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+The Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kasperle auf Reisen
+
+Author: Josephine Siebe
+
+Illustrator: Karl Purrmann
+
+Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Kasperle auf Reisen
+
+Eine lustige Geschichte
+von
+Josephine Siebe
+
+Mit vier farbigen Vollbildern von _Karl Purrmann_
+
+Vierte Auflage
+
+
+
+
+Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
+
+
+
+Nachdruck verboten
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus
+Zweites Kapitel. Der alte Schrank
+Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah
+Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
+Fünftes Kapitel. Gänse hüten
+Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß
+Siebentes Kapitel. Rosemarie
+Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus
+Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule
+Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr
+Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer
+Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst
+Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten
+Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin
+Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus
+
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+In Meister Friedolins Haus
+
+Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie
+alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein
+paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum
+groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann
+waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom
+uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land.
+
+Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im
+Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten.
+Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den
+Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus
+Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder
+aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein
+Holzschnitzer, der gar wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte.
+»Kasperleschnitzer« hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen
+lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die
+Puppen an. Da saß manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im
+Waldhäuschen, und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft gelaufen,
+sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine
+Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut,
+des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Dörfer
+gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mädchen war mit allen Kindern
+gut Freund. Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im
+Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den
+Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen.
+Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr
+schwer, doch die wurden in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite
+Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück.
+
+In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der
+Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den
+Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war
+sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich
+glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt
+waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und
+vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie -- ei Potzwetter!
+Frau Annettchen und Liebetraut wußten für die Kittelchen und Mützchen immer
+wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen
+heraus.
+
+Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab's
+nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister
+Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner
+Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und
+Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen
+erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: »So schön wie bei uns ist
+es nirgends.«
+
+Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen,
+wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines
+Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: »Hier, Frau, das habe ich draußen
+auf der Straße gefunden.« Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei
+große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: »O so ein
+liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!« Und beim Behalten
+war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine
+Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen
+Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das
+war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein hübsches, großes
+Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude
+hatten.
+
+
+Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt.
+Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte
+oft: »Schade, daß sie nicht lebendig sind!« Und wie sie das einmal wieder
+sagte, an einem rechten Wintertag war es, -- draußen schneite es in großen
+Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste
+der Sturm -- da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: »Einen
+lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.«
+
+Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz
+ernsthaft: »Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du
+weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und
+hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren
+geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den
+Hausrat.«
+
+»Wie die Uhr,« rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte
+Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab's Bäume und
+Blumen und allerlei Getier des Waldes.
+
+Der Meister Friedolin nickte. »Ja freilich,« sagte er, »die Uhr hat mein
+Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war
+ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn
+auch manchmal über Land gegangen und hat da und dort wochenlang gearbeitet;
+auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei
+das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem
+Waldhaus.
+
+Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er
+solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der
+Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei
+Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten
+jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber
+hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde
+ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es
+an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich
+geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein
+sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er
+ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen
+ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume
+schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp -- schwapp hat er das
+Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer
+Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht
+Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und
+einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze
+getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu hat der kleine Kerl ein
+ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte
+er's schon fünfzig Jahre auf dem Leibe.
+
+>Wer bist denn du?< hat mein Ahn gefragt.
+
+Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum
+Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar
+festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein
+echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er
+bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein
+uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen
+gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben
+in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines
+schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe,
+sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt
+herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf
+Messen und Märkten sein Wesen getrieben.
+
+Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes
+Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz
+gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele
+Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu
+schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten
+Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut geraten. Bald
+wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein
+Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes
+Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es
+dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn
+ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.«
+
+Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: »Aber das
+Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?«
+
+Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. »Ja, wenn ich
+das wüßte!« brummelte er. »Mein Großvater selig hat's noch gewußt; aber der
+ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein
+ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein
+Großvater soll's einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und
+wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab' das
+Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.«
+
+»O wie schade!« rief Liebetraut. »Wie wäre das lustig und vergnüglich,
+hätten wir ein richtiges Kasperle hier!«
+
+Der Meister schmunzelte. »Das glaube ich wohl, du Tollkopf,« sagte er, »das
+könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im
+Häuschen herum!«
+
+»Jetzt kommt er schon wieder!« unterbrach auf einmal Frau Annettchen das
+Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der
+Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem
+Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem
+Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er
+in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr
+freundlich »guten Tag« hinein.
+
+Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die
+sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes
+Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er
+setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden
+Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen
+Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau
+Annettchen ganz laut und streng: »Unsere alten Schränke kriegen Sie aber
+doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und
+gerückt, solange mein Mann und ich leben.«
+
+»Na, na, na!« brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus
+wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat.
+
+»Gelt, Friedolin,« rief Frau Annettchen, »unsere Schränke kriegt Herr
+Pumpel nicht?«
+
+»I wo!« Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich hab' einmal nein
+gesagt, und dabei bleibt's.«
+
+Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach
+ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt
+wieder davon.
+
+Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe
+herein und fragte froh: »Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten
+Schränke gewollt?«
+
+Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens
+von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen
+Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte
+Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin
+auch nein.
+
+Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie
+waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner
+besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden
+und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren
+kommen, wie er wollte.
+
+»Gut, daß er wieder weg ist,« rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen
+dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes
+Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: »Vater Friedolin,
+erzähl' noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.«
+
+Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und
+Liebetraut nähten, und alle drei fanden wieder einmal, nirgends auf der
+ganzen Welt könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Der alte Schrank
+
+Herr Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte sich gewaltig, daß er
+die alten Schränke nicht hatte haben können. Er brummte und schalt darob so
+viel, daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schränken hat?
+Immer wieder fährt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes
+damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fährt
+doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer solchen Kälte in den Wald.
+
+Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf
+einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da
+schmolz der Schnee und lief davon -- heidi, weg war er! Um das Waldhäuschen
+sauste und brauste es mächtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz
+dem Sturm immer wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und
+rief jubelnd: »Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er kommt bald.« Und
+dann patschte sie einmal draußen im feuchten Walde herum, und als sie
+wiederkam, brachte sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen
+mit.
+
+Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es,
+denn auf den Frühling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal
+ließ sich der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er
+kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: »Nun
+heizen wir nicht mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.« Da wurden alle
+Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei großen
+Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich
+war es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. Damit
+füllte sie lauter bunte Töpfchen, und wenn die Kinder aus Schönau und
+Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im
+Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären am liebsten gleich drin
+geblieben.
+
+An einem dieser schönen Frühlingstage war es, da saß der Meister Friedolin
+noch fleißiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten
+Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren
+mußte er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit
+war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich
+ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frühling redete, brummelte
+er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem
+Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe
+hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und krachte, just als wollte sie
+etwas aus vergangenen Zeiten erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des
+oberen Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das waren die,
+welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schränken wurde
+seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner
+Kasperleschnitzerei brauchte.
+
+An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine
+Flurfenster; die beiden Schränke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab.
+Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst den einen
+Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf.
+Weil es gerade so hell war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum.
+Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in
+dem einen Schrank auf, daß auf der einen Seite ein Spältchen offen war. Na
+nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er
+schob, zog ein bißchen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein
+auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen
+Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß wie ein sieben- bis
+achtjähriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister
+schüttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich
+aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie
+so anfaßte, war es ihm, als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink
+auf die Erde und sah sich das Ding an. »Nein, so etwas!« rief er. »Das ist
+ja wirklich ein Kasperle!«
+
+
+Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schütteln und
+zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke
+Staubwolke ging von ihm aus.
+
+»Hatzi -- hatzi -- hatzi!« Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl
+nieste, und Frau Annettchen, die das unten hörte, rief: »Friedolin, du
+kriegst wohl einen Schnupfen?«
+
+Die Stimme von unten schien das Männlein aus dem Schranke ganz munter zu
+machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops -- hallo! lief es die
+Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge höchlichst verwundert
+nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklären. Und niesen mußte er
+immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das
+kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.
+
+Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade
+mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. »O
+du meine Güte,« rief Frau Annettchen, »was ist denn das für ein Popanz!«
+
+Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um,
+schüttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. »Hatzi,
+hatzi!« nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister
+Friedolin kam niesend in die Stube. »Hallo, da ist das Ding!« rief er und
+packte den wunderlichen Gesellen. »Jemine, das sieht ja beinahe wie ein
+Kasperle aus!«
+
+»Ich bin doch Kasperle!« sagte der Kleine kläglich. »Wo ist denn die Madame
+Erdmute und der Meister Ephraim?«
+
+»Was schwätzt du da?« Meister Friedolin schlug sich plötzlich mit der Hand
+vor die Stirn. »Das waren ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich
+glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,« -- er schüttelte den
+Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, -- »besinne dich mal: wie bist du
+denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?«
+
+»Ich hab' doch geschlafen!« Der Kleine gähnte laut. Und auf einmal fing es
+in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die
+Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. »Oh, oh, oh,« jammerte er, »ich
+hab' solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.«
+
+»Um Himmels willen,« schrie Frau Annettchen, »der stirbt ja noch vor
+Hunger! Wer weiß, wie lange der nichts gegessen hat!«
+
+»Kann sein bald hundert Jahre,« murmelte Meister Friedolin. »Nu, nu, das
+ist doch nicht möglich, daß der so lange im Schranke gesteckt hat!«
+
+»Hunger, au, au, ich hab' so schrecklichen Hunger!« schrie der kleine Gast,
+und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Küche
+und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, und alles
+stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen Mund. Er schluckte und
+schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und
+sehr vergnügt rief: »Ich kann nicht mehr!«
+
+»Na, das ist ein Glück!« sagte Meister Friedolin. »So eine Esserei hab' ich
+mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du --«
+
+»Kasperle heiß ich,« rief der Kleine.
+
+»Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?«
+
+Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er,
+schüttelte sich wieder und murmelte: »Ich weiß nicht.«
+
+»Aber besinn dich doch,« mahnte der Meister, »du mußt es doch wissen!«
+
+Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich
+erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: »Die hat der Meister
+gemacht.«
+
+Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun
+wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie
+war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre
+geschlafen?
+
+»Besinn dich doch!« sagte Meister Friedolin.
+
+»Ich weiß nicht.« Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge
+Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. »Ich weiß
+nicht,« sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder schüttelte er sich
+heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab.
+
+Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: »Da steht
+etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!«
+
+Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und
+las: »Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es
+aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann
+Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk
+gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande
+Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf
+sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es
+ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird.
+Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der
+Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den
+Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie
+seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in
+fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb
+war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis
+wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das
+Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle
+sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam hüten, denn das Kasperle
+bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen,
+und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer
+wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.«
+
+»Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,« sagte Meister
+Friedolin, als er fertig gelesen hatte. »Und nun weiß ich auch, warum der
+Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das
+echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.«
+
+»Ein Wunder, wirklich ein Wunder!« Frau Annettchen war die Geschichte
+ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite
+an.
+
+Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen
+betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen
+Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: »Ein
+neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.«
+
+Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren
+Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und
+bettelte: »Näh' mir gleich 'nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.«
+
+Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte
+schnell: »Immer folgen und auch nicht ausreißen?«
+
+»Nein, nicht ausreißen,« versprach Kasperle treuherzig.
+
+»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des Kleinen Hand
+fest, und der nickte wieder und beteuerte: »Ich reiße nicht aus, aber --
+ich will auch nicht mehr in den Schrank.«
+
+»I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!« sagte Meister Friedolin. Der
+hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er
+schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut
+emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen.
+Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins
+Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen!
+
+Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je
+mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß
+es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen
+hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das
+Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken
+Zinntellern Fangeball zu spielen.
+
+»Warte, du Irrwisch!« schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen
+Seufzer. »I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!«
+
+Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er.
+Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte
+und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er
+kroch in alle Ecken, und fand er ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er
+ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er
+freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er
+wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame
+Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar
+zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte:
+»Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz
+scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!«
+
+Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. »Ich will nicht schlafen gehen, ich
+will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und
+bin nicht mehr müde.«
+
+»Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich
+ausgeschlafen haben!« sagte der Meister. »Kasperle mag aufbleiben.«
+
+»Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft
+anrichten! Das geht nicht,« meinte Mutter Annettchen.
+
+»Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.« Liebetraut
+war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen.
+
+Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte
+ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre
+das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.
+
+So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und
+das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische,
+Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine
+Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. »Mach' einen
+Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,« bettelte er.
+
+»Warum denn?« Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein
+wenig die Augen zu und brummelte: »Es brauchen doch nicht alle zu sehen,
+daß ich ein Kasperle bin!«
+
+»O Kasperle,« rief Liebetraut, »ich merke es schon, du denkst ans
+Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten
+Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke
+kommen alle darauf.«
+
+Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte:
+»Denk' an dein Versprechen!« da hing er die Nase und wurde still. Er sah
+gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: »Erzähle mir
+was, Kasperle!«
+
+»Erzähle du mir was, Liebetraut!« rief Kasperle. »Ach bitte, bitte, bitte,
+Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!«
+
+»Na, dann paß' auf!« sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe
+Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen
+Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und
+erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle:
+»Mehr, mehr!«
+
+Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da
+ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war
+eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer
+neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen,
+das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte
+es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den
+letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein.
+»Aber Mädchen,« rief diese, »die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --«
+
+»Kasperle ist eingeschlafen,« sagte Liebetraut, sie hob das fertige
+Kittelchen hoch, »und ich bin fertig.«
+
+»Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!« Mutter
+Annettchen lachte. »Ich hatte schon Angst,« redete sie weiter, »er würde
+nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann
+wirklich in den Schrank sperren müssen.«
+
+»Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,« schrie Kasperle
+erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken
+schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da
+purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an
+den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: »Uff! Na, man merkt, daß
+ein Kasperle im Hause ist!«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Was am Waldsee geschah
+
+Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon
+mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.
+
+Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er
+irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den
+Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann
+wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube,
+oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken
+überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich
+stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte
+und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.
+
+Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze
+kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach
+immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die
+nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und
+Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an
+dem unnützen Schelm.
+
+Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert
+Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald
+gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und
+mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt
+durchstreifen könnte.
+
+Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag:
+»Denk' an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte
+bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder
+es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre.
+
+Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach
+Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht
+vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum,
+alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle
+recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war
+es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es
+mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde
+recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum
+Meister!«
+
+Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte
+hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine
+neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfählen
+aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin
+hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.
+
+»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe
+an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.
+
+»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch,
+geh, du hast hier nichts zu suchen!«
+
+Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er
+lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann
+gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und
+ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar
+gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise,
+und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig
+davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor
+sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg
+er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei
+bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in
+ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten
+höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit
+hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den
+Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei
+entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er,
+das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke
+und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner
+Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er
+kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke
+heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten
+ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er
+hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf
+er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen.
+
+Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie
+Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und
+tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen
+nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später,
+als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte
+der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein
+schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es
+zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte
+der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht
+nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein
+Zeug ordentlich beisammen.«
+
+Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht
+anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen
+solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei,
+drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und
+wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im
+Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor
+Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im
+Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und
+wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster,
+der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle;
+er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu
+stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er
+einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen
+hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif
+und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen.
+
+»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es
+ist euch wohl nicht warm genug?«
+
+Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher!
+und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste
+Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei
+Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu
+erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich
+heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare
+gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte
+Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen
+versteckt?«
+
+»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster
+treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt.
+Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu
+behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte:
+»Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?«
+
+»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet.
+
+Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald
+laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren
+Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink
+heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen
+genommen haben.«
+
+»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr
+kläglich.
+
+War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause
+waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt
+hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An
+seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging
+es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens
+lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der
+Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne
+Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.
+
+Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr
+Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch
+wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die
+holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für
+Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein
+Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl
+zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen
+Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und
+Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!«
+
+Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem
+Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau
+Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und
+Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack
+gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.«
+
+Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen
+war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten
+Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur
+hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom
+Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und
+die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch
+und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle
+Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel
+hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten
+sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die
+sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer
+es gewesen sein könnte.
+
+Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und
+wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich
+um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei
+sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen
+sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher,
+und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber
+Kasperle, was machst du hier?«
+
+Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur
+Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein
+wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem
+war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben
+ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht
+stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel
+vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu.
+Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu:
+»Wo ist Kasperle?«
+
+»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen
+richtete.
+
+Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte
+Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle
+fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!«
+
+Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte
+das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen
+und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab
+keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald
+hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein
+Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel
+schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden
+Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!«
+
+Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als
+er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen,
+und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie
+dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm
+gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten.
+Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren
+schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum
+hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
+
+Wo aber war das Kasperle hingelaufen?
+
+Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt,
+froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles
+Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite
+Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau
+und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus
+einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den
+Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch
+wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude
+über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu
+schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe
+wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein großer Stein
+auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein
+Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte
+nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um.
+Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig
+sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer
+Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.
+
+Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch
+fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein,
+und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen
+Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und
+dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte
+zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und
+trabte dann ins Dorf hinein.
+
+Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf,
+hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war
+so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren,
+ihn den »faulen Matthias« nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben
+sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein
+Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen
+Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.
+
+Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen
+Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief
+herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins,
+und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der
+halbe Teller leergegessen.
+
+Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht
+widerfahren. »Du Frechdachs!« schrie er, hob seine dicke Hand und wollte
+Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und
+Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. »Ich
+hatt' so argen Hunger!« klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches
+verschmitztes Gesicht, daß »der faule Matthias« trotz seinem Ärger lachen
+mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie
+gesehen. »Woher kommst du denn?« schrie er ihn an.
+
+Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und
+klagte: »Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab'
+niemand mehr auf der weiten Welt.«
+
+Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer
+ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: »Das ist noch kein Grund, um andern
+den Kuchen wegzufressen,« aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle
+näherkommen.
+
+Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er
+nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen
+glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte
+gnädig: »Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht
+nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich
+meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der
+reiche Strohkopf dich aufnimmt?«
+
+Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn
+was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht
+nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer
+als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch
+mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem
+Hause kam, rief er dem zu: »Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da,
+nimm ihn mit!«
+
+Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er
+dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und
+schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er
+zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: »Da!« schob Kasperle
+hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden,
+dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.
+
+Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine weißen und grauen Schützlinge
+umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht.
+In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre
+Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu
+fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch
+nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem
+Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle
+wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des
+Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und
+Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des
+Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die
+erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte.
+Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich
+an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag
+Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die
+Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war
+doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins
+Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte,
+die Gänse schnatterten lauter und lauter, -- es war ein Höllenlärm.
+
+»Jemine, was ist im Gänsestall los?« rief draußen auf dem Hof die Magd
+Karline. Sie dachte: Es ist vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und
+rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das
+schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich
+weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. »Ein Kobold,
+ein Kobold ist im Gänsestall!« schrie sie draußen.
+
+Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an,
+Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das
+schreiende Kasperle heraus.
+
+»Herrje, was ist das?« rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf
+zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. »Wie der aussieht!«
+sagte sie.
+
+»Ein Kobold ist's, ein Popanz!« kreischte Karline.
+
+»Nä, unser neuer Gänsejunge ist's, und jetzt kriegt er Haue,« brummte
+Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es
+nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte
+ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und
+wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde
+durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian
+aber zeigte nur auf den Stall. »Nachsehen!« brummte er. Und klitsch
+klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die
+Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. »Du zerschlägst ihn ja ganz!«
+schalt sie.
+
+»Der hat's verdient!« knurrte Florian.
+
+»Ja zum Kuckuck, der hat's verdient!« schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte
+inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er
+wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest,
+ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder
+sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah,
+legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus.
+Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst
+Florian grinste.
+
+Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so
+betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut;
+die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es
+sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ
+die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins
+Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich
+auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein
+so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich
+wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf,
+und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer!
+
+Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten
+am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen Florian,
+dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig
+gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines
+recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da
+blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen
+Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul
+lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen
+Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male
+lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und
+kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an,
+Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und
+kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam
+Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte
+ein paarmal: »Hör' auf, lach' dich nicht krank!« Aber dann lachte sie
+selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und
+Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel
+und rief: »Jetzt ist's genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!«
+Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine
+Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für
+ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er
+kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: »Morgen mußt du
+Gänse hüten.«
+
+»Rrrrrrrrr!« Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf
+einmal? »Rrrrr!« klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue
+Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. »Dummheit ist's,«
+brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln
+und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge:
+»Rrrrr! Rrrrr!«
+
+»Hol' ihn der Fuchs! Mit dem ist's nicht richtig,« knurrte Florian. Und er
+verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und
+dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen
+können.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Gänse hüten
+
+Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als
+Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war,
+goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun
+freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem
+bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu
+fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte
+ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine
+schnatternden Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten.
+Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: »Geh, hüt'! Kannst
+mit dem Schäfer gehen!«
+
+Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger
+als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur »Damian ohne
+Maul«. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er
+winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf
+hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß
+Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das
+gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da
+folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu
+laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem
+Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und
+zeigte auch hin. Da wurde »Damian ohne Maul« fuchswild. Nun mußte er am
+frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! »Dort bleiben!«
+brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts,
+und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig
+übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht
+folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er
+fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses
+Gesicht. Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine
+hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie
+meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle
+meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm
+hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann
+die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die
+guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder
+rundum jagte sie ihr Hirte.
+
+Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas
+vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde
+immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie,
+und weiter ging es, immer rundum, rundum.
+
+»Damian ohne Maul« pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu
+kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein
+Bruder ihm gesagt hatte: »Paß auf!« Und da er nicht allzuweit seine Schafe
+weidete, ging er einmal nachsehen.
+
+Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum,
+die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen
+wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!
+
+Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da
+packte ihn jemand am Hosenboden. Und »Damian ohne Maul« hielt sich nicht
+mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle spürte
+das sehr genau, er schrie mörderlich, und die Gänse schauten mit weit
+offenen Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar übel! Wenn die
+älteste Gans hätte reden können, sie hätte jetzt gewiß das Sprüchlein
+gesagt:
+
+ »Was du nicht willst, daß man dir tu',
+ Das füg' auch keinem andern zu!«
+
+
+Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle
+herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich,
+als »Damian ohne Maul« ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber
+so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet
+hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse
+alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging
+darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er
+hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde
+bald weiter in die Welt hineinlaufen.
+
+In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des
+Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu
+sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller
+und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur
+Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute
+Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich manchmal, der eine schalt
+auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel
+machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun
+gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wußte der Späße und Dummheiten, die
+sie noch nicht kannten.
+
+Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn
+anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und
+Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen
+ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten
+in seine Gänse hinein.
+
+Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los.
+Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel
+fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel
+dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden!
+
+Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren,
+und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr
+vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden,
+obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten
+sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und
+Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher Sauertopf sein
+wie »Damian ohne Maul«, um nicht zu lachen, doch Windgustel und
+Wassergustel waren keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie
+auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte ihnen nämlich
+von dem Schäfer, und da sagten die beiden Unnützlinge, das sei von dem grob
+gewesen, und das mit den Gänsen sei fein. »Mach's noch mal!« bat
+Windgustel.
+
+»Erst nachsehen, wo der Damian ist,« rief Wassergustel. Er sprang auf, sah
+nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den
+Kameraden: »Er schläft.«
+
+Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern
+dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die
+Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun
+wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen
+weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht.
+
+Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was
+sie ihm wohl antun könnten.
+
+»Einen Frosch aufs Gesicht setzen,« schlug Windgustel vor.
+
+»Ihm die Knöpfe abschneiden,« sagte Wassergustel.
+
+Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich
+einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg,
+gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter
+Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als
+plötzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem
+Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn.
+
+Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang
+hinab, weg waren sie! und als »Damian ohne Maul« erwachte, sah er sich
+erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend
+gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem
+Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging
+nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am
+Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger
+Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah
+alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.
+
+An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer
+Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na,
+vielleicht wird's mit ihm! Nur -- sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann
+sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein
+schlimmes Zeichen.
+
+Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm
+morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie
+dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall.
+Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er
+dachte: Ein Gänsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen
+Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.
+
+Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon
+Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den
+schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus,
+und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs
+den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer.
+Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte!
+Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen
+Beinen durch, und plumps! lag »Damian ohne Maul«, so lang er war, im
+Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick
+kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war.
+Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein
+abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an
+einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe
+von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt
+hinein. Gänsejunge sein hatte er satt.
+
+Doch »Damian ohne Maul« war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von
+weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere
+Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er mochte flink
+Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn
+doch. Er sprang eine Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang.
+Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam näher und näher, doch
+da zur rechten Zeit rollte ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor
+gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, und Kasperle
+besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem
+Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es
+schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen.
+
+Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück
+hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, -- weg waren
+Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die
+mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging's heim, und auf dem
+Hofe rief »Damian ohne Maul« zornig: »Ausgerissen!«
+
+»Wer? Ein Schaf?« fragte der Bauer, der das gerade hörte.
+
+»Nein!« Damian schüttelte den Kopf. »Kasper!«
+
+»Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?« Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie
+war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! »Warum
+denn?« fragte er. »Erzähl' doch!«
+
+Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für
+Damian. Er schüttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte
+heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in
+sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.
+
+Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von
+dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian
+sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das
+Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde
+bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im
+Dorf, »Damian ohne Maul« habe den armen kleinen Waisenjungen gar so
+schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.
+
+Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich
+feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein
+angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein
+Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem
+größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es.
+Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten
+gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen,
+staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der
+Bauer Strohkopf: »Das ist ja mein Gänsejunge!«
+
+
+Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der
+Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine
+Gesichter schnitt.
+
+Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien
+Windgustel und Wassergustel: »Das ist er auch!« Genau so bitterböse hatte
+Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar,
+alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer
+aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er
+kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte
+von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von
+dem ausgerissenen Gänsejungen.
+
+Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! »Er ist's, er ist's!« schrie
+er laut. »Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell,
+sagt's!« Der Kasperlemann packte »Damian ohne Maul« beim Jackenknopf. Da
+erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte »Hm!« und mehr war nicht
+aus ihm herauszubekommen.
+
+Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: »Ha, nun merk' ich: Ausgerissen war
+der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?«
+
+Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte
+von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie
+ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen
+des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im
+Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen
+gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch
+viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte
+doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er
+jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen
+vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen
+habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle
+erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten
+Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen
+und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er.
+
+»Ist recht,« schrie der Bauer Strohkopf. »Sucht ihn nur, und nachher muß
+ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab' ich in
+meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!«
+
+»Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!« sagte der Puppenspieler.
+»Der versteht das Kaspern schon!«
+
+Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an.
+Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann
+erklärten sie doch beide: »Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem
+Kasperlemann.«
+
+Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und
+Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: »Biste närrisch? Du bleibst zu
+Hause und gehst in die Schule.«
+
+Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er
+dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein
+Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf
+rief ihm noch nach: »Ich geb' 'n Taler fürs Finden.« Dem tat es doch bitter
+leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Kasperle im Schloß
+
+Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz
+gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte
+ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian.
+Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute
+dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute
+nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte
+auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten.
+Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil der lustige
+kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel.
+
+Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der
+Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen.
+Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das
+Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so
+schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen,
+mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war
+ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den
+einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken.
+Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher
+Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und
+beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der
+gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein
+Gespenst.
+
+Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber
+zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem
+würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht
+gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.
+
+Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen
+nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn
+dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so
+etwas!
+
+Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und über dem stieg auf mäßiger
+Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig
+im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im
+Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher
+schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder
+harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren
+käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es
+plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend
+stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem
+Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das
+war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber
+alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß.
+
+Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher
+kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die
+Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt
+trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten
+sie.
+
+An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das
+Gefahre ginge so weiter, und bei dem jähen Ruck verlor er darum das
+Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.
+
+Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem
+rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen
+Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: »Da fällt ein
+Junge vom Wagen!«
+
+Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er
+drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von
+Singerlingen aber rief erstaunt: »Wo ist denn der hergekommen?«
+
+»Vom Wagen ist er gefallen,« sagte das kleine Rosenmädchen. »Ach, und nun
+ist er tot!«
+
+»Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,« brummelte der
+alte Diener des Grafen. »Darum haben die Leute auch so über uns gelacht.
+Und tot ist er sicher nicht.«
+
+Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener
+aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn
+herum lachten.
+
+Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und
+staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber
+betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: »Komisch, sehr
+komisch!«
+
+Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen
+zusammen, machte ein sehr betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem
+dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite
+Welt hinaus wolle.
+
+O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam.
+Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen
+ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein.
+Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner
+Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er
+schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die
+Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte
+auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in
+der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte
+aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die
+würde schon für ihn sorgen.
+
+Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle
+am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade
+Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube
+gekommen waren.
+
+Fein, hier gefällt's mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum.
+Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein
+Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: »Fein!« und nicht: »Der gefällt
+mir,« als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr geärgert: »Was soll ich
+mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg
+mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen
+Kartoffeln schälen.«
+
+»Mag ich nicht,« rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse,
+und sie befahl zornig: »Er soll Kartoffeln schälen!«
+
+Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum
+hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: »Da ist einer,
+der soll euch helfen.«
+
+»Der uns helfen?« Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine
+riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm
+eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei
+riefen: »Nun hilf uns!«
+
+Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das
+ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück
+Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel
+zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine,
+warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: »Ich hab' Hunger!«
+
+Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle
+zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und
+dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So
+etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen.
+
+Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie
+ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei
+Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch
+herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen
+Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken
+die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. »Geh, hilf
+Geschirr waschen!« herrschte sie ihn an. »Da hinein!« Sie schob den Kleinen
+in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde.
+
+Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein
+schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. »So einen Dreikäsehoch
+kann ich nicht brauchen,« schrie sie. »Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir
+nur alles kaputt.«
+
+Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und
+er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch,
+von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem
+Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft
+gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: »Halt,
+halt, vergreif' dich nicht dadran! Die Teller --« Klirr, da sausten
+sämtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung
+fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: »Die
+allerbesten Teller sind es, die allerbesten!« Ein paar Mägde schnatterten
+durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener
+streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der
+andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch.
+
+In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen!
+Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen
+Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf
+den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte
+gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein,
+was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in
+denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im
+Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an
+einer Türe, an der andern, an der dritten, -- sie waren alle verschlossen;
+die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages
+nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen:
+Fruchtschalen, Kuchen und Torten.
+
+Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken.
+Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim
+Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle
+wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen
+einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl
+etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein
+Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab,
+tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas
+hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu
+können.
+
+Da sagte auf einmal draußen jemand: »Was ist denn das? Hier steht ja eine
+Türe auf!«
+
+Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch
+dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die
+Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die
+spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah,
+hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer
+und rief um Hilfe.
+
+Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er
+hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma
+sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte;
+sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll
+Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen
+kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; hinter den
+rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener
+schelten, und plötzlich riefen alle: »Es fahren wieder Gäste vor.«
+
+Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt
+war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu
+fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen
+entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war
+es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet
+er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm
+schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der
+schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle
+waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus.
+Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle
+konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein
+feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide
+bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein
+Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es
+sich doch sicherlich gut schlafen.
+
+Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen
+Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin
+herum. Ei, da lag sich's besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch
+freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber
+hier! -- Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen
+draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus,
+strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter.
+
+Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe
+auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die
+redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann
+trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: »Ich bin heute sehr
+müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!« Bei diesen Worten strich er
+etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so
+ganz gerade lagen. »Was ist denn das?« rief er auf einmal erstaunt. Der
+Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er
+betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief
+dann entrüstet: »Friedrich, in -- meinem Bett ist -- Schlagsahne!«
+
+»Schlaaagsahne!« Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam
+eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am
+Finger und rief verdutzt: »Schlagsahne!« Und dann lief er zur Klingel,
+läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein
+Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der
+Herzog wünsche.
+
+Da deutete dieser auf das Bett und sagte: »Was ist das? Drüberstreichen!«
+
+Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken
+zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und
+rief ebenfalls: »Schlaaagsahne!« Und dann rannte er, holte den
+Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das
+Bett herum und riefen: »Schlagsahne!«
+
+Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die
+seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in
+den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das
+ganze Bett und -- der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen
+Stuhl. »Da, da, da!« rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf
+den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine
+große Nase etwas weit vorgestreckt hatte.
+
+»Es steckt jemand unter dem Bett,« rief der Haushofmeister zuerst. Da
+krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch
+so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide
+hervor, und beide riefen entrüstet: »Er klebt ganz und gar, er ist auch
+voller Schlagsahne.«
+
+»Ah!« sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der
+Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke
+unter dem Bett.
+
+»Ah!« rief auch der Graf zornig. »Das ist der, den mein Herr Vetter von
+Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten
+gemacht hat. Haue muß er kriegen!«
+
+»Jawohl und eingesperrt werden!« sagte der Haushofmeister, und der Herzog
+nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: »Aber erst
+morgen hauen.«
+
+»Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,«
+rief der Graf streng.
+
+Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am
+besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh
+ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es
+ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen
+Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme:
+»Bitte, bitte, bitte!«
+
+Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ängstlich
+weit, weit in seinen Stuhl zurück, und auf einmal purzelten Stuhl und
+Herzog hintenüber.
+
+»Um Himmels willen!« Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen
+erschrocken zu, und da schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen
+Purzelbaum über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog dem einen
+Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, daß er zurückwich.
+Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie
+laut: »Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!«
+
+Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle
+war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war
+spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle
+dahin, die Türen waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer
+schlüpfen können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die
+Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schloß geriet in
+Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was
+sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er
+dachte, der Herr Herzog hätte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich
+glücklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine
+gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, als wäre er selbst
+entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schloß.
+Schließlich aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, er habe
+Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nämlich alle Hunger,
+denn es war schon spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht
+gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.
+
+Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die er hatte, sollten überall
+suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann
+wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden
+wieder ganz vergnügt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen,
+das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Rosemarie
+
+Rings um das Schloß wachten die Wächter, die großen Hunde umliefen es,
+Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war
+er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das ganze Schloß, sie
+schauten sogar in verschlossene Kisten und Schränke hinein, -- der unnütze
+Schelm war nicht zu finden.
+
+Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die
+hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lärmen
+erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt,
+der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Geäst des uralten Efeus hing, der
+die Schloßmauer bedeckte. »Der fremde Junge!« Rosemarie hatte es verwundert
+gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter
+konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz
+außer Atem.
+
+Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal
+zu Rosemaries größter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her
+jammerte er kläglich: »Sie hängen mich auf!«
+
+Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte
+ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein
+kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das
+Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen
+zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte:
+»Das schadet nichts, hier findet dich niemand.«
+
+Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in
+Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die
+ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube
+gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge
+am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von
+himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur
+für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein.
+
+Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er
+aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber
+doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen.
+
+Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen
+und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn
+morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog
+sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief.
+
+Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: »Ich kann in
+dem Bett nicht liegen!«
+
+»Du mußt aber drin bleiben,« flüsterte Rosemarie ängstlich. »Ach, Kasper,«
+klagte sie, »was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es
+sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen,
+damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles
+abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich
+finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.«
+
+»Brrrr!« Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt
+gelaufen, um eingesteckt zu werden. »Ich fliehe,« brummte er.
+
+»Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.« Rosemarie
+seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. »Ich
+weiß was,« sagte sie. »Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem
+Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm,
+jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.« Sie packte
+fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen,
+und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran.
+Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale,
+schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende
+eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der
+Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte.
+Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie
+belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln,
+dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte,
+erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er
+hätte doch gar nichts Schlimmes getan. »Du armer Kasper!« flüsterte sie,
+und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen.
+
+In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und
+verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt
+ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme,
+die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann
+aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: »Nun
+muß ich gehen,« da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein
+Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein
+brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein
+Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest.
+
+Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in dem schönen Schloß und
+wäre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und
+schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: »Weißt du, wie du
+aussiehst? Wie -- wie meine Kasperlepuppe.« Und ganz jäh begann sie sich
+ein wenig vor dem fremden häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte
+rasch: »Ich muß gehen.« Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann
+leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie zuschließen, dann war er allein.
+
+Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und vergaß
+darüber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen
+und unten die Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das
+Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und
+knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um.
+Ach, war das eine schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die Höhe
+und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab.
+
+»Wauwau, wuwuwu!« ging es plötzlich unten los; ein großer Hund stand da und
+bellte zu Kasperle hinauf. »Wauwau, wuwuwu!« Ganz drohend klang seine
+Stimme.
+
+Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch so schnell ging das
+nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder
+drin war, tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf.
+
+Gab das ein Hallo! »Er steckt im Turm!« schrie der Mann. Und dann drohte er
+hinauf: »Nu, warte du, dich fange ich!« Er maß schnell das kleine Fenster
+mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht
+hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein unten keinen Schlüssel hatte
+und auch wußte, daß dies immer verschlossen war, lief er eilig in das
+Schloß hinein, seinem Hund aber rief er zu: »Sultan, paß auf!«
+
+Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu
+tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte
+blitzschnell das Treppchen hinab und schloß unten auf. »Wauwauwau!« bellte
+ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund
+geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So
+ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte,
+und da hatte Kasperle auch schon die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und
+quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen
+Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wächterpflicht. Doch
+Kasperle war flinker draußen als er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase
+zu, und draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg hinab in
+einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bächlein
+gefiel dies Hineingeplumse gar nicht.
+
+Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und lauter. Jetzt bellte nicht
+Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden
+laut, Rufe ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in
+seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da
+schlüpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese
+liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht
+verstecken. Aber statt über die Wiese zu laufen, fing Kasperle an
+Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg
+hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen
+Schatten unter.
+
+Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem Schloß hatten sie den Turm leer
+gefunden, und die Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten der
+Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, daß Kasperle gesehen
+worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer
+bitterböse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, versprach er
+eine hohe Belohnung.
+
+Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch
+bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine
+Mauerpforte immerzu wütend an. »Den haben wir bald,« sagte der Landjäger,
+»Sultan findet ihn schon.«
+
+Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich am Bach still, schnupperte
+und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo
+war das Kasperle?
+
+Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte im Schloß umher, um das
+Schloß herum, Kasperle fanden sie nicht. »Er ist noch im Schloß,« sagten
+die einen, »nein, er ist entwischt,« behaupteten die Landjäger; »man muß im
+Walde suchen.« Die Mägde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold;
+aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel
+Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte,
+Kasperle hätte sich gewiß darin versteckt.
+
+Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die
+Höhe stieg. Der Wald war hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon
+darin verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den Hunden hatte
+Kasperle doch eine jämmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er
+konnte. Und das war nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch
+einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles
+Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoßen. Und
+je höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingeröll
+bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wäre wohl nicht so schnell in die
+Höhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal vor
+ihm eine grüne Bergwiese lag.
+
+Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz blaß und
+fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar
+nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da
+schlief er auch schon. Und die großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem
+armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel
+empor, haben gütige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen,
+die sich quälen müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so müde
+und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein
+schönes, feierliches Schlummerlied, erzählten ihm Geschichten, und Kasperle
+schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett.
+Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die
+Landjäger mit Hussageschrei den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg
+keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, daß niemand
+dachte, Kasperle könnte denselben gegangen sein.
+
+Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die Landjäger schon in das
+Schloß zurück, und sie sagten nun auch: »Der hat sich im Schloß versteckt.«
+Und sie bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin hütete ihre
+Speisekammer. Und doch fehlte darin am nächsten Tag ein großes Stück Torte.
+Sie sagte: »Das war der Junge,« und die Mägde sagten es auch. Berta und
+Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie
+hatten nämlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der
+fremde Junge sei es gewesen.
+
+Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am
+Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen
+gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: »Schafft mir nur
+den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich
+doch in meinem Schlosse nicht krank ärgern.«
+
+Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die hätte gern ihren
+Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog
+könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie wußte doch, sie
+konnte nicht einmal sagen: »Es tut mir leid.« Dazu freute sie sich viel zu
+sehr über Kasperles Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen
+und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu
+sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemütlich im
+Schloß in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das muß ein
+bißchen lustiger werden, ich muß mir etwas Vergnügliches ausdenken. Und als
+er hörte, unten in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges
+lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann
+möchte heraufkommen.
+
+»Ich habe eine Überraschung,« sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch.
+Und dann erzählte er von dem Puppenspieler.
+
+Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, mußte lachen. »Das ist
+freilich eine schnurrige Überraschung für große Leute,« sagte er. »Doch der
+Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.«
+
+So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schloß. Der Kasperlemann aus
+dem Städtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann
+streckte Kasperle seine große Nase heraus und -- ja, was er sagen wollte,
+das hörten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: »Der fremde Junge! Genau
+so sah er aus.«
+
+Kasper ist's! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jäh begann sie
+bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, daß der Kasperlemann
+seine Reden und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde nach
+Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es
+sagen zu können, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt.
+
+»O Rosemarie,« rief die Gräfin ganz erschrocken, »warum hast du geholfen
+und den schlimmen Jungen ausreißen lassen!«
+
+»Mit Verlaub,« redete da der Kasperlemann hinter seiner Bühne hervor, »das
+ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.«
+
+»Potzwetter noch einmal!« Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an
+und rief: »Was redet Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas
+habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!«
+
+Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und verbeugte sich immerzu ganz
+tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog
+endlich rief: »Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem
+Kasperle für eine Geschichte ist.«
+
+Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und daß er
+Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte.
+
+War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog ließ sie sich dreimal
+erzählen, und dann mußte der Puppenspieler auch noch heilig versichern,
+alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen.
+
+Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefürchtet
+hatte, und daß sie sich jetzt nicht mehr fürchten würde; er war ja nur ein
+Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den
+Herzog sagen hörte: »Der muß gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will
+ich besitzen. Wer ihn fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem
+Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der muß mir das
+Kasperle überlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden
+ausreiten, und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich
+haben.«
+
+Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister Friedolin versprochen
+hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung
+verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn
+-- er es erst hätte.
+
+Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen goldenen Käfig stecken,
+er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, -- wenn er ihn erst hätte. Und die
+Landjäger sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer dem andern:
+»Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld.« Manche
+Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu
+suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstraße und
+lasse sich fangen wie ein Schmetterling.
+
+Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre
+Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von
+den vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme
+verfolgte Kasperle tue, das in einen Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter
+tröstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. »Vielleicht findet er
+noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat,« sagte
+sie.
+
+»Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,« flüsterte Rosemarie und faltete
+fromm ihre Hände. Und dann schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in
+einem goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und plötzlich
+war um den Käfig herum der grüne Wald, und Kasperle spazierte vergnügt
+hinein. Er nickte ihr noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf
+einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger und viele, viele
+Leute, und alle riefen: »Wo ist Kasperle?« Da fing die kleine Rosemarie an
+zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen
+Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen,
+dachte sie getröstet.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Ein neues Heimathaus
+
+Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hörte
+kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Höhe drang
+kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die
+ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blüten waren
+aufgeblüht. Wie ein grünseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt,
+breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die
+Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis umschloß der hohe
+Tannenwald die Wiese, und über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan.
+Darüber glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren
+erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blüte
+zu Blüte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch
+das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor dem König der Vögel
+gefürchtet. Kasperle schaute und schaute, er vergaß darüber seine Not, bis
+auf einmal sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: »Frühstückszeit
+ist lang vorbei!«
+
+Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren
+leer, und es half ihm nichts, daß er an die gefüllten Speisekammern im
+Schloß dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren,
+mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen hätte ausfüllen können,
+gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.
+
+Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. Über die Berge hinüber,
+dachte er; bis dahin würden sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen.
+Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen,
+überquerte die schöne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl
+eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der
+am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, daß er nicht oft
+begangen wurde; ein Weg führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle
+rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen
+riesengroß geworden, und auf einmal meinte er, er könne nicht weiter; er
+setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger
+zu weinen.
+
+Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde stärker und
+stärker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im
+Waldhaus, wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da mußte eine
+Kirche in der Nähe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da
+rannte Kasperle auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit zu
+gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf
+liegen. Um ein große, weiße Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und
+behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines
+Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und
+die Glocke läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wäre am
+liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er
+blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter
+die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wäre!
+Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf
+das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so
+mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle!
+
+Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor.
+Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schönen
+Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort
+wuchsen seltene Heilkräuter, und Herr Habermus war ein kräuterkundiger
+Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, kamen wenig
+Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mühsam und beschwerlich,
+einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem
+Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, so gut es ging. An
+diesem schönen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grüne
+Botanisierbüchse voll Kräuter zu füllen und fand dafür das weinende
+Kasperle. »Jemine,« schrie er, als er den Kleinen erblickte, »was ist denn
+das?« Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich
+er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch
+zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst
+Fremde daherkamen. »Heda!« rief er und packte das weinende Kasperle. »Wo
+kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?«
+
+Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. Kasperle sagte
+schluchzend wieder sein Sprüchlein her, er sei ein armes verlassenes
+Waisenbüble und wolle in die weite Welt gehen.
+
+Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich
+ungemein leid. »Nun, nun,« sagte er, »da mußt du nicht so schrecklich
+weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein Büble sein!«
+
+»Ich hab' doch Hunger!« schrie Kasperle so laut und kläglich, daß Herr
+Habermus gleich ganz erschrocken seine grüne Büchse um und umdrehte. Die
+hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefüllt,
+und der Schullehrer drückte Kasperle Brot und Kuchen in die Hände und
+wollte gerade ermahnen: »Iß!« da -- schrippschrapp! hatte Kasperle schon
+beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es!
+
+»Potzwetter,« schrie Herr Habermus, »du kannst das Essen gut!« Er füllte
+wieder Kasperles Hände, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles
+hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. Aber es
+reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: »Nun erzähl'
+mir mal, wo du eigentlich herkommst.«
+
+Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte verlegen von Protzendorf, er
+klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der
+kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt gewesen. »Bist du denn
+auch ordentlich dabei in die Schule gegangen?« fragte er mitleidig.
+
+»In die Schule?« Kasperle riß seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als
+zuvor aus Hunger. Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen
+sollte, daran hatte er nie gedacht. »Nä!« rief er und schüttelte immerzu
+den Kopf. »In die Schule, -- nä!«
+
+»Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule gegangen?« fragte Herr
+Habermus ordentlich entsetzt.
+
+»Nä, nie!« Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus
+schüttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte!
+Hier mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule gehen. Ei, das
+wäre noch etwas, ein Büble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer
+an der Schule vorbei! »Das geht nicht,« rief er; »mein Sohn, du mußt in die
+Schule gehen!«
+
+Hätte der gute Herr Habermus gerufen: »Kasperle, ich muß dir die Ohren
+abschneiden,« dann hätte es den nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus
+hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: »Na warte, ich schicke dich noch
+in die Schule!« Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in
+Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und
+Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der
+jetzt sagte: »Ei, ein rechter Junge muß in die Schule gehen und muß sich
+darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!« Und dann legte
+Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu
+helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Mein Sohn,
+ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz
+im Schulhause. Du kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim
+Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst
+etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das
+Kräutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn
+sie den Gast sieht, den ich mitbringe!«
+
+Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht.
+Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen!
+Wie würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her,
+der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide
+am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer großen Tanne saßen
+etliche Buben und Mädel. Die staunten über den seltsamen Buben, der da mit
+hängendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach,
+um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdroß Kasperle,
+er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein
+Räuberhauptmanngesicht.
+
+»Huhuhu!« Die Mädel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber
+drehte sich ärgerlich um. »Was soll denn der Lärm?« fragte er.
+
+»Der da macht so 'n komisches Gesicht!« Lauter kleine Zeigefinger streckten
+sich aus und deuteten auf Kasperle.
+
+Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. »Schämt euch!« rief er. »Was
+kann der arme Junge für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist's, dem
+es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der
+Schule werden sie sich schon mit dir vertragen!« Und Herr Habermus stapfte
+wieder voran und das Kasperle hinterher.
+
+Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdümmstes
+Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergnügen, und der
+Schullehrer drehte sich wieder um. »Aber Kinder,« mahnte er strenge, »was
+soll der Lärm!«
+
+Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertönte
+es im Chor: »Der da macht so 'n komisches Gesicht!«
+
+»Kasper!« Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling fragend an, doch der
+sah so unschuldig drein, als könne er kein Wässerlein trüben. »Dumm, dumm!«
+brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am
+andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar
+Gänse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein
+Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gänse wuselten
+erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte
+sich wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf
+ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gänse.
+»Geht heim,« gebot er den Kindern, »laßt mir den Kasper in Frieden!« Dann
+nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte ihn seinem Hause zu, denn so
+ganz traute er dem Schelm doch nicht.
+
+Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und
+mit einem so sonderbaren Kerl zurückkehrte. »Jemine,« rief sie, »was
+bringst du da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie 'n Kasperle aus
+'ner Jahrmarktsbude!«
+
+Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte seiner lieben Frau, wie er
+Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trübselig dabei und machte
+ein so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von heiterer Güte war,
+bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn
+in das Haus hinein.
+
+Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse Blicke bei Kasperles Anblick.
+Für das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und
+vierjährig und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten freilich bald wieder
+auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie
+jauchzten ihm vergnügt zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base
+Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse Gesicht machte. Wie eine
+Gewitterwolke sah sie drein. Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze
+Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. »Wie ein Spatzenschreck
+sieht er aus,« behauptete sie und sah den Kleinen scheel an.
+
+Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich,
+an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn
+die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Räubergesicht. »Hach,«
+kreischte die Base, »wie sieht der Bengel aus! Man muß sich fürchten.«
+
+Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand
+anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll
+dreinblickte, schalt die Lehrerin: »Aber Base, das Büble tat doch nichts!
+Sei nicht so ungut!«
+
+»Hach!« Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. »Jetzt, jetzt hat er
+wieder so ausgeschaut,« jammerte sie. »O du meine Güte, mit dem gibt's noch
+ein Unglück!«
+
+Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die
+Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf
+gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und
+funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline
+mal wieder »hach!« und »ach!« schrie, sagte er streng: »Nun ist's genug;
+Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die
+Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht
+gemacht,« fügte er drohend hinzu.
+
+Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im
+Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach
+einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der
+seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen
+Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base
+Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck
+mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte
+und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster.
+Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles
+Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und
+friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline
+schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der
+fremde Bube. »Hm, hm!« brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber
+drehte sie sich noch einmal um und -- »hach!« kreischte die Base wieder und
+stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand,
+sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer
+und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm
+bedeuten solle. »Da -- da drin liegt ein Gespenst!« jammerte die Base und
+zeigte nach Kasperles Kammer. »Es ist ein Gespenst!«
+
+»Unsinn!« Herr Habermus tat die Türe auf und sah hinein. Da lag Kasperle
+fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig.
+»Was die Base nur hat!« brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte
+Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur
+die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht
+vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Kasperle in der Schule
+
+Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr
+brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die
+Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann
+wanderte Kasperle an Herrn Habermus' Hand hinüber in die Schulstube, und
+der Schullehrer sagte: »Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.«
+
+Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so
+waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle
+an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. »Aber
+stille doch!« rief Herr Habermus. »Kasper, sage nun einmal allen guten
+Tag.«
+
+»Guten Tag!« brüllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein
+allgemeines jauchzendes Gelächter. Buben, Mädel, Kleine, Große, alle
+lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten
+wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören konnten sie. Und Kasperle lachte
+mit. Der riß seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden
+bespannt hineinfahren.
+
+Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte nicht recht, lachte
+Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die über Kasperle. »Aber
+Kinder, Kinder!« rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben Kinder
+immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, sie mögen wollen oder nicht.
+Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und
+konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah,
+dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mußte immer fortsehen. »Jetzt
+setze dich einmal, da gleich vornhin,« sagte er endlich, und Kasperle ging
+gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun
+konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen.
+
+Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte
+beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein
+andächtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und
+die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr Habermus trat zu Kasperle
+und zeigte dem, wie er schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink
+auf und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand.
+
+»Linkshänder!« schalt Herr Habermus, »nimm die rechte!«
+
+»Er nimmt wieder die linke!« rief plötzlich jemand von hinten vor. Das
+dicke Jaköble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: »Er
+nimmt immer die linke!«
+
+»Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!« mahnte Herr Habermus.
+
+Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu
+lachen an. Da wurde der Lehrer ärgerlich. »Kasper,« rief er, »weißt du
+nicht, was links und rechts ist?«
+
+»Nä,« sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte
+er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es
+ihm noch nicht wieder beigebracht.
+
+Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und
+Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer,
+und der Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. »Bleib ganz still
+sitzen, Kasper,« gebot er, »und höre zu!« Da blieb Kasperle steif sitzen
+und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und
+fragte, die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das gefiel Kasperle
+ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hände empor, beide
+zugleich. »Na, was weißt du denn?« fragte der Lehrer. Er wollte gerade die
+Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut:
+»Windgustel!«
+
+»Waaas?« Herr Habermus meinte nicht recht gehört zu haben, die Kinder
+jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brüllte
+vernehmlich: »So, ja, er ist jünger als Wassergustel.«
+
+»So ein Schafskopf!« Herr Habermus dachte es nur, er hätte es aber beinahe
+gerufen. Er sagte jedoch streng: »Still jetzt, und du, Kasper, hebe die
+Hände nicht mehr, hör' zu!«
+
+Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wußten gut
+Bescheid, die Hände flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr
+spaßhaft, er hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht
+hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops!
+pendelten plötzlich Kasperles Beine in der Luft herum.
+
+So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lärmte und
+lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm böse. Rausche,
+bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank
+nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er
+hatte doch nichts Arges tun wollen, und für ein Kasperle ist das
+Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und
+starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging
+weiter.
+
+Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz helles Stimmlein, das
+rief: »Er weint!« Die kleine Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten
+alle Waldraster Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte
+gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Tränen rannen
+stromweise über sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an,
+als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jämmerlich klang es, daß
+gleich ein paar Mädel auch zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr
+Habermus trösten, er sagte zu Kasperle: »Sei nur still, ich bin nicht mehr
+böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.«
+
+Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er wieder putzvergnügt, er
+grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und
+wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.
+
+Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit
+seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war
+eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es war wie verhext.
+
+»Wir wollen singen,« sagte er endlich. Er dachte: Darüber vergessen sie am
+besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher
+zu; singen taten sie alle gern. »Also zuerst: Der Mai ist gekommen,« sagte
+Herr Habermus. »Kasper, kennst du das Lied?«
+
+»Nä!« schrie Kasperle vergnügt.
+
+»Wir sagen's ihm vor,« riefen ein paar Stimmen.
+
+»Sagt mal zuerst das Lied her!« gebot Herr Habermus.
+
+Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf
+und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der
+Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein
+paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus
+sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel
+angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der
+Kasper ist ja fürchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so
+beschränkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der würde schon
+vorwärtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm
+er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen.
+
+Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und Kasperle brüllte mit der
+allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jäh wurde aus der
+Singerei ein lautes Gelächter.
+
+»Kasper, schweig!« rief Herr Habermus. »Du lernst in deinem Leben nicht
+singen.«
+
+Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle
+schwieg traurig, er hätte doch so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz
+andächtig da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als könnte er
+keine kleinen Dummheitle machen.
+
+Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist's ein
+lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an
+diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder alle
+gerade heute noch himmelgern geblieben wären. Sie drückten sich sehr
+langsam aus den Bänken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete,
+bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die Kinder alle
+miteinander das Heimgehen.
+
+Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete
+Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: »Drüben im Schulzimmer ist ja
+so arger Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?«
+
+Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen hörte er die Kinder
+lachen, und als er mit einem Ruck die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf
+dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein
+untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser
+gefallen war.
+
+Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das
+Kasperle schwätzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte
+den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem
+gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaßig das Kasperle auch war, was es für
+Gesichter schneiden konnte!
+
+Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte an sich halten, um nicht
+mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den
+Lärm hinein: »Wollt ihr wohl heimgehen!«
+
+Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die
+Buben und Mädel standen verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht,
+wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn
+gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht böse drein, nur ein
+bißchen betrübt. Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen kleinen
+Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den
+Kindern zu und sagte nur noch einmal: »Geht nun aber heim!« Und da leerte
+sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig
+heimzukommen, sie purzelten beinahe über ihre eigenen Beine. Draußen
+schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: »Da hat's
+doch was gegeben, und wie spät die Schule aus ist! Gar haben sie alle
+nachsitzen müssen.«
+
+Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, und die meisten fingen
+schon draußen vor der Türe an, von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu
+erzählen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor,
+stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht böse: »Kasper, was
+bist du für ein unnützer Strick!«
+
+Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. »Ich hab' doch nur gekaspert!«
+antwortete er kläglich.
+
+»Ja, du bist doch --« Herr Habermus stockte, er wollte sagen: »kein
+Kasper«, da sah er seinen Schützling an und dachte erschrocken: Er sieht
+doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus
+gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und
+sah ihn so traurig bittend an, daß all sein Ärger verging. »Nun komm nur
+mit, du Schelm!« sagte er. »Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr
+kaspern.«
+
+»Nä,« versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue
+Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und
+schlitterte vergnügt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die
+Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen.
+Die hatte gerade eine Schüssel Milch in den Händen, und da lagen dann
+plötzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab
+ein allgemeines Zetergeschrei. »Er hat's mit Absicht getan!« kreischte die
+Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. »Hach, jetzt sieht er mich
+wieder so an!«
+
+»Er konnte nichts dafür,« sagte die Frau Lehrerin. »Ich hab's gesehen, nur
+ein bißchen geschwinde ist er zur Türe hereingekommen.«
+
+»Er hat's mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht!« Die Base
+Mummeline stand wütend und scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am
+Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht machte er
+auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline.
+
+Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den Lehrer, auch Lenchen und
+Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit
+Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: »Geh du und tummle dich
+draußen herum, macht aber keinen Lärm um das Schulhaus herum!« Bei sich
+dachte die gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas spielt,
+und hier im Hause möchte die Base Mummeline doch immerzu schelten.
+
+Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war er draußen, da packten ihn
+ein paar Buben. »Komm mit, du mußt uns noch was vorkaspern,« baten sie.
+
+»Nicht hier,« sagte Kasperle ängstlich, »ich soll keinen Lärm machen.«
+
+»Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,«
+schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem
+alten Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und
+wuchs unterwegs, Buben und Mädel fanden sich dazu, und dann verschwanden
+sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten
+auf einer Wiese.
+
+An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar
+Frauen sagten zueinander: »Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule
+gehen? Wo stecken sie denn?«
+
+»Ja, wo sind sie denn?« fragte die Krämerfrau, die das hörte.
+
+Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: »Wo sind denn
+die Kinder?« Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang
+immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die
+Schule fängt an, die Schule fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine
+Bubenbeine, keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von
+den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzählten, sie hätten die
+Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand.
+
+»Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,« sagte Frau Veronika
+Lappenmeyer.
+
+»Aber es ist doch Schule!« rief Herr Habermus entrüstet. In den Wald konnte
+man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis
+tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.
+
+Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: »Frau
+Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin
+brüllt es ja fürchterlich!«
+
+Die Kinder sind's mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber
+gleich los, die Dörfler folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm
+nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie wirklich. Kasperle saß
+hoch oben unter dem Gebälk, und unten standen Mädel und Buben und starrten
+lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte und verrenkte und
+den allergrößten Unsinn schwätzte.
+
+»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der
+Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein
+ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich
+verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit?
+
+»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Glocke gellte ihnen in den Ohren, und
+ein paar schrien: »Wir müssen in die Schule!« Und dann rannten sie an den
+Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um und sahen vor lauter
+Eile und Eifer niemand und nichts. Und Kasperle sprang plötzlich von oben
+herab in einem weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er raste
+den andern nach, und im Umsehen war der Schuppen leer.
+
+Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. »Die Kinder sind ja wie
+besessen!« rief die Krämerin, die andern stimmten ihr zu, Herr Habermus
+aber kehrte bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran schuld,
+nur er allein. Was war das für ein schlimmer Junge! Er darf nicht mehr in
+die Schule, dachte er und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf
+ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen, und Kasperle saß wieder
+auf der vorderen Bank. Sein Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein,
+als könnte er nicht das kleinste Dummheitle machen.
+
+Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn zum Katheder, dort sagte er
+streng: »Ihr seid alle zu spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.«
+Da senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden und braunen
+Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle sah höchst verwundert drein, es
+krähte mit seiner lauten Stimme: »Es hat ja eben erst geklingelt!«
+
+»Sei du still, du verläßt sofort die Schule!« rief Herr Habermus streng.
+»Du bist an allem schuld. Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule
+kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.«
+
+Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes Schweigen im Schulzimmer.
+Kasperle selbst saß ganz verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt.
+Dann erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes,
+jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus noch nie vernommen hatte. Und
+nicht nur die Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und alle
+miteinander riefen flehend: »Kasper hat keine Schuld, Kasper soll
+dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper soll nicht wieder fort!«
+
+Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, und deren Gebitte wurde
+immer lauter und dringlicher, und je mehr sie flehten, je lauter heulte das
+Kasperle. »Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!« brummte Herr
+Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte er, als er das Kasperle ansah
+und der kleine Kerl ihm einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse
+war er gar nicht mehr auf ihn.
+
+»Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,« sagte er schließlich. »Das
+Nachsitzen sei euch auch geschenkt, aber eine Strafarbeit gibt es, ein
+Stück zu schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und nun stille --
+jemine, Kasper, was ist denn nun wieder los?«
+
+Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und von dorther ertönte wieder
+sein furchtbares Jammergebrüll. »Ich kann doch nicht schreiiiben,« klagte
+er, »ich kann nicht schreiiiben!«
+
+»Dummer Bube,« brummte Herr Habermus, »du brauchst natürlich nicht die
+Strafarbeit zu schreiben, du brauchst bloß Striche zu machen, und nun,
+potzwetter, sei still, sonst --«
+
+Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer noch ausreden konnte, und dann
+saß er da mit dem allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß
+machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er gab kreuzdumme Antworten,
+und immer wieder durchbrauste ein lautes Lachen die Schulstube. Herr
+Habermus wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich tat Kasperle
+gar nichts Böses. Da klingelte es, die Schule war aus. Sonst atmeten die
+Kinder meist alle auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst
+die allergrößten Faulpelze: »Ach, bitte, bitte, wir wollen noch bleiben, es
+ist so wunderschön in der Schule!«
+
+Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. Er erzählte ihnen von
+den Blumen und Bäumen, von Felsen und Bergen, von den feinen
+Schmetterlingen und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still, am
+aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie dann auch am lautesten:
+»Schon?« als Herr Habermus sagte: »Nun ist's aber wirklich genug, nun geht
+heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!«
+
+Und dann verließen die Waldraster Kinder das Schulhaus, und sie kamen so
+vergnügt heim wie noch nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend
+brummten allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so viel schwätzten
+die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Eine neue Gefahr
+
+Kasperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; pardauz! fiel er ins
+Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast
+aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: »Mit dem
+fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdruß haben. Hätte ich ihn doch
+lieber nicht mit heimgebracht!«
+
+Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: »Mach' dir keine Sorge,
+Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er
+schon ein rechter braver Schulbube werden.«
+
+Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle
+die Schulklasse, gleich ging der Lärm los. Alle schrieen: »Du mußt uns was
+vorkaspern, bitte, bitte, bitte!«
+
+Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder dürfe er
+nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den großen
+braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: »Hallo!« und die Mädel
+rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie
+jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr Habermus hörte
+das Geschrei drüben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die
+Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinüber. Er riß die Türe auf und
+schrie: »Potzwetter, was ist das für ein Lärm!«
+
+Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf
+einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das
+übel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in
+der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps' Nase, trafen ein Tintenfaß; das
+sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes
+Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse.
+Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit,
+Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche
+lachten und jauchzten, -- es war wieder einmal ein Lärm wie bei Teufels
+Großmutter.
+
+Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch,
+klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen
+etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute
+nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fünf Mädel,
+die bekleckste Schürzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte
+laut. Himmel, konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten
+schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmählich
+erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch.
+Herr Habermus faßte den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine
+Ecke. »So,« sagte er streng, »da bleibst du stehen, bis du vernünftig
+geworden bist.«
+
+Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises
+Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der
+Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach
+ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr
+Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie
+vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng
+sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das
+klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun
+hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid
+jetzt endlich stille!«
+
+Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und
+auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte
+ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch
+geben!
+
+Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder
+blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder
+die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und
+nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und
+von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht
+aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unnützling!«
+
+Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm
+der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem
+armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte.
+Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an.
+
+Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten
+auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche
+Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode
+gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln,
+hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine
+Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf
+den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau
+Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps
+möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche
+Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die
+jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer
+einen Tee holen.
+
+»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!«
+
+Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst
+heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre
+Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern,
+wie des Schullehrers kleiner Schützling tat.
+
+Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam
+manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im
+Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das
+getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich
+brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging
+furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte
+ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er
+sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte,
+oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie
+hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu
+schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier,
+Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein
+Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und
+über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So
+meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu.
+
+Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus
+schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen
+lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh'
+wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu
+leid.
+
+So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die
+Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus
+plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die
+Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die
+eines Tages sagte: »Ich geh' morgen in die Stadt.«
+
+Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der
+mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den
+Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh' in die Stadt,« dann
+kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten
+allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der
+Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das
+entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend
+jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen
+Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die
+dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte
+die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet
+standen.
+
+»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir
+Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.«
+
+Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben
+sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben,
+behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base
+Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh
+darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen
+hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange
+Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes
+Räubergesicht.
+
+Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg
+hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter
+ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust
+dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte
+dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base
+Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an
+Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die
+Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt.
+Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau
+Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter.
+Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die
+Base doch nie wiederkäme!
+
+Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in
+der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag,
+als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach
+Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die
+Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer
+saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause
+gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn
+nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle
+schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den
+Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am
+Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst
+nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte
+ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten
+Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das
+Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste
+Frage war: »Wo ist Kasper?«
+
+Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar
+Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die
+Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen,
+langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist
+Kasper?«
+
+»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte
+die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
+
+Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das
+Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da
+lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist
+nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper
+ist, na, ihr werdet staunen!«
+
+Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu
+erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn
+was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der
+Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes
+Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so
+aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe
+Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges
+Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht
+ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben
+ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt
+wird. So will es der Herzog.«
+
+Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer
+kleiner Kerl!«
+
+Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten
+wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach
+gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base
+Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er
+bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen.
+Ich hab' es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen
+Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der
+heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur
+sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden
+schon aufpassen!«
+
+Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr
+Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink
+ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der
+Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die
+Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen
+die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
+
+Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen
+könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die
+Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube
+heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die
+Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß
+Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus
+seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief
+sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?«
+
+Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und
+sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!«
+
+»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir's schon denken, daß du
+gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht
+streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie
+vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab
+ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten
+zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, daß ich
+dir geholfen habe.«
+
+Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von
+dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und
+wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich
+verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es
+war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base
+Mummelines Stimme: »Sie kommen!«
+
+Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und
+die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war
+geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten
+es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die
+Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.
+
+»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin,
+um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine
+Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.
+
+Aber wo war denn Kasperle?
+
+Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen,
+der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen.
+»Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,«
+sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen
+suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn
+einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will!
+Vorwärts, alle müssen suchen!«
+
+Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder
+dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau
+Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie
+Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper
+weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon
+nichts geschehen!«
+
+Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen,
+aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun
+müssen wir noch in der Kirche nachsehen.«
+
+»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch
+alle zu.«
+
+Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil
+er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in
+seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche
+herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.«
+Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden?
+Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen!
+
+»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß
+mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt
+wäre!«
+
+»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das
+Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht
+nicht.«
+
+Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen
+müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause
+herum, und ich erwische ihn doch!«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Abenteuer über Abenteuer
+
+Allmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hörte drinnen im
+Kirchturmwinkel den Lärm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal
+recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer dunklen Vorkammer,
+eine Treppe neben ihm führte zum Turmaufgang, und von oben strömte noch ein
+matter Lichtschimmer herab.
+
+Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand
+draußen sagte: »Aber morgen müssen wir doch einmal in der Kirche
+nachsehen.« Es waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um mitten auf
+der Dorfstraße Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfüllt
+die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben
+suchen sie vielleicht nicht.
+
+Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen.
+Eine alte Eulenurgroßmutter, die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon
+ihre Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter im Turm
+gewohnt habe. Niemand störte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben
+den Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten durften das
+tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die
+Glockenklänge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang,
+dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die
+Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefährlich.
+
+Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich
+gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den
+kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken
+sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: »Nehmt euch in acht, der hat es
+auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!« Da schrien alle Eulen;
+unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte
+und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse
+Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst
+vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die
+Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen
+kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den
+Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.
+
+»Bum, bum, bum!« tönte es dumpf.
+
+Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen
+ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle
+klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen.
+»Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!« Die Glocke begann lauter und lauter zu
+rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang
+heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick
+und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße
+nicht mehr auf den Boden setzen.
+
+»Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!« Über das schlafende Dorf rauschten die
+Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren
+erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der
+Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus.
+»Feuer!« schrie er, »Feuer! Feuer!«
+
+Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle
+schrien sie: »Feuer! Feuer!« Und alle sahen sie sich um, wo es denn
+eigentlich brennen könnte. »Die Wassereimer her, die Wassereimer her!«
+schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in
+Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer
+fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam,
+das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?
+
+Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt
+sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und
+sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der
+zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von
+draußen, von der Dorfstraße her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst
+gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich
+einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte
+»Feuer! Feuer!« schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der
+Kirchentüre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab,
+jemand hatte draußen laut gerufen: »Ich wette, das ist der Kasper gewesen,
+der hat sich in der Kirche versteckt.« Es war die Base Mummeline, die das
+rief.
+
+»Die Türe ist aber verschlossen!« rief jemand anders.
+
+»Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,« verlangten ein paar
+Stimmen. »Flink, holt ihn!«
+
+»Bim -- bam, bim -- bam!« Das Läuten oben wurde schwächer, aber Kasperle
+hörte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er
+fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen
+aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte
+jemand rufen: »Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt müssen wir den
+Kasper fangen!«
+
+Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich
+ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich
+neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unnützer Gedanke kam
+dem Kasperle.
+
+Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging auf. »Uje, ist's hier aber
+dunkel! Holt flink ein paar Laternen!« rief jemand. Und dann gab es einen
+Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war über die Stange
+gefallen, die Kasperle quer vor die Türe hielt.
+
+»Au, Donnerwetter!« Da lag der dicke Schulze.
+
+»Himmel, Hagel, was ist das!« Der eine Landjäger fiel dem Schulzen nach,
+und der Schneidermeister Pimperling quiekte: »Potz Hosenknopf und Ellenmaß,
+hier spukt's!«
+
+»Ich werde totgedrückt!« kreischte die Base Mummeline.
+
+»Laternen her, Laternen her!« Einer nach dem andern fiel in den Vorraum
+hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es
+Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er
+drückte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und
+er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit
+Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den
+Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: »Das
+ist ein Streich von Kasper.«
+
+»Man muß den ganzen Turm absuchen,« sagte der Schulze, der sich stöhnend
+aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: »Der darf uns nicht entwischen,
+dieser heillose Bösewicht!«
+
+Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dünn und mutig war, erbot
+sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und
+eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei
+in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht
+versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die
+Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden.
+
+Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete
+sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her,
+aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er
+nicht.
+
+Unten sagte der Kasperlemann: »Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!«
+Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und
+alle suchten noch eifriger, alle sagten: »Er muß doch da sein! Wer soll
+sonst die Glocke geläutet haben?«
+
+Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der
+Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und
+Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der
+zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich
+der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte
+der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie
+gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte
+wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte
+Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu
+Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne
+durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte,
+war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es.
+
+Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig
+um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun
+hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden.
+Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht
+fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber
+wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in
+dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde
+ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz
+schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine
+Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter
+durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm
+kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein.
+
+Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den Boden nieder. Er zog das
+Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann
+traurig zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern und
+Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne fließen. Weil Kasperle
+durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen
+sah er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit
+viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war
+der Wald etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht an seinem
+Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte in das Wasser gefallen, sie
+schimmerten rot aus den weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden
+blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine
+winzige Insel. Da wuchsen große, weiße Blütendolden, auf denen lauter
+schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser,
+das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete,
+funkelte und glänzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie
+ein Märchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken:
+»Komm, Kasperle, komm!« Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die
+Himbeerbüsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Früchte, und da war
+Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst
+vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da
+legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus
+der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein
+scheinen.
+
+Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief
+in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz
+schmale Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das Bächlein rann wie
+ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu,
+er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich am
+dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schön
+und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter.
+
+Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: »Hallo, he,
+aufgewacht du!«
+
+Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich verwirrt um. Da stand
+neben ihm ein Bub, nicht viel größer als er, der trug ein Hemd und ein
+Höslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein verbeultes,
+verblichenes Hütlein mit einem mächtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah
+beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater
+zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl
+sah überhaupt so vergnügt in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen
+mußte.
+
+Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube
+Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum
+andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das
+Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die
+Felswand gab vergnügt das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine Anzahl
+Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert und umringten die
+beiden Buben. Aber plötzlich sprang der fremde Bube auf und schrie:
+»Rosemarie fehlt!« Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen davon.
+
+Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. War das liebliche
+Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse näher
+gekommen? Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber saß da,
+als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon
+wieder zurück, er trieb ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief
+schon von weitem: »Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich verlaufen.«
+
+Kasperle schüttelte den Kopf. »Nä,« brummelte er entrüstet, »Rosemarie ist
+eine Grafentochter, keine Geiß!«
+
+Der fremde Bube lachte hell auf. »Freilich, ein Geißenname ist's nicht,«
+rief er. »Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin
+Bärbe hat sie dort geholt.«
+
+»Ist das weit?« fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schloß müßte ihm
+vor der Nase liegen.
+
+»Weit -- das Schloß?« Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam
+ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schloß an? »Weit ist's
+schon,« sagte er; »die Einöderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie
+stammt von dort.«
+
+Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich
+längst Frühstückzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stück Brot aus der
+Tasche. »Ich hab' Hunger,« sagte er seufzend.
+
+»Ich auch.« Der fremde Bube zog auch ein Stück Brot aus der Tasche und
+sagte: »Ich komm' hierher wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends,
+und niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.«
+
+»Wer ist denn das?« Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es
+der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube,
+der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne neben des Herzogs
+Jagdschloß Hirschsprung, das ganz nahe sei.
+
+»Wohnt der Herzog hier?« Kasperle ließ vor Schreck eine dicke Himbeere und
+sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus,
+als der fremde Junge sagte: »Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in
+seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal
+hierher, sonst steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar nichts!
+Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? Wer bist du?«
+
+Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprüchlein sagen, aber
+des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da
+senkte er verwirrt seine Nase.
+
+»Hast du was Schlimmes getan?« fragte plötzlich der andere fast streng.
+
+Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte er dem Buben, wer er sei.
+Alles erzählte er, und der andere lachte mit und sah mit traurig drein, und
+als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und
+rief: »Armes Kasperle! Aber weißt du, ich will dein Freund sein. Ich bin
+das Geißenmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?« Michele
+wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, was er aus Mitleid dem
+Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des
+Michels Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr
+groß. Michele meinte aber, für einen Freund, den man so unversehens im
+Walde finde, müßte man auch einmal hungern können. Kasperle aber sah, mehr
+Brot war nicht im Säcklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also
+teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was
+aus Kasperle werden sollte.
+
+Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging
+nicht; er hatte nämlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen
+Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte
+sich als Geißenbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch für drei
+kleinere Kinder sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden,
+dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen
+tiefen Seufzer und sagte traurig: »Ich muß weiterziehen.«
+
+Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er überkugelte
+sich gleich einmal vor Freude und schrie dabei: »Hurra, das wird fein,
+fein, fein!«
+
+Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein würde, und da vertraute
+ihm Michele an, das Schloß sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle
+darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein wurde, erzählte
+Michele, im Schlosse wohne niemand, und der böse Matthias und seine Frau
+gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, daß
+eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl
+weil der brummige Matthias den Schlüssel verloren habe. »Ich bin schon
+manchmal drin gewesen; fein ist's drin!« tuschelte Michele seinem neuen
+Freunde geheimnisvoll zu. »Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns
+alle Tage und hüten die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab' arg großen
+Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr Brot, dann langt es für uns
+beide.«
+
+»Aber der Herzog!« Kasperle sah so ängstlich drein, als spaziere der Herzog
+schon um die Ecke herum.
+
+Michele lachte ihn aus. »Bist ein Hasenfuß; der Herzog, kommt höchstens
+zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm
+jetzt rasch, ich zeige dir die Türe!« Er sprang auf und sah nach den
+Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen Klettereien; satt und faul
+lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt
+zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. Kasperle staunte.
+Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese,
+rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen dicken
+Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines
+Haus, die Försterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund
+bellte, als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele führte seinen
+Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein
+Pförtlein, das fast ganz hinter Gebüsch verborgen war. »Da hinein geht's,«
+sagte er, »und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, und niemand
+sieht dich.«
+
+Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele drückte auf die rostige
+Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schloß. Ein
+schmaler, weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz
+keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich
+niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden
+Freunde schlossen Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen
+alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als Kasperle auf einmal
+sagte: »Im Grafenschloß war's noch feiner.«
+
+»Was Feineres gibt's nicht,« rief Michele und riß eine Türe auf. Die führte
+in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster
+eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und
+Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen, an den Wänden gab es in
+breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen,
+schwebten oben an der Decke.
+
+Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschloß, und Michele,
+der schon ganz wütend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun
+auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide
+beim Herumwandern in ein sehr schönes Zimmer kamen, in dem ein breites
+goldenes Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. »Ich glaube, das
+ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,« flüsterte Michele etwas scheu. »Darin
+kannst du doch nicht schlafen!«
+
+Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide überzogenen Bett und
+rief: »Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!«
+
+Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er
+dachte an die armen Geißen, die er verlassen hatte. »Ich muß gehen,« sagte
+er betrübt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und
+erklärte: »Ich geh' mit.« Einträchtig verließen sie beide wieder das
+Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, fanden die noch ruhig am alten Platz
+weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu
+halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß vorbeiziehen und pfeifen,
+und sobald Kasperle dies hörte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie
+zusammen spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide freuten sich
+schon auf die Tage, die kommen würden, und einmal sagte Kasperle ängstlich:
+»Aber der Herzog, wenn der in sein Schloß kommt!«
+
+
+»Ach, der kommt ja erst im Herbst!« Michele schnippte mit der Hand, als
+könnte er damit den Herzog davonweisen, und Kasperle war beruhigt. Mit
+seinem neuen Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum Heimgehen, und
+als das Schloß sichtbar wurde, trennten sich beide. Kasperle schlüpfte
+wieder durch das Gebüsch, öffnete die kleine Türe und stand dann allein in
+dem Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, und da begann sich
+der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt und
+dem Michele nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne seidene
+Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind die Treppe hinauf
+und durch die Gänge, bis er das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr
+eilig in das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren und schlief
+wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte ihn in dem einsamen Schlaf.
+Nur einmal hörte er ein fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber
+nicht auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster, den Michele den
+brummigen Matthias nannte, und blies auf seinem Hifthorn ein Abendlied.
+Feierlich tönte das durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur
+die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen Schloß sei ein
+wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von dem selbst der Förster nichts
+wisse.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+Kasperle wird ein Gespenst
+
+Als Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, schimmerte es ganz golden
+durch die herabgelassenen Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte
+durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr gewarnt hatte, dies zu
+tun. Draußen lag die Waldwiese im ersten Frühsonnenschein, und selbst in
+das verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und Jubilieren der Vögel,
+die den neuen Tag grüßten. Wie lustig es klang! Kasperle erhob
+purzelvergnügt sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß in dem
+einsamen Schloß ihn niemand singen hörte, denn vor dem Gesang konnte schon
+einer davonlaufen. Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und
+drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand seinen Singsang
+schön, und singend lief er in dem Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam
+er auch in die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig war, und
+das Singen verging ihm. Er begann neugierig in alle Töpfe und Schränke zu
+schauen, doch nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend an die
+gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und gerade wollte er die Küche
+wieder verlassen, als er in einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er
+sie auf, ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es merkwürdig gut
+roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, sah sich um und sah auf einmal
+von der Decke herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken und
+Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die Räucherkammer geraten, in der
+es noch Vorräte vom letzten Besuch des Herzogs her gab.
+
+Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann er sich nicht, ob er
+zugreifen dürfe oder nicht. Er sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst
+erwischte; an der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann
+verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit seiner Wurst bis zur
+kleinen Pforte, an der Michele pfeifen sollte. Das dauerte noch ein
+Weilchen, und Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, und als
+Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück verschmaust.
+
+Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle ihm von der Wurstkammer
+erzählte. »Das darfst du nicht, die Würste aufessen,« sagte er bedrückt;
+»sie gehören doch dem Herzog!«
+
+Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der fand nichts Unrechtes am
+Wurstraub, sagte, die hätte der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele
+glaubte ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu ihrem Brot, aßen
+tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen einen sehr vergnügten Tag. Die
+Geißen waren brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als Kasperle
+dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da stellten sie sich alle dazu und
+meckerten erstaunt; so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie
+meckerten, und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von sich, so arg
+mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh vor Lachen, und er legte sich
+flink in die Sonne. Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der
+Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und Michele wieder lachen
+konnte.
+
+So verging der Tag. Am Abend trieb Michele die Geißen heim, und Kasperle
+kehrte in das stille Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern
+kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, bis ihn wieder das
+goldene Scheinen hinter den Vorhängen weckte; da war wieder ein neuer
+heiterer Tag für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß, holte
+wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer und stand schon an der kleinen
+Pforte, als Michele daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von
+weitem dem Kasperle halblaut zu: »Verstecken, verstecken!«
+
+Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als Michele herankam, tuschelte
+der ihm zu: »Der brummige Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht
+sehen!«
+
+Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß der Geißenbub seine Herde
+so dicht am Schloß vorbeitrieb, aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte
+unter die Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im Walde
+verschwunden.
+
+Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag wie ein schöner Traum. Es
+wurde Abend, es wurde wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, alle
+waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust.
+
+Über eine Woche war so vergangen, da wachte Kasperle eines Morgens auf, und
+er wunderte sich, wie dunkel es war. Vielleicht ist's noch Nacht, dachte
+er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern und Rauschen, und als
+er durch das Ritzchen im Vorhang hinausspähte, merkte er, es regnete. In
+wahren Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, immerzu. Düster,
+grau hingen die Wolken tief herab, der Wald sah aus, als schliefe er noch,
+nichts rührte und regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit seinen
+Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half Gemüse putzen, und er dachte dabei
+sehnsüchtig an seinen Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war
+nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen Schloß, und weil
+er nicht wußte, was er anfangen sollte, begann er das Schloß von oben bis
+unten zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle, räkelte sich
+auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er wieder in des Herzogs
+Schlafzimmer. In dem hingen allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin,
+die ein Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies Bild gefiel
+Kasperle besonders gut. Um es besser zu sehen, rieb er ordentlich seine
+große Nase daran, ja er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte
+er an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er wissen wollte, was
+dies bedeute, drückte er ordentlich fest darauf. Da rauschte es plötzlich
+sacht, das Bild wich von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen
+kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm daraus entgegen.
+
+Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene Bett hinein, er kroch
+unter die Decke, und da lag er eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles
+blieb still. Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen.
+Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder hervor. Die
+geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte, stand noch halb offen, und in
+dem Raum dahinter war es auch ganz still.
+
+Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber neugierig war er auch.
+Endlich siegte doch die Neugier, und er kletterte wieder aus dem Bett
+heraus und schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale Kammer war es,
+die sich vor ihm auftat; aus der führte ein Trepplein in die Tiefe. Die
+Kammer selbst war in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß
+sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz dicht gewachsen
+war; man mochte wohl von draußen das runde Fenster gar nicht sehen hinter
+der dichten Efeuwand. In der kleinen Kammer selbst stand nur eine
+altmodische Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte.
+
+Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und
+eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war
+ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle
+nahm ihn sich um, hängte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte
+so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er
+warf alles in die Kiste zurück und begann das Trepplein hinabzusteigen,
+Stufe um Stufe. Etwas bänglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten
+herauf eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch um und
+schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurück, ganz
+leicht ging es nicht, aber plötzlich schnappte es ein, und von der
+geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen.
+
+Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn,
+drückte darauf, und wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen,
+dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er ging nun überall im
+Schloß herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild
+müßte eine geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen,
+deren Bilder die Wände schmückten, auch auf die Nasen, Münder, Augen und
+Bäuche drückte, keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, und
+Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag,
+da würde doch sicher schönes Wetter sein.
+
+Doch der Regen rann und rann. Am nächsten Morgen war es noch grauer; noch
+düsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen
+daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das
+geheime Kämmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar
+Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich
+wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr
+so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser
+gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterlaß rann es vom
+Himmel herab, und am nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle
+vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das
+Zimmer erfüllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Draußen war soeben die
+Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und
+da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als
+hätten sie die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwänzlein
+genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewiß schönes Wetter!
+
+Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schloß
+treppauf, treppab, holte sich eine riesengroße Wurst, die er morgen
+mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett.
+Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele wiedersehen.
+
+In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch blaß, und
+es fehlte ihm ein ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner,
+wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über der Waldwiese vor dem
+Schloß, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es
+schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glänzen,
+und das Rauschen, das er hörte, kam vom Wald herüber. Aber noch etwas
+anderes hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus herüber tönte
+es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause
+drüben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in
+sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein.
+
+Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es
+rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht so
+still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes Rufen: »Matthias,
+Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!«
+
+Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst
+ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein
+paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch
+da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf,
+die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und
+witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten
+schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre
+geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle
+vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett
+erblickt. »Matthias, Matthias,« rief sie, »es ist wahrhaftig jemand im
+Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er
+gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!«
+
+Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade
+ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch
+etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen.
+»Matthias, die kleine Pforte war ja auf!« schrie die Försterin. »Weißt du,
+von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas
+gestohlen worden ist!«
+
+Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und
+Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle.
+
+»Nein, nein,« rief seine Frau, »unser großes Vorlegeschloß tu dran, das
+hält besser!«
+
+Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit einem Schloß verschloß,
+dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Försterin: »Und morgen
+kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig
+werden!«
+
+Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte
+werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich
+klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde.
+Damit tröstete er sich über diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem
+Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine Frau wirtschafteten
+immerzu im Schloß herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen.
+Doch als es dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen
+klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtüre zu
+öffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen
+hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte an
+der Tür die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen.
+
+Von außen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das
+Fenster zu öffnen, sah er erst, daß dies vergittert war. Er konnte nicht
+hinaus, er war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte und rannte
+verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte
+nicht hinaus. Zuletzt kroch er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem
+schneeweißem Linnen überzogen war. Und heulend wühlte sich Kasperle in die
+Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Säcklein, sondern
+wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm:
+Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er
+erschrocken aufsprang und hinausspähte, sah er draußen einen ganzen Zug
+Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem
+Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heißer Tag
+zu werden drohte.
+
+Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen
+steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor
+Angst, und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der Geldkiste nieder.
+Wie sollte er nun entfliehen?
+
+Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hörte er auch,
+wie in des Herzogs Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein
+lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! Daran hatte das
+dumme Kasperle gar nicht gedacht.
+
+In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand
+schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die
+Försterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen
+gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb,
+wie gestern so viele Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt
+gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten können. Von den
+verschwundenen Würsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt,
+auch von dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes
+Gewissen hatte.
+
+Als die Försterin immerzu rief: »Ein Gespenst, ein Gespenst muß im Schlosse
+sein!« bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor
+den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun
+mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein
+hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit
+großem Getöse zu Boden.
