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diff --git a/36813-8.txt b/36813-8.txt new file mode 100644 index 0000000..83ac340 --- /dev/null +++ b/36813-8.txt @@ -0,0 +1,5059 @@ +The Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Kasperle auf Reisen + +Author: Josephine Siebe + +Illustrator: Karl Purrmann + +Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + + +Kasperle auf Reisen + +Eine lustige Geschichte +von +Josephine Siebe + +Mit vier farbigen Vollbildern von _Karl Purrmann_ + +Vierte Auflage + + + + +Verlag von Levy & Müller in Stuttgart + + + +Nachdruck verboten +Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten +Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart + + + + +Inhalt + +Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus +Zweites Kapitel. Der alte Schrank +Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah +Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf +Fünftes Kapitel. Gänse hüten +Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß +Siebentes Kapitel. Rosemarie +Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus +Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule +Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr +Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer +Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst +Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten +Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin +Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus + + + + + + + + +Erstes Kapitel + +In Meister Friedolins Haus + +Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie +alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein +paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum +groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann +waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom +uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land. + +Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im +Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten. +Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den +Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus +Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder +aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein +Holzschnitzer, der gar wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. +»Kasperleschnitzer« hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen +lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die +Puppen an. Da saß manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im +Waldhäuschen, und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft gelaufen, +sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine +Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut, +des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Dörfer +gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mädchen war mit allen Kindern +gut Freund. Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im +Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den +Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen. +Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr +schwer, doch die wurden in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite +Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück. + +In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der +Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den +Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war +sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich +glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt +waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und +vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie -- ei Potzwetter! +Frau Annettchen und Liebetraut wußten für die Kittelchen und Mützchen immer +wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen +heraus. + +Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab's +nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister +Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner +Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und +Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen +erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: »So schön wie bei uns ist +es nirgends.« + +Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen, +wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines +Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: »Hier, Frau, das habe ich draußen +auf der Straße gefunden.« Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei +große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: »O so ein +liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!« Und beim Behalten +war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine +Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen +Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das +war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein hübsches, großes +Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude +hatten. + + +Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt. +Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte +oft: »Schade, daß sie nicht lebendig sind!« Und wie sie das einmal wieder +sagte, an einem rechten Wintertag war es, -- draußen schneite es in großen +Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste +der Sturm -- da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: »Einen +lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.« + +Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz +ernsthaft: »Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du +weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und +hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren +geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den +Hausrat.« + +»Wie die Uhr,« rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte +Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab's Bäume und +Blumen und allerlei Getier des Waldes. + +Der Meister Friedolin nickte. »Ja freilich,« sagte er, »die Uhr hat mein +Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war +ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn +auch manchmal über Land gegangen und hat da und dort wochenlang gearbeitet; +auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei +das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem +Waldhaus. + +Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er +solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der +Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei +Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten +jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber +hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde +ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es +an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich +geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein +sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er +ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen +ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume +schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp -- schwapp hat er das +Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer +Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht +Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und +einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze +getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu hat der kleine Kerl ein +ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte +er's schon fünfzig Jahre auf dem Leibe. + +>Wer bist denn du?< hat mein Ahn gefragt. + +Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum +Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar +festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein +echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er +bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein +uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen +gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben +in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines +schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe, +sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt +herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf +Messen und Märkten sein Wesen getrieben. + +Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes +Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz +gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele +Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu +schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten +Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut geraten. Bald +wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein +Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes +Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es +dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn +ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.« + +Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: »Aber das +Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?« + +Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. »Ja, wenn ich +das wüßte!« brummelte er. »Mein Großvater selig hat's noch gewußt; aber der +ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein +ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein +Großvater soll's einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und +wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab' das +Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.« + +»O wie schade!« rief Liebetraut. »Wie wäre das lustig und vergnüglich, +hätten wir ein richtiges Kasperle hier!« + +Der Meister schmunzelte. »Das glaube ich wohl, du Tollkopf,« sagte er, »das +könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im +Häuschen herum!« + +»Jetzt kommt er schon wieder!« unterbrach auf einmal Frau Annettchen das +Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der +Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem +Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem +Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er +in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr +freundlich »guten Tag« hinein. + +Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die +sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes +Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er +setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden +Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen +Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau +Annettchen ganz laut und streng: »Unsere alten Schränke kriegen Sie aber +doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und +gerückt, solange mein Mann und ich leben.« + +»Na, na, na!« brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus +wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat. + +»Gelt, Friedolin,« rief Frau Annettchen, »unsere Schränke kriegt Herr +Pumpel nicht?« + +»I wo!« Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich hab' einmal nein +gesagt, und dabei bleibt's.« + +Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach +ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt +wieder davon. + +Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe +herein und fragte froh: »Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten +Schränke gewollt?« + +Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens +von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen +Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte +Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin +auch nein. + +Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie +waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner +besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden +und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren +kommen, wie er wollte. + +»Gut, daß er wieder weg ist,« rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen +dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes +Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: »Vater Friedolin, +erzähl' noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.« + +Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und +Liebetraut nähten, und alle drei fanden wieder einmal, nirgends auf der +ganzen Welt könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen. + + + + +Zweites Kapitel + +Der alte Schrank + +Herr Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte sich gewaltig, daß er +die alten Schränke nicht hatte haben können. Er brummte und schalt darob so +viel, daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schränken hat? +Immer wieder fährt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes +damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fährt +doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer solchen Kälte in den Wald. + +Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf +einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da +schmolz der Schnee und lief davon -- heidi, weg war er! Um das Waldhäuschen +sauste und brauste es mächtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz +dem Sturm immer wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und +rief jubelnd: »Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er kommt bald.« Und +dann patschte sie einmal draußen im feuchten Walde herum, und als sie +wiederkam, brachte sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen +mit. + +Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es, +denn auf den Frühling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal +ließ sich der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er +kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: »Nun +heizen wir nicht mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.« Da wurden alle +Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei großen +Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich +war es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. Damit +füllte sie lauter bunte Töpfchen, und wenn die Kinder aus Schönau und +Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im +Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären am liebsten gleich drin +geblieben. + +An einem dieser schönen Frühlingstage war es, da saß der Meister Friedolin +noch fleißiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten +Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren +mußte er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit +war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich +ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frühling redete, brummelte +er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem +Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe +hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und krachte, just als wollte sie +etwas aus vergangenen Zeiten erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des +oberen Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das waren die, +welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schränken wurde +seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner +Kasperleschnitzerei brauchte. + +An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine +Flurfenster; die beiden Schränke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. +Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst den einen +Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf. +Weil es gerade so hell war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum. +Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in +dem einen Schrank auf, daß auf der einen Seite ein Spältchen offen war. Na +nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er +schob, zog ein bißchen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein +auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen +Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß wie ein sieben- bis +achtjähriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister +schüttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich +aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie +so anfaßte, war es ihm, als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink +auf die Erde und sah sich das Ding an. »Nein, so etwas!« rief er. »Das ist +ja wirklich ein Kasperle!« + + +Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schütteln und +zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke +Staubwolke ging von ihm aus. + +»Hatzi -- hatzi -- hatzi!« Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl +nieste, und Frau Annettchen, die das unten hörte, rief: »Friedolin, du +kriegst wohl einen Schnupfen?« + +Die Stimme von unten schien das Männlein aus dem Schranke ganz munter zu +machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops -- hallo! lief es die +Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge höchlichst verwundert +nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklären. Und niesen mußte er +immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das +kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein. + +Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade +mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. »O +du meine Güte,« rief Frau Annettchen, »was ist denn das für ein Popanz!« + +Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um, +schüttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. »Hatzi, +hatzi!« nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister +Friedolin kam niesend in die Stube. »Hallo, da ist das Ding!« rief er und +packte den wunderlichen Gesellen. »Jemine, das sieht ja beinahe wie ein +Kasperle aus!« + +»Ich bin doch Kasperle!« sagte der Kleine kläglich. »Wo ist denn die Madame +Erdmute und der Meister Ephraim?« + +»Was schwätzt du da?« Meister Friedolin schlug sich plötzlich mit der Hand +vor die Stirn. »Das waren ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich +glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,« -- er schüttelte den +Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, -- »besinne dich mal: wie bist du +denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?« + +»Ich hab' doch geschlafen!« Der Kleine gähnte laut. Und auf einmal fing es +in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die +Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. »Oh, oh, oh,« jammerte er, »ich +hab' solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.« + +»Um Himmels willen,« schrie Frau Annettchen, »der stirbt ja noch vor +Hunger! Wer weiß, wie lange der nichts gegessen hat!« + +»Kann sein bald hundert Jahre,« murmelte Meister Friedolin. »Nu, nu, das +ist doch nicht möglich, daß der so lange im Schranke gesteckt hat!« + +»Hunger, au, au, ich hab' so schrecklichen Hunger!« schrie der kleine Gast, +und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Küche +und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, und alles +stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen Mund. Er schluckte und +schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und +sehr vergnügt rief: »Ich kann nicht mehr!« + +»Na, das ist ein Glück!« sagte Meister Friedolin. »So eine Esserei hab' ich +mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du --« + +»Kasperle heiß ich,« rief der Kleine. + +»Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?« + +Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er, +schüttelte sich wieder und murmelte: »Ich weiß nicht.« + +»Aber besinn dich doch,« mahnte der Meister, »du mußt es doch wissen!« + +Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich +erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: »Die hat der Meister +gemacht.« + +Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun +wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie +war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre +geschlafen? + +»Besinn dich doch!« sagte Meister Friedolin. + +»Ich weiß nicht.« Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge +Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. »Ich weiß +nicht,« sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder schüttelte er sich +heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab. + +Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: »Da steht +etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!« + +Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und +las: »Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es +aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann +Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk +gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande +Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf +sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es +ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird. +Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der +Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den +Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie +seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in +fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb +war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis +wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das +Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle +sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam hüten, denn das Kasperle +bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, +und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer +wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.« + +»Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,« sagte Meister +Friedolin, als er fertig gelesen hatte. »Und nun weiß ich auch, warum der +Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das +echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.« + +»Ein Wunder, wirklich ein Wunder!« Frau Annettchen war die Geschichte +ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite +an. + +Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen +betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen +Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: »Ein +neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.« + +Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren +Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und +bettelte: »Näh' mir gleich 'nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.« + +Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte +schnell: »Immer folgen und auch nicht ausreißen?« + +»Nein, nicht ausreißen,« versprach Kasperle treuherzig. + +»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des Kleinen Hand +fest, und der nickte wieder und beteuerte: »Ich reiße nicht aus, aber -- +ich will auch nicht mehr in den Schrank.« + +»I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!« sagte Meister Friedolin. Der +hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er +schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut +emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen. +Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins +Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen! + +Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je +mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß +es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen +hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das +Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken +Zinntellern Fangeball zu spielen. + +»Warte, du Irrwisch!« schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen +Seufzer. »I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!« + +Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er. +Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte +und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er +kroch in alle Ecken, und fand er ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er +ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er +freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er +wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame +Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar +zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: +»Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz +scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!« + +Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. »Ich will nicht schlafen gehen, ich +will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und +bin nicht mehr müde.« + +»Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich +ausgeschlafen haben!« sagte der Meister. »Kasperle mag aufbleiben.« + +»Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft +anrichten! Das geht nicht,« meinte Mutter Annettchen. + +»Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.« Liebetraut +war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen. + +Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte +ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre +das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not. + +So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und +das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische, +Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine +Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. »Mach' einen +Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,« bettelte er. + +»Warum denn?« Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein +wenig die Augen zu und brummelte: »Es brauchen doch nicht alle zu sehen, +daß ich ein Kasperle bin!« + +»O Kasperle,« rief Liebetraut, »ich merke es schon, du denkst ans +Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten +Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke +kommen alle darauf.« + +Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte: +»Denk' an dein Versprechen!« da hing er die Nase und wurde still. Er sah +gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: »Erzähle mir +was, Kasperle!« + +»Erzähle du mir was, Liebetraut!« rief Kasperle. »Ach bitte, bitte, bitte, +Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!« + +»Na, dann paß' auf!« sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe +Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen +Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und +erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle: +»Mehr, mehr!« + +Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da +ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war +eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer +neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen, +das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte +es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den +letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein. +»Aber Mädchen,« rief diese, »die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --« + +»Kasperle ist eingeschlafen,« sagte Liebetraut, sie hob das fertige +Kittelchen hoch, »und ich bin fertig.« + +»Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!« Mutter +Annettchen lachte. »Ich hatte schon Angst,« redete sie weiter, »er würde +nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann +wirklich in den Schrank sperren müssen.« + +»Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,« schrie Kasperle +erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken +schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da +purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an +den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: »Uff! Na, man merkt, daß +ein Kasperle im Hause ist!« + + + + +Drittes Kapitel + +Was am Waldsee geschah + +Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon +mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr. + +Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er +irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den +Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann +wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, +oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken +überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich +stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte +und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid. + +Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze +kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach +immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die +nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und +Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an +dem unnützen Schelm. + +Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert +Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald +gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und +mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt +durchstreifen könnte. + +Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag: +»Denk' an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte +bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder +es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre. + +Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach +Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht +vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum, +alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle +recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war +es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es +mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde +recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum +Meister!« + +Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte +hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine +neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfählen +aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin +hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt. + +»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe +an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war. + +»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch, +geh, du hast hier nichts zu suchen!