte sich müde an das Fensterkreuz, wie
+wollte dies alles enden?
+
+»Was tue ich mit meinem Leben?« --
+
+»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und verbeugte sich, »ich
+trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will.« Er sah sie wieder zu dreien
+bei der Musiktribüne stehen, Friedel die Hände in den Taschen. --
+
+Fern von den Feldern herüber klang durch die davonziehende Nacht Gesang,
+derbes Lachen und Grölen. Unten war alles still geworden, die
+erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter
+der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch Licht unten.
+
+Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen
+hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen
+feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden
+gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie
+darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges
+Mal nur in leidender Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen
+er erlag. -- Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so
+schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ...
+
+Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.
+
+»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! Ich will selbst
+sehen ...«
+
+Er erkannte die Stimme nicht.
+
+Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her,
+die über die Terrasse nieder in den Garten eilte.
+
+Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid vom Fest, im Lichtschein,
+der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, daß sie den
+Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.
+
+Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin.
+
+Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln herbeizwang. Es hatte
+ihn eine düstere Unruhe gepackt, die ihn plötzlich so heftig schüttelte,
+daß er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er
+umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich die ganze Nacht
+erwartet habe ... töricht, töricht bin ich«, sagte er.
+
+Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß schon beim zweitenmal
+die Scheibe zerbrach. Dann hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch
+im Rausch niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten trieb.
+Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flüstern die
+Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war.
+
+Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte es an den Schläfen und
+im Halse.
+
+Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß ein Unglück geschehen sein
+mußte. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht
+doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortäuschten?
+Noch zögerte er, da sah er Martin, nur notdürftig bekleidet, einen
+Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen.
+
+Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so deutlich, als sagte ihm
+jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und
+er antwortete dieser Stimme:
+
+»Sie ist tot.«
+
+Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, bis zum
+entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose
+Gewalt ihn durch verworrene Träume gerissen, und doch blieben ihm
+Einzelheiten so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste
+nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener
+Nacht das Licht beständiger Vernunft in ihm erloschen.
+
+Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an
+der Tür und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht
+meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben
+ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein
+Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ... von hier aus ging der Weg in die
+Finsternis.
+
+»Wo sollen wir suchen?«
+
+»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der erzählte, es sei alles
+vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Büscheln um die nasse
+Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.
+
+»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«
+
+Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid
+gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien
+sich auf ihre Aufgabe zu besinnen.
+
+Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen:
+
+»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vögel um
+die Türme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen
+hausen hier, heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege ins
+Leben ... nackte Teufel ...«
+
+Martin hielt ihn.
+
+»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese Frau sich zu Grabe
+gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... laß mich los, Flegel!«
+
+»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.
+
+Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von plötzlich
+aufsteigender Wut:
+
+»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hölle doch den Rachen
+nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ...
+bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer herum, aber
+der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde
+hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.«
+
+Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber.
+
+»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! Dieser Narr ...« stammelte
+Helmut.
+
+Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe ihr plötzlich ein
+Gedanke Zuversicht, aber es mußte ein böser Gedanke sein, denn ihre
+Augen waren groß vor Grauen.
+
+»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, was ich sage? Nicht
+wahr, wir müssen sie finden, vielleicht ist es noch möglich, sie von
+einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.«
+
+»Sprich doch!«
+
+»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie finden.«
+
+»Sag wie, sag wie!«
+
+»Aja und Fenn.«
+
+»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna mit wildem Weinen
+emporfuhr. »Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden
+sie finden!«
+
+»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, geh' ich allein. Wir
+dürfen keine Minute mehr verlieren.«
+
+Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so
+trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren
+hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frühsten
+Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten
+Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein Halten gab.
+
+Martin stürmte die Treppen empor.
+
+»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier
+herauf. Flieg!«
+
+Martin verstand sofort.
+
+Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkürzen, sagte
+sie zu ihm:
+
+»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl
+wachsam, weißt du, aber nicht für wichtige Zwecke zu verwenden. --
+Besinn dich, wir werden sie gesund finden.«
+
+»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß sie nicht mehr atmet.«
+
+»Helmut, sprich nicht so.«
+
+»Sie ist tot.«
+
+Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes
+Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das
+Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes
+Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der Hündin über den dunklen
+Kopf.
+
+»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht
+werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier an das Bett der verschwundenen
+Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die
+Schnauze, die sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile los,
+und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« öffnete sie die Tür, und
+als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewußtsein, die schwarze Nase am
+Boden, befestigte sie ihn wieder und ließ ihn voran.
+
+Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber ihr ernstes
+Gesicht sah tieftraurig aus.
+
+Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden Tags wie
+nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner
+Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang
+zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob
+sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den
+Mauerwinkeln waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor gähnte
+in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. Und in allen Regionen,
+durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am
+Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, so
+daß er den Arm des Mädchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und
+immer in etwas schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald
+zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über schmale Waldwege
+dahin, bis plötzlich jemand sagte:
+
+»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«
+
+»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.
+
+Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener
+Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges
+Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die
+Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen
+Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und
+bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.
+
+Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott,
+vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was
+ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.«
+Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen
+Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die
+braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein
+Mädchen hinter ihrem Rock.
+
+»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.
+
+Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier
+vor sich gegangen war. >Aja< zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das
+Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht
+beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert
+wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen
+nicht.
+
+Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der
+kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter
+seinem Arm:
+
+»Nicht dort! Gib acht!«
+
+Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf
+ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines
+Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte.
+Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll
+geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese
+furchtbaren Laute aus.
+
+Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der
+Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche
+eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte
+sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich
+der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen
+wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten,
+großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger
+Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen,
+und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die
+Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein
+tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am
+Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes
+kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch.
+Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in
+wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war
+und ins Ziellose des Verderbens führte.