+
+Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: »Was war das, was
+war das?« und die Försterin antwortete schluchzend: »Das Gespenst, das
+Gespenst!«
+
+»Es muß alles genau untersucht werden,« befahl der Herzog. »Auch soll das
+Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!«
+
+Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im
+Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der
+Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O
+heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins
+Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen.
+
+Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem
+Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der
+Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den
+Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der
+Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden
+und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen
+getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das
+winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch
+ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze
+Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die
+Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles
+Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem
+Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung
+gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des
+Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das
+kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein
+neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben,
+dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen,
+Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem
+Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst
+später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er
+sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: »Was raschelt da so?«
+
+Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und
+purzelte mit ungeheurem Getöse von der Kiste herab. O jemine, gab das
+wieder einen Aufstand! »Es ist nebenan,« rief der Herzog, »in dem Saal,
+schnell, schnell, man muß nachsehen!«
+
+Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an
+des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick,
+und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im
+Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden
+abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem
+raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen
+Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas.
+
+Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle
+endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog
+Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: »Wenn das
+Gespenst nur nicht das Kasperle ist!«
+
+»Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?« Der Herzog richtete sich
+erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink
+zusammenduckte.
+
+»Ja,« sagte drüben der Diener, »ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor
+einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da
+wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle
+seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich
+der kleine Kobold hier versteckt hat.«
+
+»Ja, ja,« rief der Graf aufgeregt, »so wird es sein! Sicher steckt dieser
+Unhold hier irgendwo im Schloß.«
+
+Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut möglich, beinahe möchte er
+an ein Gespenst glauben.
+
+»Mit Verlaub,« sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, »ein
+Gespenst frißt doch nicht die Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich
+noch nie von einem Gespenst gehört.«
+
+Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht gehört, und so etwas
+wäre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun
+erzählte, wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da befahl der
+Herzog streng: »Man muß suchen, auf dem Boden, in den Kellern, überall,
+auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen
+hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich nicht schon ist. Das
+Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!«
+
+Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken
+könnte, daß niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach,
+es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer weiß, wie
+übel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs
+Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den Fußboden nieder,
+vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich
+ein, und im Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich
+müde gesucht, und schließlich sagten sie: »Es ist sicher ein Gespenst, ja,
+und Gespenster findet man nicht.«
+
+Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen Bett, um das Kasperle
+ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der
+Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem
+runden Fensterloch stand noch schief, aber glänzend der Mond und
+erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt
+auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte
+er recht tief und vernehmlich.
+
+»Johann,« schrie nebenan der Herzog, »hörst du, es hat geseufzt!«
+
+»Jawohl, es hat geseufzt,« antwortete der Diener verschlafen. »Es ist doch
+ein Gespenst!«
+
+Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er
+seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man
+solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg
+Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schloß lebendig wurde. Diener
+kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle
+lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch
+drüben still, alle gingen wieder zu Bett.
+
+Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing.
+»Das Gespenst seufzt wieder!« Der Herzog schrie, der Diener schrie, und
+wieder rannten alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle
+zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte die alte Kiste, an
+die er gestoßen war.
+
+»Das Gespenst, das Gespenst!« Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander,
+und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand,
+man müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand
+eingemauert worden, und der geistere nun herum.
+
+»Das ist recht,« antwortete der Herzog, »man soll morgen gleich den
+Hofbaumeister holen.«
+
+O weh! Da verging dem Kasperle wieder der Übermut. Wenn der Hofbaumeister
+die Wände abklopfte, fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte
+ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts störte fortan den Herzog
+mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er
+beschloß, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da
+einen Ausgang.
+
+Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne Fensterloch in das
+Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten
+Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und
+klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Geräusch. Weil
+dann aber alles still blieb, dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach
+seiner Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er das schmale
+Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er hätte auch lieber
+Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den
+schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; feucht und kühl war es,
+und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es
+mochten Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte das Echo
+wieder, und in der Küche ließ just in dem Augenblick die Köchin des Herzogs
+die Morgenschokolade fallen. »O du meine Güte,« schrie sie, »nun geistert
+es hier auch, hört nur!«
+
+Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das Geächze vernommen, denn
+Kasperle war gerade unter der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der
+Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in
+der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldsäcklein
+vorwärts kam, plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. Er
+kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schloß.
+Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wächter, die das Schloß
+bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie
+Michele: »Endlich kommst du, endlich!«
+
+Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die
+Geißen folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann
+Kasperle seine Abenteuer zu erzählen. »Da,« sagte er stolz und hielt
+Michele den Geldbeutel hin, »den habe ich dir mitgebracht.«
+
+Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief
+erschrocken an. »Kasperle,« sagte er leise, »das Geld gehört dem Herzog;
+das -- das -- ist -- gestohlen!«
+
+»Nä!« Kasperle riß seine Augen weit auf. »Ich hab's doch gefunden!«
+
+»Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem
+Herzog!« Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein
+Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel
+nicht an. »Du mußt das Geld zurücktragen,« sagte er, »es gehört dir nicht.
+Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.« Und Kasperle mochte
+sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.
+
+Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise:
+»Du bist gut.« Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur
+ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner
+Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch
+einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er
+wolle es tun.
+
+»Gleich,« riet Michele, »ehe der Hofbaumeister die Türe findet.« Er kramte
+aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer
+heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die
+Herrlichkeiten hin.
+
+Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang
+hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm,
+er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unnütz. Er
+schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte
+noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Türe ging auf!
+Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.
+
+Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe
+hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es
+wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch
+durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. »Ausreißen!«
+rief Kasperle, »ausreißen!«
+
+Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an,
+und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen
+verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich
+zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu
+Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der
+kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele
+verlegen an. Was würde der sagen?
+
+Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er
+lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein
+gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die geheime
+Schatzkammer sei. »Aber nun hast du keinen Unterschlupf,« fügte er traurig
+hinzu. »Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange
+drin hausen kannst du nicht. Und -- und« -- Michele tat einen ganz tiefen
+Seufzer -- »was machst du, wenn ich nicht mehr komme?«
+
+Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele
+wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad,
+in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und Geißen aus dem Dorf
+für ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um
+alle Tage die Milch hinabzufahren.
+
+»Ich geh' mit,« schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien
+ihm lustig zu sein.
+
+Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht,« sagte er
+ernsthaft, »du mußt weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch
+schon ein Landjäger gewesen, um nach dir zu suchen.«
+
+Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das Weiterwandern machte ihm
+keinen Spaß mehr, und am liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt!
+Doch wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, zuviel war er kreuz
+und quer gelaufen, und Michele wußte es auch nicht. Der gab aber
+verständigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot
+herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm
+geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrücken
+weiterwandern und ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das
+Fürstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn der Herzog wohl
+nicht fangen lassen. »Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst,« sagte
+Michele, »dann bist du an der Grenze.«
+
+Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernünftig zu
+sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als
+der Freund mit seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die Nacht
+besser als im Gespensterkämmerlein.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Der bunte Garten
+
+Das Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die Türe geschleudert hatte,
+war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch,
+da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als hätte er das vom
+Kasperle gelernt. »Das Gespenst, das Gespenst!« brüllte er, und wieder
+rannte, wer das Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale
+Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht saß
+das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche
+Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, sahen
+die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang
+hinab. Auf dem Flur drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten:
+»Das Gespenst wird uns alle totmachen!«
+
+Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm
+Magentropfen und sagte, Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog
+aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurück; einer
+hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: »Den muß das Gespenst
+verloren haben. Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es schon
+jemand Lebendiges gewesen sein.«
+
+»Das Kasperle war's,« rief der Herzog. »Ich glaube auch, ich habe es
+gesehen, als die Türe aufging.«
+
+Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein
+Einbrecher hätte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den
+lieber mitgenommen.
+
+»Die ganze Gegend muß abgesucht werden,« befahl der Herzog, »irgendwo muß
+doch der kleine Kobold zu finden sein!«
+
+Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schloß
+vorbei. Er traf auch eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und
+das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele
+wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich
+schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine
+Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald
+nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schloß vorbeikam, sah das auch noch
+ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald
+lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu:
+»Nimm heute deine Geißen in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und
+Hunden abgesucht.«
+
+Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen konnten nicht genug hopsen
+und springen. Michele trieb sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter
+lachte hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der
+fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzählte er
+ihm die neue Gefahr. »Bleib da drinnen,« sagte er, »ich pflanze flink einen
+Busch davor, da sieht dich niemand.«
+
+Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den
+vor die kleine Höhle und machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang
+verdeckt wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So schwätzten sie
+zusammen.
+
+Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte
+Kasperle, nun wolle er ein bißchen herauskommen, als aus der Ferne her
+lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die
+Herzen arg, denn näher und näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der
+brummige Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde heraus. Als der
+Förster Michele so ruhig seine Geißen weiden sah, rief er nur hinauf: »Ist
+hier jemand vorbeigekommen?«
+
+»Nä, niemand!« schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergnügt
+bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht
+vorbeigegangen!
+
+Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch
+am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien:
+»Meine Geißen, meine Geißen!« Da lockte Matthias den Hund zu sich, und
+Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen.
+
+Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und wieder zog Michele mit seinen
+Geißen heim, und Kasperle blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an
+des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen!
+
+Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag.
+Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus.
+Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele
+scheiden mußte, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an.
+
+Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner
+Gießbach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle
+tat ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in die weite Welt
+gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in
+seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. Er
+ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe etliche Bäume um und ebenso
+das Schloß, wenigstens stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter
+rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: »He, hier treibt sich ja ein
+fremder Bube herum!« und es war gut, daß der brummige Matthias den kleinen
+Geißenhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle
+gefragt.
+
+Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen mochte er gar nicht, und
+als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete
+sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das
+Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem
+das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und
+wanderte in die stille Nacht hinaus.
+
+Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war
+der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da
+dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum
+herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen
+Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er auf und
+wanderte weiter.
+
+Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte
+er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der
+Morgenfrühe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine
+größere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur
+Mittagszeit aß er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal
+hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte
+sich schon ihr schönes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an
+einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nämlich noch eine
+uralte Mauer. Die hatte Tore und Türme, und von den kleinen Turmfenstern
+herab hingen rote Hängenelken, und Geranium blühte daran.
+
+Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, der erblickte etwas viel
+viel Schöneres. An der Stadtmauer außen lag ein großer Garten, in dem
+tausendfältig bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die schönen Malven die
+Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und
+Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht nebeneinander.
+Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und
+Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im
+Herzogsschloß sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen den
+Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, der begoß sorgsam Pflanze
+um Pflanze. Er bückte sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte
+sie wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als würde ihm dies alles
+recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand
+auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp,
+begann er mit einem großen Geplantsche zu gießen. Dazu lachte er über das
+ganze Gesicht, und der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine
+Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich
+auf eine Bank, und Kasperle goß den Garten; er meinte, eine vergnüglichere
+Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten,
+in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes Haus stand. Und als Kasperle
+fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, blinkerte
+den zutraulich an und fragte: »Darf ich bei dir bleiben?«
+
+Der Alte lachte. »Du bist ja ein schnurriger Bube!« sagte er. »Wer bist du
+denn? Woher kommst du? Wie heißt du?«
+
+Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er
+konnte seine Lügengeschichten nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ
+er den Kopf hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll Güte: »Du
+bist wohl ausgerissen, Kleiner?«
+
+Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte
+zu große Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der
+Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: »Bleibe nur bei
+mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.«
+
+Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, und der alte Gärtner
+erzählte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde
+nicht müde zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der
+Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine
+kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich
+nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte.
+Durch das offene Fenster strömte der Duft der vielen, vielen Blumen in die
+Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu
+tönen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darüber hellwach.
+Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik.
+Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. Dicke, dicke Tränen
+liefen dem Kasperle über das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und
+eine große Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. Immer
+lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darüber
+ein.
+
+Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Gärtner weckte.
+»Komm,« sagte der, »jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gießen,
+damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heißer Tag heute
+werden.«
+
+Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er die Blumen. Manche
+brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner
+sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mußte Kasperle
+Beeren pflücken, die reif an den Büschen hingen. Er durfte auch davon
+essen, die andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar zierlich mit
+Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflückte Frühbirnen von einem
+Baum.
+
+Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder
+kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat
+und allerlei Gemüse für die Küche. »Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen
+zugelegt!« sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder
+aber starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies
+Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein
+Räubergesicht.
+
+Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, doch sie kamen gleich
+wieder und bettelten: »Mach's noch mal!«
+
+Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder
+jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin.
+»Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!« sagten die
+Frauen. »Wo habt Ihr denn den her?«
+
+Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die
+Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen
+kleinen Gast: »Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast
+du deine Grimassen gelernt?«
+
+Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber
+darüber wurde der Alte bitterböse: »Schäme dich,« rief er, »einem alten
+Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei,
+mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als
+eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!«
+
+Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem
+erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei.
+
+Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein.
+Der schaute verwundert den Alten an und sagte: »Was habt ihr denn, Meister
+Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.«
+
+»Ach, Sie sind's, Herr Severin!« rief der Gärtner. »Nun hört einmal, was
+mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für
+Lügengeschichten aufbindet!« Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben
+gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit
+seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den
+Kopf. »Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,« sagte er, »es ist wirklich
+ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der
+Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt,
+irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die
+wunderschönsten Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben
+sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben
+und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann
+könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein
+kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.«
+
+Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und
+weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er
+vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie
+ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde
+schöne Mann mitleidig: »Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!« Das
+klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz
+leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.
+
+Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte
+kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal
+erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine
+Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: »In
+einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden,
+denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.«
+
+»Und bis dahin bleibst du bei mir,« sagte Meister Helmer. »Ich will wohl
+achtgeben, daß dir nichts geschieht.«
+
+Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: »Geh,
+pflücke für Herrn Severin einen Strauß,« da lief er eilig im Garten hin und
+her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und
+Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei
+ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er.
+Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme,
+und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer
+Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von
+weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen,
+damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.
+
+Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin
+gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich
+schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten
+am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen
+dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und
+hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun.
+
+Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: »Kasperle, heute ist Sonnabend, da
+kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie
+so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.«
+
+Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er
+band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so
+Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch
+die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz
+griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister
+Helmer einen Strauß gab. »So einen Strauß hab' ich noch nie gesehen,« rief
+sie; »ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!«
+
+Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben,
+und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase
+im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der
+Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber
+staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es
+schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als
+am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei.
+
+Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein
+Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle
+sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald
+heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und
+schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers
+Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den
+Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle
+sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar
+eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als
+Herr Severin das einmal sah, warnte er: »Kasperle, Kasperle, du verrätst
+dich noch!«
+
+Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar
+Buben riefen, ihm nämlich zu: »Kasper, kommst du übermorgen mit auf den
+Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie
+du!«
+
+Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der
+Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister
+Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.
+
+Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine
+Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus,
+war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in
+den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken,
+ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm
+flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest
+und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin,
+öffnete ihn und sagte: »Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!«
+
+Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr
+Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner
+Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten
+viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar
+Wächter, und alle brüllten sie: »Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle.
+Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist
+es?«
+
+Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: »Wir helfen ihm,
+daß er ausreißen kann.«
+
+Meister Helmer schaute sich verdutzt um. »Kasperle war eben hier,« murmelte
+er, und Herr Severin nickte und sagte auch: »Er war eben hier.« Dabei
+spielte er aber ruhig weiter und erzählte: »Meister Helmer, ich verreise;
+da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz früh reise ich mit
+der ersten Post.«
+
+»Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder nicht,« schrie der
+Kasperlemann grob; »das Kasperle müssen wir finden, es muß hier sein!«
+
+»Wir suchen das Haus ab,« riefen die Wächter streng und sahen Herrn Severin
+drohend an. Der nickte freundlich: »Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber
+den Garten nicht!«
+
+»Zuletzt war er ja im Garten,« sagte Meister Helmer, der das wirklich
+glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da
+rasten Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm
+seinen Kasten auf den Rücken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister
+Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise
+singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf.
+
+Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die
+Stadtmauer und überzeugte sich, ob Kasperle wohl da hätte ausreißen können.
+Und dann liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus hinein, kein
+Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfaß, in Meister
+Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie
+und klagte: »Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O
+wie dumm, dumm, dumm!«
+
+»Wir werden ihn schon fangen!« trösteten die Wächter. »Ah bah,
+papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!«
+
+Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mußte erzählen, wie
+Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen
+schrie der Kasperlemann: »Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm!« und die
+Wächter riefen: »Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon!« Ein paar
+Buben aber brüllten plötzlich laut: »Ausgerissen, hurra, ausgerissen,
+hurra!« Und dann rannten sie auf die Straße und erfüllten die mit ihrem
+Gelärme. Sie erzählten es jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe
+seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein
+Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine
+Gärtnerjunge, und er habe dabei gefragt: »Habt ihr schon so einen flinken
+Kasper gesehen?« Da hätten sie gerufen: »Meister Helmers Lehrbursche sieht
+gerade so aus!« Ja, und so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder
+die Straße entlang: »Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!«
+
+Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben
+brüllten, desto zorniger wurde er. »Morgen hätte ich Graf sein können,«
+schrie er, »wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder
+ausgerissen wäre. Dumm, dumm, dumm!«
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Die Reise mit Herrn Severin
+
+Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer
+hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz
+verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und
+gesagt: »Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wärst du beinahe
+erwischt worden!«
+
+Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das
+Gelärme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte.
+
+Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er
+Kasperle unversehrt wiedersah, und er hätte ihn gern wieder zu sich
+genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: »Kasperle
+muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun,
+Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, wo
+es liegt, aber --«
+
+Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies
+»Aber« ihn zurückhielt. Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und
+der sagte ernsthaft: »Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig sein, denn
+wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach
+der Orgel schauen, und -- auf Schloß Hirschsprung erwartet mich der Herzog.
+Da mußt du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche
+machen. Wirst du das können?«
+
+Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz
+ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder
+sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß und nach
+Waldrast zu kommen, machte ihm großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich
+Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch
+mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte er dem viel von den beiden, und der
+sagte: »Nun, wer weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise
+trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!«
+
+Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mußte
+Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu,
+denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch noch hinein, und Herr
+Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob.
+Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum
+kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch
+einmal flink durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der Garten!
+Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer
+und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich
+würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten,
+und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der
+schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen,
+und heidi! fort ging die Reise.
+
+»Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,« blies der Postillion, und rissel,
+rassel fuhr der Wagen ins Land hinein.
+
+Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gäste stiegen
+aus, und Herr Severin sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen,
+dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein
+Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer
+auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste
+mit, und nachher wunderte sich der Wirt über den gewaltigen Appetit, den
+der vornehme Herr gehabt hatte.
+
+Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit
+einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und
+sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der Herr sich aber
+gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der
+schwarze Kasten sei arg schwer.
+
+»Wird nicht so schlimm sein,« meinte Herr Severin und schritt am roten
+Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen öffnete er
+den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paßten
+beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber niemand begegnete ihnen auf
+dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer
+Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten,
+denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar.
+
+Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein
+Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Straße stand und
+auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er
+sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Künstler zu begrüßen. Kasperle
+hörte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend
+eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand guten Tag sagen durfte,
+und als Herr Severin etwas später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er
+Kasperle klitschnaß von Tränen.
+
+Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte Kasperle, daß sie dicht
+neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen
+drüben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base
+Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurück! Ganz böse sah er
+gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: »Kasperle, Kasperle,
+mache keinen dummen Streich!«
+
+Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht
+gewesen wäre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie
+drüben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu
+sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht nach ihnen.
+
+Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, öffnete drüben
+die Base die Türe, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die
+Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war genau so
+neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach
+einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base
+Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hörte sie sagen: »Er
+hat alles in dem schwarzen Kasten.«
+
+»Den machen wir auf,« tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden
+Frauen an dem Kasten herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam den
+niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie.
+Er steckte den Kopf in sein Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich
+hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um
+vor Schreck. »Uhuhuuuh!« tönte es, und die Base Mummeline jammerte: »Er hat
+den Teufel drin!«
+
+Aber die Wirtin war beherzter. »Das muß ich sehen,« sagte sie und ging
+wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Türe
+aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten
+das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die
+Base Mummeline faßte sich schnell und rief ganz streng: »Ihr habt einen
+Teufel im Kasten.«
+
+»Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat!« sagte Herr Severin
+lachend. »Nehmt euch in acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall
+heraus.«
+
+»Huch!« kreischten die Frauen, und rumpel pumpel rasten sie hinaus, die
+Treppe hinab, und Kasperle platzte bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr
+Severin lachte mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen schon
+weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr schrecken, es könne ihm
+doch schlecht bekommen. Und am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das
+Zimmer. Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte, das Kasperle
+einschließen ist schon am sichersten. Aber auch am langweiligsten, dachte
+Kasperle. Der sah immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, und
+als draußen alles still geworden war, hockte er sich auf das Fensterbrett
+und blickte sehnsüchtig nach dem Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal
+hineinsehen hätte er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker
+Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, dann --. Aber da dachte
+er an Herrn Severins Verbot, auch lag unten ein Hund, und die Geschichte
+kam ihm etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel der Base
+Mummeline ins Zimmer werfen, das ging vielleicht doch; so platsch ins
+offene Fenster hinein, das wäre doch ganz spaßig!
+
+Die Base wurde immer fuchswild über so etwas. Kasperle kicherte leise vor
+sich hin, griff in die Äste und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte
+er gut, und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der Base Stube
+hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah Kasperle nicht, aber ein arges
+Zetergeschrei hörte er; es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom
+Fensterbrett herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet.
+
+Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es still. Im Schulhaus saß die
+Base Mummeline im Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum und
+trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und der dachte immerzu:
+Kasperle, du bist ein arger Schelm! Da war die Base in ihr Zimmer gekommen
+und hatte einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der Türe
+stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der Krug in Scherben, bums!
+flog ein großer Apfel an der Base recht große Nase, klirr! einer in den
+Spiegel, und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base sah Herrn
+Severin schief an und sagte, der Herr werde schon wissen, woher die Äpfel
+kämen; mit seinem schwarzen Kasten sei das nicht richtig.
+
+Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte, die Base Mummeline möchte nur
+kommen, er wolle ihr schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon wollte
+die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr Zimmer und ging sehr
+geschwinde in ihr Bett. Sie kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun
+kein Holzapfel mehr in ihre Stube.
+
+Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte darauf. Das klang fein und
+lieblich, und in Waldrast vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie
+lauschten dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte noch lang im
+Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf
+den Spitzen der Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten von
+dannen.
+
+»Das war ein Schlimmer,« sagte die Base Mummeline hinter ihm her, »man
+müßte seinen Kasten untersuchen.« Aber das glaubte ihr niemand, am
+wenigsten der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr Habermus fand
+die Geschichte mit den Holzäpfeln gar nicht wunderbar und gruselich, er
+sagte: »So etwas und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben fertig.
+Wer weiß, wer es gewesen ist!«
+
+An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen vergnügt mit Herrn Severin
+den Weg entlang, den er vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde
+war es still, und niemand begegnete den Wanderern. Sie schliefen auch im
+Walde und gelangten endlich an des Micheles Hüteplatz. »Michele ist nicht
+mehr da,« sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch da. Der saß vor
+der Felsspalte und pfiff auf einer Flöte, die er sich selbst gemacht hatte.
+Seine Geißen weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle laut seine
+Stimme, und Michele sah sich um, als erwache er aus einem Traum. Und dann
+sprang er über Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er packte
+Kasperles Hände und drehte den Freund rundum. Er war ganz atemlos vor
+Freude und konnte erst gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr
+Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr Michele alles. Er selbst
+war geschwinde mit seiner Erzählung fertig, er sagte nur: »Den Geißen
+schmeckt's hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.«
+
+»Das hat sich freilich gut getroffen.« Herr Severin sagte es, während er
+sacht an seiner Geige herumstimmte; er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen
+Blick.
+
+»Da, nimm und spiel' mir etwas vor!« sagte er plötzlich und reichte dem
+Buben die Geige hin.
+
+Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, der im Dorf zum Tanz
+aufspielte, der hatte ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen
+lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen fremden Herrn. Der Bub
+wagte kaum, sie recht anzufassen, doch als er sie hielt, kam die Lust zu
+spielen über ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin.
+
+Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte, wie Michele spielte.
+Herr Severin hörte aber still zu, und als Michele verlegen innehielt, sagte
+er: »Im Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und dich mit mir
+nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche Jahre so viel geben, wie du als
+Geißenhirt verdienst, du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger
+braucht. Willst du?«
+
+Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle machten solche Freudensprünge,
+daß beinahe die Geißen neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen
+konnten. Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb das Michele
+so glückselig zurück, als säße es mitten auf der schönen Himmelswiese.
+Geiger sollte er werden, spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und
+das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich Kasperle, allein dem
+Kasperle! und er ahnte nicht, daß Herr Severin bei Kasperles Erzählung
+gedacht hatte: Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein
+zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der gefällt mir. Kann er geigen,
+dann will ich ihm helfen, ein rechter Künstler zu werden.
+
+Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden Glück. Er wollte vor lauter
+Freude singen, aber da sagte Herr Severin geschwinde: »Sei still, sei
+still, sonst fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei. Flink,
+krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir gar noch einen Jäger, der
+dich erkennt!«
+
+Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, Herr Severin nahm ihn auf
+den Rücken, und er war heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein
+richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich nicht leicht!
+
+Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen. Nur wunderten sich alle
+über den großen schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. »Darin ist ein
+seltenes Spielwerk,« sagte Herr Severin, »das muß ich immer bei mir
+führen.« Und er verschloß sorgsam das Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief
+ins Bett schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das war
+langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas herumgegeistert oder
+zugesehen, wie Herr Severin des Herzogs Spinett eine Seele gab.
+
+Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das hatte er so gewollt, als
+sich sacht eine Türe auftat und ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging
+ganz, ganz leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der
+Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: Sie sieht doch aus
+wie Rosemarie, von der das Kasperle erzählt hatte! Da ließ er das Spinett
+singen, und er selbst sang halblaut dazu:
+
+ »Rosemarie, du kleine,
+ Rosemarie, du feine,
+ Einer hat mir aufgetragen,
+ Schönes Grüßlein dir zu sagen.
+ Trallallala, trallallala!
+ Rosemarie, du kleine,
+ Rosemarie, du feine,
+ Sage mir, ob du wohl weißt,
+ Wie der kleine Schelm doch heißt?«
+
+
+»Kasperle heißt er!« klang es lieblich neben ihm. Rosemarie stand am
+Spinett und sah Herrn Severin mit ihren großen Augen fragend an: »Wo ist
+Kasperle?«
+
+»Du bist also wirklich Rosemarie,« sagte Herr Severin. »Kasperle kommt ins
+Waldhaus zurück, er geht wieder heim.«
+
+Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit feinem Fingerlein auf das
+Spinett, da klang es wie: »Grüße, Grüße, viele Grüße!«
+
+»Ich werd' es bestellen, und wenn du schweigen kannst, kleine Rosemarie,
+dann wirst du auch noch einmal das Kasperle sehen.«
+
+Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie legte ihr Fingerlein fest auf
+den roten Mund, und dann huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand
+kam, im Nebenzimmer tönten Schritte.
+
+Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das Spinett nun schon eine Seele
+habe, und dann wollte er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der
+Künstler im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war nämlich etwas
+neugierig, und er war ganz verdrießlich, als Herr Severin sagte, dies dürfe
+er nicht zeigen, dies Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen,
+es niemand zu zeigen.
+
+Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und ging brummelnd davon. Herr
+Severin bekam Angst. Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so eine
+Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen Landjägern befahl: »Macht mir
+den Kasten einmal auf!« Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an
+vielen geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei lief ihm
+eine schwarze kleine Katze über den Weg. Halt, dachte er, die kommt mir
+zurecht, und er fing schnell das Kätzchen und nahm es mit.
+
+In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie einer, dem die Pfingstfreude
+verregnet ist. Sein Gesicht wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm
+von Rosemarie erzählte. »Gewiß hat der Herzog sie mit ihren Eltern
+eingeladen,« sagte Kasperle.
+
+»Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen sein, wenn du nicht
+gar so unnütz und neugierig gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin
+kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.« Und Herr Severin erzählte
+Kasperle von des Herzogs Verlangen.
+
+Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor dem Herzog hatte er die
+allergrößte Angst. Er kroch flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr
+Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten. Kaum waren sie beide
+fertig, da kam ein Kammerherr, der sagte, er wolle dem fremden Geiger das
+Schloß zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen will er in den
+schwarzen Kasten sehen, dachte Herr Severin und lachte heimlich.
+
+Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus dem Zimmer gegangen, als
+Kasperle Schritte hörte, Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs
+Befehl: »Öffnet den Kasten!«
+
+Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin kein Guckloch hat! Er
+wollte versuchen, etwas zu sehen, und gerade war er bis ans Ofenloch
+gerutscht, als der Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend
+heraussprang. Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter, und ehe sie noch
+jemand fassen konnte, sprang sie zum offenen Fenster hinaus.
+
+»Prschiii!« Kasperle war Ruß in die Nase gekommen, er mußte laut niesen.
+»Hazzi, prschiii!« Und puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin,
+und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte er aus dem
+Zimmer, und seine Diener rannten ihm nach. Sie dachten alle, die schwarze
+Wolke sei aus dem Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler
+sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch.
+
+Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube zurückkehrte und die
+Bescherung sah. Das Kasperle sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er
+gefiel sich selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich waschen, da
+wurde er wieder blank und kroch vergnügt in seinen Kasten zurück. Danach
+ging Herr Severin zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare
+Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog seufzte sehr und bat Herrn
+Severin inständig, ihm abends noch etwas vorzuspielen.
+
+Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es dürften keine Kinder dabei
+sein. »Ach,« rief der Herzog, »die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die
+kleine Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.«
+
+»Doch, sie stört, sie muß ins Bett,« erklärte Herr Severin und tat ganz
+streng.
+
+Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des
+fremden Künstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den
+Türen, und Herr Severin spielte so wundersam, daß der Herzog zu weinen
+anfing.
+
+Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt mit Rosemarie zusammen in
+einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und
+war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin.
+Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde.
+Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, und dazwischen
+schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht.
+Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzählte,
+wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da weinte sie bittere Tränen. »Du
+armes, armes Kasperle!« sagte sie sanft; »wie gut, daß du ins Waldhaus
+zurückkommst!« Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: »Ei,
+du Unnütz du!« Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die
+Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann
+Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. »Der muß auch
+mein Freund werden,« sagte sie. »Und wenn er groß ist und so schön spielen
+kann wie Herr Severin, dann --« »heiratest du ihn,« rief Kasperle. Und
+plötzlich rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. »Und ich
+bin dann immer noch ein Kasperle!« klagte er.
+
+Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er bis dahin seine
+Heimatinsel gefunden. »Ich will auch suchen, wenn ich groß bin,« versprach
+sie, »und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.«
+
+Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte noch den letzten Rest
+Kuchen in seinen großen Mund, und dann erzählte er noch flink die
+Geschichte mit den Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis
+Herr Severin kam und sagte: »Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist
+schon arg spät!«
+
+»Auf Wiedersehen morgen!« flüsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum
+Zimmer hinaus. Es merkte niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war.
+Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem
+schönen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit
+seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn
+nicht mehr sehen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+Wieder daheim im Waldhaus
+
+Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwärts ging's, immer
+tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe
+Postkutsche wieder erreichten. »Trara, Trara!« blies der Postillion, Herr
+Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es
+in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da
+sah er das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er
+mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer
+weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer
+Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war
+Protzendorf.
+
+»Bis hierher geht es und nicht weiter,« sagte der Postillion. »Ja, die
+Protzendorfer sind fein geworden, zu denen fährt jetzt die Post.« Da wurde
+der schwarze Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein Guckloch
+die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. Seine einstigen Freunde
+Windgustel und Wassergustel stießen sich bald die Nasen daran. Und die
+Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt voran, arg enttäuscht,
+daß der fremde Herr nicht bleiben wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem
+Dorf, in dem die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es jedem
+gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: Lieber nicht, dem Kasperle ist
+halt nicht zu trauen, und das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem
+Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen Kasten und wanderte
+weiter, und Kasperle konnte weder Florian einen Schabernack spielen, noch
+seine einstigen Freunde begrüßen.
+
+Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus einen Fußweg, der führte durch den
+dichtesten Wald und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin ein.
+Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide wanderten fröhlich dem
+Waldhaus zu. Kasperle sprang wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich
+die Fiedel dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang der
+Nachtigall.
+
+Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal eine liebe, warme
+Stimme: »Ach lieber Gott, das ist ja Kasperle!« Ganz tief im Grünen, unter
+einer uralten Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein Reh. Herr
+Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte mit einem so lauten Jubellaut
+Liebetraut zu, daß das Reh eilends entfloh. »O Kasperle, du liebes,
+schlimmes Kasperle!« sagte Liebetraut, »wo kommst du her?«
+
+»Nicht böse sein!« bettelte Kasperle und huschelte sich an Liebetraut an.
+Das schöne Mädchen lächelte, sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und
+sagte froh: »Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer, du
+mein kleiner Liebling du!«
+
+Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen war, und Liebetraut lachte
+und weinte; dann sagte sie, der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen
+und habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei. Doch könne er hier
+nichts machen, gerade das Waldhaus liege an der Grenze, und der Fürst
+dieses Landes und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. Hier
+dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber in Protzendorf wohne
+jetzt ein Landjäger, um aufzupassen, und Florian und Damian hätten gesagt,
+wenn sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen.
+
+»Komm,« bettelte Kasperle ängstlich, »wir wollen ins Waldhaus!«
+
+Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie dem Waldhaus zu. »Jetzt
+kommt gleich die Grenze,« sagte Liebetraut; »Kasperle, schlupf' flink in
+den Kasten, mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an der Grenze.«
+
+Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte den Herr Severin wieder
+zugeklappt, da trat wirklich ein Landjäger aus dem Gebüsch. »Halt!« schrie
+der, »ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein Kasperle über die
+Grenze trägt.«
+
+Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, wundersam klang es, dazu
+sagte er: »Ich komme von des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir
+kein Kasperle geschenkt.« Darüber mußte der Landjäger lachen, und weil er
+auch dachte: So ein feiner Mann, der so schön spielen kann, was hat der mit
+einem Kasperle zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen.
+»Dies vermaledeite Kasperle!« schalt er; »seit Wochen suchen wir danach,
+mal ist es da, mal ist es dort, und nie fängt man es.«
+
+»Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt nur gut auf, daß es Euch
+nicht an der Nase vorbeiläuft!« sagte Herr Severin lustig.
+
+»Mir nicht!« schrie der Landjäger; »ha, ich bin ein ganz Schlauer, mir
+entwischt das Kasperle nicht!«
+
+Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige zu spielen. Diesmal war
+es ein heiteres Stücklein, das sollte das Lachen übertönen, das aus dem
+schwarzen Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte aber nicht
+an sich halten. Er kicherte immerzu, und der Landjäger rief Herrn Severin
+noch nach: »Ei, Herr, Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als
+lache Eure Geige!«
+
+»Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!« rief Herr Severin noch, und
+da lachte auch Liebetraut. Lachend schritten sie weiter, und auf einmal
+tauchte das Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das Kasperle
+wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da tat der einen lauten Freudenruf.
+Vor ihm lag das Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten Garten. Seine
+Fenster standen offen, und an einem der offenen Fenster saß Meister
+Friedolin und schnitzte. Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das
+Haus zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser vor Staunen.
+Je, was war denn das!
+
+Kasperle war wieder da, das Kasperle!
+
+Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne in der Hand, so
+schnell war sie vom Abendessenkochen weggelaufen.
+
+Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen mußte er essen, und
+Herr Severin wurde genötigt, als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam das
+allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute ihm der Wald in die Stube
+hinein, und Herr Severin spielte darin bis spät in die Nacht so
+wunderschön, daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude weinte.
+
+Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als er am nächsten Morgen
+aufwachte, stand Liebetraut an seinem Bette, die lachte ihn an und sagte:
+»Kasperle, weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im Waldhaus!«
+
+Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. Im Waldhaus, daheim! Nun wurde
+er nicht mehr verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie
+herrlich das war!
+
+Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie dem Kasperle. Er mußte
+freilich nach einigen Wochen wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor
+fremden Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber er wollte
+wiederkommen, und dann wollte Liebetraut seine liebe Frau werden, und sie
+wollten alle mitsammen im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr
+Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach, das Michele!
+
+Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, wenn er daran dachte, daß
+Michele kommen würde. Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen
+lieben, lieben Kameraden.
+
+»Denkst du noch an das Fortlaufen?« fragte ihn Liebetraut manchmal. Da
+schüttelte er immer heftig den Kopf und schrie: »Nein, nein, nein, ich will
+immer, immer im Waldhaus bleiben!«
+
+Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze zu laufen, und als nach
+etlichen Wochen der Kasperlemann wieder erschien, da kroch Kasperle in das
+Bett und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der Kasperlemann
+merkte doch, daß Kasperle wieder daheim war; er schnüffelte im Hause herum,
+doch Liebetraut hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den
+Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann abziehen, und Kasperle
+blieb im Waldhaus. Er ließ sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage
+später ein Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge versprach und
+ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen Kasten tragen. O nein, Kasperle
+war draußen in der Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen! Und
+der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel er wollte, Kasperle
+bekam er doch nicht.
+
+Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im Waldhaus gab es eine stille,
+fröhliche Hochzeit. Und dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute
+Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. Da gab es ein frohes
+Wiedersehen, und als Herr Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste,
+sagte er: »Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber ich hätte
+dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. Freilich, im Waldhaus hast
+du es am allerbesten.«
+
+Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei es so schön wie im Waldhaus;
+nur vielleicht auf der Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand
+wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles eigentliche Heimat.
+
+
+
+
+
+
+Die ferneren
+Schicksale und Abenteuer
+Kasperles und seiner Freunde
+Rosemarie und Michele finden die Leser in
+den Bänden »Kasperle auf Burg Himmelhoch« und »Kasperls
+Abenteuer in der Stadt« erzählt (Verlag Levy & Müller, Stuttgart).
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
+
+***** This file should be named 36813-8.txt or 36813-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Jens Sadowski
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
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+Title: Kasperle auf Reisen
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+Author: Josephine Siebe
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+Illustrator: Karl Purrmann
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+Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
+
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+<div class="centerpic"><img src="images/title.jpg" alt="Titelbild"/></div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
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+</h1>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold">
+<span style="font-size:large">Eine lustige Geschichte<br /></span>
+<span style="font-size:small">von<br /></span>
+<span style="font-size:xx-large">Josephine Siebe</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;">
+Mit vier farbigen Vollbildern von Karl Purrmann
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small">
+Vierte Auflage
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="centerpic"><img src="images/logo.jpg" alt="Logo"/></div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:large;">
+<span class="overline">
+Verlag von Levy &amp; Müller in Stuttgart
+</span>
+</p>
+
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small;">
+Nachdruck verboten<br />
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br />
+Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Zweites Kapitel. Der alte Schrank</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Fünftes Kapitel. Gänse hüten</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Siebentes Kapitel. Rosemarie</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-8">Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-9">Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-10">Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-11">Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-12">Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-13">Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-14">Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-15">Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+<!-- page 001 -->
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">
+<span class="centerpic" id="img-img003"><img src="images/img003.jpg" alt="Illustration img003" /></span>
+<span style="font-size:small">Erstes Kapitel</span> <br /><br />In Meister Friedolins Haus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>itten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert
+Jahren ein altes Haus. Wie alt es war, wußte
+niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten,
+ein paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher
+war der Wald drum herum groß und weit gewesen, man
+hatte sich recht darin verlaufen können. Dann waren die
+Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt
+worden, und vom uralten Häuschen führten schließlich
+drei Straßen ins Land.
+
+</p><p>Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf,
+im Osten Schönau, im Süden Lindendorf und im Westen
+war eins, das die Leute Protzendorf nannten. Dort
+wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig
+waren. Mit den Bewohnern der andern Dörfer verkehrten
+sie gar nicht, und die Kinder aus Protzendorf
+kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten
+die Kinder aus den andern Dörfern nämlich sehr gern,
+denn im Waldhäuschen lebte ein Holzschnitzer, der gar
+<!-- page 002 -->
+wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. &bdquo;Kasperleschnitzer&ldquo;
+hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen
+lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau
+Annettchen zog die Puppen an. Da saß manchmal eine
+bunte Gesellschaft auf der Holzbank im Waldhäuschen,
+und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft
+gelaufen, sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren
+es immer, wenn wieder eine Anzahl Puppen zum Verschicken
+in die weite Welt fertig waren. Liebetraut,
+des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind
+in eins der Dörfer gelaufen und sagte es den Kindern,
+denn das Mädchen war mit allen Kindern gut Freund.
+Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen
+Fenster im Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann
+spielte sie mit den Puppen den Kindern etwas vor, und
+das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen.
+Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den
+Kasperlepuppen immer sehr schwer, doch die wurden
+in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite Welt
+hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück.
+
+</p><p>In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht
+viel davon, daß der Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter
+Mann war. Aber auf den Jahrmärkten und
+Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus,
+da war sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater
+besaß, schätzte sich glücklich, wenn er Puppen
+hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt waren.
+Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und
+<!-- page 003 -->
+vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren
+sie &mdash; ei Potzwetter! Frau Annettchen und Liebetraut
+wußten für die Kittelchen und Mützchen immer wieder
+etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie
+die Puppen heraus.
+
+</p><p>Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus.
+Reichtümer gab&rsquo;s nicht darin, aber Hunger brauchten
+die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin
+selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät
+bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn
+seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von
+draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen
+erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: &bdquo;So
+schön wie bei uns ist es nirgends.&ldquo;
+
+</p><p>Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind.
+Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch
+hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel
+ins Waldhaus gebracht und gesagt: &bdquo;Hier, Frau, das
+habe ich draußen auf der Straße gefunden.&ldquo; Aus dem
+Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue
+Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: &bdquo;O
+so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich
+behalten!&ldquo; Und beim Behalten war es geblieben. Niemand
+wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte
+seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die
+Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin
+und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war
+aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein
+<!-- page 004 -->
+hübsches, großes Mädchen geworden, an dem seine
+Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude hatten.
+
+<span class="centerpic" id="img-color003"><img src="images/color003.jpg" alt="Illustration color003" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Meister Friedolin bei der Arbeit
+
+</p><p>Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am
+allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen
+hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft:
+&bdquo;Schade, daß sie nicht lebendig sind!&ldquo; Und wie sie das
+einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war
+es, &mdash; draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege
+waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen
+brauste der Sturm &mdash; da sagte plötzlich der sonst so
+stille Friedolin: &bdquo;Einen lebendigen Kasper hat mein
+Ur-Ur-Urgroßvater besessen.&ldquo;
+
+</p><p>Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der
+Meister belehrte sie ganz ernsthaft: &bdquo;Nein, nein, Kind,
+darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es
+doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer
+war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat
+nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern
+Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie die Uhr,&ldquo; rief Liebetraut dazwischen. Sie
+schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk
+umrankte. Da gab&rsquo;s Bäume und Blumen und
+allerlei Getier des Waldes.
+
+</p><p>Der Meister Friedolin nickte. &bdquo;Ja freilich,&ldquo; sagte
+er, &bdquo;die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch
+allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener
+Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist
+er denn auch manchmal über Land gegangen und hat
+<!-- page 005 -->
+da und dort wochenlang gearbeitet; auf manchem großen
+Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön
+sei das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe
+doch lieber in seinem Waldhaus.
+
+</p><p>Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise
+gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause
+gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals
+unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei
+Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und
+es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit
+durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht:
+Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus,
+bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller
+Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen
+Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben
+ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein
+Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob
+jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden
+und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen
+ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer
+Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und
+schwipp &mdash; schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden
+gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan,
+den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von
+sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen
+hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen
+Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze
+getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu
+<!-- page 006 -->
+hat der kleine Kerl ein ganz buntes Kleid angehabt,
+das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte er&rsquo;s schon
+fünfzig Jahre auf dem Leibe.
