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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Kasperle auf Reisen + +Author: Josephine Siebe + +Illustrator: Karl Purrmann + +Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + + +Kasperle auf Reisen + +Eine lustige Geschichte +von +Josephine Siebe + +Mit vier farbigen Vollbildern von _Karl Purrmann_ + +Vierte Auflage + + + + +Verlag von Levy & Müller in Stuttgart + + + +Nachdruck verboten +Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten +Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart + + + + +Inhalt + +Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus +Zweites Kapitel. Der alte Schrank +Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah +Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf +Fünftes Kapitel. Gänse hüten +Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß +Siebentes Kapitel. Rosemarie +Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus +Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule +Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr +Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer +Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst +Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten +Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin +Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus + + + + + + + + +Erstes Kapitel + +In Meister Friedolins Haus + +Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie +alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein +paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum +groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann +waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom +uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land. + +Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im +Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten. +Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den +Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus +Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder +aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein +Holzschnitzer, der gar wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. +»Kasperleschnitzer« hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen +lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die +Puppen an. Da saß manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im +Waldhäuschen, und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft gelaufen, +sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine +Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut, +des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Dörfer +gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mädchen war mit allen Kindern +gut Freund. Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im +Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den +Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen. +Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr +schwer, doch die wurden in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite +Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück. + +In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der +Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den +Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war +sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich +glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt +waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und +vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie -- ei Potzwetter! +Frau Annettchen und Liebetraut wußten für die Kittelchen und Mützchen immer +wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen +heraus. + +Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab's +nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister +Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner +Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und +Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen +erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: »So schön wie bei uns ist +es nirgends.« + +Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen, +wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines +Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: »Hier, Frau, das habe ich draußen +auf der Straße gefunden.« Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei +große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: »O so ein +liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!« Und beim Behalten +war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine +Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen +Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das +war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein hübsches, großes +Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude +hatten. + + +Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt. +Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte +oft: »Schade, daß sie nicht lebendig sind!« Und wie sie das einmal wieder +sagte, an einem rechten Wintertag war es, -- draußen schneite es in großen +Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste +der Sturm -- da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: »Einen +lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.« + +Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz +ernsthaft: »Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du +weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und +hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren +geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den +Hausrat.« + +»Wie die Uhr,« rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte +Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab's Bäume und +Blumen und allerlei Getier des Waldes. + +Der Meister Friedolin nickte. »Ja freilich,« sagte er, »die Uhr hat mein +Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war +ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn +auch manchmal über Land gegangen und hat da und dort wochenlang gearbeitet; +auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei +das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem +Waldhaus. + +Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er +solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der +Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei +Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten +jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber +hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde +ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es +an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich +geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein +sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er +ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen +ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume +schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp -- schwapp hat er das +Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer +Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht +Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und +einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze +getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu hat der kleine Kerl ein +ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte +er's schon fünfzig Jahre auf dem Leibe. + +>Wer bist denn du?< hat mein Ahn gefragt. + +Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum +Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar +festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein +echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er +bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein +uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen +gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben +in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines +schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe, +sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt +herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf +Messen und Märkten sein Wesen getrieben. + +Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes +Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz +gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele +Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu +schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten +Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut geraten. Bald +wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein +Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes +Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es +dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn +ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.« + +Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: »Aber das +Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?« + +Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. »Ja, wenn ich +das wüßte!« brummelte er. »Mein Großvater selig hat's noch gewußt; aber der +ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein +ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein +Großvater soll's einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und +wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab' das +Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.« + +»O wie schade!« rief Liebetraut. »Wie wäre das lustig und vergnüglich, +hätten wir ein richtiges Kasperle hier!« + +Der Meister schmunzelte. »Das glaube ich wohl, du Tollkopf,« sagte er, »das +könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im +Häuschen herum!« + +»Jetzt kommt er schon wieder!« unterbrach auf einmal Frau Annettchen das +Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der +Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem +Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem +Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er +in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr +freundlich »guten Tag« hinein. + +Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die +sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes +Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er +setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden +Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen +Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau +Annettchen ganz laut und streng: »Unsere alten Schränke kriegen Sie aber +doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und +gerückt, solange mein Mann und ich leben.« + +»Na, na, na!« brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus +wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat. + +»Gelt, Friedolin,« rief Frau Annettchen, »unsere Schränke kriegt Herr +Pumpel nicht?« + +»I wo!« Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich hab' einmal nein +gesagt, und dabei bleibt's.« + +Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach +ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt +wieder davon. + +Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe +herein und fragte froh: »Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten +Schränke gewollt?« + +Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens +von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen +Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte +Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin +auch nein. + +Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie +waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner +besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden +und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren +kommen, wie er wollte. + +»Gut, daß er wieder weg ist,« rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen +dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes +Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: »Vater Friedolin, +erzähl' noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.« + +Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und +Liebetraut nähten, und alle drei fanden wieder einmal, nirgends auf der +ganzen Welt könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen. + + + + +Zweites Kapitel + +Der alte Schrank + +Herr Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte sich gewaltig, daß er +die alten Schränke nicht hatte haben können. Er brummte und schalt darob so +viel, daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schränken hat? +Immer wieder fährt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes +damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fährt +doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer solchen Kälte in den Wald. + +Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf +einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da +schmolz der Schnee und lief davon -- heidi, weg war er! Um das Waldhäuschen +sauste und brauste es mächtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz +dem Sturm immer wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und +rief jubelnd: »Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er kommt bald.« Und +dann patschte sie einmal draußen im feuchten Walde herum, und als sie +wiederkam, brachte sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen +mit. + +Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es, +denn auf den Frühling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal +ließ sich der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er +kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: »Nun +heizen wir nicht mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.« Da wurden alle +Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei großen +Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich +war es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. Damit +füllte sie lauter bunte Töpfchen, und wenn die Kinder aus Schönau und +Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im +Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären am liebsten gleich drin +geblieben. + +An einem dieser schönen Frühlingstage war es, da saß der Meister Friedolin +noch fleißiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten +Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren +mußte er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit +war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich +ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frühling redete, brummelte +er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem +Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe +hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und krachte, just als wollte sie +etwas aus vergangenen Zeiten erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des +oberen Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das waren die, +welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schränken wurde +seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner +Kasperleschnitzerei brauchte. + +An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine +Flurfenster; die beiden Schränke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. +Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst den einen +Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf. +Weil es gerade so hell war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum. +Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in +dem einen Schrank auf, daß auf der einen Seite ein Spältchen offen war. Na +nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er +schob, zog ein bißchen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein +auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen +Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß wie ein sieben- bis +achtjähriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister +schüttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich +aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie +so anfaßte, war es ihm, als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink +auf die Erde und sah sich das Ding an. »Nein, so etwas!« rief er. »Das ist +ja wirklich ein Kasperle!« + + +Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schütteln und +zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke +Staubwolke ging von ihm aus. + +»Hatzi -- hatzi -- hatzi!« Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl +nieste, und Frau Annettchen, die das unten hörte, rief: »Friedolin, du +kriegst wohl einen Schnupfen?« + +Die Stimme von unten schien das Männlein aus dem Schranke ganz munter zu +machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops -- hallo! lief es die +Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge höchlichst verwundert +nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklären. Und niesen mußte er +immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das +kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein. + +Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade +mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. »O +du meine Güte,« rief Frau Annettchen, »was ist denn das für ein Popanz!« + +Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um, +schüttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. »Hatzi, +hatzi!« nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister +Friedolin kam niesend in die Stube. »Hallo, da ist das Ding!« rief er und +packte den wunderlichen Gesellen. »Jemine, das sieht ja beinahe wie ein +Kasperle aus!« + +»Ich bin doch Kasperle!« sagte der Kleine kläglich. »Wo ist denn die Madame +Erdmute und der Meister Ephraim?« + +»Was schwätzt du da?« Meister Friedolin schlug sich plötzlich mit der Hand +vor die Stirn. »Das waren ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich +glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,« -- er schüttelte den +Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, -- »besinne dich mal: wie bist du +denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?« + +»Ich hab' doch geschlafen!« Der Kleine gähnte laut. Und auf einmal fing es +in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die +Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. »Oh, oh, oh,« jammerte er, »ich +hab' solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.« + +»Um Himmels willen,« schrie Frau Annettchen, »der stirbt ja noch vor +Hunger! Wer weiß, wie lange der nichts gegessen hat!« + +»Kann sein bald hundert Jahre,« murmelte Meister Friedolin. »Nu, nu, das +ist doch nicht möglich, daß der so lange im Schranke gesteckt hat!« + +»Hunger, au, au, ich hab' so schrecklichen Hunger!« schrie der kleine Gast, +und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Küche +und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, und alles +stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen Mund. Er schluckte und +schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und +sehr vergnügt rief: »Ich kann nicht mehr!« + +»Na, das ist ein Glück!« sagte Meister Friedolin. »So eine Esserei hab' ich +mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du --« + +»Kasperle heiß ich,« rief der Kleine. + +»Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?« + +Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er, +schüttelte sich wieder und murmelte: »Ich weiß nicht.« + +»Aber besinn dich doch,« mahnte der Meister, »du mußt es doch wissen!« + +Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich +erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: »Die hat der Meister +gemacht.« + +Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun +wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie +war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre +geschlafen? + +»Besinn dich doch!« sagte Meister Friedolin. + +»Ich weiß nicht.« Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge +Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. »Ich weiß +nicht,« sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder schüttelte er sich +heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab. + +Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: »Da steht +etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!« + +Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und +las: »Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es +aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann +Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk +gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande +Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf +sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es +ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird. +Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der +Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den +Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie +seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in +fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb +war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis +wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das +Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle +sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam hüten, denn das Kasperle +bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, +und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer +wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.« + +»Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,« sagte Meister +Friedolin, als er fertig gelesen hatte. »Und nun weiß ich auch, warum der +Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das +echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.« + +»Ein Wunder, wirklich ein Wunder!« Frau Annettchen war die Geschichte +ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite +an. + +Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen +betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen +Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: »Ein +neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.« + +Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren +Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und +bettelte: »Näh' mir gleich 'nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.« + +Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte +schnell: »Immer folgen und auch nicht ausreißen?« + +»Nein, nicht ausreißen,« versprach Kasperle treuherzig. + +»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des Kleinen Hand +fest, und der nickte wieder und beteuerte: »Ich reiße nicht aus, aber -- +ich will auch nicht mehr in den Schrank.« + +»I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!« sagte Meister Friedolin. Der +hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er +schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut +emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen. +Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins +Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen! + +Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je +mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß +es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen +hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das +Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken +Zinntellern Fangeball zu spielen. + +»Warte, du Irrwisch!« schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen +Seufzer. »I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!« + +Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er. +Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte +und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er +kroch in alle Ecken, und fand er ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er +ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er +freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er +wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame +Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar +zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: +»Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz +scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!« + +Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. »Ich will nicht schlafen gehen, ich +will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und +bin nicht mehr müde.« + +»Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich +ausgeschlafen haben!« sagte der Meister. »Kasperle mag aufbleiben.« + +»Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft +anrichten! Das geht nicht,« meinte Mutter Annettchen. + +»Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.« Liebetraut +war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen. + +Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte +ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre +das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not. + +So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und +das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische, +Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine +Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. »Mach' einen +Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,« bettelte er. + +»Warum denn?« Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein +wenig die Augen zu und brummelte: »Es brauchen doch nicht alle zu sehen, +daß ich ein Kasperle bin!« + +»O Kasperle,« rief Liebetraut, »ich merke es schon, du denkst ans +Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten +Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke +kommen alle darauf.« + +Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte: +»Denk' an dein Versprechen!« da hing er die Nase und wurde still. Er sah +gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: »Erzähle mir +was, Kasperle!« + +»Erzähle du mir was, Liebetraut!« rief Kasperle. »Ach bitte, bitte, bitte, +Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!« + +»Na, dann paß' auf!« sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe +Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen +Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und +erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle: +»Mehr, mehr!« + +Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da +ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war +eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer +neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen, +das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte +es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den +letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein. +»Aber Mädchen,« rief diese, »die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --« + +»Kasperle ist eingeschlafen,« sagte Liebetraut, sie hob das fertige +Kittelchen hoch, »und ich bin fertig.« + +»Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!« Mutter +Annettchen lachte. »Ich hatte schon Angst,« redete sie weiter, »er würde +nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann +wirklich in den Schrank sperren müssen.« + +»Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,« schrie Kasperle +erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken +schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da +purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an +den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: »Uff! Na, man merkt, daß +ein Kasperle im Hause ist!« + + + + +Drittes Kapitel + +Was am Waldsee geschah + +Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon +mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr. + +Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er +irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den +Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann +wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, +oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken +überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich +stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte +und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid. + +Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze +kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach +immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die +nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und +Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an +dem unnützen Schelm. + +Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert +Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald +gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und +mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt +durchstreifen könnte. + +Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag: +»Denk' an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte +bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder +es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre. + +Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach +Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht +vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum, +alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle +recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war +es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es +mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde +recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum +Meister!« + +Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte +hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine +neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfählen +aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin +hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt. + +»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe +an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war. + +»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch, +geh, du hast hier nichts zu suchen!« + +Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er +lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann +gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und +ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar +gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise, +und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig +davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor +sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg +er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei +bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in +ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten +höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit +hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den +Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei +entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er, +das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke +und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner +Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er +kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke +heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten +ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er +hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf +er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen. + +Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie +Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und +tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen +nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später, +als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte +der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein +schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es +zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte +der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht +nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein +Zeug ordentlich beisammen.« + +Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht +anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen +solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei, +drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und +wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im +Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor +Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im +Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und +wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster, +der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle; +er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu +stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er +einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen +hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif +und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen. + +»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es +ist euch wohl nicht warm genug?« + +Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher! +und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste +Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei +Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu +erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich +heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare +gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte +Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen +versteckt?« + +»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster +treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. +Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu +behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: +»Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?« + +»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet. + +Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald +laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren +Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink +heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen +genommen haben.« + +»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr +kläglich. + +War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause +waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt +hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An +seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging +es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens +lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der +Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne +Jacke, und Christophel ging zum Trost mit. + +Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr +Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch +wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die +holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für +Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein +Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl +zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen +Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und +Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!« + +Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem +Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau +Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und +Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack +gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.« + +Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen +war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten +Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur +hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom +Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und +die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch +und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle +Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel +hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten +sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die +sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer +es gewesen sein könnte. + +Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und +wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich +um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei +sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen +sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, +und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber +Kasperle, was machst du hier?« + +Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur +Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein +wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem +war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben +ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht +stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel +vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. +Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu: +»Wo ist Kasperle?« + +»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen +richtete. + +Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte +Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle +fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!« + +Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte +das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen +und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab +keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald +hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein +Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel +schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden +Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!« + +Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als +er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, +und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie +dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm +gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. +Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren +schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum +hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!« + + + + +Viertes Kapitel + +In Protzendorf beim Bauer Strohkopf + +Wo aber war das Kasperle hingelaufen? + +Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, +froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles +Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite +Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau +und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus +einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den +Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch +wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude +über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu +schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe +wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein großer Stein +auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein +Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte +nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. +Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig +sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer +Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen. + +Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch +fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, +und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen +Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und +dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte +zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und +trabte dann ins Dorf hinein. + +Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, +hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war +so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, +ihn den »faulen Matthias« nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben +sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein +Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen +Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte. + +Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen +Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief +herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, +und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der +halbe Teller leergegessen. + +Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht +widerfahren. »Du Frechdachs!« schrie er, hob seine dicke Hand und wollte +Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und +Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. »Ich +hatt' so argen Hunger!« klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches +verschmitztes Gesicht, daß »der faule Matthias« trotz seinem Ärger lachen +mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie +gesehen. »Woher kommst du denn?« schrie er ihn an. + +Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und +klagte: »Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab' +niemand mehr auf der weiten Welt.« + +Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer +ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: »Das ist noch kein Grund, um andern +den Kuchen wegzufressen,« aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle +näherkommen. + +Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er +nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen +glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte +gnädig: »Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht +nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich +meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der +reiche Strohkopf dich aufnimmt?« + +Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn +was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht +nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer +als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch +mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem +Hause kam, rief er dem zu: »Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, +nimm ihn mit!« + +Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er +dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und +schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er +zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: »Da!« schob Kasperle +hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, +dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit. + +Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine weißen und grauen Schützlinge +umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht. +In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre +Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu +fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch +nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem +Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle +wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des +Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und +Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des +Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die +erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte. +Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich +an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag +Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die +Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war +doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins +Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte, +die Gänse schnatterten lauter und lauter, -- es war ein Höllenlärm. + +»Jemine, was ist im Gänsestall los?« rief draußen auf dem Hof die Magd +Karline. Sie dachte: Es ist vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und +rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das +schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich +weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. »Ein Kobold, +ein Kobold ist im Gänsestall!« schrie sie draußen. + +Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an, +Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das +schreiende Kasperle heraus. + +»Herrje, was ist das?« rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf +zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. »Wie der aussieht!« +sagte sie. + +»Ein Kobold ist's, ein Popanz!« kreischte Karline. + +»Nä, unser neuer Gänsejunge ist's, und jetzt kriegt er Haue,« brummte +Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es +nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte +ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und +wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde +durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian +aber zeigte nur auf den Stall. »Nachsehen!« brummte er. Und klitsch +klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die +Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. »Du zerschlägst ihn ja ganz!« +schalt sie. + +»Der hat's verdient!« knurrte Florian. + +»Ja zum Kuckuck, der hat's verdient!« schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte +inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er +wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest, +ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder +sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, +legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus. +Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst +Florian grinste. + +Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so +betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; +die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es +sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ +die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins +Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich +auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein +so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich +wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf, +und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer! + +Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten +am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen Florian, +dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig +gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines +recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da +blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen +Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul +lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen +Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male +lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und +kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an, +Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und +kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam +Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte +ein paarmal: »Hör' auf, lach' dich nicht krank!« Aber dann lachte sie +selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und +Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel +und rief: »Jetzt ist's genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!« +Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine +Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für +ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er +kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: »Morgen mußt du +Gänse hüten.« + +»Rrrrrrrrr!« Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf +einmal? »Rrrrr!« klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue +Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. »Dummheit ist's,« +brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln +und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: +»Rrrrr! Rrrrr!« + +»Hol' ihn der Fuchs! Mit dem ist's nicht richtig,« knurrte Florian. Und er +verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und +dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen +können. + + + + +Fünftes Kapitel + +Gänse hüten + +Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als +Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, +goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun +freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem +bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu +fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte +ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine +schnatternden Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten. +Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: »Geh, hüt'! Kannst +mit dem Schäfer gehen!« + +Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger +als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur »Damian ohne +Maul«. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er +winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf +hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß +Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das +gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da +folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu +laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem +Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und +zeigte auch hin. Da wurde »Damian ohne Maul« fuchswild. Nun mußte er am +frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! »Dort bleiben!« +brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts, +und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig +übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht +folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er +fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses +Gesicht. Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine +hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie +meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle +meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm +hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann +die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die +guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder +rundum jagte sie ihr Hirte. + +Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas +vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde +immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie, +und weiter ging es, immer rundum, rundum. + +»Damian ohne Maul« pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu +kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein +Bruder ihm gesagt hatte: »Paß auf!« Und da er nicht allzuweit seine Schafe +weidete, ging er einmal nachsehen. + +Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum, +die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen +wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden! + +Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da +packte ihn jemand am Hosenboden. Und »Damian ohne Maul« hielt sich nicht +mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle spürte +das sehr genau, er schrie mörderlich, und die Gänse schauten mit weit +offenen Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar übel! Wenn die +älteste Gans hätte reden können, sie hätte jetzt gewiß das Sprüchlein +gesagt: + + »Was du nicht willst, daß man dir tu', + Das füg' auch keinem andern zu!« + + +Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle +herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich, +als »Damian ohne Maul« ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber +so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet +hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse +alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging +darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er +hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde +bald weiter in die Welt hineinlaufen. + +In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des +Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu +sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller +und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur +Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute +Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich manchmal, der eine schalt +auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel +machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun +gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wußte der Späße und Dummheiten, die +sie noch nicht kannten. + +Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn +anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und +Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen +ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten +in seine Gänse hinein. + +Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los. +Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel +fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel +dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden! + +Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren, +und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr +vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden, +obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten +sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und +Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher Sauertopf sein +wie »Damian ohne Maul«, um nicht zu lachen, doch Windgustel und +Wassergustel waren keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie +auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte ihnen nämlich +von dem Schäfer, und da sagten die beiden Unnützlinge, das sei von dem grob +gewesen, und das mit den Gänsen sei fein. »Mach's noch mal!« bat +Windgustel. + +»Erst nachsehen, wo der Damian ist,« rief Wassergustel. Er sprang auf, sah +nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den +Kameraden: »Er schläft.« + +Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern +dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die +Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun +wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen +weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht. + +Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was +sie ihm wohl antun könnten. + +»Einen Frosch aufs Gesicht setzen,« schlug Windgustel vor. + +»Ihm die Knöpfe abschneiden,« sagte Wassergustel. + +Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich +einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, +gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter +Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als +plötzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem +Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn. + +Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang +hinab, weg waren sie! und als »Damian ohne Maul« erwachte, sah er sich +erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend +gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem +Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging +nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am +Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger +Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah +alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um. + +An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer +Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, +vielleicht wird's mit ihm! Nur -- sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann +sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein +schlimmes Zeichen. + +Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm +morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie +dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall. +Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er +dachte: Ein Gänsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen +Feiertag; Feiertagskuchen ist genug. + +Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon +Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den +schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus, +und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs +den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer. +Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! +Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen +Beinen durch, und plumps! lag »Damian ohne Maul«, so lang er war, im +Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick +kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war. +Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein +abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an +einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe +von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt +hinein. Gänsejunge sein hatte er satt. + +Doch »Damian ohne Maul« war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von +weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere +Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er mochte flink +Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn +doch. Er sprang eine Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang. +Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam näher und näher, doch +da zur rechten Zeit rollte ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor +gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, und Kasperle +besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem +Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es +schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen. + +Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück +hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, -- weg waren +Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die +mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging's heim, und auf dem +Hofe rief »Damian ohne Maul« zornig: »Ausgerissen!« + +»Wer? Ein Schaf?« fragte der Bauer, der das gerade hörte. + +»Nein!« Damian schüttelte den Kopf. »Kasper!« + +»Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?« Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie +war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! »Warum +denn?« fragte er. »Erzähl' doch!« + +Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für +Damian. Er schüttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte +heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in +sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag. + +Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von +dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian +sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das +Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde +bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im +Dorf, »Damian ohne Maul« habe den armen kleinen Waisenjungen gar so +schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht. + +Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich +feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein +angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein +Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem +größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es. +Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten +gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen, +staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der +Bauer Strohkopf: »Das ist ja mein Gänsejunge!« + + +Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der +Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine +Gesichter schnitt. + +Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien +Windgustel und Wassergustel: »Das ist er auch!« Genau so bitterböse hatte +Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar, +alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer +aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er +kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte +von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von +dem ausgerissenen Gänsejungen. + +Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! »Er ist's, er ist's!« schrie +er laut. »Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, +sagt's!« Der Kasperlemann packte »Damian ohne Maul« beim Jackenknopf. Da +erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte »Hm!« und mehr war nicht +aus ihm herauszubekommen. + +Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: »Ha, nun merk' ich: Ausgerissen war +der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?« + +Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte +von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie +ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen +des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im +Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen +gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch +viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte +doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er +jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen +vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen +habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle +erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten +Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen +und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er. + +»Ist recht,« schrie der Bauer Strohkopf. »Sucht ihn nur, und nachher muß +ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab' ich in +meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!« + +»Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!« sagte der Puppenspieler. +»Der versteht das Kaspern schon!« + +Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an. +Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann +erklärten sie doch beide: »Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem +Kasperlemann.« + +Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und +Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: »Biste närrisch? Du bleibst zu +Hause und gehst in die Schule.« + +Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er +dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein +Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf +rief ihm noch nach: »Ich geb' 'n Taler fürs Finden.« Dem tat es doch bitter +leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte. + + + + +Sechstes Kapitel + +Kasperle im Schloß + +Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz +gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte +ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian. +Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute +dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute +nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte +auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten. +Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil der lustige +kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel. + +Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der +Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. +Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das +Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so +schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen, +mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war +ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den +einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken. +Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher +Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und +beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der +gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein +Gespenst. + +Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber +zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem +würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht +gemacht. Da konnte einer schon erschrecken. + +Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen +nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn +dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so +etwas! + +Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und über dem stieg auf mäßiger +Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig +im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im +Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher +schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder +harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren +käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es +plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend +stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem +Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das +war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber +alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß. + +Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher +kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die +Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt +trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten +sie. + +An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das +Gefahre ginge so weiter, und bei dem jähen Ruck verlor er darum das +Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab. + +Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem +rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen +Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: »Da fällt ein +Junge vom Wagen!« + +Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er +drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von +Singerlingen aber rief erstaunt: »Wo ist denn der hergekommen?« + +»Vom Wagen ist er gefallen,« sagte das kleine Rosenmädchen. »Ach, und nun +ist er tot!« + +»Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,« brummelte der +alte Diener des Grafen. »Darum haben die Leute auch so über uns gelacht. +Und tot ist er sicher nicht.« + +Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener +aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn +herum lachten. + +Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und +staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber +betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: »Komisch, sehr +komisch!« + +Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen +zusammen, machte ein sehr betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem +dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite +Welt hinaus wolle. + +O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam. +Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen +ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein. +Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner +Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er +schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die +Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte +auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in +der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte +aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die +würde schon für ihn sorgen. + +Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle +am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade +Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube +gekommen waren. + +Fein, hier gefällt's mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum. +Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein +Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: »Fein!« und nicht: »Der gefällt +mir,« als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr geärgert: »Was soll ich +mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg +mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen +Kartoffeln schälen.« + +»Mag ich nicht,« rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse, +und sie befahl zornig: »Er soll Kartoffeln schälen!« + +Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum +hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: »Da ist einer, +der soll euch helfen.« + +»Der uns helfen?« Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine +riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm +eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei +riefen: »Nun hilf uns!