« + +Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er +lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann +gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und +ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar +gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise, +und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig +davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor +sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg +er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei +bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in +ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten +höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit +hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den +Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei +entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er, +das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke +und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner +Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er +kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke +heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten +ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er +hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf +er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen. + +Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie +Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und +tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen +nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später, +als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte +der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein +schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es +zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte +der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht +nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein +Zeug ordentlich beisammen.« + +Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht +anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen +solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei, +drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und +wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im +Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor +Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im +Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und +wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster, +der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle; +er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu +stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er +einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen +hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif +und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen. + +»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es +ist euch wohl nicht warm genug?« + +Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher! +und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste +Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei +Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu +erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich +heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare +gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte +Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen +versteckt?« + +»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster +treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. +Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu +behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: +»Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?« + +»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet. + +Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald +laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren +Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink +heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen +genommen haben.« + +»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr +kläglich. + +War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause +waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt +hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An +seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging +es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens +lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der +Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne +Jacke, und Christophel ging zum Trost mit. + +Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr +Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch +wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die +holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für +Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein +Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl +zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen +Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und +Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!« + +Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem +Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau +Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und +Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack +gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.« + +Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen +war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten +Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur +hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom +Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und +die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch +und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle +Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel +hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten +sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die +sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer +es gewesen sein könnte. + +Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und +wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich +um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei +sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen +sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, +und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber +Kasperle, was machst du hier?« + +Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur +Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein +wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem +war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben +ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht +stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel +vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. +Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu: +»Wo ist Kasperle?« + +»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen +richtete. + +Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte +Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle +fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!« + +Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte +das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen +und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab +keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald +hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein +Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel +schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden +Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!« + +Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als +er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, +und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie +dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm +gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. +Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren +schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum +hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!« + + + + +Viertes Kapitel + +In Protzendorf beim Bauer Strohkopf + +Wo aber war das Kasperle hingelaufen? + +Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, +froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles +Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite +Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau +und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus +einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den +Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch +wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude +über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu +schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe +wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein großer Stein +auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein +Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte +nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. +Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig +sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer +Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen. + +Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch +fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, +und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen +Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und +dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte +zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und +trabte dann ins Dorf hinein. + +Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, +hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war +so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, +ihn den »faulen Matthias« nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben +sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein +Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen +Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte. + +Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen +Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief +herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, +und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der +halbe Teller leergegessen. + +Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht +widerfahren. »Du Frechdachs!« schrie er, hob seine dicke Hand und wollte +Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und +Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. »Ich +hatt' so argen Hunger!« klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches +verschmitztes Gesicht, daß »der faule Matthias« trotz seinem Ärger lachen +mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie +gesehen. »Woher kommst du denn?« schrie er ihn an. + +Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und +klagte: »Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab' +niemand mehr auf der weiten Welt.« + +Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer +ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: »Das ist noch kein Grund, um andern +den Kuchen wegzufressen,« aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle +näherkommen. + +Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er +nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen +glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte +gnädig: »Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht +nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich +meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der +reiche Strohkopf dich aufnimmt?« + +Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn +was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht +nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer +als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch +mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem +Hause kam, rief er dem zu: »Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, +nimm ihn mit!« + +Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er +dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und +schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er +zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: »Da!« schob Kasperle +hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, +dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit. + +Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine weißen und grauen Schützlinge +umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht. +In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre +Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu +fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch +nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem +Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle +wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des +Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und +Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des +Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die +erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte. +Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich +an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag +Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die +Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war +doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins +Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte, +die Gänse schnatterten lauter und lauter, -- es war ein Höllenlärm. + +»Jemine, was ist im Gänsestall los?« rief draußen auf dem Hof die Magd +Karline. Sie dachte: Es ist vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und +rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das +schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich +weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. »Ein Kobold, +ein Kobold ist im Gänsestall!« schrie sie draußen. + +Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an, +Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das +schreiende Kasperle heraus. + +»Herrje, was ist das?« rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf +zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. »Wie der aussieht!« +sagte sie. + +»Ein Kobold ist's, ein Popanz!« kreischte Karline. + +»Nä, unser neuer Gänsejunge ist's, und jetzt kriegt er Haue,« brummte +Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es +nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte +ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und +wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde +durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian +aber zeigte nur auf den Stall. »Nachsehen!« brummte er. Und klitsch +klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die +Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. »Du zerschlägst ihn ja ganz!« +schalt sie. + +»Der hat's verdient!« knurrte Florian. + +»Ja zum Kuckuck, der hat's verdient!« schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte +inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er +wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest, +ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder +sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, +legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus. +Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst +Florian grinste. + +Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so +betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; +die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es +sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ +die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins +Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich +auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein +so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich +wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf, +und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer! + +Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten +am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen Florian, +dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig +gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines +recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da +blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen +Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul +lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen +Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male +lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und +kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an, +Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und +kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam +Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte +ein paarmal: »Hör' auf, lach' dich nicht krank!« Aber dann lachte sie +selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und +Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel +und rief: »Jetzt ist's genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!« +Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine +Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für +ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er +kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: »Morgen mußt du +Gänse hüten.« + +»Rrrrrrrrr!« Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf +einmal? »Rrrrr!« klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue +Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. »Dummheit ist's,« +brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln +und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: +»Rrrrr! Rrrrr!« + +»Hol' ihn der Fuchs! Mit dem ist's nicht richtig,« knurrte Florian. Und er +verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und +dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen +können. + + + + +Fünftes Kapitel + +Gänse hüten + +Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als +Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, +goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun +freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem +bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu +fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte +ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine +schnatternden Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten. +Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: »Geh, hüt'! Kannst +mit dem Schäfer gehen!« + +Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger +als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur »Damian ohne +Maul«. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er +winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf +hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß +Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das +gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da +folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu +laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem +Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und +zeigte auch hin. Da wurde »Damian ohne Maul« fuchswild. Nun mußte er am +frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! »Dort bleiben!« +brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts, +und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig +übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht +folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er +fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses +Gesicht. Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine +hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie +meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle +meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm +hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann +die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die +guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder +rundum jagte sie ihr Hirte. + +Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas +vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde +immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie, +und weiter ging es, immer rundum, rundum. + +»Damian ohne Maul« pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu +kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein +Bruder ihm gesagt hatte: »Paß auf!« Und da er nicht allzuweit seine Schafe +weidete, ging er einmal nachsehen. + +Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum, +die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen +wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden! + +Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da +packte ihn jemand am Hosenboden. Und »Damian ohne Maul« hielt sich nicht +mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle spürte +das sehr genau, er schrie mörderlich, und die Gänse schauten mit weit +offenen Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar übel! Wenn die +älteste Gans hätte reden können, sie hätte jetzt gewiß das Sprüchlein +gesagt: + + »Was du nicht willst, daß man dir tu', + Das füg' auch keinem andern zu!« + + +Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle +herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich, +als »Damian ohne Maul« ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber +so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet +hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse +alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging +darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er +hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde +bald weiter in die Welt hineinlaufen. + +In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des +Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu +sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller +und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur +Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute +Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich manchmal, der eine schalt +auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel +machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun +gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wußte der Späße und Dummheiten, die +sie noch nicht kannten. + +Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn +anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und +Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen +ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten +in seine Gänse hinein. + +Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los. +Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel +fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel +dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden! + +Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren, +und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr +vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden, +obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten +sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und +Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher Sauertopf sein +wie »Damian ohne Maul«, um nicht zu lachen, doch Windgustel und +Wassergustel waren keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie +auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte ihnen nämlich +von dem Schäfer, und da sagten die beiden Unnützlinge, das sei von dem grob +gewesen, und das mit den Gänsen sei fein. »Mach's noch mal!« bat +Windgustel. + +»Erst nachsehen, wo der Damian ist,« rief Wassergustel. Er sprang auf, sah +nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den +Kameraden: »Er schläft.« + +Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern +dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die +Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun +wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen +weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht. + +Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was +sie ihm wohl antun könnten. + +»Einen Frosch aufs Gesicht setzen,« schlug Windgustel vor. + +»Ihm die Knöpfe abschneiden,« sagte Wassergustel. + +Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich +einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, +gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter +Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als +plötzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem +Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn. + +Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang +hinab, weg waren sie! und als »Damian ohne Maul« erwachte, sah er sich +erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend +gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem +Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging +nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am +Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger +Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah +alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um. + +An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer +Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, +vielleicht wird's mit ihm! Nur -- sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann +sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein +schlimmes Zeichen. + +Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm +morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie +dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall. +Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er +dachte: Ein Gänsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen +Feiertag; Feiertagskuchen ist genug. + +Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon +Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den +schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus, +und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs +den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer. +Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! +Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen +Beinen durch, und plumps! lag »Damian ohne Maul«, so lang er war, im +Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick +kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war. +Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein +abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an +einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe +von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt +hinein. Gänsejunge sein hatte er satt. + +Doch »Damian ohne Maul« war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von +weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere +Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er mochte flink +Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn +doch. Er sprang eine Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang. +Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam näher und näher, doch +da zur rechten Zeit rollte ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor +gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, und Kasperle +besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem +Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es +schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen. + +Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück +hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, -- weg waren +Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die +mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging's heim, und auf dem +Hofe rief »Damian ohne Maul« zornig: »Ausgerissen!« + +»Wer? Ein Schaf?« fragte der Bauer, der das gerade hörte. + +»Nein!« Damian schüttelte den Kopf. »Kasper!« + +»Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?« Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie +war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! »Warum +denn?« fragte er. »Erzähl' doch!« + +Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für +Damian. Er schüttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte +heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in +sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag. + +Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von +dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian +sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das +Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde +bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im +Dorf, »Damian ohne Maul« habe den armen kleinen Waisenjungen gar so +schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht. + +Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich +feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein +angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein +Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem +größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es. +Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten +gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen, +staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der +Bauer Strohkopf: »Das ist ja mein Gänsejunge!« + + +Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der +Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine +Gesichter schnitt. + +Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien +Windgustel und Wassergustel: »Das ist er auch!« Genau so bitterböse hatte +Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar, +alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer +aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er +kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte +von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von +dem ausgerissenen Gänsejungen. + +Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! »Er ist's, er ist's!« schrie +er laut. »Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, +sagt's!« Der Kasperlemann packte »Damian ohne Maul« beim Jackenknopf. Da +erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte »Hm!« und mehr war nicht +aus ihm herauszubekommen. + +Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: »Ha, nun merk' ich: Ausgerissen war +der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?« + +Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte +von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie +ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen +des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im +Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen +gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch +viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte +doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er +jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen +vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen +habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle +erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten +Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen +und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er. + +»Ist recht,« schrie der Bauer Strohkopf. »Sucht ihn nur, und nachher muß +ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab' ich in +meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!