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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:07:09 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Totem und Tabu, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Totem und Tabu
+ Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 13, 2011 [EBook #37065]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOTEM UND TABU ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Die Werbung für »Werke von Prof. Sigm. Freud« wurde vom Anfang des
+ Buches ans Ende verschoben.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ TOTEM UND TABU
+
+ EINIGE ÜBEREINSTIMMUNGEN
+ IM SEELENLEBEN DER WILDEN
+ UND DER NEUROTIKER
+
+ VON
+ PROF. Dr. SIGM. FREUD
+
+ DRITTE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE
+
+ 1922
+ INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
+ LEIPZIG WIEN ZÜRICH
+
+
+ Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen, vorbehalten.
+
+ Copyright by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag«.
+
+
+ Gesellschaft für Graphische Industrie, Wien, III. Rüdengasse 11.
+
+
+
+
+VORWORT.
+
+
+Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel dieses Buches
+in den beiden ersten Jahrgängen der von mir herausgegebenen Zeitschrift
+»Imago« erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner
+Seite, Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte
+Probleme der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen
+methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten Werke von W.
+_Wundt_, welches die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen
+Psychologie derselben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den
+Arbeiten der Züricher psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme
+der Individualpsychologie durch Heranziehung von völkerpsychologischem
+Material zu erledigen streben(1). Es sei gern zugestanden, daß von
+diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen eigenen Arbeiten
+ausgegangen ist.
+
+ (1) _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. für
+ psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912;
+ derselbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen
+ Theorie, ibid. Bd. V. 1913.
+
+Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen
+nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen
+abhängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. Die vier hier
+vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren Kreises von
+Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von den wenigen
+verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer
+Eigenart nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen,
+Sprachforschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern
+anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was ihnen
+abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die neue
+psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Beherrschung des
+der Verarbeitung harrenden Materials. So werden sie sich wohl damit
+begnügen müssen, hier wie dort Aufmerksamkeit zu erregen und die
+Erwartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zusammentreffen von beiden
+Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben kann.
+
+Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen geben, der
+Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise
+abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das
+Problem erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über den
+Totemismus bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die
+psychoanalytische Betrachtung zur Klärung der Totemprobleme derzeit
+beibringen kann. Dieser Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu
+eigentlich noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und
+auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur nach
+doch nichts anderes als der »kategorische Imperativ« _Kant_'s, der
+zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivierung ablehnt. Der
+Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fühlen entfremdete, in
+Wirklichkeit längst aufgegebene und durch neuere Formen ersetzte
+religiös-soziale Institution, welche nur geringfügige Spuren in
+Religion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker
+hinterlassen hat, und selbst bei jenen Völkern große Verwandlungen
+erfahren mußte, welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und
+technische Fortschritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit
+weniger anhaben können als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch
+gewagt worden, den ursprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen
+infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, in denen er in der
+Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung
+zwischen Totem und Tabu weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen
+Hypothese, und wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen
+ist, so ergibt dieser Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die
+Möglichkeit, daß sie mehr oder weniger nahe an die schwierig zu
+rekonstruierende Wirklichkeit herangerückt sein könnte.
+
+_Rom_, im September 1913.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ I. Die Inzestscheu 1
+
+ II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 25
+
+ III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 100
+
+ IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus 133
+
+
+
+
+I.
+
+DIE INZESTSCHEU.
+
+
+Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er
+durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns
+hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und
+Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der
+Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die
+Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen.
+Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben
+Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe
+stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge
+und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die
+sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein
+besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene
+Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.
+
+Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der
+»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der
+Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt
+worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns
+gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.
+
+Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung
+jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten,
+armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des
+jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel
+Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+
+Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet,
+die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten
+Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern
+erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den
+Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht
+einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem
+Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die
+sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die
+Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen
+Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von
+Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme
+im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten
+Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver
+zu sein, als die der Küste nahewohnenden.
+
+Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß
+sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen
+Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch
+erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster
+Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele
+gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser
+Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden
+zu sein.
+
+An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet
+sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen
+Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder
+nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein
+Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener
+eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem
+besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens
+der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der
+ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder
+kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen,
+sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten
+(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst
+bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem
+Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung.
+Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in
+zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem
+darstellen oder nachahmen.
+
+Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie
+erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche
+und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit
+zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
+Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus
+und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).
+
+ (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is
+ stronger than the bond of blood or family in the modern sense.
+
+An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen
+wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem
+friedlich beisammen(3).
+
+ (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
+ Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der
+ Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten
+ Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich
+ in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige
+ Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das
+ vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und
+ Bücher und Schriften von Andrew _Lang_ (»The secret of the Totem,
+ 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die
+ Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J.
+ _Ferguson Mc Lennan_ (1869-1870). Totemistische Institutionen wurden
+ oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern
+ Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen
+ Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche
+ sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber
+ erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und
+ semitischen Urvölkern Europas und Asiens bestanden hat, so daß viele
+ Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene
+ Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.
+
+ Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem
+ beizulegen, das heißt die Abstammung von dem oder jenem Tier zur
+ Grundlage ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden,
+ auch ihrer sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber
+ zahlreiche Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundts_
+ Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber
+ keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst
+ zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen
+ Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden
+ soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses Bandes.)
+
+ Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die
+ Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
+ nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber
+ nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker
+ in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich
+ haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und
+ Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den
+ Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des
+ Verfalles, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und
+ religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen,
+ die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben
+ mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+ Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung
+ derselben gefaßt werden darf.
+
+Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen
+Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers
+sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das
+Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche
+Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten
+dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_.
+
+Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch
+nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem
+bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es in das System des
+Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn
+manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im
+Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu
+tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen
+notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie
+immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht
+und erweist sich als eine sehr feste.
+
+Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen
+klar.
+
+a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
+automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei
+anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern wird
+vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine die
+ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende Schuld
+abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buche von _Frazer_(4) mögen zeigen, wie
+ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht
+unsittlichen, Wilden behandelt werden.
+
+ (4) _Frazer_, l. c. Bd. I, p. 54.
+
+»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person
+of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the
+same local group or has been captured in war from another tribe; a man
+of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by
+his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed
+in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In
+the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the
+man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
+is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that
+she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions
+are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).«
+
+b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt
+wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere,
+z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.
+
+c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird,
+so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit
+leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem
+Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder,
+Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die
+Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen
+Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5).
+
+ (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses
+ Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen.
+ Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die
+ Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den
+ Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter
+ freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis
+ darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche,
+ denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem
+ gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind.
+
+d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem
+Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die
+Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne
+auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe
+unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht
+blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte
+behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen
+Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei
+zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht
+ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem
+(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem
+gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in
+dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als
+absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.
+
+So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von
+Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht
+gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft
+durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen
+Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten,
+daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen.
+
+Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die
+Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der
+Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran
+denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden
+Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die
+Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des
+Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu
+bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und
+festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche
+Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.
+
+Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine
+Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
+gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich
+bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern
+zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach
+dem Ausdruck L. H. _Morgans_ dem »_klassifizierenden_« System an. Das
+will heißen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern
+auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
+hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter«
+jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der
+Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«,
+»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch
+die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen
+Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei
+Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine
+Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem
+Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische
+Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet
+sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird,
+jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu
+begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«,
+»Schwestern in Christo« sprechen.
+
+ (6) Sowie der meisten Totemvölker.
+
+Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauches
+ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener
+Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_«
+genannt hat, deren Wesen darin besteht, daß eine gewisse Anzahl von
+Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die
+Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister
+betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und
+alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten.
+
+Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der
+menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere
+aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so
+stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin
+überein, daß die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Überrest
+aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und
+_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen
+der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die
+Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe
+vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache
+und Sitten zurückzulassen.
+
+ (7) 2. Aufl., 1902.
+
+ (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899.
+
+Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns
+das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben
+Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot
+des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint
+als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches
+dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.
+
+Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in
+ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß
+die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick
+verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige
+Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke
+zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei
+Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathries)
+genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine
+Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede
+Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also
+in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
+Totemsippen.
+
+Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines
+australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:
+
+ Phrathrien
+
+ a b
+ / \ / \
+ / \ .......... / \
+ / \ .... / ...... \
+ / \ ... / ...\
+ c . d ... . e f
+ /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\
+ / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \
+ / | \ .../..|..\ . / | \ / | \
+ / | \ / | \ / | \ / | \
+ A B C D E F 1 2 3 4 5 6
+
+Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen
+untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c bildet
+mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. Der Erfolg, also die
+Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem
+Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen
+Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre
+jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen
+Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur
+Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese
+Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der
+Sippen 1-6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die
+Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) muß seine Ehewahl auf die
+Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.
+
+ (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt.
+
+Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen
+Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus
+ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen
+wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber während
+die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die
+entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die
+komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und
+der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu
+entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm,
+weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das
+Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen
+Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft
+sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
+angestrebten Regelung der Ehewahl.
+
+In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein
+Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests
+hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu
+verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit
+jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft
+ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).
+
+ (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage,
+ 1911 (A. _Lang_).
+
+Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich
+verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung
+der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem, tiefer
+eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große
+Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde Völker zur Verhütung
+des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst
+inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung
+näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen.
+
+ (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie:
+ »Zur Sonderstellung des Vatermordes«, Schriften zur angewandten
+ Seelenkunde, 12. Heft, Wien 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht.
+
+Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der
+Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich
+gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von
+»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter
+in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge
+eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen
+kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen«
+(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen
+Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen,
+mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb
+zu nehmen.
+
+In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den
+Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf
+_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten
+Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er
+jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein
+Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine
+Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine
+Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen
+niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so
+muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse
+Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen
+nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal
+ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu
+gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese
+Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze
+Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem
+Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der
+Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht
+selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut
+an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern
+»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und
+Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht
+vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+ Exogamy«, Bd. II, p. 77.
+
+Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von
+ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch
+seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer
+Umschreibung(13).
+
+ (13) _Frazer_, l. c. II, pag. 124, nach _Kleintitschen_, Die
+ Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel.
+
+Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von
+solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie
+dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine
+Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten
+miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist
+der Tod durch Erhängen(14).
+
+ (14) _Frazer_, l. c. II, pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos,
+ 1908.
+
+Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge;
+sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die
+Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß
+diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen
+Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir
+es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu
+verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).
+
+ (15) _Frazer_, l. c. II, pag. 147, nach Rev. L. _Fison_.
+
+Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle
+nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst
+anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu
+begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester
+unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind.
+Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor,
+wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
+bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische
+Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie
+leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne
+weiteres angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu
+ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher
+Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun
+sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote
+auszuweichen(16).
+
+ (16) _Frazer_, l. c. II, pag. 189.
+
+Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten
+merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des
+Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person
+irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus
+einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut
+sich nicht, in ihre Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit
+zitternder Stimme(17).
+
+ (17) _Frazer_, l. c. II, pag. 388, nach _Junod_.
+
+Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein
+Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte.
+Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem
+eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn
+auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn
+hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der
+Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg
+gelegt(18).
+
+ (18) _Frazer_, l. c. II, pag. 424.
+
+Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker
+interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem
+Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz
+allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den
+Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der
+Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus.
+Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen
+Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht
+so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide
+Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.
+
+Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den
+Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren,
+werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele
+beschränken.
+
+Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich
+genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die
+seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt
+das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder
+er tut das nämliche.
+
+In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter
+seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut
+nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen
+sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz
+ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht
+oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).
+
+ (19) _Frazer_, l. c. II, pag. 76.
+
+Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine
+Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr
+begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so
+schnell er kann, davon, um sich zu verstecken(20).
+
+ (20) _Frazer_, l. c. II, pag. 117, nach C. _Ribbe_, Zwei Jahre unter
+ den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.
+
+Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner
+Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft
+auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet,
+und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem
+sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors
+Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können und das Weib
+nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein
+Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der
+Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt
+werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn
+sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich
+haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund
+nehmen(21).
+
+ (21) _Frazer_, l. c. II, pag. 385.
+
+Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein
+Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen
+Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk
+verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei
+Haustieren nicht straflos läßt(22).
+
+ (22) _Frazer_, l. c. II, pag. 461.
+
+Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen
+Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen
+Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben
+die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von
+manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht
+unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung
+zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau
+entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu
+sein(23).
+
+ (23) V. _Crawley_, The mystic rose. London 1902, pag. 405.
+
+Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben,
+der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin
+eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner
+Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer
+besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft.
+
+Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das
+Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige
+Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen
+sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde
+auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch
+an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu
+zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der
+tatsächlichen Beobachtung deckt.
+
+E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der
+Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+(cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder,
+und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von
+den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt,
+unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der
+Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
+nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie
+dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher
+in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt(24).
+
+ (24) _Crawley_, l. c., pag. 407.
+
+Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes gefragt wurde, gab
+die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die
+Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25).
+
+ (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_, Among the Zulus and
+ Amatongas, 1875.
+
+Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und
+Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten
+der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der
+weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für
+die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn
+solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen
+wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt
+hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre
+Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den
+beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein
+ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der
+psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas
+enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr
+Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade
+das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf
+hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem
+Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
+meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus
+widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
+ist.
+
+Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der
+Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten,
+das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz,
+eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause
+eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem
+fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen,
+die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not
+least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der
+Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl
+zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
+gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend,
+Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau
+wertvoll machen.
+
+Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
+Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen
+Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der
+Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht
+ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf
+der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben.
+Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder,
+Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu
+den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern;
+es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
+Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt
+so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
+Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der
+Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann --
+mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des heftigen seelischen
+Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer
+Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
+Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder
+die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der
+miteinander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht
+häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der
+Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte,
+zärtliche, um so sicherer zu unterdrücken.
+
+Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch
+ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der
+Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter,
+vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt;
+infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren
+Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren
+Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner
+Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich
+eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser
+widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die
+Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der
+Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so
+daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm
+die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und
+Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die
+Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn
+darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann
+manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe
+seine Neigung auf deren Tochter übergeht.
+
+Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der
+inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen
+Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden
+also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser
+primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung
+bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen
+den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen
+Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe
+der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die
+Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das
+Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine
+Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter.
+
+Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu
+zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der
+psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden
+können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt
+worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
+hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
+und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des
+Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle
+Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten,
+Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei
+macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des
+psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von
+den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er
+ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In
+seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die
+inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern
+für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser
+Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den
+allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung
+wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in
+immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte
+des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und
+Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu
+glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
+des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen
+Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden
+Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit
+bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und
+der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.
+
+
+
+
+II.
+
+DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ DER GEFÜHLSREGUNGEN.
+
+
+_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns
+Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht
+mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig; ihr _sacer_ war
+dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das ~agos~ der Griechen, das
+_Kodausch_ der Hebräer muß das nämliche bedeutet haben, was die
+Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar),
+Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken.
+
+Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen
+auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits:
+unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heißt
+im Polynesischen noa -- gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit haftet
+am Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert sich auch
+wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung
+»heilige Scheu« würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.
+
+Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder die
+moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes
+zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den
+Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System,
+welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese
+Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder
+Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich,
+erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft
+stehen.
+
+_Wundt_(26) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex
+der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter ist als
+die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht.
+
+ (26) Völkerpsychologie, II. Bd., »Mythus und Religion«, 1906, II,
+ p. 308.
+
+Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um dieses der
+psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen
+Auszug aus dem Artikel »Taboo« der »Encyclopedia Britannica(27)« folgen,
+der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat.
+
+ (27) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten
+ Literaturnachweise.
+
+»Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen)
+Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschränkung, welche
+sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die Heiligkeit (oder
+Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das
+Gegenteil von tabu heißt in Polynesien '_noa_', was 'gewöhnlich' oder
+'gemein' bedeutet ...«
+
+»In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu
+unterscheiden: 1. Ein _natürliches_ oder direktes Tabu, welches das
+Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person
+oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch
+von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von
+einem Priester, Häuptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein
+Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide
+Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes
+durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle
+Beschränkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses
+Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen.«
+
+»Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a)
+den Schutz bedeutsamer Personen, wie Häuptlinge, Priester und
+Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; b) die Sicherung der
+Schwachen -- Frauen, Kinder und gewöhnlicher Menschen im allgemeinen --
+gegen das mächtige Mana (die magische Kraft) der Priester und
+Häuptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von
+Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die
+Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte, wie Geburt,
+Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher
+Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen(28); f) die
+Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren,
+die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhängigkeit von
+ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu
+sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen
+könnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des
+Eigentums einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen
+Diebe.«
+
+ (28) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche
+ in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden.
+
+»Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ursprünglich einer
+inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das verletzte
+Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen von Göttern und Dämonen
+hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der
+Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen
+Fällen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes,
+übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen
+Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die
+ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.«
+
+»Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden.
+Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, können
+durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.«
+
+»Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft angesehen,
+die an Personen und Geistern haftet und von ihnen aus durch unbelebte
+Gegenstände hindurch übertragen werden kann. Personen oder Dinge, die
+tabu sind, können mit elektrisch geladenen Gegenständen verglichen
+werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch
+Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn
+der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu
+widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur
+von der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt
+haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser Kraft bei
+dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und Priester Inhaber
+einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre Untertanen, in
+unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine
+andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana kann ungefährdet mit ihnen
+verkehren, und diese Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen
+ihre Annäherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch
+mitgeteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab,
+von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt,
+ist es wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlichen Menschen käme.«
+
+Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu
+Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu
+versuchen.
+
+»Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häuptlinge sind
+das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehört hat.
+Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände an, so an die
+Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach
+der Expedition, an die Tätigkeiten des Fischens und Jagens u. dgl. Ein
+allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen
+großen Bezirk verhängt werden und dann jahrelang anhalten.«
+
+Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen weiß, so
+getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten nach all diesen
+Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter
+vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen können.
+Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von
+mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die
+Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion.
+Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was
+man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und darf
+versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist.
+Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich diese
+primitiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen
+nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern
+sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt,
+daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen
+wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche
+Übertretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft
+hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier
+gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann
+in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genußfähigkeit, Bewegungs-
+und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fällen sinnreich, sollen
+offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fällen sind
+sie ihrem Inhalt nach ganz unverständlich, betreffen wertlose
+Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All
+diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, als
+ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine
+gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so
+geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die
+Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine
+oder das eine hat mehr davon als der andere, und die Gefahr richtet sich
+geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl,
+daß, wer es zu stande gebracht hat, ein solches Verbot zu übertreten,
+selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze
+gefährliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen
+Personen, die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene,
+an allen Ausnahmszuständen, wie die körperlichen der Menstruation, der
+Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit und Tod, und
+was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungsfähigkeit damit zusammenhängt.
+
+»Tabu« heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die Örtlichkeiten,
+Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, welche Träger oder Quelle
+dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heißt auch das Verbot,
+welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt endlich
+seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche
+erhaben wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt.