« + +Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das +ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück +Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel +zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine, +warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: »Ich hab' Hunger!« + +Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle +zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und +dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So +etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen. + +Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie +ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei +Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch +herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen +Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken +die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. »Geh, hilf +Geschirr waschen!« herrschte sie ihn an. »Da hinein!« Sie schob den Kleinen +in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde. + +Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein +schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. »So einen Dreikäsehoch +kann ich nicht brauchen,« schrie sie. »Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir +nur alles kaputt.« + +Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und +er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch, +von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem +Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft +gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: »Halt, +halt, vergreif' dich nicht dadran! Die Teller --« Klirr, da sausten +sämtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung +fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: »Die +allerbesten Teller sind es, die allerbesten!« Ein paar Mägde schnatterten +durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener +streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der +andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch. + +In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen! +Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen +Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf +den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte +gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein, +was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in +denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im +Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an +einer Türe, an der andern, an der dritten, -- sie waren alle verschlossen; +die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages +nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen: +Fruchtschalen, Kuchen und Torten. + +Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken. +Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim +Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle +wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen +einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl +etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein +Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab, +tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas +hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu +können. + +Da sagte auf einmal draußen jemand: »Was ist denn das? Hier steht ja eine +Türe auf!« + +Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch +dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die +Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die +spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah, +hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer +und rief um Hilfe. + +Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er +hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma +sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte; +sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll +Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen +kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; hinter den +rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener +schelten, und plötzlich riefen alle: »Es fahren wieder Gäste vor.« + +Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt +war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu +fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen +entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war +es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet +er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm +schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der +schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle +waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus. +Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle +konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein +feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide +bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein +Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es +sich doch sicherlich gut schlafen. + +Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen +Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin +herum. Ei, da lag sich's besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch +freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber +hier! -- Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen +draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus, +strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter. + +Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe +auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die +redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann +trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: »Ich bin heute sehr +müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!« Bei diesen Worten strich er +etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so +ganz gerade lagen. »Was ist denn das?« rief er auf einmal erstaunt. Der +Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er +betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief +dann entrüstet: »Friedrich, in -- meinem Bett ist -- Schlagsahne!« + +»Schlaaagsahne!« Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam +eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am +Finger und rief verdutzt: »Schlagsahne!« Und dann lief er zur Klingel, +läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein +Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der +Herzog wünsche. + +Da deutete dieser auf das Bett und sagte: »Was ist das? Drüberstreichen!« + +Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken +zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und +rief ebenfalls: »Schlaaagsahne!« Und dann rannte er, holte den +Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das +Bett herum und riefen: »Schlagsahne!« + +Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die +seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in +den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das +ganze Bett und -- der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen +Stuhl. »Da, da, da!« rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf +den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine +große Nase etwas weit vorgestreckt hatte. + +»Es steckt jemand unter dem Bett,« rief der Haushofmeister zuerst. Da +krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch +so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide +hervor, und beide riefen entrüstet: »Er klebt ganz und gar, er ist auch +voller Schlagsahne.« + +»Ah!« sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der +Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke +unter dem Bett. + +»Ah!« rief auch der Graf zornig. »Das ist der, den mein Herr Vetter von +Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten +gemacht hat. Haue muß er kriegen!« + +»Jawohl und eingesperrt werden!« sagte der Haushofmeister, und der Herzog +nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: »Aber erst +morgen hauen.« + +»Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,« +rief der Graf streng. + +Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am +besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh +ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es +ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen +Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme: +»Bitte, bitte, bitte!« + +Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ängstlich +weit, weit in seinen Stuhl zurück, und auf einmal purzelten Stuhl und +Herzog hintenüber. + +»Um Himmels willen!« Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen +erschrocken zu, und da schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen +Purzelbaum über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog dem einen +Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, daß er zurückwich. +Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie +laut: »Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!« + +Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle +war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war +spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle +dahin, die Türen waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer +schlüpfen können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die +Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schloß geriet in +Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was +sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er +dachte, der Herr Herzog hätte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich +glücklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine +gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, als wäre er selbst +entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. +Schließlich aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, er habe +Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nämlich alle Hunger, +denn es war schon spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht +gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee. + +Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die er hatte, sollten überall +suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann +wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden +wieder ganz vergnügt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen, +das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen. + + + + +Siebentes Kapitel + +Rosemarie + +Rings um das Schloß wachten die Wächter, die großen Hunde umliefen es, +Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war +er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das ganze Schloß, sie +schauten sogar in verschlossene Kisten und Schränke hinein, -- der unnütze +Schelm war nicht zu finden. + +Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die +hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lärmen +erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt, +der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Geäst des uralten Efeus hing, der +die Schloßmauer bedeckte. »Der fremde Junge!« Rosemarie hatte es verwundert +gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter +konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz +außer Atem. + +Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal +zu Rosemaries größter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her +jammerte er kläglich: »Sie hängen mich auf!« + +Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte +ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein +kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das +Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen +zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte: +»Das schadet nichts, hier findet dich niemand.« + +Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in +Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die +ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube +gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge +am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von +himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur +für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein. + +Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er +aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber +doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen. + +Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen +und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn +morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog +sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief. + +Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: »Ich kann in +dem Bett nicht liegen!« + +»Du mußt aber drin bleiben,« flüsterte Rosemarie ängstlich. »Ach, Kasper,« +klagte sie, »was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es +sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen, +damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles +abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich +finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.« + +»Brrrr!« Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt +gelaufen, um eingesteckt zu werden. »Ich fliehe,« brummte er. + +»Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.« Rosemarie +seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. »Ich +weiß was,« sagte sie. »Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem +Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm, +jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.« Sie packte +fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen, +und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran. +Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale, +schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende +eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der +Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte. +Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie +belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln, +dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte, +erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er +hätte doch gar nichts Schlimmes getan. »Du armer Kasper!« flüsterte sie, +und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen. + +In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und +verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt +ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme, +die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann +aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: »Nun +muß ich gehen,« da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein +Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein +brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein +Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest. + +Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in dem schönen Schloß und +wäre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und +schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: »Weißt du, wie du +aussiehst? Wie -- wie meine Kasperlepuppe.« Und ganz jäh begann sie sich +ein wenig vor dem fremden häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte +rasch: »Ich muß gehen.« Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann +leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie zuschließen, dann war er allein. + +Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und vergaß +darüber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen +und unten die Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das +Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und +knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um. +Ach, war das eine schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die Höhe +und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab. + +»Wauwau, wuwuwu!« ging es plötzlich unten los; ein großer Hund stand da und +bellte zu Kasperle hinauf. »Wauwau, wuwuwu!« Ganz drohend klang seine +Stimme. + +Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch so schnell ging das +nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder +drin war, tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf. + +Gab das ein Hallo! »Er steckt im Turm!« schrie der Mann. Und dann drohte er +hinauf: »Nu, warte du, dich fange ich!« Er maß schnell das kleine Fenster +mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht +hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein unten keinen Schlüssel hatte +und auch wußte, daß dies immer verschlossen war, lief er eilig in das +Schloß hinein, seinem Hund aber rief er zu: »Sultan, paß auf!« + +Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu +tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte +blitzschnell das Treppchen hinab und schloß unten auf. »Wauwauwau!« bellte +ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund +geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So +ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte, +und da hatte Kasperle auch schon die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und +quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen +Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wächterpflicht. Doch +Kasperle war flinker draußen als er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase +zu, und draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg hinab in +einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bächlein +gefiel dies Hineingeplumse gar nicht. + +Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und lauter. Jetzt bellte nicht +Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden +laut, Rufe ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in +seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da +schlüpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese +liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht +verstecken. Aber statt über die Wiese zu laufen, fing Kasperle an +Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg +hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen +Schatten unter. + +Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem Schloß hatten sie den Turm leer +gefunden, und die Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten der +Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, daß Kasperle gesehen +worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer +bitterböse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, versprach er +eine hohe Belohnung. + +Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch +bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine +Mauerpforte immerzu wütend an. »Den haben wir bald,« sagte der Landjäger, +»Sultan findet ihn schon.« + +Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich am Bach still, schnupperte +und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo +war das Kasperle? + +Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte im Schloß umher, um das +Schloß herum, Kasperle fanden sie nicht. »Er ist noch im Schloß,« sagten +die einen, »nein, er ist entwischt,« behaupteten die Landjäger; »man muß im +Walde suchen.« Die Mägde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; +aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel +Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte, +Kasperle hätte sich gewiß darin versteckt. + +Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die +Höhe stieg. Der Wald war hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon +darin verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den Hunden hatte +Kasperle doch eine jämmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er +konnte. Und das war nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch +einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles +Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoßen. Und +je höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingeröll +bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wäre wohl nicht so schnell in die +Höhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal vor +ihm eine grüne Bergwiese lag. + +Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz blaß und +fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar +nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da +schlief er auch schon. Und die großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem +armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel +empor, haben gütige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen, +die sich quälen müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so müde +und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein +schönes, feierliches Schlummerlied, erzählten ihm Geschichten, und Kasperle +schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett. +Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die +Landjäger mit Hussageschrei den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg +keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, daß niemand +dachte, Kasperle könnte denselben gegangen sein. + +Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die Landjäger schon in das +Schloß zurück, und sie sagten nun auch: »Der hat sich im Schloß versteckt.« +Und sie bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin hütete ihre +Speisekammer. Und doch fehlte darin am nächsten Tag ein großes Stück Torte. +Sie sagte: »Das war der Junge,« und die Mägde sagten es auch. Berta und +Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie +hatten nämlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der +fremde Junge sei es gewesen. + +Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am +Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen +gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: »Schafft mir nur +den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich +doch in meinem Schlosse nicht krank ärgern.« + +Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die hätte gern ihren +Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog +könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie wußte doch, sie +konnte nicht einmal sagen: »Es tut mir leid.« Dazu freute sie sich viel zu +sehr über Kasperles Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen +und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu +sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemütlich im +Schloß in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das muß ein +bißchen lustiger werden, ich muß mir etwas Vergnügliches ausdenken. Und als +er hörte, unten in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges +lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann +möchte heraufkommen. + +»Ich habe eine Überraschung,« sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch. +Und dann erzählte er von dem Puppenspieler. + +Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, mußte lachen. »Das ist +freilich eine schnurrige Überraschung für große Leute,« sagte er. »Doch der +Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.« + +So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schloß. Der Kasperlemann aus +dem Städtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann +streckte Kasperle seine große Nase heraus und -- ja, was er sagen wollte, +das hörten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: »Der fremde Junge! Genau +so sah er aus.« + +Kasper ist's! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jäh begann sie +bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, daß der Kasperlemann +seine Reden und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde nach +Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es +sagen zu können, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt. + +»O Rosemarie,« rief die Gräfin ganz erschrocken, »warum hast du geholfen +und den schlimmen Jungen ausreißen lassen!« + +»Mit Verlaub,« redete da der Kasperlemann hinter seiner Bühne hervor, »das +ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.« + +»Potzwetter noch einmal!« Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an +und rief: »Was redet Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas +habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!« + +Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und verbeugte sich immerzu ganz +tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog +endlich rief: »Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem +Kasperle für eine Geschichte ist.« + +Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und daß er +Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte. + +War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog ließ sie sich dreimal +erzählen, und dann mußte der Puppenspieler auch noch heilig versichern, +alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen. + +Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefürchtet +hatte, und daß sie sich jetzt nicht mehr fürchten würde; er war ja nur ein +Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den +Herzog sagen hörte: »Der muß gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will +ich besitzen. Wer ihn fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem +Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der muß mir das +Kasperle überlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden +ausreiten, und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich +haben.« + +Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister Friedolin versprochen +hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung +verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn +-- er es erst hätte. + +Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen goldenen Käfig stecken, +er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, -- wenn er ihn erst hätte. Und die +Landjäger sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer dem andern: +»Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld.« Manche +Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu +suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstraße und +lasse sich fangen wie ein Schmetterling. + +Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre +Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von +den vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme +verfolgte Kasperle tue, das in einen Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter +tröstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. »Vielleicht findet er +noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat,« sagte +sie. + +»Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,« flüsterte Rosemarie und faltete +fromm ihre Hände. Und dann schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in +einem goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und plötzlich +war um den Käfig herum der grüne Wald, und Kasperle spazierte vergnügt +hinein. Er nickte ihr noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf +einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger und viele, viele +Leute, und alle riefen: »Wo ist Kasperle?« Da fing die kleine Rosemarie an +zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen +Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen, +dachte sie getröstet. + + + + +Achtes Kapitel + +Ein neues Heimathaus + +Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hörte +kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Höhe drang +kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die +ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blüten waren +aufgeblüht. Wie ein grünseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, +breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die +Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis umschloß der hohe +Tannenwald die Wiese, und über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. +Darüber glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren +erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blüte +zu Blüte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch +das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor dem König der Vögel +gefürchtet. Kasperle schaute und schaute, er vergaß darüber seine Not, bis +auf einmal sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: »Frühstückszeit +ist lang vorbei!« + +Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren +leer, und es half ihm nichts, daß er an die gefüllten Speisekammern im +Schloß dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren, +mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen hätte ausfüllen können, +gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden. + +Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. Über die Berge hinüber, +dachte er; bis dahin würden sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. +Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen, +überquerte die schöne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl +eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der +am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, daß er nicht oft +begangen wurde; ein Weg führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle +rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen +riesengroß geworden, und auf einmal meinte er, er könne nicht weiter; er +setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger +zu weinen. + +Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde stärker und +stärker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im +Waldhaus, wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da mußte eine +Kirche in der Nähe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da +rannte Kasperle auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit zu +gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf +liegen. Um ein große, weiße Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und +behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines +Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und +die Glocke läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wäre am +liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er +blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter +die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wäre! +Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf +das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so +mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle! + +Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor. +Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schönen +Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort +wuchsen seltene Heilkräuter, und Herr Habermus war ein kräuterkundiger +Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, kamen wenig +Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mühsam und beschwerlich, +einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem +Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, so gut es ging. An +diesem schönen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grüne +Botanisierbüchse voll Kräuter zu füllen und fand dafür das weinende +Kasperle. »Jemine,« schrie er, als er den Kleinen erblickte, »was ist denn +das?« Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich +er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch +zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst +Fremde daherkamen. »Heda!« rief er und packte das weinende Kasperle. »Wo +kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?« + +Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. Kasperle sagte +schluchzend wieder sein Sprüchlein her, er sei ein armes verlassenes +Waisenbüble und wolle in die weite Welt gehen. + +Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich +ungemein leid. »Nun, nun,« sagte er, »da mußt du nicht so schrecklich +weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein Büble sein!« + +»Ich hab' doch Hunger!« schrie Kasperle so laut und kläglich, daß Herr +Habermus gleich ganz erschrocken seine grüne Büchse um und umdrehte. Die +hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefüllt, +und der Schullehrer drückte Kasperle Brot und Kuchen in die Hände und +wollte gerade ermahnen: »Iß!« da -- schrippschrapp! hatte Kasperle schon +beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es! + +»Potzwetter,« schrie Herr Habermus, »du kannst das Essen gut!« Er füllte +wieder Kasperles Hände, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles +hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. Aber es +reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: »Nun erzähl' +mir mal, wo du eigentlich herkommst.« + +Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte verlegen von Protzendorf, er +klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der +kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt gewesen. »Bist du denn +auch ordentlich dabei in die Schule gegangen?« fragte er mitleidig. + +»In die Schule?« Kasperle riß seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als +zuvor aus Hunger. Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen +sollte, daran hatte er nie gedacht. »Nä!« rief er und schüttelte immerzu +den Kopf. »In die Schule, -- nä!« + +»Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule gegangen?« fragte Herr +Habermus ordentlich entsetzt. + +»Nä, nie!« Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus +schüttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! +Hier mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule gehen. Ei, das +wäre noch etwas, ein Büble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer +an der Schule vorbei! »Das geht nicht,« rief er; »mein Sohn, du mußt in die +Schule gehen!« + +Hätte der gute Herr Habermus gerufen: »Kasperle, ich muß dir die Ohren +abschneiden,« dann hätte es den nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus +hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: »Na warte, ich schicke dich noch +in die Schule!« Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in +Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und +Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der +jetzt sagte: »Ei, ein rechter Junge muß in die Schule gehen und muß sich +darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!« Und dann legte +Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu +helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Mein Sohn, +ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz +im Schulhause. Du kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim +Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst +etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das +Kräutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn +sie den Gast sieht, den ich mitbringe!« + +Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht. +Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! +Wie würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her, +der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide +am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer großen Tanne saßen +etliche Buben und Mädel. Die staunten über den seltsamen Buben, der da mit +hängendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach, +um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdroß Kasperle, +er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein +Räuberhauptmanngesicht. + +»Huhuhu!« Die Mädel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber +drehte sich ärgerlich um. »Was soll denn der Lärm?« fragte er. + +»Der da macht so 'n komisches Gesicht!« Lauter kleine Zeigefinger streckten +sich aus und deuteten auf Kasperle. + +Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. »Schämt euch!« rief er. »Was +kann der arme Junge für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist's, dem +es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der +Schule werden sie sich schon mit dir vertragen!« Und Herr Habermus stapfte +wieder voran und das Kasperle hinterher. + +Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdümmstes +Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergnügen, und der +Schullehrer drehte sich wieder um. »Aber Kinder,« mahnte er strenge, »was +soll der Lärm!« + +Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertönte +es im Chor: »Der da macht so 'n komisches Gesicht!« + +»Kasper!« Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling fragend an, doch der +sah so unschuldig drein, als könne er kein Wässerlein trüben. »Dumm, dumm!« +brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am +andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar +Gänse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein +Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gänse wuselten +erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte +sich wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf +ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gänse. +»Geht heim,« gebot er den Kindern, »laßt mir den Kasper in Frieden!« Dann +nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte ihn seinem Hause zu, denn so +ganz traute er dem Schelm doch nicht. + +Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und +mit einem so sonderbaren Kerl zurückkehrte. »Jemine,« rief sie, »was +bringst du da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie 'n Kasperle aus +'ner Jahrmarktsbude!« + +Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte seiner lieben Frau, wie er +Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trübselig dabei und machte +ein so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von heiterer Güte war, +bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn +in das Haus hinein. + +Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse Blicke bei Kasperles Anblick. +Für das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und +vierjährig und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten freilich bald wieder +auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie +jauchzten ihm vergnügt zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base +Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse Gesicht machte. Wie eine +Gewitterwolke sah sie drein. Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze +Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. »Wie ein Spatzenschreck +sieht er aus,« behauptete sie und sah den Kleinen scheel an. + +Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich, +an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn +die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Räubergesicht. »Hach,« +kreischte die Base, »wie sieht der Bengel aus! Man muß sich fürchten.« + +Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand +anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll +dreinblickte, schalt die Lehrerin: »Aber Base, das Büble tat doch nichts! +Sei nicht so ungut!« + +»Hach!« Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. »Jetzt, jetzt hat er +wieder so ausgeschaut,« jammerte sie. »O du meine Güte, mit dem gibt's noch +ein Unglück!« + +Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die +Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf +gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und +funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline +mal wieder »hach!« und »ach!« schrie, sagte er streng: »Nun ist's genug; +Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die +Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht +gemacht,« fügte er drohend hinzu. + +Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im +Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach +einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der +seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen +Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base +Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck +mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte +und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster. +Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles +Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und +friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline +schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der +fremde Bube. »Hm, hm!« brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber +drehte sie sich noch einmal um und -- »hach!« kreischte die Base wieder und +stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand, +sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer +und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm +bedeuten solle. »Da -- da drin liegt ein Gespenst!« jammerte die Base und +zeigte nach Kasperles Kammer. »Es ist ein Gespenst!« + +»Unsinn!« Herr Habermus tat die Türe auf und sah hinein. Da lag Kasperle +fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. +»Was die Base nur hat!« brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte +Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur +die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht +vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast. + + + + +Neuntes Kapitel + +Kasperle in der Schule + +Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr +brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die +Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann +wanderte Kasperle an Herrn Habermus' Hand hinüber in die Schulstube, und +der Schullehrer sagte: »Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.« + +Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so +waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle +an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. »Aber +stille doch!« rief Herr Habermus. »Kasper, sage nun einmal allen guten +Tag.« + +»Guten Tag!« brüllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein +allgemeines jauchzendes Gelächter. Buben, Mädel, Kleine, Große, alle +lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten +wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören konnten sie. Und Kasperle lachte +mit. Der riß seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden +bespannt hineinfahren. + +Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte nicht recht, lachte +Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die über Kasperle. »Aber +Kinder, Kinder!« rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben Kinder +immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, sie mögen wollen oder nicht. +Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und +konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah, +dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mußte immer fortsehen. »Jetzt +setze dich einmal, da gleich vornhin,« sagte er endlich, und Kasperle ging +gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun +konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen. + +Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte +beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein +andächtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und +die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr Habermus trat zu Kasperle +und zeigte dem, wie er schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink +auf und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand. + +»Linkshänder!« schalt Herr Habermus, »nimm die rechte!« + +»Er nimmt wieder die linke!« rief plötzlich jemand von hinten vor. Das +dicke Jaköble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: »Er +nimmt immer die linke!« + +»Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!« mahnte Herr Habermus. + +Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu +lachen an. Da wurde der Lehrer ärgerlich. »Kasper,« rief er, »weißt du +nicht, was links und rechts ist?« + +»Nä,« sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte +er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es +ihm noch nicht wieder beigebracht. + +Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und +Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, +und der Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. »Bleib ganz still +sitzen, Kasper,« gebot er, »und höre zu!« Da blieb Kasperle steif sitzen +und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und +fragte, die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das gefiel Kasperle +ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hände empor, beide +zugleich. »Na, was weißt du denn?« fragte der Lehrer. Er wollte gerade die +Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut: +»Windgustel!« + +»Waaas?« Herr Habermus meinte nicht recht gehört zu haben, die Kinder +jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brüllte +vernehmlich: »So, ja, er ist jünger als Wassergustel.« + +»So ein Schafskopf!« Herr Habermus dachte es nur, er hätte es aber beinahe +gerufen. Er sagte jedoch streng: »Still jetzt, und du, Kasper, hebe die +Hände nicht mehr, hör' zu!« + +Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wußten gut +Bescheid, die Hände flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr +spaßhaft, er hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht +hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops! +pendelten plötzlich Kasperles Beine in der Luft herum. + +So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lärmte und +lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, +bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank +nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er +hatte doch nichts Arges tun wollen, und für ein Kasperle ist das +Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und +starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging +weiter. + +Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz helles Stimmlein, das +rief: »Er weint!« Die kleine Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten +alle Waldraster Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte +gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Tränen rannen +stromweise über sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an, +als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jämmerlich klang es, daß +gleich ein paar Mädel auch zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr +Habermus trösten, er sagte zu Kasperle: »Sei nur still, ich bin nicht mehr +böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.« + +Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er wieder putzvergnügt, er +grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und +wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus. + +Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit +seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war +eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es war wie verhext. + +»Wir wollen singen,« sagte er endlich. Er dachte: Darüber vergessen sie am +besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher +zu; singen taten sie alle gern. »Also zuerst: Der Mai ist gekommen,« sagte +Herr Habermus. »Kasper, kennst du das Lied?« + +»Nä!« schrie Kasperle vergnügt. + +»Wir sagen's ihm vor,« riefen ein paar Stimmen. + +»Sagt mal zuerst das Lied her!« gebot Herr Habermus. + +Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf +und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der +Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein +paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus +sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel +angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der +Kasper ist ja fürchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so +beschränkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der würde schon +vorwärtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm +er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen. + +Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und Kasperle brüllte mit der +allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jäh wurde aus der +Singerei ein lautes Gelächter. + +»Kasper, schweig!« rief Herr Habermus. »Du lernst in deinem Leben nicht +singen.« + +Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle +schwieg traurig, er hätte doch so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz +andächtig da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als könnte er +keine kleinen Dummheitle machen. + +Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist's ein +lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an +diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder alle +gerade heute noch himmelgern geblieben wären. Sie drückten sich sehr +langsam aus den Bänken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, +bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die Kinder alle +miteinander das Heimgehen. + +Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete +Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: »Drüben im Schulzimmer ist ja +so arger Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?« + +Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen hörte er die Kinder +lachen, und als er mit einem Ruck die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf +dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein +untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser +gefallen war. + +Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das +Kasperle schwätzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte +den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem +gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaßig das Kasperle auch war, was es für +Gesichter schneiden konnte! + +Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte an sich halten, um nicht +mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den +Lärm hinein: »Wollt ihr wohl heimgehen!« + +Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die +Buben und Mädel standen verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht, +wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn +gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht böse drein, nur ein +bißchen betrübt. Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen kleinen +Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den +Kindern zu und sagte nur noch einmal: »Geht nun aber heim!« Und da leerte +sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig +heimzukommen, sie purzelten beinahe über ihre eigenen Beine. Draußen +schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: »Da hat's +doch was gegeben, und wie spät die Schule aus ist! Gar haben sie alle +nachsitzen müssen.« + +Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, und die meisten fingen +schon draußen vor der Türe an, von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu +erzählen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor, +stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht böse: »Kasper, was +bist du für ein unnützer Strick!« + +Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. »Ich hab' doch nur gekaspert!« +antwortete er kläglich. + +»Ja, du bist doch --« Herr Habermus stockte, er wollte sagen: »kein +Kasper«, da sah er seinen Schützling an und dachte erschrocken: Er sieht +doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus +gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und +sah ihn so traurig bittend an, daß all sein Ärger verging. »Nun komm nur +mit, du Schelm!« sagte er. »Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr +kaspern.« + +»Nä,« versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue +Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und +schlitterte vergnügt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die +Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen. +Die hatte gerade eine Schüssel Milch in den Händen, und da lagen dann +plötzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab +ein allgemeines Zetergeschrei. »Er hat's mit Absicht getan!« kreischte die +Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. »Hach, jetzt sieht er mich +wieder so an!« + +»Er konnte nichts dafür,« sagte die Frau Lehrerin. »Ich hab's gesehen, nur +ein bißchen geschwinde ist er zur Türe hereingekommen.« + +»Er hat's mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht!« Die Base +Mummeline stand wütend und scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am +Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht machte er +auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline. + +Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den Lehrer, auch Lenchen und +Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit +Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: »Geh du und tummle dich +draußen herum, macht aber keinen Lärm um das Schulhaus herum!« Bei sich +dachte die gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas spielt, +und hier im Hause möchte die Base Mummeline doch immerzu schelten. + +Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war er draußen, da packten ihn +ein paar Buben. »Komm mit, du mußt uns noch was vorkaspern,« baten sie. + +»Nicht hier,« sagte Kasperle ängstlich, »ich soll keinen Lärm machen.« + +»Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,« +schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem +alten Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und +wuchs unterwegs, Buben und Mädel fanden sich dazu, und dann verschwanden +sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten +auf einer Wiese. + +An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar +Frauen sagten zueinander: »Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule +gehen? Wo stecken sie denn?« + +»Ja, wo sind sie denn?« fragte die Krämerfrau, die das hörte. + +Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: »Wo sind denn +die Kinder?« Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang +immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die +Schule fängt an, die Schule fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine +Bubenbeine, keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von +den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzählten, sie hätten die +Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand. + +»Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,« sagte Frau Veronika +Lappenmeyer. + +»Aber es ist doch Schule!« rief Herr Habermus entrüstet. In den Wald konnte +man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis +tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit. + +Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: »Frau +Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin +brüllt es ja fürchterlich!« + +Die Kinder sind's mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber +gleich los, die Dörfler folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm +nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie wirklich. Kasperle saß +hoch oben unter dem Gebälk, und unten standen Mädel und Buben und starrten +lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte und verrenkte und +den allergrößten Unsinn schwätzte. + +»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der +Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein +ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich +verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit? + +»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Glocke gellte ihnen in den Ohren, und +ein paar schrien: »Wir müssen in die Schule!« Und dann rannten sie an den +Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um und sahen vor lauter +Eile und Eifer niemand und nichts. Und Kasperle sprang plötzlich von oben +herab in einem weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er raste +den andern nach, und im Umsehen war der Schuppen leer. + +Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. »Die Kinder sind ja wie +besessen!« rief die Krämerin, die andern stimmten ihr zu, Herr Habermus +aber kehrte bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran schuld, +nur er allein. Was war das für ein schlimmer Junge! Er darf nicht mehr in +die Schule, dachte er und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf +ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen, und Kasperle saß wieder +auf der vorderen Bank. Sein Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein, +als könnte er nicht das kleinste Dummheitle machen. + +Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn zum Katheder, dort sagte er +streng: »Ihr seid alle zu spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.« +Da senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden und braunen +Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle sah höchst verwundert drein, es +krähte mit seiner lauten Stimme: »Es hat ja eben erst geklingelt!« + +»Sei du still, du verläßt sofort die Schule!« rief Herr Habermus streng. +»Du bist an allem schuld. Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule +kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.« + +Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes Schweigen im Schulzimmer. +Kasperle selbst saß ganz verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt. +Dann erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes, +jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus noch nie vernommen hatte. Und +nicht nur die Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und alle +miteinander riefen flehend: »Kasper hat keine Schuld, Kasper soll +dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper soll nicht wieder fort!« + +Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, und deren Gebitte wurde +immer lauter und dringlicher, und je mehr sie flehten, je lauter heulte das +Kasperle. »Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!« brummte Herr +Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte er, als er das Kasperle ansah +und der kleine Kerl ihm einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse +war er gar nicht mehr auf ihn. + +»Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,« sagte er schließlich. »Das +Nachsitzen sei euch auch geschenkt, aber eine Strafarbeit gibt es, ein +Stück zu schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und nun stille -- +jemine, Kasper, was ist denn nun wieder los?« + +Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und von dorther ertönte wieder +sein furchtbares Jammergebrüll. »Ich kann doch nicht schreiiiben,« klagte +er, »ich kann nicht schreiiiben!« + +»Dummer Bube,« brummte Herr Habermus, »du brauchst natürlich nicht die +Strafarbeit zu schreiben, du brauchst bloß Striche zu machen, und nun, +potzwetter, sei still, sonst --« + +Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer noch ausreden konnte, und dann +saß er da mit dem allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß +machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er gab kreuzdumme Antworten, +und immer wieder durchbrauste ein lautes Lachen die Schulstube. Herr +Habermus wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich tat Kasperle +gar nichts Böses. Da klingelte es, die Schule war aus. Sonst atmeten die +Kinder meist alle auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst +die allergrößten Faulpelze: »Ach, bitte, bitte, wir wollen noch bleiben, es +ist so wunderschön in der Schule!« + +Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. Er erzählte ihnen von +den Blumen und Bäumen, von Felsen und Bergen, von den feinen +Schmetterlingen und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still, am +aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie dann auch am lautesten: +»Schon?« als Herr Habermus sagte: »Nun ist's aber wirklich genug, nun geht +heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!« + +Und dann verließen die Waldraster Kinder das Schulhaus, und sie kamen so +vergnügt heim wie noch nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend +brummten allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so viel schwätzten +die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten. + + + + +Zehntes Kapitel + +Eine neue Gefahr + +Kasperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; pardauz! fiel er ins +Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast +aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: »Mit dem +fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdruß haben. Hätte ich ihn doch +lieber nicht mit heimgebracht!« + +Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: »Mach' dir keine Sorge, +Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er +schon ein rechter braver Schulbube werden.« + +Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle +die Schulklasse, gleich ging der Lärm los. Alle schrieen: »Du mußt uns was +vorkaspern, bitte, bitte, bitte!« + +Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder dürfe er +nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den großen +braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: »Hallo!« und die Mädel +rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie +jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr Habermus hörte +das Geschrei drüben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die +Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinüber. Er riß die Türe auf und +schrie: »Potzwetter, was ist das für ein Lärm!« + +Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf +einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das +übel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in +der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps' Nase, trafen ein Tintenfaß; das +sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes +Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse. +Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, +Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche +lachten und jauchzten, -- es war wieder einmal ein Lärm wie bei Teufels +Großmutter. + +Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch, +klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen +etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute +nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fünf Mädel, +die bekleckste Schürzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte +laut. Himmel, konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten +schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmählich +erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch. +Herr Habermus faßte den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine +Ecke. »So,« sagte er streng, »da bleibst du stehen, bis du vernünftig +geworden bist.« + +Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises +Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der +Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach +ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr +Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie +vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng +sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das +klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun +hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid +jetzt endlich stille!« + +Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und +auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte +ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch +geben! + +Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder +blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder +die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und +nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und +von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht +aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unnützling!« + +Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm +der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem +armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte. +Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an. + +Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten +auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche +Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode +gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln, +hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine +Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf +den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau +Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps +möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche +Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die +jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer +einen Tee holen. + +»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!« + +Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst +heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre +Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern, +wie des Schullehrers kleiner Schützling tat. + +Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam +manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im +Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das +getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich +brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging +furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte +ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er +sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, +oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie +hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu +schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, +Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein +Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und +über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So +meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu. + +Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus +schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen +lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh' +wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu +leid. + +So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die +Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus +plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die +Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die +eines Tages sagte: »Ich geh' morgen in die Stadt.« + +Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der +mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den +Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh' in die Stadt,« dann +kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten +allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der +Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das +entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend +jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen +Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die +dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte +die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet +standen. + +»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir +Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.