+
+Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo
+niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes
+Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb
+hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein
+Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.
+
+Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß
+Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in
+der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die
+keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen
+Beschwichtigungen des Todes wirkte.
+
+Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam
+zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres
+Land erreicht hatten.
+
+»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.
+
+Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.
+
+»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man
+ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst
+wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer
+gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und
+Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen
+den langen und rauhen Winter verschanzten.
+
+Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer
+stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu
+im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die
+Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie
+schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen,
+und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
+hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen
+Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel
+spiegelten.
+
+Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte
+damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen
+lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er
+die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es
+dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den
+Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn
+selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht,
+durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich
+stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben
+dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund
+durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes
+zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte.
+Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich,
+es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob
+Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge
+Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts
+zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber,
+nach der Leiche Ausschau zu halten.
+
+»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit
+keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren
+Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr
+erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände
+oder ihr Gesicht verletzen.«
+
+Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab.
+Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen,
+durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren
+Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er
+dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach,
+mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.
+
+Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener
+bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war.
+Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen,
+alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich
+Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die
+Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
+Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes
+Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem
+Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der
+Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte.
+Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und
+Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin
+eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:
+
+»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«
+
+Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr
+als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in
+den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen
+können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden.
+Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
+stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem
+Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres
+weltverlorenen Daseins niedersank.
+
+Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der
+Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam
+sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die
+Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer
+Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber
+sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht
+geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen
+Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge
+ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen,
+die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es
+war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt
+worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das
+oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft,
+sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.
+
+Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und
+Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne
+durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich
+brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch
+mit seinem Einzug.
+
+Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst,
+über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus
+Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren
+Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und
+verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren
+geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
+dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst
+und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden
+Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
+Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit
+gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach,
+worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag
+es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie
+verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein
+um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die
+sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie
+leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr
+ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich
+erscheinen lassen.
+
+Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe
+liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in
+eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und
+das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen
+eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre
+spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen
+Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem
+Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe
+entrückt.
+
+Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends,
+durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ
+sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in
+der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte.
+Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein
+Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von
+Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für
+eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael
+hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger
+das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf
+seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
+schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann
+hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um
+die Schultern und ihr lächelnd gezeigt:
+
+»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«
+
+So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler
+erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen
+Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu
+sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das
+Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit
+fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
+Wegpappel mit ihrem Krähennest.
+
+Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang
+vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der
+Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
+Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf
+Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr
+Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein
+Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der
+Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der
+triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen.
+Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
+deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein
+Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem
+verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und
+zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie
+gehörte.
+
+Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels
+romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden
+oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
+wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so
+hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen
+Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in
+große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
+Tod in die großen Augen schauen müssen.
+
+»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom
+Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für
+meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben,
+bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«
+
+»Was?« hatte sie gefragt.
+
+»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«
+
+Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das
+hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein
+von Wahrheit auf seine Worte übertrug.
+
+Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in
+Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner
+nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.
+
+»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über
+Helmut oder über ...«
+
+So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit
+der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige
+Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf
+Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
+verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen
+Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.
+
+»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und
+Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es
+sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge
+nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
+Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich
+für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne
+oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,
+bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren
+oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's
+erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind.
+Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«
+
+Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man
+Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein
+Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb
+stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des
+Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu
+werden.
+
+Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden,
+die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer
+Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner
+aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen
+Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse
+führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang
+der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So
+war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die
+zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit
+zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz
+neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.
+
+Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen,
+die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten,
+schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges
+ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den
+gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter
+denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen
+Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine
+grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen
+geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des
+Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das
+gelichtete untere Gezweig starrte.
+
+Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes
+lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten
+Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu,
+als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte
+er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die
+Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der
+rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für
+einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des
+Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der
+breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies
+sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem
+Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber
+trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem
+raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am
+Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der
+Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende
+Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine
+unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden
+und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine
+Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem
+Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander,
+sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie
+zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur
+Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie
+die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken
+oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie
+blieb stehen und betrachtete den Eindringling.
+
+Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos
+nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel,
+denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken
+glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug
+oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen
+seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung
+aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte
+sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da
+er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die
+Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht
+von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.
+
+Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne
+hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so
+fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines
+Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und
+nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie
+ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.
+
+Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls
+rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht
+immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre
+Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich
+war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen
+Worte:
+
+»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«
+
+Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur
+reiche und im tiefsten Wesen beständige Naturen erleben, überkam sie der
+Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste
+hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen Sturm aus ihrem Herzen
+zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war,
+als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin
+von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und
+aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer
+durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.
+
+Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in
+ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie
+wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn
+ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht
+einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu
+vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein
+schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine
+Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den
+Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so
+großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und
+beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal
+in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude
+hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen
+geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft
+aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und
+über die keine Form der Höflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum
+Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen.
+
+Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang
+trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog
+und etwas unwirsch nickte.
+
+»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine
+Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:
+
+»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«
+
+»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf
+Heiterkeit gestimmt.
+
+Sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt,
+hier einzutreten?«
+
+»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein,
+war das ein mißmutiger Geselle.
+
+Er hob wieder die Hand.
+
+»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist
+ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe
+hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.«
+
+»So, gefällt Ihnen Wartalun?«
+
+»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Können Sie
+sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß
+Gemeinschaft gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts diese
+starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort -- eine Wolke -- sehen Sie
+denn nicht? Sie müssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schloß ...
+Bäume ...«
+
+»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer Wolke?«
+
+»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...«
+
+Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur
+Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen.
+Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
+mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer
+Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu:
+
+»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier vorübergekommen und
+hätte um Erlaubnis bitten müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein
+herrliches Gesicht haben Sie, Fräulein!«
+
+Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches Wesen zu
+lächeln, sie fühlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie
+nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen
+Hilflosigkeiten dieses Menschen zu übersehen.