+
+In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt sich ein
+Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich nicht nahe
+gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß man sich diesem
+Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so tiefstehende
+Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dämonen einzugehen.
+
+Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel des Tabu
+wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich
+des Versuches einer Lösung wert ist, sondern auch noch aus anderen
+Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der Wilden Polynesiens doch
+nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, daß die
+Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen
+eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und daß
+die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres
+eigenen »kategorischen Imperativs« zu werfen vermöchte.
+
+Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn
+ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt,
+zumal da er verspricht, »zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen
+zurückzugehen(29)«.
+
+ (29) In der Völkerpsychologie, Band II, »Religion und Mythus«, II,
+ p. 300 u. ff.
+
+Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in
+denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen
+zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden
+Handlungen ausdrückt(30)«.
+
+ (30) l. c., p. 237.
+
+Ein andermal: »Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem
+allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder
+in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen
+Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder
+gewisse verpönte Worte zu gebrauchen ....,« so gebe es überhaupt kein
+Volk und keine Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen
+wäre.
+
+_Wundt_ führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, die Natur
+des Tabu an den primitiven Verhältnissen der australischen Wilden als in
+der höheren Kultur der polynesischen Völker zu studieren. Bei den
+Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie
+Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das
+wesentlich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern
+des _Totemismus_(31). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu
+seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von
+vornherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine
+ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest
+der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und unmittelbar nach
+der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem
+fortwährend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu
+für jeden anderen; so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum
+persönlichsten Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein
+Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß geheim
+gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, Pflanzen,
+Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen nur der
+Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher
+Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist.
+
+ (31) Vgl. darüber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buches.
+
+Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier
+und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß _Wundt_ selbst für nicht sehr
+tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung dieser Völker
+macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige und Priester ein
+besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang des Tabu
+ausgesetzt werden.
+
+Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den
+Interessen der privilegierten Stände; »sie entspringen da, wo die
+primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung
+nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_(32)«.
+»Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der
+in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dämonischen Macht,
+verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es
+wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons
+zu beseitigen.«
+
+ (32) l. c., p. 307.
+
+Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht,
+die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und
+des Herkommens und schließlich des Gesetzes. »Das Gebot aber, das
+unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden
+Tabuverboten steht, ist ursprünglich das _eine_: Hüte dich vor dem Zorn
+der Dämonen.«
+
+_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß des
+Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später habe sich
+das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine Macht geblieben,
+einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer
+Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer
+Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Sätze zum Widerspruch
+reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu
+leihen, wenn ich die Aufklärung _Wundts_ als eine Enttäuschung
+anspreche. Das heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen
+heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch
+die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden,
+die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders, wenn die
+Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie
+die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen; sie sind von etwas
+und aus etwas geschaffen worden.
+
+Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht
+ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primitiven Anfänge des Tabu
+besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht.
+Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie
+eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen
+konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind
+dämonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren Sinne
+unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende
+Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden darf, ist der
+Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das
+schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam
+bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden
+Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis
+darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche
+Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer
+Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich zu
+Gegensätzen entwickelt haben.
+
+Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämonische Macht, die
+in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder unerlaubte
+Verwendung durch Verzauberung des Täters rächt, ist eben noch ganz und
+ausschließlich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in
+die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe
+annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_.
+
+Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung
+der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen -- in das der
+Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fällt mit der
+Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die
+frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist,
+sondern in der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung sich
+paarenden Wertschätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein
+das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der
+höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in
+erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in
+solche des Abscheus sich umwandeln(33).
+
+ (33) l. c., p. 313.
+
+Die weiteren Ausführungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhältnis der
+Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer.
+
+
+2.
+
+Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung des unbewußten
+Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu
+herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm diese
+Phänomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche
+Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso streng befolgen
+wie die Wilden die ihrem Stamme oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen.
+Wenn er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als
+»_Zwangskranke_« zu bezeichnen, würde er den Namen »_Tabukrankheit_« für
+deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat
+er aber durch die psychoanalytische Untersuchung so viel erfahren, die
+klinische Ätiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanismus,
+daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur Aufklärung der
+entsprechenden völkerpsychologischen Erscheinung zu verwenden.
+
+Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden müssen. Die
+Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein äußerliche
+sein, für die Erscheinungsform der beiden gelten und sich nicht weiter
+auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nämlichen Formen in
+den verschiedensten biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am
+Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen
+Kristallen oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es wäre
+offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese Übereinstimmungen,
+die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen zurückgehen,
+Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Verwandtschaft
+beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die
+beabsichtigte Vergleichung dieser Möglichkeit wegen nicht zu
+unterlassen.
+
+Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsverbote (bei den
+Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß diese Verbote ebenso
+unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie sind irgend
+einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst
+gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine
+innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem
+unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken
+mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse
+Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches
+diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man diese
+kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden Sühne- und
+Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst.
+
+Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der
+Berührung, daher der Name: Berührungsangst, Délire de toucher. Das
+Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem
+Körper, sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in
+Berührung kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt,
+eine Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der
+unmittelbare leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim
+Tabu wieder.
+
+Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständlich,
+ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinnlos.
+Wir bezeichnen solche Gebote als »Zeremoniell« und finden, daß die
+Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen.
+
+Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie
+dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt
+auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner
+Kranken treffend sagt, »_unmöglich_«. Die Unmöglichkeit hat am Ende die
+ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als
+wären die »unmöglichen« Personen und Dinge Träger einer gefährlichen
+Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu
+übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit und der
+Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote
+hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch die
+Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf
+mit ihm in Berührung treten.
+
+Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) des
+Verbots zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus
+meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau.
+
+»Ein _Maori_häuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn
+sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem
+Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird,
+die Speise der Person, die von ihr ißt, und so müßte die Person sterben,
+die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im
+Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und
+gefährlichen Hauch(34).«
+
+ (34) _Frazer_, The golden bough, II, Taboo and the perils of the soul,
+ 1911, p. 136.
+
+Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom
+Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst den
+Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn sie hat gehört, daß
+dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen
+wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin,
+welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem
+Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute »unmöglich«,
+tabu, und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die
+Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will.
+
+Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschränkungen des
+Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann
+aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Handlungen, die nun auch
+geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und
+deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem
+Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das
+Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so
+ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches »Zeremoniell«
+gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die
+bevorzugte.
+
+Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Übereinstimmung der
+Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten
+äußert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung
+durch eine innere Nötigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der
+Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von
+zeremoniösen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen.
+
+Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Fälle von
+Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden.
+Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst wie folgt:
+Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke
+Berührungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt
+wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von außen_ ein Verbot
+entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen(35). Das Verbot wurde
+aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen(36);
+es erwies sich stärker als der Trieb, der sich in der Berührung äußern
+wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des Kindes
+gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
+Verbotes war nur, den Trieb -- die Berührungslust -- zu verdrängen und
+ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten;
+der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil
+mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung
+durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische
+Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und
+Trieb leitet sich nun alles weitere ab.
+
+ (35) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der
+ eigenen Genitalien.
+
+ (36) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot
+ gegeben wurde.
+
+Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert
+worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des
+Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,
+heißen könnte(37). Es will diese Handlung -- die Berührung -- immer
+wieder ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden
+Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir
+können nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht
+zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde
+Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde
+dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich
+so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen.
+
+ (37) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_.
+
+In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des
+Verbots in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben; für
+die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrängung
+auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die
+mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung
+des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche
+scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht
+finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke
+-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewußten
+Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer inneren
+Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit
+und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,
+der sich mit der unbewußten Lust zuträgt und unter den psychologischen
+Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust
+verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet,
+zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene -- Ersatzobjekte und
+Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt
+sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß
+der verdrängten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen
+Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte
+erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden
+Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen
+darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in der
+einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und
+dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche
+den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der
+neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den
+Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich verbotene
+Handlung herankommen.
+
+Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wäre es
+von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns
+dabei von vornherein klar, daß viele der für uns zu beobachtenden
+Tabuverbote sekundärer, verschobener und entstellter Art sind, und daß
+wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und
+bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten
+in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein
+dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine
+Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem
+Punkte gleichkäme, zu verhindern.
+
+Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der
+wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu
+fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unfähig sein, darüber
+etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen »unbewußt«. Wir
+konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach dem
+Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer
+Generation von primitiven Menschen dereinst von außen aufgedrängt, das
+heißt also doch wohl von der früheren Generation ihr gewalttätig
+eingeschärft. Diese Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine
+starke Neigung bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu
+Generation erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch
+elterliche und gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie
+sich in den späteren Generationen bereits »organisiert« als ein Stück
+ererbten psychischen Besitzes. Ob es solche »angeborene Ideen« gibt, ob
+sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der
+Tabu bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den in Rede, stehenden
+Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines
+hervor, daß die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch
+bei den Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten
+eine _ambivalente Einstellung_; sie möchten im Unbewußten nichts lieber
+als sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich
+gerade darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die
+Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewußt
+wie bei dem Neurotiker.
+
+Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze
+des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu töten und den sexuellen Verkehr
+mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden.
+
+Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Menschen sein.
+Wir können das nicht verstehen und können demnach unsere Voraussetzung
+nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Abkunft des
+totemistischen Systems so völlig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse
+der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird
+selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr
+Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die
+Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und
+dann für den Kern der Neurose erklären(38).
+
+ (38) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte
+ Studie über den Totemismus.
+
+Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den früher
+mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst für uns auf
+folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein
+verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht.
+
+Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu
+übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der
+anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das
+Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen
+Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an unpersönlichen
+Dingen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer
+die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die
+eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in
+_Versuchung_ zu führen, das Verbot zu übertreten.
+
+Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die
+gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Beispiel
+folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen
+verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insofern jedes Beispiel
+zur Nachahmung ansteckt, und darum muß er selbst gemieden werden.
+
+Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann doch
+permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand
+befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen
+anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten
+Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände sind von solcher Art und haben
+diese gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den Neid auf
+seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König sein. Der Tote, das
+Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre
+besondere Hilfslosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum
+durch den neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen
+und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben
+werden.
+
+Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener Personen
+sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben können. Das Tabu
+eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale
+Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein Minister kann etwa den
+unschädlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der
+Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan,
+der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit dem
+König bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht
+so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst
+erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König
+durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt ist.
+So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden Zauberkraft
+weniger zu fürchten als besonders große.
+
+Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote eine
+soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft
+gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll.
+Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewußten Regungen für die
+unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der Möglichkeit der
+Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung käme.
+Wenn die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne
+werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter.
+
+Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt wie beim
+Délire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu
+unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns
+nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bemächtigung,
+jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen.
+
+Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die
+Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen, übersetzt.
+Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich die Ansteckungsfähigkeit des
+Tabu vor allem in der Übertragung auf Gegenstände äußert, die dadurch
+selbst Träger des Tabu werden.
+
+Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose
+nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf
+assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so
+aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft des »Mana«
+zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an
+seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere,
+ihn zur Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten.
+Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir
+annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der
+Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der
+Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und
+Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn das Beispiel
+eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur
+gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot
+fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person
+auf einen Gegenstand und von diesem auf einen anderen überträgt.
+
+Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Sühne
+oder Buße, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit
+bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, daß die Befolgung der
+Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gern gewünscht
+hätte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an
+anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den
+Schluß ziehen, daß die Buße etwas Ursprünglicheres ist als die
+Reinigung.
+
+Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich uns aus der
+Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das
+Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt
+und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu
+übertreten, besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu
+gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu
+Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die
+Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich
+wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das
+verbotene Gelüste im Unbewußten auf Anderes verschiebt. Die Sühne der
+Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung des
+Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt.
+
+
+3.
+
+Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit
+der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene
+Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar
+nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu
+haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns
+sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir
+diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht
+haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, indem wir
+die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins Einzelne fortsetzen.
+
+Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können die
+Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir
+von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folgerungen,
+zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phänomenen des Tabu unmittelbar
+erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen.
+Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten
+Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht
+sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen
+Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die
+Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose
+zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische
+Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der
+Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten
+Anzeichen für ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder
+Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche wie dem
+Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den
+beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch
+an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter
+Tendenzen, aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach
+der Art von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck
+geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu und
+der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert.
+
+Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwähnt, für
+unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Totemismus unzugänglich; ein
+anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer Abkunft und für unsere
+Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden
+Völkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst
+von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das Tabu
+selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern auferlegt
+werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine
+große Gruppe von Vorschriften übrig, an denen unsere Untersuchung
+vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich
+a) an _Feinde_, b) an _Häuptlinge_, c) an _Tote_ knüpfen, und werde das
+zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. _Frazer_
+in seinem großen Werke: »The golden bough« entnehmen(39).
+
+ (39) Third edition, part II, Taboo and the perils of the soul, 1911.
+
+
+a) Die Behandlung der Feinde.
+
+Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern ungehemmte und
+reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit
+großem Interesse erfahren, daß auch bei ihnen die Tötung eines Menschen
+zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den
+Tabugebräuchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit
+Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des
+getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen
+des Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder
+wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein mögen, läßt
+sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht mit
+Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen
+Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf man annehmen, daß es sich um
+weitverbreitete Gebräuche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten
+handelt.
+
+Die _Versöhnungs_gebräuche auf der Insel _Timor_, nachdem eine
+siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der besiegten
+Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil überdies der
+Führer der Expedition von schweren Beschränkungen betroffen wird
+(s. u.). »Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer dargebracht
+um die Seelen der Feinde zu versöhnen; sonst müßte man Unheil für die
+Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang
+vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine
+Verzeihung erbeten wird: 'Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei
+uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt
+vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer
+gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und
+uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wären wir nicht
+besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht vergossen und dein
+Kopf nicht abgeschnitten worden(40).'«
+
+ (40) _Frazer_, l. c., p. 166.
+
+Ähnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den
+Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
+(Nach _Paulitschke_: Ethnographie Nordostafrikas.)
+
+Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren Feinden
+nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer zu machen. Es besteht in
+der zärtlichen Behandlung der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde
+Stämme _Borneos_ sich deren rühmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_
+von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate
+hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den
+zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die
+besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt,
+Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren
+Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er
+jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an
+dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil
+zuschriebe(41).
+
+ (41) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. -- Nach _Hugh
+ Low_, Sarawak, London 1848.
+
+Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer um den
+erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein
+_Choctaw_ einen Feind getötet hatte, so begann für ihn eine monatlange
+Trauer, während welcher er sich schweren Einschränkungen unterwarf.
+Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein
+Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann
+um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre(42).
+
+ (42) J. O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p. 181.
+
+Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen zur Behandlung
+der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende Einwendung
+Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Versöhnungsvorschriften, wird
+man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und
+hat nichts mit einer »Ambivalenz« zu tun. Diese Völker werden von
+abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht,
+einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der
+große britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und
+_Richards_ III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben
+leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, wie auch
+die später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; für diese
+Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten
+Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Bemühungen, die
+den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(43). Zum
+Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getöteten
+Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf
+sie zurück.
+
+ (43) _Frazer_, Taboo, p. 169 u. s. f., p. 174. Diese Zeremonien
+ bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brüllen und
+ Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instrumenten usw.
+
+Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso
+ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungsversuches
+gern ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr
+auseinanderzusetzen, und stellen ihr zunächst nur die Auffassung
+entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen über
+das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im
+Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen zum
+Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen der Reue, der
+Wertschätzung des Feindes, des bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht
+zu haben. Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot
+lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt
+werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines
+Gottes empfangen wird.
+
+Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurück. Die
+_Beschränkungen_ des siegreichen Mörders sind ungemein häufig und meist
+von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Versöhnungsgebräuche oben) darf
+der Führer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren.
+Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei
+Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt.
+In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst
+ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in den Mund schieben(44).
+-- Bei einigen _Dayak_stämmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug
+Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser
+Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen berühren und bleiben ihren
+Frauen fern. -- In _Logea_, einer Insel nahe _Neuguinea_, schließen sich
+Männer, die Feinde getötet oder daran teilgenommen haben, für eine Woche
+in ihren Häusern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und
+ihren Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und
+nähren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für sie
+gekocht wird. Als Grund für diese letzte Beschränkung wird angegeben,
+daß sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen dürfen; sie würden sonst
+erkranken und sterben. -- Bei dem _Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf
+_Neuguinea_ darf ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem Weib
+nicht nahe kommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird
+von anderen Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis
+zum nächsten Neumond.
+
+ (44) _Frazer_, Taboo, p. 166, nach S. _Müller_, Reizen en
+ Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857.
+
+Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Fälle von
+Beschränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und hebe
+nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders
+auffällig ist oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, Reinigung und
+Zeremoniell auftritt.
+
+Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im
+Kampfe getötet hat, »unrein«, wofür dasselbe Wort gebraucht wird, das
+auf Frauen während der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung
+findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Männer nicht
+verlassen, während sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln
+und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht
+einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so
+würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch
+Waschungen und anderes Zeremoniell.
+
+Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten
+Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser
+Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und
+kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung.
+Wenn ein _Choctaw_ einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann für
+ihn eine Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar nicht
+kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der
+Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.
+
+Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ getötet hatte, so mußte er sich
+schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. Während einer
+sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berühren,
+auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte
+allein im Walde, von einer alten Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung
+brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug -- als Zeichen der Trauer
+-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand dann
+die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und
+seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mörders viel
+ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht wie
+diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt
+ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder
+Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit
+erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in
+ihren Kämpfen gegen die _Apachen_.
+
+So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und
+Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer
+eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren Mitteilung
+doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte eröffnen können.
+Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige oder permanente
+Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit
+erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. Die Stellung des
+»Freimannes« in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat
+eine gute Vorstellung von dem »Tabu« der Wilden(45).
+
+ (45) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p. 165-190. »Manslayers
+ tabooed«.
+
+In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschränkungs-,
+Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien miteinander
+kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit
+ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des
+Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur
+Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig
+aufgefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär
+ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht
+anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer
+Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der
+Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten.
+
+
+b) Das Tabu der Herrscher.
+
+Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, Priester
+wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu ergänzen als zu
+widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten und man muß sie
+behüten(46). Beides geschieht vermittels einer Unzahl von
+Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten muß, ist uns
+bereits bekannt geworden: weil sie die Träger jener geheimnisvollen und
+gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung
+durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung
+Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare
+oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo
+solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die
+gefürchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z. B.,
+daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterkönigs betreten,
+daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke
+Schulter entblößen und den König veranlassen, diese mit seiner Hand zu
+berühren. So trifft das Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs
+das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der
+Berührung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die
+Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung im
+Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegensatz der
+Passivität und der Aktivität gegen den König.
