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Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Die Werbung für »Werke von Prof. Sigm. Freud« wurde vom Anfang des + Buches ans Ende verschoben. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert. + ] + + + + + TOTEM UND TABU + + EINIGE ÜBEREINSTIMMUNGEN + IM SEELENLEBEN DER WILDEN + UND DER NEUROTIKER + + VON + PROF. Dr. SIGM. FREUD + + DRITTE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE + + 1922 + INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG + LEIPZIG WIEN ZÜRICH + + + Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen, vorbehalten. + + Copyright by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag«. + + + Gesellschaft für Graphische Industrie, Wien, III. Rüdengasse 11. + + + + +VORWORT. + + +Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel dieses Buches +in den beiden ersten Jahrgängen der von mir herausgegebenen Zeitschrift +»Imago« erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner +Seite, Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte +Probleme der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen +methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten Werke von W. +_Wundt_, welches die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen +Psychologie derselben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den +Arbeiten der Züricher psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme +der Individualpsychologie durch Heranziehung von völkerpsychologischem +Material zu erledigen streben(1). Es sei gern zugestanden, daß von +diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen eigenen Arbeiten +ausgegangen ist. + + (1) _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. für + psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; + derselbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen + Theorie, ibid. Bd. V. 1913. + +Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen +nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen +abhängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. Die vier hier +vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren Kreises von +Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von den wenigen +verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer +Eigenart nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, +Sprachforschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern +anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was ihnen +abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die neue +psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Beherrschung des +der Verarbeitung harrenden Materials. So werden sie sich wohl damit +begnügen müssen, hier wie dort Aufmerksamkeit zu erregen und die +Erwartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zusammentreffen von beiden +Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben kann. + +Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen geben, der +Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise +abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das +Problem erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über den +Totemismus bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die +psychoanalytische Betrachtung zur Klärung der Totemprobleme derzeit +beibringen kann. Dieser Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu +eigentlich noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und +auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur nach +doch nichts anderes als der »kategorische Imperativ« _Kant_'s, der +zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivierung ablehnt. Der +Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fühlen entfremdete, in +Wirklichkeit längst aufgegebene und durch neuere Formen ersetzte +religiös-soziale Institution, welche nur geringfügige Spuren in +Religion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker +hinterlassen hat, und selbst bei jenen Völkern große Verwandlungen +erfahren mußte, welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und +technische Fortschritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit +weniger anhaben können als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch +gewagt worden, den ursprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen +infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, in denen er in der +Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung +zwischen Totem und Tabu weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen +Hypothese, und wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen +ist, so ergibt dieser Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die +Möglichkeit, daß sie mehr oder weniger nahe an die schwierig zu +rekonstruierende Wirklichkeit herangerückt sein könnte. + +_Rom_, im September 1913. + + + + +Inhalt. + + + Seite + + I. Die Inzestscheu 1 + + II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 25 + + III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 100 + + IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus 133 + + + + +I. + +DIE INZESTSCHEU. + + +Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er +durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns +hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und +Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der +Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die +Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. +Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben +Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe +stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge +und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die +sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein +besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene +Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen. + +Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der +»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der +Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt +worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns +gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. + +Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung +jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten, +armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des +jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel +Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat. + +Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, +die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten +Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern +erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den +Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht +einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem +Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die +sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die +Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen +Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von +Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme +im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten +Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver +zu sein, als die der Küste nahewohnenden. + +Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß +sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen +Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch +erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster +Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele +gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser +Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden +zu sein. + +An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet +sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen +Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder +nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein +Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener +eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem +besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens +der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der +ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder +kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, +sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten +(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst +bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem +Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. +Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in +zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem +darstellen oder nachahmen. + +Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie +erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche +und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit +zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des +Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus +und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2). + + (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is + stronger than the bond of blood or family in the modern sense. + +An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen +wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem +friedlich beisammen(3). + + (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne + Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der + Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten + Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich + in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige + Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das + vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und + Bücher und Schriften von Andrew _Lang_ (»The secret of the Totem, + 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die + Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. + _Ferguson Mc Lennan_ (1869-1870). Totemistische Institutionen wurden + oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern + Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen + Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche + sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber + erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und + semitischen Urvölkern Europas und Asiens bestanden hat, so daß viele + Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene + Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. + + Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem + beizulegen, das heißt die Abstammung von dem oder jenem Tier zur + Grundlage ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, + auch ihrer sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber + zahlreiche Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundts_ + Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber + keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst + zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen + Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden + soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses Bandes.) + + Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die + Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie + oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man + nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber + nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker + in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich + haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und + Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den + Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des + Verfalles, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und + religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, + die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben + mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues + Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung + derselben gefaßt werden darf. + +Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen +Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers +sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das +Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche +Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten +dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_. + +Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch +nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem +bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es in das System des +Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn +manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im +Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu +tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen +notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie +immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht +und erweist sich als eine sehr feste. + +Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen +klar. + +a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen +automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei +anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern wird +vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine die +ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende Schuld +abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buche von _Frazer_(4) mögen zeigen, wie +ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht +unsittlichen, Wilden behandelt werden. + + (4) _Frazer_, l. c. Bd. I, p. 54. + +»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person +of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the +same local group or has been captured in war from another tribe; a man +of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by +his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed +in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In +the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the +man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she +is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that +she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions +are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded +with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).« + +b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt +wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere, +z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich. + +c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird, +so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit +leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem +Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, +Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die +Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen +Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5). + + (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses + Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. + Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die + Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den + Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter + freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis + darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, + denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem + gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind. + +d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem +Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die +Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne +auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe +unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht +blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte +behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen +Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei +zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht +ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem +(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem +gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in +dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als +absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt. + +So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von +Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht +gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft +durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen +Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten, +daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen. + +Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die +Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der +Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran +denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden +Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die +Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des +Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu +bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und +festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche +Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. + +Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine +Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang +gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich +bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern +zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach +dem Ausdruck L. H. _Morgans_ dem »_klassifizierenden_« System an. Das +will heißen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern +auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter +hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter« +jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der +Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«, +»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch +die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen +Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei +Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine +Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem +Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische +Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet +sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, +jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu +begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«, +»Schwestern in Christo« sprechen. + + (6) Sowie der meisten Totemvölker. + +Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauches +ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener +Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« +genannt hat, deren Wesen darin besteht, daß eine gewisse Anzahl von +Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die +Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister +betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und +alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten. + +Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der +menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere +aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so +stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin +überein, daß die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Überrest +aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und +_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen +der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die +Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe +vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache +und Sitten zurückzulassen. + + (7) 2. Aufl., 1902. + + (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. + +Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns +das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben +Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot +des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint +als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches +dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat. + +Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in +ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß +die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick +verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige +Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke +zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei +Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathries) +genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine +Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede +Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also +in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den +Totemsippen. + +Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines +australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus: + + Phrathrien + + a b + / \ / \ + / \ .......... / \ + / \ .... / ...... \ + / \ ... / ...\ + c . d ... . e f + /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\ + / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \ + / | \ .../..|..\ . / | \ / | \ + / | \ / | \ / | \ / | \ + A B C D E F 1 2 3 4 5 6 + +Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen +untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c bildet +mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. Der Erfolg, also die +Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem +Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen +Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre +jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen +Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur +Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese +Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der +Sippen 1-6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die +Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) muß seine Ehewahl auf die +Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. + + (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. + +Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen +Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus +ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen +wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber während +die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die +entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die +komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und +der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu +entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, +weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das +Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen +Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft +sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie +angestrebten Regelung der Ehewahl. + +In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein +Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests +hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu +verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit +jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft +ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10). + + (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, + 1911 (A. _Lang_). + +Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich +verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung +der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem, tiefer +eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große +Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde Völker zur Verhütung +des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst +inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung +näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen. + + (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie: + »Zur Sonderstellung des Vatermordes«, Schriften zur angewandten + Seelenkunde, 12. Heft, Wien 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. + +Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der +Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich +gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von +»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter +in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge +eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen +kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen« +(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen +Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, +mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb +zu nehmen. + +In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den +Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf +_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten +Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er +jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein +Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine +Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine +Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen +niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so +muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse +Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen +nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal +ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu +gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese +Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze +Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem +Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der +Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht +selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut +an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern +»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und +Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht +vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12). + + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and + Exogamy«, Bd. II, p. 77. + +Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von +ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch +seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer +Umschreibung(13). + + (13) _Frazer_, l. c. II, pag. 124, nach _Kleintitschen_, Die + Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel. + +Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von +solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie +dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine +Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten +miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist +der Tod durch Erhängen(14). + + (14) _Frazer_, l. c. II, pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos, + 1908. + +Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; +sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die +Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß +diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen +Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir +es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu +verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15). + + (15) _Frazer_, l. c. II, pag. 147, nach Rev. L. _Fison_. + +Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle +nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst +anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu +begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester +unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. +Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, +wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter +bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische +Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie +leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne +weiteres angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu +ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher +Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun +sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote +auszuweichen(16). + + (16) _Frazer_, l. c. II, pag. 189. + +Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten +merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des +Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person +irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus +einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut +sich nicht, in ihre Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit +zitternder Stimme(17). + + (17) _Frazer_, l. c. II, pag. 388, nach _Junod_. + +Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein +Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte. +Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem +eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn +auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn +hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der +Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg +gelegt(18). + + (18) _Frazer_, l. c. II, pag. 424. + +Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker +interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem +Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz +allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den +Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der +Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. +Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen +Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht +so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide +Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. + +Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den +Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, +werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele +beschränken. + +Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich +genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die +seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt +das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder +er tut das nämliche. + +In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter +seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut +nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen +sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz +ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht +oder sie den ihres Schwiegersohnes(19). + + (19) _Frazer_, l. c. II, pag. 76. + +Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine +Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr +begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so +schnell er kann, davon, um sich zu verstecken(20). + + (20) _Frazer_, l. c. II, pag. 117, nach C. _Ribbe_, Zwei Jahre unter + den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905. + +Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner +Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft +auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, +und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem +sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors +Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können und das Weib +nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein +Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der +Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt +werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn +sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich +haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund +nehmen(21). + + (21) _Frazer_, l. c. II, pag. 385. + +Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein +Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen +Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk +verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei +Haustieren nicht straflos läßt(22). + + (22) _Frazer_, l. c. II, pag. 461. + +Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen +Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen +Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben +die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von +manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht +unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung +zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau +entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu +sein(23). + + (23) V. _Crawley_, The mystic rose. London 1902, pag. 405. + +Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben, +der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin +eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner +Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer +besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft. + +Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das +Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige +Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich +bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen +sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde +auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch +an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu +zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der +tatsächlichen Beobachtung deckt. + +E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der +Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« +(cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, +und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von +den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, +unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der +Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter +nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie +dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher +in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt(24). + + (24) _Crawley_, l. c., pag. 407. + +Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes gefragt wurde, gab +die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die +Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25). + + (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_, Among the Zulus and + Amatongas, 1875. + +Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und +Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten +der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der +weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für +die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn +solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen +wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt +hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre +Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den +beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein +ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der +psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas +enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr +Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade +das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf +hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem +Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich +meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus +widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes +ist. + +Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der +Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, +das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, +eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause +eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem +fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, +die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not +least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der +Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl +zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele +gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, +Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau +wertvoll machen. + +Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische +Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen +Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der +Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht +ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf +der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. +Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, +Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu +den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; +es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den +Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt +so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche +Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der +Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann -- +mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des heftigen seelischen +Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer +Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der +Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder +die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der +miteinander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht +häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der +Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, +zärtliche, um so sicherer zu unterdrücken. + +Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch +ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der +Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter, +vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; +infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren +Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren +Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner +Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich +eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser +widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die +Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der +Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so +daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm +die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und +Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die +Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn +darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann +manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe +seine Neigung auf deren Tochter übergeht. + +Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der +inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen +Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden +also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser +primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung +bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen +den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen +Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe +der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die +Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das +Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine +Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter. + +Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu +zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der +psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden +können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt +worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung +hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug +und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des +Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle +Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, +Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, +auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei +macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des +psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von +den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er +ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In +seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die +inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin +gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern +für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser +Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den +allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung +wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in +immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte +des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und +Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu +glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung +des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen +Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden +Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit +bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und +der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten. + + + + +II. + +DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ DER GEFÜHLSREGUNGEN. + + +_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns +Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht +mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig; ihr _sacer_ war +dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das ~agos~ der Griechen, das +_Kodausch_ der Hebräer muß das nämliche bedeutet haben, was die +Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), +Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken. + +Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen +auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits: +unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heißt +im Polynesischen noa -- gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit haftet +am Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert sich auch +wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung +»heilige Scheu« würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken. + +Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder die +moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes +zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den +Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, +welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese +Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder +Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, +erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft +stehen. + +_Wundt_(26) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex +der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter ist als +die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht. + + (26) Völkerpsychologie, II. Bd., »Mythus und Religion«, 1906, II, + p. 308. + +Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um dieses der +psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen +Auszug aus dem Artikel »Taboo« der »Encyclopedia Britannica(27)« folgen, +der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat. + + (27) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten + Literaturnachweise. + +»Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen) +Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschränkung, welche +sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die Heiligkeit (oder +Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das +Gegenteil von tabu heißt in Polynesien '_noa_', was 'gewöhnlich' oder +'gemein' bedeutet ...« + +»In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu +unterscheiden: 1. Ein _natürliches_ oder direktes Tabu, welches das +Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person +oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch +von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von +einem Priester, Häuptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein +Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide +Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes +durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle +Beschränkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses +Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen.« + +»Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a) +den Schutz bedeutsamer Personen, wie Häuptlinge, Priester und +Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; b) die Sicherung der +Schwachen -- Frauen, Kinder und gewöhnlicher Menschen im allgemeinen -- +gegen das mächtige Mana (die magische Kraft) der Priester und +Häuptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von +Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die +Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte, wie Geburt, +Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher +Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen(28); f) die +Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren, +die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhängigkeit von +ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu +sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen +könnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des +Eigentums einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen +Diebe.« + + (28) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche + in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden. + +»Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ursprünglich einer +inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das verletzte +Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen von Göttern und Dämonen +hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der +Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen +Fällen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, +übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen +Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die +ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.« + +»Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden. +Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, können +durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.