+
+</p><p>&sbquo;Wer bist denn du?&lsquo; hat mein Ahn gefragt.
+
+</p><p>Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich
+verzogen und zum Antworten so recht keine Lust
+gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen
+Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben.
+Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er
+gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten
+Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes
+Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer
+fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß
+an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten
+Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und
+eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest
+verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen
+Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang
+sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann
+habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben.
+
+</p><p>Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle
+zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim.
+Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig
+folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle
+nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen
+nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das
+Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter
+ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut
+<!-- page 007 -->
+geraten. Bald wollten viele Leute solche Kasperlepuppen
+haben, und als schließlich mein Ahn starb und
+sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes
+Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen.
+So ist es dann auch geblieben. Der Sohn
+lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn ich selbst
+einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer
+werden.&ldquo;
+
+</p><p>Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte
+ganz aufgeregt: &bdquo;Aber das Kasperle, Vater, wo ist
+denn das Kasperle geblieben?&ldquo;
+
+</p><p>Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe
+herum. &bdquo;Ja, wenn ich das wüßte!&ldquo; brummelte er.
+&bdquo;Mein Großvater selig hat&rsquo;s noch gewußt; aber der
+ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater
+ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat
+er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater
+soll&rsquo;s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen
+ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch.
+Jedenfalls, ich hab&rsquo; das Kasperle mein Lebtag nicht
+gesehen und mein Vater selig auch nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O wie schade!&ldquo; rief Liebetraut. &bdquo;Wie wäre das
+lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle
+hier!&ldquo;
+
+</p><p>Der Meister schmunzelte. &bdquo;Das glaube ich wohl,
+du Tollkopf,&ldquo; sagte er, &bdquo;das könnte dir gefallen, ihr
+kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen
+herum!&ldquo;
+<!-- page 008 -->
+
+</p><p>&bdquo;Jetzt kommt er schon wieder!&ldquo; unterbrach auf
+einmal Frau Annettchen das Gespräch. Sie schaute
+ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der Gast,
+der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen.
+Aus einem Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg
+ein dicker Mann in einem Pelzrock; der schüttelte sich
+erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er in das
+Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie
+laut und sehr freundlich &bdquo;guten Tag&ldquo; hinein.
+
+</p><p>Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut
+lief gleich davon, und die sonst so freundliche Frau Annettchen
+sagte gar nichts. Das schien indes Herrn Pumpel,
+der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten.
+Er setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner
+lauten, lärmenden Stimme allerlei zu erzählen, dies und
+das von seinen Fahrten, von seinen Geschäften, was er
+alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal
+Frau Annettchen ganz laut und streng: &bdquo;Unsere alten
+Schränke kriegen Sie aber doch nicht, Herr Pumpel.
+In unserem Häuschen wird nichts gerührt und gerückt,
+solange mein Mann und ich leben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, na, na!&ldquo; brummte Herr Pumpel, er zwinkerte
+mit den Augen und sah aus wie jemand, der sich eben
+sehr geärgert hat.
+
+</p><p>&bdquo;Gelt, Friedolin,&ldquo; rief Frau Annettchen, &bdquo;unsere
+Schränke kriegt Herr Pumpel nicht?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;I wo!&ldquo; Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf.
+&bdquo;Ich hab&rsquo; einmal nein gesagt, und dabei bleibt&rsquo;s.&ldquo;
+<!-- page 009 -->
+
+</p><p>Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal
+vergeblich gekommen, und nach ein paar Augenblicken
+nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt
+wieder davon.
+
+</p><p>Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut
+den Kopf zur Türe herein und fragte froh: &bdquo;Ist
+er wieder weg? Hat er wieder die alten Schränke
+gewollt?&ldquo;
+
+</p><p>Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei
+Bewohner des Waldhäuschens von Herrn Pumpel und
+warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen
+Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das
+gewollt, aber da hatte Meister Friedolins Vater nein
+gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin auch nein.
+
+</p><p>Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß
+des Häuschens. Sie waren uralt, zeigten ein
+wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner besonderen
+Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz
+gestanden und sollten weiter dort stehen, mochte Herr
+Pumpel so viel darum gefahren kommen, wie er wollte.
+
+</p><p>&bdquo;Gut, daß er wieder weg ist,&ldquo; rief Liebetraut. Sie
+rückte ihr Stühlchen dicht neben Meister Friedolins
+Platz, nahm ein schwefelgelbes Puppenröckchen in die
+Hand, um daran zu nähen, und bat: &bdquo;Vater Friedolin,
+erzähl&rsquo; noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle
+fand.&ldquo;
+
+</p><p>Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu,
+Frau Annettchen und Liebetraut nähten, und alle drei
+<!-- page 010 -->
+fanden wieder einmal, nirgends auf der ganzen Welt
+könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2"><span style="font-size:small">Zweites Kapitel</span> <br /><br />Der alte Schrank
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte
+sich gewaltig, daß er die alten Schränke nicht hatte
+haben können. Er brummte und schalt darob so viel,
+daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten
+Schränken hat? Immer wieder fährt er danach; ich
+denke beinahe, es wird etwas Besonderes damit sein.
+Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst
+fährt doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer
+solchen Kälte in den Wald.
+
+</p><p>Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch
+viele Tage so. Auf einmal aber kam der Tauwind;
+der fing ein gewaltiges Blasen an, und da schmolz der
+Schnee und lief davon &mdash; heidi, weg war er! Um das
+Waldhäuschen sauste und brauste es mächtig in diesen
+Tagen, aber Liebetraut lief trotz dem Sturm immer
+wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und
+rief jubelnd: &bdquo;Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er
+kommt bald.&ldquo; Und dann patschte sie einmal draußen
+im feuchten Walde herum, und als sie wiederkam, brachte
+sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen mit.
+<!-- page 011 -->
+
+</p><p>Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges
+kleines Fest wurde es, denn auf den Frühling freuten
+sich die Waldhausleute immer. Und diesmal ließ sich
+der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange
+bitten. Er kam ganz geschwinde angezogen, und bald
+konnte Frau Annettchen sagen: &bdquo;Nun heizen wir nicht
+mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.&ldquo; Da wurden
+alle Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz
+zwischen zwei großen Tannen guckte die liebe Sonne
+gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich war
+es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen.
+Damit füllte sie lauter bunte Töpfchen, und
+wenn die Kinder aus Schönau und Lindendorf gelaufen
+kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im
+Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären
+am liebsten gleich drin geblieben.
+
+</p><p>An einem dieser schönen Frühlingstage war es,
+da saß der Meister Friedolin noch fleißiger als sonst
+an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten Tagen
+eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen,
+und einige Figuren mußte er vorher noch fertig schnitzen.
+Wie er so recht mitten in der Arbeit war, brach ihm
+an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun
+wirklich ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen
+vom Frühling redete, brummelte er doch eine ganze
+Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem Vorratsschrank
+ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die
+alte Treppe hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und
+<!-- page 012 -->
+krachte, just als wollte sie etwas aus vergangenen Zeiten
+erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des oberen
+Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das
+waren die, welche Herr Pumpel so gerne hatte haben
+wollen. In diesen Schränken wurde seit langen, langen
+Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner
+Kasperleschnitzerei brauchte.
+
+</p><p>An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne
+auch durch das kleine Flurfenster; die beiden Schränke
+bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. Das kam
+dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst
+den einen Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht
+fand, tat er den andern auf. Weil es gerade so hell
+war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum.
+Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei
+fiel ihm auf einmal in dem einen Schrank auf, daß auf
+der einen Seite ein Spältchen offen war. Na nu,
+dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und
+platzt noch gar! Er schob, zog ein bißchen an dem
+Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein auf, und
+der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem
+schmalen Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß
+wie ein sieben- bis achtjähriger Bub. Die hatte er doch
+noch nie gesehen! Der Meister schüttelte erstaunt den
+Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich
+aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem
+Fach heraus. Und wie er sie so anfaßte, war es ihm,
+als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink auf die
+<!-- page 013 -->
+Erde und sah sich das Ding an. &bdquo;Nein, so etwas!&ldquo;
+rief er. &bdquo;Das ist ja wirklich ein Kasperle!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color012"><img src="images/color012.jpg" alt="Illustration color012" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Der Meister macht einen Fund
+
+</p><p>Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl
+an sich zu schütteln und zu bewegen, er nickte mit dem
+Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke Staubwolke
+ging von ihm aus.
+
+</p><p>&bdquo;Hatzi &mdash; hatzi &mdash; hatzi!&ldquo; Der Meister nieste, der
+sonderbare kleine Kerl nieste, und Frau Annettchen,
+die das unten hörte, rief: &bdquo;Friedolin, du kriegst wohl
+einen Schnupfen?&ldquo;
+
+</p><p>Die Stimme von unten schien das Männlein aus
+dem Schranke ganz munter zu machen. Er fing auf
+einmal an zu lachen, und hops &mdash; hallo! lief es die
+Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge
+höchlichst verwundert nach. Er konnte sich die Sache
+gar nicht erklären. Und niesen mußte er immer wieder,
+er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das
+kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.
+
+</p><p>Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen,
+und Liebetraut, die gerade mit Blumen in der Hand
+in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. &bdquo;O du
+meine Güte,&ldquo; rief Frau Annettchen, &bdquo;was ist denn das
+für ein Popanz!&ldquo;
+
+</p><p>Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen,
+er sah sich rund um, schüttelte den Kopf, und wieder
+flog eine dichte Staubwolke auf. &bdquo;Hatzi, hatzi!&ldquo; nieste
+er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister
+Friedolin kam niesend in die Stube. &bdquo;Hallo, da ist
+<!-- page 014 -->
+das Ding!&ldquo; rief er und packte den wunderlichen Gesellen.
+&bdquo;Jemine, das sieht ja beinahe wie ein Kasperle aus!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich bin doch Kasperle!&ldquo; sagte der Kleine kläglich.
+&bdquo;Wo ist denn die Madame Erdmute und der Meister
+Ephraim?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was schwätzt du da?&ldquo; Meister Friedolin schlug
+sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. &bdquo;Das waren
+ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich glaube
+gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,&ldquo; &mdash; er
+schüttelte den Kleinen, daß der Staub nur so herumflog,
+&mdash; &bdquo;besinne dich mal: wie bist du denn in den
+Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich hab&rsquo; doch geschlafen!&ldquo; Der Kleine gähnte
+laut. Und auf einmal fing es in ihm an ganz erschrecklich
+zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die
+Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. &bdquo;Oh,
+oh, oh,&ldquo; jammerte er, &bdquo;ich hab&rsquo; solchen Hunger, ach,
+so schrecklichen Hunger.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Um Himmels willen,&ldquo; schrie Frau Annettchen,
+&bdquo;der stirbt ja noch vor Hunger! Wer weiß, wie lange
+der nichts gegessen hat!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kann sein bald hundert Jahre,&ldquo; murmelte Meister
+Friedolin. &bdquo;Nu, nu, das ist doch nicht möglich, daß
+der so lange im Schranke gesteckt hat!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hunger, au, au, ich hab&rsquo; so schrecklichen Hunger!&ldquo;
+schrie der kleine Gast, und da rannten Mutter Annettchen
+und Liebetraut erschrocken in die Küche und brachten
+herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch,
+<!-- page 015 -->
+und alles stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen
+Mund. Er schluckte und schluckte, wurde zusehends
+dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und sehr
+vergnügt rief: &bdquo;Ich kann nicht mehr!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, das ist ein Glück!&ldquo; sagte Meister Friedolin.
+&bdquo;So eine Esserei hab&rsquo; ich mein Lebtag nicht gesehen.
+Aber nun sag mir mal, du &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasperle heiß ich,&ldquo; rief der Kleine.
+
+</p><p>&bdquo;Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank
+gekommen?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund
+dazu, dann seufzte er, schüttelte sich wieder und murmelte:
+&bdquo;Ich weiß nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber besinn dich doch,&ldquo; mahnte der Meister, &bdquo;du
+mußt es doch wissen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und
+erstaunt, doch plötzlich erblickte er die große alte Kastenuhr
+und schrie: &bdquo;Die hat der Meister gemacht.&ldquo;
+
+</p><p>Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich.
+War der schnurrige Kauz nun wirklich das Kasperle,
+das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie
+war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich
+so viele, viele Jahre geschlafen?
+
+</p><p>&bdquo;Besinn dich doch!&ldquo; sagte Meister Friedolin.
+
+</p><p>&bdquo;Ich weiß nicht.&ldquo; Kasperle suchte wieder, das
+Nachdenken schien ihm arge Mühe zu machen. Ganz
+traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. &bdquo;Ich weiß
+nicht,&ldquo; sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder
+<!-- page 016 -->
+schüttelte er sich heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter
+Zettel von seinem Kittel ab.
+
+</p><p>Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte
+drauf und rief: &bdquo;Da steht etwas über Kasperle, hier,
+Vater, sieh!&ldquo;
+
+</p><p>Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig
+seine Brille auf und las: &bdquo;Wer dies Kasperle findet,
+der soll es fein sorgsam hüten, bis es aufwacht, sintemalen
+es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge
+Johann Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem
+Kasperle einen Schlaftrunk gegeben, ein Wunderelixier,
+das einstens mein Großvater aus dem Lande Italien
+mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre
+in Schlaf sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann
+lebendig wieder auf. Doch ist es ein Teufelszeug, und
+es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird.
+Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und
+weil ein Gerede in der Gegend ist, ich hätte einen
+Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den Schrank
+ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch
+weiß, wie seines Lebens Gang ist, und es könnte sein,
+das Kasperle geriete einst in fremde Hände. Der Pumpel
+hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb war;
+er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll
+das Geheimnis wissen, der soll es wieder seinem Sohne
+sagen und so fort, bis einmal das Kasperle wach wird.
+Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle
+sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam
+<!-- page 017 -->
+hüten, denn das Kasperle bekommt manchmal, sonderlich
+im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, und es
+könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt
+es immer wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater,
+geschrieben,&ldquo; sagte Meister Friedolin, als er fertig gelesen
+hatte. &bdquo;Und nun weiß ich auch, warum der Händler
+Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer
+drin steckte. Das echte Kasperle, nein so etwas! Und
+geschlafen hat es fast neunzig Jahre.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ein Wunder, wirklich ein Wunder!&ldquo; Frau Annettchen
+war die Geschichte ordentlich unheimlich, und sie
+sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite an.
+
+</p><p>Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich
+und ein bißchen betrübt, und Liebetraut fühlte
+plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Sie trat
+zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: &bdquo;Ein
+neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins
+ist ja ganz morsch.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und
+er sah die Güte in ihren Augen strahlen; da gewann
+er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und bettelte: &bdquo;Näh&rsquo;
+mir gleich &rsquo;nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.&ldquo;
+
+</p><p>Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim
+ein, und sie fragte schnell: &bdquo;Immer folgen und auch
+nicht ausreißen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nicht ausreißen,&ldquo; versprach Kasperle treuherzig.
+<!-- page 018 -->
+
+</p><p>&bdquo;Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?&ldquo; Liebetraut
+hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder
+und beteuerte: &bdquo;Ich reiße nicht aus, aber &mdash; ich will
+auch nicht mehr in den Schrank.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!&ldquo;
+sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser
+genommen und begann der Puppe, die er schnitzte,
+Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut
+emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das
+Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei
+sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen
+erst recht auf Messen und Märkten gefallen!
+
+</p><p>Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf
+aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser
+gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich
+vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über
+Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau
+noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon
+auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen
+blanken Zinntellern Fangeball zu spielen.
+
+</p><p>&bdquo;Warte, du Irrwisch!&ldquo; schalt Mutter Annettchen,
+und dann tat sie einen Seufzer. &bdquo;I, da haben wir ja
+einen rechten Kobold im Haus!&ldquo;
+
+</p><p>Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber
+ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute
+gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte
+und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle
+oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er
+<!-- page 019 -->
+ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes
+Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen
+war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen.
+Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen
+wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer
+Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war
+das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war
+froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte:
+&bdquo;Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und
+morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung.
+Flink, ins Bett!&ldquo;
+
+</p><p>Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. &bdquo;Ich will
+nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich
+habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht
+mehr müde.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre,
+da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!&ldquo; sagte der
+Meister. &bdquo;Kasperle mag aufbleiben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte
+eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,&ldquo; meinte
+Mutter Annettchen.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel
+fertig.&ldquo; Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein
+neues Röcklein zu nähen.
+
+</p><p>Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein,
+das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber
+Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht,
+und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.
+<!-- page 020 -->
+
+</p><p>So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern
+gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach,
+es würde stille sein und nicht Tische, Stühle
+und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte
+sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie
+Liebetraut nähte. &bdquo;Mach&rsquo; einen Kittel, wie ihn kleine
+Menschenjungen tragen,&ldquo; bettelte er.
+
+</p><p>&bdquo;Warum denn?&ldquo; Liebetraut sah den Kleinen erstaunt
+an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte:
+&bdquo;Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich
+ein Kasperle bin!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O Kasperle,&ldquo; rief Liebetraut, &bdquo;ich merke es schon,
+du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du
+bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die
+grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen
+alle darauf.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als
+aber Liebetraut mahnte: &bdquo;Denk&rsquo; an dein Versprechen!&ldquo;
+da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich
+ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig:
+&bdquo;Erzähle mir was, Kasperle!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Erzähle du mir was, Liebetraut!&ldquo; rief Kasperle.
+&bdquo;Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern
+Geschichten!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, dann paß&rsquo; auf!&ldquo; sagte Liebetraut, und sie begann
+feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald,
+von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein
+und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und
+<!-- page 021 -->
+erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich
+schrie Kasperle: &bdquo;Mehr, mehr!&ldquo;
+
+</p><p>Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle
+ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte
+auf und sah &mdash; Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte
+leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig
+Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine
+Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie
+selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen
+der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten
+Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen
+trat ein. &bdquo;Aber Mädchen,&ldquo; rief diese, &bdquo;die Lampe ist
+ja ganz niedergebrannt und &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasperle ist eingeschlafen,&ldquo; sagte Liebetraut, sie hob
+das fertige Kittelchen hoch, &bdquo;und ich bin fertig.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch
+schlafen kann!&ldquo; Mutter Annettchen lachte. &bdquo;Ich hatte
+schon Angst,&ldquo; redete sie weiter, &bdquo;er würde nun neunzig
+Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten
+ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,&ldquo;
+schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten
+Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich
+einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums!
+Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus
+der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute
+Meister rief erschrocken: &bdquo;Uff! Na, man merkt, daß
+ein Kasperle im Hause ist!&ldquo;
+<!-- page 022 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3"><span style="font-size:small">Drittes Kapitel</span> <br /><br />Was am Waldsee geschah
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ine ganze Woche war das Kasperle schon im
+Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche
+gemacht als zehn Buben in einem Jahr.
+
+</p><p>Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles
+an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte.
+Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel
+er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder
+zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch
+die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit
+auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden.
+Manchmal drohte Meister Friedolin: &bdquo;Warte, ich stecke
+dich in den Schrank!&ldquo; Aber wenn Kasperle dann so
+jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer
+wieder leid.
+
+</p><p>Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei
+hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen
+Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer
+wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da
+konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer
+wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und
+Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an
+dem unnützen Schelm.
+
+</p><p>Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging
+<!-- page 023 -->
+es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm
+langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald
+gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er
+dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn
+er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte.
+
+</p><p>Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und
+sie mahnte an jedem Tag: &bdquo;Denk&rsquo; an dein Versprechen!&ldquo;
+Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich:
+Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser
+werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es
+weg wäre.
+
+</p><p>Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag,
+ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen,
+denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür.
+Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen
+herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei
+war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte
+wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da,
+mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer
+um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe,
+und Frau Annettchen wurde recht böse auf den
+Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: &bdquo;Geh zum
+Meister!&ldquo;
+
+</p><p>Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er
+lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister
+Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen
+Kasperlepuppen an. In Reih&rsquo; und Glied waren die
+auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als
+<!-- page 024 -->
+die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach
+dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.
+
+</p><p>&bdquo;Heio,&ldquo; schrie Kasperle, &bdquo;das bin ich!&ldquo; Und flink
+tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein
+Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.
+
+</p><p>&bdquo;Ungeschick, du!&ldquo; schalt Meister Friedolin ungeduldiger
+als sonst. &bdquo;Marsch, geh, du hast hier nichts
+zu suchen!&ldquo;
+
+</p><p>Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief
+wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus
+und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann
+gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut
+gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein
+Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut.
+Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen;
+die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine,
+zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein
+Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer
+verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte
+Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug
+schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an
+einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden,
+und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen
+ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt
+im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten
+mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem
+Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur
+vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte
+<!-- page 025 -->
+er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio,
+dachte er, das ist fein! Jetzt werf&rsquo; ich meinen Kasperlekittel
+fort und zieh&rsquo; Jacke und Hose von den Buben
+an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude
+vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen.
+Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein
+Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte
+hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten
+ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides
+wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an
+der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in
+das Gras und quiekte vor Vergnügen.
+
+</p><p>Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt
+hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen.
+Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter
+und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah.
+Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den
+Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem
+Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da
+suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als
+Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte
+er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden.
+Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und
+da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die
+beiden liederlich. &bdquo;Sucht nur!&ldquo; schrie er. &bdquo;Wer weiß,
+wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab&rsquo; mein Zeug
+ordentlich beisammen.&ldquo;
+
+</p><p>Das ging nun Fritz und Peterle doch über den
+<!-- page 026 -->
+Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel
+habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen
+Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und
+eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch
+der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps,
+pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und
+rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe
+vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders
+dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da
+erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß,
+was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der
+Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm
+gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die
+raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da
+Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den
+Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe
+Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten,
+war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben
+alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen
+und vergaßen das Ausreißen.
+
+</p><p>&bdquo;Na, warum habt ihr euch denn gehauen?&ldquo; fragte
+der Förster schmunzelnd. &bdquo;Es ist euch wohl nicht warm
+genug?&ldquo;
+
+</p><p>Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz
+dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein
+hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand.
+Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah
+die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut,
+<!-- page 027 -->
+ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle
+verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und
+beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare
+gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn,
+er packte Christophel fest an den Schultern und fragte:
+&bdquo;Hast du Jacke und Hosen versteckt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nein!&ldquo; Christophel sah mit seinen himmelblauen
+Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da
+gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo
+waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem
+Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien
+das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: &bdquo;Vielleicht
+habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber meins waren doch Hosen!&ldquo; rief Fritz entrüstet.
+
+</p><p>Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut
+von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah
+das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden
+den Streich gespielt haben, darum sagte er:
+&bdquo;Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer
+Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!&ldquo; schrie das
+Fritzle, diesmal sehr kläglich.
+
+</p><p>War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster
+sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß
+geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen,
+aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen
+auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war
+es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch
+<!-- page 028 -->
+den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein
+laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume
+über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß
+also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle
+ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.
+
+</p><p>Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein
+über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte
+aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich
+von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei
+Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig
+Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke.
+Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen
+ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren
+beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel
+bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen
+noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: &bdquo;Wenn
+sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in
+Gottes Namen diese behalten!&ldquo;
+
+</p><p>Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus,
+sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor,
+und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen,
+erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut
+sagte wie der Förster: &bdquo;Da haben euch ein paar
+einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse
+müssen es gewesen sein.&ldquo;
+
+</p><p>Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen
+so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und
+Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus
+<!-- page 029 -->
+sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem,
+der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war.
+Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte
+es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans,
+und die drei Buben waren noch nicht lange daheim,
+da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das
+Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben
+beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle
+und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten
+Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder
+miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die
+sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte
+sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte.
+
+</p><p>Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die
+seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen
+Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte
+sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen.
+Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen,
+wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da
+Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher,
+und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut:
+&bdquo;Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?&ldquo;
+
+</p><p>Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut:
+es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen
+den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig
+auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin.
+Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken.
+Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose
+<!-- page 030 -->
+und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht
+stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war?
+Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte,
+so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie
+riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief
+ihrer Mutter zu: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Draußen beim Vater,&ldquo; antwortete Frau Annettchen,
+die eben das Abendessen richtete.
+
+</p><p>Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der
+strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz
+erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte.
+&bdquo;Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht
+draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte
+in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke
+und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch
+der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden.
+Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin
+folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle
+war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen,
+die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern,
+da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den
+Wald: &bdquo;Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!&ldquo;
+
+</p><p>Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein
+auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah
+er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und
+alle drei klagten betrübt: &bdquo;Unser Kasperle ist ausgerissen!&ldquo;
+Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten,
+<!-- page 031 -->
+die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie
+dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut
+hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich
+um ihren schlimmen kleinen Kameraden. &bdquo;Ach
+Kasperle, Kasperle,&ldquo; klagte sie, &bdquo;warum hast du uns nur
+verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!&ldquo;
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4"><span style="font-size:small">Viertes Kapitel</span> <br /><br />In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>o aber war das Kasperle hingelaufen?
+
+</p><p>Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke
+vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue
+Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles
+Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er
+beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er
+wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und
+Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die
+im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach
+Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern
+der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf
+auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen
+Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner
+Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu
+schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße
+entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt.
+<!-- page 032 -->
+Doch da lag ein großer Stein auf dem
+Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich,
+und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen.
+Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand,
+da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor
+ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich
+und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg
+Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken
+alle miteinander Pfingstkuchen.
+
+</p><p>Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und
+schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er
+auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und
+er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger
+Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer
+Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle
+frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle
+seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte
+und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.
+
+</p><p>Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste
+Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh
+Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so
+faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen
+träge waren, ihn den &bdquo;faulen Matthias&ldquo; nannten. Der
+Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem
+Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte
+gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte
+er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau
+ihm just gebracht hatte.
+<!-- page 033 -->
+
+</p><p>Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken
+Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen
+ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu
+und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund
+und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von
+seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller
+leergegessen.
+
+</p><p>Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer
+sein Leben lang noch nicht widerfahren. &bdquo;Du Frechdachs!&ldquo;
+schrie er, hob seine dicke Hand und wollte
+Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen
+Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein
+paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. &bdquo;Ich hatt&rsquo;
+so argen Hunger!&ldquo; klagte er, und dabei schnitt er ein
+so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß &bdquo;der faule
+Matthias&ldquo; trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen
+wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch
+nie gesehen. &bdquo;Woher kommst du denn?&ldquo; schrie er
+ihn an.
+
+</p><p>Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein
+Stückchen näher und klagte: &bdquo;Von weit, weit, weit her!
+Bin ein armes, verlassenes Büble, hab&rsquo; niemand mehr
+auf der weiten Welt.&ldquo;
+
+</p><p>Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle
+drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er
+brummte zwar: &bdquo;Das ist noch kein Grund, um andern
+den Kuchen wegzufressen,&ldquo; aber er winkte doch mit der
+Hand, Kasperle solle näherkommen.
+<!-- page 034 -->
+
+</p><p>Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase
+hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch
+wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und
+funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der
+sagte gnädig: &bdquo;Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen,
+doch will ich&rsquo;s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade
+einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen
+nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen,
+daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?&ldquo;
+
+</p><p>Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund
+wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge
+war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht
+nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter.
+Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf
+kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das
+ist eine Ehre! &mdash; Und weil gerade sein Großknecht
+Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: &bdquo;Florian,
+wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm
+ihn mit!&ldquo;
+
+</p><p>Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich
+nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen
+macht man nicht viel Umstände. Und schwipp,
+schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn
+mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf,
+brummte: &bdquo;Da!&ldquo; schob Kasperle hinein und schloß die
+Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden,
+dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.
+
+</p><p>Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine
+<!-- page 035 -->
+weißen und grauen Schützlinge umringten ihn schnatternd.
+Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht.
+In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und
+als die Gänse ihre Schnäbel so weit auftaten und gar
+so arg schnatterten, begann er sich zu fürchten. Er
+schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch
+noch nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam
+ihnen der Gast in ihrem Stall höchst sonderbar vor.
+Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle wurde es
+himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In
+einer Ecke des Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein
+Schrank sah es fast aus, und Kasperle, nicht faul,
+schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des
+Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern
+und brüteten. Die erschraken nun gewaltig, als Kasperle
+ihren Nesterschrank erkletterte. Zischend fuhren sie von
+ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich an
+dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz!
+fiel es um. Da lag Kasperle, da lagen Nester und
+Eier, und zischend und schnatternd fuhren die Gänse
+wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten
+zu stören, das war doch unerhört! Zwack, biß eine
+Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins Ohr, zisch, hieb
+eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle
+brüllte, die Gänse schnatterten lauter und lauter, &mdash; es
+war ein Höllenlärm.
+
+</p><p>&bdquo;Jemine, was ist im Gänsestall los?&ldquo; rief draußen
+auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist
+<!-- page 036 -->
+vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und rasch rannte
+sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr
+das schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen
+Mund hatte er ungeheuerlich weit aufgerissen, und
+Karline klappte erschrocken die Türe zu. &bdquo;Ein Kobold,
+ein Kobold ist im Gänsestall!&ldquo; schrie sie draußen.
+
+</p><p>Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta,
+die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der
+stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende
+Kasperle heraus.
+
+</p><p>&bdquo;Herrje, was ist das?&ldquo; rief die Bäuerin. Sie
+schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta
+kicherte in ihre Schürze hinein. &bdquo;Wie der aussieht!&ldquo;
+sagte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Ein Kobold ist&rsquo;s, ein Popanz!&ldquo; kreischte Karline.
+
+</p><p>&bdquo;Nä, unser neuer Gänsejunge ist&rsquo;s, und jetzt kriegt
+er Haue,&ldquo; brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug
+er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn
+Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen,
+er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der
+dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen
+war. Da redeten seine Frau und die drei
+Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall
+schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf
+den Stall. &bdquo;Nachsehen!&ldquo; brummte er. Und klitsch klatsch,
+klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis
+die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. &bdquo;Du
+zerschlägst ihn ja ganz!&ldquo; schalt sie.
+<!-- page 037 -->
+
+</p><p>&bdquo;Der hat&rsquo;s verdient!&ldquo; knurrte Florian.
+
+</p><p>&bdquo;Ja zum Kuckuck, der hat&rsquo;s verdient!&ldquo; schrie der
+Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall
+gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte
+schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine
+Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem
+dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem
+Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich
+sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu
+drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch
+so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste.
+
+</p><p>Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so
+viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch
+nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte
+nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein,
+weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen
+war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach
+nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus!
+Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde,
+fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin
+ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein
+nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich
+wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim
+reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war
+gewiß nicht so schwer!
+
+</p><p>Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß
+der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch.
+Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen
+<!-- page 038 -->
+Florian, dann kamen Karline und die andern Knechte
+und Mägde. Sie waren alle fleißig gewesen, und sie
+dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines
+recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich
+leise lachte. Da blickte der Paul neben ihr auf, und
+er sah unwillkürlich auch den neuen Gänsejungen an.
+Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul
+lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und
+Mine auf, und alle sahen Kasperle an, wie der seinen
+Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male lachten
+alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer
+selbst. Und kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn
+lachten, flink fing er an, Gesichter zu schneiden. Er
+zappelte auf seinem Stuhl hin und her und kasperte,
+bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die
+Bäuerin bekam Angst, dem Bauer könnte der Bauch
+platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte ein paarmal:
+&bdquo;Hör&rsquo; auf, lach&rsquo; dich nicht krank!&ldquo; Aber dann lachte
+sie selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline
+unter den Tisch, und Paul purzelte mit seinem Stuhl
+um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel und
+rief: &bdquo;Jetzt ist&rsquo;s genug für heute, sonst platzt wirklich
+noch wer!&ldquo; Und Florian zog Kasperle aus der Stube,
+brachte ihn in eine kleine, kleine Kammer, die ein vergittertes
+Fensterlein hatte und in der gerade Platz für
+ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er
+gern, und er kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß
+Florian brummte: &bdquo;Morgen mußt du Gänse hüten.&ldquo;
+<!-- page 039 -->
+
+</p><p>&bdquo;Rrrrrrrrr!&ldquo; Florian drehte sich erschrocken um.
+Was war denn das auf einmal? &bdquo;Rrrrr!&ldquo; klang es
+wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge
+war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. &bdquo;Dummheit
+ist&rsquo;s,&ldquo; brummelte Florian und schüttelte den Kleinen.
+Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle
+schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge:
+&bdquo;Rrrrr! Rrrrr!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hol&rsquo; ihn der Fuchs! Mit dem ist&rsquo;s nicht richtig,&ldquo;
+knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die
+Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und
+dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern
+Gänsejungen annehmen können.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5"><span style="font-size:small">Fünftes Kapitel</span> <br /><br />Gänse hüten
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in
+aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und
+murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß
+ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den
+Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus,
+und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen
+Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu
+fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der
+ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand
+dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden
+<!-- page 040 -->
+Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten.
+Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und
+sagte: &bdquo;Geh, hüt&rsquo;! Kannst mit dem Schäfer gehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian,
+noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß
+Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo;. Und Damian tat auch an diesem Morgen
+seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle
+folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf
+hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt,
+und hier stieß Damian seinen Stock auf den
+Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre
+dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen
+Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte
+es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut
+schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte
+stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle
+erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch
+hin. Da wurde &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; fuchswild. Nun
+mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch
+wirklich zu anstrengend! &bdquo;Dort bleiben!&ldquo; brüllte er
+Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach
+rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre
+Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten
+zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht
+folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen
+Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der
+Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht.
+<!-- page 041 -->
+Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz
+brav, eine hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort
+schnatterten sie vergnügt, sie meinten, nun könnten sie
+schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle meinte
+das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse
+so brav vor ihm hergelaufen waren, und er gedachte
+sich ein Späßlein zu machen. Er begann die Gänse
+zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange
+Stab. Die guten Tiere mochten schnattern, soviel sie
+wollten, rundum und wieder rundum jagte sie ihr Hirte.
+
+</p><p>Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er
+seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse
+konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer
+kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer
+Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum.
+
+</p><p>&bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; pflegte sonst sich um weiter
+nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte
+er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder
+ihm gesagt hatte: &bdquo;Paß auf!&ldquo; Und da er nicht allzuweit
+seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen.
+
+</p><p>Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah!
+Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum,
+Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen
+wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun
+fett werden!
+
+</p><p>Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans
+gerade auf den Kopf. Da packte ihn jemand am
+Hosenboden. Und &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; hielt sich
+<!-- page 042 -->
+nicht mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp,
+schwipp, und Kasperle spürte das sehr genau, er schrie
+mörderlich, und die Gänse schauten mit weit offenen
+Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar
+übel! Wenn die älteste Gans hätte reden können, sie
+hätte jetzt gewiß das Sprüchlein gesagt:
+
+</p><p class="lyrics">
+&bdquo;Was du nicht willst, daß man dir tu&rsquo;,<br />
+Das füg&rsquo; auch keinem andern zu!&ldquo;
+
+
+</p><p class="noindent">Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange
+genug auf Kasperle herumgewippt. Kasperle fand, viel
+viel zu lange, und er heulte jämmerlich, als &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo; ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder
+nichts, aber so klug war das Kasperle schon, um zu
+wissen, was die Prügel bedeutet hatten. Ganz verdattert
+blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse
+alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans
+Fortlaufen. Es ging darum ganz friedlich am Bächlein
+zu. Kasperle streckte sich lang aus, er hielt seinen
+Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er
+würde bald weiter in die Welt hineinlaufen.
+
+</p><p>In Protzendorf hatten sich die Leute von dem
+putzigen Gänsejungen des Bauern Strohkopf erzählt,
+und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu sehen.
+Die beiden hießen August, und weil des einen Vater
+der Windmüller und der des andern der Wassermüller
+war, wurden beide im Dorf nur Windgustel und Wassergustel
+genannt. Unnütz waren alle beide, und gute
+<!-- page 043 -->
+Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich
+manchmal, der eine schalt auf den Wind, der andere
+auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel
+machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem
+Pfingstsonnabend nun gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht
+wußte der Späße und Dummheiten, die sie noch
+nicht kannten.
+
+</p><p>Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im
+Grase liegen, und als sie ihn anriefen, tat er erst, als
+höre er sie nicht, aber Windgustel und Wassergustel
+wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt.
+Sie zogen ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang;
+da sprang Kasperle auf mitten in seine Gänse
+hinein.
+
+</p><p>Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht
+das Rundumgelaufe wieder los. Doch statt dessen gab
+es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel
+fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst
+komisch, und Windgustel dachte gleich: Uje, könnte ich
+doch so feine Gesichter schneiden!
+
+</p><p>Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht
+als Feinde gekommen waren, und blitzschnell verwandelte
+sich sein böses Gesicht in ein sehr vergnügtes. Nach
+zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden,
+obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren
+Jungen hätten sie noch nie gesehen. Was konnte
+der für Grimassen machen, wie Arme und Beine
+verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher
+<!-- page 044 -->
+Sauertopf sein wie &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo;, um nicht
+zu lachen, doch Windgustel und Wassergustel waren
+keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie auseinander.
+Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte
+ihnen nämlich von dem Schäfer, und da sagten die
+beiden Unnützlinge, das sei von dem grob gewesen,
+und das mit den Gänsen sei fein. &bdquo;Mach&rsquo;s noch mal!&ldquo;
+bat Windgustel.
+
+</p><p>&bdquo;Erst nachsehen, wo der Damian ist,&ldquo; rief Wassergustel.
+Er sprang auf, sah nach und kam nach einem
+Weilchen grinsend zurück und verkündete den Kameraden:
+&bdquo;Er schläft.&ldquo;
+
+</p><p>Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse.
+Kasperle wollte nämlich gern dem schlafenden Damian
+einen Streich spielen, und alle drei ließen die Gänse,
+wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer.
+Der lag nun wirklich unter einem großen Feldbirnbaum
+und schlief, und ein Stückchen weiter weideten die Schafe,
+von Flick, dem treuen Hund, bewacht.
+
+</p><p>Die drei Freunde standen vor Damian, schauten
+ihn an und überlegten, was sie ihm wohl antun könnten.
+
+</p><p>&bdquo;Einen Frosch aufs Gesicht setzen,&ldquo; schlug Windgustel
+vor.
+
+</p><p>&bdquo;Ihm die Knöpfe abschneiden,&ldquo; sagte Wassergustel.
+
+</p><p>Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem
+Birnbaum; da konnte sich einer verstecken, und er dachte:
+Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, gerade über
+seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter
+<!-- page 045 -->
+Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen,
+was er, vorhatte, als plötzlich Flick laut bellte. Der sah
+es wohl: die drei, die da neben seinem Herrn standen,
+hatten nichts Gutes im Sinn.
+
+</p><p>Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine!
+Rutsch, sausten sie den Abhang hinab, weg waren sie!
+und als &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; erwachte, sah er sich
+erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so
+laut und warnend gebellt? Umsonst tat Flick doch so
+etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem Gänsejungen,
+dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging
+nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still
+und einmütig am Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine
+Rute in der Hand wie ein richtiger Gänsejunge. Die
+Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah
+alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.
+
+</p><p>An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim,
+als hätte er schon immer Gänse gehütet, und der Großknecht
+Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, vielleicht
+wird&rsquo;s mit ihm! Nur &mdash; sein Gesicht ist gar zu
+unnütz. Und dann sah er, wie sein Bruder Damian
+den Kopf schüttelte, und das war immer ein schlimmes
+Zeichen.
+
+</p><p>Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen,
+sie wollten ihm morgen am Feiertag das ganze
+Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie dachten: Bauer
+Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im
+Stall. Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller
+<!-- page 046 -->
+Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er dachte: Ein Gänsejunge,
+der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen
+Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.
+
+</p><p>Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof
+stolperte, hielt dort schon Damian mit der Herde. Dem
+taten die Schafe leid; warum sollten die um den schönen
+Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig
+hinaus, und am Bächlein hob Damian drohend
+den Stock; da hob auch Kasperle flugs den seinen
+empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie
+der Schäfer. Das war dem doch zu toll. So ein
+Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! Er sprang
+auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen
+den langen Beinen durch, und plumps! lag &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo;, so lang er war, im Bächlein. Das spritzte
+hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick kam
+eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn
+geschehen war. Kasperle aber trieb seine Gänse, so
+schnell er konnte, ein Stücklein abwärts. Er rannte,
+die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er
+an einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die
+Gänse, pflockte die Türe von außen fest zu, und dann
+lief er selbst einmal wieder in die weite Welt hinein.
+Gänsejunge sein hatte er satt.
+
+</p><p>Doch &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; war rasch hinter dem
+Ausreißer her. Er sah von weitem, wie Kasperle die
+Gänse versteckte. Da machte er noch längere Schritte,
+und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er
+<!-- page 047 -->
+mochte flink Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen
+und kugeln, Damian erwischte ihn doch. Er sprang eine
+Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang.
+Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian
+kam näher und näher, doch da zur rechten Zeit rollte
+ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor
+gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener,
+und Kasperle besann sich nicht lange, er sprang, so rasch
+er konnte, hinten auf dem Wagen auf. Da gab es
+freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es
+schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen.
+
+</p><p>Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte
+auch noch ein Stück hinterdrein, aber niemand hörte
+auf ihn. Eine Biegung kam, &mdash; weg waren Wagen
+und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen
+Schafen zurück. Die mußten nun mit den Gänsen
+zusammen weiden. Mittags ging&rsquo;s heim, und auf
+dem Hofe rief &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; zornig: &bdquo;Ausgerissen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer? Ein Schaf?&ldquo; fragte der Bauer, der das
+gerade hörte.
+
+</p><p>&bdquo;Nein!&ldquo; Damian schüttelte den Kopf. &bdquo;Kasper!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?&ldquo; Der
+Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so
+etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus!
+&bdquo;Warum denn?&ldquo; fragte er. &bdquo;Erzähl&rsquo; doch!&ldquo;
+
+</p><p>Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen
+müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den
+<!-- page 048 -->
+Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte heißen,
+bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und
+legte sich in sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.
+
+</p><p>Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein
+großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres
+neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian
+sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper
+gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen
+sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den
+Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im
+Dorf, &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; habe den armen kleinen
+Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian
+sagte es nicht.
+
+</p><p>Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf
+noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames.
+Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein
+angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz
+ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen
+lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es
+sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die
+Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen;
+am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle.
+Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle;
+auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief
+da der Bauer Strohkopf: &bdquo;Das ist ja mein Gänsejunge!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color048"><img src="images/color048.jpg" alt="Illustration color048" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Vorstellung in Protzendorf
+
+</p><p>Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle:
+<!-- page 049 -->
+das war Kasper, der Gänsejunge; genau so hatte er
+ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine Gesichter
+schnitt.
+
+</p><p>Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater
+empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel:
+&bdquo;Das ist er auch!&ldquo; Genau so bitterböse hatte
+Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte.
+Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem
+Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter
+die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte
+hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen
+sei, und da erfuhr er die Geschichte von der
+wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf
+erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen.
+
+</p><p>Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren!
+&bdquo;Er ist&rsquo;s, er ist&rsquo;s!&ldquo; schrie er laut. &bdquo;Den muß ich fangen!
+Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt&rsquo;s!&ldquo; Der
+Kasperlemann packte &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; beim Jackenknopf.
+Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen,
+brummelte &bdquo;Hm!&ldquo; und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.