+
+ (46) _Frazer_, Taboo, p. 132. »He must not only be guarded, he must
+ also be guarded against«.
+
+Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung handelt,
+brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Könige von
+England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, diese Kraft
+an der Skrofulose geübt, die darum den Namen: »The King's Evil« trug.
+Königin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer königlichen Prärogative
+ebensowenig wie irgend einer ihrer späteren Nachfolger. Charles I. soll
+im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter
+dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten nach der Überwindung der
+großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre
+höchste Blüte.
+
+Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend
+Skrofulöse berührt haben. Das Gedränge der Heilungsuchenden pflegte bei
+dieser Gelegenheit so groß zu sein, daß einmal sechs oder sieben von
+ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der
+skeptische Oranier Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts
+König von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als
+er sich zu einer solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit den Worten:
+»Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand(47).«
+
+ (47) _Frazer_, The magic art I, p. 368.
+
+Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob auch
+unabsichtlich, _gegen_ den König oder das, was zu ihm gehört, aktiv
+wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Häuptling von hohem
+Rang und großer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner
+Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger,
+kräftiger, hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich
+darüber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein
+entsetzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen
+sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger
+Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte
+er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen
+Sonnenuntergang des nächsten Tages(48). Eine _Maori_frau hatte gewisse
+Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem mit Tabu
+belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des Häuptlings, den
+sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah am Nachmittag und
+am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot(49). Das Feuerzeug eines
+Maori-Häuptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der
+Häuptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner,
+um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das
+Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(50).
+
+ (48) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_,
+ Taboo, p. 135.
+
+ (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei
+ _Frazer_ ibid.
+
+ (50) _Frazer_, l. c.
+
+Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, so
+gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen zu
+isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie für die
+anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dämmern, daß diese
+ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute noch als höfisches
+Zeremoniell existiert.
+
+Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt sich
+nicht auf das Bedürfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurückführen. Der
+andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das
+Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat
+an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen
+Etikette den deutlichsten Anteil gehabt.
+
+Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren zu
+schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das Wohl und
+Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den
+Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und
+Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern
+auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt, und für den festen
+Boden, auf den sie ihre Füße setzen(51).
+
+ (51) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p. 7.
+
+Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer Fähigkeit zu
+beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, und an welche auf
+späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Höflinge
+Glauben heucheln werden.
+
+Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher
+Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor den sie
+bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der einzige
+Widerspruch, der in der Behandlung königlicher Personen bei den Wilden
+zu Tage tritt. Diese Völker halten es auch für notwendig, ihre Könige zu
+überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne verwenden; sie sind
+ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher.
+Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften
+für den König bei. »Die Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despotismus
+ist,« sagt _Frazer_(52), »demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher
+existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und
+gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur für
+seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die
+Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten seines
+Volkes regelt. Sobald er darin nachläßt oder versagt, wandeln sich die
+Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er
+bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird
+schmählich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben
+rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als
+Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies
+veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder Widerspruch
+zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr
+König ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch als ihr Beschützer
+erweisen; und wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem anderen,
+der bereitwilliger ist, den Platz räumen. Solange er aber ihren
+Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und
+sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu
+behandeln. Ein solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System
+von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen
+und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu
+erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig
+und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, welche die
+Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall
+gleichzeitig zu Grunde richten könnten. Diese Vorschriften, weit
+entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner
+Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie
+angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual.«
+
+ (52) l. c., p. 7.
+
+Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung eines
+heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der
+Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt
+worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre alt
+ist(53), erzählt: »Der Mikado glaubt, daß es seiner Würde und Heiligkeit
+nicht angemessen sei, den Boden mit den Füßen zu berühren; wenn er also
+irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Männern hingetragen
+werden. Es geht aber noch viel weniger an, daß er seine heilige Person
+der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt,
+auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so
+hohe Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein Bart
+geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. Damit er aber
+nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schläft; sie
+sagen, was man in diesem Zustand von seinem Körper nimmt, kann nur als
+gestohlen aufgefaßt werden; und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde
+und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mußte er jeden
+Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem
+Throne sitzen, aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße,
+Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe und
+Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen
+oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß
+auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot,
+Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbrechen, um das Land zu
+verheeren.«
+
+ (53) _Kämpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l. c., p. 3.
+
+Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, mahnen
+lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In _Shark Point_ bei _Kap
+Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterkönig, _Kukulu_,
+allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht
+verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend
+schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind aufhören und die
+Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken
+zu halten und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der
+Atmosphäre zu sorgen(54). Je mächtiger ein König von _Loango_ ist, sagt
+_Bastian_, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist
+von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, während er
+heranwächst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt.
+
+ (54) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«,
+ Jena 1874, bei _Frazer_, l. c., p. 5.
+
+Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht,
+daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priesterwürde
+haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß Beschränkungen
+der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie
+konservierend aber auf alte Gebräuche der Zusammenhang mit diesen
+privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von
+Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, also von
+weit höheren Kulturstufen, genommen sind.
+
+Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte
+eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er
+durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring
+tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewändern
+haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund,
+rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar
+durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten,
+seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glückbringenden Baum
+vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten
+Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die
+_Flaminica_, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer
+gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, an
+gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; das Leder ihrer Schuhe durfte
+von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen Todes gestorben
+war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie
+Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht
+hatte(55).
+
+ (55) _Frazer_, l. c., p. 13.
+
+Die alten Könige von _Irland_ waren einer Reihe von höchst sonderbaren
+Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren
+Übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das vollständige
+Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen
+älteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418
+tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse
+Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser
+Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen
+Fluß nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf
+einer gewissen Ebene lagern u. dgl.(56).
+
+ (56) _Frazer_, l. c., p. 11.
+
+Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat bei vielen
+wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für
+unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Königswürde
+hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand,
+der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird
+es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft
+notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen.
+Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean,
+kam die Monarchie tatsächlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit
+finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu übernehmen. In
+manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Königs ein geheimes
+Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die
+Wahl fällt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus im Gewahrsam
+gehalten, bis er sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen.
+Gelegentlich findet der präsumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich
+der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling
+berichtet, daß er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem
+Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(57). Bei
+den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme
+der Königswürde so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren, Fremde
+zu ihren Königen zu machen.
+
+ (57) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der Loangoküste«, bei
+ _Frazer_, l. c., p. 18.
+
+_Frazer_ führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der
+Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen
+Priester-Königtums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die
+von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige wurden unfähig, die
+Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mußten diese geringeren, aber
+tatkräftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der
+Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen
+Herrscher, während die nun praktisch bedeutungslose geistliche
+Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit
+diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet.
+
+Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren
+Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, daß uns der
+Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen
+Verständnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr
+verwickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den
+Herrschern große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der
+anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie dürfen eben
+das tun oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist.
+Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere Tabu
+beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen nicht drücken.
+Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem
+Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für dieselben Personen.
+Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte zu und fürchtet sich
+deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum,
+während man anderseits von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung
+erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu
+sein; allein wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist.
+Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in
+wohlwollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die vom
+gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, wahrscheinlich,
+weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so
+leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich darin, daß man dem Herrscher
+eine so große Gewalt über die Vorgänge der Natur zuschreibt und sich
+doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm
+drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene Macht, die so
+vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des
+Verhältnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das
+Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen
+Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden
+wollen; man mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, ihn zu
+überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Königs, seinem
+Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er
+ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des
+Königs unterworfen wird.
+
+Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und
+widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu
+geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung
+der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne
+Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen
+dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so
+wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um
+Verhältnisse der Religion oder der »Loyalität« handelt.
+
+Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird gestatten,
+tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres über die Natur
+dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den geschilderten
+Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er sich im
+Symptombild einer Neurose fände, so werden wir zunächst an das Übermaß
+von ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des
+Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen
+Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die
+wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre
+Herkunft ist uns sehr wohl verständlich worden. Sie tritt überall dort
+auf, wo außer der vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber
+unbewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall
+der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die
+Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der
+Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft wird,
+weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung in der
+Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat
+es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängstliche Überzärtlichkeit
+unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und
+Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die
+Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die
+Einsicht, daß der Verehrung, ja Vergötterung derselben im Unbewußten
+eine intensive feindselige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie
+wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung
+verwirklicht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der
+Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung
+derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären -- infolge der
+Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Konflikts bei
+verschiedenen Völkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der
+Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die
+wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hören wir bei _Frazer_(58), haben
+sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten König am Abend vor seiner
+Krönung durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen
+Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, daß der unglückliche Herrscher
+gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt,
+daher haben es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie
+einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König zu
+wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit
+sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden.
+
+ (58) l. c., p. 18, nach _Zweifel_ et _Monstier_, Voyage aux sources du
+ Niger, 1880.
+
+Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft
+die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein
+verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zu Tage tritt. Es
+wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person außerordentlich erhöht,
+ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto
+eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kranken
+widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit
+ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und
+Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder
+töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine
+reife Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im
+Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes zu
+seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der
+Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß das
+Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft ist.
+Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem
+»Verfolger« ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, bringt sie
+unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner
+Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie
+zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie
+vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen
+Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag.
+
+Den stärksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche die
+Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber
+im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung des
+Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses Zeremoniell trägt seinen
+Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar
+zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es
+hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet
+nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen
+Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur
+unerträglichen Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger
+ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige
+Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte
+Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen
+Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz
+gegen die verbotene Handlung; wir möchten aber sagen, sie ist
+_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das »angeblich« wendet
+sich hier der bewußten, das »eigentlich« der unbewußten Instanz des
+Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Könige angeblich
+die höchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für
+ihre Erhöhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die
+Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf
+seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen
+Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr
+wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir
+Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten.
+
+Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so mächtigen
+unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr
+interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Problem.
+Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
+fügen wir hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des Königtums uns
+die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach _Frazers_
+eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden
+Erörterungen waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft
+zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit
+bestimmt waren(59). Noch die Mythen des Christentums wären von der
+Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt.
+
+ (59) _Frazer_, »The magic art and the evolution of kings«. 2 vol.
+ 1911. (The golden bough.)
+
+
+c) Das Tabu der Toten.
+
+Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind; wir werden vielleicht
+erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet werden.
+
+Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit
+der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven Völkern eine
+besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst in den Folgen, welche die
+Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den
+Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berührt
+oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und
+nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen
+boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe
+kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte
+nicht einmal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm durch
+ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen
+auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich dessen mit den
+Lippen und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während er
+seine Hände nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt,
+daß eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm
+tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese
+Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel
+weniger drückend waren als die eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein
+ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das in
+der armseligsten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es
+allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte
+Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit
+der Abschließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte
+sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen
+er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles
+Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war.
+
+Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten sind in ganz
+Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nämlichen; ihr
+konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die
+sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es
+ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(60)
+Priesterkönige während der Ausübung heiliger Handlungen derselben
+Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die
+Abstufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene
+Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Häuptlings
+berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein
+Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je nach dem Rang
+des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergötterten
+Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten Häuptlinge durch zehn
+Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, daß, wer solche
+Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben muß, so fest,
+daß sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch
+gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen(61).
+
+ (60) _Frazer_, Taboo, p. 138 usw.
+
+ (61) W. _Mariner_, »The natives of the Tonga Islands«, 1818, bei
+ _Frazer_, l. c., p. 140.
+
+Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter sind
+die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Berührung mit den Toten in
+übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehörigen, der
+Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur
+den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des
+Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch,
+und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für die
+tiefliegenden, echten halten dürfen.
+
+Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ müssen Witwen und Witwer
+während ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen weder ihren
+eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen berühren; alles
+Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen.
+Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen,
+nähern wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der Schatten eines
+Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. Die Trauernden
+schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese
+letztere Maßregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen
+fernzuhalten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen
+nordamerikanischen Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang
+nach dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem
+Gras zu tragen, um sich unzugänglich für die Annäherung des Geistes zu
+machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, daß die Berührung »im
+übertragenen Sinne« doch nur als ein körperlicher Kontakt verstanden
+wird, da der Geist des Verstorbenen nicht von seinen Angehörigen weicht,
+nicht abläßt, sie während der Zeit der Trauer zu »umschweben«.
+
+Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen,
+darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht Tage nach dem
+Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie
+Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gerät in Gefahr
+augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer
+Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab gegen
+die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. Worin die Gefährlichkeit
+einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung
+erläutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neuguinea_ wird ein Witwer
+aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein
+Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffentlich
+zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht wie ein
+wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und muß sich im
+Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib,
+herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns leicht, die
+Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der
+_Versuchung_ zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll
+dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben
+Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit
+anderer Männer erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den
+Sinn der Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen(62).
+
+ (62) Dieselbe Kranke, deren »Unmöglichkeiten« ich oben (S. 38) mit den
+ Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung
+ gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße
+ begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein!
+
+Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche der
+Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen
+auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige
+Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt.
+
+Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebräuche
+in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei
+so entfernten und einander so fremden Völkern wie die _Samojeden_ in
+Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und
+die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und
+_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die
+Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(63).
+Bei einigen dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich
+ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es
+permanent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom
+Zeitpunkte des Todesfalles abzublassen.
+
+ (63) _Frazer_, l. c., p. 353.
+
+Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel
+außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen
+südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der
+Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen
+auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die
+für eine Mordtat selbst festgesetzte(64). Warum die Nennung des Namens
+so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber
+die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von
+Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen
+interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf
+die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach
+seinem Tode zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen
+erwähnt werden, während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es
+scheint dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht
+kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der
+_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent,
+daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen einen anderen
+vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich geheißen haben wie der
+Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die
+Namensänderung nach einem Todesfall bei allen Angehörigen des
+Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen,
+so bei einigen Stämmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei
+den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Häuptling bei so traurigem
+Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan
+erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten(65).
+
+ (64) _Frazer_, l. c., p. 352 usw.
+
+ (65) _Frazer_, l. c., p. 357, nach einem alten spanischen Beobachter,
+ 1732.
+
+Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines
+Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den
+angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu
+benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen
+erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung
+des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug
+bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den
+sieben Jahren, die der Missionär _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in
+Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, und
+die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ähnliche
+Schicksale(66). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem
+Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin
+aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine
+Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses
+ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen
+Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die
+größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser
+primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche
+eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von
+Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die
+Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.
+
+ (66) _Frazer_, l. c., p. 360.
+
+Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran gemahnt
+werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein
+wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Worte volle
+Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten
+ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme
+einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent
+schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so
+müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet
+sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten
+seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen
+der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein
+Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es
+stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß
+findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit
+hinzuweisen(67). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu
+erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die
+volle »Komplexempfindlichkeit« gegen das Aussprechen und Anhören
+bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere Neurotiker), und
+leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft
+schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die
+Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er
+könnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes
+von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch
+die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte,
+hatte sie sich das Gebot geschaffen, »nichts von ihrer Person
+herzugeben«. Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die
+Handschrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf.
+
+ (67) _Stekel_, _Abraham_.
+
+So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der Name des
+Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den
+Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten
+läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem
+umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem
+Tabu betroffen ist.
+
+Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hinweisen,
+welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an ihm bemerkt
+werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den Toten einen Platz
+einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht.
+Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten
+der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die
+Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist.
+Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschäftigen,
+sein Andenken auszuarbeiten und für möglichst lange Zeit zu erhalten.
+Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die
+Trauer verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten als
+diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch
+unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuche nicht, so würden wir es
+aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.
+
+Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart
+und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _fürchten_; sie üben
+eine Menge von Zeremonien, um ihn fernzuhalten, ihn zu vertreiben(68).
+Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine
+Gegenwart auf dem Fuße folgen wird(69). Sie tun darum folgerichtig
+alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen.
+Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(70), oder sie
+entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den
+rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf
+seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung
+auszuweichen, daß sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht »vor seiner
+zum Dämon gewordenen Seele« leiden(71).
+
+ (68) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_,
+ l. c., p. 353, die _Tuaregs_ der _Sahara_ angeführt.
+
+ (69) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: solange noch etwas
+ von seinen körperlichen Überresten existiert. _Frazer_, l. c., p. 372.
+
+ (70) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l. c., p. 382.
+
+ (71) _Wundt_, Religion und Mythus, II. Bd., p. 49.
+
+Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung
+_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in
+der Angst vor den Dämonen findet.
+
+Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familienmitglied mit dem
+Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur
+Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich
+mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr
+zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden
+Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben.
+_Westermarck_, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der
+Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung
+schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt:
+»Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die
+Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(72) und daß
+_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe
+früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel
+nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und
+Clangenossen väterlich besorgt seien.«
+
+ (72) _Westermarck_, l. c., II. Bd., p. 424. In der Anmerkung und in
+ der Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft
+ sehr charakteristischen Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, »daß
+ die nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen
+ ändern und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden«.
+ -- Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit
+ bösartig; je enger die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die
+ Zentraleskimo werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten
+ erst spät zur Ruhe gelangen, anfänglich aber zu fürchten seien als
+ unheilbrütende Geister, die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit,
+ Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (_Boas._)
+
+R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten
+Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des
+Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(73). Es
+gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die
+Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches
+der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein
+Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nachstellung der
+Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn
+gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie
+auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits
+sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit
+der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht
+zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse
+Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen wie die
+Bräute. Aber ursprünglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten Vampyre,
+alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des
+Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines
+bösen Geistes geliefert.
+
+ (73) R. _Kleinpaul_, Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben,
+ Religion und Sage, 1898.
+
+Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu
+Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die
+Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine solche Sinnesänderung
+zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt,
+diese Frage leicht zu beantworten(74). »Da der Tod zumeist für das
+schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt
+man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden
+seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei
+es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht
+man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie
+die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen
+-- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu
+töten, um mit ihnen vereinigt zu werden ...
+
+... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen
+zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht
+ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.«
+
+ (74) l. c., p. 426.
+
+Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine
+umfassendere Erklärung hin, welche die _Westermarck_sche miteinschließt.
+
+Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod
+verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von
+peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob
+sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod
+der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie
+sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der
+behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa
+den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit
+langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat
+uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben
+erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur
+darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die
+Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung
+wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war
+doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit
+dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er
+im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch
+reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im
+Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun
+in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine
+bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz
+menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem
+Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise
+ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus
+entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich
+gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am
+wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur
+Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich
+herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher
+ursprünglicher Gefühlsambivalenz ausgezeichnet.
+
+Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der
+frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die
+Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn
+wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß
+von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der
+Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich,
+daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im
+Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die
+Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über
+den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven
+ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der
+Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im
+normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine
+_Projektion_. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige
+Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des
+Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer
+zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser
+Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion
+darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich
+Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen
+den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu
+auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch
+das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz
+und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei dieser
+Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß gerade
+die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu
+fürchten haben.