« + +»Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft angesehen, +die an Personen und Geistern haftet und von ihnen aus durch unbelebte +Gegenstände hindurch übertragen werden kann. Personen oder Dinge, die +tabu sind, können mit elektrisch geladenen Gegenständen verglichen +werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch +Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn +der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu +widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur +von der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt +haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser Kraft bei +dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und Priester Inhaber +einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre Untertanen, in +unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine +andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana kann ungefährdet mit ihnen +verkehren, und diese Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen +ihre Annäherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch +mitgeteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab, +von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt, +ist es wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlichen Menschen käme.« + +Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu +Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu +versuchen. + +»Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häuptlinge sind +das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehört hat. +Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände an, so an die +Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach +der Expedition, an die Tätigkeiten des Fischens und Jagens u. dgl. Ein +allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen +großen Bezirk verhängt werden und dann jahrelang anhalten.« + +Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen weiß, so +getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten nach all diesen +Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter +vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen können. +Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von +mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die +Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion. +Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was +man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und darf +versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist. +Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich diese +primitiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen +nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern +sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt, +daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen +wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche +Übertretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft +hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier +gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann +in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genußfähigkeit, Bewegungs- +und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fällen sinnreich, sollen +offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fällen sind +sie ihrem Inhalt nach ganz unverständlich, betreffen wertlose +Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All +diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, als +ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine +gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so +geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die +Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine +oder das eine hat mehr davon als der andere, und die Gefahr richtet sich +geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl, +daß, wer es zu stande gebracht hat, ein solches Verbot zu übertreten, +selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze +gefährliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen +Personen, die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene, +an allen Ausnahmszuständen, wie die körperlichen der Menstruation, der +Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit und Tod, und +was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungsfähigkeit damit zusammenhängt. + +»Tabu« heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die Örtlichkeiten, +Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, welche Träger oder Quelle +dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heißt auch das Verbot, +welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt endlich +seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche +erhaben wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. + +In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt sich ein +Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich nicht nahe +gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß man sich diesem +Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so tiefstehende +Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dämonen einzugehen. + +Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel des Tabu +wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich +des Versuches einer Lösung wert ist, sondern auch noch aus anderen +Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der Wilden Polynesiens doch +nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, daß die +Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen +eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und daß +die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres +eigenen »kategorischen Imperativs« zu werfen vermöchte. + +Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn +ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt, +zumal da er verspricht, »zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen +zurückzugehen(29)«. + + (29) In der Völkerpsychologie, Band II, »Religion und Mythus«, II, + p. 300 u. ff. + +Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in +denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen +zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden +Handlungen ausdrückt(30)«. + + (30) l. c., p. 237. + +Ein andermal: »Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem +allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder +in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen +Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder +gewisse verpönte Worte zu gebrauchen ....,« so gebe es überhaupt kein +Volk und keine Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen +wäre. + +_Wundt_ führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, die Natur +des Tabu an den primitiven Verhältnissen der australischen Wilden als in +der höheren Kultur der polynesischen Völker zu studieren. Bei den +Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie +Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das +wesentlich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern +des _Totemismus_(31). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu +seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von +vornherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine +ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest +der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und unmittelbar nach +der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem +fortwährend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu +für jeden anderen; so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum +persönlichsten Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein +Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß geheim +gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, Pflanzen, +Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen nur der +Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher +Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist. + + (31) Vgl. darüber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buches. + +Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier +und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß _Wundt_ selbst für nicht sehr +tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung dieser Völker +macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige und Priester ein +besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang des Tabu +ausgesetzt werden. + +Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den +Interessen der privilegierten Stände; »sie entspringen da, wo die +primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung +nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_(32)«. +»Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der +in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dämonischen Macht, +verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es +wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons +zu beseitigen.« + + (32) l. c., p. 307. + +Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht, +die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und +des Herkommens und schließlich des Gesetzes. »Das Gebot aber, das +unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden +Tabuverboten steht, ist ursprünglich das _eine_: Hüte dich vor dem Zorn +der Dämonen.« + +_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß des +Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später habe sich +das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine Macht geblieben, +einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer +Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer +Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Sätze zum Widerspruch +reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu +leihen, wenn ich die Aufklärung _Wundts_ als eine Enttäuschung +anspreche. Das heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen +heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch +die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden, +die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders, wenn die +Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie +die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen; sie sind von etwas +und aus etwas geschaffen worden. + +Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht +ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primitiven Anfänge des Tabu +besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht. +Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie +eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen +konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind +dämonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren Sinne +unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende +Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden darf, ist der +Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das +schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam +bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden +Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis +darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche +Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer +Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich zu +Gegensätzen entwickelt haben. + +Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämonische Macht, die +in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder unerlaubte +Verwendung durch Verzauberung des Täters rächt, ist eben noch ganz und +ausschließlich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in +die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe +annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_. + +Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung +der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen -- in das der +Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fällt mit der +Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die +frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist, +sondern in der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung sich +paarenden Wertschätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein +das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der +höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in +erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in +solche des Abscheus sich umwandeln(33). + + (33) l. c., p. 313. + +Die weiteren Ausführungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhältnis der +Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. + + +2. + +Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung des unbewußten +Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu +herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm diese +Phänomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche +Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso streng befolgen +wie die Wilden die ihrem Stamme oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. +Wenn er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als +»_Zwangskranke_« zu bezeichnen, würde er den Namen »_Tabukrankheit_« für +deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat +er aber durch die psychoanalytische Untersuchung so viel erfahren, die +klinische Ätiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanismus, +daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur Aufklärung der +entsprechenden völkerpsychologischen Erscheinung zu verwenden. + +Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden müssen. Die +Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein äußerliche +sein, für die Erscheinungsform der beiden gelten und sich nicht weiter +auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nämlichen Formen in +den verschiedensten biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am +Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen +Kristallen oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es wäre +offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese Übereinstimmungen, +die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen zurückgehen, +Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Verwandtschaft +beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die +beabsichtigte Vergleichung dieser Möglichkeit wegen nicht zu +unterlassen. + +Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsverbote (bei den +Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß diese Verbote ebenso +unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie sind irgend +einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst +gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine +innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem +unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken +mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse +Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches +diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man diese +kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden Sühne- und +Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. + +Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der +Berührung, daher der Name: Berührungsangst, Délire de toucher. Das +Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem +Körper, sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in +Berührung kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, +eine Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der +unmittelbare leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim +Tabu wieder. + +Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständlich, +ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinnlos. +Wir bezeichnen solche Gebote als »Zeremoniell« und finden, daß die +Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen. + +Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie +dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt +auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner +Kranken treffend sagt, »_unmöglich_«. Die Unmöglichkeit hat am Ende die +ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als +wären die »unmöglichen« Personen und Dinge Träger einer gefährlichen +Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu +übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit und der +Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote +hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch die +Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf +mit ihm in Berührung treten. + +Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) des +Verbots zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus +meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau. + +»Ein _Maori_häuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn +sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem +Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird, +die Speise der Person, die von ihr ißt, und so müßte die Person sterben, +die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im +Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und +gefährlichen Hauch(34).« + + (34) _Frazer_, The golden bough, II, Taboo and the perils of the soul, + 1911, p. 136. + +Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom +Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst den +Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn sie hat gehört, daß +dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen +wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin, +welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem +Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute »unmöglich«, +tabu, und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die +Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will. + +Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschränkungen des +Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann +aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Handlungen, die nun auch +geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und +deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem +Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das +Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so +ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches »Zeremoniell« +gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die +bevorzugte. + +Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Übereinstimmung der +Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten +äußert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung +durch eine innere Nötigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der +Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von +zeremoniösen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen. + +Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Fälle von +Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden. +Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst wie folgt: +Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke +Berührungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt +wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von außen_ ein Verbot +entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen(35). Das Verbot wurde +aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen(36); +es erwies sich stärker als der Trieb, der sich in der Berührung äußern +wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des Kindes +gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des +Verbotes war nur, den Trieb -- die Berührungslust -- zu verdrängen und +ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten; +der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil +mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung +durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische +Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und +Trieb leitet sich nun alles weitere ab. + + (35) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der + eigenen Genitalien. + + (36) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot + gegeben wurde. + +Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert +worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des +Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, +heißen könnte(37). Es will diese Handlung -- die Berührung -- immer +wieder ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden +Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir +können nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht +zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde +Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde +dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich +so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen. + + (37) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_. + +In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des +Verbots in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben; für +die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrängung +auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die +mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung +des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche +scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht +finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke +-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewußten +Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer inneren +Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit +und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder, +der sich mit der unbewußten Lust zuträgt und unter den psychologischen +Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust +verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, +zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene -- Ersatzobjekte und +Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt +sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß +der verdrängten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen +Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte +erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden +Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen +darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in der +einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und +dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche +den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der +neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den +Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich verbotene +Handlung herankommen. + +Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wäre es +von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns +dabei von vornherein klar, daß viele der für uns zu beobachtenden +Tabuverbote sekundärer, verschobener und entstellter Art sind, und daß +wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und +bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten +in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein +dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine +Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem +Punkte gleichkäme, zu verhindern. + +Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der +wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu +fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unfähig sein, darüber +etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen »unbewußt«. Wir +konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach dem +Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer +Generation von primitiven Menschen dereinst von außen aufgedrängt, das +heißt also doch wohl von der früheren Generation ihr gewalttätig +eingeschärft. Diese Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine +starke Neigung bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu +Generation erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch +elterliche und gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie +sich in den späteren Generationen bereits »organisiert« als ein Stück +ererbten psychischen Besitzes. Ob es solche »angeborene Ideen« gibt, ob +sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der +Tabu bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den in Rede, stehenden +Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines +hervor, daß die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch +bei den Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten +eine _ambivalente Einstellung_; sie möchten im Unbewußten nichts lieber +als sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich +gerade darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die +Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewußt +wie bei dem Neurotiker. + +Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze +des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu töten und den sexuellen Verkehr +mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden. + +Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Menschen sein. +Wir können das nicht verstehen und können demnach unsere Voraussetzung +nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Abkunft des +totemistischen Systems so völlig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse +der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird +selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr +Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die +Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und +dann für den Kern der Neurose erklären(38). + + (38) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte + Studie über den Totemismus. + +Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den früher +mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst für uns auf +folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein +verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht. + +Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu +übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der +anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das +Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen +Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an unpersönlichen +Dingen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer +die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die +eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in +_Versuchung_ zu führen, das Verbot zu übertreten. + +Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die +gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Beispiel +folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen +verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insofern jedes Beispiel +zur Nachahmung ansteckt, und darum muß er selbst gemieden werden. + +Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann doch +permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand +befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen +anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten +Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände sind von solcher Art und haben +diese gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den Neid auf +seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König sein. Der Tote, das +Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre +besondere Hilfslosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum +durch den neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen +und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben +werden. + +Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener Personen +sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben können. Das Tabu +eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale +Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein Minister kann etwa den +unschädlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der +Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan, +der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit dem +König bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht +so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst +erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König +durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt ist. +So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden Zauberkraft +weniger zu fürchten als besonders große. + +Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote eine +soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft +gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll. +Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewußten Regungen für die +unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der Möglichkeit der +Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung käme. +Wenn die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne +werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter. + +Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt wie beim +Délire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu +unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns +nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bemächtigung, +jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen. + +Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die +Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen, übersetzt. +Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich die Ansteckungsfähigkeit des +Tabu vor allem in der Übertragung auf Gegenstände äußert, die dadurch +selbst Träger des Tabu werden. + +Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose +nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf +assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so +aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft des »Mana« +zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an +seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere, +ihn zur Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten. +Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir +annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der +Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der +Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und +Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn das Beispiel +eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur +gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot +fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person +auf einen Gegenstand und von diesem auf einen anderen überträgt. + +Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Sühne +oder Buße, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit +bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, daß die Befolgung der +Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gern gewünscht +hätte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an +anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den +Schluß ziehen, daß die Buße etwas Ursprünglicheres ist als die +Reinigung. + +Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich uns aus der +Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das +Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt +und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu +übertreten, besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu +gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu +Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die +Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich +wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das +verbotene Gelüste im Unbewußten auf Anderes verschiebt. Die Sühne der +Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung des +Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt. + + +3. + +Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit +der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene +Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar +nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu +haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns +sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir +diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht +haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, indem wir +die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins Einzelne fortsetzen. + +Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können die +Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir +von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folgerungen, +zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phänomenen des Tabu unmittelbar +erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. +Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten +Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht +sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen +Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die +Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose +zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische +Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der +Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten +Anzeichen für ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder +Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche wie dem +Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den +beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch +an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter +Tendenzen, aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach +der Art von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck +geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu und +der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert. + +Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwähnt, für +unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Totemismus unzugänglich; ein +anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer Abkunft und für unsere +Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden +Völkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst +von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das Tabu +selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern auferlegt +werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine +große Gruppe von Vorschriften übrig, an denen unsere Untersuchung +vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich +a) an _Feinde_, b) an _Häuptlinge_, c) an _Tote_ knüpfen, und werde das +zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. _Frazer_ +in seinem großen Werke: »The golden bough« entnehmen(39). + + (39) Third edition, part II, Taboo and the perils of the soul, 1911. + + +a) Die Behandlung der Feinde. + +Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern ungehemmte und +reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit +großem Interesse erfahren, daß auch bei ihnen die Tötung eines Menschen +zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den +Tabugebräuchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit +Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des +getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen +des Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder +wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein mögen, läßt +sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht mit +Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen +Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf man annehmen, daß es sich um +weitverbreitete Gebräuche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten +handelt. + +Die _Versöhnungs_gebräuche auf der Insel _Timor_, nachdem eine +siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der besiegten +Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil überdies der +Führer der Expedition von schweren Beschränkungen betroffen wird +(s. u.). »Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer dargebracht +um die Seelen der Feinde zu versöhnen; sonst müßte man Unheil für die +Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang +vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine +Verzeihung erbeten wird: 'Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei +uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt +vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer +gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und +uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wären wir nicht +besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht vergossen und dein +Kopf nicht abgeschnitten worden(40).'« + + (40) _Frazer_, l. c., p. 166. + +Ähnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den +Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. +(Nach _Paulitschke_: Ethnographie Nordostafrikas.) + +Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren Feinden +nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer zu machen. Es besteht in +der zärtlichen Behandlung der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde +Stämme _Borneos_ sich deren rühmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_ +von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate +hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den +zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die +besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt, +Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren +Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er +jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an +dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil +zuschriebe(41). + + (41) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. -- Nach _Hugh + Low_, Sarawak, London 1848. + +Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer um den +erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein +_Choctaw_ einen Feind getötet hatte, so begann für ihn eine monatlange +Trauer, während welcher er sich schweren Einschränkungen unterwarf. +Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein +Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann +um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre(42). + + (42) J. O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p. 181. + +Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen zur Behandlung +der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende Einwendung +Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Versöhnungsvorschriften, wird +man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und +hat nichts mit einer »Ambivalenz« zu tun. Diese Völker werden von +abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, +einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der +große britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und +_Richards_ III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben +leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, wie auch +die später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; für diese +Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten +Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Bemühungen, die +den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(43). Zum +Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getöteten +Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf +sie zurück. + + (43) _Frazer_, Taboo, p. 169 u. s. f., p. 174. Diese Zeremonien + bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brüllen und + Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instrumenten usw. + +Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso +ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungsversuches +gern ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr +auseinanderzusetzen, und stellen ihr zunächst nur die Auffassung +entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen über +das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im +Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen zum +Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen der Reue, der +Wertschätzung des Feindes, des bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht +zu haben. Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot +lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt +werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines +Gottes empfangen wird. + +Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurück. Die +_Beschränkungen_ des siegreichen Mörders sind ungemein häufig und meist +von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Versöhnungsgebräuche oben) darf +der Führer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren. +Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei +Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt. +In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst +ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in den Mund schieben(44). +-- Bei einigen _Dayak_stämmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug +Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser +Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen berühren und bleiben ihren +Frauen fern. -- In _Logea_, einer Insel nahe _Neuguinea_, schließen sich +Männer, die Feinde getötet oder daran teilgenommen haben, für eine Woche +in ihren Häusern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und +ihren Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und +nähren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für sie +gekocht wird. Als Grund für diese letzte Beschränkung wird angegeben, +daß sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen dürfen; sie würden sonst +erkranken und sterben. -- Bei dem _Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf +_Neuguinea_ darf ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem Weib +nicht nahe kommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird +von anderen Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis +zum nächsten Neumond. + + (44) _Frazer_, Taboo, p. 166, nach S. _Müller_, Reizen en + Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857. + +Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Fälle von +Beschränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und hebe +nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders +auffällig ist oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, Reinigung und +Zeremoniell auftritt. + +Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im +Kampfe getötet hat, »unrein«, wofür dasselbe Wort gebraucht wird, das +auf Frauen während der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung +findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Männer nicht +verlassen, während sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln +und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht +einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so +würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch +Waschungen und anderes Zeremoniell. + +Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten +Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser +Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und +kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung. +Wenn ein _Choctaw_ einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann für +ihn eine Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar nicht +kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der +Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens. + +Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ getötet hatte, so mußte er sich +schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. Während einer +sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berühren, +auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte +allein im Walde, von einer alten Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung +brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug -- als Zeichen der Trauer +-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand dann +die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und +seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mörders viel +ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht wie +diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt +ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder +Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit +erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in +ihren Kämpfen gegen die _Apachen_. + +So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und +Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer +eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren Mitteilung +doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte eröffnen können. +Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige oder permanente +Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit +erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. Die Stellung des +»Freimannes« in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat +eine gute Vorstellung von dem »Tabu« der Wilden(45). + + (45) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p. 165-190. »Manslayers + tabooed«. + +In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschränkungs-, +Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien miteinander +kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit +ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des +Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur +Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig +aufgefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär +ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht +anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer +Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der +Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten. + + +b) Das Tabu der Herrscher. + +Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, Priester +wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu ergänzen als zu +widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten und man muß sie +behüten(46). Beides geschieht vermittels einer Unzahl von +Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten muß, ist uns +bereits bekannt geworden: weil sie die Träger jener geheimnisvollen und +gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung +durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung +Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare +oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo +solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die +gefürchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z. B., +daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterkönigs betreten, +daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke +Schulter entblößen und den König veranlassen, diese mit seiner Hand zu +berühren. So trifft das Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs +das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der +Berührung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die +Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung im +Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegensatz der +Passivität und der Aktivität gegen den König. + + (46) _Frazer_, Taboo, p. 132. »He must not only be guarded, he must + also be guarded against«. + +Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung handelt, +brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Könige von +England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, diese Kraft +an der Skrofulose geübt, die darum den Namen: »The King's Evil« trug. +Königin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer königlichen Prärogative +ebensowenig wie irgend einer ihrer späteren Nachfolger. Charles I. soll +im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter +dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten nach der Überwindung der +großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre +höchste Blüte. + +Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend +Skrofulöse berührt haben. Das Gedränge der Heilungsuchenden pflegte bei +dieser Gelegenheit so groß zu sein, daß einmal sechs oder sieben von +ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der +skeptische Oranier Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts +König von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als +er sich zu einer solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit den Worten: +»Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand(47).