« + +Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben +sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, +behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base +Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh +darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen +hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange +Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes +Räubergesicht. + +Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg +hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter +ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust +dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte +dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base +Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an +Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die +Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt. +Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau +Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter. +Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die +Base doch nie wiederkäme! + +Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in +der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, +als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach +Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die +Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer +saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause +gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn +nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle +schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den +Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am +Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst +nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte +ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten +Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das +Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste +Frage war: »Wo ist Kasper?« + +Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar +Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die +Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen, +langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist +Kasper?« + +»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte +die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen. + +Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das +Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da +lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist +nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper +ist, na, ihr werdet staunen!« + +Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu +erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn +was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der +Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes +Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so +aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe +Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges +Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht +ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben +ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt +wird. So will es der Herzog.« + +Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer +kleiner Kerl!« + +Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten +wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach +gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base +Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er +bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen. +Ich hab' es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen +Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der +heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur +sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden +schon aufpassen!« + +Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr +Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink +ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der +Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die +Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen +die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück. + +Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen +könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die +Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube +heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die +Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß +Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus +seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief +sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?« + +Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und +sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!« + +»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir's schon denken, daß du +gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht +streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie +vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab +ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten +zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, daß ich +dir geholfen habe.« + +Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von +dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und +wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich +verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es +war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base +Mummelines Stimme: »Sie kommen!« + +Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und +die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war +geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten +es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die +Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten. + +»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin, +um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine +Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht. + +Aber wo war denn Kasperle? + +Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen, +der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. +»Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,« +sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen +suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn +einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will! +Vorwärts, alle müssen suchen!« + +Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder +dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau +Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie +Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper +weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon +nichts geschehen!« + +Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen, +aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun +müssen wir noch in der Kirche nachsehen.« + +»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch +alle zu.« + +Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil +er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in +seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche +herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.« +Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden? +Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen! + +»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß +mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt +wäre!« + +»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das +Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht +nicht.« + +Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen +müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause +herum, und ich erwische ihn doch!« + + + + +Elftes Kapitel + +Abenteuer über Abenteuer + +Allmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hörte drinnen im +Kirchturmwinkel den Lärm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal +recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer dunklen Vorkammer, +eine Treppe neben ihm führte zum Turmaufgang, und von oben strömte noch ein +matter Lichtschimmer herab. + +Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand +draußen sagte: »Aber morgen müssen wir doch einmal in der Kirche +nachsehen.« Es waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um mitten auf +der Dorfstraße Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfüllt +die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben +suchen sie vielleicht nicht. + +Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen. +Eine alte Eulenurgroßmutter, die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon +ihre Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter im Turm +gewohnt habe. Niemand störte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben +den Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten durften das +tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die +Glockenklänge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang, +dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die +Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefährlich. + +Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich +gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den +kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken +sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: »Nehmt euch in acht, der hat es +auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!« Da schrien alle Eulen; +unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte +und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse +Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst +vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die +Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen +kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den +Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte. + +»Bum, bum, bum!« tönte es dumpf. + +Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen +ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle +klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen. +»Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!« Die Glocke begann lauter und lauter zu +rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang +heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick +und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße +nicht mehr auf den Boden setzen. + +»Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!« Über das schlafende Dorf rauschten die +Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren +erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der +Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus. +»Feuer!« schrie er, »Feuer! Feuer!« + +Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle +schrien sie: »Feuer! Feuer!« Und alle sahen sie sich um, wo es denn +eigentlich brennen könnte. »Die Wassereimer her, die Wassereimer her!« +schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in +Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer +fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam, +das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn? + +Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt +sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und +sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der +zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von +draußen, von der Dorfstraße her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst +gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich +einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte +»Feuer! Feuer!« schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der +Kirchentüre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab, +jemand hatte draußen laut gerufen: »Ich wette, das ist der Kasper gewesen, +der hat sich in der Kirche versteckt.« Es war die Base Mummeline, die das +rief. + +»Die Türe ist aber verschlossen!« rief jemand anders. + +»Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,« verlangten ein paar +Stimmen. »Flink, holt ihn!« + +»Bim -- bam, bim -- bam!« Das Läuten oben wurde schwächer, aber Kasperle +hörte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er +fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen +aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte +jemand rufen: »Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt müssen wir den +Kasper fangen!« + +Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich +ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich +neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unnützer Gedanke kam +dem Kasperle. + +Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging auf. »Uje, ist's hier aber +dunkel! Holt flink ein paar Laternen!« rief jemand. Und dann gab es einen +Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war über die Stange +gefallen, die Kasperle quer vor die Türe hielt. + +»Au, Donnerwetter!« Da lag der dicke Schulze. + +»Himmel, Hagel, was ist das!« Der eine Landjäger fiel dem Schulzen nach, +und der Schneidermeister Pimperling quiekte: »Potz Hosenknopf und Ellenmaß, +hier spukt's!« + +»Ich werde totgedrückt!« kreischte die Base Mummeline. + +»Laternen her, Laternen her!« Einer nach dem andern fiel in den Vorraum +hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es +Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er +drückte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und +er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit +Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den +Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: »Das +ist ein Streich von Kasper.« + +»Man muß den ganzen Turm absuchen,« sagte der Schulze, der sich stöhnend +aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: »Der darf uns nicht entwischen, +dieser heillose Bösewicht!« + +Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dünn und mutig war, erbot +sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und +eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei +in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht +versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die +Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden. + +Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete +sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, +aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er +nicht. + +Unten sagte der Kasperlemann: »Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!« +Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und +alle suchten noch eifriger, alle sagten: »Er muß doch da sein! Wer soll +sonst die Glocke geläutet haben?« + +Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der +Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und +Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der +zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich +der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte +der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie +gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte +wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte +Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu +Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne +durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte, +war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es. + +Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig +um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun +hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden. +Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht +fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber +wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in +dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde +ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz +schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine +Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter +durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm +kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein. + +Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den Boden nieder. Er zog das +Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann +traurig zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern und +Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne fließen. Weil Kasperle +durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen +sah er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit +viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war +der Wald etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht an seinem +Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte in das Wasser gefallen, sie +schimmerten rot aus den weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden +blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine +winzige Insel. Da wuchsen große, weiße Blütendolden, auf denen lauter +schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser, +das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete, +funkelte und glänzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie +ein Märchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken: +»Komm, Kasperle, komm!« Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die +Himbeerbüsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Früchte, und da war +Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst +vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da +legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus +der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein +scheinen. + +Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief +in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz +schmale Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das Bächlein rann wie +ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, +er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich am +dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schön +und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter. + +Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: »Hallo, he, +aufgewacht du!« + +Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich verwirrt um. Da stand +neben ihm ein Bub, nicht viel größer als er, der trug ein Hemd und ein +Höslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein verbeultes, +verblichenes Hütlein mit einem mächtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah +beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater +zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl +sah überhaupt so vergnügt in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen +mußte. + +Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube +Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum +andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das +Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die +Felswand gab vergnügt das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine Anzahl +Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert und umringten die +beiden Buben. Aber plötzlich sprang der fremde Bube auf und schrie: +»Rosemarie fehlt!« Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen davon. + +Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. War das liebliche +Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse näher +gekommen? Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber saß da, +als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon +wieder zurück, er trieb ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief +schon von weitem: »Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich verlaufen.« + +Kasperle schüttelte den Kopf. »Nä,« brummelte er entrüstet, »Rosemarie ist +eine Grafentochter, keine Geiß!« + +Der fremde Bube lachte hell auf. »Freilich, ein Geißenname ist's nicht,« +rief er. »Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin +Bärbe hat sie dort geholt.« + +»Ist das weit?« fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schloß müßte ihm +vor der Nase liegen. + +»Weit -- das Schloß?« Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam +ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schloß an? »Weit ist's +schon,« sagte er; »die Einöderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie +stammt von dort.« + +Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich +längst Frühstückzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stück Brot aus der +Tasche. »Ich hab' Hunger,« sagte er seufzend. + +»Ich auch.« Der fremde Bube zog auch ein Stück Brot aus der Tasche und +sagte: »Ich komm' hierher wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, +und niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.« + +»Wer ist denn das?« Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es +der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube, +der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne neben des Herzogs +Jagdschloß Hirschsprung, das ganz nahe sei. + +»Wohnt der Herzog hier?« Kasperle ließ vor Schreck eine dicke Himbeere und +sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, +als der fremde Junge sagte: »Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in +seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal +hierher, sonst steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar nichts! +Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? Wer bist du?« + +Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprüchlein sagen, aber +des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da +senkte er verwirrt seine Nase. + +»Hast du was Schlimmes getan?« fragte plötzlich der andere fast streng. + +Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte er dem Buben, wer er sei. +Alles erzählte er, und der andere lachte mit und sah mit traurig drein, und +als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und +rief: »Armes Kasperle! Aber weißt du, ich will dein Freund sein. Ich bin +das Geißenmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?« Michele +wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, was er aus Mitleid dem +Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des +Michels Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr +groß. Michele meinte aber, für einen Freund, den man so unversehens im +Walde finde, müßte man auch einmal hungern können. Kasperle aber sah, mehr +Brot war nicht im Säcklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also +teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was +aus Kasperle werden sollte. + +Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging +nicht; er hatte nämlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen +Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte +sich als Geißenbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch für drei +kleinere Kinder sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden, +dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen +tiefen Seufzer und sagte traurig: »Ich muß weiterziehen.« + +Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er überkugelte +sich gleich einmal vor Freude und schrie dabei: »Hurra, das wird fein, +fein, fein!« + +Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein würde, und da vertraute +ihm Michele an, das Schloß sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle +darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein wurde, erzählte +Michele, im Schlosse wohne niemand, und der böse Matthias und seine Frau +gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, daß +eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl +weil der brummige Matthias den Schlüssel verloren habe. »Ich bin schon +manchmal drin gewesen; fein ist's drin!« tuschelte Michele seinem neuen +Freunde geheimnisvoll zu. »Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns +alle Tage und hüten die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab' arg großen +Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr Brot, dann langt es für uns +beide.« + +»Aber der Herzog!« Kasperle sah so ängstlich drein, als spaziere der Herzog +schon um die Ecke herum. + +Michele lachte ihn aus. »Bist ein Hasenfuß; der Herzog, kommt höchstens +zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm +jetzt rasch, ich zeige dir die Türe!« Er sprang auf und sah nach den +Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen Klettereien; satt und faul +lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt +zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. Kasperle staunte. +Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, +rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen dicken +Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines +Haus, die Försterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund +bellte, als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele führte seinen +Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein +Pförtlein, das fast ganz hinter Gebüsch verborgen war. »Da hinein geht's,« +sagte er, »und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, und niemand +sieht dich.« + +Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele drückte auf die rostige +Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schloß. Ein +schmaler, weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz +keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich +niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden +Freunde schlossen Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen +alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als Kasperle auf einmal +sagte: »Im Grafenschloß war's noch feiner.« + +»Was Feineres gibt's nicht,« rief Michele und riß eine Türe auf. Die führte +in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster +eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und +Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen, an den Wänden gab es in +breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, +schwebten oben an der Decke. + +Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschloß, und Michele, +der schon ganz wütend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun +auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide +beim Herumwandern in ein sehr schönes Zimmer kamen, in dem ein breites +goldenes Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. »Ich glaube, das +ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,« flüsterte Michele etwas scheu. »Darin +kannst du doch nicht schlafen!« + +Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide überzogenen Bett und +rief: »Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!« + +Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er +dachte an die armen Geißen, die er verlassen hatte. »Ich muß gehen,« sagte +er betrübt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und +erklärte: »Ich geh' mit.« Einträchtig verließen sie beide wieder das +Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, fanden die noch ruhig am alten Platz +weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu +halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß vorbeiziehen und pfeifen, +und sobald Kasperle dies hörte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie +zusammen spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide freuten sich +schon auf die Tage, die kommen würden, und einmal sagte Kasperle ängstlich: +»Aber der Herzog, wenn der in sein Schloß kommt!« + + +»Ach, der kommt ja erst im Herbst!« Michele schnippte mit der Hand, als +könnte er damit den Herzog davonweisen, und Kasperle war beruhigt. Mit +seinem neuen Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum Heimgehen, und +als das Schloß sichtbar wurde, trennten sich beide. Kasperle schlüpfte +wieder durch das Gebüsch, öffnete die kleine Türe und stand dann allein in +dem Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, und da begann sich +der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt und +dem Michele nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne seidene +Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind die Treppe hinauf +und durch die Gänge, bis er das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr +eilig in das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren und schlief +wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte ihn in dem einsamen Schlaf. +Nur einmal hörte er ein fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber +nicht auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster, den Michele den +brummigen Matthias nannte, und blies auf seinem Hifthorn ein Abendlied. +Feierlich tönte das durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur +die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen Schloß sei ein +wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von dem selbst der Förster nichts +wisse. + + + + +Zwölftes Kapitel + +Kasperle wird ein Gespenst + +Als Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, schimmerte es ganz golden +durch die herabgelassenen Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte +durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr gewarnt hatte, dies zu +tun. Draußen lag die Waldwiese im ersten Frühsonnenschein, und selbst in +das verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und Jubilieren der Vögel, +die den neuen Tag grüßten. Wie lustig es klang! Kasperle erhob +purzelvergnügt sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß in dem +einsamen Schloß ihn niemand singen hörte, denn vor dem Gesang konnte schon +einer davonlaufen. Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und +drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand seinen Singsang +schön, und singend lief er in dem Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam +er auch in die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig war, und +das Singen verging ihm. Er begann neugierig in alle Töpfe und Schränke zu +schauen, doch nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend an die +gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und gerade wollte er die Küche +wieder verlassen, als er in einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er +sie auf, ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es merkwürdig gut +roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, sah sich um und sah auf einmal +von der Decke herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken und +Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die Räucherkammer geraten, in der +es noch Vorräte vom letzten Besuch des Herzogs her gab. + +Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann er sich nicht, ob er +zugreifen dürfe oder nicht. Er sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst +erwischte; an der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann +verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit seiner Wurst bis zur +kleinen Pforte, an der Michele pfeifen sollte. Das dauerte noch ein +Weilchen, und Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, und als +Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück verschmaust. + +Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle ihm von der Wurstkammer +erzählte. »Das darfst du nicht, die Würste aufessen,« sagte er bedrückt; +»sie gehören doch dem Herzog!« + +Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der fand nichts Unrechtes am +Wurstraub, sagte, die hätte der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele +glaubte ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu ihrem Brot, aßen +tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen einen sehr vergnügten Tag. Die +Geißen waren brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als Kasperle +dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da stellten sie sich alle dazu und +meckerten erstaunt; so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie +meckerten, und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von sich, so arg +mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh vor Lachen, und er legte sich +flink in die Sonne. Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der +Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und Michele wieder lachen +konnte. + +So verging der Tag. Am Abend trieb Michele die Geißen heim, und Kasperle +kehrte in das stille Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern +kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, bis ihn wieder das +goldene Scheinen hinter den Vorhängen weckte; da war wieder ein neuer +heiterer Tag für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß, holte +wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer und stand schon an der kleinen +Pforte, als Michele daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von +weitem dem Kasperle halblaut zu: »Verstecken, verstecken!« + +Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als Michele herankam, tuschelte +der ihm zu: »Der brummige Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht +sehen!« + +Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß der Geißenbub seine Herde +so dicht am Schloß vorbeitrieb, aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte +unter die Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im Walde +verschwunden. + +Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag wie ein schöner Traum. Es +wurde Abend, es wurde wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, alle +waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust. + +Über eine Woche war so vergangen, da wachte Kasperle eines Morgens auf, und +er wunderte sich, wie dunkel es war. Vielleicht ist's noch Nacht, dachte +er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern und Rauschen, und als +er durch das Ritzchen im Vorhang hinausspähte, merkte er, es regnete. In +wahren Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, immerzu. Düster, +grau hingen die Wolken tief herab, der Wald sah aus, als schliefe er noch, +nichts rührte und regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit seinen +Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half Gemüse putzen, und er dachte dabei +sehnsüchtig an seinen Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war +nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen Schloß, und weil +er nicht wußte, was er anfangen sollte, begann er das Schloß von oben bis +unten zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle, räkelte sich +auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er wieder in des Herzogs +Schlafzimmer. In dem hingen allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin, +die ein Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies Bild gefiel +Kasperle besonders gut. Um es besser zu sehen, rieb er ordentlich seine +große Nase daran, ja er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte +er an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er wissen wollte, was +dies bedeute, drückte er ordentlich fest darauf. Da rauschte es plötzlich +sacht, das Bild wich von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen +kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm daraus entgegen. + +Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene Bett hinein, er kroch +unter die Decke, und da lag er eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles +blieb still. Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen. +Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder hervor. Die +geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte, stand noch halb offen, und in +dem Raum dahinter war es auch ganz still. + +Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber neugierig war er auch. +Endlich siegte doch die Neugier, und er kletterte wieder aus dem Bett +heraus und schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale Kammer war es, +die sich vor ihm auftat; aus der führte ein Trepplein in die Tiefe. Die +Kammer selbst war in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß +sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz dicht gewachsen +war; man mochte wohl von draußen das runde Fenster gar nicht sehen hinter +der dichten Efeuwand. In der kleinen Kammer selbst stand nur eine +altmodische Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte. + +Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und +eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war +ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle +nahm ihn sich um, hängte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte +so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er +warf alles in die Kiste zurück und begann das Trepplein hinabzusteigen, +Stufe um Stufe. Etwas bänglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten +herauf eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch um und +schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurück, ganz +leicht ging es nicht, aber plötzlich schnappte es ein, und von der +geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen. + +Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn, +drückte darauf, und wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen, +dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er ging nun überall im +Schloß herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild +müßte eine geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen, +deren Bilder die Wände schmückten, auch auf die Nasen, Münder, Augen und +Bäuche drückte, keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, und +Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag, +da würde doch sicher schönes Wetter sein. + +Doch der Regen rann und rann. Am nächsten Morgen war es noch grauer; noch +düsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen +daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das +geheime Kämmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar +Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich +wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr +so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser +gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterlaß rann es vom +Himmel herab, und am nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle +vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das +Zimmer erfüllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Draußen war soeben die +Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und +da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als +hätten sie die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwänzlein +genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewiß schönes Wetter! + +Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schloß +treppauf, treppab, holte sich eine riesengroße Wurst, die er morgen +mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett. +Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele wiedersehen. + +In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch blaß, und +es fehlte ihm ein ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner, +wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über der Waldwiese vor dem +Schloß, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es +schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glänzen, +und das Rauschen, das er hörte, kam vom Wald herüber. Aber noch etwas +anderes hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus herüber tönte +es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause +drüben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in +sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein. + +Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es +rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht so +still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes Rufen: »Matthias, +Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!« + +Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst +ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein +paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch +da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, +die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und +witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten +schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre +geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle +vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett +erblickt. »Matthias, Matthias,« rief sie, »es ist wahrhaftig jemand im +Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er +gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!« + +Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade +ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch +etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen. +»Matthias, die kleine Pforte war ja auf!« schrie die Försterin. »Weißt du, +von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas +gestohlen worden ist!« + +Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und +Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle. + +»Nein, nein,« rief seine Frau, »unser großes Vorlegeschloß tu dran, das +hält besser!« + +Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit einem Schloß verschloß, +dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Försterin: »Und morgen +kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig +werden!« + +Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte +werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich +klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde. +Damit tröstete er sich über diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem +Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine Frau wirtschafteten +immerzu im Schloß herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. +Doch als es dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen +klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtüre zu +öffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen +hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte an +der Tür die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen. + +Von außen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das +Fenster zu öffnen, sah er erst, daß dies vergittert war. Er konnte nicht +hinaus, er war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte und rannte +verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte +nicht hinaus. Zuletzt kroch er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem +schneeweißem Linnen überzogen war. Und heulend wühlte sich Kasperle in die +Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Säcklein, sondern +wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm: +Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er +erschrocken aufsprang und hinausspähte, sah er draußen einen ganzen Zug +Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem +Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heißer Tag +zu werden drohte. + +Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen +steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor +Angst, und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der Geldkiste nieder. +Wie sollte er nun entfliehen? + +Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hörte er auch, +wie in des Herzogs Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein +lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! Daran hatte das +dumme Kasperle gar nicht gedacht. + +In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand +schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die +Försterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen +gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb, +wie gestern so viele Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt +gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten können. Von den +verschwundenen Würsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, +auch von dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes +Gewissen hatte. + +Als die Försterin immerzu rief: »Ein Gespenst, ein Gespenst muß im Schlosse +sein!« bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor +den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun +mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein +hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit +großem Getöse zu Boden. + +Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: »Was war das, was +war das?« und die Försterin antwortete schluchzend: »Das Gespenst, das +Gespenst!« + +»Es muß alles genau untersucht werden,« befahl der Herzog. »Auch soll das +Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!« + +Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im +Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der +Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O +heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins +Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen. + +Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem +Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der +Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den +Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der +Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden +und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen +getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das +winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch +ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze +Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die +Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles +Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem +Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung +gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des +Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das +kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein +neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben, +dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, +Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem +Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst +später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er +sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: »Was raschelt da so?« + +Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und +purzelte mit ungeheurem Getöse von der Kiste herab. O jemine, gab das +wieder einen Aufstand! »Es ist nebenan,« rief der Herzog, »in dem Saal, +schnell, schnell, man muß nachsehen!« + +Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an +des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick, +und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im +Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden +abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem +raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen +Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas. + +Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle +endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog +Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: »Wenn das +Gespenst nur nicht das Kasperle ist!« + +»Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?« Der Herzog richtete sich +erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink +zusammenduckte. + +»Ja,« sagte drüben der Diener, »ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor +einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da +wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle +seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich +der kleine Kobold hier versteckt hat.« + +»Ja, ja,« rief der Graf aufgeregt, »so wird es sein! Sicher steckt dieser +Unhold hier irgendwo im Schloß.« + +Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut möglich, beinahe möchte er +an ein Gespenst glauben. + +»Mit Verlaub,« sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, »ein +Gespenst frißt doch nicht die Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich +noch nie von einem Gespenst gehört.« + +Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht gehört, und so etwas +wäre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun +erzählte, wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da befahl der +Herzog streng: »Man muß suchen, auf dem Boden, in den Kellern, überall, +auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen +hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich nicht schon ist. Das +Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!« + +Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken +könnte, daß niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach, +es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer weiß, wie +übel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs +Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den Fußboden nieder, +vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich +ein, und im Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich +müde gesucht, und schließlich sagten sie: »Es ist sicher ein Gespenst, ja, +und Gespenster findet man nicht.« + +Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen Bett, um das Kasperle +ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der +Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem +runden Fensterloch stand noch schief, aber glänzend der Mond und +erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt +auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte +er recht tief und vernehmlich. + +»Johann,« schrie nebenan der Herzog, »hörst du, es hat geseufzt!« + +»Jawohl, es hat geseufzt,« antwortete der Diener verschlafen. »Es ist doch +ein Gespenst!« + +Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er +seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man +solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg +Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schloß lebendig wurde. Diener +kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle +lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch +drüben still, alle gingen wieder zu Bett. + +Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing. +»Das Gespenst seufzt wieder!« Der Herzog schrie, der Diener schrie, und +wieder rannten alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle +zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte die alte Kiste, an +die er gestoßen war. + +»Das Gespenst, das Gespenst!« Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander, +und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, +man müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand +eingemauert worden, und der geistere nun herum. + +»Das ist recht,« antwortete der Herzog, »man soll morgen gleich den +Hofbaumeister holen.« + +O weh! Da verging dem Kasperle wieder der Übermut. Wenn der Hofbaumeister +die Wände abklopfte, fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte +ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts störte fortan den Herzog +mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er +beschloß, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da +einen Ausgang. + +Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne Fensterloch in das +Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten +Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und +klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Geräusch. Weil +dann aber alles still blieb, dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach +seiner Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er das schmale +Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er hätte auch lieber +Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den +schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; feucht und kühl war es, +und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es +mochten Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte das Echo +wieder, und in der Küche ließ just in dem Augenblick die Köchin des Herzogs +die Morgenschokolade fallen. »O du meine Güte,« schrie sie, »nun geistert +es hier auch, hört nur!« + +Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das Geächze vernommen, denn +Kasperle war gerade unter der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der +Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in +der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldsäcklein +vorwärts kam, plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. Er +kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schloß. +Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wächter, die das Schloß +bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie +Michele: »Endlich kommst du, endlich!« + +Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die +Geißen folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann +Kasperle seine Abenteuer zu erzählen. »Da,« sagte er stolz und hielt +Michele den Geldbeutel hin, »den habe ich dir mitgebracht.« + +Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief +erschrocken an. »Kasperle,« sagte er leise, »das Geld gehört dem Herzog; +das -- das -- ist -- gestohlen!« + +»Nä!« Kasperle riß seine Augen weit auf. »Ich hab's doch gefunden!« + +»Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem +Herzog!« Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein +Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel +nicht an. »Du mußt das Geld zurücktragen,« sagte er, »es gehört dir nicht. +Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.« Und Kasperle mochte +sagen, was er wollte, Michele blieb dabei. + +Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise: +»Du bist gut.« Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur +ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner +Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch +einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er +wolle es tun. + +»Gleich,« riet Michele, »ehe der Hofbaumeister die Türe findet.« Er kramte +aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer +heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die +Herrlichkeiten hin. + +Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang +hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, +er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unnütz. Er +schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte +noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Türe ging auf! +Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen. + +Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe +hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es +wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch +durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. »Ausreißen!« +rief Kasperle, »ausreißen!« + +Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an, +und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen +verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich +zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu +Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der +kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele +verlegen an. Was würde der sagen? + +Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er +lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein +gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die geheime +Schatzkammer sei. »Aber nun hast du keinen Unterschlupf,« fügte er traurig +hinzu. »Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange +drin hausen kannst du nicht. Und -- und« -- Michele tat einen ganz tiefen +Seufzer -- »was machst du, wenn ich nicht mehr komme?« + +Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele +wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad, +in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und Geißen aus dem Dorf +für ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um +alle Tage die Milch hinabzufahren. + +»Ich geh' mit,« schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien +ihm lustig zu sein. + +Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht,« sagte er +ernsthaft, »du mußt weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch +schon ein Landjäger gewesen, um nach dir zu suchen.« + +Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das Weiterwandern machte ihm +keinen Spaß mehr, und am liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! +Doch wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, zuviel war er kreuz +und quer gelaufen, und Michele wußte es auch nicht. Der gab aber +verständigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot +herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm +geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrücken +weiterwandern und ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das +Fürstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn der Herzog wohl +nicht fangen lassen. »Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst,« sagte +Michele, »dann bist du an der Grenze.« + +Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernünftig zu +sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als +der Freund mit seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die Nacht +besser als im Gespensterkämmerlein. + + + + +Dreizehntes Kapitel + +Der bunte Garten + +Das Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die Türe geschleudert hatte, +war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, +da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als hätte er das vom +Kasperle gelernt. »Das Gespenst, das Gespenst!« brüllte er, und wieder +rannte, wer das Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale +Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht saß +das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche +Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, sahen +die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang +hinab. Auf dem Flur drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten: +»Das Gespenst wird uns alle totmachen!« + +Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm +Magentropfen und sagte, Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog +aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurück; einer +hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: »Den muß das Gespenst +verloren haben. Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es schon +jemand Lebendiges gewesen sein.« + +»Das Kasperle war's,« rief der Herzog. »Ich glaube auch, ich habe es +gesehen, als die Türe aufging.« + +Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein +Einbrecher hätte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den +lieber mitgenommen. + +»Die ganze Gegend muß abgesucht werden,« befahl der Herzog, »irgendwo muß +doch der kleine Kobold zu finden sein!« + +Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schloß +vorbei. Er traf auch eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und +das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele +wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich +schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine +Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald +nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schloß vorbeikam, sah das auch noch +ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald +lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu: +»Nimm heute deine Geißen in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und +Hunden abgesucht.« + +Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen konnten nicht genug hopsen +und springen. Michele trieb sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter +lachte hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der +fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzählte er +ihm die neue Gefahr. »Bleib da drinnen,« sagte er, »ich pflanze flink einen +Busch davor, da sieht dich niemand.« + +Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den +vor die kleine Höhle und machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang +verdeckt wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So schwätzten sie +zusammen. + +Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte +Kasperle, nun wolle er ein bißchen herauskommen, als aus der Ferne her +lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die +Herzen arg, denn näher und näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der +brummige Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde heraus. Als der +Förster Michele so ruhig seine Geißen weiden sah, rief er nur hinauf: »Ist +hier jemand vorbeigekommen?« + +»Nä, niemand!« schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergnügt +bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht +vorbeigegangen! + +Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch +am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien: +»Meine Geißen, meine Geißen!« Da lockte Matthias den Hund zu sich, und +Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen. + +Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und wieder zog Michele mit seinen +Geißen heim, und Kasperle blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an +des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen! + +Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag. +Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus. +Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele +scheiden mußte, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an. + +Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner +Gießbach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle +tat ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in die weite Welt +gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in +seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. Er +ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe etliche Bäume um und ebenso +das Schloß, wenigstens stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter +rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: »He, hier treibt sich ja ein +fremder Bube herum!« und es war gut, daß der brummige Matthias den kleinen +Geißenhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle +gefragt. + +Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen mochte er gar nicht, und +als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete +sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das +Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem +das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und +wanderte in die stille Nacht hinaus. + +Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war +der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da +dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum +herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen +Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er auf und +wanderte weiter. + +Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte +er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der +Morgenfrühe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine +größere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur +Mittagszeit aß er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal +hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte +sich schon ihr schönes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an +einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nämlich noch eine +uralte Mauer. Die hatte Tore und Türme, und von den kleinen Turmfenstern +herab hingen rote Hängenelken, und Geranium blühte daran. + +Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, der erblickte etwas viel +viel Schöneres. An der Stadtmauer außen lag ein großer Garten, in dem +tausendfältig bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die schönen Malven die +Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und +Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht nebeneinander. +Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und +Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im +Herzogsschloß sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen den +Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, der begoß sorgsam Pflanze +um Pflanze. Er bückte sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte +sie wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als würde ihm dies alles +recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand +auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp, +begann er mit einem großen Geplantsche zu gießen. Dazu lachte er über das +ganze Gesicht, und der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine +Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich +auf eine Bank, und Kasperle goß den Garten; er meinte, eine vergnüglichere +Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten, +in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes Haus stand. Und als Kasperle +fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, blinkerte +den zutraulich an und fragte: »Darf ich bei dir bleiben?« + +Der Alte lachte. »Du bist ja ein schnurriger Bube!« sagte er. »Wer bist du +denn? Woher kommst du? Wie heißt du?« + +Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er +konnte seine Lügengeschichten nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ +er den Kopf hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll Güte: »Du +bist wohl ausgerissen, Kleiner?« + +Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte +zu große Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der +Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: »Bleibe nur bei +mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.« + +Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, und der alte Gärtner +erzählte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde +nicht müde zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der +Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine +kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich +nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte. +Durch das offene Fenster strömte der Duft der vielen, vielen Blumen in die +Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu +tönen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darüber hellwach. +Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik. +Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. Dicke, dicke Tränen +liefen dem Kasperle über das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und +eine große Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. Immer +lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darüber +ein. + +Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Gärtner weckte. +»Komm,« sagte der, »jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gießen, +damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heißer Tag heute +werden.« + +Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er die Blumen. Manche +brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner +sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mußte Kasperle +Beeren pflücken, die reif an den Büschen hingen. Er durfte auch davon +essen, die andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar zierlich mit +Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflückte Frühbirnen von einem +Baum. + +Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder +kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat +und allerlei Gemüse für die Küche. »Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen +zugelegt!« sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder +aber starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies +Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein +Räubergesicht. + +Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, doch sie kamen gleich +wieder und bettelten: »Mach's noch mal!« + +Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder +jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. +»Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!« sagten die +Frauen. »Wo habt Ihr denn den her?« + +Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die +Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen +kleinen Gast: »Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast +du deine Grimassen gelernt?« + +Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber +darüber wurde der Alte bitterböse: »Schäme dich,« rief er, »einem alten +Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei, +mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als +eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!