+
+»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. »Sie brauchen doch
+nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.«
+
+»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für einen Augenblick warm
+an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie
+wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines von ihnen
+sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und
+in seine Augen kam ein beseligtes Leuchten.
+
+»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« rief dieser arme
+Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die
+dürftigen Kleider, die er trug.
+
+Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach
+seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie
+sich scheute, etwas Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich
+rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die
+diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begründenden Ausbruch seines
+Empfindens ausglich, aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte,
+hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
+Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an und sagte:
+
+»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch
+noch nicht kenne.«
+
+Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft machen, und sie rief
+lachend:
+
+»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem Dank.«
+
+Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er ihre Züge.
+
+»Sie wollen nicht?«
+
+»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schloß
+genügt, und danke Ihnen vielmals.«
+
+»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts bedeuten.«
+
+»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra herzlich.
+
+»Nein. Das könnte ich hier tun.«
+
+»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will
+den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.«
+
+»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.
+
+»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne
+etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen,
+mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
+und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch
+die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die
+grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des
+Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und
+Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.
+
+Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras
+Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte
+stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
+war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn
+nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln
+einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das
+Afra ihm öffnete.
+
+Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf
+dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu
+haben schien.
+
+»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen,
+falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht
+zum Nachtmahl.«
+
+Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen,
+wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die
+Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
+zurück.
+
+»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird
+vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube
+angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm.
+Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«
+
+»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er
+entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was
+essen?«
+
+»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später
+Wäsche für sein Bett geben.«
+
+»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?«
+
+Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen
+sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten
+sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung
+eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam
+um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr
+Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus
+den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre
+Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das
+sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ
+sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das
+Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete
+ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und
+dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den
+deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig
+vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich
+gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und
+legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
+des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten
+Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über
+sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde
+heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden
+Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und
+ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen
+Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht
+kannte.
+
+Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich
+seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der
+alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war
+eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter
+seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.
+
+Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des
+schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den
+Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst
+schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.
+
+Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete
+und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! -- Jetzt taumelte
+Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
+beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein
+Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung
+umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr
+Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie
+Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger
+Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont
+des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige
+Waldungen in der Sonne.
+
+Es führte kein Weg dorthin zurück.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen
+peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen
+Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten
+ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und
+Winkeln des Schlosses.
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+Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die
+Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren
+grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten,
+wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich
+der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten
+begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren
+Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln
+und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte
+sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte
+Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die
+Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde
+und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der
+Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das
+Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem
+Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der
+Verzweiflung. --
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+Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine
+geschnitzte Truhe im Saalwinkel.
+
+»Martin!« rief er.
+
+Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:
+
+»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier
+Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr
+mich hier noch in Ruhe sterben sehen?«
+
+Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen
+dunklen Rahmen der Tür.
+
+»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu
+beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das
+bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.«
+
+»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne
+Teilnahme.
+
+Wo Herr Friedel wäre.
+
+Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen
+Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können.
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+»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich wäre längst von
+dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann
+die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie
+auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, während er
+zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um
+und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort
+hängen, oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an Seeufern
+unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht wüßte ... dieser Narr.«
+
+»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet«, sagte
+Melchior. »Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht
+fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht
+ist lebendig, ich muß daran denken, es geht mit mir umher, redet und
+schaut.«
+
+Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:
+
+»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn reden.«
+
+»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.«
+
+Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg
+umständlich vom Tisch.
+
+»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, »ich brauchte ein wenig
+Geld.«
+
+»Gut, der Verwalter wird dir geben.«
+
+»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«
+
+»So warte bis morgen ... Nun?«
+
+»Der Wein geht zu Ende.«
+
+»Können vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?«
+
+»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt
+allein ...«
+
+»Schweig. Das war keine Frage.«
+
+»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.«
+
+»Dir nicht auch, Melchior?«
+
+»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«
+
+»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses
+Gesicht über den Alten. »Stimmt es einmal wieder nicht? Müssen wir den
+Herrn fragen?«
+
+»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.
+
+Das Mädchen sah ihn forschend an.
+
+»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig
+aus. Ich kann nichts tun?«
+
+»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... ich ...«
+
+Sie sah sich um, als suchte sie jemand.
+
+»Es ist niemand da«, sagte Melchior.
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+Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie besonnen und mit
+traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und groß, wie sie in
+verlorener Befangenheit in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie
+nach einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder
+sahen auf sie nieder.
+
+»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der Sessel dort
+bedeutet?«
+
+Der alte Diener nickte.
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+»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die Toten soll niemand
+zum Gespött machen, wer von uns könnte ertragen, zu denken, daß
+Überlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel
+an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen
+soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir Martin gesagt. -- Iduna geht
+nachts zu Herrn Gentler ...«
+
+»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich
+ihnen die Felder pflüge?! Für die Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie
+selbst sorgen.«
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+»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, fuhr Melchior
+eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen
+Stimme, »und dort ist es noch alles beim alten.«
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+»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«
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+»Der Herr Graf will es nicht.«
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+»Ich will es«, rief Afra.
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+»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«
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+Afra fuhr steil empor.
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+»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke
+Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem
+Platz steht. Gesindel!«
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+Melchior atmete auf.
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+»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum läßt du so viel
+im Schloß geschehen?«
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+»Ich, Melchior -- ich?«
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+»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und
+machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause
+ist, läßt du mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter
+Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode,
+die man sicherlich in Monaten sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse
+ohne Mißgunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen
+Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...«
+
+»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging hinaus.
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+ * * * * *
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+Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine
+braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder
+blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen
+sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen in den Glanz der
+großen blühenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von
+einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den
+hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie
+Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wänden.
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+Friedel fiel es auf.