« + +»Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!« sagte der Puppenspieler. +»Der versteht das Kaspern schon!« + +Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an. +Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann +erklärten sie doch beide: »Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem +Kasperlemann.« + +Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und +Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: »Biste närrisch? Du bleibst zu +Hause und gehst in die Schule.« + +Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er +dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein +Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf +rief ihm noch nach: »Ich geb' 'n Taler fürs Finden.« Dem tat es doch bitter +leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte. + + + + +Sechstes Kapitel + +Kasperle im Schloß + +Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz +gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte +ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian. +Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute +dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute +nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte +auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten. +Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil der lustige +kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel. + +Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der +Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. +Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das +Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so +schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen, +mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war +ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den +einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken. +Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher +Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und +beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der +gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein +Gespenst. + +Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber +zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem +würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht +gemacht. Da konnte einer schon erschrecken. + +Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen +nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn +dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so +etwas! + +Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und über dem stieg auf mäßiger +Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig +im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im +Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher +schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder +harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren +käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es +plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend +stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem +Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das +war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber +alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß. + +Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher +kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die +Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt +trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten +sie. + +An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das +Gefahre ginge so weiter, und bei dem jähen Ruck verlor er darum das +Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab. + +Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem +rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen +Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: »Da fällt ein +Junge vom Wagen!« + +Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er +drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von +Singerlingen aber rief erstaunt: »Wo ist denn der hergekommen?« + +»Vom Wagen ist er gefallen,« sagte das kleine Rosenmädchen. »Ach, und nun +ist er tot!« + +»Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,« brummelte der +alte Diener des Grafen. »Darum haben die Leute auch so über uns gelacht. +Und tot ist er sicher nicht.« + +Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener +aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn +herum lachten. + +Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und +staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber +betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: »Komisch, sehr +komisch!« + +Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen +zusammen, machte ein sehr betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem +dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite +Welt hinaus wolle. + +O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam. +Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen +ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein. +Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner +Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er +schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die +Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte +auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in +der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte +aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die +würde schon für ihn sorgen. + +Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle +am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade +Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube +gekommen waren. + +Fein, hier gefällt's mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum. +Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein +Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: »Fein!« und nicht: »Der gefällt +mir,« als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr geärgert: »Was soll ich +mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg +mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen +Kartoffeln schälen.« + +»Mag ich nicht,« rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse, +und sie befahl zornig: »Er soll Kartoffeln schälen!« + +Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum +hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: »Da ist einer, +der soll euch helfen.« + +»Der uns helfen?« Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine +riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm +eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei +riefen: »Nun hilf uns!« + +Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das +ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück +Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel +zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine, +warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: »Ich hab' Hunger!« + +Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle +zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und +dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So +etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen. + +Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie +ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei +Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch +herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen +Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken +die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. »Geh, hilf +Geschirr waschen!« herrschte sie ihn an. »Da hinein!« Sie schob den Kleinen +in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde. + +Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein +schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. »So einen Dreikäsehoch +kann ich nicht brauchen,« schrie sie. »Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir +nur alles kaputt.« + +Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und +er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch, +von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem +Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft +gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: »Halt, +halt, vergreif' dich nicht dadran! Die Teller --« Klirr, da sausten +sämtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung +fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: »Die +allerbesten Teller sind es, die allerbesten!« Ein paar Mägde schnatterten +durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener +streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der +andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch. + +In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen! +Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen +Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf +den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte +gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein, +was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in +denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im +Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an +einer Türe, an der andern, an der dritten, -- sie waren alle verschlossen; +die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages +nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen: +Fruchtschalen, Kuchen und Torten. + +Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken. +Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim +Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle +wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen +einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl +etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein +Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab, +tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas +hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu +können. + +Da sagte auf einmal draußen jemand: »Was ist denn das? Hier steht ja eine +Türe auf!« + +Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch +dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die +Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die +spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah, +hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer +und rief um Hilfe. + +Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er +hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma +sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte; +sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll +Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen +kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; hinter den +rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener +schelten, und plötzlich riefen alle: »Es fahren wieder Gäste vor.« + +Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt +war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu +fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen +entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war +es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet +er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm +schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der +schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle +waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus. +Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle +konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein +feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide +bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein +Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es +sich doch sicherlich gut schlafen. + +Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen +Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin +herum. Ei, da lag sich's besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch +freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber +hier! -- Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen +draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus, +strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter. + +Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe +auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die +redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann +trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: »Ich bin heute sehr +müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!« Bei diesen Worten strich er +etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so +ganz gerade lagen. »Was ist denn das?« rief er auf einmal erstaunt. Der +Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er +betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief +dann entrüstet: »Friedrich, in -- meinem Bett ist -- Schlagsahne!« + +»Schlaaagsahne!« Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam +eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am +Finger und rief verdutzt: »Schlagsahne!« Und dann lief er zur Klingel, +läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein +Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der +Herzog wünsche. + +Da deutete dieser auf das Bett und sagte: »Was ist das? Drüberstreichen!« + +Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken +zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und +rief ebenfalls: »Schlaaagsahne!« Und dann rannte er, holte den +Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das +Bett herum und riefen: »Schlagsahne!« + +Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die +seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in +den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das +ganze Bett und -- der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen +Stuhl. »Da, da, da!« rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf +den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine +große Nase etwas weit vorgestreckt hatte. + +»Es steckt jemand unter dem Bett,« rief der Haushofmeister zuerst. Da +krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch +so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide +hervor, und beide riefen entrüstet: »Er klebt ganz und gar, er ist auch +voller Schlagsahne.« + +»Ah!« sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der +Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke +unter dem Bett. + +»Ah!« rief auch der Graf zornig. »Das ist der, den mein Herr Vetter von +Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten +gemacht hat. Haue muß er kriegen!« + +»Jawohl und eingesperrt werden!« sagte der Haushofmeister, und der Herzog +nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: »Aber erst +morgen hauen.« + +»Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,« +rief der Graf streng. + +Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am +besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh +ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es +ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen +Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme: +»Bitte, bitte, bitte!« + +Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ängstlich +weit, weit in seinen Stuhl zurück, und auf einmal purzelten Stuhl und +Herzog hintenüber. + +»Um Himmels willen!« Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen +erschrocken zu, und da schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen +Purzelbaum über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog dem einen +Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, daß er zurückwich. +Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie +laut: »Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!« + +Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle +war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war +spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle +dahin, die Türen waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer +schlüpfen können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die +Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schloß geriet in +Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was +sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er +dachte, der Herr Herzog hätte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich +glücklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine +gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, als wäre er selbst +entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. +Schließlich aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, er habe +Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nämlich alle Hunger, +denn es war schon spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht +gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee. + +Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die er hatte, sollten überall +suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann +wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden +wieder ganz vergnügt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen, +das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen. + + + + +Siebentes Kapitel + +Rosemarie + +Rings um das Schloß wachten die Wächter, die großen Hunde umliefen es, +Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war +er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das ganze Schloß, sie +schauten sogar in verschlossene Kisten und Schränke hinein, -- der unnütze +Schelm war nicht zu finden. + +Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die +hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lärmen +erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt, +der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Geäst des uralten Efeus hing, der +die Schloßmauer bedeckte. »Der fremde Junge!« Rosemarie hatte es verwundert +gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter +konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz +außer Atem. + +Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal +zu Rosemaries größter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her +jammerte er kläglich: »Sie hängen mich auf!« + +Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte +ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein +kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das +Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen +zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte: +»Das schadet nichts, hier findet dich niemand.« + +Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in +Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die +ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube +gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge +am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von +himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur +für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein. + +Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er +aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber +doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen. + +Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen +und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn +morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog +sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief. + +Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: »Ich kann in +dem Bett nicht liegen!« + +»Du mußt aber drin bleiben,« flüsterte Rosemarie ängstlich. »Ach, Kasper,« +klagte sie, »was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es +sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen, +damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles +abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich +finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.« + +»Brrrr!« Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt +gelaufen, um eingesteckt zu werden. »Ich fliehe,« brummte er. + +»Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.« Rosemarie +seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. »Ich +weiß was,« sagte sie. »Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem +Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm, +jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.« Sie packte +fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen, +und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran. +Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale, +schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende +eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der +Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte. +Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie +belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln, +dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte, +erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er +hätte doch gar nichts Schlimmes getan. »Du armer Kasper!« flüsterte sie, +und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen. + +In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und +verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt +ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme, +die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann +aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: »Nun +muß ich gehen,« da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein +Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein +brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein +Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest. + +Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in dem schönen Schloß und +wäre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und +schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: »Weißt du, wie du +aussiehst? Wie -- wie meine Kasperlepuppe.« Und ganz jäh begann sie sich +ein wenig vor dem fremden häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte +rasch: »Ich muß gehen.« Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann +leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie zuschließen, dann war er allein. + +Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und vergaß +darüber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen +und unten die Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das +Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und +knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um. +Ach, war das eine schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die Höhe +und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab. + +»Wauwau, wuwuwu!« ging es plötzlich unten los; ein großer Hund stand da und +bellte zu Kasperle hinauf. »Wauwau, wuwuwu!« Ganz drohend klang seine +Stimme. + +Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch so schnell ging das +nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder +drin war, tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf. + +Gab das ein Hallo! »Er steckt im Turm!« schrie der Mann. Und dann drohte er +hinauf: »Nu, warte du, dich fange ich!« Er maß schnell das kleine Fenster +mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht +hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein unten keinen Schlüssel hatte +und auch wußte, daß dies immer verschlossen war, lief er eilig in das +Schloß hinein, seinem Hund aber rief er zu: »Sultan, paß auf!« + +Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu +tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte +blitzschnell das Treppchen hinab und schloß unten auf. »Wauwauwau!« bellte +ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund +geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So +ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte, +und da hatte Kasperle auch schon die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und +quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen +Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wächterpflicht. Doch +Kasperle war flinker draußen als er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase +zu, und draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg hinab in +einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bächlein +gefiel dies Hineingeplumse gar nicht. + +Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und lauter. Jetzt bellte nicht +Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden +laut, Rufe ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in +seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da +schlüpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese +liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht +verstecken. Aber statt über die Wiese zu laufen, fing Kasperle an +Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg +hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen +Schatten unter. + +Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem Schloß hatten sie den Turm leer +gefunden, und die Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten der +Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, daß Kasperle gesehen +worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer +bitterböse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, versprach er +eine hohe Belohnung. + +Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch +bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine +Mauerpforte immerzu wütend an. »Den haben wir bald,« sagte der Landjäger, +»Sultan findet ihn schon.« + +Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich am Bach still, schnupperte +und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo +war das Kasperle? + +Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte im Schloß umher, um das +Schloß herum, Kasperle fanden sie nicht. »Er ist noch im Schloß,« sagten +die einen, »nein, er ist entwischt,« behaupteten die Landjäger; »man muß im +Walde suchen.« Die Mägde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; +aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel +Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte, +Kasperle hätte sich gewiß darin versteckt. + +Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die +Höhe stieg. Der Wald war hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon +darin verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den Hunden hatte +Kasperle doch eine jämmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er +konnte. Und das war nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch +einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles +Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoßen. Und +je höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingeröll +bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wäre wohl nicht so schnell in die +Höhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal vor +ihm eine grüne Bergwiese lag. + +Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz blaß und +fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar +nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da +schlief er auch schon. Und die großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem +armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel +empor, haben gütige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen, +die sich quälen müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so müde +und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein +schönes, feierliches Schlummerlied, erzählten ihm Geschichten, und Kasperle +schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett. +Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die +Landjäger mit Hussageschrei den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg +keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, daß niemand +dachte, Kasperle könnte denselben gegangen sein. + +Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die Landjäger schon in das +Schloß zurück, und sie sagten nun auch: »Der hat sich im Schloß versteckt.« +Und sie bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin hütete ihre +Speisekammer. Und doch fehlte darin am nächsten Tag ein großes Stück Torte. +Sie sagte: »Das war der Junge,« und die Mägde sagten es auch. Berta und +Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie +hatten nämlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der +fremde Junge sei es gewesen. + +Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am +Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen +gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: »Schafft mir nur +den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich +doch in meinem Schlosse nicht krank ärgern.« + +Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die hätte gern ihren +Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog +könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie wußte doch, sie +konnte nicht einmal sagen: »Es tut mir leid.« Dazu freute sie sich viel zu +sehr über Kasperles Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen +und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu +sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemütlich im +Schloß in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das muß ein +bißchen lustiger werden, ich muß mir etwas Vergnügliches ausdenken. Und als +er hörte, unten in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges +lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann +möchte heraufkommen. + +»Ich habe eine Überraschung,« sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch. +Und dann erzählte er von dem Puppenspieler. + +Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, mußte lachen. »Das ist +freilich eine schnurrige Überraschung für große Leute,« sagte er. »Doch der +Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.« + +So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schloß. Der Kasperlemann aus +dem Städtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann +streckte Kasperle seine große Nase heraus und -- ja, was er sagen wollte, +das hörten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: »Der fremde Junge! Genau +so sah er aus.« + +Kasper ist's! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jäh begann sie +bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, daß der Kasperlemann +seine Reden und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde nach +Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es +sagen zu können, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt. + +»O Rosemarie,« rief die Gräfin ganz erschrocken, »warum hast du geholfen +und den schlimmen Jungen ausreißen lassen!« + +»Mit Verlaub,« redete da der Kasperlemann hinter seiner Bühne hervor, »das +ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.« + +»Potzwetter noch einmal!« Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an +und rief: »Was redet Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas +habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!« + +Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und verbeugte sich immerzu ganz +tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog +endlich rief: »Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem +Kasperle für eine Geschichte ist.« + +Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und daß er +Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte. + +War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog ließ sie sich dreimal +erzählen, und dann mußte der Puppenspieler auch noch heilig versichern, +alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen. + +Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefürchtet +hatte, und daß sie sich jetzt nicht mehr fürchten würde; er war ja nur ein +Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den +Herzog sagen hörte: »Der muß gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will +ich besitzen. Wer ihn fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem +Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der muß mir das +Kasperle überlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden +ausreiten, und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich +haben.« + +Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister Friedolin versprochen +hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung +verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn +-- er es erst hätte. + +Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen goldenen Käfig stecken, +er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, -- wenn er ihn erst hätte. Und die +Landjäger sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer dem andern: +»Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld.« Manche +Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu +suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstraße und +lasse sich fangen wie ein Schmetterling. + +Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre +Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von +den vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme +verfolgte Kasperle tue, das in einen Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter +tröstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. »Vielleicht findet er +noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat,« sagte +sie. + +»Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,« flüsterte Rosemarie und faltete +fromm ihre Hände. Und dann schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in +einem goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und plötzlich +war um den Käfig herum der grüne Wald, und Kasperle spazierte vergnügt +hinein. Er nickte ihr noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf +einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger und viele, viele +Leute, und alle riefen: »Wo ist Kasperle?« Da fing die kleine Rosemarie an +zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen +Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen, +dachte sie getröstet. + + + + +Achtes Kapitel + +Ein neues Heimathaus + +Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hörte +kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Höhe drang +kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die +ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blüten waren +aufgeblüht. Wie ein grünseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, +breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die +Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis umschloß der hohe +Tannenwald die Wiese, und über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. +Darüber glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren +erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blüte +zu Blüte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch +das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor dem König der Vögel +gefürchtet. Kasperle schaute und schaute, er vergaß darüber seine Not, bis +auf einmal sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: »Frühstückszeit +ist lang vorbei!« + +Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren +leer, und es half ihm nichts, daß er an die gefüllten Speisekammern im +Schloß dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren, +mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen hätte ausfüllen können, +gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden. + +Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. Über die Berge hinüber, +dachte er; bis dahin würden sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. +Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen, +überquerte die schöne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl +eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der +am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, daß er nicht oft +begangen wurde; ein Weg führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle +rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen +riesengroß geworden, und auf einmal meinte er, er könne nicht weiter; er +setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger +zu weinen. + +Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde stärker und +stärker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im +Waldhaus, wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da mußte eine +Kirche in der Nähe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da +rannte Kasperle auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit zu +gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf +liegen. Um ein große, weiße Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und +behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines +Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und +die Glocke läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wäre am +liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er +blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter +die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wäre! +Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf +das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so +mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle! + +Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor. +Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schönen +Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort +wuchsen seltene Heilkräuter, und Herr Habermus war ein kräuterkundiger +Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, kamen wenig +Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mühsam und beschwerlich, +einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem +Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, so gut es ging. An +diesem schönen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grüne +Botanisierbüchse voll Kräuter zu füllen und fand dafür das weinende +Kasperle. »Jemine,« schrie er, als er den Kleinen erblickte, »was ist denn +das?« Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich +er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch +zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst +Fremde daherkamen. »Heda!« rief er und packte das weinende Kasperle. »Wo +kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?« + +Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. Kasperle sagte +schluchzend wieder sein Sprüchlein her, er sei ein armes verlassenes +Waisenbüble und wolle in die weite Welt gehen. + +Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich +ungemein leid. »Nun, nun,« sagte er, »da mußt du nicht so schrecklich +weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein Büble sein!« + +»Ich hab' doch Hunger!« schrie Kasperle so laut und kläglich, daß Herr +Habermus gleich ganz erschrocken seine grüne Büchse um und umdrehte. Die +hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefüllt, +und der Schullehrer drückte Kasperle Brot und Kuchen in die Hände und +wollte gerade ermahnen: »Iß!« da -- schrippschrapp! hatte Kasperle schon +beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es! + +»Potzwetter,« schrie Herr Habermus, »du kannst das Essen gut!« Er füllte +wieder Kasperles Hände, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles +hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. Aber es +reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: »Nun erzähl' +mir mal, wo du eigentlich herkommst.« + +Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte verlegen von Protzendorf, er +klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der +kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt gewesen. »Bist du denn +auch ordentlich dabei in die Schule gegangen?« fragte er mitleidig. + +»In die Schule?« Kasperle riß seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als +zuvor aus Hunger. Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen +sollte, daran hatte er nie gedacht. »Nä!« rief er und schüttelte immerzu +den Kopf. »In die Schule, -- nä!« + +»Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule gegangen?« fragte Herr +Habermus ordentlich entsetzt. + +»Nä, nie!« Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus +schüttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! +Hier mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule gehen. Ei, das +wäre noch etwas, ein Büble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer +an der Schule vorbei! »Das geht nicht,« rief er; »mein Sohn, du mußt in die +Schule gehen!« + +Hätte der gute Herr Habermus gerufen: »Kasperle, ich muß dir die Ohren +abschneiden,« dann hätte es den nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus +hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: »Na warte, ich schicke dich noch +in die Schule!« Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in +Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und +Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der +jetzt sagte: »Ei, ein rechter Junge muß in die Schule gehen und muß sich +darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!« Und dann legte +Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu +helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Mein Sohn, +ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz +im Schulhause. Du kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim +Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst +etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das +Kräutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn +sie den Gast sieht, den ich mitbringe!« + +Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht. +Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! +Wie würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her, +der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide +am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer großen Tanne saßen +etliche Buben und Mädel. Die staunten über den seltsamen Buben, der da mit +hängendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach, +um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdroß Kasperle, +er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein +Räuberhauptmanngesicht. + +»Huhuhu!« Die Mädel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber +drehte sich ärgerlich um. »Was soll denn der Lärm?« fragte er. + +»Der da macht so 'n komisches Gesicht!« Lauter kleine Zeigefinger streckten +sich aus und deuteten auf Kasperle. + +Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. »Schämt euch!« rief er. »Was +kann der arme Junge für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist's, dem +es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der +Schule werden sie sich schon mit dir vertragen!« Und Herr Habermus stapfte +wieder voran und das Kasperle hinterher. + +Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdümmstes +Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergnügen, und der +Schullehrer drehte sich wieder um. »Aber Kinder,« mahnte er strenge, »was +soll der Lärm!« + +Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertönte +es im Chor: »Der da macht so 'n komisches Gesicht!« + +»Kasper!« Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling fragend an, doch der +sah so unschuldig drein, als könne er kein Wässerlein trüben. »Dumm, dumm!« +brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am +andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar +Gänse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein +Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gänse wuselten +erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte +sich wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf +ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gänse. +»Geht heim,« gebot er den Kindern, »laßt mir den Kasper in Frieden!« Dann +nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte ihn seinem Hause zu, denn so +ganz traute er dem Schelm doch nicht. + +Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und +mit einem so sonderbaren Kerl zurückkehrte. »Jemine,« rief sie, »was +bringst du da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie 'n Kasperle aus +'ner Jahrmarktsbude!« + +Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte seiner lieben Frau, wie er +Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trübselig dabei und machte +ein so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von heiterer Güte war, +bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn +in das Haus hinein. + +Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse Blicke bei Kasperles Anblick. +Für das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und +vierjährig und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten freilich bald wieder +auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie +jauchzten ihm vergnügt zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base +Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse Gesicht machte. Wie eine +Gewitterwolke sah sie drein. Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze +Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. »Wie ein Spatzenschreck +sieht er aus,« behauptete sie und sah den Kleinen scheel an. + +Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich, +an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn +die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Räubergesicht. »Hach,« +kreischte die Base, »wie sieht der Bengel aus! Man muß sich fürchten.« + +Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand +anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll +dreinblickte, schalt die Lehrerin: »Aber Base, das Büble tat doch nichts! +Sei nicht so ungut!« + +»Hach!« Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. »Jetzt, jetzt hat er +wieder so ausgeschaut,« jammerte sie. »O du meine Güte, mit dem gibt's noch +ein Unglück!« + +Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die +Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf +gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und +funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline +mal wieder »hach!« und »ach!« schrie, sagte er streng: »Nun ist's genug; +Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die +Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht +gemacht,« fügte er drohend hinzu. + +Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im +Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach +einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der +seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen +Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base +Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck +mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte +und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster. +Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles +Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und +friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline +schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der +fremde Bube. »Hm, hm!« brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber +drehte sie sich noch einmal um und -- »hach!« kreischte die Base wieder und +stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand, +sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer +und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm +bedeuten solle. »Da -- da drin liegt ein Gespenst!« jammerte die Base und +zeigte nach Kasperles Kammer. »Es ist ein Gespenst!« + +»Unsinn!« Herr Habermus tat die Türe auf und sah hinein. Da lag Kasperle +fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. +»Was die Base nur hat!« brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte +Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur +die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht +vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast. + + + + +Neuntes Kapitel + +Kasperle in der Schule + +Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr +brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die +Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann +wanderte Kasperle an Herrn Habermus' Hand hinüber in die Schulstube, und +der Schullehrer sagte: »Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.« + +Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so +waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle +an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. »Aber +stille doch!« rief Herr Habermus. »Kasper, sage nun einmal allen guten +Tag.« + +»Guten Tag!« brüllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein +allgemeines jauchzendes Gelächter. Buben, Mädel, Kleine, Große, alle +lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten +wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören konnten sie. Und Kasperle lachte +mit. Der riß seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden +bespannt hineinfahren. + +Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte nicht recht, lachte +Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die über Kasperle. »Aber +Kinder, Kinder!« rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben Kinder +immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, sie mögen wollen oder nicht. +Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und +konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah, +dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mußte immer fortsehen. »Jetzt +setze dich einmal, da gleich vornhin,« sagte er endlich, und Kasperle ging +gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun +konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen. + +Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte +beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein +andächtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und +die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr Habermus trat zu Kasperle +und zeigte dem, wie er schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink +auf und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand. + +»Linkshänder!« schalt Herr Habermus, »nimm die rechte!« + +»Er nimmt wieder die linke!« rief plötzlich jemand von hinten vor. Das +dicke Jaköble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: »Er +nimmt immer die linke!« + +»Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!« mahnte Herr Habermus. + +Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu +lachen an. Da wurde der Lehrer ärgerlich. »Kasper,« rief er, »weißt du +nicht, was links und rechts ist?« + +»Nä,« sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte +er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es +ihm noch nicht wieder beigebracht. + +Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und +Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, +und der Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. »Bleib ganz still +sitzen, Kasper,« gebot er, »und höre zu!« Da blieb Kasperle steif sitzen +und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und +fragte, die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das gefiel Kasperle +ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hände empor, beide +zugleich. »Na, was weißt du denn?« fragte der Lehrer. Er wollte gerade die +Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut: +»Windgustel!« + +»Waaas?« Herr Habermus meinte nicht recht gehört zu haben, die Kinder +jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brüllte +vernehmlich: »So, ja, er ist jünger als Wassergustel.« + +»So ein Schafskopf!« Herr Habermus dachte es nur, er hätte es aber beinahe +gerufen. Er sagte jedoch streng: »Still jetzt, und du, Kasper, hebe die +Hände nicht mehr, hör' zu!« + +Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wußten gut +Bescheid, die Hände flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr +spaßhaft, er hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht +hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops! +pendelten plötzlich Kasperles Beine in der Luft herum. + +So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lärmte und +lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, +bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank +nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er +hatte doch nichts Arges tun wollen, und für ein Kasperle ist das +Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und +starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging +weiter. + +Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz helles Stimmlein, das +rief: »Er weint!« Die kleine Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten +alle Waldraster Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte +gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Tränen rannen +stromweise über sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an, +als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jämmerlich klang es, daß +gleich ein paar Mädel auch zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr +Habermus trösten, er sagte zu Kasperle: »Sei nur still, ich bin nicht mehr +böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.« + +Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er wieder putzvergnügt, er +grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und +wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus. + +Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit +seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war +eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es war wie verhext. + +»Wir wollen singen,« sagte er endlich. Er dachte: Darüber vergessen sie am +besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher +zu; singen taten sie alle gern. »Also zuerst: Der Mai ist gekommen,« sagte +Herr Habermus. »Kasper, kennst du das Lied?« + +»Nä!« schrie Kasperle vergnügt. + +»Wir sagen's ihm vor,« riefen ein paar Stimmen. + +»Sagt mal zuerst das Lied her!« gebot Herr Habermus. + +Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf +und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der +Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein +paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus +sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel +angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der +Kasper ist ja fürchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so +beschränkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der würde schon +vorwärtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm +er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen. + +Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und Kasperle brüllte mit der +allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jäh wurde aus der +Singerei ein lautes Gelächter. + +»Kasper, schweig!« rief Herr Habermus. »Du lernst in deinem Leben nicht +singen.« + +Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle +schwieg traurig, er hätte doch so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz +andächtig da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als könnte er +keine kleinen Dummheitle machen. + +Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist's ein +lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an +diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder alle +gerade heute noch himmelgern geblieben wären. Sie drückten sich sehr +langsam aus den Bänken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, +bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die Kinder alle +miteinander das Heimgehen. + +Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete +Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: »Drüben im Schulzimmer ist ja +so arger Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?« + +Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen hörte er die Kinder +lachen, und als er mit einem Ruck die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf +dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein +untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser +gefallen war. + +Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das +Kasperle schwätzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte +den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem +gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaßig das Kasperle auch war, was es für +Gesichter schneiden konnte! + +Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte an sich halten, um nicht +mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den +Lärm hinein: »Wollt ihr wohl heimgehen!« + +Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die +Buben und Mädel standen verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht, +wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn +gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht böse drein, nur ein +bißchen betrübt. Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen kleinen +Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den +Kindern zu und sagte nur noch einmal: »Geht nun aber heim!« Und da leerte +sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig +heimzukommen, sie purzelten beinahe über ihre eigenen Beine. Draußen +schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: »Da hat's +doch was gegeben, und wie spät die Schule aus ist! Gar haben sie alle +nachsitzen müssen.« + +Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, und die meisten fingen +schon draußen vor der Türe an, von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu +erzählen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor, +stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht böse: »Kasper, was +bist du für ein unnützer Strick!« + +Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. »Ich hab' doch nur gekaspert!« +antwortete er kläglich. + +»Ja, du bist doch --« Herr Habermus stockte, er wollte sagen: »kein +Kasper«, da sah er seinen Schützling an und dachte erschrocken: Er sieht +doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus +gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und +sah ihn so traurig bittend an, daß all sein Ärger verging. »Nun komm nur +mit, du Schelm!« sagte er. »Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr +kaspern.« + +»Nä,« versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue +Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und +schlitterte vergnügt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die +Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen. +Die hatte gerade eine Schüssel Milch in den Händen, und da lagen dann +plötzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab +ein allgemeines Zetergeschrei. »Er hat's mit Absicht getan!« kreischte die +Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. »Hach, jetzt sieht er mich +wieder so an!« + +»Er konnte nichts dafür,« sagte die Frau Lehrerin. »Ich hab's gesehen, nur +ein bißchen geschwinde ist er zur Türe hereingekommen.« + +»Er hat's mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht!« Die Base +Mummeline stand wütend und scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am +Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht machte er +auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline. + +Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den Lehrer, auch Lenchen und +Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit +Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: »Geh du und tummle dich +draußen herum, macht aber keinen Lärm um das Schulhaus herum!« Bei sich +dachte die gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas spielt, +und hier im Hause möchte die Base Mummeline doch immerzu schelten. + +Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war er draußen, da packten ihn +ein paar Buben. »Komm mit, du mußt uns noch was vorkaspern,« baten sie. + +»Nicht hier,« sagte Kasperle ängstlich, »ich soll keinen Lärm machen.« + +»Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,« +schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem +alten Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und +wuchs unterwegs, Buben und Mädel fanden sich dazu, und dann verschwanden +sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten +auf einer Wiese. + +An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar +Frauen sagten zueinander: »Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule +gehen? Wo stecken sie denn?« + +»Ja, wo sind sie denn?« fragte die Krämerfrau, die das hörte. + +Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: »Wo sind denn +die Kinder?« Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang +immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die +Schule fängt an, die Schule fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine +Bubenbeine, keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von +den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzählten, sie hätten die +Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand. + +»Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,« sagte Frau Veronika +Lappenmeyer. + +»Aber es ist doch Schule!