« + +Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem +erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei. + +Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein. +Der schaute verwundert den Alten an und sagte: »Was habt ihr denn, Meister +Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.« + +»Ach, Sie sind's, Herr Severin!« rief der Gärtner. »Nun hört einmal, was +mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für +Lügengeschichten aufbindet!« Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben +gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit +seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den +Kopf. »Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,« sagte er, »es ist wirklich +ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der +Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt, +irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die +wunderschönsten Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben +sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben +und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann +könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein +kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.« + +Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und +weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er +vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie +ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde +schöne Mann mitleidig: »Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!« Das +klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz +leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte. + +Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte +kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal +erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine +Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: »In +einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden, +denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.« + +»Und bis dahin bleibst du bei mir,« sagte Meister Helmer. »Ich will wohl +achtgeben, daß dir nichts geschieht.« + +Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: »Geh, +pflücke für Herrn Severin einen Strauß,« da lief er eilig im Garten hin und +her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und +Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei +ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er. +Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme, +und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer +Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von +weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen, +damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme. + +Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin +gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich +schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten +am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen +dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und +hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun. + +Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: »Kasperle, heute ist Sonnabend, da +kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie +so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.« + +Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er +band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so +Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch +die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz +griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister +Helmer einen Strauß gab. »So einen Strauß hab' ich noch nie gesehen,« rief +sie; »ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!« + +Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben, +und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase +im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der +Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber +staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es +schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als +am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei. + +Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein +Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle +sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald +heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und +schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers +Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den +Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle +sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar +eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als +Herr Severin das einmal sah, warnte er: »Kasperle, Kasperle, du verrätst +dich noch!« + +Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar +Buben riefen, ihm nämlich zu: »Kasper, kommst du übermorgen mit auf den +Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie +du!« + +Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der +Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister +Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen. + +Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine +Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus, +war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in +den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, +ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm +flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest +und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin, +öffnete ihn und sagte: »Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!« + +Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr +Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner +Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten +viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar +Wächter, und alle brüllten sie: »Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle. +Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist +es?« + +Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: »Wir helfen ihm, +daß er ausreißen kann.« + +Meister Helmer schaute sich verdutzt um. »Kasperle war eben hier,« murmelte +er, und Herr Severin nickte und sagte auch: »Er war eben hier.« Dabei +spielte er aber ruhig weiter und erzählte: »Meister Helmer, ich verreise; +da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz früh reise ich mit +der ersten Post.« + +»Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder nicht,« schrie der +Kasperlemann grob; »das Kasperle müssen wir finden, es muß hier sein!« + +»Wir suchen das Haus ab,« riefen die Wächter streng und sahen Herrn Severin +drohend an. Der nickte freundlich: »Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber +den Garten nicht!« + +»Zuletzt war er ja im Garten,« sagte Meister Helmer, der das wirklich +glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da +rasten Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm +seinen Kasten auf den Rücken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister +Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise +singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf. + +Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die +Stadtmauer und überzeugte sich, ob Kasperle wohl da hätte ausreißen können. +Und dann liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus hinein, kein +Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfaß, in Meister +Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie +und klagte: »Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O +wie dumm, dumm, dumm!« + +»Wir werden ihn schon fangen!« trösteten die Wächter. »Ah bah, +papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!« + +Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mußte erzählen, wie +Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen +schrie der Kasperlemann: »Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm!« und die +Wächter riefen: »Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon!« Ein paar +Buben aber brüllten plötzlich laut: »Ausgerissen, hurra, ausgerissen, +hurra!« Und dann rannten sie auf die Straße und erfüllten die mit ihrem +Gelärme. Sie erzählten es jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe +seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein +Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine +Gärtnerjunge, und er habe dabei gefragt: »Habt ihr schon so einen flinken +Kasper gesehen?« Da hätten sie gerufen: »Meister Helmers Lehrbursche sieht +gerade so aus!« Ja, und so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder +die Straße entlang: »Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!« + +Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben +brüllten, desto zorniger wurde er. »Morgen hätte ich Graf sein können,« +schrie er, »wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder +ausgerissen wäre. Dumm, dumm, dumm!« + + + + +Vierzehntes Kapitel + +Die Reise mit Herrn Severin + +Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer +hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz +verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und +gesagt: »Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wärst du beinahe +erwischt worden!« + +Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das +Gelärme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte. + +Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er +Kasperle unversehrt wiedersah, und er hätte ihn gern wieder zu sich +genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: »Kasperle +muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun, +Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, wo +es liegt, aber --« + +Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies +»Aber« ihn zurückhielt. Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und +der sagte ernsthaft: »Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig sein, denn +wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach +der Orgel schauen, und -- auf Schloß Hirschsprung erwartet mich der Herzog. +Da mußt du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche +machen. Wirst du das können?« + +Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz +ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder +sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß und nach +Waldrast zu kommen, machte ihm großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich +Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch +mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte er dem viel von den beiden, und der +sagte: »Nun, wer weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise +trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!« + +Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mußte +Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, +denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch noch hinein, und Herr +Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. +Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum +kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch +einmal flink durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der Garten! +Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer +und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich +würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten, +und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der +schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen, +und heidi! fort ging die Reise. + +»Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,« blies der Postillion, und rissel, +rassel fuhr der Wagen ins Land hinein. + +Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gäste stiegen +aus, und Herr Severin sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen, +dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein +Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer +auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste +mit, und nachher wunderte sich der Wirt über den gewaltigen Appetit, den +der vornehme Herr gehabt hatte. + +Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit +einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und +sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der Herr sich aber +gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der +schwarze Kasten sei arg schwer. + +»Wird nicht so schlimm sein,« meinte Herr Severin und schritt am roten +Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen öffnete er +den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paßten +beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber niemand begegnete ihnen auf +dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer +Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten, +denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar. + +Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein +Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Straße stand und +auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er +sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Künstler zu begrüßen. Kasperle +hörte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend +eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand guten Tag sagen durfte, +und als Herr Severin etwas später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er +Kasperle klitschnaß von Tränen. + +Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte Kasperle, daß sie dicht +neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen +drüben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base +Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurück! Ganz böse sah er +gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: »Kasperle, Kasperle, +mache keinen dummen Streich!« + +Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht +gewesen wäre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie +drüben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu +sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht nach ihnen. + +Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, öffnete drüben +die Base die Türe, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die +Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war genau so +neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach +einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base +Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hörte sie sagen: »Er +hat alles in dem schwarzen Kasten.« + +»Den machen wir auf,« tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden +Frauen an dem Kasten herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam den +niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie. +Er steckte den Kopf in sein Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich +hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um +vor Schreck. »Uhuhuuuh!« tönte es, und die Base Mummeline jammerte: »Er hat +den Teufel drin!« + +Aber die Wirtin war beherzter. »Das muß ich sehen,« sagte sie und ging +wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Türe +aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten +das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die +Base Mummeline faßte sich schnell und rief ganz streng: »Ihr habt einen +Teufel im Kasten.« + +»Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat!« sagte Herr Severin +lachend. »Nehmt euch in acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall +heraus.« + +»Huch!« kreischten die Frauen, und rumpel pumpel rasten sie hinaus, die +Treppe hinab, und Kasperle platzte bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr +Severin lachte mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen schon +weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr schrecken, es könne ihm +doch schlecht bekommen. Und am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das +Zimmer. Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte, das Kasperle +einschließen ist schon am sichersten. Aber auch am langweiligsten, dachte +Kasperle. Der sah immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, und +als draußen alles still geworden war, hockte er sich auf das Fensterbrett +und blickte sehnsüchtig nach dem Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal +hineinsehen hätte er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker +Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, dann --. Aber da dachte +er an Herrn Severins Verbot, auch lag unten ein Hund, und die Geschichte +kam ihm etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel der Base +Mummeline ins Zimmer werfen, das ging vielleicht doch; so platsch ins +offene Fenster hinein, das wäre doch ganz spaßig! + +Die Base wurde immer fuchswild über so etwas. Kasperle kicherte leise vor +sich hin, griff in die Äste und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte +er gut, und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der Base Stube +hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah Kasperle nicht, aber ein arges +Zetergeschrei hörte er; es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom +Fensterbrett herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet. + +Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es still. Im Schulhaus saß die +Base Mummeline im Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum und +trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und der dachte immerzu: +Kasperle, du bist ein arger Schelm! Da war die Base in ihr Zimmer gekommen +und hatte einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der Türe +stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der Krug in Scherben, bums! +flog ein großer Apfel an der Base recht große Nase, klirr! einer in den +Spiegel, und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base sah Herrn +Severin schief an und sagte, der Herr werde schon wissen, woher die Äpfel +kämen; mit seinem schwarzen Kasten sei das nicht richtig. + +Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte, die Base Mummeline möchte nur +kommen, er wolle ihr schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon wollte +die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr Zimmer und ging sehr +geschwinde in ihr Bett. Sie kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun +kein Holzapfel mehr in ihre Stube. + +Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte darauf. Das klang fein und +lieblich, und in Waldrast vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie +lauschten dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte noch lang im +Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf +den Spitzen der Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten von +dannen. + +»Das war ein Schlimmer,« sagte die Base Mummeline hinter ihm her, »man +müßte seinen Kasten untersuchen.« Aber das glaubte ihr niemand, am +wenigsten der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr Habermus fand +die Geschichte mit den Holzäpfeln gar nicht wunderbar und gruselich, er +sagte: »So etwas und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben fertig. +Wer weiß, wer es gewesen ist!« + +An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen vergnügt mit Herrn Severin +den Weg entlang, den er vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde +war es still, und niemand begegnete den Wanderern. Sie schliefen auch im +Walde und gelangten endlich an des Micheles Hüteplatz. »Michele ist nicht +mehr da,« sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch da. Der saß vor +der Felsspalte und pfiff auf einer Flöte, die er sich selbst gemacht hatte. +Seine Geißen weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle laut seine +Stimme, und Michele sah sich um, als erwache er aus einem Traum. Und dann +sprang er über Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er packte +Kasperles Hände und drehte den Freund rundum. Er war ganz atemlos vor +Freude und konnte erst gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr +Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr Michele alles. Er selbst +war geschwinde mit seiner Erzählung fertig, er sagte nur: »Den Geißen +schmeckt's hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.« + +»Das hat sich freilich gut getroffen.« Herr Severin sagte es, während er +sacht an seiner Geige herumstimmte; er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen +Blick. + +»Da, nimm und spiel' mir etwas vor!« sagte er plötzlich und reichte dem +Buben die Geige hin. + +Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, der im Dorf zum Tanz +aufspielte, der hatte ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen +lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen fremden Herrn. Der Bub +wagte kaum, sie recht anzufassen, doch als er sie hielt, kam die Lust zu +spielen über ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin. + +Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte, wie Michele spielte. +Herr Severin hörte aber still zu, und als Michele verlegen innehielt, sagte +er: »Im Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und dich mit mir +nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche Jahre so viel geben, wie du als +Geißenhirt verdienst, du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger +braucht. Willst du?« + +Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle machten solche Freudensprünge, +daß beinahe die Geißen neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen +konnten. Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb das Michele +so glückselig zurück, als säße es mitten auf der schönen Himmelswiese. +Geiger sollte er werden, spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und +das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich Kasperle, allein dem +Kasperle! und er ahnte nicht, daß Herr Severin bei Kasperles Erzählung +gedacht hatte: Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein +zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der gefällt mir. Kann er geigen, +dann will ich ihm helfen, ein rechter Künstler zu werden. + +Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden Glück. Er wollte vor lauter +Freude singen, aber da sagte Herr Severin geschwinde: »Sei still, sei +still, sonst fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei. Flink, +krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir gar noch einen Jäger, der +dich erkennt!« + +Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, Herr Severin nahm ihn auf +den Rücken, und er war heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein +richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich nicht leicht! + +Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen. Nur wunderten sich alle +über den großen schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. »Darin ist ein +seltenes Spielwerk,« sagte Herr Severin, »das muß ich immer bei mir +führen.« Und er verschloß sorgsam das Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief +ins Bett schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das war +langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas herumgegeistert oder +zugesehen, wie Herr Severin des Herzogs Spinett eine Seele gab. + +Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das hatte er so gewollt, als +sich sacht eine Türe auftat und ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging +ganz, ganz leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der +Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: Sie sieht doch aus +wie Rosemarie, von der das Kasperle erzählt hatte! Da ließ er das Spinett +singen, und er selbst sang halblaut dazu: + + »Rosemarie, du kleine, + Rosemarie, du feine, + Einer hat mir aufgetragen, + Schönes Grüßlein dir zu sagen. + Trallallala, trallallala! + Rosemarie, du kleine, + Rosemarie, du feine, + Sage mir, ob du wohl weißt, + Wie der kleine Schelm doch heißt?« + + +»Kasperle heißt er!« klang es lieblich neben ihm. Rosemarie stand am +Spinett und sah Herrn Severin mit ihren großen Augen fragend an: »Wo ist +Kasperle?« + +»Du bist also wirklich Rosemarie,« sagte Herr Severin. »Kasperle kommt ins +Waldhaus zurück, er geht wieder heim.« + +Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit feinem Fingerlein auf das +Spinett, da klang es wie: »Grüße, Grüße, viele Grüße!« + +»Ich werd' es bestellen, und wenn du schweigen kannst, kleine Rosemarie, +dann wirst du auch noch einmal das Kasperle sehen.« + +Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie legte ihr Fingerlein fest auf +den roten Mund, und dann huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand +kam, im Nebenzimmer tönten Schritte. + +Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das Spinett nun schon eine Seele +habe, und dann wollte er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der +Künstler im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war nämlich etwas +neugierig, und er war ganz verdrießlich, als Herr Severin sagte, dies dürfe +er nicht zeigen, dies Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen, +es niemand zu zeigen. + +Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und ging brummelnd davon. Herr +Severin bekam Angst. Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so eine +Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen Landjägern befahl: »Macht mir +den Kasten einmal auf!« Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an +vielen geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei lief ihm +eine schwarze kleine Katze über den Weg. Halt, dachte er, die kommt mir +zurecht, und er fing schnell das Kätzchen und nahm es mit. + +In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie einer, dem die Pfingstfreude +verregnet ist. Sein Gesicht wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm +von Rosemarie erzählte. »Gewiß hat der Herzog sie mit ihren Eltern +eingeladen,« sagte Kasperle. + +»Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen sein, wenn du nicht +gar so unnütz und neugierig gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin +kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.« Und Herr Severin erzählte +Kasperle von des Herzogs Verlangen. + +Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor dem Herzog hatte er die +allergrößte Angst. Er kroch flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr +Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten. Kaum waren sie beide +fertig, da kam ein Kammerherr, der sagte, er wolle dem fremden Geiger das +Schloß zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen will er in den +schwarzen Kasten sehen, dachte Herr Severin und lachte heimlich. + +Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus dem Zimmer gegangen, als +Kasperle Schritte hörte, Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs +Befehl: »Öffnet den Kasten!« + +Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin kein Guckloch hat! Er +wollte versuchen, etwas zu sehen, und gerade war er bis ans Ofenloch +gerutscht, als der Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend +heraussprang. Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter, und ehe sie noch +jemand fassen konnte, sprang sie zum offenen Fenster hinaus. + +»Prschiii!« Kasperle war Ruß in die Nase gekommen, er mußte laut niesen. +»Hazzi, prschiii!« Und puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin, +und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte er aus dem +Zimmer, und seine Diener rannten ihm nach. Sie dachten alle, die schwarze +Wolke sei aus dem Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler +sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch. + +Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube zurückkehrte und die +Bescherung sah. Das Kasperle sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er +gefiel sich selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich waschen, da +wurde er wieder blank und kroch vergnügt in seinen Kasten zurück. Danach +ging Herr Severin zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare +Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog seufzte sehr und bat Herrn +Severin inständig, ihm abends noch etwas vorzuspielen. + +Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es dürften keine Kinder dabei +sein. »Ach,« rief der Herzog, »die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die +kleine Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.« + +»Doch, sie stört, sie muß ins Bett,« erklärte Herr Severin und tat ganz +streng. + +Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des +fremden Künstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den +Türen, und Herr Severin spielte so wundersam, daß der Herzog zu weinen +anfing. + +Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt mit Rosemarie zusammen in +einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und +war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin. +Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde. +Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, und dazwischen +schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. +Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzählte, +wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da weinte sie bittere Tränen. »Du +armes, armes Kasperle!« sagte sie sanft; »wie gut, daß du ins Waldhaus +zurückkommst!« Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: »Ei, +du Unnütz du!« Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die +Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann +Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. »Der muß auch +mein Freund werden,« sagte sie. »Und wenn er groß ist und so schön spielen +kann wie Herr Severin, dann --« »heiratest du ihn,« rief Kasperle. Und +plötzlich rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. »Und ich +bin dann immer noch ein Kasperle!« klagte er. + +Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er bis dahin seine +Heimatinsel gefunden. »Ich will auch suchen, wenn ich groß bin,« versprach +sie, »und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.« + +Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte noch den letzten Rest +Kuchen in seinen großen Mund, und dann erzählte er noch flink die +Geschichte mit den Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis +Herr Severin kam und sagte: »Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist +schon arg spät!« + +»Auf Wiedersehen morgen!« flüsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum +Zimmer hinaus. Es merkte niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war. +Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem +schönen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit +seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn +nicht mehr sehen. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + +Wieder daheim im Waldhaus + +Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwärts ging's, immer +tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe +Postkutsche wieder erreichten. »Trara, Trara!« blies der Postillion, Herr +Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es +in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da +sah er das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er +mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer +weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer +Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war +Protzendorf. + +»Bis hierher geht es und nicht weiter,« sagte der Postillion. »Ja, die +Protzendorfer sind fein geworden, zu denen fährt jetzt die Post.« Da wurde +der schwarze Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein Guckloch +die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. Seine einstigen Freunde +Windgustel und Wassergustel stießen sich bald die Nasen daran. Und die +Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt voran, arg enttäuscht, +daß der fremde Herr nicht bleiben wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem +Dorf, in dem die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es jedem +gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: Lieber nicht, dem Kasperle ist +halt nicht zu trauen, und das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem +Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen Kasten und wanderte +weiter, und Kasperle konnte weder Florian einen Schabernack spielen, noch +seine einstigen Freunde begrüßen. + +Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus einen Fußweg, der führte durch den +dichtesten Wald und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin ein. +Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide wanderten fröhlich dem +Waldhaus zu. Kasperle sprang wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich +die Fiedel dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang der +Nachtigall. + +Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal eine liebe, warme +Stimme: »Ach lieber Gott, das ist ja Kasperle!« Ganz tief im Grünen, unter +einer uralten Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein Reh. Herr +Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte mit einem so lauten Jubellaut +Liebetraut zu, daß das Reh eilends entfloh. »O Kasperle, du liebes, +schlimmes Kasperle!« sagte Liebetraut, »wo kommst du her?« + +»Nicht böse sein!« bettelte Kasperle und huschelte sich an Liebetraut an. +Das schöne Mädchen lächelte, sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und +sagte froh: »Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer, du +mein kleiner Liebling du!« + +Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen war, und Liebetraut lachte +und weinte; dann sagte sie, der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen +und habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei. Doch könne er hier +nichts machen, gerade das Waldhaus liege an der Grenze, und der Fürst +dieses Landes und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. Hier +dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber in Protzendorf wohne +jetzt ein Landjäger, um aufzupassen, und Florian und Damian hätten gesagt, +wenn sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen. + +»Komm,« bettelte Kasperle ängstlich, »wir wollen ins Waldhaus!« + +Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie dem Waldhaus zu. »Jetzt +kommt gleich die Grenze,« sagte Liebetraut; »Kasperle, schlupf' flink in +den Kasten, mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an der Grenze.« + +Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte den Herr Severin wieder +zugeklappt, da trat wirklich ein Landjäger aus dem Gebüsch. »Halt!« schrie +der, »ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein Kasperle über die +Grenze trägt.« + +Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, wundersam klang es, dazu +sagte er: »Ich komme von des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir +kein Kasperle geschenkt.« Darüber mußte der Landjäger lachen, und weil er +auch dachte: So ein feiner Mann, der so schön spielen kann, was hat der mit +einem Kasperle zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen. +»Dies vermaledeite Kasperle!« schalt er; »seit Wochen suchen wir danach, +mal ist es da, mal ist es dort, und nie fängt man es.« + +»Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt nur gut auf, daß es Euch +nicht an der Nase vorbeiläuft!« sagte Herr Severin lustig. + +»Mir nicht!« schrie der Landjäger; »ha, ich bin ein ganz Schlauer, mir +entwischt das Kasperle nicht!« + +Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige zu spielen. Diesmal war +es ein heiteres Stücklein, das sollte das Lachen übertönen, das aus dem +schwarzen Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte aber nicht +an sich halten. Er kicherte immerzu, und der Landjäger rief Herrn Severin +noch nach: »Ei, Herr, Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als +lache Eure Geige!« + +»Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!« rief Herr Severin noch, und +da lachte auch Liebetraut. Lachend schritten sie weiter, und auf einmal +tauchte das Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das Kasperle +wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da tat der einen lauten Freudenruf. +Vor ihm lag das Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten Garten. Seine +Fenster standen offen, und an einem der offenen Fenster saß Meister +Friedolin und schnitzte. Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das +Haus zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser vor Staunen. +Je, was war denn das! + +Kasperle war wieder da, das Kasperle! + +Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne in der Hand, so +schnell war sie vom Abendessenkochen weggelaufen. + +Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen mußte er essen, und +Herr Severin wurde genötigt, als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam das +allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute ihm der Wald in die Stube +hinein, und Herr Severin spielte darin bis spät in die Nacht so +wunderschön, daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude weinte. + +Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als er am nächsten Morgen +aufwachte, stand Liebetraut an seinem Bette, die lachte ihn an und sagte: +»Kasperle, weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im Waldhaus!« + +Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. Im Waldhaus, daheim! Nun wurde +er nicht mehr verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie +herrlich das war! + +Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie dem Kasperle. Er mußte +freilich nach einigen Wochen wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor +fremden Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber er wollte +wiederkommen, und dann wollte Liebetraut seine liebe Frau werden, und sie +wollten alle mitsammen im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr +Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach, das Michele! + +Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, wenn er daran dachte, daß +Michele kommen würde. Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen +lieben, lieben Kameraden. + +»Denkst du noch an das Fortlaufen?« fragte ihn Liebetraut manchmal. Da +schüttelte er immer heftig den Kopf und schrie: »Nein, nein, nein, ich will +immer, immer im Waldhaus bleiben!« + +Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze zu laufen, und als nach +etlichen Wochen der Kasperlemann wieder erschien, da kroch Kasperle in das +Bett und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der Kasperlemann +merkte doch, daß Kasperle wieder daheim war; er schnüffelte im Hause herum, +doch Liebetraut hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den +Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann abziehen, und Kasperle +blieb im Waldhaus. Er ließ sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage +später ein Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge versprach und +ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen Kasten tragen. O nein, Kasperle +war draußen in der Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen! Und +der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel er wollte, Kasperle +bekam er doch nicht. + +Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im Waldhaus gab es eine stille, +fröhliche Hochzeit. Und dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute +Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. Da gab es ein frohes +Wiedersehen, und als Herr Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste, +sagte er: »Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber ich hätte +dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. Freilich, im Waldhaus hast +du es am allerbesten.« + +Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei es so schön wie im Waldhaus; +nur vielleicht auf der Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand +wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles eigentliche Heimat. + + + + + + +Die ferneren +Schicksale und Abenteuer +Kasperles und seiner Freunde +Rosemarie und Michele finden die Leser in +den Bänden »Kasperle auf Burg Himmelhoch« und »Kasperls +Abenteuer in der Stadt« erzählt (Verlag Levy & Müller, Stuttgart). + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + +***** This file should be named 36813-8.txt or 36813-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/8/1/36813/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Kasperle auf Reisen + +Author: Josephine Siebe + +Illustrator: Karl Purrmann + +Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic"><img src="images/title.jpg" alt="Titelbild"/></div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1 style="page-break-before:always"> +Kasperle auf Reisen +</h1> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold"> +<span style="font-size:large">Eine lustige Geschichte<br /></span> +<span style="font-size:small">von<br /></span> +<span style="font-size:xx-large">Josephine Siebe</span> +</p> + +<p> </p> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;"> +Mit vier farbigen Vollbildern von Karl Purrmann +</p> +<p> </p> +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small"> +Vierte Auflage +</p> + +<p> </p> + +<div class="centerpic"><img src="images/logo.jpg" alt="Logo"/></div> +<p> </p> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:large;"> +<span class="overline"> +Verlag von Levy & Müller in Stuttgart +</span> +</p> + + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small;"> +Nachdruck verboten<br /> +Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br /> +Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart +</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Zweites Kapitel. Der alte Schrank</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Fünftes Kapitel. Gänse hüten</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Siebentes Kapitel. Rosemarie</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-8">Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-9">Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-10">Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-11">Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-12">Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-13">Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-14">Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-15">Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p> +<!-- page 001 --> +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1"> +<span class="centerpic" id="img-img003"><img src="images/img003.jpg" alt="Illustration img003" /></span> +<span style="font-size:small">Erstes Kapitel</span> <br /><br />In Meister Friedolins Haus +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>itten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert +Jahren ein altes Haus. Wie alt es war, wußte +niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, +ein paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher +war der Wald drum herum groß und weit gewesen, man +hatte sich recht darin verlaufen können. Dann waren die +Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt +worden, und vom uralten Häuschen führten schließlich +drei Straßen ins Land. + +</p><p>Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, +im Osten Schönau, im Süden Lindendorf und im Westen +war eins, das die Leute Protzendorf nannten. Dort +wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig +waren. Mit den Bewohnern der andern Dörfer verkehrten +sie gar nicht, und die Kinder aus Protzendorf +kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten +die Kinder aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, +denn im Waldhäuschen lebte ein Holzschnitzer, der gar +<!-- page 002 --> +wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. „Kasperleschnitzer“ +hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen +lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau +Annettchen zog die Puppen an. Da saß manchmal eine +bunte Gesellschaft auf der Holzbank im Waldhäuschen, +und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft +gelaufen, sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren +es immer, wenn wieder eine Anzahl Puppen zum Verschicken +in die weite Welt fertig waren. Liebetraut, +des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind +in eins der Dörfer gelaufen und sagte es den Kindern, +denn das Mädchen war mit allen Kindern gut Freund. +Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen +Fenster im Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann +spielte sie mit den Puppen den Kindern etwas vor, und +das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen. +Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den +Kasperlepuppen immer sehr schwer, doch die wurden +in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite Welt +hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück. + +</p><p>In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht +viel davon, daß der Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter +Mann war. Aber auf den Jahrmärkten und +Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, +da war sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater +besaß, schätzte sich glücklich, wenn er Puppen +hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt waren. +Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und +<!-- page 003 --> +vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren +sie — ei Potzwetter! Frau Annettchen und Liebetraut +wußten für die Kittelchen und Mützchen immer wieder +etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie +die Puppen heraus. + +</p><p>Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. +Reichtümer gab’s nicht darin, aber Hunger brauchten +die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin +selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät +bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn +seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von +draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen +erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: „So +schön wie bei uns ist es nirgends.“ + +</p><p>Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. +Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch +hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel +ins Waldhaus gebracht und gesagt: „Hier, Frau, das +habe ich draußen auf der Straße gefunden.“ Aus dem +Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue +Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: „O +so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich +behalten!“ Und beim Behalten war es geblieben. Niemand +wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte +seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die +Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin +und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war +aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein +<!-- page 004 --> +hübsches, großes Mädchen geworden, an dem seine +Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude hatten. + +<span class="centerpic" id="img-color003"><img src="images/color003.jpg" alt="Illustration color003" /></span> +</p> +<p class="caption">Meister Friedolin bei der Arbeit + +</p><p>Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am +allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen +hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft: +„Schade, daß sie nicht lebendig sind!“ Und wie sie das +einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war +es, — draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege +waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen +brauste der Sturm — da sagte plötzlich der sonst so +stille Friedolin: „Einen lebendigen Kasper hat mein +Ur-Ur-Urgroßvater besessen.“ + +</p><p>Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der +Meister belehrte sie ganz ernsthaft: „Nein, nein, Kind, +darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es +doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer +war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat +nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern +Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.“ + +</p><p>„Wie die Uhr,“ rief Liebetraut dazwischen. Sie +schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk +umrankte. Da gab’s Bäume und Blumen und +allerlei Getier des Waldes. + +</p><p>Der Meister Friedolin nickte. „Ja freilich,“ sagte +er, „die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch +allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener +Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist +er denn auch manchmal über Land gegangen und hat +<!-- page 005 --> +da und dort wochenlang gearbeitet; auf manchem großen +Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön +sei das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe +doch lieber in seinem Waldhaus. + +</p><p>Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise +gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause +gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals +unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei +Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und +es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit +durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht: +Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, +bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller +Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen +Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben +ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein +Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob +jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden +und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen +ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer +Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und +schwipp — schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden +gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan, +den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von +sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen +hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen +Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze +getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu +<!-- page 006 --> +hat der kleine Kerl ein ganz buntes Kleid angehabt, +das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte er’s schon +fünfzig Jahre auf dem Leibe. + +</p><p>‚Wer bist denn du?‘ hat mein Ahn gefragt. + +</p><p>Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich +verzogen und zum Antworten so recht keine Lust +gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen +Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. +Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er +gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten +Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes +Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer +fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß +an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten +Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und +eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest +verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen +Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang +sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann +habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben. + +</p><p>Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle +zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim. +Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig +folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle +nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen +nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das +Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter +ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut +<!-- page 007 --> +geraten. Bald wollten viele Leute solche Kasperlepuppen +haben, und als schließlich mein Ahn starb und +sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes +Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. +So ist es dann auch geblieben. Der Sohn +lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn ich selbst +einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer +werden.“ + +</p><p>Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte +ganz aufgeregt: „Aber das Kasperle, Vater, wo ist +denn das Kasperle geblieben?“ + +</p><p>Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe +herum. „Ja, wenn ich das wüßte!“ brummelte er. +„Mein Großvater selig hat’s noch gewußt; aber der +ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater +ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat +er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater +soll’s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen +ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. +Jedenfalls, ich hab’ das Kasperle mein Lebtag nicht +gesehen und mein Vater selig auch nicht.“ + +</p><p>„O wie schade!“ rief Liebetraut. „Wie wäre das +lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle +hier!“ + +</p><p>Der Meister schmunzelte. „Das glaube ich wohl, +du Tollkopf,“ sagte er, „das könnte dir gefallen, ihr +kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen +herum!“ +<!-- page 008 --> + +</p><p>„Jetzt kommt er schon wieder!“ unterbrach auf +einmal Frau Annettchen das Gespräch. Sie schaute +ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der Gast, +der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. +Aus einem Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg +ein dicker Mann in einem Pelzrock; der schüttelte sich +erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er in das +Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie +laut und sehr freundlich „guten Tag“ hinein. + +</p><p>Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut +lief gleich davon, und die sonst so freundliche Frau Annettchen +sagte gar nichts. Das schien indes Herrn Pumpel, +der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. +Er setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner +lauten, lärmenden Stimme allerlei zu erzählen, dies und +das von seinen Fahrten, von seinen Geschäften, was er +alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal +Frau Annettchen ganz laut und streng: „Unsere alten +Schränke kriegen Sie aber doch nicht, Herr Pumpel. +In unserem Häuschen wird nichts gerührt und gerückt, +solange mein Mann und ich leben.“ + +</p><p>„Na, na, na!“ brummte Herr Pumpel, er zwinkerte +mit den Augen und sah aus wie jemand, der sich eben +sehr geärgert hat. + +</p><p>„Gelt, Friedolin,“ rief Frau Annettchen, „unsere +Schränke kriegt Herr Pumpel nicht?“ + +</p><p>„I wo!“ Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. +„Ich hab’ einmal nein gesagt, und dabei bleibt’s.“ +<!-- page 009 --> + +</p><p>Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal +vergeblich gekommen, und nach ein paar Augenblicken +nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt +wieder davon. + +</p><p>Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut +den Kopf zur Türe herein und fragte froh: „Ist +er wieder weg? Hat er wieder die alten Schränke +gewollt?“ + +</p><p>Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei +Bewohner des Waldhäuschens von Herrn Pumpel und +warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen +Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das +gewollt, aber da hatte Meister Friedolins Vater nein +gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin auch nein. + +</p><p>Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß +des Häuschens. Sie waren uralt, zeigten ein +wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner besonderen +Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz +gestanden und sollten weiter dort stehen, mochte Herr +Pumpel so viel darum gefahren kommen, wie er wollte. + +</p><p>„Gut, daß er wieder weg ist,“ rief Liebetraut. Sie +rückte ihr Stühlchen dicht neben Meister Friedolins +Platz, nahm ein schwefelgelbes Puppenröckchen in die +Hand, um daran zu nähen, und bat: „Vater Friedolin, +erzähl’ noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle +fand.“ + +</p><p>Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, +Frau Annettchen und Liebetraut nähten, und alle drei +<!-- page 010 --> +fanden wieder einmal, nirgends auf der ganzen Welt +könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2"><span style="font-size:small">Zweites Kapitel</span> <br /><br />Der alte Schrank +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte +sich gewaltig, daß er die alten Schränke nicht hatte +haben können. Er brummte und schalt darob so viel, +daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten +Schränken hat? Immer wieder fährt er danach; ich +denke beinahe, es wird etwas Besonderes damit sein. +Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst +fährt doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer +solchen Kälte in den Wald. + +</p><p>Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch +viele Tage so. Auf einmal aber kam der Tauwind; +der fing ein gewaltiges Blasen an, und da schmolz der +Schnee und lief davon — heidi, weg war er! Um das +Waldhäuschen sauste und brauste es mächtig in diesen +Tagen, aber Liebetraut lief trotz dem Sturm immer +wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und +rief jubelnd: „Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er +kommt bald.“ Und dann patschte sie einmal draußen +im feuchten Walde herum, und als sie wiederkam, brachte +sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen mit. +<!-- page 011 --> + +</p><p>Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges +kleines Fest wurde es, denn auf den Frühling freuten +sich die Waldhausleute immer. Und diesmal ließ sich +der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange +bitten. Er kam ganz geschwinde angezogen, und bald +konnte Frau Annettchen sagen: „Nun heizen wir nicht +mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.“ Da wurden +alle Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz +zwischen zwei großen Tannen guckte die liebe Sonne +gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich war +es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. +Damit füllte sie lauter bunte Töpfchen, und +wenn die Kinder aus Schönau und Lindendorf gelaufen +kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im +Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären +am liebsten gleich drin geblieben. + +</p><p>An einem dieser schönen Frühlingstage war es, +da saß der Meister Friedolin noch fleißiger als sonst +an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten Tagen +eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, +und einige Figuren mußte er vorher noch fertig schnitzen. +Wie er so recht mitten in der Arbeit war, brach ihm +an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun +wirklich ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen +vom Frühling redete, brummelte er doch eine ganze +Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem Vorratsschrank +ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die +alte Treppe hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und +<!-- page 012 --> +krachte, just als wollte sie etwas aus vergangenen Zeiten +erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des oberen +Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das +waren die, welche Herr Pumpel so gerne hatte haben +wollen. In diesen Schränken wurde seit langen, langen +Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner +Kasperleschnitzerei brauchte. + +</p><p>An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne +auch durch das kleine Flurfenster; die beiden Schränke +bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. Das kam +dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst +den einen Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht +fand, tat er den andern auf. Weil es gerade so hell +war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum. +Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei +fiel ihm auf einmal in dem einen Schrank auf, daß auf +der einen Seite ein Spältchen offen war. Na nu, +dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und +platzt noch gar! Er schob, zog ein bißchen an dem +Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein auf, und +der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem +schmalen Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß +wie ein sieben- bis achtjähriger Bub. Die hatte er doch +noch nie gesehen! Der Meister schüttelte erstaunt den +Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich +aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem +Fach heraus. Und wie er sie so anfaßte, war es ihm, +als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink auf die +<!-- page 013 --> +Erde und sah sich das Ding an. „Nein, so etwas!“ +rief er. „Das ist ja wirklich ein Kasperle!“ + +<span class="centerpic" id="img-color012"><img src="images/color012.jpg" alt="Illustration color012" /></span> +</p> +<p class="caption">Der Meister macht einen Fund + +</p><p>Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl +an sich zu schütteln und zu bewegen, er nickte mit dem +Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke Staubwolke +ging von ihm aus. + +</p><p>„Hatzi — hatzi — hatzi!“ Der Meister nieste, der +sonderbare kleine Kerl nieste, und Frau Annettchen, +die das unten hörte, rief: „Friedolin, du kriegst wohl +einen Schnupfen?“ + +</p><p>Die Stimme von unten schien das Männlein aus +dem Schranke ganz munter zu machen. Er fing auf +einmal an zu lachen, und hops — hallo! lief es die +Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge +höchlichst verwundert nach. Er konnte sich die Sache +gar nicht erklären. Und niesen mußte er immer wieder, +er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das +kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein. + +</p><p>Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, +und Liebetraut, die gerade mit Blumen in der Hand +in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. „O du +meine Güte,“ rief Frau Annettchen, „was ist denn das +für ein Popanz!“ + +</p><p>Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, +er sah sich rund um, schüttelte den Kopf, und wieder +flog eine dichte Staubwolke auf. „Hatzi, hatzi!“ nieste +er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister +Friedolin kam niesend in die Stube. „Hallo, da ist +<!-- page 014 --> +das Ding!“ rief er und packte den wunderlichen Gesellen. +„Jemine, das sieht ja beinahe wie ein Kasperle aus!“ + +</p><p>„Ich bin doch Kasperle!“ sagte der Kleine kläglich. +„Wo ist denn die Madame Erdmute und der Meister +Ephraim?“ + +</p><p>„Was schwätzt du da?“ Meister Friedolin schlug +sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. „Das waren +ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich glaube +gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,“ — er +schüttelte den Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, +— „besinne dich mal: wie bist du denn in den +Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?“ + +</p><p>„Ich hab’ doch geschlafen!“ Der Kleine gähnte +laut. Und auf einmal fing es in ihm an ganz erschrecklich +zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die +Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. „Oh, +oh, oh,“ jammerte er, „ich hab’ solchen Hunger, ach, +so schrecklichen Hunger.“ + +</p><p>„Um Himmels willen,“ schrie Frau Annettchen, +„der stirbt ja noch vor Hunger! Wer weiß, wie lange +der nichts gegessen hat!“ + +</p><p>„Kann sein bald hundert Jahre,“ murmelte Meister +Friedolin. „Nu, nu, das ist doch nicht möglich, daß +der so lange im Schranke gesteckt hat!“ + +</p><p>„Hunger, au, au, ich hab’ so schrecklichen Hunger!“ +schrie der kleine Gast, und da rannten Mutter Annettchen +und Liebetraut erschrocken in die Küche und brachten +herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, +<!-- page 015 --> +und alles stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen +Mund. Er schluckte und schluckte, wurde zusehends +dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und sehr +vergnügt rief: „Ich kann nicht mehr!“ + +</p><p>„Na, das ist ein Glück!“ sagte Meister Friedolin. +„So eine Esserei hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen. +Aber nun sag mir mal, du —“ + +</p><p>„Kasperle heiß ich,“ rief der Kleine. + +</p><p>„Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank +gekommen?“ + +</p><p>Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund +dazu, dann seufzte er, schüttelte sich wieder und murmelte: +„Ich weiß nicht.“ + +</p><p>„Aber besinn dich doch,“ mahnte der Meister, „du +mußt es doch wissen!“ + +</p><p>Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und +erstaunt, doch plötzlich erblickte er die große alte Kastenuhr +und schrie: „Die hat der Meister gemacht.“ + +</p><p>Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. +War der schnurrige Kauz nun wirklich das Kasperle, +das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie +war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich +so viele, viele Jahre geschlafen? + +</p><p>„Besinn dich doch!“ sagte Meister Friedolin. + +</p><p>„Ich weiß nicht.“ Kasperle suchte wieder, das +Nachdenken schien ihm arge Mühe zu machen. Ganz +traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. „Ich weiß +nicht,“ sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder +<!-- page 016 --> +schüttelte er sich heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter +Zettel von seinem Kittel ab. + +</p><p>Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte +drauf und rief: „Da steht etwas über Kasperle, hier, +Vater, sieh!“ + +</p><p>Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig +seine Brille auf und las: „Wer dies Kasperle findet, +der soll es fein sorgsam hüten, bis es aufwacht, sintemalen +es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge +Johann Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem +Kasperle einen Schlaftrunk gegeben, ein Wunderelixier, +das einstens mein Großvater aus dem Lande Italien +mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre +in Schlaf sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann +lebendig wieder auf. Doch ist es ein Teufelszeug, und +es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird. +Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und +weil ein Gerede in der Gegend ist, ich hätte einen +Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den Schrank +ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch +weiß, wie seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, +das Kasperle geriete einst in fremde Hände. Der Pumpel +hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb war; +er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll +das Geheimnis wissen, der soll es wieder seinem Sohne +sagen und so fort, bis einmal das Kasperle wach wird. +Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle +sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam +<!-- page 017 --> +hüten, denn das Kasperle bekommt manchmal, sonderlich +im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, und es +könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt +es immer wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.