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+»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, wo wir uns hier
+befinden. Wenn man sich vorstellen könnte, die Nacht draußen über der
+Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter
+Sarg.«
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+Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah Friedel mit
+aufleuchtenden Augen an.
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+»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.
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+»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam das nur so in den Sinn,
+ganz zufällig.«
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+»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht hätten, würde es Ihnen
+wohl nicht eingefallen sein.«
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+Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann beugte er sich
+wieder über seine Geige.
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+»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«
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+»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.
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+Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines
+Zorns.
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+»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier
+Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles
+Klagen über, und es wurde ein Lied daraus.
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+Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des
+Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten
+nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar
+nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut
+dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte
+keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie
+fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und
+die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im
+Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in
+feinen Goldlettern in die Gläser graviert.
+
+Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte
+dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des
+fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen
+Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen
+schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief
+beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie
+befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden,
+aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet
+hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was
+er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man
+erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden
+verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen
+Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister
+des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang?
+Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau
+über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald
+vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ...
+
+Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in
+seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese
+schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher
+Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.
+
+»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im
+Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.«
+
+Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah
+Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt.
+
+»Ich gehe!«
+
+»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es
+wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche
+Geister dein Hiersein im Bann hält.«
+
+»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn
+nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und
+stellte es ruhig hin.
+
+Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war
+Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken
+einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in
+ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder
+und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses
+geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine
+heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und
+Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten
+ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die
+Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und
+für wen blieb sie es?
+
+In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit
+anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand,
+und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich
+wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse:
+
+ »Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,
+ eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;
+ die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
+ immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.
+ Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,
+ einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;
+ die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,
+ eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«
+
+»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?«
+
+Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.
+
+Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte
+und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus
+dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins
+Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses
+Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht
+wissen, woher wir kommen und gehen ...«
+
+Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich
+plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der
+einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas
+von Wartalun:
+
+»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser
+dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen,
+was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere
+Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht
+sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es
+gegriffen?!«
+
+Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen
+vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie
+starrte in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.
+
+»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein
+zu. Dann stand er auf und stützte Helmut.
+
+»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken
+macht aus dem besten Kopf ein Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen
+Stuhl nieder.
+
+»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes Königreich.«
+
+Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren
+Lächeln:
+
+»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. »Sie dürfen nicht in
+Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.«
+
+»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich nicht hinter die
+Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du ißt unser Brot und
+trinkst unseren Wein!«
+
+Paule sah Friedel an.
+
+»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.
+
+»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst
+du, während uns das Herz verdirbt und davonfließt. Du bist hinterlistig
+und verrucht, du balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und
+beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«
+
+Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel,
+bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: »Er verteidigt sich nicht,
+ist das ein Ungeheuer, nein, so hört doch.«
+
+»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule hingebeugt.
+
+»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.
+
+»Martin, schenk mir ein!« rief sie.
+
+Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fühlte
+ihn in ihrer Nähe, er beugte sich nieder, und sie hörte den leisen,
+gläsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen
+Zug aus.
+
+»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen Augenblick sah sie
+seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie
+zärtlich. Sie ritt als Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten
+von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen,
+der grüne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle
+Waldestiefe hin ...
+
+Das Bild versank.
+
+»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, sagte Afra zu Paule mit
+einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind
+Sie schon Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«
+
+»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein
+Glas!«
+
+Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel herab sank eine
+böse heiße Stille. Der Fremde ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken
+und schwieg. Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch lagen,
+in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie
+angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck
+qualvoller Hellsichtigkeit. Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille,
+in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte,
+aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der
+Kehle, und schrie das Mädchen heiser an:
+
+»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit.
+Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.«
+
+»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie
+antwortete.
+
+»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch
+die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich
+fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...«
+
+Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann
+schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah
+sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:
+
+»Wer hat, dem wird gegeben.«
+
+Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn
+ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung
+lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.
+
+Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr
+war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als
+nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll
+unbestimmbaren Glaubens.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am
+anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich
+in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete
+sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die
+Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube,
+die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste
+enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen
+ließ.
+
+Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen
+empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten
+Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr
+hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der
+Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der
+frühen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt
+für eine kurze Weile.
+
+Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen
+Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine
+Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank
+darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des
+Pferdestalls eine Laterne.
+
+Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich
+umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem
+freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster
+hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und
+warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben,
+schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit
+hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so
+beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd
+wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es
+selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des
+wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen
+klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten
+Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten
+Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.
+
+Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als
+sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.
+
+Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde
+es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen
+Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter
+als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den
+Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen
+zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des
+Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres
+Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male
+gesehen:
+
+»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die
+ihn damals so bestürzt gemacht hatten.
+
+Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen
+Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem
+Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke
+der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. --
+
+Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die
+Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg
+suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten
+widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem
+Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. -- Aja und
+Fenn waren ja nicht bei ihr. -- Sie hielt Joni an. Die Nüstern des
+Tieres, das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in
+der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie
+nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß
+er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag
+anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten,
+ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und
+für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er
+wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück.
+
+ »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
+ immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«
+
+Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich
+schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen
+eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich,
+wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht
+eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann
+wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem
+Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie
+hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe
+zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete
+zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel
+wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie
+fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern aus mit Mühe in der
+Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen
+scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer
+Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das
+dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam
+die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal
+befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit
+ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab,
+sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum
+Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie
+langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah
+sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in
+strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn
+ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark.
+
+Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.
+
+Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr
+erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an
+einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar
+wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken
+mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man
+seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte?
+
+Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der
+Erinnerung übermäßig groß. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur
+Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern
+große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr
+unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der
+schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs
+neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem
+dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden
+würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die
+durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende
+Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.