+
+Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die
+neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als
+Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie
+sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den
+Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der
+Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote
+ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm
+reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden.
+
+_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden
+keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten
+lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der
+eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn
+getötet. (Vgl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und
+Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume
+vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) interessiert,
+der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle
+Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche
+Gefühlsambivalenz, feststellen können.
+
+Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das
+Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir
+soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die
+Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt.
+Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn
+aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas
+Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind
+gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen
+der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die
+Toten hegen.
+
+Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und
+feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit
+des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als
+Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt
+kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz
+oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des
+Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten
+voneinander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie
+man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der
+Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen
+Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_ zu bezeichnen
+gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch weiter
+nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Außenwelt
+geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der anderen
+zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt darüber, daß
+wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, aber er ist
+jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser Unglück
+Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die
+Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen; sie
+sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine
+Bedrängnis von außen eingetauscht.
+
+Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die
+Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen
+Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen
+wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht,
+Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten
+Beziehungen unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach
+zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung
+der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen
+enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der
+Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit
+aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der
+ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man
+ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit
+als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht
+entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten
+Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem
+Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung
+verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten
+Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus
+der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits
+unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es
+nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung
+ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf
+dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die
+Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem
+zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so
+daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit
+versinken darf.
+
+
+4.
+
+Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der
+Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen
+anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll
+werden können.
+
+Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die
+Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen,
+denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens
+zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion
+der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche
+Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur
+Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen,
+sie kommt auch zu stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion
+innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem
+z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der
+Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter
+noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere
+Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die
+Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der
+Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es
+hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der
+Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der
+Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den
+endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und
+Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten
+Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der
+Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich
+wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch
+Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt
+entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in
+Psychologie zurückübersetzen müssen.
+
+Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein
+Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven
+geworden ist, und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als
+das »animistische« kennen lernen werden. Wir werden dann die
+psychologischen Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen
+haben und unsere Anhaltspunkte wiederum in der Analyse jener
+Systembildungen finden, welche uns die Neurosen entgegenbringen. Wir
+wollen vorläufig nur verraten, daß die sogenannte »sekundäre
+Bearbeitung« des Trauminhalts das Vorbild für alle diese Systembildungen
+ist. Vergessen wir auch nicht daran, daß es vom Stadium der
+Systembildung an zweierlei Ableitungen für jeden vom Bewußtsein
+beurteilten Akt gibt, die systematische und die reale, aber
+unbewußte(75).
+
+ (75) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die
+ Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden
+ entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich
+ herausstellt.
+
+_Wundt_(76) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten
+den Dämonen zuschreibt, zunächst die _unheilvollen_ überwiegen, so daß
+im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die
+guten«. Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons
+überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde.
+Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren
+Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der
+nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen
+hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die
+Ahnenverehrung anderseits(77). Daß die Dämonen stets als die Geister
+_kürzlich_ Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den
+Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die Trauer
+hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die
+Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist
+diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und
+der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister
+aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der
+freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur
+Hilfeleistung angerufen zu werden.
+
+ (76) »Mythus und Religion«, II, S. 129.
+
+ (77) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an
+ Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es
+ oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven. Vgl.
+ hiezu auch die »Sexualgespenster« betitelte Mitteilung von P.
+ _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um eine
+ andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben war.
+
+Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel
+der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz
+außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die
+unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten
+niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür
+bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die schmerzhafte
+Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine
+Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur
+die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren
+durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte
+ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem
+Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle
+Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren
+Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man
+könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, _es sei den
+Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz
+zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist.
+Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das
+Kompromißsymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche
+genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu
+reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution
+als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im
+Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen
+Aufwand zwingt.
+
+Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden
+Auskunft, welche uns _Wundt_ über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu:
+heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu
+heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische
+bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den
+beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch
+beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten
+des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung
+obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei.
+
+Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß
+dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt,
+daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles
+dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist
+selbst ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus
+dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich
+als Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das
+Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist.
+Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele
+solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem -- wenn
+auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent
+waren(78). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes
+haben später dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen
+einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.
+
+ (78) Vgl. mein Referat über _Abels_ »Gegensinn der Urworte« im
+ Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. II,
+ 1910.
+
+Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden
+Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst,
+respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden.
+Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können,
+daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare
+historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten
+menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen
+war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt
+wurde.
+
+Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht
+auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der
+Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach
+Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die
+älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt.
+
+Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem,
+was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine
+Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins.
+
+Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns
+bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, daß diese
+Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer
+selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der
+Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir
+bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier
+überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der
+Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich
+verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der
+Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung
+läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso
+selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(79).
+
+ (79) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des
+ Tabu in nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich
+ geschah (s. Beispiel oben), und daß noch im griechischen Mythus die
+ Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben wird dadurch, daß sie ohne,
+ ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde.
+
+Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer
+Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen
+diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die
+Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des
+Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwanghaft herrschende andere
+verdrängt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir
+aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der
+Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt
+als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und
+daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von
+Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den
+Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des
+Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine
+Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe gelingt nun
+beim einzelnen neurotischen Individuum; für die Völker getrauen wir uns
+eine ähnliche Lösung zu erschließen.
+
+Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von der
+Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als »Gewissensangst«
+beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; wir
+haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der
+Verdrängung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu
+wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und
+unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten
+entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins.
+
+Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine Überlegung
+denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und bedürfe keines
+weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, daß ihm eine
+positive, begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun
+begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls muß
+das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines
+Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven
+an, so müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen,
+ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu
+mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den entschiedensten
+Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen Satz an den Fällen
+messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am deutlichsten
+zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit einer nicht zu übertreffenden
+Sicherheit behaupten, daß wir nicht die geringste Versuchung verspüren,
+eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht
+morden, und daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes
+verspüren als Abscheu.
+
+Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie
+beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig -- das Tabu
+sowohl wie unser Moralverbot --, anderseits bleibt die Tatsache des
+Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und
+Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verständnisses
+hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, solange wir nicht
+psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.
+
+Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Träumen Gesunder --
+gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, den anderen zu
+töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie
+psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht
+kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker
+die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls zu
+morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz:
+Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer
+Schätzung zurückkehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu
+morden, tatsächlich im Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie
+das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch
+die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und
+gerechtfertigt wird.
+
+Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses
+Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine
+unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und
+Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind
+nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten
+Seelenleben bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte
+Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter
+Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung
+finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich
+auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den
+Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt.
+Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit
+unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in
+spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine
+Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen,
+aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie
+für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können.
+
+Zum Schlusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Untersuchungen
+vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch an der
+Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen
+wir doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschiedenheit
+zwischen beiden bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der
+grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß das Verbot
+nicht mehr in der Form des Tabu erscheint.
+
+Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphänomene
+von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten
+lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale
+Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin
+der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie
+das Tabu zu suchen ist.
+
+Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen.
+Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe
+befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe
+droht nun dem, der sich die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen.
+Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm
+Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich,
+sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber
+durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm
+geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also
+hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die
+Tabuübertretung sich im Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann
+erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel
+alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung
+selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser
+Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor
+der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu
+ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stande gebracht hat, das verdrängte
+Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das
+gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, muß der
+eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und
+die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der
+Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen.
+Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und
+sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen
+beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung.
+
+Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir
+seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der
+Neurose erklären, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person
+fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist.
+Ursprünglich, das heißt zu Anfang der Erkrankung, galt die
+Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person; man fürchtete in
+jedem Falle für sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf
+eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen
+kompliziert, aber wir übersehen ihn vollständig. Zu Grunde der
+Verbotbildung liegt regelmäßig eine böse Regung -- ein Todeswunsch --
+gegen eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das
+Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige
+gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung
+dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht
+weiter, und der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen
+ist dann durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also
+so zärtlich altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr
+zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus.
+Heißen wir die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen
+bestimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_,
+so können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen später
+durch Überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose herausheben.
+
+Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung
+zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an
+einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum
+Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte
+Ähnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de
+toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot
+sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt,
+daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben
+werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung
+offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere
+des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltendmachens der eigenen Person.
+Wenn es verboten ist, den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung
+war, selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung
+angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhnischen Überwachung
+des Häuptlings, ja in seiner körperlichen Mißhandlung vor der Krönung
+(s. o.) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das Überwiegen der sexuellen
+Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische
+Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von
+egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten
+entstanden.
+
+An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose läßt
+sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen Formen von
+Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der
+Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung wichtig
+wird.
+
+Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende
+Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der
+Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen
+derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein
+Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer
+Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen
+Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück,
+daß die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten
+Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit
+entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß in ihnen
+die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß ausüben,
+während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen,
+solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile
+hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stande, die
+Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu
+einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des
+Individuums.
+
+Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren
+ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in
+eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser, vom Neurotiker
+gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die
+von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der
+Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen
+Gemeinschaft.
+
+
+
+
+III.
+
+ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.
+
+
+1.
+
+Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der
+Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, daß
+sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschränken sich
+darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne
+Vorschläge, die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser
+Mangel wird sich aufs äußerste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher
+das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln
+will(80).
+
+ (80) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den
+ Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle
+ stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert _Spencer_, J. G.
+ _Frazer_, A. _Lang_, E. B. _Tylor_ und W. _Wundt_, aus denen alle
+ Behauptungen über Animismus und Magie entnommen sind. Die
+ Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm
+ getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben.
+
+Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelenvorstellungen,
+im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch
+Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden
+Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name
+Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet,
+scheint seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. _Tylor_ erhalten zu
+haben(81).
+
+ (81) E. B. _Tylor_, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903.
+ -- W. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906.
+
+Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat ist die Einsicht in
+die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten
+primitiven Völker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden.
+Diese bevölkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen
+wohlwollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und
+Dämonen die Verursachung der Naturvorgänge zu und halten nicht nur die
+Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch
+sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser
+primitiven »Naturphilosophie« erscheint uns weit weniger auffällig, weil
+wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir doch
+die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die Naturvorgänge
+heute durch die Annahme unpersönlicher physikalischer Kräfte erklären.
+Die Primitiven glauben nämlich an eine ähnliche »Beseelung« auch der
+menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen,
+welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern
+können; diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis
+zu einem gewissen Grad von den »Leibern« unabhängig. Ursprünglich wurden
+die Seelen als sehr ähnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe
+einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu
+einem hohen Grad von »Vergeistigung« abgestreift(82).
+
+ (82) _Wundt_, l. c., IV. Kapitel »Die Seelenvorstellungen«.
+
+Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese
+Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems
+sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entsprechen, und
+daß auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den
+Menschenseelen gebildet wurden.
+
+Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen
+Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht?
+Man meint, durch die Beobachtung der Phänomene des Schlafes (mit dem
+Traum) und des ihm so ähnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich
+diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem
+müßte das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden
+sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens -- die
+Unsterblichkeit -- das Selbstverständliche. Die Vorstellung des Todes
+ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch
+inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den andere Beobachtungen
+und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt
+haben mögen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl.,
+haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß gelangte Diskussionen
+stattgefunden(83).
+
+ (83) Vgl. außer bei _Wundt_ und H. _Spencer_ die orientierenden
+ Artikel der Encyclopedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.).
+
+Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phänomene mit der
+Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte
+der Außenwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus
+natürlich und weiter nicht rätselhaft beurteilt. _Wundt_ äußert
+angesichts der Tatsache, daß sich die nämlichen animistischen
+Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern und zu allen Zeiten
+übereinstimmend gezeigt haben, dieselben »seien das notwendige
+psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der
+primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des _menschlichen
+Naturzustandes_ gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung
+erreichbar ist(84)«. Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat
+bereits _Hume_ in seiner »Natural History of Religion« gegeben, indem er
+schrieb: »There is an universal tendency among mankind to conceive all
+beings like themselves and to transfer to every object those qualities
+with which they are familiarly acquainted and of which they are
+intimately conscious(85).«
+
+ (84) l. c., p. 154.
+
+ (85) Bei _Tylor_, Primitive Culture, I. Bd., p. 477.
+
+Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines
+einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen
+einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit
+hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei
+große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die
+animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche.
+Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die
+folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos
+erklärt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine
+psychologische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen,
+wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder
+entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage
+unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.
+
+Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, wenn
+gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die
+Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die Religionen aufbauen.
+Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf animistischen
+Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und
+Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklärt.
+
+
+2.
+
+Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. -- Man
+darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner spekulativer
+Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben.
+Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muß seinen
+Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu
+erfahren, daß mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand
+geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere
+und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung,
+welche unter dem Namen »_Zauberei_ und _Magie_« bekannt ist, will S.
+_Reinach_(86) die Strategie des Animismus heißen; ich würde es
+vorziehen, sie mit _Hubert_ und _Mauß_ der Technik zu vergleichen(87).
+
+ (86) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909.
+
+ (87) Année sociologique, VII. Bd., 1904.
+
+Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist
+möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über die
+Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei
+im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie
+behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man
+sie beschwichtigt, versöhnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert,
+ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben
+Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist
+aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie
+bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen
+Methodik. Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere
+und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den
+Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch
+magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fällen, wo die
+Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist.
+
+ (88) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist
+ dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man
+ sich seines Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht.
+
+Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorgänge
+dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und
+Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schädigen.
+Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht --
+oder vielmehr das Prinzip der Magie -- ist so augenfällig, daß es von
+allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man
+von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. _Tylors_
+ausdrücken: »mistaking an ideal connexion for a real one«. An zwei
+Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erläutern.
+
+Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden,
+besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu
+machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch
+irgend ein Objekt zu seinem Bild »ernennen«. Was man dann diesem
+Ebenbild antut, das stößt auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher
+Körperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das
+letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst
+privater Feindseligkeit auch in den der Frömmigkeit stellen und so
+Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach
+_Frazer_(89): »Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten Ägypten) zu
+seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren
+Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestehen, die ihn unter der
+Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen die ganze
+Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark genug, noch des
+Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft
+schwächten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in
+seinem Tempel zu Theben täglich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde
+aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines
+scheußlichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name
+des Dämons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehäuse
+gehüllt, auf dem eine ähnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann
+diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit
+einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er
+mit seinem linken Fuß auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von
+gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise
+beseitigt worden war, geschah mit allen Dämonen seines Gefolges das
+nämliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden
+mußten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern
+auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger
+Regenguß niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel
+verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren
+Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten hätten; sie
+flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).«
+
+ (89) The magic art. II, p. 67.
+
+ (90) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu
+ machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden
+ Kunst, sondern sollte der von der hebräischen Religion verpönten Magie
+ ein Werkzeug entziehen. _Frazer_, l. c., p. 87, Note.
+
+Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer Handlungen
+will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven Völkern
+jederzeit eine große Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und
+Kultus höherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, nämlich die
+Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen
+auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn
+erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man
+»regnen spielen« wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen Regen in der
+Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen Sieben ausgießt, während
+ein anderer eine große Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob
+sie ein Schiff wäre, und sie so um Dorf und Gärten herumzieht. Die
+Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise,
+indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs
+zeigte. So pflegen -- ein Beispiel anstatt unendlich vieler -- in
+manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und
+Bäuerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel,
+das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen
+fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbeziehungen, daß sie
+Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden(92).
+
+ (91) The magic art., II, p. 98.
+
+ (92) Davon ein Nachklang im König Ödipus des Sophokles.
+
+Auch gewisse negative Vorschriften -- magische Vorsichten also -- sind
+dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines
+_Dayak_dorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die
+Zurückgebliebenen unterdes weder Öl noch Wasser mit ihren Händen
+berühren, sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen und die Beute
+aus ihren Händen schlüpfen lassen(93). Oder, wenn ein _Gilyak_jäger im
+Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten,
+Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald
+könnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so
+daß der Jäger den Weg nach Hause nicht findet(94).
+
+ (93) The magic art., I, p. 120.
+
+ (94) l. c., p. 122.
+
+Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer
+Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als
+selbstverständlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verständnis
+dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.
+
+Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das
+Wirksame betrachtet wird. Es ist die _Ähnlichkeit_ zwischen der
+vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. _Frazer_ nennt darum
+diese Art der Magie _imitative_ oder _homöopathische_. Wenn ich will,
+daß es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht
+oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung
+wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgänge zu einem
+Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen
+anflehen. Endlich wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und
+dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen
+erzeugt werden kann.
+
+In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der
+Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, welches sich aus
+den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.
+
+Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens
+bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, Abfallstoffe oder
+selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas
+Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als hätte man sich der Person
+selbst bemächtigt, und was man den von der Person herrührenden Dingen
+angetan hat, muß ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen
+Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört nach der Anschauung der
+Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines
+Geistes weiß, hat man eine gewisse Macht über den Träger des Namens
+erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschränkungen im
+Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden
+sind(95). Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt
+durch _Zusammengehörigkeit_.
+
+ (95) Vgl. S. 74 u. ff.
+
+Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in
+ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt
+des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften
+an, welche dieser Person angehört haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten
+und Beschränkungen der Diät unter besonderen Umständen. Eine Frau wird
+in der Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genießen,
+weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das
+von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die magische
+Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits
+aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger,
+bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein
+magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe
+verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverändert durch
+Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens
+bemächtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfältig
+an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde
+niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so
+wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit die
+Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. _Plinius_ rät in seiner
+Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben,
+solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat;
+der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. _Francis Bacon_
+erwähnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, daß
+das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde
+selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept
+handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das
+Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht in
+Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale
+englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda Henry in
+_Norwich_ zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde
+untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hieß sie
+ihre Tochter, den Nagel gut einölen, in der Erwartung, daß ihr dann
+nichts geschehen könne. Sie selbst starb einige Tage später an
+Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis.
+
+ (96) _Frazer_, The magic art. I, p. 201-203.
+
+Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was _Frazer_ als
+_kontagiöse_ Magie von der _imitativen_ sondert. Was in ihnen als
+wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern der
+Zusammenhang im Raum, die _Kontiguität_, wenigstens die vorgestellte
+Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber Ähnlichkeit
+und Kontiguität die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgänge
+sind, stellt sich als Erklärung für all die Tollheit der
+magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation
+heraus. Man sieht, wie zutreffend sich _Tylors_ oben zitierte
+Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion
+for a real one, oder wie es fast gleichlautend _Frazer_ ausgedrückt hat:
+men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence
+imagined that the control which they have, or seem to have, over their
+thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over
+things(97).
+
+ (97) The magic art., I, p. 420 ff.