« rief Herr Habermus entrüstet. In den Wald konnte +man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis +tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit. + +Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: »Frau +Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin +brüllt es ja fürchterlich!« + +Die Kinder sind's mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber +gleich los, die Dörfler folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm +nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie wirklich. Kasperle saß +hoch oben unter dem Gebälk, und unten standen Mädel und Buben und starrten +lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte und verrenkte und +den allergrößten Unsinn schwätzte. + +»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der +Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein +ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich +verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit? + +»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Glocke gellte ihnen in den Ohren, und +ein paar schrien: »Wir müssen in die Schule!« Und dann rannten sie an den +Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um und sahen vor lauter +Eile und Eifer niemand und nichts. Und Kasperle sprang plötzlich von oben +herab in einem weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er raste +den andern nach, und im Umsehen war der Schuppen leer. + +Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. »Die Kinder sind ja wie +besessen!« rief die Krämerin, die andern stimmten ihr zu, Herr Habermus +aber kehrte bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran schuld, +nur er allein. Was war das für ein schlimmer Junge! Er darf nicht mehr in +die Schule, dachte er und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf +ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen, und Kasperle saß wieder +auf der vorderen Bank. Sein Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein, +als könnte er nicht das kleinste Dummheitle machen. + +Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn zum Katheder, dort sagte er +streng: »Ihr seid alle zu spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.« +Da senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden und braunen +Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle sah höchst verwundert drein, es +krähte mit seiner lauten Stimme: »Es hat ja eben erst geklingelt!« + +»Sei du still, du verläßt sofort die Schule!« rief Herr Habermus streng. +»Du bist an allem schuld. Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule +kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.« + +Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes Schweigen im Schulzimmer. +Kasperle selbst saß ganz verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt. +Dann erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes, +jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus noch nie vernommen hatte. Und +nicht nur die Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und alle +miteinander riefen flehend: »Kasper hat keine Schuld, Kasper soll +dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper soll nicht wieder fort!« + +Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, und deren Gebitte wurde +immer lauter und dringlicher, und je mehr sie flehten, je lauter heulte das +Kasperle. »Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!« brummte Herr +Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte er, als er das Kasperle ansah +und der kleine Kerl ihm einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse +war er gar nicht mehr auf ihn. + +»Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,« sagte er schließlich. »Das +Nachsitzen sei euch auch geschenkt, aber eine Strafarbeit gibt es, ein +Stück zu schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und nun stille -- +jemine, Kasper, was ist denn nun wieder los?« + +Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und von dorther ertönte wieder +sein furchtbares Jammergebrüll. »Ich kann doch nicht schreiiiben,« klagte +er, »ich kann nicht schreiiiben!« + +»Dummer Bube,« brummte Herr Habermus, »du brauchst natürlich nicht die +Strafarbeit zu schreiben, du brauchst bloß Striche zu machen, und nun, +potzwetter, sei still, sonst --« + +Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer noch ausreden konnte, und dann +saß er da mit dem allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß +machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er gab kreuzdumme Antworten, +und immer wieder durchbrauste ein lautes Lachen die Schulstube. Herr +Habermus wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich tat Kasperle +gar nichts Böses. Da klingelte es, die Schule war aus. Sonst atmeten die +Kinder meist alle auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst +die allergrößten Faulpelze: »Ach, bitte, bitte, wir wollen noch bleiben, es +ist so wunderschön in der Schule!« + +Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. Er erzählte ihnen von +den Blumen und Bäumen, von Felsen und Bergen, von den feinen +Schmetterlingen und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still, am +aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie dann auch am lautesten: +»Schon?« als Herr Habermus sagte: »Nun ist's aber wirklich genug, nun geht +heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!« + +Und dann verließen die Waldraster Kinder das Schulhaus, und sie kamen so +vergnügt heim wie noch nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend +brummten allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so viel schwätzten +die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten. + + + + +Zehntes Kapitel + +Eine neue Gefahr + +Kasperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; pardauz! fiel er ins +Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast +aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: »Mit dem +fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdruß haben. Hätte ich ihn doch +lieber nicht mit heimgebracht!« + +Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: »Mach' dir keine Sorge, +Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er +schon ein rechter braver Schulbube werden.« + +Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle +die Schulklasse, gleich ging der Lärm los. Alle schrieen: »Du mußt uns was +vorkaspern, bitte, bitte, bitte!« + +Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder dürfe er +nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den großen +braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: »Hallo!« und die Mädel +rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie +jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr Habermus hörte +das Geschrei drüben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die +Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinüber. Er riß die Türe auf und +schrie: »Potzwetter, was ist das für ein Lärm!« + +Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf +einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das +übel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in +der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps' Nase, trafen ein Tintenfaß; das +sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes +Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse. +Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, +Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche +lachten und jauchzten, -- es war wieder einmal ein Lärm wie bei Teufels +Großmutter. + +Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch, +klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen +etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute +nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fünf Mädel, +die bekleckste Schürzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte +laut. Himmel, konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten +schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmählich +erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch. +Herr Habermus faßte den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine +Ecke. »So,« sagte er streng, »da bleibst du stehen, bis du vernünftig +geworden bist.« + +Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises +Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der +Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach +ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr +Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie +vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng +sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das +klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun +hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid +jetzt endlich stille!« + +Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und +auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte +ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch +geben! + +Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder +blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder +die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und +nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und +von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht +aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unnützling!« + +Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm +der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem +armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte. +Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an. + +Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten +auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche +Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode +gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln, +hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine +Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf +den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau +Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps +möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche +Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die +jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer +einen Tee holen. + +»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!« + +Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst +heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre +Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern, +wie des Schullehrers kleiner Schützling tat. + +Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam +manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im +Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das +getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich +brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging +furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte +ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er +sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, +oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie +hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu +schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, +Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein +Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und +über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So +meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu. + +Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus +schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen +lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh' +wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu +leid. + +So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die +Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus +plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die +Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die +eines Tages sagte: »Ich geh' morgen in die Stadt.« + +Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der +mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den +Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh' in die Stadt,« dann +kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten +allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der +Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das +entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend +jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen +Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die +dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte +die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet +standen. + +»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir +Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.« + +Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben +sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, +behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base +Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh +darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen +hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange +Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes +Räubergesicht. + +Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg +hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter +ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust +dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte +dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base +Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an +Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die +Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt. +Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau +Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter. +Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die +Base doch nie wiederkäme! + +Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in +der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, +als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach +Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die +Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer +saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause +gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn +nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle +schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den +Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am +Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst +nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte +ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten +Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das +Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste +Frage war: »Wo ist Kasper?« + +Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar +Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die +Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen, +langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist +Kasper?« + +»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte +die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen. + +Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das +Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da +lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist +nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper +ist, na, ihr werdet staunen!« + +Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu +erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn +was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der +Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes +Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so +aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe +Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges +Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht +ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben +ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt +wird. So will es der Herzog.« + +Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer +kleiner Kerl!« + +Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten +wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach +gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base +Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er +bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen. +Ich hab' es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen +Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der +heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur +sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden +schon aufpassen!« + +Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr +Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink +ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der +Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die +Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen +die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück. + +Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen +könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die +Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube +heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die +Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß +Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus +seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief +sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?« + +Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und +sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!« + +»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir's schon denken, daß du +gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht +streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie +vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab +ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten +zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, daß ich +dir geholfen habe.« + +Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von +dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und +wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich +verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es +war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base +Mummelines Stimme: »Sie kommen!« + +Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und +die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war +geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten +es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die +Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten. + +»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin, +um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine +Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht. + +Aber wo war denn Kasperle? + +Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen, +der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. +»Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,« +sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen +suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn +einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will! +Vorwärts, alle müssen suchen!« + +Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder +dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau +Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie +Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper +weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon +nichts geschehen!« + +Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen, +aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun +müssen wir noch in der Kirche nachsehen.« + +»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch +alle zu.« + +Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil +er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in +seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche +herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.« +Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden? +Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen! + +»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß +mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt +wäre!« + +»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das +Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht +nicht.« + +Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen +müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause +herum, und ich erwische ihn doch!« + + + + +Elftes Kapitel + +Abenteuer über Abenteuer + +Allmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hörte drinnen im +Kirchturmwinkel den Lärm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal +recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer dunklen Vorkammer, +eine Treppe neben ihm führte zum Turmaufgang, und von oben strömte noch ein +matter Lichtschimmer herab. + +Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand +draußen sagte: »Aber morgen müssen wir doch einmal in der Kirche +nachsehen.« Es waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um mitten auf +der Dorfstraße Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfüllt +die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben +suchen sie vielleicht nicht. + +Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen. +Eine alte Eulenurgroßmutter, die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon +ihre Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter im Turm +gewohnt habe. Niemand störte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben +den Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten durften das +tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die +Glockenklänge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang, +dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die +Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefährlich. + +Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich +gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den +kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken +sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: »Nehmt euch in acht, der hat es +auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!« Da schrien alle Eulen; +unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte +und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse +Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst +vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die +Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen +kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den +Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte. + +»Bum, bum, bum!« tönte es dumpf. + +Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen +ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle +klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen. +»Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!« Die Glocke begann lauter und lauter zu +rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang +heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick +und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße +nicht mehr auf den Boden setzen. + +»Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!« Über das schlafende Dorf rauschten die +Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren +erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der +Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus. +»Feuer!« schrie er, »Feuer! Feuer!« + +Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle +schrien sie: »Feuer! Feuer!« Und alle sahen sie sich um, wo es denn +eigentlich brennen könnte. »Die Wassereimer her, die Wassereimer her!« +schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in +Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer +fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam, +das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn? + +Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt +sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und +sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der +zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von +draußen, von der Dorfstraße her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst +gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich +einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte +»Feuer! Feuer!« schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der +Kirchentüre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab, +jemand hatte draußen laut gerufen: »Ich wette, das ist der Kasper gewesen, +der hat sich in der Kirche versteckt.« Es war die Base Mummeline, die das +rief. + +»Die Türe ist aber verschlossen!« rief jemand anders. + +»Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,« verlangten ein paar +Stimmen. »Flink, holt ihn!« + +»Bim -- bam, bim -- bam!« Das Läuten oben wurde schwächer, aber Kasperle +hörte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er +fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen +aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte +jemand rufen: »Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt müssen wir den +Kasper fangen!« + +Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich +ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich +neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unnützer Gedanke kam +dem Kasperle. + +Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging auf. »Uje, ist's hier aber +dunkel! Holt flink ein paar Laternen!« rief jemand. Und dann gab es einen +Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war über die Stange +gefallen, die Kasperle quer vor die Türe hielt. + +»Au, Donnerwetter!« Da lag der dicke Schulze. + +»Himmel, Hagel, was ist das!« Der eine Landjäger fiel dem Schulzen nach, +und der Schneidermeister Pimperling quiekte: »Potz Hosenknopf und Ellenmaß, +hier spukt's!« + +»Ich werde totgedrückt!« kreischte die Base Mummeline. + +»Laternen her, Laternen her!« Einer nach dem andern fiel in den Vorraum +hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es +Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er +drückte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und +er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit +Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den +Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: »Das +ist ein Streich von Kasper.« + +»Man muß den ganzen Turm absuchen,« sagte der Schulze, der sich stöhnend +aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: »Der darf uns nicht entwischen, +dieser heillose Bösewicht!« + +Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dünn und mutig war, erbot +sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und +eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei +in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht +versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die +Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden. + +Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete +sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, +aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er +nicht. + +Unten sagte der Kasperlemann: »Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!« +Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und +alle suchten noch eifriger, alle sagten: »Er muß doch da sein! Wer soll +sonst die Glocke geläutet haben?« + +Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der +Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und +Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der +zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich +der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte +der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie +gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte +wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte +Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu +Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne +durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte, +war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es. + +Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig +um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun +hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden. +Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht +fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber +wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in +dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde +ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz +schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine +Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter +durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm +kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein. + +Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den Boden nieder. Er zog das +Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann +traurig zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern und +Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne fließen. Weil Kasperle +durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen +sah er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit +viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war +der Wald etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht an seinem +Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte in das Wasser gefallen, sie +schimmerten rot aus den weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden +blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine +winzige Insel. Da wuchsen große, weiße Blütendolden, auf denen lauter +schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser, +das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete, +funkelte und glänzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie +ein Märchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken: +»Komm, Kasperle, komm!« Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die +Himbeerbüsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Früchte, und da war +Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst +vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da +legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus +der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein +scheinen. + +Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief +in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz +schmale Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das Bächlein rann wie +ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, +er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich am +dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schön +und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter. + +Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: »Hallo, he, +aufgewacht du!« + +Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich verwirrt um. Da stand +neben ihm ein Bub, nicht viel größer als er, der trug ein Hemd und ein +Höslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein verbeultes, +verblichenes Hütlein mit einem mächtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah +beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater +zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl +sah überhaupt so vergnügt in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen +mußte. + +Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube +Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum +andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das +Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die +Felswand gab vergnügt das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine Anzahl +Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert und umringten die +beiden Buben. Aber plötzlich sprang der fremde Bube auf und schrie: +»Rosemarie fehlt!« Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen davon. + +Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. War das liebliche +Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse näher +gekommen? Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber saß da, +als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon +wieder zurück, er trieb ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief +schon von weitem: »Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich verlaufen.« + +Kasperle schüttelte den Kopf. »Nä,« brummelte er entrüstet, »Rosemarie ist +eine Grafentochter, keine Geiß!« + +Der fremde Bube lachte hell auf. »Freilich, ein Geißenname ist's nicht,« +rief er. »Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin +Bärbe hat sie dort geholt.« + +»Ist das weit?« fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schloß müßte ihm +vor der Nase liegen. + +»Weit -- das Schloß?« Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam +ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schloß an? »Weit ist's +schon,« sagte er; »die Einöderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie +stammt von dort.« + +Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich +längst Frühstückzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stück Brot aus der +Tasche. »Ich hab' Hunger,« sagte er seufzend. + +»Ich auch.« Der fremde Bube zog auch ein Stück Brot aus der Tasche und +sagte: »Ich komm' hierher wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, +und niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.« + +»Wer ist denn das?« Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es +der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube, +der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne neben des Herzogs +Jagdschloß Hirschsprung, das ganz nahe sei. + +»Wohnt der Herzog hier?« Kasperle ließ vor Schreck eine dicke Himbeere und +sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, +als der fremde Junge sagte: »Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in +seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal +hierher, sonst steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar nichts! +Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? Wer bist du?« + +Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprüchlein sagen, aber +des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da +senkte er verwirrt seine Nase. + +»Hast du was Schlimmes getan?« fragte plötzlich der andere fast streng. + +Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte er dem Buben, wer er sei. +Alles erzählte er, und der andere lachte mit und sah mit traurig drein, und +als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und +rief: »Armes Kasperle! Aber weißt du, ich will dein Freund sein. Ich bin +das Geißenmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?« Michele +wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, was er aus Mitleid dem +Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des +Michels Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr +groß. Michele meinte aber, für einen Freund, den man so unversehens im +Walde finde, müßte man auch einmal hungern können. Kasperle aber sah, mehr +Brot war nicht im Säcklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also +teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was +aus Kasperle werden sollte. + +Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging +nicht; er hatte nämlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen +Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte +sich als Geißenbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch für drei +kleinere Kinder sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden, +dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen +tiefen Seufzer und sagte traurig: »Ich muß weiterziehen.« + +Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er überkugelte +sich gleich einmal vor Freude und schrie dabei: »Hurra, das wird fein, +fein, fein!« + +Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein würde, und da vertraute +ihm Michele an, das Schloß sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle +darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein wurde, erzählte +Michele, im Schlosse wohne niemand, und der böse Matthias und seine Frau +gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, daß +eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl +weil der brummige Matthias den Schlüssel verloren habe. »Ich bin schon +manchmal drin gewesen; fein ist's drin!« tuschelte Michele seinem neuen +Freunde geheimnisvoll zu. »Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns +alle Tage und hüten die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab' arg großen +Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr Brot, dann langt es für uns +beide.« + +»Aber der Herzog!« Kasperle sah so ängstlich drein, als spaziere der Herzog +schon um die Ecke herum. + +Michele lachte ihn aus. »Bist ein Hasenfuß; der Herzog, kommt höchstens +zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm +jetzt rasch, ich zeige dir die Türe!« Er sprang auf und sah nach den +Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen Klettereien; satt und faul +lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt +zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. Kasperle staunte. +Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, +rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen dicken +Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines +Haus, die Försterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund +bellte, als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele führte seinen +Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein +Pförtlein, das fast ganz hinter Gebüsch verborgen war. »Da hinein geht's,« +sagte er, »und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, und niemand +sieht dich.« + +Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele drückte auf die rostige +Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schloß. Ein +schmaler, weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz +keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich +niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden +Freunde schlossen Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen +alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als Kasperle auf einmal +sagte: »Im Grafenschloß war's noch feiner.« + +»Was Feineres gibt's nicht,« rief Michele und riß eine Türe auf. Die führte +in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster +eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und +Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen, an den Wänden gab es in +breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, +schwebten oben an der Decke. + +Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschloß, und Michele, +der schon ganz wütend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun +auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide +beim Herumwandern in ein sehr schönes Zimmer kamen, in dem ein breites +goldenes Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. »Ich glaube, das +ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,« flüsterte Michele etwas scheu. »Darin +kannst du doch nicht schlafen!« + +Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide überzogenen Bett und +rief: »Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!« + +Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er +dachte an die armen Geißen, die er verlassen hatte. »Ich muß gehen,« sagte +er betrübt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und +erklärte: »Ich geh' mit.« Einträchtig verließen sie beide wieder das +Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, fanden die noch ruhig am alten Platz +weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu +halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß vorbeiziehen und pfeifen, +und sobald Kasperle dies hörte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie +zusammen spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide freuten sich +schon auf die Tage, die kommen würden, und einmal sagte Kasperle ängstlich: +»Aber der Herzog, wenn der in sein Schloß kommt!« + + +»Ach, der kommt ja erst im Herbst!« Michele schnippte mit der Hand, als +könnte er damit den Herzog davonweisen, und Kasperle war beruhigt. Mit +seinem neuen Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum Heimgehen, und +als das Schloß sichtbar wurde, trennten sich beide. Kasperle schlüpfte +wieder durch das Gebüsch, öffnete die kleine Türe und stand dann allein in +dem Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, und da begann sich +der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt und +dem Michele nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne seidene +Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind die Treppe hinauf +und durch die Gänge, bis er das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr +eilig in das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren und schlief +wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte ihn in dem einsamen Schlaf. +Nur einmal hörte er ein fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber +nicht auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster, den Michele den +brummigen Matthias nannte, und blies auf seinem Hifthorn ein Abendlied. +Feierlich tönte das durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur +die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen Schloß sei ein +wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von dem selbst der Förster nichts +wisse. + + + + +Zwölftes Kapitel + +Kasperle wird ein Gespenst + +Als Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, schimmerte es ganz golden +durch die herabgelassenen Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte +durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr gewarnt hatte, dies zu +tun. Draußen lag die Waldwiese im ersten Frühsonnenschein, und selbst in +das verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und Jubilieren der Vögel, +die den neuen Tag grüßten. Wie lustig es klang! Kasperle erhob +purzelvergnügt sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß in dem +einsamen Schloß ihn niemand singen hörte, denn vor dem Gesang konnte schon +einer davonlaufen. Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und +drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand seinen Singsang +schön, und singend lief er in dem Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam +er auch in die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig war, und +das Singen verging ihm. Er begann neugierig in alle Töpfe und Schränke zu +schauen, doch nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend an die +gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und gerade wollte er die Küche +wieder verlassen, als er in einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er +sie auf, ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es merkwürdig gut +roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, sah sich um und sah auf einmal +von der Decke herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken und +Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die Räucherkammer geraten, in der +es noch Vorräte vom letzten Besuch des Herzogs her gab. + +Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann er sich nicht, ob er +zugreifen dürfe oder nicht. Er sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst +erwischte; an der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann +verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit seiner Wurst bis zur +kleinen Pforte, an der Michele pfeifen sollte. Das dauerte noch ein +Weilchen, und Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, und als +Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück verschmaust. + +Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle ihm von der Wurstkammer +erzählte. »Das darfst du nicht, die Würste aufessen,« sagte er bedrückt; +»sie gehören doch dem Herzog!« + +Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der fand nichts Unrechtes am +Wurstraub, sagte, die hätte der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele +glaubte ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu ihrem Brot, aßen +tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen einen sehr vergnügten Tag. Die +Geißen waren brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als Kasperle +dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da stellten sie sich alle dazu und +meckerten erstaunt; so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie +meckerten, und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von sich, so arg +mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh vor Lachen, und er legte sich +flink in die Sonne. Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der +Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und Michele wieder lachen +konnte. + +So verging der Tag. Am Abend trieb Michele die Geißen heim, und Kasperle +kehrte in das stille Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern +kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, bis ihn wieder das +goldene Scheinen hinter den Vorhängen weckte; da war wieder ein neuer +heiterer Tag für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß, holte +wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer und stand schon an der kleinen +Pforte, als Michele daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von +weitem dem Kasperle halblaut zu: »Verstecken, verstecken!« + +Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als Michele herankam, tuschelte +der ihm zu: »Der brummige Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht +sehen!« + +Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß der Geißenbub seine Herde +so dicht am Schloß vorbeitrieb, aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte +unter die Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im Walde +verschwunden. + +Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag wie ein schöner Traum. Es +wurde Abend, es wurde wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, alle +waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust. + +Über eine Woche war so vergangen, da wachte Kasperle eines Morgens auf, und +er wunderte sich, wie dunkel es war. Vielleicht ist's noch Nacht, dachte +er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern und Rauschen, und als +er durch das Ritzchen im Vorhang hinausspähte, merkte er, es regnete. In +wahren Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, immerzu. Düster, +grau hingen die Wolken tief herab, der Wald sah aus, als schliefe er noch, +nichts rührte und regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit seinen +Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half Gemüse putzen, und er dachte dabei +sehnsüchtig an seinen Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war +nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen Schloß, und weil +er nicht wußte, was er anfangen sollte, begann er das Schloß von oben bis +unten zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle, räkelte sich +auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er wieder in des Herzogs +Schlafzimmer. In dem hingen allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin, +die ein Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies Bild gefiel +Kasperle besonders gut. Um es besser zu sehen, rieb er ordentlich seine +große Nase daran, ja er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte +er an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er wissen wollte, was +dies bedeute, drückte er ordentlich fest darauf. Da rauschte es plötzlich +sacht, das Bild wich von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen +kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm daraus entgegen. + +Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene Bett hinein, er kroch +unter die Decke, und da lag er eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles +blieb still. Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen. +Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder hervor. Die +geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte, stand noch halb offen, und in +dem Raum dahinter war es auch ganz still. + +Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber neugierig war er auch. +Endlich siegte doch die Neugier, und er kletterte wieder aus dem Bett +heraus und schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale Kammer war es, +die sich vor ihm auftat; aus der führte ein Trepplein in die Tiefe. Die +Kammer selbst war in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß +sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz dicht gewachsen +war; man mochte wohl von draußen das runde Fenster gar nicht sehen hinter +der dichten Efeuwand. In der kleinen Kammer selbst stand nur eine +altmodische Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte. + +Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und +eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war +ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle +nahm ihn sich um, hängte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte +so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er +warf alles in die Kiste zurück und begann das Trepplein hinabzusteigen, +Stufe um Stufe. Etwas bänglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten +herauf eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch um und +schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurück, ganz +leicht ging es nicht, aber plötzlich schnappte es ein, und von der +geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen. + +Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn, +drückte darauf, und wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen, +dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er ging nun überall im +Schloß herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild +müßte eine geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen, +deren Bilder die Wände schmückten, auch auf die Nasen, Münder, Augen und +Bäuche drückte, keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, und +Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag, +da würde doch sicher schönes Wetter sein. + +Doch der Regen rann und rann. Am nächsten Morgen war es noch grauer; noch +düsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen +daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das +geheime Kämmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar +Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich +wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr +so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser +gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterlaß rann es vom +Himmel herab, und am nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle +vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das +Zimmer erfüllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Draußen war soeben die +Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und +da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als +hätten sie die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwänzlein +genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewiß schönes Wetter! + +Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schloß +treppauf, treppab, holte sich eine riesengroße Wurst, die er morgen +mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett. +Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele wiedersehen. + +In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch blaß, und +es fehlte ihm ein ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner, +wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über der Waldwiese vor dem +Schloß, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es +schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glänzen, +und das Rauschen, das er hörte, kam vom Wald herüber. Aber noch etwas +anderes hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus herüber tönte +es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause +drüben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in +sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein. + +Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es +rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht so +still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes Rufen: »Matthias, +Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!« + +Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst +ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein +paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch +da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, +die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und +witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten +schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre +geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle +vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett +erblickt. »Matthias, Matthias,« rief sie, »es ist wahrhaftig jemand im +Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er +gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!« + +Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade +ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch +etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen. +»Matthias, die kleine Pforte war ja auf!« schrie die Försterin. »Weißt du, +von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas +gestohlen worden ist!« + +Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und +Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle. + +»Nein, nein,« rief seine Frau, »unser großes Vorlegeschloß tu dran, das +hält besser!« + +Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit einem Schloß verschloß, +dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Försterin: »Und morgen +kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig +werden!« + +Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte +werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich +klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde. +Damit tröstete er sich über diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem +Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine Frau wirtschafteten +immerzu im Schloß herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. +Doch als es dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen +klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtüre zu +öffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen +hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte an +der Tür die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen. + +Von außen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das +Fenster zu öffnen, sah er erst, daß dies vergittert war. Er konnte nicht +hinaus, er war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte und rannte +verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte +nicht hinaus. Zuletzt kroch er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem +schneeweißem Linnen überzogen war. Und heulend wühlte sich Kasperle in die +Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Säcklein, sondern +wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm: +Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er +erschrocken aufsprang und hinausspähte, sah er draußen einen ganzen Zug +Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem +Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heißer Tag +zu werden drohte. + +Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen +steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor +Angst, und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der Geldkiste nieder. +Wie sollte er nun entfliehen? + +Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hörte er auch, +wie in des Herzogs Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein +lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! Daran hatte das +dumme Kasperle gar nicht gedacht. + +In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand +schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die +Försterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen +gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb, +wie gestern so viele Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt +gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten können. Von den +verschwundenen Würsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, +auch von dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes +Gewissen hatte. + +Als die Försterin immerzu rief: »Ein Gespenst, ein Gespenst muß im Schlosse +sein!« bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor +den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun +mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein +hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit +großem Getöse zu Boden. + +Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: »Was war das, was +war das?« und die Försterin antwortete schluchzend: »Das Gespenst, das +Gespenst!« + +»Es muß alles genau untersucht werden,« befahl der Herzog. »Auch soll das +Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!« + +Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im +Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der +Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O +heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins +Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen. + +Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem +Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der +Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den +Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der +Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden +und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen +getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das +winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch +ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze +Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die +Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles +Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem +Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung +gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des +Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das +kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein +neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben, +dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, +Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem +Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst +später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er +sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: »Was raschelt da so?« + +Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und +purzelte mit ungeheurem Getöse von der Kiste herab. O jemine, gab das +wieder einen Aufstand! »Es ist nebenan,« rief der Herzog, »in dem Saal, +schnell, schnell, man muß nachsehen!« + +Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an +des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick, +und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im +Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden +abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem +raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen +Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas. + +Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle +endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog +Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: »Wenn das +Gespenst nur nicht das Kasperle ist!« + +»Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?« Der Herzog richtete sich +erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink +zusammenduckte. + +»Ja,« sagte drüben der Diener, »ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor +einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da +wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle +seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich +der kleine Kobold hier versteckt hat.« + +»Ja, ja,« rief der Graf aufgeregt, »so wird es sein! Sicher steckt dieser +Unhold hier irgendwo im Schloß.« + +Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut möglich, beinahe möchte er +an ein Gespenst glauben. + +»Mit Verlaub,« sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, »ein +Gespenst frißt doch nicht die Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich +noch nie von einem Gespenst gehört.