+
+Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule
+wandte und ihn ansah, sagte er:
+
+»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen
+braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.«
+
+Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen:
+
+»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.«
+
+»Weshalb?« fragte er.
+
+Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:
+
+»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« --
+
+Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was
+kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren.
+Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie
+nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr
+getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt.
+Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie
+diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm
+vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch
+die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er
+die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei
+er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender
+Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter
+ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer.
+Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten,
+wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden
+sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger
+herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen,
+die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand
+preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der
+Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit
+dieser Lebensarmut.
+
+Sie nahm das Pferd wieder herum.
+
+»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an
+sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in
+ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:
+
+»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Güte
+des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir
+der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu
+beweisen?«
+
+Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und
+Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle
+Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt
+haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner
+Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer
+Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.
+
+Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten
+Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden
+Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die
+beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier
+auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie
+der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut
+blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den
+Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel
+kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.
+
+Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße,
+und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen
+Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein
+aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur
+Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und
+sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre
+Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um
+ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie
+eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah
+ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie
+ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote
+straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus
+ließen.
+
+»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich
+ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!«
+
+Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken
+schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern
+waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die
+Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr
+verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück,
+obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz
+stürmte.
+
+»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« --
+
+»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...«
+
+Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie
+überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu
+begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel
+sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu
+ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt.
+
+»Ich muß zu dir, Afra.«
+
+»Jetzt nicht, geh!«
+
+»Es ist wichtig.«
+
+»Bleib draußen!«
+
+Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes
+Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen
+Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte
+ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden,
+dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den
+Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und
+seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die
+sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von
+einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine
+Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den
+Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den
+Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte
+er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und
+Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in
+diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon
+genommen.
+
+Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt
+sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an
+der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr
+sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit
+unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen
+der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im
+Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener
+Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten
+herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der
+Reitgerte in der Hand verbringen. -- Oben stieß sie, ohne anzuklopfen,
+die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe
+seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es
+ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht
+beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den
+großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in
+seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens
+ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:
+
+»Ich muß mit dir sprechen.«
+
+Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem
+Herzen mit der Hand zu Hilfe.
+
+»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«
+
+»Friedel verläßt morgen das Schloß.«
+
+»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«
+
+»Ich will es.«
+
+»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete unter den Verwüstungen
+auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. »Es muß etwas geschehen
+sein, sag es mir. Was ist geschehen?«
+
+»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in dem Dunst, der von
+eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen
+Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,
+erniedrigt mich!«
+
+Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen Erstarrung,
+sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und während er
+die geballten Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht,
+das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und
+schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.
+
+»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das
+ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken,
+Mörderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,
+was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den Quellen meines Lebens,
+beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!«
+Er schien am Übermaß seines Hasses zu ersticken.
+
+Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine Worte berührten sie wie
+stäubender Schutt und heißes Blut, aber sie machten sie nicht einen
+Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten
+war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der
+herausgeforderten Seele, wo im Sturm der Not Bedrängnis zur Erkenntnis
+und Zweifel zur Gewißheit werden.
+
+»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hände. Du bist mir
+gleichgültig! Daß du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von
+einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer
+überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.«
+
+Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei
+nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last.
+Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra
+nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines
+gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt.
+
+»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen?
+Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!«
+
+»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet.
+Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das
+ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor
+Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat
+dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.«
+
+»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie
+mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du
+tust!«
+
+»Ich weiß es!«
+
+»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet
+sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan
+hast.«
+
+»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere
+ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde
+bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer
+Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu
+schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den
+kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre
+Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am
+Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst
+noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.«
+
+Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken.
+Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden
+Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres
+Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu
+lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die
+Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz
+regelmäßig.
+
+»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich
+empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er:
+
+»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein
+Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«
+
+»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest du noch werden, eine
+Macht zu mißbrauchen, die du nie hast brauchen können. Meinst du, ich
+hätte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.
+Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den
+Äckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe
+verraten und verwandeln und schänden und schwankst zwischen
+Totenlämpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht.
+Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom
+Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt
+aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du
+es wagst!«
+
+»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu
+weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...«
+
+»Für dich gibt es diese Macht nicht.«
+
+»Du sollst sehen!«
+
+»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu halten, wenn ich ginge?«
+
+»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!«
+
+»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in solche Not, in der
+ich nach diesem Mittel greifen muß, um zu hüten, was mein ist. Hasse
+mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung
+nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, wirst du
+achten müssen. -- Ja, so höre es heute: ich will es haben. Ich will
+reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber hättet ihr
+nur einen meiner Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so
+würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schloß
+und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche
+Werte gelten, nun fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat
+nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen
+verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen
+Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergängliche, darin er sich
+bewährte. -- Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, die dir
+gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht
+ich.«
+
+Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede
+Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, selbst sein dumpfes Bewußtsein,
+daß ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn
+zwischen Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:
+
+»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu können, daß es dich
+gab, daß du lebtest, tötetest ... weißes Feuer du! Aus diesen nackten
+Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«
+
+Plötzlich schrie er laut:
+
+»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die
+Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...«
+
+Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer
+Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes,
+die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in
+Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu
+meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr
+war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer
+Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses
+Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst.
+
+Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes
+Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule
+in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.
+Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer
+Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne
+Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor
+alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen,
+solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du
+gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«
+
+Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen
+ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen
+können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in
+seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand
+zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß
+jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht,
+entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den rankenden
+Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze
+Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.
+
+Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja
+das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl
+mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu
+ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins
+vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das
+Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht
+und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die
+Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:
+
+»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht,
+denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?«
+
+Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten
+das Zimmer. Auch sagte er nur:
+
+»Wer bestehen kann? -- Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine
+Pflicht ist, davonzugehen.«
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an
+Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das
+Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen
+Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief
+zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten
+trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue
+Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst
+mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.
+
+Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das
+Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur
+zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im
+Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit,
+nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der
+Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des
+ersten Schnees.