+
+Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuchtende
+Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen
+werden konnte(98). Bei näherer Überlegung muß man aber dem Einwand Recht
+geben, daß die Assoziationstheorie der Magie bloß die Wege aufklärt,
+welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nämlich
+nicht das Mißverständnis, welches sie psychologische Gesetze an die
+Stelle natürlicher setzen heißt. Es bedarf hier offenbar eines
+dynamischen Moments, aber während die Suche nach einem solchen die
+Kritiker der _Frazer_schen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine
+befriedigende Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die
+Assoziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will.
+
+ (98) Vgl. den Artikel _Magic_ (N. W. T.) in der 11. Auflage der
+ Encyclopedia Britannica.
+
+Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren Fall der
+imitativen Magie. Nach _Frazer_ kann diese allein geübt werden, während
+die kontagiöse Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die
+Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind leicht zu erkennen,
+es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloß anzunehmen, daß
+der primitive Mensch ein großartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche
+hat. Im Grund muß all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur
+darum geschehen, weil er es will. So ist anfänglich bloß sein Wunsch das
+Betonte.
+
+ (99) l. c., p. 54.
+
+Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen
+befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, haben wir an
+anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine Wünsche zunächst
+wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende
+Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane
+herstellen läßt(100). Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein
+anderer Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille,
+und dieser -- der später im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz
+der Erde verändern wird -- wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung
+darzustellen, so daß man sie gleichsam durch motorische Halluzination
+erleben kann. Eine solche _Darstellung_ des befriedigten Wunsches ist
+dem _Spiele_ der Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein
+sensorische Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative
+Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein
+Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge
+Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verständliche Folge
+der überwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhängigen Willens
+und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der
+psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren
+Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an
+diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen Akte
+evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts anderes als die
+magische Handlung, die kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten
+dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt
+es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen,
+wohl aber auf späteren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt
+werden, aber das psychische Phänomen des Zweifels als Ausdruck einer
+Verdrängungsneigung bereits möglich ist. Dann werden die Menschen
+zugeben, daß die Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht
+der Glaube an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets
+versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt(101).
+
+ (100) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen
+ Geschehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2.
+
+ (101) Der König in »_Hamlet_« (III, 4.): »My words fly up, my thoughts
+ remain below; Words without thoughts never to heaven go.«
+
+Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden
+kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische
+Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte,
+die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt
+eine allgemeine Überschätzung der seelischen Vorgänge, das heißt eine
+Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die
+Beziehung von Realität und Denken als solche Überschätzung des letzteren
+erscheinen muß. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was
+mit den letzteren vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren
+ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen,
+werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine
+Entfernungen kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich
+Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammenbringt,
+wird auch die magische Welt sich telepathisch über die räumliche Distanz
+hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenwärtigen behandeln.
+Das Spiegelbild der Innenwelt muß im animistischen Zeitalter jenes
+andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.
+
+Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der Assoziation --
+Ähnlichkeit und Kontiguität -- in der höheren Einheit der _Berührung_
+zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation ist Berührung im direkten,
+Ähnlichkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch
+nicht erfaßte Identität im psychischen Vorgang wird wohl durch den
+Gebrauch des nämlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt.
+Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse
+des Tabu herausstellte(102).
+
+ (102) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe.
+
+Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie,
+die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der »Allmacht
+der Gedanken«.
+
+
+3.
+
+Die Bezeichnung »Allmacht der Gedanken« habe ich von einem
+hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen,
+dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung
+möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu
+erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller
+jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit
+seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine
+Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen
+hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange
+vermißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei,
+so daß er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar
+gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst
+gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf
+starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von
+den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst
+mitteilen, wie der täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst
+an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen
+Erwartungen zu bestärken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise,
+meist gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch.
+
+ (103) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrbuch für
+ psychoanalyt. und psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909. (Sammlung kl.
+ Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.)
+
+ (104) Es scheint, daß wir den Charakter des »Unheimlichen« solchen
+ Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die
+ animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns
+ bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.
+
+Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der
+Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven
+Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns aber
+davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu
+erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nämliche bei den
+anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realität des
+Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die
+Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an
+anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die »neurotische Währung« gilt, das
+heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen
+wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber
+nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert
+durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so
+zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche
+Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das
+Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen,
+wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein
+Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das
+einem Massenmörder wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine
+Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen
+und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl
+begründet; es fußt auf den intensiven und häufigen Todeswünschen, die
+sich in ihm unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet,
+insofern unbewußte Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht
+kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der
+seelischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im
+Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen.
+Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das
+bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß
+Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche zu
+äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen müßten.
+Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten Aberglauben
+zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine bloßen
+Gedanken die Außenwelt zu verändern vermeint.
+
+Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus
+magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur
+Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu
+beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte,
+zeigte es sich, daß diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das
+Todesproblem steht nach _Schopenhauer_ am Eingang jeder Philosophie; wir
+haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des
+Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck
+zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten
+Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der Ähnlichkeit, respektive
+des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
+den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgend
+ein Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt(105).
+Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den
+Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen
+kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen
+möglichst weit entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als
+Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen,
+zu enden.
+
+ (105) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste
+ Aktion wird sich aus den nachstehenden Erörterungen ergeben.
+
+Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen
+Weltanschauungen annehmen, in welcher die _animistische_ Phase von der
+_religiösen_, diese von der _wissenschaftlichen_ abgelöst wird, wird es
+uns nicht schwer, die Schicksale der »Allmacht der Gedanken« durch diese
+Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich
+selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten,
+aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die
+Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken.
+In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die
+Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich
+resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen.
+Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den
+Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven
+Allmachtglaubens weiter.
+
+Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im
+Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten
+Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung
+ergeben, die in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905«
+niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an
+zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt.
+Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität arbeiten jede für sich auf
+Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium
+heißt das des _Autoerotismus_, es wird von dem der _Objektwahl_
+abgelöst.
+
+Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar
+gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder,
+wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu
+zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der
+Forschung immer mehr aufdrängt, haben die vorher vereinzelten
+Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein
+Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein äußeres, dem Individuum
+fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit
+Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses
+Zustandes heißen wir das neue Stadium das des _Narzißmus_. Die Person
+verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und
+die libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander
+zu sondern.
+
+Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzißtischen
+Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer
+Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht
+möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische
+Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in
+gewissem Maße narzißtisch, auch nachdem er äußere Objekte für seine
+Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind
+gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und können
+wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so
+merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der
+Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im
+Vergleich zum Niveau der Ichliebe.
+
+Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der
+psychischen Aktionen -- die wir von unserem Standpunkt aus eine
+Überschätzung heißen -- bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung
+zum Narzißmus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben
+aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in
+hohem Maße sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der
+Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der
+Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machenden
+Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der
+Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein
+beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell
+verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene
+Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgänge
+herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden Fällen dieselben
+sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser
+Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus, Allmacht der
+Gedanken(106).
+
+ (106) »It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort
+ of Solipsism or Berkleianism (as Professor _Sully_ terms it as he
+ finds it in the Child) operates in the savage to make him refuse to
+ recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-animistic religion,
+ Folklore, XI. Bd., 1900, p. 178.
+
+Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein
+Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, so können wir den Versuch
+wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den
+Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu
+ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische
+Phase dem Narzißmus, die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung,
+welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die
+wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand
+des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter
+Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt sucht(107).
+
+ (107) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche
+ Narzißmus des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner
+ Charakterentwicklung ist und die Annahme eines primitiven
+ Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt.
+
+Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die »Allmacht der
+Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein
+kommt es noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der
+Befriedigung ähnliches macht, und daß dieses Spielen -- dank der
+künstlerischen Illusion -- Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas
+Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den
+Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht
+bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß nicht als
+l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von
+Tendenzen, die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen lassen
+sich mancherlei magische Absichten vermuten(108).
+
+ (108) S. _Reinach_, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes
+ et Religions, I. Bd., p. 125 bis 136. -- _Reinach_ meint, die
+ primitiven Künstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten
+ Tierbilder in den Höhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht
+ »Gefallen erregen«, sondern »beschwören«. Er erklärt es so, daß sich
+ diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der
+ Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere
+ unter ihnen fehlen. »Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de
+ la magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en général, de
+ la magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une
+ contrainte mystique exercée par la volonté de l'homme sur d'autres
+ volontés ou sur les choses, cette expression n'est plus admissible;
+ mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie, du
+ moins dans opinion des artistes« (p. 136).
+
+
+4.
+
+Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus,
+war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu
+ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen
+hat, daß man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muß, um
+sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen
+natürlich und selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge der Welt sind,
+nämlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf
+vorbereitet, zu finden, daß der primitive Mensch Strukturverhältnisse
+seiner eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte(109), und dürfen
+anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge
+lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen.
+
+ (109) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte.
+
+Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und
+unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des
+Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen
+müssen, während auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen
+werden können. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher
+und älter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet.
+Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von
+R. R. _Marett_ zusammen, welcher ein _präanimistisches_ Stadium dem
+Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den Namen
+_Animatismus_ (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es
+ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus zu sagen, da man
+noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen
+entbehrte(110).
+
+ (110) R. R. _Marett_, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd.,
+ Nr. 2, London 1900. -- Vgl. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd.,
+ p. 171 u. ff.
+
+Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehält, hat der
+Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit
+den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den
+Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die
+Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja
+die magische Technik bei.
+
+Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde,
+nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(111); er macht seine
+Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen die Welt, und findet
+nun seine inneren seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz ähnlich
+wie der geistreiche Paranoiker _Schreber_, der die Bindungen und
+Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten
+»Gottesstrahlen« gespiegelt fand(112).
+
+ (111) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium
+ Besetzungen aus libidinöser und anderen Erregungsquellen vielleicht
+ noch ununterscheidbar miteinander vereinigt sind.
+
+ (112) _Schreber_, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. --
+ _Freud_, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch
+ beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch.,
+ III. Bd., 1911. (Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.)
+
+Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(113) dem Problem
+ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorgänge nach
+außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen,
+daß diese Neigung dort eine Verstärkung erfährt, wo die Projektion den
+Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher
+Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht
+strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann können
+sie offenbar nicht alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der
+Paranoia bedient sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, um
+solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der
+vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden
+Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung,
+den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern
+Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns
+besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektionsgebilden zu
+motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren
+zusammen, welche die bösen Geister für die erstgeborenen unter den
+Geistern erklären und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem
+Eindruck des Todes auf die Überlebenden ableiten. Wir machen nur den
+einen Unterschied, daß wir nicht das intellektuelle Problem
+voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur
+Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen
+diese Situation den Überlebenden stürzt.
+
+ (113) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über _Schreber_, p. 59.
+
+Die erste theoretische Leistung des Menschen -- die Schöpfung der
+Geister -- würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten
+sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft, die
+Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die
+Gleichzeitigkeit der Entstehung präjudizieren. Wenn es wirklich die
+Situation des Überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven
+Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn nötigte, einen Teil seiner
+Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür
+seines Handelns zu opfern, so wären diese Kulturschöpfungen eine erste
+Anerkennung der ~Anankê~, die sich dem menschlichen Narzißmus
+widersetzt. Der Primitive würde sich vor der Übermacht des Todes beugen
+mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.
+
+Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben,
+können wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen
+Struktur in der Projektionsschöpfung der Seelen und Geister seine
+Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, daß
+die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der späteren
+völlig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser
+zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffaßt, auf
+deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen
+des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität -- nach einem
+Ausdruck von H. _Spencer_(114) -- ist bereits identisch mit jenem
+Dualismus, der sich, in der uns geläufigen Trennung von Geist und Körper
+kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z. B. in
+der Beschreibung des Ohnmächtigen oder Rasenden: _er sei nicht bei
+sich_, erkennen(115).
+
+ (114) Im I. Band der »Prinzipien der Soziologie«.
+
+ (115) H. _Spencer_, l. c., p. 179.
+
+Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere Realität
+projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines
+Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein gegeben,
+_präsent_ ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe
+_latent_ ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von
+Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz
+_unbewußter_ Seelenvorgänge neben den _bewußten_(116). Man könnte sagen,
+der »Geist« einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter
+Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie
+der Wahrnehmung entzogen sind.
+
+ (116) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in
+ Psycho-Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical
+ Research, Part LXVI, vol. XXVI, London 1912.
+
+Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen
+Vorstellung der »Seele« erwarten dürfen, daß ihre Abgrenzung vom anderen
+Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen
+der bewußten und der unbewußten Seelentätigkeit zieht. Die animistische
+Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre
+Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen,
+dauernd oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen,
+dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußtseins
+erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persönlichen Erscheinung
+verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; die Unveränderlichkeit und
+Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewußten, sondern
+den unbewußten Vorgängen zu, und diese betrachten wir auch als die
+eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste
+vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen
+Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die
+Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des
+»Systems« immer von neuem vorführen. Wir träumen in der Nacht und haben
+es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine
+Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber
+auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen,
+eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes
+auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter
+gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, daß nicht
+irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein käme. Wenn wir
+den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, daß die inkonstante und
+ungleichmäßige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das
+Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum
+sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhängend und
+geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns
+am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken
+ist aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben
+oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast
+regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung
+derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder
+weniger unabhängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die
+Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine
+neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte »_sekundäre Bearbeitung_«,
+deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende
+Zusammenhangslosigkeit und Unverständlichkeit zu Gunsten eines neuen
+»Sinnes« zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung
+erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.
+
+Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein
+vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems.
+Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung,
+Zusammenhang und Verständlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung
+oder des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht,
+einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer
+Umstände den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche
+Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem
+Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der
+Paranoia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das
+Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von
+Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können wir dann
+nachweisen, daß eine _Umordnung_ des psychischen Materials zu einem
+neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn
+sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es
+wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, daß jedes der
+Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine
+Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems -- also eventuell eine
+wahnhafte -- und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich
+wirksame, reale, anerkennen müssen.
+
+Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das
+Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schönsten
+Übereinstimmungen mit dem Tabu der _Maori_ zeigen(117). Die Neurose
+dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des
+unbewußten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische
+Phobie gilt aber der Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann
+völlig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewußter Sorge wird.
+Eines Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf
+gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen
+gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht sie
+sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer
+Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese
+Messer für alle Zeiten aus dem Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß
+neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen,
+Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in
+eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist
+nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein,
+daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot
+der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. Denn es hätte dazu
+hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen,
+einer Person in Trauerkleidung oder einer Trägerin eines Leichenkranzes
+begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die
+Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen
+wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für
+andere Fälle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hieß es
+eben, es sei ein »besserer Tag« gewesen. Die wirkliche Ursache des
+Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit
+erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann
+könne sich mit dem geschärften Rasiermesser den Hals abschneiden.
+
+ (117) p. 38.
+
+In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine
+Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal
+gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewußten Wunsches und der
+Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewußten
+Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist,
+drängt diesem einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu
+und bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Gehstörung
+unter. Es wäre also ein vergebliches, eigentlich ein törichtes Beginnen,
+wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer
+Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle
+Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar.
+Schärfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die
+ärgsten Inkonsequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung
+aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie
+entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der
+Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch die
+Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so
+mannigfaltig und so widersprechend aus.
+
+ * * * * *
+
+Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden System des
+Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten über andere
+psychologische Systeme, daß die Motivierung einer einzelnen Sitte oder
+Vorschrift durch den »Aberglauben« auch bei den Primitiven nicht die
+einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der
+Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu
+suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht
+anders möglich, als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine
+systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine »abergläubische«
+heißen. »Aberglaube« ist wie »Angst«, wie »Traum«, wie »Dämon«, eine der
+psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psychoanalytischen
+Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie
+Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben
+und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher
+vorenthalten wurde.
+
+Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten
+Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem animistischen
+System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit
+Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen gering schätzt. Wenn wir
+hören, daß Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte Keuschheit
+und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad
+begeben(118), so wird uns die Erklärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat
+beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht
+bemächtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre
+Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten.
+Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und
+wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde
+Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er
+im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und
+feindseliger Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für
+die zahlreichen Fälle von sexueller Beschränkung, solange man mit
+schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist(119). Mag
+sich die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen
+Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf
+Triebbefriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar,
+und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen
+Rationalisierung derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer
+eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum
+Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre
+Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen
+unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende,
+sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben
+wird. Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die
+Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimwärtsdenken, die
+Sehnsucht der Abwesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die
+gute psychologische Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur
+dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen
+vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische
+Motivierung, ausgesprochen, daß die eheliche Untreue der Frau die
+Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes zum
+Scheitern bringt.
+
+ (118) _Frazer_, Taboo and the perils of the soul, p. 158.
+
+ (119) _Frazer_, l. c., p. 200.
+
+Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden während
+ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergläubische Scheu
+vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale
+Begründung. Aber es wäre unrecht, die Möglichkeit zu übersehen, daß
+diese Blutscheu hier auch ästhetischen und hygienischen Absichten dient,
+die sich in allen Fällen mit magischen Motivierungen drapieren müßten.
+
+Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche
+Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den heutigen Wilden
+eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die
+Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der
+Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen
+geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes,
+das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und
+Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.
+
+Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvorschriften
+gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklärung
+zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter verschiedenen
+Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im
+Hause zu halten(120). _Frazer_ zitiert einen deutschen Aberglauben, daß
+man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe.
+Gott und die Engel könnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu
+nicht die Ahnung gewisser »Symptomhandlungen« erkennen, zu denen die
+scharfe Waffe durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte?
+
+ (120) _Frazer_, l. c., p. 237.
+
+
+
+
+IV.
+
+DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS.
+
+
+Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung
+psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu
+besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die
+Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in
+notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der
+Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht
+sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten
+Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus
+verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative
+Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion
+zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel
+als auch die Absicht des Psychoanalytikers.
+
+
+1.
+
+In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des
+Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein
+System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien,
+Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der
+sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_
+1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa
+gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die
+Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in
+verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste
+einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither
+diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der
+letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den
+Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(121):
+»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher
+Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall
+einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe
+zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und
+Götterzeitalter gebildet hat.«
+
+ (121) p. 139.
+
+Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem
+tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche
+später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung
+von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in
+zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,
+entworfen hat(122):
+
+1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die
+Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen
+Pflege.
+
+2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen
+Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.
+
+3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten
+Körperteil des Tieres.
+
+4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der
+Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die
+Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und
+Ausflüchte abzuschwächen.
+
+5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.
+
+6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt
+man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind
+dies die Totemtiere.
+
+7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der
+Totemtiere.
+
+8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen
+ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich
+solche durch Tätowierung einritzen.
+
+9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so
+wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes
+verschont.
+
+10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes.
+
+11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen
+als Führer.
+
+12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem
+Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind.
+
+ (122) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors
+ vierbändigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff.