“ + +</p><p>„Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, +geschrieben,“ sagte Meister Friedolin, als er fertig gelesen +hatte. „Und nun weiß ich auch, warum der Händler +Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer +drin steckte. Das echte Kasperle, nein so etwas! Und +geschlafen hat es fast neunzig Jahre.“ + +</p><p>„Ein Wunder, wirklich ein Wunder!“ Frau Annettchen +war die Geschichte ordentlich unheimlich, und sie +sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite an. + +</p><p>Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich +und ein bißchen betrübt, und Liebetraut fühlte +plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Sie trat +zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: „Ein +neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins +ist ja ganz morsch.“ + +</p><p>Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und +er sah die Güte in ihren Augen strahlen; da gewann +er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und bettelte: „Näh’ +mir gleich ’nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.“ + +</p><p>Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim +ein, und sie fragte schnell: „Immer folgen und auch +nicht ausreißen?“ + +</p><p>„Nein, nicht ausreißen,“ versprach Kasperle treuherzig. +<!-- page 018 --> + +</p><p>„Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?“ Liebetraut +hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder +und beteuerte: „Ich reiße nicht aus, aber — ich will +auch nicht mehr in den Schrank.“ + +</p><p>„I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!“ +sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser +genommen und begann der Puppe, die er schnitzte, +Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut +emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das +Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei +sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen +erst recht auf Messen und Märkten gefallen! + +</p><p>Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf +aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser +gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich +vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über +Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau +noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon +auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen +blanken Zinntellern Fangeball zu spielen. + +</p><p>„Warte, du Irrwisch!“ schalt Mutter Annettchen, +und dann tat sie einen Seufzer. „I, da haben wir ja +einen rechten Kobold im Haus!“ + +</p><p>Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber +ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute +gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte +und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle +oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er +<!-- page 019 --> +ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes +Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen +war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. +Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen +wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer +Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war +das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war +froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: +„Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und +morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung. +Flink, ins Bett!“ + +</p><p>Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. „Ich will +nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich +habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht +mehr müde.“ + +</p><p>„Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, +da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!“ sagte der +Meister. „Kasperle mag aufbleiben.“ + +</p><p>„Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte +eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,“ meinte +Mutter Annettchen. + +</p><p>„Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel +fertig.“ Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein +neues Röcklein zu nähen. + +</p><p>Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, +das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber +Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht, +und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not. +<!-- page 020 --> + +</p><p>So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern +gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach, +es würde stille sein und nicht Tische, Stühle +und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte +sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie +Liebetraut nähte. „Mach’ einen Kittel, wie ihn kleine +Menschenjungen tragen,“ bettelte er. + +</p><p>„Warum denn?“ Liebetraut sah den Kleinen erstaunt +an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte: +„Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich +ein Kasperle bin!“ + +</p><p>„O Kasperle,“ rief Liebetraut, „ich merke es schon, +du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du +bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die +grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen +alle darauf.“ + +</p><p>Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als +aber Liebetraut mahnte: „Denk’ an dein Versprechen!“ +da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich +ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: +„Erzähle mir was, Kasperle!“ + +</p><p>„Erzähle du mir was, Liebetraut!“ rief Kasperle. +„Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern +Geschichten!“ + +</p><p>„Na, dann paß’ auf!“ sagte Liebetraut, und sie begann +feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald, +von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein +und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und +<!-- page 021 --> +erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich +schrie Kasperle: „Mehr, mehr!“ + +</p><p>Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle +ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte +auf und sah — Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte +leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig +Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine +Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie +selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen +der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten +Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen +trat ein. „Aber Mädchen,“ rief diese, „die Lampe ist +ja ganz niedergebrannt und —“ + +</p><p>„Kasperle ist eingeschlafen,“ sagte Liebetraut, sie hob +das fertige Kittelchen hoch, „und ich bin fertig.“ + +</p><p>„Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch +schlafen kann!“ Mutter Annettchen lachte. „Ich hatte +schon Angst,“ redete sie weiter, „er würde nun neunzig +Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten +ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.“ + +</p><p>„Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,“ +schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten +Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich +einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! +Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus +der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute +Meister rief erschrocken: „Uff! Na, man merkt, daß +ein Kasperle im Hause ist!“ +<!-- page 022 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3"><span style="font-size:small">Drittes Kapitel</span> <br /><br />Was am Waldsee geschah +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ine ganze Woche war das Kasperle schon im +Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche +gemacht als zehn Buben in einem Jahr. + +</p><p>Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles +an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. +Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel +er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder +zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch +die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit +auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden. +Manchmal drohte Meister Friedolin: „Warte, ich stecke +dich in den Schrank!“ Aber wenn Kasperle dann so +jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer +wieder leid. + +</p><p>Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei +hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen +Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer +wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da +konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer +wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und +Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an +dem unnützen Schelm. + +</p><p>Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging +<!-- page 023 --> +es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm +langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald +gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er +dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn +er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte. + +</p><p>Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und +sie mahnte an jedem Tag: „Denk’ an dein Versprechen!“ +Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich: +Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser +werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es +weg wäre. + +</p><p>Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, +ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, +denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür. +Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen +herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei +war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte +wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da, +mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer +um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, +und Frau Annettchen wurde recht böse auf den +Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: „Geh zum +Meister!“ + +</p><p>Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er +lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister +Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen +Kasperlepuppen an. In Reih’ und Glied waren die +auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als +<!-- page 024 --> +die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach +dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt. + +</p><p>„Heio,“ schrie Kasperle, „das bin ich!“ Und flink +tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein +Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war. + +</p><p>„Ungeschick, du!“ schalt Meister Friedolin ungeduldiger +als sonst. „Marsch, geh, du hast hier nichts +zu suchen!“ + +</p><p>Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief +wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus +und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann +gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut +gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein +Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut. +Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; +die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine, +zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein +Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer +verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte +Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug +schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an +einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, +und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen +ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt +im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten +mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem +Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur +vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte +<!-- page 025 --> +er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, +dachte er, das ist fein! Jetzt werf’ ich meinen Kasperlekittel +fort und zieh’ Jacke und Hose von den Buben +an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude +vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. +Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein +Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte +hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten +ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides +wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an +der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in +das Gras und quiekte vor Vergnügen. + +</p><p>Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt +hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen. +Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter +und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. +Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den +Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem +Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da +suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als +Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte +er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden. +Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und +da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die +beiden liederlich. „Sucht nur!“ schrie er. „Wer weiß, +wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab’ mein Zeug +ordentlich beisammen.“ + +</p><p>Das ging nun Fritz und Peterle doch über den +<!-- page 026 --> +Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel +habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen +Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und +eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch +der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps, +pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und +rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe +vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders +dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da +erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß, +was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der +Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm +gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die +raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da +Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den +Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe +Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten, +war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben +alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen +und vergaßen das Ausreißen. + +</p><p>„Na, warum habt ihr euch denn gehauen?“ fragte +der Förster schmunzelnd. „Es ist euch wohl nicht warm +genug?“ + +</p><p>Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz +dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein +hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand. +Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah +die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut, +<!-- page 027 --> +ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle +verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und +beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare +gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, +er packte Christophel fest an den Schultern und fragte: +„Hast du Jacke und Hosen versteckt?“ + +</p><p>„Nein!“ Christophel sah mit seinen himmelblauen +Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da +gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo +waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem +Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien +das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: „Vielleicht +habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?“ + +</p><p>„Aber meins waren doch Hosen!“ rief Fritz entrüstet. + +</p><p>Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut +von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah +das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden +den Streich gespielt haben, darum sagte er: +„Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer +Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.“ + +</p><p>„Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!“ schrie das +Fritzle, diesmal sehr kläglich. + +</p><p>War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster +sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß +geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen, +aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen +auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war +es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch +<!-- page 028 --> +den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein +laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume +über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß +also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle +ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit. + +</p><p>Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein +über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte +aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich +von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei +Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig +Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke. +Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen +ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren +beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel +bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen +noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: „Wenn +sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in +Gottes Namen diese behalten!“ + +</p><p>Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, +sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor, +und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen, +erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut +sagte wie der Förster: „Da haben euch ein paar +einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse +müssen es gewesen sein.“ + +</p><p>Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen +so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und +Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus +<!-- page 029 --> +sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, +der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war. +Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte +es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, +und die drei Buben waren noch nicht lange daheim, +da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das +Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben +beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle +und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten +Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder +miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die +sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte +sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte. + +</p><p>Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die +seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen +Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte +sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. +Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, +wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da +Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, +und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: +„Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?“ + +</p><p>Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: +es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen +den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig +auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. +Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken. +Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose +<!-- page 030 --> +und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht +stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? +Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte, +so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie +riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief +ihrer Mutter zu: „Wo ist Kasperle?“ + +</p><p>„Draußen beim Vater,“ antwortete Frau Annettchen, +die eben das Abendessen richtete. + +</p><p>Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der +strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz +erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte. +„Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!“ + +</p><p>Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht +draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte +in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke +und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch +der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden. +Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin +folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle +war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, +die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern, +da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den +Wald: „Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!“ + +</p><p>Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein +auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah +er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und +alle drei klagten betrübt: „Unser Kasperle ist ausgerissen!“ +Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, +<!-- page 031 --> +die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie +dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut +hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich +um ihren schlimmen kleinen Kameraden. „Ach +Kasperle, Kasperle,“ klagte sie, „warum hast du uns nur +verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!“ + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4"><span style="font-size:small">Viertes Kapitel</span> <br /><br />In Protzendorf beim Bauer Strohkopf +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>o aber war das Kasperle hingelaufen? + +</p><p>Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke +vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue +Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles +Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er +beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er +wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und +Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die +im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach +Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern +der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf +auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen +Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner +Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu +schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße +entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. +<!-- page 032 --> +Doch da lag ein großer Stein auf dem +Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, +und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. +Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand, +da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor +ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich +und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg +Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken +alle miteinander Pfingstkuchen. + +</p><p>Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und +schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er +auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und +er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger +Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer +Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle +frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle +seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte +und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein. + +</p><p>Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste +Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh +Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so +faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen +träge waren, ihn den „faulen Matthias“ nannten. Der +Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem +Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte +gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte +er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau +ihm just gebracht hatte. +<!-- page 033 --> + +</p><p>Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken +Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen +ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu +und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund +und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von +seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller +leergegessen. + +</p><p>Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer +sein Leben lang noch nicht widerfahren. „Du Frechdachs!“ +schrie er, hob seine dicke Hand und wollte +Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen +Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein +paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. „Ich hatt’ +so argen Hunger!“ klagte er, und dabei schnitt er ein +so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß „der faule +Matthias“ trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen +wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch +nie gesehen. „Woher kommst du denn?“ schrie er +ihn an. + +</p><p>Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein +Stückchen näher und klagte: „Von weit, weit, weit her! +Bin ein armes, verlassenes Büble, hab’ niemand mehr +auf der weiten Welt.“ + +</p><p>Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle +drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er +brummte zwar: „Das ist noch kein Grund, um andern +den Kuchen wegzufressen,“ aber er winkte doch mit der +Hand, Kasperle solle näherkommen. +<!-- page 034 --> + +</p><p>Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase +hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch +wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und +funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der +sagte gnädig: „Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, +doch will ich’s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade +einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen +nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, +daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?“ + +</p><p>Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund +wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge +war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht +nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. +Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf +kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das +ist eine Ehre! — Und weil gerade sein Großknecht +Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: „Florian, +wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm +ihn mit!“ + +</p><p>Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich +nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen +macht man nicht viel Umstände. Und schwipp, +schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn +mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, +brummte: „Da!“ schob Kasperle hinein und schloß die +Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, +dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit. + +</p><p>Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine +<!-- page 035 --> +weißen und grauen Schützlinge umringten ihn schnatternd. +Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht. +In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und +als die Gänse ihre Schnäbel so weit auftaten und gar +so arg schnatterten, begann er sich zu fürchten. Er +schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch +noch nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam +ihnen der Gast in ihrem Stall höchst sonderbar vor. +Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle wurde es +himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In +einer Ecke des Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein +Schrank sah es fast aus, und Kasperle, nicht faul, +schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des +Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern +und brüteten. Die erschraken nun gewaltig, als Kasperle +ihren Nesterschrank erkletterte. Zischend fuhren sie von +ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich an +dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! +fiel es um. Da lag Kasperle, da lagen Nester und +Eier, und zischend und schnatternd fuhren die Gänse +wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten +zu stören, das war doch unerhört! Zwack, biß eine +Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins Ohr, zisch, hieb +eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle +brüllte, die Gänse schnatterten lauter und lauter, — es +war ein Höllenlärm. + +</p><p>„Jemine, was ist im Gänsestall los?“ rief draußen +auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist +<!-- page 036 --> +vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und rasch rannte +sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr +das schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen +Mund hatte er ungeheuerlich weit aufgerissen, und +Karline klappte erschrocken die Türe zu. „Ein Kobold, +ein Kobold ist im Gänsestall!“ schrie sie draußen. + +</p><p>Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, +die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der +stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende +Kasperle heraus. + +</p><p>„Herrje, was ist das?“ rief die Bäuerin. Sie +schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta +kicherte in ihre Schürze hinein. „Wie der aussieht!“ +sagte sie. + +</p><p>„Ein Kobold ist’s, ein Popanz!“ kreischte Karline. + +</p><p>„Nä, unser neuer Gänsejunge ist’s, und jetzt kriegt +er Haue,“ brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug +er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn +Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, +er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der +dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen +war. Da redeten seine Frau und die drei +Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall +schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf +den Stall. „Nachsehen!“ brummte er. Und klitsch klatsch, +klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis +die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. „Du +zerschlägst ihn ja ganz!“ schalt sie. +<!-- page 037 --> + +</p><p>„Der hat’s verdient!“ knurrte Florian. + +</p><p>„Ja zum Kuckuck, der hat’s verdient!“ schrie der +Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall +gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte +schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine +Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem +dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem +Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich +sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu +drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch +so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste. + +</p><p>Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so +viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch +nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte +nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, +weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen +war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach +nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus! +Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, +fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin +ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein +nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich +wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim +reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war +gewiß nicht so schwer! + +</p><p>Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß +der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch. +Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen +<!-- page 038 --> +Florian, dann kamen Karline und die andern Knechte +und Mägde. Sie waren alle fleißig gewesen, und sie +dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines +recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich +leise lachte. Da blickte der Paul neben ihr auf, und +er sah unwillkürlich auch den neuen Gänsejungen an. +Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul +lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und +Mine auf, und alle sahen Kasperle an, wie der seinen +Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male lachten +alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer +selbst. Und kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn +lachten, flink fing er an, Gesichter zu schneiden. Er +zappelte auf seinem Stuhl hin und her und kasperte, +bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die +Bäuerin bekam Angst, dem Bauer könnte der Bauch +platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte ein paarmal: +„Hör’ auf, lach’ dich nicht krank!“ Aber dann lachte +sie selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline +unter den Tisch, und Paul purzelte mit seinem Stuhl +um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel und +rief: „Jetzt ist’s genug für heute, sonst platzt wirklich +noch wer!“ Und Florian zog Kasperle aus der Stube, +brachte ihn in eine kleine, kleine Kammer, die ein vergittertes +Fensterlein hatte und in der gerade Platz für +ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er +gern, und er kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß +Florian brummte: „Morgen mußt du Gänse hüten.“ +<!-- page 039 --> + +</p><p>„Rrrrrrrrr!“ Florian drehte sich erschrocken um. +Was war denn das auf einmal? „Rrrrr!“ klang es +wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge +war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. „Dummheit +ist’s,“ brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. +Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle +schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: +„Rrrrr! Rrrrr!“ + +</p><p>„Hol’ ihn der Fuchs! Mit dem ist’s nicht richtig,“ +knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die +Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und +dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern +Gänsejungen annehmen können. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5"><span style="font-size:small">Fünftes Kapitel</span> <br /><br />Gänse hüten +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in +aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und +murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß +ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den +Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus, +und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen +Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu +fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der +ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand +dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden +<!-- page 040 --> +Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten. +Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und +sagte: „Geh, hüt’! Kannst mit dem Schäfer gehen!“ + +</p><p>Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, +noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß +Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur „Damian +ohne Maul“. Und Damian tat auch an diesem Morgen +seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle +folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf +hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, +und hier stieß Damian seinen Stock auf den +Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre +dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen +Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte +es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut +schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte +stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle +erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch +hin. Da wurde „Damian ohne Maul“ fuchswild. Nun +mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch +wirklich zu anstrengend! „Dort bleiben!“ brüllte er +Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach +rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre +Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten +zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht +folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen +Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der +Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht. +<!-- page 041 --> +Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz +brav, eine hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort +schnatterten sie vergnügt, sie meinten, nun könnten sie +schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle meinte +das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse +so brav vor ihm hergelaufen waren, und er gedachte +sich ein Späßlein zu machen. Er begann die Gänse +zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange +Stab. Die guten Tiere mochten schnattern, soviel sie +wollten, rundum und wieder rundum jagte sie ihr Hirte. + +</p><p>Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er +seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse +konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer +kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer +Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum. + +</p><p>„Damian ohne Maul“ pflegte sonst sich um weiter +nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte +er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder +ihm gesagt hatte: „Paß auf!“ Und da er nicht allzuweit +seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen. + +</p><p>Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! +Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum, +Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen +wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun +fett werden! + +</p><p>Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans +gerade auf den Kopf. Da packte ihn jemand am +Hosenboden. Und „Damian ohne Maul“ hielt sich +<!-- page 042 --> +nicht mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, +schwipp, und Kasperle spürte das sehr genau, er schrie +mörderlich, und die Gänse schauten mit weit offenen +Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar +übel! Wenn die älteste Gans hätte reden können, sie +hätte jetzt gewiß das Sprüchlein gesagt: + +</p><p class="lyrics"> +„Was du nicht willst, daß man dir tu’,<br /> +Das füg’ auch keinem andern zu!“ + + +</p><p class="noindent">Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange +genug auf Kasperle herumgewippt. Kasperle fand, viel +viel zu lange, und er heulte jämmerlich, als „Damian +ohne Maul“ ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder +nichts, aber so klug war das Kasperle schon, um zu +wissen, was die Prügel bedeutet hatten. Ganz verdattert +blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse +alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans +Fortlaufen. Es ging darum ganz friedlich am Bächlein +zu. Kasperle streckte sich lang aus, er hielt seinen +Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er +würde bald weiter in die Welt hineinlaufen. + +</p><p>In Protzendorf hatten sich die Leute von dem +putzigen Gänsejungen des Bauern Strohkopf erzählt, +und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu sehen. +Die beiden hießen August, und weil des einen Vater +der Windmüller und der des andern der Wassermüller +war, wurden beide im Dorf nur Windgustel und Wassergustel +genannt. Unnütz waren alle beide, und gute +<!-- page 043 --> +Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich +manchmal, der eine schalt auf den Wind, der andere +auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel +machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem +Pfingstsonnabend nun gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht +wußte der Späße und Dummheiten, die sie noch +nicht kannten. + +</p><p>Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im +Grase liegen, und als sie ihn anriefen, tat er erst, als +höre er sie nicht, aber Windgustel und Wassergustel +wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. +Sie zogen ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; +da sprang Kasperle auf mitten in seine Gänse +hinein. + +</p><p>Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht +das Rundumgelaufe wieder los. Doch statt dessen gab +es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel +fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst +komisch, und Windgustel dachte gleich: Uje, könnte ich +doch so feine Gesichter schneiden! + +</p><p>Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht +als Feinde gekommen waren, und blitzschnell verwandelte +sich sein böses Gesicht in ein sehr vergnügtes. Nach +zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden, +obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren +Jungen hätten sie noch nie gesehen. Was konnte +der für Grimassen machen, wie Arme und Beine +verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher +<!-- page 044 --> +Sauertopf sein wie „Damian ohne Maul“, um nicht +zu lachen, doch Windgustel und Wassergustel waren +keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie auseinander. +Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte +ihnen nämlich von dem Schäfer, und da sagten die +beiden Unnützlinge, das sei von dem grob gewesen, +und das mit den Gänsen sei fein. „Mach’s noch mal!“ +bat Windgustel. + +</p><p>„Erst nachsehen, wo der Damian ist,“ rief Wassergustel. +Er sprang auf, sah nach und kam nach einem +Weilchen grinsend zurück und verkündete den Kameraden: +„Er schläft.“ + +</p><p>Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. +Kasperle wollte nämlich gern dem schlafenden Damian +einen Streich spielen, und alle drei ließen die Gänse, +wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. +Der lag nun wirklich unter einem großen Feldbirnbaum +und schlief, und ein Stückchen weiter weideten die Schafe, +von Flick, dem treuen Hund, bewacht. + +</p><p>Die drei Freunde standen vor Damian, schauten +ihn an und überlegten, was sie ihm wohl antun könnten. + +</p><p>„Einen Frosch aufs Gesicht setzen,“ schlug Windgustel +vor. + +</p><p>„Ihm die Knöpfe abschneiden,“ sagte Wassergustel. + +</p><p>Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem +Birnbaum; da konnte sich einer verstecken, und er dachte: +Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, gerade über +seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter +<!-- page 045 --> +Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, +was er, vorhatte, als plötzlich Flick laut bellte. Der sah +es wohl: die drei, die da neben seinem Herrn standen, +hatten nichts Gutes im Sinn. + +</p><p>Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! +Rutsch, sausten sie den Abhang hinab, weg waren sie! +und als „Damian ohne Maul“ erwachte, sah er sich +erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so +laut und warnend gebellt? Umsonst tat Flick doch so +etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem Gänsejungen, +dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging +nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still +und einmütig am Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine +Rute in der Hand wie ein richtiger Gänsejunge. Die +Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah +alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um. + +</p><p>An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, +als hätte er schon immer Gänse gehütet, und der Großknecht +Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, vielleicht +wird’s mit ihm! Nur — sein Gesicht ist gar zu +unnütz. Und dann sah er, wie sein Bruder Damian +den Kopf schüttelte, und das war immer ein schlimmes +Zeichen. + +</p><p>Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, +sie wollten ihm morgen am Feiertag das ganze +Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie dachten: Bauer +Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im +Stall. Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller +<!-- page 046 --> +Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er dachte: Ein Gänsejunge, +der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen +Feiertag; Feiertagskuchen ist genug. + +</p><p>Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof +stolperte, hielt dort schon Damian mit der Herde. Dem +taten die Schafe leid; warum sollten die um den schönen +Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig +hinaus, und am Bächlein hob Damian drohend +den Stock; da hob auch Kasperle flugs den seinen +empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie +der Schäfer. Das war dem doch zu toll. So ein +Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! Er sprang +auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen +den langen Beinen durch, und plumps! lag „Damian +ohne Maul“, so lang er war, im Bächlein. Das spritzte +hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick kam +eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn +geschehen war. Kasperle aber trieb seine Gänse, so +schnell er konnte, ein Stücklein abwärts. Er rannte, +die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er +an einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die +Gänse, pflockte die Türe von außen fest zu, und dann +lief er selbst einmal wieder in die weite Welt hinein. +Gänsejunge sein hatte er satt. + +</p><p>Doch „Damian ohne Maul“ war rasch hinter dem +Ausreißer her. Er sah von weitem, wie Kasperle die +Gänse versteckte. Da machte er noch längere Schritte, +und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er +<!-- page 047 --> +mochte flink Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen +und kugeln, Damian erwischte ihn doch. Er sprang eine +Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang. +Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian +kam näher und näher, doch da zur rechten Zeit rollte +ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor +gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, +und Kasperle besann sich nicht lange, er sprang, so rasch +er konnte, hinten auf dem Wagen auf. Da gab es +freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es +schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen. + +</p><p>Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte +auch noch ein Stück hinterdrein, aber niemand hörte +auf ihn. Eine Biegung kam, — weg waren Wagen +und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen +Schafen zurück. Die mußten nun mit den Gänsen +zusammen weiden. Mittags ging’s heim, und auf +dem Hofe rief „Damian ohne Maul“ zornig: „Ausgerissen!“ + +</p><p>„Wer? Ein Schaf?“ fragte der Bauer, der das +gerade hörte. + +</p><p>„Nein!“ Damian schüttelte den Kopf. „Kasper!“ + +</p><p>„Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?“ Der +Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so +etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! +„Warum denn?“ fragte er. „Erzähl’ doch!“ + +</p><p>Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen +müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den +<!-- page 048 --> +Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte heißen, +bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und +legte sich in sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag. + +</p><p>Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein +großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres +neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian +sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper +gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen +sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den +Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im +Dorf, „Damian ohne Maul“ habe den armen kleinen +Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian +sagte es nicht. + +</p><p>Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf +noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames. +Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein +angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz +ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen +lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es +sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die +Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; +am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle. +Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle; +auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief +da der Bauer Strohkopf: „Das ist ja mein Gänsejunge!“ + +<span class="centerpic" id="img-color048"><img src="images/color048.jpg" alt="Illustration color048" /></span> +</p> +<p class="caption">Vorstellung in Protzendorf + +</p><p>Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: +<!-- page 049 --> +das war Kasper, der Gänsejunge; genau so hatte er +ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine Gesichter +schnitt. + +</p><p>Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater +empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel: +„Das ist er auch!“ Genau so bitterböse hatte +Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. +Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem +Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter +die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte +hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen +sei, und da erfuhr er die Geschichte von der +wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf +erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen. + +</p><p>Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! +„Er ist’s, er ist’s!“ schrie er laut. „Den muß ich fangen! +Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt’s!“ Der +Kasperlemann packte „Damian ohne Maul“ beim Jackenknopf. +Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen, +brummelte „Hm!“ und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. + +</p><p>Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: „Ha, nun +merk’ ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er +denn her? Was hatte er denn ausgefressen?“ + +</p><p>Da erzählte der Kasperlemann den staunenden +Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele, +viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn +Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, +<!-- page 050 --> +kenne den Namen des Meisters Friedolin schon lange; +der sei unter den Puppenspielern im Lande weit und +breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue +Puppen gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, +daß diese noch viel, viel besser gewesen seien +als früher. Da habe er gedacht, er sollte doch einmal +diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und +weil er jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er +gestern im Waldhäuschen vorgesprochen. Alle darin +seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen habe +ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und +verlorenen Kasperle erzählt. Der liefe nun in fremden +Hosen und fremder Jacke in der weiten Welt herum, +und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu +suchen und dem Meister zurückzubringen, denn dahin +gehöre er. + +</p><p>„Ist recht,“ schrie der Bauer Strohkopf. „Sucht +ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin +manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab’ ich in +meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen +Kauz!“ + +</p><p>„Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!“ sagte +der Puppenspieler. „Der versteht das Kaspern schon!“ + +</p><p>Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel +und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig +war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten +sie doch beide: „Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem +Kasperlemann.“ +<!-- page 051 --> + +</p><p>Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater +einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren +Buben an: „Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und +gehst in die Schule.“ + +</p><p>Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein +Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die +beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen +zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. +Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: „Ich geb’ +’n Taler fürs Finden.“ Dem tat es doch bitter leid, +daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6"><span style="font-size:small">Sechstes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle im Schloß +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das +Land. Der lustige Sitz gefiel ihm gut, und je schneller +es ging, desto froher wurde er. Da konnte ihn Meister +Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht +Damian. Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er +nämlich arg viel Angst. Wenn Leute dem Wagen begegneten, +dann nickte und winkte Kasperle, und die +Leute nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, +der im Wagen saß, nickte auch freundlich, und er wunderte +sich, daß die Leute immer so lachten. Kinder +liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil +<!-- page 052 --> +der lustige kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar +so gut gefiel. + +</p><p>Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die +Fahrt. Einmal fuhr der Wagen auch durch den Wald. +Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. Kasperle +sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte +an das Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so +schnell ihm der Gedanke kam, so schnell lief er ihm +auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen, +mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die +Schritte. Der da kam, war ein sehr würdiger gelehrter +Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den einsamen +Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch +nachzudenken. Als er den Wagen kommen sah, blieb +er stehen, und weil er ein höflicher Herr war, grüßte +er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich +und beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen +heraus. Und da sah er, wie der gelehrte Herr zurückwich +und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein +Gespenst. + +</p><p>Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich +ungemein, Kasperle aber zappelte vor Vergnügen auf +seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem würdigen +Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu +sein Räubergesicht gemacht. Da konnte einer schon erschrecken. + +</p><p>Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile +ganz verdattert dem Wagen nach. Er dachte: Dies +<!-- page 053 --> +war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn +dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu +setzen! Unerhört so etwas! + +</p><p>Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und +über dem stieg auf mäßiger Anhöhe ein helles Schloß +empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig +im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im +Sonnenschein. Im Schloß war morgen Hochzeit; zu der +fuhr der Graf. Es war schon mancher schöne Wagen +an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder +harrten darum alle an der Straße; sie waren +neugierig, wer noch angefahren käme. Als der Wagen +des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es plötzlich +ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend +und jauchzend stürmten alle Kinder hinterdrein. Die +Pferde wurden fast scheu bei dem Gebrüll, und der +Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. +Das war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der +Diener ärgerten sich, aber alle drei merkten doch nichts +von Kasperle, der hinten aufsaß. + +</p><p>Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem +Schlosse immer näher und näher kamen: Vor einem +Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst +die Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen +konnten, dann zuletzt trieb er sie an. Sie fuhren +im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten sie. + +</p><p>An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. +Der hatte gemeint, das Gefahre ginge so weiter, und +<!-- page 054 --> +bei dem jähen Ruck verlor er darum das Gleichgewicht +und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab. + +</p><p>Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des +Schloßherrn, in einem rosenfarbenen Kleid. Die hatte +dem Grafen von Singerlingen einen schönen Willkomm +sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: „Da fällt +ein Junge vom Wagen!“ + +</p><p>Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet +hineingefallen. Da blieb er drin liegen, steif und starr, +und rührte sich nicht. Der Graf von Singerlingen aber +rief erstaunt: „Wo ist denn der hergekommen?“ + +</p><p>„Vom Wagen ist er gefallen,“ sagte das kleine +Rosenmädchen. „Ach, und nun ist er tot!“ + +</p><p>„Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens +schon,“ brummelte der alte Diener des Grafen. „Darum +haben die Leute auch so über uns gelacht. Und tot ist +er sicher nicht.“ + +</p><p>Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, +und als ihn zwei Diener aufhoben, machte er ein so +schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn herum +lachten. + +</p><p>Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, +die Gäste, alle kamen und staunten das dumme, dumme +Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber betrachtete +ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: +„Komisch, sehr komisch!“ + +</p><p>Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. +Kasperle kniff die Augen zusammen, machte ein sehr +<!-- page 055 --> +betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem dicken +Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei +und in die weite Welt hinaus wolle. + +</p><p>O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das +Kasperle nicht geheuer vorkam. Er hätte auch gern +seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen +ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel +das Kasperle ungemein. Er bat darum die Schloßfrau, +sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner Heimfahrt. +Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte +sie freilich: Wo er schlafen soll, weiß ich nicht. Es +waren so viele Gäste im Schloß, um die Hochzeit der +ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde +sollte auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war +jeder Winkel besetzt, und in der ganzen Nachbarschaft +hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte +aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin +führen, die würde schon für ihn sorgen. + +</p><p>Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der +Diener. Er nahm Kasperle am Arm und führte ihn +etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade +Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, +die aus der Backstube gekommen waren. + +</p><p>Fein, hier gefällt’s mir! dachte Kasperle und +schnupperte vergnügt herum. Wie die Kuchen gut +rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein +Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: „Fein!“ +und nicht: „Der gefällt mir,“ als sie Kasperle sah, +<!-- page 056 --> +sondern sie rief sehr geärgert: „Was soll ich mit dem +Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch +nicht gesehen. Weg mit ihm, den kann ich hier nicht +gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen Kartoffeln +schälen.“ + +</p><p>„Mag ich nicht,“ rief Kasperle, aber da wurde +Frau Emma gleich sehr böse, und sie befahl zornig: +„Er soll Kartoffeln schälen!“ + +</p><p>Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und +zerrte ihn in einen Nebenraum hinein. Dort saßen drei +junge Dirnen, zu denen sagte sie: „Da ist einer, der +soll euch helfen.“ + +</p><p>„Der uns helfen?“ Die drei kicherten laut, und +dann nahm eine eine riesenweite Küchenschürze, band +die Kasperle um, die zweite reichte ihm eine Schüssel, +die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle +drei riefen: „Nun hilf uns!“ + +</p><p>Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! +Potztausend, das ging! Schnippel schnappel, +schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück Kartoffel, +dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel +zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze +um die Beine, warf Schüssel und Messer auf die Erde +und schrie: „Ich hab’ Hunger!“ + +</p><p>Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, +um etwas für das Kasperle zu holen, die dritte aber +streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und dann +schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er +<!-- page 057 --> +Gesichter. So etwas hatten die drei Mägde noch nie +gesehen. + +</p><p>Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe +der Türe kam, lauschte sie ärgerlich. So ein Gelächter! +Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei Mägde, +lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem +Küchentisch herum. Die Kartoffeln aber waren alle +ungeschält. Frau Emma verstand keinen Spaß. Sie +fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten +erschrocken die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die +Frau aus dem Raum. „Geh, hilf Geschirr waschen!“ +herrschte sie ihn an. „Da hinein!“ Sie schob den +Kleinen in einen großen Raum, in dem gewaschen und +geputzt wurde. + +</p><p>Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und +die machte gleich ein schiefes Gesicht, als sie den kleinen +Helfer sah. „So einen Dreikäsehoch kann ich nicht +brauchen,“ schrie sie. „Raus mit ihm, raus! Der schlägt +mir nur alles kaputt.“ + +</p><p>Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie +es doch erst mit mir! Und er wollte zeigen, wie geschickt +er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch, +von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann +wollte er von einem Gestell einen Teller nehmen, um +ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft gesehen, wie +Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: +„Halt, halt, vergreif’ dich nicht dadran! Die Teller —“ +Klirr, da sausten sämtliche Teller von oben herab, noch +<!-- page 058 --> +ehe Liesetrine mit ihrer Warnung fertig war. Heisa, +gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: „Die allerbesten +Teller sind es, die allerbesten!“ Ein paar Mägde +schnatterten durcheinander, und da tat sich auch noch +die Türe auf, und ein Diener streckte den Kopf herein +und fing an über den Lärm zu schelten. Von der andern +Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen +und schalt auch. + +</p><p>In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. +Husch, war er draußen! Er drückte sich an der +Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen +Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle +sah, daß vier Türen auf den Gang mündeten. Jede +hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte gerade, +auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, +war das fein, was er da erblickte! Er sah in +die Speisekammern des Schlosses hinein, in denen die +leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das +Wasser im Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie +hungrig er war. Er klinkte an einer Türe, an der +andern, an der dritten, — sie waren alle verschlossen; +die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der +Eile dieses Tages nicht zugeschlossen. Und gerade in +dieser Kammer standen die süßen Speisen: Fruchtschalen, +Kuchen und Torten. + +</p><p>Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu +schlecken und zu lecken. Wie das schmeckte! Viel, viel +besser, dachte er, als das Käsebrot beim Bauer Strohkopf. +<!-- page 059 --> +In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. +Kasperle wußte erst nicht, was dieser weiße +Schaum war, und weil er im Waldhäuschen einmal +neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es +könnte wohl etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie +er war, steckte er doch sein Fingerlein hinein und versuchte. +Das war fein. Er schleckte den Finger ab, +tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und +weil der Kübel etwas hoch stand, kletterte er schließlich +auf den Rand, um besser lecken zu können. + +</p><p>Da sagte auf einmal draußen jemand: „Was ist +denn das? Hier steht ja eine Türe auf!“ + +</p><p>Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in +eine Ecke flüchten, doch dabei verlor er das Gleichgewicht, +und gerade als Frau Emma in die Speisekammer +trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne +hinein. Die spritzte hoch auf, und Frau Emma, die +nur etwas zappeln und krabbeln sah, hielt Kasperle +für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer +und rief um Hilfe. + +</p><p>Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem +Kübel heraus, als er hineingekommen war, und er +wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma +sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding +keine Katze sein konnte; sie wollte ihn greifen, aber +Kasperle, der von oben bis unten voll Schlagsahne war, +entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen +kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; +<!-- page 060 --> +hinter den rutschte er. Von da aus hörte er Frau +Emma klagen, Mägde und Diener schelten, und plötzlich +riefen alle: „Es fahren wieder Gäste vor.“ + +</p><p>Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus +seinem Versteck heraus. Satt war er, nun hätte er +gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu fragen, +wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. +Beim Umschauen entdeckte er eine schmale Treppe, die +nach oben führte. Ei, vielleicht war es dort stiller, und +er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet +er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. +Der kleine Schelm schlich etwas an der Wand entlang, +so recht gemütlich war es ihm nicht. Der schmale Flur +lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an +Tür; alle waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, +ganz prächtig sah es aus. Eine dieser Türen +stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle +konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. +Das war aber ein feines Zimmer, in das er blickte! +Selbst die Wände waren mit Seide bekleidet, und +an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. +Kein Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte +Kasperle arg. In dem mußte es sich doch sicherlich +gut schlafen. + +</p><p>Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, +drei war er in dem schönen Bett. Das war ganz von +Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin herum. +Ei, da lag sich’s besser als in Bauer Strohkopfs +<!