+
+</p><p>Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: &bdquo;Ha, nun
+merk&rsquo; ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er
+denn her? Was hatte er denn ausgefressen?&ldquo;
+
+</p><p>Da erzählte der Kasperlemann den staunenden
+Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele,
+viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn
+Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er,
+<!-- page 050 -->
+kenne den Namen des Meisters Friedolin schon lange;
+der sei unter den Puppenspielern im Lande weit und
+breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue
+Puppen gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen,
+daß diese noch viel, viel besser gewesen seien
+als früher. Da habe er gedacht, er sollte doch einmal
+diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und
+weil er jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er
+gestern im Waldhäuschen vorgesprochen. Alle darin
+seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen habe
+ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und
+verlorenen Kasperle erzählt. Der liefe nun in fremden
+Hosen und fremder Jacke in der weiten Welt herum,
+und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu
+suchen und dem Meister zurückzubringen, denn dahin
+gehöre er.
+
+</p><p>&bdquo;Ist recht,&ldquo; schrie der Bauer Strohkopf. &bdquo;Sucht
+ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin
+manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab&rsquo; ich in
+meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen
+Kauz!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!&ldquo; sagte
+der Puppenspieler. &bdquo;Der versteht das Kaspern schon!&ldquo;
+
+</p><p>Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel
+und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig
+war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten
+sie doch beide: &bdquo;Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem
+Kasperlemann.&ldquo;
+<!-- page 051 -->
+
+</p><p>Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater
+einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren
+Buben an: &bdquo;Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und
+gehst in die Schule.&ldquo;
+
+</p><p>Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein
+Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die
+beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen
+zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen.
+Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: &bdquo;Ich geb&rsquo;
+&rsquo;n Taler fürs Finden.&ldquo; Dem tat es doch bitter leid,
+daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6"><span style="font-size:small">Sechstes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle im Schloß
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das
+Land. Der lustige Sitz gefiel ihm gut, und je schneller
+es ging, desto froher wurde er. Da konnte ihn Meister
+Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht
+Damian. Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er
+nämlich arg viel Angst. Wenn Leute dem Wagen begegneten,
+dann nickte und winkte Kasperle, und die
+Leute nickten und winkten wieder, und der Herr Graf,
+der im Wagen saß, nickte auch freundlich, und er wunderte
+sich, daß die Leute immer so lachten. Kinder
+liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil
+<!-- page 052 -->
+der lustige kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar
+so gut gefiel.
+
+</p><p>Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die
+Fahrt. Einmal fuhr der Wagen auch durch den Wald.
+Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. Kasperle
+sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte
+an das Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so
+schnell ihm der Gedanke kam, so schnell lief er ihm
+auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen,
+mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die
+Schritte. Der da kam, war ein sehr würdiger gelehrter
+Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den einsamen
+Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch
+nachzudenken. Als er den Wagen kommen sah, blieb
+er stehen, und weil er ein höflicher Herr war, grüßte
+er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich
+und beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen
+heraus. Und da sah er, wie der gelehrte Herr zurückwich
+und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein
+Gespenst.
+
+</p><p>Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich
+ungemein, Kasperle aber zappelte vor Vergnügen auf
+seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem würdigen
+Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu
+sein Räubergesicht gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.
+
+</p><p>Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile
+ganz verdattert dem Wagen nach. Er dachte: Dies
+<!-- page 053 -->
+war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn
+dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu
+setzen! Unerhört so etwas!
+
+</p><p>Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und
+über dem stieg auf mäßiger Anhöhe ein helles Schloß
+empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig
+im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im
+Sonnenschein. Im Schloß war morgen Hochzeit; zu der
+fuhr der Graf. Es war schon mancher schöne Wagen
+an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder
+harrten darum alle an der Straße; sie waren
+neugierig, wer noch angefahren käme. Als der Wagen
+des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es plötzlich
+ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend
+und jauchzend stürmten alle Kinder hinterdrein. Die
+Pferde wurden fast scheu bei dem Gebrüll, und der
+Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf.
+Das war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der
+Diener ärgerten sich, aber alle drei merkten doch nichts
+von Kasperle, der hinten aufsaß.
+
+</p><p>Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem
+Schlosse immer näher und näher kamen: Vor einem
+Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst
+die Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen
+konnten, dann zuletzt trieb er sie an. Sie fuhren
+im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten sie.
+
+</p><p>An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht.
+Der hatte gemeint, das Gefahre ginge so weiter, und
+<!-- page 054 -->
+bei dem jähen Ruck verlor er darum das Gleichgewicht
+und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.
+
+</p><p>Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des
+Schloßherrn, in einem rosenfarbenen Kleid. Die hatte
+dem Grafen von Singerlingen einen schönen Willkomm
+sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: &bdquo;Da fällt
+ein Junge vom Wagen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet
+hineingefallen. Da blieb er drin liegen, steif und starr,
+und rührte sich nicht. Der Graf von Singerlingen aber
+rief erstaunt: &bdquo;Wo ist denn der hergekommen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Vom Wagen ist er gefallen,&ldquo; sagte das kleine
+Rosenmädchen. &bdquo;Ach, und nun ist er tot!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens
+schon,&ldquo; brummelte der alte Diener des Grafen. &bdquo;Darum
+haben die Leute auch so über uns gelacht. Und tot ist
+er sicher nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst,
+und als ihn zwei Diener aufhoben, machte er ein so
+schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn herum
+lachten.
+
+</p><p>Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau,
+die Gäste, alle kamen und staunten das dumme, dumme
+Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber betrachtete
+ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu:
+&bdquo;Komisch, sehr komisch!&ldquo;
+
+</p><p>Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen.
+Kasperle kniff die Augen zusammen, machte ein sehr
+<!-- page 055 -->
+betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem dicken
+Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei
+und in die weite Welt hinaus wolle.
+
+</p><p>O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das
+Kasperle nicht geheuer vorkam. Er hätte auch gern
+seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen
+ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel
+das Kasperle ungemein. Er bat darum die Schloßfrau,
+sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner Heimfahrt.
+Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte
+sie freilich: Wo er schlafen soll, weiß ich nicht. Es
+waren so viele Gäste im Schloß, um die Hochzeit der
+ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde
+sollte auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war
+jeder Winkel besetzt, und in der ganzen Nachbarschaft
+hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte
+aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin
+führen, die würde schon für ihn sorgen.
+
+</p><p>Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der
+Diener. Er nahm Kasperle am Arm und führte ihn
+etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade
+Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah,
+die aus der Backstube gekommen waren.
+
+</p><p>Fein, hier gefällt&rsquo;s mir! dachte Kasperle und
+schnupperte vergnügt herum. Wie die Kuchen gut
+rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein
+Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: &bdquo;Fein!&ldquo;
+und nicht: &bdquo;Der gefällt mir,&ldquo; als sie Kasperle sah,
+<!-- page 056 -->
+sondern sie rief sehr geärgert: &bdquo;Was soll ich mit dem
+Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch
+nicht gesehen. Weg mit ihm, den kann ich hier nicht
+gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen Kartoffeln
+schälen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Mag ich nicht,&ldquo; rief Kasperle, aber da wurde
+Frau Emma gleich sehr böse, und sie befahl zornig:
+&bdquo;Er soll Kartoffeln schälen!&ldquo;
+
+</p><p>Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und
+zerrte ihn in einen Nebenraum hinein. Dort saßen drei
+junge Dirnen, zu denen sagte sie: &bdquo;Da ist einer, der
+soll euch helfen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der uns helfen?&ldquo; Die drei kicherten laut, und
+dann nahm eine eine riesenweite Küchenschürze, band
+die Kasperle um, die zweite reichte ihm eine Schüssel,
+die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle
+drei riefen: &bdquo;Nun hilf uns!&ldquo;
+
+</p><p>Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten!
+Potztausend, das ging! Schnippel schnappel,
+schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück Kartoffel,
+dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel
+zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze
+um die Beine, warf Schüssel und Messer auf die Erde
+und schrie: &bdquo;Ich hab&rsquo; Hunger!&ldquo;
+
+</p><p>Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei,
+um etwas für das Kasperle zu holen, die dritte aber
+streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und dann
+schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er
+<!-- page 057 -->
+Gesichter. So etwas hatten die drei Mägde noch nie
+gesehen.
+
+</p><p>Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe
+der Türe kam, lauschte sie ärgerlich. So ein Gelächter!
+Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei Mägde,
+lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem
+Küchentisch herum. Die Kartoffeln aber waren alle
+ungeschält. Frau Emma verstand keinen Spaß. Sie
+fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten
+erschrocken die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die
+Frau aus dem Raum. &bdquo;Geh, hilf Geschirr waschen!&ldquo;
+herrschte sie ihn an. &bdquo;Da hinein!&ldquo; Sie schob den
+Kleinen in einen großen Raum, in dem gewaschen und
+geputzt wurde.
+
+</p><p>Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und
+die machte gleich ein schiefes Gesicht, als sie den kleinen
+Helfer sah. &bdquo;So einen Dreikäsehoch kann ich nicht
+brauchen,&ldquo; schrie sie. &bdquo;Raus mit ihm, raus! Der schlägt
+mir nur alles kaputt.&ldquo;
+
+</p><p>Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie
+es doch erst mit mir! Und er wollte zeigen, wie geschickt
+er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch,
+von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann
+wollte er von einem Gestell einen Teller nehmen, um
+ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft gesehen, wie
+Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine:
+&bdquo;Halt, halt, vergreif&rsquo; dich nicht dadran! Die Teller &mdash;&ldquo;
+Klirr, da sausten sämtliche Teller von oben herab, noch
+<!-- page 058 -->
+ehe Liesetrine mit ihrer Warnung fertig war. Heisa,
+gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: &bdquo;Die allerbesten
+Teller sind es, die allerbesten!&ldquo; Ein paar Mägde
+schnatterten durcheinander, und da tat sich auch noch
+die Türe auf, und ein Diener streckte den Kopf herein
+und fing an über den Lärm zu schelten. Von der andern
+Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen
+und schalt auch.
+
+</p><p>In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich.
+Husch, war er draußen! Er drückte sich an der
+Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen
+Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle
+sah, daß vier Türen auf den Gang mündeten. Jede
+hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte gerade,
+auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend,
+war das fein, was er da erblickte! Er sah in
+die Speisekammern des Schlosses hinein, in denen die
+leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das
+Wasser im Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie
+hungrig er war. Er klinkte an einer Türe, an der
+andern, an der dritten, &mdash; sie waren alle verschlossen;
+die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der
+Eile dieses Tages nicht zugeschlossen. Und gerade in
+dieser Kammer standen die süßen Speisen: Fruchtschalen,
+Kuchen und Torten.
+
+</p><p>Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu
+schlecken und zu lecken. Wie das schmeckte! Viel, viel
+besser, dachte er, als das Käsebrot beim Bauer Strohkopf.
+<!-- page 059 -->
+In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne.
+Kasperle wußte erst nicht, was dieser weiße
+Schaum war, und weil er im Waldhäuschen einmal
+neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es
+könnte wohl etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie
+er war, steckte er doch sein Fingerlein hinein und versuchte.
+Das war fein. Er schleckte den Finger ab,
+tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und
+weil der Kübel etwas hoch stand, kletterte er schließlich
+auf den Rand, um besser lecken zu können.
+
+</p><p>Da sagte auf einmal draußen jemand: &bdquo;Was ist
+denn das? Hier steht ja eine Türe auf!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in
+eine Ecke flüchten, doch dabei verlor er das Gleichgewicht,
+und gerade als Frau Emma in die Speisekammer
+trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne
+hinein. Die spritzte hoch auf, und Frau Emma, die
+nur etwas zappeln und krabbeln sah, hielt Kasperle
+für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer
+und rief um Hilfe.
+
+</p><p>Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem
+Kübel heraus, als er hineingekommen war, und er
+wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma
+sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding
+keine Katze sein konnte; sie wollte ihn greifen, aber
+Kasperle, der von oben bis unten voll Schlagsahne war,
+entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen
+kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler;
+<!-- page 060 -->
+hinter den rutschte er. Von da aus hörte er Frau
+Emma klagen, Mägde und Diener schelten, und plötzlich
+riefen alle: &bdquo;Es fahren wieder Gäste vor.&ldquo;
+
+</p><p>Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus
+seinem Versteck heraus. Satt war er, nun hätte er
+gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu fragen,
+wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte.
+Beim Umschauen entdeckte er eine schmale Treppe, die
+nach oben führte. Ei, vielleicht war es dort stiller, und
+er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet
+er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen.
+Der kleine Schelm schlich etwas an der Wand entlang,
+so recht gemütlich war es ihm nicht. Der schmale Flur
+lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an
+Tür; alle waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen,
+ganz prächtig sah es aus. Eine dieser Türen
+stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle
+konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch.
+Das war aber ein feines Zimmer, in das er blickte!
+Selbst die Wände waren mit Seide bekleidet, und
+an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett.
+Kein Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte
+Kasperle arg. In dem mußte es sich doch sicherlich
+gut schlafen.
+
+</p><p>Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei,
+drei war er in dem schönen Bett. Das war ganz von
+Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin herum.
+Ei, da lag sich&rsquo;s besser als in Bauer Strohkopfs
+<!-- page 061 -->
+Kammer! Doch freilich, in Protzendorf hatte ihn bis
+zum Morgen niemand gestört, aber hier! &mdash; Kasperle
+richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen
+draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war
+er aus dem Bette heraus, strich es schnell ein wenig
+glatt und kroch dann flink darunter.
+
+</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich
+darauf tat sich die Türe auf, und ein älterer Herr,
+gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die redeten
+miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand,
+und dann trat der Herr an das Bett heran und sagte
+seufzend: &bdquo;Ich bin heute sehr müde; ich wollte, der
+Tag wäre erst zu Ende!&ldquo; Bei diesen Worten strich er
+etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte,
+daß diese nicht so ganz gerade lagen. &bdquo;Was ist denn
+das?&ldquo; rief er auf einmal erstaunt. Der Herzog, denn
+das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück.
+Er betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über
+das Bett und rief dann entrüstet: &bdquo;Friedrich, in &mdash;
+meinem Bett ist &mdash; Schlagsahne!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Schlaaagsahne!&ldquo; Friedrich riß den Mund vor
+Erstaunen weit auf und kam eilfertig herbei. Er strich
+auch über das Bett, leckte ein bißchen am Finger und
+rief verdutzt: &bdquo;Schlagsahne!&ldquo; Und dann lief er zur
+Klingel, läutete heftig, und es dauerte nur ein paar
+Augenblicke, da kam ein Kammerdiener daher. Der
+verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der
+Herzog wünsche.
+<!-- page 062 -->
+
+</p><p>Da deutete dieser auf das Bett und sagte: &bdquo;Was
+ist das? Drüberstreichen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett,
+wich dann erschrocken zurück und strich noch einmal darüber,
+leckte auch ein wenig am Finger und rief ebenfalls:
+&bdquo;Schlaaagsahne!&ldquo; Und dann rannte er, holte den Haushofmeister
+herbei, der Graf kam selbst, und alle standen
+sie um das Bett herum und riefen: &bdquo;Schlagsahne!&ldquo;
+
+</p><p>Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt
+war er über die seltsame Geschichte. Und bei
+diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in den großen
+Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin
+sah er das ganze Bett und &mdash; der Herzog schrie plötzlich
+laut auf und sank in einen Stuhl. &bdquo;Da, da, da!&ldquo;
+rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf
+den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt,
+der neugierig seine große Nase etwas weit vorgestreckt
+hatte.
+
+</p><p>&bdquo;Es steckt jemand unter dem Bett,&ldquo; rief der Haushofmeister
+zuerst. Da krochen auch schon zwei Diener
+hinunter, und das Kasperle konnte sich noch so klein
+machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen
+es beide hervor, und beide riefen entrüstet: &bdquo;Er klebt
+ganz und gar, er ist auch voller Schlagsahne.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ah!&ldquo; sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle
+vor ihm stand. Nach der Nase hatte er nämlich gedacht,
+ein großer, ausgewachsener Räuber stecke unter
+dem Bett.
+<!-- page 063 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ah!&ldquo; rief auch der Graf zornig. &bdquo;Das ist der,
+den mein Herr Vetter von Singerlingen mitgebracht
+hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten gemacht
+hat. Haue muß er kriegen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Jawohl und eingesperrt werden!&ldquo; sagte der Haushofmeister,
+und der Herzog nickte dazu. Nur weil er
+gerade sehr müde war, flüsterte er: &bdquo;Aber erst morgen
+hauen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er
+in den Keller gesperrt,&ldquo; rief der Graf streng.
+
+</p><p>Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg
+schlimm. Es war wohl am besten, er bettelte gleich
+recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh ihm der
+Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war,
+da gelang es ihm, einen Augenblick den Händen der
+Diener zu entwischen. Er tat einen Riesensprung auf
+den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme:
+&bdquo;Bitte, bitte, bitte!&ldquo;
+
+</p><p>Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr.
+Er lehnte sich ängstlich weit, weit in seinen Stuhl zurück,
+und auf einmal purzelten Stuhl und Herzog
+hintenüber.
+
+</p><p>&bdquo;Um Himmels willen!&ldquo; Der Graf, der Haushofmeister,
+die Diener, alle griffen erschrocken zu, und da
+schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen Purzelbaum
+über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog
+dem einen Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an
+den Kopf, daß er zurückwich. Aber dann lief er doch
+<!-- page 064 -->
+auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie laut:
+&bdquo;Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!&ldquo;
+
+</p><p>Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen
+kamen? Von dem Kasperle war keine Spur zu sehen.
+Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war
+spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur
+rannte kein Kasperle dahin, die Türen waren alle verschlossen,
+er hatte also auch in kein Zimmer schlüpfen
+können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener
+rannten die Flure entlang, die Treppen auf und ab,
+das ganze Schloß geriet in Aufregung, alle fingen an
+zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was sie
+suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen
+Leibarzt, weil er dachte, der Herr Herzog hätte sich
+vielerlei gebrochen, aber der hatte sich glücklicherweise
+gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine
+gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich,
+als wäre er selbst entzweigegangen. Es war eine
+schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. Schließlich
+aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen,
+er habe Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank!
+Sie hatten nämlich alle Hunger, denn es war schon
+spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht
+gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.
+
+</p><p>Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die
+er hatte, sollten überall suchen und sollten Kasperle
+gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann
+<!-- page 065 -->
+wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut,
+und alle wurden wieder ganz vergnügt. Sie sagten
+aber doch alle, mit dem fremden Jungen, das sei sicher
+nicht mit rechten Dingen zugegangen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-7"><span style="font-size:small">Siebentes Kapitel</span> <br /><br />Rosemarie
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>ings um das Schloß wachten die Wächter, die
+großen Hunde umliefen es, Kasperle fanden sie aber
+doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war
+er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das
+ganze Schloß, sie schauten sogar in verschlossene Kisten
+und Schränke hinein, &mdash; der unnütze Schelm war nicht
+zu finden.
+
+</p><p>Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle
+steckte, Rosemarie. Die hatte am Fenster gestanden,
+als von unten herauf ein lautes Lärmen erklungen war.
+Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt,
+der wie eine reife Pflaume am Baum in dem
+Geäst des uralten Efeus hing, der die Schloßmauer
+bedeckte. &bdquo;Der fremde Junge!&ldquo; Rosemarie hatte es
+verwundert gerufen, und da purzelte Kasperle auch
+schon in ihr Zimmer, denn weiter konnte der nicht
+klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon
+ganz außer Atem.
+<!-- page 066 -->
+
+</p><p>Unten war das Rufen lauter und lauter geworden,
+und Kasperle war auf einmal zu Rosemaries größter
+Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort
+her jammerte er kläglich: &bdquo;Sie hängen mich auf!&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen
+Schelm gehabt, sie hatte ihn vorgelockt und ihn in ihrer
+großen Puppenstube versteckt. Das war ein kleines
+Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet
+war. In das Bett der größten Puppe ging
+Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen zusammenkrümmen
+mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie
+sagte: &bdquo;Das schadet nichts, hier findet dich niemand.&ldquo;
+
+</p><p>Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den
+Gedanken gekommen, in Rosemaries Puppenstube nachzusehen.
+Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die ganze Zeit
+mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der
+Stube gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß
+sie sorgsam die Vorhänge am Puppenbett, und das
+Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von himmelblauen
+Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war
+fein und weich, nur für so einen kleinen strampeligen,
+unnützen Kasper zu zart und fein.
+
+</p><p>Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen
+war. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte in
+der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber doch
+große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er
+still liegen.
+<!-- page 067 -->
+
+</p><p>Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den
+Gästen gute Nacht sagen müssen und sollte nun selbst
+bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn
+morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar
+mitfeiern. Leise zog sie den Vorhang auseinander, begierig,
+ob der fremde Kasper wohl schlief.
+
+</p><p>Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und
+murmelte: &bdquo;Ich kann in dem Bett nicht liegen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du mußt aber drin bleiben,&ldquo; flüsterte Rosemarie
+ängstlich. &bdquo;Ach, Kasper,&ldquo; klagte sie, &bdquo;was hast du angerichtet!
+Der Herzog ist bitterböse, und es sind schon
+dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß
+bewachen, damit niemand hinaus kann. Und morgen
+früh soll noch einmal alles, alles abgesucht werden.
+Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn
+sie dich finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Brrrr!&ldquo; Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch
+nicht in die weite Welt gelaufen, um eingesteckt zu
+werden. &bdquo;Ich fliehe,&ldquo; brummte er.
+
+</p><p>&bdquo;Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die
+Landjäger.&ldquo; Rosemarie seufzte bekümmert. Auf einmal
+aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. &bdquo;Ich weiß was,&ldquo;
+sagte sie. &bdquo;Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich
+neben dem Turm geht es hinaus, und vielleicht ist
+gerade da kein Landjäger. Komm, jetzt sitzen alle beim
+Essen, da zeige ich dir flink den Weg.&ldquo; Sie packte
+fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte
+essen sollen, und steckte es Kasperle zu, und dann lief
+<!-- page 068 -->
+sie ganz, ganz leise voran. Kasperle folgte ihr, die
+Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale,
+schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang
+und öffnete am Ende eine Türe, und beide betraten
+ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der Mitte,
+Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles
+sehen konnte. Aus dem runden Zimmer führte ein
+schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie belehrte
+Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten
+aufriegeln, dann sei er am Parkende und komme vielleicht
+hinaus. Wie sie das sagte, erfaßte sie ein tiefes
+Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand,
+er hätte doch gar nichts Schlimmes getan. &bdquo;Du armer
+Kasper!&ldquo; flüsterte sie, und über ihr liebliches Gesicht
+liefen helle Tränen.
+
+</p><p>In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst
+sehr, sehr arm und verlassen vor, und er fing an ganz
+erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt ihm rasch mit
+beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte
+eine Stimme, die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte.
+Er schwieg dann aber auch gleich und sah
+Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: &bdquo;Nun
+muß ich gehen,&ldquo; da purzelten dem Kasperle wieder die
+Tränen wie ein Bächlein aus den Augen. Er war
+jedoch still, versprach auch, er wolle fein brav alles
+befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann
+hielt er ein Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes
+fest.
+<!-- page 069 -->
+
+</p><p>Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in
+dem schönen Schloß und wäre Rosemaries Spielkamerad
+geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und schielte
+Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: &bdquo;Weißt
+du, wie du aussiehst? Wie &mdash; wie meine Kasperlepuppe.&ldquo;
+Und ganz jäh begann sie sich ein wenig vor dem fremden
+häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte rasch: &bdquo;Ich
+muß gehen.&ldquo; Sie nickte Kasperle noch einmal zu und
+glitt dann leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie
+zuschließen, dann war er allein.
+
+</p><p>Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte
+bitterlich und vergaß darüber Rosemaries gute Lehren.
+Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen und unten die
+Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das
+Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen,
+das klirrte und knarrte arg, und dann streckte Kasperle
+den Kopf hinaus und sah sich um. Ach, war das eine
+schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die
+Höhe und schaute nach rechts und nach links, und dann
+schaute er auch hinab.
+
+</p><p>&bdquo;Wauwau, wuwuwu!&ldquo; ging es plötzlich unten los;
+ein großer Hund stand da und bellte zu Kasperle hinauf.
+&bdquo;Wauwau, wuwuwu!&ldquo; Ganz drohend klang seine
+Stimme.
+
+</p><p>Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch
+so schnell ging das nicht, das Fensterchen war eng und
+Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder drin war,
+tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf.
+<!-- page 070 -->
+
+</p><p>Gab das ein Hallo! &bdquo;Er steckt im Turm!&ldquo; schrie
+der Mann. Und dann drohte er hinauf: &bdquo;Nu, warte
+du, dich fange ich!&ldquo; Er maß schnell das kleine Fenster
+mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge
+nicht hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein
+unten keinen Schlüssel hatte und auch wußte, daß dies
+immer verschlossen war, lief er eilig in das Schloß hinein,
+seinem Hund aber rief er zu: &bdquo;Sultan, paß auf!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich
+einen Augenblick, was zu tun sei. Dann nahm er flink
+Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte blitzschnell das
+Treppchen hinab und schloß unten auf. &bdquo;Wauwauwau!&ldquo;
+bellte ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht
+faul, warf dem Hund geschwinde den Kuchen in den
+Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So
+ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er
+schleckte und schluckte, und da hatte Kasperle auch schon
+die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und quietschte,
+da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan
+seinen Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine
+Wächterpflicht. Doch Kasperle war flinker draußen als
+er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase zu, und
+draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg
+hinab in einen kleinen Bach hinein. Das Wasser
+spritzte hoch auf, dem Bächlein gefiel dies Hineingeplumse
+gar nicht.
+
+</p><p>Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und
+lauter. Jetzt bellte nicht Sultan allein, auch die andern
+<!-- page 071 -->
+Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden laut, Rufe
+ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern.
+Er rannte in seiner Furcht eine Weile in dem Bach
+weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da schlüpfte er hinein.
+Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese
+liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte
+er sich vielleicht verstecken. Aber statt über die Wiese
+zu laufen, fing Kasperle an Purzelbaum zu schlagen.
+Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg
+hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte
+in seinen dunklen Schatten unter.
+
+</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem
+Schloß hatten sie den Turm leer gefunden, und die
+Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten
+der Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm,
+daß Kasperle gesehen worden war, verlangte er,
+man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer bitterböse
+auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde,
+versprach er eine hohe Belohnung.
+
+</p><p>Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle
+zu suchen. Man fand auch bald, wo er ausgerissen war,
+denn Sultan stand und bellte die kleine Mauerpforte
+immerzu wütend an. &bdquo;Den haben wir bald,&ldquo; sagte der
+Landjäger, &bdquo;Sultan findet ihn schon.&ldquo;
+
+</p><p>Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich
+am Bach still, schnupperte und schnupperte, aber das
+Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo war
+das Kasperle?
+<!-- page 072 -->
+
+</p><p>Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte
+im Schloß umher, um das Schloß herum, Kasperle
+fanden sie nicht. &bdquo;Er ist noch im Schloß,&ldquo; sagten die
+einen, &bdquo;nein, er ist entwischt,&ldquo; behaupteten die Landjäger;
+&bdquo;man muß im Walde suchen.&ldquo; Die Mägde
+meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; aber
+die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht
+so viel Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern
+nach, sie dachte, Kasperle hätte sich gewiß
+darin versteckt.
+
+</p><p>Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg
+empor, der steil in die Höhe stieg. Der Wald war
+hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon darin
+verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den
+Hunden hatte Kasperle doch eine jämmerliche Angst.
+Darum rannte er, so schnell er konnte. Und das war
+nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch
+einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen
+sehr. Kasperles Nase war zuletzt ganz zerschunden,
+so oft hatte er sich daran gestoßen. Und je
+höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg.
+Steingeröll bedeckte den Boden, und ein Menschenbube
+wäre wohl nicht so schnell in die Höhe gelangt. Aber
+Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal
+vor ihm eine grüne Bergwiese lag.
+
+</p><p>Es war Abend geworden, und am dunkelblauen
+Himmel stand schon ganz blaß und fein der Mond.
+Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar
+<!-- page 073 -->
+nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff
+die Augen zu, und da schlief er auch schon. Und die
+großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem armen, verirrten
+kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen,
+zum Himmel empor, haben gütige, fromme Gedanken,
+sie haben Mitleid mit den Kleinen, die sich quälen
+müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so
+müde und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid.
+Sie rauschten ihm ein schönes, feierliches Schlummerlied,
+erzählten ihm Geschichten, und Kasperle schlief auf
+dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen
+Bett. Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald
+die Hunde bellten und die Landjäger mit Hussageschrei
+den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg keiner
+hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich,
+daß niemand dachte, Kasperle könnte denselben gegangen
+sein.
+
+</p><p>Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die
+Landjäger schon in das Schloß zurück, und sie sagten
+nun auch: &bdquo;Der hat sich im Schloß versteckt.&ldquo; Und sie
+bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin
+hütete ihre Speisekammer. Und doch fehlte darin am
+nächsten Tag ein großes Stück Torte. Sie sagte: &bdquo;Das
+war der Junge,&ldquo; und die Mägde sagten es auch. Berta
+und Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich
+heimlich den Mund ab, sie hatten nämlich die Torte
+gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der fremde
+Junge sei es gewesen.
+<!-- page 074 -->
+
+</p><p>Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar
+erschrocken war, am Tag nach der Hochzeit krank.
+Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen gegessen, wer
+kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: &bdquo;Schafft
+mir nur den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen
+kann! Der Herzog soll sich doch in meinem Schlosse
+nicht krank ärgern.&ldquo;
+
+</p><p>Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter
+schwer. Die hätte gern ihren Eltern alles gestanden,
+aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog
+könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie
+wußte doch, sie konnte nicht einmal sagen: &bdquo;Es tut mir
+leid.&ldquo; Dazu freute sie sich viel zu sehr über Kasperles
+Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen
+und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann
+sich recht um sie zu sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie
+krank, es war gar nicht gemütlich im Schloß in
+diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte:
+Das muß ein bißchen lustiger werden, ich muß mir
+etwas Vergnügliches ausdenken. Und als er hörte, unten
+in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges
+lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte
+er hinab, der Puppenmann möchte heraufkommen.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe eine Überraschung,&ldquo; sagte der Graf von
+Singerlingen bei Tisch. Und dann erzählte er von dem
+Puppenspieler.
+
+</p><p>Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß,
+mußte lachen. &bdquo;Das ist freilich eine schnurrige Überraschung
+<!-- page 075 -->
+für große Leute,&ldquo; sagte er. &bdquo;Doch der Mann
+mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.&ldquo;
+
+</p><p>So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im
+Schloß. Der Kasperlemann aus dem Städtchen kam
+herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann
+streckte Kasperle seine große Nase heraus und &mdash; ja,
+was er sagen wollte, das hörten die Zuschauer gar
+nicht, alle riefen: &bdquo;Der fremde Junge! Genau so sah
+er aus.&ldquo;
+
+</p><p>Kasper ist&rsquo;s! dachte auch Rosemarie erschrocken, und
+ganz jäh begann sie bitterlich zu weinen. Sie schluchzte
+so herzbrechend, daß der Kasperlemann seine Reden
+und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde
+nach Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine
+alles, und sie war froh, es sagen zu können, zu sehr
+hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt.
+
+</p><p>&bdquo;O Rosemarie,&ldquo; rief die Gräfin ganz erschrocken,
+&bdquo;warum hast du geholfen und den schlimmen Jungen
+ausreißen lassen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Mit Verlaub,&ldquo; redete da der Kasperlemann hinter
+seiner Bühne hervor, &bdquo;das ist gar kein Junge, das ist
+ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter noch einmal!&ldquo; Der Herzog sah den
+Kasperlemann ganz grimmig an und rief: &bdquo;Was redet
+Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas
+habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und
+verbeugte sich immerzu ganz tief. Er stippte mit der
+<!-- page 076 -->
+Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog endlich
+rief: &bdquo;Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit
+dem Kasperle für eine Geschichte ist.&ldquo;
+
+</p><p>Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und
+von Protzendorf und daß er Kasperle fangen wolle,
+und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte.
+
+</p><p>War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog
+ließ sie sich dreimal erzählen, und dann mußte der
+Puppenspieler auch noch heilig versichern, alles sei bestimmt
+wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge
+gewesen.
+
+</p><p>Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm
+sich vor ihm gefürchtet hatte, und daß sie sich jetzt nicht
+mehr fürchten würde; er war ja nur ein Kasperle. Und
+ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt
+den Herzog sagen hörte: &bdquo;Der muß gefangen werden!
+So einen seltsamen Kauz will ich besitzen. Wer ihn
+fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem
+Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig
+werden; der muß mir das Kasperle überlassen. Schnell,
+schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden ausreiten,
+und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle
+will ich haben.&ldquo;
+
+</p><p>Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister
+Friedolin versprochen hatte, er, nur er allein solle
+Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung verlockte
+ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu
+bringen, wenn &mdash; er es erst hätte.
+<!-- page 077 -->
+
+</p><p>Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen
+goldenen Käfig stecken, er dürfe ihm nicht mehr ausreißen,
+&mdash; wenn er ihn erst hätte. Und die Landjäger
+sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer
+dem andern: &bdquo;Wer das richtige Kasperle findet, der
+bekommt viel, viel Geld.&ldquo; Manche Leute rannten da
+gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu
+suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten
+auf der Landstraße und lasse sich fangen wie ein
+Schmetterling.
+
+</p><p>Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und
+weinte bitterlich. Als ihre Mutter noch einmal zu ihr
+kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von den
+vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie
+leid ihr das arme verfolgte Kasperle tue, das in einen
+Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter tröstete linde,
+noch sei Kasperle ja nicht gefangen. &bdquo;Vielleicht findet
+er noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist
+seine beste Heimat,&ldquo; sagte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,&ldquo; flüsterte
+Rosemarie und faltete fromm ihre Hände. Und dann
+schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in einem
+goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang,
+und plötzlich war um den Käfig herum der grüne Wald,
+und Kasperle spazierte vergnügt hinein. Er nickte ihr
+noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf
+einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger
+und viele, viele Leute, und alle riefen: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+<!-- page 078 -->
+Da fing die kleine Rosemarie an zu lachen, sie lachte
+und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen
+Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich
+nicht gefangen, dachte sie getröstet.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-8"><span style="font-size:small">Achtes Kapitel</span> <br /><br />Ein neues Heimathaus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>uf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief.
+Der kleine Schelm hörte kein Hundegebell, kein Hussageschrei,
+nichts; in die einsame Höhe drang kein Laut
+von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte,
+da lag die ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine,
+zarte, bunte Blüten waren aufgeblüht. Wie ein grünseidenes
+Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, breitete sich
+die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend
+die Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis
+umschloß der hohe Tannenwald die Wiese, und
+über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. Darüber
+glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen
+und Schwirren erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen
+und bunte Falter flogen von Blüte zu Blüte, und hoch
+in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch
+das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor
+dem König der Vögel gefürchtet. Kasperle schaute und
+schaute, er vergaß darüber seine Not, bis auf einmal
+<!-- page 079 -->
+sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: &bdquo;Frühstückszeit
+ist lang vorbei!&ldquo;
+
+</p><p>Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr
+in seine Taschen, die waren leer, und es half ihm nichts,
+daß er an die gefüllten Speisekammern im Schloß dachte,
+und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und
+Beeren, mit denen er wenigstens ein kleines Loch im
+Magen hätte ausfüllen können, gab es auch nicht. Vom
+Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.
+
+</p><p>Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern.
+Über die Berge hinüber, dachte er; bis dahin würden
+sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. Wie
+hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann
+tapfer zu laufen, überquerte die schöne Blumenwiese,
+und dann ging das Klettern los. Wohl eine Stunde
+mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad
+sah, der am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich
+anzusehen, daß er nicht oft begangen wurde; ein Weg
+führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle rannte,
+so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger
+war inzwischen riesengroß geworden, und auf einmal
+meinte er, er könne nicht weiter; er setzte sich auf einen
+Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger
+zu weinen.
+
+</p><p>Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll
+an, wurde stärker und stärker, und das Kasperle dachte:
+So klang es doch immer Sonntags im Waldhaus,
+wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da
+<!-- page 080 -->
+mußte eine Kirche in der Nähe sein! Und wo eine
+Kirche war, wohnten Menschen. Da rannte Kasperle
+auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit
+zu gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon
+tiefer unten ein Dorf liegen. Um ein große, weiße
+Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und behaglich
+sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig
+ein feines Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da
+merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und die Glocke
+läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle
+wäre am liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um
+da unten mitzuschmausen. Er blieb aber doch still auf
+dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter die
+Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche
+Hunger gewesen wäre! Kasperle bog sich ganz zusammen,
+so hungrig war er, und weinend sah er auf
+das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut!
+Die waren nicht so mutterseelenallein und verlassen wie
+das arme Kasperle!
+
+</p><p>Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann
+zu den hohen Bergen empor. Es war dies Herr Habermus,
+der Schullehrer. Der wollte auf der schönen
+Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war,
+Blumen suchen. Dort wuchsen seltene Heilkräuter, und
+Herr Habermus war ein kräuterkundiger Mann. In
+das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte,
+kamen wenig Menschen, und wenn Krankheit herrschte,
+war es mühsam und beschwerlich, einen Arzt herbeizuholen.
+<!-- page 081 -->
+Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem
+Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein,
+so gut es ging. An diesem schönen, hellen Tag
+nun gedachte Herr Habermus seine grüne Botanisierbüchse
+voll Kräuter zu füllen und fand dafür das
+weinende Kasperle. &bdquo;Jemine,&ldquo; schrie er, als er den
+Kleinen erblickte, &bdquo;was ist denn das?&ldquo; Er dachte wirklich,
+es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich
+er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das
+Kasperle kam ihm doch zu sonderbar vor, auch war
+dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst Fremde
+daherkamen. &bdquo;Heda!&ldquo; rief er und packte das weinende
+Kasperle. &bdquo;Wo kommst du denn her? Wo willst du
+hin? Warum weinst du denn?&ldquo;
+
+</p><p>Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel.
+Kasperle sagte schluchzend wieder sein Sprüchlein her,
+er sei ein armes verlassenes Waisenbüble und wolle
+in die weite Welt gehen.
+
+</p><p>Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz,
+dem tat Kasperle gleich ungemein leid. &bdquo;Nun, nun,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;da mußt du nicht so schrecklich weinen; in
+der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein
+Büble sein!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich hab&rsquo; doch Hunger!&ldquo; schrie Kasperle so laut
+und kläglich, daß Herr Habermus gleich ganz erschrocken
+seine grüne Büchse um und umdrehte. Die hatte ihm
+seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen
+wohl gefüllt, und der Schullehrer drückte Kasperle
+<!-- page 082 -->
+Brot und Kuchen in die Hände und wollte gerade ermahnen:
+&bdquo;Iß!&ldquo; da &mdash; schrippschrapp! hatte Kasperle
+schon beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck,
+schluck, hinunter war es!
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter,&ldquo; schrie Herr Habermus, &bdquo;du kannst
+das Essen gut!&ldquo; Er füllte wieder Kasperles Hände,
+und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles hinab.
+Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert.
+Aber es reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der
+Schullehrer sagte: &bdquo;Nun erzähl&rsquo; mir mal, wo du eigentlich
+herkommst.&ldquo;
+
+</p><p>Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte
+verlegen von Protzendorf, er klagte Damian und Florian
+bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der
+kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt
+gewesen. &bdquo;Bist du denn auch ordentlich dabei in die
+Schule gegangen?&ldquo; fragte er mitleidig.
+
+</p><p>&bdquo;In die Schule?&ldquo; Kasperle riß seinen Mund vor
+Erstaunen noch weiter auf als zuvor aus Hunger.
+Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen
+sollte, daran hatte er nie gedacht. &bdquo;Nä!&ldquo; rief er und
+schüttelte immerzu den Kopf. &bdquo;In die Schule, &mdash; nä!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule
+gegangen?&ldquo; fragte Herr Habermus ordentlich entsetzt.
+
+</p><p>&bdquo;Nä, nie!&ldquo; Das ganze Kasperle wackelte nun hin
+und her, und Herr Habermus schüttelte auch den Kopf;
+das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! Hier
+mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule
+<!-- page 083 -->
+gehen. Ei, das wäre noch etwas, ein Büble in der
+weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer an der
+Schule vorbei! &bdquo;Das geht nicht,&ldquo; rief er; &bdquo;mein Sohn,
+du mußt in die Schule gehen!&ldquo;
+
+</p><p>Hätte der gute Herr Habermus gerufen: &bdquo;Kasperle,
+ich muß dir die Ohren abschneiden,&ldquo; dann hätte es den
+nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus hatte
+Meister Friedolin manchmal gedroht: &bdquo;Na warte, ich
+schicke dich noch in die Schule!&ldquo; Und Windgustel und
+Wassergustel, seine Freunde in Protzendorf, hatten
+ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut.
+Und Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr
+als Herrn Habermus, der jetzt sagte: &bdquo;Ei, ein rechter
+Junge muß in die Schule gehen und muß sich darauf
+freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!&ldquo; Und
+dann legte Herr Habermus den Finger an die Nase;
+er dachte nach, wie dem Kasperle zu helfen sei. Und
+als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: &bdquo;Mein
+Sohn, ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben
+nur zwei Kinder, also ist Platz im Schulhause. Du
+kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim
+Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst
+du hinein. Du sollst etwas Ordentliches lernen. So,
+nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das Kräutersuchen
+lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen
+machen, wenn sie den Gast sieht, den ich mitbringe!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein
+Wirbelsturm rundum gedreht. Auf einmal sollte er,
+<!-- page 084 -->
+das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! Wie
+würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter
+dem Schullehrer her, der auf einem schmalen Zickzackweg
+ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide am Dorf
+an, und gleich am ersten Haus unter einer großen
+Tanne saßen etliche Buben und Mädel. Die staunten
+über den seltsamen Buben, der da mit hängendem Kopf
+hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie
+nach, um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies
+Angeschaue verdroß Kasperle, er drehte sich auf einmal
+blitzschnell um und machte sein Räuberhauptmanngesicht.
+
+</p><p>&bdquo;Huhuhu!&ldquo; Die Mädel kreischten laut, die Buben
+lachten, Herr Habermus aber drehte sich ärgerlich um.
+&bdquo;Was soll denn der Lärm?&ldquo; fragte er.
+
+</p><p>&bdquo;Der da macht so &rsquo;n komisches Gesicht!&ldquo; Lauter
+kleine Zeigefinger streckten sich aus und deuteten auf
+Kasperle.
+
+</p><p>Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse.
+&bdquo;Schämt euch!&ldquo; rief er. &bdquo;Was kann der arme Junge
+für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist&rsquo;s,
+dem es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm
+nur, Kasper, morgen in der Schule werden sie sich schon
+mit dir vertragen!&ldquo; Und Herr Habermus stapfte wieder
+voran und das Kasperle hinterher.
+
+</p><p>Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt
+sein allerdümmstes Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten
+laut vor Vergnügen, und der Schullehrer drehte sich
+<!-- page 085 -->
+wieder um. &bdquo;Aber Kinder,&ldquo; mahnte er strenge, &bdquo;was soll
+der Lärm!&ldquo;
+
+</p><p>Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger
+aus, und wieder ertönte es im Chor: &bdquo;Der da macht
+so &rsquo;n komisches Gesicht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasper!&ldquo; Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling
+fragend an, doch der sah so unschuldig drein, als
+könne er kein Wässerlein trüben. &bdquo;Dumm, dumm!&ldquo;
+brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das
+Schulhaus lag ganz am andern Ende des Dorfes. Trapp,
+trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar Gänse
+angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen
+sein Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei!