+
+Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man in
+Betracht zieht, daß _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und
+Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand
+des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung
+dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die
+wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden
+uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemistischen
+Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig
+übergangen hat.
+
+Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild zu gewinnen,
+wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk
+gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen
+Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten
+Probleme verbindet. Wir werden J. G. _Frazer_, dem Verfasser von
+»Totemism and Exogamy(123)«, für Genuß und Belehrung verpflichtet
+bleiben, auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen
+führen sollte, welche weit von den seinigen abweichen(124).
+
+ (123) 1910.
+
+ (124) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die
+ Schwierigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem
+ Gebiete zu kämpfen haben:
+
+ Zunächst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht
+ dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren
+ Reisende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte
+ ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verständigung
+ mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit
+ den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von
+ Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit
+ den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die
+ intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen
+ Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben
+ aus den verschiedenartigsten Motiven (vgl. _Frazer_, The beginnings of
+ religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly
+ Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche
+ Auskünfte. -- Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven
+ Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die
+ zivilisiertesten, und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden
+ ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und
+ Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr
+ sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach
+ allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken
+ entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen
+ nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten
+ hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht.
+ Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den
+ Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als
+ spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des
+ ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der
+ Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart
+ der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die
+ Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen
+ psychischen Konstellationen zu deuten.
+
+Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatz(125), ist ein
+materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt
+bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem
+Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die
+Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine
+wechselseitige, der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist
+seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn
+nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze
+ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein
+Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine
+Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und
+noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen.
+
+ (125) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen
+ Werkes T. and Ex.
+
+Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:
+
+1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich
+erblich von einer Generation auf die nächste überträgt;
+
+2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen
+Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechtes
+angehört, und
+
+3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht
+auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem
+kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,
+wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig
+bedeutsame Bildungen.
+
+Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe
+von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für
+blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch
+gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem
+miteinander fest verbunden sind.
+
+Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach
+seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger
+Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach
+seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder
+gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte des
+Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;
+das soziale System überlebt häufig das religiöse und umgekehrt
+verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen
+das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie
+diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander
+zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge
+nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke
+Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
+unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir
+zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige
+sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den
+Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.
+
+In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen
+Systems stellt _Frazer_ voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich
+nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, daß sie von ihm
+abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier
+nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch
+des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,
+den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen
+Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten, ihn zu berühren,
+ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei
+seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den Totem
+schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere
+Erkrankungen oder Tod(126).
+
+ (126) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu.
+
+Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen
+und in der Gefangenschaft gehegt(127). Ein tot aufgefundenes Totemtier
+wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein
+Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von
+Entschuldigungen und Sühnezeremonien.
+
+ (127) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in
+ _Rom_, die Bären im Zwinger von _Bern_.
+
+Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein
+gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,
+daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese
+Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamme
+ausgestoßen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprünglich Ordalien; viele
+Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung
+überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen
+und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses
+wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war
+gekommen, seinen Verwandten zu holen(128).
+
+ (128) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter.
+
+Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse
+seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm
+äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtieres hüllt, sich
+das Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten
+der Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung
+mit dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle
+Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden, und wie er
+gebärden, dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten.
+Endlich gibt es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise
+getötet wird(129).
+
+ (129) l. c., p. 45. -- Siehe unten die Erörterung über das Opfer.
+
+Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng
+gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die
+Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet
+einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der Tötung eines
+Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für
+die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der
+Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind
+stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen
+nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch
+mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche
+Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war.
+
+Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß
+Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt
+nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte
+und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte _Exogamie_. Wir haben ihr
+die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier
+nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven
+entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen
+verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die
+jüngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der
+älteren Generation zum Hindernis wird(130).
+
+ (130) S. die erste Abhandlung.
+
+ * * * * *
+
+An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frühesten in
+der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer
+der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen
+Elementen der Völkerpsychologie sagt W. _Wundt_(131): »Das Totemtier
+gilt als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits
+Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat
+dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese
+Verwendungen des Begriffes spielen aber ineinander und die einzelnen
+dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die
+Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
+sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch
+die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff
+des Totem wird für die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_
+maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und
+Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier
+ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe von
+Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater
+der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese
+Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich
+ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen
+Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein
+einzelnes Tier, sondern jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in
+gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
+oder nur unter bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres
+zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
+Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von
+zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet ...«
+
+ (131) p. 116.
+
+»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen
+Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der
+Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter
+diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt
+diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die
+zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.«
+
+Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder
+Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen
+Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche
+Züge: _Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen
+der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;
+es war verboten, den Totem zu töten_ (oder _zu essen_, was für primitive
+Verhältnisse zusammenfällt); _es war den Totemgenossen verboten,
+Sexualverkehr miteinander zu pflegen(132)._
+
+ (132) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
+ welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus Totemism has
+ commonly been treated as a primitive system both of religion and of
+ society. As a system of religion it embraces the mystic union of the
+ savage with his totem; as a system of society it comprises the
+ relations in which men and women of the same totem stand to each other
+ and to the members of other totemic groups. And corresponding to these
+ two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
+ Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem
+ animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit
+ with a woman of the same totem.« (p. 101.) _Frazer_ fügt dann hinzu,
+ was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt:
+ Whether the two sides -- the religious and the social -- have always
+ coexisted or are essentially independent, is a question which has been
+ variously answered.
+
+Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totémisme, den _Reinach_
+aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt
+nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung
+vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die
+Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,
+ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren
+vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen.
+
+
+2.
+
+Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine
+regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde
+das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel
+seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die
+entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,
+nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen
+Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der
+Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem
+ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter
+welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und
+welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.
+
+Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie
+verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen
+versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher
+hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man
+allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das
+vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 veröffentlichten Schrift
+geschöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche
+Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von _Frazer_
+selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat,
+beanständet werden(133).
+
+ (133) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen
+ Satz nieder: »That my conclusions on these difficult questions are
+ final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views
+ repeatedly, and I am resolved to change them again with every change
+ of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift
+ his colours with the shifting colours of the ground he treads.«
+ Vorrede zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910.
+
+Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und
+der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der
+beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der
+Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, daß auch
+die primitiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen
+und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so
+daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die
+mangelnde Beobachtung zu ersetzen(134). Unter den vorgebrachten
+Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von
+vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den
+Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen
+auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt; noch
+andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen
+Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen
+Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie
+gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als in ihren
+eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die meisten der behandelten
+Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der
+neuesten, hier meist übergangenen Literatur des Gegenstandes das
+unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lösung der
+totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B.
+_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Britannica
+Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.
+
+ (134) »By the nature of the case, as the origin of totemism lies far
+ beyond our powers of historical examination or of experiment, we must
+ have recourse as regards this matter to conjecture«, A. _Lang_, Secret
+ of the Totem, p. 27. -- »Nowhere do we see absolutely primitive man,
+ and a totemic system in the making.« p. 29.
+
+
+a) Die Herkunft des Totemismus.
+
+Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so
+formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) nach
+Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen(135)?
+
+ (135) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren.
+
+Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie für die
+Wissenschaft entdeckte(136), enthielt sich, eine Ansicht über die
+Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von
+A. _Lang_(137) war er eine Zeitlang geneigt, den Totemismus auf die
+Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur
+Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen, als A)
+nominalistische, B) soziologische, C) psychologische.
+
+ (136) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.
+ -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in
+ ancient History, 1876. 2. ed. 1886.
+
+ (137) The Secret of the Totem, 1905, p. 34.
+
+
+A) Die nominalistischen Theorien.
+
+Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter
+dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen.
+
+Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkömmling der peruanischen _Inka_,
+der im XVII. Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll, was
+ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der
+Stämme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt
+haben(138). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology
+von A. K. _Keane_ auf: die Totem seien aus »heraldic badges«
+(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und
+Stämme sich von einander unterscheiden wollten(139).
+
+ (138) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p. 34.
+
+ (139) Ibid.
+
+Max _Müller_ äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der Totem in
+seinen Contributions to the Science of Mythology(140). Ein Totem sei: 1.
+ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clan,
+4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. _Pikler_
+1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren
+Namens für Gemeinschaften und Individuen .... So entspringt also der
+Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem nüchternen
+Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,
+ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem
+ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden
+aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
+einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab(141).
+
+ (140) Nach A. _Lang_.
+
+ (141) _Pikler_ und _Somló_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die
+ Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag
+ zur materialistischen Geschichtstheorie«.
+
+Herbert _Spencer_(142) legte gleichfalls der Namengebung die
+entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
+Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften
+herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
+oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.
+Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven
+Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt
+worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren
+selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung
+ergeben.
+
+ (142) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870.
+ Prinzipien der Soziologie, I. Bd., §§ 169 bis 176.
+
+Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses hat Lord
+_Avebury_ (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John _Lubbock_) die
+Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären
+wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen
+Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines
+Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen
+Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen
+Achtung und endlich Verehrung gelangte.
+
+Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
+Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_
+vorgebracht(143). Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß der
+Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines
+einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der Name
+eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen
+Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen.
+
+ (143) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret
+ etc.).
+
+Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger Weise
+unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für die
+Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese
+Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die
+beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen
+Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905
+entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,
+aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und
+beansprucht so, das Rätsel des Totemismus der endgültigen Lösung
+zugeführt zu haben.
+
+A. _Lang_ meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche Weise die
+Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie
+erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und wußten
+sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei
+vergessen_. Dann würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft
+darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der
+Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im
+totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven --
+wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder(144) -- nicht
+etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, wie sie uns erscheinen,
+sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name eines Menschen
+ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein Stück seiner
+Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte die Primitiven dazu
+führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen
+und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band konnte da anders in
+Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War diese aber infolge
+der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben sich aus ihr als
+direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit Einschluß der
+Exogamie.
+
+ (144) Vgl. die Abhandlung über das Tabu, S. 76.
+
+»No more than these three things -- a group animal name of unknown
+origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human
+and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --
+was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,
+including exogamy.« (Secret of the Totem, p. 126.)
+
+_Langs_ Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische
+System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen
+ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namengebung
+vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun den
+Ursprung dieser Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz
+anderem Gepräge ist.
+
+Dies andere Stück der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich
+von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe. Das praktische
+Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme Namen
+anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem
+Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies »naming from without« ist die
+Eigentümlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Daß die Namen, die so zu
+stande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig und
+braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden worden
+zu sein. Übrigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Fälle aus
+späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen
+gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
+akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und
+_Tories_). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im Laufe der
+Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der _Lang_schen
+Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.
+
+
+B) Die soziologischen Theorien.
+
+S. _Reinach_, der den Überbleibseln des totemistischen Systems in Kult
+und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von Anfang an
+das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert
+einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein
+als »une hypertrophie de l'instinct social«(145).
+
+ (145) l. c., T. I, p. 41.
+
+Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_: Les formes
+élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie,
+1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsentant der
+sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft, welche
+der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.
+
+Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Beteiligung der
+sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.
+So hat A. C. _Haddon_ angenommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich
+von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit
+diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch
+zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem
+Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte,
+bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere
+Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für
+dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als
+auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedürfnisse, den
+Hunger, gegründet war(146).
+
+ (146) Address to the Anthropological Section, British Association,
+ Belfast 1902. Nach _Frazer_, l. c., T. IV, p. 50 u. ff.
+
+Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,
+daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends
+gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden
+seien omnivor, und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei
+es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein
+fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in
+der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.
+
+Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ über die Entstehung des
+Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer
+Stelle berichtet werden.
+
+Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem
+Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über die
+Eingeborenen von Zentralaustralien(147).
+
+ (147) The native tribes of Central Australia, von Baldwin _Spencer_
+ und H. J. _Gillen_, London 1891.
+
+_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, der
+sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentümlichen Einrichtungen,
+Gebräuchen und Ansichten, und _Frazer_ schloß sich ihrem Urteile an, daß
+diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes zu betrachten
+seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß
+geben können.
+
+Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil
+der _Arunta_nation) folgende:
+
+1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht
+erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) individuell
+bestimmt.
+
+2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen werden
+durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,
+welche mit den Totem nichts zu tun haben.
+
+3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer
+Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des eßbaren
+Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt _Intichiuma_).
+
+4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und
+Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres
+Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
+Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene
+Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf
+welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach
+wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die
+Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche
+Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Stätten
+gefunden werden.
+
+Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, daß man in
+den Einrichtungen der _Arunta_ die älteste Form des Totemismus
+aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche
+behaupteten, daß die Ahnen der _Arunta_ sich regelmäßig von ihrem Totem
+genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem
+geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des
+Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht
+erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs
+sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter
+den heute lebenden ansehen.
+
+Indem _Frazer_ sich für die Beurteilung des Totemismus an die
+_Intichiuma_zeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf
+einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchwegs praktische
+Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen
+(vgl. oben _Haddon_(148)). Das System war einfach ein großartiges Stück
+von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen einen
+magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die
+Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels
+zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um
+schädliche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des
+Totemclan, dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit
+abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zu gute.
+Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so
+beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von
+ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu
+besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die _Intichiuma_zeremonie
+vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wäre man durch
+das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
+Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst
+viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.
+
+ (148) »There is nothing vague or mystical about it, nothing of that
+ metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
+ humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to
+ the simple, sensuous, and concrete modes of the savage« (Totemism and
+ Exogamy, I, p. 117).
+
+_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, daß jeder Totemclan sich
+ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. Dann
+bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die
+sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, während man selbst
+auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung
+sei keineswegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen,
+sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu
+verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
+Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte, Schaden
+brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,
+indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die
+Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht(149) und ebensowenig getraute er
+sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_
+behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur
+Exogamie gewandelt habe.
+
+ (149) l. c., p. 120.
+
+Die auf das _Intichiuma_ gegründete Theorie _Frazers_ steht und fällt
+mit der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es
+scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(150) und
+_Lang_(151) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die _Arunta_ scheinen
+vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, eher ein
+Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die
+Mythen, welche auf _Frazer_ so großen Eindruck gemacht haben, weil sie
+im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit
+betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden
+sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die
+Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen
+Zeitalter.
+
+ (150) L'année sociologique T. I, V, VIII und an anderen Stellen. Siehe
+ besonders die Abhandlung Sur le totémisme. T. V, 1901.
+
+ (151) Social Origins und Secret of the Totem.
+
+
+C) Die psychologischen Theorien.
+
+Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
+Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
+geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(152). Der
+Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an
+dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
+bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
+hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den
+Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte,
+welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe,
+die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
+aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben.
+
+ (152) The Golden Bough II, p. 332.
+
+Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
+stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
+eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv,
+aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei, und daß er
+dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
+kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(153). Die
+magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte
+Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
+einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
+Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand
+er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.
+
+ (153) »It is unlikely that a community of savages should deliberately
+ parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
+ a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
+ magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV,
+ p. 57.
+
+Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption
+mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in
+diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
+nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von
+ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
+gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
+Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
+man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib
+ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
+welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst
+Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
+in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit
+seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle
+weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht
+daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser
+Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er
+würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise
+etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine
+Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
+verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den
+Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
+Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
+erweisen(154).
+
+ (154) T. and Ex. II, p. 89 und IV, p. 59.
+
+Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden
+über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
+besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der
+Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das
+lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
+Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen)
+einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des
+männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies)
+des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that
+struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
+knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
+child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
+universal, appear to be the root of totemism(155).«
+
+ (155) l. c. IV, p. 63.
+
+Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
+der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
+_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt
+zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
+Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche
+Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
+geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(156).
+Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur
+allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum
+Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
+wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
+Mythen.
+
+ (156) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_,
+ Secret of the Totem, p. 192.
+
+Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
+Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des
+Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die
+Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum
+Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an
+die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
+als umgekehrt(157).
+
+ (157) _Frazer_, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff.
+
+Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
+amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie
+geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und
+behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
+dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
+habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die
+Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
+bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die
+Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(158).
+
+ (158) _Frazer_, l. c., p. 48.
+
+Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
+ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß
+erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
+Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die
+ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(159). Seelentiere, wie
+Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
+Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und
+Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die Träger der den Körper
+verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling
+der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der
+Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.
+
+ (159) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190.
+
+
+b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.
+
+Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit
+vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die
+immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren
+Fragen nehme ich mir im Interesse der Leser die Freiheit einer noch
+weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der
+Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
+besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen: verworren. Die
+Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf
+Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere
+Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
+Fachschriften verweise.
+
+Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich
+nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene
+Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede
+Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen
+glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
+gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will,
+die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und
+eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
+zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt.
+_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
+Entschiedenheit vertreten.
+
+»I must request the reader to bear constantly in mind that the two
+institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
+origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
+many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.)
+
+Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
+unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu
+haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
+der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
+seinen Arbeiten(160) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das
+Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum
+geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
+wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf
+Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
+demselben Totem angehört(161). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
+anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
+der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(162). Das allgemeine
+Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
+sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch
+eine andere Ableitung der Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie
+sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten.
+
+ (160) L'année sociologique 1898-1904.
+
+ (161) Siehe die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T.
+ and Ex., IV, p. 101.
+
+ (162) Secret etc., p. 125.
+
+In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
+der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie
+später hinzugekommen(163).
+
+ (163) Z. B. _Frazer_, l. c. IV, p. 75: »The totemic clan is a totally
+ different social organism from the exogamous class, and we have good
+ grounds for thinking that it is far older.«
+
+Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus
+erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
+verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern.
+
+_Mac Lennan_(164) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
+Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen Frauenraub
+hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich
+gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
+Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt
+geworden, weil sie ungewöhnlich war(165). Das Motiv für diese Gewohnheit
+der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme,
+der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
+zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu
+tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_
+bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den
+Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die
+männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
+unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
+gänzlich beiseite gelassen wird(166).
+
+ (164) Primitive marriage 1865.
+
+ (165) »Improper because it was unusual.«
+
+ (166) _Frazer_, l. c. IV, p. 73 bis 92.
+
+Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
+Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(167).
+
+ (167) Vgl. die erste Abhandlung.
+
+Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen
+Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
+_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(168) beistimmen, daß
+diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate
+design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen
+sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it
+seem possible to explain in all its details a system at once so complex
+and so regular(169).«
+
+ (168) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV,
+ p. 105 ff.
+
+ (169) _Frazer_, l. c., p. 106.
+
+Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die
+Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die
+Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
+und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen
+Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde.
+
+Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf
+gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des
+Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
+letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
+erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung
+der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
+unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
+berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem
+Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
+Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt,
+in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
+wurde.
+
+_Westermarck_(170) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß
+zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl,
+da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
+einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
+Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt
+zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in
+the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben
+Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des
+Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und
+Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben
+handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß
+unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
+durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
+aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
+des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
+Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
+geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung
+hervorzurufen«.
+
+ (170) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
+ Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
+ Einwendungen.