-- page 061 --> +Kammer! Doch freilich, in Protzendorf hatte ihn bis +zum Morgen niemand gestört, aber hier! — Kasperle +richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen +draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war +er aus dem Bette heraus, strich es schnell ein wenig +glatt und kroch dann flink darunter. + +</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich +darauf tat sich die Türe auf, und ein älterer Herr, +gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die redeten +miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, +und dann trat der Herr an das Bett heran und sagte +seufzend: „Ich bin heute sehr müde; ich wollte, der +Tag wäre erst zu Ende!“ Bei diesen Worten strich er +etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, +daß diese nicht so ganz gerade lagen. „Was ist denn +das?“ rief er auf einmal erstaunt. Der Herzog, denn +das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. +Er betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über +das Bett und rief dann entrüstet: „Friedrich, in — +meinem Bett ist — Schlagsahne!“ + +</p><p>„Schlaaagsahne!“ Friedrich riß den Mund vor +Erstaunen weit auf und kam eilfertig herbei. Er strich +auch über das Bett, leckte ein bißchen am Finger und +rief verdutzt: „Schlagsahne!“ Und dann lief er zur +Klingel, läutete heftig, und es dauerte nur ein paar +Augenblicke, da kam ein Kammerdiener daher. Der +verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der +Herzog wünsche. +<!-- page 062 --> + +</p><p>Da deutete dieser auf das Bett und sagte: „Was +ist das? Drüberstreichen!“ + +</p><p>Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, +wich dann erschrocken zurück und strich noch einmal darüber, +leckte auch ein wenig am Finger und rief ebenfalls: +„Schlaaagsahne!“ Und dann rannte er, holte den Haushofmeister +herbei, der Graf kam selbst, und alle standen +sie um das Bett herum und riefen: „Schlagsahne!“ + +</p><p>Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt +war er über die seltsame Geschichte. Und bei +diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in den großen +Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin +sah er das ganze Bett und — der Herzog schrie plötzlich +laut auf und sank in einen Stuhl. „Da, da, da!“ +rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf +den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, +der neugierig seine große Nase etwas weit vorgestreckt +hatte. + +</p><p>„Es steckt jemand unter dem Bett,“ rief der Haushofmeister +zuerst. Da krochen auch schon zwei Diener +hinunter, und das Kasperle konnte sich noch so klein +machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen +es beide hervor, und beide riefen entrüstet: „Er klebt +ganz und gar, er ist auch voller Schlagsahne.“ + +</p><p>„Ah!“ sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle +vor ihm stand. Nach der Nase hatte er nämlich gedacht, +ein großer, ausgewachsener Räuber stecke unter +dem Bett. +<!-- page 063 --> + +</p><p>„Ah!“ rief auch der Graf zornig. „Das ist der, +den mein Herr Vetter von Singerlingen mitgebracht +hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten gemacht +hat. Haue muß er kriegen!“ + +</p><p>„Jawohl und eingesperrt werden!“ sagte der Haushofmeister, +und der Herzog nickte dazu. Nur weil er +gerade sehr müde war, flüsterte er: „Aber erst morgen +hauen.“ + +</p><p>„Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er +in den Keller gesperrt,“ rief der Graf streng. + +</p><p>Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg +schlimm. Es war wohl am besten, er bettelte gleich +recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh ihm der +Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, +da gelang es ihm, einen Augenblick den Händen der +Diener zu entwischen. Er tat einen Riesensprung auf +den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme: +„Bitte, bitte, bitte!“ + +</p><p>Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. +Er lehnte sich ängstlich weit, weit in seinen Stuhl zurück, +und auf einmal purzelten Stuhl und Herzog +hintenüber. + +</p><p>„Um Himmels willen!“ Der Graf, der Haushofmeister, +die Diener, alle griffen erschrocken zu, und da +schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen Purzelbaum +über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog +dem einen Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an +den Kopf, daß er zurückwich. Aber dann lief er doch +<!-- page 064 --> +auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie laut: +„Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!“ + +</p><p>Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen +kamen? Von dem Kasperle war keine Spur zu sehen. +Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war +spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur +rannte kein Kasperle dahin, die Türen waren alle verschlossen, +er hatte also auch in kein Zimmer schlüpfen +können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener +rannten die Flure entlang, die Treppen auf und ab, +das ganze Schloß geriet in Aufregung, alle fingen an +zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was sie +suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen +Leibarzt, weil er dachte, der Herr Herzog hätte sich +vielerlei gebrochen, aber der hatte sich glücklicherweise +gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine +gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, +als wäre er selbst entzweigegangen. Es war eine +schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. Schließlich +aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, +er habe Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! +Sie hatten nämlich alle Hunger, denn es war schon +spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht +gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee. + +</p><p>Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die +er hatte, sollten überall suchen und sollten Kasperle +gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann +<!-- page 065 --> +wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, +und alle wurden wieder ganz vergnügt. Sie sagten +aber doch alle, mit dem fremden Jungen, das sei sicher +nicht mit rechten Dingen zugegangen. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-7"><span style="font-size:small">Siebentes Kapitel</span> <br /><br />Rosemarie +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>ings um das Schloß wachten die Wächter, die +großen Hunde umliefen es, Kasperle fanden sie aber +doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war +er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das +ganze Schloß, sie schauten sogar in verschlossene Kisten +und Schränke hinein, — der unnütze Schelm war nicht +zu finden. + +</p><p>Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle +steckte, Rosemarie. Die hatte am Fenster gestanden, +als von unten herauf ein lautes Lärmen erklungen war. +Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt, +der wie eine reife Pflaume am Baum in dem +Geäst des uralten Efeus hing, der die Schloßmauer +bedeckte. „Der fremde Junge!“ Rosemarie hatte es +verwundert gerufen, und da purzelte Kasperle auch +schon in ihr Zimmer, denn weiter konnte der nicht +klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon +ganz außer Atem. +<!-- page 066 --> + +</p><p>Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, +und Kasperle war auf einmal zu Rosemaries größter +Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort +her jammerte er kläglich: „Sie hängen mich auf!“ + +</p><p>Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen +Schelm gehabt, sie hatte ihn vorgelockt und ihn in ihrer +großen Puppenstube versteckt. Das war ein kleines +Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet +war. In das Bett der größten Puppe ging +Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen zusammenkrümmen +mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie +sagte: „Das schadet nichts, hier findet dich niemand.“ + +</p><p>Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den +Gedanken gekommen, in Rosemaries Puppenstube nachzusehen. +Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die ganze Zeit +mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der +Stube gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß +sie sorgsam die Vorhänge am Puppenbett, und das +Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von himmelblauen +Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war +fein und weich, nur für so einen kleinen strampeligen, +unnützen Kasper zu zart und fein. + +</p><p>Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen +war. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte in +der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber doch +große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er +still liegen. +<!-- page 067 --> + +</p><p>Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den +Gästen gute Nacht sagen müssen und sollte nun selbst +bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn +morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar +mitfeiern. Leise zog sie den Vorhang auseinander, begierig, +ob der fremde Kasper wohl schlief. + +</p><p>Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und +murmelte: „Ich kann in dem Bett nicht liegen!“ + +</p><p>„Du mußt aber drin bleiben,“ flüsterte Rosemarie +ängstlich. „Ach, Kasper,“ klagte sie, „was hast du angerichtet! +Der Herzog ist bitterböse, und es sind schon +dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß +bewachen, damit niemand hinaus kann. Und morgen +früh soll noch einmal alles, alles abgesucht werden. +Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn +sie dich finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.“ + +</p><p>„Brrrr!“ Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch +nicht in die weite Welt gelaufen, um eingesteckt zu +werden. „Ich fliehe,“ brummte er. + +</p><p>„Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die +Landjäger.“ Rosemarie seufzte bekümmert. Auf einmal +aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. „Ich weiß was,“ +sagte sie. „Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich +neben dem Turm geht es hinaus, und vielleicht ist +gerade da kein Landjäger. Komm, jetzt sitzen alle beim +Essen, da zeige ich dir flink den Weg.“ Sie packte +fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte +essen sollen, und steckte es Kasperle zu, und dann lief +<!-- page 068 --> +sie ganz, ganz leise voran. Kasperle folgte ihr, die +Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale, +schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang +und öffnete am Ende eine Türe, und beide betraten +ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der Mitte, +Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles +sehen konnte. Aus dem runden Zimmer führte ein +schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie belehrte +Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten +aufriegeln, dann sei er am Parkende und komme vielleicht +hinaus. Wie sie das sagte, erfaßte sie ein tiefes +Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, +er hätte doch gar nichts Schlimmes getan. „Du armer +Kasper!“ flüsterte sie, und über ihr liebliches Gesicht +liefen helle Tränen. + +</p><p>In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst +sehr, sehr arm und verlassen vor, und er fing an ganz +erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt ihm rasch mit +beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte +eine Stimme, die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. +Er schwieg dann aber auch gleich und sah +Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: „Nun +muß ich gehen,“ da purzelten dem Kasperle wieder die +Tränen wie ein Bächlein aus den Augen. Er war +jedoch still, versprach auch, er wolle fein brav alles +befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann +hielt er ein Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes +fest. +<!-- page 069 --> + +</p><p>Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in +dem schönen Schloß und wäre Rosemaries Spielkamerad +geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und schielte +Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: „Weißt +du, wie du aussiehst? Wie — wie meine Kasperlepuppe.“ +Und ganz jäh begann sie sich ein wenig vor dem fremden +häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte rasch: „Ich +muß gehen.“ Sie nickte Kasperle noch einmal zu und +glitt dann leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie +zuschließen, dann war er allein. + +</p><p>Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte +bitterlich und vergaß darüber Rosemaries gute Lehren. +Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen und unten die +Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das +Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, +das klirrte und knarrte arg, und dann streckte Kasperle +den Kopf hinaus und sah sich um. Ach, war das eine +schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die +Höhe und schaute nach rechts und nach links, und dann +schaute er auch hinab. + +</p><p>„Wauwau, wuwuwu!“ ging es plötzlich unten los; +ein großer Hund stand da und bellte zu Kasperle hinauf. +„Wauwau, wuwuwu!“ Ganz drohend klang seine +Stimme. + +</p><p>Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch +so schnell ging das nicht, das Fensterchen war eng und +Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder drin war, +tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf. +<!-- page 070 --> + +</p><p>Gab das ein Hallo! „Er steckt im Turm!“ schrie +der Mann. Und dann drohte er hinauf: „Nu, warte +du, dich fange ich!“ Er maß schnell das kleine Fenster +mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge +nicht hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein +unten keinen Schlüssel hatte und auch wußte, daß dies +immer verschlossen war, lief er eilig in das Schloß hinein, +seinem Hund aber rief er zu: „Sultan, paß auf!“ + +</p><p>Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich +einen Augenblick, was zu tun sei. Dann nahm er flink +Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte blitzschnell das +Treppchen hinab und schloß unten auf. „Wauwauwau!“ +bellte ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht +faul, warf dem Hund geschwinde den Kuchen in den +Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So +ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er +schleckte und schluckte, und da hatte Kasperle auch schon +die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und quietschte, +da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan +seinen Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine +Wächterpflicht. Doch Kasperle war flinker draußen als +er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase zu, und +draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg +hinab in einen kleinen Bach hinein. Das Wasser +spritzte hoch auf, dem Bächlein gefiel dies Hineingeplumse +gar nicht. + +</p><p>Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und +lauter. Jetzt bellte nicht Sultan allein, auch die andern +<!-- page 071 --> +Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden laut, Rufe +ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. +Er rannte in seiner Furcht eine Weile in dem Bach +weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da schlüpfte er hinein. +Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese +liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte +er sich vielleicht verstecken. Aber statt über die Wiese +zu laufen, fing Kasperle an Purzelbaum zu schlagen. +Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg +hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte +in seinen dunklen Schatten unter. + +</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem +Schloß hatten sie den Turm leer gefunden, und die +Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten +der Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, +daß Kasperle gesehen worden war, verlangte er, +man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer bitterböse +auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, +versprach er eine hohe Belohnung. + +</p><p>Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle +zu suchen. Man fand auch bald, wo er ausgerissen war, +denn Sultan stand und bellte die kleine Mauerpforte +immerzu wütend an. „Den haben wir bald,“ sagte der +Landjäger, „Sultan findet ihn schon.“ + +</p><p>Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich +am Bach still, schnupperte und schnupperte, aber das +Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo war +das Kasperle? +<!-- page 072 --> + +</p><p>Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte +im Schloß umher, um das Schloß herum, Kasperle +fanden sie nicht. „Er ist noch im Schloß,“ sagten die +einen, „nein, er ist entwischt,“ behaupteten die Landjäger; +„man muß im Walde suchen.“ Die Mägde +meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; aber +die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht +so viel Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern +nach, sie dachte, Kasperle hätte sich gewiß +darin versteckt. + +</p><p>Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg +empor, der steil in die Höhe stieg. Der Wald war +hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon darin +verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den +Hunden hatte Kasperle doch eine jämmerliche Angst. +Darum rannte er, so schnell er konnte. Und das war +nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch +einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen +sehr. Kasperles Nase war zuletzt ganz zerschunden, +so oft hatte er sich daran gestoßen. Und je +höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. +Steingeröll bedeckte den Boden, und ein Menschenbube +wäre wohl nicht so schnell in die Höhe gelangt. Aber +Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal +vor ihm eine grüne Bergwiese lag. + +</p><p>Es war Abend geworden, und am dunkelblauen +Himmel stand schon ganz blaß und fein der Mond. +Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar +<!-- page 073 --> +nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff +die Augen zu, und da schlief er auch schon. Und die +großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem armen, verirrten +kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, +zum Himmel empor, haben gütige, fromme Gedanken, +sie haben Mitleid mit den Kleinen, die sich quälen +müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so +müde und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. +Sie rauschten ihm ein schönes, feierliches Schlummerlied, +erzählten ihm Geschichten, und Kasperle schlief auf +dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen +Bett. Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald +die Hunde bellten und die Landjäger mit Hussageschrei +den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg keiner +hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, +daß niemand dachte, Kasperle könnte denselben gegangen +sein. + +</p><p>Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die +Landjäger schon in das Schloß zurück, und sie sagten +nun auch: „Der hat sich im Schloß versteckt.“ Und sie +bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin +hütete ihre Speisekammer. Und doch fehlte darin am +nächsten Tag ein großes Stück Torte. Sie sagte: „Das +war der Junge,“ und die Mägde sagten es auch. Berta +und Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich +heimlich den Mund ab, sie hatten nämlich die Torte +gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der fremde +Junge sei es gewesen. +<!-- page 074 --> + +</p><p>Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar +erschrocken war, am Tag nach der Hochzeit krank. +Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen gegessen, wer +kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: „Schafft +mir nur den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen +kann! Der Herzog soll sich doch in meinem Schlosse +nicht krank ärgern.“ + +</p><p>Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter +schwer. Die hätte gern ihren Eltern alles gestanden, +aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog +könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie +wußte doch, sie konnte nicht einmal sagen: „Es tut mir +leid.“ Dazu freute sie sich viel zu sehr über Kasperles +Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen +und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann +sich recht um sie zu sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie +krank, es war gar nicht gemütlich im Schloß in +diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: +Das muß ein bißchen lustiger werden, ich muß mir +etwas Vergnügliches ausdenken. Und als er hörte, unten +in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges +lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte +er hinab, der Puppenmann möchte heraufkommen. + +</p><p>„Ich habe eine Überraschung,“ sagte der Graf von +Singerlingen bei Tisch. Und dann erzählte er von dem +Puppenspieler. + +</p><p>Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, +mußte lachen. „Das ist freilich eine schnurrige Überraschung +<!-- page 075 --> +für große Leute,“ sagte er. „Doch der Mann +mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.“ + +</p><p>So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im +Schloß. Der Kasperlemann aus dem Städtchen kam +herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann +streckte Kasperle seine große Nase heraus und — ja, +was er sagen wollte, das hörten die Zuschauer gar +nicht, alle riefen: „Der fremde Junge! Genau so sah +er aus.“ + +</p><p>Kasper ist’s! dachte auch Rosemarie erschrocken, und +ganz jäh begann sie bitterlich zu weinen. Sie schluchzte +so herzbrechend, daß der Kasperlemann seine Reden +und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde +nach Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine +alles, und sie war froh, es sagen zu können, zu sehr +hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt. + +</p><p>„O Rosemarie,“ rief die Gräfin ganz erschrocken, +„warum hast du geholfen und den schlimmen Jungen +ausreißen lassen!“ + +</p><p>„Mit Verlaub,“ redete da der Kasperlemann hinter +seiner Bühne hervor, „das ist gar kein Junge, das ist +ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.“ + +</p><p>„Potzwetter noch einmal!“ Der Herzog sah den +Kasperlemann ganz grimmig an und rief: „Was redet +Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas +habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!“ + +</p><p>Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und +verbeugte sich immerzu ganz tief. Er stippte mit der +<!-- page 076 --> +Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog endlich +rief: „Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit +dem Kasperle für eine Geschichte ist.“ + +</p><p>Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und +von Protzendorf und daß er Kasperle fangen wolle, +und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte. + +</p><p>War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog +ließ sie sich dreimal erzählen, und dann mußte der +Puppenspieler auch noch heilig versichern, alles sei bestimmt +wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge +gewesen. + +</p><p>Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm +sich vor ihm gefürchtet hatte, und daß sie sich jetzt nicht +mehr fürchten würde; er war ja nur ein Kasperle. Und +ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt +den Herzog sagen hörte: „Der muß gefangen werden! +So einen seltsamen Kauz will ich besitzen. Wer ihn +fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem +Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig +werden; der muß mir das Kasperle überlassen. Schnell, +schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden ausreiten, +und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle +will ich haben.“ + +</p><p>Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister +Friedolin versprochen hatte, er, nur er allein solle +Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung verlockte +ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu +bringen, wenn — er es erst hätte. +<!-- page 077 --> + +</p><p>Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen +goldenen Käfig stecken, er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, +— wenn er ihn erst hätte. Und die Landjäger +sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer +dem andern: „Wer das richtige Kasperle findet, der +bekommt viel, viel Geld.“ Manche Leute rannten da +gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu +suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten +auf der Landstraße und lasse sich fangen wie ein +Schmetterling. + +</p><p>Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und +weinte bitterlich. Als ihre Mutter noch einmal zu ihr +kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von den +vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie +leid ihr das arme verfolgte Kasperle tue, das in einen +Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter tröstete linde, +noch sei Kasperle ja nicht gefangen. „Vielleicht findet +er noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist +seine beste Heimat,“ sagte sie. + +</p><p>„Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,“ flüsterte +Rosemarie und faltete fromm ihre Hände. Und dann +schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in einem +goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, +und plötzlich war um den Käfig herum der grüne Wald, +und Kasperle spazierte vergnügt hinein. Er nickte ihr +noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf +einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger +und viele, viele Leute, und alle riefen: „Wo ist Kasperle?“ +<!-- page 078 --> +Da fing die kleine Rosemarie an zu lachen, sie lachte +und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen +Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich +nicht gefangen, dachte sie getröstet. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-8"><span style="font-size:small">Achtes Kapitel</span> <br /><br />Ein neues Heimathaus +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>uf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. +Der kleine Schelm hörte kein Hundegebell, kein Hussageschrei, +nichts; in die einsame Höhe drang kein Laut +von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, +da lag die ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, +zarte, bunte Blüten waren aufgeblüht. Wie ein grünseidenes +Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, breitete sich +die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend +die Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis +umschloß der hohe Tannenwald die Wiese, und +über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. Darüber +glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen +und Schwirren erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen +und bunte Falter flogen von Blüte zu Blüte, und hoch +in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch +das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor +dem König der Vögel gefürchtet. Kasperle schaute und +schaute, er vergaß darüber seine Not, bis auf einmal +<!-- page 079 --> +sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: „Frühstückszeit +ist lang vorbei!“ + +</p><p>Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr +in seine Taschen, die waren leer, und es half ihm nichts, +daß er an die gefüllten Speisekammern im Schloß dachte, +und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und +Beeren, mit denen er wenigstens ein kleines Loch im +Magen hätte ausfüllen können, gab es auch nicht. Vom +Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden. + +</p><p>Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. +Über die Berge hinüber, dachte er; bis dahin würden +sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. Wie +hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann +tapfer zu laufen, überquerte die schöne Blumenwiese, +und dann ging das Klettern los. Wohl eine Stunde +mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad +sah, der am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich +anzusehen, daß er nicht oft begangen wurde; ein Weg +führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle rannte, +so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger +war inzwischen riesengroß geworden, und auf einmal +meinte er, er könne nicht weiter; er setzte sich auf einen +Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger +zu weinen. + +</p><p>Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll +an, wurde stärker und stärker, und das Kasperle dachte: +So klang es doch immer Sonntags im Waldhaus, +wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da +<!-- page 080 --> +mußte eine Kirche in der Nähe sein! Und wo eine +Kirche war, wohnten Menschen. Da rannte Kasperle +auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit +zu gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon +tiefer unten ein Dorf liegen. Um ein große, weiße +Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und behaglich +sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig +ein feines Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da +merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und die Glocke +läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle +wäre am liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um +da unten mitzuschmausen. Er blieb aber doch still auf +dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter die +Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche +Hunger gewesen wäre! Kasperle bog sich ganz zusammen, +so hungrig war er, und weinend sah er auf +das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! +Die waren nicht so mutterseelenallein und verlassen wie +das arme Kasperle! + +</p><p>Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann +zu den hohen Bergen empor. Es war dies Herr Habermus, +der Schullehrer. Der wollte auf der schönen +Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, +Blumen suchen. Dort wuchsen seltene Heilkräuter, und +Herr Habermus war ein kräuterkundiger Mann. In +das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, +kamen wenig Menschen, und wenn Krankheit herrschte, +war es mühsam und beschwerlich, einen Arzt herbeizuholen. +<!-- page 081 --> +Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem +Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, +so gut es ging. An diesem schönen, hellen Tag +nun gedachte Herr Habermus seine grüne Botanisierbüchse +voll Kräuter zu füllen und fand dafür das +weinende Kasperle. „Jemine,“ schrie er, als er den +Kleinen erblickte, „was ist denn das?“ Er dachte wirklich, +es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich +er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das +Kasperle kam ihm doch zu sonderbar vor, auch war +dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst Fremde +daherkamen. „Heda!“ rief er und packte das weinende +Kasperle. „Wo kommst du denn her? Wo willst du +hin? Warum weinst du denn?“ + +</p><p>Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. +Kasperle sagte schluchzend wieder sein Sprüchlein her, +er sei ein armes verlassenes Waisenbüble und wolle +in die weite Welt gehen. + +</p><p>Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, +dem tat Kasperle gleich ungemein leid. „Nun, nun,“ +sagte er, „da mußt du nicht so schrecklich weinen; in +der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein +Büble sein!“ + +</p><p>„Ich hab’ doch Hunger!“ schrie Kasperle so laut +und kläglich, daß Herr Habermus gleich ganz erschrocken +seine grüne Büchse um und umdrehte. Die hatte ihm +seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen +wohl gefüllt, und der Schullehrer drückte Kasperle +<!-- page 082 --> +Brot und Kuchen in die Hände und wollte gerade ermahnen: +„Iß!“ da — schrippschrapp! hatte Kasperle +schon beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, +schluck, hinunter war es! + +</p><p>„Potzwetter,“ schrie Herr Habermus, „du kannst +das Essen gut!“ Er füllte wieder Kasperles Hände, +und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles hinab. +Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. +Aber es reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der +Schullehrer sagte: „Nun erzähl’ mir mal, wo du eigentlich +herkommst.“ + +</p><p>Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte +verlegen von Protzendorf, er klagte Damian und Florian +bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der +kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt +gewesen. „Bist du denn auch ordentlich dabei in die +Schule gegangen?“ fragte er mitleidig. + +</p><p>„In die Schule?“ Kasperle riß seinen Mund vor +Erstaunen noch weiter auf als zuvor aus Hunger. +Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen +sollte, daran hatte er nie gedacht. „Nä!“ rief er und +schüttelte immerzu den Kopf. „In die Schule, — nä!“ + +</p><p>„Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule +gegangen?“ fragte Herr Habermus ordentlich entsetzt. + +</p><p>„Nä, nie!“ Das ganze Kasperle wackelte nun hin +und her, und Herr Habermus schüttelte auch den Kopf; +das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! Hier +mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule +<!-- page 083 --> +gehen. Ei, das wäre noch etwas, ein Büble in der +weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer an der +Schule vorbei! „Das geht nicht,“ rief er; „mein Sohn, +du mußt in die Schule gehen!“ + +</p><p>Hätte der gute Herr Habermus gerufen: „Kasperle, +ich muß dir die Ohren abschneiden,“ dann hätte es den +nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus hatte +Meister Friedolin manchmal gedroht: „Na warte, ich +schicke dich noch in die Schule!“ Und Windgustel und +Wassergustel, seine Freunde in Protzendorf, hatten +ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. +Und Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr +als Herrn Habermus, der jetzt sagte: „Ei, ein rechter +Junge muß in die Schule gehen und muß sich darauf +freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!“ Und +dann legte Herr Habermus den Finger an die Nase; +er dachte nach, wie dem Kasperle zu helfen sei. Und +als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Mein +Sohn, ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben +nur zwei Kinder, also ist Platz im Schulhause. Du +kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim +Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst +du hinein. Du sollst etwas Ordentliches lernen. So, +nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das Kräutersuchen +lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen +machen, wenn sie den Gast sieht, den ich mitbringe!“ + +</p><p>Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein +Wirbelsturm rundum gedreht. Auf einmal sollte er, +<!-- page 084 --> +das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! Wie +würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter +dem Schullehrer her, der auf einem schmalen Zickzackweg +ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide am Dorf +an, und gleich am ersten Haus unter einer großen +Tanne saßen etliche Buben und Mädel. Die staunten +über den seltsamen Buben, der da mit hängendem Kopf +hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie +nach, um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies +Angeschaue verdroß Kasperle, er drehte sich auf einmal +blitzschnell um und machte sein Räuberhauptmanngesicht. + +</p><p>„Huhuhu!“ Die Mädel kreischten laut, die Buben +lachten, Herr Habermus aber drehte sich ärgerlich um. +„Was soll denn der Lärm?“ fragte er. + +</p><p>„Der da macht so ’n komisches Gesicht!“ Lauter +kleine Zeigefinger streckten sich aus und deuteten auf +Kasperle. + +</p><p>Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. +„Schämt euch!“ rief er. „Was kann der arme Junge +für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist’s, +dem es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm +nur, Kasper, morgen in der Schule werden sie sich schon +mit dir vertragen!“ Und Herr Habermus stapfte wieder +voran und das Kasperle hinterher. + +</p><p>Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt +sein allerdümmstes Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten +laut vor Vergnügen, und der Schullehrer drehte sich +<!-- page 085 --> +wieder um. „Aber Kinder,“ mahnte er strenge, „was soll +der Lärm!“ + +</p><p>Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger +aus, und wieder ertönte es im Chor: „Der da macht +so ’n komisches Gesicht!“ + +</p><p>„Kasper!“ Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling +fragend an, doch der sah so unschuldig drein, als +könne er kein Wässerlein trüben. „Dumm, dumm!“ +brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das +Schulhaus lag ganz am andern Ende des Dorfes. Trapp, +trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar Gänse +angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen +sein Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! +Die Gänse wuselten erschrocken durcheinander, +die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte sich +wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle +mit gesenktem Kopf ganz bescheiden hinter sich gehen, +und er schalt auf Kinder und Gänse. „Geht heim,“ +gebot er den Kindern, „laßt mir den Kasper in Frieden!“ +Dann nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte +ihn seinem Hause zu, denn so ganz traute er dem +Schelm doch nicht. + +</p><p>Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als +ihr Mann so bald schon und mit einem so sonderbaren +Kerl zurückkehrte. „Jemine,“ rief sie, „was bringst du +da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie ’n +Kasperle aus ’ner Jahrmarktsbude!“ + +</p><p>Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte +<!-- page 086 --> +seiner lieben Frau, wie er Kasperle gefunden habe, +und der Schlingel stand trübselig dabei und machte ein +so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von +heiterer Güte war, bitter leid tat. Sie nahm den +Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn in das +Haus hinein. + +</p><p>Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse +Blicke bei Kasperles Anblick. Für das Geschrei sorgten +Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und vierjährig +und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten +freilich bald wieder auf zu schreien, als Kasperle ein +lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie jauchzten ihm vergnügt +zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base +Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse +Gesicht machte. Wie eine Gewitterwolke sah sie drein. +Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze Esser, +und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. „Wie ein +Spatzenschreck sieht er aus,“ behauptete sie und sah +den Kleinen scheel an. + +</p><p>Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch +recht wenig. Er merkte gleich, an der hatte er keine +gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn +die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein +Räubergesicht. „Hach,“ kreischte die Base, „wie sieht +der Bengel aus! Man muß sich fürchten.“ + +</p><p>Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt +hatte, daß just niemand anders sein Räubergesicht sah, +und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll dreinblickte, +<!-- page 087 --> +schalt die Lehrerin: „Aber Base, das Büble tat doch +nichts! Sei nicht so ungut!“ + +</p><p>„Hach!“ Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. +„Jetzt, jetzt hat er wieder so ausgeschaut,“ jammerte sie. +„O du meine Güte, mit dem gibt’s noch ein Unglück!“ + +</p><p>Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich +drein. Es fiel ihm ein, wie die Kinder gekreischt und +gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf gegangen +war, er sah auch in Kasperles Augen den +Schalk glitzern und funkeln, da dachte er: Ich muß +wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline mal +wieder „hach!“ und „ach!“ schrie, sagte er streng: „Nun +ist’s genug; Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute +ausschlafen; morgen fängt die Schule wieder an, da +muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht +gemacht,“ fügte er drohend hinzu. + +</p><p>Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte +Kasperle betrübt, als er sich im Bette ausstreckte. Ich +doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach +einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer +ging. Die lag neben der seinen. Da stieg das Kasperle +flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen Stock, +der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an +der Base Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun +wollen und fiel vor Schreck mitsamt ihrer Haube kopfüber +in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte und +meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor +ihrem Fenster. Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr +<!-- page 088 --> +Licht und rannte in Kasperles Kammer hinüber. Doch +da lag das Kasperle im Federbett ganz still und friedlich +und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base +Mummeline schüttelte den Kopf. Das war doch wohl +ein Gespenst gewesen und nicht der fremde Bube. „Hm, +hm!“ brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber +drehte sie sich noch einmal um und — „hach!“ kreischte +die Base wieder und stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. +Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie rannte +an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der +Schullehrer und seine Frau kamen angerannt und fragten +erschrocken, was der Lärm bedeuten solle. „Da — da +drin liegt ein Gespenst!“ jammerte die Base und zeigte +nach Kasperles Kammer. „Es ist ein Gespenst!“ + +</p><p>„Unsinn!“ Herr Habermus tat die Türe auf und +sah hinein. Da lag Kasperle fromm und friedlich im +Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. „Was +die Base nur hat!“ brummte Herr Habermus ärgerlich +und schloß sachte Kasperles Kammertüre. Ach, dessen +bitterböses Räubergesicht hatte eben nur die Base +Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die +halbe Nacht nicht vor Grausen über den unheimlichen +kleinen Gast. +<!-- page 089 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-9"><span style="font-size:small">Neuntes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle in der Schule +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male +in die Schule. Er war sehr brav aufgestanden, hatte +still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die Base +Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so +schlimm. Dann wanderte Kasperle an Herrn Habermus’ +Hand hinüber in die Schulstube, und der Schullehrer +sagte: „Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.“ + +</p><p>Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus +sah ganz verdutzt drein; so waren doch sonst seine Schulkinder +nicht. Er sah die an, er sah Kasperle an; der +stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben +ihm. „Aber stille doch!“ rief Herr Habermus. „Kasper, +sage nun einmal allen guten Tag.“ + +</p><p>„Guten Tag!“ brüllte Kasperle sehr vernehmlich, +und sofort erhob sich ein allgemeines jauchzendes Gelächter. +Buben, Mädel, Kleine, Große, alle lachten +sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche +brummten wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören +konnten sie. Und Kasperle lachte mit. Der riß seinen +Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden +bespannt hineinfahren. +<!-- page 090 --> + +</p><p>Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte +nicht recht, lachte Kasperle, weil die Kinder lachten, +oder lachten die über Kasperle. „Aber Kinder, Kinder!“ +rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben +Kinder immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, +sie mögen wollen oder nicht. Und Herrn Habermus +erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und konnte +nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende +Kasperle ansah, dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, +er mußte immer fortsehen. „Jetzt setze dich einmal, +da gleich vornhin,“ sagte er endlich, und Kasperle ging +gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das +Lachen ab, denn nun konnten die Kinder alle Kasperle +nicht von vorn sehen. + +</p><p>Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille +ein, und die Schule konnte beginnen. Erst sangen die +Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein andächtig zu; +das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben +und die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr +Habermus trat zu Kasperle und zeigte dem, wie er +schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink auf +und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die +linke Hand. + +</p><p>„Linkshänder!“ schalt Herr Habermus, „nimm die +rechte!“ + +</p><p>„Er nimmt wieder die linke!“ rief plötzlich jemand +von hinten vor. Das dicke Jaköble hatte es gerufen, und +gleich schrieen ein paar nach: „Er nimmt immer die linke!“ +<!-- page 091 --> + +</p><p>„Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!“ mahnte +Herr Habermus. + +</p><p>Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing +die ganze Klasse zu lachen an. Da wurde der Lehrer +ärgerlich. „Kasper,“ rief er, „weißt du nicht, was links +und rechts ist?“ + +</p><p>„Nä,“ sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. +In seinem Schlaf hatte er vielerlei vergessen, darunter +auch dies, und die Waldhausleute hatten es ihm noch +nicht wieder beigebracht. + +</p><p>Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die +Kinder lachten, und Kasperle lachte mit. Da war es +wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, und der +Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. „Bleib +ganz still sitzen, Kasper,“ gebot er, „und höre zu!“ Da +blieb Kasperle steif sitzen und sperrte wieder den Mund +himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und fragte, +die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das +gefiel Kasperle ganz ungemein, und auf einmal hob er +auch seine Hände empor, beide zugleich. „Na, was +weißt du denn?“ fragte der Lehrer. Er wollte gerade +die Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle +zu, da schrie der laut: „Windgustel!“ + +</p><p>„Waaas?“ Herr Habermus meinte nicht recht gehört +zu haben, die Kinder jauchzten wieder, und Kasperle +sah sich strahlend rundum und brüllte vernehmlich: „So, +ja, er ist jünger als Wassergustel.“ + +</p><p>„So ein Schafskopf!“ Herr Habermus dachte es +<!-- page 092 --> +nur, er hätte es aber beinahe gerufen. Er sagte jedoch +streng: „Still jetzt, und du, Kasper, hebe die Hände +nicht mehr, hör’ zu!“ + +</p><p>Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, +die Kinder wußten gut Bescheid, die Hände flogen nur +so hoch. Kasperle fand das wieder sehr spaßhaft, er +hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht +hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging +doch auch! Und hops! pendelten plötzlich Kasperles +Beine in der Luft herum. + +</p><p>So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze +Klasse schrie, lärmte und lachte, und der sonst so geduldige +Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, bausche, +packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die +Bank nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah +tief erschrocken drein. Er hatte doch nichts Arges tun +wollen, und für ein Kasperle ist das Beine-in-die-Luft-Strecken +kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und +starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und +der Unterricht ging weiter. + +</p><p>Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz +helles Stimmlein, das rief: „Er weint!“ Die kleine +Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten alle Waldraster +Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur +der konnte gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, +aber wie! Die Tränen rannen stromweise über sein +Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an, +als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So +<!-- page 093 --> +jämmerlich klang es, daß gleich ein paar Mädel auch +zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr Habermus +trösten, er sagte zu Kasperle: „Sei nur still, ich +bin nicht mehr böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch +die ganze Stube unter Wasser.“ + +</p><p>Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er +wieder putzvergnügt, er grinste, schaute nach rechts, +schaute nach links, schaute hinter sich, und wieder brach +die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus. + +</p><p>Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum +erstenmal wurde Herr Habermus mit seiner Klasse nicht +fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war +eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es +war wie verhext. + +</p><p>„Wir wollen singen,“ sagte er endlich. Er dachte: +Darüber vergessen sie am besten das Lachen, und die +Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher zu; +singen taten sie alle gern. „Also zuerst: Der Mai ist +gekommen,“ sagte Herr Habermus. „Kasper, kennst du +das Lied?“ + +</p><p>„Nä!“ schrie Kasperle vergnügt. + +</p><p>„Wir sagen’s ihm vor,“ riefen ein paar Stimmen. + +</p><p>„Sagt mal zuerst das Lied her!“ gebot Herr +Habermus. + +</p><p>Das taten die Kinder, und nun geschah etwas +Wunderbares. Kasperle stand auf und sagte ihnen +gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der +Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! +<!-- page 094 --> +sagte ihm schnell ein paar andere Verse vor, und +Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus sah +auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner +Tafel angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst +hatte er gedacht: Der Kasper ist ja fürchterlich dumm! +jetzt fand er ihn doch nicht so beschränkt. Wer so fix +auswendig lernen konnte, der würde schon vorwärtskommen, +meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich +zu, dann nahm er seine Geige, und die Singerei +sollte beginnen. + +</p><p>Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und +Kasperle brüllte mit der allerschrillsten Stimme in den +Gesang hinein, und jäh wurde aus der Singerei ein +lautes Gelächter. + +</p><p>„Kasper, schweig!“ rief Herr Habermus. „Du lernst +in deinem Leben nicht singen.“ + +</p><p>Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut +immer gesagt! Kasperle schwieg traurig, er hätte doch +so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz andächtig +da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als +könnte er keine kleinen Dummheitle machen. + +</p><p>Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, +ja eigentlich ist’s ein lieber, lustiger Kerl, ich will schon +Geduld mit ihm haben. Er war an diesem Tage aber +froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder +alle gerade heute noch himmelgern geblieben wären. +Sie drückten sich sehr langsam aus den Bänken heraus, +und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, bis alle +<!-- page 095 --> +hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die +Kinder alle miteinander das Heimgehen. + +</p><p>Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in +seiner Stube und ordnete Pflanzen ein, als seine Frau +kam und sagte: „Drüben im Schulzimmer ist ja so arger +Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?“ + +</p><p>Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen +hörte er die Kinder lachen, und als er mit einem Ruck +die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf dem Katheder +sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein +untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie +Damian ins Wasser gefallen war. + +</p><p>Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine +Jahrmarktsbude, und das Kasperle schwätzte auch wie +auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte den +Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, +und immer von neuem gellte ihr Lachen auf. Aber wie +spaßig das Kasperle auch war, was es für Gesichter +schneiden konnte! + +</p><p>Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte +an sich halten, um nicht mitzulachen, und ein paar +Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den Lärm +hinein: „Wollt ihr wohl heimgehen!“ + +</p><p>Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom +Katheder herunter, und die Buben und Mädel standen +verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht, +wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle +gesehen, nur an ihn gedacht. Doch Herr Habermus +<!-- page 096 --> +sah eigentlich nicht böse drein, nur ein bißchen betrübt. +Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen +kleinen Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit +ihm werden? Er nickte den Kindern zu und sagte nur +noch einmal: „Geht nun aber heim!“ Und da leerte +sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten +es alle sehr eilig heimzukommen, sie purzelten beinahe +über ihre eigenen Beine. Draußen schauten ein paar +Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: „Da +hat’s doch was gegeben, und wie spät die Schule aus +ist! Gar haben sie alle nachsitzen müssen.“ + +</p><p>Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, +und die meisten fingen schon draußen vor der Türe an, +von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu erzählen. +Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder +hervor, stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch +nicht böse: „Kasper, was bist du für ein unnützer Strick!“ + +</p><p>Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. „Ich +hab’ doch nur gekaspert!“ antwortete er kläglich. + +</p><p>„Ja, du bist doch —“ Herr Habermus stockte, er +wollte sagen: „kein Kasper“, da sah er seinen Schützling +an und dachte erschrocken: Er sieht doch wirklich +wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins +Haus gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich +seine Hand in die seine und sah ihn so traurig bittend +an, daß all sein Ärger verging. „Nun komm nur mit, +du Schelm!“ sagte er. „Auf dem Katheder darfst du +mir aber nicht mehr kaspern.“ +<!-- page 097 --> + +</p><p>„Nä,“ versprach Kasperle treuherzig, und dann +nahm er seine neue Schiefertafel, die der Lehrer ihm +geschenkt hatte, unter den Arm und schlitterte vergnügt +hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die +Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base +Mummeline zusammen. Die hatte gerade eine Schüssel +Milch in den Händen, und da lagen dann plötzlich +Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, +und es gab ein allgemeines Zetergeschrei. „Er hat’s +mit Absicht getan!“ kreischte die Base, die sich aus dem +Milchsee aufrichtete. „Hach, jetzt sieht er mich wieder +so an!“ + +</p><p>„Er konnte nichts dafür,“ sagte die Frau Lehrerin. +„Ich hab’s gesehen, nur ein bißchen geschwinde ist er +zur Türe hereingekommen.“ + +</p><p>„Er hat’s mit Absicht getan. Hach, das schreckliche +Gesicht!“ Die Base Mummeline stand wütend und +scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am Tisch. +Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht +machte er auch nicht, denn er hatte Angst vor +der Base Mummeline. + +</p><p>Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den +Lehrer, auch Lenchen und Lorchen sollten schlafen, obgleich +sie heftig verlangten, sie wollten mit Kasperle +spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: „Geh du +und tummle dich draußen herum, macht aber keinen +Lärm um das Schulhaus herum!“ Bei sich dachte die +gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas +<!-- page 098 --> +spielt, und hier im Hause möchte die Base Mummeline +doch immerzu schelten. + +</p><p>Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war +er draußen, da packten ihn ein paar Buben. „Komm +mit, du mußt uns noch was vorkaspern,“ baten sie. + +</p><p>„Nicht hier,“ sagte Kasperle ängstlich, „ich soll +keinen Lärm machen.“ + +</p><p>„Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, +da sieht uns niemand,“ schlug der lange Blasi vor. +Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem alten +Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. +Es wuchs und wuchs unterwegs, Buben und Mädel +fanden sich dazu, und dann verschwanden sie alle in +Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom +Dorf, mitten auf einer Wiese. + +</p><p>An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute +in Waldrast. Ein paar Frauen sagten zueinander: +„Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule +gehen? Wo stecken sie denn?“ + +</p><p>„Ja, wo sind sie denn?“ fragte die Krämerfrau, die +das hörte. + +</p><p>Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus +und fragte: „Wo sind denn die Kinder?“ Und seine +liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang +immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz +zornig ins Weite: Die Schule fängt an, die Schule +fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine Bubenbeine, +keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles +<!-- page 099 --> +still. Nur von den Erwachsenen kamen mehr und mehr, +ein paar erzählten, sie hätten die Kinder alle miteinander +laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand. + +</p><p>„Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,“ sagte +Frau Veronika Lappenmeyer. + +</p><p>„Aber es ist doch Schule!“ rief Herr Habermus +entrüstet. In den Wald konnte man schon gehen in +Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis tief, +tief ins Tal hinein, viele Stunden weit. + +</p><p>Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. +Der rief: „Frau Lappenmeyer, was ist +denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin +brüllt es ja fürchterlich!“ + +</p><p>Die Kinder sind’s mit Kasper. Herr Habermus +dachte das nur, er rannte aber gleich los, die Dörfler +folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm +nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie +wirklich. Kasperle saß hoch oben unter dem Gebälk, +und unten standen Mädel und Buben und starrten +lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte +und verrenkte und den allergrößten Unsinn schwätzte. + +</p><p>„Bimmelim, bimmelim, bimmelim!“ Die Frau +Lehrerin war ihrem Mann mit der Schulglocke nachgelaufen, +und in das Lachen und Jauchzen der Kinder +hinein ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, +alle schauten sich verwirrt um. War es wirklich schon +Schulzeit? + +</p><p>„Bimmelim, bimmelim, bimmelim!“ Die Glocke +<!-- page 100 --> +gellte ihnen in den Ohren, und ein paar schrien: „Wir +müssen in die Schule!“ Und dann rannten sie an den +Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um +und sahen vor lauter Eile und Eifer niemand und nichts. +Und Kasperle sprang plötzlich von oben herab in einem +weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er +raste den andern nach, und im Umsehen war der +Schuppen leer. + +</p><p>Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. „Die +Kinder sind ja wie besessen!“ rief die Krämerin, die +andern stimmten ihr zu, Herr Habermus aber kehrte +bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran +schuld, nur er allein. Was war das für ein schlimmer +Junge! Er darf nicht mehr in die Schule, dachte er +und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf +ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen, +und Kasperle saß wieder auf der vorderen Bank. Sein +Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein, als könnte +er nicht das kleinste Dummheitle machen. + +</p><p>Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn +zum Katheder, dort sagte er streng: „Ihr seid alle zu +spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.“ Da +senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden +und braunen Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle +sah höchst verwundert drein, es krähte mit seiner lauten +Stimme: „Es hat ja eben erst geklingelt!“ + +</p><p>„Sei du still, du verläßt sofort die Schule!“ rief +Herr Habermus streng. „Du bist an allem schuld. +<!-- page 101 --> +Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule +kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.“ + +</p><p>Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes +Schweigen im Schulzimmer. Kasperle selbst saß ganz +verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt. Dann +erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes, +jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus +noch nie vernommen hatte. Und nicht nur die +Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und +alle miteinander riefen flehend: „Kasper hat keine Schuld, +Kasper soll dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper +soll nicht wieder fort!“ + +</p><p>Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, +und deren Gebitte wurde immer lauter und dringlicher, +und je mehr sie flehten, je lauter heulte das Kasperle. +„Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!“ brummte +Herr Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte +er, als er das Kasperle ansah und der kleine Kerl ihm +einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse war +er gar nicht mehr auf ihn. + +</p><p>„Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,“ +sagte er schließlich. „Das Nachsitzen sei euch auch geschenkt, +aber eine Strafarbeit gibt es, ein Stück zu +schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und +nun stille — jemine, Kasper, was ist denn nun wieder +los?“ + +</p><p>Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und +von dorther ertönte wieder sein furchtbares Jammergebrüll. +<!-- page 102 --> +„Ich kann doch nicht schreiiiben,“ klagte er, +„ich kann nicht schreiiiben!“ + +</p><p>„Dummer Bube,“ brummte Herr Habermus, „du +brauchst natürlich nicht die Strafarbeit zu schreiben, du +brauchst bloß Striche zu machen, und nun, potzwetter, +sei still, sonst —“ + +</p><p>Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer +noch ausreden konnte, und dann saß er da mit dem +allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß +machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er +gab kreuzdumme Antworten, und immer wieder durchbrauste +ein lautes Lachen die Schulstube. Herr Habermus +wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich +tat Kasperle gar nichts Böses. Da klingelte es, die +Schule war aus. Sonst atmeten die Kinder meist alle +auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst +die allergrößten Faulpelze: „Ach, bitte, bitte, wir wollen +noch bleiben, es ist so wunderschön in der Schule!“ + +</p><p>Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. +Er erzählte ihnen von den Blumen und Bäumen, von +Felsen und Bergen, von den feinen Schmetterlingen +und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still, +am aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie +dann auch am lautesten: „Schon?“ als Herr Habermus +sagte: „Nun ist’s aber wirklich genug, nun geht +heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!“ + +</p><p>Und dann verließen die Waldraster Kinder das +Schulhaus, und sie kamen so vergnügt heim wie noch +<!-- page 103 --> +nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend brummten +allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so +viel schwätzten die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-10"><span style="font-size:small">Zehntes Kapitel</span> <br /><br />Eine neue Gefahr +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; +pardauz! fiel er ins Bett, und bums! da schlief er auch +schon. Der gute Schullehrer von Waldrast aber, Herr +Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: +„Mit dem fremden Buben werden wir viel Sorge und +Verdruß haben. Hätte ich ihn doch lieber nicht mit +heimgebracht!“ + +</p><p>Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: +„Mach’ dir keine Sorge, Mann! Ein lieber kleiner Kerl +ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er schon ein +rechter braver Schulbube werden.“ + +</p><p>Danach sah es freilich am andern Morgen nicht +aus. Kaum betrat das Kasperle die Schulklasse, gleich +ging der Lärm los. Alle schrieen: „Du mußt uns was +vorkaspern, bitte, bitte, bitte!“ + +</p><p>Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, +auf dem Katheder dürfe er nicht kaspern, und darum +kletterte er eins, zwei, drei auf den großen braunen +Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: „Hallo!“ +<!-- page 104 --> +und die Mädel rissen vor Erstaunen den Mund weit +auf. Jemine, so flink war noch nie jemand auf den +Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr +Habermus hörte das Geschrei drüben in seiner Wohnung, +und noch ehe die Base Mummeline die Klingel geschwungen +hatte, lief er schon hinüber. Er riß die +Türe auf und schrie: „Potzwetter, was ist das für +ein Lärm!“ + +</p><p>Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank +herab. Er fiel auf einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers +neue Schiefertafel; die nahm das übel und ging +mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten +in der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps’ +Nase, trafen ein Tintenfaß; das sauste in einem weiten +Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes +Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke +schwarze Tintenkleckse. Ihre Besitzerinnen heulten, ihre +Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, Heine Fistelmeyer +heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, +etliche lachten und jauchzten, — es war wieder einmal +ein Lärm wie bei Teufels Großmutter. + +</p><p>Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. +Klatsch, klatsch, klatsch, ging es, Kasperle bekam +seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen etwas ab, und +schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute +nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe +ein, nur die fünf Mädel, die bekleckste Schürzen hatten, +weinten ganz leise, und Kasperle heulte laut. Himmel, +<!-- page 105 --> +konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten +schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, +und allmählich erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden +mit dem kleinen Irrwisch. Herr Habermus faßte +den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine +Ecke. „So,“ sagte er streng, „da bleibst du stehen, bis +du vernünftig geworden bist.