+Die Gänse wuselten erschrocken durcheinander,
+die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte sich
+wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle
+mit gesenktem Kopf ganz bescheiden hinter sich gehen,
+und er schalt auf Kinder und Gänse. &bdquo;Geht heim,&ldquo;
+gebot er den Kindern, &bdquo;laßt mir den Kasper in Frieden!&ldquo;
+Dann nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte
+ihn seinem Hause zu, denn so ganz traute er dem
+Schelm doch nicht.
+
+</p><p>Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als
+ihr Mann so bald schon und mit einem so sonderbaren
+Kerl zurückkehrte. &bdquo;Jemine,&ldquo; rief sie, &bdquo;was bringst du
+da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie &rsquo;n
+Kasperle aus &rsquo;ner Jahrmarktsbude!&ldquo;
+
+</p><p>Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte
+<!-- page 086 -->
+seiner lieben Frau, wie er Kasperle gefunden habe,
+und der Schlingel stand trübselig dabei und machte ein
+so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von
+heiterer Güte war, bitter leid tat. Sie nahm den
+Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn in das
+Haus hinein.
+
+</p><p>Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse
+Blicke bei Kasperles Anblick. Für das Geschrei sorgten
+Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und vierjährig
+und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten
+freilich bald wieder auf zu schreien, als Kasperle ein
+lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie jauchzten ihm vergnügt
+zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base
+Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse
+Gesicht machte. Wie eine Gewitterwolke sah sie drein.
+Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze Esser,
+und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. &bdquo;Wie ein
+Spatzenschreck sieht er aus,&ldquo; behauptete sie und sah
+den Kleinen scheel an.
+
+</p><p>Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch
+recht wenig. Er merkte gleich, an der hatte er keine
+gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn
+die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein
+Räubergesicht. &bdquo;Hach,&ldquo; kreischte die Base, &bdquo;wie sieht
+der Bengel aus! Man muß sich fürchten.&ldquo;
+
+</p><p>Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt
+hatte, daß just niemand anders sein Räubergesicht sah,
+und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll dreinblickte,
+<!-- page 087 -->
+schalt die Lehrerin: &bdquo;Aber Base, das Büble tat doch
+nichts! Sei nicht so ungut!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hach!&ldquo; Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck.
+&bdquo;Jetzt, jetzt hat er wieder so ausgeschaut,&ldquo; jammerte sie.
+&bdquo;O du meine Güte, mit dem gibt&rsquo;s noch ein Unglück!&ldquo;
+
+</p><p>Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich
+drein. Es fiel ihm ein, wie die Kinder gekreischt und
+gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf gegangen
+war, er sah auch in Kasperles Augen den
+Schalk glitzern und funkeln, da dachte er: Ich muß
+wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline mal
+wieder &bdquo;hach!&ldquo; und &bdquo;ach!&ldquo; schrie, sagte er streng: &bdquo;Nun
+ist&rsquo;s genug; Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute
+ausschlafen; morgen fängt die Schule wieder an, da
+muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht
+gemacht,&ldquo; fügte er drohend hinzu.
+
+</p><p>Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte
+Kasperle betrübt, als er sich im Bette ausstreckte. Ich
+doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach
+einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer
+ging. Die lag neben der seinen. Da stieg das Kasperle
+flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen Stock,
+der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an
+der Base Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun
+wollen und fiel vor Schreck mitsamt ihrer Haube kopfüber
+in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte und
+meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor
+ihrem Fenster. Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr
+<!-- page 088 -->
+Licht und rannte in Kasperles Kammer hinüber. Doch
+da lag das Kasperle im Federbett ganz still und friedlich
+und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base
+Mummeline schüttelte den Kopf. Das war doch wohl
+ein Gespenst gewesen und nicht der fremde Bube. &bdquo;Hm,
+hm!&ldquo; brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber
+drehte sie sich noch einmal um und &mdash; &bdquo;hach!&ldquo; kreischte
+die Base wieder und stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln.
+Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie rannte
+an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der
+Schullehrer und seine Frau kamen angerannt und fragten
+erschrocken, was der Lärm bedeuten solle. &bdquo;Da &mdash; da
+drin liegt ein Gespenst!&ldquo; jammerte die Base und zeigte
+nach Kasperles Kammer. &bdquo;Es ist ein Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Unsinn!&ldquo; Herr Habermus tat die Türe auf und
+sah hinein. Da lag Kasperle fromm und friedlich im
+Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. &bdquo;Was
+die Base nur hat!&ldquo; brummte Herr Habermus ärgerlich
+und schloß sachte Kasperles Kammertüre. Ach, dessen
+bitterböses Räubergesicht hatte eben nur die Base
+Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die
+halbe Nacht nicht vor Grausen über den unheimlichen
+kleinen Gast.
+<!-- page 089 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-9"><span style="font-size:small">Neuntes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle in der Schule
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male
+in die Schule. Er war sehr brav aufgestanden, hatte
+still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die Base
+Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so
+schlimm. Dann wanderte Kasperle an Herrn Habermus&rsquo;
+Hand hinüber in die Schulstube, und der Schullehrer
+sagte: &bdquo;Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.&ldquo;
+
+</p><p>Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus
+sah ganz verdutzt drein; so waren doch sonst seine Schulkinder
+nicht. Er sah die an, er sah Kasperle an; der
+stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben
+ihm. &bdquo;Aber stille doch!&ldquo; rief Herr Habermus. &bdquo;Kasper,
+sage nun einmal allen guten Tag.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Guten Tag!&ldquo; brüllte Kasperle sehr vernehmlich,
+und sofort erhob sich ein allgemeines jauchzendes Gelächter.
+Buben, Mädel, Kleine, Große, alle lachten
+sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche
+brummten wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören
+konnten sie. Und Kasperle lachte mit. Der riß seinen
+Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden
+bespannt hineinfahren.
+<!-- page 090 -->
+
+</p><p>Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte
+nicht recht, lachte Kasperle, weil die Kinder lachten,
+oder lachten die über Kasperle. &bdquo;Aber Kinder, Kinder!&ldquo;
+rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben
+Kinder immer über ein echtes Kasperle lachen müssen,
+sie mögen wollen oder nicht. Und Herrn Habermus
+erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und konnte
+nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende
+Kasperle ansah, dann zuckte es ihm um die Mundwinkel,
+er mußte immer fortsehen. &bdquo;Jetzt setze dich einmal,
+da gleich vornhin,&ldquo; sagte er endlich, und Kasperle ging
+gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das
+Lachen ab, denn nun konnten die Kinder alle Kasperle
+nicht von vorn sehen.
+
+</p><p>Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille
+ein, und die Schule konnte beginnen. Erst sangen die
+Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein andächtig zu;
+das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben
+und die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr
+Habermus trat zu Kasperle und zeigte dem, wie er
+schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink auf
+und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die
+linke Hand.
+
+</p><p>&bdquo;Linkshänder!&ldquo; schalt Herr Habermus, &bdquo;nimm die
+rechte!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er nimmt wieder die linke!&ldquo; rief plötzlich jemand
+von hinten vor. Das dicke Jaköble hatte es gerufen, und
+gleich schrieen ein paar nach: &bdquo;Er nimmt immer die linke!&ldquo;
+<!-- page 091 -->
+
+</p><p>&bdquo;Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!&ldquo; mahnte
+Herr Habermus.
+
+</p><p>Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing
+die ganze Klasse zu lachen an. Da wurde der Lehrer
+ärgerlich. &bdquo;Kasper,&ldquo; rief er, &bdquo;weißt du nicht, was links
+und rechts ist?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä,&ldquo; sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht.
+In seinem Schlaf hatte er vielerlei vergessen, darunter
+auch dies, und die Waldhausleute hatten es ihm noch
+nicht wieder beigebracht.
+
+</p><p>Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die
+Kinder lachten, und Kasperle lachte mit. Da war es
+wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, und der
+Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. &bdquo;Bleib
+ganz still sitzen, Kasper,&ldquo; gebot er, &bdquo;und höre zu!&ldquo; Da
+blieb Kasperle steif sitzen und sperrte wieder den Mund
+himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und fragte,
+die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das
+gefiel Kasperle ganz ungemein, und auf einmal hob er
+auch seine Hände empor, beide zugleich. &bdquo;Na, was
+weißt du denn?&ldquo; fragte der Lehrer. Er wollte gerade
+die Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle
+zu, da schrie der laut: &bdquo;Windgustel!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Waaas?&ldquo; Herr Habermus meinte nicht recht gehört
+zu haben, die Kinder jauchzten wieder, und Kasperle
+sah sich strahlend rundum und brüllte vernehmlich: &bdquo;So,
+ja, er ist jünger als Wassergustel.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;So ein Schafskopf!&ldquo; Herr Habermus dachte es
+<!-- page 092 -->
+nur, er hätte es aber beinahe gerufen. Er sagte jedoch
+streng: &bdquo;Still jetzt, und du, Kasper, hebe die Hände
+nicht mehr, hör&rsquo; zu!&ldquo;
+
+</p><p>Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter,
+die Kinder wußten gut Bescheid, die Hände flogen nur
+so hoch. Kasperle fand das wieder sehr spaßhaft, er
+hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht
+hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging
+doch auch! Und hops! pendelten plötzlich Kasperles
+Beine in der Luft herum.
+
+</p><p>So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze
+Klasse schrie, lärmte und lachte, und der sonst so geduldige
+Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, bausche,
+packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die
+Bank nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah
+tief erschrocken drein. Er hatte doch nichts Arges tun
+wollen, und für ein Kasperle ist das Beine-in-die-Luft-Strecken
+kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und
+starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und
+der Unterricht ging weiter.
+
+</p><p>Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz
+helles Stimmlein, das rief: &bdquo;Er weint!&ldquo; Die kleine
+Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten alle Waldraster
+Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur
+der konnte gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich,
+aber wie! Die Tränen rannen stromweise über sein
+Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an,
+als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So
+<!-- page 093 -->
+jämmerlich klang es, daß gleich ein paar Mädel auch
+zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr Habermus
+trösten, er sagte zu Kasperle: &bdquo;Sei nur still, ich
+bin nicht mehr böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch
+die ganze Stube unter Wasser.&ldquo;
+
+</p><p>Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er
+wieder putzvergnügt, er grinste, schaute nach rechts,
+schaute nach links, schaute hinter sich, und wieder brach
+die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.
+
+</p><p>Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum
+erstenmal wurde Herr Habermus mit seiner Klasse nicht
+fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war
+eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es
+war wie verhext.
+
+</p><p>&bdquo;Wir wollen singen,&ldquo; sagte er endlich. Er dachte:
+Darüber vergessen sie am besten das Lachen, und die
+Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher zu;
+singen taten sie alle gern. &bdquo;Also zuerst: Der Mai ist
+gekommen,&ldquo; sagte Herr Habermus. &bdquo;Kasper, kennst du
+das Lied?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä!&ldquo; schrie Kasperle vergnügt.
+
+</p><p>&bdquo;Wir sagen&rsquo;s ihm vor,&ldquo; riefen ein paar Stimmen.
+
+</p><p>&bdquo;Sagt mal zuerst das Lied her!&ldquo; gebot Herr
+Habermus.
+
+</p><p>Das taten die Kinder, und nun geschah etwas
+Wunderbares. Kasperle stand auf und sagte ihnen
+gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der
+Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt!
+<!-- page 094 -->
+sagte ihm schnell ein paar andere Verse vor, und
+Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus sah
+auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner
+Tafel angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst
+hatte er gedacht: Der Kasper ist ja fürchterlich dumm!
+jetzt fand er ihn doch nicht so beschränkt. Wer so fix
+auswendig lernen konnte, der würde schon vorwärtskommen,
+meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich
+zu, dann nahm er seine Geige, und die Singerei
+sollte beginnen.
+
+</p><p>Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und
+Kasperle brüllte mit der allerschrillsten Stimme in den
+Gesang hinein, und jäh wurde aus der Singerei ein
+lautes Gelächter.
+
+</p><p>&bdquo;Kasper, schweig!&ldquo; rief Herr Habermus. &bdquo;Du lernst
+in deinem Leben nicht singen.&ldquo;
+
+</p><p>Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut
+immer gesagt! Kasperle schwieg traurig, er hätte doch
+so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz andächtig
+da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als
+könnte er keine kleinen Dummheitle machen.
+
+</p><p>Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm,
+ja eigentlich ist&rsquo;s ein lieber, lustiger Kerl, ich will schon
+Geduld mit ihm haben. Er war an diesem Tage aber
+froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder
+alle gerade heute noch himmelgern geblieben wären.
+Sie drückten sich sehr langsam aus den Bänken heraus,
+und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, bis alle
+<!-- page 095 -->
+hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die
+Kinder alle miteinander das Heimgehen.
+
+</p><p>Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in
+seiner Stube und ordnete Pflanzen ein, als seine Frau
+kam und sagte: &bdquo;Drüben im Schulzimmer ist ja so arger
+Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?&ldquo;
+
+</p><p>Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen
+hörte er die Kinder lachen, und als er mit einem Ruck
+die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf dem Katheder
+sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein
+untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie
+Damian ins Wasser gefallen war.
+
+</p><p>Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine
+Jahrmarktsbude, und das Kasperle schwätzte auch wie
+auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte den
+Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder,
+und immer von neuem gellte ihr Lachen auf. Aber wie
+spaßig das Kasperle auch war, was es für Gesichter
+schneiden konnte!
+
+</p><p>Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte
+an sich halten, um nicht mitzulachen, und ein paar
+Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den Lärm
+hinein: &bdquo;Wollt ihr wohl heimgehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom
+Katheder herunter, und die Buben und Mädel standen
+verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht,
+wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle
+gesehen, nur an ihn gedacht. Doch Herr Habermus
+<!-- page 096 -->
+sah eigentlich nicht böse drein, nur ein bißchen betrübt.
+Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen
+kleinen Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit
+ihm werden? Er nickte den Kindern zu und sagte nur
+noch einmal: &bdquo;Geht nun aber heim!&ldquo; Und da leerte
+sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten
+es alle sehr eilig heimzukommen, sie purzelten beinahe
+über ihre eigenen Beine. Draußen schauten ein paar
+Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: &bdquo;Da
+hat&rsquo;s doch was gegeben, und wie spät die Schule aus
+ist! Gar haben sie alle nachsitzen müssen.&ldquo;
+
+</p><p>Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu,
+und die meisten fingen schon draußen vor der Türe an,
+von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu erzählen.
+Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder
+hervor, stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch
+nicht böse: &bdquo;Kasper, was bist du für ein unnützer Strick!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. &bdquo;Ich
+hab&rsquo; doch nur gekaspert!&ldquo; antwortete er kläglich.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, du bist doch &mdash;&ldquo; Herr Habermus stockte, er
+wollte sagen: &bdquo;kein Kasper&ldquo;, da sah er seinen Schützling
+an und dachte erschrocken: Er sieht doch wirklich
+wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins
+Haus gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich
+seine Hand in die seine und sah ihn so traurig bittend
+an, daß all sein Ärger verging. &bdquo;Nun komm nur mit,
+du Schelm!&ldquo; sagte er. &bdquo;Auf dem Katheder darfst du
+mir aber nicht mehr kaspern.&ldquo;
+<!-- page 097 -->
+
+</p><p>&bdquo;Nä,&ldquo; versprach Kasperle treuherzig, und dann
+nahm er seine neue Schiefertafel, die der Lehrer ihm
+geschenkt hatte, unter den Arm und schlitterte vergnügt
+hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die
+Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base
+Mummeline zusammen. Die hatte gerade eine Schüssel
+Milch in den Händen, und da lagen dann plötzlich
+Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde,
+und es gab ein allgemeines Zetergeschrei. &bdquo;Er hat&rsquo;s
+mit Absicht getan!&ldquo; kreischte die Base, die sich aus dem
+Milchsee aufrichtete. &bdquo;Hach, jetzt sieht er mich wieder
+so an!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er konnte nichts dafür,&ldquo; sagte die Frau Lehrerin.
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s gesehen, nur ein bißchen geschwinde ist er
+zur Türe hereingekommen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er hat&rsquo;s mit Absicht getan. Hach, das schreckliche
+Gesicht!&ldquo; Die Base Mummeline stand wütend und
+scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am Tisch.
+Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht
+machte er auch nicht, denn er hatte Angst vor
+der Base Mummeline.
+
+</p><p>Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den
+Lehrer, auch Lenchen und Lorchen sollten schlafen, obgleich
+sie heftig verlangten, sie wollten mit Kasperle
+spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: &bdquo;Geh du
+und tummle dich draußen herum, macht aber keinen
+Lärm um das Schulhaus herum!&ldquo; Bei sich dachte die
+gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas
+<!-- page 098 -->
+spielt, und hier im Hause möchte die Base Mummeline
+doch immerzu schelten.
+
+</p><p>Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war
+er draußen, da packten ihn ein paar Buben. &bdquo;Komm
+mit, du mußt uns noch was vorkaspern,&ldquo; baten sie.
+
+</p><p>&bdquo;Nicht hier,&ldquo; sagte Kasperle ängstlich, &bdquo;ich soll
+keinen Lärm machen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen,
+da sieht uns niemand,&ldquo; schlug der lange Blasi vor.
+Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem alten
+Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine.
+Es wuchs und wuchs unterwegs, Buben und Mädel
+fanden sich dazu, und dann verschwanden sie alle in
+Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom
+Dorf, mitten auf einer Wiese.
+
+</p><p>An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute
+in Waldrast. Ein paar Frauen sagten zueinander:
+&bdquo;Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule
+gehen? Wo stecken sie denn?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, wo sind sie denn?&ldquo; fragte die Krämerfrau, die
+das hörte.
+
+</p><p>Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus
+und fragte: &bdquo;Wo sind denn die Kinder?&ldquo; Und seine
+liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang
+immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz
+zornig ins Weite: Die Schule fängt an, die Schule
+fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine Bubenbeine,
+keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles
+<!-- page 099 -->
+still. Nur von den Erwachsenen kamen mehr und mehr,
+ein paar erzählten, sie hätten die Kinder alle miteinander
+laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,&ldquo; sagte
+Frau Veronika Lappenmeyer.
+
+</p><p>&bdquo;Aber es ist doch Schule!&ldquo; rief Herr Habermus
+entrüstet. In den Wald konnte man schon gehen in
+Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis tief,
+tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.
+
+</p><p>Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren.
+Der rief: &bdquo;Frau Lappenmeyer, was ist
+denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin
+brüllt es ja fürchterlich!&ldquo;
+
+</p><p>Die Kinder sind&rsquo;s mit Kasper. Herr Habermus
+dachte das nur, er rannte aber gleich los, die Dörfler
+folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm
+nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie
+wirklich. Kasperle saß hoch oben unter dem Gebälk,
+und unten standen Mädel und Buben und starrten
+lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte
+und verrenkte und den allergrößten Unsinn schwätzte.
+
+</p><p>&bdquo;Bimmelim, bimmelim, bimmelim!&ldquo; Die Frau
+Lehrerin war ihrem Mann mit der Schulglocke nachgelaufen,
+und in das Lachen und Jauchzen der Kinder
+hinein ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken,
+alle schauten sich verwirrt um. War es wirklich schon
+Schulzeit?
+
+</p><p>&bdquo;Bimmelim, bimmelim, bimmelim!&ldquo; Die Glocke
+<!-- page 100 -->
+gellte ihnen in den Ohren, und ein paar schrien: &bdquo;Wir
+müssen in die Schule!&ldquo; Und dann rannten sie an den
+Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um
+und sahen vor lauter Eile und Eifer niemand und nichts.
+Und Kasperle sprang plötzlich von oben herab in einem
+weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er
+raste den andern nach, und im Umsehen war der
+Schuppen leer.
+
+</p><p>Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. &bdquo;Die
+Kinder sind ja wie besessen!&ldquo; rief die Krämerin, die
+andern stimmten ihr zu, Herr Habermus aber kehrte
+bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran
+schuld, nur er allein. Was war das für ein schlimmer
+Junge! Er darf nicht mehr in die Schule, dachte er
+und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf
+ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen,
+und Kasperle saß wieder auf der vorderen Bank. Sein
+Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein, als könnte
+er nicht das kleinste Dummheitle machen.
+
+</p><p>Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn
+zum Katheder, dort sagte er streng: &bdquo;Ihr seid alle zu
+spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.&ldquo; Da
+senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden
+und braunen Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle
+sah höchst verwundert drein, es krähte mit seiner lauten
+Stimme: &bdquo;Es hat ja eben erst geklingelt!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sei du still, du verläßt sofort die Schule!&ldquo; rief
+Herr Habermus streng. &bdquo;Du bist an allem schuld.
+<!-- page 101 -->
+Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule
+kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.&ldquo;
+
+</p><p>Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes
+Schweigen im Schulzimmer. Kasperle selbst saß ganz
+verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt. Dann
+erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes,
+jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus
+noch nie vernommen hatte. Und nicht nur die
+Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und
+alle miteinander riefen flehend: &bdquo;Kasper hat keine Schuld,
+Kasper soll dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper
+soll nicht wieder fort!&ldquo;
+
+</p><p>Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an,
+und deren Gebitte wurde immer lauter und dringlicher,
+und je mehr sie flehten, je lauter heulte das Kasperle.
+&bdquo;Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!&ldquo; brummte
+Herr Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte
+er, als er das Kasperle ansah und der kleine Kerl ihm
+einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse war
+er gar nicht mehr auf ihn.
+
+</p><p>&bdquo;Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,&ldquo;
+sagte er schließlich. &bdquo;Das Nachsitzen sei euch auch geschenkt,
+aber eine Strafarbeit gibt es, ein Stück zu
+schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und
+nun stille &mdash; jemine, Kasper, was ist denn nun wieder
+los?&ldquo;
+
+</p><p>Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und
+von dorther ertönte wieder sein furchtbares Jammergebrüll.
+<!-- page 102 -->
+&bdquo;Ich kann doch nicht schreiiiben,&ldquo; klagte er,
+&bdquo;ich kann nicht schreiiiben!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dummer Bube,&ldquo; brummte Herr Habermus, &bdquo;du
+brauchst natürlich nicht die Strafarbeit zu schreiben, du
+brauchst bloß Striche zu machen, und nun, potzwetter,
+sei still, sonst &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer
+noch ausreden konnte, und dann saß er da mit dem
+allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß
+machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er
+gab kreuzdumme Antworten, und immer wieder durchbrauste
+ein lautes Lachen die Schulstube. Herr Habermus
+wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich
+tat Kasperle gar nichts Böses. Da klingelte es, die
+Schule war aus. Sonst atmeten die Kinder meist alle
+auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst
+die allergrößten Faulpelze: &bdquo;Ach, bitte, bitte, wir wollen
+noch bleiben, es ist so wunderschön in der Schule!&ldquo;
+
+</p><p>Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen.
+Er erzählte ihnen von den Blumen und Bäumen, von
+Felsen und Bergen, von den feinen Schmetterlingen
+und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still,
+am aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie
+dann auch am lautesten: &bdquo;Schon?&ldquo; als Herr Habermus
+sagte: &bdquo;Nun ist&rsquo;s aber wirklich genug, nun geht
+heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Und dann verließen die Waldraster Kinder das
+Schulhaus, und sie kamen so vergnügt heim wie noch
+<!-- page 103 -->
+nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend brummten
+allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so
+viel schwätzten die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-10"><span style="font-size:small">Zehntes Kapitel</span> <br /><br />Eine neue Gefahr
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein;
+pardauz! fiel er ins Bett, und bums! da schlief er auch
+schon. Der gute Schullehrer von Waldrast aber, Herr
+Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau:
+&bdquo;Mit dem fremden Buben werden wir viel Sorge und
+Verdruß haben. Hätte ich ihn doch lieber nicht mit
+heimgebracht!&ldquo;
+
+</p><p>Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter:
+&bdquo;Mach&rsquo; dir keine Sorge, Mann! Ein lieber kleiner Kerl
+ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er schon ein
+rechter braver Schulbube werden.&ldquo;
+
+</p><p>Danach sah es freilich am andern Morgen nicht
+aus. Kaum betrat das Kasperle die Schulklasse, gleich
+ging der Lärm los. Alle schrieen: &bdquo;Du mußt uns was
+vorkaspern, bitte, bitte, bitte!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers,
+auf dem Katheder dürfe er nicht kaspern, und darum
+kletterte er eins, zwei, drei auf den großen braunen
+Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: &bdquo;Hallo!&ldquo;
+<!-- page 104 -->
+und die Mädel rissen vor Erstaunen den Mund weit
+auf. Jemine, so flink war noch nie jemand auf den
+Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr
+Habermus hörte das Geschrei drüben in seiner Wohnung,
+und noch ehe die Base Mummeline die Klingel geschwungen
+hatte, lief er schon hinüber. Er riß die
+Türe auf und schrie: &bdquo;Potzwetter, was ist das für
+ein Lärm!&ldquo;
+
+</p><p>Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank
+herab. Er fiel auf einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers
+neue Schiefertafel; die nahm das übel und ging
+mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten
+in der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps&rsquo;
+Nase, trafen ein Tintenfaß; das sauste in einem weiten
+Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes
+Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke
+schwarze Tintenkleckse. Ihre Besitzerinnen heulten, ihre
+Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, Heine Fistelmeyer
+heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte,
+etliche lachten und jauchzten, &mdash; es war wieder einmal
+ein Lärm wie bei Teufels Großmutter.
+
+</p><p>Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld.
+Klatsch, klatsch, klatsch, ging es, Kasperle bekam
+seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen etwas ab, und
+schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute
+nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe
+ein, nur die fünf Mädel, die bekleckste Schürzen hatten,
+weinten ganz leise, und Kasperle heulte laut. Himmel,
+<!-- page 105 -->
+konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten
+schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an,
+und allmählich erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden
+mit dem kleinen Irrwisch. Herr Habermus faßte
+den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine
+Ecke. &bdquo;So,&ldquo; sagte er streng, &bdquo;da bleibst du stehen, bis
+du vernünftig geworden bist.&ldquo;
+
+</p><p>Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf
+der Mädelbank hob ein leises Weinen an, eine nach
+der andern weinte, dann schluchzte einer auf der Bubenbank,
+erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen
+ein, und nach ein paar Minuten weinte und schluchzte
+die ganze Schule mit Kasperle. Herr Habermus schüttelte
+erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch
+nie vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft
+wurde. Er wollte streng sein und nicht darauf achten,
+aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das klägliche
+Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich:
+&bdquo;Nun hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm
+wieder an deinen Platz. Seid jetzt endlich stille!&ldquo;
+
+</p><p>Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus
+der Ecke heraus, und auf einmal begannen alle Kinder
+zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte ein wenig. Er
+seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es
+heute noch geben!
+
+</p><p>Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es
+auch. Aber er gab wieder blitzdumme Antworten, und
+wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder die
+<!-- page 106 -->
+andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder
+Lärm und Unruhe. Und nachher hallte die Dorfstraße
+wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und von
+den Müttern sagten etliche: &bdquo;Den Buben hätte der
+Schullehrer nicht aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist&rsquo;s,
+ein arger Unnützling!&ldquo;
+
+</p><p>Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei
+herumgeredet, wie schlimm der kleine Gast im Lehrerhause
+sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem armen
+Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche
+die Hälfte. Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen
+alle an.
+
+</p><p>Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu
+kaspern. Dummheiten hatten auch sonst die Waldraster
+Kinder genug gemacht, aber solche Hanswurstsprünge,
+ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode
+gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei
+Tisch an zu zappeln, hielt die Beine in die Luft und
+überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine Mutter dachte,
+er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins
+auf den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern.
+Am Abend aber kam Frau Bimmelmann, die nächste
+Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps möchte
+mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide
+fürchterliche Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie
+Fistelmeyers alte Muhme Trine, die jammerte, bei ihnen
+sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer
+einen Tee holen.
+<!-- page 107 -->
+
+</p><p>&bdquo;Was auf den Hosenboden,&ldquo; schrie Vater Schrumps,
+&bdquo;das wird schon helfen!&ldquo;
+
+</p><p>Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in
+diesen Tagen als äußerst heilsam; und bald bekamen
+es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre
+Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben,
+wollten alle kaspern, wie des Schullehrers kleiner Schützling
+tat.
+
+</p><p>Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und
+der arme Herr Habermus bekam manches ungute Wort
+zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das
+Feuer. Im Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm,
+immer hatte Kasper dies und das getan, so sagte
+wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle
+wirklich brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast
+sehr gut gefiel. Er ging furchtbar gern in die Schule,
+und das Spielen mit seinen Kameraden machte ihm
+besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base
+Mummeline wunderte er sich sehr; er fand es nur
+spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, oder
+wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil
+Kasperle sie hineingetrieben hatte. Auch brauchte die
+Base nicht so mörderlich zu schreien, weil sechs dicke
+Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, Käfer
+und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten
+oder gar ein Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand.
+Das war doch alles nur Spaß! Und über das Räubergesicht
+brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken.
+<!-- page 108 -->
+So meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden
+stimmten ihm zu.
+
+</p><p>Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus
+schalt, Frau Habermus schalt, aber beide hatten dabei
+den unnützen kleinen Schelm von Herzen lieb. Der Schullehrer
+bekam es auch nicht fertig zu sagen: &bdquo;Kasper,
+geh&rsquo; wieder in die weite Welt.&ldquo; Dazu tat ihm der in
+seiner Verlassenheit zu leid.
+
+</p><p>So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle
+blieb in Waldrast. Die Dorfbuben lernten das Kaspern
+immer besser, und der gute Herr Habermus plagte sich
+weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch
+noch die Base Mummeline den ganzen Tag schelten.
+Er war daher sehr froh, als die eines Tages sagte:
+&bdquo;Ich geh&rsquo; morgen in die Stadt.&ldquo;
+
+</p><p>Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand
+in die Stadt ging. Der mußte dann viele Stunden
+abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den
+Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: &bdquo;Ich
+geh&rsquo; in die Stadt,&ldquo; dann kamen gleich die Nachbarn
+und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten allerlei
+gekauft haben und sagten auch: &bdquo;Paß gut auf, was
+es Neues in der Welt gibt!&ldquo; In jenen Tagen stiegen
+die Briefboten noch nicht täglich in das entfernteste
+Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im
+Jahr irgend jemand einen Brief. In das Schulhaus
+kamen darum auch noch am gleichen Mittag etliche
+Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln,
+<!-- page 109 -->
+die dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so
+ging es weiter, und zuletzt hatte die Base Mummeline
+einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet
+standen.
+
+</p><p>&bdquo;Das wird zuviel zu tragen,&ldquo; sagte die Lehrersfrau;
+&bdquo;Base, da tust du dir Schaden. Nimm den Kasper mit,
+der kann dir helfen.&ldquo;
+
+</p><p>Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit
+dem schlimmen Buben sollte sie gehen! Na, da würde
+sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, behauptete sie;
+der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base
+Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim.
+Der war arg froh darüber. Ja, schlimm genug,
+als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen hörte,
+schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr
+eine lange Nase und schnitt, als sie sich noch einmal
+umdrehte, sein allerbösestes Räubergesicht.
+
+</p><p>Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast
+mit ihrem Korb den Berg hinab, so rannte sie davon,
+und erst als Waldrast schon ein Stück hinter ihr lag,
+wagte sie es, aufzuatmen. &bdquo;Na, warte du!&ldquo; Sie drohte
+mit der Faust dorthin, wo das Schulhaus lag, und
+dann wanderte sie bergab und dachte dabei: Könnte ich
+nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base
+Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen
+Wald, über grüne Wiesen, an Felsen entlang bergab
+nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten
+die Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das
+<!-- page 110 -->
+Kasperle war purzelvergnügt. Beim Mittagessen schalt
+keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau
+Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine
+drolligen Gesichter. Der Schullehrer sah auch freundlich
+drein und Kasperle dachte: Wenn die Base doch nie
+wiederkäme!
+
+</p><p>Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans
+Fortbleiben. Die erlebte in der Stadt eine höchst seltsame
+Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, als sie
+alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder
+nach Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde
+kam sie im Dorfe an. Die Lehrersfrau war mit Lenchen
+und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer
+saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte
+gerade aus dem Hause gehen zu seinen Kameraden,
+als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn nicht,
+sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen,
+und Kasperle schlüpfte ein wenig erschrocken in die
+Wohnstube. Als er draußen den Schritt der Base vernahm,
+da kroch er flink in einen dunklen Winkel am
+Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte
+der kleine Schelm selbst nicht genau. Der Gedanke an
+die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte ihn
+etwas, und dann war die Base dahergekommen, als
+trüge sie den schönsten Rohrstock im Korb. Ein paar
+Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das Haus,
+und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus.
+Der Base erste Frage war: &bdquo;Wo ist Kasper?&ldquo;
+<!-- page 111 -->
+
+</p><p>Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob
+er ein paar Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht
+sehen sollte. Indem kam die Lehrerin zurück, sie begrüßte
+die Base, als wäre die von einer langen, langen
+Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink:
+&bdquo;Wo ist Kasper?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er
+wohl dabei sein,&ldquo; meinte die Frau. Sie hatte Kasperle
+erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
+
+</p><p>Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen;
+sie guckte unter das Sofa, schloß den großen
+Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da
+lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah
+Kasperle nicht. &bdquo;Er ist nicht da,&ldquo; rief sie; &bdquo;nun will ich
+euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet
+staunen!&ldquo;
+
+</p><p>Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers
+wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem
+Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn
+was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die
+Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann
+gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle
+gezeigt und laut verkündet: &bdquo;Wenn ihr einen findet, der
+so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt
+dafür eine hohe Belohnung.&ldquo; Und dann hatte er erzählt,
+daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und
+was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. &bdquo;Seht
+ihr,&ldquo; schrie die Base Mummeline, &bdquo;ich hab&rsquo; es immer
+<!-- page 112 -->
+gesagt: mit dem Buben ist&rsquo;s nicht richtig. Es ist gut,
+wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will
+es der Herzog.&ldquo;
+
+</p><p>Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau
+sagte mitleidig: &bdquo;Armer kleiner Kerl!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen
+über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und
+hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß,
+die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da
+sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: &bdquo;Der
+Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch
+einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich
+mitnehmen. Ich hab&rsquo; es nämlich gesagt, wo der Popanz
+steckt, und da, den schönen Goldgulden hab&rsquo; ich gleich
+bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose
+Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird!
+Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher
+ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!&ldquo;
+
+</p><p>Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: &bdquo;Armes,
+armes Kasperle!&ldquo; und ihr Mann seufzte mitleidig. Die
+Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren
+Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle
+heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen
+gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen.
+Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen
+die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
+
+</p><p>Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst.
+<!-- page 113 -->
+Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo
+sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger
+wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus
+der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger
+sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am
+Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle
+dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er
+schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch
+schrak zusammen. &bdquo;Kasper,&ldquo; rief sie, &bdquo;da bist du ja!
+Hast du alles gehört?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang
+die gute Frau und sah sie flehend an. &bdquo;Ausreißen!&ldquo;
+bettelte er. &bdquo;Ausreißen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja.&ldquo; Die Frau Lehrerin nickte. &bdquo;Ich kann
+mir&rsquo;s schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du
+armer kleiner Schelm, du!&ldquo; Und sacht streichelte sie
+das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann
+nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem
+Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen
+und sagte schnell: &bdquo;Versuche dein Heil! Geh hinten zur
+Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir&rsquo;s schon
+verzeihen, daß ich dir geholfen habe.&ldquo;
+
+</p><p>Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ
+ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine
+Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und
+wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die
+Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm,
+dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war
+<!-- page 114 -->
+aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her
+erklang Base Mummelines Stimme: &bdquo;Sie kommen!&ldquo;
+
+</p><p>Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei
+Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen
+sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen?
+Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf?
+Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein
+lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte,
+Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.
+
+</p><p>&bdquo;Die Buben spielen am Bach,&ldquo; rief jemand, und
+gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu
+fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm
+ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.
+
+</p><p>Aber wo war denn Kasperle?
+
+</p><p>Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze
+hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts
+von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. &bdquo;Er ist
+ausgerissen!&ldquo; riefen die Base und der Kasperlemann.
+&bdquo;Wir suchen,&ldquo; sagten die Landjäger. &bdquo;Platz da, erst
+suchen wir das Haus ab.&ldquo; &bdquo;Alle müssen suchen helfen,&ldquo;
+schrie der Schulze. &bdquo;Na, das wäre doch eine Schande,
+wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser
+Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!&ldquo;
+
+</p><p>Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten
+am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn
+finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin
+suchte nicht, und niemand fragte sie. Still
+brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die
+<!-- page 115 -->
+bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die
+Kleinen und sagte linde: &bdquo;Es wird ihm schon nichts
+geschehen!&ldquo;
+
+</p><p>Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern,
+Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war
+nicht zu finden. Endlich sagte einer: &bdquo;Nun müssen wir
+noch in der Kirche nachsehen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie ist ja verschlossen,&ldquo; sagte ein anderer, &bdquo;und
+die Fenster sind auch alle zu.&ldquo;
+
+</p><p>Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche
+verschlossen, und weil er alt und müde war, kümmerte
+er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in seinem
+Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle
+um die Kirche herum und sagten: &bdquo;Darin kann er nicht
+sein, er ist sicher ausgerissen.&ldquo; Aber wohin? War er
+in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden?
+Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen
+müssen!
+
+</p><p>&bdquo;Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht.
+Alles, was Beine hat, muß mitlaufen,&ldquo; sagte der Schulze.
+&bdquo;Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt wäre!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,&ldquo; riefen
+alle, &bdquo;und heute muß das Dorf bewacht werden; keine
+Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline:
+&bdquo;Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber ins Bett gehe
+ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause
+herum, und ich erwische ihn doch!&ldquo;
+<!-- page 116 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-11"><span style="font-size:small">Elftes Kapitel</span> <br /><br />Abenteuer über Abenteuer
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>llmählich wurde es stiller und stiller im Dorf.
+Kasperle hörte drinnen im Kirchturmwinkel den Lärm
+verklingen, und nun wagte er sich erst einmal recht
+umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer
+dunklen Vorkammer, eine Treppe neben ihm führte zum
+Turmaufgang, und von oben strömte noch ein matter
+Lichtschimmer herab.
+
+</p><p>Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf
+zu steigen, als jemand draußen sagte: &bdquo;Aber morgen
+müssen wir doch einmal in der Kirche nachsehen.&ldquo; Es
+waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um
+mitten auf der Dorfstraße Wache zu halten. Da
+kletterte innen Kasperle angsterfüllt die ganz schmale,
+steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben
+suchen sie vielleicht nicht.
+
+</p><p>Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit
+vielen, vielen Jahren Eulen. Eine alte Eulenurgroßmutter,
+die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon ihre
+Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter
+im Turm gewohnt habe. Niemand störte
+je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben den
+Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten
+durften das tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer
+<!-- page 117 -->
+in ihre Nester hinein. Die Glockenklänge waren ihnen
+vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang,
+dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den
+Turm hinauf, denn die Treppe war morsch und das
+Hinaufklettern gefährlich.
+
+</p><p>Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer
+höher, und die Eulen, die sich gerade ihren Tagesschlaf
+aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den kleinen,
+sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie
+erschraken sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser:
+&bdquo;Nehmt euch in acht, der hat es auf die Kleinen, die
+Nestlinge abgesehen!&ldquo; Da schrien alle Eulen; unheimlich
+klang es, und alle schwirrten empor. Und auf
+einmal flatterte und rauschte es Kasperle um den Kopf,
+und er sah in viele funkelnde, böse Eulenaugen. Er
+erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche
+Angst vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff
+ihn, und er wollte die Treppe eiligst wieder hinabsteigen.
+Doch er trat fehl und fiel, die Eulen kreischten
+laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst
+den Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.
+
+</p><p>&bdquo;Bum, bum, bum!&ldquo; tönte es dumpf.
+
+</p><p>Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge
+um diese Zeit waren ihnen ganz ungewohnt. Sie
+flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle
+klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke
+geriet ins Schwingen. &bdquo;Bum, bum, bum, bimbam,
+bimbam!&ldquo; Die Glocke begann lauter und lauter zu
+<!-- page 118 -->
+rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die
+Glocke schwang heftiger hin und her, die Eulen flatterten
+wild und Kasperle hing am Strick und flog hin und
+her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße
+nicht mehr auf den Boden setzen.
+
+</p><p>&bdquo;Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!&ldquo; Über
+das schlafende Dorf rauschten die Glockenklänge. Die
+Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren erschrocken
+in ihren Betten empor. Die Glocke läutete,
+was war das? Der Schneidermeister Pimperling sprang
+zuerst auf die Dorfstraße hinaus. &bdquo;Feuer!&ldquo; schrie er,
+&bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo;
+
+</p><p>Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern
+stürzten die Leute, und alle schrien sie: &bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo;
+Und alle sahen sie sich um, wo es denn eigentlich
+brennen könnte. &bdquo;Die Wassereimer her, die Wassereimer
+her!&ldquo; schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze
+gab es damals noch nicht in Waldrast. Und alles lief
+und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer fragte
+den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den
+Gedanken kam, das müßte doch der wissen, der die
+Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?
+
+</p><p>Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst
+geworden. Er hielt sich schließlich verzweifelt am
+Gebälk fest, ließ den Strick fahren und sauste nun etwas
+unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der
+zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen
+war er, und als er von draußen, von der Dorfstraße
+<!-- page 119 -->
+her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst gar nicht,
+was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle
+endlich einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem
+Schlafe geweckt. Er hörte &bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo; schreien,
+er hörte lautes Rufen und Fragen vor der Kirchentüre,
+und da &mdash; Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe
+hinab, jemand hatte draußen laut gerufen: &bdquo;Ich wette,
+das ist der Kasper gewesen, der hat sich in der Kirche
+versteckt.&ldquo; Es war die Base Mummeline, die das rief.
+
+</p><p>&bdquo;Die Türe ist aber verschlossen!&ldquo; rief jemand anders.
+
+</p><p>&bdquo;Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,&ldquo;
+verlangten ein paar Stimmen. &bdquo;Flink, holt ihn!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Bim &mdash; bam, bim &mdash; bam!&ldquo; Das Läuten oben
+wurde schwächer, aber Kasperle hörte noch immer die
+Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er
+fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten
+ihm wohl gar die Augen aus; unten standen die Dorfleute,
+wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte jemand
+rufen: &bdquo;Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt
+müssen wir den Kasper fangen!&ldquo;
+
+</p><p>Es war wieder die Base Mummeline, die so rief,
+und das Kasperle sah sich ganz verzagt um. Wohin
+sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich neben
+sich eine lange Stange stehen, und &mdash; ein ganz unnützer
+Gedanke kam dem Kasperle.
+
+</p><p>Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging
+auf. &bdquo;Uje, ist&rsquo;s hier aber dunkel! Holt flink ein paar
+Laternen!&ldquo; rief jemand. Und dann gab es einen Plumps,
+<!-- page 120 -->
+ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war
+über die Stange gefallen, die Kasperle quer vor die
+Türe hielt.
+
+</p><p>&bdquo;Au, Donnerwetter!&ldquo; Da lag der dicke Schulze.
+
+</p><p>&bdquo;Himmel, Hagel, was ist das!&ldquo; Der eine Landjäger
+fiel dem Schulzen nach, und der Schneidermeister
+Pimperling quiekte: &bdquo;Potz Hosenknopf und Ellenmaß,
+hier spukt&rsquo;s!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde totgedrückt!&ldquo; kreischte die Base Mummeline.
+
+</p><p>&bdquo;Laternen her, Laternen her!&ldquo; Einer nach dem
+andern fiel in den Vorraum hinein, und in diesem allgemeinen
+Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es
+Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen.