+
+Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine
+Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An
+einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm
+auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im
+Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die
+großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes
+Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am
+Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten
+Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff
+seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los.
+
+Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und
+Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus
+den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten
+hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen
+der Seele.
+
+Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben
+Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer
+nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche
+Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des
+verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit
+den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene
+Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer
+eigenen Erlösung. --
+
+Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf
+ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen
+Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:
+
+ »Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das
+ Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird
+ Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich
+ für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen
+ meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen
+ liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du
+ begleitest mich als die Hüterin meines Verlangens nach dem
+ Vollkommenen.
+
+ Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich
+ habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der
+ begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn
+ solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen
+ erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf
+ der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und
+ Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht,
+ Heimweh und Vollendung. Ich bin
+ Benvenuto Paule.«
+
+Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als
+griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie
+Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel
+stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste
+Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies
+unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um,
+begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen,
+wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht
+auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da
+bin ich.«
+
+Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit
+plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter
+ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es
+fremdartig, klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange
+her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg
+durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange
+Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig
+und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die
+sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in
+Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?
+
+Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr
+vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt
+eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern
+und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher
+aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel
+zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des
+Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen
+Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu
+heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder
+hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres
+Daseins.
+
+Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr
+das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den
+Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit
+langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft
+jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule
+kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« --?
+
+Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und
+mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem
+ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß
+für immer zu verlassen.
+
+»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst.
+Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es
+bewegt, komm, sieh ...«
+
+»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn
+es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.«
+
+Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem
+Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche
+Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren
+letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:
+
+»Glaubst du, sie hielte nicht aus? -- Ganz andere Sachen! Hast du eine
+Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn
+überhaupt schon wieder fort?«
+
+»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«
+
+»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«
+
+Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht verstand.
+
+Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid ließ die
+schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke empor sehen, sie hatte den
+einen Fuß vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte
+gepreßt und knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die
+Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der
+Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war
+geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag
+erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf
+Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und
+Kraftbewußtsein. Sie starrte hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe
+sie von verworrenen, bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land
+zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben
+entflammte ihr Herz?
+
+»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen hinüber, das sie
+einst gewesen war, bis heute.
+
+Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, denn das Rütteln hörte
+auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des
+Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geöffnet
+waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. Erst leise, dann heftiger.
+Endlich öffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster.
+
+»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte noch, ich komme.«
+
+Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu,
+er kam aus der Küchentür.
+
+»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«
+
+Das junge Mädchen dachte:
+
+Und wenn ich nun Paule nicht finde?
+
+»Ja, ja«, sagte sie.
+
+»Wann kommst du, kommst du gleich?«
+
+»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«
+
+»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah Afra angstvoll an.
+Sie empfand nun, daß er erregt und traurig war.
+
+»Ich komme nicht.«
+
+»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, denn es steht böse um ihn.
+Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.«
+
+Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da
+kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt
+seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,
+als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:
+
+»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst nicht?«
+
+»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich könnte nicht, meine
+Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und grüß ihn und wünsch ihm
+Lebewohl. Ich käme nicht wieder.«
+
+»Was bedeutet das?«
+
+»Tu, was ich sage!«
+
+»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn
+werden?«
+
+Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine
+Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt,
+Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr
+unentbehrlicher war.
+
+Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für
+Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer
+und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er
+langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen,
+nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein
+müder Schritt hallte angstvoll wider ...
+
+Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie
+fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen.
+Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr
+geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil
+nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und
+zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und
+dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer
+Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig
+schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch
+ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,
+und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich
+und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein
+möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen.
+Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele
+mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit
+denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah
+Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang
+glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen
+Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund,
+den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels
+Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten,
+dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das
+Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen,
+satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese
+Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes
+Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu
+vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern
+der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder
+rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind,
+sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war
+wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.
+
+Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in
+Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt
+sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der
+Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs
+lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut
+schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in
+einer blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte,
+und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs
+verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die
+gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige
+Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung.
+
+Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.
+
+»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?«
+
+»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will
+wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?«
+
+»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin -- ja, der Herr ist hier
+gewesen ...«
+
+Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien,
+die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf:
+
+»Wo steckt er denn, der Prophet?«
+
+Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne
+Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:
+
+»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf
+Sie gewartet, Fräulein Afra.«
+
+»Hör, woher weißt du das?«
+
+Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, wandte sich der
+Landstraße zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun:
+
+»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«
+
+Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gäste der Wirtsstube
+angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der
+verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, und neben dem
+Eingang lagen leere Fässer.
+
+»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«
+
+»Ob ich will! -- Gleich ist es da.«
+
+Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten
+gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es
+drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten
+unter die Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte die
+Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis sah in den
+unverständlichen Schicksalen das Walten finsterer Mächte, und es war
+längst Gewißheit geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse
+Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im
+Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten
+den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen
+erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so
+mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in seinen Bann geraten sei. Das
+Schloßgesinde erzählte unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über
+das junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt hatte.
+
+Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu
+fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste
+Befürchtung erwiesen? Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein
+bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und
+sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das
+ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.
+
+Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? -- Er
+schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest,
+die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer,
+den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch
+ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen
+nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief.
+Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle
+kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche
+Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in
+der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft
+verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch,
+wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und
+arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer
+werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner
+Hände.
+
+Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei
+mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der
+Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen
+nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem
+unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde
+Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde
+diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.
+
+ * * * * *
+
+Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das
+an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und
+Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines
+besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und
+Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten
+Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren
+Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht
+sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden
+Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen
+wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht,
+daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener
+Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß,
+lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben
+Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den
+seltsamen Namen »Die Knickburg«.
+
+Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb
+versteckte Haus, das flache Flußufer und das Silberband des Wassers
+hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene
+Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der
+Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag
+eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen
+Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete
+seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und
+lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel
+Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter
+seinem starken Willen verbarg.