“ + +</p><p>Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf +der Mädelbank hob ein leises Weinen an, eine nach +der andern weinte, dann schluchzte einer auf der Bubenbank, +erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen +ein, und nach ein paar Minuten weinte und schluchzte +die ganze Schule mit Kasperle. Herr Habermus schüttelte +erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch +nie vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft +wurde. Er wollte streng sein und nicht darauf achten, +aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das klägliche +Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: +„Nun hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm +wieder an deinen Platz. Seid jetzt endlich stille!“ + +</p><p>Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus +der Ecke heraus, und auf einmal begannen alle Kinder +zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte ein wenig. Er +seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es +heute noch geben! + +</p><p>Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es +auch. Aber er gab wieder blitzdumme Antworten, und +wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder die +<!-- page 106 --> +andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder +Lärm und Unruhe. Und nachher hallte die Dorfstraße +wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und von +den Müttern sagten etliche: „Den Buben hätte der +Schullehrer nicht aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist’s, +ein arger Unnützling!“ + +</p><p>Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei +herumgeredet, wie schlimm der kleine Gast im Lehrerhause +sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem armen +Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche +die Hälfte. Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen +alle an. + +</p><p>Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu +kaspern. Dummheiten hatten auch sonst die Waldraster +Kinder genug gemacht, aber solche Hanswurstsprünge, +ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode +gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei +Tisch an zu zappeln, hielt die Beine in die Luft und +überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine Mutter dachte, +er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins +auf den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. +Am Abend aber kam Frau Bimmelmann, die nächste +Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps möchte +mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide +fürchterliche Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie +Fistelmeyers alte Muhme Trine, die jammerte, bei ihnen +sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer +einen Tee holen. +<!-- page 107 --> + +</p><p>„Was auf den Hosenboden,“ schrie Vater Schrumps, +„das wird schon helfen!“ + +</p><p>Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in +diesen Tagen als äußerst heilsam; und bald bekamen +es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre +Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, +wollten alle kaspern, wie des Schullehrers kleiner Schützling +tat. + +</p><p>Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und +der arme Herr Habermus bekam manches ungute Wort +zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das +Feuer. Im Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, +immer hatte Kasper dies und das getan, so sagte +wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle +wirklich brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast +sehr gut gefiel. Er ging furchtbar gern in die Schule, +und das Spielen mit seinen Kameraden machte ihm +besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base +Mummeline wunderte er sich sehr; er fand es nur +spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, oder +wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil +Kasperle sie hineingetrieben hatte. Auch brauchte die +Base nicht so mörderlich zu schreien, weil sechs dicke +Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, Käfer +und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten +oder gar ein Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. +Das war doch alles nur Spaß! Und über das Räubergesicht +brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. +<!-- page 108 --> +So meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden +stimmten ihm zu. + +</p><p>Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus +schalt, Frau Habermus schalt, aber beide hatten dabei +den unnützen kleinen Schelm von Herzen lieb. Der Schullehrer +bekam es auch nicht fertig zu sagen: „Kasper, +geh’ wieder in die weite Welt.“ Dazu tat ihm der in +seiner Verlassenheit zu leid. + +</p><p>So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle +blieb in Waldrast. Die Dorfbuben lernten das Kaspern +immer besser, und der gute Herr Habermus plagte sich +weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch +noch die Base Mummeline den ganzen Tag schelten. +Er war daher sehr froh, als die eines Tages sagte: +„Ich geh’ morgen in die Stadt.“ + +</p><p>Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand +in die Stadt ging. Der mußte dann viele Stunden +abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den +Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: „Ich +geh’ in die Stadt,“ dann kamen gleich die Nachbarn +und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten allerlei +gekauft haben und sagten auch: „Paß gut auf, was +es Neues in der Welt gibt!“ In jenen Tagen stiegen +die Briefboten noch nicht täglich in das entfernteste +Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im +Jahr irgend jemand einen Brief. In das Schulhaus +kamen darum auch noch am gleichen Mittag etliche +Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, +<!-- page 109 --> +die dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so +ging es weiter, und zuletzt hatte die Base Mummeline +einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet +standen. + +</p><p>„Das wird zuviel zu tragen,“ sagte die Lehrersfrau; +„Base, da tust du dir Schaden. Nimm den Kasper mit, +der kann dir helfen.“ + +</p><p>Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit +dem schlimmen Buben sollte sie gehen! Na, da würde +sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, behauptete sie; +der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base +Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. +Der war arg froh darüber. Ja, schlimm genug, +als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen hörte, +schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr +eine lange Nase und schnitt, als sie sich noch einmal +umdrehte, sein allerbösestes Räubergesicht. + +</p><p>Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast +mit ihrem Korb den Berg hinab, so rannte sie davon, +und erst als Waldrast schon ein Stück hinter ihr lag, +wagte sie es, aufzuatmen. „Na, warte du!“ Sie drohte +mit der Faust dorthin, wo das Schulhaus lag, und +dann wanderte sie bergab und dachte dabei: Könnte ich +nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base +Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen +Wald, über grüne Wiesen, an Felsen entlang bergab +nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten +die Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das +<!-- page 110 --> +Kasperle war purzelvergnügt. Beim Mittagessen schalt +keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau +Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine +drolligen Gesichter. Der Schullehrer sah auch freundlich +drein und Kasperle dachte: Wenn die Base doch nie +wiederkäme! + +</p><p>Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans +Fortbleiben. Die erlebte in der Stadt eine höchst seltsame +Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, als sie +alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder +nach Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde +kam sie im Dorfe an. Die Lehrersfrau war mit Lenchen +und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer +saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte +gerade aus dem Hause gehen zu seinen Kameraden, +als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn nicht, +sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, +und Kasperle schlüpfte ein wenig erschrocken in die +Wohnstube. Als er draußen den Schritt der Base vernahm, +da kroch er flink in einen dunklen Winkel am +Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte +der kleine Schelm selbst nicht genau. Der Gedanke an +die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte ihn +etwas, und dann war die Base dahergekommen, als +trüge sie den schönsten Rohrstock im Korb. Ein paar +Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das Haus, +und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. +Der Base erste Frage war: „Wo ist Kasper?“ +<!-- page 111 --> + +</p><p>Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob +er ein paar Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht +sehen sollte. Indem kam die Lehrerin zurück, sie begrüßte +die Base, als wäre die von einer langen, langen +Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: +„Wo ist Kasper?“ + +</p><p>„Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er +wohl dabei sein,“ meinte die Frau. Sie hatte Kasperle +erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen. + +</p><p>Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; +sie guckte unter das Sofa, schloß den großen +Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da +lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah +Kasperle nicht. „Er ist nicht da,“ rief sie; „nun will ich +euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet +staunen!“ + +</p><p>Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers +wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem +Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn +was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die +Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann +gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle +gezeigt und laut verkündet: „Wenn ihr einen findet, der +so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt +dafür eine hohe Belohnung.“ Und dann hatte er erzählt, +daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und +was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. „Seht +ihr,“ schrie die Base Mummeline, „ich hab’ es immer +<!-- page 112 --> +gesagt: mit dem Buben ist’s nicht richtig. Es ist gut, +wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will +es der Herzog.“ + +</p><p>Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau +sagte mitleidig: „Armer kleiner Kerl!“ + +</p><p>Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen +über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und +hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß, +die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da +sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: „Der +Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch +einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich +mitnehmen. Ich hab’ es nämlich gesagt, wo der Popanz +steckt, und da, den schönen Goldgulden hab’ ich gleich +bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose +Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! +Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher +ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!“ + +</p><p>Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: „Armes, +armes Kasperle!“ und ihr Mann seufzte mitleidig. Die +Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren +Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle +heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen +gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen. +Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen +die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück. + +</p><p>Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. +<!-- page 113 --> +Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo +sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger +wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus +der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger +sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am +Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle +dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er +schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch +schrak zusammen. „Kasper,“ rief sie, „da bist du ja! +Hast du alles gehört?“ + +</p><p>Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang +die gute Frau und sah sie flehend an. „Ausreißen!“ +bettelte er. „Ausreißen!“ + +</p><p>„Ja, ja.“ Die Frau Lehrerin nickte. „Ich kann +mir’s schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du +armer kleiner Schelm, du!“ Und sacht streichelte sie +das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann +nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem +Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen +und sagte schnell: „Versuche dein Heil! Geh hinten zur +Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir’s schon +verzeihen, daß ich dir geholfen habe.“ + +</p><p>Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ +ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine +Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und +wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die +Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm, +dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war +<!-- page 114 --> +aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her +erklang Base Mummelines Stimme: „Sie kommen!“ + +</p><p>Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei +Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen +sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen? +Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? +Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein +lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte, +Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten. + +</p><p>„Die Buben spielen am Bach,“ rief jemand, und +gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu +fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm +ein schlimmer, schlimmer Bösewicht. + +</p><p>Aber wo war denn Kasperle? + +</p><p>Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze +hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts +von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. „Er ist +ausgerissen!“ riefen die Base und der Kasperlemann. +„Wir suchen,“ sagten die Landjäger. „Platz da, erst +suchen wir das Haus ab.“ „Alle müssen suchen helfen,“ +schrie der Schulze. „Na, das wäre doch eine Schande, +wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser +Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!“ + +</p><p>Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten +am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn +finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin +suchte nicht, und niemand fragte sie. Still +brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die +<!-- page 115 --> +bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die +Kleinen und sagte linde: „Es wird ihm schon nichts +geschehen!“ + +</p><p>Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, +Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war +nicht zu finden. Endlich sagte einer: „Nun müssen wir +noch in der Kirche nachsehen.“ + +</p><p>„Sie ist ja verschlossen,“ sagte ein anderer, „und +die Fenster sind auch alle zu.“ + +</p><p>Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche +verschlossen, und weil er alt und müde war, kümmerte +er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in seinem +Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle +um die Kirche herum und sagten: „Darin kann er nicht +sein, er ist sicher ausgerissen.“ Aber wohin? War er +in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden? +Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen +müssen! + +</p><p>„Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. +Alles, was Beine hat, muß mitlaufen,“ sagte der Schulze. +„Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt wäre!“ + +</p><p>„Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,“ riefen +alle, „und heute muß das Dorf bewacht werden; keine +Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht nicht.“ + +</p><p>Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: +„Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber ins Bett gehe +ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause +herum, und ich erwische ihn doch!“ +<!-- page 116 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-11"><span style="font-size:small">Elftes Kapitel</span> <br /><br />Abenteuer über Abenteuer +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>llmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. +Kasperle hörte drinnen im Kirchturmwinkel den Lärm +verklingen, und nun wagte er sich erst einmal recht +umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer +dunklen Vorkammer, eine Treppe neben ihm führte zum +Turmaufgang, und von oben strömte noch ein matter +Lichtschimmer herab. + +</p><p>Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf +zu steigen, als jemand draußen sagte: „Aber morgen +müssen wir doch einmal in der Kirche nachsehen.“ Es +waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um +mitten auf der Dorfstraße Wache zu halten. Da +kletterte innen Kasperle angsterfüllt die ganz schmale, +steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben +suchen sie vielleicht nicht. + +</p><p>Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit +vielen, vielen Jahren Eulen. Eine alte Eulenurgroßmutter, +die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon ihre +Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter +im Turm gewohnt habe. Niemand störte +je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben den +Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten +durften das tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer +<!-- page 117 --> +in ihre Nester hinein. Die Glockenklänge waren ihnen +vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang, +dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den +Turm hinauf, denn die Treppe war morsch und das +Hinaufklettern gefährlich. + +</p><p>Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer +höher, und die Eulen, die sich gerade ihren Tagesschlaf +aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den kleinen, +sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie +erschraken sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: +„Nehmt euch in acht, der hat es auf die Kleinen, die +Nestlinge abgesehen!“ Da schrien alle Eulen; unheimlich +klang es, und alle schwirrten empor. Und auf +einmal flatterte und rauschte es Kasperle um den Kopf, +und er sah in viele funkelnde, böse Eulenaugen. Er +erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche +Angst vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff +ihn, und er wollte die Treppe eiligst wieder hinabsteigen. +Doch er trat fehl und fiel, die Eulen kreischten +laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst +den Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte. + +</p><p>„Bum, bum, bum!“ tönte es dumpf. + +</p><p>Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge +um diese Zeit waren ihnen ganz ungewohnt. Sie +flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle +klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke +geriet ins Schwingen. „Bum, bum, bum, bimbam, +bimbam!“ Die Glocke begann lauter und lauter zu +<!-- page 118 --> +rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die +Glocke schwang heftiger hin und her, die Eulen flatterten +wild und Kasperle hing am Strick und flog hin und +her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße +nicht mehr auf den Boden setzen. + +</p><p>„Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!“ Über +das schlafende Dorf rauschten die Glockenklänge. Die +Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren erschrocken +in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, +was war das? Der Schneidermeister Pimperling sprang +zuerst auf die Dorfstraße hinaus. „Feuer!“ schrie er, +„Feuer! Feuer!“ + +</p><p>Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern +stürzten die Leute, und alle schrien sie: „Feuer! Feuer!“ +Und alle sahen sie sich um, wo es denn eigentlich +brennen könnte. „Die Wassereimer her, die Wassereimer +her!“ schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze +gab es damals noch nicht in Waldrast. Und alles lief +und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer fragte +den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den +Gedanken kam, das müßte doch der wissen, der die +Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn? + +</p><p>Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst +geworden. Er hielt sich schließlich verzweifelt am +Gebälk fest, ließ den Strick fahren und sauste nun etwas +unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der +zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen +war er, und als er von draußen, von der Dorfstraße +<!-- page 119 --> +her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst gar nicht, +was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle +endlich einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem +Schlafe geweckt. Er hörte „Feuer! Feuer!“ schreien, +er hörte lautes Rufen und Fragen vor der Kirchentüre, +und da — Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe +hinab, jemand hatte draußen laut gerufen: „Ich wette, +das ist der Kasper gewesen, der hat sich in der Kirche +versteckt.“ Es war die Base Mummeline, die das rief. + +</p><p>„Die Türe ist aber verschlossen!“ rief jemand anders. + +</p><p>„Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,“ +verlangten ein paar Stimmen. „Flink, holt ihn!“ + +</p><p>„Bim — bam, bim — bam!“ Das Läuten oben +wurde schwächer, aber Kasperle hörte noch immer die +Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er +fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten +ihm wohl gar die Augen aus; unten standen die Dorfleute, +wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte jemand +rufen: „Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt +müssen wir den Kasper fangen!“ + +</p><p>Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, +und das Kasperle sah sich ganz verzagt um. Wohin +sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich neben +sich eine lange Stange stehen, und — ein ganz unnützer +Gedanke kam dem Kasperle. + +</p><p>Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging +auf. „Uje, ist’s hier aber dunkel! Holt flink ein paar +Laternen!“ rief jemand. Und dann gab es einen Plumps, +<!-- page 120 --> +ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war +über die Stange gefallen, die Kasperle quer vor die +Türe hielt. + +</p><p>„Au, Donnerwetter!“ Da lag der dicke Schulze. + +</p><p>„Himmel, Hagel, was ist das!“ Der eine Landjäger +fiel dem Schulzen nach, und der Schneidermeister +Pimperling quiekte: „Potz Hosenknopf und Ellenmaß, +hier spukt’s!“ + +</p><p>„Ich werde totgedrückt!“ kreischte die Base Mummeline. + +</p><p>„Laternen her, Laternen her!“ Einer nach dem +andern fiel in den Vorraum hinein, und in diesem allgemeinen +Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es +Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. +Er drückte sich ganz eng an die Mauer +an und wutschte um den Turm herum, und er war +gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute +mit Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte +sich am Turm, mit den Laternen wurden die hingepurzelten +Leute beleuchtet, und alle riefen: „Das ist +ein Streich von Kasper.“ + +</p><p>„Man muß den ganzen Turm absuchen,“ sagte der +Schulze, der sich stöhnend aufgerichtet hatte, und die +Base kreischte: „Der darf uns nicht entwischen, dieser +heillose Bösewicht!“ + +</p><p>Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, +dünn und mutig war, erbot sich, auf den Turm zu +steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und +<!-- page 121 --> +eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. +Er schaute dabei in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, +ob sich das Kasperle da nicht versteckt hätte, und +unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die Kirche, +alles ab, — kein Kasperle war zu finden. + +</p><p>Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben +drang. Das blendete sie, und sie versteckten sich +scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, aber soviel +der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle +fand er nicht. + +</p><p>Unten sagte der Kasperlemann: „Wir müssen ihn +finden, er muß doch da sein!“ Und er erzählte von der +hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und +alle suchten noch eifriger, alle sagten: „Er muß doch +da sein! Wer soll sonst die Glocke geläutet haben?“ + +</p><p>Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde +zu. Weil alle nach der Kirche liefen, bewachte keiner +die Wege, die nach auswärts führten, und Kasperle +gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den +Weg ein, der zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; +dort wußte er, dehnte sich der Wald viele, viele +Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte +der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute +aus Waldrast nie gingen. In der tiefen Dunkelheit +verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte wieder +mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln +und umgestürzte Bäume, und als er so ein paar Stunden +dahingelaufen war, sank er todmüde zu Boden. Er +<!-- page 122 --> +schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die +Sonne durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. +Soweit er blicken konnte, war dichter Wald um ihn her, +und ganz still war es. + +</p><p>Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein +und sah sich traurig um. Nun war er wieder mutterseelenallein +in der weiten, weiten Welt, nun hatte er +keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen +Kameraden. Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre +er doch dort geblieben und nicht fortgelaufen! Dort +war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, +aber wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann +doch an dem Schloß vorbei, in dem die liebliche Rosemarie +wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde +ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte +davor eine ganz schreckliche Angst. Der Herzog und +die Base Mummeline, das waren seine Feinde, und +als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief +weiter durch den Wald. Er wanderte und wanderte, +viele Stunden lang, der Wald nahm kein Ende; ganz +undurchdringlich schien er zu sein. + +</p><p>Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den +Boden nieder. Er zog das Brot heraus, das ihm die +gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann traurig +zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern +und Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne +fließen. Weil Kasperle durstig war, stand er auf und +ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen sah +<!-- page 123 --> +er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, +der kam mit viel Gebrause aus einer hohen, hohen +Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war der Wald +etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht +an seinem Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte +in das Wasser gefallen, sie schimmerten rot aus den +weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden blauen +Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser +aber lag eine winzige Insel. Da wuchsen große, weiße +Blütendolden, auf denen lauter schimmernde, goldbraune +Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser, +das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das +leuchtete, funkelte und glänzte in allen Farben, und +Kasperle staunte verwundert; wie ein Märchenwinkel +kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu +locken: „Komm, Kasperle, komm!“ Das Wasser spritzte +ihm an die Nase, die Himbeerbüsche bogen sich unter +der Last ihrer reifen Früchte, und da war Kasperle +denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, +trank erst vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die +Himbeeren und wurde plumpsatt. Da legte er sich an +das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der +aus der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne +auf das Bäuchlein scheinen. + +</p><p>Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. +Er schlief und schlief in die warme, Sommernacht hinein. +Einmal wachte er auf, da stand eine ganz schmale +Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das +<!-- page 124 --> +Bächlein rann wie ein Silberstrom aus seiner Felsspalte +hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, er sah die silbernen +Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich +am dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, +viele Sterne. Das war schön und friedsam. Kasperle +reckte und streckte sich und schlief weiter. + +</p><p>Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf +hinein: „Hallo, he, aufgewacht du!“ + +</p><p>Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich +verwirrt um. Da stand neben ihm ein Bub, nicht viel +größer als er, der trug ein Hemd und ein Höslein, +geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein +verbeultes, verblichenes Hütlein mit einem mächtigen +Busch Hahnenfedern daran. Es sah beinahe aus wie +der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater +zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten +lustig; der ganze kleine Kerl sah überhaupt so vergnügt +in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen mußte. + +</p><p>Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst +machte der fremde Bube Kulleraugen vor Erstaunen, +als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum andern +zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen +steckte wieder das Kasperle an, und so lachten sie eine +gute Zeit um die Wette, und die Felswand gab vergnügt +das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine +Anzahl Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert +und umringten die beiden Buben. Aber plötzlich +sprang der fremde Bube auf und schrie: „Rosemarie +<!-- page 125 --> +fehlt!“ Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen +davon. + +</p><p>Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. +War das liebliche Grafenkind hier im Walde, +und war er gar wieder dem Schlosse näher gekommen? +Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber +saß da, als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch +da kam der fremde Bub schon wieder zurück, er trieb +ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief schon +von weitem: „Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich +verlaufen.“ + +</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf. „Nä,“ brummelte er +entrüstet, „Rosemarie ist eine Grafentochter, keine Geiß!“ + +</p><p>Der fremde Bube lachte hell auf. „Freilich, ein +Geißenname ist’s nicht,“ rief er. „Rosemarie stammt +aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin Bärbe +hat sie dort geholt.“ + +</p><p>„Ist das weit?“ fragte Kasperle scheu. Er dachte +gar, das Schloß müßte ihm vor der Nase liegen. + +</p><p>„Weit — das Schloß?“ Der fremde Bube sah ihn +erstaunt an, die Frage kam ihm sehr schnurrig vor. +Was ging den andern das Schloß an? „Weit ist’s +schon,“ sagte er; „die Einöderin braucht immer ein paar +Tage dazu, sie stammt von dort.“ + +</p><p>Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm +auch ein, es war eigentlich längst Frühstückzeit vorbei, +und er kramte sein letztes Stück Brot aus der Tasche. +„Ich hab’ Hunger,“ sagte er seufzend. +<!-- page 126 --> + +</p><p>„Ich auch.“ Der fremde Bube zog auch ein Stück +Brot aus der Tasche und sagte: „Ich komm’ hierher +wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, und +niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias +nicht.“ + +</p><p>„Wer ist denn das?“ Kasperle setzte sich auch an +einen Himbeerbusch, wie es der andere tat. Beide +schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube, +der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne +neben des Herzogs Jagdschloß Hirschsprung, das ganz +nahe sei. + +</p><p>„Wohnt der Herzog hier?“ Kasperle ließ vor Schreck +eine dicke Himbeere und sein Brot dazu ins Wasser +fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, als der +fremde Junge sagte: „Bist du aber dumm! Der Herzog +wohnt doch in seiner Residenzstadt, weit, weit von +hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal hierher, sonst +steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar +nichts! Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? +Wer bist du?“ + +</p><p>Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein +Sprüchlein sagen, aber des fremden Buben helle, klare +Augen schauten ihn so ernsthaft an, da senkte er verwirrt +seine Nase. + +</p><p>„Hast du was Schlimmes getan?“ fragte plötzlich +der andere fast streng. + +</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte +er dem Buben, wer er sei. Alles erzählte er, und der +<!-- page 127 --> +andere lachte mit und sah mit traurig drein, und als +Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune +Hand hin und rief: „Armes Kasperle! Aber weißt du, +ich will dein Freund sein. Ich bin das Geißenmichele +und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?“ +Michele wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, +was er aus Mitleid dem Kasperle Gutes antun sollte, +darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des Michels +Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger +gerade nicht sehr groß. Michele meinte aber, für einen +Freund, den man so unversehens im Walde finde, +müßte man auch einmal hungern können. Kasperle +aber sah, mehr Brot war nicht im Säcklein, und schlug +vor, sie wollten teilen. Also teilten sie, schmausten +viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was aus +Kasperle werden sollte. + +</p><p>Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, +doch das ging nicht; er hatte nämlich selbst +kein rechtes Zuhause. Er war einer armen Witwe +Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen +Dorf, und er hatte sich als Geißenbub verdingt, um +der Mutter zu helfen, die noch für drei kleinere Kinder +sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem +Heuboden, dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. +Und Kasperle tat einen tiefen Seufzer und +sagte traurig: „Ich muß weiterziehen.“ + +</p><p>Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter +Gedanke, und er überkugelte sich gleich einmal vor +<!-- page 128 --> +Freude und schrie dabei: „Hurra, das wird fein, fein, +fein!“ + +</p><p>Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein +würde, und da vertraute ihm Michele an, das Schloß +sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle darob +vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein +wurde, erzählte Michele, im Schlosse wohne niemand, +und der böse Matthias und seine Frau gingen selten +hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, +daß eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit +unverschlossen sei, wohl weil der brummige Matthias +den Schlüssel verloren habe. „Ich bin schon manchmal +drin gewesen; fein ist’s drin!“ tuschelte Michele seinem +neuen Freunde geheimnisvoll zu. „Du kannst drin +wohnen, und dann treffen wir uns alle Tage und hüten +die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab’ arg +großen Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr +Brot, dann langt es für uns beide.“ + +</p><p>„Aber der Herzog!“ Kasperle sah so ängstlich drein, +als spaziere der Herzog schon um die Ecke herum. + +</p><p>Michele lachte ihn aus. „Bist ein Hasenfuß; der +Herzog, kommt höchstens zweimal im Jahr nach Hirschsprung, +na, und das merkst du ja vorher. Komm jetzt +rasch, ich zeige dir die Türe!“ Er sprang auf und sah +nach den Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen +Klettereien; satt und faul lagerten sie auf einem Wiesenfleck, +und die beiden Freunde konnten beruhigt zum +Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. +<!-- page 129 --> +Kasperle staunte. Ein paar Schritte ging es durch den +Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, rings von +Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen +dicken Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, +am Wiesenrand, lag ein kleines Haus, die Försterei. +Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund bellte, +als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele +führte seinen Freund nun um die grauen Mauern herum +und zeigte ihm neben dem Turm ein Pförtlein, das fast +ganz hinter Gebüsch verborgen war. „Da hinein geht’s,“ +sagte er, „und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, +und niemand sieht dich.“ + +</p><p>Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele +drückte auf die rostige Klinke; sie gab nach, und da +standen die beiden wirklich im Schloß. Ein schmaler, +weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt +ihn ganz keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, +weil sich aber wirklich niemand und nichts im Schlosse +regte, wurde er auch mutiger. Die beiden Freunde schlossen +Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen +alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als +Kasperle auf einmal sagte: „Im Grafenschloß war’s +noch feiner.“ + +</p><p>„Was Feineres gibt’s nicht,“ rief Michele und riß +eine Türe auf. Die führte in einen Saal hinein, der +nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster eingerichtet +war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas +und Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen, +<!-- page 130 --> +an den Wänden gab es in breiten goldenen Rahmen +heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, schwebten +oben an der Decke. + +</p><p>Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im +Grafenschloß, und Michele, der schon ganz wütend +gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun +auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, +und als sie beide beim Herumwandern in ein sehr +schönes Zimmer kamen, in dem ein breites goldenes +Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. „Ich +glaube, das ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,“ flüsterte +Michele etwas scheu. „Darin kannst du doch nicht +schlafen!“ + +</p><p>Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit +Seide überzogenen Bett und rief: „Hurra, hier schlafe +ich: Das ist fein, fein, fein!“ + +</p><p>Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene +Bett gelegt, aber er dachte an die armen Geißen, die +er verlassen hatte. „Ich muß gehen,“ sagte er betrübt, +und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus +und erklärte: „Ich geh’ mit.“ Einträchtig verließen +sie beide wieder das Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, +fanden die noch ruhig am alten Platz weiden, und +sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner +zu halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß +vorbeiziehen und pfeifen, und sobald Kasperle dies hörte, +sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie zusammen +spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide +<!-- page 131 --> +freuten sich schon auf die Tage, die kommen würden, +und einmal sagte Kasperle ängstlich: „Aber der Herzog, +wenn der in sein Schloß kommt!“ + +<span class="centerpic" id="img-color130"><img src="images/color130.jpg" alt="Illustration color130" /></span> +</p> +<p class="caption">Kasperle schläft auf seidenen Kissen + +</p><p>„Ach, der kommt ja erst im Herbst!“ Michele schnippte +mit der Hand, als könnte er damit den Herzog davonweisen, +und Kasperle war beruhigt. Mit seinem neuen +Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum +Heimgehen, und als das Schloß sichtbar wurde, trennten +sich beide. Kasperle schlüpfte wieder durch das Gebüsch, +öffnete die kleine Türe und stand dann allein in dem +Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, +und da begann sich der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am +liebsten wäre er wieder umgekehrt und dem Michele +nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne +seidene Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind +die Treppe hinauf und durch die Gänge, bis er +das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr eilig in +das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren +und schlief wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte +ihn in dem einsamen Schlaf. Nur einmal hörte er ein +fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber nicht +auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster, +den Michele den brummigen Matthias nannte, und blies +auf seinem Hifthorn ein Abendlied. Feierlich tönte das +durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur +die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen +Schloß sei ein wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von +dem selbst der Förster nichts wisse. +<!-- page 132 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-12"><span style="font-size:small">Zwölftes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle wird ein Gespenst +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, +schimmerte es ganz golden durch die herabgelassenen +Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte +durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr +gewarnt hatte, dies zu tun. Draußen lag die Waldwiese +im ersten Frühsonnenschein, und selbst in das +verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und +Jubilieren der Vögel, die den neuen Tag grüßten. +Wie lustig es klang! Kasperle erhob purzelvergnügt +sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß +in dem einsamen Schloß ihn niemand singen hörte, +denn vor dem Gesang konnte schon einer davonlaufen. +Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und +drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand +seinen Singsang schön, und singend lief er in dem +Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam er auch in +die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig +war, und das Singen verging ihm. Er begann neugierig +in alle Töpfe und Schränke zu schauen, doch +nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend +an die gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und +gerade wollte er die Küche wieder verlassen, als er in +<!-- page 133 --> +einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er sie auf, +ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es +merkwürdig gut roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, +sah sich um und sah auf einmal von der Decke +herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken +und Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die +Räucherkammer geraten, in der es noch Vorräte vom +letzten Besuch des Herzogs her gab. + +</p><p>Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann +er sich nicht, ob er zugreifen dürfe oder nicht. Er +sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst erwischte; an +der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann +verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit +seiner Wurst bis zur kleinen Pforte, an der Michele +pfeifen sollte. Das dauerte noch ein Weilchen, und +Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, +und als Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück +verschmaust. + +</p><p>Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle +ihm von der Wurstkammer erzählte. „Das darfst du +nicht, die Würste aufessen,“ sagte er bedrückt; „sie +gehören doch dem Herzog!“ + +</p><p>Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der +fand nichts Unrechtes am Wurstraub, sagte, die hätte +der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele glaubte +ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu +ihrem Brot, aßen tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen +einen sehr vergnügten Tag. Die Geißen waren +<!-- page 134 --> +brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als +Kasperle dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da +stellten sie sich alle dazu und meckerten erstaunt; so +etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie meckerten, +und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von +sich, so arg mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh +vor Lachen, und er legte sich flink in die Sonne. +Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der +Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und +Michele wieder lachen konnte. + +</p><p>So verging der Tag. Am Abend trieb Michele +die Geißen heim, und Kasperle kehrte in das stille +Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern +kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, +bis ihn wieder das goldene Scheinen hinter den Vorhängen +weckte; da war wieder ein neuer heiterer Tag +für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß, +holte wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer +und stand schon an der kleinen Pforte, als Michele +daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von weitem +dem Kasperle halblaut zu: „Verstecken, verstecken!“ + +</p><p>Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als +Michele herankam, tuschelte der ihm zu: „Der brummige +Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht +sehen!“ + +</p><p>Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß +der Geißenbub seine Herde so dicht am Schloß vorbeitrieb, +aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte unter die +<!-- page 135 --> +Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im +Walde verschwunden. + +</p><p>Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag +wie ein schöner Traum. Es wurde Abend, es wurde +wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, +alle waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust. + +</p><p>Über eine Woche war so vergangen, da wachte +Kasperle eines Morgens auf, und er wunderte sich, +wie dunkel es war. Vielleicht ist’s noch Nacht, dachte +er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern +und Rauschen, und als er durch das Ritzchen im Vorhang +hinausspähte, merkte er, es regnete. In wahren +Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, +immerzu. Düster, grau hingen die Wolken tief herab, +der Wald sah aus, als schliefe er noch, nichts rührte und +regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit +seinen Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half +Gemüse putzen, und er dachte dabei sehnsüchtig an seinen +Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war +nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen +Schloß, und weil er nicht wußte, was er anfangen +sollte, begann er das Schloß von oben bis unten +zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle, +räkelte sich auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er +wieder in des Herzogs Schlafzimmer. In dem hingen +allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin, die ein +Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies +Bild gefiel Kasperle besonders gut. Um es besser zu +<!-- page 136 --> +sehen, rieb er ordentlich seine große Nase daran, ja +er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte er +an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er +wissen wollte, was dies bedeute, drückte er ordentlich fest +darauf. Da rauschte es plötzlich sacht, das Bild wich +von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen +kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm +daraus entgegen. + +</p><p>Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene +Bett hinein, er kroch unter die Decke, und da lag er +eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles blieb still. +Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen. +Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder +hervor. Die geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte, +stand noch halb offen, und in dem Raum dahinter +war es auch ganz still. + +</p><p>Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber +neugierig war er auch. Endlich siegte doch die Neugier, +und er kletterte wieder aus dem Bett heraus und +schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale +Kammer war es, die sich vor ihm auftat; aus der führte +ein Trepplein in die Tiefe. Die Kammer selbst war +in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß +sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz +dicht gewachsen war; man mochte wohl von draußen +das runde Fenster gar nicht sehen hinter der dichten Efeuwand. +In der kleinen Kammer selbst stand nur eine altmodische +Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte. +<!-- page 137 --> + +</p><p>Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne +und goldene Becher und eine goldene Kette lagen drin +und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war ein +roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen +war. Kasperle nahm ihn sich um, hängte sich die goldene +Kette an den Hals und spazierte so ein Weilchen hin +und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. +Er warf alles in die Kiste zurück und begann das +Trepplein hinabzusteigen, Stufe um Stufe. Etwas bänglich +war ihm doch zumute, und als ihm von unten herauf +eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch +um und schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog +das Bild wieder zurück, ganz leicht ging es nicht, aber +plötzlich schnappte es ein, und von der geheimnisvollen +Kammer war nichts mehr zu sehen. + +</p><p>Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband +des Lammes, er fand ihn, drückte darauf, und +wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen, +dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er +ging nun überall im Schloß herum und untersuchte alle +Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild müßte eine +geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren +und Damen, deren Bilder die Wände schmückten, auch +auf die Nasen, Münder, Augen und Bäuche drückte, +keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, +und Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich +dabei auf den kommenden Tag, da würde doch sicher +schönes Wetter sein. +<!-- page 138 --> + +</p><p>Doch der Regen rann und rann. Am nächsten +Morgen war es noch grauer; noch düsterer sah der +Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen +daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder +im Schlosse herum. Das geheime Kämmerchen untersuchte +er ganz genau, er ging auch ein paar Schritte +die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er +holte sich wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; +doch die wollte ihm gar nicht mehr so recht schmecken. +Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren +besser gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, +ohne Unterlaß rann es vom Himmel herab, und am +nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle +vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal +ein helles Licht das Zimmer erfüllte. Kasperle sprang +auf und sah hinaus. Draußen war soeben die Sonne +hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken +besiegt. Hier und da schimmerte der Himmel tiefblau, +und die grauen Wolken jagten davon, als hätten sie +die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim +Schwänzlein genommen zu werden. Heisa, nun wurde +morgen gewiß schönes Wetter! + +</p><p>Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann +rannte er wieder im Schloß treppauf, treppab, holte +sich eine riesengroße Wurst, die er morgen mitzunehmen +gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett. +Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele +wiedersehen. +<!-- page 139 --> + +</p><p>In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. +Er war zwar noch blaß, und es fehlte ihm ein +ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner, +wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über +der Waldwiese vor dem Schloß, als Kasperle einmal +aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es schon +wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er +den Mond glänzen, und das Rauschen, das er hörte, +kam vom Wald herüber. Aber noch etwas anderes +hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus +herüber tönte es, und im klaren Licht des Mondes +sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause drüben halten. +Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder +in sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief +er denn auch bald ein. + +</p><p>Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er +erstaunt: Was ist denn das? Es rummelte, knarrte, +klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht +so still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes +Rufen: „Matthias, Matthias, jetzt wollen wir erst in +dem Herzogszimmer scheuern!“ + +</p><p>Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett +heraus. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Menschen +waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein +paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was +er tun sollte; doch da fiel ihm die Kammer hinter dem +Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, die Türe +rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und +<!-- page 140 --> +die Wurst und witschte in die Kammer. Es war die +höchste Zeit, denn draußen dröhnten schon schwere +Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre +geschlossen, als der Förster und seine Frau das +Zimmer betraten. Kasperle vernahm einen lauten Schrei, +die Försterin hatte das zerwühlte Bett erblickt. „Matthias, +Matthias,“ rief sie, „es ist wahrhaftig jemand im Schloß +gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs +Bett hat er gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr +wüßte!“ + +</p><p>Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte +ihn sagen, es müßte gerade ein Gespenst gewesen sein, +von einem lebendigen Menschen hätte er doch etwas +merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen +gewesen. „Matthias, die kleine Pforte war ja auf!“ +schrie die Försterin. „Weißt du, von der der Schlüssel +verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas gestohlen +worden ist!“ + +</p><p>Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte +und brummte, und Kasperle hörte ihn sagen, daß er +die kleine Pforte verriegeln wolle. + +</p><p>„Nein, nein,“ rief seine Frau, „unser großes Vorlegeschloß +tu dran, das hält besser!“ + +</p><p>Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit +einem Schloß verschloß, dann konnte er nicht hinaus +und —. Da sagte die Försterin: „Und morgen kommt +der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit +wir fertig werden!“ +<!-- page 141 --> + +</p><p>Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog +kommen, und geschlossen sollte werden. Wie sollte er +denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich +klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus +und schlafe im Walde. Damit tröstete er sich über +diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem +Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine +Frau wirtschafteten immerzu im Schloß herum, und er +wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. Doch als es +dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen +klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, +die Bildtüre zu öffnen. Er nahm seine Wurst unter +den Arm, die er schon halb aufgegessen hatte, und +schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte +an der Tür die Klinke nieder und — merkte, er war +eingeschlossen. + +</p><p>Von außen war das Zimmer verschlossen, und als +Kasperle versuchte, das Fenster zu öffnen, sah er erst, +daß dies vergittert war. Er konnte nicht hinaus, er +war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte +und rannte verzweifelt im Zimmer hin und her; es half +ihm alles nichts, er konnte nicht hinaus. Zuletzt kroch +er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem schneeweißem +Linnen überzogen war. Und heulend wühlte +sich Kasperle in die Kissen, und er schlief in dieser Nacht +nicht wie ein Säcklein, sondern wachte immer und immer +wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm: +Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. +<!-- page 142 --> +Und als er erschrocken aufsprang und hinausspähte, +sah er draußen einen ganzen Zug Reiter ankommen, +ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die +Fahrt zu seinem Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden +gemacht, weil es ein heißer Tag zu werden +drohte. + +</p><p>Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! +Kasperle sah ihn aus dem Wagen steigen, und da entwischte +er flink in sein Versteck. Er zitterte vor Angst, +und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der +Geldkiste nieder. Wie sollte er nun entfliehen? + +</p><p>Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm +Schritte, und dann hörte er auch, wie in des Herzogs +Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein +lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! +Daran hatte das dumme Kasperle gar nicht gedacht. + +</p><p>In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen +unterscheiden. Jemand schalt heftig, das war der Herzog, +und dann weinte jemand, das war die Försterin. Sie +schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen +gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im +Schlosse sein. Und sie beschrieb, wie gestern so viele +Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt +gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten +können. Von den verschwundenen Würsten sagte +sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, auch von +dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes +Gewissen hatte. +<!-- page 143 --> + +</p><p>Als die Försterin immerzu rief: „Ein Gespenst, ein +Gespenst muß im Schlosse sein!“ bekam es Kasperle mit +dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor den Mund, +um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend +etwas tun mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, +schlenkerte er das linke Bein hin und her; er traf dabei +einen der silbernen Becher, und der rasselte mit großem +Getöse zu Boden. + +</p><p>Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog +rief: „Was war das, was war das?“ und die +Försterin antwortete schluchzend: „Das Gespenst, das +Gespenst!“ + +</p><p>„Es muß alles genau untersucht werden,“ befahl der +Herzog. „Auch soll das Schloß ringsum bewacht werden. +Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!“ + +</p><p>Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich +das laute Rufen weiter im Schlosse fortsetzte, und er +hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der Leibarzt müsse +kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. +O heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte +er sich vielleicht ins Bett, und das Kasperle war noch +mehr gefangen. + +</p><p>Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. +Er war nämlich an diesem Tag zu früh aufgestanden, +das war seine schlimmste Krankheit. Während der +Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge +herbeibrachte für den Herzog, saß nebenan Kasperle +trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der Wurst +<!-- page 144 --> +herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war +durstig geworden und sehnte sich nach dem schönen +Quellwasser, das er mit Michele zusammen getrunken +hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, +das winzige runde Fenster mit dem dichten +Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch ging draußen +der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze +Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, +schmaler Lichtstreif in die Kammer, und Kasperle sah +zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles +Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, +tappte sich zu dem Loch hin und sah nun zu seinem +großen Erstaunen durch die kleine Öffnung gerade in +des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing +innen in des Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. +In seinem Schwertknauf war das kleine Guckloch, und +es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein +neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der +Leibarzt saß daneben, dabei noch zwei Herren. In dem +einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, Rosemaries +Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die +in dem Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte +davon dem Grafen, der erst später gekommen war. Kasperle +spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er sich fester +an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: „Was +raschelt da so?“ + +</p><p>Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das +Gleichgewicht und purzelte mit ungeheurem Getöse von +<!-- page 145 --> +der Kiste herab. O jemine, gab das wieder einen Aufstand! +„Es ist nebenan,“ rief der Herzog, „in dem Saal, +schnell, schnell, man muß nachsehen!“ + +</p><p>Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in +den großen Speisesaal, der an des Herzogs Zimmer +grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer +dick, und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den +riesigen Schränken, die im Speisesaal standen, könnte +die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden abgesucht, +Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, +von einem raschelnden, purzelnden Gespenst war aber +nichts zu sehen. Von der schmalen Kammer zwischen +den Wänden ahnte niemand etwas. + +</p><p>Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel +geworden. Als Kasperle endlich wagte, wieder durch +das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog Kamillentee +trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: +„Wenn das Gespenst nur nicht das Kasperle ist!“ + +</p><p>„Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?“ +Der Herzog richtete sich erschrocken auf und machte solche +böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink zusammenduckte. + +</p><p>„Ja,“ sagte drüben der Diener, „ein Landjäger +hat erzählt, sie hätten vor einiger Zeit das Kasperle +beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da wieder +auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das +Kasperle seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, +da ist es doch möglich, daß sich der kleine Kobold hier +versteckt hat.“ +<!-- page 146 --> + +</p><p>„Ja, ja,“ rief der Graf aufgeregt, „so wird es sein! +Sicher steckt dieser Unhold hier irgendwo im Schloß.“ + +</p><p>Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut +möglich, beinahe möchte er an ein Gespenst glauben. + +</p><p>„Mit Verlaub,“ sagte da der Haushofmeister, der +eben eingetreten war, „ein Gespenst frißt doch nicht die +Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich noch +nie von einem Gespenst gehört.“ + +</p><p>Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht +gehört, und so etwas wäre dem Kasperle schon eher +zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun erzählte, +wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da +befahl der Herzog streng: „Man muß suchen, auf dem +Boden, in den Kellern, überall, auch in den Schornsteinen, +und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen +hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich +nicht schon ist. Das Kasperle, den Unhold, will ich +aber streng bestrafen, wehe ihm!“ + +</p><p>Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl +der kleine Unhold stecken könnte, daß niemand den +tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach, +es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, +und wer weiß, wie übel es ihm erging, wenn er +entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs +Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den +Fußboden nieder, vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. +Und Kasperle schlief wirklich ein, und im +Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie +<!-- page 147 --> +hatten sich müde gesucht, und schließlich sagten sie: „Es +ist sicher ein Gespenst, ja, und Gespenster findet man +nicht.“ + +</p><p>Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen +Bett, um das Kasperle ihn sehr beneidete. Der Kleine +wachte aber mitten in der Nacht auf, der Mond schien +ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. +Hinter dem runden Fensterloch stand noch schief, aber +glänzend der Mond und erleuchtete die winzige Kammer. +Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt auf der Waldwiese! +Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, +seufzte er recht tief und vernehmlich. + +</p><p>„Johann,“ schrie nebenan der Herzog, „hörst du, es +hat geseufzt!“ + +</p><p>„Jawohl, es hat geseufzt,“ antwortete der Diener +verschlafen. „Es ist doch ein Gespenst!“ + +</p><p>Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder +ein Gespenst sein sollte. Er seufzte noch einmal und +noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man +solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. +Flugs schwieg Kasperle wieder, weil aufs neue das +halbe Schloß lebendig wurde. Diener kamen, der Haushofmeister +kam, Kammerherren rannten herbei, und alle +lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, +da wurde es auch drüben still, alle gingen wieder +zu Bett. + +</p><p>Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als +das Geseufze wieder anfing. „Das Gespenst seufzt wieder!“ +<!-- page 148 --> +Der Herzog schrie, der Diener schrie, und wieder rannten +alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle +zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte +die alte Kiste, an die er gestoßen war. + +</p><p>„Das Gespenst, das Gespenst!“ Nebenan redeten +viele Stimmen durcheinander, und Kasperle verhielt +sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, man +müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal +jemand eingemauert worden, und der geistere nun +herum. + +</p><p>„Das ist recht,“ antwortete der Herzog, „man soll +morgen gleich den Hofbaumeister holen.“ + +</p><p>O weh! Da verging dem Kasperle wieder der +Übermut. Wenn der Hofbaumeister die Wände abklopfte, +fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte +ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts +störte fortan den Herzog mehr. Dabei schlief Kasperle +nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er beschloß, +morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand +er da einen Ausgang. + +</p><p>Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne +Fensterloch in das Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle +zur Flucht. Seinen letzten Wurstzipfel nahm er mit +und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und +klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte +von dem Geräusch. Weil dann aber alles still blieb, +dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach seiner +Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er +<!