+Er drückte sich ganz eng an die Mauer
+an und wutschte um den Turm herum, und er war
+gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute
+mit Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte
+sich am Turm, mit den Laternen wurden die hingepurzelten
+Leute beleuchtet, und alle riefen: &bdquo;Das ist
+ein Streich von Kasper.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Man muß den ganzen Turm absuchen,&ldquo; sagte der
+Schulze, der sich stöhnend aufgerichtet hatte, und die
+Base kreischte: &bdquo;Der darf uns nicht entwischen, dieser
+heillose Bösewicht!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein,
+dünn und mutig war, erbot sich, auf den Turm zu
+steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und
+<!-- page 121 -->
+eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf.
+Er schaute dabei in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe,
+ob sich das Kasperle da nicht versteckt hätte, und
+unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die Kirche,
+alles ab, &mdash; kein Kasperle war zu finden.
+
+</p><p>Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben
+drang. Das blendete sie, und sie versteckten sich
+scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, aber soviel
+der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle
+fand er nicht.
+
+</p><p>Unten sagte der Kasperlemann: &bdquo;Wir müssen ihn
+finden, er muß doch da sein!&ldquo; Und er erzählte von der
+hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und
+alle suchten noch eifriger, alle sagten: &bdquo;Er muß doch
+da sein! Wer soll sonst die Glocke geläutet haben?&ldquo;
+
+</p><p>Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde
+zu. Weil alle nach der Kirche liefen, bewachte keiner
+die Wege, die nach auswärts führten, und Kasperle
+gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den
+Weg ein, der zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts;
+dort wußte er, dehnte sich der Wald viele, viele
+Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte
+der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute
+aus Waldrast nie gingen. In der tiefen Dunkelheit
+verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte wieder
+mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln
+und umgestürzte Bäume, und als er so ein paar Stunden
+dahingelaufen war, sank er todmüde zu Boden. Er
+<!-- page 122 -->
+schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die
+Sonne durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern.
+Soweit er blicken konnte, war dichter Wald um ihn her,
+und ganz still war es.
+
+</p><p>Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein
+und sah sich traurig um. Nun war er wieder mutterseelenallein
+in der weiten, weiten Welt, nun hatte er
+keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen
+Kameraden. Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre
+er doch dort geblieben und nicht fortgelaufen! Dort
+war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt,
+aber wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann
+doch an dem Schloß vorbei, in dem die liebliche Rosemarie
+wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde
+ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte
+davor eine ganz schreckliche Angst. Der Herzog und
+die Base Mummeline, das waren seine Feinde, und
+als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief
+weiter durch den Wald. Er wanderte und wanderte,
+viele Stunden lang, der Wald nahm kein Ende; ganz
+undurchdringlich schien er zu sein.
+
+</p><p>Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den
+Boden nieder. Er zog das Brot heraus, das ihm die
+gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann traurig
+zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern
+und Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne
+fließen. Weil Kasperle durstig war, stand er auf und
+ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen sah
+<!-- page 123 -->
+er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach,
+der kam mit viel Gebrause aus einer hohen, hohen
+Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war der Wald
+etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht
+an seinem Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte
+in das Wasser gefallen, sie schimmerten rot aus den
+weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden blauen
+Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser
+aber lag eine winzige Insel. Da wuchsen große, weiße
+Blütendolden, auf denen lauter schimmernde, goldbraune
+Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser,
+das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das
+leuchtete, funkelte und glänzte in allen Farben, und
+Kasperle staunte verwundert; wie ein Märchenwinkel
+kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu
+locken: &bdquo;Komm, Kasperle, komm!&ldquo; Das Wasser spritzte
+ihm an die Nase, die Himbeerbüsche bogen sich unter
+der Last ihrer reifen Früchte, und da war Kasperle
+denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste,
+trank erst vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die
+Himbeeren und wurde plumpsatt. Da legte er sich an
+das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der
+aus der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne
+auf das Bäuchlein scheinen.
+
+</p><p>Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief.
+Er schlief und schlief in die warme, Sommernacht hinein.
+Einmal wachte er auf, da stand eine ganz schmale
+Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das
+<!-- page 124 -->
+Bächlein rann wie ein Silberstrom aus seiner Felsspalte
+hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, er sah die silbernen
+Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich
+am dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele,
+viele Sterne. Das war schön und friedsam. Kasperle
+reckte und streckte sich und schlief weiter.
+
+</p><p>Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf
+hinein: &bdquo;Hallo, he, aufgewacht du!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich
+verwirrt um. Da stand neben ihm ein Bub, nicht viel
+größer als er, der trug ein Hemd und ein Höslein,
+geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein
+verbeultes, verblichenes Hütlein mit einem mächtigen
+Busch Hahnenfedern daran. Es sah beinahe aus wie
+der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater
+zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten
+lustig; der ganze kleine Kerl sah überhaupt so vergnügt
+in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen mußte.
+
+</p><p>Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst
+machte der fremde Bube Kulleraugen vor Erstaunen,
+als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum andern
+zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen
+steckte wieder das Kasperle an, und so lachten sie eine
+gute Zeit um die Wette, und die Felswand gab vergnügt
+das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine
+Anzahl Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert
+und umringten die beiden Buben. Aber plötzlich
+sprang der fremde Bube auf und schrie: &bdquo;Rosemarie
+<!-- page 125 -->
+fehlt!&ldquo; Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen
+davon.
+
+</p><p>Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen.
+War das liebliche Grafenkind hier im Walde,
+und war er gar wieder dem Schlosse näher gekommen?
+Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber
+saß da, als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch
+da kam der fremde Bub schon wieder zurück, er trieb
+ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief schon
+von weitem: &bdquo;Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich
+verlaufen.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf. &bdquo;Nä,&ldquo; brummelte er
+entrüstet, &bdquo;Rosemarie ist eine Grafentochter, keine Geiß!&ldquo;
+
+</p><p>Der fremde Bube lachte hell auf. &bdquo;Freilich, ein
+Geißenname ist&rsquo;s nicht,&ldquo; rief er. &bdquo;Rosemarie stammt
+aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin Bärbe
+hat sie dort geholt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ist das weit?&ldquo; fragte Kasperle scheu. Er dachte
+gar, das Schloß müßte ihm vor der Nase liegen.
+
+</p><p>&bdquo;Weit &mdash; das Schloß?&ldquo; Der fremde Bube sah ihn
+erstaunt an, die Frage kam ihm sehr schnurrig vor.
+Was ging den andern das Schloß an? &bdquo;Weit ist&rsquo;s
+schon,&ldquo; sagte er; &bdquo;die Einöderin braucht immer ein paar
+Tage dazu, sie stammt von dort.&ldquo;
+
+</p><p>Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm
+auch ein, es war eigentlich längst Frühstückzeit vorbei,
+und er kramte sein letztes Stück Brot aus der Tasche.
+&bdquo;Ich hab&rsquo; Hunger,&ldquo; sagte er seufzend.
+<!-- page 126 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ich auch.&ldquo; Der fremde Bube zog auch ein Stück
+Brot aus der Tasche und sagte: &bdquo;Ich komm&rsquo; hierher
+wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, und
+niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias
+nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo; Kasperle setzte sich auch an
+einen Himbeerbusch, wie es der andere tat. Beide
+schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube,
+der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne
+neben des Herzogs Jagdschloß Hirschsprung, das ganz
+nahe sei.
+
+</p><p>&bdquo;Wohnt der Herzog hier?&ldquo; Kasperle ließ vor Schreck
+eine dicke Himbeere und sein Brot dazu ins Wasser
+fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, als der
+fremde Junge sagte: &bdquo;Bist du aber dumm! Der Herzog
+wohnt doch in seiner Residenzstadt, weit, weit von
+hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal hierher, sonst
+steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar
+nichts! Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du?
+Wer bist du?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein
+Sprüchlein sagen, aber des fremden Buben helle, klare
+Augen schauten ihn so ernsthaft an, da senkte er verwirrt
+seine Nase.
+
+</p><p>&bdquo;Hast du was Schlimmes getan?&ldquo; fragte plötzlich
+der andere fast streng.
+
+</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte
+er dem Buben, wer er sei. Alles erzählte er, und der
+<!-- page 127 -->
+andere lachte mit und sah mit traurig drein, und als
+Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune
+Hand hin und rief: &bdquo;Armes Kasperle! Aber weißt du,
+ich will dein Freund sein. Ich bin das Geißenmichele
+und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?&ldquo;
+Michele wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht,
+was er aus Mitleid dem Kasperle Gutes antun sollte,
+darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des Michels
+Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger
+gerade nicht sehr groß. Michele meinte aber, für einen
+Freund, den man so unversehens im Walde finde,
+müßte man auch einmal hungern können. Kasperle
+aber sah, mehr Brot war nicht im Säcklein, und schlug
+vor, sie wollten teilen. Also teilten sie, schmausten
+viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was aus
+Kasperle werden sollte.
+
+</p><p>Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen,
+doch das ging nicht; er hatte nämlich selbst
+kein rechtes Zuhause. Er war einer armen Witwe
+Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen
+Dorf, und er hatte sich als Geißenbub verdingt, um
+der Mutter zu helfen, die noch für drei kleinere Kinder
+sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem
+Heuboden, dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen.
+Und Kasperle tat einen tiefen Seufzer und
+sagte traurig: &bdquo;Ich muß weiterziehen.&ldquo;
+
+</p><p>Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter
+Gedanke, und er überkugelte sich gleich einmal vor
+<!-- page 128 -->
+Freude und schrie dabei: &bdquo;Hurra, das wird fein, fein,
+fein!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein
+würde, und da vertraute ihm Michele an, das Schloß
+sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle darob
+vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein
+wurde, erzählte Michele, im Schlosse wohne niemand,
+und der böse Matthias und seine Frau gingen selten
+hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte,
+daß eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit
+unverschlossen sei, wohl weil der brummige Matthias
+den Schlüssel verloren habe. &bdquo;Ich bin schon manchmal
+drin gewesen; fein ist&rsquo;s drin!&ldquo; tuschelte Michele seinem
+neuen Freunde geheimnisvoll zu. &bdquo;Du kannst drin
+wohnen, und dann treffen wir uns alle Tage und hüten
+die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab&rsquo; arg
+großen Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr
+Brot, dann langt es für uns beide.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber der Herzog!&ldquo; Kasperle sah so ängstlich drein,
+als spaziere der Herzog schon um die Ecke herum.
+
+</p><p>Michele lachte ihn aus. &bdquo;Bist ein Hasenfuß; der
+Herzog, kommt höchstens zweimal im Jahr nach Hirschsprung,
+na, und das merkst du ja vorher. Komm jetzt
+rasch, ich zeige dir die Türe!&ldquo; Er sprang auf und sah
+nach den Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen
+Klettereien; satt und faul lagerten sie auf einem Wiesenfleck,
+und die beiden Freunde konnten beruhigt zum
+Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht.
+<!-- page 129 -->
+Kasperle staunte. Ein paar Schritte ging es durch den
+Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, rings von
+Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen
+dicken Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon,
+am Wiesenrand, lag ein kleines Haus, die Försterei.
+Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund bellte,
+als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele
+führte seinen Freund nun um die grauen Mauern herum
+und zeigte ihm neben dem Turm ein Pförtlein, das fast
+ganz hinter Gebüsch verborgen war. &bdquo;Da hinein geht&rsquo;s,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen,
+und niemand sieht dich.&ldquo;
+
+</p><p>Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele
+drückte auf die rostige Klinke; sie gab nach, und da
+standen die beiden wirklich im Schloß. Ein schmaler,
+weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt
+ihn ganz keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft,
+weil sich aber wirklich niemand und nichts im Schlosse
+regte, wurde er auch mutiger. Die beiden Freunde schlossen
+Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen
+alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als
+Kasperle auf einmal sagte: &bdquo;Im Grafenschloß war&rsquo;s
+noch feiner.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was Feineres gibt&rsquo;s nicht,&ldquo; rief Michele und riß
+eine Türe auf. Die führte in einen Saal hinein, der
+nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster eingerichtet
+war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas
+und Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen,
+<!-- page 130 -->
+an den Wänden gab es in breiten goldenen Rahmen
+heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, schwebten
+oben an der Decke.
+
+</p><p>Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im
+Grafenschloß, und Michele, der schon ganz wütend
+gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun
+auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte,
+und als sie beide beim Herumwandern in ein sehr
+schönes Zimmer kamen, in dem ein breites goldenes
+Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. &bdquo;Ich
+glaube, das ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,&ldquo; flüsterte
+Michele etwas scheu. &bdquo;Darin kannst du doch nicht
+schlafen!&ldquo;
+
+</p><p>Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit
+Seide überzogenen Bett und rief: &bdquo;Hurra, hier schlafe
+ich: Das ist fein, fein, fein!&ldquo;
+
+</p><p>Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene
+Bett gelegt, aber er dachte an die armen Geißen, die
+er verlassen hatte. &bdquo;Ich muß gehen,&ldquo; sagte er betrübt,
+und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus
+und erklärte: &bdquo;Ich geh&rsquo; mit.&ldquo; Einträchtig verließen
+sie beide wieder das Schloß, kehrten zu den Geißen zurück,
+fanden die noch ruhig am alten Platz weiden, und
+sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner
+zu halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß
+vorbeiziehen und pfeifen, und sobald Kasperle dies hörte,
+sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie zusammen
+spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide
+<!-- page 131 -->
+freuten sich schon auf die Tage, die kommen würden,
+und einmal sagte Kasperle ängstlich: &bdquo;Aber der Herzog,
+wenn der in sein Schloß kommt!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color130"><img src="images/color130.jpg" alt="Illustration color130" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Kasperle schläft auf seidenen Kissen
+
+</p><p>&bdquo;Ach, der kommt ja erst im Herbst!&ldquo; Michele schnippte
+mit der Hand, als könnte er damit den Herzog davonweisen,
+und Kasperle war beruhigt. Mit seinem neuen
+Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum
+Heimgehen, und als das Schloß sichtbar wurde, trennten
+sich beide. Kasperle schlüpfte wieder durch das Gebüsch,
+öffnete die kleine Türe und stand dann allein in dem
+Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider,
+und da begann sich der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am
+liebsten wäre er wieder umgekehrt und dem Michele
+nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne
+seidene Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind
+die Treppe hinauf und durch die Gänge, bis er
+das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr eilig in
+das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren
+und schlief wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte
+ihn in dem einsamen Schlaf. Nur einmal hörte er ein
+fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber nicht
+auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster,
+den Michele den brummigen Matthias nannte, und blies
+auf seinem Hifthorn ein Abendlied. Feierlich tönte das
+durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur
+die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen
+Schloß sei ein wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von
+dem selbst der Förster nichts wisse.
+<!-- page 132 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-12"><span style="font-size:small">Zwölftes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle wird ein Gespenst
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte,
+schimmerte es ganz golden durch die herabgelassenen
+Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte
+durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr
+gewarnt hatte, dies zu tun. Draußen lag die Waldwiese
+im ersten Frühsonnenschein, und selbst in das
+verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und
+Jubilieren der Vögel, die den neuen Tag grüßten.
+Wie lustig es klang! Kasperle erhob purzelvergnügt
+sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß
+in dem einsamen Schloß ihn niemand singen hörte,
+denn vor dem Gesang konnte schon einer davonlaufen.
+Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und
+drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand
+seinen Singsang schön, und singend lief er in dem
+Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam er auch in
+die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig
+war, und das Singen verging ihm. Er begann neugierig
+in alle Töpfe und Schränke zu schauen, doch
+nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend
+an die gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und
+gerade wollte er die Küche wieder verlassen, als er in
+<!-- page 133 -->
+einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er sie auf,
+ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es
+merkwürdig gut roch. Kasperle schnupperte und schnupperte,
+sah sich um und sah auf einmal von der Decke
+herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken
+und Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die
+Räucherkammer geraten, in der es noch Vorräte vom
+letzten Besuch des Herzogs her gab.
+
+</p><p>Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann
+er sich nicht, ob er zugreifen dürfe oder nicht. Er
+sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst erwischte; an
+der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann
+verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit
+seiner Wurst bis zur kleinen Pforte, an der Michele
+pfeifen sollte. Das dauerte noch ein Weilchen, und
+Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein,
+und als Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück
+verschmaust.
+
+</p><p>Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle
+ihm von der Wurstkammer erzählte. &bdquo;Das darfst du
+nicht, die Würste aufessen,&ldquo; sagte er bedrückt; &bdquo;sie
+gehören doch dem Herzog!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der
+fand nichts Unrechtes am Wurstraub, sagte, die hätte
+der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele glaubte
+ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu
+ihrem Brot, aßen tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen
+einen sehr vergnügten Tag. Die Geißen waren
+<!-- page 134 -->
+brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als
+Kasperle dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da
+stellten sie sich alle dazu und meckerten erstaunt; so
+etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie meckerten,
+und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von
+sich, so arg mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh
+vor Lachen, und er legte sich flink in die Sonne.
+Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der
+Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und
+Michele wieder lachen konnte.
+
+</p><p>So verging der Tag. Am Abend trieb Michele
+die Geißen heim, und Kasperle kehrte in das stille
+Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern
+kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er,
+bis ihn wieder das goldene Scheinen hinter den Vorhängen
+weckte; da war wieder ein neuer heiterer Tag
+für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß,
+holte wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer
+und stand schon an der kleinen Pforte, als Michele
+daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von weitem
+dem Kasperle halblaut zu: &bdquo;Verstecken, verstecken!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als
+Michele herankam, tuschelte der ihm zu: &bdquo;Der brummige
+Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht
+sehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß
+der Geißenbub seine Herde so dicht am Schloß vorbeitrieb,
+aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte unter die
+<!-- page 135 -->
+Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im
+Walde verschwunden.
+
+</p><p>Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag
+wie ein schöner Traum. Es wurde Abend, es wurde
+wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern,
+alle waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust.
+
+</p><p>Über eine Woche war so vergangen, da wachte
+Kasperle eines Morgens auf, und er wunderte sich,
+wie dunkel es war. Vielleicht ist&rsquo;s noch Nacht, dachte
+er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern
+und Rauschen, und als er durch das Ritzchen im Vorhang
+hinausspähte, merkte er, es regnete. In wahren
+Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch,
+immerzu. Düster, grau hingen die Wolken tief herab,
+der Wald sah aus, als schliefe er noch, nichts rührte und
+regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit
+seinen Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half
+Gemüse putzen, und er dachte dabei sehnsüchtig an seinen
+Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war
+nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen
+Schloß, und weil er nicht wußte, was er anfangen
+sollte, begann er das Schloß von oben bis unten
+zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle,
+räkelte sich auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er
+wieder in des Herzogs Schlafzimmer. In dem hingen
+allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin, die ein
+Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies
+Bild gefiel Kasperle besonders gut. Um es besser zu
+<!-- page 136 -->
+sehen, rieb er ordentlich seine große Nase daran, ja
+er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte er
+an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er
+wissen wollte, was dies bedeute, drückte er ordentlich fest
+darauf. Da rauschte es plötzlich sacht, das Bild wich
+von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen
+kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm
+daraus entgegen.
+
+</p><p>Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene
+Bett hinein, er kroch unter die Decke, und da lag er
+eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles blieb still.
+Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen.
+Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder
+hervor. Die geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte,
+stand noch halb offen, und in dem Raum dahinter
+war es auch ganz still.
+
+</p><p>Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber
+neugierig war er auch. Endlich siegte doch die Neugier,
+und er kletterte wieder aus dem Bett heraus und
+schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale
+Kammer war es, die sich vor ihm auftat; aus der führte
+ein Trepplein in die Tiefe. Die Kammer selbst war
+in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß
+sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz
+dicht gewachsen war; man mochte wohl von draußen
+das runde Fenster gar nicht sehen hinter der dichten Efeuwand.
+In der kleinen Kammer selbst stand nur eine altmodische
+Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte.
+<!-- page 137 -->
+
+</p><p>Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne
+und goldene Becher und eine goldene Kette lagen drin
+und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war ein
+roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen
+war. Kasperle nahm ihn sich um, hängte sich die goldene
+Kette an den Hals und spazierte so ein Weilchen hin
+und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde.
+Er warf alles in die Kiste zurück und begann das
+Trepplein hinabzusteigen, Stufe um Stufe. Etwas bänglich
+war ihm doch zumute, und als ihm von unten herauf
+eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch
+um und schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog
+das Bild wieder zurück, ganz leicht ging es nicht, aber
+plötzlich schnappte es ein, und von der geheimnisvollen
+Kammer war nichts mehr zu sehen.
+
+</p><p>Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband
+des Lammes, er fand ihn, drückte darauf, und
+wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen,
+dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er
+ging nun überall im Schloß herum und untersuchte alle
+Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild müßte eine
+geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren
+und Damen, deren Bilder die Wände schmückten, auch
+auf die Nasen, Münder, Augen und Bäuche drückte,
+keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend,
+und Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich
+dabei auf den kommenden Tag, da würde doch sicher
+schönes Wetter sein.
+<!-- page 138 -->
+
+</p><p>Doch der Regen rann und rann. Am nächsten
+Morgen war es noch grauer; noch düsterer sah der
+Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen
+daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder
+im Schlosse herum. Das geheime Kämmerchen untersuchte
+er ganz genau, er ging auch ein paar Schritte
+die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er
+holte sich wieder eine Wurst aus der Räucherkammer;
+doch die wollte ihm gar nicht mehr so recht schmecken.
+Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren
+besser gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu,
+ohne Unterlaß rann es vom Himmel herab, und am
+nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle
+vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal
+ein helles Licht das Zimmer erfüllte. Kasperle sprang
+auf und sah hinaus. Draußen war soeben die Sonne
+hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken
+besiegt. Hier und da schimmerte der Himmel tiefblau,
+und die grauen Wolken jagten davon, als hätten sie
+die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim
+Schwänzlein genommen zu werden. Heisa, nun wurde
+morgen gewiß schönes Wetter!
+
+</p><p>Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann
+rannte er wieder im Schloß treppauf, treppab, holte
+sich eine riesengroße Wurst, die er morgen mitzunehmen
+gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett.
+Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele
+wiedersehen.
+<!-- page 139 -->
+
+</p><p>In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein.
+Er war zwar noch blaß, und es fehlte ihm ein
+ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner,
+wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über
+der Waldwiese vor dem Schloß, als Kasperle einmal
+aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es schon
+wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er
+den Mond glänzen, und das Rauschen, das er hörte,
+kam vom Wald herüber. Aber noch etwas anderes
+hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus
+herüber tönte es, und im klaren Licht des Mondes
+sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause drüben halten.
+Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder
+in sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief
+er denn auch bald ein.
+
+</p><p>Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er
+erstaunt: Was ist denn das? Es rummelte, knarrte,
+klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht
+so still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes
+Rufen: &bdquo;Matthias, Matthias, jetzt wollen wir erst in
+dem Herzogszimmer scheuern!&ldquo;
+
+</p><p>Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett
+heraus. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Menschen
+waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein
+paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was
+er tun sollte; doch da fiel ihm die Kammer hinter dem
+Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, die Türe
+rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und
+<!-- page 140 -->
+die Wurst und witschte in die Kammer. Es war die
+höchste Zeit, denn draußen dröhnten schon schwere
+Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre
+geschlossen, als der Förster und seine Frau das
+Zimmer betraten. Kasperle vernahm einen lauten Schrei,
+die Försterin hatte das zerwühlte Bett erblickt. &bdquo;Matthias,
+Matthias,&ldquo; rief sie, &bdquo;es ist wahrhaftig jemand im Schloß
+gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs
+Bett hat er gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr
+wüßte!&ldquo;
+
+</p><p>Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte
+ihn sagen, es müßte gerade ein Gespenst gewesen sein,
+von einem lebendigen Menschen hätte er doch etwas
+merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen
+gewesen. &bdquo;Matthias, die kleine Pforte war ja auf!&ldquo;
+schrie die Försterin. &bdquo;Weißt du, von der der Schlüssel
+verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas gestohlen
+worden ist!&ldquo;
+
+</p><p>Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte
+und brummte, und Kasperle hörte ihn sagen, daß er
+die kleine Pforte verriegeln wolle.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nein,&ldquo; rief seine Frau, &bdquo;unser großes Vorlegeschloß
+tu dran, das hält besser!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit
+einem Schloß verschloß, dann konnte er nicht hinaus
+und &mdash;. Da sagte die Försterin: &bdquo;Und morgen kommt
+der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit
+wir fertig werden!&ldquo;
+<!-- page 141 -->
+
+</p><p>Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog
+kommen, und geschlossen sollte werden. Wie sollte er
+denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich
+klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus
+und schlafe im Walde. Damit tröstete er sich über
+diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem
+Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine
+Frau wirtschafteten immerzu im Schloß herum, und er
+wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. Doch als es
+dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen
+klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es,
+die Bildtüre zu öffnen. Er nahm seine Wurst unter
+den Arm, die er schon halb aufgegessen hatte, und
+schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte
+an der Tür die Klinke nieder und &mdash; merkte, er war
+eingeschlossen.
+
+</p><p>Von außen war das Zimmer verschlossen, und als
+Kasperle versuchte, das Fenster zu öffnen, sah er erst,
+daß dies vergittert war. Er konnte nicht hinaus, er
+war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte
+und rannte verzweifelt im Zimmer hin und her; es half
+ihm alles nichts, er konnte nicht hinaus. Zuletzt kroch
+er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem schneeweißem
+Linnen überzogen war. Und heulend wühlte
+sich Kasperle in die Kissen, und er schlief in dieser Nacht
+nicht wie ein Säcklein, sondern wachte immer und immer
+wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm:
+Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr.
+<!-- page 142 -->
+Und als er erschrocken aufsprang und hinausspähte,
+sah er draußen einen ganzen Zug Reiter ankommen,
+ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die
+Fahrt zu seinem Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden
+gemacht, weil es ein heißer Tag zu werden
+drohte.
+
+</p><p>Das war der Herzog, sein Feind. O jemine!
+Kasperle sah ihn aus dem Wagen steigen, und da entwischte
+er flink in sein Versteck. Er zitterte vor Angst,
+und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der
+Geldkiste nieder. Wie sollte er nun entfliehen?
+
+</p><p>Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm
+Schritte, und dann hörte er auch, wie in des Herzogs
+Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein
+lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett!
+Daran hatte das dumme Kasperle gar nicht gedacht.
+
+</p><p>In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen
+unterscheiden. Jemand schalt heftig, das war der Herzog,
+und dann weinte jemand, das war die Försterin. Sie
+schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen
+gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im
+Schlosse sein. Und sie beschrieb, wie gestern so viele
+Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt
+gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten
+können. Von den verschwundenen Würsten sagte
+sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, auch von
+dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes
+Gewissen hatte.
+<!-- page 143 -->
+
+</p><p>Als die Försterin immerzu rief: &bdquo;Ein Gespenst, ein
+Gespenst muß im Schlosse sein!&ldquo; bekam es Kasperle mit
+dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor den Mund,
+um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend
+etwas tun mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen,
+schlenkerte er das linke Bein hin und her; er traf dabei
+einen der silbernen Becher, und der rasselte mit großem
+Getöse zu Boden.
+
+</p><p>Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog
+rief: &bdquo;Was war das, was war das?&ldquo; und die
+Försterin antwortete schluchzend: &bdquo;Das Gespenst, das
+Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Es muß alles genau untersucht werden,&ldquo; befahl der
+Herzog. &bdquo;Auch soll das Schloß ringsum bewacht werden.
+Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich
+das laute Rufen weiter im Schlosse fortsetzte, und er
+hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der Leibarzt müsse
+kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden.
+O heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte
+er sich vielleicht ins Bett, und das Kasperle war noch
+mehr gefangen.
+
+</p><p>Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett.
+Er war nämlich an diesem Tag zu früh aufgestanden,
+das war seine schlimmste Krankheit. Während der
+Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge
+herbeibrachte für den Herzog, saß nebenan Kasperle
+trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der Wurst
+<!-- page 144 -->
+herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war
+durstig geworden und sehnte sich nach dem schönen
+Quellwasser, das er mit Michele zusammen getrunken
+hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen,
+das winzige runde Fenster mit dem dichten
+Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch ging draußen
+der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze
+Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner,
+schmaler Lichtstreif in die Kammer, und Kasperle sah
+zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles
+Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter,
+tappte sich zu dem Loch hin und sah nun zu seinem
+großen Erstaunen durch die kleine Öffnung gerade in
+des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing
+innen in des Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen.
+In seinem Schwertknauf war das kleine Guckloch, und
+es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein
+neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der
+Leibarzt saß daneben, dabei noch zwei Herren. In dem
+einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, Rosemaries
+Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die
+in dem Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte
+davon dem Grafen, der erst später gekommen war. Kasperle
+spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er sich fester
+an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: &bdquo;Was
+raschelt da so?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das
+Gleichgewicht und purzelte mit ungeheurem Getöse von
+<!-- page 145 -->
+der Kiste herab. O jemine, gab das wieder einen Aufstand!
+&bdquo;Es ist nebenan,&ldquo; rief der Herzog, &bdquo;in dem Saal,
+schnell, schnell, man muß nachsehen!&ldquo;
+
+</p><p>Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in
+den großen Speisesaal, der an des Herzogs Zimmer
+grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer
+dick, und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den
+riesigen Schränken, die im Speisesaal standen, könnte
+die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden abgesucht,
+Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern,
+von einem raschelnden, purzelnden Gespenst war aber
+nichts zu sehen. Von der schmalen Kammer zwischen
+den Wänden ahnte niemand etwas.
+
+</p><p>Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel
+geworden. Als Kasperle endlich wagte, wieder durch
+das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog Kamillentee
+trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen:
+&bdquo;Wenn das Gespenst nur nicht das Kasperle ist!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?&ldquo;
+Der Herzog richtete sich erschrocken auf und machte solche
+böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink zusammenduckte.
+
+</p><p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte drüben der Diener, &bdquo;ein Landjäger
+hat erzählt, sie hätten vor einiger Zeit das Kasperle
+beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da wieder
+auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das
+Kasperle seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe,
+da ist es doch möglich, daß sich der kleine Kobold hier
+versteckt hat.&ldquo;
+<!-- page 146 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja,&ldquo; rief der Graf aufgeregt, &bdquo;so wird es sein!
+Sicher steckt dieser Unhold hier irgendwo im Schloß.&ldquo;
+
+</p><p>Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut
+möglich, beinahe möchte er an ein Gespenst glauben.
+
+</p><p>&bdquo;Mit Verlaub,&ldquo; sagte da der Haushofmeister, der
+eben eingetreten war, &bdquo;ein Gespenst frißt doch nicht die
+Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich noch
+nie von einem Gespenst gehört.&ldquo;
+
+</p><p>Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht
+gehört, und so etwas wäre dem Kasperle schon eher
+zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun erzählte,
+wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da
+befahl der Herzog streng: &bdquo;Man muß suchen, auf dem
+Boden, in den Kellern, überall, auch in den Schornsteinen,
+und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen
+hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich
+nicht schon ist. Das Kasperle, den Unhold, will ich
+aber streng bestrafen, wehe ihm!&ldquo;
+
+</p><p>Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl
+der kleine Unhold stecken könnte, daß niemand den
+tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach,
+es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt,
+und wer weiß, wie übel es ihm erging, wenn er
+entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs
+Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den
+Fußboden nieder, vielleicht konnte er seine Angst verschlafen.
+Und Kasperle schlief wirklich ein, und im
+Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie
+<!-- page 147 -->
+hatten sich müde gesucht, und schließlich sagten sie: &bdquo;Es
+ist sicher ein Gespenst, ja, und Gespenster findet man
+nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen
+Bett, um das Kasperle ihn sehr beneidete. Der Kleine
+wachte aber mitten in der Nacht auf, der Mond schien
+ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es.
+Hinter dem runden Fensterloch stand noch schief, aber
+glänzend der Mond und erleuchtete die winzige Kammer.
+Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt auf der Waldwiese!
+Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam,
+seufzte er recht tief und vernehmlich.
+
+</p><p>&bdquo;Johann,&ldquo; schrie nebenan der Herzog, &bdquo;hörst du, es
+hat geseufzt!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Jawohl, es hat geseufzt,&ldquo; antwortete der Diener
+verschlafen. &bdquo;Es ist doch ein Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder
+ein Gespenst sein sollte. Er seufzte noch einmal und
+noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man
+solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze.
+Flugs schwieg Kasperle wieder, weil aufs neue das
+halbe Schloß lebendig wurde. Diener kamen, der Haushofmeister
+kam, Kammerherren rannten herbei, und alle
+lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill,
+da wurde es auch drüben still, alle gingen wieder
+zu Bett.
+
+</p><p>Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als
+das Geseufze wieder anfing. &bdquo;Das Gespenst seufzt wieder!&ldquo;
+<!-- page 148 -->
+Der Herzog schrie, der Diener schrie, und wieder rannten
+alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle
+zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte
+die alte Kiste, an die er gestoßen war.
+
+</p><p>&bdquo;Das Gespenst, das Gespenst!&ldquo; Nebenan redeten
+viele Stimmen durcheinander, und Kasperle verhielt
+sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, man
+müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal
+jemand eingemauert worden, und der geistere nun
+herum.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist recht,&ldquo; antwortete der Herzog, &bdquo;man soll
+morgen gleich den Hofbaumeister holen.&ldquo;
+
+</p><p>O weh! Da verging dem Kasperle wieder der
+Übermut. Wenn der Hofbaumeister die Wände abklopfte,
+fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte
+ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts
+störte fortan den Herzog mehr. Dabei schlief Kasperle
+nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er beschloß,
+morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand
+er da einen Ausgang.
+
+</p><p>Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne
+Fensterloch in das Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle
+zur Flucht. Seinen letzten Wurstzipfel nahm er mit
+und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und
+klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte
+von dem Geräusch. Weil dann aber alles still blieb,
+dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach seiner
+Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er
+<!-- page 149 -->
+das schmale Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach
+lieber Himmel, er hätte auch lieber Schokolade getrunken,
+als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den
+schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete;
+feucht und kühl war es, und ein paarmal huschte etwas
+vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es mochten
+Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte
+das Echo wieder, und in der Küche ließ just in dem
+Augenblick die Köchin des Herzogs die Morgenschokolade
+fallen. &bdquo;O du meine Güte,&ldquo; schrie sie, &bdquo;nun
+geistert es hier auch, hört nur!&ldquo;
+
+</p><p>Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das
+Geächze vernommen, denn Kasperle war gerade unter
+der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der Gang
+zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal
+sah Kasperle es in der Ferne hell werden. Nun rannte
+er, so schnell er mit dem Geldsäcklein vorwärts kam,
+plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch.
+Er kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht
+weit davon lag das Schloß. Kasperle wollte weiterrennen,
+denn er dachte an die Wächter, die das Schloß
+bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum,
+und neben ihm schrie Michele: &bdquo;Endlich kommst du,
+endlich!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand
+und zog ihn mit fort, die Geißen folgten, und erst als
+alle weit drinnen im Walde waren, begann Kasperle
+seine Abenteuer zu erzählen. &bdquo;Da,&ldquo; sagte er stolz und
+<!-- page 150 -->
+hielt Michele den Geldbeutel hin, &bdquo;den habe ich dir
+mitgebracht.&ldquo;
+
+</p><p>Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der
+sah den Freund tief erschrocken an. &bdquo;Kasperle,&ldquo; sagte
+er leise, &bdquo;das Geld gehört dem Herzog; das &mdash; das &mdash;
+ist &mdash; gestohlen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä!&ldquo; Kasperle riß seine Augen weit auf. &bdquo;Ich
+hab&rsquo;s doch gefunden!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles,
+was drin ist, gehört dem Herzog!&ldquo; Michele war blutarm,
+und er wäre himmelgern lieber ein Geigenspieler
+statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den
+Beutel nicht an. &bdquo;Du mußt das Geld zurücktragen,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;es gehört dir nicht. Weißt du, schon die
+Würste zu nehmen war arg böse.&ldquo; Und Kasperle
+mochte sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.
+
+</p><p>Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich
+an und flüsterte leise: &bdquo;Du bist gut.&ldquo; Er ließ den Kopf
+hängen, denn er schämte sich, daß er nur ein unnützes
+Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner
+Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich
+es ihm war, noch einmal durch den langen, langen,
+finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er wolle es tun.
+
+</p><p>&bdquo;Gleich,&ldquo; riet Michele, &bdquo;ehe der Hofbaumeister die
+Türe findet.&ldquo; Er kramte aus seiner Tasche ein Stückchen
+Licht und eine Schachtel Streichhölzer heraus; auf den
+Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er
+die Herrlichkeiten hin.
+<!-- page 151 -->
+
+</p><p>Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in
+den unterirdischen Gang hinein. Innen zündete er das
+Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, er kam
+bis zur Treppe, und da &mdash; wurde das Kasperle wieder
+unnütz. Er schleuderte nämlich den Geldsack heftig
+gegen die Türe, der Herzog sollte noch einmal tüchtig
+erschrecken. Doch was war das, &mdash; die Türe ging auf!
+Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.
+
+</p><p>Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte
+Hals über Kopf die Treppe hinab, in den Gang hinein.
+Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es wieder
+anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es
+hell, er kroch durch das Gebüsch. Unweit davon weidete
+Michele seine Geißen. &bdquo;Ausreißen!&ldquo; rief Kasperle,
+&bdquo;ausreißen!&ldquo;
+
+</p><p>Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen.
+Er trieb seine Herde an, und die armen Geißen mußten
+wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen verging.
+Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die
+Freunde sich zuerst getroffen hatten, hielt Michele an.
+Kasperle sank ganz atemlos zu Boden, Michele brachte
+ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der
+kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte
+dabei Michele verlegen an. Was würde der sagen?
+
+</p><p>Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude
+an unnützen Streichen. Er lachte und meinte, der
+Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein gefreut,
+und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die
+<!-- page 152 -->
+geheime Schatzkammer sei. &bdquo;Aber nun hast du keinen
+Unterschlupf,&ldquo; fügte er traurig hinzu. &bdquo;Hier zwischen
+den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange drin
+hausen kannst du nicht. Und &mdash; und&ldquo; &mdash; Michele tat
+einen ganz tiefen Seufzer &mdash; &bdquo;was machst du, wenn ich
+nicht mehr komme?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen
+Mund weit auf. Michele wollte nicht mehr kommen!
+Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad,
+in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und
+Geißen aus dem Dorf für ein paar Wochen auf eine
+hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um alle Tage
+die Milch hinabzufahren.
+
+</p><p>&bdquo;Ich geh&rsquo; mit,&ldquo; schrie Kasperle, denn das Hausen
+auf der Bergwiese schien ihm lustig zu sein.
+
+</p><p>Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. &bdquo;Es geht
+nicht,&ldquo; sagte er ernsthaft, &bdquo;du mußt weiterwandern; hier
+finden sie dich. Bei uns ist auch schon ein Landjäger
+gewesen, um nach dir zu suchen.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das
+Weiterwandern machte ihm keinen Spaß mehr, und am
+liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! Doch
+wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr,
+zuviel war er kreuz und quer gelaufen, und Michele
+wußte es auch nicht. Der gab aber verständigen Rat.
+Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot
+herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin
+ihm geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine
+<!-- page 153 -->
+immer oben auf dem Bergrücken weiterwandern und
+ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das Fürstentum
+S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn
+der Herzog wohl nicht fangen lassen. &bdquo;Wenn du an
+einen blaugelben Grenzpfahl kommst,&ldquo; sagte Michele,
+&bdquo;dann bist du an der Grenze.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan
+sehr vernünftig zu sein. Er tat auch, wie Michele ihm
+geraten, kroch in die Felsenspalte, als der Freund mit
+seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die
+Nacht besser als im Gespensterkämmerlein.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-13"><span style="font-size:small">Dreizehntes Kapitel</span> <br /><br />Der bunte Garten
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die
+Türe geschleudert hatte, war dem Herzog gerade auf
+den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, da
+lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als
+hätte er das vom Kasperle gelernt. &bdquo;Das Gespenst,
+das Gespenst!&ldquo; brüllte er, und wieder rannte, wer das
+Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale
+Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen.
+Vielleicht saß das boshafte Gespenst noch irgendwo
+in der Ecke. Endlich kamen etliche Kammerherren,
+auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein,
+<!-- page 154 -->
+sahen die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und
+stiegen in den dunklen Gang hinab. Auf dem Flur
+drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten:
+&bdquo;Das Gespenst wird uns alle totmachen!&ldquo;
+
+</p><p>Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette,
+und der Leibarzt gab ihm Magentropfen und sagte,
+Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog aber
+noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren
+zurück; einer hielt einen Wurstzipfel in der Hand
+und sagte: &bdquo;Den muß das Gespenst verloren haben.
+Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es
+schon jemand Lebendiges gewesen sein.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das Kasperle war&rsquo;s,&ldquo; rief der Herzog. &bdquo;Ich glaube
+auch, ich habe es gesehen, als die Türe aufging.&ldquo;
+
+</p><p>Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle
+gewesen sein, denn ein Einbrecher hätte nicht mit dem
+Geldsack Fangeball gespielt, sondern den lieber mitgenommen.
+
+</p><p>&bdquo;Die ganze Gegend muß abgesucht werden,&ldquo; befahl
+der Herzog, &bdquo;irgendwo muß doch der kleine Kobold zu
+finden sein!&ldquo;
+
+</p><p>Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb,
+ging er dicht am Schloß vorbei. Er traf auch
+eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und
+das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen
+war. Dem Michele wurde das Herz schwer, und er
+konnte in der Nacht gar nicht ordentlich schlafen vor
+lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen
+<!-- page 155 -->
+seine Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten,
+es sei noch bald nachtschlafene Zeit. Als Michele am
+Schloß vorbeikam, sah das auch noch ganz verschlafen
+aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den
+Wald lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig
+drein und schrie Michele zu: &bdquo;Nimm heute deine Geißen
+in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und
+Hunden abgesucht.&ldquo;
+
+</p><p>Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen
+konnten nicht genug hopsen und springen. Michele trieb
+sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter lachte
+hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das
+Michele eilte! Der fand Kasperle noch in seiner Felsspalte
+sitzen, und aufgeregt erzählte er ihm die neue
+Gefahr. &bdquo;Bleib da drinnen,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich pflanze
+flink einen Busch davor, da sieht dich niemand.&ldquo;
+
+</p><p>Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub
+einen Busch aus, pflanzte den vor die kleine Höhle und
+machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang verdeckt
+wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So
+schwätzten sie zusammen.
+
+</p><p>Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im
+Walde, und gerade sagte Kasperle, nun wolle er ein
+bißchen herauskommen, als aus der Ferne her lautes
+Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den
+beiden Kameraden die Herzen arg, denn näher und
+näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der brummige
+Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde
+<!-- page 156 -->
+heraus. Als der Förster Michele so ruhig seine Geißen
+weiden sah, rief er nur hinauf: &bdquo;Ist hier jemand vorbeigekommen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä, niemand!&ldquo; schrie Michele, und er dachte mit
+heimlichem Lachen vergnügt bei sich: Nun sage ich es
+doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht vorbeigegangen!
+
+</p><p>Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich
+kam angesprungen, der roch am Boden des Kasperles
+Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien:
+&bdquo;Meine Geißen, meine Geißen!&ldquo; Da lockte Matthias
+den Hund zu sich, und Kasperle blieb unangefochten in
+seiner Felsspalte sitzen.