« + +Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht gehört, und so etwas +wäre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun +erzählte, wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da befahl der +Herzog streng: »Man muß suchen, auf dem Boden, in den Kellern, überall, +auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen +hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich nicht schon ist. Das +Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!« + +Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken +könnte, daß niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach, +es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer weiß, wie +übel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs +Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den Fußboden nieder, +vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich +ein, und im Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich +müde gesucht, und schließlich sagten sie: »Es ist sicher ein Gespenst, ja, +und Gespenster findet man nicht.« + +Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen Bett, um das Kasperle +ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der +Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem +runden Fensterloch stand noch schief, aber glänzend der Mond und +erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt +auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte +er recht tief und vernehmlich. + +»Johann,« schrie nebenan der Herzog, »hörst du, es hat geseufzt!« + +»Jawohl, es hat geseufzt,« antwortete der Diener verschlafen. »Es ist doch +ein Gespenst!« + +Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er +seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man +solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg +Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schloß lebendig wurde. Diener +kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle +lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch +drüben still, alle gingen wieder zu Bett. + +Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing. +»Das Gespenst seufzt wieder!« Der Herzog schrie, der Diener schrie, und +wieder rannten alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle +zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte die alte Kiste, an +die er gestoßen war. + +»Das Gespenst, das Gespenst!« Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander, +und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, +man müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand +eingemauert worden, und der geistere nun herum. + +»Das ist recht,« antwortete der Herzog, »man soll morgen gleich den +Hofbaumeister holen.« + +O weh! Da verging dem Kasperle wieder der Übermut. Wenn der Hofbaumeister +die Wände abklopfte, fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte +ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts störte fortan den Herzog +mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er +beschloß, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da +einen Ausgang. + +Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne Fensterloch in das +Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten +Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und +klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Geräusch. Weil +dann aber alles still blieb, dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach +seiner Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er das schmale +Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er hätte auch lieber +Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den +schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; feucht und kühl war es, +und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es +mochten Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte das Echo +wieder, und in der Küche ließ just in dem Augenblick die Köchin des Herzogs +die Morgenschokolade fallen. »O du meine Güte,« schrie sie, »nun geistert +es hier auch, hört nur!« + +Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das Geächze vernommen, denn +Kasperle war gerade unter der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der +Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in +der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldsäcklein +vorwärts kam, plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. Er +kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schloß. +Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wächter, die das Schloß +bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie +Michele: »Endlich kommst du, endlich!« + +Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die +Geißen folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann +Kasperle seine Abenteuer zu erzählen. »Da,« sagte er stolz und hielt +Michele den Geldbeutel hin, »den habe ich dir mitgebracht.« + +Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief +erschrocken an. »Kasperle,« sagte er leise, »das Geld gehört dem Herzog; +das -- das -- ist -- gestohlen!« + +»Nä!« Kasperle riß seine Augen weit auf. »Ich hab's doch gefunden!« + +»Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem +Herzog!« Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein +Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel +nicht an. »Du mußt das Geld zurücktragen,« sagte er, »es gehört dir nicht. +Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.« Und Kasperle mochte +sagen, was er wollte, Michele blieb dabei. + +Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise: +»Du bist gut.« Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur +ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner +Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch +einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er +wolle es tun. + +»Gleich,« riet Michele, »ehe der Hofbaumeister die Türe findet.« Er kramte +aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer +heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die +Herrlichkeiten hin. + +Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang +hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, +er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unnütz. Er +schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte +noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Türe ging auf! +Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen. + +Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe +hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es +wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch +durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. »Ausreißen!« +rief Kasperle, »ausreißen!« + +Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an, +und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen +verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich +zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu +Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der +kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele +verlegen an. Was würde der sagen? + +Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er +lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein +gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die geheime +Schatzkammer sei. »Aber nun hast du keinen Unterschlupf,« fügte er traurig +hinzu. »Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange +drin hausen kannst du nicht. Und -- und« -- Michele tat einen ganz tiefen +Seufzer -- »was machst du, wenn ich nicht mehr komme?« + +Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele +wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad, +in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und Geißen aus dem Dorf +für ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um +alle Tage die Milch hinabzufahren. + +»Ich geh' mit,« schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien +ihm lustig zu sein. + +Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht,« sagte er +ernsthaft, »du mußt weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch +schon ein Landjäger gewesen, um nach dir zu suchen.« + +Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das Weiterwandern machte ihm +keinen Spaß mehr, und am liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! +Doch wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, zuviel war er kreuz +und quer gelaufen, und Michele wußte es auch nicht. Der gab aber +verständigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot +herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm +geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrücken +weiterwandern und ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das +Fürstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn der Herzog wohl +nicht fangen lassen. »Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst,« sagte +Michele, »dann bist du an der Grenze.« + +Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernünftig zu +sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als +der Freund mit seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die Nacht +besser als im Gespensterkämmerlein. + + + + +Dreizehntes Kapitel + +Der bunte Garten + +Das Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die Türe geschleudert hatte, +war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, +da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als hätte er das vom +Kasperle gelernt. »Das Gespenst, das Gespenst!« brüllte er, und wieder +rannte, wer das Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale +Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht saß +das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche +Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, sahen +die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang +hinab. Auf dem Flur drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten: +»Das Gespenst wird uns alle totmachen!« + +Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm +Magentropfen und sagte, Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog +aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurück; einer +hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: »Den muß das Gespenst +verloren haben. Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es schon +jemand Lebendiges gewesen sein.« + +»Das Kasperle war's,« rief der Herzog. »Ich glaube auch, ich habe es +gesehen, als die Türe aufging.« + +Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein +Einbrecher hätte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den +lieber mitgenommen. + +»Die ganze Gegend muß abgesucht werden,« befahl der Herzog, »irgendwo muß +doch der kleine Kobold zu finden sein!« + +Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schloß +vorbei. Er traf auch eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und +das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele +wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich +schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine +Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald +nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schloß vorbeikam, sah das auch noch +ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald +lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu: +»Nimm heute deine Geißen in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und +Hunden abgesucht.« + +Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen konnten nicht genug hopsen +und springen. Michele trieb sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter +lachte hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der +fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzählte er +ihm die neue Gefahr. »Bleib da drinnen,« sagte er, »ich pflanze flink einen +Busch davor, da sieht dich niemand.« + +Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den +vor die kleine Höhle und machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang +verdeckt wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So schwätzten sie +zusammen. + +Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte +Kasperle, nun wolle er ein bißchen herauskommen, als aus der Ferne her +lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die +Herzen arg, denn näher und näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der +brummige Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde heraus. Als der +Förster Michele so ruhig seine Geißen weiden sah, rief er nur hinauf: »Ist +hier jemand vorbeigekommen?« + +»Nä, niemand!« schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergnügt +bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht +vorbeigegangen! + +Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch +am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien: +»Meine Geißen, meine Geißen!« Da lockte Matthias den Hund zu sich, und +Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen. + +Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und wieder zog Michele mit seinen +Geißen heim, und Kasperle blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an +des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen! + +Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag. +Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus. +Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele +scheiden mußte, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an. + +Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner +Gießbach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle +tat ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in die weite Welt +gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in +seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. Er +ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe etliche Bäume um und ebenso +das Schloß, wenigstens stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter +rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: »He, hier treibt sich ja ein +fremder Bube herum!« und es war gut, daß der brummige Matthias den kleinen +Geißenhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle +gefragt. + +Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen mochte er gar nicht, und +als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete +sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das +Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem +das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und +wanderte in die stille Nacht hinaus. + +Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war +der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da +dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum +herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen +Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er auf und +wanderte weiter. + +Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte +er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der +Morgenfrühe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine +größere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur +Mittagszeit aß er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal +hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte +sich schon ihr schönes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an +einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nämlich noch eine +uralte Mauer. Die hatte Tore und Türme, und von den kleinen Turmfenstern +herab hingen rote Hängenelken, und Geranium blühte daran. + +Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, der erblickte etwas viel +viel Schöneres. An der Stadtmauer außen lag ein großer Garten, in dem +tausendfältig bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die schönen Malven die +Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und +Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht nebeneinander. +Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und +Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im +Herzogsschloß sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen den +Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, der begoß sorgsam Pflanze +um Pflanze. Er bückte sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte +sie wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als würde ihm dies alles +recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand +auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp, +begann er mit einem großen Geplantsche zu gießen. Dazu lachte er über das +ganze Gesicht, und der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine +Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich +auf eine Bank, und Kasperle goß den Garten; er meinte, eine vergnüglichere +Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten, +in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes Haus stand. Und als Kasperle +fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, blinkerte +den zutraulich an und fragte: »Darf ich bei dir bleiben?« + +Der Alte lachte. »Du bist ja ein schnurriger Bube!« sagte er. »Wer bist du +denn? Woher kommst du? Wie heißt du?« + +Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er +konnte seine Lügengeschichten nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ +er den Kopf hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll Güte: »Du +bist wohl ausgerissen, Kleiner?« + +Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte +zu große Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der +Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: »Bleibe nur bei +mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.« + +Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, und der alte Gärtner +erzählte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde +nicht müde zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der +Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine +kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich +nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte. +Durch das offene Fenster strömte der Duft der vielen, vielen Blumen in die +Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu +tönen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darüber hellwach. +Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik. +Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. Dicke, dicke Tränen +liefen dem Kasperle über das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und +eine große Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. Immer +lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darüber +ein. + +Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Gärtner weckte. +»Komm,« sagte der, »jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gießen, +damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heißer Tag heute +werden.« + +Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er die Blumen. Manche +brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner +sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mußte Kasperle +Beeren pflücken, die reif an den Büschen hingen. Er durfte auch davon +essen, die andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar zierlich mit +Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflückte Frühbirnen von einem +Baum. + +Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder +kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat +und allerlei Gemüse für die Küche. »Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen +zugelegt!« sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder +aber starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies +Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein +Räubergesicht. + +Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, doch sie kamen gleich +wieder und bettelten: »Mach's noch mal!« + +Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder +jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. +»Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!« sagten die +Frauen. »Wo habt Ihr denn den her?« + +Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die +Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen +kleinen Gast: »Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast +du deine Grimassen gelernt?« + +Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber +darüber wurde der Alte bitterböse: »Schäme dich,« rief er, »einem alten +Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei, +mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als +eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!« + +Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem +erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei. + +Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein. +Der schaute verwundert den Alten an und sagte: »Was habt ihr denn, Meister +Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.« + +»Ach, Sie sind's, Herr Severin!« rief der Gärtner. »Nun hört einmal, was +mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für +Lügengeschichten aufbindet!« Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben +gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit +seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den +Kopf. »Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,« sagte er, »es ist wirklich +ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der +Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt, +irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die +wunderschönsten Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben +sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben +und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann +könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein +kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.« + +Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und +weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er +vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie +ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde +schöne Mann mitleidig: »Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!« Das +klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz +leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte. + +Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte +kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal +erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine +Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: »In +einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden, +denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.« + +»Und bis dahin bleibst du bei mir,« sagte Meister Helmer. »Ich will wohl +achtgeben, daß dir nichts geschieht.« + +Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: »Geh, +pflücke für Herrn Severin einen Strauß,« da lief er eilig im Garten hin und +her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und +Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei +ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er. +Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme, +und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer +Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von +weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen, +damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme. + +Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin +gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich +schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten +am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen +dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und +hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun. + +Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: »Kasperle, heute ist Sonnabend, da +kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie +so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.« + +Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er +band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so +Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch +die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz +griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister +Helmer einen Strauß gab. »So einen Strauß hab' ich noch nie gesehen,« rief +sie; »ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!« + +Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben, +und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase +im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der +Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber +staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es +schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als +am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei. + +Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein +Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle +sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald +heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und +schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers +Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den +Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle +sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar +eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als +Herr Severin das einmal sah, warnte er: »Kasperle, Kasperle, du verrätst +dich noch!« + +Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar +Buben riefen, ihm nämlich zu: »Kasper, kommst du übermorgen mit auf den +Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie +du!« + +Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der +Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister +Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen. + +Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine +Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus, +war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in +den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, +ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm +flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest +und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin, +öffnete ihn und sagte: »Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!« + +Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr +Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner +Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten +viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar +Wächter, und alle brüllten sie: »Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle. +Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist +es?« + +Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: »Wir helfen ihm, +daß er ausreißen kann.« + +Meister Helmer schaute sich verdutzt um. »Kasperle war eben hier,« murmelte +er, und Herr Severin nickte und sagte auch: »Er war eben hier.« Dabei +spielte er aber ruhig weiter und erzählte: »Meister Helmer, ich verreise; +da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz früh reise ich mit +der ersten Post.« + +»Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder nicht,« schrie der +Kasperlemann grob; »das Kasperle müssen wir finden, es muß hier sein!« + +»Wir suchen das Haus ab,« riefen die Wächter streng und sahen Herrn Severin +drohend an. Der nickte freundlich: »Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber +den Garten nicht!« + +»Zuletzt war er ja im Garten,« sagte Meister Helmer, der das wirklich +glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da +rasten Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm +seinen Kasten auf den Rücken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister +Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise +singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf. + +Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die +Stadtmauer und überzeugte sich, ob Kasperle wohl da hätte ausreißen können. +Und dann liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus hinein, kein +Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfaß, in Meister +Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie +und klagte: »Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O +wie dumm, dumm, dumm!« + +»Wir werden ihn schon fangen!« trösteten die Wächter. »Ah bah, +papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!« + +Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mußte erzählen, wie +Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen +schrie der Kasperlemann: »Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm!« und die +Wächter riefen: »Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon!« Ein paar +Buben aber brüllten plötzlich laut: »Ausgerissen, hurra, ausgerissen, +hurra!« Und dann rannten sie auf die Straße und erfüllten die mit ihrem +Gelärme. Sie erzählten es jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe +seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein +Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine +Gärtnerjunge, und er habe dabei gefragt: »Habt ihr schon so einen flinken +Kasper gesehen?« Da hätten sie gerufen: »Meister Helmers Lehrbursche sieht +gerade so aus!« Ja, und so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder +die Straße entlang: »Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!« + +Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben +brüllten, desto zorniger wurde er. »Morgen hätte ich Graf sein können,« +schrie er, »wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder +ausgerissen wäre. Dumm, dumm, dumm!« + + + + +Vierzehntes Kapitel + +Die Reise mit Herrn Severin + +Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer +hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz +verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und +gesagt: »Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wärst du beinahe +erwischt worden!« + +Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das +Gelärme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte. + +Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er +Kasperle unversehrt wiedersah, und er hätte ihn gern wieder zu sich +genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: »Kasperle +muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun, +Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, wo +es liegt, aber --« + +Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies +»Aber« ihn zurückhielt. Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und +der sagte ernsthaft: »Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig sein, denn +wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach +der Orgel schauen, und -- auf Schloß Hirschsprung erwartet mich der Herzog. +Da mußt du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche +machen. Wirst du das können?