+
+Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes
+erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In
+goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes
+nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich
+gewesen.
+
+Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm
+stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn
+selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner
+einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer
+grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein
+leuchtendes Tor von Rosen führt.
+
+Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner
+Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte
+ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die
+Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre
+große liebliche Macht.
+
+Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias
+Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes
+totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen
+schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre
+Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann.
+
+Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser
+des Flusses und in den stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen
+Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten
+Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt
+wartete die Welt auf die kühle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden
+des winterlichen Tags, von Licht gerändert, stand eine zerklüftete
+Wolke, die wie ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen
+Sonne folgte.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen war, schritten Afra und
+Paule die leere Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der
+Knickburg.
+
+Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:
+
+»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? Auch die Lichter
+nahen.«
+
+»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«
+
+»Aber hörst du denn nicht?«
+
+»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von Menschen.«
+
+»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm ihren Hut ab und
+schüttelte mit einem zitternden Lachen der Ergriffenheit ihren Kopf.
+
+»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte sie. Sie schaute
+sich um. Zur Rechten lag eine schwere Mauer aus dunklen Tannen, und zur
+Linken hoben sich unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen
+den helleren Himmel ab.
+
+»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile schweigenden Lauschens
+nachdenklich. »Ob sie uns suchen?«
+
+»Vielleicht dich, Afra.«
+
+Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, dann sagte sie
+schnell:
+
+»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde nach Wartaheim.
+Es ist besser, sie finden hier nur mich.« Dann besann sie sich plötzlich
+und änderte rasch ihren Entschluß:
+
+»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. Ich werde tun, was
+ich will. Wer könnte es auch sein. Nur Helmut darf nichts ahnen,
+verstehst du mich, Benvenuto?«
+
+»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«
+
+»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir geschehen?«
+
+Er antwortete nicht.
+
+Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich an ihr Ohr. Nach
+einer Biegung der Landstraße kamen die beiden Lichter heran, sie
+beleuchteten die Wegstrecke zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so
+daß man die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und Wagenspuren
+deutlich erkannte.
+
+Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang nicht Gesang aus
+dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
+
+»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! Warte!«
+
+Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die Köpfe emporgerissen, man
+sah deutlich, daß der Kutscher heftig erschrak und die Zügel viel zu
+hart anzog. Die Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel
+des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren Köpfen.
+
+Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen der Stallknechte. Er
+riß den Hut herunter, als er sie erblickte, und Afra bemerkte, ehe er
+sprach, daß sein Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet
+aussah und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach Hilfe ausschauten.
+Da er dicht neben der Wagenlaterne stand, erkannte man seinen Ausdruck
+deutlich, und so kam es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:
+
+»Wohin willst du? Wen fährst du?«
+
+»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der Herr ... der Herr ...«
+
+Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war Friedels Stimme. Er
+schien niemand zu erkennen:
+
+»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den Schloßwagen nicht?
+Haltet mich nicht auf. Marsch! Platz!«
+
+»Warte noch«, sagte Afra ruhig.
+
+Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein Fluch, dann machte sich
+von innen eine Hand in erregter Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.
+
+»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.
+
+Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.
+
+»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.
+
+Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür besorgt und hastig
+wieder und stellte sich davor auf. In seinem Gesicht lagen höchste
+Anspannung, eine wilde Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender
+Aufruhr.
+
+»Ah, Afra -- da bist du! So, hurra! Es lebe die Herrin von Wartalun!«
+
+»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich die Peitsche
+nehmen?«
+
+»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, daß ich vor Lachen
+nicht sprechen kann?! Gott bewahre dich davor, daß du dies Lachen
+kennenlernst. -- Wie? Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den
+Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«
+
+Da stand Afra steil vor ihm.
+
+»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in Wartalun geschehen? Wenn du
+noch ein unnötiges Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen
+und kehre mit dem Wagen um.«
+
+»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. Man hat wohl zwei
+Stunden lang nach dir geschrien, bis man an seinem Blut erstickte. Was
+geschehen ist?«
+
+Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, als ränge er
+innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die Sinne auslöschte. Er
+bewegte nur die Fäuste hin und her. Afra sah es im rötlichen Licht der
+Laterne. Dann tippte er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine
+linke Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen Keuchen:
+
+»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am Rücken glatt heraus! Durch
+und durch geschossen! Alles rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du
+siehst ihn nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm schon
+seine Augen zugedrückt.«
+
+Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei Schritte. Sie stieß auf
+Paule.
+
+»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.
+
+Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.
+
+Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß Friedels Atem nach
+Wein roch und daß er betrunken war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach,
+wie unter einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren
+Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem Innern
+etwas für alle Zeit.
+
+Friedel war wieder in ihrer Nähe:
+
+»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du Begnadete unter den
+Reichen. Alles, was du umher siehst oder weißt -- alles, bis an die
+Wälder von Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht
+dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare Sicherheit war,
+daß alles dein sein sollte. Und dein Popanz, der Martin, hat zwei Pferde
+zuschandengemacht, um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du allerlei zu
+danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«
+
+Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte an, die ein wenig
+gefaßter wurden, jetzt, da man ihn reden ließ und da die schlimmste
+Botschaft aus seinem Herzen gestoßen war.
+
+»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine Frage, er sagte es
+ruhig aus.
+
+Seine Stimme brachte Friedel auf:
+
+»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? Nicht zwei Hemden hast
+du gehabt, als du dich bei uns einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl
+nur zu nehmen brauchen, was dir behagt. Oh -- mir wird übel, wenn ich an
+den Mutwillen Gottes und an die Willkür des Schicksals denke. Oh, ihr
+ramponierten Großmäuler im Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben,
+nicht wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich in euren
+Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich langsam zersetzt. Nur
+heraus, es ist gleichgültig, ob oben oder unten.«
+
+»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick dir einen anderen, wenn du
+willst. Es wird dir wohl auf zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach
+hart und bestimmt.