+
+Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
+Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der
+biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung
+bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner
+psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für
+die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
+ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch
+nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
+_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
+findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar
+nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die
+Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll,
+gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
+Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im
+Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten
+zusammentreffen.
+
+»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
+Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein
+Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
+trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst
+vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
+Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den
+Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten.
+Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
+Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig
+annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
+Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gern
+begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen
+Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu
+brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
+des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest
+besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher
+Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
+andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht
+zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen
+Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(171).«
+
+ (171) l. c., p. 97.
+
+Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß
+die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
+Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben
+im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des
+jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche
+verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu
+überschätzende Rolle spielen.
+
+Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also
+fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
+des Inzestverbots, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die
+Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen
+Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in
+bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen
+gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(172). Nicht nur, daß das
+Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
+Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
+der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind
+auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim
+Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die
+heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer
+entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre
+spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich,
+wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
+hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch kaum in
+unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefunden haben(173).
+
+ (172) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année
+ sociologique, I, 1896/97.
+
+ (173) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to
+ reflect on distant evils to their progeny.«
+
+Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch
+hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
+schwächenden Moments ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
+zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
+erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(174), erscheint diese
+Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger
+und stärker als bei den zivilisierten.
+
+ (174) Vgl. die erste Abhandlung.
+
+Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die
+Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
+Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
+vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären,
+sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten
+Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
+nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
+vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(175).
+
+ (175) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
+ incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
+ problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I, p. 165.
+
+Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
+erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
+Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.
+
+Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den
+sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den
+Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich
+in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
+ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte.
+»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
+Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum Kämpfen mit
+ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung
+der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich ist ... Wenn
+wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und nach den
+sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen,
+ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich in
+kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er
+die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen alle anderen
+Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch
+mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn
+alle Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur ein erwachsenes
+Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männchen heran,
+so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich
+dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt
+der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal of Natur.
+Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch ausgestoßen
+sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden
+einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder
+einer und derselben Familie verhüten(176).«
+
+ (176) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd.,
+ Kap. 20, p. 341.
+
+_Atkinson_(177) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse
+der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch
+durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde
+gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
+Eifersucht des Oberhauptes galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus
+diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein
+Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte
+sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
+innerhalb des Totem.
+
+ (177) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).
+
+A. _Lang_(178) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er
+vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
+welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
+läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
+vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus
+bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(179).
+
+ (178) Secret of the Totem, p. 114, 143.
+
+ (179) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
+ practical rule would be that of the jealous Sire »No males to touch
+ the females in my camp«, with expulsion of adolescent sons. _In efflux
+ of time that rule, become habitual_, would be, »No marriage within the
+ local group«. Next let the local groups receive names, such as Emus,
+ Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, »No Marriage within the
+ local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe«. But, if the
+ primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
+ totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
+ and other names of small local groups.« Secret of the Totem p. 143.
+ (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
+ seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
+ teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus
+ dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe.
+
+
+3.
+
+Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
+dieses Dunkel.
+
+Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des
+Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
+welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
+durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
+Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im
+ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere
+verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen.
+
+In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt
+nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich
+eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem
+Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das
+klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den
+psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
+früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
+Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
+gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
+unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter
+städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
+seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und
+Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch
+und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen und
+unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten gelingt es
+einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des
+Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K. _Abraham_ die Mitteilung
+eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch
+die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes hätte es
+an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem Gehörten fürchten
+durfte.
+
+Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
+analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
+verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
+Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
+behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
+ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen
+dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten
+Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem
+Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche:
+die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
+waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.
+
+Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und
+von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
+wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein
+Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß
+wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
+stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich
+verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M.
+_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte
+eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer
+Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen
+sah, weinte er und schrie: 'Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
+artig sein.' Unter 'artig sein' meinte er: 'nicht mehr Geige spielen'
+(onanieren)(180).«
+
+ (180) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für
+ Psychoanalyse, 1912, II, Nr. 1, p. 15 ff.
+
+Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die
+auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
+Äußerung: 'Hund, ich will artig sein' -- d. h. nicht masturbieren --
+bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
+verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
+völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
+solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien,
+Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
+Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
+lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
+von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
+Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht
+behaupten.«
+
+Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und
+psychopathologische Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie
+eines fünfjährigen Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen
+Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
+in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf die Straße zu gehen. Er
+äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
+beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein
+sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben
+durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
+sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen,
+Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
+überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
+auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
+waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen
+Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und
+in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu
+aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus
+wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
+seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.
+
+Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen
+Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
+geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
+Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im
+Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
+jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu
+kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
+Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
+diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen
+Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
+Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte
+Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der
+Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
+Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der
+kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
+Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat,
+identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als
+Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(181). In einem anderen
+Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
+großen Tieren zu identifizieren(182).
+
+ (181) l. c., p. 37.
+
+ (182) Die Giraffenphantasie, p. 24.
+
+Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder
+gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir
+verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines
+Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
+kann(183). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
+die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
+des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung
+desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
+Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
+Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen
+Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
+gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
+die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen
+Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
+die von ihm drohende Strafe(184).
+
+ (183) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift für
+ ärztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 3.
+
+ (184) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus
+ enthaltene Blendung vgl. die Mitteilungen von _Reitler_, _Ferenczi_,
+ _Rank_ und _Eder_ in Internationale Zeitschrift für ärztliche
+ Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 2.
+
+Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
+einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
+Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
+später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
+interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin
+vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf.
+Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber
+beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und
+anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
+Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
+Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am
+liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist
+ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stande, stundenlang um die Tierleichen
+erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das
+geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
+mißhandelten Ebenbilder von Hühnern.
+
+Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren
+Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich
+seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des
+Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn,« sagte er einmal. »Jetzt bin
+ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich
+ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal
+wünscht er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der
+Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
+Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
+Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.
+
+Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb
+nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
+Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut«
+befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen
+Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine
+Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde
+Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin,
+nein, statt der Köchin lieber die Mutter.«
+
+Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung
+vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle
+Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle
+Identifizierung mit dem Totemtier(185) und die ambivalente
+Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
+Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den
+Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
+dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan
+haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
+heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
+Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich
+genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die
+sie darum gern in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt
+uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den
+Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen(186).
+
+ (185) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
+ ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and
+ Ex., IV, p. 5.
+
+ (186) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
+ Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung,
+ wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S. 153)
+ erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er meinte von seinem
+ Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwangerschaft
+ mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei.
+
+Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das
+Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
+Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
+Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu
+gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus,
+der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
+beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren
+Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
+diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
+müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
+unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns
+gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus
+den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
+»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser
+Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit
+des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion
+studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte.
+
+
+4.
+
+Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
+Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
+scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
+veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(187) die Annahme
+aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_,
+von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
+Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur
+eine einzige, aus dem V. Jahrhundert n. Chr. überlieferte Beschreibung
+eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch
+die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen Grad
+von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine göttliche Person
+voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß von einer höheren
+Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des Totemismus.
+
+ (187) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
+ Edition, London 1907.
+
+Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
+Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und
+Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
+reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren
+Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
+Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung
+im Original zu übermitteln.
+
+_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche
+Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es spielt in allen
+Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr
+allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß.
+
+Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium,
+~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was
+spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um
+sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. (Von dem Nebensinn der
+Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus.) Das
+Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social
+fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der
+Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte.
+
+Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
+der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das
+opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
+bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
+der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
+ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die
+älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
+sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und
+entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
+Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau.
+
+Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte
+Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
+Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde
+diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man allein den
+flüssigen Anteil der Mahlzeit der Gottheit zuwies. Später gestattete der
+Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
+aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
+welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
+Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später
+der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das »Blut der Rebe«,
+wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen.
+
+Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die
+Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
+der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß
+jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.
+
+Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
+Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
+religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und
+Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
+Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
+Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen
+Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit
+der Gottheit.
+
+Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
+Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
+Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol
+und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme
+gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
+Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
+waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute
+unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an
+der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der
+Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
+Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
+braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines
+Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige
+Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene
+Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird
+das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu
+verstärken und dauerhaft zu machen.
+
+Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
+zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
+welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
+(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für
+einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben
+solcherart zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie
+Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord
+eines einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses oder jenes ist
+vergossen worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die
+hebräische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird,
+lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen
+Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß
+sie nicht nur auf die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der
+Substanz seiner Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man
+genährt wurde, sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt
+und durch die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken
+kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die
+Überzeugung aus, daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als
+Fremden anerkannte, mit dem teilte man keine Mahlzeit.
+
+Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von
+Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander
+essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
+Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
+Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien
+umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden
+angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
+erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
+zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen
+Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
+abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus
+machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
+unmöglich.
+
+Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine
+Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
+auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche
+Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von
+der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen
+unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet
+nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer
+ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_
+ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten
+sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
+Verantwortlichkeit mit übernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
+Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich
+Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
+rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
+durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen geopfert
+werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben der Stammesgenossen
+selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
+Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß
+die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
+zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
+ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
+waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clan.
+
+_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
+Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei
+Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich
+gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
+verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen
+Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht
+wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch
+waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgend einer
+Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
+betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied
+zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind
+ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
+feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
+werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut
+gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
+Vorwurf geschehen.
+
+Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
+überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
+zu haben(188). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren
+an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen
+Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen
+Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
+vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
+entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen
+eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
+athenischen Fest der _Bouphonien_ wurde nach dem Opfer ein förmlicher
+Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich
+einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen,
+welches dann ins Meer geworfen wurde.
+
+ (188) »The inference is that the domestication to which totemism
+ invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
+ is fatal to totemism.« _Jevons_, An introduction to the history of
+ religion 1911, fifth edition, p. 120.
+
+Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
+Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
+Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut
+desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
+Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
+gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
+der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges
+Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint
+diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
+zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
+indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
+welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(189)._
+
+ (189) l. c. p. 113.
+
+Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
+seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
+Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
+_Blutbündnissen_ zu Grunde, durch die sich noch in späten Zeiten
+Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische
+Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die
+Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen
+Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern.
+
+Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_
+ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren: Als die Idee des
+Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
+als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
+aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des
+Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst
+heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
+Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
+genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß
+die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit
+der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
+selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
+der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die
+Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten.
+
+Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß
+die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
+Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der
+Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
+meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten
+erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
+der sinaitischen Wüste um das Ende des IV. Jahrhunderts nach Christi
+Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
+Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal
+unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
+Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich
+die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des
+zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in
+der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
+dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
+alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
+vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende
+Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
+die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit
+die verschiedensten Abschwächungen erfuhr.
+
+Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
+Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
+des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
+selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
+Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der
+Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
+erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
+und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche
+Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes
+ausführlich mitgeteilt(190). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
+großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in feierlicher
+Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
+Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
+mit ihrer heiligen Schildkröte.
+
+ (190) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild;
+ 1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
+ animal.
+
+In den _Intichiuma_zeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein
+Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson
+Smith_ vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines
+Totem, dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist
+gehalten, bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen,
+ehe derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel
+für den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach
+_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
+Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(191).
+
+ (191) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590.
+
+Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die
+sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
+Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei(192).
+
+ (192) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
+ u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
+ mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
+ _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt.
+
+
+5.
+
+Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
+statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher
+nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
+feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut,
+Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit
+des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei,
+daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch
+die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
+von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das
+hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
+zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
+erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
+einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die
+Tötung von sich abzuwälzen(193).
+
+ (193) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412.
+
+Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
+aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
+Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu.
+
+Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein
+feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
+irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
+Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die
+festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen
+erzeugt.
+
+Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den
+Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst
+versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie?
+
+Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem
+heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und untereinander bestärken.
+Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in
+sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was
+aus ihr folgt, erklären.
+
+Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der
+Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es
+sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit
+wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente
+Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
+Kindern auszeichnet und sich oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
+würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.
+
+Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des
+Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
+über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt
+sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf
+eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
+bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
+Phänomenen herzustellen.
+
+Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des
+Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen
+für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter.
+Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
+Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
+noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind
+_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
+den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
+mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
+sein und auf welchem Wege war es möglich?
+
+Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
+zu geben: Eines Tages(194) taten sich die ausgetriebenen Brüder
+zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der
+Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zu stande, was dem
+einzelnen unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein
+Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefühl
+der Überlegenheit gegeben. Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist
+für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater
+war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der
+Brüderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die
+Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner
+Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit,
+wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen,
+verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die
+sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und die
+Religion(195).
+
+ (194) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte
+ ich die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
+ hinzunehmen.
+
+ (195) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und
+ Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
+ ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
+ aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful
+ band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
+ polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
+ weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
+ gained with time inevitably wrench by combined attacks renewed again
+ and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law,
+ p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien
+ verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
+ hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten
+ Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
+ beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er
+ nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
+ der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne
+ untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation
+ der Gesellschaft niemals zu stande: »an ever recurring violent
+ succession to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal
+ hands were so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228).
+ _Atkinson_, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen,
+ und dem die Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet
+ einen minder gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten
+ sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in friedlicher
+ Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen,
+ daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Söhne in der Horde
+ verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in
+ Form der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern
+ anerkennen.
+
+ So viel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
+ Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
+ und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
+ mit so vielem anderen mit sich bringt.
+
+ Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche
+ Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf
+ ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
+ hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
+ anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern.
+
+Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden,
+braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar
+von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater
+beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
+jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie
+haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen
+Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
+ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren
+Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die
+dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(196). Es
+geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches
+hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde
+nun stärker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch
+heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz
+verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
+Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
+»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
+Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und
+verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
+versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die
+beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
+verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer
+dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
+welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(197).
+
+ (196) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zu gute kommen, daß
+ die Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie
+ war in gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte
+ ja seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
+ einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
+ Reaktion weit günstiger als die Befriedigung.
+
+ (197) »Murder and incest, or offences of a like kind against the
+ sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
+ the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites,
+ p. 419.
+
+Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
+beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
+Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja
+beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
+das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das
+sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten
+sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder
+des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater
+alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die
+neue Organisation zu Grunde gegangen. Es war kein Überstarker mehr da,
+der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit blieb
+den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als --
+vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischenfälle -- das Inzestverbot
+aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten
+Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater
+beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark
+gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen ruhen
+konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen eingestellt
+haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche den Keim
+zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des _Mutterrechts_ legte,
+bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde.
+
+An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft
+hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
+Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier
+als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
+Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
+konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
+Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu
+bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
+dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
+Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung,
+wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, das heißt die Tat
+an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu Grunde
+gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
+»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die
+Versuchung gekommen, ihn zu töten.« So verhalf der Totemismus dazu, die
+Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
+seine Entstehung verdankte.
+
+Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter der
+Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
+Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu
+beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam
+zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche
+desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
+unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
+sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit
+der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
+Ruhe kommen läßt.
+
+Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
+damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
+wohl zu groß, um durch irgend eine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
+oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
+Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die
+dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
+in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt
+nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung,
+sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die
+Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
+einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams
+wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
+Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
+der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
+Vaters, infolge der veränderten Einflüsse des Lebens zu entschwinden
+droht. Wir werden nicht überrascht sein zu finden, daß auch der Anteil
+des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und
+Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht.
+
+Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
+noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
+verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch
+nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
+gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen
+die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den
+tiefstgehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
+schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
+Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder
+sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von
+ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen
+gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
+religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial
+begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
+währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen
+abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
+morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_
+getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
+Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten
+Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber,
+die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
+anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen.
+
+Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen
+des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen
+innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
+Exogamie vertreten.
+
+
+6.
+
+Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven,
+die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der
+Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
+Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich
+sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
+Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(198).
+
+ (198) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
+ Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch
+ von _Bleuler-Freud_, IV, 1912.
+
+_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der
+ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
+derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
+auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben, welches nur durch die
+Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
+hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
+Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
+und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt
+der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation?
+
+Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes -- unbekannt woher -- die
+Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen,
+und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die
+Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein
+die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
+ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater
+gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem
+Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich
+verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter
+Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus, den
+Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
+Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend welche Beachtung
+verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen
+Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
+Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber
+in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
+einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
+Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
+Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
+kann.
+
+Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
+Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier
+heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
+Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
+zum Opfer dargebracht(199); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt
+eines Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche
+Verehrung lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen
+verwandelt sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte.
+So läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich
+auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier
+entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die
+Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz.
+So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine
+spätere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen.
+Eine solche Neuschöpfung aus der Wurzel aller Religionsbildung, der
+_Vatersehnsucht_, konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten
+am Verhältnis zum Vater -- und vielleicht, auch zum Tiere --
+Wesentliches geändert hatte.
+
+ (199) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.
+
+Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
+Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tiere und von der
+Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation absehen will(200). In
+der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein
+Moment, welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der
+Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des
+Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt
+gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
+Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
+gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des
+Brüderclan auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
+durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
+der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
+die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen,
+die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
+welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften
+Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
+hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
+Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen
+nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
+Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
+hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern
+wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt,
+was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das
+Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(201).
+Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
+seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch
+als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.
+
+ (200) S. o. S. 184.
+
+ (201) »To us moderns for whom the breach which divides the human and
+ the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
+ appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
+ thinking gods and men were akin, for many families traced their
+ descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
+ as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
+ to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough, I. The magic art and
+ the evolution of kings, II, p. 177.
+
+Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten
+findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind,
+weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im
+Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte,
+sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
+beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
+übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
+vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um.
+Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
+Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt
+wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclan waren
+nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
+Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um
+die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der
+ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.
+
+In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
+zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
+Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
+Acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie
+übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
+zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
+ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
+Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
+zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene
+der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum
+Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die
+Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
+daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in
+derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
+fortsetzt.
+
+In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
+Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
+Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zu Gunsten des Gottes. Gott selbst
+ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch
+die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
+soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System
+auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und
+wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
+Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue
+Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu
+entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer
+Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
+Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
+tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
+äußerste Verleugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
+das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
+Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung
+darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zu Gunsten der höheren
+Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der
+Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
+Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil
+seines Wesens überwindet(202).
+
+ (202) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den
+ Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
+ Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von
+ Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
+ Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den
+ »funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier
+ tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet,
+ setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
+ voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig.
+
+Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
+erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem
+Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der
+Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der
+Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener
+Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt.
+
+_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung
+ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen Stämme Fremde
+waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
+einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche
+Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
+wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
+Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
+bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als
+Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
+lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser
+Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
+Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
+wie das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rückwärts
+auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit kaum zu
+überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das
+nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
+Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
+eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
+für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der
+Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
+Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.
+
+So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als
+unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, und
+gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
+mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zu
+Tage treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als
+Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an
+dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere
+Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen
+Urgeschichte fern liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit
+denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
+»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die
+Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
+etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an
+sich trug(203). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte
+war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zu Grunde liegenden
+Situation ihre gute Aufklärung fanden.
+
+ (203) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a
+ spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
+ obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+ death_ -- a point which has already come before us in connection with
+ theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«.