« + + (47) _Frazer_, The magic art I, p. 368. + +Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob auch +unabsichtlich, _gegen_ den König oder das, was zu ihm gehört, aktiv +wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Häuptling von hohem +Rang und großer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner +Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, +kräftiger, hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich +darüber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein +entsetzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen +sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger +Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte +er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen +Sonnenuntergang des nächsten Tages(48). Eine _Maori_frau hatte gewisse +Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem mit Tabu +belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des Häuptlings, den +sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah am Nachmittag und +am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot(49). Das Feuerzeug eines +Maori-Häuptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der +Häuptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, +um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das +Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(50). + + (48) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_, + Taboo, p. 135. + + (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei + _Frazer_ ibid. + + (50) _Frazer_, l. c. + +Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, so +gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen zu +isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie für die +anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dämmern, daß diese +ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute noch als höfisches +Zeremoniell existiert. + +Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt sich +nicht auf das Bedürfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurückführen. Der +andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das +Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat +an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen +Etikette den deutlichsten Anteil gehabt. + +Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren zu +schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das Wohl und +Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den +Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und +Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern +auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt, und für den festen +Boden, auf den sie ihre Füße setzen(51). + + (51) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p. 7. + +Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer Fähigkeit zu +beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, und an welche auf +späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Höflinge +Glauben heucheln werden. + +Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher +Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor den sie +bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der einzige +Widerspruch, der in der Behandlung königlicher Personen bei den Wilden +zu Tage tritt. Diese Völker halten es auch für notwendig, ihre Könige zu +überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne verwenden; sie sind +ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. +Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften +für den König bei. »Die Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despotismus +ist,« sagt _Frazer_(52), »demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher +existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und +gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur für +seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die +Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten seines +Volkes regelt. Sobald er darin nachläßt oder versagt, wandeln sich die +Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er +bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird +schmählich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben +rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als +Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies +veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder Widerspruch +zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr +König ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch als ihr Beschützer +erweisen; und wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem anderen, +der bereitwilliger ist, den Platz räumen. Solange er aber ihren +Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und +sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu +behandeln. Ein solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System +von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen +und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu +erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig +und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, welche die +Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall +gleichzeitig zu Grunde richten könnten. Diese Vorschriften, weit +entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner +Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie +angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual.« + + (52) l. c., p. 7. + +Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung eines +heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der +Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt +worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre alt +ist(53), erzählt: »Der Mikado glaubt, daß es seiner Würde und Heiligkeit +nicht angemessen sei, den Boden mit den Füßen zu berühren; wenn er also +irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Männern hingetragen +werden. Es geht aber noch viel weniger an, daß er seine heilige Person +der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, +auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so +hohe Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein Bart +geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. Damit er aber +nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schläft; sie +sagen, was man in diesem Zustand von seinem Körper nimmt, kann nur als +gestohlen aufgefaßt werden; und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde +und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mußte er jeden +Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem +Throne sitzen, aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, +Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe und +Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen +oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß +auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot, +Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbrechen, um das Land zu +verheeren.« + + (53) _Kämpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l. c., p. 3. + +Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, mahnen +lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In _Shark Point_ bei _Kap +Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterkönig, _Kukulu_, +allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht +verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend +schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind aufhören und die +Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken +zu halten und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der +Atmosphäre zu sorgen(54). Je mächtiger ein König von _Loango_ ist, sagt +_Bastian_, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist +von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, während er +heranwächst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt. + + (54) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«, + Jena 1874, bei _Frazer_, l. c., p. 5. + +Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht, +daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priesterwürde +haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß Beschränkungen +der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie +konservierend aber auf alte Gebräuche der Zusammenhang mit diesen +privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von +Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, also von +weit höheren Kulturstufen, genommen sind. + +Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte +eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er +durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring +tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewändern +haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, +rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar +durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten, +seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glückbringenden Baum +vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten +Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die +_Flaminica_, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer +gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, an +gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; das Leder ihrer Schuhe durfte +von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen Todes gestorben +war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie +Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht +hatte(55). + + (55) _Frazer_, l. c., p. 13. + +Die alten Könige von _Irland_ waren einer Reihe von höchst sonderbaren +Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren +Übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das vollständige +Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen +älteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418 +tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse +Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser +Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen +Fluß nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf +einer gewissen Ebene lagern u. dgl.(56). + + (56) _Frazer_, l. c., p. 11. + +Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat bei vielen +wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für +unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Königswürde +hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand, +der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird +es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft +notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. +Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, +kam die Monarchie tatsächlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit +finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu übernehmen. In +manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Königs ein geheimes +Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die +Wahl fällt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus im Gewahrsam +gehalten, bis er sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen. +Gelegentlich findet der präsumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich +der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling +berichtet, daß er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem +Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(57). Bei +den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme +der Königswürde so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren, Fremde +zu ihren Königen zu machen. + + (57) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der Loangoküste«, bei + _Frazer_, l. c., p. 18. + +_Frazer_ führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der +Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen +Priester-Königtums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die +von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige wurden unfähig, die +Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mußten diese geringeren, aber +tatkräftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der +Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen +Herrscher, während die nun praktisch bedeutungslose geistliche +Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit +diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet. + +Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren +Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, daß uns der +Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen +Verständnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr +verwickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den +Herrschern große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der +anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie dürfen eben +das tun oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. +Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere Tabu +beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen nicht drücken. +Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem +Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für dieselben Personen. +Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte zu und fürchtet sich +deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum, +während man anderseits von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung +erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu +sein; allein wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. +Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in +wohlwollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die vom +gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, wahrscheinlich, +weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so +leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich darin, daß man dem Herrscher +eine so große Gewalt über die Vorgänge der Natur zuschreibt und sich +doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm +drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene Macht, die so +vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des +Verhältnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das +Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen +Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden +wollen; man mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, ihn zu +überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Königs, seinem +Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er +ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des +Königs unterworfen wird. + +Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und +widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu +geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung +der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne +Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen +dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so +wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um +Verhältnisse der Religion oder der »Loyalität« handelt. + +Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird gestatten, +tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres über die Natur +dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den geschilderten +Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er sich im +Symptombild einer Neurose fände, so werden wir zunächst an das Übermaß +von ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des +Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen +Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die +wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre +Herkunft ist uns sehr wohl verständlich worden. Sie tritt überall dort +auf, wo außer der vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber +unbewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall +der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die +Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der +Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft wird, +weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung in der +Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat +es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängstliche Überzärtlichkeit +unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und +Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die +Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die +Einsicht, daß der Verehrung, ja Vergötterung derselben im Unbewußten +eine intensive feindselige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie +wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung +verwirklicht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der +Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung +derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären -- infolge der +Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Konflikts bei +verschiedenen Völkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der +Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die +wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hören wir bei _Frazer_(58), haben +sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten König am Abend vor seiner +Krönung durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen +Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, daß der unglückliche Herrscher +gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, +daher haben es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie +einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König zu +wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit +sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden. + + (58) l. c., p. 18, nach _Zweifel_ et _Monstier_, Voyage aux sources du + Niger, 1880. + +Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft +die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein +verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zu Tage tritt. Es +wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person außerordentlich erhöht, +ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto +eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kranken +widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit +ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und +Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder +töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine +reife Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im +Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes zu +seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der +Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß das +Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft ist. +Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem +»Verfolger« ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, bringt sie +unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner +Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie +zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie +vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen +Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag. + +Den stärksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche die +Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber +im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung des +Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses Zeremoniell trägt seinen +Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar +zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es +hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet +nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen +Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur +unerträglichen Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger +ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige +Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte +Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen +Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz +gegen die verbotene Handlung; wir möchten aber sagen, sie ist +_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das »angeblich« wendet +sich hier der bewußten, das »eigentlich« der unbewußten Instanz des +Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Könige angeblich +die höchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für +ihre Erhöhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die +Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf +seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen +Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr +wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir +Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten. + +Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so mächtigen +unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr +interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Problem. +Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; +fügen wir hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des Königtums uns +die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach _Frazers_ +eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden +Erörterungen waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft +zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit +bestimmt waren(59). Noch die Mythen des Christentums wären von der +Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. + + (59) _Frazer_, »The magic art and the evolution of kings«. 2 vol. + 1911. (The golden bough.) + + +c) Das Tabu der Toten. + +Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind; wir werden vielleicht +erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet werden. + +Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit +der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven Völkern eine +besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst in den Folgen, welche die +Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den +Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berührt +oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und +nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen +boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe +kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte +nicht einmal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm durch +ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen +auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich dessen mit den +Lippen und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während er +seine Hände nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt, +daß eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm +tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese +Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel +weniger drückend waren als die eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein +ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das in +der armseligsten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es +allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte +Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit +der Abschließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte +sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen +er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles +Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. + +Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten sind in ganz +Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nämlichen; ihr +konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die +sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es +ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(60) +Priesterkönige während der Ausübung heiliger Handlungen derselben +Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die +Abstufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene +Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Häuptlings +berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein +Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je nach dem Rang +des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergötterten +Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten Häuptlinge durch zehn +Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, daß, wer solche +Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben muß, so fest, +daß sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch +gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen(61). + + (60) _Frazer_, Taboo, p. 138 usw. + + (61) W. _Mariner_, »The natives of the Tonga Islands«, 1818, bei + _Frazer_, l. c., p. 140. + +Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter sind +die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Berührung mit den Toten in +übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehörigen, der +Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur +den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des +Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch, +und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für die +tiefliegenden, echten halten dürfen. + +Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ müssen Witwen und Witwer +während ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen weder ihren +eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen berühren; alles +Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen. +Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen, +nähern wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der Schatten eines +Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. Die Trauernden +schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese +letztere Maßregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen +fernzuhalten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen +nordamerikanischen Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang +nach dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem +Gras zu tragen, um sich unzugänglich für die Annäherung des Geistes zu +machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, daß die Berührung »im +übertragenen Sinne« doch nur als ein körperlicher Kontakt verstanden +wird, da der Geist des Verstorbenen nicht von seinen Angehörigen weicht, +nicht abläßt, sie während der Zeit der Trauer zu »umschweben«. + +Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen, +darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht Tage nach dem +Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie +Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gerät in Gefahr +augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer +Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab gegen +die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. Worin die Gefährlichkeit +einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung +erläutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neuguinea_ wird ein Witwer +aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein +Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffentlich +zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht wie ein +wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und muß sich im +Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib, +herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns leicht, die +Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der +_Versuchung_ zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll +dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben +Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit +anderer Männer erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den +Sinn der Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen(62). + + (62) Dieselbe Kranke, deren »Unmöglichkeiten« ich oben (S. 38) mit den + Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung + gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße + begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein! + +Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche der +Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen +auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige +Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt. + +Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebräuche +in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei +so entfernten und einander so fremden Völkern wie die _Samojeden_ in +Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und +die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und +_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die +Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(63). +Bei einigen dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich +ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es +permanent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom +Zeitpunkte des Todesfalles abzublassen. + + (63) _Frazer_, l. c., p. 353. + +Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel +außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen +südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der +Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen +auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die +für eine Mordtat selbst festgesetzte(64). Warum die Nennung des Namens +so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber +die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von +Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen +interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf +die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach +seinem Tode zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen +erwähnt werden, während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es +scheint dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht +kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der +_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent, +daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen einen anderen +vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich geheißen haben wie der +Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die +Namensänderung nach einem Todesfall bei allen Angehörigen des +Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, +so bei einigen Stämmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei +den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Häuptling bei so traurigem +Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan +erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten(65). + + (64) _Frazer_, l. c., p. 352 usw. + + (65) _Frazer_, l. c., p. 357, nach einem alten spanischen Beobachter, + 1732. + +Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines +Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den +angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu +benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen +erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung +des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug +bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den +sieben Jahren, die der Missionär _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in +Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, und +die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ähnliche +Schicksale(66). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem +Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin +aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine +Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses +ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen +Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die +größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser +primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche +eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von +Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die +Wiedergeburt der Toten betrachtet werden. + + (66) _Frazer_, l. c., p. 360. + +Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran gemahnt +werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein +wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Worte volle +Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten +ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme +einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent +schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so +müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet +sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten +seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen +der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein +Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es +stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß +findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit +hinzuweisen(67). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu +erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die +volle »Komplexempfindlichkeit« gegen das Aussprechen und Anhören +bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere Neurotiker), und +leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft +schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die +Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er +könnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes +von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch +die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte, +hatte sie sich das Gebot geschaffen, »nichts von ihrer Person +herzugeben«. Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die +Handschrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf. + + (67) _Stekel_, _Abraham_. + +So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der Name des +Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den +Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten +läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem +umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem +Tabu betroffen ist. + +Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hinweisen, +welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an ihm bemerkt +werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den Toten einen Platz +einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht. +Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten +der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die +Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist. +Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschäftigen, +sein Andenken auszuarbeiten und für möglichst lange Zeit zu erhalten. +Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die +Trauer verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten als +diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch +unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuche nicht, so würden wir es +aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren. + +Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart +und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _fürchten_; sie üben +eine Menge von Zeremonien, um ihn fernzuhalten, ihn zu vertreiben(68). +Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine +Gegenwart auf dem Fuße folgen wird(69). Sie tun darum folgerichtig +alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. +Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(70), oder sie +entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den +rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf +seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung +auszuweichen, daß sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht »vor seiner +zum Dämon gewordenen Seele« leiden(71). + + (68) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_, + l. c., p. 353, die _Tuaregs_ der _Sahara_ angeführt. + + (69) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: solange noch etwas + von seinen körperlichen Überresten existiert. _Frazer_, l. c., p. 372. + + (70) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l. c., p. 382. + + (71) _Wundt_, Religion und Mythus, II. Bd., p. 49. + +Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung +_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in +der Angst vor den Dämonen findet. + +Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familienmitglied mit dem +Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur +Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich +mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr +zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden +Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben. +_Westermarck_, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der +Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung +schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt: +»Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die +Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(72) und daß +_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe +früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel +nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und +Clangenossen väterlich besorgt seien.« + + (72) _Westermarck_, l. c., II. Bd., p. 424. In der Anmerkung und in + der Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft + sehr charakteristischen Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, »daß + die nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen + ändern und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden«. + -- Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit + bösartig; je enger die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die + Zentraleskimo werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten + erst spät zur Ruhe gelangen, anfänglich aber zu fürchten seien als + unheilbrütende Geister, die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, + Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (_Boas._) + +R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten +Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des +Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(73). Es +gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die +Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches +der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein +Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nachstellung der +Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn +gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie +auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits +sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit +der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht +zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse +Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen wie die +Bräute. Aber ursprünglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten Vampyre, +alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des +Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines +bösen Geistes geliefert. + + (73) R. _Kleinpaul_, Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben, + Religion und Sage, 1898. + +Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu +Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die +Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine solche Sinnesänderung +zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt, +diese Frage leicht zu beantworten(74). »Da der Tod zumeist für das +schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt +man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden +seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei +es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht +man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie +die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen +-- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu +töten, um mit ihnen vereinigt zu werden ... + +... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen +zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht +ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.« + + (74) l. c., p. 426. + +Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine +umfassendere Erklärung hin, welche die _Westermarck_sche miteinschließt. + +Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod +verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von +peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob +sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod +der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie +sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der +behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa +den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit +langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat +uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben +erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur +darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die +Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung +wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war +doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit +dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er +im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch +reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im +Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun +in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine +bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz +menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem +Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise +ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus +entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich +gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am +wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur +Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich +herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher +ursprünglicher Gefühlsambivalenz ausgezeichnet. + +Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der +frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die +Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn +wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß +von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der +Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich, +daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im +Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die +Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über +den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven +ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der +Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im +normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine +_Projektion_. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige +Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des +Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer +zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser +Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion +darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich +Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen +den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu +auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch +das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz +und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei dieser +Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß gerade +die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu +fürchten haben. + +Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die +neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als +Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie +sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den +Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der +Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote +ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm +reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden. + +_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden +keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten +lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der +eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn +getötet. (Vgl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und +Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume +vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) interessiert, +der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle +Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche +Gefühlsambivalenz, feststellen können. + +Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das +Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir +soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die +Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. +Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn +aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas +Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind +gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen +der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die +Toten hegen. + +Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und +feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit +des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als +Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt +kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz +oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des +Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten +voneinander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie +man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der +Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen +Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_ zu bezeichnen +gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch weiter +nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Außenwelt +geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der anderen +zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt darüber, daß +wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, aber er ist +jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser Unglück +Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die +Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen; sie +sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine +Bedrängnis von außen eingetauscht. + +Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die +Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen +Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen +wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, +Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten +Beziehungen unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach +zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung +der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen +enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der +Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit +aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der +ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man +ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit +als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht +entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten +Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem +Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung +verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten +Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus +der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits +unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es +nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung +ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf +dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die +Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem +zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so +daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit +versinken darf. + + +4. + +Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der +Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen +anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll +werden können. + +Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die +Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen, +denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens +zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion +der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche +Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur +Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, +sie kommt auch zu stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion +innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem +z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der +Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter +noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere +Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die +Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der +Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es +hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der +Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der +Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den +endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und +Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten +Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der +Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich +wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch +Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt +entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in +Psychologie zurückübersetzen müssen. + +Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein +Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven +geworden ist, und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als +das »animistische« kennen lernen werden. Wir werden dann die +psychologischen Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen +haben und unsere Anhaltspunkte wiederum in der Analyse jener +Systembildungen finden, welche uns die Neurosen entgegenbringen. Wir +wollen vorläufig nur verraten, daß die sogenannte »sekundäre +Bearbeitung« des Trauminhalts das Vorbild für alle diese Systembildungen +ist. Vergessen wir auch nicht daran, daß es vom Stadium der +Systembildung an zweierlei Ableitungen für jeden vom Bewußtsein +beurteilten Akt gibt, die systematische und die reale, aber +unbewußte(75). + + (75) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die + Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden + entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich + herausstellt. + +_Wundt_(76) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten +den Dämonen zuschreibt, zunächst die _unheilvollen_ überwiegen, so daß +im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die +guten«. Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons +überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde. +Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren +Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der +nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen +hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die +Ahnenverehrung anderseits(77). Daß die Dämonen stets als die Geister +_kürzlich_ Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den +Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die Trauer +hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die +Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist +diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und +der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister +aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der +freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur +Hilfeleistung angerufen zu werden. + + (76) »Mythus und Religion«, II, S. 129. + + (77) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an + Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es + oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven. Vgl. + hiezu auch die »Sexualgespenster« betitelte Mitteilung von P. + _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um eine + andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben war. + +Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel +der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz +außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die +unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten +niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür +bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die schmerzhafte +Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine +Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur +die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren +durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte +ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem +Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle +Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren +Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man +könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, _es sei den +Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz +zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist. +Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das +Kompromißsymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche +genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu +reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution +als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im +Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen +Aufwand zwingt. + +Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden +Auskunft, welche uns _Wundt_ über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu: +heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu +heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische +bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den +beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch +beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten +des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung +obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei. + +Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß +dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt, +daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles +dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist +selbst ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus +dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich +als Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das +Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist. +Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele +solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem -- wenn +auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent +waren(78). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes +haben später dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen +einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen. + + (78) Vgl. mein Referat über _Abels_ »Gegensinn der Urworte« im + Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. II, + 1910. + +Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden +Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst, +respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden. +Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können, +daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare +historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten +menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen +war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt +wurde. + +Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht +auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der +Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach +Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die +älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt. + +Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem, +was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine +Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins. + +Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns +bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, daß diese +Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer +selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der +Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir +bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier +überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der +Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich +verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der +Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung +läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso +selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(79). + + (79) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des + Tabu in nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich + geschah (s. Beispiel oben), und daß noch im griechischen Mythus die + Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben wird dadurch, daß sie ohne, + ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde. + +Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer +Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen +diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die +Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des +Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwanghaft herrschende andere +verdrängt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir +aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der +Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt +als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und +daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von +Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den +Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des +Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine +Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe gelingt nun +beim einzelnen neurotischen Individuum; für die Völker getrauen wir uns +eine ähnliche Lösung zu erschließen. + +Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von der +Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als »Gewissensangst« +beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; wir +haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der +Verdrängung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu +wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und +unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten +entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins. + +Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine Überlegung +denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und bedürfe keines +weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, daß ihm eine +positive, begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun +begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls muß +das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines +Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven +an, so müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, +ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu +mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den entschiedensten +Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen Satz an den Fällen +messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am deutlichsten +zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit einer nicht zu übertreffenden +Sicherheit behaupten, daß wir nicht die geringste Versuchung verspüren, +eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht +morden, und daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes +verspüren als Abscheu. + +Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie +beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig -- das Tabu +sowohl wie unser Moralverbot --, anderseits bleibt die Tatsache des +Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und +Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verständnisses +hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, solange wir nicht +psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden. + +Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Träumen Gesunder -- +gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, den anderen zu +töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie +psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht +kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker +die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls zu +morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: +Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer +Schätzung zurückkehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu +morden, tatsächlich im Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie +das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch +die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und +gerechtfertigt wird. + +Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses +Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine +unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und +Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind +nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten +Seelenleben bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte +Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter +Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung +finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich +auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den +Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt. +Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit +unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in +spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine +Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen, +aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie +für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können. + +Zum Schlusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Untersuchungen +vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch an der +Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen +wir doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschiedenheit +zwischen beiden bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der +grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß das Verbot +nicht mehr in der Form des Tabu erscheint. + +Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphänomene +von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten +lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale +Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin +der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie +das Tabu zu suchen ist. + +Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen. +Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe +befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe +droht nun dem, der sich die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen. +Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm +Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, +sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber +durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm +geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also +hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die +Tabuübertretung sich im Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann +erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel +alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung +selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser +Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor +der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu +ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stande gebracht hat, das verdrängte +Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das +gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, muß der +eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und +die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der +Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. +Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und +sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen +beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung. + +Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir +seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der +Neurose erklären, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person +fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist. +Ursprünglich, das heißt zu Anfang der Erkrankung, galt die +Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person; man fürchtete in +jedem Falle für sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf +eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen +kompliziert, aber wir übersehen ihn vollständig. Zu Grunde der +Verbotbildung liegt regelmäßig eine böse Regung -- ein Todeswunsch -- +gegen eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das +Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige +gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung +dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht +weiter, und der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen +ist dann durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also +so zärtlich altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr +zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. +Heißen wir die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen +bestimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_, +so können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen später +durch Überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose herausheben. + +Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung +zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an +einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum +Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte +Ähnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de +toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot +sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt, +daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben +werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung +offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere +des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltendmachens der eigenen Person. +Wenn es verboten ist, den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung +war, selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung +angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhnischen Überwachung +des Häuptlings, ja in seiner körperlichen Mißhandlung vor der Krönung +(s. o.) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das Überwiegen der sexuellen +Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische +Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von +egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten +entstanden. + +An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose läßt +sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen Formen von +Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der +Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung wichtig +wird. + +Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende +Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der +Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen +derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein +Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer +Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen +Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, +daß die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten +Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit +entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß in ihnen +die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß ausüben, +während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen, +solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile +hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stande, die +Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu +einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des +Individuums. + +Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren +ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in +eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser, vom Neurotiker +gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die +von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der +Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen +Gemeinschaft. + + + + +III. + +ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. + + +1. + +Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der +Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, daß +sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschränken sich +darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne +Vorschläge, die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser +Mangel wird sich aufs äußerste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher +das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln +will(80). + + (80) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den + Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle + stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert _Spencer_, J. G. + _Frazer_, A. _Lang_, E. B. _Tylor_ und W. _Wundt_, aus denen alle + Behauptungen über Animismus und Magie entnommen sind. Die + Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm + getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben. + +Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelenvorstellungen, +im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch +Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden +Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name +Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, +scheint seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. _Tylor_ erhalten zu +haben(81). + + (81) E. B. _Tylor_, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903. + -- W. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906. + +Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat ist die Einsicht in +die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten +primitiven Völker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden. +Diese bevölkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen +wohlwollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und +Dämonen die Verursachung der Naturvorgänge zu und halten nicht nur die +Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch +sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser +primitiven »Naturphilosophie« erscheint uns weit weniger auffällig, weil +wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir doch +die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die Naturvorgänge +heute durch die Annahme unpersönlicher physikalischer Kräfte erklären. +Die Primitiven glauben nämlich an eine ähnliche »Beseelung« auch der +menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen, +welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern +können; diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis +zu einem gewissen Grad von den »Leibern« unabhängig. Ursprünglich wurden +die Seelen als sehr ähnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe +einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu +einem hohen Grad von »Vergeistigung« abgestreift(82). + + (82) _Wundt_, l. c., IV. Kapitel »Die Seelenvorstellungen«. + +Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese +Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems +sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entsprechen, und +daß auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den +Menschenseelen gebildet wurden. + +Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen +Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht? +Man meint, durch die Beobachtung der Phänomene des Schlafes (mit dem +Traum) und des ihm so ähnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich +diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem +müßte das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden +sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens -- die +Unsterblichkeit -- das Selbstverständliche. Die Vorstellung des Todes +ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch +inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den andere Beobachtungen +und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt +haben mögen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., +haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß gelangte Diskussionen +stattgefunden(83). + + (83) Vgl. außer bei _Wundt_ und H. _Spencer_ die orientierenden + Artikel der Encyclopedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.). + +Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phänomene mit der +Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte +der Außenwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus +natürlich und weiter nicht rätselhaft beurteilt. _Wundt_ äußert +angesichts der Tatsache, daß sich die nämlichen animistischen +Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern und zu allen Zeiten +übereinstimmend gezeigt haben, dieselben »seien das notwendige +psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der +primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des _menschlichen +Naturzustandes_ gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung +erreichbar ist(84)«. Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat +bereits _Hume_ in seiner »Natural History of Religion« gegeben, indem er +schrieb: »There is an universal tendency among mankind to conceive all +beings like themselves and to transfer to every object those qualities +with which they are familiarly acquainted and of which they are +intimately conscious(85).« + + (84) l. c., p. 154. + + (85) Bei _Tylor_, Primitive Culture, I. Bd., p. 477. + +Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines +einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen +einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit +hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei +große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die +animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche. +Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die +folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos +erklärt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine +psychologische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, +wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder +entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage +unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. + +Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, wenn +gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die +Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die Religionen aufbauen. +Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf animistischen +Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und +Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklärt. + + +2. + +Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. -- Man +darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner spekulativer +Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. +Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muß seinen +Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu +erfahren, daß mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand +geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere +und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung, +welche unter dem Namen »_Zauberei_ und _Magie_« bekannt ist, will S. +_Reinach_(86) die Strategie des Animismus heißen; ich würde es +vorziehen, sie mit _Hubert_ und _Mauß_ der Technik zu vergleichen(87). + + (86) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909. + + (87) Année sociologique, VII. Bd., 1904. + +Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist +möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über die +Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei +im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie +behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man +sie beschwichtigt, versöhnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert, +ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben +Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist +aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie +bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen +Methodik. Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere +und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den +Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch +magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fällen, wo die +Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist. + + (88) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist + dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man + sich seines Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht. + +Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorgänge +dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und +Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schädigen. +Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht -- +oder vielmehr das Prinzip der Magie -- ist so augenfällig, daß es von +allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man +von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. _Tylors_ +ausdrücken: »mistaking an ideal connexion for a real one«. An zwei +Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erläutern. + +Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden, +besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu +machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch +irgend ein Objekt zu seinem Bild »ernennen«. Was man dann diesem +Ebenbild antut, das stößt auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher +Körperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das +letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst +privater Feindseligkeit auch in den der Frömmigkeit stellen und so +Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach +_Frazer_(89): »Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten Ägypten) zu +seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren +Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestehen, die ihn unter der +Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen die ganze +Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark genug, noch des +Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft +schwächten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in +seinem Tempel zu Theben täglich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde +aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines +scheußlichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name +des Dämons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehäuse +gehüllt, auf dem eine ähnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann +diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit +einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er +mit seinem linken Fuß auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von +gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise +beseitigt worden war, geschah mit allen Dämonen seines Gefolges das +nämliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden +mußten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern +auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger +Regenguß niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel +verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren +Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten hätten; sie +flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).« + + (89) The magic art. II, p. 67. + + (90) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu + machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden + Kunst, sondern sollte der von der hebräischen Religion verpönten Magie + ein Werkzeug entziehen. _Frazer_, l. c., p. 87, Note. + +Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer Handlungen +will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven Völkern +jederzeit eine große Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und +Kultus höherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, nämlich die +Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen +auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn +erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man +»regnen spielen« wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen Regen in der +Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen Sieben ausgießt, während +ein anderer eine große Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob +sie ein Schiff wäre, und sie so um Dorf und Gärten herumzieht. Die +Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise, +indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs +zeigte. So pflegen -- ein Beispiel anstatt unendlich vieler -- in +manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und +Bäuerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel, +das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen +fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbeziehungen, daß sie +Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden(92). + + (91) The magic art., II, p. 98. + + (92) Davon ein Nachklang im König Ödipus des Sophokles. + +Auch gewisse negative Vorschriften -- magische Vorsichten also -- sind +dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines +_Dayak_dorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die +Zurückgebliebenen unterdes weder Öl noch Wasser mit ihren Händen +berühren, sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen und die Beute +aus ihren Händen schlüpfen lassen(93). Oder, wenn ein _Gilyak_jäger im +Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten, +Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald +könnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so +daß der Jäger den Weg nach Hause nicht findet(94). + + (93) The magic art., I, p. 120. + + (94) l. c., p. 122. + +Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer +Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als +selbstverständlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verständnis +dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten. + +Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das +Wirksame betrachtet wird. Es ist die _Ähnlichkeit_ zwischen der +vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. _Frazer_ nennt darum +diese Art der Magie _imitative_ oder _homöopathische_. Wenn ich will, +daß es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht +oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung +wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgänge zu einem +Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen +anflehen. Endlich wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und +dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen +erzeugt werden kann. + +In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der +Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, welches sich aus +den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird. + +Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens +bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, Abfallstoffe oder +selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas +Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als hätte man sich der Person +selbst bemächtigt, und was man den von der Person herrührenden Dingen +angetan hat, muß ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen +Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört nach der Anschauung der +Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines +Geistes weiß, hat man eine gewisse Macht über den Träger des Namens +erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschränkungen im +Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden +sind(95). Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt +durch _Zusammengehörigkeit_. + + (95) Vgl. S. 74 u. ff. + +Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in +ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt +des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften +an, welche dieser Person angehört haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten +und Beschränkungen der Diät unter besonderen Umständen. Eine Frau wird +in der Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genießen, +weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das +von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die magische +Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits +aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger, +bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein +magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe +verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverändert durch +Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens +bemächtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfältig +an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde +niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so +wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit die +Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. _Plinius_ rät in seiner +Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben, +solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat; +der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. _Francis Bacon_ +erwähnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, daß +das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde +selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept +handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das +Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht in +Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale +englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda Henry in +_Norwich_ zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde +untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hieß sie +ihre Tochter, den Nagel gut einölen, in der Erwartung, daß ihr dann +nichts geschehen könne. Sie selbst starb einige Tage später an +Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis. + + (96) _Frazer_, The magic art. I, p. 201-203. + +Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was _Frazer_ als +_kontagiöse_ Magie von der _imitativen_ sondert. Was in ihnen als +wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern der +Zusammenhang im Raum, die _Kontiguität_, wenigstens die vorgestellte +Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber Ähnlichkeit +und Kontiguität die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgänge +sind, stellt sich als Erklärung für all die Tollheit der +magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation +heraus. Man sieht, wie zutreffend sich _Tylors_ oben zitierte +Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion +for a real one, oder wie es fast gleichlautend _Frazer_ ausgedrückt hat: +men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence +imagined that the control which they have, or seem to have, over their +thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over +things(97). + + (97) The magic art., I, p. 420 ff. + +Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuchtende +Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen +werden konnte(98). Bei näherer Überlegung muß man aber dem Einwand Recht +geben, daß die Assoziationstheorie der Magie bloß die Wege aufklärt, +welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nämlich +nicht das Mißverständnis, welches sie psychologische Gesetze an die +Stelle natürlicher setzen heißt. Es bedarf hier offenbar eines +dynamischen Moments, aber während die Suche nach einem solchen die +Kritiker der _Frazer_schen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine +befriedigende Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die +Assoziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will. + + (98) Vgl. den Artikel _Magic_ (N. W. T.) in der 11. Auflage der + Encyclopedia Britannica. + +Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren Fall der +imitativen Magie. Nach _Frazer_ kann diese allein geübt werden, während +die kontagiöse Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die +Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind leicht zu erkennen, +es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloß anzunehmen, daß +der primitive Mensch ein großartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche +hat. Im Grund muß all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur +darum geschehen, weil er es will. So ist anfänglich bloß sein Wunsch das +Betonte. + + (99) l. c., p. 54. + +Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen +befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, haben wir an +anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine Wünsche zunächst +wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende +Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane +herstellen läßt(100). Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein +anderer Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille, +und dieser -- der später im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz +der Erde verändern wird -- wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung +darzustellen, so daß man sie gleichsam durch motorische Halluzination +erleben kann. Eine solche _Darstellung_ des befriedigten Wunsches ist +dem _Spiele_ der Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein +sensorische Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative +Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein +Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge +Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verständliche Folge +der überwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhängigen Willens +und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der +psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren +Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an +diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen Akte +evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts anderes als die +magische Handlung, die kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten +dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt +es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen, +wohl aber auf späteren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt +werden, aber das psychische Phänomen des Zweifels als Ausdruck einer +Verdrängungsneigung bereits möglich ist. Dann werden die Menschen +zugeben, daß die Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht +der Glaube an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets +versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt(101). + + (100) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen + Geschehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2. + + (101) Der König in »_Hamlet_« (III, 4.): »My words fly up, my thoughts + remain below; Words without thoughts never to heaven go.« + +Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden +kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische +Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte, +die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt +eine allgemeine Überschätzung der seelischen Vorgänge, das heißt eine +Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die +Beziehung von Realität und Denken als solche Überschätzung des letzteren +erscheinen muß. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was +mit den letzteren vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren +ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, +werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine +Entfernungen kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich +Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammenbringt, +wird auch die magische Welt sich telepathisch über die räumliche Distanz +hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenwärtigen behandeln. +Das Spiegelbild der Innenwelt muß im animistischen Zeitalter jenes +andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen. + +Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der Assoziation -- +Ähnlichkeit und Kontiguität -- in der höheren Einheit der _Berührung_ +zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation ist Berührung im direkten, +Ähnlichkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch +nicht erfaßte Identität im psychischen Vorgang wird wohl durch den +Gebrauch des nämlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt. +Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse +des Tabu herausstellte(102). + + (102) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe. + +Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie, +die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der »Allmacht +der Gedanken«. + + +3. + +Die Bezeichnung »Allmacht der Gedanken« habe ich von einem +hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, +dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung +möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu +erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller +jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit +seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine +Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen +hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange +vermißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, +so daß er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar +gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst +gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf +starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von +den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst +mitteilen, wie der täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst +an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen +Erwartungen zu bestärken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, +meist gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch. + + (103) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrbuch für + psychoanalyt. und psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909. (Sammlung kl. + Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.) + + (104) Es scheint, daß wir den Charakter des »Unheimlichen« solchen + Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die + animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns + bereits im Urteil von ihr abgewendet haben. + +Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der +Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven +Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns aber +davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu +erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nämliche bei den +anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realität des +Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die +Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an +anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die »neurotische Währung« gilt, das +heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen +wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber +nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert +durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so +zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche +Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das +Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen, +wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein +Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das +einem Massenmörder wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine +Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen +und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl +begründet; es fußt auf den intensiven und häufigen Todeswünschen, die +sich in ihm unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, +insofern unbewußte Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht +kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der +seelischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im +Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen. +Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das +bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß +Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche zu +äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen müßten. +Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten Aberglauben +zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine bloßen +Gedanken die Außenwelt zu verändern vermeint. + +Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus +magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur +Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu +beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, +zeigte es sich, daß diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das +Todesproblem steht nach _Schopenhauer_ am Eingang jeder Philosophie; wir +haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des +Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck +zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten +Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der Ähnlichkeit, respektive +des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter +den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgend +ein Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt(105). +Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den +Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen +kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen +möglichst weit entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als +Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, +zu enden. + + (105) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste + Aktion wird sich aus den nachstehenden Erörterungen ergeben. + +Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen +Weltanschauungen annehmen, in welcher die _animistische_ Phase von der +_religiösen_, diese von der _wissenschaftlichen_ abgelöst wird, wird es +uns nicht schwer, die Schicksale der »Allmacht der Gedanken« durch diese +Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich +selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, +aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die +Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. +In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die +Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich +resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. +Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den +Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven +Allmachtglaubens weiter. + +Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im +Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten +Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung +ergeben, die in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905« +niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an +zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt. +Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität arbeiten jede für sich auf +Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium +heißt das des _Autoerotismus_, es wird von dem der _Objektwahl_ +abgelöst. + +Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar +gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder, +wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu +zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der +Forschung immer mehr aufdrängt, haben die vorher vereinzelten +Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein +Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein äußeres, dem Individuum +fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit +Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses +Zustandes heißen wir das neue Stadium das des _Narzißmus_. Die Person +verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und +die libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander +zu sondern. + +Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzißtischen +Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer +Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht +möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische +Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in +gewissem Maße narzißtisch, auch nachdem er äußere Objekte für seine +Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind +gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und können +wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so +merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der +Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im +Vergleich zum Niveau der Ichliebe. + +Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der +psychischen Aktionen -- die wir von unserem Standpunkt aus eine +Überschätzung heißen -- bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung +zum Narzißmus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben +aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in +hohem Maße sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der +Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der +Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machenden +Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der +Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein +beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell +verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene +Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgänge +herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden Fällen dieselben +sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser +Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus, Allmacht der +Gedanken(106). + + (106) »It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort + of Solipsism or Berkleianism (as Professor _Sully_ terms it as he + finds it in the Child) operates in the savage to make him refuse to + recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-animistic religion, + Folklore, XI. Bd., 1900, p. 178. + +Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein +Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, so können wir den Versuch +wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den +Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu +ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische +Phase dem Narzißmus, die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung, +welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die +wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand +des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter +Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt sucht(107). + + (107) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche + Narzißmus des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner + Charakterentwicklung ist und die Annahme eines primitiven + Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt. + +Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die »Allmacht der +Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein +kommt es noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der +Befriedigung ähnliches macht, und daß dieses Spielen -- dank der +künstlerischen Illusion -- Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas +Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den +Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht +bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß nicht als +l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von +Tendenzen, die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen lassen +sich mancherlei magische Absichten vermuten(108). + + (108) S. _Reinach_, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes + et Religions, I. Bd., p. 125 bis 136. -- _Reinach_ meint, die + primitiven Künstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten + Tierbilder in den Höhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht + »Gefallen erregen«, sondern »beschwören«. Er erklärt es so, daß sich + diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der + Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere + unter ihnen fehlen. »Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de + la magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en général, de + la magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une + contrainte mystique exercée par la volonté de l'homme sur d'autres + volontés ou sur les choses, cette expression n'est plus admissible; + mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie, du + moins dans opinion des artistes« (p. 136). + + +4. + +Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, +war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu +ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen +hat, daß man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muß, um +sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen +natürlich und selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge der Welt sind, +nämlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf +vorbereitet, zu finden, daß der primitive Mensch Strukturverhältnisse +seiner eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte(109), und dürfen +anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge +lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen. + + (109) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte. + +Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und +unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des +Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen +müssen, während auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen +werden können. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher +und älter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet. +Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von +R. R. _Marett_ zusammen, welcher ein _präanimistisches_ Stadium dem +Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den Namen +_Animatismus_ (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es +ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus zu sagen, da man +noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen +entbehrte(110). + + (110) R. R. _Marett_, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd., + Nr. 2, London 1900. -- Vgl. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd., + p. 171 u. ff. + +Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehält, hat der +Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit +den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den +Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die +Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja +die magische Technik bei. + +Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde, +nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(111); er macht seine +Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen die Welt, und findet +nun seine inneren seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz ähnlich +wie der geistreiche Paranoiker _Schreber_, der die Bindungen und +Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten +»Gottesstrahlen« gespiegelt fand(112). + + (111) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium + Besetzungen aus libidinöser und anderen Erregungsquellen vielleicht + noch ununterscheidbar miteinander vereinigt sind. + + (112) _Schreber_, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. -- + _Freud_, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch + beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch., + III. Bd., 1911. (Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.) + +Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(113) dem Problem +ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorgänge nach +außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen, +daß diese Neigung dort eine Verstärkung erfährt, wo die Projektion den +Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher +Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht +strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann können +sie offenbar nicht alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der +Paranoia bedient sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, um +solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der +vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden +Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, +den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern +Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns +besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektionsgebilden zu +motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren +zusammen, welche die bösen Geister für die erstgeborenen unter den +Geistern erklären und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem +Eindruck des Todes auf die Überlebenden ableiten. Wir machen nur den +einen Unterschied, daß wir nicht das intellektuelle Problem +voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur +Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen +diese Situation den Überlebenden stürzt. + + (113) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über _Schreber_, p. 59. + +Die erste theoretische Leistung des Menschen -- die Schöpfung der +Geister -- würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten +sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft, die +Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die +Gleichzeitigkeit der Entstehung präjudizieren. Wenn es wirklich die +Situation des Überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven +Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn nötigte, einen Teil seiner +Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür +seines Handelns zu opfern, so wären diese Kulturschöpfungen eine erste +Anerkennung der ~Anankê~, die sich dem menschlichen Narzißmus +widersetzt. Der Primitive würde sich vor der Übermacht des Todes beugen +mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint. + +Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben, +können wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen +Struktur in der Projektionsschöpfung der Seelen und Geister seine +Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, daß +die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der späteren +völlig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser +zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffaßt, auf +deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen +des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität -- nach einem +Ausdruck von H. _Spencer_(114) -- ist bereits identisch mit jenem +Dualismus, der sich, in der uns geläufigen Trennung von Geist und Körper +kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z. B. in +der Beschreibung des Ohnmächtigen oder Rasenden: _er sei nicht bei +sich_, erkennen(115). + + (114) Im I. Band der »Prinzipien der Soziologie«. + + (115) H. _Spencer_, l. c., p. 179. + +Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere Realität +projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines +Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein gegeben, +_präsent_ ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe +_latent_ ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von +Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz +_unbewußter_ Seelenvorgänge neben den _bewußten_(116). Man könnte sagen, +der »Geist« einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter +Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie +der Wahrnehmung entzogen sind. + + (116) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in + Psycho-Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical + Research, Part LXVI, vol. XXVI, London 1912. + +Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen +Vorstellung der »Seele« erwarten dürfen, daß ihre Abgrenzung vom anderen +Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen +der bewußten und der unbewußten Seelentätigkeit zieht. Die animistische +Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre +Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, +dauernd oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen, +dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußtseins +erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persönlichen Erscheinung +verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; die Unveränderlichkeit und +Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewußten, sondern +den unbewußten Vorgängen zu, und diese betrachten wir auch als die +eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit. + + * * * * * + +Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste +vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen +Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die +Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des +»Systems« immer von neuem vorführen. Wir träumen in der Nacht und haben +es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine +Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber +auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen, +eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes +auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter +gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, daß nicht +irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein käme. Wenn wir +den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, daß die inkonstante und +ungleichmäßige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das +Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum +sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhängend und +geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns +am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken +ist aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben +oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast +regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung +derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder +weniger unabhängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die +Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine +neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte »_sekundäre Bearbeitung_«, +deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende +Zusammenhangslosigkeit und Unverständlichkeit zu Gunsten eines neuen +»Sinnes« zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung +erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken. + +Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein +vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems. +Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung, +Zusammenhang und Verständlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung +oder des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht, +einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer +Umstände den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche +Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem +Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der +Paranoia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das +Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von +Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können wir dann +nachweisen, daß eine _Umordnung_ des psychischen Materials zu einem +neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn +sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es +wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, daß jedes der +Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine +Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems -- also eventuell eine +wahnhafte -- und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich +wirksame, reale, anerkennen müssen. + +Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das +Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schönsten +Übereinstimmungen mit dem Tabu der _Maori_ zeigen(117). Die Neurose +dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des +unbewußten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische +Phobie gilt aber der Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann +völlig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewußter Sorge wird. +Eines Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf +gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen +gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht sie +sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer +Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese +Messer für alle Zeiten aus dem Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß +neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen, +Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in +eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist +nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein, +daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot +der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. Denn es hätte dazu +hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen, +einer Person in Trauerkleidung oder einer Trägerin eines Leichenkranzes +begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die +Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen +wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für +andere Fälle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hieß es +eben, es sei ein »besserer Tag« gewesen. Die wirkliche Ursache des +Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit +erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann +könne sich mit dem geschärften Rasiermesser den Hals abschneiden. + + (117) p. 38. + +In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine +Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal +gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewußten Wunsches und der +Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewußten +Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, +drängt diesem einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu +und bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Gehstörung +unter. Es wäre also ein vergebliches, eigentlich ein törichtes Beginnen, +wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer +Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle +Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar. +Schärfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die +ärgsten Inkonsequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung +aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie +entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der +Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch die +Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so +mannigfaltig und so widersprechend aus. + + * * * * * + +Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden System des +Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten über andere +psychologische Systeme, daß die Motivierung einer einzelnen Sitte oder +Vorschrift durch den »Aberglauben« auch bei den Primitiven nicht die +einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der +Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu +suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht +anders möglich, als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine +systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine »abergläubische« +heißen. »Aberglaube« ist wie »Angst«, wie »Traum«, wie »Dämon«, eine der +psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psychoanalytischen +Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie +Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben +und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher +vorenthalten wurde. + +Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten +Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem animistischen +System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit +Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen gering schätzt. Wenn wir +hören, daß Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte Keuschheit +und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad +begeben(118), so wird uns die Erklärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat +beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht +bemächtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre +Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten. +Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und +wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde +Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er +im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und +feindseliger Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für +die zahlreichen Fälle von sexueller Beschränkung, solange man mit +schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist(119). Mag +sich die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen +Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf +Triebbefriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, +und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen +Rationalisierung derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer +eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum +Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre +Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen +unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende, +sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben +wird. Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die +Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimwärtsdenken, die +Sehnsucht der Abwesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die +gute psychologische Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur +dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen +vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische +Motivierung, ausgesprochen, daß die eheliche Untreue der Frau die +Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes zum +Scheitern bringt. + + (118) _Frazer_, Taboo and the perils of the soul, p. 158. + + (119) _Frazer_, l. c., p. 200. + +Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden während +ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergläubische Scheu +vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale +Begründung. Aber es wäre unrecht, die Möglichkeit zu übersehen, daß +diese Blutscheu hier auch ästhetischen und hygienischen Absichten dient, +die sich in allen Fällen mit magischen Motivierungen drapieren müßten. + +Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche +Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den heutigen Wilden +eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die +Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der +Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen +geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, +das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und +Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben. + +Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvorschriften +gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklärung +zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter verschiedenen +Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im +Hause zu halten(120). _Frazer_ zitiert einen deutschen Aberglauben, daß +man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe. +Gott und die Engel könnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu +nicht die Ahnung gewisser »Symptomhandlungen« erkennen, zu denen die +scharfe Waffe durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte? + + (120) _Frazer_, l. c., p. 237. + + + + +IV. + +DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. + + +Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung +psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu +besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die +Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in +notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der +Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht +sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten +Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus +verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative +Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion +zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel +als auch die Absicht des Psychoanalytikers. + + +1. + +In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des +Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein +System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien, +Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der +sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_ +1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa +gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die +Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in +verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste +einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither +diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der +letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den +Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(121): +»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher +Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall +einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe +zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und +Götterzeitalter gebildet hat.« + + (121) p. 139. + +Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem +tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche +später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung +von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in +zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion, +entworfen hat(122): + +1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die +Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen +Pflege. + +2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen +Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes. + +3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten +Körperteil des Tieres. + +4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der +Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die +Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und +Ausflüchte abzuschwächen. + +5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint. + +6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt +man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind +dies die Totemtiere. + +7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der +Totemtiere. + +8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen +ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich +solche durch Tätowierung einritzen. + +9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so +wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes +verschont. + +10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes. + +11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen +als Führer. + +12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem +Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind. + + (122) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors + vierbändigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff. + +Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man in +Betracht zieht, daß _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und +Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand +des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung +dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die +wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden +uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemistischen +Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig +übergangen hat. + +Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild zu gewinnen, +wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk +gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen +Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten +Probleme verbindet. Wir werden J. G. _Frazer_, dem Verfasser von +»Totemism and Exogamy(123)«, für Genuß und Belehrung verpflichtet +bleiben, auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen +führen sollte, welche weit von den seinigen abweichen(124). + + (123) 1910. + + (124) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die + Schwierigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem + Gebiete zu kämpfen haben: + + Zunächst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht + dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren + Reisende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte + ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verständigung + mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit + den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von + Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit + den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die + intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen + Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben + aus den verschiedenartigsten Motiven (vgl. _Frazer_, The beginnings of + religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly + Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche + Auskünfte. -- Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven + Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die + zivilisiertesten, und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden + ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und + Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr + sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach + allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken + entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen + nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten + hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht. + Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den + Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als + spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des + ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der + Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart + der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die + Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen + psychischen Konstellationen zu deuten. + +Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatz(125), ist ein +materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt +bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem +Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die +Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine +wechselseitige, der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist +seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn +nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze +ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein +Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine +Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und +noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen. + + (125) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen + Werkes T. and Ex. + +Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden: + +1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich +erblich von einer Generation auf die nächste überträgt; + +2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen +Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechtes +angehört, und + +3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht +auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem +kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind, +wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig +bedeutsame Bildungen. + +Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe +von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für +blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch +gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem +miteinander fest verbunden sind. + +Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach +seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger +Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach +seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder +gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte des +Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; +das soziale System überlebt häufig das religiöse und umgekehrt +verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen +das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie +diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander +zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge +nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke +Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang +unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir +zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige +sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den +Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet. + +In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen +Systems stellt _Frazer_ voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich +nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, daß sie von ihm +abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier +nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch +des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote, +den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen +Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten, ihn zu berühren, +ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei +seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den Totem +schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere +Erkrankungen oder Tod(126). + + (126) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu. + +Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen +und in der Gefangenschaft gehegt(127). Ein tot aufgefundenes Totemtier +wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein +Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von +Entschuldigungen und Sühnezeremonien. + + (127) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in + _Rom_, die Bären im Zwinger von _Bern_. + +Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein +gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus, +daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese +Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamme +ausgestoßen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprünglich Ordalien; viele +Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung +überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen +und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses +wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war +gekommen, seinen Verwandten zu holen(128). + + (128) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter. + +Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse +seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm +äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtieres hüllt, sich +das Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten +der Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung +mit dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle +Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden, und wie er +gebärden, dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten. +Endlich gibt es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise +getötet wird(129). + + (129) l. c., p. 45. -- Siehe unten die Erörterung über das Opfer. + +Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng +gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die +Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet +einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der Tötung eines +Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für +die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der +Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind +stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen +nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch +mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche +Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war. + +Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß +Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt +nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte +und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte _Exogamie_. Wir haben ihr +die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier +nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven +entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen +verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die +jüngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der +älteren Generation zum Hindernis wird(130). + + (130) S. die erste Abhandlung. + + * * * * * + +An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frühesten in +der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer +der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen +Elementen der Völkerpsychologie sagt W. _Wundt_(131): »Das Totemtier +gilt als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits +Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat +dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese +Verwendungen des Begriffes spielen aber ineinander und die einzelnen +dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die +Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden +sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch +die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff +des Totem wird für die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_ +maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und +Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier +ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe von +Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater +der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese +Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich +ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen +Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein +einzelnes Tier, sondern jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in +gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten +oder nur unter bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres +zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame +Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von +zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet ...« + + (131) p. 116. + +»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen +Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der +Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter +diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt +diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die +zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.« + +Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder +Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen +Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche +Züge: _Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen +der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; +es war verboten, den Totem zu töten_ (oder _zu essen_, was für primitive +Verhältnisse zusammenfällt); _es war den Totemgenossen verboten, +Sexualverkehr miteinander zu pflegen(132)._ + + (132) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus, + welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus Totemism has + commonly been treated as a primitive system both of religion and of + society. As a system of religion it embraces the mystic union of the + savage with his totem; as a system of society it comprises the + relations in which men and women of the same totem stand to each other + and to the members of other totemic groups. And corresponding to these + two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of + Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem + animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit + with a woman of the same totem.« (p. 101.) _Frazer_ fügt dann hinzu, + was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt: + Whether the two sides -- the religious and the social -- have always + coexisted or are essentially independent, is a question which has been + variously answered. + +Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totémisme, den _Reinach_ +aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt +nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung +vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die +Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors, +ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren +vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen. + + +2. + +Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine +regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde +das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel +seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die +entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung, +nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen +Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der +Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem +ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter +welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und +welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte. + +Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie +verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen +versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher +hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man +allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das +vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 veröffentlichten Schrift +geschöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche +Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von _Frazer_ +selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat, +beanständet werden(133). + + (133) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen + Satz nieder: »That my conclusions on these difficult questions are + final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views + repeatedly, and I am resolved to change them again with every change + of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift + his colours with the shifting colours of the ground he treads.« + Vorrede zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910. + +Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und +der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der +beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der +Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, daß auch +die primitiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen +und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so +daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die +mangelnde Beobachtung zu ersetzen(134). Unter den vorgebrachten +Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von +vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den +Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen +auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt; noch +andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen +Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen +Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie +gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als in ihren +eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die meisten der behandelten +Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der +neuesten, hier meist übergangenen Literatur des Gegenstandes das +unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lösung der +totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B. +_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Britannica +Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser +einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen. + + (134) »By the nature of the case, as the origin of totemism lies far + beyond our powers of historical examination or of experiment, we must + have recourse as regards this matter to conjecture«, A. _Lang_, Secret + of the Totem, p. 27. -- »Nowhere do we see absolutely primitive man, + and a totemic system in the making.« p. 29. + + +a) Die Herkunft des Totemismus. + +Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so +formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) nach +Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen(135)? + + (135) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren. + +Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie für die +Wissenschaft entdeckte(136), enthielt sich, eine Ansicht über die +Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von +A. _Lang_(137) war er eine Zeitlang geneigt, den Totemismus auf die +Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur +Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen, als A) +nominalistische, B) soziologische, C) psychologische. + + (136) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870. + -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in + ancient History, 1876. 2. ed. 1886. + + (137) The Secret of the Totem, 1905, p. 34. + + +A) Die nominalistischen Theorien. + +Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter +dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen. + +Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkömmling der peruanischen _Inka_, +der im XVII. Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll, was +ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der +Stämme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt +haben(138). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology +von A. K. _Keane_ auf: die Totem seien aus »heraldic badges« +(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und +Stämme sich von einander unterscheiden wollten(139). + + (138) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p. 34. + + (139) Ibid. + +Max _Müller_ äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der Totem in +seinen Contributions to the Science of Mythology(140). Ein Totem sei: 1. +ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clan, +4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. _Pikler_ +1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren +Namens für Gemeinschaften und Individuen .... So entspringt also der +Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem nüchternen +Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung, +ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem +ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden +aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee +einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab(141). + + (140) Nach A. _Lang_. + + (141) _Pikler_ und _Somló_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die + Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag + zur materialistischen Geschichtstheorie«. + +Herbert _Spencer_(142) legte gleichfalls der Namengebung die +entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne +Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften +herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen +oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten. +Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven +Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt +worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren +selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung +ergeben. + + (142) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. + Prinzipien der Soziologie, I. Bd., §§ 169 bis 176. + +Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses hat Lord +_Avebury_ (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John _Lubbock_) die +Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären +wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen +Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines +Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen +Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen +Achtung und endlich Verehrung gelangte. + +Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche +Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_ +vorgebracht(143). Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß der +Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines +einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der Name +eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen +Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen. + + (143) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret + etc.). + +Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger Weise +unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für die +Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese +Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die +beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen +Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905 +entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems, +aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und +beansprucht so, das Rätsel des Totemismus der endgültigen Lösung +zugeführt zu haben. + +A. _Lang_ meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche Weise die +Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie +erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und wußten +sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei +vergessen_. Dann würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft +darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der +Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im +totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven -- +wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder(144) -- nicht +etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, wie sie uns erscheinen, +sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name eines Menschen +ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein Stück seiner +Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte die Primitiven dazu +führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen +und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band konnte da anders in +Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War diese aber infolge +der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben sich aus ihr als +direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit Einschluß der +Exogamie. + + (144) Vgl. die Abhandlung über das Tabu, S. 76. + +»No more than these three things -- a group animal name of unknown +origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human +and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions -- +was needed to give rise to all the totemic creeds and practices, +including exogamy.« (Secret of the Totem, p. 126.) + +_Langs_ Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische +System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen +ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namengebung +vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun den +Ursprung dieser Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz +anderem Gepräge ist. + +Dies andere Stück der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich +von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe. Das praktische +Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme Namen +anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem +Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies »naming from without« ist die +Eigentümlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Daß die Namen, die so zu +stande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig und +braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden worden +zu sein. Übrigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Fälle aus +späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen +gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten +akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und +_Tories_). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im Laufe der +Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der _Lang_schen +Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten. + + +B) Die soziologischen Theorien. + +S. _Reinach_, der den Überbleibseln des totemistischen Systems in Kult +und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von Anfang an +das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert +einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein +als »une hypertrophie de l'instinct social«(145). + + (145) l. c., T. I, p. 41. + +Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_: Les formes +élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie, +1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsentant der +sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft, welche +der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist. + +Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Beteiligung der +sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht. +So hat A. C. _Haddon_ angenommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich +von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit +diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch +zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem +Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte, +bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere +Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für +dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als +auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedürfnisse, den +Hunger, gegründet war(146). + + (146) Address to the Anthropological Section, British Association, + Belfast 1902. Nach _Frazer_, l. c., T. IV, p. 50 u. ff. + +Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen, +daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends +gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden +seien omnivor, und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei +es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein +fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in +der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte. + +Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ über die Entstehung des +Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer +Stelle berichtet werden. + +Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem +Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über die +Eingeborenen von Zentralaustralien(147). + + (147) The native tribes of Central Australia, von Baldwin _Spencer_ + und H. J. _Gillen_, London 1891. + +_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, der +sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentümlichen Einrichtungen, +Gebräuchen und Ansichten, und _Frazer_ schloß sich ihrem Urteile an, daß +diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes zu betrachten +seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß +geben können. + +Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil +der _Arunta_nation) folgende: + +1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht +erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) individuell +bestimmt. + +2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen werden +durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt, +welche mit den Totem nichts zu tun haben. + +3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer +Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des eßbaren +Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt _Intichiuma_). + +4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und +Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres +Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre +Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene +Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf +welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach +wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die +Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche +Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Stätten +gefunden werden. + +Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, daß man in +den Einrichtungen der _Arunta_ die älteste Form des Totemismus +aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche +behaupteten, daß die Ahnen der _Arunta_ sich regelmäßig von ihrem Totem +genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem +geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des +Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht +erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs +sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter +den heute lebenden ansehen. + +Indem _Frazer_ sich für die Beurteilung des Totemismus an die +_Intichiuma_zeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf +einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchwegs praktische +Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen +(vgl. oben _Haddon_(148)). Das System war einfach ein großartiges Stück +von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen einen +magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die +Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels +zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um +schädliche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des +Totemclan, dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit +abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zu gute. +Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so +beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von +ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu +besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die _Intichiuma_zeremonie +vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wäre man durch +das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere +Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst +viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen. + + (148) »There is nothing vague or mystical about it, nothing of that + metaphysical haze which some writers love to conjure up over the + humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to + the simple, sensuous, and concrete modes of the savage« (Totemism and + Exogamy, I, p. 117). + +_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, daß jeder Totemclan sich +ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. Dann +bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die +sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, während man selbst +auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung +sei keineswegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen, +sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu +verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem +Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte, Schaden +brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen, +indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die +Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht(149) und ebensowenig getraute er +sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_ +behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur +Exogamie gewandelt habe. + + (149) l. c., p. 120. + +Die auf das _Intichiuma_ gegründete Theorie _Frazers_ steht und fällt +mit der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es +scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(150) und +_Lang_(151) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die _Arunta_ scheinen +vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, eher ein +Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die +Mythen, welche auf _Frazer_ so großen Eindruck gemacht haben, weil sie +im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit +betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden +sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die +Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen +Zeitalter. + + (150) L'année sociologique T. I, V, VIII und an anderen Stellen. Siehe + besonders die Abhandlung Sur le totémisme. T. V, 1901. + + (151) Social Origins und Secret of the Totem. + + +C) Die psychologischen Theorien. + +Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner +Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ +geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(152). Der +Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an +dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu +bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht +hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den +Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte, +welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe, +die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus +aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben. + + (152) The Golden Bough II, p. 332. + +Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde, +stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche +eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv, +aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei, und daß er +dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu +kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(153). Die +magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte +Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment, +einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die +Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand +er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_. + + (153) »It is unlikely that a community of savages should deliberately + parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to + a particular band of magicians, and bid all the bands to work their + magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV, + p. 57. + +Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption +mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in +diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der +nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von +ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der +gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den +Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn +man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib +ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt, +welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst +Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr +in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit +seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle +weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht +daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser +Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er +würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise +etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine +Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist, +verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den +Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der +Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu +erweisen(154). + + (154) T. and Ex. II, p. 89 und IV, p. 59. + +Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden +über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des +besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der +Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das +lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die +Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen) +einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des +männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies) +des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that +struck a woman at that mysterious moment of her life when she first +knows herself to be a mother might easily be identified by her with the +child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so +universal, appear to be the root of totemism(155).« + + (155) l. c. IV, p. 63. + +Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe, +der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die +_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt +zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver +Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche +Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation +geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(156). +Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur +allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum +Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten, +wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen +Mythen. + + (156) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_, + Secret of the Totem, p. 192. + +Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der +Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des +Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die +Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum +Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an +die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein +als umgekehrt(157). + + (157) _Frazer_, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff. + +Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten +amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie +geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und +behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den +dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt +habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die +Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her +bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die +Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(158). + + (158) _Frazer_, l. c., p. 48. + +Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_ +ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß +erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das +Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die +ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(159). Seelentiere, wie +Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle +Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und +Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die Träger der den Körper +verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling +der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der +Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein. + + (159) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. + + +b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus. + +Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit +vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die +immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren +Fragen nehme ich mir im Interesse der Leser die Freiheit einer noch +weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der +Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials +besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen: verworren. Die +Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf +Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere +Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden +Fachschriften verweise. + +Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich +nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene +Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede +Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen +glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander +gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will, +die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und +eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein +zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. +_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit +Entschiedenheit vertreten. + +»I must request the reader to bear constantly in mind that the two +institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in +origin and nature though they have accidentally crossed and blended in +many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.) + +Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle +unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu +haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge +der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in +seinen Arbeiten(160) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das +Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum +geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut +wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf +Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das +demselben Totem angehört(161). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_ +anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Bluttabu, um das Verbot +der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(162). Das allgemeine +Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu +sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch +eine andere Ableitung der Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie +sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten. + + (160) L'année sociologique 1898-1904. + + (161) Siehe die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. + and Ex., IV, p. 101. + + (162) Secret etc., p. 125. + +In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren +der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie +später hinzugekommen(163). + + (163) Z. B. _Frazer_, l. c. IV, p. 75: »The totemic clan is a totally + different social organism from the exogamous class, and we have good + grounds for thinking that it is far older.« + +Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus +erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die +verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern. + +_Mac Lennan_(164) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den +Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen Frauenraub +hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich +gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die +Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt +geworden, weil sie ungewöhnlich war(165). Das Motiv für diese Gewohnheit +der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme, +der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt +zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu +tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_ +bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den +Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die +männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut +unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem +gänzlich beiseite gelassen wird(166). + + (164) Primitive marriage 1865. + + (165) »Improper because it was unusual.« + + (166) _Frazer_, l. c. IV, p. 73 bis 92. + +Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die +Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(167). + + (167) Vgl. die erste Abhandlung. + +Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen +Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von +_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(168) beistimmen, daß +diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate +design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen +sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it +seem possible to explain in all its details a system at once so complex +and so regular(169).« + + (168) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV, + p. 105 ff. + + (169) _Frazer_, l. c., p. 106. + +Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die +Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die +Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern +und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen +Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde. + +Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf +gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des +Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in +letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie +erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung +der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr +unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu +berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem +Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen +Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, +in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht +wurde. + +_Westermarck_(170) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß +zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene +Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl, +da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz +einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem +Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt +zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in +the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben +Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des +Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und +Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben +handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß +unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen +durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen +aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens, +des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen +Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung +geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung +hervorzurufen«. + + (170) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. + Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene + Einwendungen. + +Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene +Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die +Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der +biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung +bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner +psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für +die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht +ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch +nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche +_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_ +findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar +nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die +Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, +gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere +Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im +Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten +zusammentreffen. + +»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher +Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein +Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder +ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und +trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst +vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch +Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den +Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten. +Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das +Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig +annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden, +Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gern +begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen +Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu +brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot +des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest +besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher +Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie +andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht +zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen +Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(171).« + + (171) l. c., p. 97. + +Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß +die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen +Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben +im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des +jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche +verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu +überschätzende Rolle spielen. + +Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also +fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung +des Inzestverbots, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die +Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen +Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in +bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen +gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(172). Nicht nur, daß das +Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der +Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften +der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind +auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim +Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die +heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer +entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre +spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich, +wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern +hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch kaum in +unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefunden haben(173). + + (172) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année + sociologique, I, 1896/97. + + (173) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to + reflect on distant evils to their progeny.« + +Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch +hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse +schwächenden Moments ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu +zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest +erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(174), erscheint diese +Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger +und stärker als bei den zivilisierten. + + (174) Vgl. die erste Abhandlung. + +Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die +Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen +Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive +vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären, +sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten +Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu +nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher +vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(175). + + (175) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of + incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a + problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I, p. 165. + +Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu +erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten. +Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen. + +Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den +sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den +Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich +in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des +ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte. +»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller +Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum Kämpfen mit +ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung +der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich ist ... Wenn +wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und nach den +sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen, +ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich in +kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er +die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen alle anderen +Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch +mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn +alle Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur ein erwachsenes +Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männchen heran, +so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich +dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt +der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal of Natur. +Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch ausgestoßen +sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden +einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder +einer und derselben Familie verhüten(176).