-- page 149 --> +das schmale Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach +lieber Himmel, er hätte auch lieber Schokolade getrunken, +als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den +schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; +feucht und kühl war es, und ein paarmal huschte etwas +vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es mochten +Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte +das Echo wieder, und in der Küche ließ just in dem +Augenblick die Köchin des Herzogs die Morgenschokolade +fallen. „O du meine Güte,“ schrie sie, „nun +geistert es hier auch, hört nur!“ + +</p><p>Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das +Geächze vernommen, denn Kasperle war gerade unter +der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der Gang +zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal +sah Kasperle es in der Ferne hell werden. Nun rannte +er, so schnell er mit dem Geldsäcklein vorwärts kam, +plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. +Er kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht +weit davon lag das Schloß. Kasperle wollte weiterrennen, +denn er dachte an die Wächter, die das Schloß +bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, +und neben ihm schrie Michele: „Endlich kommst du, +endlich!“ + +</p><p>Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand +und zog ihn mit fort, die Geißen folgten, und erst als +alle weit drinnen im Walde waren, begann Kasperle +seine Abenteuer zu erzählen. „Da,“ sagte er stolz und +<!-- page 150 --> +hielt Michele den Geldbeutel hin, „den habe ich dir +mitgebracht.“ + +</p><p>Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der +sah den Freund tief erschrocken an. „Kasperle,“ sagte +er leise, „das Geld gehört dem Herzog; das — das — +ist — gestohlen!“ + +</p><p>„Nä!“ Kasperle riß seine Augen weit auf. „Ich +hab’s doch gefunden!“ + +</p><p>„Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, +was drin ist, gehört dem Herzog!“ Michele war blutarm, +und er wäre himmelgern lieber ein Geigenspieler +statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den +Beutel nicht an. „Du mußt das Geld zurücktragen,“ +sagte er, „es gehört dir nicht. Weißt du, schon die +Würste zu nehmen war arg böse.“ Und Kasperle +mochte sagen, was er wollte, Michele blieb dabei. + +</p><p>Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich +an und flüsterte leise: „Du bist gut.“ Er ließ den Kopf +hängen, denn er schämte sich, daß er nur ein unnützes +Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner +Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich +es ihm war, noch einmal durch den langen, langen, +finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er wolle es tun. + +</p><p>„Gleich,“ riet Michele, „ehe der Hofbaumeister die +Türe findet.“ Er kramte aus seiner Tasche ein Stückchen +Licht und eine Schachtel Streichhölzer heraus; auf den +Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er +die Herrlichkeiten hin. +<!-- page 151 --> + +</p><p>Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in +den unterirdischen Gang hinein. Innen zündete er das +Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, er kam +bis zur Treppe, und da — wurde das Kasperle wieder +unnütz. Er schleuderte nämlich den Geldsack heftig +gegen die Türe, der Herzog sollte noch einmal tüchtig +erschrecken. Doch was war das, — die Türe ging auf! +Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen. + +</p><p>Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte +Hals über Kopf die Treppe hinab, in den Gang hinein. +Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es wieder +anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es +hell, er kroch durch das Gebüsch. Unweit davon weidete +Michele seine Geißen. „Ausreißen!“ rief Kasperle, +„ausreißen!“ + +</p><p>Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. +Er trieb seine Herde an, und die armen Geißen mußten +wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen verging. +Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die +Freunde sich zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. +Kasperle sank ganz atemlos zu Boden, Michele brachte +ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der +kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte +dabei Michele verlegen an. Was würde der sagen? + +</p><p>Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude +an unnützen Streichen. Er lachte und meinte, der +Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein gefreut, +und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die +<!-- page 152 --> +geheime Schatzkammer sei. „Aber nun hast du keinen +Unterschlupf,“ fügte er traurig hinzu. „Hier zwischen +den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange drin +hausen kannst du nicht. Und — und“ — Michele tat +einen ganz tiefen Seufzer — „was machst du, wenn ich +nicht mehr komme?“ + +</p><p>Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen +Mund weit auf. Michele wollte nicht mehr kommen! +Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad, +in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und +Geißen aus dem Dorf für ein paar Wochen auf eine +hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um alle Tage +die Milch hinabzufahren. + +</p><p>„Ich geh’ mit,“ schrie Kasperle, denn das Hausen +auf der Bergwiese schien ihm lustig zu sein. + +</p><p>Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. „Es geht +nicht,“ sagte er ernsthaft, „du mußt weiterwandern; hier +finden sie dich. Bei uns ist auch schon ein Landjäger +gewesen, um nach dir zu suchen.“ + +</p><p>Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das +Weiterwandern machte ihm keinen Spaß mehr, und am +liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! Doch +wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, +zuviel war er kreuz und quer gelaufen, und Michele +wußte es auch nicht. Der gab aber verständigen Rat. +Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot +herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin +ihm geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine +<!-- page 153 --> +immer oben auf dem Bergrücken weiterwandern und +ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das Fürstentum +S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn +der Herzog wohl nicht fangen lassen. „Wenn du an +einen blaugelben Grenzpfahl kommst,“ sagte Michele, +„dann bist du an der Grenze.“ + +</p><p>Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan +sehr vernünftig zu sein. Er tat auch, wie Michele ihm +geraten, kroch in die Felsenspalte, als der Freund mit +seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die +Nacht besser als im Gespensterkämmerlein. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-13"><span style="font-size:small">Dreizehntes Kapitel</span> <br /><br />Der bunte Garten +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die +Türe geschleudert hatte, war dem Herzog gerade auf +den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, da +lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als +hätte er das vom Kasperle gelernt. „Das Gespenst, +das Gespenst!“ brüllte er, und wieder rannte, wer das +Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale +Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. +Vielleicht saß das boshafte Gespenst noch irgendwo +in der Ecke. Endlich kamen etliche Kammerherren, +auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, +<!-- page 154 --> +sahen die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und +stiegen in den dunklen Gang hinab. Auf dem Flur +drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten: +„Das Gespenst wird uns alle totmachen!“ + +</p><p>Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, +und der Leibarzt gab ihm Magentropfen und sagte, +Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog aber +noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren +zurück; einer hielt einen Wurstzipfel in der Hand +und sagte: „Den muß das Gespenst verloren haben. +Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es +schon jemand Lebendiges gewesen sein.“ + +</p><p>„Das Kasperle war’s,“ rief der Herzog. „Ich glaube +auch, ich habe es gesehen, als die Türe aufging.“ + +</p><p>Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle +gewesen sein, denn ein Einbrecher hätte nicht mit dem +Geldsack Fangeball gespielt, sondern den lieber mitgenommen. + +</p><p>„Die ganze Gegend muß abgesucht werden,“ befahl +der Herzog, „irgendwo muß doch der kleine Kobold zu +finden sein!“ + +</p><p>Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, +ging er dicht am Schloß vorbei. Er traf auch +eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und +das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen +war. Dem Michele wurde das Herz schwer, und er +konnte in der Nacht gar nicht ordentlich schlafen vor +lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen +<!-- page 155 --> +seine Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, +es sei noch bald nachtschlafene Zeit. Als Michele am +Schloß vorbeikam, sah das auch noch ganz verschlafen +aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den +Wald lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig +drein und schrie Michele zu: „Nimm heute deine Geißen +in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und +Hunden abgesucht.“ + +</p><p>Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen +konnten nicht genug hopsen und springen. Michele trieb +sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter lachte +hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das +Michele eilte! Der fand Kasperle noch in seiner Felsspalte +sitzen, und aufgeregt erzählte er ihm die neue +Gefahr. „Bleib da drinnen,“ sagte er, „ich pflanze +flink einen Busch davor, da sieht dich niemand.“ + +</p><p>Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub +einen Busch aus, pflanzte den vor die kleine Höhle und +machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang verdeckt +wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So +schwätzten sie zusammen. + +</p><p>Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im +Walde, und gerade sagte Kasperle, nun wolle er ein +bißchen herauskommen, als aus der Ferne her lautes +Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den +beiden Kameraden die Herzen arg, denn näher und +näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der brummige +Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde +<!-- page 156 --> +heraus. Als der Förster Michele so ruhig seine Geißen +weiden sah, rief er nur hinauf: „Ist hier jemand vorbeigekommen?“ + +</p><p>„Nä, niemand!“ schrie Michele, und er dachte mit +heimlichem Lachen vergnügt bei sich: Nun sage ich es +doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht vorbeigegangen! + +</p><p>Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich +kam angesprungen, der roch am Boden des Kasperles +Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien: +„Meine Geißen, meine Geißen!“ Da lockte Matthias +den Hund zu sich, und Kasperle blieb unangefochten in +seiner Felsspalte sitzen. + +</p><p>Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und +wieder zog Michele mit seinen Geißen heim, und Kasperle +blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an des +Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin +gelegen! + +</p><p>Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das +war aber ein Abschiedstag. Michele kam mit dem +Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus. +Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, +und als das Michele scheiden mußte, da fing Kasperle +bitterlich zu weinen an. + +</p><p>Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle +heulte wie ein kleiner Gießbach, und zuletzt heulte +Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle tat +ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in +die weite Welt gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch +<!-- page 157 --> +scheiden. Kasperle blieb allein in seinem Felsenloch +sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. +Er ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe +etliche Bäume um und ebenso das Schloß, wenigstens +stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter +rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: „He, hier +treibt sich ja ein fremder Bube herum!“ und es war +gut, daß der brummige Matthias den kleinen Geißenhirten +kannte. So entkam der und wurde nicht weiter +nach dem Kasperle gefragt. + +</p><p>Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen +mochte er gar nicht, und als der Mond aufging, der +nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete sich +Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er +buckelte das Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch +von sich gegeben hatte, und in dem das Brot steckte, +nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, +und wanderte in die stille Nacht hinaus. + +</p><p>Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles +Weg. Ganz einsam war der, nur einmal sah der kleine +Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da dachte er +an Micheles gute Lehren und machte einen weiten +Bogen darum herum. Als es Tag wurde, suchte er +sich tief im Wald einen verborgenen Platz, da lag er +und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er +auf und wanderte weiter. + +</p><p>Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam +dahin, und sein Brot hatte er bis auf ein Schnitzchen +<!-- page 158 --> +aufgegessen. Endlich erblickte er in der Morgenfrühe +einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, +sah er eine größere Stadt liegen. Er schlief nur ein +paar Stunden an diesem Tage, zur Mittagszeit aß er +seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal +hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht +hatte, und die Sonne hatte sich schon ihr schönes rotes +Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an einem +der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief +nämlich noch eine uralte Mauer. Die hatte Tore und +Türme, und von den kleinen Turmfenstern herab hingen +rote Hängenelken, und Geranium blühte daran. + +</p><p>Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, +der erblickte etwas viel viel Schöneres. An der Stadtmauer +außen lag ein großer Garten, in dem tausendfältig +bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die +schönen Malven die Wege, golden leuchteten Beete +voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und Eisenhut, +Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht +nebeneinander. Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von +der alten Stadtmauer herab, und Kasperle staunte die +bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im Herzogsschloß +sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen +den Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, +der begoß sorgsam Pflanze um Pflanze. Er bückte +sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte sie +wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als +würde ihm dies alles recht schwer. Und wie er gerade +<!-- page 159 --> +wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand auf einmal +Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, — schwipp, +schwapp, begann er mit einem großen Geplantsche zu +gießen. Dazu lachte er über das ganze Gesicht, und +der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine +Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz +gut. Er setzte sich auf eine Bank, und Kasperle goß +den Garten; er meinte, eine vergnüglichere Arbeit habe +er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem +bunten Garten, in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes +Haus stand. Und als Kasperle fertig war, +setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, +blinkerte den zutraulich an und fragte: „Darf ich bei +dir bleiben?“ + +</p><p>Der Alte lachte. „Du bist ja ein schnurriger Bube!“ +sagte er. „Wer bist du denn? Woher kommst du? +Wie heißt du?“ + +</p><p>Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es +ihm wie beim Michele, er konnte seine Lügengeschichten +nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ er den Kopf +hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll +Güte: „Du bist wohl ausgerissen, Kleiner?“ + +</p><p>Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, +wer er war; er hatte zu große Angst vor den Menschen +bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der +Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: +„Bleibe nur bei mir in meinem Garten! Morgen +sagst du mir wohl, wer du bist.“ +<!-- page 160 --> + +</p><p>Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, +und der alte Gärtner erzählte von seinen Blumen, wie +die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde nicht müde +zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, +und der Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen +gehen; er zeigte ihm auch eine kleine Kammer, darin +stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich +nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem +Boden geschlafen hatte. Durch das offene Fenster strömte +der Duft der vielen, vielen Blumen in die Kammer, +und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu +klingen und zu tönen, eine wundersame Musik war es, +und Kasperle wurde darüber hellwach. Er hatte noch nie +etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik. +Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. +Dicke, dicke Tränen liefen dem Kasperle über das Gesicht, +er dachte an seine Verlassenheit, und eine große +Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. +Immer lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt +schlief Kasperle darüber ein. + +</p><p>Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der +alte Gärtner weckte. „Komm,“ sagte der, „jetzt wollen +wir wieder in den Garten gehen und gießen, damit die +Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein +heißer Tag heute werden.“ + +</p><p>Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er +die Blumen. Manche brauchten viel Wasser, manche +hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner sagte ihm +<!-- page 161 --> +das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann +mußte Kasperle Beeren pflücken, die reif an den +Büschen hingen. Er durfte auch davon essen, die +andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar +zierlich mit Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst +pflückte Frühbirnen von einem Baum. + +</p><p>Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als +etliche Frauen und Kinder kamen. Die kauften das +Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat +und allerlei Gemüse für die Küche. „Ei, Ihr habt +Euch ja einen Lehrburschen zugelegt!“ sagte die eine +der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder aber +starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und +der, dem dies Angestaune gar nicht recht war, schnitt +ihnen blitzschnell sein Räubergesicht. + +</p><p>Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, +doch sie kamen gleich wieder und bettelten: „Mach’s +noch mal!“ + +</p><p>Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten +Gesichter. Die Kinder jauchzten laut, und der alte +Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. „Ihr +habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!“ +sagten die Frauen. „Wo habt Ihr denn den her?“ + +</p><p>Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar +sonderbar vor, und als die Frauen und die Kinder +endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen kleinen +Gast: „Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage +doch, wo hast du deine Grimassen gelernt?“ +<!-- page 162 --> + +</p><p>Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte +ihm nun, wer er sei. Aber darüber wurde der Alte +bitterböse: „Schäme dich,“ rief er, „einem alten Mann +solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst +du sein? Ei, mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, +daß ein Kasperle etwas anderes als eine Holzpuppe +ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!“ + +</p><p>Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar +nicht, wie er es dem erzürnten Gärtner erklären sollte, +daß er wirklich ein Kasperle sei. + +</p><p>Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner +junger Mann trat herein. Der schaute verwundert den +Alten an und sagte: „Was habt ihr denn, Meister +Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten +hören.“ + +</p><p>„Ach, Sie sind’s, Herr Severin!“ rief der Gärtner. +„Nun hört einmal, was mir dieser Schelm, den ich +gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für +Lügengeschichten aufbindet!“ Er erzählte ärgerlich, was +Kasperle ihm eben gesagt hatte, und Herr Severin +blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit seinen schönen, +dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig +den Kopf. „Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,“ +sagte er, „es ist wirklich ein echtes, lebendiges Kasperle. +Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und +mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir +einmal erzählt, irgendwo im Atlantischen Ozean +liege eine winzige Insel, auf der die wunderschönsten +<!-- page 163 --> +Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. +Blieben sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber +sonst würden sie leben und sterben wie wir Menschen. +Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann könne er +wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse +immer ein kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes +Kind müsse über ihn lachen.“ + +</p><p>Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm +plötzlich ganz wind und weh zumute. Er fing bitterlich +an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er vergessen, +er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, +aber wie ein Traum war ihm der Gedanke +an den blühenden Garten. Da sagte der fremde schöne +Mann mitleidig: „Du armes verlaufenes kleines Kasperle, +du!“ Das klang beinahe wie gestern die Musik und +tröstete Kasperle wundersam. Ganz leicht und froh +wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte. + +</p><p>Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den +Kopf, die Kasperlegeschichte kam ihm zu sonderbar +vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal erzählen, +was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und +seine Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und +dann sagte Herr Severin: „In einiger Zeit reise ich +fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden, +denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.“ + +</p><p>„Und bis dahin bleibst du bei mir,“ sagte Meister +Helmer. „Ich will wohl achtgeben, daß dir nichts +geschieht.“ +<!-- page 164 --> + +</p><p>Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als +Meister Helmer sagte: „Geh, pflücke für Herrn Severin +einen Strauß,“ da lief er eilig im Garten hin und her +und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. +Der Gärtner und Herr Severin lachten, als sie ihn +sahen, und Herr Severin sagte, dies sei ein so fröhlicher +Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. +Dann ging er. Er wohnte dicht an dem schönen +Garten in einem der alten Stadtmauertürme, und +Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei +ein gar großer Künstler. Wenn er ein Instrument +spiele, bekomme es eine Seele. Und von weit her, aus +fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle +kommen, damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme. + +</p><p>Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte +nun, daß es Herr Severin gewesen war, der gestern +Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich schon +darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich +schwebten am Abend die sanften Töne wieder über +den blühenden Garten. Die Blumen dufteten, und +Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem +Hause und hatte alle Angst verloren, es könne ihm +jemand etwas Böses antun. + +</p><p>Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: +„Kasperle, heute ist Sonnabend, da kommen viele Leute +und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde +sie so bunt und lustig wie gestern den für Herrn +Severin.“ +<!-- page 165 --> + +</p><p>Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an +Blumen zu schneiden, und er band sie so bunt überecks +zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so +Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und +wie der Gärtner lachten auch die Leute, die kamen, um +Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz griesgrämige +alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, +als ihr Meister Helmer einen Strauß gab. „So einen +Strauß hab’ ich noch nie gesehen,“ rief sie; „ei, da muß +man ja lachen, ob man will oder nicht!“ + +</p><p>Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte +Kasperlesträuße haben, und alle lachten sie über den +drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase im Garten +herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich +sagte der Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine +Blumen mehr übrig. Aber staunend sah er, wie geschickt +Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es schien, +als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, +und als am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, +wie brav Kasperle sei. + +</p><p>Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber +doch ein unnützer Schelm! Ein Kasperle muß eben +kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle +sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft +hatten es bald heraus, was Kasperle für ein +Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und schon +nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu +Meister Helmers Garten. Die Kinder standen am +<!-- page 166 --> +Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den Garten +kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann +schnitt Kasperle sein Räubergesicht, schaute wie ein +dummer August drein oder machte gar eine Teufelsgrimasse. +Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, +aber als Herr Severin das einmal sah, warnte er: +„Kasperle, Kasperle, du verrätst dich noch!“ + +</p><p>Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle +himmelangst. Ein paar Buben riefen, ihm nämlich zu: +„Kasper, kommst du übermorgen mit auf den Jahrmarkt? +Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so +fein wie du!“ + +</p><p>Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. +Wenn das der Kasperlemann war, der ihn überall suchte! +Ganz kläglich erzählte er Meister Helmer vom Jahrmarkt; +da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen. + +</p><p>Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise +kamen gar keine Kinder. Kasperle half +fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus, +war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, +als Herr Severin in den Garten kam. Der trug einen +großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, ging rasch +in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er +möchte ihm flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte +er Kasperle, hielt den fest und zog ihn mit in +die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten +hin, öffnete ihn und sagte: „Flink, flink, Kasperle, geh +dahinein!“ +<!-- page 167 --> + +</p><p>Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel +hinter ihm zu, und Herr Severin setzte sich auf den +Kasten und begann fein und lieblich auf seiner Geige +zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem +Geschrei rannten viele Kinder in das Haus hinein, +ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar Wächter, +und alle brüllten sie: „Wo ist das Kasperle, wo ist das +Kasperle. Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog +verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist es?“ + +</p><p>Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister +Helmer zu: „Wir helfen ihm, daß er ausreißen kann.“ + +</p><p>Meister Helmer schaute sich verdutzt um. „Kasperle +war eben hier,“ murmelte er, und Herr Severin nickte +und sagte auch: „Er war eben hier.“ Dabei spielte er +aber ruhig weiter und erzählte: „Meister Helmer, ich +verreise; da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. +Morgen ganz früh reise ich mit der ersten Post.“ + +</p><p>„Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder +nicht,“ schrie der Kasperlemann grob; „das Kasperle +müssen wir finden, es muß hier sein!“ + +</p><p>„Wir suchen das Haus ab,“ riefen die Wächter +streng und sahen Herrn Severin drohend an. Der nickte +freundlich: „Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber +den Garten nicht!“ + +</p><p>„Zuletzt war er ja im Garten,“ sagte Meister +Helmer, der das wirklich glaubte. Bei sich dachte er: +Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da rasten +Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. +<!-- page 168 --> +Herr Severin nahm seinen Kasten auf den Rücken, +seine Geige unter den Arm und sagte, Meister Helmer +solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann +ging er leise singend aus dem Haus, durchschritt den +Garten, und niemand hielt ihn auf. + +</p><p>Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte +selbst auf die Stadtmauer und überzeugte sich, ob +Kasperle wohl da hätte ausreißen können. Und dann +liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus +hinein, kein Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten +sogar ins Salzfaß, in Meister Helmers Kaffeetopf, +Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann +schrie und klagte: „Er ist uns entwischt, weil wir alle +ins Haus gerannt sind. O wie dumm, dumm, dumm!“ + +</p><p>„Wir werden ihn schon fangen!“ trösteten die +Wächter. „Ah bah, papperlapapp, ein Kasperle kriegen +wir schon!“ + +</p><p>Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. +Der mußte erzählen, wie Kasperle zu ihm gekommen +war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen +schrie der Kasperlemann: „Entwischt, entwischt, dumm, +dumm, dumm!“ und die Wächter riefen: „Ah bah, papperlapapp, +den fangen wir schon!“ Ein paar Buben aber +brüllten plötzlich laut: „Ausgerissen, hurra, ausgerissen, +hurra!“ Und dann rannten sie auf die Straße und +erfüllten die mit ihrem Gelärme. Sie erzählten es +jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe +seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und +<!-- page 169 --> +dabei habe er ein Kasperle gezeigt, das ganz genau so +ausgesehen habe wie der kleine Gärtnerjunge, und er +habe dabei gefragt: „Habt ihr schon so einen flinken +Kasper gesehen?“ Da hätten sie gerufen: „Meister +Helmers Lehrbursche sieht gerade so aus!“ Ja, und +so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder die +Straße entlang: „Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, +ausgerissen!“ + +</p><p>Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. +Je mehr die Buben brüllten, desto zorniger wurde er. +„Morgen hätte ich Graf sein können,“ schrie er, „wenn +dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder ausgerissen +wäre. Dumm, dumm, dumm!“ + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-14"><span style="font-size:small">Vierzehntes Kapitel</span> <br /><br />Die Reise mit Herrn Severin +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin hatte inzwischen still den schwarzen +Kasten in sein Turmzimmer hinaufgetragen, und oben +hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz verstriezelt sah +der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht +und gesagt: „Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal +wärst du beinahe erwischt worden!“ + +</p><p>Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz +laut, wenn er an das Gelärme dachte, das sich um ihn +herum erhoben hatte. +<!-- page 170 --> + +</p><p>Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute +sich herzhaft, als er Kasperle unversehrt wiedersah, und +er hätte ihn gern wieder zu sich genommen, aber er +stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: „Kasperle +muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im +schwarzen Kasten. Und nun, Kasperle, spitze deine +Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, +wo es liegt, aber —“ + +</p><p>Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum +schlagen wollen, als dies „Aber“ ihn zurückhielt. +Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und der +sagte ernsthaft: „Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig +sein, denn wir kommen an allerlei Orte, wo +man dich kennt. In Waldrast soll ich nach der Orgel +schauen, und — auf Schloß Hirschsprung erwartet mich +der Herzog. Da mußt du dann immer im Kasten +bleiben und darfst keine dummen Streiche machen. Wirst +du das können?“ + +</p><p>Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er +treuherzig, er wolle ganz ungeheuer folgsam sein. Ja, +und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder sehr +lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß +und nach Waldrast zu kommen, machte ihm +großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich Rosemarie +und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem +Abend noch mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte +er dem viel von den beiden, und der sagte: „Nun, wer +weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise +<!-- page 171 --> +trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!“ + +</p><p>Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht +recht aufgegangen, mußte Kasperle in den schwarzen +Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, denn +Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch +noch hinein, und Herr Severin meinte, schwer sei das +Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. Dann ging +es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, +und da ringsum kein Mensch zu sehen war, durfte +Kasperle noch einmal aussteigen und noch einmal flink +durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der +Garten! Kasperle wurde das Herz schwer, als es an +das Scheiden von Meister Helmer und seinen vielen +Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, +gleich würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle +kroch wieder in seinen Kasten, und da kam schon mit +Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der +schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin +stieg in den Wagen, und heidi! fort ging die Reise. + +</p><p>„Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,“ blies +der Postillion, und rissel, rassel fuhr der Wagen ins +Land hinein. + +</p><p>Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der +Wagen. Die Gäste stiegen aus, und Herr Severin +sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen, +dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, +das ist aber ein Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin +<!-- page 172 --> +das Essen in einem besonderen Zimmer auftragen. Da +spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, +schmauste mit, und nachher wunderte sich der Wirt über +den gewaltigen Appetit, den der vornehme Herr gehabt +hatte. + +</p><p>Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich +kam ein Wirtshaus mit einem feuerroten Ochsen im +Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und sagte +dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der +Herr sich aber gewaltig schleppen, denn Waldrast liege +hoch in den Bergen, und der schwarze Kasten sei +arg schwer. + +</p><p>„Wird nicht so schlimm sein,“ meinte Herr Severin +und schritt am roten Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg +in den Wald hinein. Innen öffnete er den Kasten, +und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie +paßten beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber +niemand begegnete ihnen auf dem Weg. Herr Severin +spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer Schritt, +und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den +schwarzen Kasten, denn die Turmspitze von Waldrast +wurde sichtbar. + +</p><p>Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, +er aber sah durch sein Guckloch allerlei, zuerst die Base +Mummeline, die auf der Straße stand und auf ein +paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe +Schulhaus, er sah Herrn Habermus, der kam, den fremden +Künstler zu begrüßen. Kasperle hörte die gute, freundliche +<!-- page 173 --> +Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend +eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand +guten Tag sagen durfte, und als Herr Severin etwas +später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er Kasperle +klitschnaß von Tränen. + +</p><p>Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte +Kasperle, daß sie dicht neben dem Schulhaus wohnten. +Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen drüben +in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, +als die Base Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr +da Kasperle zurück! Ganz böse sah er gleich aus, und +Herr Severin hob warnend den Finger: „Kasperle, +Kasperle, mache keinen dummen Streich!“ + +</p><p>Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur +die Base Mummeline nicht gewesen wäre! Aber allemal, +wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie drüben. +Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und +ihre Kinder zu sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht +nach ihnen. + +</p><p>Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen +wollte, öffnete drüben die Base die Türe, und sie kam +tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die Wirtin war +ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war +genau so neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink +in den Kasten, und nach einem Weilchen kamen auch +richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base +Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle +hörte sie sagen: „Er hat alles in dem schwarzen Kasten.“ +<!-- page 174 --> + +</p><p>„Den machen wir auf,“ tuschelte die Wirtin, und +schon fingerten die beiden Frauen an dem Kasten +herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam +den niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; +er dachte: Ich verjage sie. Er steckte den Kopf in sein +Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich hinein, +ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen +beinahe um vor Schreck. „Uhuhuuuh!“ tönte es, und die +Base Mummeline jammerte: „Er hat den Teufel drin!“ + +</p><p>Aber die Wirtin war beherzter. „Das muß ich +sehen,“ sagte sie und ging wieder auf den Kasten zu, +aber noch war sie nicht dran, als die Türe aufgerissen +wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte +schon unten das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden +Neugierigen erschraken arg, doch die Base Mummeline +faßte sich schnell und rief ganz streng: „Ihr habt einen +Teufel im Kasten.“ + +</p><p>„Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen +hat!“ sagte Herr Severin lachend. „Nehmt euch in +acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall +heraus.“ + +</p><p>„Huch!“ kreischten die Frauen, und rumpel pumpel +rasten sie hinaus, die Treppe hinab, und Kasperle platzte +bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr Severin lachte +mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen +schon weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr +schrecken, es könne ihm doch schlecht bekommen. Und +am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das Zimmer. +<!-- page 175 --> +Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte, +das Kasperle einschließen ist schon am sichersten. Aber +auch am langweiligsten, dachte Kasperle. Der sah +immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, +und als draußen alles still geworden war, hockte er sich +auf das Fensterbrett und blickte sehnsüchtig nach dem +Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal hineinsehen hätte +er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker +Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, +dann —. Aber da dachte er an Herrn Severins Verbot, +auch lag unten ein Hund, und die Geschichte kam ihm +etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel +der Base Mummeline ins Zimmer werfen, das ging +vielleicht doch; so platsch ins offene Fenster hinein, +das wäre doch ganz spaßig! + +</p><p>Die Base wurde immer fuchswild über so etwas. +Kasperle kicherte leise vor sich hin, griff in die Äste +und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte er gut, +und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der +Base Stube hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah +Kasperle nicht, aber ein arges Zetergeschrei hörte er; +es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom Fensterbrett +herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet. + +</p><p>Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es +still. Im Schulhaus saß die Base Mummeline im +Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum +und trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und +<!-- page 176 --> +der dachte immerzu: Kasperle, du bist ein arger Schelm! +Da war die Base in ihr Zimmer gekommen und hatte +einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der +Türe stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der +Krug in Scherben, bums! flog ein großer Apfel an +der Base recht große Nase, klirr! einer in den Spiegel, +und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base +sah Herrn Severin schief an und sagte, der Herr werde +schon wissen, woher die Äpfel kämen; mit seinem +schwarzen Kasten sei das nicht richtig. + +</p><p>Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte, +die Base Mummeline möchte nur kommen, er wolle ihr +schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon +wollte die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr +Zimmer und ging sehr geschwinde in ihr Bett. Sie +kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun kein Holzapfel +mehr in ihre Stube. + +</p><p>Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte +darauf. Das klang fein und lieblich, und in Waldrast +vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie lauschten +dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte +noch lang im Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am +Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf den Spitzen der +Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen +Kasten von dannen. + +</p><p>„Das war ein Schlimmer,“ sagte die Base Mummeline +hinter ihm her, „man müßte seinen Kasten untersuchen.“ +Aber das glaubte ihr niemand, am wenigsten +<!-- page 177 --> +der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr +Habermus fand die Geschichte mit den Holzäpfeln gar +nicht wunderbar und gruselich, er sagte: „So etwas +und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben +fertig. Wer weiß, wer es gewesen ist!“ + +</p><p>An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen +vergnügt mit Herrn Severin den Weg entlang, den er +vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde +war es still, und niemand begegnete den Wanderern. +Sie schliefen auch im Walde und gelangten endlich an +des Micheles Hüteplatz. „Michele ist nicht mehr da,“ +sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch +da. Der saß vor der Felsspalte und pfiff auf einer +Flöte, die er sich selbst gemacht hatte. Seine Geißen +weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle +laut seine Stimme, und Michele sah sich um, als erwache +er aus einem Traum. Und dann sprang er über +Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er +packte Kasperles Hände und drehte den Freund rundum. +Er war ganz atemlos vor Freude und konnte erst +gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr +Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr +Michele alles. Er selbst war geschwinde mit seiner Erzählung +fertig, er sagte nur: „Den Geißen schmeckt’s +hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.“ + +</p><p>„Das hat sich freilich gut getroffen.“ Herr Severin +sagte es, während er sacht an seiner Geige herumstimmte; +er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen Blick. +<!-- page 178 --> + +</p><p>„Da, nimm und spiel’ mir etwas vor!“ sagte er plötzlich +und reichte dem Buben die Geige hin. + +</p><p>Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, +der im Dorf zum Tanz aufspielte, der hatte +ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen +lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen +fremden Herrn. Der Bub wagte kaum, sie recht anzufassen, +doch als er sie hielt, kam die Lust zu spielen über +ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin. + +</p><p>Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte, +wie Michele spielte. Herr Severin hörte aber still zu, +und als Michele verlegen innehielt, sagte er: „Im +Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und +dich mit mir nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche +Jahre so viel geben, wie du als Geißenhirt verdienst, +du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger +braucht. Willst du?“ + +</p><p>Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle +machten solche Freudensprünge, daß beinahe die Geißen +neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen konnten. +Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb +das Michele so glückselig zurück, als säße es mitten auf +der schönen Himmelswiese. Geiger sollte er werden, +spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und +das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich +Kasperle, allein dem Kasperle! und er ahnte nicht, daß +Herr Severin bei Kasperles Erzählung gedacht hatte: +Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein +<!-- page 179 --> +zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der +gefällt mir. Kann er geigen, dann will ich ihm helfen, +ein rechter Künstler zu werden. + +</p><p>Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden +Glück. Er wollte vor lauter Freude singen, aber da +sagte Herr Severin geschwinde: „Sei still, sei still, sonst +fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei. +Flink, krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir +gar noch einen Jäger, der dich erkennt!“ + +</p><p>Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, +Herr Severin nahm ihn auf den Rücken, und er war +heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein +richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich +nicht leicht! + +</p><p>Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen. +Nur wunderten sich alle über den großen +schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. „Darin ist ein +seltenes Spielwerk,“ sagte Herr Severin, „das muß ich +immer bei mir führen.“ Und er verschloß sorgsam das +Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief ins Bett +schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das +war langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas +herumgegeistert oder zugesehen, wie Herr Severin des +Herzogs Spinett eine Seele gab. + +</p><p>Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das +hatte er so gewollt, als sich sacht eine Türe auftat und +ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging ganz, ganz +leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der +<!-- page 180 --> +Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: +Sie sieht doch aus wie Rosemarie, von der das Kasperle +erzählt hatte! Da ließ er das Spinett singen, und er +selbst sang halblaut dazu: + +</p><p class="lyrics"> +„Rosemarie, du kleine,<br /> +Rosemarie, du feine,<br /> +Einer hat mir aufgetragen,<br /> +Schönes Grüßlein dir zu sagen.<br /> +Trallallala, trallallala!<br /> +Rosemarie, du kleine,<br /> +Rosemarie, du feine,<br /> +Sage mir, ob du wohl weißt,<br /> +Wie der kleine Schelm doch heißt?“ + + +</p><p class="noindent">„Kasperle heißt er!“ klang es lieblich neben ihm. +Rosemarie stand am Spinett und sah Herrn Severin +mit ihren großen Augen fragend an: „Wo ist Kasperle?“ + +</p><p>„Du bist also wirklich Rosemarie,“ sagte Herr +Severin. „Kasperle kommt ins Waldhaus zurück, er +geht wieder heim.“ + +</p><p>Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit +feinem Fingerlein auf das Spinett, da klang es wie: +„Grüße, Grüße, viele Grüße!“ + +</p><p>„Ich werd’ es bestellen, und wenn du schweigen +kannst, kleine Rosemarie, dann wirst du auch noch einmal +das Kasperle sehen.“ + +</p><p>Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie +legte ihr Fingerlein fest auf den roten Mund, und dann +huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand kam, +im Nebenzimmer tönten Schritte. +<!-- page 181 --> + +</p><p>Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das +Spinett nun schon eine Seele habe, und dann wollte +er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der Künstler +im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war +nämlich etwas neugierig, und er war ganz verdrießlich, +als Herr Severin sagte, dies dürfe er nicht zeigen, dies +Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen, +es niemand zu zeigen. + +</p><p>Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und +ging brummelnd davon. Herr Severin bekam Angst. +Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so +eine Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen +Landjägern befahl: „Macht mir den Kasten einmal auf!“ +Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an vielen +geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei +lief ihm eine schwarze kleine Katze über den Weg. +Halt, dachte er, die kommt mir zurecht, und er fing +schnell das Kätzchen und nahm es mit. + +</p><p>In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie +einer, dem die Pfingstfreude verregnet ist. Sein Gesicht +wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm von +Rosemarie erzählte. „Gewiß hat der Herzog sie mit +ihren Eltern eingeladen,“ sagte Kasperle. + +</p><p>„Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen +sein, wenn du nicht gar so unnütz und neugierig +gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin +kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.“ Und Herr +Severin erzählte Kasperle von des Herzogs Verlangen. +<!-- page 182 --> + +</p><p>Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor +dem Herzog hatte er die allergrößte Angst. Er kroch +flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr +Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten. +Kaum waren sie beide fertig, da kam ein Kammerherr, +der sagte, er wolle dem fremden Geiger das Schloß +zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen +will er in den schwarzen Kasten sehen, dachte Herr +Severin und lachte heimlich. + +</p><p>Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus +dem Zimmer gegangen, als Kasperle Schritte hörte, +Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs +Befehl: „Öffnet den Kasten!“ + +</p><p>Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin +kein Guckloch hat! Er wollte versuchen, etwas zu sehen, +und gerade war er bis ans Ofenloch gerutscht, als der +Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend heraussprang. +Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter, +und ehe sie noch jemand fassen konnte, sprang sie zum +offenen Fenster hinaus. + +</p><p>„Prschiii!“ Kasperle war Ruß in die Nase gekommen, +er mußte laut niesen. „Hazzi, prschiii!“ Und +puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin, +und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte +er aus dem Zimmer, und seine Diener rannten ihm +nach. Sie dachten alle, die schwarze Wolke sei aus dem +Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler +sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch. +<!-- page 183 --> + +</p><p>Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube +zurückkehrte und die Bescherung sah. Das Kasperle +sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er gefiel sich +selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich +waschen, da wurde er wieder blank und kroch vergnügt +in seinen Kasten zurück. Danach ging Herr Severin +zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare +Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog +seufzte sehr und bat Herrn Severin inständig, ihm +abends noch etwas vorzuspielen. + +</p><p>Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es +dürften keine Kinder dabei sein. „Ach,“ rief der Herzog, +„die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die kleine +Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.“ + +</p><p>„Doch, sie stört, sie muß ins Bett,“ erklärte Herr +Severin und tat ganz streng. + +</p><p>Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal +kommen, um dem Spiel des fremden Künstlers zu lauschen. +Aber alle Dienstboten standen hinter den Türen, +und Herr Severin spielte so wundersam, daß der +Herzog zu weinen anfing. + +</p><p>Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt +mit Rosemarie zusammen in einer winzigen Stube neben +Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und +war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel +es ausgezeichnet darin. Der gute Herr Severin hatte +Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde. +Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, +<!-- page 184 --> +und dazwischen schmauste er Kuchen und Schokolade; +dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. Rosemarie +graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der +erzählte, wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da +weinte sie bittere Tränen. „Du armes, armes Kasperle!“ +sagte sie sanft; „wie gut, daß du ins Waldhaus zurückkommst!“ +Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig +und schalt: „Ei, du Unnütz du!“ Und alle, die Kasperle +geholfen hatten, die Schullehrersleute, Meister Helmer +und vor allem das Michele gewann Rosemarie gleich +lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. „Der muß +auch mein Freund werden,“ sagte sie. „Und wenn er +groß ist und so schön spielen kann wie Herr Severin, +dann —“ „heiratest du ihn,“ rief Kasperle. Und plötzlich +rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. +„Und ich bin dann immer noch ein Kasperle!“ klagte er. + +</p><p>Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er +bis dahin seine Heimatinsel gefunden. „Ich will auch +suchen, wenn ich groß bin,“ versprach sie, „und Michele +soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.“ + +</p><p>Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte +noch den letzten Rest Kuchen in seinen großen Mund, +und dann erzählte er noch flink die Geschichte mit den +Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis +Herr Severin kam und sagte: „Ei, flink ins Bett, Rosemarie +du feine, es ist schon arg spät!“ + +</p><p>„Auf Wiedersehen morgen!“ flüsterte Rosemarie +noch, dann huschte sie zum Zimmer hinaus. Es merkte +<!-- page 185 --> +niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war. +Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von +Michele und von dem schönen, bunten Garten. Doch +als sie aufwachte, da war Herr Severin mit seinem +schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie +konnte ihn nicht mehr sehen. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-15"><span style="font-size:small">Fünfzehntes Kapitel</span> <br /><br />Wieder daheim im Waldhaus +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin zog mit Kasperle wieder durch den +Wald. Abwärts ging’s, immer tiefer ins Tal hinein, +bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe Postkutsche +wieder erreichten. „Trara, Trara!“ blies der Postillion, +Herr Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, +und fort ging es in die Weite. Kasper schaute +aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da sah er +das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam +der Weg, den er mit dem Grafen von Singerlingen +gefahren war. Und weiter ging es, immer weiter. +Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein +langer Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! +Ein Dorf tauchte auf, es war Protzendorf. + +</p><p>„Bis hierher geht es und nicht weiter,“ sagte der +Postillion. „Ja, die Protzendorfer sind fein geworden, +zu denen fährt jetzt die Post.“ Da wurde der schwarze +<!-- page 186 --> +Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein +Guckloch die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. +Seine einstigen Freunde Windgustel und Wassergustel +stießen sich bald die Nasen daran. Und die +Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt +voran, arg enttäuscht, daß der fremde Herr nicht bleiben +wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem Dorf, in dem +die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es +jedem gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: +Lieber nicht, dem Kasperle ist halt nicht zu trauen, und +das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem +Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen +Kasten und wanderte weiter, und Kasperle konnte weder +Florian einen Schabernack spielen, noch seine einstigen +Freunde begrüßen. + +</p><p>Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus +einen Fußweg, der führte durch den dichtesten Wald +und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin +ein. Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide +wanderten fröhlich dem Waldhaus zu. Kasperle sprang +wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich die Fiedel +dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang +der Nachtigall. + +</p><p>Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal +eine liebe, warme Stimme: „Ach lieber Gott, das ist +ja Kasperle!“ Ganz tief im Grünen, unter einer uralten +Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein +Reh. Herr Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte +<!-- page 187 --> +mit einem so lauten Jubellaut Liebetraut zu, daß das +Reh eilends entfloh. „O Kasperle, du liebes, schlimmes +Kasperle!“ sagte Liebetraut, „wo kommst du her?“ + +</p><p>„Nicht böse sein!“ bettelte Kasperle und huschelte +sich an Liebetraut an. Das schöne Mädchen lächelte, +sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und sagte froh: +„Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer, +du mein kleiner Liebling du!“ + +</p><p>Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen +war, und Liebetraut lachte und weinte; dann sagte sie, +der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen und +habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei. +Doch könne er hier nichts machen, gerade das Waldhaus +liege an der Grenze, und der Fürst dieses Landes +und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. +Hier dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber +in Protzendorf wohne jetzt ein Landjäger, um aufzupassen, +und Florian und Damian hätten gesagt, wenn +sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen. + +</p><p>„Komm,“ bettelte Kasperle ängstlich, „wir wollen +ins Waldhaus!“ + +</p><p>Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie +dem Waldhaus zu. „Jetzt kommt gleich die Grenze,“ +sagte Liebetraut; „Kasperle, schlupf’ flink in den Kasten, +mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an +der Grenze.“ + +</p><p>Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte +den Herr Severin wieder zugeklappt, da trat wirklich +<!-- page 188 --> +ein Landjäger aus dem Gebüsch. „Halt!“ schrie der, +„ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein +Kasperle über die Grenze trägt.“ + +</p><p>Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, +wundersam klang es, dazu sagte er: „Ich komme von +des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir kein +Kasperle geschenkt.“ Darüber mußte der Landjäger +lachen, und weil er auch dachte: So ein feiner Mann, +der so schön spielen kann, was hat der mit einem Kasperle +zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen. +„Dies vermaledeite Kasperle!“ schalt er; „seit Wochen +suchen wir danach, mal ist es da, mal ist es dort, und +nie fängt man es.“ + +</p><p>„Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt +nur gut auf, daß es Euch nicht an der Nase vorbeiläuft!“ +sagte Herr Severin lustig. + +</p><p>„Mir nicht!“ schrie der Landjäger; „ha, ich bin ein +ganz Schlauer, mir entwischt das Kasperle nicht!“ + +</p><p>Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige +zu spielen. Diesmal war es ein heiteres Stücklein, das +sollte das Lachen übertönen, das aus dem schwarzen +Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte +aber nicht an sich halten. Er kicherte immerzu, und +der Landjäger rief Herrn Severin noch nach: „Ei, Herr, +Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als lache +Eure Geige!“ + +</p><p>„Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!“ +rief Herr Severin noch, und da lachte auch Liebetraut. +<!-- page 189 --> +Lachend schritten sie weiter, und auf einmal tauchte das +Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das +Kasperle wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da +tat der einen lauten Freudenruf. Vor ihm lag das +Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten +Garten. Seine Fenster standen offen, und an einem +der offenen Fenster saß Meister Friedolin und schnitzte. +Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das Haus +zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser +vor Staunen. Je, was war denn das! + +</p><p>Kasperle war wieder da, das Kasperle! + +</p><p>Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne +in der Hand, so schnell war sie vom Abendessenkochen +weggelaufen. + +</p><p>Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen +mußte er essen, und Herr Severin wurde genötigt, +als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam +das allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute +ihm der Wald in die Stube hinein, und Herr Severin +spielte darin bis spät in die Nacht so wunderschön, +daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude +weinte. + +</p><p>Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als +er am nächsten Morgen aufwachte, stand Liebetraut an +seinem Bette, die lachte ihn an und sagte: „Kasperle, +weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im +Waldhaus!“ + +</p><p>Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. +<!-- page 190 --> +Im Waldhaus, daheim! Nun wurde er nicht mehr +verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie +herrlich das war! + +</p><p>Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie +dem Kasperle. Er mußte freilich nach einigen Wochen +wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor fremden +Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber +er wollte wiederkommen, und dann wollte Liebetraut +seine liebe Frau werden, und sie wollten alle mitsammen +im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr +Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach, +das Michele! + +</p><p>Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, +wenn er daran dachte, daß Michele kommen würde. +Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen +lieben, lieben Kameraden. + +</p><p>„Denkst du noch an das Fortlaufen?“ fragte ihn +Liebetraut manchmal. Da schüttelte er immer heftig den +Kopf und schrie: „Nein, nein, nein, ich will immer, +immer im Waldhaus bleiben!“ + +</p><p>Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze +zu laufen, und als nach etlichen Wochen der Kasperlemann +wieder erschien, da kroch Kasperle in das Bett +und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der +Kasperlemann merkte doch, daß Kasperle wieder daheim +war; er schnüffelte im Hause herum, doch Liebetraut +hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den +Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann +<!-- page 191 --> +abziehen, und Kasperle blieb im Waldhaus. Er ließ +sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage später ein +Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge +versprach und ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen +Kasten tragen. O nein, Kasperle war draußen in der +Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen! +Und der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel +er wollte, Kasperle bekam er doch nicht. + +</p><p>Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im +Waldhaus gab es eine stille, fröhliche Hochzeit. Und +dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute +Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. +Da gab es ein frohes Wiedersehen, und als Herr +Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste, sagte +er: „Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber +ich hätte dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. +Freilich, im Waldhaus hast du es am allerbesten.“ + +</p><p>Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei +es so schön wie im Waldhaus; nur vielleicht auf der +Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand +wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles +eigentliche Heimat. + + +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size:small"> +Die ferneren<br /> +Schicksale und Abenteuer<br /> +Kasperles und seiner Freunde<br /> +Rosemarie und Michele finden die Leser in<br /> +den Bänden „Kasperle auf Burg Himmelhoch“ und „Kasperls<br /> +Abenteuer in der Stadt“ erzählt (Verlag Levy & Müller, Stuttgart). +</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + +***** This file should be named 36813-h.htm or 36813-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/8/1/36813/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> + diff --git a/36813-h/images/color003.jpg b/36813-h/images/color003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d736ec3 --- /dev/null +++ b/36813-h/images/color003.jpg diff --git a/36813-h/images/color012.jpg b/36813-h/images/color012.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f49faa0 --- /dev/null +++ b/36813-h/images/color012.jpg diff --git a/36813-h/images/color048.jpg b/36813-h/images/color048.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3cb6dfd --- /dev/null +++ b/36813-h/images/color048.jpg diff --git a/36813-h/images/color130.jpg b/36813-h/images/color130.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..267e457 --- /dev/null +++ b/36813-h/images/color130.jpg diff --git a/36813-h/images/img003.jpg b/36813-h/images/img003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a76a6a8 --- /dev/null +++ b/36813-h/images/img003.jpg diff --git a/36813-h/images/logo.jpg b/36813-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..134ca8c --- /dev/null +++ b/36813-h/images/logo.jpg diff --git a/36813-h/images/title.jpg b/36813-h/images/title.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..60cea7f --- /dev/null +++ b/36813-h/images/title.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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