+
+Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung
+der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des
+Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des
+religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden
+seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem
+kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen
+Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.
+
+Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
+sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des
+Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
+Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die
+in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
+Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a.,
+Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
+Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater
+zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese
+Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die
+diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und
+eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
+Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige
+Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
+Entmannung(204). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung
+dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
+übergegangen, welche zu dauerndem Erfolge bestimmt war.
+
+ (204) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in
+ der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
+ Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
+ ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
+ seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
+ Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
+ völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
+ meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei
+ primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der
+ Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst
+ sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist
+ überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit
+ Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
+ ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
+ können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
+ Äquivalente der Kastration behandeln.
+
+Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
+die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile
+zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.
+
+Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch
+unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
+Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen
+Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
+die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab
+einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und
+diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
+Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde.
+
+Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
+Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
+griechischen Altertums ein(205). Die Menschen waren die Nachkommen von
+Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt
+hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment
+von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein
+urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus
+hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß(206). Erinnert die
+Tat der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und
+Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene
+Totemopfer, -- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der
+Tod des Orpheus selbst --, so stört uns hier doch die Abweichung, daß
+die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird.
+
+ (205) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff.
+
+ (206) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76.
+
+Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen unzweifelhaft eine
+Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
+Drucke der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so
+zwingt er uns zu dem Schlusse, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach
+dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein
+Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die
+Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(207). Und wenn dieses
+Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so
+kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
+gewesen sein.
+
+ (207) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich
+ regelmäßig als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere
+ gerichtet sind.
+
+So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
+unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
+Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat.
+Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig
+mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
+Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das
+psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
+Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der
+Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
+neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die
+Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
+Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
+Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
+genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.
+Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der
+Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
+mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
+Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
+so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die
+christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
+Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie
+berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has
+absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
+Christianity(208)«.
+
+ (208) Eating the God, p. 51. ..... Niemand, der mit der Literatur des
+ Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der
+ christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
+ dieses Aufsatzes sei.
+
+
+7.
+
+Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte
+unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
+sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
+weniger er selbst erinnert werden sollte(209). Ich gehe der Versuchung
+aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
+finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
+ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
+über den Tod des Orpheus folge(210).
+
+ (209) _Ariel_ im »Sturm«:
+
+ Full fathom five thy father lies:
+ Of his bones are coral made;
+ Those are pearls that were his eyes;
+ Nothing of him that doth fade
+ But doth suffer a sea-change
+ Into something rich and strange.
+
+ In der schönen Übersetzung von _Schlegel_:
+
+ Fünf Faden tief liegt Vater dein.
+ Sein Gebein wird zu Korallen,
+ Perlen sind die Augen sein.
+ Nichts an ihm, das soll verfallen,
+ Das nicht wandelt Meeres-Hut
+ In ein reich und seltnes Gut.
+
+ (210) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
+ et Religions. T. II, p. 100 ff.
+
+In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
+auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
+mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
+Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von
+Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
+einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: es ist
+der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere
+Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
+Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
+Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert.
+Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche
+Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf
+sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine
+Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
+Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor
+begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn
+zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für
+sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
+gefunden hatte.
+
+Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine
+»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
+abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen
+urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung
+findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß,
+um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist
+durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter
+Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
+Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
+verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
+und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte
+Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität,
+ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
+Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
+Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht.
+
+Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen
+Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
+Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht
+verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
+der Passion Christi neu entzündete.
+
+So möchte ich denn zum Schlusse dieser mit äußerster Verkürzung
+geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex
+die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst
+zusammentreffen, in voller Übereinstimmung mit der Feststellung der
+Psychoanalyse, daß dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so
+weit sie bis jetzt unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint
+mir als eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des
+Völkerseelenlebens eine Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte
+her, wie es das Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht
+ist selbst ein anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang
+einzubeziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die
+Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von
+Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger
+Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser
+Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein fundamentales
+Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere Möglichkeit
+scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben ursprünglich
+fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(211) erworben wurde, wo
+die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre
+stärkste Ausprägung nachweist(212).
+
+ (211) Respektive Elternkomplex.
+
+ (212) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für
+ überflüssig, ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen
+ Zurückführungen an die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene
+ keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu
+ den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion,
+ Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen,
+ welches sich aus der Berücksichtigung der psychoanalytischen
+ Anforderungen ergibt. Die Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß
+ ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus der Natur dieses
+ neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine andere
+ als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von
+ großen affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm
+ eine solche Bedeutung zugesteht.
+
+Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe
+Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
+diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
+unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
+verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
+sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften.
+
+Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall die Annahme
+einer Massenpsyche zu Grunde legen, in welcher sich die seelischen
+Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
+allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende
+fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
+nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei
+Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt
+wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
+Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
+waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
+Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
+vermeiden kann.
+
+Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit für
+solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
+Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche
+gestattet, sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
+Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie
+überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
+einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung
+zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
+und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
+wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen
+zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
+bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen. Ich
+werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder
+daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für
+das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die
+Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
+Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen
+hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
+psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
+Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
+Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
+Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
+schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen
+gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine
+Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
+stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und
+aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, daß keine
+Generation im stande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der
+nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß
+jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat
+besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
+das heißt die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der
+andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf
+diesem Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und
+Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater
+zurückgelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme
+jener Gefühlserbschaft gelungen sein.
+
+Ein anderes Bedenken dürfte gerade von Seiten der analytischen Denkweise
+erhoben werden.
+
+Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen der
+primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche
+ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
+und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß
+ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische
+Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
+den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
+fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die
+begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(213). Wenn
+wir aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
+Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht
+Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen
+verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem
+Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten zu
+Grunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß
+sie die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken
+ebenso ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.
+
+ (213) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu.
+
+Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? Wir sind
+berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer psychischen
+Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation
+zuzuschreiben(214). Demnach könnten die bloßen Impulse von
+Feindseligkeit gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu
+töten und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion
+zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der
+Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den
+wir mit Recht so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle
+beleidigendes Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang
+bis in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen
+Schaden, denn die psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle
+diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß ja eine
+Veränderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des
+Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes Argument, aber
+doch nicht entscheidend. Die Veränderung könnte auf minder gewaltsame
+Weise erreicht worden sein und doch die Bedingung für das Hervortreten
+der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters
+sich fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn
+berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt
+abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, was
+sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, Tabu und
+Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes und der vollsten
+Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und die Hemmungen der
+Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf
+psychische Realität, auf Vorsatz und nicht auf Ausführungen zurück. Wir
+müssen uns hüten, aus unserer nüchternen Welt, die voll ist von
+materiellen Werten, die Geringschätzung des bloß Gedachten und
+Gewünschten in die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des
+Neurotikers einzutragen.
+
+ (214) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der
+ Gedanken.
+
+Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
+gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der Unterschied,
+der anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil nicht das
+Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und
+Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
+Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab
+zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
+diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist
+nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
+einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von
+Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse bestrafen. Es
+ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit hatten
+diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und insoweit sie in
+der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
+Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten hatte in der Kindheit
+seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der
+späteren übermoralischen. Die Analogie der Primitiven mit den
+Neurotikern wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen,
+daß auch bei den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung
+kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel,
+daß die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen
+Zeugnissen zu tun beabsichtigten.
+
+Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht durch
+die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
+Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden, Wilden wie
+Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
+sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
+Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat.
+Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
+um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
+meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung
+einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
+Im Anfang war die Tat.
+
+
+
+
+WERKE VON PROF. SIGM. FREUD
+
+
+_Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse._ Fehlleistungen,
+Traum, Allgemeine Neurosenlehre. Drei Teile in einem Band.
+Großoktavausgabe, 4. Auflage. (5.-11. Tausend). 1920. Taschenausgabe,
+2. Auflage. (3.-7. Tausend) 1922. (Auf dünnem Papier, in biegsamem
+Ganzleinen- oder Ganzlederband.)
+
+_Die Traumdeutung._ 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1921.
+
+_Über den Traum._ 3. Auflage. 1921.
+
+_Zur Psychopathologie des Alltagslebens._ Über Vergessen, Versprechen,
+Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 8. Auflage. 1922.
+
+_Totem und Tabu._ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der
+Wilden und Neurotiker. 3. Auflage. 1922.
+
+_Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten._ 3. Auflage. 1921.
+
+_Über Psychoanalyse._ Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20-jähr.
+Gründungsfeier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Aufl. 1922.
+
+_Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie._ 5. Auflage. 1922.
+
+_Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre._
+
+ Erste Folge. 3. Auflage. 1920.
+ Zweite Folge. 3. Auflage. 1921.
+ Dritte Folge. 2. Auflage. 1921.
+ Vierte Folge. 2. Auflage. 1922.
+ Fünfte Folge. 1922.
+
+_Studien über Hysterie_ (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1916.
+
+_Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«._ (Schriften zur
+angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Aufl. 1912.
+
+_Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci._ (Schriften zur
+angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 2. vermehrte Aufl. 1919.
+
+_Jenseits des Lustprinzips._ 2. durchgesehene Auflage. 1921.
+
+_Massenpsychologie und Ich-Analyse._ 1921.
+
+ * * * * *
+
+IMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die
+Geisteswissenschaften. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_.
+Redigiert von Dr. Otto _Rank_ und Dr. Hanns _Sachs_. Viermal jährlich im
+Gesamtumfange von mindestens 32 Druckbogen Großquart. VIII. Band, 1922.
+
+INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE. Herausgegeben von Prof.
+Dr. Sigm. _Freud_. Unter Mitwirkung von Dr. K. _Abraham_ (Berlin), Dr.
+J. van _Emden_ (Haag), Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest), Dr. E. _Hitschmann_
+(Wien), Dr. E. _Jones_ (London) und Dr. E. _Oberholzer_ (Zürich),
+redigiert von Dr. Otto _Rank_. Viermal jährlich im Gesamtumfange von
+mindestens 32 Druckbogen Großoktav. VIII. Band, 1922.
+
+ * * * * *
+
+ INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
+ LEIPZIG -- WIEN -- ZÜRICH.
+
+Über die Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung informieren
+fortlaufend unsere beiden Zeitschriften:
+
+ IMAGO
+ Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften
+
+ und
+
+ INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE
+
+ Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
+
+ Beide herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_
+
+ Im Jahre 1922 erscheinen in den beiden Zeitschriften u. a. folgende
+ Beiträge:
+
+ Prof. _Freud_: Traum und Telepathie
+ -- Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und
+ Homosexualität
+ -- Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans
+ Dr. Karl _Abraham_ (Berlin): Vaterrettung und Vatermord in den
+ neurotischen Phantasien
+ -- Die Spinne als Traumsymbol
+ August _Aichhorn_ (Wien): Über die Erziehung in Besserungsanstalten
+ Dr. F. _Alexander_ (Berlin): Kastrationskomplex und Charakter
+ Dr. S. _Bernfeld_ (Wien): Über Sublimierung
+ Dr. F. _Boehm_ (Berlin): Beobachtungen über den erot.
+ Verkleidungstrieb (Transvestitismus)
+ Dr. William _Boven_ (Lausanne): Psychoanalytisches über Alexander
+ den Großen
+ Dr. Helene _Deutsch_ (Wien): Über die pathologische Lüge
+ (Pseudologia phantastica)
+ Dr. S. _Feldmann_ (Budapest): Über Erröten (Beitrag zur Psychologie
+ der Scham)
+ Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest): Die Psyche als Hemmungsorgan
+ -- Einige soziale Gesichtspunkte der Psychoanalyse (»Familienroman
+ der Erniedrigung«)
+ Anna _Freud_ (Wien): Schlagephantasie und Tagtraum
+ Albert _Furrer_ (Zürich): Tagphantasien eines sechseinhalbjährigen
+ Mädchens
+ Dr. Georg _Groddeck_ (Baden-Baden): Der Symbolisierungszwang
+ Dr. I. J. _Hermann_ (Budapest): Randbemerkungen zum
+ Wiederholungszwang
+ -- Zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung
+ Dr. Eduard _Hitschmann_ (Wien): Telepathie und Psychoanalyse
+ Dr. St. _Hollós_ (Budapest): Über das Zeitgefühl
+ Dr. R. H. _Jokl_ (Wien): Über den Schreibkrampf
+ Dr. Ernest _Jones_ (London): Funktionale Symbolik
+ Prof. Dr. Hans _Kelsen_ (Wien): Freuds Massenpsychologie und der
+ Begriff des Staates
+ Doz. Dr. Johann _Kinkel_ (Sofia): Psychologische Grundlagen und
+ Ursprung der Religion
+ Aurel _Kolnai_ (Wien): Zur psychoanalytischen Soziologie
+ Dr. F. _Künkel_ (Oberndorf): Eine hypnopause Vorstellung. Zum
+ Problem des Erwachens
+ Dr. Emil _Lorenz_ (Klagenfurt): Der Mythus der Erde
+ Rudolf _Löwenstein_: Zur Psychoanalyse der schwarzen Messen
+ Dr. Monroe _Meyer_ (New-York): Die Traumform als Inhaltsdarstellung
+ Dr. Anton _Mißriegler_ (Wördern): Über das Verlieben in Autoren
+ Dr. Emil _Oberholzer_ (Zürich): Eine Deckerinnerung
+ Dr. C. _Oberndorf_ (New-York): Die Rolle einer organischen
+ Ueberwertigkeit bei einer Neurose
+ Pfarrer Dr. Oskar _Pfister_ (Zürich): Die Religionspsychologie am
+ Scheidewege
+ -- Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten
+ Geistesfunktionen
+ Dr. Otto _Rank_ (Wien): Die Don Juan-Gestalt (Die soziale Funktion
+ der Dichtkunst)
+ Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen
+ Dr. Géza _Róheim_: Völkerpsychologisches in Freuds
+ »Massenpsychologie u. Ich-Analyse«
+ Doz. Dr. Paul _Schilder_ (Wien): Über eine Psychose nach
+ Staroperation
+ -- Pathologie des Ich-Ideals
+ Alice _Sperber_ (Wien): Über die seelischen Ursachen des Alterns und
+ der Jugendlichkeit
+ Dr. S. _Spielrein_: Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama
+ Dr. Arnold _Stocker_ (Jassy): Ödipustraum eines Schizophrenen
+ Dr. Alfred _Winterstein_ (Wien): Zur Entstehungsgeschichte der
+ griechischen Tragödie
+
+Für _Studierende_ und _Lehrer_ aller Grade _ermäßigtes_ Abonnement beim
+direkten Bezug vom _Internationalen Psychoanalytischen_ Verlag, Leipzig,
+Hospitalstraße 10 oder Wien, VII., Andreasgasse 3.
+
+
+
+
+Bücher von Dr. OTTO RANK:
+
+
+_Der Künstler._ Ansätze zu einer Sexualpsychologie. (Imago-Bücher I.)
+Viertes Tausend 1922
+
+_Der Mythus von der Geburt des Helden._ (Schriften zur angewandten
+Seelenkunde. Nr. 5.) Zweite Auflage 1922
+
+_Die Lohengrinsage._ Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung.
+(Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr. 13.) 1911
+
+_Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage._ Grundzüge des dichterischen
+Schaffens. 1912
+
+_Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung._ (Internationale
+Psychoanalytische Bibliothek. Nr. 4.) Zweite Auflage 1922
+
+_The Myth of the Birth of the Hero._ Nervous and Mental Disease
+Monograph Series. New York 1914
+
+_Il mito della nascita degli Eroi._ (Biblioteca Psicoanalitica Italiana.
+Nr. 4.) 1921
+
+
+Dr. OTTO RANK und Dr. HANNS SACHS:
+
+_Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften._
+Wiesbaden. 1913
+
+_The significance of Psycho-Analysis for the Mental Sciences._ Nervous
+and Mental Disease Monograph Series. New York. 1916
+
+ Zu beziehen durch den
+ INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG
+ LEIPZIG, Hospitalstraße 10
+ WIEN, VII. Andreasgasse 3
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Archäisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+ Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Bedeutung, zu welcher man
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
+
+ with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_'.«
+ with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).«
+
+ Exogamy«, Bd. I, p. 77.
+ Exogamy«, Bd. II, p. 77.
+
+ Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung
+ Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.
+
+ Raubehe (mariage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+ Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+
+ gelang es dem Verbot, nicht den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
+ gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
+
+ Individuums gegen das eine Objekt, viemehr die eine Handlung an ihm,
+ Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,
+
+ und Fortpflanzungsunfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,
+ und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder,
+
+ Punkte gleichkäme, zu verhindern
+ Punkte gleichkäme, zu verhindern.
+
+ Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft, sei. Dann fallen Erinnerung und
+ Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und
+
+ Geistern ihre erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
+ Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
+
+ großen englischen Revolution der Königsheilungen bei Skrofeln ihre
+ großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre
+
+ (49) W. _Brown_, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei
+ (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei
+
+ notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen
+ notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen.
+
+ Feindseligkeiten überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der
+ Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der
+
+ Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Bartarei und
+ Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und
+
+ herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonderes hohes Maß solcher
+ herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher
+
+ getötet. (Vgl. die nächsten Abhandlungen dieser Reihe: Animismus, Magie
+ getötet. (Vgl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie
+
+ Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen
+ Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen
+
+ es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nur bloß anzunehmen, daß
+ es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloß anzunehmen, daß
+
+ magische Handlung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten
+ magische Handlung, die kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten
+
+ des Konstrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
+ des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
+
+ recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-ani-mistic religion,
+ recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-animistic religion,
+
+ mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigouresement vraie, du
+ mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie, du
+
+ noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistesvorstellungen
+ noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen
+
+ Review, 1905; T. and. Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche
+ Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche
+
+ gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist dem Totemgenossen verboten
+ gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
+
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism has
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus Totemism has
+
+ vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen
+ vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen.
+
+ totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. So z. B.
+ totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B.
+
+ sei, durfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter
+ sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter
+
+ metaphysikal haze which some writers love to conjure up over the
+ metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
+
+ (165) »Improper because it was unusual.'
+ (165) »Improper because it was unusual.«
+
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet dem
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den
+
+ berschätzende Rolle spielen.
+ überschätzende Rolle spielen.
+
+ Die Auffassunng der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also
+ Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also
+
+ of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+
+ sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man den Knaben
+ sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben
+
+ Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sicht
+ Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
+
+ Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificum,
+ Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium,
+
+ Mit der fortschreitenden Demat rialisierung des göttlichen Wesens wurde
+ Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde
+
+ der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+ des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+
+ den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten nichts übrig, als --
+ den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als --
+
+ als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand in
+ als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+
+ dieses Aufsatzes sei
+ dieses Aufsatzes sei.
+
+ Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen,
+ Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen,
+
+ Massenpsyche, einer Kontuinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche
+ Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche
+
+ Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generation
+ Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen
+
+ Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen.
+ Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Totem und Tabu, by Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOTEM UND TABU ***
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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