+
+</p><p>Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und
+wieder zog Michele mit seinen Geißen heim, und Kasperle
+blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an des
+Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin
+gelegen!
+
+</p><p>Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das
+war aber ein Abschiedstag. Michele kam mit dem
+Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus.
+Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen,
+und als das Michele scheiden mußte, da fing Kasperle
+bitterlich zu weinen an.
+
+</p><p>Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle
+heulte wie ein kleiner Gießbach, und zuletzt heulte
+Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle tat
+ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in
+die weite Welt gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch
+<!-- page 157 -->
+scheiden. Kasperle blieb allein in seinem Felsenloch
+sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim.
+Er ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe
+etliche Bäume um und ebenso das Schloß, wenigstens
+stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter
+rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: &bdquo;He, hier
+treibt sich ja ein fremder Bube herum!&ldquo; und es war
+gut, daß der brummige Matthias den kleinen Geißenhirten
+kannte. So entkam der und wurde nicht weiter
+nach dem Kasperle gefragt.
+
+</p><p>Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen
+mochte er gar nicht, und als der Mond aufging, der
+nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete sich
+Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er
+buckelte das Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch
+von sich gegeben hatte, und in dem das Brot steckte,
+nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten,
+und wanderte in die stille Nacht hinaus.
+
+</p><p>Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles
+Weg. Ganz einsam war der, nur einmal sah der kleine
+Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da dachte er
+an Micheles gute Lehren und machte einen weiten
+Bogen darum herum. Als es Tag wurde, suchte er
+sich tief im Wald einen verborgenen Platz, da lag er
+und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er
+auf und wanderte weiter.
+
+</p><p>Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam
+dahin, und sein Brot hatte er bis auf ein Schnitzchen
+<!-- page 158 -->
+aufgegessen. Endlich erblickte er in der Morgenfrühe
+einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal,
+sah er eine größere Stadt liegen. Er schlief nur ein
+paar Stunden an diesem Tage, zur Mittagszeit aß er
+seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal
+hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht
+hatte, und die Sonne hatte sich schon ihr schönes rotes
+Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an einem
+der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief
+nämlich noch eine uralte Mauer. Die hatte Tore und
+Türme, und von den kleinen Turmfenstern herab hingen
+rote Hängenelken, und Geranium blühte daran.
+
+</p><p>Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war,
+der erblickte etwas viel viel Schöneres. An der Stadtmauer
+außen lag ein großer Garten, in dem tausendfältig
+bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die
+schönen Malven die Wege, golden leuchteten Beete
+voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und Eisenhut,
+Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht
+nebeneinander. Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von
+der alten Stadtmauer herab, und Kasperle staunte die
+bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im Herzogsschloß
+sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen
+den Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum,
+der begoß sorgsam Pflanze um Pflanze. Er bückte
+sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte sie
+wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als
+würde ihm dies alles recht schwer. Und wie er gerade
+<!-- page 159 -->
+wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand auf einmal
+Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, &mdash; schwipp,
+schwapp, begann er mit einem großen Geplantsche zu
+gießen. Dazu lachte er über das ganze Gesicht, und
+der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine
+Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz
+gut. Er setzte sich auf eine Bank, und Kasperle goß
+den Garten; er meinte, eine vergnüglichere Arbeit habe
+er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem
+bunten Garten, in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes
+Haus stand. Und als Kasperle fertig war,
+setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner,
+blinkerte den zutraulich an und fragte: &bdquo;Darf ich bei
+dir bleiben?&ldquo;
+
+</p><p>Der Alte lachte. &bdquo;Du bist ja ein schnurriger Bube!&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Wer bist du denn? Woher kommst du?
+Wie heißt du?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es
+ihm wie beim Michele, er konnte seine Lügengeschichten
+nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ er den Kopf
+hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll
+Güte: &bdquo;Du bist wohl ausgerissen, Kleiner?&ldquo;
+
+</p><p>Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht,
+wer er war; er hatte zu große Angst vor den Menschen
+bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der
+Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich:
+&bdquo;Bleibe nur bei mir in meinem Garten! Morgen
+sagst du mir wohl, wer du bist.&ldquo;
+<!-- page 160 -->
+
+</p><p>Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot,
+und der alte Gärtner erzählte von seinen Blumen, wie
+die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde nicht müde
+zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen,
+und der Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen
+gehen; er zeigte ihm auch eine kleine Kammer, darin
+stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich
+nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem
+Boden geschlafen hatte. Durch das offene Fenster strömte
+der Duft der vielen, vielen Blumen in die Kammer,
+und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu
+klingen und zu tönen, eine wundersame Musik war es,
+und Kasperle wurde darüber hellwach. Er hatte noch nie
+etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik.
+Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen.
+Dicke, dicke Tränen liefen dem Kasperle über das Gesicht,
+er dachte an seine Verlassenheit, und eine große
+Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder.
+Immer lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt
+schlief Kasperle darüber ein.
+
+</p><p>Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der
+alte Gärtner weckte. &bdquo;Komm,&ldquo; sagte der, &bdquo;jetzt wollen
+wir wieder in den Garten gehen und gießen, damit die
+Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein
+heißer Tag heute werden.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er
+die Blumen. Manche brauchten viel Wasser, manche
+hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner sagte ihm
+<!-- page 161 -->
+das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann
+mußte Kasperle Beeren pflücken, die reif an den
+Büschen hingen. Er durfte auch davon essen, die
+andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar
+zierlich mit Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst
+pflückte Frühbirnen von einem Baum.
+
+</p><p>Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als
+etliche Frauen und Kinder kamen. Die kauften das
+Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat
+und allerlei Gemüse für die Küche. &bdquo;Ei, Ihr habt
+Euch ja einen Lehrburschen zugelegt!&ldquo; sagte die eine
+der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder aber
+starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und
+der, dem dies Angestaune gar nicht recht war, schnitt
+ihnen blitzschnell sein Räubergesicht.
+
+</p><p>Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg,
+doch sie kamen gleich wieder und bettelten: &bdquo;Mach&rsquo;s
+noch mal!&ldquo;
+
+</p><p>Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten
+Gesichter. Die Kinder jauchzten laut, und der alte
+Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. &bdquo;Ihr
+habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!&ldquo;
+sagten die Frauen. &bdquo;Wo habt Ihr denn den her?&ldquo;
+
+</p><p>Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar
+sonderbar vor, und als die Frauen und die Kinder
+endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen kleinen
+Gast: &bdquo;Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage
+doch, wo hast du deine Grimassen gelernt?&ldquo;
+<!-- page 162 -->
+
+</p><p>Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte
+ihm nun, wer er sei. Aber darüber wurde der Alte
+bitterböse: &bdquo;Schäme dich,&ldquo; rief er, &bdquo;einem alten Mann
+solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst
+du sein? Ei, mein Lebtag habe ich noch nicht gehört,
+daß ein Kasperle etwas anderes als eine Holzpuppe
+ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar
+nicht, wie er es dem erzürnten Gärtner erklären sollte,
+daß er wirklich ein Kasperle sei.
+
+</p><p>Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner
+junger Mann trat herein. Der schaute verwundert den
+Alten an und sagte: &bdquo;Was habt ihr denn, Meister
+Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten
+hören.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, Sie sind&rsquo;s, Herr Severin!&ldquo; rief der Gärtner.
+&bdquo;Nun hört einmal, was mir dieser Schelm, den ich
+gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für
+Lügengeschichten aufbindet!&ldquo; Er erzählte ärgerlich, was
+Kasperle ihm eben gesagt hatte, und Herr Severin
+blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit seinen schönen,
+dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig
+den Kopf. &bdquo;Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;es ist wirklich ein echtes, lebendiges Kasperle.
+Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und
+mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir
+einmal erzählt, irgendwo im Atlantischen Ozean
+liege eine winzige Insel, auf der die wunderschönsten
+<!-- page 163 -->
+Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles.
+Blieben sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber
+sonst würden sie leben und sterben wie wir Menschen.
+Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann könne er
+wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse
+immer ein kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes
+Kind müsse über ihn lachen.&ldquo;
+
+</p><p>Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm
+plötzlich ganz wind und weh zumute. Er fing bitterlich
+an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er vergessen,
+er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen,
+aber wie ein Traum war ihm der Gedanke
+an den blühenden Garten. Da sagte der fremde schöne
+Mann mitleidig: &bdquo;Du armes verlaufenes kleines Kasperle,
+du!&ldquo; Das klang beinahe wie gestern die Musik und
+tröstete Kasperle wundersam. Ganz leicht und froh
+wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.
+
+</p><p>Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den
+Kopf, die Kasperlegeschichte kam ihm zu sonderbar
+vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal erzählen,
+was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und
+seine Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und
+dann sagte Herr Severin: &bdquo;In einiger Zeit reise ich
+fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden,
+denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Und bis dahin bleibst du bei mir,&ldquo; sagte Meister
+Helmer. &bdquo;Ich will wohl achtgeben, daß dir nichts
+geschieht.&ldquo;
+<!-- page 164 -->
+
+</p><p>Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als
+Meister Helmer sagte: &bdquo;Geh, pflücke für Herrn Severin
+einen Strauß,&ldquo; da lief er eilig im Garten hin und her
+und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß.
+Der Gärtner und Herr Severin lachten, als sie ihn
+sahen, und Herr Severin sagte, dies sei ein so fröhlicher
+Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe.
+Dann ging er. Er wohnte dicht an dem schönen
+Garten in einem der alten Stadtmauertürme, und
+Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei
+ein gar großer Künstler. Wenn er ein Instrument
+spiele, bekomme es eine Seele. Und von weit her, aus
+fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle
+kommen, damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.
+
+</p><p>Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte
+nun, daß es Herr Severin gewesen war, der gestern
+Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich schon
+darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich
+schwebten am Abend die sanften Töne wieder über
+den blühenden Garten. Die Blumen dufteten, und
+Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem
+Hause und hatte alle Angst verloren, es könne ihm
+jemand etwas Böses antun.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer:
+&bdquo;Kasperle, heute ist Sonnabend, da kommen viele Leute
+und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde
+sie so bunt und lustig wie gestern den für Herrn
+Severin.&ldquo;
+<!-- page 165 -->
+
+</p><p>Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an
+Blumen zu schneiden, und er band sie so bunt überecks
+zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so
+Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und
+wie der Gärtner lachten auch die Leute, die kamen, um
+Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz griesgrämige
+alte Muhme lachte über das ganze Gesicht,
+als ihr Meister Helmer einen Strauß gab. &bdquo;So einen
+Strauß hab&rsquo; ich noch nie gesehen,&ldquo; rief sie; &bdquo;ei, da muß
+man ja lachen, ob man will oder nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte
+Kasperlesträuße haben, und alle lachten sie über den
+drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase im Garten
+herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich
+sagte der Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine
+Blumen mehr übrig. Aber staunend sah er, wie geschickt
+Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es schien,
+als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer,
+und als am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm,
+wie brav Kasperle sei.
+
+</p><p>Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber
+doch ein unnützer Schelm! Ein Kasperle muß eben
+kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle
+sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft
+hatten es bald heraus, was Kasperle für ein
+Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und schon
+nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu
+Meister Helmers Garten. Die Kinder standen am
+<!-- page 166 -->
+Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den Garten
+kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann
+schnitt Kasperle sein Räubergesicht, schaute wie ein
+dummer August drein oder machte gar eine Teufelsgrimasse.
+Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen,
+aber als Herr Severin das einmal sah, warnte er:
+&bdquo;Kasperle, Kasperle, du verrätst dich noch!&ldquo;
+
+</p><p>Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle
+himmelangst. Ein paar Buben riefen, ihm nämlich zu:
+&bdquo;Kasper, kommst du übermorgen mit auf den Jahrmarkt?
+Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so
+fein wie du!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden.
+Wenn das der Kasperlemann war, der ihn überall suchte!
+Ganz kläglich erzählte er Meister Helmer vom Jahrmarkt;
+da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.
+
+</p><p>Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise
+kamen gar keine Kinder. Kasperle half
+fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus,
+war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin,
+als Herr Severin in den Garten kam. Der trug einen
+großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, ging rasch
+in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er
+möchte ihm flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte
+er Kasperle, hielt den fest und zog ihn mit in
+die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten
+hin, öffnete ihn und sagte: &bdquo;Flink, flink, Kasperle, geh
+dahinein!&ldquo;
+<!-- page 167 -->
+
+</p><p>Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel
+hinter ihm zu, und Herr Severin setzte sich auf den
+Kasten und begann fein und lieblich auf seiner Geige
+zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem
+Geschrei rannten viele Kinder in das Haus hinein,
+ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar Wächter,
+und alle brüllten sie: &bdquo;Wo ist das Kasperle, wo ist das
+Kasperle. Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog
+verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist es?&ldquo;
+
+</p><p>Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister
+Helmer zu: &bdquo;Wir helfen ihm, daß er ausreißen kann.&ldquo;
+
+</p><p>Meister Helmer schaute sich verdutzt um. &bdquo;Kasperle
+war eben hier,&ldquo; murmelte er, und Herr Severin nickte
+und sagte auch: &bdquo;Er war eben hier.&ldquo; Dabei spielte er
+aber ruhig weiter und erzählte: &bdquo;Meister Helmer, ich
+verreise; da, ich habe schon meinen Koffer gepackt.
+Morgen ganz früh reise ich mit der ersten Post.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder
+nicht,&ldquo; schrie der Kasperlemann grob; &bdquo;das Kasperle
+müssen wir finden, es muß hier sein!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir suchen das Haus ab,&ldquo; riefen die Wächter
+streng und sahen Herrn Severin drohend an. Der nickte
+freundlich: &bdquo;Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber
+den Garten nicht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Zuletzt war er ja im Garten,&ldquo; sagte Meister
+Helmer, der das wirklich glaubte. Bei sich dachte er:
+Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da rasten
+Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten.
+<!-- page 168 -->
+Herr Severin nahm seinen Kasten auf den Rücken,
+seine Geige unter den Arm und sagte, Meister Helmer
+solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann
+ging er leise singend aus dem Haus, durchschritt den
+Garten, und niemand hielt ihn auf.
+
+</p><p>Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte
+selbst auf die Stadtmauer und überzeugte sich, ob
+Kasperle wohl da hätte ausreißen können. Und dann
+liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus
+hinein, kein Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten
+sogar ins Salzfaß, in Meister Helmers Kaffeetopf,
+Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann
+schrie und klagte: &bdquo;Er ist uns entwischt, weil wir alle
+ins Haus gerannt sind. O wie dumm, dumm, dumm!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden ihn schon fangen!&ldquo; trösteten die
+Wächter. &bdquo;Ah bah, papperlapapp, ein Kasperle kriegen
+wir schon!&ldquo;
+
+</p><p>Und dann fragten sie den guten Meister Helmer.
+Der mußte erzählen, wie Kasperle zu ihm gekommen
+war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen
+schrie der Kasperlemann: &bdquo;Entwischt, entwischt, dumm,
+dumm, dumm!&ldquo; und die Wächter riefen: &bdquo;Ah bah, papperlapapp,
+den fangen wir schon!&ldquo; Ein paar Buben aber
+brüllten plötzlich laut: &bdquo;Ausgerissen, hurra, ausgerissen,
+hurra!&ldquo; Und dann rannten sie auf die Straße und
+erfüllten die mit ihrem Gelärme. Sie erzählten es
+jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe
+seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und
+<!-- page 169 -->
+dabei habe er ein Kasperle gezeigt, das ganz genau so
+ausgesehen habe wie der kleine Gärtnerjunge, und er
+habe dabei gefragt: &bdquo;Habt ihr schon so einen flinken
+Kasper gesehen?&ldquo; Da hätten sie gerufen: &bdquo;Meister
+Helmers Lehrbursche sieht gerade so aus!&ldquo; Ja, und
+so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder die
+Straße entlang: &bdquo;Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein,
+ausgerissen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb.
+Je mehr die Buben brüllten, desto zorniger wurde er.
+&bdquo;Morgen hätte ich Graf sein können,&ldquo; schrie er, &bdquo;wenn
+dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder ausgerissen
+wäre. Dumm, dumm, dumm!&ldquo;
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-14"><span style="font-size:small">Vierzehntes Kapitel</span> <br /><br />Die Reise mit Herrn Severin
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin hatte inzwischen still den schwarzen
+Kasten in sein Turmzimmer hinaufgetragen, und oben
+hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz verstriezelt sah
+der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht
+und gesagt: &bdquo;Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal
+wärst du beinahe erwischt worden!&ldquo;
+
+</p><p>Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz
+laut, wenn er an das Gelärme dachte, das sich um ihn
+herum erhoben hatte.
+<!-- page 170 -->
+
+</p><p>Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute
+sich herzhaft, als er Kasperle unversehrt wiedersah, und
+er hätte ihn gern wieder zu sich genommen, aber er
+stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: &bdquo;Kasperle
+muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im
+schwarzen Kasten. Und nun, Kasperle, spitze deine
+Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun,
+wo es liegt, aber &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum
+schlagen wollen, als dies &bdquo;Aber&ldquo; ihn zurückhielt.
+Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und der
+sagte ernsthaft: &bdquo;Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig
+sein, denn wir kommen an allerlei Orte, wo
+man dich kennt. In Waldrast soll ich nach der Orgel
+schauen, und &mdash; auf Schloß Hirschsprung erwartet mich
+der Herzog. Da mußt du dann immer im Kasten
+bleiben und darfst keine dummen Streiche machen. Wirst
+du das können?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er
+treuherzig, er wolle ganz ungeheuer folgsam sein. Ja,
+und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder sehr
+lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß
+und nach Waldrast zu kommen, machte ihm
+großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich Rosemarie
+und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem
+Abend noch mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte
+er dem viel von den beiden, und der sagte: &bdquo;Nun, wer
+weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise
+<!-- page 171 -->
+trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!&ldquo;
+
+</p><p>Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht
+recht aufgegangen, mußte Kasperle in den schwarzen
+Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, denn
+Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch
+noch hinein, und Herr Severin meinte, schwer sei das
+Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. Dann ging
+es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer,
+und da ringsum kein Mensch zu sehen war, durfte
+Kasperle noch einmal aussteigen und noch einmal flink
+durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der
+Garten! Kasperle wurde das Herz schwer, als es an
+das Scheiden von Meister Helmer und seinen vielen
+Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch,
+gleich würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle
+kroch wieder in seinen Kasten, und da kam schon mit
+Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der
+schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin
+stieg in den Wagen, und heidi! fort ging die Reise.
+
+</p><p>&bdquo;Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,&ldquo; blies
+der Postillion, und rissel, rassel fuhr der Wagen ins
+Land hinein.
+
+</p><p>Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der
+Wagen. Die Gäste stiegen aus, und Herr Severin
+sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen,
+dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt,
+das ist aber ein Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin
+<!-- page 172 -->
+das Essen in einem besonderen Zimmer auftragen. Da
+spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus,
+schmauste mit, und nachher wunderte sich der Wirt über
+den gewaltigen Appetit, den der vornehme Herr gehabt
+hatte.
+
+</p><p>Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich
+kam ein Wirtshaus mit einem feuerroten Ochsen im
+Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und sagte
+dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der
+Herr sich aber gewaltig schleppen, denn Waldrast liege
+hoch in den Bergen, und der schwarze Kasten sei
+arg schwer.
+
+</p><p>&bdquo;Wird nicht so schlimm sein,&ldquo; meinte Herr Severin
+und schritt am roten Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg
+in den Wald hinein. Innen öffnete er den Kasten,
+und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie
+paßten beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber
+niemand begegnete ihnen auf dem Weg. Herr Severin
+spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer Schritt,
+und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den
+schwarzen Kasten, denn die Turmspitze von Waldrast
+wurde sichtbar.
+
+</p><p>Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn,
+er aber sah durch sein Guckloch allerlei, zuerst die Base
+Mummeline, die auf der Straße stand und auf ein
+paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe
+Schulhaus, er sah Herrn Habermus, der kam, den fremden
+Künstler zu begrüßen. Kasperle hörte die gute, freundliche
+<!-- page 173 -->
+Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend
+eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand
+guten Tag sagen durfte, und als Herr Severin etwas
+später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er Kasperle
+klitschnaß von Tränen.
+
+</p><p>Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte
+Kasperle, daß sie dicht neben dem Schulhaus wohnten.
+Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen drüben
+in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun,
+als die Base Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr
+da Kasperle zurück! Ganz böse sah er gleich aus, und
+Herr Severin hob warnend den Finger: &bdquo;Kasperle,
+Kasperle, mache keinen dummen Streich!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur
+die Base Mummeline nicht gewesen wäre! Aber allemal,
+wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie drüben.
+Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und
+ihre Kinder zu sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht
+nach ihnen.
+
+</p><p>Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen
+wollte, öffnete drüben die Base die Türe, und sie kam
+tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die Wirtin war
+ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war
+genau so neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink
+in den Kasten, und nach einem Weilchen kamen auch
+richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base
+Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle
+hörte sie sagen: &bdquo;Er hat alles in dem schwarzen Kasten.&ldquo;
+<!-- page 174 -->
+
+</p><p>&bdquo;Den machen wir auf,&ldquo; tuschelte die Wirtin, und
+schon fingerten die beiden Frauen an dem Kasten
+herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam
+den niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch;
+er dachte: Ich verjage sie. Er steckte den Kopf in sein
+Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich hinein,
+ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen
+beinahe um vor Schreck. &bdquo;Uhuhuuuh!&ldquo; tönte es, und die
+Base Mummeline jammerte: &bdquo;Er hat den Teufel drin!&ldquo;
+
+</p><p>Aber die Wirtin war beherzter. &bdquo;Das muß ich
+sehen,&ldquo; sagte sie und ging wieder auf den Kasten zu,
+aber noch war sie nicht dran, als die Türe aufgerissen
+wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte
+schon unten das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden
+Neugierigen erschraken arg, doch die Base Mummeline
+faßte sich schnell und rief ganz streng: &bdquo;Ihr habt einen
+Teufel im Kasten.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen
+hat!&ldquo; sagte Herr Severin lachend. &bdquo;Nehmt euch in
+acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall
+heraus.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Huch!&ldquo; kreischten die Frauen, und rumpel pumpel
+rasten sie hinaus, die Treppe hinab, und Kasperle platzte
+bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr Severin lachte
+mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen
+schon weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr
+schrecken, es könne ihm doch schlecht bekommen. Und
+am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das Zimmer.
+<!-- page 175 -->
+Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte,
+das Kasperle einschließen ist schon am sichersten. Aber
+auch am langweiligsten, dachte Kasperle. Der sah
+immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus,
+und als draußen alles still geworden war, hockte er sich
+auf das Fensterbrett und blickte sehnsüchtig nach dem
+Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal hineinsehen hätte
+er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker
+Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte,
+dann &mdash;. Aber da dachte er an Herrn Severins Verbot,
+auch lag unten ein Hund, und die Geschichte kam ihm
+etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel
+der Base Mummeline ins Zimmer werfen, das ging
+vielleicht doch; so platsch ins offene Fenster hinein,
+das wäre doch ganz spaßig!
+
+</p><p>Die Base wurde immer fuchswild über so etwas.
+Kasperle kicherte leise vor sich hin, griff in die Äste
+und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte er gut,
+und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der
+Base Stube hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah
+Kasperle nicht, aber ein arges Zetergeschrei hörte er;
+es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom Fensterbrett
+herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet.
+
+</p><p>Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es
+still. Im Schulhaus saß die Base Mummeline im
+Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum
+und trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und
+<!-- page 176 -->
+der dachte immerzu: Kasperle, du bist ein arger Schelm!
+Da war die Base in ihr Zimmer gekommen und hatte
+einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der
+Türe stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der
+Krug in Scherben, bums! flog ein großer Apfel an
+der Base recht große Nase, klirr! einer in den Spiegel,
+und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base
+sah Herrn Severin schief an und sagte, der Herr werde
+schon wissen, woher die Äpfel kämen; mit seinem
+schwarzen Kasten sei das nicht richtig.
+
+</p><p>Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte,
+die Base Mummeline möchte nur kommen, er wolle ihr
+schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon
+wollte die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr
+Zimmer und ging sehr geschwinde in ihr Bett. Sie
+kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun kein Holzapfel
+mehr in ihre Stube.
+
+</p><p>Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte
+darauf. Das klang fein und lieblich, und in Waldrast
+vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie lauschten
+dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte
+noch lang im Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am
+Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf den Spitzen der
+Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen
+Kasten von dannen.
+
+</p><p>&bdquo;Das war ein Schlimmer,&ldquo; sagte die Base Mummeline
+hinter ihm her, &bdquo;man müßte seinen Kasten untersuchen.&ldquo;
+Aber das glaubte ihr niemand, am wenigsten
+<!-- page 177 -->
+der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr
+Habermus fand die Geschichte mit den Holzäpfeln gar
+nicht wunderbar und gruselich, er sagte: &bdquo;So etwas
+und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben
+fertig. Wer weiß, wer es gewesen ist!&ldquo;
+
+</p><p>An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen
+vergnügt mit Herrn Severin den Weg entlang, den er
+vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde
+war es still, und niemand begegnete den Wanderern.
+Sie schliefen auch im Walde und gelangten endlich an
+des Micheles Hüteplatz. &bdquo;Michele ist nicht mehr da,&ldquo;
+sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch
+da. Der saß vor der Felsspalte und pfiff auf einer
+Flöte, die er sich selbst gemacht hatte. Seine Geißen
+weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle
+laut seine Stimme, und Michele sah sich um, als erwache
+er aus einem Traum. Und dann sprang er über
+Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er
+packte Kasperles Hände und drehte den Freund rundum.
+Er war ganz atemlos vor Freude und konnte erst
+gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr
+Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr
+Michele alles. Er selbst war geschwinde mit seiner Erzählung
+fertig, er sagte nur: &bdquo;Den Geißen schmeckt&rsquo;s
+hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das hat sich freilich gut getroffen.&ldquo; Herr Severin
+sagte es, während er sacht an seiner Geige herumstimmte;
+er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen Blick.
+<!-- page 178 -->
+
+</p><p>&bdquo;Da, nimm und spiel&rsquo; mir etwas vor!&ldquo; sagte er plötzlich
+und reichte dem Buben die Geige hin.
+
+</p><p>Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob,
+der im Dorf zum Tanz aufspielte, der hatte
+ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen
+lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen
+fremden Herrn. Der Bub wagte kaum, sie recht anzufassen,
+doch als er sie hielt, kam die Lust zu spielen über
+ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin.
+
+</p><p>Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte,
+wie Michele spielte. Herr Severin hörte aber still zu,
+und als Michele verlegen innehielt, sagte er: &bdquo;Im
+Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und
+dich mit mir nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche
+Jahre so viel geben, wie du als Geißenhirt verdienst,
+du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger
+braucht. Willst du?&ldquo;
+
+</p><p>Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle
+machten solche Freudensprünge, daß beinahe die Geißen
+neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen konnten.
+Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb
+das Michele so glückselig zurück, als säße es mitten auf
+der schönen Himmelswiese. Geiger sollte er werden,
+spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und
+das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich
+Kasperle, allein dem Kasperle! und er ahnte nicht, daß
+Herr Severin bei Kasperles Erzählung gedacht hatte:
+Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein
+<!-- page 179 -->
+zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der
+gefällt mir. Kann er geigen, dann will ich ihm helfen,
+ein rechter Künstler zu werden.
+
+</p><p>Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden
+Glück. Er wollte vor lauter Freude singen, aber da
+sagte Herr Severin geschwinde: &bdquo;Sei still, sei still, sonst
+fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei.
+Flink, krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir
+gar noch einen Jäger, der dich erkennt!&ldquo;
+
+</p><p>Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten,
+Herr Severin nahm ihn auf den Rücken, und er war
+heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein
+richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich
+nicht leicht!
+
+</p><p>Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen.
+Nur wunderten sich alle über den großen
+schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. &bdquo;Darin ist ein
+seltenes Spielwerk,&ldquo; sagte Herr Severin, &bdquo;das muß ich
+immer bei mir führen.&ldquo; Und er verschloß sorgsam das
+Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief ins Bett
+schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das
+war langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas
+herumgegeistert oder zugesehen, wie Herr Severin des
+Herzogs Spinett eine Seele gab.
+
+</p><p>Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das
+hatte er so gewollt, als sich sacht eine Türe auftat und
+ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging ganz, ganz
+leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der
+<!-- page 180 -->
+Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte:
+Sie sieht doch aus wie Rosemarie, von der das Kasperle
+erzählt hatte! Da ließ er das Spinett singen, und er
+selbst sang halblaut dazu:
+
+</p><p class="lyrics">
+&bdquo;Rosemarie, du kleine,<br />
+Rosemarie, du feine,<br />
+Einer hat mir aufgetragen,<br />
+Schönes Grüßlein dir zu sagen.<br />
+Trallallala, trallallala!<br />
+Rosemarie, du kleine,<br />
+Rosemarie, du feine,<br />
+Sage mir, ob du wohl weißt,<br />
+Wie der kleine Schelm doch heißt?&ldquo;
+
+
+</p><p class="noindent">&bdquo;Kasperle heißt er!&ldquo; klang es lieblich neben ihm.
+Rosemarie stand am Spinett und sah Herrn Severin
+mit ihren großen Augen fragend an: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du bist also wirklich Rosemarie,&ldquo; sagte Herr
+Severin. &bdquo;Kasperle kommt ins Waldhaus zurück, er
+geht wieder heim.&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit
+feinem Fingerlein auf das Spinett, da klang es wie:
+&bdquo;Grüße, Grüße, viele Grüße!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich werd&rsquo; es bestellen, und wenn du schweigen
+kannst, kleine Rosemarie, dann wirst du auch noch einmal
+das Kasperle sehen.&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie
+legte ihr Fingerlein fest auf den roten Mund, und dann
+huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand kam,
+im Nebenzimmer tönten Schritte.
+<!-- page 181 -->
+
+</p><p>Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das
+Spinett nun schon eine Seele habe, und dann wollte
+er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der Künstler
+im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war
+nämlich etwas neugierig, und er war ganz verdrießlich,
+als Herr Severin sagte, dies dürfe er nicht zeigen, dies
+Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen,
+es niemand zu zeigen.
+
+</p><p>Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und
+ging brummelnd davon. Herr Severin bekam Angst.
+Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so
+eine Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen
+Landjägern befahl: &bdquo;Macht mir den Kasten einmal auf!&ldquo;
+Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an vielen
+geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei
+lief ihm eine schwarze kleine Katze über den Weg.
+Halt, dachte er, die kommt mir zurecht, und er fing
+schnell das Kätzchen und nahm es mit.
+
+</p><p>In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie
+einer, dem die Pfingstfreude verregnet ist. Sein Gesicht
+wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm von
+Rosemarie erzählte. &bdquo;Gewiß hat der Herzog sie mit
+ihren Eltern eingeladen,&ldquo; sagte Kasperle.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen
+sein, wenn du nicht gar so unnütz und neugierig
+gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin
+kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.&ldquo; Und Herr
+Severin erzählte Kasperle von des Herzogs Verlangen.
+<!-- page 182 -->
+
+</p><p>Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor
+dem Herzog hatte er die allergrößte Angst. Er kroch
+flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr
+Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten.
+Kaum waren sie beide fertig, da kam ein Kammerherr,
+der sagte, er wolle dem fremden Geiger das Schloß
+zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen
+will er in den schwarzen Kasten sehen, dachte Herr
+Severin und lachte heimlich.
+
+</p><p>Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus
+dem Zimmer gegangen, als Kasperle Schritte hörte,
+Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs
+Befehl: &bdquo;Öffnet den Kasten!&ldquo;
+
+</p><p>Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin
+kein Guckloch hat! Er wollte versuchen, etwas zu sehen,
+und gerade war er bis ans Ofenloch gerutscht, als der
+Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend heraussprang.
+Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter,
+und ehe sie noch jemand fassen konnte, sprang sie zum
+offenen Fenster hinaus.
+
+</p><p>&bdquo;Prschiii!&ldquo; Kasperle war Ruß in die Nase gekommen,
+er mußte laut niesen. &bdquo;Hazzi, prschiii!&ldquo; Und
+puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin,
+und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte
+er aus dem Zimmer, und seine Diener rannten ihm
+nach. Sie dachten alle, die schwarze Wolke sei aus dem
+Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler
+sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch.
+<!-- page 183 -->
+
+</p><p>Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube
+zurückkehrte und die Bescherung sah. Das Kasperle
+sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er gefiel sich
+selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich
+waschen, da wurde er wieder blank und kroch vergnügt
+in seinen Kasten zurück. Danach ging Herr Severin
+zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare
+Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog
+seufzte sehr und bat Herrn Severin inständig, ihm
+abends noch etwas vorzuspielen.
+
+</p><p>Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es
+dürften keine Kinder dabei sein. &bdquo;Ach,&ldquo; rief der Herzog,
+&bdquo;die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die kleine
+Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Doch, sie stört, sie muß ins Bett,&ldquo; erklärte Herr
+Severin und tat ganz streng.
+
+</p><p>Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal
+kommen, um dem Spiel des fremden Künstlers zu lauschen.
+Aber alle Dienstboten standen hinter den Türen,
+und Herr Severin spielte so wundersam, daß der
+Herzog zu weinen anfing.
+
+</p><p>Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt
+mit Rosemarie zusammen in einer winzigen Stube neben
+Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und
+war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel
+es ausgezeichnet darin. Der gute Herr Severin hatte
+Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde.
+Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte,
+<!-- page 184 -->
+und dazwischen schmauste er Kuchen und Schokolade;
+dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. Rosemarie
+graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der
+erzählte, wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da
+weinte sie bittere Tränen. &bdquo;Du armes, armes Kasperle!&ldquo;
+sagte sie sanft; &bdquo;wie gut, daß du ins Waldhaus zurückkommst!&ldquo;
+Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig
+und schalt: &bdquo;Ei, du Unnütz du!&ldquo; Und alle, die Kasperle
+geholfen hatten, die Schullehrersleute, Meister Helmer
+und vor allem das Michele gewann Rosemarie gleich
+lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. &bdquo;Der muß
+auch mein Freund werden,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Und wenn er
+groß ist und so schön spielen kann wie Herr Severin,
+dann &mdash;&ldquo; &bdquo;heiratest du ihn,&ldquo; rief Kasperle. Und plötzlich
+rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht.
+&bdquo;Und ich bin dann immer noch ein Kasperle!&ldquo; klagte er.
+
+</p><p>Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er
+bis dahin seine Heimatinsel gefunden. &bdquo;Ich will auch
+suchen, wenn ich groß bin,&ldquo; versprach sie, &bdquo;und Michele
+soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.&ldquo;
+
+</p><p>Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte
+noch den letzten Rest Kuchen in seinen großen Mund,
+und dann erzählte er noch flink die Geschichte mit den
+Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis
+Herr Severin kam und sagte: &bdquo;Ei, flink ins Bett, Rosemarie
+du feine, es ist schon arg spät!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Auf Wiedersehen morgen!&ldquo; flüsterte Rosemarie
+noch, dann huschte sie zum Zimmer hinaus. Es merkte
+<!-- page 185 -->
+niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war.
+Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von
+Michele und von dem schönen, bunten Garten. Doch
+als sie aufwachte, da war Herr Severin mit seinem
+schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie
+konnte ihn nicht mehr sehen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-15"><span style="font-size:small">Fünfzehntes Kapitel</span> <br /><br />Wieder daheim im Waldhaus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin zog mit Kasperle wieder durch den
+Wald. Abwärts ging&rsquo;s, immer tiefer ins Tal hinein,
+bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe Postkutsche
+wieder erreichten. &bdquo;Trara, Trara!&ldquo; blies der Postillion,
+Herr Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen,
+und fort ging es in die Weite. Kasper schaute
+aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da sah er
+das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam
+der Weg, den er mit dem Grafen von Singerlingen
+gefahren war. Und weiter ging es, immer weiter.
+Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein
+langer Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian!
+Ein Dorf tauchte auf, es war Protzendorf.
+
+</p><p>&bdquo;Bis hierher geht es und nicht weiter,&ldquo; sagte der
+Postillion. &bdquo;Ja, die Protzendorfer sind fein geworden,
+zu denen fährt jetzt die Post.&ldquo; Da wurde der schwarze
+<!-- page 186 -->
+Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein
+Guckloch die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen.
+Seine einstigen Freunde Windgustel und Wassergustel
+stießen sich bald die Nasen daran. Und die
+Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt
+voran, arg enttäuscht, daß der fremde Herr nicht bleiben
+wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem Dorf, in dem
+die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es
+jedem gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich:
+Lieber nicht, dem Kasperle ist halt nicht zu trauen, und
+das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem
+Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen
+Kasten und wanderte weiter, und Kasperle konnte weder
+Florian einen Schabernack spielen, noch seine einstigen
+Freunde begrüßen.
+
+</p><p>Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus
+einen Fußweg, der führte durch den dichtesten Wald
+und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin
+ein. Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide
+wanderten fröhlich dem Waldhaus zu. Kasperle sprang
+wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich die Fiedel
+dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang
+der Nachtigall.
+
+</p><p>Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal
+eine liebe, warme Stimme: &bdquo;Ach lieber Gott, das ist
+ja Kasperle!&ldquo; Ganz tief im Grünen, unter einer uralten
+Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein
+Reh. Herr Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte
+<!-- page 187 -->
+mit einem so lauten Jubellaut Liebetraut zu, daß das
+Reh eilends entfloh. &bdquo;O Kasperle, du liebes, schlimmes
+Kasperle!&ldquo; sagte Liebetraut, &bdquo;wo kommst du her?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nicht böse sein!&ldquo; bettelte Kasperle und huschelte
+sich an Liebetraut an. Das schöne Mädchen lächelte,
+sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und sagte froh:
+&bdquo;Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer,
+du mein kleiner Liebling du!&ldquo;
+
+</p><p>Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen
+war, und Liebetraut lachte und weinte; dann sagte sie,
+der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen und
+habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei.
+Doch könne er hier nichts machen, gerade das Waldhaus
+liege an der Grenze, und der Fürst dieses Landes
+und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen.
+Hier dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber
+in Protzendorf wohne jetzt ein Landjäger, um aufzupassen,
+und Florian und Damian hätten gesagt, wenn
+sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen.
+
+</p><p>&bdquo;Komm,&ldquo; bettelte Kasperle ängstlich, &bdquo;wir wollen
+ins Waldhaus!&ldquo;
+
+</p><p>Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie
+dem Waldhaus zu. &bdquo;Jetzt kommt gleich die Grenze,&ldquo;
+sagte Liebetraut; &bdquo;Kasperle, schlupf&rsquo; flink in den Kasten,
+mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an
+der Grenze.&ldquo;
+
+</p><p>Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte
+den Herr Severin wieder zugeklappt, da trat wirklich
+<!-- page 188 -->
+ein Landjäger aus dem Gebüsch. &bdquo;Halt!&ldquo; schrie der,
+&bdquo;ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein
+Kasperle über die Grenze trägt.&ldquo;
+
+</p><p>Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen,
+wundersam klang es, dazu sagte er: &bdquo;Ich komme von
+des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir kein
+Kasperle geschenkt.&ldquo; Darüber mußte der Landjäger
+lachen, und weil er auch dachte: So ein feiner Mann,
+der so schön spielen kann, was hat der mit einem Kasperle
+zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen.
+&bdquo;Dies vermaledeite Kasperle!&ldquo; schalt er; &bdquo;seit Wochen
+suchen wir danach, mal ist es da, mal ist es dort, und
+nie fängt man es.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt
+nur gut auf, daß es Euch nicht an der Nase vorbeiläuft!&ldquo;
+sagte Herr Severin lustig.
+
+</p><p>&bdquo;Mir nicht!&ldquo; schrie der Landjäger; &bdquo;ha, ich bin ein
+ganz Schlauer, mir entwischt das Kasperle nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige
+zu spielen. Diesmal war es ein heiteres Stücklein, das
+sollte das Lachen übertönen, das aus dem schwarzen
+Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte
+aber nicht an sich halten. Er kicherte immerzu, und
+der Landjäger rief Herrn Severin noch nach: &bdquo;Ei, Herr,
+Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als lache
+Eure Geige!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!&ldquo;
+rief Herr Severin noch, und da lachte auch Liebetraut.
+<!-- page 189 -->
+Lachend schritten sie weiter, und auf einmal tauchte das
+Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das
+Kasperle wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da
+tat der einen lauten Freudenruf. Vor ihm lag das
+Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten
+Garten. Seine Fenster standen offen, und an einem
+der offenen Fenster saß Meister Friedolin und schnitzte.
+Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das Haus
+zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser
+vor Staunen. Je, was war denn das!
+
+</p><p>Kasperle war wieder da, das Kasperle!
+
+</p><p>Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne
+in der Hand, so schnell war sie vom Abendessenkochen
+weggelaufen.
+
+</p><p>Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen
+mußte er essen, und Herr Severin wurde genötigt,
+als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam
+das allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute
+ihm der Wald in die Stube hinein, und Herr Severin
+spielte darin bis spät in die Nacht so wunderschön,
+daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude
+weinte.
+
+</p><p>Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als
+er am nächsten Morgen aufwachte, stand Liebetraut an
+seinem Bette, die lachte ihn an und sagte: &bdquo;Kasperle,
+weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im
+Waldhaus!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett.
+<!-- page 190 -->
+Im Waldhaus, daheim! Nun wurde er nicht mehr
+verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie
+herrlich das war!
+
+</p><p>Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie
+dem Kasperle. Er mußte freilich nach einigen Wochen
+wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor fremden
+Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber
+er wollte wiederkommen, und dann wollte Liebetraut
+seine liebe Frau werden, und sie wollten alle mitsammen
+im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr
+Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach,
+das Michele!
+
+</p><p>Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude,
+wenn er daran dachte, daß Michele kommen würde.
+Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen
+lieben, lieben Kameraden.
+
+</p><p>&bdquo;Denkst du noch an das Fortlaufen?&ldquo; fragte ihn
+Liebetraut manchmal. Da schüttelte er immer heftig den
+Kopf und schrie: &bdquo;Nein, nein, nein, ich will immer,
+immer im Waldhaus bleiben!&ldquo;
+
+</p><p>Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze
+zu laufen, und als nach etlichen Wochen der Kasperlemann
+wieder erschien, da kroch Kasperle in das Bett
+und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der
+Kasperlemann merkte doch, daß Kasperle wieder daheim
+war; er schnüffelte im Hause herum, doch Liebetraut
+hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den
+Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann
+<!-- page 191 -->
+abziehen, und Kasperle blieb im Waldhaus. Er ließ
+sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage später ein
+Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge
+versprach und ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen
+Kasten tragen. O nein, Kasperle war draußen in der
+Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen!
+Und der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel
+er wollte, Kasperle bekam er doch nicht.
+
+</p><p>Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im
+Waldhaus gab es eine stille, fröhliche Hochzeit. Und
+dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute
+Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit.
+Da gab es ein frohes Wiedersehen, und als Herr
+Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste, sagte
+er: &bdquo;Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber
+ich hätte dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen.
+Freilich, im Waldhaus hast du es am allerbesten.&ldquo;
+
+</p><p>Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei
+es so schön wie im Waldhaus; nur vielleicht auf der
+Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand
+wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles
+eigentliche Heimat.
+
+
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:small">
+Die ferneren<br />
+Schicksale und Abenteuer<br />
+Kasperles und seiner Freunde<br />
+Rosemarie und Michele finden die Leser in<br />
+den Bänden &bdquo;Kasperle auf Burg Himmelhoch&ldquo; und &bdquo;Kasperls<br />
+Abenteuer in der Stadt&ldquo; erzählt (Verlag Levy &amp; Müller, Stuttgart).
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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