« + + (176) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd., + Kap. 20, p. 341. + +_Atkinson_(177) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse +der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch +durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde +gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der +Eifersucht des Oberhauptes galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus +diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein +Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte +sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr +innerhalb des Totem. + + (177) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins). + +A. _Lang_(178) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er +vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie, +welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen +läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu +vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus +bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(179). + + (178) Secret of the Totem, p. 114, 143. + + (179) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines + of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the + practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first + practical rule would be that of the jealous Sire »No males to touch + the females in my camp«, with expulsion of adolescent sons. _In efflux + of time that rule, become habitual_, would be, »No marriage within the + local group«. Next let the local groups receive names, such as Emus, + Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, »No Marriage within the + local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe«. But, if the + primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as + totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable, + and other names of small local groups.« Secret of the Totem p. 143. + (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In + seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911) + teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus + dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe. + + +3. + +Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in +dieses Dunkel. + +Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des +Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut, +welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur +durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen. +Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im +ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere +verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen. + +In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt +nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich +eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem +Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das +klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den +psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die +früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel +Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse +gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl +unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter +städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, +seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und +Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch +und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen und +unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten gelingt es +einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des +Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K. _Abraham_ die Mitteilung +eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch +die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes hätte es +an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem Gehörten fürchten +durfte. + +Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer +analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade +verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem +Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht +behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und +ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen +dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten +Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem +Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche: +die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben +waren, und war nur auf das Tier verschoben worden. + +Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und +von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf +wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein +Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß +wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen +stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich +verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M. +_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte +eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer +Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen +sah, weinte er und schrie: 'Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will +artig sein.' Unter 'artig sein' meinte er: 'nicht mehr Geige spielen' +(onanieren)(180).« + + (180) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für + Psychoanalyse, 1912, II, Nr. 1, p. 15 ff. + +Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die +auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare +Äußerung: 'Hund, ich will artig sein' -- d. h. nicht masturbieren -- +bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation +verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so +völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit +solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien, +Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im +Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und +lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst +von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete +Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht +behaupten.« + +Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und +psychopathologische Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie +eines fünfjährigen Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen +Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden, +in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf die Straße zu gehen. Er +äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn +beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein +sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben +durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es +sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, +Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er +überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter, +auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet +waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen +Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und +in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu +aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus +wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil +seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. + +Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen +Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich +geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der +Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im +Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit +jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu +kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ -- +Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in +diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen +Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den +Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte +Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der +Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die +Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der +kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und +Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, +identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als +Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(181). In einem anderen +Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen +großen Tieren zu identifizieren(182). + + (181) l. c., p. 37. + + (182) Die Giraffenphantasie, p. 24. + +Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder +gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir +verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines +Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen +kann(183). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen +die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang +des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung +desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen +Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten +Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen +Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales +gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater +die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen +Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist +die von ihm drohende Strafe(184). + + (183) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift für + ärztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 3. + + (184) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus + enthaltene Blendung vgl. die Mitteilungen von _Reitler_, _Ferenczi_, + _Rank_ und _Eder_ in Internationale Zeitschrift für ärztliche + Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 2. + +Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in +einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein +Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr +später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er +interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin +vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf. +Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber +beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und +anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur +Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein +Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am +liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist +ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stande, stundenlang um die Tierleichen +erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das +geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst +mißhandelten Ebenbilder von Hühnern. + +Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren +Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich +seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des +Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn,« sagte er einmal. »Jetzt bin +ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich +ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal +wünscht er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der +Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen +Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer +Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte. + +Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb +nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und +Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut« +befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen +Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine +Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde +Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, +nein, statt der Köchin lieber die Mutter.« + +Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung +vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle +Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle +Identifizierung mit dem Totemtier(185) und die ambivalente +Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen +Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den +Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken +dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan +haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch +heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren +Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich +genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die +sie darum gern in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt +uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den +Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen(186). + + (185) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben + ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and + Ex., IV, p. 5. + + (186) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von + Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, + wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S. 153) + erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er meinte von seinem + Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwangerschaft + mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei. + +Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das +Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des +Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den +Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu +gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus, +der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den +beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren +Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte +diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so +müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in +unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns +gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus +den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des +»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser +Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit +des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion +studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte. + + +4. + +Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe, +Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie +scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889 +veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(187) die Annahme +aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_, +von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen +Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur +eine einzige, aus dem V. Jahrhundert n. Chr. überlieferte Beschreibung +eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch +die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen Grad +von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine göttliche Person +voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß von einer höheren +Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des Totemismus. + + (187) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second + Edition, London 1907. + +Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson +Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und +Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so +reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren +Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem +Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung +im Original zu übermitteln. + +_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche +Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es spielt in allen +Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr +allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß. + +Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium, +~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was +spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um +sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. (Von dem Nebensinn der +Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus.) Das +Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social +fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der +Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte. + +Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon +der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das +opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch +bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist +der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind +ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die +älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer +sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und +entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das +Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau. + +Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte +Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde. +Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde +diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man allein den +flüssigen Anteil der Mahlzeit der Gottheit zuwies. Später gestattete der +Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch +aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch +welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des +Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später +der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das »Blut der Rebe«, +wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. + +Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die +Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut +der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß +jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte. + +Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen +Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die +religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und +Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein +Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das +Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen +Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit +der Gottheit. + +Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten +Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens. +Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol +und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme +gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten +Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit +waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute +unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an +der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der +Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen +Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der +braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines +Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige +Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene +Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird +das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu +verstärken und dauerhaft zu machen. + +Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft +zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band, +welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft +(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für +einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben +solcherart zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie +Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord +eines einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses oder jenes ist +vergossen worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die +hebräische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, +lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen +Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß +sie nicht nur auf die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der +Substanz seiner Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man +genährt wurde, sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt +und durch die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken +kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die +Überzeugung aus, daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als +Fremden anerkannte, mit dem teilte man keine Mahlzeit. + +Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von +Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander +essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der +Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun. +Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien +umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden +angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder +erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft +zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen +Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute +abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus +machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern +unmöglich. + +Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine +Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist -- +auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche +Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von +der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen +unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet +nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer +ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_ +ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten +sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die +Verantwortlichkeit mit übernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine +Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich +Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes +rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur +durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen geopfert +werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben der Stammesgenossen +selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des +Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß +die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm +zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie +ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier +waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clan. + +_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das +Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei +Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich +gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein +verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen +Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht +wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch +waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgend einer +Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte +betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied +zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind +ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei +feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen +werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut +gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen +Vorwurf geschehen. + +Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint +überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet +zu haben(188). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren +an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen +Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen +Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach +vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu +entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen +eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem +athenischen Fest der _Bouphonien_ wurde nach dem Opfer ein förmlicher +Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich +einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen, +welches dann ins Meer geworfen wurde. + + (188) »The inference is that the domestication to which totemism + invariably leads (when there are any animals capable of domestication) + is fatal to totemism.« _Jevons_, An introduction to the history of + religion 1911, fifth edition, p. 120. + +Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines +Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von +Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut +desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese +Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben +gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an +der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges +Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint +diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers +zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich, +indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann, +welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(189)._ + + (189) l. c. p. 113. + +Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in +seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen +Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen +_Blutbündnissen_ zu Grunde, durch die sich noch in späten Zeiten +Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische +Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die +Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen +Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern. + +Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_ +ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren: Als die Idee des +Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit, +als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes +aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des +Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst +heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der +Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes +genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß +die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit +der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier +selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier, +der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die +Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten. + +Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß +die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der +Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der +Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit, +meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten +erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in +der sinaitischen Wüste um das Ende des IV. Jahrhunderts nach Christi +Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von +Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal +unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste +Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich +die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des +zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in +der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem +dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen +alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide +vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende +Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern +die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit +die verschiedensten Abschwächungen erfuhr. + +Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit +Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe +des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch +selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale +Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der +Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit +erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika +und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche +Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes +ausführlich mitgeteilt(190). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen +großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in feierlicher +Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den +Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso +mit ihrer heiligen Schildkröte. + + (190) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild; + 1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine + animal. + +In den _Intichiuma_zeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein +Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson +Smith_ vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines +Totem, dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist +gehalten, bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen, +ehe derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel +für den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach +_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem +Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(191). + + (191) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590. + +Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die +sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen +Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei(192). + + (192) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_ + u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind + mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von + _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt. + + +5. + +Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und +statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher +nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei +feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut, +Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit +des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie +seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei, +daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch +die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner +von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das +hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine +zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung +erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei +einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die +Tötung von sich abzuwälzen(193). + + (193) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412. + +Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung +aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das +Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu. + +Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein +feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge +irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die +Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die +festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen +erzeugt. + +Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den +Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst +versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie? + +Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem +heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und untereinander bestärken. +Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in +sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was +aus ihr folgt, erklären. + +Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der +Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es +sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit +wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente +Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren +Kindern auszeichnet und sich oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt, +würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken. + +Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des +Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese +über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt +sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf +eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil +bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von +Phänomenen herzustellen. + +Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des +Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen +für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter. +Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der +Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was +noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind +_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und +den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei +mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen +sein und auf welchem Wege war es möglich? + +Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort +zu geben: Eines Tages(194) taten sich die ausgetriebenen Brüder +zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der +Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zu stande, was dem +einzelnen unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein +Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefühl +der Überlegenheit gegeben. Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist +für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater +war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der +Brüderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die +Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner +Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit, +wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, +verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die +sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und die +Religion(195). + + (194) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte + ich die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv + hinzunehmen. + + (195) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und + Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der + ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung + aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful + band of brothers living together in forced celibacy, or at most in + polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet + weak in their impubescence they are, but they would, when strength was + gained with time inevitably wrench by combined attacks renewed again + and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law, + p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien + verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen + hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten + Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu + beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er + nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall + der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne + untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation + der Gesellschaft niemals zu stande: »an ever recurring violent + succession to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal + hands were so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228). + _Atkinson_, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, + und dem die Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet + einen minder gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten + sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in friedlicher + Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen, + daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Söhne in der Horde + verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in + Form der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern + anerkennen. + + So viel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre + Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte + und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang + mit so vielem anderen mit sich bringt. + + Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche + Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf + ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung + hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit + anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern. + +Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden, +braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar +von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater +beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei +jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie +haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen +Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten +ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren +Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die +dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(196). Es +geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches +hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde +nun stärker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch +heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz +verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen +Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten +»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die +Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und +verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen +versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die +beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden +verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer +dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig, +welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(197). + + (196) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zu gute kommen, daß + die Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie + war in gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte + ja seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters + einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen + Reaktion weit günstiger als die Befriedigung. + + (197) »Murder and incest, or offences of a like kind against the + sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which + the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites, + p. 419. + +Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen +beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die +Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja +beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber, +das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das +sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten +sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder +des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater +alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die +neue Organisation zu Grunde gegangen. Es war kein Überstarker mehr da, +der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit blieb +den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als -- +vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischenfälle -- das Inzestverbot +aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten +Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater +beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark +gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen ruhen +konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen eingestellt +haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche den Keim +zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des _Mutterrechts_ legte, +bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde. + +An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft +hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer +Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier +als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in +der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr +Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es +konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende +Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu +bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit +dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche +Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung, +wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, das heißt die Tat +an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu Grunde +gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus. +»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die +Versuchung gekommen, ihn zu töten.