+
+»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor den Schlag.
+
+Afra sah hinein, über seine Schulter fort.
+
+»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst du Martin, wo
+du ihm soviel Glück verdankst?«
+
+»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir behalten. Deine Scherze laß
+-- mir verdirbt das Herz rasch genug.«
+
+Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:
+
+»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht halten kann, das
+mir aus dem Leben bricht. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber
+wenn, so mußt auch du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her,
+uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust deiner
+teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«
+
+Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels Arm:
+
+»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, »du lästerst Gott.«
+
+Und er fuhr fort zu sprechen.
+
+Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich eindringlich. Sie kam aus
+dem Dunkel hervor und nahm die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre
+bannende Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je mehr er
+verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, die die Gewalt dieser
+starken Worte mit sich brachte. Der Kutscher hielt die Pferde und sah
+um ihre Köpfe herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche
+Gestalt des Sprechenden.
+
+»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, der seine
+innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. »Aber was sprichst du von
+Reichtum und Gerechtigkeit, von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du,
+dein kleiner Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von Angst um sein
+Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu vergleichen, die diejenigen
+erleiden, die nicht die Hilfe deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du
+wärest nicht gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert hätte.«
+
+Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile schwieg. Niemand
+antwortete ihm. Aber er fand die Besinnung nicht, um die er zu ringen
+schien.
+
+Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, daß Afra mit einem
+raschen Schritt auf ihn zutrat und ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.
+
+»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? Kein Wort darfst du
+mehr von diesen Dingen sprechen.«
+
+Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er atmete tief und
+schwer, und seine großen Augen, dunkel in ihrem Schatten, schienen
+nichts zu sehen von allem, was um ihn her vorging, noch wo er sich
+befand.
+
+Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin und her und suchte
+mit der Hand in der dunklen Luft.
+
+»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was mit uns geschehen wird?
+Dies alles ist unwahr. Wohin bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei!
+Laßt mir doch mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger Himmel?
+Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher liegen Tote ...«
+
+»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.
+
+Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der
+Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und
+er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewünscht worden
+war. Die Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes
+Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und dem nassen Erdboden.
+
+»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis.
+
+ * * * * *
+
+Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dämmern. Es war
+ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett,
+das schon durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des Geschlechts in
+Empfängnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand
+das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den
+Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte.
+
+Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner durchschossenen Brust
+gefaltet, blanke grüne Efeublätter fügten sich darüber zu einem schmalen
+Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein weißes
+Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen Augen die gequälte Stirn
+glättete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete.
+
+Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des
+vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden
+Ortschaften gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der
+Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschäftigte, die
+Wartalun heimsuchten, zu großem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch
+manche unter den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter von
+Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame
+Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trüben Morgen durch den
+Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fünf oder
+sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal
+aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und
+sich unter der kahlen Linde gruppierten.
+
+Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen
+Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich
+trauervolle und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit
+langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen Schleifen und weinerlicher
+Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten,
+knatternden Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise vor
+sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in
+ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern jene angestrengte Trauer, die
+einfachen Männern aus dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und
+ihre vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter den ehrwürdigen
+und altmodischen Hüten.
+
+Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. Der lichtlose Morgen
+machte alle Gesichter blaß und krank, und niemand wehrte diesem
+wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten
+Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des Landes gedient
+hatten, solange man zurückdenken konnte.
+
+Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, beseligten Bestürzung,
+die ihr wilde Schauer eines Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr
+für Augenblicke zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen Winden
+dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort über
+verödete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit
+geöffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen
+Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter Menschenseelen.
+
+»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause sollte wissen, wo sie
+war.
+
+Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten kam ein
+schwaches Lächeln auf seinen schlafenden Mund. Afra sah in tiefem
+Erstaunen in sein Angesicht, in diese Züge, die sie zum erstenmal in
+voller Ruhe erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit darin,
+die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare Freude eines
+Menschen, der zuversichtlich auf dem Heimweg war. Sie hatte nicht einen
+Augenblick das Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als sei
+er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, und für alle Zeit, um
+dieses Lächelns willen, das ihr über die armselige Torheit der
+Geängstigten und über die starräugige Allgewalt des Todes zu
+triumphieren schien.
+
+Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der Liebe, schlief Helmuts
+gescholtener Leib sein letztes Mal im Schein des täglichen Lichts über
+der Erde. Auch zu ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers die
+Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die Luft, die kein Atemzug
+mehr bewegte, über der vollkommenen Stille, die von seinem wächsernen
+Angesicht ausging.
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte
+ Zeile steht.
+
+ die ohne einen Schein von Frechheit, doch so herausfordernd
+ die ohne einen Schein von Frechheit doch so herausfordernd
+
+ »O Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+ »Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich
+
+ woran sein Herz hing. Es waren vierlerlei Dinge in
+ woran sein Herz hing. Es waren vielerlei Dinge in
+
+ Für wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+ Für eine wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den
+
+ Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+ »Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät
+
+ »Spotte nur. Morgen geht es über die her.
+ »Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her.
+
+ und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihr Hand an
+ und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an
+
+ Helmuts Herz schlug dumpf und langsam er fühlte
+ Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte
+
+ kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts..
+ kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ...
+
+ sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja«
+ sie verstand, was hier vor sich gegangen war. >Aja<
+
+ wie ihn nur reiche und im tiesten Wesen beständige
+ wie ihn nur reiche und im tiefsten Wesen beständige
+
+ »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen..«
+ »Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...«
+
+ Leuchten
+ Leuchten.
+
+ Herrin von Wartalun!
+ Herrin von Wartalun!«
+
+ dem Wagen, oder war es ein Wimmern?«
+ dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***
+
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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