« + +Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz +ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder +sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß und nach +Waldrast zu kommen, machte ihm großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich +Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch +mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte er dem viel von den beiden, und der +sagte: »Nun, wer weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise +trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!« + +Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mußte +Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, +denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch noch hinein, und Herr +Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. +Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum +kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch +einmal flink durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der Garten! +Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer +und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich +würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten, +und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der +schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen, +und heidi! fort ging die Reise. + +»Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,« blies der Postillion, und rissel, +rassel fuhr der Wagen ins Land hinein. + +Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gäste stiegen +aus, und Herr Severin sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen, +dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein +Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer +auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste +mit, und nachher wunderte sich der Wirt über den gewaltigen Appetit, den +der vornehme Herr gehabt hatte. + +Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit +einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und +sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der Herr sich aber +gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der +schwarze Kasten sei arg schwer. + +»Wird nicht so schlimm sein,« meinte Herr Severin und schritt am roten +Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen öffnete er +den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paßten +beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber niemand begegnete ihnen auf +dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer +Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten, +denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar. + +Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein +Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Straße stand und +auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er +sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Künstler zu begrüßen. Kasperle +hörte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend +eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand guten Tag sagen durfte, +und als Herr Severin etwas später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er +Kasperle klitschnaß von Tränen. + +Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte Kasperle, daß sie dicht +neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen +drüben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base +Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurück! Ganz böse sah er +gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: »Kasperle, Kasperle, +mache keinen dummen Streich!« + +Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht +gewesen wäre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie +drüben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu +sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht nach ihnen. + +Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, öffnete drüben +die Base die Türe, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die +Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war genau so +neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach +einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base +Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hörte sie sagen: »Er +hat alles in dem schwarzen Kasten.« + +»Den machen wir auf,« tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden +Frauen an dem Kasten herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam den +niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie. +Er steckte den Kopf in sein Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich +hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um +vor Schreck. »Uhuhuuuh!« tönte es, und die Base Mummeline jammerte: »Er hat +den Teufel drin!« + +Aber die Wirtin war beherzter. »Das muß ich sehen,« sagte sie und ging +wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Türe +aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten +das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die +Base Mummeline faßte sich schnell und rief ganz streng: »Ihr habt einen +Teufel im Kasten.« + +»Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat!« sagte Herr Severin +lachend. »Nehmt euch in acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall +heraus.« + +»Huch!« kreischten die Frauen, und rumpel pumpel rasten sie hinaus, die +Treppe hinab, und Kasperle platzte bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr +Severin lachte mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen schon +weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr schrecken, es könne ihm +doch schlecht bekommen. Und am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das +Zimmer. Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte, das Kasperle +einschließen ist schon am sichersten. Aber auch am langweiligsten, dachte +Kasperle. Der sah immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, und +als draußen alles still geworden war, hockte er sich auf das Fensterbrett +und blickte sehnsüchtig nach dem Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal +hineinsehen hätte er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker +Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, dann --. Aber da dachte +er an Herrn Severins Verbot, auch lag unten ein Hund, und die Geschichte +kam ihm etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel der Base +Mummeline ins Zimmer werfen, das ging vielleicht doch; so platsch ins +offene Fenster hinein, das wäre doch ganz spaßig! + +Die Base wurde immer fuchswild über so etwas. Kasperle kicherte leise vor +sich hin, griff in die Äste und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte +er gut, und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der Base Stube +hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah Kasperle nicht, aber ein arges +Zetergeschrei hörte er; es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom +Fensterbrett herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet. + +Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es still. Im Schulhaus saß die +Base Mummeline im Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum und +trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und der dachte immerzu: +Kasperle, du bist ein arger Schelm! Da war die Base in ihr Zimmer gekommen +und hatte einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der Türe +stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der Krug in Scherben, bums! +flog ein großer Apfel an der Base recht große Nase, klirr! einer in den +Spiegel, und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base sah Herrn +Severin schief an und sagte, der Herr werde schon wissen, woher die Äpfel +kämen; mit seinem schwarzen Kasten sei das nicht richtig. + +Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte, die Base Mummeline möchte nur +kommen, er wolle ihr schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon wollte +die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr Zimmer und ging sehr +geschwinde in ihr Bett. Sie kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun +kein Holzapfel mehr in ihre Stube. + +Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte darauf. Das klang fein und +lieblich, und in Waldrast vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie +lauschten dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte noch lang im +Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf +den Spitzen der Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten von +dannen. + +»Das war ein Schlimmer,« sagte die Base Mummeline hinter ihm her, »man +müßte seinen Kasten untersuchen.« Aber das glaubte ihr niemand, am +wenigsten der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr Habermus fand +die Geschichte mit den Holzäpfeln gar nicht wunderbar und gruselich, er +sagte: »So etwas und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben fertig. +Wer weiß, wer es gewesen ist!« + +An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen vergnügt mit Herrn Severin +den Weg entlang, den er vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde +war es still, und niemand begegnete den Wanderern. Sie schliefen auch im +Walde und gelangten endlich an des Micheles Hüteplatz. »Michele ist nicht +mehr da,« sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch da. Der saß vor +der Felsspalte und pfiff auf einer Flöte, die er sich selbst gemacht hatte. +Seine Geißen weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle laut seine +Stimme, und Michele sah sich um, als erwache er aus einem Traum. Und dann +sprang er über Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er packte +Kasperles Hände und drehte den Freund rundum. Er war ganz atemlos vor +Freude und konnte erst gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr +Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr Michele alles. Er selbst +war geschwinde mit seiner Erzählung fertig, er sagte nur: »Den Geißen +schmeckt's hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.« + +»Das hat sich freilich gut getroffen.« Herr Severin sagte es, während er +sacht an seiner Geige herumstimmte; er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen +Blick. + +»Da, nimm und spiel' mir etwas vor!« sagte er plötzlich und reichte dem +Buben die Geige hin. + +Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, der im Dorf zum Tanz +aufspielte, der hatte ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen +lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen fremden Herrn. Der Bub +wagte kaum, sie recht anzufassen, doch als er sie hielt, kam die Lust zu +spielen über ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin. + +Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte, wie Michele spielte. +Herr Severin hörte aber still zu, und als Michele verlegen innehielt, sagte +er: »Im Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und dich mit mir +nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche Jahre so viel geben, wie du als +Geißenhirt verdienst, du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger +braucht. Willst du?« + +Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle machten solche Freudensprünge, +daß beinahe die Geißen neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen +konnten. Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb das Michele +so glückselig zurück, als säße es mitten auf der schönen Himmelswiese. +Geiger sollte er werden, spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und +das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich Kasperle, allein dem +Kasperle! und er ahnte nicht, daß Herr Severin bei Kasperles Erzählung +gedacht hatte: Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein +zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der gefällt mir. Kann er geigen, +dann will ich ihm helfen, ein rechter Künstler zu werden. + +Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden Glück. Er wollte vor lauter +Freude singen, aber da sagte Herr Severin geschwinde: »Sei still, sei +still, sonst fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei. Flink, +krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir gar noch einen Jäger, der +dich erkennt!« + +Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, Herr Severin nahm ihn auf +den Rücken, und er war heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein +richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich nicht leicht! + +Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen. Nur wunderten sich alle +über den großen schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. »Darin ist ein +seltenes Spielwerk,« sagte Herr Severin, »das muß ich immer bei mir +führen.« Und er verschloß sorgsam das Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief +ins Bett schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das war +langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas herumgegeistert oder +zugesehen, wie Herr Severin des Herzogs Spinett eine Seele gab. + +Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das hatte er so gewollt, als +sich sacht eine Türe auftat und ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging +ganz, ganz leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der +Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: Sie sieht doch aus +wie Rosemarie, von der das Kasperle erzählt hatte! Da ließ er das Spinett +singen, und er selbst sang halblaut dazu: + + »Rosemarie, du kleine, + Rosemarie, du feine, + Einer hat mir aufgetragen, + Schönes Grüßlein dir zu sagen. + Trallallala, trallallala! + Rosemarie, du kleine, + Rosemarie, du feine, + Sage mir, ob du wohl weißt, + Wie der kleine Schelm doch heißt?« + + +»Kasperle heißt er!« klang es lieblich neben ihm. Rosemarie stand am +Spinett und sah Herrn Severin mit ihren großen Augen fragend an: »Wo ist +Kasperle?« + +»Du bist also wirklich Rosemarie,« sagte Herr Severin. »Kasperle kommt ins +Waldhaus zurück, er geht wieder heim.« + +Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit feinem Fingerlein auf das +Spinett, da klang es wie: »Grüße, Grüße, viele Grüße!« + +»Ich werd' es bestellen, und wenn du schweigen kannst, kleine Rosemarie, +dann wirst du auch noch einmal das Kasperle sehen.« + +Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie legte ihr Fingerlein fest auf +den roten Mund, und dann huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand +kam, im Nebenzimmer tönten Schritte. + +Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das Spinett nun schon eine Seele +habe, und dann wollte er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der +Künstler im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war nämlich etwas +neugierig, und er war ganz verdrießlich, als Herr Severin sagte, dies dürfe +er nicht zeigen, dies Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen, +es niemand zu zeigen. + +Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und ging brummelnd davon. Herr +Severin bekam Angst. Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so eine +Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen Landjägern befahl: »Macht mir +den Kasten einmal auf!« Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an +vielen geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei lief ihm +eine schwarze kleine Katze über den Weg. Halt, dachte er, die kommt mir +zurecht, und er fing schnell das Kätzchen und nahm es mit. + +In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie einer, dem die Pfingstfreude +verregnet ist. Sein Gesicht wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm +von Rosemarie erzählte. »Gewiß hat der Herzog sie mit ihren Eltern +eingeladen,« sagte Kasperle. + +»Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen sein, wenn du nicht +gar so unnütz und neugierig gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin +kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.« Und Herr Severin erzählte +Kasperle von des Herzogs Verlangen. + +Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor dem Herzog hatte er die +allergrößte Angst. Er kroch flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr +Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten. Kaum waren sie beide +fertig, da kam ein Kammerherr, der sagte, er wolle dem fremden Geiger das +Schloß zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen will er in den +schwarzen Kasten sehen, dachte Herr Severin und lachte heimlich. + +Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus dem Zimmer gegangen, als +Kasperle Schritte hörte, Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs +Befehl: »Öffnet den Kasten!« + +Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin kein Guckloch hat! Er +wollte versuchen, etwas zu sehen, und gerade war er bis ans Ofenloch +gerutscht, als der Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend +heraussprang. Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter, und ehe sie noch +jemand fassen konnte, sprang sie zum offenen Fenster hinaus. + +»Prschiii!« Kasperle war Ruß in die Nase gekommen, er mußte laut niesen. +»Hazzi, prschiii!« Und puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin, +und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte er aus dem +Zimmer, und seine Diener rannten ihm nach. Sie dachten alle, die schwarze +Wolke sei aus dem Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler +sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch. + +Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube zurückkehrte und die +Bescherung sah. Das Kasperle sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er +gefiel sich selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich waschen, da +wurde er wieder blank und kroch vergnügt in seinen Kasten zurück. Danach +ging Herr Severin zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare +Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog seufzte sehr und bat Herrn +Severin inständig, ihm abends noch etwas vorzuspielen. + +Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es dürften keine Kinder dabei +sein. »Ach,« rief der Herzog, »die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die +kleine Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.« + +»Doch, sie stört, sie muß ins Bett,« erklärte Herr Severin und tat ganz +streng. + +Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des +fremden Künstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den +Türen, und Herr Severin spielte so wundersam, daß der Herzog zu weinen +anfing. + +Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt mit Rosemarie zusammen in +einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und +war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin. +Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde. +Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, und dazwischen +schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. +Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzählte, +wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da weinte sie bittere Tränen. »Du +armes, armes Kasperle!« sagte sie sanft; »wie gut, daß du ins Waldhaus +zurückkommst!« Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: »Ei, +du Unnütz du!« Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die +Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann +Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. »Der muß auch +mein Freund werden,« sagte sie. »Und wenn er groß ist und so schön spielen +kann wie Herr Severin, dann --« »heiratest du ihn,« rief Kasperle. Und +plötzlich rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. »Und ich +bin dann immer noch ein Kasperle!« klagte er. + +Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er bis dahin seine +Heimatinsel gefunden. »Ich will auch suchen, wenn ich groß bin,« versprach +sie, »und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.« + +Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte noch den letzten Rest +Kuchen in seinen großen Mund, und dann erzählte er noch flink die +Geschichte mit den Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis +Herr Severin kam und sagte: »Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist +schon arg spät!« + +»Auf Wiedersehen morgen!« flüsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum +Zimmer hinaus. Es merkte niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war. +Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem +schönen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit +seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn +nicht mehr sehen. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + +Wieder daheim im Waldhaus + +Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwärts ging's, immer +tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe +Postkutsche wieder erreichten. »Trara, Trara!« blies der Postillion, Herr +Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es +in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da +sah er das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er +mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer +weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer +Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war +Protzendorf. + +»Bis hierher geht es und nicht weiter,« sagte der Postillion. »Ja, die +Protzendorfer sind fein geworden, zu denen fährt jetzt die Post.« Da wurde +der schwarze Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein Guckloch +die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. Seine einstigen Freunde +Windgustel und Wassergustel stießen sich bald die Nasen daran. Und die +Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt voran, arg enttäuscht, +daß der fremde Herr nicht bleiben wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem +Dorf, in dem die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es jedem +gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: Lieber nicht, dem Kasperle ist +halt nicht zu trauen, und das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem +Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen Kasten und wanderte +weiter, und Kasperle konnte weder Florian einen Schabernack spielen, noch +seine einstigen Freunde begrüßen. + +Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus einen Fußweg, der führte durch den +dichtesten Wald und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin ein. +Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide wanderten fröhlich dem +Waldhaus zu. Kasperle sprang wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich +die Fiedel dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang der +Nachtigall. + +Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal eine liebe, warme +Stimme: »Ach lieber Gott, das ist ja Kasperle!« Ganz tief im Grünen, unter +einer uralten Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein Reh. Herr +Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte mit einem so lauten Jubellaut +Liebetraut zu, daß das Reh eilends entfloh. »O Kasperle, du liebes, +schlimmes Kasperle!« sagte Liebetraut, »wo kommst du her?« + +»Nicht böse sein!« bettelte Kasperle und huschelte sich an Liebetraut an. +Das schöne Mädchen lächelte, sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und +sagte froh: »Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer, du +mein kleiner Liebling du!« + +Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen war, und Liebetraut lachte +und weinte; dann sagte sie, der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen +und habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei. Doch könne er hier +nichts machen, gerade das Waldhaus liege an der Grenze, und der Fürst +dieses Landes und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. Hier +dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber in Protzendorf wohne +jetzt ein Landjäger, um aufzupassen, und Florian und Damian hätten gesagt, +wenn sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen. + +»Komm,« bettelte Kasperle ängstlich, »wir wollen ins Waldhaus!« + +Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie dem Waldhaus zu. »Jetzt +kommt gleich die Grenze,« sagte Liebetraut; »Kasperle, schlupf' flink in +den Kasten, mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an der Grenze.« + +Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte den Herr Severin wieder +zugeklappt, da trat wirklich ein Landjäger aus dem Gebüsch. »Halt!« schrie +der, »ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein Kasperle über die +Grenze trägt.« + +Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, wundersam klang es, dazu +sagte er: »Ich komme von des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir +kein Kasperle geschenkt.« Darüber mußte der Landjäger lachen, und weil er +auch dachte: So ein feiner Mann, der so schön spielen kann, was hat der mit +einem Kasperle zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen. +»Dies vermaledeite Kasperle!« schalt er; »seit Wochen suchen wir danach, +mal ist es da, mal ist es dort, und nie fängt man es.« + +»Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt nur gut auf, daß es Euch +nicht an der Nase vorbeiläuft!« sagte Herr Severin lustig. + +»Mir nicht!« schrie der Landjäger; »ha, ich bin ein ganz Schlauer, mir +entwischt das Kasperle nicht!« + +Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige zu spielen. Diesmal war +es ein heiteres Stücklein, das sollte das Lachen übertönen, das aus dem +schwarzen Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte aber nicht +an sich halten. Er kicherte immerzu, und der Landjäger rief Herrn Severin +noch nach: »Ei, Herr, Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als +lache Eure Geige!« + +»Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!« rief Herr Severin noch, und +da lachte auch Liebetraut. Lachend schritten sie weiter, und auf einmal +tauchte das Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das Kasperle +wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da tat der einen lauten Freudenruf. +Vor ihm lag das Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten Garten. Seine +Fenster standen offen, und an einem der offenen Fenster saß Meister +Friedolin und schnitzte. Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das +Haus zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser vor Staunen. +Je, was war denn das! + +Kasperle war wieder da, das Kasperle! + +Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne in der Hand, so +schnell war sie vom Abendessenkochen weggelaufen. + +Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen mußte er essen, und +Herr Severin wurde genötigt, als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam das +allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute ihm der Wald in die Stube +hinein, und Herr Severin spielte darin bis spät in die Nacht so +wunderschön, daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude weinte. + +Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als er am nächsten Morgen +aufwachte, stand Liebetraut an seinem Bette, die lachte ihn an und sagte: +»Kasperle, weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im Waldhaus!« + +Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. Im Waldhaus, daheim! Nun wurde +er nicht mehr verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie +herrlich das war! + +Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie dem Kasperle. Er mußte +freilich nach einigen Wochen wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor +fremden Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber er wollte +wiederkommen, und dann wollte Liebetraut seine liebe Frau werden, und sie +wollten alle mitsammen im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr +Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach, das Michele! + +Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, wenn er daran dachte, daß +Michele kommen würde. Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen +lieben, lieben Kameraden. + +»Denkst du noch an das Fortlaufen?« fragte ihn Liebetraut manchmal. Da +schüttelte er immer heftig den Kopf und schrie: »Nein, nein, nein, ich will +immer, immer im Waldhaus bleiben!« + +Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze zu laufen, und als nach +etlichen Wochen der Kasperlemann wieder erschien, da kroch Kasperle in das +Bett und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der Kasperlemann +merkte doch, daß Kasperle wieder daheim war; er schnüffelte im Hause herum, +doch Liebetraut hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den +Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann abziehen, und Kasperle +blieb im Waldhaus. Er ließ sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage +später ein Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge versprach und +ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen Kasten tragen. O nein, Kasperle +war draußen in der Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen! Und +der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel er wollte, Kasperle +bekam er doch nicht. + +Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im Waldhaus gab es eine stille, +fröhliche Hochzeit. Und dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute +Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. Da gab es ein frohes +Wiedersehen, und als Herr Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste, +sagte er: »Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber ich hätte +dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. Freilich, im Waldhaus hast +du es am allerbesten.« + +Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei es so schön wie im Waldhaus; +nur vielleicht auf der Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand +wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles eigentliche Heimat. + + + + + + +Die ferneren +Schicksale und Abenteuer +Kasperles und seiner Freunde +Rosemarie und Michele finden die Leser in +den Bänden »Kasperle auf Burg Himmelhoch« und »Kasperls +Abenteuer in der Stadt« erzählt (Verlag Levy & Müller, Stuttgart). + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN *** + +***** This file should be named 36813-8.txt or 36813-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/8/1/36813/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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