« So verhalf der Totemismus dazu, die +Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er +seine Entstehung verdankte. + +Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter der +Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem +Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu +beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam +zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche +desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie +unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es +sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit +der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur +Ruhe kommen läßt. + +Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist +damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war +wohl zu groß, um durch irgend eine Veranstaltung ausgeglichen zu werden, +oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser +Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die +dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und +in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt +nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung, +sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die +Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit +einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams +wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der +Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft +der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des +Vaters, infolge der veränderten Einflüsse des Lebens zu entschwinden +droht. Wir werden nicht überrascht sein zu finden, daß auch der Anteil +des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und +Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht. + +Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus +noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue +verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch +nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord +gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen +die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den +tiefstgehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie +schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der +Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder +sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von +ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen +gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum +religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial +begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange +währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen +abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht +morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_ +getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die +Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten +Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, +die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum +anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen. + +Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen +des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen +innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und +Exogamie vertreten. + + +6. + +Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven, +die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der +Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen +Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich +sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des +Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(198). + + (198) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte + Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch + von _Bleuler-Freud_, IV, 1912. + +_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der +ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist +derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit; +auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben, welches nur durch die +Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu +hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das +Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse, +und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt +der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation? + +Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes -- unbekannt woher -- die +Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen, +und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die +Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein +die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer +ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater +gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem +Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich +verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter +Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus, den +Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem +Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend welche Beachtung +verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen +Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der +Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber +in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten, +einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem +Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen +Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben +kann. + +Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen +Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier +heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen +Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier +zum Opfer dargebracht(199); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt +eines Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche +Verehrung lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen +verwandelt sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. +So läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich +auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier +entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die +Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. +So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine +spätere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. +Eine solche Neuschöpfung aus der Wurzel aller Religionsbildung, der +_Vatersehnsucht_, konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten +am Verhältnis zum Vater -- und vielleicht, auch zum Tiere -- +Wesentliches geändert hatte. + + (199) _Robertson Smith_, Religion of the Semites. + +Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem +Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tiere und von der +Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation absehen will(200). In +der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein +Moment, welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der +Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des +Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt +gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch +Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck +gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des +Brüderclan auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und +durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach +der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten +die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen, +die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen, +welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften +Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt +hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen +Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen +nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in +Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen +hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern +wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt, +was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das +Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(201). +Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm +seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch +als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem. + + (200) S. o. S. 184. + + (201) »To us moderns for whom the breach which divides the human and + the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may + appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their + thinking gods and men were akin, for many families traced their + descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed + as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems + to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough, I. The magic art and + the evolution of kings, II, p. 177. + +Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten +findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind, +weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im +Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte, +sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters +beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation, +übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die +vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um. +Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den +Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt +wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclan waren +nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen +Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um +die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der +ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern. + +In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich +zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem +Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in +Acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie +übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die +zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich +ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den +Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der +zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene +der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum +Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die +Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin, +daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in +derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat +fortsetzt. + +In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die +Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die +Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zu Gunsten des Gottes. Gott selbst +ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch +die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die +soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System +auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und +wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der +Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue +Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu +entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer +Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet. +Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier +tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die +äußerste Verleugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und +das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren +Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung +darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zu Gunsten der höheren +Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der +Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen. +Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil +seines Wesens überwindet(202). + + (202) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den + Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der + Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von + Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer + Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den + »funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier + tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet, + setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten + voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig. + +Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der +erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem +Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der +Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der +Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener +Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt. + +_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung +ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen Stämme Fremde +waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an +einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche +Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein +wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das +Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der +bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als +Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des +lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser +Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische +Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung +wie das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rückwärts +auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit kaum zu +überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das +nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also. +Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt +eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz +für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der +Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das +Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln. + +So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als +unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, und +gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte, +mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zu +Tage treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als +Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an +dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere +Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen +Urgeschichte fern liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit +denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als +»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die +Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern +etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an +sich trug(203). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte +war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zu Grunde liegenden +Situation ihre gute Aufklärung fanden. + + (203) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a + spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but + obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's + death_ -- a point which has already come before us in connection with + theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«. + +Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung +der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des +Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des +religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden +seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem +kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen +Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen. + +Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor, +sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des +Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen +Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die +in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet. +Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a., +Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die +Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater +zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese +Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die +diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und +eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in +Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige +Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an +Entmannung(204). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung +dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit +übergegangen, welche zu dauerndem Erfolge bestimmt war. + + (204) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in + der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen + Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir + ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach + seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen + Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die + völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist + meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei + primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der + Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst + sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist + überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit + Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt + ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen + können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie + Äquivalente der Kastration behandeln. + +Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf +die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile +zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. + +Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch +unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den +Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen +Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit +die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab +einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und +diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes +Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde. + +Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den +Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des +griechischen Altertums ein(205). Die Menschen waren die Nachkommen von +Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt +hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment +von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein +urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus +hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß(206). Erinnert die +Tat der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und +Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene +Totemopfer, -- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der +Tod des Orpheus selbst --, so stört uns hier doch die Abweichung, daß +die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird. + + (205) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff. + + (206) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76. + +Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen unzweifelhaft eine +Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem +Drucke der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so +zwingt er uns zu dem Schlusse, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach +dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein +Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die +Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(207). Und wenn dieses +Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so +kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater +gewesen sein. + + (207) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich + regelmäßig als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere + gerichtet sind. + +So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am +unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im +Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat. +Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig +mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen +Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das +psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen +Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der +Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott +neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die +Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte +Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die +Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters, +genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert. +Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der +Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und +mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen +Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen +so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die +christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des +Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie +berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has +absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than +Christianity(208)«. + + (208) Eating the God, p. 51. ..... Niemand, der mit der Literatur des + Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der + christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers + dieses Aufsatzes sei. + + +7. + +Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte +unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und +sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je +weniger er selbst erinnert werden sollte(209). Ich gehe der Versuchung +aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu +finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem +ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung +über den Tod des Orpheus folge(210). + + (209) _Ariel_ im »Sturm«: + + Full fathom five thy father lies: + Of his bones are coral made; + Those are pearls that were his eyes; + Nothing of him that doth fade + But doth suffer a sea-change + Into something rich and strange. + + In der schönen Übersetzung von _Schlegel_: + + Fünf Faden tief liegt Vater dein. + Sein Gebein wird zu Korallen, + Perlen sind die Augen sein. + Nichts an ihm, das soll verfallen, + Das nicht wandelt Meeres-Hut + In ein reich und seltnes Gut. + + (210) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes + et Religions. T. II, p. 100 ff. + +In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche +auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten +mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt. +Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von +Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen +einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: es ist +der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere +Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um +Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der +Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert. +Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche +Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf +sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine +Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der +Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor +begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn +zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für +sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung +gefunden hatte. + +Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine +»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung +abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen +urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung +findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß, +um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist +durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter +Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten +Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden +verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern, +und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte +Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität, +ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die +Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen +Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht. + +Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen +Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden +Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht +verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an +der Passion Christi neu entzündete. + +So möchte ich denn zum Schlusse dieser mit äußerster Verkürzung +geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex +die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst +zusammentreffen, in voller Übereinstimmung mit der Feststellung der +Psychoanalyse, daß dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so +weit sie bis jetzt unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint +mir als eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des +Völkerseelenlebens eine Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte +her, wie es das Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht +ist selbst ein anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang +einzubeziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die +Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von +Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger +Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser +Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein fundamentales +Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere Möglichkeit +scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben ursprünglich +fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(211) erworben wurde, wo +die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre +stärkste Ausprägung nachweist(212). + + (211) Respektive Elternkomplex. + + (212) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für + überflüssig, ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen + Zurückführungen an die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene + keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu + den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, + Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, + welches sich aus der Berücksichtigung der psychoanalytischen + Anforderungen ergibt. Die Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß + ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus der Natur dieses + neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine andere + als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von + großen affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm + eine solche Bedeutung zugesteht. + +Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe +Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in +diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten +unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate +verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die +sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften. + +Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall die Annahme +einer Massenpsyche zu Grunde legen, in welcher sich die seelischen +Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor +allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende +fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat +nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei +Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt +wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen +Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden +waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere +Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen +vermeiden kann. + +Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit für +solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer +Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche +gestattet, sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das +Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie +überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der +einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung +zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt +und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen, +wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen +zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation +bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen. Ich +werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder +daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für +das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die +Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte +Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen +hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung +psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser +Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen. +Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen +Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch +schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen +gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine +Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die +stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und +aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, daß keine +Generation im stande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der +nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß +jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat +besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, +das heißt die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der +andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf +diesem Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und +Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater +zurückgelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme +jener Gefühlserbschaft gelungen sein. + +Ein anderes Bedenken dürfte gerade von Seiten der analytischen Denkweise +erhoben werden. + +Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen der +primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche +ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat +und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß +ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische +Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei +den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, +fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die +begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(213). Wenn +wir aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche +Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht +Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen +verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem +Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten zu +Grunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß +sie die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken +ebenso ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten. + + (213) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu. + +Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? Wir sind +berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer psychischen +Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation +zuzuschreiben(214). Demnach könnten die bloßen Impulse von +Feindseligkeit gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu +töten und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion +zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der +Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den +wir mit Recht so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle +beleidigendes Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang +bis in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen +Schaden, denn die psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle +diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß ja eine +Veränderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des +Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes Argument, aber +doch nicht entscheidend. Die Veränderung könnte auf minder gewaltsame +Weise erreicht worden sein und doch die Bedingung für das Hervortreten +der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters +sich fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn +berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt +abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, was +sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, Tabu und +Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes und der vollsten +Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und die Hemmungen der +Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf +psychische Realität, auf Vorsatz und nicht auf Ausführungen zurück. Wir +müssen uns hüten, aus unserer nüchternen Welt, die voll ist von +materiellen Werten, die Geringschätzung des bloß Gedachten und +Gewünschten in die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des +Neurotikers einzutragen. + + (214) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der + Gedanken. + +Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht +gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der Unterschied, +der anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil nicht das +Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und +Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher +Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab +zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in +diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist +nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke +einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von +Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse bestrafen. Es +ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit hatten +diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und insoweit sie in +der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in +Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten hatte in der Kindheit +seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der +späteren übermoralischen. Die Analogie der Primitiven mit den +Neurotikern wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen, +daß auch bei den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung +kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel, +daß die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen +Zeugnissen zu tun beabsichtigten. + +Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht durch +die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die +Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden, Wilden wie +Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir +sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im +Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. +Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat +um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum +meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung +einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen: +Im Anfang war die Tat. + + + + +WERKE VON PROF. SIGM. FREUD + + +_Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse._ Fehlleistungen, +Traum, Allgemeine Neurosenlehre. Drei Teile in einem Band. +Großoktavausgabe, 4. Auflage. (5.-11. Tausend). 1920. Taschenausgabe, +2. Auflage. (3.-7. Tausend) 1922. (Auf dünnem Papier, in biegsamem +Ganzleinen- oder Ganzlederband.) + +_Die Traumdeutung._ 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1921. + +_Über den Traum._ 3. Auflage. 1921. + +_Zur Psychopathologie des Alltagslebens._ Über Vergessen, Versprechen, +Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 8. Auflage. 1922. + +_Totem und Tabu._ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der +Wilden und Neurotiker. 3. Auflage. 1922. + +_Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten._ 3. Auflage. 1921. + +_Über Psychoanalyse._ Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20-jähr. +Gründungsfeier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Aufl. 1922. + +_Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie._ 5. Auflage. 1922. + +_Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre._ + + Erste Folge. 3. Auflage. 1920. + Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. + Dritte Folge. 2. Auflage. 1921. + Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. + Fünfte Folge. 1922. + +_Studien über Hysterie_ (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1916. + +_Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«._ (Schriften zur +angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Aufl. 1912. + +_Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci._ (Schriften zur +angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 2. vermehrte Aufl. 1919. + +_Jenseits des Lustprinzips._ 2. durchgesehene Auflage. 1921. + +_Massenpsychologie und Ich-Analyse._ 1921. + + * * * * * + +IMAGO, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die +Geisteswissenschaften. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_. +Redigiert von Dr. Otto _Rank_ und Dr. Hanns _Sachs_. Viermal jährlich im +Gesamtumfange von mindestens 32 Druckbogen Großquart. VIII. Band, 1922. + +INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE. Herausgegeben von Prof. +Dr. Sigm. _Freud_. Unter Mitwirkung von Dr. K. _Abraham_ (Berlin), Dr. +J. van _Emden_ (Haag), Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest), Dr. E. _Hitschmann_ +(Wien), Dr. E. _Jones_ (London) und Dr. E. _Oberholzer_ (Zürich), +redigiert von Dr. Otto _Rank_. Viermal jährlich im Gesamtumfange von +mindestens 32 Druckbogen Großoktav. VIII. Band, 1922. + + * * * * * + + INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG + LEIPZIG -- WIEN -- ZÜRICH. + +Über die Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung informieren +fortlaufend unsere beiden Zeitschriften: + + IMAGO + Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften + + und + + INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE + + Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung + + Beide herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. _Freud_ + + Im Jahre 1922 erscheinen in den beiden Zeitschriften u. a. folgende + Beiträge: + + Prof. _Freud_: Traum und Telepathie + -- Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und + Homosexualität + -- Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans + Dr. Karl _Abraham_ (Berlin): Vaterrettung und Vatermord in den + neurotischen Phantasien + -- Die Spinne als Traumsymbol + August _Aichhorn_ (Wien): Über die Erziehung in Besserungsanstalten + Dr. F. _Alexander_ (Berlin): Kastrationskomplex und Charakter + Dr. S. _Bernfeld_ (Wien): Über Sublimierung + Dr. F. _Boehm_ (Berlin): Beobachtungen über den erot. + Verkleidungstrieb (Transvestitismus) + Dr. William _Boven_ (Lausanne): Psychoanalytisches über Alexander + den Großen + Dr. Helene _Deutsch_ (Wien): Über die pathologische Lüge + (Pseudologia phantastica) + Dr. S. _Feldmann_ (Budapest): Über Erröten (Beitrag zur Psychologie + der Scham) + Dr. S. _Ferenczi_ (Budapest): Die Psyche als Hemmungsorgan + -- Einige soziale Gesichtspunkte der Psychoanalyse (»Familienroman + der Erniedrigung«) + Anna _Freud_ (Wien): Schlagephantasie und Tagtraum + Albert _Furrer_ (Zürich): Tagphantasien eines sechseinhalbjährigen + Mädchens + Dr. Georg _Groddeck_ (Baden-Baden): Der Symbolisierungszwang + Dr. I. J. _Hermann_ (Budapest): Randbemerkungen zum + Wiederholungszwang + -- Zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung + Dr. Eduard _Hitschmann_ (Wien): Telepathie und Psychoanalyse + Dr. St. _Hollós_ (Budapest): Über das Zeitgefühl + Dr. R. H. _Jokl_ (Wien): Über den Schreibkrampf + Dr. Ernest _Jones_ (London): Funktionale Symbolik + Prof. Dr. Hans _Kelsen_ (Wien): Freuds Massenpsychologie und der + Begriff des Staates + Doz. Dr. Johann _Kinkel_ (Sofia): Psychologische Grundlagen und + Ursprung der Religion + Aurel _Kolnai_ (Wien): Zur psychoanalytischen Soziologie + Dr. F. _Künkel_ (Oberndorf): Eine hypnopause Vorstellung. Zum + Problem des Erwachens + Dr. Emil _Lorenz_ (Klagenfurt): Der Mythus der Erde + Rudolf _Löwenstein_: Zur Psychoanalyse der schwarzen Messen + Dr. Monroe _Meyer_ (New-York): Die Traumform als Inhaltsdarstellung + Dr. Anton _Mißriegler_ (Wördern): Über das Verlieben in Autoren + Dr. Emil _Oberholzer_ (Zürich): Eine Deckerinnerung + Dr. C. _Oberndorf_ (New-York): Die Rolle einer organischen + Ueberwertigkeit bei einer Neurose + Pfarrer Dr. Oskar _Pfister_ (Zürich): Die Religionspsychologie am + Scheidewege + -- Die primären Gefühle als Bedingungen der höchsten + Geistesfunktionen + Dr. Otto _Rank_ (Wien): Die Don Juan-Gestalt (Die soziale Funktion + der Dichtkunst) + Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen + Dr. Géza _Róheim_: Völkerpsychologisches in Freuds + »Massenpsychologie u. Ich-Analyse« + Doz. Dr. Paul _Schilder_ (Wien): Über eine Psychose nach + Staroperation + -- Pathologie des Ich-Ideals + Alice _Sperber_ (Wien): Über die seelischen Ursachen des Alterns und + der Jugendlichkeit + Dr. S. _Spielrein_: Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama + Dr. Arnold _Stocker_ (Jassy): Ödipustraum eines Schizophrenen + Dr. Alfred _Winterstein_ (Wien): Zur Entstehungsgeschichte der + griechischen Tragödie + +Für _Studierende_ und _Lehrer_ aller Grade _ermäßigtes_ Abonnement beim +direkten Bezug vom _Internationalen Psychoanalytischen_ Verlag, Leipzig, +Hospitalstraße 10 oder Wien, VII., Andreasgasse 3. + + + + +Bücher von Dr. OTTO RANK: + + +_Der Künstler._ Ansätze zu einer Sexualpsychologie. (Imago-Bücher I.) +Viertes Tausend 1922 + +_Der Mythus von der Geburt des Helden._ (Schriften zur angewandten +Seelenkunde. Nr. 5.) Zweite Auflage 1922 + +_Die Lohengrinsage._ Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung. +(Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr. 13.) 1911 + +_Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage._ Grundzüge des dichterischen +Schaffens. 1912 + +_Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung._ (Internationale +Psychoanalytische Bibliothek. Nr. 4.) Zweite Auflage 1922 + +_The Myth of the Birth of the Hero._ Nervous and Mental Disease +Monograph Series. New York 1914 + +_Il mito della nascita degli Eroi._ (Biblioteca Psicoanalitica Italiana. +Nr. 4.) 1921 + + +Dr. OTTO RANK und Dr. HANNS SACHS: + +_Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften._ +Wiesbaden. 1913 + +_The significance of Psycho-Analysis for the Mental Sciences._ Nervous +and Mental Disease Monograph Series. New York. 1916 + + Zu beziehen durch den + INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG + LEIPZIG, Hospitalstraße 10 + WIEN, VII. Andreasgasse 3 + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Archäisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat. + Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat. + + oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Bedeutung, zu welcher man + oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man + + with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_'.« + with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).« + + Exogamy«, Bd. I, p. 77. + Exogamy«, Bd. II, p. 77. + + Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung + Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. + + Raubehe (mariage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich + Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich + + gelang es dem Verbot, nicht den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des + gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des + + Individuums gegen das eine Objekt, viemehr die eine Handlung an ihm, + Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, + + und Fortpflanzungsunfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder, + und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder, + + Punkte gleichkäme, zu verhindern + Punkte gleichkäme, zu verhindern. + + Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft, sei. Dann fallen Erinnerung und + Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und + + Geistern ihre erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. + Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. + + großen englischen Revolution der Königsheilungen bei Skrofeln ihre + großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre + + (49) W. _Brown_, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei + (49) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei + + notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen + notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. + + Feindseligkeiten überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der + Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der + + Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Bartarei und + Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und + + herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonderes hohes Maß solcher + herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher + + getötet. (Vgl. die nächsten Abhandlungen dieser Reihe: Animismus, Magie + getötet. (Vgl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie + + Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen + Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen + + es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nur bloß anzunehmen, daß + es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloß anzunehmen, daß + + magische Handlung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten + magische Handlung, die kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten + + des Konstrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter + des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter + + recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-ani-mistic religion, + recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-animistic religion, + + mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigouresement vraie, du + mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie, du + + noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistesvorstellungen + noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen + + Review, 1905; T. and. Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche + Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche + + gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist dem Totemgenossen verboten + gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten + + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism has + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus Totemism has + + vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen + vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen. + + totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. So z. B. + totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B. + + sei, durfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter + sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter + + metaphysikal haze which some writers love to conjure up over the + metaphysical haze which some writers love to conjure up over the + + (165) »Improper because it was unusual.' + (165) »Improper because it was unusual.« + + Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet dem + Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den + + berschätzende Rolle spielen. + überschätzende Rolle spielen. + + Die Auffassunng der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also + Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also + + of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the + of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the + + sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man den Knaben + sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben + + Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sicht + Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich + + Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificum, + Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium, + + Mit der fortschreitenden Demat rialisierung des göttlichen Wesens wurde + Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde + + der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie + des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie + + den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten nichts übrig, als -- + den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als -- + + als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand in + als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in + + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's + + dieses Aufsatzes sei + dieses Aufsatzes sei. + + Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, + Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, + + Massenpsyche, einer Kontuinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche + Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche + + Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generation + Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen + + Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen. + Dr. Wilhelm _Reich_ (Wien): Die Spezifität der Onanieformen + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Totem und Tabu, by Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOTEM UND TABU *** + +***** This file should be named 37065-8.txt or 37065-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/0/6/37065/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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